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Rhapsody

Caravaggio

Holsteiner -- im Besitz seit 05/2021 -- von Callisto -- Aa ee Gg

Caravaggio
Rhapsody, 3 Mai 2021
    • Rhapsody
      Steenhof, 17. Mai
      Painted Blur, Ares, Ironic, Quarterback, Ballroom Blitz, Callisto, Equinox II, Hallelujah, Fiebertraum, Seattle Slew, Calina, Bucky, Benihana, Flashlight, Smooth Gravity, Samarra, Andromeda, Calista, Razita, Possy Pleasure Mainstream, Shotgun, Cassiopeia Z, Mania, Rosewood, Exciting Force, Cobie, Buchanan, Cobain, Dark Royale, HGT’s Saevitia, Cover the Venus, A Touch Of Peace, Contia Socks, Dark Innuendo, Painted Taloubet, Dante’s Wild Lady, PFS’ Gamble Away, Painted Basquiat, Simplicity of Sophistication, Balboa, Bohème, Charon, Kobik, Amalthea, Painted Gold, Antares, Dark Necessities, Quantensprung, Blitzkrieg Bop, Molotov, Clio, Calamity, Räuberschatz, Caravaggio, Sommernachtstraum, Auftakt, Fürst der Finsternis, Single Malt, BonnyBoy, Herbsttraum, Alice von Landwein, Sally, Nesquik, Nandalee, Acariya
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      Ich hatte seit Neustem einen Schoßhund.

      Dabei handelte es sich aber weder um Peanut, die Knuddeln nur in den wenigsten Fällen genoss, höchstens duldete. Und es war auch nicht Jelly, die ihre Liebe ein bisschen generöser verteilte, für die “Liebe” aber auch selten als Kuscheln interpretierte, sondern viel lieber als Spielen, Toben, Herumrennen. Nein, meine Corgis hatten keine plötzliche Sinneswandlung und ploppten sich bei jeder Gelegenheit in meinen Schoß. Mein Schoßhund wog an die 38 Kilo und hatte mit 83 cm Schulterhöhe eher die Größe eines Minishettys oder Ponyfohlens.

      Die meiste Zeit bekam ich nicht einmal mit, dass Lesja auf dem Hof war – bis sein Hund plötzlich auftauchte und sich wie selbstverständlich auf meine Oberschenkel platzierte und Liebkosungen einforderte. Die ersten paar Male hatte ich mich kaum bewegen können; Misha sah keine Notwendigkeit, wieder abzudampfen, und ich wollte einen Windhund der Größe nicht ruppig von mir wegschieben (denn ich war immer noch ein bisschen fasziniert von dieser Rasse – sie hatten etwas Aristokratisches an sich, so dass ich jedes Mal, wenn ich Misha sah, das komische Bedürfnis hatte, ihn mit “meine Hoheit” anzusprechen). Das einzige, was mir übrig blieb, war also, damit zu leben; um den Hund herum zu arbeiten und zu warten, bis sein Herrchen auftauchte.

      An diesem Tag hatte Misha mich auf meiner kleinen Terrasse am Gutshaus gefunden, auf der ich die ersten Sonnenstrahlen genoss (gut), Quarterback und Callisto auf der Koppel im Blick hatte (gut) und Bewerbungen durchsah (nicht so gut). Bis jetzt hatte sich da noch nicht viel getan, und das war absolut mein Fehler; sobald ich gehört hatte, dass wir einen ganzen Haufen Ponys bekommen würde, hatte ich zwar den Entschluss gefasst, noch ein oder zwei Pfleger einzustellen – die Stellenanzeigen hatte ich aber erst drei Wochen später veröffentlicht. Was bedeutete: die Ponys waren da – der zusätzliche Pfleger noch nicht.

      Gerade wollte ich Misha um seine fachkundige Meinung bitten – würde sich euer Hoheit, Baron Mikhail von Bad Oldesloe, eher für Verena Franke, 35 Jahre alt, gelernte Bürokauffrau aber mit zehn Jahren Erfahrung als Groom auf einem großen Gestüt in Niedersachsen oder eher für Martin Koenig, 48 Jahre, Pferdewirt entscheiden? – da hörte ich laute Schritte aus dem Wohnzimmer. Misha schien den Gang seines Herrchens zu erkennen, zumindest spitzte er kurz die Ohren, machte aber keine Anstalten, seinen Thron zu verlassen.

