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Cranberry

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Cranberry
peachyes, 12 Mai 2020
Muemmi, Zion, Cooper und 5 anderen gefällt das.
    • peachyes
      ALTE BERICHTE

      Stets auf der Suche

      Ein Bellen weckte mich. „Morgen Occu. Hast du überhaupt ein Auge zugetan?“ Jonas vertraute Stimme drang durch das Tor des Offenstalls. Ich blinzelte verschlafen, richtete mich auf und zupfte etwas Heu aus meinem Schlafsack. Ich hatte die Nacht auf dem Heuboden des Stutenstalls verbracht, weil ich die Geburt von Moon Kiddys Fohlen unbedingt mitverfolgen wollte. „Ein hübscher kleiner Kerl ist das geworden, glaubst du er hat das Splash Gen von Dod?“ Sofort war ich hellwach. „Wie? Was?! Ist er etwa schon da??!“ „Ach du hast es also doch verpasst? Komm schau“, lachte Jonas. Meine Labrador Hündin Sheela stand an seiner Seite und wedelte auch schon fleissig mit dem Schwanz, um mich runterzulocken. „Das gibt es doch nicht! Ich war bis um drei Uhr wach, und sie hat überhaupt keine Anstalten gemacht!“ „Sie hat sicher extra gewartet bis du schläfst“, schmunzelte er. Ich befreite mich aus dem Schlafsack und schielte vorsichtig nach unten, bis zum letzten Moment gespannt, was mich erwartete. Ich war ganz entzückt, als ich das braune Fohlen erblickte. Es hatte auf den ersten Blick grosse Ähnlichkeit mit seiner Mutter, nur das auffällige Kopfabzeichen und zwei weisse Fesseln hinten wich von diesem Eindruck ab. „Täuscht mich meine Sicht oder ist das linke Auge blau?“ „Jup, ist es. Und schau dir die hübsch geschwungenen Ohren an.“ Ich kletterte die Leiter runter und ging zu Moon hin. Ich streichelte sie liebevoll und checkte rasch, ob mit ihr alles in Ordnung war. Dann wandte ich mich dem Hengstfohlen zu und untersuchte es mit prüfendem Blick. Es musterte mich skeptisch, aber da seine Mutter keine Versuche unternahm, sich zwischen uns zu stellen, kam es nach kurzer Zeit neugierig einen Schritt näher gewackelt. Es war noch sehr unsicher auf den langen Stelzen, die sich Beine nannten, aber es machte einen wachen, fitten Eindruck. „Es hat jetzt schon mehr Langhaar als alle bisherigen Fohlen“, bemerkte ich augenrollend, mit einem Seitenblick auf Moons lange Locken. „Was hast du erwartet?“ Spielerisch frustriert steckte ich meine Hände in die Hosentaschen. „Dass ich dabei sein darf, das hab ich erwartet!“ Jonas gluckste amüsiert. Mein Handy fiel mir fast aus der Tasche, also gab ich es Jonas, bevor es noch im Stroh landete. Ich warf einen Blick zu Feline und deren Fohlen, das schon seit zehn Tagen durch die Welt stakste. Es handelte sich ebenfalls um ein Hengstchen, einen wunderschönen, angehenden Schimmel, der das Splash Gen von Papa Drømmer om Død höchstwahrscheinlich bekommen hatte – jedenfalls hatte er viermal hochweiss und eine breite Blesse, was schonmal dafür sprach. Ich hatte bei seiner Geburt beschlossen, dass er einer der Kandidaten sein würde, die ich behalten wollte. Einen passenden Namen hatte der kleine Kerl auch schon: Disparo de Fiasco. Daran hatte ich ganz schön lange herumüberlegt. Feline liess mich wie immer freundlich an ihr Fohlen heran und wartete in respektvollem Abstand, beobachtete uns aber genau. Ich war froh, dass sich die Stute schon bei ihrem ersten Fohlen als zuverlässige, unkomplizierte Mutter herausgestellt hatte. Ich streichelte sie nochmal zum Zeichen, dass ich sie jetzt in Ruhe liess und verliess den Offenstall, Jonas folgend. „Das war wohl vorläufig das letzte, was? Die nächsten Fohlen kommen erst später.“ „Noch mehr von den Dingern?“, scherzte Jonas mit vorgetäuschter Überraschung. „Also auf das von Moonrise Shadows bist du ja wohl auch noch gespannt, oder etwa nicht?“ „Klar. Ich hoffe es wird ein Rappe.“ „Nähh, das wär ja langweilig! Ich hoffe es wird ein Fuchs, schliesslich haben wir noch keinen Paint Horse Fuchs.“ „Bestimmt nicht. Ist das bei den Eltern überhaupt möglich? Ich glaube nicht. Und wenn dann ist die Wahrscheinlichkeit seeehr gering. Ich sage das wird nix mit deinem Fuchs - black for the win.“ „Pfft.“ Er zwinkerte mir zu und ich streckte ihm die Zunge raus, dann bog ich in den Hauptstall ab. Sechs Vollblutfohlen hatte es dieses Jahr für Pineforest gegeben – jedoch war keines davon im Hauptstall zu finden. Die ‚Mütter‘ Campina, Iskierka, Shades of Gray, Sympathy for the Devil, Captured in Time und Cassiopeia mümmelten unbekümmert an ihrer morgendlichen Heuration. Wie das möglich war? Embryotransfer. Ich hatte letztes Jahr passend zur Zuchtsaison ein vergünstigtes Angebot von einem meiner Tierärzte bekommen, und nach Rücksprache mit Oliver hatten wir beschlossen, gleich den kompletten Jahrgang so heranzuziehen. Das hatte den grossen Vorteil, dass wir bereits Fohlen von den Stuten bekommen konnten, die noch aktiv Rennen liefen; ohne deren Karriere zu opfern. Die Fohlen wuchsen auf dem Gestüt auf, auf dem auch die Leihmütter zuhause waren. Im Absetzalter wollten wir die Truppe dann nach Pineforest auf die eigene Fohlenweide holen. In der Vergangenheit hatten wir dasselbe Prozedere auch schon mit Painting Shadows gemacht, und bisher nur positive Erfahrungen gesammelt. Ich prüfte, ob das morgendliche Vollbluttraining voranging, dann setzte ich meinen Rundgang in Richtung Weiden fort. Unterwegs fiel mir auf, dass sich mein Handy nicht mehr in der Hosentasche befand, wo ich es platziert hatte. Also lief ich nochmal zurück zum Offenstall, fest davon überzeugt, es im Heu zu finden. Doch auch nach zehn Minuten Suche blieb es verschollen. „Es muss doch irgendwo sein“, murmelte ich verärgert vor mich hin. Von unten beobachtete mich Lovely Summertime erwartungsvoll mit ihren freundlichen, dunklen Augen. Hinter ihr versteckten sich zwei paar züsätzliche Beine, die jedoch schon ziemlich kräftig aussahen. Immerhin war das dazugehörige Hengstfohlen namens Unclouded Summer Skies auch schon über zwei Wochen alt, doch am ältesten war das Fohlen von Ice Coffee. Die kleine Icy Rebel Soul war am zweiten April zur Welt gekommen, als erstes Fohlen dieses Jahrgangs. Entsprechend mutig und verspielt war sie bereits. Beide Fohlen waren übrigens von Unbroken Soul of a Rebel und hatten von ihm wie erhofft viel Farbe mitbekommen. Ich hoffte, dass er auch ebensoviel von seinem Talent mitgegeben hatte.

      Ich gab die Suche vorläufig auf und überlegte, ob ich das Handy auch irgendwo anders hätte verlieren können. Doch auch auf dem Weg zum Hauptstall war es nirgens zu finden. Ich beschloss, später nochmal mit Jonas zusammen zu suchen, und machte mich nun definitiv auf, um nach den Miniature Horses zu sehen. Auch dort hatte es gleich dreifach Nachwuchs gegegben. Und wie durch ein Wunder waren auch noch alle drei Fohlen am selben Tag geboren worden! Dakotas Fohlen Beck’s Daisy Orchid hatte schon um zwei Uhr morgens auf wackeligen Beinchen gestanden. Wie unschwer zu erraten, war es eine hübsche, erdfarbene Tochter von Beck’s Experience. Auch das zweite Fohlen war vom selben Vater. Es hörte (noch nicht) auf den Namen Beck’s Little Diva und war das erste Fohlen von meiner leuchtend fuchsfarbenen Stute Lady Diva from the Sky. Das Fuchsfell hatte sie von beiden Elternteilen übernommen, wie es anders auch gar nicht möglich gewesen wäre. In einem grauen Kleid präsentierte sich der letzte Fellkäuel, der neben Tigrotto im Stroh lag und erst spät in der Nacht vom 23. zur Welt gekommen war. Offenbar hatte Tigrotto beschlossen, dass sie den kleinen Arctic Tiger nun ebenfalls genug lange mit sich herumgetragen hatte und war deshalb kurzerhand dem Beispiel der anderen beiden Stuten gefolgt. Ich war jedenfalls sehr froh, dass alles so gut vonstatten gegangen war. Auch Chocolate Chip erwartete noch ein Fohlen, allerdings erst später im Jahr. Allegra, die mittlerweile ja zu einem stattlichen Jährling geworden war, freute sich über die neuen Spielkameraden. Auch wenn diese im Moment noch nicht so wild waren wie sie selbst und erstmal vor allem an zwei Dinge dachten: Trinken und Schlafen. Miss Mini Daki hielt Allegra seit Daisys Geburt etwas auf Abstand, aber ich war sicher, dass sich die kleine Familie bald organisiert haben würde. Übrigens war von klein Daisy gerade keine Spur zu entdecken. Ich traute meinen Augen nicht und sah mich gründlich um, doch das Fohlen war weder bei seiner Mutter, noch sonst wo zu entdecken. Alarmiert ging ich zum Stalltor zurück und sah mich draussen um. Das kann doch nicht sein – ist sie unter dem Zaun durch? Fieberhaft suchte ich nach der kleinen. Ich rief Lewis, der bei den Fohlenweiden ausmistete rüber. „Are you sure? She was still there wehen I came to feed them half an hour ago“, meinte er stirnrunzelnd. Wir betraten den Offenstall und ich zeigte ihm, was ich meinte. Doch der Pfleger schüttelte nur amüsiert den Kopf und meinte: „Theres she is. You sure that you’re awake, Occu?“ Tatsächlich, Daisy lag neben Daki im Stroh. Offenbar hatte ich sie zwischen den Halmen glatt übersehen. Beschämt liess ich ihn wieder seiner Arbeit nachgehen und kniete mich neben Daki, um Daisy anzulocken. Stattdessen wurde ich natürlich sofort von Allegra beknabbert, die meine Aufmerksamkeit auf sich lenken wollte. Ich ignorierte sie und streckte die Hand aus, damit Daisy daran schnuppern konnte. Die Miniatur-Fohlenschnauze berührte unsicher zuckend meine Finger, die anschliessend natürlich erstmal zwischen den weichen Lippen verschwanden. Zähne hatte das Tierchen zum Glück noch keine. Ich konnte mich kaum loslösen von dieser Niedlichkeit, besonders, als Tiger sich doch noch aufraffte und an ein paar Bocksprüngen versuchte, stattdessen aber ungelenk durch das Stroh stolperte. Als ich mich doch zum Gehen überwinden konnte, sah ich noch rasch bei den Hengsten vorbei. Arctic Blue und Glenns Caress dösten, der eine jeweils mit dem Kopf zum Popo des anderen. Das war eine Art natürlicher Instinkt, der es ihnen ermöglichte, potentielle Gefahren von allen Seiten her frühzeitig zu entdecken. So blieb auch ich nicht lange unentdeckt; Arco hob aufmerksam den Kopf und brummelte mir zu. Die Motivation zum Zaun zu kommen hatte er dann aber doch nicht. Nachtfalke hingegen kam rüber und prüfte, ob ich nicht vielleicht etwas hartes Brot oder eine Karotte dabei hatte. ‚Red‘, wie ich Becks gerne nannte, bediente sich weiter entfernt noch immer an dem Heuhaufen, den Lewis gebracht hatte.

      Mir fiel auf, dass ich Jacky und Zira diesen Morgen noch nicht gesehen hatte. Wo sie wohl stecken? Ich hielt die Augen offen und Pfiff, machte mir aber nicht die Mühe, nach den beiden zu suchen. Sheela hatte meinen Pfiff gehört und kam im galopp angerannt. Ich lobte sie und machte mich auf zum Nebenstall. Zwei Fohlen warteten noch auf mich: Cranberry und Cloony. Die beiden waren von Halluzination und Satine, Väter waren mein Liebling Co Pilot und dessen Halbbruder Costa de la Bryére. Ich hatte förmlich Freudensprünge gemacht, als ich die Deckanzeige von Costa gesehen hatte – schliesslich hatte ich den Hengst für kurze Zeit auch bei mir im Stall gehabt und er führte dieselben wertvollen Blutlinien weiter wie Pilot. Deshalb wollte ich beide Fohlen auch auf alle Fälle behalten. Registriert waren sie beide als British Warmblood, das hatte ich schon im Voraus so geplant. Als ich so mit verliebtem Blick über die Tür von Hallus Box lehnte, kam gerade eine Gruppe Vollblüter vom Training zurück. Normalerweise ritt ich ja selbst auch sehr gerne mit, aber in den letzten Tagen war ich durch das ständige Wachbleiben und Aufpassen so gerädert gewesen, dass ich freiwillig verzichtet hatte. Meistens hatte ich das Training sowieso verschlafen. Ich lächelte stolz, als ich Coulee beobachtete, die von April geritten den anderen folgte. Die Stute sah grossartig aus. Sie hatte ihre alte Form zurück und war auch psychisch wieder beinahe normal – das hatte sie letztens beim Handicap mit dem 3. Platz und einer hervorragenden Zeit bewiesen. Jetzt konnte ihr Comeback also so richtig losgehen. Auch wenn es immernoch Problemzonen mit der Stute gab; wenn man ihr genug Sicherheit vermitteln konnte, gab sie sich wirklich Mühe. Ebenfalls zu erwähnen war, dass Miss Moneypenny am selben Tag in einem anderen Rennen überlegen gewonnen hatte.

      Doch nicht alles lief so toll: mein Sorgenkind hiess Areion. Ich traf ihn und Lily wie immer am Nachmittag im Nordstall an. Eigentlich waren die beiden ein Herz und eine Seele, doch in letzter Zeit verhielt sich der Tinker zunehmend rüpelig und hengstig – offenbar spürte er den Frühling. Meine zehnjährige Nichte hatte einfach nicht genug Kraft, um gegen das grosse Plüschtier anzukommen, weshalb ihn im Moment meist Lisa ritt. Bei ihr lief er natürlich toll, aber letztendlich war er Lilys Pony. Ich zerbrach mir deswegen aber schon seit Wochen den Kopf, denn so konnte es einfach nicht weitergehen. Beide, er und Lily, waren frustriert und unglücklich mit der Situation. Als einzige rasche und zugleich nachhaltige Lösung sah ich eine Kastration. Doch wir alle taten uns etwas schwer mit dieser radikalen Massnahme. Leise seufzend machte ich mich daran, Lily beim Putzen zu helfen. Sie war auch heute etwas missmutig und bestrafte Areion schon für kleinste Fehltritte. Ich redete ihr ins Gewissen, dass Areion ja nichts dafür könne und nicht absichtlich so unartig war. „Er weiss es einfach nicht besser, und da du eben noch etwas zu wenig Kraft hast, um ihm den richtigen Weg zu zeigen…“ „Er soll aber auch auf mich hören, wenn ich nicht so viel Kraft einsetze! Du sagst schliesslich auch immer, dass ich ihm feine Kommandos geben soll!“ „Ja, aber manchmal reicht das eben doch nicht ganz – manchmal muss man zuerst etwas deutlich sein und kann erst danach wieder sanft werden, dafür dann umso besser.“ „Und du meinst, es wäre wirklich besser, wenn er kein Hengst mehr wäre?“, fragte sie halb murmelnd. „Ja. Dann könnte er sich nämlich wieder auf dich konzentrieren, und müsste nicht all den hübschen Frauen nachsehen.“ Sie schwieg nachdenklich, denn sie war eigentlich bis anhin absolut dagegen gewesen, ihn kastrieren zu lassen. Ich vermutete, dass sie einfach nicht wollte, dass der Tierarzt an ihrem Pony herumschnipselte, wenn es nicht lebenswichtig war. Doch der richtige Beweggrund für ihr Zögern offenbarte sich in ihrer nächsten Frage: „Glaubst du, dass Teddy nach dem Ka…strieren? irgendwie anders sein wird als vorher? Ich habe Angst, dass er dann ganz faul und verfressen wird…“ Ich konnte mir ein Kichern nicht verkneifen. „Wer hat dir das erzählt? Janine?“ Sie nickte. „Janine hat gesagt, dass ihr altes Pony nach dem… du weisst schon, ganz anders war als vorher und sie es deshalb nicht mehr haben wollte. Ich behalte Teddy auf jeden Fall! Aber ich will auch nicht, dass er sich verändert…“ „Keine Angst, er wird höchstens etwas ruhiger und braver werden. Ich mein, sieh dir mal Phantom an – ist der etwa faul und verfressen?“ Wir lachten beide bei der Erinnerung an den letzten Ausritt, auf dem er mir beinahe durchgebrannt war. Sein Training ging stets voran, wenn auch nicht mehr in ganz so grossen Schritten wie zu Beginn, aber trotzdem gab es immer wieder Rückschläge und Momente, in denen er wieder auf seine Instinkte zurückgriff und mich ausblendete. Es war eben nicht leicht, vier Jahre Wildnis und Überlebenskampf zu überspielen.

      Lily und ich einigten uns darauf, das ganze beim Abendessen zusammen mit Jonas nochmal durchzudenken und jetzt erstmal auf einen Spaziergang mit Areion zu gehen. Ich begleitete die beiden mit Ljóski, der nach dem gestrigen Tölt-Training auswärts eine wohlverdiente Pause bekam. Der kleine Ausflug verlief relativ entspannt, jedenfalls sobald wir vom Hof weg waren und Areion sich auf Lily konzentrieren konnte. Loki hatte bereits beinahe vollständig sein Fell gewechselt und sah prächtig aus. Mit dem kurzen Fell sah man seine Muskeln viel besser, und auch die Scheckung kam besser zur Geltung. Areion war noch etwas plüschiger, aber auch er hatte schon ganz schön viel Fell verloren. Doof nur, dass es in den letzten paar Tagen wieder ganz schön kalt geworden war. Die meisten Pferde froren trotzdem nicht, und den Geschorenen legten wir eben die Decken vorsichtshalber nochmal an. Als wir fast wieder Zuhause waren, fing es tatsächlich ein wenig zu schneien an, auch wenn es eher Schneeregen war. Wir retteten uns in den Nordstall und rubbelten die Rücken der beiden Jungs rasch mit Tüchern trocken, dann brachten wir sie in ihre Boxen und gaben ihnen je eine Karotte, wobei Herkir natürlich auch eifersüchtig an meinem Ärmel nippte. „Du kommst später dran, ich hab gehört Jonas plant einen anstrengenden Ausritt im Schneeregen“, sagte ich übertrieben laut, damit Jonas, der gerade hinter mir zu Circus Dancers Box schlenderte, hörte. Empört rümpfte er die Nase und antwortete: „Wer hat denn sowas behauptet? Als ob ich bei dem Hundewetter rausgehen würde…“ „Schön-Wetter-Reiter.“ „Und wie!“ Lily lachte beim Verlassen des Nordstalls über unseren Dialog und verschwand dann in Richtung Nebenstall – ich wusste auch genau, was sie dort vorhatte. White Dream war nämlich heute noch nicht bewegt worden, und Lisa hatte mir am Morgen verraten, dass sie wiedermal mit meiner Nichte abgetauscht hatte. Ich schmunzelte bei dem Gedanken und fand es schön, dass Lily die Ponystute so liebhatte.

      Ich selbst musste nun erstmal weiter zu Empire State of Mind. Auf den Schimmel wartete eine Dressurstunde, in der ich an den Seitengängen feilen wollte, um ihn zu lockern. Ich betrat seine Box und er streckte mir bereits freundlich seine graue Schnauze entgegen. Sein Halfter hing leider nicht wie üblich an seiner Boxentür, und ich hatte keinen Schimmer, wer es entfürt haben könnte. Aber ich wollte es eigentlich schon an seinem rechtmässigen Platz sehen, denn ich mochte es überhaupt nicht, wenn durch Unachtsamkeit Zubehör verloren ging. Also machte ich mich auf die Suche danach. Schliesslich wurde ich in der Führmaschine fündig, wo Cantastor es fälschlicherweise trug. Ich tauschte die Halfter aus und ging zurück zu Empire, um ihn aufzuhalftern und zu einer der Anbindestellen zu führen, wo ich mit dem Putzen begann – oder beginnen wollte, denn die Putzbox war auch weg. „Ajith! Where ist hat damn…“ Ich unterbrach mich selbst, als ich Anne entdeckte, die in der Sattelkammer drüben stöberte. „What are you looking for?“, fragte ich sie verwundert. „Darren told me to help him with the retired thoroughbreds today. I was so excited! I sat on Catastor for the first time!”, berichtete sie stolz.” “Now I’m just looking for some leg wraps.” “Why does he need leg wraps? You didn’t sprint a marathon, did you?“ „No…“ „So he doesn’t need any. Thoroughbreds are not that sensible, don’t worry.“ Daraufhin verschwand sie, um den dunkelbraunen Hengst aus der Führmaschine zu holen und in seine Box zu bringen. Als sie vor mir um die Ecke bog, bemerkte sie stirnrunzelnd „Just now I thought he had a yellow halter on… How strange.“ Ich schmunzelte kopfschüttelnd und erkannte, was los war. „I swaped them ‘cause you took Empire’s halter.” „Oh, I’m sorry, I didn’t know…“ „No problem.“ Mir war es zwar ein Rätsel, wie sie sie hatte vertauschen können, wo doch die Halfter aller Pferde an den jeweiligen Boxentüren hingen, doch ich sagte nichts weiter und kümmerte mich um Empires Putzbox. Nach einigem Suchen fand ich sie neben Sunday’s Spind. Leicht verärgert schnappte ich sie mir und putzte mit ihrem Inhalt meinen mittlerweile etwas ungeduldigen Schimmel. Da seine Beine etwas schlammig waren, stellte ich ihn vor dem Aufsteigen noch beim Waschplatz hin, um sie rasch abzuspritzen. Mir fiel auf, dass seine Vorderhufe schon wieder ein wenig ausbrachen, also beschloss ich, sie nach dem Reiten noch rasch zu feilen, denn natürlich fand ich heute auch die Feile nicht an ihrem angestammten Platz vor. Der Hengst war barhuf, denn er lief ja keine Rennen mehr und war momentan auch nicht im sonstigen Spitzensport tätig. Wir hatten uns mit ihm bisher auf Grundlagen beschränkt, damit er diese nach seinem Karriereende in aller Ruhe hatte erlernen können. Ausserdem waren wir mit ihm immer viel im Gelände gewesen, sodass er mittlerweile äusserst verlässlich geworden war. Also eigentlich hatte er bisher einfach sein Leben nach der Rennbahn geniessen dürfen und war langsam und schonend umgeschult worden. Wie gut er die Grundlagen in der Dressur mittlerweile beherrschte, zeigte sich auch heute. Fleissig und bemüht, alles richtig zu machen, kreuzte er die Beine. Nur das Tempo war noch ein wenig zu hoch. Ich versuchte schon seit einem Weilchen ihn immer mehr zu versammeln und die Lektionen ruhiger zu reiten, aber es dauerte bei ihm halt etwas länger, da er doch eine ordentliche Portion Temperament hatte. Ich war aber ganz schön zufrieden mit unseren heutigen Anstrengungen und lobte ihn entsprechend ausgiebig beim Trockenreiten. Als ich zum Fenster raus sah, entdeckte ich zufällig die beiden seit dem Morgen vermissten Hunde, die auf der Ovalbahn mit einem Ball von Lily spielten.

      Um vier Uhr hatte ich Empire versorgt und putzte bereits den nächsten Kandidaten, nämlich Ronja Räubertochter. Auch für sie stand gewöhnliche, langweilige Grundlagen Dressur auf dem Plan, was einzig dazu diente, sie zu beschäftigen und an Feinheiten zu feilen. Sie war heute etwas stur und aufmüpfig, vermutlich wegen des frischen Wetters. Trotzdem schafften wir eine halbwegs produktive Dreiviertelstunde. Beim Versorgen tastete ich noch ihren Rücken ab, um zu sehen, ob sie irgendwo verspannt war. Im Rücken fand ich nichts, aber bei der Schulter zeigte sie mir mit Scharren ein wenig Unwohlsein. Ich massierte die betroffene Stelle und dehnte die Vorderbeine durch ausstrecken. Sie gähnte vor Entspannung und schüttelte sich, als wäre sie gerade im Staub gelegen. Ich lachte über den treudoofen Blick, den sie danach aufsetzte und dessen Bedeutung ich längst kannte: „Darf ich jetzt bitte meine Karotten haben?“ Ich streckte sie ihr selbstverständlich hin, sobald ich ihr in der Box das Halfter ausgezogen hatte. Linda kam auf mich zu und fragte mich, ob ich ihr helfen könne Darren zu finden. Ich antwortete etwas gereizt, dass ich heute am liebsten nichts und niemanden mehr suchen wollte, gab ihr aber den Tipp, im Strohlager nachzusehen.

