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Rose1

BOS Feuerherz

BOS Feuerherz
Rose1, 12 Mai 2020
Laraya13, Wolfszeit und Gwen gefällt das.
    • Rose1
      Das nervtötende Piepsen meines Weckers ertönte neben meinem Ohr und ich rieb mir verschlafen die Augen.
      Ich war definitiv kein Morgenmensch und außerdem war es die letzten drei Tage bei Sacred auch wieder sehr spät geworden.
      Müde tapste ich in die Küche und bestrich mir einen Marmeladentoast.
      Für Lucia machte ich direkt einen mit. So wie ich meine Tochter kannte war sie fünf Minuten nach dem ihr Wecker klingelte hellwach und angezogen – ich fragte mich immer noch wie das nur möglich war.
      Da ich ihr angewöhnt hatte die Schulsachen abends herauszusuchen, musste das kleine Mädchen nur noch frühstücken und Zähne putzen und war startklar.
      Ganz anders als ich also.
      Seufzend stellte ich die zwei Teller auf den Esstisch.
      Wenigstens war die Arbeit mit Harry nun schneller zu schaffen und ich hatte mehr Zeit für Sacred. Morgen hatte ich vor dem jungen Hengst zum ersten Mal in meiner Obhut ein Halfter zu präsentieren.
      Mal sehen wie er reagieren würde.
      Noch ganz in Gedanken versunken betrachtete ich meinen Toast, als ich plötzlich zwei Kinderärmchen spürte, die sich um meine Taille schlangen.
      „Guten Morgen Lucy“, meinte ich grinsend und drehte mich zu meiner Tochter um.
      Die Neunjährige grinste und umarmte mich wieder. Das kleine Mädchen war wohl ganz leise die Treppe heruntergeschlichen um mich zu überraschen.
      „Ich hab dich lieb Mama“, murmelte sie an meinen Bauch gepresst und ich musste mich anstrengen nicht zu weinen.
      Solche glücklichen Momente waren selten und kostbar.
      Zum Glück gab es immer mehr davon, seit Lucia mich als Mutter akzeptierte.
      Auch Momente in denen sie einen neuen Vater wollte gab es, aber es würde schließlich kein Traummann vom Himmel fallen, wie ich ihr immer wieder sagte.
      Außerdem fühlte ich mich in unserer Frauen-WG sehr wohl.
      Lucia unterbrach meine Gedanken, indem sie sich auf ihrem Stuhl plumpsen ließ und anfing zu essen.
      Auch ich setzte mich und verdrückte, immer noch ein wenig nachdenklich, mein Marmeladenbrot.
      Einige Minuten später machte Lucy sich auch schon endgültig fertig und verließ schließlich das Haus.
      Ein leises Seufzen entfuhr mir, als die Tür ins Schloss fiel und ich alleine war.
      Normalerweise stände mir jetzt ein einsamer Tag bevor, doch Harry wollte in etwa drei Stunden herunter kommen.
      Der junge Mann war mir vom ersten Tag an ans Herz gewachsen und ich freute mich, dass meine Morgenroutine nun um einiges angenehmer wurde.
      Wir würden einen kleinen Brunch machen um die täglichen Aufgaben zu besprechen und uns für den Tag zu stärken. Dafür musste ich jedoch noch einiges vorbereiten.
      Eifrig wuselte ich durch das Haus und putze einmal gründlich durch.
      Auch der Esstisch wurde möglichst stilvoll gedeckt und zur Feier des Tages platzierte ich sogar einige Blumen darauf. Erschöpft wischte ich mir den imaginären Schweiß von der Stirn und sprang unter die Dusche. Das hatte ich jetzt dringen nötig, denn ich wollte Harry ja auch nicht vollkommen verschwitzt und stinkend gegenübertreten.
      Wenig später stand ich frisch geduscht, angezogen und leicht geschminkt im Wohnzimmer und fragte mich wann Harry wohl kommen würde.