      “Schon wieder da?” fragte ich Lesja anstelle einer normalen Begrüßung. Normalerweise kam er ein-, höchstens zweimal in der Woche, um sich nach Molotov umzusehen; für mehr Besuche war der Weg zu weit. Diese Woche war er aber schon das vierte Mal hier; langsam wurde ich misstrauisch.

      Lesja ignorierte die Frage komplett. “Guten Tag, Fritzi, ich hoffe dir geht es gut?” sagte er in einem überzogen freundlichen Ton. Er kam um den Gartentisch herum und ließ sich in einen Stuhl fallen, ein Grinsen auf den Lippen. “Ich hab Urlaub und Cat hat angeboten, dass ich bei ihr bleiben kann.”

      “Dass die Wohnung noch voller wird?” meinte ich. Cat wohnte in einer 3-Zimmer-Wohnung mit zwei anderen Mädels. Da dann noch ein Kerl mit locker 1,85m und seinem übergroßen Schoßhund dazu – “Ich glaub, ich weiß warum Cat so viele Überstunden macht.”

      Lesja grinste in sich hinein. “Nein, ich glaub, das hat einen anderen Grund.”

      Ich ließ alle Bewerbungsmappen, die ich in der Hand hielt, auf den Tisch fallen und drehte mich abrupt – so abrupt wie das mit einem 40 Kilo Hund auf dem Schoß ging – zu Lesja um, der sofort die Hände in einer beschwichtigenden Geste hob. “Ich wusste es!” – worauf er nur mit Lachen antwortete.

      Mir war es zuerst um die Weihnachtszeit aufgefallen; komischerweise fand man Cat auffallend oft in der Nähe von Levi. Levi sah zufälligerweise immer öfter beim Training zu – um sich selbst “weiterzubilden”, sagte er, und doch nahm er nicht mehr Unterricht von Jette und überhaupt schien er sich nur “weiterbilden” zu wollen, wenn er Cat zusehen konnte. Sie ritten gemeinsam aus, übernahmen Stallaufgaben grundsätzlich zusammen und schienen im Großen und Ganzen einfach so viel Zeit miteinander verbringen zu wollen, wie nur möglich. Und das bedeutete eben auch, dass beide plötzlich viel länger auf dem Hof anzutreffen waren, als sonst. Cat hatte ich vor wenigen Tagen bei meiner Abendrunde durch die Ställe getroffen (und Levi kurz darauf noch in der Sattelkammer). Und wenn man wie ich war und viel Arbeit, die keinen Spaß machte, zu tun hatte, dann konnte man das Puzzle schneller zusammensetzen. Und jetzt hatte ich meine Bestätigung.

      Als er sich wieder beruhigt hatte, hob Lesja drohend den Finger. “Du weißt nichts. Wir haben nie miteinander gesprochen.”

      “Vielleicht erwische ich sie ja demnächst in flagranti und kann sie dazu zwingen, es wenigstens offiziell zu machen,” meinte ich. Lesja rümpfte die Nase. “Außerdem rede ich nie mit dir. Ich würde mir lieber die Augen ausreißen als mich mit dir zu unterhalten.”

      “Gut, mir geht’s genauso.” Um seine Lippen spielte immer noch ein Grinsen, als er aufstand und wieder um mich herum ging. Kurz pfiff er, woraufhin sich Baron Mikhail von Bad Oldesloe dazu entschloss, seinen Thron (meine Beine) zu verlassen, um gemeinsam mit dem Pöbel (Lesja) die Ländereien zu begutachten. Ich saß also wieder alleine auf der Terrasse und so ganz plötzlich hatte ich auch keine Lust mehr auf Bewerbungen. Genug Bürozeit für heute.