      Es war nun fast halb sechs und ich nutzte die Zeit vor dem Abendessen noch, um ein wenig Schrecktraining mit Phantom zu machen. Mir gingen langsam die Ideen aus, weil ich schon so viel mit dem ehemaligen Mustang gemacht hatte und er extrem schnell lernte. Das hing wohl damit zusammen, dass in der Wildnis rasches Anpassungsvermögen überlebenswichtig war. Mit ihm und seinen ausgeprägten Instinkten war es ganz anders zu arbeiten als mit einem Jungpferd das in Menschlicher Obhut aufgewachsen war. Weder einfacher noch schwieriger – einfach anders. Einerseits fiel uns die Kommunikation leicht, weil er ausgezeichnet auf meine Körpersprache reagierte; andererseits wurde alles erschwert durch sein Misstrauen gegenüber neuen Dingen. Aber mit Menschen an sich hatte er mittlerweile keine Probleme mehr. Mittlerweile stand Phantom ja im Offenstall mit den Criollo und Paint Horse Stuten (mit denen er sich übrigens bestens verstand). Als ich auf den Zaun zukam, spitzte er die Ohren und kam einige Schritte auf mich zu. Auch machte er keine Anstalten mehr auszuweichen, wenn ich ihn unerwartet anfassen wollte. Im Moment hatten die Fohlen eine Art Beschützerinstinkt in ihm geweckt, sodass er besonders aggressiv den Hunden gegenüber war. Er mochte sie auch sonst nicht, aber jetzt war es besonders schlimm. Sheela traute sich schon gar nicht mehr auf die Weide, und die anderen beiden blieben einfach in gesundem Abstand zu dem Rappen. Er war zwar nun schon seit Monaten Kastriert, aber sein Hengstverhalten hatte er dennoch nicht ganz verloren. Zum Beispiel erwischte ich ihn manchmal dabei, wie er die Stuten mit der typisch tiefen Kopfhaltung umhertrieb oder sich gegen einen Wallach auf der Nachbarsweide aufspielte. Den Damen schien das zu gefallen, jedenfalls wurde er von ‚seiner Herde‘ immer gleich begrüsst, wenn er vom Arbeiten zurückkam. Wenn ich ihn so beobachtete, hatte ich den Eindruck, dass er sich hier ganz wohl fühlte und sich immer mehr mit seinem neuen Leben anfreunden konnte. Trotzdem sah ich mir manchmal nachdenklich die Fotos an, die ich im Internet von ihm gefunden hatte. Ich fragte mich, was mit all den anderen Pferden darauf geschehen war, oder wie Phantoms Leben ausgesehen hätte, wenn er nicht eingefangen worden wäre. Herausfinden würde ich es nie.

      Jonas hatte bereits angefangen, das Gemüse für unser Abendessen zu rüsten, als ich ins Haus zurückkam. Wir assen meist am Mittag ein Sandwich oder sonst etwas Schnelles, dafür gab es am Abend eine anständige, warme Malzeit. Beim Essen erzählten wir uns von den heutigen Erlebnissen. „Ach ja, ich habe am Morgen mein Handy irgendwo verloren und finde es nicht mehr… Ich muss nachher nochmal suchen gehen, bevor es dunkel wird“, fiel mir wieder ein. Jonas setzte plötzlich ein breites Grinsen auf. „Meinst du das hier?“ Er fasste sich in die Hosentasche und zog auf wundersame Weise besagtes Gerät daraus hervor. „Warum…?“ „Du hast es mir heute Morgen in die Finger gedrückt, weisst du nicht mehr?“ Ich schlug mir symbolisch mit der Hand an die Stirn und lachte ungläubig. „Manchmal ist mein Gehirn einfach ein Löcherbecken…“ Wir schmunzelten und plauderten weiter. Irgendwann kamen wir wieder auf das leidige Thema Areion zurück. „Irgendwas müssen wir machen. Lily, wäre es wirklich so schlimm ihn zu Kastrieren?“ „Ja wäre es!“, rief Jonas empört. „Schon mal den Dicken selbst gefragt, was er davon hält?“ „Still, sonst lasse ich den Tierarzt nächstes Mal wegen dir kommen.“ „Das willst du nicht wirklich…“, murmelte er verheissungsvoll. Ich streckte ihm die Zunge raus und meinte: „Unterschätz mich nicht.“ Lily mischte sich mit einem Räuspern ein. „Wenn du versprichst, dass Teddy danach immernoch derselbe ist…“ „Das kann ich leider nicht versprechen, aber meiner Erfahrung gemäss verändert sich nicht wahnsinnig viel. Denk auch an ihn; er darf danach endlich mit seinen geliebten Mädels auf die Weide und wird nicht mehr von den anderen Hengsten gemobbt.“ Sie zögerte, dann nickte sie. „Na gut. Wenn ihn das wirklich glücklicher macht.“ Jonas verschränkte gespielt trotzig die Arme. Lily und ich mussten bei dem Anblick loslachen, und beim Wegräumen stichelten wir ihn immer wieder zum Spass.

      „Was machst du jetzt noch?“, fragte Jonas, während er sich schon wieder die Jacke anzog. „Ich fahr schnell rüber nach Shatterford und sehe nach unseren Vollblutfohlen.“ „Wann bist du zurück? Wir wollten doch Rosie noch einen Besuch abstatten, weil wir die nächsten Tage keine Zeit dazu haben werden.“ „Ich weiss, ich schaue, dass ich spätestens um neun Uhr zurück bin. Die Fahrt dauert ja zum Glück nur 20 Minuten, und ich nehme an, dass Ella mich nicht lange aufhalten wird, weil sie selbst noch genug zu tun hat.“ Ella Yorke war die Besitzerin des Hofs, auf dem unsere diesjährigen Nachwuchsrenner geboren worden waren. Ich wollte meine Autoschlüssel von der Kommode schnappen, doch sie waren weg. Verärgert rief ich aus: „Das gibt’s doch nicht, vorhin hatte ich sie doch noch in den Fingern!“ Jonas meinte im Gehen gerade noch: „Hast du in deiner Jacke nachgesehen?“ „In meiner Jacke? Das hätte ich gespürt.“ Doch tatsächlich, da waren sie, brav in meiner rechten Tasche. Augenrollend lief ich zum Parkplatz. Wie abgemacht beeilte ich mich und trödelte nicht lange herum, als ich auf dem kleinen Gestüt ankam. Ich klingelte an der Haustüre und wurde von Ellas Mann Steve in Empfang genommen. Er erklärte, dass Ella bereits im Stall hinten sei und führte mich zu ihr, damit ich sie nicht auch noch suchen musste. Wir sahen uns zusammen die sechs Vollblutfohlen an. Ich nahm jedes einzelne genau unter die Lupe und stellte zufrieden fest, dass sie alle vom Exterieur her den Erwartungen entsprachen. Allerdings fiel mir auf, dass eines der dominant weissen Fohlen ein wenig schlapp wirkte und selbst als wir den Offenstall betraten mit aufgestütztem Kopf im Stroh liegen blieb. Ella klärte mich sogleich auf: „Die kleine hatte eine schwierige Geburt, das ist die, von der ich dir auch schon am Telefon erzählt hatte. Sie ist auch etwas kleiner als die anderen und trinkt leider nicht ganz so viel, weshalb wir ihr zusätzlich zweimal am Tag etwas mit der Flasche anbieten.“ „Das das genetische Fohlen von Ciela… Denkst du, es liegt vielleicht daran, dass Ciela selbst noch so jung ist?“ „Gut möglich; es wäre jedenfalls schön wenn es nur das ist.“ Ich nickte zustimmend und sah das beinahe ganz weisse Fohlen nachdenklich an. Sie sah hübsch aus, mit den braunen Ohren und ihren dunklen Augen. Aber eben diese wirkten ungewöhnlich müde und lustlos, was mich wirklich besorgte. „Der Tierarzt war schon da?“ „Nein, kommt demnächst. Ich habe aber schon mit ihm telefoniert und er meinte, wir sollen so fortfahren wie bisher und die kleine gut beobachten.“

      Den ganzen Heimweg über zerbrach ich mir den Kopf, was das weisse Fohlen wohl plagte. Schliesslich wurde ich von meinen Sorgen abgelenkt, als wir auf der Wilkinson Farm von Rosie begrüsst wurden. Jonas und Lily liefen bereits voller Erwartung zum Stall, denn sie waren genau wie ich wahnsinnig gespannt auf Islahs und Farashas Fohlen. „Awww! Es ist ja ganz schwarz!“, kam wenig später der Ausruf von Lily. „Nicht ganz“, ergänzte Rosie, „Sieh dir die hell umrandeten Augen an – es wird ein Schimmel wie sein Vater.“ Entzückt betrachtete ich das Tierchen mit dem edlen Hechtkopf. Die krause Fohlenmähne war etwas dürftig im Vergleich zu der meiner Criollo Fohlen, aber das verlieh ihr schon jetzt ein elegantes Gesamtbild. Die grossen, hübsch geschwungenen Ohren waren neugierig nach vorne gerichtet, als es sich näher zu Lily hin traute und an ihrer Hand schnupperte. Kurz darauf erschreckte sich das Fohlen aber, weil Lily sich zu schnell zu uns umdrehte. Es machte einen übermütigen Seitensprung und verschwand im staksenden Trab hinter Farasha. Wir lachten über die kleine Show und gingen weiter zu Islah. Die kleine Isis, wie ich sie genannt hatte, sah aufgeweckt und munter aus. Sie war eine Schecke, wie ihre Mutter – allerdings hatte sie eine seltsame, grau gestichelte Stelle an der Flanke. Daher fragte ich mich, ob sie nicht doch noch ausschimmeln würde. Eine Schimmelbrille wie Farashas Fohlen hat sie zwar nicht, aber vielleicht ist das ja irgendein Sonderfall, überlegte ich. Jonas fragte Rosie: „Wie hast du nun eigentlich das schwarze Fohlen genannt?“ „First Chant, weil sie das erste Fohlen ist, das auf meiner eigenen Farm auf die Welt kam.“ „Ein toller Name“, bemerkte ich schwärmerisch. „Sie wird zum Verkauf stehen Occu, also wenn du Interesse hast…“, lachte die rothaarige, junge Frau. „Ich überleg’s mir, okay? Ich muss sowieso noch planen, welche unserer eigenen Fohlen ich behalten will. Das wird echt nicht leicht…“ „Doch eigentlich schon“, bemerkte Jonas verheissungsvoll. „Es wird damit enden, dass du alle behälst weil du keines loslassen kannst – und falls doch wirst du wieder jeden Tag hoffen, dass sie aus irgendeinem Grund zurückgegeben werden.“ „Du weisst genau, dass das nicht geht, auch wenn es toll wäre. Dafür haben wir einfach zu wenig Platz.“ Lily sah ich förmlich an, dass sie etwas dazu sagen wollte, aber sie hielt sich zurück und beobachtete nur nachdenklich Isis. Ich ahnte, was in ihr vorgehen musste. Sie konnte sich genau wie ich nicht entscheiden, welches der Fohlen sie am liebsten hatte.

      Wir verabschiedeten uns von Rosie, nachdem wir auch bei Anubis, Numair und Bintu Al-Bahri reingesehen hatten. Es war schon spät und wir mussten morgen wieder früh aufstehen, deshalb hatte es auch nicht für einen Tee bei Rosie gereicht. Den gönnten Jonas und ich uns dafür zuhause noch rasch, während Lily bereits ins Bett kriechen musste. Ich sass auf dem Sofa, streichelte Jacky und starrte nachdenklich an die Wand. Plötzlich überlegte ich laut: „Also bei den Criollos wäre es ja naheliegend, wenn wir Fiasco behalten würden. Er wird später sicher interessant für die Farbzucht.“ „Aber ich sehe dir an der Nasenspitze an, dass du trotzdem lieber Moon’s Fohlen hättest. Oder liege ich da falsch?“, meinte Jonas zwinkernd. Ich seufzte und nickte langsam. „Dann behälst du eben den. Wir haben eh schon Dod für die Farbe, also spielt es keine Rolle.“ „Meinst du wirklich? Also gut, dann bleibt Moon’s Fohlen. Wir brauchen aber noch einen guten Namen für ihn.“ „Dod’s Daydream?“ „Nähh, ich finde etwas Spanisches wie bei Fiasco würde einfach besser passen…“ „Uff… Sueño del Muerte oder sowas? Ich kann kein Spanisch…” “Ich auch nicht wirklich, aber zum Glück gibt es das Internet.” Ich gab in diversen Wörterbüchern Vorschläge ein, die etwas mit der Bedeutung von Dods Namen zu tun hatten. Irgendwann stiess ich zufällig auf das Wort ‚solas‘, so viel wie „alleine“ bedeutend. Ich fand den Klang davon toll, und überlegte, womit man es kombinieren konnte, damit es passte. „Etwas mit träumen wär schon nicht schlecht“, meinte Jonas, „denn sonst hätte es ja doch keinen Zusammenhang mit Dod.“ So wurde es „Soñando Solas“ – ‚alleine träumend‘. Ich war zufrieden mit dem Klang, auch wenn die Bedeutung etwas fragwürdig war. Wir verräumten unsere Tassen und gingen die Treppe hoch ins Schlafzimmer, denn mittlerweile veranstalteten wir fast schon ein Wettgähnen. Als ich mich unter die Decke gekuschelt hatte, konnte ich es doch nicht lassen, weiter über die Fohlen nachzudenken. Ich stellte fest: „Ich glaube ich kann nicht schlafen, bis ich mich entschieden habe…“ „Welches von den Minis gefällt dir am besten?“, fragte Jonas leise. „Ich glaube Orchid. Wir haben ja noch kein buckskin Mini, und ich kann doch keine Tochter von Daki weggeben…“ „Siehst du? Und schon bist du wieder etwas weiter. Was ist mit den Warmblutfohlen?“ „Die behalten wir!“, meinte ich sofort, wie ein trotziges Kind. „Dieser Meinung bin ich auch!“, kam eine Mädchenstimme aus dem Zimmer nebenan. „Horchst du etwa? Ab ins Bett jetzt! Du musst morgen in die Schule.“ „Aber du behälst die beiden definitiv, ja?“ „Ja.“ „Gute Nacht.“ Daraufhin blieb es definitiv still aus dieser Richtung. „…Vollblüter?“, murmelte Jonas. „Cupid. Cupid bleibt, der hat Potential. Er hat sogar schon Oliver auf seiner Seite. Und Simply Priceless gefällt mir einfach wahnsinnig gut, ich möchte sehen, was aus ihm wird.“ „Ich finde Call it Karma süss. Die hat was besonderes, mit ihrem gutmütigen Blick und dem hübschen Bauchfleck.“ „Die beiden Schimmelfohlen von Iskierka und Shades of Gray sind auch vielversprechend… Wir können aber einfach nicht alle behalten…“ „Was ist mit dem zweiten dominant weissen?“ „Ich weiss nicht… Es wirkt so schwächlich und lustlos. Ich mache mir ernsthaft Sorgen, dass es nicht durchkommt…“ „…Aber wenn doch würdest du es auch behalten wollen?“ „Es hat eine tolle Farbe, aber ich weiss nicht, ob es überhaupt zum Rennen geeignet sein wird, wenn es so schwach ist…“ „Naja, verkaufen kannst du es sowieso nicht, wenn es nicht fit ist. Also bleibt dir fast nichts anderes übrig als es zu behalten.“ „Aber zwei müssen definitiv weg. Vier behalten wäre okay, aber alle sechs sind zu viele.“ „Wenn du meine Meinung hören willst: Ich finde, du solltest die beiden Schimmel Snap Cat und Storm Cat abtreten. Ich weiss, du wolltest besonders das Fohlen von Iskierka aufwachsen sehen und trainieren, aber mein Gefühl sagt mir, dass wir die anderen vier behalten sollten, und nicht diese beiden.“ „Ich hoffe dein Gefühl ist verlässlicher als meines damals beim Kauf von Cool Cat. Er war ja ursprünglich nur meine zweite Wahl gewesen, aber er hat sich zu einem echten Glückstreffer gemausert. Glaub mir, die Pferde aus dieser Blutlinie sind vielleicht am Anfang unscheinbar, aber entwickeln sich später zu unerwarteten Talenten.“ „Tja, du musst dich entscheiden. Du hast dir das vier-Vollblüter-Limit selbst gesetzt, nun musst du damit umgehen.“ „Ich weiss… Na gut. Die Schimmel gehen. Aber wehe das war die falsche Entscheidung!“ „So so, das ist natürlich bequem, im Falle eines Falles mir die Schuld zuzuschieben. Aber okay, ich übernehme die Verantwortung.“ Ich gab ihm glücklich einen Kuss und legte meinen Kopf an seine Schulter. Ich murmelte: „Hunter Crowley hat auch schon Interesse an den beiden gezeigt. Wenn er tatsächlich eines davon nimmt, wären sie wenigstens noch in der Nähe von uns.“ „Ich bin sicher, dass er bei den süssen Ohren nicht wiederstehen kann“, gluckste Jonas. „Bleiben noch die Paint Fohlen. Behalten oder weggeben?“ „Unclouded ist schon ein richtiger Pachtskerl…“, meinte Jonas zögernd. „Wirklich. Aber irgendwie… Hach ich weiss nicht, wenn wir Shadows Fohlen dann auch noch behalten wollen… Ich habe das Gefühl, dass ich mich gerade noch so von den beiden trennen könnte.“ „Da stimme ich dir zu.“ Ich horchte noch eine Weile seinem ruhigen Atem, dann fielen mit die Augen zu. Endlich fand ich auch den Schlaf, jetzt wo alles beschlossen war.

      vom 29. April 2017
    • peachyes
      Herbstbeginn, oder: es gibt Ärger auf Pineforest Stable, Teil II
      Beck’s Experience, Rapunzel, Glenns Caress, Lady Diva from the Sky, Arctic Blue, Silhouette of a Rose, Papillon d’Obscurité, Tigrotto, Snottles Peppermint, Tic Tac, PFS’ Kicks-a-Lot, PFS’ Shadows of the Past, PFS’ Sarabi, PFS’ Skydive, PFS’ A Winter’s Tale, PFS’ Stop Making Sense, Subsyndromal Symptomatic Depression, PFS’ Counterfire, Daedra, PFS’ Soñando Solas, PFS’ First Chant, PFS’ Cloony, PFS’ Cranberry, PFS’ Cupid, PFS’ Challenging Time, PFS’ Simply Priceless, PFS’ Call it Karma, PFS’ Whirlwind, Mikke, Khiara El Assuad, Vai Alida, Rosenprinz, Valentine’s Cantastor, Empire State of Mind, Areion, Satine, Moon Kiddy, PFS’ Ljúfa, Feline, Numair, Anubis, Bintu Al-Bahri, Farasha, PFS‘ First Chant

      Das Telefon klingelte, und ich hechtete förmlich darauf zu, nur um gleich darauf enttäuscht die Stimme meiner Mutter zu hören. „Ja Mum, ich hab es nicht vergessen... Selbstverständlich könnt ihr an Halloween zu uns rüberkommen… Ja klar, ihr schlaft wie immer im Gästezimmer… Bye.“ Der Anruf, den ich eigentlich erwartete, war von der Polizei; mit Neuigkeiten über meine und Rosies gestohlene Pferde. Doch der blieb auch an diesem Morgen aus. Ich wurde zunehmend besorgter über den Verbleib von Numair, Anubis, Bintu, Farasha und besonders klein First Chant. Ich hoffte einfach, dass sie bald gefunden wurden und unversehrt zurückkehren konnten. Derweilen konnte ich immernoch nicht glauben, wie dreist der Dieb gewesen war. Unser Vertrauen auszunutzen, um sich zuerst ein Bild von der Anlage und den Pferden zu machen – das wahr ja wohl das Letzte. Und das allerschlimmste ist, dass ich davon nichts gemerkt habe! Auch nicht, als er so grosses Interesse an den Arabischen Vollblütern gezeigt hat. Dabei hätte mir seine gezielte Frage, ob ich denn auch Araber besitze, bereits fischig vorkommen müssen. Er wusste schon vorher von den Pferden, das ist sicher, und hat sich auf diesem Weg nur einen ersten Zugang zum Stall verschafft, um sich umzusehen. Doch sich darüber ärgern half jetzt auch nicht mehr. Alles, was ich tun konnte, war abwarten und Tee trinken – Schwarztee, um genau zu sein. Es war einmal mehr halb sechs Uhr, Frühstückszeit. Jonas, mir gegenüber, sah so aus, als würde er gleich mit dem Gesicht in der Müslischüssel einschlafen. Ich gab ein unterdrückt-amüsiertes Glucksen von mir, woraufhin er ausgiebig gähnte. Die Hunde mampften ihr Futter und Lily lag noch bis halb Acht unter ihrer warmen Bettdecke. Kurz darauf zog ich mir meine schwarze Fleecejacke an und verliess das Haus. Es war ein nebliger Morgen in England (wer hätte es gedacht) und noch versteckte sich die Sonne unter dem Horizont. Brrr, kalt und unheimlich. Ich lief etwas zügiger und machte meine morgentliche Stallrunde. Ich liess das Licht im Hauptstall an, woraufhin die meisten Pferde aufmerksam ihre Köpfe hoben und durch die Boxenfenster in die Stallgasse schauten. Ein paar grunzten hungrig, ein paar waren noch ein wenig verschlafen und liessen die Unterlippe hängen. Ich streichelte im vorbeigehen Rosenprinz‘ Nase. Auch Canto und Empire streckten mir erwartungsvoll ihre Köpfe entgegen. „Be patient, boys - your hay is coming.“ Ich hörte nämlich in diesem Moment Stimmen vom Eingang des Stallgebäudes herkommend, die verdächtig nach Ajith und Quinn klangen. „…you know nothing! You have no idea what kind of person he is, and yet you judge him?” “Quinn, I’m just worried about you…” “Oh please, save your breath. It’s none of your business, so stay out of it.” Das Gespräch brach ab und ich vermutete, dass Quinn davongelaufen war. Stirnrunzelnd begab ich mich in Richtung Eingang, um nach Ajith zu sehen. Der Pfleger stand an die Boxenwand gelehnt und sah ziemlich müde aus. „What was that?“, fragte ich vorsichtig. „You heard? Ahhh… Luck isn’t on my side today, huh…“ „Come on, you know I’ll always listen when you have something on your mind.“ Der Pfleger seufzte leise. “It’s about Quinn’s father. Apparently he has a drinking problem… He depends on her beause he has no work and he is apparently violent when he’s drunk; she had some bruises when she returned from visiting him in Ireland. She pretended to have bumped into something, but I don’t believe her. And now she’s angry with me for trying to help.” “I did know that her father is a difficult person, but I had no idea that it was so bad… Maybe I should try talk to her?” Er zuckte mit den Schultern und sah weg. Offenbar glaubte er, dass es ohnehin nichts bringen würde. Ich legte ihm meine Hand beruhigend auf die Schulter und setzte dann meine Runde durch den Hauptstall fort. Bei den Stuten sah ich, dass Khiaras Box etwas wenig Stroh hatte und rief daher in Richtung Ajith, dass sie heute Nachschub brauchte. Die Stute hatte ein seidiges Winterfell entwickelt, dass zwar nicht besonders lang war, sie aber dennoch schön warm zu halten schien. Sie sah mir freundlich entgegen und beschnupperte interessiert meine Hand. Ich streichelte sie rasch, mit einem liebevollen Lächeln im Gesicht. Zira entdeckte weiter vorne eine Maus und verschwand um die Ecke, während ich einen Blick in die restlichen Boxen warf. Alidas sonst so blutrotes Fell war im Moment eher gräulich, weil sie frisch geschoren war. Es hatte mir fast wehgetan, die schöne rote Wolle wegzurasieren, wo sie doch so zum Herbst passte. Aber die Stute hatte auch im Winter anstrengendes Training vor sich, bei dem sie sonst zu viel schwitzen würde. Dafür hatte Caprice ihren Pelz noch, der in leuchtendem Orange schimmerte. Ich sah sie gerade nur von hinten, denn sie sah zum Fenster raus. Mir fiel auf, wie dicht ihr Schweif geworden war, seit sie auf Pineforest Stable angekommen war. Mit dem dunkleren Streifen Haare in der Mitte und den feinen Löckchen an den kurzen, äusseren Haaren sah es richtig edel aus. Caprice bemerkte mich und drehte ihren Kopf nach hinten; aber ging weiter um sie nicht zu stören, denn ich hatte gerade sowieso nichts in der Tasche und sie wurde erst am Nachmittag von Charly bewegt.
      Dafür kümmerte ich mich um ein anderes orangenfarbiges Tier. Naja, sie war schon eher blutorangenfarbig, denn ihr Fuchsfell war jetzt im Winter besonders dunkel. Ich begrüsste Satine mit einer Karotte, die ich zuvor aus der Futterkammer stibitzt hatte. An ihrem grün gestreiften Halfter führte ich sie aus der Box und band sie beim Holzgitter unter dem Nebenstalldach an. Sie beobachtete mit ihren wachen, eisblauen Augen die vorbeilaufenden Pfleger und Pferde. Langsam wurde es nämlich lebendig auf dem Hof und die erste Gruppe von Rennpferden wurde auf die Bahn geritten. Ab nächster Woche wollten wir das Training wieder auf eine spätere Morgenstunde verschieben, da es jetzt ja nicht mehr so warm war und wir so wieder Tageslicht hatten. Ich bürstete Satine ausgiebig durch, bis nur noch ein bisschen Staub vom letzten Weidegang in ihrem Fell übrig war. Auch die Hufe kratzte ich sauber aus. Jonas führte Feline auf dem Kiesweg vor uns an uns vorbei zum Sandplatz. Ich beeilte mich mit Satteln und wir stiessen zu ihnen. Wir ritten die beiden Stuten nebeneinander warm, arbeiteten danach aber einzeln mit ihnen. Jonas machte mit der Criollostute Dressurarbeit, während ich mit Satine ebenfalls an Takt und konstanter Anlehnung arbeitete. Die beiden waren ähnlich weit in der Dressur – solide ausgebildet, aber nicht hauptsächlich darin gefördert worden. Satine war vor allem im Springen top, während Feline ein vielseitiges Freizeitpferd darstellte. Die Arbeit mit Satine machte heute richtig Spass, da die Stute konzentriert mitarbeitete und sich auch nicht von dem bunten Treiben um uns herum ablenken liess. Nur einmal zuckte sie zusammen, als Jacky sich geräuschvoll durch das Gebüsch, das den Sandplatz zierte, hindurchzwängte. Ich schickte die Jack-Russel Hündin zu Zira, die brav im Gras lag und wartete. Jacky setzte sich eher träge neben ihre jüngere Gefährtin und kam umso freudiger angehüpft, als ich sie nach dem Reiten wieder zu mir rief. Ich zerwuschelte das Fell der beiden Hunde zur Belohnung und führte dann Satine zurück zum Absatteln. Jonas war mit Feline schon vorausgegangen und brachte mir kurze Zeit später Moon Kiddy mit, die ich als nächstes Reiten wollte. Er hatte auch Ljúfa im Schlepptau, denn wir wollten gemeinsam mit Robin Lancaster ausreiten gehen. Die Isländerstute war noch ziemlich jung und früh eingeritten für eine Vertreterin ihrer Rasse. Wir hatten aber bisher nur leichte Arbeit mit ihr gemacht, vorallem Ausreiten im Gelände und ein paar leichte Qualifikationsshows. Galoppiert war sie noch nicht unter dem Sattel, nur Schritt, Trab und Tölt geradeaus. Ausserdem ritten sie nur die leichtesten der Pfleger, damit sie nicht übermässig belastet wurde. Deshalb übergab Jonas Ljúfa auch Robin, die gerade angelaufen kam. Jonas selbst holte hingegen Shira mit dem Knotenhalfter aus ihrer Box und band sie neben mir und Moon an. Die dreijährige Stute wurde gerade eingeritten und war erst einmal richtig unter dem Sattel gelaufen. Wir wollten heute nur eine kleine Runde mit den drei Stuten drehen, wobei Moon als erfahrenes Lehrpferd diente. Die Hunde warteten geduldig, bis wir gesattelt hatten. Sheela war nun auch dabei, denn sie war wiedermal bei Jonas geblieben. Beim Satteln war ‚Prinzesschen‘ noch ein bisschen unruhig, obwohl wir schon einige male geübt hatten. Ich liess die bereits mit dem Bosal gezäumte Moon rasch stehen und vertraute darauf, dass sie nirgens hinging, denn ich wollte Jonas noch bei Shira helfen. Wir zäumten die Ponystute über dem Knotenhalfter und ich nahm sie später beim Aufsteigen zunächst zusätzlich als Handpferd an den Strick. Als alle oben waren, ritten wir eine Runde zur Galoppwiese und dem Waldrand entlang. Zum Glück konnte ich mich so gut auf Moon verlassen, denn die Stute liess sich ausgezeichnet von mir dirigieren und zickte auch nicht, wenn wir Jonas mit Shira helfen mussten. Einmal wollte die unerfahrene Ponystute zum Beispiel nicht an einem Holzhaufen vorbei, sodass ich Moon kurzerhand nutzte, um sie vorwärts zu treiben. Auch mit den frischen Vollblütern war Moon jeweils Gold wert als Trackpony. Ich kraulte sie dankbar durch die dichte Mähne am Hals, als wir das Hindernis geschafft hatten.