      Ich entschied schon mal das Essen zuzubereiten. Beginnen würde das Rührei mit Tomaten und Schnittlauch. Als ich die Eier aufschlug und in die Pfanne goss, hörte ich ein Klopfen an der Tür.
      „Herein!“, rief ich, da ich grad mit Braten beschäftig war und vermutete, dass Harry vor der Tür stand. Zum Glück kam tatsächlich der junge Pferdepfleger in meine Wohnung und nicht der Postbote oder irgendjemand anderes.
      „Was ist das denn für ein köstlicher Geruch?“, fragte er mich grinsend und spähte an mir vorbei.
      „Rührei“, murmelte ich konzentriert und verteilte die gelbe Masse auf unsere zwei Teller.
      Als ich alle schließlich auf dem Esstisch abstellte, konnte ich endlich ein normales Gespräch führen.
      „Hast du deine erste Nacht hier gut überstanden?“
      Der junge Mann nickte. „Das Bett hier ist so weich“, schwärmte er.
      Ich kicherte und stieß dabei fast den Stuhl neben mir um. „Danke – schätze ich mal“, erwiderte ich und konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen.
      „Was frühstückst du am liebsten? Eher Marmeladentoast oder Käsebrot?“, fragte ich den jungen Mann und lief zum Kühlschrank. „Definitiv Marmeladentoast. Ich frühstücke lieber süß.“ Ich konnte nur zustimmend nicken. Nie im Leben wäre ich auf die Idee gekommen zum Frühstück ein Käsebrot zu essen.
      „Wir hätten auch Müsli“, fügte ich noch hinzu, aber Harry winkte ab.
      „Ein paar Marmeladentoasts und das Rührei reichen vollkommen aus“, meinte er und grinste mich an.
      Vorsichtig brachte ich das Marmeladenglas, Butter, die Toasts und zwei weitere Teller und Messer zum Esstisch.
      Puhh, zum Glück war mir nichts heruntergefallen.
      Mit leisem Seufzen ließ ich mich auf meinen Stuhl sinken.
      „Und was steht heute alles an?“, fragte Harry, während er anfing sein Rührei zu verspeisen.
      „Naja“, meinte ich und schluckte schnell die gelben Masse, „außer den alltäglichen Aufgaben, also Weiden und Aktivstall abäppeln, alle Tiere füttern und Eier einsammeln, sollten heute auch die Fohlen wieder trainiert werden. Wenn du möchtest kannst du das gerne übernehmen und die Beiden mal kennenlernen. Du wirst sie sicher mögen. Mit Belmiro will ich heute ein wenig an einigen Dressurlektionen arbeiten und ihm vielleicht sogar den Spanischen Schritt beibringen, aber auch das kannst du wenn du willst machen. Dann würde ich mich um die Fohlen kümmern.“
      Ich nahm mir einen Marmeladentoast während Harry bereits seinen zweiten herunterschluckte.
      Nun nickte er kurz und legte sein Besteck beiseite.
      „Beides klingt wirklich cool, aber Fohlen kann ich nun wirklich nicht widerstehen“, lachte der junge Mann und ich nickte grinsend.
      Kluge Entscheidung, denn die beiden Stutfohlen waren wirklich süß.
      „In Ordnung, dann machen wir erstmal die richtigen Aufgaben, bevor wir uns dem Spaß widmen“, meinte ich und aß erstmal fertig, bevor ich dann begann den Tisch abzuräumen.
      Harry half mir freundlicherweise und stellte die Stühle alle wieder richtig hin.
      „Danke nochmal für das Essen“, meinte der junge Mann und sah mich an.
      Ich nickte nur und winkte ab.
      „Kein Problem, wirklich. Der kleine Brunch hat Spaß gemacht und wir sollten das definitiv wiederholen.“
      Eine einträchtige Stille senkte sich über uns, doch sie war keineswegs unangenehm.
      In Gedanken versunken liefen wir zum Stall und widmeten uns unseren täglichen Aufgaben.
      Jeder für sich und doch gemeinsam, also genauso wie ich mir die Arbeit mit einem Pferdepfleger erträumt hatte.