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      Seit wenigen Wochen war der Steenhof das Zuhause der Welsh-Ponyzucht von Waldorf. Papas Bekannter eines Bekanntens hatte die zehn Ponys vor zwei Wochen angeliefert; die Unterstände waren gerade noch rechtzeitig fertig geworden und um ein Haar hätte es auch überhaupt nicht geklappt – die lange Kälte im März bedeutete, dass die Wiesen ein paar Wochen länger gebraucht hatten – aber letztendlich hatte doch alles geklappt. Die Ponys waren mittlerweile angekommen und schreckten nicht mehr bei jedem Vogel oder Menschen auf. Die Stutenherde war ziemlich bunt gewürfelt; neben erfahrenen Zuchtpferden waren auch zwei achtjährige Stuten dabei, die noch relativ grün hinter den Ohren waren – eingeritten und -gefahren, aber doch noch nicht so an die tägliche Arbeit gewöhnt, wie andere Pferde in dem Alter. Bis jetzt wollte das der Besitzer selbst übernehmen, aber Greta hatte schon Interesse bekundet, mit Acariya und Nandalee arbeiten zu wollen. Bis das in trockenen Tüchern war, hatte ich es mir zur Aufgabe gemacht, den beiden Grünschnäbel einmal täglich eine Tour um den Hof zu geben. Beide schienen noch ein bisschen unsicher, weg von der Herde und in fremden Wäldern, aber jeden Tag wich die Spannung der Entspannung und langsam konnten die beiden Stuten auch etwas genießen. Als sie wieder zurück auf der Welsh-Koppel waren, wurden sie von den älteren Stuten lautstark in Empfang genommen.

      Nachdem ich noch kurz kontrolliert hatte, ob die Welshstuten noch genug Wasser hatten, schlenderte ich entspannt zum Laufstall meiner eigenen Stuten. Auch die Ladies hatten ihr Sommerdomizil endlich beziehen dürfen und das fanden sie so toll, dass keine einzige Stute im Stall anzutreffen war. Als ich durch die Lamellen nach außen blickte, sah ich die ganze Horde mit den Schnauzen im saftigen Gras – alles gut also. Und mittendrin staksten auch schon drei Fohlen mit herum; Cassiopeia hatte dieses Jahr den Anfang gemacht und eine hochbeinige Buckskinstute zur Welt gebracht. Für mich stand der Name der kleinen Stute schnell fest – Clio, eine der neun Musen aus der griechischen Mythologie – aber, wie auch letztes Jahr, musste ich diesen Namen erst einmal durchboxen. Während ich bei Clio an eine wunderschöne Frau mit Liebe zur Dichtung dachte, war Haukes erste Assoziation der Renault Clio.

      “Ich mache Gebrauch von meinem vertraglich geregelten Veto-Recht,” versuchte er, die daraufhin entbrannte Diskussion zu beenden.

      “Vertraglich gere- was?”

      Im Endeffekt hatte ich mich durchgesetzt – ich war die Züchterin, ich war die Besitzerin des Hofes, ich war allen voran Haukes Chefin. Und wenn ich wollte, dass ein Fohlen von mir nach einer Muse und einem kleinen, schnuckeligen, französischen Automodell benannt war, dann war das eben so. Süß war sie trotzdem und mit den Eltern auf jeden Fall prädestiniert für die hohen Springklassen – so wie ich meine Fohlen eben mochte.

      Ein paar Tage nach Clio kam dann Calamity auf die Welt. Mutter war eine Zuchtstute unseres Zuchtpartners in Kanada, Vater unser Equinox. Couleur du Deuil hatte ebenfalls sehr viel Trakehnerblut in sich, sodass ich mir schon bewusst war, dass diese Anpaarung einen kleinen Wirbelwind produzieren würde. Der Name war also Programm – und wurde vom gesamten Steenhof-Team kommentarlos akzeptiert. Vom Auftreten erinnerte mich die kleine dunkle Stute ein bisschen an Bobby aus dem letzten Jahr – allerdings nicht ganz so unberechenbar. Aber sie konnte kaum still stehen – ähnlich wie ihre Mutter, Couleur du Deuil – und galoppierte am liebsten über die Wiese. Da durfte man dann auch manchmal nicht so genau hinsehen, denn nicht jede Kurve funktionierte auch so. Ein paar Schrammen hatte die Kleine sich also schon eingeheimst, aber mit jedem Tag nach der Geburt wurde sie sicherer. Ich konnte es kaum erwarten, sie in ein paar Jahren im Gelände zu sehen.