      Den ganzen Morgen über ritt oder longierte ich verschiedene Pferde, kurz vor dem Mittag musste ich aber auch noch etwas Buchhaltung für Pineforest erledigen und mich daher in mein Schreibzimmer begeben. Danach hiess es Mittagessen kochen. Lily erzählte uns von nervigen Lehrern und Mitschülern, das Übliche. Sie schien froh, dass sie am Nachmittag keine Schule hatte und zu den Pferden konnte. Sie erklärte stolz, dass sie mit Areion heute Geländesprünge üben wollte. Ich hielt das allerdings für keine gute Idee angesichts des nassen Bodens und weil ich heute keine Zeit hatte sie dabei zu coachen. Es war mir einfach doch noch etwas zu riskant die beiden alleine an den teils massiven Hindernissen üben zu lassen, auch wenn sie nicht hoch eingestellt waren. Lily war natürlich enttäuscht, aber ich munterte sie auf indem ich ihr anbot, dass wir später zusammen mit den Fohlen spielen konnten und überzeugte sie, stattdessen mit Areion heute Abend zu Elliot in die öffentliche Dressurstunde zu gehen. Nach dem Essen nahm ich die Hunde mit zu den Miniature Horses. Die kleinen Pferdchen wollten schliesslich auch gepflegt werden und hatten sich schonmal schön schlammig gemacht, damit sie auch nicht zu kurz kamen. Während die Hunde durch das halbhohe Gras streunerten, begann ich Arco zu putzen. Der silbergraue Hengst hatte jetzt mit dem Winterfell deutlichere Dapples als im Sommer – früher war es manchmal noch fast umgekehrt gewesen. Seine fast ganz weisse Mähne war mit ein paar Dreck-Rastas versehen, welche sich aber gut entfernen liessen. Das wollige Winterfell striegelte und bürstete ich ausgiebig, aber die beine waren nicht gerade einfach sauber zu bekommen, so feucht wie sie waren. Ich putzte sie so gut es ging, verschwendete aber auch nicht zu viel Energie daran, denn er würde ohnehin bald wieder für Shows geschoren werden. Dasselbe war es auch mit Lenny und Becks. Wobei ‚Red’ schon vor dem Putzen von allen noch am besten ausgesehen hatte. Bei den Stuten war Lewis mittlerweile mit dem Misten fertig und bürstete nun ebenfalls fleissig die dichte Wolle der Vierbeiner. Er war mit Rose schon fertig und kümmerte sich gerade um Tigrotto. Ich schlüpfte unter dem Zaun durch und fing Lady ein. Die Fuchsstute folgte mir willig zum Zaun und liess sich genüsslich von mir massieren. Sie sah so edel aus, trotz des Winterfells, wenn sie ihren Hals vor Wohlsein rund machte. Mit den beiden Youngsters, Kiwi und Tiki, wollte ich einen kleinen Spaziergang machen. Lewis nahm bei der Gelegenheit auch gleich Queenie und Papillon mit. Die beiden hatten heute frei (sie waren gestern auf einer längeren Trainingsfahrt gewesen) und so ein Spaziergang war bestimmt lockernd für die beanspruchten Muskeln. Wir gingen mit den vier Ponys zum Fluss und über die Feldwege um Pineforest herum. Auf dem Heimweg begegneten wir Lily, die mit Peppy ohne Sattel und mit dem Stallhalfter unterwegs war. Ich rief ihr nach, dass sie bei der Strasse vorsichtig sein solle und erntete nur ein klangvoll ausgerufenes „Ich we-iss“. Lewis grinste nur belustigt und wir plauderten weiter über die kommenden Fahrturniere.
      Während Lily noch im Gelände herumdümpelte, ging ich schonmal zu Thairu, dem Zebra. Sie und Zazou, den wir ab und zu aus Gewohnheit immernoch Dante nannten, standen Popo-an-Kopf nebeneinander unter dem geschützten Unterstand, den wir für sie gebaut hatten. Beide hatten kaum Winterfell aufgrund ihrer Art, vertrugen die Kälte im Winter aber trotzdem ziemlich gut, solange sie einen Rückzugsort hatten. Ich trainierte im Moment nicht mehr so oft mit Thairu, weil mir die Zeit dazu schlichtweg fehlte. Ich hatte aber nicht das Gefühl, dass ihr das schadete. Im Gegenteil; sie vergass kaum etwas zwischen den Trainingseinheiten und war jeweils entspannt, wenn wir wiedermal mit ihr arbeiteten. Ich putzte sie heute nur gründlich durch, ebenso wie den Wildesel neben ihr. Thairu mochte es besonders an ihrem Unterhals gestreigelt zu werden. Aber auch Zazou hatte eine Lieblingsstelle, nämlich hinter seinenen langen Löffeln. Ich klopfte dem Zebra beim Gehen auf den Po und begab mich in Richtung Fohlenweiden. Lily hatte Peppy versorgt und kam angerannt, als sie mich sah. „Was wollen wir mit ihnen üben?“, fragte ich meine Nichte, sobald sie in Hörweite war. „Blachen! Und den Gymnastikball, und vielleicht Flattervorhang?“ „Ich glaube Ball und Blachen reichen für heute, aber wir können noch ein paar Kegel aufstellen und Führtraining machen.“ „Ja!“ Sie lief voraus zur Halle, denn im Bereich vor der Reiterstube hatten wir einen Lagerraum für das ganze Bodenarbeitsmaterial. Ich folgte und gemeinsam trugen wir die Übungsgegenstände zu den Weiden. Die Hunde waren wie immer mit dabei, und bei der Halle waren wir dem Kater Kafka begegnet, der uns von der Treppe zur Tribüne aus scharfäugig beobachtete hatte. Als erstes wurden wir bei den Weiden von Skyrim begrüsst, der Lily sofort seine rosa Schnauze ins Gesicht streckte. Das erstaunte mich nicht sonderlich, so viel, wie sich meine kleine Nichte mit dem Reitpony beschäftigte. Auch die anderen Hengstfohlen kamen neugierig näher, während wir den ‚Parcours‘ aufstellten. Cupid begann sogar frech an der Blache herumzuzupfen und sie mit dem Huf zu bearbeiten. Simply blieb erstmal auf Abstand, traute sich dann aber doch neben Cupid an der blauen Blache zu schnuppern. Übrigens waren die Vollblutfohlen mittlerweile abgesetzt worden und nach Pineforest umgezogen. Das Verladen der halbjährigen war natürlich ein riesen Ereignis gewesen, mit viel Gequietsche und grossen Augen. Aber am Ende hatte alles ohne Zwischenfälle geklappt und die Fohlen waren gut angekommen. Als wir alles bereitgestellt hatten, holte ich zwei Halfter und Stricke damit wir das Führtraining machen konnten. Selbstverständlich behielt ich Lily die ganze Zeit im Auge, während sie zuerst Skyrim und danach Clooney durch die Pylonen führte. Sie hatte die Anweisung den Strick einfach loszulassen, falls sich einer der Halbstarken erschrecken sollte. Ich selbst führte Mambo an den Gymnastikball heran, bis er ihn mit den Vorderbeinen wegschubste. Er erschreckte sich leicht, liess sich aber erneut auf mich ein und war bei den weiteren Versuchen schon viel mutiger. Solas kam natürlich auch dran und zeigte bei den Blachen bereits jetzt Nervenstärke. Ich war sicher, dass er einmal ein hervorragendes Trailpferd werden würde.
      Bei den Stuten lief es ähnlich ab; die meisten waren ziemlich neugierig und untersuchten die Mitbringsel. Besonders die älteren wie Sarabi, Daedra, Snowflake, Fire und Dolly hatten schon einige solcher Spieleinheiten hinter sich und kannten die Gegenstände. Aber auch Cranberry traute sich sofort heran und bearbeitete den Ball mit ihren Fohlenzähnen. Ich war froh, dass Chime jetzt auch auf Pineforest war und ich sie jeden Tag im Blick hatte. Ella hatte zwar gute Arbeit geleistet und sich ausreichend um das schwächliche Stutfohlen gekümmert, aber mir war trotzdem wohler, wenn ich mich selber um sie kümmern konnte. Sie war und blieb ziemlich schmal, man sah auch ihre Rippen recht gut. Aber laut dem Tierarzt war sie soweit über dem Berg und mit genügend Futterzusätzen würde sie auch gross werden. Es war natürlich eine aufwändige Zukunft, die da vor uns lag, doch für das hübsche Stutfohlen wollte ich keine Mühen scheuen. Sie war mir schon so ans Herz gewachsen, dass ich sie keinesfalls loslassen könnte, auch wenn Oliver skeptisch war, ob die kleine jemals eine Zukunft als Rennpferd haben oder überhaupt gesund bleiben würde. Ich wollte es wenigstens versuchen und ihr diese Chance geben. Weniger dramatisch stand es um die dratige, grobknochige Karma. Sie war ein richtiger Brocken, und ich schätzte, dass sie wohl ein ordentliches Stockmass erreichen würde. Wegen ihrer langen Beine sah es lustig aus, wenn sie grasen wollte. Sie stand dann jeweils vorne ganz breit auseinander. Nun fehlte nur noch Indy, die immernoch bei Ella stand, weil sie ungefähr zwei Monate jünger als die anderen Fohlen war. Ich freute mich schon darauf, endlich alle Fohlen auf dem Hof zu haben. Lily und ich versorgten alles wieder in der Halle, sobald wir fertig waren. Danach gingen wir erstmal ins Haus um uns mit einer Tasse Tee aufzuwärmen, denn es war bereits am Vormittag eine kühle Bise aufgezogen, die sich hartnäckig gehalten hatte. Immerhin war der Himmer klar und blau. Lily ging später wie beschlossen in die Dressurstunde und ich kümmerte mich um zwei neue Pensionäre – denn ich hatte beschlossen, die leeren Boxen auf Pineforest zu vermieten. Im Moment standen schon zwei auswärtige Pferde im Stall, und eines davon war unser alter Freund Fajir. Der Besitzer war sofort mit ihm zurück hierhergezogen, als er von den freien Boxen erfahren hatte. Er war ohnehin seit er den Cremello besass zu uns in die Reitstunden gekommen, und nun konnte der begeisterte junge Herr auch von der restlichen Infrastruktur von Pineforest profitieren. Heute waren nun noch ein weiteres mir unbekanntes Pferd, und Majandro angekommen, den ich ebenfalls vor einer ganzen Weile verkauft hatte. Ich war sicher, dass auch noch weitere der Pferde folgen würden, die ich in unsere Nachbarschaft abgegeben hatte.

      Gegen halb Zehn Uhr klingelte das Telefon bei uns erneut. Ich liess Jonas rangehen, da ich gerade Wäsche bügelte, weil unsere Putzfrau (jawoll, so faul war ich seit Jahren) mit Grippe im Bett lag. Ich lauschte mit einem Ohr dem Gespräch und mein Puls schlug schneller, als ich mir zusammenreimte, worum es ging. „Sie haben sie gefunden?“, hauchte ich zu Jonas, der mir grinsend einen Daumen hoch als Antwort gab, während er dem Beamten zuhörte. Ich machte förmlich einen Freudensprung und konnte es kaum erwarten, die Details zu hören. „… Okay, we’ll pick them up right tomorrow, if that is possible. Yeah sure. Thank you so very much.“ Er legte auf und ich umarmte ihn erstmal vor Erleichterung. “Sie wurden in der Nähe von Southampton in einem Schuppen gefunden. Offenbar wollten die Diebe sie demnächst bei einer Nacht und Nebel Aktion per Schiff nach Frankreich und von dort aus mit gefälschten Papieren weiter transportieren. Die Polizei hat die Dokumente beschlagnahmt, es war offenbar alles schon vorbereitet. Wir hatten Glück, denn es wäre schwierig geworden, sie im Ausland aufzuspüren. Wir können sie morgen holen gehen – ach ja, und sie seien in einem recht guten Zustand, also ist ihnen nichts weiter passiert.“ Mir kamen beinahe Freudentränen, was mich erstaunte, weil ich normalerweise nicht so nah am Wasser gebaut war. Vielleicht werde ich doch langsam zu einem normalen Menschen wie alle anderen, überlegte ich im Stillen. Falls ja, liegt das definitiv an dem guten Einfluss meiner grossen Familie hier.

      29. Oktober 2017
    • peachyes
      Schnee, soweit das Auge Reicht
      Drømmer om Død, Baccardi, Donut, Burggraf, White Dream, Phantom, Matinée, Daedra, PFS’ Whirlwind, PFS‘ Challenging Time, PFS‘ Call it Karma, PFS‘ First Chant, Halluzination, Empire State of Mind, Caspian of the Moonlightvalley, Fake xx, Rapunzel, Dakota S, PFS’ Simply Priceless, PFS’ Cupid, PFS‘ Cranberry, PFS‘ Clooney, PFS‘ Skydive, PFS’ Soñando Solas

      Erstaunt klappte mir der Mund auf, als ich an diesem Morgen die Vorhänge des Schlafzimmerfensters öffnete. Pineforest Stable war wieder mit einer etwa zehn Zentimeter hohen Schicht Weiss glasiert. Gestern war doch noch alles grün und bloss verregnet! Es hatte zwar schon ein paarmal geschneit, aber nie richtig angesetzt, und die letzte Schicht war total verregnet worden. Irgendwie gab mir der Anblick der pulvrigen Flocken einen Energieschub, also zog ich mich rasch um und lief fröhlich die Treppe runter, während Jonas noch verschlafen murrte. Ich machte mir eine Schüssel Müsli, dann zog ich mich winterfest an und stapfte raus in den Schnee. Es schneite immer noch leicht und man sah nicht besonders weit. Ich erspähte durch das Küchenfenster Jonas, der mittlerweile auch aufgestanden war. Ich lauerte ihm neben der Haustür mit einem grossen Schneeball auf. Als er rauskam und den Ball angeworfen bekam, sah er mich zuerst mit hochgezogenen Augenbrauen an, dann stürzte er sich auf mich und legte mich in den Schnee. Der Lärm den wir veranstalteten mit Lachen und schreien zog die Aufmerksamkeit der Pfleger auf uns, die gerade vom Pflegerheim rüberkamen. "Don't kill eachother", sagte Lewis im Vorbeigehen. Ich richtete mich auf und klopfte mir den Schnee von den Kleidern, gleich wie Jonas. Wir liefen den Pflegern fröhlich plaudernd hinterher zum Hauptstall, starteten die Morgenrunde und führten sie über den ganzen Hof fort. Soweit war alles im Lot und die Pferde warteten hungrig auf ihr Frühstück. Das Galopptraining der Vollblüter fand heute nicht statt, denn sonntags stand alternatives Training auf dem Plan. Also machte ich mich direkt auf den Weg in den Nordstall, wo ich Burggrafs Putzsachen aus dem Schrank nahm. Ich halfterte den Achal Tekkiner Schecken und band ihn in der Stallgasse an. Die Lampen im Nordstall erleuchteten die sonst noch düstere Morgenstimmung und tauchten das schön gemusterte Holz in honigfarbenes Licht. Zusammen mit dem Schnee draussen vor den Fenstern entstand eine richtig gemütliche Stimmung. Ich striegelte Burggraf gründlich durch, wobei er bei der Brust vorne die Ohren leicht anlegte - offenbar war er verspannt vom gestrigen Distanztraining. Ich massierte und lockerte ihn mit den Methoden die ich kannte und stellte auch eine Besserung fest. Nach dem Hufeauskratzen zog ich seine Beine nach vorne, um sie zu dehnen. Danach wirkte er wirklich zufriedener. Sein sonderbar geschecktes Fell glänzte im Schein der Lampen und war schön glatt, also konnte ich nun satteln. Ich legte einen passenden Springsattel auf den Rücken des Hengstes und gurtete ins erste Loch. Dann zäumte ich ihn mit einem gewöhnlichen englischen Zaum und führte ihn in die Halle. Er lief zügiger neben mir her, als er die anderen Pferde sah, die bereits warmgeritten wurden. Ronja, seine Halbschwester, war auch dabei und wurde von Lisa bewegt. Der Hengst brummelte ihr zu, als wir sie kreuzten, benahm sich aber sonst. Ich führte ihn zur Aufstieghilfe, weil ich zu faul zum Hochklettern war. Danach ritt ich ihn im Schritt warm. Wir machten ein paar Dressurübungen, arbeiteten an der Anlehnung und am gleichmässigen Takt. Weil schon ein paar Hindernisse bereitstanden, nutzte ich die Gelegenheit und machte zu Ende des dank dem Radio musikalisch begleiteten Trainings noch ein paar Übungssprünge. Danach liess ich Burggraf austraben und ritt ihn einige Runden Schritt. Lisa und Ronja wagten sich neben uns, damit wir plaudern konnten. "Ich brauche einen neuen Stallnamen für Burggraf. 'Muffin' passt einfach überhaupt nicht zu ihm, und Namen wie 'Burg' oder 'Grafi' klingen schrecklich...", sagte ich stirnrunzelnd. Lisa meinte lachend: "Du kannst ihn ja 'Burger' nennen, oder 'Grafitti'." Ich stiess ein trockenes "Ha Ha" aus. "Schon gut, ich weiss. Hmm, er ist ja von der Namensbedeutung her sowas wie ein Adeliger. Wie wäre daher 'Royal'?" "Aber wir hatten schonmal einen Royal... Andererseits würde das wieder zu Ronja passen..." "Es wäre perfekt für ihn, so stolz wie er immer ist." "Stolz, hmm. Wie wäre Pride? ...Nee, das klingt doof. Na gut, dann wird es wohl Royal, es sei denn mir fällt noch was Besseres ein." Plötzlich schien Lisa eine Blitzidee zu haben. "Aristo? Kurz für aristocrate?" "Klingt gut! Und passt zu Artemis. Ist gekauft." Zufrieden klopfte ich dem Schecken auf den Hals. "So, Aristo. Oh mann, daran werd ich mich erst gewöhnen müssen... Dann wollen wir dich mal versorgen."

      Ein Auto fuhr auf den Parkplatz, als ich aus dem Nordstall kam. Ich erkannte, dass es sich um Interessenten für Donut handeln musste. Ich hatte den Ponyhengst schweren Herzens zum Verkauf ausgeschrieben, um Platz für andere Pferde zu schaffen. Das klang vielleicht etwas herzlos, aber zum Leben als Gestütsbesitzerin gehörte auch das gelegentliche Verkaufen von Pferden, die einfach nicht mehr so recht dazu passten. Pineforest Stable ohne Donut war für mich noch schwer vorstellbar, aber es gab mittlerweile so viele gute Nachwuchspferde auf dem Markt, die für die Reitponyzucht wertvoll wären, dass ich mich entscheiden musste. Ich hatte Skydive als zukünftigen Zuchthengst, und ich hatte letztens auf einer Schau einen unglaublich schicken Nachkommen von Baccardi entdeckt, aus einer Stute mit wertvollen Blutlinien. Aber ich konnte nun mal nicht immer nur Pferde anschaffen. Jedenfalls begrüsste ich die Familie (es waren ein Mann, dessen Frau und eine 15 jährige Tochter) und führte sie zu Donuts Box. Das Mädchen hatte Ambitionen für den Springsport und brauchte ein talentierteres Pony als ihr bisheriges, um weiter aufsteigen zu können. Da war sie bei dem gut ausgebildeten Donut an der richtigen Adresse. Sie schien auf Anhieb begeistert von dem Pony und wollte ihn probereiten. Also holten wir ihn aus seiner Box, putzten ihn und führten ihn in die Halle. Schon beim Warmreiten bemerkte sie, dass er schön ruhig war, obwohl es draussen wieder zu schneien begonnen hatte und er sie nicht kannte. Auch im Verlaufe des Probereitens schienen die beiden zu harmonieren. Ich sprach den Vater bezüglich des Preises an, wir einigten uns schliesslich bei einer Tasse Tee im Haus. Sie wollten noch eine Ankaufsuntersuchung machen, und wenn diese gut ausfiel, waren sie mit dem Kauf einverstanden. Ich informierte die drei noch wegen Donuts gelegentlichem Headshaking Problem, welches zwar kaum mehr auftrat, aber bei grosser Aufregung manchmal doch noch zum Vorschein kam. Als ich die Leute verabschiedete, war zu meiner grossen Freude herausgekommen, dass Donut vermutlich als Pensionär auf Pineforest Stable bleiben würde. Denn die Familie war mit dem alten Reitstall unzufrieden und fand die Infrastruktur auf Pineforest toll.
      Zurück im Nordstall versorgte ich noch Donuts Putzsachen im Regal neben dem Eingang und checkte, ob der Hengst unter seiner Fleecedecke noch feucht war. "Du wirst tolle neue Leute bekommen, und kannst sogar hier bleiben. Ist das nicht super?" Er nuschelte zufrieden in seinem Heu herum und ich liess ihn in Ruhe.