      Einige Stunden später trennten sich unsere Wege wieder, Harry ging zu den beiden Fohlen und ich machte mich auf den Weg zu Sacred.
      Natürlich hatte ich auch heute eine dicke Karotte für meinen Dicken dabei.
      Sonst bekam er ja nichts außer dem Weidegras und seinem Mineralfutter, das ich täglich auf ein wenig kalorienreichem Futter drapierte um Leinöl darüber zu gießen – natürlich nur ganz wenig.
      Da war eine Karotte schon mal drin.
      Und schließlich konnte ich auch schon sehen, dass ihm die täglich Bewegung auf der Weide und die Diät, die er nun einhalten musste, guttat.
      Der einst so dicke Bauch war ein wenig geschrumpft und auch seine Tragerschöpfung hatte sich gebessert. Auch wenn erst harte Arbeit und Training den letzten Speck vertreiben würde und die richtige Muskulatur aufbauen konnte, kamen wir dem Ziel immer näher.
      Mit Babyschritten, aber wenigstens ging es vorwärts.
      Nachdenklich betrat ich die Weide und warf dem jungen Hengst seine Karotte zu.
      Es sah so niedlich aus, wie er seinen Leckerbissen vertilgte und dabei immer wieder misstrauische Blicke in meine Richtung warf. Als ob ich ihm die Möhre im letzten Moment wegfuttern würde.
      Bei diesem Gedanken musste ich lachen und Sacred schoss mit dem Kopf hoch.
      Als er sah, dass ich mich inzwischen beruhigt hatte und immer noch auf meinem Platz neben dem Weidezaun saß, beruhigte der Dunkelbraune sich wieder und fraß weiter.
      Puhh, mein Lachen schien unsere Beziehung nicht beschädigt zu haben.
      Die nächsten Male musste ich trotzdem ein wenig mehr Selbstbeherrschung zeigen.
      Ein Pferd zu resozialisieren war schließlich kein Kinderspiel und auch keine von diesen dämlichen Fernsehshows bei denen die Lacher immer eingeblendet wurden.
      Wieso eigentlich? Hatten sie es so nötig, weil sonst niemand über ihre dämlichen Gags und dummen Späße lachen würde?
      Kopfschüttelnd verdrehte ich die Augen.
      Wie ich das doch hasste.
      Am besten widmete ich mich wieder schöneren Dingen: Sacred zum Beispiel.
      Der hübsche Trakehnerhengst graste entspannt und trabte irgendwann prustend auf mich zu.
      Wieder musste ich mir ein Lachen verkneifen, doch dieses Mal schaffte ich es.
      Sanft senkte der Dunkelbrauen seinen edlen Kopf und blies mir Luft ins Gesicht.
      Ich konnte seine Blesse jetzt noch besser erkennen. Sie wirkte charakteristisch und passte gut zu seinem glänzenden dunkelbrauen Fell.
      Dieses Pferd würde ich unter Tausenden wiedererkennen. Was sagte ich da, unter Millionen.
      Fast schon verliebt blickte ich Sacred in die Augen und blies ihm nun selbst ein wenig meiner Atemluft in die Nüstern.
      Das war ein Begrüßungsritual bei Pferden und es rührte mich, dass Sacred es nun auch bei mir tat und mich begrüßte wie einen Artgenossen.
      Also eigentlich, wie man einen Artgenossen begrüßen sollte, denn ich ihn nie besonders vertraut mit anderen Pferden gesehen.
      Sacred blieb immer auf Distanz.
      Nur zu mir schien er ein wenig Nähe aufzugbauen.
      Vor Rührung spürte ich eine Träne an meiner Wange herunterlaufen, doch ich wagte es nicht mich zu bewegen um sie wegzuwischen.
      Ich wollte diesen Moment nicht zerstören.
      Doch bevor ich den Gedanken auch nur zu Ende denken konnte, zog sich Sacred auch schon zurück.
      Zwar nur wenige Meter, aber es war nicht mehr so speziell, so besonders.
      Trotzdem schien der junge Hengst mir zu vertrauen.
      Scheinbar vollkommen entspannt fraß er an meiner Seite.
      Ich wagte es kaum zu atmen oder gar den Gedanken an einen Aufbruch zu erheben.
      Jetzt musste ich diesen Moment einfach genießen.
      Mit (sehr, sehr, sehr) leisem Seufzen ließ ich mich in das noch leicht feuchte Gras fallen und sah in den Himmel.
      Obwohl ich viele Wolken sah, war es doch noch sehr sonnig für einen Frühlingsabend.
      Es schien fast so als ob die Welt für mich und Sacred still stand.
      Einfach um diesen Abend noch ein wenig magischer zu machen.
      Still genoss ich das leise Kauen des Hengstes neben mir und versuchte Formen in den Wolken zu erkennen. Das war bestimmt ein Elefant, schoss es mir durch den Kopf.
      Und das dort drüben ein Kamel, auf dem ein Vogel ritt.
      Eine riesige, dicke Katze! Dort ein alter Mann mit Schlapphut!
      Es gab so viel zu entdecken und ich konnte mich kaum an der Schönheit der Natur sattsehen, obwohl Wolken doch etwas ganz alltägliches waren.
      Wie oft rechneten wir Dingen keinen wahren Wert zu, nur weil sie „gewöhnlich“ waren.
      Dabei waren es doch die ganz kleinen Momenten, die unser Leben ausmachten.
      Ein leckerer Tee und ein gutes Buch und sich dabei in eine Decke einkuscheln.
      Oder wenn die Tochter freudestrahlend ein neues Kunstwerk präsentierte.
      Achtsamkeit war unglaublich wichtig, denn sonst verlor sich dieser Blick für das Kleine, das vermeidlich „Unbedeutende“.
      Ich schüttelte den Kopf. Wie einem sowas nur entgehen konnte, fragte ich mich nachdenklich und bemerkte zuerst gar nicht, dass die Nüstern eines gewissen, ziemlich rundlichen, Hengstes über meinen Bauch schoben.