      Das dritte Fohlen, das bereits in der Herde integriert war, war ebenfalls von einer Gaststute. Räuberschatz, wie ich die dritte kleine Stute taufte, war ähnlich wie ihre Mutter Räubertochter noch ein bisschen reserviert; sie hatte kein Problem mit Menschen und hatte mit mir auch schon Freundschaft geschlossen, aber von selbst würde der kleine Fuchs nicht auf mich zukommen. Ihre Mutter war aber ein durchaus soziales Pferd und lieber mittendrin als irgendwo am Rand, worüber ich sehr froh war – so lernte Räuberschatz schon einmal den richtigen Umgang mit den Artgenossen und ich hoffte, dass das auch im Erwachsenenalter blieb.

      Vor ein paar Tagen erst war Shotguns Fohlen auf die Welt gekommen; einen kleinen Fuchshengst, der schon jetzt, nur rund drei Tage nach seiner Geburt, eines der neugierigsten Fohlen war, die ich je gesehen hatte. Nichts war sicher vor ihm, überall musste er seine kleine süße Nase reinstecken. Und während die drei Stutfohlen beim Führen noch brav bei ihren Müttern blieben, würde es bei dem kleinen Hengst nicht lange dauern, bis er stiften ging. Noch wollte ich mich noch nicht größer mit dem Kleinen beschäftigen – er war ja auch wirklich erst drei Tage alt – aber sobald ich das Gefühl hatte, dass er angekommen war und langsam seine Umwelt wahrnahm, würde ich wohl oder übel mit dem Halftertraining anfangen. Einen Namen hatte der Kleine noch nicht, und da es Shotguns Fohlen war, war es eigentlich Jettes Aufgabe – die hatte mich aber regelrecht angebeten, ihr bei der Entscheidung zu helfen. Noch schwankte sie zwischen Celsius, Caravaggio und Caponi, und ich war ein Fan aller drei Namen. Ich war also eine tolle Hilfe.

      Vier von fünf Fohlen waren also schon auf der Welt; jetzt warteten wir nur noch auf Samarra. Die Dunkelfuchsstute hätte schon vor Shotgun ihren Termin gehabt, machte allerdings keine Anstalten, sich mit der Geburt zu beeilen. Die Nächte verbrachte sie in der Abfohlbox, tagsüber stellte ich sie zu den anderen Stuten auf die Koppel – auch in der Hoffnung, die zusätzliche Bewegung würde den ganzen Vorgang ins Rollen bringen; bis jetzt hatte sie kaum aufgeeutert und nichts sprach dafür, dass es bald losgehen könnte. Auch bei meinem heutigen Check Up war alles im Lot – keine Anzeichen für eine baldige Geburt. Samarra würde ihre Kugel also lieber noch ein paar Tage durch die Gegend schieben. Für mich bedeutete das eine weitere fast-schlaflose Nacht; sobald der ET einmal verstrichen war, saß ich jede Nacht mit einer Kanne Kaffee in der anliegenden Sattelkammer – das Zimmer über dem Laufstall war immer noch nicht renoviert worden – und wartete darauf, dass das Fohlen endlich purzelte.

      Das würde heute meine fünfte Nacht werden. Wie lange konnte ein Mensch mit kaum Schlaf überleben? “Wenn ich vor Schlaflosigkeit sterbe und ihr alle verkauft werdet, ist das nur deine Schuld,” flüsterte ich Samarra drohend ins Ohr, was sie aber nicht sonderlich störte; sie öffnete kaum die Augen, döste weiter in der noch etwas frischen Mai-Sonne und ließ sich von nichts beirren. Pferd müsste man sein.