      Bei den Offenställen traf ich Linda Ashton, eine der neueren Pflegerinnen, mit denen ich noch nicht ganz so viel zu tun gehabt hatte. Sie war eine gute Freundin von Jason und kümmerte sich mit Lewis zusammen unter anderem um die Miniature Horses und Fohlen. Ich nutzte die Gelegenheit, um mal ein wenig mit ihr zu plaudern und schnappte mir eine zweite Mistgabel. Wir tauschten das alte Stroh aus dem Mini-Stuten-Offenstall ganz aus, denn es war langsam nicht mehr so frisch, und füllten neues ein. "Which one of the miniature horses do you like the most?", begann ich unseren Small Talk. "Probably Queenie, because she has beautiful eyes and such a friendly character." "That's true. Mine is Daki, but I really love all of them. It always hurts whenever a Horse has to go, just like this morning..." "Who had to go?" "Donut, I sold him - well, not yet, but it's almost decided." "That's sad to hear... I like those riding ponies, they have a good size. Since I'm not the tallest, it's easier to get on them." "I will sell Baccardi as well, but I'll buy a son of him - at least if everything works out the way I planned." "You'll sell Bacci, too? Hmm..." " Hmm?" "Well, I was looking into buying a pony for myself not so long ago... I mean, it's nice to ride all the horses here, but it's just different to really own one." "Hey sure, think about it. I would gladly sell him to you if you'd like to have him. That way he too could stay here." Sie nickte fröhlich und hievte die letzte Ladung Stroh in den Offenstall, dann versorgten wir Schubkarre und Gabeln. Ich sah auf meine Armbanduhr und beschloss, White Dream schon jetzt zu bewegen, damit ich später mehr Zeit für Phantom hatte. Ich holte die Putzsachen der New Forest Stute, begab mich in den Nebenstall, halfterte sie und band sie auf der Terrasse des Stallgebäudes an. Sie hatte etwas schlammige Beine und ein paar Dreck-Rastas, war aber dank der Regendecke sonst sauber geblieben. Ich striegelte und bürstete sie gründlich durch, kämmte das Langhaar, kratzte die Hufe aus und führte sie anschliessend noch rasch zum Waschplatz, um die Beine sauber zu bekommen. Sie zog den Bauch ein, als das Wasser hochspritzte; das mochte sie nicht so. Ich lobte sie für's trotzdem Stillhalten und brachte sie zum Satteln zurück. Ich wählte zuerst ihren schwarzen Springsattel aus, entschied mich dann aber doch um und beschloss, heute nicht ernsthaft zu trainieren. Das Resultat war, dass ich sie ganz ohne Sattel und nur im Knotenhalfter zur Halle führte. Ich parkierte sie vor ein Cavaletti und stupste sie, damit sie ihre Hinterhand noch ein wenig näher rückte. Dann legte ich vom Cavaletti aus ein Bein über ihren Rücken und zog mich mit Hilfe der Mähne rüber. Weil ich ohne Unterlage auf ihrem Rücken sass, hatte ich sofort einen schön warmen Po. Ich ritt sie im Schritt warm, wobei ich kleine und grosse Volten machte. Nach einer Weile testete ich auch ihre Seitengänge und verlangte Schenkelweichen. Ich achtete auf die Biegung der Ponystute. Traben war nicht so bequem, aber im Galopp konnte ich Ihre Gänge gut aussitzen - also drehte ich einige Runden. Auch über Cavaletti sprangen wir, ohne dass ich das Gleichgewicht verlor. Am Ende übte ich zum ersten Mal spanischen Schritt mit Reiter mit ihr. Dream kannte die Zirkuslektion vom Boden aus, also konnte ich mit einer Gerte touchieren und dazu das entsprechende Bein als Optische Hilfe selbst ausstrecken. Am Boden zeigte ich nämlich die Bewegung auch jeweils mit meinen Beinen vor. Am Anfang verstand sie nicht ganz, was ich von ihr wollte. Sie machte versuchsweise ein paar Schritte rückwärts, denn als Hilfe dafür nahm ich ohne Sattel manchmal auch beide Beine nach vorne zu ihrer Schulter. Als ich sie weiter unten antippte, begriff sie scheinbar und stampfte, vielleicht war es auch eine Frustrations-Reaktion gewesen. Ich lobte die Bewegung jedenfalls sofort und versuchte es erneut. Zufrieden stellte ich fest, dass Dream immer mehr ausprobierte, bis wir drei Schritte am Stück schafften. Das war mir für den Anfang genug, also rutschte ich von ihrem Rücken und kraulte die stolz am Hals.
      Als nächstes war Phantom dran. Der Mustang hatte ein dichtes Winterfell entwickelt und war wie so oft ziemlich schlammig-nass als ich die Weide betrat. Er sah mir zuerst misstrauisch entgegen, beschloss dann aber doch in die Nähe zu kommen und sich einfangen zu lassen. Es gab auch Tage, an denen er lieber auf der Weide bei 'seiner Herde' bleiben wollte - dann lag jeweils ein viertelstündiges Fangspiel vor mir, das ich mit geschicktem draw und release lösen musste. In jedem Fall musste ich mir im Umgang mit dem ehemaligen Wildpferd sicher sein was ich wollte, denn wenn ich zögerte, nahm er mir gerne die Entscheidung ab, auch beim Reiten. Ich zog ihm sein blaues Halfter über und band ihn im Offenstall an. Dann putzte ich Phantom gründlich durch. Im Gegensatz zum Anfang mochte er das Striegeln und Bürsten jetzt richtig gerne und spitzte auch öfter mal genüsslich die Oberlippe. Manchmal versuchte er auch, die Geste zu erwidern, was für mich nicht immer ganz so angenehm ausfiel. Aber er meinte das ja nicht böse, sondern wollte einfach seine Beziehung zu mir pflegen. Er akzeptierte mich (wenn ich nicht zu abgelenkt war) auch willig als Leader und traute sich dadurch auch an für ihn sehr unheimlichen Dingen vorbei, wie zum Beispiel Traktoren. Ich war immer ein wenig auf der Suche nach Herausforderungen für Phantom, damit er davon lernen und daran wachsen konnte. Solch eine Herausforderung bot sich heute in Form eines Schneepflugs, der uns wenig später beim Ausreiten kreuzte. Ich bat den Fahrer, den ich aus der Nachbarschaft kannte, per Handzeichen zum Anhalten und fragte ihn rufend, ob ich mit dem Rappen rasch das Gefährt inspizieren durfte. Er war einverstanden und ich konnte Phantom das 'Monster' mit der Schnauze untersuchen lassen. Es dauerte zwar einen Moment, bis er sich nahe genug heran traute, aber dann beschloss er, dass das Gefährt zwar unheimlich, aber nicht lebensbedrohlich war. Ich bedankte mich und wir ritten in einem zügigen Schritt weiter. Phantom war sehr aufmerksam im Gelände. Seinen dunklen, scharfen Augen entging keine Bewegung, wodurch er auch ab und zu zusammenzuckte. Das machte mir nichts aus, solange er bei mir blieb und sich wieder beruhigte. Ich ritt ihn immer im Knotenhalfter oder Bosal. Das Gebiss kannte er zwar, aber er lief einfach viel entspannter ohne. Wir galoppierten über die Galoppwiese zurück Richtung Pineforest. Das dumpfe Geräusch seiner Barhufe auf dem Boden wurde durch den Schnee gedämpft. Plötzlich rutschte er hinten etwas - als Reaktion darauf grunzte er und machte einen Buckler. Ich musste lachen und richtete mich wieder auf. Sowas machte mir nichts aus, denn es war ja nicht böse gemeint gewesen und ich hatte es locker aussitzen können. Vor der Rennbahn bremste ich Phantom zurück in den Trab und ritt ihr entlang bis zum nächsten Übergang ins Innere des Hofes. Die Minis durften mal wieder frei auf dem Hof herumlaufen; ich entdeckte sie in der Nähe des Roundpens. Daki und Chip zickten einander gerade an, wobei ich bei genauerem Hinsehen erkannte, dass sie nur spielten. Ich steuerte Phantom zur Stutenweide, um ihn wieder in seine Herde zu entlassen. Er schüttelte sich, als ich den Sattel von seinem Rücken zog. Ich war stolz, dass er nicht gleich davon lief, als ich ihm das Halfter nach dem Durchbürsten abzog, sondern mich noch einen Moment lang fragend ansah. Sobald ich zum Abschied seine Kruppe tätschelte, machte er sich aber mit gesenktem Kopf auf den Weg zu seinen Stuten und begann, die Schneedecke nach gefrorenem Gras zu durchstöbern.

      Um viertel nach eins assen wir, danach wollte ich, wie ich es beim Frühstück versprochen hatte, mit Lily ausreiten gehen. Ich holte Hallu aus ihrer Box und bürstete das hellrote Fell ausnahmsweise nur rasch durch. Sie war sowieso sauber, weil sie auf der Weide eine Decke trug und geschoren war. Lily nahm für den Ausritt Fake - sie hatte ja noch immer einen Pakt mit Jonas, dass sie das Pony gegen etwas zusätzliches Taschengeld für ihn bewegte. Fakes Fell glänzte, als würde sie gleich zu einer Show gehen. Ich strich mit der Hand über ihre Kruppe und lächelte kopfschüttelnd. "Jonas hat dich wohl wiedermal mit Weichspüler bearbeitet." Wir sattelten die beiden Stuten. Als wir losreiten wollten, kam Lisa herbeigeeilt. "Haaalt, könnt ihr noch fünf Minuten warten? Ich muss Dod nur noch satteln..." Ich warf einen Blick zu Lily und nickte, als ich die Zustimmung des Mädchens hatte. Wenig später zockelten wir also zu dritt ins Gelände, begleitet von Sheela und Zira, die ich während dem Warten herbeigerufen hatte. Jacky lag drinnen vor der Heizung und schlief, daher liess ich sie in Ruhe. Sie war ja auch den ganzen Morgen im Schnee herumgehopst. Wir trabten unter Schneebedeckten Pinien und galoppierten über zwei Felder - es machte wahnsinnig Spass, wie der Schnee dabei aufflog und dem Hinterherreitenden ins Gesicht spickte. Auf dem Rückweg begann es auch noch wieder zu schneien, sodass wir wie in einem Märchen durch das Schneegestöber stapften. Dod wurde etwas übermütig und Machte einen Bocksprung, als wir zum letzten Mal angaloppierten. Wir brachen in Lachen aus, weil Lisa darauf nicht gefasst gewesen war und beinahe auf dem Hals des Criollos zu sitzen kam. Danach trabten wir noch ein Stück, ehe wir in gemütlichem Schritt zurück auf den Hof steuerten.
      Die Pferde mampften zufrieden ihre Karotten, während wir die Ausrüstung wegräumten. Lily verschwand mit den Hunden irgendwohin zum Schlittenfahren (ich hatte vernommen, dass sie sich mit Suri traf), ich hingegen bewegte im Verlaufe des Nachmittags noch Empire und Caspian. Um fünf Uhr, als es bereits immer dunkler wurde, machte ich ausserdem noch etwas Führtraining mit den Stutfohlen. Daedra war dabei ganz schön frech und drängelte dauernd. Sie war ja jetzt die Älteste in der kleinen Herde und hatte daher ganz schön viel Selbstvertrauen entwickelt, wo sie doch die anderen immer herumscheuchen konnte. Whirlwind sah lieber abgelenkt in der Gegend herum, anstatt sich auf mich zu konzentrieren. Karma war brav wie ein Lamm, aber ein elender Angsthase, und Chime hatte heute irgendwie den Schneckengang drin. Besorgt untersuchte ich, ob sie Fieber hatte oder sonst irgendwie gesundheitlich angeschlagen war, aber ich konnte nichts Aussergewöhnliches feststellen. Sie sieht einfach im Vergleich zu den anderen Fohlen so schmal und knochig aus... Ich hatte mal gehört, dass magere Pferde "fauler" waren, weil sie weniger Energie verpuffen wollten. Machte ja auch irgendwie Sinn. Aber wir schafften es nun mal einfach nicht, Chime anständig aufzufüttern, aufgrund ihrer Darmprobleme. Sie schien Lebensfreude und alles zu haben, aber manchmal fragte ich mich, ob sie nicht doch irgendwelche Schmerzen hatte und gequält war. Ich hatte mich mittlerweile auch von dem Gedanken verabschiedet, sie jemals als Rennpferd einsetzen zu können, denn wenn sie zu wenig Energie hatte und zu schwach war, machte es überhaupt keinen Sinn, ihren Körper der grossen Belastung dieses Sports auszusetzen. Die Tierärztin hatte mich auch schon gewarnt, dass die Kleine im Falle einer Krankheit vermutlich schlechte Chancen hätte, aufgrund ihres allgemeinen Zustands. Deshalb musste sie auch konsequent eine Decke tragen und die Pfleger brachten sie nach einem überraschenden Regenschauer manchmal extra unters Solarium im Hauptstall zum Trocknen. Trotz dem Aufwand ohne zu erwartendem Ertrag, kam es für mich nicht in Frage, die Kleine in andere Hände zu geben - sie war mir zu sehr ans Herz gewachsen, und ich hatte Angst, dass sie anderswo die nötige Pflege nicht bekommen könnte. Ich kraulte das schneeweisse Stutfohlen traurig am Widerrist und zog ihr das Halfter aus - sie war ja brav gewesen während den Führversuchen.
      First Chant war das krasse Gegenteil. Das dunkelgraue Araberfohlen stolzierte über die Weide, bog elegant den Hals und preschte von Zeit zu Zeit nach künstlichem Erschrecken mit eingestecktem Schweif durch den Schnee. Einfangen lassen kam nicht in Frage, sie wollte lieber mit mir spielen und sich hinter den anderen verstecken, sobald ich zu nahe kam. Augenrollen hielt ich an und machte eine Verschnaufpause, denn im Schnee war das ziemlich anstrengend. Dann tat ich so, als wollte ich zu Daedra gehen. Als Chant den Trick durchschaute und sich wieder aus dem Staub machen wollte, konnte ich sie in einer Ecke ausbremsen, weil ich nahe genug dran war. In dem ich in dem Moment, als sie mir den Kopf zuwandte, einen draw machte, konnte ich sie schliesslich zu mir locken. Das Führen danach klappte ganz anständig, zu meiner Überraschung. Cranberry war ganz angenehm; sie schien interessiert bei der Sache, als wäre das Training eine willkommene Abwechslung. Im Anschluss sah ich auch bei den Hengstfohlen nebenan vorbei. Cupid wollte wiedermal lieber seinen Kopf unter meinen Arm stecken, als ernsthaft mitzumachen. Simply war ein Musterschüler, wie fast immer. Der bunt gesprenkelte Jungspund reagierte bereits fein und folgte auch ohne doppelte Aufforderung brav am Strick. Ich machte einen Slalom um die Bäume auf der Weide und entliess ihn dann wieder. Clooney war zögerlich aber anständig. Zuletzt spielte ich das Ganze mit Solas durch, der einfach jetzt schon so Muskelbepackt wie ein Quarterhorse schien. Vielleicht war er auch einfach nur fett, aber dagegen sprach der im Verhältnis zu dünn geratene Hals.

      So langsam ging ich ins Haus, um das Abendessen vorzubereiten und noch ein bisschen Papierkram für die kommende Woche zu erledigen. Dabei handelte es sich vor allem um Nennungen für Turniere und Finanzen. Ich konnte es aber nicht lassen, auch noch ein wenig am PC zu surfen. Irgendwann besuchte ich auch die Website einer amerikanischen Wildpferderettungsorganisation, an die ich, seit Phantoms Kauf, immer mal wieder ein wenig spendete. Es waren viele neue hübsche Mustangs ausgeschrieben, die meisten davon frisch gefangen. Klickte durch die Fotos - die Pferdchen taten mir schon ziemlich Leid. Wenn ich daran dachte, was Phantom durchgemacht haben musste, und nun diese vielen verängstigten Pferdeaugen sah... Ich hoffte, dass sie alle ein gutes Zuhause finden würden, aber natürlich war das Wunschdenken. Bei den etwas älteren Einträgen entdeckte ich eine grullo farbene Stute. Sie hatte tiefe Kuhlen über den Augen und machte ein besorgtes Gesicht, ausserdem sah ihr Fell etwas zerzaust aus. Aber irgendwie kam mir die Stute bekannt vor. Irgendwo hab ich dich schon mal gesehen, überlegte ich nachdenklich. Ich klickte weiter und sah den Fang Ort, sowie das Fang Datum der Stute. Sie war bereits kurz vor Phantom eingefangen worden, im selben Gebiet. Ich stellte aber fest, dass sie zu dem Zeitpunkt, als ich dort angekommen war, schon weggebracht worden sein musste, denn sie war bereits adoptiert gewesen. Also war es nicht möglich, dass ich sie dort bei den anderen Pferden gesehen hatte. Aber wo sonst? Ich las weiter. Es stand, dass die Stute ein '3-Strike-Pferd' war, also ein Mustang, der 3 mal wieder zum BLM zurückgebracht worden war. Die Rettungsorganisation suchte nun seit ein paar Wochen verzweifelt ein endgültiges Zuhause für die Stute, denn solche Pferde, die offensichtlich auf irgendeine Weise schwierig im Umgang waren, oder sonstige Leiden hatten – die also, grob gesagt, niemand haben wollte – wurden am Ende billig an einen Schlachter verkauft. Stirnrunzelnd suchte ich weiter nach einem Anhaltspunkt der mir verriet, woher sie mir so bekannt vorkam. Ich googelte nach der Website der Fotografin, bei der ich so viele Fotos von Phantom entdeckt hatte, und der mein Rappe seinen Namen verdankte. Da entdeckte ich es plötzlich: klein und unscheinbar zwischen den anderen Vorschaubildern, stach mir eines ins Auge, auf dem neben Baby-Phantom noch ein weiterer, grauer Fleck zu erkennen war. Ich vergrösserte es und schlug triumphierend auf mein Pult. „Wusste ich es doch!“ Das war eindeutig dieselbe Stute als Fohlen, die zusammen mit meinem Phantom über die Bergwiese tollte. Der grosse, weisse Bauchfleck und das Kopfabzeichen liessen keine Zweifel zu. Ich überflog die Berichte der Fotografin, nach einem Namen suchend, denn bei den Infos der Rettungsstation stand nur eine Tag-Nummer. Matinée. Mir kamen fast Tränen, als ich ein weiteres Mal die Geschichten aus Phantoms Vergangenheit las. Genau, da war es doch. Sie war seine erste richtige Gefärtin – und seine einzige, wenn man von der Stutenherde auf Pineforest absieht… Jonas kam die Treppe hoch. „Occu, hast du einen Moment? Wir brauchen Hilfe mit dem Traktor.“ Ich löste mich vom Bildschirm, schickte rasch Lily ins Bett und folgte ihm dann nach draussen.

      Als wir wieder ins Haus kamen, war es bereits halb elf Uhr. Am Ende hatte ich noch im Hauptstall etwas Zeit mit Winter und Spot verbracht, ohne dabei auf meine Armbanduhr zu sehen. Ich räumte die Küche fertig auf, machte mich Bettfertig, knuddelte die Hunde nochmal durch und schaltete den PC gezwungenermassen aus – es war einfach schon zu spät, ich musste morgen schliesslich wie immer früh aus den Federn. Die Nacht hindurch plagten mich aber mein Gewissen und die Bilder der Stute, die mich bis in meine Träume verfolgten. Ich wusste, worauf das hinauslief: Irgendwas würde ich tun müssen. Ich beschloss, eine Woche abzuwarten und danach, wenn die Stute noch immer ausgeschrieben war, zu entscheiden. Entscheiden - vermutlich über Leben und Tod.

      vom 1. Januar 2018
    • peachyes
      Aus dem Leben eines kleinen Mädchens
      PFS’ Merino, PFS’ Sarabi, PFS’ A Winter’s Tale, PFS’ Stop Making Sense, Subsyndromal Symptomatic Depression, PFS’ Counterfire, Lindwedel, Burggraf, Areion, Circus Dancer, Estragon Sky, Co Pilot de la Bryére, Vychahr, Nosferatu, Halluzination, Fake my Destiny, scs Sugar and Sweets, scs Bluebell, PFS’ Shadows of the Past, Phantom, Matinée, Islah, Lindwedel, Beck’s Experience, Glenns Caress, Dakota S, Chocolate Chip, Papillon d’Obscurité, Snottles Peppermint, Blue Dawn’s Nachtfalke, Tic Tac, PFS’ Kicks-a-Lot, PFS‘ Skydive, tc Herkir, Ljóski, Daedra, Chanda, PFS‘ British Oreo Rascal, PFS‘ Arctic Silver Lining, PFS’ Reverie, Brendtwood, PFS’ Soñando Solas, PFS’ First Chant, PFS’ Clooney, PFS’ Cranberry, PFS’ Challenging Time, PFS’ Call it Karma, PFS’ Whirlwind, Moon Kiddy, Feline

      Mein Wecker klingelte hartnäckig, und gab keine Ruhe, bis ich meinen Arm ausstreckte, um den kleinen roten Knopf an der Seite zu drücken. Auf dem Display stand eine Acht mit zwei Nullen dahinter - ich kannte die Bedeutung dieser Ziffer nur zu gut. Ich wollte mich schon stöhnend wieder umdrehen, doch dann fiel mir ein, dass ich heute ja keine Schule hatte, weil die Lehrer eine Weiterbildung machen mussten. Sofort fühlte ich mich wacher und fand sogar die Kraft, vom Bett zu rutschen, um mich anzuziehen. Ich lief runter in die Küche, wo eine Schüssel Müsli auf dem Tisch für mich bereitstand. Ich kippte etwas Milch dazu und sortierte wie immer die einzelnen Müsliflocken während dem Essen. Ich fand es lustiger, die verschiedenen Flocken nacheinander zu essen, anstatt einfach alle miteinander in den Mund zu stopfen. Tante Occu hatte zwar schon irgendwie recht, wenn sie sagte, dass dann ja die letzten Flocken schon total aufgeweicht seien, aber ich ass einfach schnell genug, damit das nicht passierte. Occu und Jonas waren wie immer schon draussen bei den Pferden. Sie konnten nicht so lange schlafen, weil sie ja arbeiten mussten. Das fand ich zwar ein bisschen doof, weil wir so am Morgen nicht zusammen essen konnten, aber ich hatte mich daran gewöhnt und auf früher aufstehen hatte ich keine Lust. Am Anfang war ich da noch energievoller gewesen und hatte versucht, auch um halb sechs aufzustehen, aber mit der Zeit war es mir zu anstrengend geworden. Nach dem Essen zog ich mir die Jacke an (weil Occu mich sonst wieder reinschicken würde, obwohl ich eigentlich nicht kalt habe) und ging als erstes zu Areion rüber. Es ist schon cool, auf einem Hof zu leben. Früher, als ich noch bei Mum wohnte, musste ich immer mit dem Fahrrad zwanzig Minuten zum Stall fahren, um Paulchen zu besuchen. Hach Paulchen... Wie es ihm wohl geht? Die Tür und die Fenster zum Nordstall waren offen und die meisten der Pferde streckten entspannt ihre Köpfe raus, um die Morgensonne zu geniessen. Auch mein Teddy hatte die Augen halb geschlossen, zumindest bis er mich hörte. Er spitzte die Ohren und streckte mir den Kopf entgegen. Ich streichelte ihn zur Begrüssung. Im Stall lief Musik, denn die Pfleger waren gerade am Ausmisten und Wischen. Ich summte mit der Musik und sang ab und zu den Refrain mit, wenn ich ihn kannte. Ich merkte einmal gar nicht, dass Jonas hinter mir durchlief, bis er plötzlich auch mitträllerte. Lachend zog ich an Teddys Bein, damit er es mir zum Auskratzen gab. Ich konnte gut in seinen langen Behang greifen, um den Huf oben zu halten. Seine Barhufe waren vorne runder als hinten; das hatte mit der Verteilung des Körpergewichts zu tun, hatte mir Occu erklärt. Ich stellte sicher, dass wirklich kein Dreck mehr in den Furchen neben dem Strahl war, bevor ich den Huf wieder absetzte und Teddy lobend auf die Schulter klopfte. Er war wirklich ein tolles Pferd und ich vertraute ihm mittlerweile total. Und seit er den Stuten nicht mehr hinterhersah, war er auch super zum Reiten. Ich kämpfte mich noch mit dem Kamm durch seine Dicke Mähne und den Schweif, dann holte ich den Sattel. Ich führte ihn in die Halle und kletterte auf seinen Rücken. Zuerst musste ich ihn warmreiten, wie wir es auch immer in der Reitstunde machten. Wir waren nicht alleine in der Halle, auch Lisa und David waren mit Aristo und Artemis da. Artemis lief besonders toll. Er sah mit seinem feinen Hals und dem weissen Fell total schick aus, und David hatte ihm eine Hellblaue Schabracke mit silbernem Rand unter den Sattel gelegt. Mein Tinker trug heute seine rot-schwarze Schabracke, auf der sein Name aufgestickt war. Die hatte ich ihm mit meinem Taschengeld gekauft, als ich mit Occu auf einer Messe gewesen war. Ich trabte Teddy an und versuchte, möglichst gerade zu sitzen, die Absätze runter zu lassen und die Hände schön ruhig zu halten. Es war schwer, sich auf alles gleichzeitig zu konzentrieren und dann auch noch das Pferd zu steuern. Aber ich hatte Elliots und Occus Stimmen von den Reitstunden im Kopf. Im Galopp hielt ich mich manchmal ein bisschen an der Mähne fest, damit ich nicht das Gleichgewicht verlor. Ohne Sattel machte ich das auch immer. Ich machte eine kurze Pause und beobachtete neidisch, wie Lisa mit Burggraf Trabverstärkungen übte. Burggraf hob zwar die Beine nicht so schön wie zum Beispiel Vilou, aber er lief dynamisch und kraftvoll über die Diagonale. Teddy konnte das sowieso nicht so toll, weil er einfach anders gebaut war. Aber wenn Occu ihn ritt sah man wenigstens schon einen Unterschied zwischen normalem und verstärktem Trab. Irgendwann wollte ich das auch so gut können, aber ich musste zuerst noch längere Beine bekommen, damit ich besser treiben konnte. Skydive wird bestimmt auch so tolle Gänge haben wie Vilou, war ich mir sicher. Er trabt immer so schön über die Weide, und sein Galopp sieht total weich zu sitzen aus. Ich kann es kaum erwarten bis er eingeritten ist, aber das dauert leider noch ein Jahr. Ich kraulte Teddys Hals liebevoll und sagte ihm "Du bist aber auch super Teddy." Ich alberte noch ein bisschen herum, indem ich Teddy im Schritt nur mit Gewichtsverlagerung zu steuern versuchte. Es klappte nicht immer ganz so, wie ich das wollte und wir waren ein paarmal auf Kollisionskurs mit den aderen. Aber es machte Spass. Nachdem Teddy seine Karotten runtergschlungen hatte, führte ich ihn zu seinen Stallgenossen auf die grosse Weide am Pinienwaldrand. Er konnte es kaum erwarten und zog mich zugegebenermassen ein wenig durch die Gegend - er spürte mein Fliegengewicht eben kaum am anderen Seilende. Ich wusste zwar von Occu, dass ich seine Hinterhand bewegen musste, wenn er mir vorne zu stark wurde, aber das war auch leichter gesagt als getan, weil er mit seinem dicken Winterfell kaum was spürte. Wir kamen jedenfalls rasch beim Weidetor an, und ich hängte einfach den Strick aus, ohne grosses Drumherum. Teddy trabte zu seinen Kumpels - Herkir liess sich sofort auf ein kleines Renn-Spiel ein und auch Loki setzte sich in Bewegung, um die beiden zu verfolgen. Ich sah noch ein bisschen zu, dann lief ich zurück, wobei ich auf Sheela und Jacky stiess, die herumstreunerten. Ich fand beim Galoppweg einen Stock, den ich Sheela warf. Aber Jacky war schneller und kam stolz mit dem langen Ast im Maul zu mir getrottet. Sie gab ihn mir nicht sofort, sondern zog noch ein wenig daran. Ich bewegte ihn lachend hin und her, bis sie losliess. Sie wartete schon mit aufgerichteten Ohren auf den nächsten Wurf, die eine Vorderpfote anwinkelnd und bereit um loszuschiessen. Nach gefühlten 100 Würfen hatte ich keine Lust mehr, aber wäre es nach der Jack Russel Terrier Hündin gegangen, hätten wir noch den ganzen Morgen weiterspielen können. Sie wurde einfach nie müde und brachte das Stöckchen jedes mal zuverlässig zurück, während Sheela abgelenkt zwischen den Bäumen schnupperte.