      Wie ein Trüffelsuchhund schien das Tier meinen Geruch aufzunehmen und knabberte anschließend sanft am Stoff meines Pullis.
      Scheiße, der ist hellgrau, dachte ich mir noch und blickte zu der Spur grünes Sabbers, die an einem riesigen, hellgrünen Fleck endete.
      „Scheiße“, murmelte ich nun nicht mehr nur in Gedanken.
      Ich mochte den Pulli wirklich und hatte ihn auch erst ein halbes Jahr.
      Dem Hengst musste definitiv bald jemand Manieren beibringen.
      Seufzend richtete mich wieder auf und stütze mich mit den Händen ab.
      Jetzt war ich wieder in einer halbwegs aufgerichteten Position.
      Sacred schien ein wenig verwundert über meinen plötzlichen Positionswechsel und schnüffelte nun an meinen Haaren. Was soll’s, ich musste heute sowieso duschen.
      Geduldig ließ ich den jungen Hengst machen und fing sogar an zu grinsen.
      Es kitzelte wenn die weiche Schnauze über meine Haut schubberte.
      Mit einem leisen Prusten ließ der hübsche Trakehnerhengst dann wieder von mir ab und widmete sich dem Gras.
      Zunächst hatte ich noch Angst, dass Sacred sich auf der Koppel den Bauch zu voll schlagen würde, aber hier waren die Weiden zum Glück nährstoffarm und recht karg.
      Das bedeutete, dass mein Dicker sich bewegen musste um seinen Magen zu füllen und das tat seiner ziemlich mitgenommenen Muskulatur gut.
      Bald würde er wieder wie ein richtiges Sportpferd aussehen, dachte ich und erinnerte mich an das Bild, dass Andreas mir geschickt hatte.
      Leider waren die Decke und das Halfter noch nicht angekommen, also konnte ich noch nicht ausprobieren wie sie Sacred nun standen.
      Bei dem Gedanken an Andreas und fiel mir ein, dass ich mich ja noch von Harry verabschieden wollte, weil er zum Geburtstag seiner Großtante fuhr.
      Ich sprang auf und kletterte über den Zaun.
      Hoffentlich war er nicht schon gefahren.
      Nervös sprangen meine Augen über den Hof und suchten nach Harry.
      Endlich meinte ich ihn erkennen zu können und rannte auf die Gestalt zu.
      Leider sah ich nur die Silhouette, doch ich bemerkte meinen Irrtum bald.
      „Guten Tag“, hörte ich den großgewachsen Mann sagen und mir fiel auf, dass Harrys Stimme sowohl samtiger als auch ein wenig tiefer war.
      Diese hier klang mehr wie der Schrei eines heiseren Kätzchens nach seiner Mutter.
      Schmunzelnd sah ich mir den Mann genauer an.
      Jetzt konnte ich auch erkennen, dass er dürrer war als Harry und etwas in den Händen zu halten schien. Ein Päckchen! „Sind sie Nina Beaulieu?“, fragte der Mann und ich nickte aufgeregt, „Dann ist das wohl für sie.“ Er drückte mir das Paket in die Hand und ich bemühte mich ihn so schnell wie möglich zu unterschreiben und mich zu verabschieden.
      Jetzt musste ich nur noch Harry finden und auch ihm Tschüss sagen.
      Ich eilte nach oben zu seiner Wohnung und drückte auf die Klingel.
      Ein schriller Ton erklang und ich hörte Geräusche.
      Wenig später stand Harry auch schon vor mir. In seinem weißen Hemd und der hellblauen Jeans hätte ich ihn fast gar nicht wiedererkannt, aber ich musste zugeben, dass es ihm sehr gut stand.
      Außerdem war er frisch rasiert und trug sogar eine dunkelblaue Krawatte.
      Der Pferdepfleger wirkte nun mehr wie ein Geschäftsmann, als ein einfacher Stallbursche.
      Harry musste mein leichtes Schmunzeln wohl gesehen haben, denn auch er grinste.
      „Stallklamotten sind besser“, erklärte er lachend.
      „Naja, wobei dir ein gewaschener und gepflegter Look ziemlich gut steht“, erwiderte ich nur und beobachtete wie Harry entsetzt die Augen aufriss. Trotzdem war das Grinsen in seinem Mundwinkel nicht zu übersehen und ich wusste, dass er nur scherzte.
      „Ich würde diese Diskussion ja noch weiterführen, aber leider muss ich jetzt los“, meinte der junge Mann und drückte mich kurz an sich.
      Ich bemerkte, dass er anders roch als sonst.
      Ein starkes Aftershave hatte den üblichen Stallduft verdrängt und verlieh dem jungen Mann eine ganz andere Wirkung.
      Verlegen, da ich so lange über seinen Geruch nachdachte, schreckte ich zurück und lächelte Harry schüchtern zu. „Dann viel Spaß.“
      „Danke Nina“, meinte er lächelnd und hob winkend die Hand.
      Als Harry die Treppen nach unten lief meinte ich einen kleinen Stich in meinem Herz zu spüren.
      Gerade erst hatte ich Gesellschaft außer Lucia und nun waren wir wieder allein.
      Ich versuchte mir ins Gedächtnis zu rufen, dass Harry nur fünf Tage bei seiner Großtante verbringen würde, doch der Schmerz blieb, wenn er auch nicht mehr so stark war wie davor.
      Leider war ich doch ein sehr emotionaler Mensch und besonders Trennungen und Verluste machten mich psychisch fertig.
      Seit Joes Tod verfolgte mich außerdem immer die Angst meine Freunde und Familie eines Tages nie wieder zu sehen.
      Ich versuchte die traurigen Gedanken zu vertreiben und lief in meine eigene Wohnung.
      Das Päckchen wollte schließlich geöffnet werden.