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      Mittlerweile ging es auf die Abendbrotzeit zu. Shotgun und ihr Fohlen kamen zurück in die Box neben Samarra, wo auf alle drei schon ein Haufen Heu wartete. Hauke füllte gerade die Raufen auf dem Paddock des Laufstalls mit dem Frontlader; auf dem Weg zu den Junghengsten und der zweiten Welsh-Wiese sprang ich hinten auf. Die Welsh-Hengste sahen mittlerweile nicht einmal mehr auf, wenn ein riesiger Traktor in ihre Wiese fuhr, um einen Ballen Heu abzuliefern. Auftakt, Bonny, Single Malt und Fürst (eigentlich Fürst der Finsternis – für ein Welshpony der Sektion B?) hatten sich gut eingelebt und genossen bis jetzt ihr neues Leben auf dem Steenhof sehr; auf ihrer Koppel waren sie fernab des Trubels, aber mit den Junghengsten in der Nähe kam immer wieder jemand vorbei, bei dem man nach Leckerlis betteln konnte. Schlaraffenland, wirklich.

      Auch die Junghengste, mittlerweile alle ein Jahr alt und fest in dem Glauben, sie wären die Könige der Welt, schauten nur noch kurz auf, als der Frontlader plötzlich auf ihrer Wiese stand. Das hatten sie schnell kapiert, dass das Futter bedeutete, und fast schon wie ferngesteuert liefen sie Richtung Raufe und warteten, bis der Ballen abgeladen war. Ein oder zwei der Jungs waren auch immer noch unheimlich verschmust, was dann schnell bedeutete, dass die halbe Herde Halbstarker einem plötzlich hinterher lief als wären sie Hunde – da war ich froh, dass Futter wichtiger war als die Menschen, die noch irgendwie auf der Weide rum rannten.

      Danach kümmerte Hauke sich noch um die Welsh- und einjährigen Stuten, während ich im Hengst- und Ausbildungsstall fütterte. Letzterer war eigentlich für Jettes Berittpferde reserviert; gerade waren wir aber in einer kurzen und seltenen Zeit, in der die Boxen fast leer waren. Lediglich die Vollbluthengste X, Gambit, Cobain und Seattle hatten Boxen bezogen. Auch sie freuten sich über die Gabeln Heu, die ich ihnen brachte. Anschließend ging es für mich zurück zum Gutshaus, um wenigstens noch ein paar Stunden Schlaf zu haben, ehe es für die Nachtschicht zurück in den Laufstall ging.

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      Gegen halb 10 stolperte ich in meine Küche. Hauke hatte die letzten Stunden noch aufgepasst, ob es bei Samarra womöglich los gehen konnte, doch auch er wollte irgendwann nach Hause. Ein dreistündiges Nickerchen machte einen aber nicht wirklich wach, sodass ich auf den Weg zur Kaffeemaschine über einen schwarzbraunweißen Teppich stolperte, der dazu noch laut aufjaulte. Erst eine Sekunde später registrierte mein Gehirn, dass ich gar keinen Teppich in der Küche hatte und stattdessen über einen Hund gefallen war, der sich jetzt mit eingeklemmter Rute bei mir entschuldigte, als wäre es seine Schuld gewesen.

      So schnell wie möglich begab ich mich auf Augenhöhe und nahm Mishas aristokratisches Gesicht in beide Hände. Während ich mich überschwänglich bei dem Rüden entschuldigte, leckte er mir die Nase und über die Lippen – seine Art der Entschuldigung.

      Nach ein paar Augenblicken räusperte sich jemand am Küchentisch. Machte Sinn – wenn Misha noch hier war, dann war Lesja auch noch hier.

      “Immer noch?” fragte ich ihn nur und rappelte mich langsam wieder auf, auch, um Lesja am Küchentisch zu sehen. Er sah nicht besonders genervt aus, und vor ihm stand ein Teller, leer bis auf ein paar rote Streifen, die auf Tomatensoße schließen ließen. Bevor er mir antworten konnte, deutete ich auf den Teller. “Sag mir bitte nicht, dass du mein Stück Lasagne gegessen hast.”

      Schlagartig war ihm das schlechte Gewissen wie ins Gesicht geschrieben. “Das war für dich?”

      “Du bist in meiner Küche,” meinte ich platt und sah ihn ein paar Sekunden lang an. “Das gehört hier alles mir.”