      Ich lief zum Hauptstall und suchte von dort aus Tante Occu. Ich fand sie ziemlich schnell - nämlich in Shiras Box. Sie legte der jungen Ponystute gerade das Knotenhalfter an und führte sie raus zum Putzen. Ich half ihr dabei, indem ich das Stroh aus Shiras Schweif erlas. Als ich damit fertig war, sprayte Occu den Schweif ein bisschen ein, sodass er ganz seidig und weich wurde. Auch beim Hufe auskratzen durfte ich helfen, aber Occu stand daneben und passte auf, weil Shira manchmal noch etwas zappelig war. Nach dem Putzen führte Occu das Pony zum Roundpen. Sie hatte ein paar Gegenstände vorbereitet, an die sie Shira gewöhnen wollte. Ich nahm sofort den Regenschirm in die Finger und wollte ihn aufspannen, aber Occu meinte, ich solle damit noch warten. Zuerst liess sie Shira nämlich ein paar Runden im Kreis warmtraben. Dann durfte ich den Schirm immer wieder auf und zu tun und krach damit machen, zuerst weit weg, dann nahe bei ihr. Ich rannte mit dem Schirm um Shira herum, je nachdem was Occu mir sagte. Ich fand das super; Shira am Anfang nicht so. Aber sie gewönte sich schnell daran und wurde immer ruhiger. Wir übten auch mit einem Ball und mit Blachen. Als Occu Shira wieder zurück in die Box brachte, bog ich stattdessen zu den Miniweiden ab. Ich wollte mit Silver Lining spielen. Das Miniature Horse war nicht nur niedlich, sondern auch total intelligent und konnte über zwanzig verschiedene Tricks. Er hatte vorher einer Frau gehört, die nichts sehen konnte. Also war er sozusagen ihr Ersatzauge gewesen, hatte mir Occu erklärt. Ich fand das ziemlich cool, weil das ja auch für die Frau dann viel spannender als ein Blindenstock oder so sein musste. Sie hatte so gleichzeitig auch einen Freund gehabt. Aber jetzt lag sie im Spital und konnte nicht mehr so viel machen, also hatte sie für Lining ein schönes Zuhause gesucht. Das war echt lieb von ihr. Der graue miniatur Hengst kam neugierig zu mir und schleckte meine Hand ab. Er war ganz vorsichtig und nicht so frech wie Oreo, der mir in den Ärmel zwickte, weil er ein Leckerli wollte. Ich fand es einfach schade, dass Arctic Blue und Rapunzel jetzt nicht mehr hier waren, sondern mit Alufolie und Echo auf einer grossen Weide lebten. Die Beiden waren frühzeitig in Rente gegangen, damit Occu die Jungpferde problemlos unterbringen konnte. Arco ist immer so süss gewesen mit seiner grossen Blesse... Aber die Jungen Hengste waren auch süss, besonders Oreo hatte einen hübschen Kopf und war seiner Mutter ziemlich ähnlich. Ich wusste, dass Occu noch ein paar Nachkommen von Nachtfalke irgendwo auf einer Fohlenweide versteckt hatte, die sie erst hierherholen wollte, wenn der kleine schwarze Hengst gekört war, weil sie erst dann richtig mit ihnen auf Shows gehen konnte. Anscheinend war es günstiger und einfacher, sie bis dahin auswärts zu halten. Ich war gespannt, wie die Fohlen aussehen würden, denn ich hatte nur ein paar Babybilder gesehen. Ich zog meine Schuhe aus, denn ich hatte Lust, barfuss zu laufen. Ich wusste, dass ich vorsichtig sein musste und es gefährlich war, um die Pferde herum ohne Schuhe zu sein, aber ich war ja nicht mehr sooo klein und konnte gut auf meine Füsse aufpassen. Ich wusste auch, dass Occu kein Mitleid haben würde, wenn etwas passierte - weil sie mir gesagt hatte, dass ich dann selber schuld wäre. Deshalb war ich umso sorgsamer bedacht, keine Fehler zu machen. Das vom Morgen noch kühle Gras kitzelte meine Knöchel und ich liebte einfach das Gefühl, die Wiese unter meinen Sohlen zu spüren. Ich warf meinen rechten Schuh ein paar Meter weg und gab Lining das Kommando, ihn zu holen. Er brachte ihn mir zuverlässiger als ein Hund zurück, und ich kraulte ihn begeistert am Widerrist. Dann klopfte ich mit der flachen Hand auf den Boden, das Zeichen, dass er abliegen solle. Er liess sich neben mich ins Gras plumpsen und ich konnte halb auf ihn drauf liegen. Eine Weile beobachtete ich verträumt die vorbeiziehenden Wolken, während er einfach im Liegen weitergraste. Bis mir Lenny von oben seine Schnauze ins Gesicht drückte und an meiner Nase knabbern wollte. Ich lachte erschrocken los und Lining sah sich zu mir um, blieb aber ruhig liegen. Es war so süss, fast, als wollte er sichergehen, dass alles in Ordnung war. Ich stand auf und erlöste das silbergraue Hengstchen von seinem "Dienst". Meine Schuhe hätte ich fast vergessen, als ich unter dem Zaun durch zu den Ministuten rüberging. Und Becks wäre fast darüber getrampelt. Ich ging zu Peppy, die vom grasen aufsah und mir ein Stück entgegen kam. „Denkst du etwa, wir gehen schon wieder trainieren?“, fragte ich sie amüsiert. Manchmal kam es mir fast so vor, als freue sie sich richtig auf das Renntraining. Jedenfalls schien sie es zu lieben, über die für ihre Verhältnisse übergrosse Rennbahn zu flitzen, denn ich musste sie nie zweimal auffordern. Ich knuddelte die Shettystute; ihre Mähne war so schön weich. Ich zupfte etwas loses Fell aus einer Stelle an ihrem Bauch, die der Schermaschine entkommen war. Dort sah man, dass sie eigentlich immernoch einen Rest Winterfell gehabt hätte, wenn wir sie wegen des vielen Galoppierens nicht geschoren hätten. Ich legte mich über ihren Widerrist und schwang mein Bein über ihren kurzen Rücken. Noch konnte ich sie reiten, aber irgendwann würde ich zu gross für sie sein. Ich fand das schade, aber ich wollte ihr ja nicht schaden, also machte ich schon jetzt pläne, was ich alles mit ihr tun wollte, wenn es so weit war. Einfahren stand ganz oben auf dem Plan. Vielleicht konnten wir ja bei Sulky-Rennen mitmachen? Ich ritt ein wenig planlos über die Weide, so gut steuernd, wie es ganz ohne Ausrüstung nunmal ging. Einmal wurde Peppy etwas übermütig und begann zu traben, nach einer Weile sogar zu galoppieren. Ich griff in ihre Mähne und hielt mich gut fest, Angst hatte ich keine. Ich hatte das Gefühl, dass Peppy gleich wieder bremsen würde, und so war es auch. Sie trug mich neben Papillon und Chip, den Kopf wieder zum Grasen senkend. Um sie nicht weiter zu belästigen, rutschte ich vom Ponyrücken runter und entfernte mich. Ich kletterte auf einen der Bäume und legte mich auf einen dicken, waagrechten Ast, von dem aus man einen guten Blick über die Weide hatte. Ich zählte die Ameisen, die vor mir über die Rinde krabbelten und sich in keinster Weise von ihrer Arbeit ablenken liessen. Manche trugen Ästchen oder Blattstücke, die viel grösser waren als sie selbst. Unter dem Baum stand Kiwi, und sah neugierig zu mir hoch. Sie verlor das Interesse aber schnell wieder, denn Tiki lief unweit von ihr entfernt zielstrebig zum Offenstall. Ich erkannte Lewis, der wohl gerade die Vormittagsration Heu vorbeibrachte. Dakis halb quietschendes Brummeln war sogar von hier aus zu hören. Ich beobachtete belustigt, wie Chip und sie sich unterwegs rasch mit einer eindeutigen Geste angifteten, um zu klären, wer zuerst zum Heu durfte. Natürlich gewann Daki. Ich pfiff laut, sodass der Lewis sich umsah. Dann lachte ich laut, weil er mich auf dem Baum nicht sehen konnte. Durch das Lachen verriet ich mich, und er kam zum Baum gelaufen. "Little Miss, you shouldn't distract people from Work!" Ich grinste frech. "Since when are YOU working? Is Jonas ill or what?" "Ha! Just you wait, I'm gonna get you down here!" Er hängte sich an die untersten Äste, die er natürlich viel besser erreichte als ich. Der ganze Baum zitterte, als er sich etwas mühevoll hochhievte. "Ugh, it seems I'm a bit out of practice..." Gerade in diesem Moment kam Occu den Weg zu den Weiden runter. "What in the World are you doing?!", rief sie mit leicht strengem Unterton. Lewis sah mich erschrocken an, dann lachten wir herzhaft und kletterten runter. Papillon, die erst jetzt auf dem Weg zum Heu war, zuckte erschrocken zusammen, als Lewis sich runterfallen liess. "Hey ihr Kindsköpfe... Die Mini Hengstchen verzweifeln fast, weil ihre Heuration auf dieser Seite des Zauns feststeckt." Tatsächlich standen alle fünf ungeduldig am Zaun und glotzten mit gespitzen Ohren zu uns rüber. Ich hatte einen mittleren Lachanfall bei dem Anblick – es sah einfach zu süss aus. „Aber ernsthaft, ihr könnt nach dem Mittag wieder rumalbern. Jetzt gehen die Pferde erstmal vor.“ Ich sah unschuldig in die Wolken und Lewis stupste mich, so wie es auch Jonas dauernd tat. Dann machte er sich mit einem entschuldigenden „right away, boss“ zurück an die Arbeit und ich holte meine Schuhe, ehe ich Occu folgte. "Ab hier ziehst du die wider an", befahl sie, auf die Schuhe deutend, als wir in den Hauptstall abbogen. Ich gehorchte und wir machten uns auf die Suche nach Ajith. Wir fanden ihn mit Gabel und Mistschubkarre bei Khiaras Box. "I see, you're finished soon?" "Yea, April is doin' the boys." "Good. Can you prepare the babies afterwards?" Mit "babies" meinte Occu die jüngste Gruppe der Vollblüter, die gerade angeritten wurden. Soweit ich wusste, wollten sie vor dem mittag noch rasch ein wenig Dressur mit der Gruppe üben. Daedra war jetzt auch im Hauptstall und wurde mittrainiert, sie hatte aber noch einen kleinen Rückstand, weil sie ja ein bisschen jünger war. Occu fragte mich, ob ich nach dem Mittag noch rasch Thairu und Zazou mit ausreiten wollte, ehe Suri vorbeikam. Erstaunt fragte ich „kommt sie heute auch?“, weil ich davon gar nichts wusste. „Jap, sie hat vorhin angerufen und gefragt, ob du da bist. Ich hab ihr gesagt, dass du nichts vorhast am Nachmittag – ich hoffe das stimmt?“ „Klar!“, rief ich freudig. Es machte mir total Spass, mit Suri Reiten zu üben und wir waren mittlerweile beste Freundinnen. „Und ja, ich will mit Thairu raus. Darf ich sie diesmal wieder reiten?“ Occu nickte und ich machte einen kleinen Hüpfer. „Ich will noch schnell schauen, wie’s Chanda geht. Kommst du?“ Wir schlenderten zum Nebenstall und warfen einen Blick in die Box der neuen Criollostute. Sie war vorgestern angekommen und stand noch unter Quarantäne hier, weil sie etwas Nasenausfluss hatte. „Vielleicht ist sie auch auf Pollen allergisch, wie Elliot?“, fragte ich rätselnd. „Kann schon sein, aber ich denke eher, dass sie sich erkältet hat, weil sie beim Verladen vor Stress geschwitzt hat und es abends dann doch recht kühl war.“ Occu wollte sie später zu Moon und Feline auf die Stutenweide stellen, aber sie wollte erst sichergehen, dass die hübsche grullo-Scheckstute ganz gesund war. Sie kräftig aus und hatte schon sämtliches Winterfell verloren; so sah es jedenfalls aus. Chanda streckte neugierig ihre rosa Schnauze über die Boxentür und ich berührte sie mit meinen Fingern. Die Stute spielte mit ihren Lippen, um meine Finger in den Mund zu nehmen, aber ich passte auf und zog sie jedesmal lachend weg. „Ich geh jetzt zu den Youngsters, wenn du willst, kannst du natürlich zusehen kommen“, meinte Occu, sich zum Gehen wendend. Ich machte nur „nops, keine Lust“ und lief stattdessen wieder zum Nordstall. Ich hatte gestern eine Maus gesehen, die bei Vychahrs Box herumgeklettert war. Ich schlich mich vorsichtig an, aber es regte sich nichts ausser Circus Dancer und Vilous Mäulern, die eifrig im Stroh nach Heuhalmen suchten. Royal Champion war übergangsweise auch wieder hiergewesen. Occu hatte ihn ohne zu Zögern zurückgekauft, als sie seine Verkaufsanzeige gesehen hatte, aber der Platz im Nordstall war begrenzt und irgendwann würden ja Skydive, Clooney, Solas und Woody auch noch umziehen. Also hatte sie nun eine definitive Lösung für den jungen Schecken gesucht und ihn schliesslich zurück an seinen Geburtort gebracht, der Lake Mountain Ranch. Ich kannte den Hengst nicht so gut, aber es war natürlich immer schade, wenn ein Pferd vielleicht nicht hierbleiben konnte. Ich war jedenfalls froh, dass Occu Skydive ganz sicher behalten wollte.

      Beim Mittagessen erzählte Occu, dass Dolly diesmal schon viel entspannter gewesen sei und anfing, den Rücken loszulassen. Die junge Vollblutstute war momentan der Angsthase der Gruppe und brauchte einen Tick länger als die anderen, um sich in ihrer Aufgabe zu entspannen. Sogar Daedra war schon gelassener, wenn auch sehr temperamentvoll und lauffreudig. „Ach und Mambo hat wiedermal Eckenmonster gezählt. Ich hab ihn an der Reiterstuben-Seite kaum vorbeigebracht, ohne gleichzeitig Seitengänge zu üben. Aber sonst war er toll, er hat Fortschritte im Angaloppieren gemacht. Fire ist immernoch etwas zu heiss und kriegt dauernd einen Beinsalat, weil sie noch kaum Gleichgewicht hat. Wenn ich einen rauspicken müsste, wäre Snowflake im Moment mein Favorit. Sie ist schon so erwachsen und einfach nur praktisch im Umgang. Sarabi lässt sich zu leicht ablenken und testet schon jetzt ihre Grenzen, das wird bestimmt noch lustig mit der.“ Jonas stimmte nickend zu. Mit halb vollem Mund setzte er an „Wann denkst du –“, schluckte auf Occus strengen Blick hin runter und fügte hinzu „sorry, wann fangt ihr mit dem intensiveren Galopptraining an?“ „Oliver will mit dem schnelleren Intervalltraining Anfang Mai beginnen. Sie sind dann knapp drei Monate unter dem Sattel und haben mehr als genug Basisarbeit hinter sich. Unser Ziel ist es, ein erstes Renn-Debut im Spätsommer zu machen. Wenn das gut läuft, wollen wir die restliche Saison noch fleissig ausnutzen; wenn nicht, verlegen wir das Ganze auf nächsten Frühling und trainieren intensiv für die Dreijährigen-Saison.“ „Wann bringst du eigentlich Merino an ne Körung? Ich hab ihn heute mit Charly laufen gesehen und er macht sich in letzter Zeit wirklich gut. Ich bin sicher, er wird auch mal ein beliebter Zuchthengst.“ „Ja, er hat sich wirklich sehr verbessert. Das ist wohl auch Rachel Wincox Zu verdanken, die ihn an den letzten paar Rennen hervorragend geritten hat, als unsere eigenen Jockeys ausgebucht waren. Es war eine gute Entscheidung, sie zu engagieren.“ Jonas nickte zustimmend. Wir assen fertig und verräumten das Geschirr, dann rannte ich schonmal voraus zur Zebraweide. Thairu und Zazou chillten bei ihrem Unterstand. Thairu hatte ein Hinterbein aufgestützt und machte sich nicht mal ansatzweise die Mühe, ihr Gewicht zu verlagern als ich kam. Ich duckte mich zwischen dem Zaun durch und lief geradewegs auf sie zu. Occu brachte ihr und Zazous Knotenhalfter mit. Wir führten beide zum Nebenstall. Occu liess mich Thairu selber putzen, während sie Halluzination holte. Ich fand es so cool, dass Thairu bei ihrem Popo braune Streifenzwischenräume hatte, anstelle von weissen. Am Anfang hatte ich gedacht, dass es nur Dreck sei, aber ihr Fell hatte tatsächlich diese Farbe. Man sah auch ein paar verbleichte Streifen in den grösseren Lücken. Als ich Thairus wieder kurzes Sommerfell entstaubt hatte, kratzte ich ihre Hufe aus. Ich sah aus dem Augenwinkel, wie Occu mich, bzw. Thairu dabei beobachtete, damit sie eingreifen konnte, falls das Zebra rumzickte. Aber ich hatte das voll im Griff. Thairu gab sogar ihre Hinterhufe brav. Ich klopfte ihr lobend auf den Hals und nahm die nächste Bürste aus der Box. Ich durchfuhr die Stehmähne des Zebras damit und kraulte es dabei hinter den grossen, runden Ohren. Thairu mochte das besonders im Fellwechsel, aber auch, wenn es draussen ganz warm war. Ich bürstete auch den Zebraschweif, auch wenn es nicht sonderlich viel zu bürsten gab. Der ‚Fliegenwedel‘ wollte dauernd hin- und herschwingen, obwohl es noch kaum Insekten hatte – das war nicht gerade praktisch zum Putzen. Occu meinte aber, solange der Schweif schön ruhig wedelte, war alles in Ordnung. Ein stillstehender Schweif wäre wohl ein Zeichen von Anspannung gewesen. Ich hielt ihn trotzdem irgendwie fest und bürstete so schnell ich konnte. Dann half mir Occu beim Satteln. Sie war mit Hallu auch schon fast so weit, und während sie noch rasch fertig putzte, kümmerte ich mich auch rasch um Zazous Fell. Dann zäumte Occu Hallu und ich band einfach den Strick als Zügel ans Knotenhalfter. Wir ritten Thairu eigentlich fast immer nur mit Halfter, weil sie das lieber mochte und damit braver war. Occu nahm Zazou als Handesel mit. Wir stiegen auf und ritten zur Galoppwiese. Allerdings galoppierten wir heute mit Thairu nicht, weil sie etwas fit war. Auch Hallu spielte sich ein paarmal auf, den Kopf verwerfend und mit den Vorderbeinen stampfend. Sie war wohl etwas grantig, weil sie nicht gasgeben durfte. Occu ritt die eigenwillige Fuchsstute trotzdem gelassen einhändig, denn sie kannte sie ganz genau und hatte keine Angst vor dem aufmüpfigen Verhalten. Und Hallu wusste, dass sie nicht mehr als so herumzicken durfte. Zazou wollte manchmal lieber am Wegrand anhalten um zu fressen. Occu musste ihn dann jeweils sanft mit der Gerte zum Weiterlaufen ermutigen. Wir hatten es ziemlich lustig unterwegs, und Thairu schien es auch zu gefallen.

      Als wir zurückkamen, war Suri schon da. Sie half mir beim Wegräumen von Thairu und Zazou, danach gingen wir zu Nosferatu und Fake. Wir machten zusammen einen Ausritt über den Fluss in Richtung Wilkinson Farm und plauderten ausgelassen über Peppy und mein erstes Rennen vor ein paar Tagen. „But this stupid cow Fiona… Only because she won in her group she thinks she’s the best. It really pisses me off.” “Don’t worry, you’re gonna show ’em”, meinte Suri zuversichtlich. “After all you’ve got Peppy. She’s a super-unicorn-pony!” Ich fiel vor lachen fast von Fakes Rücken. Wir kamen an den Weiden der Wilkinson Farm vorbei und Suri bemerkte „Oh, there’s a grey pony I haven’t seen before.“ „That’s right, you have not come here for a while, huh? He’s called Lindwedel.“ „Lindwedel? What a funny name! I kinda like it.“ “How about we go pay him a visit?” Suri nickte begeistert. Wir ritten auf den Hof und banden unsere Ponys beim Waschplatz an. Rosie bemerkte uns und kam zur Begrüssung rüber. „Hey Ladies. What’s up?“ „Hi Rosie. Can I show Suri Lindwedel?“ „Sure.“ Wir liefen über die Weide und ich streichelte unterwegs Islah, die uns neugierig ein paar Schritte entgegengekommen war. Auch Lindwedel hob den Kopf und kam auf uns zu. Suri war sofort verzaubert von seiner langen Mähne und dem dunkelgrauen Fell. „He is really, really cute. I’m sure he would be fun to ride”, meinte sie verträumt. “That’s the first time I hear you talk like that. Usually it’s always been me, craving to ride other people’s ponies.” Suri lächelte verlegen. “You can just ask Rosie, you know. I’m sure she’d allow you to ride him.” Suri schüttelte eifrig den Kopf. “No no, it’s fine. I’m very happy with riding Nossi!” Ich zuckte gleichgültig mit den Schultern. Wir blieben noch einen Moment auf der Wilkinson Farm, dann machten wir uns wieder auf den Weg.