      Als ich schließlich frisch geduscht und vor allem ziemlich gespannt auf der Couch saß, mir eine heiße Schokolade gemachte hatte und gerade mit der Schere den ersten Schnitt machte, hörte ich mein Handy brummen.
      Vorsichtig zog ich es aus meiner Hosentasche und sah den Absender. Harry? Hatte etwa etwas vergessen? Stirnrunzelnd öffnete ich den Chat.
      Zum Glück war die Nachricht ziemlich normal, fast schon zu banal für den jungen Pferdepfleger:

      Hey Nina. Und steht der Rosenhof noch? :)
      Ich sitze grad im Zug und hab deshalb ein bisschen Zeit zum Schreiben.

      Unwillkürlich erschien ein Lächelnd auf meinem Gesicht.
      Obwohl die Nachricht fast schon frech wirkte, spiegelte sie Harry gut wieder.
      Der junge Brite hielt nicht besonders viel von Etiketten oder Höflichkeitsfloskeln was ihn zu einem sehr entspannten Gesprächspartner und Mitarbeiter machte.
      Und ja, er würde auch einen guten Kumpel abgeben.
      Grinsend tippte ich eine Antwort.

      Hi, Harry.
      Ja, der Hof steht noch, aber es ist deutlich ruhiger und irgendwie komisch ohne dich und LuciaJ
      Ich hab grad auch nicht viel zu tun, denn da jetzt ja ein paar Feier- und Brückentage sind ist meine Tochter bei ihren Großeltern. Also bei den Eltern ihrer Mutter.
      Und ich bin natürlich nicht ins Schloss eingeladen… L
      Naja, dafür habe ich jetzt ein bisschen kinderfreie Zeit.


      Bereits wenige Sekunden nachdem ich abgesendet hatte, kam Harry online und ich sah ein altbekanntes „Schreibt…“ auftauchen.
      Gebannt starrte ich auf den Bildschirm und sah wenig später eine Nachricht aufpoppen.

      Schade, dann musst du es statt mit königlichen Einhörnern, wohl mit deinen Wildpferden aushalten… Du Arme…L
      Apropos – bald sollten auch meine Pferdchen auf dem Rosenhof ankommen.
      Ich bin schon ganz aufgeregt und hoffe, dass es ihnen bei dir genauso gut gefällt wie mir.


      Ein wenig gerührt blinzelte ich und tippte wieder.
      Es freute mich, dass es Harry hier gefiel.

      Aww, ich freu mich schon sehr auf die Kleinen J (oder eher Großen? Ich weiß ja noch nicht wie sie aussehen)
      Dann können wir endlich mal zusammen einen Ausritt machen!
      First Snow wird sich vielleicht sogar mit Belmiro oder dem neuen Hengst BOS Feuerherz, der morgen ankommen soll, anfreunden.


      Ein sanftes Lächeln zog sich bei diesem Gedanken über mein Gesicht. Hoffentlich vertrugen sich die drei gut und nahmen später vielleicht sogar Sacred in ihre kleine Junggesellenherde auf.

      Irgendwie vermisse ich dich jetzt schon :(

      Bei diesem Satz musste ich nachdenken, ob ich ihn wirklich so stehen lassen wollte.
      Käme das zu komisch rüber? Wir hatten schließlich keine Beziehung oder so und kannten uns noch nicht wirklich lange. Eigentlich war Harry schließlich nur ein Angestellter.
      Ich runzelte die Stirn und überlegte. Endlich eine Idee!
      Ich wusste nun, was ich danach schreiben konnte:

      Jetzt muss ich nämlich die ganze Drecksarbeit alleine machen!!! L L L

      Ich sendete ab und wartete gespannt auf eine Antwort von Harry.
      Wie ich ihn kannte würde er mich nicht lange zappeln lassen.
      Ich war froh, dass mein Pferdepfleger offensichtlich keine dummen Spielchen spielte – wie schon einige andere Männer es bei mir versucht hatten -, denn seine Nachricht kam sofort:

      Ein Ausritt klingt toll und wir müssen das wenn ich wieder da bin auf Fall machen! J
      So komisch es auch klingt, ich vermisse dich auch. Natürlich auch Lucia, Belmiro, die zwei Fohlen und selbstverständlich unser kleines Wildpferd Sacred. Sogar die Drecksarbeit würde ich jetzt gerne erledigen, denn Zugfahren kann wirklich langweilig werden.
      Wenn ich wieder da bin, musst du mir BOS Feuerherz unbedingt vorstellen. Bei dem Namen kann er ja nur cool sein J
      Leider muss ich jetzt umsteigen und im folgenden Zug gibt es kein Internet L
      Aber wenn ich angekommen bin, schreibe ich dir natürlich.
      Bis bald Nina und grüß die Anderen von mir!


      P.S.: Für die Pferde von mir natürlich ein Extra-Möhrchen ;)

      Ein trauriges Lächeln erschien auf meinem Gesicht als ich Harrys Nachricht las. Die Konversation war wirklich entspannt gewesen und Harry schien wirklich ein netter Typ zu sein.
      Aber gut, dann schrieben wir halt wann anders wieder.
      Ich verabschiedete mich von ihm.

      Schade, hoffentlich hast du bald wieder eine gute Verbindung.
      Selbstverständlich kriegen die Jungs und deine zwei kleinen Ladys Karotten, bzw. Fohlenleckerlies von mir.


      Ich musste lachen, als ich “deine zwei kleinen Ladys“ tippte, aber die zwei Stutfohlen hatten zu Harry wirklich schnell Vertrauen aufgebaut und schienen ihn sehr zu mögen.
      Er würde es vermutlich auf seine „unglaubliche Wirkung auf jedes weibliche Wesen“ und seine „äußerst charismatische Ausstrahlung“ schieben, aber ich hatte ja insgeheim eine große Portion Leckerlies im Verdacht.
      Die beiden Stutfohlen waren schließlich ziemlich verfressen und würden für einen kleinen Snack alles tun.
      Wirklich alles. Das würde mir bei ihrem späteren Training jedoch zu Gute kommen.
      Ich konzentrierte mich wieder auf die Nachricht und tippte weiter:

      Lucia bestimmt auch schon und wenn sie zurück ist wird sie sich über deine Grüße bestimmt sehr freuen.