      “Wenn das so ist,” sagte Lesja und schob den Teller demonstrativ weg, “dann ist das auch alles nur Cats Schuld.”

      “Und das soll ich jetzt glauben,” murmelte ich und machte mich wieder an der Kaffeemaschine zu schaffen. Das Stück Lasagne war mir nicht mal sonderlich wichtig. Ich würde schon irgendwo etwas anderes zum Essen finden. Aber Lesja ließ sich viel zu schnell aufziehen und das konnte ich nicht einfach nicht tun. Während ich den Filter in meine Uralt-Kaffeemaschine legte und das Pulver abmaß, erzählte er mir, warum es ausnahmsweise wirklich Cats Schuld war – sie war vor etwa zwei Stunden noch zu einem “kurzen Spaziergang, einmal um den Hof” aufgebrochen und als ihr Bruder dagegen protestierte, weil er “endlich nach Hause wollte, verdammt nochmal”, hatte sie ihn einfach Richtung Küche geschoben und gemeint, da würde er schon irgendwas zum Essen finden und überhaupt wäre sie ja eh nur kurz noch unterwegs, dann könnten sie in ihre Wohnung fahren und Pizza bestellen und –

      “Ist es nicht ein bisschen spät für ‘ne Kanne Kaffee?” unterbrach er sich schließlich selbst. “Oder brauchst du den, um einschlafen zu können…?”

      Mein Gehirn war anscheinend doch noch im Halbschlaf, denn ich suchte verzweifelte Sekunden nach einer blöden Retoure, schüttelte dann aber kurz den Kopf und sagte einfach die Wahrheit. “Ich hab’ heut Nachtschicht, falls unsere letzte Stute sich dazu bequemt und endlich fohlt.”

      “Klingt spaßig,” meinte Lesja in einem flachen, ironischen Ton. Ein paar Sekunden Pause, in denen keiner von uns beiden etwas sagte, nur das Plink-plink-plink der ersten Kaffeetropfen, die in die Kanne liefen. Ich überlegte mir schon einmal, was ich mir schnell kochen könnte, was ich ohne Besteck und Teller im Stall essen konnte.

      “Vorschlag,” schaltete sich dann Lesja wieder ein, stand auf und stellte seinen benutzten Teller in die Spüle. Na schön, wenigstens hatte er einen Hauch Manieren. “Ich besorg dir schnell einen Döner und dann machen wir zusammen Nachtschicht.”

      “Pff,” meinte ich spöttisch, “als ob.”

      “Ich mein’s ernst.” Er verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich gegen die Spüle. “Ich bin ein Glücksbringer. Wenn das Fohlen auf die Welt kommt, dann nur in der Nacht, in der ich dabei bin.”

      Ich vergrub mein Gesicht in beiden Händen. “Vielleicht will ich dich nicht dabei haben, schon mal daran gedacht?” sagte ich in meine Hände und ließ sie dann wieder fallen. “Außerdem bringst du mir absolut gar nichts, wenn du in ein paar Stunden weggeschlafen bist und ich dann alleine rumsitzen darf.”

      In Lesjas Augen blitzte etwas auf. “Das klingt nach einer Challenge.”

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      Eine Stunde später hatte ich meinen Döner und um einen weiteren gewettet. Sollte Lesja einschlafen, würde er mir einen schulden. Würde das Fohlen wirklich heute Nacht kommen, müsste ich ihm einen besorgen. Nachdem bei Samarra aber nach wie vor alles gut aussah, machte ich mir da wirklich keine großen Gedanken.

      Als wir unser Quartier für die Nacht beziehen wollte, rümpfte Lesja aber wieder die Nase. “Du schläfst seit Tagen hier auf dem Boden?”

      Ich zuckte mit den Achseln. “Hier ist es wenigstens wärmer als direkt im Stall. Und das Zimmer über dem Stall ist nach wie vor unbewohnbar.”