      Nach dem Ritt machten wir uns auf die Suche nach den Katzen, denn Suri hatte noch gar nie alle gesehen. Moya war inzwischen leicht zu finden. Sie lag am liebsten im Wohnzimmer auf der Couch zusammengerollt. Sie mochte es nicht, wenn man sie streichelte (ausser bei Occu), also versuchte ich es gar nicht erst. Sonst hätte sie wohl eh gleich wieder die Flucht ergriffen. Jonas hatte eine Katzenklappe in die Tür eingebaut und Moya durfte rein und raus, wann immer sie wollte. Aber sie benutzte lieber das Küchenfenster, anders als Kafka, der die Klappe voll ausnutzte und dauernd Occu in ihrem Büro nerven kam. Wir fanden Gismo in einer der Sattelkammern, auf einer Schabracke schlafend. Er blinzelte müde, als Suri ihn streichelte und streckte sich anschliessend ausgiebig, ehe er sich wieder auf die Seite legte und einfach weiterschlief. Um Shiva zu finden, brauchten wir deutlich länger. Sie kletterte ausnahmsweise mal nicht auf dem Heuboden herum, sondern jagte auf dem Feld hinter der Rennbahn Mäuse. Von Kafka war keine Spur zu finden, aber ich wettete, dass er auch irgendwo am Jagen war. Wir spielten auch nochmal eine Runde mit Jackie und Sheela im Garten hinter dem Haus. Lisa und David winkten uns zu, als sie vom Ausritt mit Sweets und Bluebell zurückkamen. Später hängten wir ein wenig auf den Bäumen auf den Weiden herum. Der Apfelbaum auf der Stutfohlenweide hatte ein paar coole Astgabelungen, in die man sitzen konnte. Die Fohlen beobachteten uns dabei neugierig. First Chant wurde immer hellgrauer. Occu meinte, sie werde vermutlich ganz weiss, wenn sie gross ist. Am Anfang hatte ich das gar nicht glauben können. Ich verstand vor allem nicht, warum Lindwedel dann nicht auch weiss war, mit seinem Alter. Darauf hatte auch Occu keine ausreichende Antwort gewusst, nur „ist halt manchmal unterschiedlich“. Ich fand Chime so süss (da war es wieder, mein Flair für ganz helle Pferde). Die kleine Stute war dünner als die anderen, aber genauso verspielt und agil. Die kraulte sich mit Karma am Widerrist, dann frassen beide Kopf an Kopf. Richtig Idyllisch. Suri war vom Baum geklettert und machte eine Blumenkette aus Löwenzahn. Sie kam aber nicht weit, bevor Reverie angetrampelt kam und die Kette auffressen wollte. Ich lachte amüsiert und half Suri, ihr Kunstwerk vor den gierigen Fohlen zu verteidigen. Es war ja nicht so, als hätte es rund um uns herum nicht noch mehr Blumen gehabt. Aber wie immer waren die frechen jungen Pferde besonders an denen interessiert, die wir in der Hand hielten. Nur Cranberry und Indy waren abseits und grasten friedlich. Irgendwann überliessen wir den Fohlen die Kette und wechselten die Weide. Am liebsten kletterte ich nämlcih immernoch auf die Bäume der Stutenweide, denn die waren schön gross und hatten trotzdem praktische Äste für den Aufstieg. Suri blieb lieber auf den unteren Ästen, während ich zum bluffen gerne bis in die Baumkrone kletterte. Die Pferde kümmerten sich nicht sonderlich um uns. Wir ernteten höchstens manchmal einen skeptischen Blick von Phantom. Aber plötzlich spitzte die Herde die Ohren, denn Occu kam zum Weidetor. Ich liess mich vom Baum ins Gras fallen und rannte zu ihr rüber. „Schon wieder barfuss?“, meinte sie streng, sagte aber nichts weiter, ausser „passt einfach auf, okay.“ „Was machst du?“, fragte ich neugierig, als ich das Knotenhalfter und den Strick in ihrer Hand sah. Suri gesellte sich nun auch neben uns und streichelte Zira, die sich aber nach wenigen Berührungen wegduckte und auf Occus andere Seite auswich. „Ich will noch ein wenig mit Matinée arbeiten.“ „Können wir zusehen?“, fragte ich sofort aufgeregt. „Aber nur, wenn ihr nicht stört.“ Wir liefen zurück zum Baum und holten unsere Schuhe, dann folgten wir Occu, die inzwischen die Mustangstute eingefangen hatte. Es klappte jetzt wirklich schon gut, ganz anders als am Anfang, als Occu sie noch jedes Mal 10 Minuten hatte jagen müssen. Wir begaben uns in die Halle, weil die Sonne unbarmherzig auf den Sandplatz runterbrannte. Occu führte die Stute in der Halle herum und liess sie immer wieder ein wenig weichen. Dadurch wurde sie aufmerksam und weich im Umgang. Sie führte Matinée über eine am Boden liegende Stange und liess sie mitten darüber anhalten. Dann schickte sie die Stute seitwärts der Stange entlang. Am Anfang hatte Matinée das nicht gemocht. Ich hatte es einmal beobachtet; sie war immer wieder erschrocken, als sie die Stange berührt hatte und Occu war es kaum gelungen, sie anständig über der Stange anzuhalten. Inzwischen konnte Occu sich sogar über den Rücken der Stute lehnen, ohne dass diese ausflippte. „Soll ich aufsitzen?“, fragte Occu plötzlich. Ich war etwas unsicher, ob das schlau war. Denn ich hatte schon gesehen, wie Matinée bocken und ausschlagen konnte. „Weiss nicht… Ist das nicht gefährlich ohne Sattel?“ „Ohne Sattel ist es viel weniger riskant, glaub mir. Man fällt vielleicht schneller runter, aber man kann dafür nirgens hängen bleiben. Es gibt nichts schlimmeres, als vom Pferd nachgeschleift zu werden.“ Das verstand ich. Occu sprang an Matinées Seite auf und ab, um zu testen, ob sie sich nachhaltig an die Bewegung gewöhnt hatte. Dann sprang sie hoch und lehnte sich über den Rücken der Stute, das angespannte Seil in der linken Hand haltend, damit sie sofort den Kopf kontrollieren konnte, wenn die Stute Mätzchen machte. Als Matinée ruhig blieb, wagte sie es, das rechte Bein auf die andere Seite zu legen und sich aufzurichten. Sie kraulte Matinée ausgiebig am Hals, bewegte die Beine ein wenig, und liess sich dann wieder runtergleiten. „So, das war’s. Ich bin das erste Mal auf ihr gesessen.“ Suri und Ich klatschten begeistert, auch wenn das ganze etwas unspektakulär ausgesehen hatte. Matinée spitzte die Ohren und zuckte zusammen, als sie das Geräusch unserer Hände hörte, blieb aber neben Occu stehen. „Ich mache jetzt noch ein wenig longenarbeit mit ihr. Lily, kannst du mir die blaue Longe holen?“ Ich nickte und brachte sie ihr. Wir legten ein paar Cavaletti auf die Mittelvolte, damit Occu die Stute darüberschicken konnte. Das sei gutes Rückentraining, erklärte sie mir und Suri. „I don’t want to ride her until she’s got more back muscles.” Sie sah aber schon viel besser aus als bei ihrer Ankunft, wie ich feststellte, als ich sie beim Stangentraben beobachtete. Als sie angekommen war, hatte man die Rippen zählen können und der Rücken war total eingefallen gewesen. Occu hatte auch eine Tierärztin hiergehabt, die bestätigt hatte, dass Matinée unter Rückenschmerzen litt, die aber zum Glück nur von Verspannungen herrührten, nicht von irgendwelchen bleibenden Schäden. Die Stute war inzwischen von einem Chiropraktiker gelockert worden, und Occu konzentrierte sich nun auf den korrekten Muskelaufbau, damit die Stute in Zukunft keine Probleme mehr haben würde. Matinée trug den Kopf schön tief und schnaubte ab. Man merkte, dass es noch anstrengend für sie war, die verschieden hohen Cavaletti auf der Kurve zu überwinden. Aber das Training zeigte seine Wirkung und die Stute schwang mit dem Rücken schön mit, wie Occu uns zeigte. Am Ende bekam sie ein Leckerli und durfte zurück zu Phantom auf die Weide. Obwohl sie heute so brav gewesen war, sah man doch deutlich, dass sie immernoch am allerliebsten einfach bei ihren Kumpels auf der Weide stand, weit weg von Menschen, Seilen und unheimlichen Gegenständen. Irgendwie verstand ich sie gut. Ich war schliesslich auch lieber hier auf dem Hof bei den Tieren, als in der Schule. Aber um später klarzukommen, musste ich nunmal alles Nötige lernen, und so war das auch bei Matinée.

      30. April 2018
    • peachyes
      Birds of a feather flock together
      Phantom, Matinée, Black Powder War, Daedra, Iskierka, Empire State of Mind, Beck’s Experience, Glenn’s Caress, Blue Dawn’s Nachtfalke, PFS’ British Oreo Rascal, PFS’ Silver Lining, Xinu Xanu, Dakota S, Lady Diva from the Sky, Tigrotto, Snottles Peppermint, Silhouette of a Rose, Papillon d’Obscurité, PFS’ Dressy Miss Allegra, PFS’ Beck’s Daisy Orchid, PFS’ Dare to Shine, PFS’ Kicks-a-Lot, PFS’ Arctic Rainstorm, Chocolate Chip, Feline, Shadow, PFS’ Fist Chant, PFS’ Whirlwind, PFS’ Simply Priceless, PFS’ Challenging Time, PFS’ Cupid, PFS’ Skydive, PFS’ Call it Karma, PFS’ Soñando Solas, PFS’ Clooney, PFS’ Cranberry, PFS’ Reverie, Brendtwood

      «Hast du bei Daedra schon gegeben?» «Nö.»
      Wir waren gerade dabei das Kraftfutter zu verteilen. Überall scharrten und brummelten Pferde, um auf sich aufmerksam zu machen und bloss nicht vergessen zu werden. Iskierka keifte mal wieder mit ihren beiden Boxennachbaren, denn schliesslich war sie ja der Chef, und die anderen brauchten sich gar nicht einzubilden, sie bekämen das begehrte Müsli vor ihr. Am Ende musste sie sich natürlich trotzdem genau gleich gedulden, wie alle anderen. Ich wusste, dass man viele Zickereien verhindern könnte, wenn man die Pferde in der Reihenfolge ihrer Rangordnung fütterte, aber das war im Alltag eines Rennstalles nicht ganz so einfach umzusetzen, zumal immer mal wieder neue Tiere dazukamen oder Boxen gewechselt wurden. Zum Glück waren die meisten unserer Pferde anständig und nahmen nicht die halbe Box auseinander, wenn sie die Schubkarre erblickten. Ich schöpfte ein Mass voll für Daedra und kippte es der Stute in die Futterraufe. Sie fiel gierig darüber her, wie die anderen auch. Schliesslich brauchte so ein hochathletisches Rennpferd gehörig Energie, um die Leistung zu erbringen, die verlangt wurde. Ich ging weiter und fütterte die nächsten paar Vierbeiner, dann gelangten wir zum Hengsttrakt. Auch hier gab es viele hungrige Mäuler. Ich holte ein weiteres Mass voll und brachte es einem braun-schwarzen Vollblut namens Black Powder War. Es handelte sich um einen am Vortag eingetroffenen Jährling, den ich in den kommenden Tagen in die Fohlenherde integrieren musste. Er gehörte einem jungen Geschäftsmann und sollte nächstes Jahr als Rennpferd auf Pineforest eingestallt und trainiert werden, allerdings von einem auswärtigen Trainer und privaten Jockeys. Er war für uns also einfach ein weiteres Pensionspferd, um das wir uns kümmerten. Ein hübscher Kerl aber, mit einer grossen Blesse und dunklem, seidigem Fell. Sogar einen Bauchfleck hatte er - ich hätte ihn wohl auch ohne zu zögern gekauft. Er sah so aus, als würde er eher zu einem grösseren Modell heranwachsen, denn er war langbeinig und schlaksig, mit grossen Ohren. Jedenfalls war ich gespannt darauf, ihn in Zukunft auf der Bahn laufen zu sehen, auch wenn es (leider) nicht unter einem meiner Jockeys war.

      Wenig später brachte ich zusammen mit Lewis, Lisa und Lily ein paar Ladungen Heu zu den Weiden. Die Minis und Fohlen bekamen ja grundsätzlich kein Kraftfutter, höchstens abends zum Einfangen ein paar Krümelchen, trotzdem wollten auch sie noch etwas anderes als frisches Gras zwischen die Zähne bekommen. Manchmal brachten wir auch altes Brot oder Äpfel mit dem Heu mit, und versteckten diese besonderen Leckereien darin und rundherum auf der Weide, sodass sie zusätzlich beschäftigt waren. Aber meistens spürten sie die Verstecke viel schneller auf, als uns lieb war. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass die Minis eine ebenso feine Nase haben mussten wie Jagdhunde. Daki jedenfalls merkte es auch heute sofort, dass ich Karottenstücke in den Hosentaschen mittrug. Sie belagerte mich förmlich und ich musste sie zurechtweisen, weil sie ein paarmal zu frech wurde und an meinen Hosen zu ziehen begann. Sie wusste eigentlich ganz genau, dass das zu weit ging. Entsprechend schnell gab sie auf und wartete mit etwas mehr Abstand, mich stets im Auge behaltend. Sie war nicht die einzige; auch Chip, Tigrotto, Lady, Rose und Papillon warteten gebannt darauf, dass ich die Karotten herausrückte. Kiwi war mehr beschäftigt damit, Lewis zu verfolgen. Wir verteilten das Heu, während Darling und Acira bereits frech ein paar Halme aus der Schubkarre rupften. Allegra und Orchid frassen Kopf an Kopf, was ich total süss fand, zumal sie ja Halbgeschwister waren. Die beiden vertrugen sich hervorragend, trotz oder gerade wegen des Altersunterschieds. Peppy war heute ein bisschen für sich unterwegs, sonst stand sie gerne bei Rose und Tigrotto. Sie mampfte einfach zufrieden an ihrem kleinen Privathaufen. Bei den Hengstchen war es ein ähnliches Bild: Lenny und Becks machten es sich zum Ziel, möglichst viel Heu zu stehlen, bevor wir es ausladen konnten. Lining, Falke und Oreo dagegen warteten geduldig, bis sie ihren Haufen vorgesetzt bekamen. Xinu war der einsame der Gruppe. Er hatte am Anfang etwas Mühe damit gehabt, sich in seinem neuen Zuhause zurechtzufinden. Er war sogar eine Weile etwas dünner geworden und hatte einen gestressten Eindruck gemacht. Vermutlich hatten ihn die anderen am Anfang etwas ‘gemobbt’, sodass er nicht zur Ruhe gekommen war. Aber mittlerweile war alles okay und er hatte wieder mehr auf den Rippen. Er ging den anderen trotzdem noch etwas aus dem Weg, besonders Lenny, dem Anführer der kleinen Herde. Ich kraulte im Vorbeigehen seine graue Mähne und warf einen Blick auf die kleine Bisswunde an seiner Schulter, die er von einem neulichen Gerangel mit eben Lenny davongetragen hatte. Xinu sah mich nur etwas verträumt-kauend an, mit seinen ungewöhnlich hellbraun-gründlichen Augen. Je nach Licht war es schwierig zu sagen, welche Farbe sie tatsächlich hatten.

      Wir holten Nachschub und wechselten dann zu den Fohlenweiden. First Chant kam sogleich anstolziert und verlangte ihre Portion im Voraus, was natürlich nicht funktionierte. Sie musste wie alle anderen warten. «Irgendwie scheint das so ein Schimmel-Ding zu sein», bemerkte ich an Lewis gewandt, «Empire ist auch so futterneidisch, und wie’s mit Iskierka läuft, brauche ich dir ja wohl nicht zu erzählen» Er kicherte gewissermassen und meinte nur «Feline ist ein Engelchen, also geht deine Theorie nicht ganz auf.» «Die Ausnahmen bestätigen die Regel», konterte ich knapp und griff eine ordentliche Portion Heu für Whirlwind und Karma, die mich bittend ansahen. Ich staunte immer wieder, dass Karma mit ihren grossknochigen, langen Beinen so geschickt umgehen konnte; aber zum Beispiel gerade in diesem Moment pfefferte sie der armen Cranberry eine, die von hinten versucht hatte, sich zum Haufen durchzudrücken. Weil die beiden abgelenkt waren, schaffte es stattdessen Reverie sich vorzudrängeln. Ich verstreute eine Extraportion für Chime, damit sie auch wirklich genug bekam. Die feingliedrige, verletzliche Stute hatte ja ohnehin Probleme mit der Nährstoffaufnahme, und mit den zusätzlichen Rangeleien aus Futterneid hatte ich Angst, dass sie sonst fast gar nichts abbekommen könnte. Ich war froh zu sehen, wie sie einige grosse Maulvoll zu sich nahm und zufrieden darauf herumkaute. Bei den Junghengsten gab es zum Glück keine Sorgenkinder; Simply Priceless, Cupid, Clooney, Solas und Woody waren sogar so wohlauf, dass sie im gestreckten Galopp über die Weide auf uns zu bretterten, und erst kurz vor den Schubkarren halt machten. Ich fragte mich einmal mehr, was wieder in sie gefahren war. Vermutlich hatte sie wieder irgendwas Unheimliches dort drüben aufgewühlt. Oder das Heu war plötzlich unglaublich viel leckerer geworden. Nur Skydive war schon längst bei uns und fiel als erster über die Ladung her, ohne zuerst noch seine Geschwindigkeit und Kraft demonstrieren zu müssen. «Jungs eben», stellte ich fest, und Lisa kicherte zustimmend.

      Später am selben Tag, am frühen Nachmittag, wollte ich einen Ausritt mit Matinée machen. Die Stute war zwar noch immer nicht wirklich ein Verlasspferd geworden, aber wir hatten in letzter Zeit kaum noch Ärger zusammen gehabt, auch wenn Phantom mal nicht dabei war. Sie mochte es trotzdem, hin und wieder, ihr kleines Fangspiel mit mir zu spielen, wenn ich sie von der Weide holen wollte. Ich fand das natürlich wahnsinnig lustig, und seufzte jeweils nur enttäuscht, wenn sie Anstalten machte, sich wegzudrehen. Heute liess sie mich zunächst herankommen und nahm vorsichtig die Karotte aus meiner Hand, die ich ihr anbot. Danach nutzte sie jedoch meine Gutgläubigkeit aus und ich konnte ihr schon wieder nur noch hinterhersehen. «Nah, girl. we don’t do that. You know it.» Ich lief hinterher und hielt sie in Bewegung, bis sie sich mir zuwandte; und wenn es auch nur ein Ohr war. Dann nahm ich den Druck weg und lud sie ein. Wenigstens stieg sie schon nach zwei Versuchen darauf ein und liess sich aufhalftern. Ich lobte sie mit einem kurzen Halsklopfen – es brachte nichts, nachtragend zu sein – und führte sie zum Satteln in den Nebenstall. Ich ritt sie heute mit Bareback-Pad, weil sie den Westernsattel noch nicht oft getragen hatte und ich mich erstmal an das halten wollte, was sie kannte, wenn ich allein mit ihr ins Gelände ging. Ich streifte ihr nach dem Putzen das Kopfstück des Bosals über die schlanken, grauen Ohren und führte sie anschliessend auf den Grasstreifen vor dem Nebenstall. Ich nutzte den Rand der geteerten Terrasse des Nebenstalls als Aufstieghilfe. Sie hielt still, aber ihre Ohren verrieten, dass sie sich anspannte. Deshalb stieg ich gleich nochmal ab, legte mich über ihren Rücken, liess sie etwas Seitwärtstreten und wiederholte das Aufsteigen, bis sie lockerer blieb und sich die Lippen leckte. Erst dann ritt ich los in Richtung Galoppwiese. Während wir liefen, wurde sie immer ruhiger und ihre Schritte gleichmässiger. Sie sah sich hin und wieder um und die Ohren spielten aufmerksam, aber sie fühlte sich deutlich sicherer an, als die letzten paar Male. Nur einmal machte sie eine Ausweichbewegung, als wir an einem Schild vorbeikamen. Ich machte mir etwas Sorgen um allfällige Dirtbike Fahrer, die uns begegnen könnten. Aber ich konnte Matinée schliesslich nicht den ganzen Herbst lang auf Pineforest einsperren, ohne mich auch mal ein paar Schritte vor zu wagen. Mein Ziel war es, dass sie nicht noch mehr zu kleben begann, als sie es ohnehin schon tat, denn wann immer Phantom dabei war, schien sie kooperativ und mutig; aber sobald er sich ausser Sicht befand, fiel sie manchmal in eine Art halb-rohen Zustand zurück. Deshalb war ich auch heute allein unterwegs, um so viel wie möglich an unserer Pferd-Mensch Beziehung zu arbeiten. So schlichen wir zusammen durch den Pinienwald und lauschten der Natur um uns herum. Unsere noch so verletzliche Beziehung wurde kurz darauf auf die Probe gestellt, und es kam völlig unerwartet für mich, denn der Auslöser war kein Dirtbike, welches man schon von Weitem gehört hätte. Eine Gruppe junger Hirsche stakste ein Stückchen vor uns beinahe geräuschlos über die Piniennadeln. Ich sah sie mit ihrem gut getarnten, braunen Fell erst, als es schon zu spät war, aber sie sahen mich und meine graue Mustangstute natürlich viel früher. Sie setzten sich alle gleichzeitig in Bewegung, als sie fanden, dass der Sicherheitsabstand unterschritten war. Matinée erschrak genauso wie ich und drehte sich abrupt ab. Ich war eine Sekunde zu langsam und die Fliehkraft riss mich seitlich runter. Ich klammerte mich noch in der Mähne der Stute fest, aber es half nichts mehr; ich landete unsanft (und sicherlich auch unelegant) auf dem Waldweg. Sofort rappelte ich mich wieder hoch, gab aber im selben Moment mein Vorhaben schon wieder auf, denn mit Matinées Galopp konnte ich unmöglich mithalten. Sie bretterte den Waldweg entlang davon, und ich stützte mich einen Moment auf meine Knie, um meinen Atem wiederzufinden. Meine Hüfte schmerzte etwas, aber mehr als ein paar blaue Flecken würde das nicht geben, denn der Waldboden hatte meinen Sturz zum Glück einigermassen abgefedert. Ich wollte mein Handy aus der hinteren Hosentasche ziehen, doch dann fiel mir ein, dass ich es Zuhause auf dem Küchentisch liegengelassen hatte. Wundervoll, sagte ich zu mir selbst, und hätte meinen Kopf am liebsten gegen einen Baum geknallt. Es blieb mir nichts anderes übrig, als Nachhause zu laufen, und zu hoffen, dass Matinée ebenfalls von selbst dorthin zurückkehrte. Wenn sie vor mir dort ankommt, dann werden sie nach mir suchen, stellte ich fest. Ich lief also so rasch wie möglich aus dem Wald aufs offene Feld, sodass ich gut sichtbar war. Aber erst, als ich die Tannen der Galoppbahn erreichte, kam Lewis von den Weiden her auf mich zu. «Why are you walking around by yourself?», fragte er stirnrunzelnd. “Matinée thought she had enough of me”, antwortete ich, halb scherzend. “No way! She threw you? Where is she?” “Well, obviously not here.” “Shit, ‘you okay?” Ich versicherte ihm, dass ich nichts weiter als blaue Flecken hatte. Wir liefen zusammen zum Hauptstall und versammelten ein paar Pfleger; es war wiedermal Zeit für eine Suchaktion. Jonas war milde gesagt «not amused», als er erfuhr, dass ich gestürzt war. Ich ignorierte seine «ich hab dir doch gesagt du sollst mit ihr nichts wagen und schon gar nicht alleine gehen»-Predigt und hastete zur Stutenweide, um Phantom zu holen. Ihn als Lockvogel zu benutzen würde vielleicht die einfachste Möglichkeit sein, sie wieder einzufangen. Ich sattelte den Rappen, während Jonas dasselbe mit Shadow tat. Die Hunde liessen wir zuhause, denn sie hätten Matinée gewiss eher vertrieben als angelockt. Gemeinsam trabten wir zurück an die Stelle, an der Matinée mich zurückgelassen hatte, um wenn möglich ihre Spuren zu verfolgen. Man sah zum Teil ein paar frisch aufgewühlte Stellen mit dunkler Erde in den Piniennadeln, in der Grösse von Hufabdrücken, also klappte dieser Plan eine Weile lang ganz gut. Dann kamen wir jedoch an den Waldrand und auf dem Feld vor uns erkannte man nichts mehr. Ich sah mich gründlich um, aber ich konnte das graue Fell der Stute nirgendwo entdecken. «Wohin würde ein Wildpferd im Pineforest Park flüchten?”, überlegte Jonas laut. «In den Wald? Keine Ahnung…» Ich war ratlos, also ritten wir einfach geradeaus weiter und hofften, Matinée zufällig anzutreffen. Wir waren den ganzen restlichen Nachmittag unterwegs, aber von der Mustangstute fehlte jede Spur. So langsam machte ich mir wirklich wirkliche Sorgen, denn je länger sie verschollen war, desto weiter weg konnte sie sich entfernt haben. Irgendwann beschlossen wir, dass es keinen Sinn mehr machte, mit den Pferden weiterzusuchen und dass Phantom und Shadow eine Pause verdient hatten. Es gefiel mir zwar überhaupt nicht, noch mehr Zeit zu verschwenden, aber ich musst einen anderen Weg finden, um sie aufzuspüren. Phantom schien gar nichts von Matinées Verschwinden bemerkt zu haben. Er lief wie immer zügig nach Hause, schien dabei aber ganz entspannt. Gerade, als wir die Tannen der Galoppbahn passierten und wir freie Sicht auf den Hof vor uns hatten, entdeckte ich völlig überrascht einen bekannten, grauen Kopf mit gespitzten Ohren hinter dem Offenstallgebäude hervorlugen. Kurz darauf erklang ein schrilles Wiehern und die Stute kam auf dem Kiesweg zu uns getrabt. Völlig perplex sah ich Jonas an, dann lachten wir laut los. Ich konnte es kaum glauben, dass die Stute uns so an der Nase herumgeführt hatte. Ich hatte schlichtweg nicht erwartet, dass sie wirklich freiwillig zurückkehren würde. Andererseits machte es am meisten Sinn, denn sie kannte ja nur Pineforest und hier befand sich auch ihre Herde. Sie zeigte deutlich, dass sie Phantom gesucht hatte, denn sie folgte uns, oder zumindest ihm, auf Schritt und Tritt zur Weide zurück. Trotzdem atmete ich erst definitiv auf, als beide wieder sicher hinter dem Zaun auf der Weide standen. Kopfschüttelnd meinte ich an Jonas gewandt: «Das war jetzt was. Ich hab überreagiert, nicht wahr? Ich meine, es sind schon viele Pferde ausgebüxt, und dabei war ich nie so gestresst. Es ist nur so weil ich im Kopf hab, dass die beiden Mustangs sind. Dabei ist Phantom mittlerweile ein Verlässlicher Partner und Matinée hat auch schon viel dazugelernt – das hat sie gerade eben wieder bewiesen.» «Ja, und davor hat sie bewiesen, dass sie eben doch noch nicht so weit ist!», meinte Jonas leicht aufgebracht. «Jedes Pferd kann sich mal erschrecken. Das passiert bei gezüchteten Warmblütern genau gleich wie bei Wildpferden. Ich war einfach nicht aufmerksam genug.» «Ich finde, man merkt schon einen deutlichen Unterschied in Sachen Reaktionsfreude. Die Schuld nur auf dich zu nehmen finde ich auch nicht ganz okay, denn eigentlich sollte Matinée langsam wissen, dass du auf sie aufpasst – sofern du auf ihrem Rücken bleibst.» «Sie scheint es ja zu wissen, sonst wäre sie nicht freiwillig zurückgekommen…» «Sie ist wegen Phantom hier, hundert Pro!» «Können wir das lassen?» Ich umarmte ihn beschwichtigend. «Es ist nichts passiert, und alle sind in einem Stück nach Hause gekommen. Lassen wir es einfach dabei, dass du Recht hattest und sie noch nicht bereit war, um alleine mit mir rauszugehen.» Er drückte mich an sich und meinte: «Diesmal ist nichts passiert. Sei einfach vorsichtiger in Zukunft, okay?» «Mach dir keine Illusionen – ich werde immer mal wieder runterfallen, das gehört einfach dazu zum Reiten» «Jetzt fängt das schon wieder an!» Wir sahen uns in die Augen und ich begann zu lachen; er stieg darauf ein. Er tadelte mich trotzdem noch auf dem ganzen Rückweg zum Hauptstall.