      Meine Tochter hatte den jungen Mann wirklich schon ins Herz geschlossen und ich glaube, dass sie sich insgeheim ihn als neuen Papa wünschte.
      Ich wusste nämlich, wie sehr sie einen Mann an meiner Seite wollte und obwohl ich ihr diesen Wunsch weder erfüllen konnte noch wollte, verstand ich sie doch.
      Ein Vater war schließlich noch mal ein wirklicher Pluspunkt für ihre Entwicklung und stellte eine zweite, sehr wichtige, Bezugsperson dar.
      Ohne ihn aufzuwachsen gestaltete sich für viele Kinder schwierig und ich vermutete, dass auch meine kleine Lucia so ein Kind war.
      Ein Seufzen entfuhr mir, doch ich schrieb weiter.

      Bis bald auch von mir und ganz liebe Grüße an deine Familie in England!
      (leider würden Karotten in diesem Fall wohl ein eher unpassendes Gastgeschenk darstellen oder?)


      Ich sendete, doch Harry war bereits offline und saß vermutlich schon im nächsten Zug in Richtung England. Er hatte sich, vor allem aus Klima- und Umweltschutzgründen, für eine Zugfahrt unter dem Ärmelkanal entschieden um zu seinem alten Heimatort zu kommen, denn der junge Mann war sehr auf seinen CO2-Fußabdruck und seinen ökologischen Rucksack bedacht.
      Wie ich auch, musste ich zugeben. Obwohl wir so unterschiedlich erschienen, hatten Harry und ich doch einiges gemeinsam, fiel mir auf.
      Der Brite hatte sogar denselben Musikgeschmack und das kam bei mir bei weitem nicht sehr oft vor.
      Insgeheim fragte ich mich sogar, ob Harry nicht vielleicht doch ein guter Partner wäre, doch diesen Gedanken vertrieb ich ganz schnell wieder.
      Er war immer noch mein Angestellter!
      Jetzt sollte ich mich besser dem Päckchen widmen.
      Aufgeregt durchtrennte ich die Klebestreifen und befreite eine hübsche, sehr helle Decke aus ihrem Kartongefängnis. Sie würde dem Dunkelbraunen bestimmt sehr gut stehen, aber ich befürchtete, dass Sacred sie schnell verdrecken würde. Als ich das Material jedoch berührte, spürte ich sofort, dass mit dem Lotus Effekt gearbeitet worden war und somit der Dreck und Schmutz einfach abperlen würde. Das war eine sehr gute Nachricht für meinen kleinen Dreckspatz, schließlich war Sacreds Fell fast immer voller Schlamm und Dreck.
      Ich packte auch noch den Rest des Pakets aus und entdeckte ein farblich abgestimmtes Halfter, einen geflochtenen Strick und vier Gamaschen. Das war das, was Sacred damals auf dem Bild getragen hatte, fiel mir auf und mir wurde sofort klar, dass Andreas mir das Päckchen geschickt hatte.
      Auch ein kleines Kärtchen mit dem Satz: „Hoffentlich steht es deinem Hengst immer noch so gut wie früher – Andreas“, bestätigte meinen anfänglichen Verdacht und ich zückte sofort mein Handy hervor um dem Züchter zu danken.
      Umso überraschter war ich, als ich merkte das Andreas mir bereits eine Nachricht gesendet hatte und wohl wieder Informationen gefunden hatte.
      Er hatte mir ein Bild von Sacred bei der Bodenarbeit geschickt und dazu einen kleinen Text geschrieben.

      Hallo Nina.
      Auf dem mitgeschickten Bild siehst du Sacred mit ungefähr vier oder vielleicht auch fünf Jahren wie er einen neuen Trick lernt (das Hütchen umschubsen hat er damals wirklich geliebt meint Mathilda)
      Früher hat der junge Hengst nämlich sehr gerne Zirkuslektionen und kleine Tricks gelernt.
      Auf dem Hof seines Züchters gab es eine Helferin, Mathilda, die viel mit den Pferden gearbeitete hat und sie auch geistig auslasten wollte.
      Besonders der damalige Loverboy entpuppte sich als kluger und sehr eifriger Lehrling.
      Sie hat auf eine Nachricht von mir geantwortete und gemeint, dass er wohl heute noch einige kleine Lektionen beherrschen sollte.
      Mathilda hat ihm damals beispielsweise den Spanischen Schritt, Pylonen umschubsen und auch wieder aufrichten, Küsschen geben, Zeitung lesen und vieles mehr beigebracht. Sogar so schwierige Lektionen wie Steigen oder Hinlegen soll er gekonnt haben.
      Natürlich dürfte dein Trakehner einiges wieder vergessen haben, doch er hat anscheinend großes Talent für so etwas und du könntest das vielleicht nutzen und ihn so an die besseren Zeiten seiner Vergangenheit erinnern.
      Damals war Loverboy oder Sacred schließlich noch nicht traumatisiert und sein Leben schien in bester Ordnung. Er wusste ja noch nicht wie schnell sich das ändern sollte… :(


      An dieser Stelle kämpfte ich tatsächlich mit den Tränen. Der arme Sacred hatte damals noch eine glückliche Kindheit und war eine so große Hoffnung für den Spring- und Vielseitigkeitssport gewesen.
      Martin Gabler hatte das alles ohne mit der Wimper zu zucken zerstört.
      Vermutlich gingen sogar einige Pferdeleben auf sein Konto.
      Ich konnte über solche Menschen nur den Kopf schütteln. Wie konnte man den eigenen Erfolg nur über das Wohlbefinden seines Sportpartners Pferd stellen?
      Und sogar seinen verfrühten und grausamen Tod dafür in Kauf nehmen?
      Ich verstand es nicht.
      Wirklich nicht.
      Seufzend las ich weiter.