      Mit einem Gesichtsausdruck, als hätte er gerade in eine Zitrone gebissen, ließ sich Lesja auf die alte Luftmatratze nieder. “Absolut unakzeptabel,” murmelte er. “Ich kenn mich ja da echt nicht aus, aber macht es nicht Sinn für ein Zuchtgestüt, so etwas zuerst zu renovieren? Bevor man mit anderen Sachen anfängt?”

      “Sonst hat es auch immer funktioniert,” meinte ich trocken, “als ich alleine war und nicht noch auf den Komfort eines Unwissenden achten musste.” Misha und die Corgis, die zunächst erst einmal die Sattelkammer auf mögliche Leckerlis untersuchen mussten, gesellten sich zu uns; Peanut auf dem Boden der Kammer, Jelly eingerollt neben mir und Misha zurück auf seinem Thron. Lesja kommentierte das nur mit einem Augenrollen, das wohl so viel wie treulose Tomate bedeuten sollte – was mich erst recht stolz machte, als Thron seiner königlichen Hoheit, Baron Mikhail von Bad Oldesloe auserwählt worden zu sein. Kurzerhand drückte ich ihm den Geburtsmelder in die Hand und schob ihm den Bildschirm mit den Kamerafeed zu. Noch sah alles aus wie immer; Shotgun stand in einer Ecke mit gesenktem Kopf, während ihr Fohlen sich im Rest der Box breit machte, und auch Samarra döste im Stehen vor sich hin.

      Und so begann die Nacht. Die erste Zeit unterhielten wir uns noch recht angeregt über alles und nichts. Gegen zwei wurden meine Augenlider immer schwerer – Lesja hielt mich aber wach, um auszudiskutieren, ob er die Wette auch gewinnen würde wenn ich einschlafen würde. Das war aber nur von kurzer Dauer (natürlich würde er nicht gewinnen – immerhin ging es bei der Wette um ihn, von mir war keine Rede, und ich hatte es auch verdient, denn immerhin hatte ich seit Tagen kaum geschlafen), dann lullte mich das Halbdunkel der Sattelkammer und das rhythmische Atmen der Hunde wieder ein. Ganz eingeschlafen war ich nicht, eher weggedöst, und das auch nicht lang – dann vibrierte der Geburtsmelder und jemand schüttelte mich wach.

      Ich warf einen verschlafenen Blick auf die Kamera – Samarra hatte sich hingelegt, nichts außergewöhnliches aber wahrscheinlich der Auslöser für den Alarm, wie schon die letzten Tage – und wollte mich gerade wieder in meinen Schlafsack mummeln, als mich wieder etwas schüttelte. Ich öffnete meine Augen wieder und funkelte Lesja wütend an. Er wedelte mit dem Geburtsmelder vor meiner Nase herum.

      “Bleib ruhig, sie hat sich nur hingelegt, da geht das Ding auch an.”

      “Aber sie bleibt nicht liegen. Sie steht immer wieder auf, läuft Kreise und wirft sich dann wieder hin,” sagte Lesja im aufgeregten Flüsterton. “Laut Google sind das erste Anzeichen!”

      Misstrauisch sah ich auf den Kamerafeed – ja gut, da hatte er wirklich recht. Samarra war schon wieder aufgestanden und lief unruhig in der Box herum. Es ging also hoffentlich los. “Endlich.”

      Lesja sah mich erwartungsvoll an und fuchtelte wild mit den Händen, als ich mich nicht weiter bewegte. “Das ist alles? ‘Endlich’ und fertig?”

      Langsam schälte ich mich aus dem Schlafsack. “Ja, das ist alles. Sie muss ein Kind zur Welt bringen, nicht ich,” sagte ich und deutete auf den Feed. “Und solange es keine Probleme gibt, macht sie das auch schön alleine.”