      vom 24. September 2018
    • peachyes
      Vorweihnachtliche Stimmung
      Empire State of Mind, Painting Shadows, Iskierka, Caspian of the Moonlightvalley, PFS‘ Ravissante, PFS’ Skydive, PFS’ Reverie, Brendtwood, PFS’ Soñando Solas, PFS’ First Chant, PFS’ Clooney, PFS’ Cranberry, PFS’ Cupid, PFS’ Sciaphobia, PFS’ Vivo Capoeira, PFS’ Challenging Time, PFS’ Simply Priceless, PFS’ Call it Karma, PFS’ Whirlwind, Black Powder War, PFS’ Karat, Snottles Peppermint

      So langsam hatte ich mich wieder so sehr an den Nebel gewöhnt, dass er mir gar nicht mehr auffiel. Aber heute sah man wirklich so wenig, dass ich mir Sorgen machte, ob die Pfleger den Weg zu den Ställen finden würden. Das Vollbluttraining war dann auch ganz lustig, weil Oliver keine Chance hatte zu erkennen, welches Pferd an welcher Stelle lief. Er rief mehrfach falsche Namen durch den Nebel und die Jockeys kicherten jeweils amüsiert. Einmal, als ich mit Painting Shadows über die Bahn bretterte, kam ich mir ganz alleine vor. Vor und hinter uns hörte die Bahn einfach in einer grauen Wand auf, als wäre sie verschluckt worden. Die Sonne musste zu diesem Zeitpunkt schon aufgegangen sein, weil wir ja im Winter etwas später mit dem Training begannen, aber wirklich hell war es irgendwie doch nicht. Paint war der Nebel egal, sie lief einfach ihr Renntempo und bremste erst, als ich die Zügel straffte und in den Bügeln aufstand. In der vorherigen Runde mit Caspian hatte ich den Markierpfosten, bei dem wir bremsen mussten beinahe verpasst. Wir beendeten das Training mit dem Austraben und brachten die Pferde dann zurück zum Stall. Ihre Felle waren durch die feuchte Luft angenässt, aber natürlich auch durch die Anstrengung. Als ich hinter Iskierka lief, fiel mir auf, dass ihr Eisen hinten links etwas locker schien. Die Beschlagsperiode neigte sich bei ihr ohnehin dem Ende zu, also notierte ich mir innerlich, später noch einen Termin mit dem Schmied zu vereinbaren. Die Pferde kamen zum Trocknen mit Fleecedecken eingepackt in den Freilauftrainer. Ich überliess den Rest den Pflegern und begab mich zu den Fohlenweiden. Ich rief Lewis und Linda, damit wir uns gemeinsam ein paar der Rabauken in Sachen Halfterführigkeit vornehmen konnten. Solas war meine erste Wahl, denn ich brannte sehr darauf, dem braunen Moon-Sohn Manieren beizubringen. Als halbstarker Junghengst hatte er viel Unsinn im Kopf – artig sein und sich konzentrieren gehörten bisher eindeutig nicht dazu. Lewis fing sich Simply heraus, Linda widmete sich Clooney. Die Vollblüter wurden ja schon mit zwei Jahren vorsichtig angeritten und trainiert, um ihren Knochenstrukturen die Chance zu geben, sich an die Belastung des Rennsports anzupassen. Umso wichtiger war es, dass die Jünglinge die Grundlagen des Umgangs beherrschten. Aber auch Clooney und Solas, die noch ein Jahr Fohlenweide vor sich hatten, schadete das Training nicht. Ich war schon dafür, die Fohlen so viel wie möglich ungestört ihre Jugend geniessen zu lassen, aber gewisse Basics mussten einfach sein, so wie bei Kindern, die in den Kindergarten gingen. Die Schule war dann gewissermassen das Einreiten. Wir führten die drei in die Halle und zeigten ihnen erstmal alle unheimlichen Ecken und Winkel. Zusammen fühlten sie sich nicht so verloren, aber einmal wieherte Simply trotzdem, um sich nach dem Verbleib seiner auf der Weide übriggebliebenen Kumpels zu erkunden. Gerade als Linda mit Clooney an der Hallenecke bei der Reiterstube vorbeikam, huschte eine Maus durch, sodass Clooney misstrauisch einen Bogen machte. Wir legten ein paar Stangen aus und liefen mit den Fohlen darüber oder im Slalom um Hindernisständer herum. Dabei übten wir auch immer mal wieder anzuhalten, oder sogar ein Stückchen rückwärts zu treten. Ich liess Solas auch mit der Hinterhand oder der Vorhand weichen, und zwar so, dass er die Idee bekam, seine Beine zu kreuzen. Er stellte sich ziemlich ungeschickt an, aber ein paarmal brachte ich ihn zum Kreuzen. Nach einer Weile (die Konzentrationsspanne war bei den ‘Babys’ noch nicht so lang) brachten wie die drei zurück und holten die Nächsten. Ich wählte diesmal Skydive aus, Lewis nahm Cupid und Linda Woody. Capy liessen wir heute noch unangetastet – er war vor ein paar Tagen schon von Lewis etwas herumgeführt worden. Das Training von Black Powder War, der soweit ich wusste ebenfalls im Frühling angeritten werden würde, unterlag nicht meiner Verantwortung. Deshalb nahmen wir ihn auch nicht mit, obwohl ich das gerne getan hätte. Er folgte uns nämlich beide Male bis zum Tor bzw. dem Zaun entlang und sah uns sehnsüchtig hinterher. Aber da liess sich nun mal nichts machen; ich durfte nicht einfach die Pensionärspferde ‘entführen’ und wie meine eigenen behandeln. Aber wenigstens schien der Besitzer des jungen Hengstes ein anständiger, wenn auch etwas wortkarger Typ zu sein, der seinen Schützling regelmässig besuchen kam. Da war ich im Vergleich ja sogar schon auf gewisse Weise vernachlässigend: Ich hatte den Neuankömmling, der später, gegen Abend desselben Tages eintraf, während der Zeit auf der auswärtigen Fohlenweide kaum besucht – das nur weil ich wusste, dass er in guten Händen gewesen war. Karat, ein leuchtend fuchsfarbenes Hengstfohlen von Satine, war bisher bei einem Züchterkollegen untergebracht gewesen. Dieser löste seine Fohlenweide jetzt jedoch vor dem tiefen Winter auf, weil seine Weiden den Sommer über unter der ganzen Hitze ohnehin schon zu sehr gelitten hatten, er sie nun über den Winter schonen wollte, damit im Frühling überhaupt wieder etwas wuchs, und er ausserdem auch zu wenig Heuvorrat hatte, um die Fohlen anständig durchzufüttern. Auch bei uns würde es wohl diesbezüglich etwas knapp werden, denn wir bezogen unser Heu von den umliegenden Bauernhöfen, und die hatten dieses Jahr ebenfalls deutlich weniger mähen können als sonst.
      Wir übten den Morgen hindurch selbstverständlich nicht nur mit den Hengstfohlen, sondern auch mit den Stütchen. Saphi, die mittlerweile abgeholt und gut in die Herde integriert worden war, benahm sich dabei nicht ganz so anständig wie die anderen. Zu abgelenkt und stürmisch war sie aufgelegt, sodass Lewis sie nur mühsam führen konnte und sie mehrfach zurechtweisen musste. Sie brauchte übrigens noch einen richtigen Namen, der auch für Rennen taugte. Der Vorbesitzer hatte damit bis zu ihrem Trainingsbeginn warten wollen, um den Namen dann passend zu ihrem Charakter auf der Bahn zu wählen. Da mir spontan bisher nichts eingefallen war, und ich zu wenig Zeit hatte, dem wirklich nachzugehen, verlegte auch ich die Namenssuche voraussichtlich auf den Frühling, ausser jemand hatte vorher eine blendende Idee. «How ‘bout ‘Annoying Brat’?», bemerkte Lewis genervt, als hätte er meine Gedanken gelesen, während er die Stute, die ihm schon wieder zu nahe aufgerückt war, leicht genervt rückwärtsschickte. «It has to start with S though», antwortete ich lächelnd. Darauf hatte ich mich beim Kauf mit allen Beteiligten geeinigt, in Anlehnung an ihre Mutter Sumerian. Der ging es mittlerweile wieder viel besser. Parker führte sie viel im Schritt spazieren, und dabei lahmte sie zumindest schon nicht mehr. Traben durfte Sumerian aber erst in ein paar Wochen wieder vorsichtig, und am besten nur geradeaus. Reiten würde man sie dann zumindest im Schritt auch wieder können. Verkauft an Parker hatte ich sie noch nicht, aber das wollten wir bald pünktlich zum neuen Jahr erledigen. Abgesehen von Saphi benahmen sich die Stuten akzeptabel. Cranberry und Whirlwind gar hervorragend. Mit Karma hatte ich das ein- oder andere Hühnchen zu rupfen, aber im Großen und Ganzen machte sie motiviert mit. Chime war todlieb, aber etwas ungeschickt mit ihren vier langen Beinen. Ausserdem versuchte sie die ganze Zeit, Lindas Schal ins Maul zu nehmen, wie ein nerviges Kleinkind. Die Pflegerin nahm’s mit Humor, aber es fiel ihr dadurch schwer, ernsthaft zu bleiben und sich auf das Training zu konzentrieren. Chia markierte ausnahmsweise mal nicht den heissblütigen Araber, sondern schien diesmal sogar etwas schwer zu begeistern für die Stangen auf dem Boden. Viel lieber schnüffelte sie im Hallensand herum und versuchte, die Spuren der anderen Pferde zu lesen. Reverie war als einsame letzte dran. Das machte aber nichts, denn sie war sowieso eine der älteren Jungstuten und es war im Hinblick auf das Einreiten wichtig für sie, auch mal das allein Sein zu üben. Sie rief zwar ein paarmal nach den anderen, aber sie hörte trotz allem auf meine Körpersprache. Linda und Lewis machten unterdessen schonmal eine Heuration für die Offenställe bereit.

      Über den Mittag recherchierte ich nebst dem Kochen ein wenig über das kommende Finale des Shetty Grand Nationals an der International Horse Show in London. Das Ganze fand über Weihnachten statt, aber das machte weder Lily noch Jonas und mir etwas aus. Wir freuten uns alle darauf und waren gespannt auf die Rennleistung von Peppy und Lily. Die Shettystute war topfit und Lily hatte den ganzen Herbst hindurch fleissig mit ihr trainiert. Die nötigen Qualifikationsrennen hatten wir alle absolviert, und meine ehrgeizige Nichte hatte sich riesig gefreut, als sie zur Belohnung die Einladung zum Final bekommen hatte. Mit etwas Glück würden wir dort vielleicht ja sogar die Queen sehen, denn die war anscheinend in der Vergangenheit auch schon mehr als einmal vor Ort gewesen, um ihre geliebten Pferde zu bestaunen. Moya schlich sich durch den Türspalt in mein Büro und sprang auf meinen Schoss. Ich erschrak dabei leicht, weil ich sie gar nicht bemerkt hatte. Sie schnurrte und rollte sich zu einem rauchig schwarzen Fellball zusammen, ehe sie genüsslich damit begann, ihre Brust zu lecken. Manchmal verstand ich das Katzentier einfach nicht. Sie konnte wie ein wildes Raubtier fauchen und sich in der dunkelsten Ecke des Hauses verkriechen, wenn man auch nur Anstalten machte, die Hand nach ihr auszustrecken; dann wiederum zu einem verschmusten Stubentiger mutieren, wie gerade jetzt. Es schien so, als sei sie einfach sehr eigenwillig und wollte nur gestreichelt werden, wenn sie das selbst so entschieden hatte.

      Am Nachmittag holte ich ein neues Sportpferdchen ab. Die Stute hiess Ravissante und war eine Tochter von Sunday. Allerdings war sie kein Rennpferd, sondern sollte später im Springsport laufen, wenn alles gut ging. Die Stute war ein gewöhnlicher Brauner, wie ihr Vater. Sie hatte einen hübschen Kopf und grosse Augen, das kam vielleicht von dem arabischen Blut der Mutterseite. Sie bezog Quartier im Nebenstall, in der Box von Satine, die kürzlich leer geworden war. Leergeworden, weil Satine umgezogen war, an denselben Ort wie Fly und Chiccory. Es gab diverse Gründe dafür, aber einer der wichtigsten war schlichtweg Platz- und Zeitmangel, so blöd das klang. Am neuen Ort hatte sie eine ambitionierte junge Reiterin, die ihr die volle Aufmerksamkeit schenken konnte. Auch Parànyi hatte eine neue Reiterin gefunden – etwas überraschend. Angelina hatte nämlich ihre Stute Nera verkauft, weil sie, in ihren eigenen Worten ausgedrückt, einfach nicht die Beziehung mit ihr hatte aufbauen können, die sie sich gewünscht hatte. Auch wenn sie es nicht direkt zugeben wollte, sah ich einen weiteren Grund darin, dass die Stute am Ende doch nicht das Dressurpotential besass, dass Angy sich versprochen hatte. Umso gelegener kam ihr unser Deal, dass sie Parànyi zukünftig für Pineforest Stable vorstellen durfte. Ausserdem hatte ich die erfahrene Dressurreiterin überzeugen können, dass sie auch weitere meiner Pferde trainieren und an Turnieren reiten würde. Ich bespasste am Nachmittag Empire, wobei es leicht zu schneien begann, und ich mir auf unserem Ausritt vorkam, wie im Film «Drei Nüsse für Aschenbrödel», den meine Mutter immer so gerne an Weihnachten schaute. Bis zum Abend hatte der Schnee dann leider doch wieder aufgehört, sodass es wohl dieses Jahr keine weisse Weihnacht geben würde.

      vom 26. Dezember 2018
    • peachyes
      Abkühlung
      Stars of Magic, PFS’ Skydive, PFS’ Reverie, Brendtwood, PFS’ Karat, PFS’ Soñando Solas, PFS’ First Chant, PFS’ Clooney, PFS’ Cranberry, Black Powder War, PFS’ Sciaphobia, PFS’ Vivo Capoeira, PFS’ Cupid, PFS’ Challenging Time, PFS’ Simply Priceless, PFS’ Call it Karma, PFS’ Whirlwind

      In letzter Zeit war es mir oft zu heiss für das Training mit den Fohlen gewesen, aber kam mir ein Einfall, den ich längst hätte haben müssen. Die Temperaturen waren nämlich so schweisstreibend, dass ich die Fohlen abkühlen wollte. Also beschloss ich kurzerhand, ein Abspritz-Training aufzugleisen. Hilfe bekam ich von Lewis und Lisa. Mehr Leute brauchte es nicht, weil wir ohnehin nur zwei Waschstellen im Innenhof des Hauptstalls hatten. Die ersten beiden, die herhalten mussten, waren Skydive und Brendtwood – Lisa bestand darauf, es mit ihrem Haflingerhengst zuerst zu versuchen. Wir holten die beiden von der Weide und brachten sie zum Hauptstall. Allein das war schon ein ganz schönes Theater, denn Woody hatte seine Bedenken, als es darum ging, sich von seiner Gruppe zu entfernen. Lisa, die ihn eigentlich längst einreiten wollte, es aber ständig aufschob, hatte dem stämmigen dreijährigen kräftemässig leider nicht viel entgegenzusetzen. Deshalb schaffte er es auch, sich beim Nebenstall loszureissen und im Galopp zurück zur Weide zu brettern. Lisa holte ihn schliesslich mit Lewis‘ Hilfe zurück. Das Anbinden kannten die Jungspunde schon. Besonders Skydive stand wie ein Musterschüler, denn Lily hatte ihn ja ständig angebunden und geputzt. Ich zeigte dem Ponyhengst zuerst den Schlauch, dann drehte ich das Wasser auf und richtete es neben ihm auf den Boden. Er sah interessiert zu und zuckte auch kaum zusammen, als ich es auf seine Beine schwenkte. Offenbar gefiel ihm die Abkühlung, denn er hielt brav still und spielte am Ende sogar mit dem Wasser, indem er sein Maul mitten in den Strahl streckte. Leider war Lily in der Schule und konnte das nicht miterleben, aber ich knipste ein paar Fotos mit meinem Handy. Brendtwood machte sich nach den Startschwierigkeiten besser als erwartet. Er war zwar nicht so entspannt wie Sky, aber er liess sich die Prozedur gefallen. Die nächsten Kandidaten waren Karat und Solas. Auch die zwei freuten sich einigermassen über die Abkühlung. Anders als Clooney, der den Schlauch unglaublich angsteinflössend fand. Cupid und Capoeira blieben brav und fanden beide rasch heraus, dass sich das Stillhalten lohnte – es winkte eine Karotte am Ende des Bads. Simply hielt zwar nicht still, schien aber auch nicht besonders viel Angst zu haben; er war einfach nur ungeduldig. Black Powder War stand inzwischen übrigens im Hauptstall. Er wurde seit ein paar Monaten trainiert und hatte auch schon erste Rennen bestritten, mit abwechslungsreichen Resultaten. Ich hielt mich aus seinem Training gänzlich raus, da er nur bei uns eingestallt war.

      Bei den Stuten hatten wir ein paar Kandidaten, die etwas heikler auf das Wasser reagierten, namentlich Karma, Indy und Cranberry. Besonders letztere mochte zwischen den Hinterbeinen überhaupt nicht und zog protestierend den Po ein. Reverie und Chime waren zum Glück wiederum unkompliziert und auch eher auf der verspielten Seite. Wie erwartet machte auch First Chant einen Zappel-Tanz, aber sie kriegte sich angesichts meiner gezielten Pausen rasch wieder ein. Ich nahm den Strahl nämlich jedes mal rasch weg, wenn sie sich stillhielt und liess ihn jeweils auf sie gerichtet, wenn sie es nicht tat. Das funktionierte auch bei Saphi gut. Sie mochte dafür den Fliegenspray nicht, mit dem wir alle Fohlen nach dem Duschen noch besprühten. Am Ende hatten wir einen Haufen nasser Fohlen auf der Weide, die in der Sonne grasten, um zu trocknen.

      vom 30. Juni 2019
    • peachyes
      Von überlaufenden Fässern
      Iskierka, Raving Hope Slayer, PFS’ Riptide, One Cool Cat, Kaythara El Assuad, PFS’ Counterfire, Daedra, Unbroken Soul of a Rebel, Burggraf, Areion, Diarado, Drømmer om Død, Vychahr, Flintstone, Nosferatu, Cambria, White Dream, Yoomee, Silverangel, Fake my Destiny, River’s Lychee, scs Sugar and Sweets, scs Bluebell, PFS’ Shadows of the Past, Nimué, Moon Kiddy, Chanda, Dancing Moonrise Shadows, Phantom, Matinée, PFS’ Ljúfa, PFS’ Skydive, PFS’ Reverie, Brendtwood, PFS’ Soñando Solas, PFS’ First Chant, PFS’ Clooney, PFS’ Cranberry, Cinnemont’s History, All Pride, PFS’ Karat, PFS’ Lyskra, PFS‘ Savory Blossom, Odyn, PFS‘ Strolch, Eismärchen, Piroschka, Louvré

      Was ist nur aus dem Herbst geworden?, trauerte ich innerlich, als ich zum Fenster hinaussah und feststellte, dass der Tau auf dem Gras gefroren war. Ich sah ausserdem nicht besonders weit, denn eine dicke Nebelwand verechluckte die Gebäude des Hofs. Irgendwie hatte der Herbst diesmal kaum mehr als zwei Wochen angedauert, danach hatte gleich der Winter angeklopft. Es waren sogar schon die ersten Schneeflocken gefallen, jedoch auch gleich wieder verschwunden, kaum dass sie den Boden berührt hatten. Ich rieb mir die Augen, als Jonas das Licht einschaltete. "Warum stehst du hier im Dunkeln rum? Komm runter, Frühstück steht auf dem Tisch." Es war mir ein Rätsel, welches Virus ihn diesmal erwischt hatte, dass er für einmal früher aufgestanden war als ich. Normalerweise musste ich ihn regelrecht aus dem Bett zerren, in der kalten Jahreszeit ganz besonders. Ich zog mich an und stakste die Treppen runter, möglichst leise, um Lily nicht zu wecken. Sie musste wie immer erst um 8 Uhr zur Schule, wohingegen das erste Rennpferdetraining um 6 Uhr begann. Bei so vielen Vollblütern wie wir mittlerweile hatten, konnten wir auch im Winter nicht später anfangen - sonst reichte die Zeit für alles andere nicht mehr. Und den nächste Zuwachs erwarteten wir bereits im Frühling: Felicita, Deadly Ambition und Savory Blossom erwarteten Fohlen. Ich freute mich besonders auf das von Felicita, denn der Vater war Gleam of Light und somit hatte es zwei besonders treue Gefährten aus den Anfängen meiner Zeit auf Pineforest als Eltern. Der Gedanke weckte eine gewisse Nostalgie in mir. Damals waren nur eine Handvoll Rennpferde auf dem Hof gewesen, die Jack und ich mehrheitlich alleine trainierten. Wenn ich mir überlegte, was daraus entstanden war, konnte ich es kaum glauben.
      Wenig später, als ich während dem Müsli-Kauen die Zeitung las, surrte mein Handy. Es war eine Nachricht von Lisa.
      - Komme etwas später, muss meine Mutter zum Flughafen bringen
      Fällt dir auch früh ein, tadelte ich sie stumm kopfschüttelnd.
      - Ok.
      Ich wollte das Handy gerade wieder weglegen, da surrte es erneut.
      - Btw hast du mitbekommen, dass die kleine Icy Rebel Soul gestorben ist??
      Nein, hatte ich nicht. Die Nachricht dämpfte meine Vorfreude auf den Tag ein Stück. Offenbar hatte Lisa um sieben Ecken mitbekommen, dass das Stutfohlen von Rebel nicht einmal zwei Jahre alt geworden war. Die genauen Umstände waren uns nicht bekannt, was es nicht unbedingt besser machte. Ich bereute zutiefst, dass ich im letzten Halbjahr nicht mehr nach ihr gefragt und somit gar nichts von ihrem Zustand mitbekommen hatte. Normalerweise behielt ich unsere Zuchtfohlen immer ein wenig im Auge und las mit Freude von ihren Erfolgen im Sport. Ich stand auf und stellte seufzend meine Müslischüssel in den Geschirrspühler. Jonas hakte nach, was los sei und ich berichtete ihm kurz, was ich so eben erfahren hatte. Auch er war traurig, denn das Stutfohlen hatte uns beiden gut gefallen. Aber so war das Leben nunmal.