      Zum Glück ist der Kleine jetzt bei dir und darf dort hoffentlich den Rest seines Pferdelebens friedlich genießen. Vielleicht kannst du ja auch seine Zirkuskarriere wieder aufleben lassen, wer weiß?

      Wenn ich wieder irgendwelche Fotos aus Sacreds Vergangenheit finde oder mehr über ihn herausbekomme, sage ich dir natürlich wieder Bescheid.

      Ganz liebe Grüße,
      Andreas


      P.S.: Ist das Paket schon angekommen?

      Ich lächelte. Das war wirklich nett von Andreas mir das Foto und dazu noch die kleine Geschichte zu schicken. Jetzt musste ich ihm nur noch antworten, dachte ich mir und begann zu tippen.

      Hallo Andreas,
      erstmal muss ich mich für deine Nachricht und das Päckchen bedanken: Es ist wirklich nicht selbstverständlich so unermüdlich nach weiteren Informationen und Fotos zu suchen und ohne dich wüsste ich fast nichts über meinen Dicken. Auch über Sacreds Ausrüstung, die du mir geschickt hast, habe ich mich sehr gefreut und werde sie bestimmt bald testen können
      (du bekommst dann natürlich wieder Fotos)


      Wie versprochen erzähle ich dir nun ein wenig über Sacreds aktuelle Fortschritte.
      Der Hengst scheint mir inzwischen zu vertrauen und kommt oft sogar freiwillig und von selbst auf mich zu. Letzens hat er mich sogar abgeschnüffelt.
      Die Schnoderspuren bekomme ich wohl nie wieder aus meinem T-Shirt raus… L
      Morgen möchte ich meinem Hengst zum ersten Mal ein Halfter präsentieren und sehen wie er sich verhält. Hoffentlich hat Sacred nicht auch das in schlechter Erinnerung behalten.
      Vor Spritzen hat er, vermutlich durch das ständige und schmerzhafte Doping, nämlich furchtbare Angst und kämpft regelrecht gegen meinen neuen Pferdepfleger Harry und die Tierarzthelferin.
      Aber das werden wir bestimmt auch bald in den Griff bekommen.
      Man muss schließlich immer hoffnungsvoll an die Sache rangehen oder etwa nicht? J
      Bei unseren aktuellen Fortschritten kommt die Hoffnung jedoch von ganz allein und ich glaube, dass wir bald soweit sind, dass ich ihn zumindest führen kann.
      Ich hoffe schon auf ausgedehnte Spaziergänge am Strand!
      Natürlich werde ich ihn danach auch bald anlongieren und seine Gänge unter die Lupe nehmen.
      Du und Karolina haben mir ja versichert, dass der junge Hengst ausgezeichnete Grundgangarten und eine unglaubliche Ausstrahlung haben soll und das will ich natürlich auch erlebt haben.


      Wenn wir wieder etwas weitergekommen sind oder einen neuen Fortschritt erzielt haben, werde ich dir natürlich wieder eine Nachricht schreiben. Außerdem muss ich bald mal ein paar Fotos von Sacred machen. Wenn er bereit dafür ist, werde ich vermutlich ein richtiges kleines Fotoshooting mit verschiedenen Outfits und allem veranstalten.
      Sacred als Pferdetopmodel – kannst du dir das vorstellen? :)
      Leider muss ich jetzt jedoch ins Bett, mein Pferdepfleger ist im Urlaub bei seinen Verwanden und ich habe einen sehr, sehr langen Tag vor mir.
      Außerdem soll das Training mit Sacred natürlich auch nicht zu kurz kommen, denn morgen wollen wir uns schließlich zum ersten Mal an das Halfter wagen!


      Gute Nacht und liebe Grüße,
      Nina


      Als ich die Nachricht gesendete hatte, stand ich direkt auf und holte mir meine Schlafsachen.
      Diesen Mal war es ein flauschiger dunkelroter Hoodie und eine enganliegende Leggins.
      Ich liebte Leggins einfach und konnte Menschen, die Jogginghosen vorzogen einfach nicht verstehen (ausgeschlossen Männer natürlich – das sähe einfach komisch aus).
      Als ich fertig umgezogen war putzte ich meine Zähne und fiel schließlich todmüde ins Bett.
      Ich schaffte es noch nicht mal noch ein paar Seiten in meinem neuen Buch zu schmökern oder die Serie weiterzugucken, die ich so sehr liebte.
      Noch nicht mal etwas Anständiges zu Abend gegessen hatte ich!
      Morgen würde mir der Heißhunger bestimmt zum Verhängnis werden, so wie ich mich kannte…