      Lesjas Gesichtsausdruck verriet, dass er sich das Ganze wohl anders vorgestellt hatte. “Oh,” meinte er nur, verschränkte die Arme vor der Brust und starrte auf den Display des Mini-Fernsehers. In der Position verharrte er dann, während ich ihn den Geburtsablauf kurz schilderte: Zuerst einmal würden die Wehen einsetzen, dann sollte die Fruchtblase platzen, dann würde innerhalb von vielleicht einer halben Stunde das Fohlen geboren und schließlich wartete man noch auf die Nachgeburt. Und als Mensch sollte man so wenig wie möglich in den ganzen Ablauf eingreifen und der Stute einfach Ruhe geben. Als Samarra dann aber offensichtlich mit dem Pressen begann, tapsten wir auf leisen Sohlen in den Laufstall. Wenig später lag ein dunkles Fohlen im Stroh, noch ziemlich zerknittert und noch nicht so ganz sicher, wo es denn jetzt war. Die ersten unsicheren Stehversuche folgten auch schon schnell und ohne fremde Hilfe fand es auch den Weg zur Milchbar selbstständig.

      Als schließlich die Geburtscheckliste abgearbeitet war – Nabel desinfiziert, Nachgeburt abgegangen, Fohlen hatte getrunken – holte ich die Hunde aus der Sattelkammer und scheuchte dann Lesja, der noch an der Boxentür stand und dem Fohlen zusah, aus dem Stall.

      “Und jetzt?” fragte er aufgeregt. “Ich kann jetzt unmöglich schlafen.”

      “Das ist schade,” entgegnete ich trocken. “Weil das genau das ist, was ich jetzt tun werde.” Der Himmel verfärbte sich schon zu einem dunklen Indigo, aber ein paar Stunden waren drin. Ich schloss das Gutshaus auf, stolperte hinein und schlüpfte aus meinen Stallschuhen heraus.

      “Und ich?” fragte Lesja von der Haustreppe aus. Ich musste mein Augenrollen unterdrücken.

      “Mi Sofa es su Sofa,” antwortete ich stattdessen. “Und jetzt Gute Nacht.”

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      Ein paar Tage später saß ich in meinem Büro mit Ausblick auf die Hengstkoppeln und füllte die Geburtsmeldungen für den Verein aus. Jette hatte sich endlich auf einen Namen festgelegt – Shotgungs kleiner Hengst würde auf den Namen Caravaggio, benannt nach dem berühmten italienischen Maler, heißen. Und auch für Samarras kleines dunkles Stutfohlen hatten wir schon einen Namen. Sie sollte zumindest auf dem Papier Sommernachtstraum heißen – auf welchen Namen sie dann einmal hören würde, würden wir sehen.

      Und so ging auch die Fohlensaison 2021 zu Ende.

      Geposted am: 03.05.21
      Von: Rhapsody
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  • Album:
    3 | Steenhof
    Hochgeladen von:
    Rhapsody
    Datum:
    3 Mai 2021
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    Caravaggio
    benannt nach einem italienischen Maler


    PEDIGREE
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    von: Callisto

    von: Ovidos

    von: Ontario TB
    aus der: JG Colleen Gold

    aus der: Conversation Starter

    von: Lorax xx
    aus der: Cantana

    aus der: Shotgun

    von: unbekannt

    von: unbekannt
    aus der: unbekannt

    aus der: unbekannt

    von: unbekannt
    aus der: unbekannt


    EXTERIEUR & INTERIEUR

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    Hengst
    Holsteiner
    *14.05.2021

    xxx cm
    Fuchs
    Blesse | v.l., v.r., h.l., h.r. weißer Kronrand

    Aufgeschlossen, inquisitiv, anhänglich.


    TRAINING

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    Fohlen ABC

    Dressur

    E A L M* M** S* S** S**

    Springen

    E A L M* M** S* S** S**

    Military

    E A L M* M** S* S** S***

    ERFOLGE

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    Dressur: -, Springen: -, Military: -


    Turniere


    Andere


    ZUCHTINFORMATIONEN

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    HK/SK Schleife
    HK-/SK-Gewinnerthema


    Decktaxe/Leihmutterschaft:
    Genotyp: ee Aa Gg
    Aus der Zucht: Steenhof (St. Margarethen, DE)
    Nachkommen:


    GESUNDHEITSZUSTAND

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    Chronische Krankheiten:
    Letzter Tierarztbesuch:

    Fehlstellungen:
    Beschlagen:
    Letzter Hufschmiedbesuch:


    STALLINTERN

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    Ersteller: Rhapsody
    VKR: Rhapsody