      Nach dem Frühstück ging ich wie immer als erstes in den Hauptstall. Iskierka, Raver, One Cool Cat, Kaythara und Odyn wurden gerade für’s Trainig ausgerüstet. Ich lief durch die Stallgasse und streichelte jeden kurz, wobei ich jeweils einen prüfenden Blick über die ganzen Vierbeiner wandern liess. Besonders bei Odyn und Iskierka nahm ich mir einen Moment Zeit, um die korrekte Ausrüstung in Augenschein zu nehmen, denn die beiden wurden heute von zwei neuen Jockeys geritten. Ich hatte die eine junge Frau, Isaiah Griffiths, schon an mehreren Rennen beobachtet und Oliver hatte mir zugestimmt, dass sie talent hatte. Isaiah hatte mir dann kurz nach meiner Anfrage noch einen Rennreiter namens Idris Shaw empfohlen, sodass ich ihn ebenfalls auf einen Proberitt eingeladen hatte. Die beiden kannten sich anscheinend schon länger. Beide ritten unter Olivers und meinen kritischen Augen hervorragend, sodass ich sie gleich beide eingestellt hatte. Mit den vielen Nachwuchspferden brauchten wir einfach mehr Reiter, damit wir auch alle regelmässig starten lassen konnten. Ich freute mich auf die weitere Zusammenarbeit mit den beiden neuen Jockeys. Nicht nur Zweibeiner waren zu unserem Team gestossen, auch eine Nachwuchsstute von Riven in a Dream und Rosenprinz ergänzte meine „Sammlung“ seit ein paar Wochen. Sie hiess Riptide und war eine braune Stute mit samtigem Fell. Ich hielt bei ihrer Box und schob die Tür auf, denn ich sah eine kleine Schramme an ihrer Schulter. Sie wandte sich sofort neugierig zu mir. „She’s going to be stunning, once she has muscles and starts to race“, bemerkte Ajith hinter mir, und erschreckte mich dadurch fast. “When did you get here? Gee, don’t sneak up on me like that.” “Sorry boss.” Tut dir überhaupt nicht leid, bei deinem Grinsen. „Anyway, is Quinn already here?“ „Why would I know?“, meinte er nur schulterzuckend. Ich runzelte skeptisch die Stirn. “I thought you two had a really good time after the St. Legers?” “We’re not going out, if that’s what you expected. She… Kind of started avoiding me again.” Ich seufzte ungeduldig. “What is wrong with you guys? You obviously belong together.” Er lächelte schief, dann wechselten wir das Thema und evaluierten stattdessen Riptides Futtermenge. Quinn stiess später zu uns, denn sie ritt erst in der zweiten Gruppe mit. Diesmal sattelte sie Strolch. Der helle Palomino mit den auffallenden, grünen Augen spielte mit der Anbindekette, als ich zu ihm kam. Ich streichelte seine weisse Stirn. Die grosse Blesse verlieh seinem Gesicht noch mehr babyhafte Züge als es sonst schon hatte. Er war eines von den Pferden, die man am liebsten knuddeln wollte, wenn man sie sah. Zum Glück war er auch ziemlich verschmust, sodass er die Aufmerksamkeit toll fand. Er war kaum dünkler als Stromer es gewesen war. Auch der Körperbau war mittlerweile ähnlich geworden, anders als bei Ally, der eher grobknochig gebaut war. Alle Stromerfohlen waren recht unterschiedlich – da mischte nunmal jeweils noch ein grosser Teil der Mutterseite mit. Ich mochte sie aber alle wahnsinnig gerne, und alle erinnerten mich auf die eine oder andere Art an meinen verstorbenen Liebling. Wenn es nicht das äussere war, dann dafür umso mehr der Charakter. Ich werde ihn nie vergessen, stellte ich einmal mehr wehmütig fest. Da war es wieder, dasselbe Gefühl wie schon beim Frühstück. Vielleicht bin ich so sentimental weil Weihnachten naht, überlegte ich. Ich beschloss mich selbst etwas aufzuheitern und ging zu Counterfire. Die Stute hatte ihr Wehwehchen am Vorderbein gut überstanden und war wieder voll einsetzbar. Und frech wie immer. Sie zupfte an meinem Schal, als ich sie durchs Boxenfenster streichelte. „You will get to show your talent next year“, versprach ich ihr flüsternd, im hinblick auf die nächste Saison. Daedra hatte ihr dieses Jahr ziemlich die Show gestohlen, mit ihrem unerwarteten Sieg in den St. Leger Stakes. Aber ich war sicher, dass die feurige Fuchsstute auch noch ein paar Überraschungen für uns auf Lager hatte.
      Ich lief vom Innenhof des Hauptstalls zum Nebenstall, denn als erstes wollte ich heute mit Yoomee arbeiten. Die Ponystute wirkte noch ein wenig verschlafen, liess sich aber brav aus der Box führen. Ich bürstete sie gründlich und kämmte ihre kurze Mähne. Auch die Hufe kratzte ich aus; es war aber kaum etwas darin, weil sie noch nicht auf der Weide gewesen war. Danach sattelte ich sie und brachte das vierbeinige Tier zur Halle. Ich stellte ein paar Cavaletti auf, während ich sie herumführte. Als ich mit dem Aufbau zufrieden war, stieg ich in den Sattel und ritt Yoomee warm. Die nächste halbe Stunde nutzte ich, um das Connemara über den Cavaletti zu gymnastizieren. Es war insofern ein guter Tageseinstieg, als sie fleissig mitmachte und die meisten Aufgaben geschickt löste.
      Nach der Arbeit mit Yoomee wechselte ich vom Nebenstall zum Nordstallgebäude, das mittlerweile fertig umgebaut, beziehungsweise erweitert war. Es gab nun im Anbau vier weitere grosse Boxen aus dunklem Holz, in denen vorläufig All Pride, Areion und Skydive hausten. Lily nannte es liebevoll ihren „Ponystall“, auch wenn nicht alle Ponys dort standen. (Wo wir gerade von ihr Sprachen, sie schwang sich in diesem Moment auf ihr Fahrrad und brauste richtung Schule davon. Ich winkte ihr zum Abschied.) Skydive lief mittlerweile übrigens in allen drei Gangarten unter dem Sattel. Wir nahmen ihn im Moment so oft wie möglich auf Ausritte mit, so dass er möglichst viele neue Eindrücke kennenlernte und viel geradeauslaufen konnte. Lily war natürlich wann immer sie zuhause war dabei – sie war sogar schon ein paarmal nachdem ich ihn geritten hatte auf seinem Rücken gesessen, zum trockenreiten. Sie schwärmte jeweils, wie weich sein Schritt war. Ich fand auch, dass er bequeme Gänge hatte, aber nicht aussergewöhnliche. Lily neigte nunmal zu Übertreibungen, wenn es um ihren Liebling ging. Bevor ich heute wieder mit dem jungen Ponyhengst arbeitete, war aber Vychahr dran. Der Dunkelfuchs brummelte mir schon ungeduldig zu, als ich mit seinem Stück Begrüssungskarotte zu ihm kam. Ich bewegte ihn eine Dreiviertelstunde in der Halle und übte an unseren Seitengängen, wobei ich aufpassen musste, Lisa und Darren mit Rebel und Flint nicht in die Quere zu kommen. Die beiden trainierten nämlich ihre Reiningfertigkeiten. Irgendwie kamen wir aneinander vorbei. Ich war jedoch froh, dass ich mit Vilou fertig war, bevor auch noch David mit Aristo, Linda mit Piroschka und Thomas mit Chanda reinkamen, weil es draussen zu Regnen begann. Es war im Winter eben doch etwas mühsam, wenn alle in die Halle wollten. Ich versorgte den Dunkelfuchs und gab ihm seine Belohnung, danach holte ich gleich Dod raus. Ich hatte mich nämlich mit Jonas beim Frühstück auf einen Ausritt um neun verabredet. Angesichts des Wetters verzog ich zwar etwas das gesicht, aber wie man so schön zu sagen pflegte: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung. Jonas nahm Shadow mit, und wir ritten gemeinsam Richtung Norden zu den Laubwäldern, die inzwischen nur noch einzelne, rotbraune Blätter in den Kronen trugen. Wir trabten den grössten Teil der Strecke über nasses Laub und trotzten dem garstigen Wetter. Shadow und Dod waren nach kurzer Zeit völlig durchnässt und ihr Fell klebte an ihren Hälsen. Es schien sie aber nicht sonderlich zu stören; sie klappten einfach geduldig die Ohren zurück, wenn wieder eine Windböe das Wasser in ihre Richtung zu wehen drohte.
      Nachdem wir Ausrüstung, Pferde und uns selber getrocknet hatten, hastete ich zur Stutenweide um Phantom und Matinée zu holen. Mit beiden gleichzeitig im Schlepptau joggte ich zum Nebenstall und band sie unter dem Dach an. Matinée war klitschnass, weil sie im Regen gestanden hatte. Phantom war wenigstens so gnädig gewesen, sich unter einen Baum zu stellen. Ich trocknete das Winterfell der beiden Mustangs mit einem Frotteetuch so gut es ging, dann kämmte ich noch das Langhaar durch und kratzte die Hufe aus. Jonas übernahm Phantom, sobald er vom Haus zurückkam – er hatte ein Telefonat mit dem Hufschmied geführt. Nasse Weiden bedeuteten viele fehlende Eisen. Zum Glück hatten wir auch viele Barhufpferde, sodass sich das Problem in Grenzen hielt. Wir bewegten die Mustangs, indem wir einfache Reiningübungen mit ihnen machten. Dabei ging es stets vor allem um die Losgelassenheit, besonders bei Matinée. Sie war heute aber gut aufgelegt, sodass sie mir sogar zum ersten Mal im Galopp abschnaubte und den Hals in die Tiefe streckte, als ich die Zügel länger werden liess. Höchst zufrieden lobte ich sie dafür. Allerdings liess sie sich ablenken, als Lisa mit Brendtwood reinkam, und der junge Haflingerhengst erstmal in der Gegend herum wieherte, weil Skydive nicht in der Nähe war. Die beiden klebten ein wenig aneinander, weil wir oft zusammen raus gingen. Ich hoffte, dass es besser werden würde, nun da Skydive im Anbau eingestallt war. Ich holte Matinées Aufmerksamkeit noch für ein paar letzte schöne Schlangenlinien mit korrektem Umstellen zurück, dann liess ich es gut sein. Die Halle füllte sich wieder, als wir raus gingen: Diarado, Nimué und Moon wurden von Anne, Rita und Jason bespasst. Rita und Lisa hatten sich wegen der Haflinger abgesprochen. Jonas und ich brachten die beiden Ex-Wildpferde zurück auf die Weide, wo sich Phantom gleich in den Schlamm legte und genüsslich wälzte. Jonas konnte nicht hinsehen, wie der Rappe sein sauber geputztes Fell wieder ruinierte, und auch ich stöhnte entsetzt. „Morgen dasselbe Spiel wie immer…“, stellte ich fest. „Wenigstens scheint er es zu geniessen, dem entspannten Grunzen nach zu urteilen.“, meinte Jonas dazu. Wir schlurften durch den noch immer strömenden Regen ins Haus, denn es war bereits Mittag. Ich war froh, die nassen Kleider zumindest für den Moment abzulegen. Zum Aufwärmen machten wir uns erstmal eine Tasse Tee, dann kochte ich das Mittagessen. Lily kam kurz darauf rein und tropfte alles voll, sodass ich sie ins Badezimmer scheuchen und ihr die Haare trocknen musste, wie zuvor schon den Hunden. Wir assen zusammen, dann musste sie wieder in den Unterricht. Ich sass noch eine halbe Stunde vor dem PC und checkte meine E-Mails, danach musste auch ich zurück in den Regen. Jonas half bereits eifrig beim Misten, als ich abermals zum Offenstall der Stutenweide kam. „Braucht ihr hier noch jemanden?“ Lewis, der halb hinter Ljúfa versteckt gewesen war, verneinte. „You could start with the foals though.“ Ich nickte, liess es mir aber nicht nehmen, vor dem Gehen die kleine Lyskra zu streicheln. Im Frühling wollten wir sie zu den anderen Fohlen stellen, aber im Moment war sie noch glücklich bei ihrer Mama. Da sie erst im Mai zur Welt gekommen war und mit Mama im Offenstall lebte, hatten wir es nicht eilig, die beiden zu trennen. Bei den Fohlenoffenställen herrschte ein riesen Schlammbad, direkt vor den Eingängen. Die Fohlen hatten die Weide förmlich umgepflügt. Das war aber nicht zum ersten Mal so, wir kannten das Problem längst. Zum Glück wuchs das Gras im Frühling relativ zuverlässig nach, wenn man frühzeitig mit Grassamenausstreuen nachhalf und die besonders geschädigten Stellen so gut es ging abzäunte. Solas, Louvi, Karat und Clooney bedrängten mich gelangweilt, als ich ihr Stroh mistete. Karat schubste einmal sogar fast die Schubkarre um. Ich scheuchte die Gruppe junger Flegel infolgedessen hinaus in den Regen, sodass ich in Ruhe arbeiten konnte. Bei den Stutfohlen waren auch nicht mehr viele übrig; im Moment teilten sich nur Reverie, Chime, First Chant und Cranberry die grosse Weide und den Offenstall, genau gleich viele also wie bei den Hengstchen. Dadurch gab es auch nicht so viel zu misten wie ein paar Monate zuvor, als die jungen Vollblüter noch hier standen.
      Gegen drei Uhr nutzte ich eine vorläufige Regenpause und machte mich zügig auf den Weg zum Nebenstall. Dort wartete die Ponystute Eismärchen auf mich. Ich nahm ihr Halfter vom Haken und öffnete die Boxentür. Märchen drehte die Seite mit dem gesunden Auge ihres Kopfes zu mir und kam einen Schritt auf mich zu. Ich streichelte sie, dann streifte ich ihr das Halfter über. Sie war eigentlich völlig normal im Umgang, wie jedes andere Pferd. Nur hin und wieder merkte man den Unterschied, wenn eine plötzliche Berührung auf der blinden Seite sie zusammenzucken liess. Ich wollte mir ihr ausreiten gehen, solange es noch nicht wieder aus Eimern regnete. Ich band sie draussen unter dem Vordach an und begann, ihr grauweisses Fell zu bürsten. Sie hatte wirklich eine interessante Musterung - eine Mischung aus Appaloosa- und Pintoscheckung. Das Resultat waren weisse Stellen, deren Übergang zum restlichen grauen Fell teilweise verwaschen und gestichelt erschienen. Ich bewunderte die vielseitig abgestuften Grautöne, als ich darüber bürstete. Ihr Winterfell war ausserdem richtig schön weich. „Are you daydreaming?“, drang Jonas‘ Stimme an mein Ohr. „Huh?“ „Ich hab etwa dreimal versucht dich anzusprechen. Du warst richtig schön abwesend“, meinte er schmunzelnd. „Oh, sorry. Ich war wohl tatsächlich etwas Gedankenversunken. Was gibt’s?“ „Ich will nochmal mitkommen, muss noch Cambria bewegen.“ „Na gut, wenn es unbedingt sein muss“, neckte ich. Er holte die Scheckstute raus und putzte sie in Rekordtempo. Zaumzeug und Sattel waren kurz darauf montiert und wir konnten die beiden zum Aufsteigen auf den Kiesweg führen. Der Ausritt führte uns durch den Pinienwald und über ein paar wunderschöne, neblige Galoppwege. Die Hunde Zira, Jacky und Sheela liefen artig mit und inspizierten die zahlreichen Gerüche im Unterholz. Eismärchen war so ein Engel zum Ausreiten. Sie war entgegen der Intuition überhaupt nicht guckig und marschierte selbstsicher voran. Sie verliess sich total auf mich, obwohl wir uns noch gar nicht so lange kannten – vermutlich war ihr das über die Jahre so beigebracht worden. Sie wurde auch nie irgendwie heftig, auch nach dem dritten Galopp nicht. Cambria überholte uns mehrfach, weil sie am liebsten über das feuchte Gras davonbrettern wollte. Als der Hof wieder in Sicht kam, begegneten wir am Waldrand einer ganzen Gruppe von Reitponys. Sheridan, Ruth, Lily, Lea und zu meiner positiven Überraschung auch Suri ritten mit Cinni, Silver, Bluebell, Shira und White Dream aus. Sie hatten ausserdem Sweets und Lychee als Handpferde dabei. Ich war froh, dass Lilys Kollegin Suri nun doch wieder häufiger auf den Hof kam und die Ponys ritt. Sie hatte sich offenbar damit abgefunden, dass Lindwedel weg war, so schade es auch sein mochte. Je näher wir zu der Gruppe kamen, desto mehr fiel mir auf, dass sie offenbar schwierigkeiten mit Sweets hatten. Das braun gescheckte Pony zickte immer wieder gegen Silver und dohte zwischendurch sogar auszuschlagen. Wir hielten kurz an und tauschten uns aus. „She is a total nuisance today“, jammerte Lily. Sheridan, die das Pony am Führseil hatte, bestätigte dies. “You know what? I take her, I will lunge her a bit. It’s okay, you guys can go ahead and enjoy your hack.” Die Mädchen bedankten sich, als ich Sweets Strick übernahm. Die freche Ponystute hampelte zwar auch neben Eismärchen ein wenig, aber ich hielt sie mit der Reitgerte auf Abstand. Zuhause longierte ich sie dann wie beschlossen eine halbe Stunde lang ausgiebig, damit sie sich auspowern konnte. Danach lief sie mir wie ein Lämmchen hinterher. Als ich sie versorgte, begann es gerade wieder zu tröpfeln. Ich rettete mich mit den Hunden ins Haus, aber die Mädchen mit den Ponys wurden nass, denn sie waren noch nicht zurückgekehrt. Lily musste bis zum Abendessen ausserdem noch Nossi und Fake bewegen, danach kam auch sie abermals klitschnass ins Haus. Ich wartete bereits mit einem Frotteetuch auf sie, weil ich sie durchs Küchenfenster hatte kommen sehen. „I think I’ve seen enough water for today“, bemerkte sie naserümpfend. “So you don’t even want to take a hot bath then?” “Ohhh…” Sie wechselte sofort ihre Meinung und schlich ins Bad. Ich sah ihr hinterher und schmunzelte. Sobald sie weg war, kam Moya unter dem Sofa hervor und strich mir um die Beine. Ich nahm sie auf den Arm und streichelte sie, wobei sie laut schnurrte. „Du hast dich auch ganz schön verändert, Kampfkatze“, sprach ich zu ihr. Das warme, weiche Fell verriet, dass sie wohl den ganzen Tag keinen Fuss vor die Tür gesetzt hatte. Katze müsste man sein. Ich sah zum Fenster raus uns seufzte. Es war längst dunkel und schüttete immernoch in Strömen. „Jonas, die Regentonne überläuft schon“, rief ich die Treppe hoch. Von oben kam die Antwort: „Ich weiss, schon seit dem Mittag. Wenn es nicht bald aufhört, sind die Weiden wieder eine ganze Woche lang unter Wasser.“ Ich liess mich auf’s Sofa fallen und schaltete den Fernseher ein, kurz darauf jedoch gleich wieder aus, denn es kam nichts Schlaues. „Ich freue mich auf den Sommer“, bemerkte ich laut. Moya sprang von meinem Schoss runter und tapste zu ihrem Futternapf. Sie ass die letzten paar Krümel von dem, was ich vorher aufgefüllt hatte und verschwand danach die Treppe hoch, vermutlich ins Büro auf den Schrank neben dem Fenster, ihren heimlichen Lieblingsplatz. Dafür kam Jonas runter und setzte sich zu mir. „Machen wir morgen einen Ausflug?“ „Wohin willst du denn bei dem Hundewetter?“ „Ich dachte, wir könnten mit Lily nach Bristol ins Aquarium gehen.“ „Noch mehr Wasser?“, stöhnte ich scherzhaft. Aber eigentlich fand ich es eine gute Idee, nur – „aber ich muss morgen noch so viel erledigen…“ „Genau darum möchte ich ja, dass du eine Auszeit nimmst. Bald fängt der Weihnachtsstress an, und du hast in letzter Zeit non stop gearbeitet. Ich habe bereits mit den Pflegern gesprochen, Lisa schaut, dass alles läuft.“ Ich kuschelte mich dankbar an ihn und gab ihm einen Kuss.

      „Occu, komm endlich!“, rief Lily ungeduldig. „Ja, gleich!“ Ich hastete zu Odyns Box und wechselte rasch dessen Decke zu einer leichteren Stalldecke. Dann sah ich bei Cool Cat rein und stellte fest, dass er ebenfalls noch die schwere Decke trug. „Moment noch!“ „Occu!!“ „Lass Ajith seine Arbeit machen und komm jetzt“, meldete sich nun auch Jonas. „Aber ich muss noch schnell Kaytharas Bein mit Lehm einstreichen! Und Riptide hat auch noch eine kleine Schramme auf der Schulter die ich gestern gesehen habe!“ „Das machen die Pfleger. Sie sind alle informiert. Es wird alles klappen, wirklich.“ Mit einem Seufzen gab ich auf. „Na schön. Aber wehe ich komme zurück und hier herrscht Chaos!“ „So ist’s gut“, meinte Jonas zufrieden lächelnd, und empfing mich, den Arm um meine Schulter legend. „Für alle Pferde ist gesorgt. Du kannst unseren Ausflug in vollen Zügen geniessen.“ „Meinst du?“ „Klar.“ Ich lehnte meinen Kopf an seinen und zwang mich zu einem Lächeln. Lily zog an meiner Hand. „Das Aquarium schliesst um fünf Uhr!“ „Es ist erst zehn Uhr, little Miss Adams.“ „Trotzdem!“ Jonas und ich lachten. Dann liefen wir gemeinsam zum Parkplatz.

      vom 18. November 2019
    • peachyes
      P A N D O R A . S T A B L E
      kurzer Sammelpflegebericht

      Endlich ist nun der Herbst ins Land zurückgekehrt. Die Blätter bekommen ihre satten Farben zurück, kalte Priesen wehen durch die Gräser und kündigen die kalte Jahreszeit an. Die Pferde grasen vergnügt auf den Koppeln, die Stallburschen können sich gar nicht dick genug anziehen um nicht zu erfrieren. Das nun schon sehr gewachsene Fohlen Humbert, stolziert über das Feld, am Strick seine Besitzerin, die ihn heute schon bürstete und nach dem Spaziergang ein wenig trainieren möchte. Der Kleine soll so viel wie möglich kennen lernen. Die anderen Pferde werden währenddessen aus ihren Boxen geholt und auf die Weiden gebracht, um die Boxen auszumisten. Cranberry, Zuckerschock und Arquera wiehern fröhlich. Nach dem Ausmisten wurden alle drei gestriegelt und ausgeritten. Ein kurzer, aber kalter Tag auf den Pandora Stables.
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  • Album:
    Pandorian Horses
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    peachyes
    Datum:
    12 Mai 2020
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  • Steckbrief wird überarbeitet

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    Vom: Costa de la Bryére

    Vom: Cor de la Bryére

    Aus der: Cosy de la Bryére
    Vom: Blitzard de la Bryére

    Aus der: Nisi de la Bryére

    Aus der: Vanni

    Aus der: My Little Girl
    Vom: My Fair Play

    Vom: Corny de la Bryére

    Aus der: Halluzination


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    Rufname: Berry
    Geburtstag: 22.04.
    Alter: 3 Jahre
    Stockmaß: wird ca. 1.64 m
    Rasse: British Warmblood
    Geschlecht: Stute
    Fellfarbe: bay tobiano
    (Ee,Ff,Aa,Toto)
    Abzeichen: Breite, unregelmässige Blesse, vier hochweisse Beine (scheckungsbedingt)
    Gesundheit: Sehr gut


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    muss sich entwickeln


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    folgt

    Cranberry stammt aus unserer eigenen Zucht Pineforest Stable.


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    Besitzer: Occulta
    Ersteller: Occulta
    VKR: Occulta
    Verkäuflich: Nein


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    Gekört: Nein
    Nachkommen: -


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    Galopprennen Klasse: -
    Western Klasse: -
    Spring Klasse: -
    Military Klasse: -
    Dressur Klasse: -
    Distanz Klasse: -

    Eignung: Dressur, Springen
    Eingeritten: Nein


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    Cranberry's Spind