      Ich hatte Rech behalten. Am nächsten Morgen knurrte mein Magen so laut, dass ich froh war keine Nachbarn zu haben. Die hätten vermutlich befürchtet einen Wolf oder ein anderes wildes Tier in der Nachbarschaft zu haben.
      Hungrig stand ich auf und machte mich auf den Weg nach unten.
      Einige leckere Honigbrötchen waren jetzt genau das Richtige.
      Ich suchte alle benötigten Zutaten aus den Schränken und backte Brötchen auf.
      Der köstliche Geruch ließ mir das Wasser im Munde zusammenlaufen und ich konnte mich kaum gedulden.
      Als die Uhr endlich klingelte riss ich den Ofen auf und stibitze mir sofort ein Brötchen.
      Aua, die waren echt heiß.
      Mit schmerzverzehrten Gesicht pustete ich auf die rote Stelle an meinem Finger.
      Das würde eine ordentliche Blase geben.
      Wenigstens waren die Brötchen jetzt abgekühlt und ich konnte mich meinem Frühstück widmen.
      Hungrig bestrich ich alle mit Honig und stopfte sie mir in den Mund.
      Mmmh.
      Es ging doch nichts über frische Brötchen.
      Jetzt konnte der Tag beginnen.
    • Rose1
      Die Sonne ging gerade erst auf, als ich mich früh auf den Weg zu Sacred machte.
      Heute wollte ich wieder auf den Reitplatz gehen und mit Sattel und Trense trainieren.
      Vermutlich würde der junge Hengst nicht sehr erfreut sein, aber irgendwann musste ich mit der richtigen Arbeit beginnen.
      Ich bahnte mir den Weg durch das hohe Dühnengras, das auf den Wegen wucherte, hoch zu Sacreds Weide. Bald würde ich hier wieder mähen müssen.
      Oder Schnee würde das für mich erledigen, bemerkte ich mit einem misstrauischen Blick zur Wolkendecke. Der Himmel war grauschwarz und ein kalter Wind wehte.
      Fröstelnd schlug ich meinen Kragen hoch und steckte meine Hände in die Taschen.
      Sacred schien nicht zu frieren und war gemütlich am Grasen.
      Als er mich sah, lief der junge Hengst zum Zaun.
      Süß, wenn man die Karotte in meiner Tasche vergaß.
      Ich verdrehte nur die Augen, während Sacred den Leckerbissen vertilgte.
      Vorsichtig zog ich ihm ein Halfter über und führte ihn herunter zum Reitplatz.
      Zugebenermaßen war ich etwas nervös, denn ich hatte schon oft ruhige Pferde beim Training mit der Trense völlig durchdrehen sehen.
      Häufig war ein Trauma schuld. Und Sacred hatte in seinem jungen Leben schon viel erlebt.
      Die Narben in seinem Maul zeugte noch heute von seinen Erfahrungen mit der Trense.
      Ich würde zuerst nur gebissloses Zaumzeug verwenden und vielleicht sogar dabei bleiben.
      Für Sacred war schließlich keine Dressurkarriere geplant.
      Ob wir je zum Springen kommen würden, wusste ich jedoch nicht.
      Nachdenklich betrachtete ich den dunkelbraunen Trakehner.
      Der Hengst hatte inzwischen etwas abgespeckt und sah nun wieder mehr nach Sportpferd aus.
      Er schien sich sogar aufs Training zu freuen und schnaubte als wir auf dem Reitplatz ankamen.
      Ich führte den Hengst einige Runden und nahm dann den Kappzaum, den ich auf den Zaun gelegt hatte. Sacred verspannte sich merklich.
      Die Ohren zuckten zurück und ich sah, wie sich seine Augen plötzlich erweiterten.
      Vermutlich kamen gerade einige ungute Erinnerungen an seine Zeit als erfolgreiches Springpferd zurück.
      Ich ließ den Kappzaum etwas sinken und sah betont ruhig zu Boden.
      Sacred sollte erst einmal zur Ruhe kommen, bevor ich mit dem Training beginnen konnte.
      Und das hieß nun mal warten.
      Gelegentlich versuchte ich einen Blick auf den jungen Hengst zu erhaschen um zu schauen ob er sich beruhigt hatte. Nach einigen Minuten senkte er tatsächlich den Kopf und schnaubte sogar leise.
      Daraufhin legte ich den Kappzaum auf den Boden und gab dem Trakehner ein Stück Möhre, dass er erfreut zerkaute.
      Ich versuchte den orangenen Brei, der auf den Boden tropfte, zu ignorieren und den Termin für die Zahnbehandlung in meinem Kopf etwas vorzuverlegen.
      Jetzt, wo Sacred ruhiger war, wollte ich die Übungen der letzten Stunden noch einmal wiederholen.
      Vorsichtig strich ich seinen Rücken entlang bis zu Hinterhand und tastete schließlich sanft seine Beine ab.
      Das wiederholte ich auch bei seinen Vorderbeinen und schließlich hob ich jeden Huf kurz an und kratzte ihn mit dem Hufkratzer aus meiner Tasche aus.
      Zum Glück hatte ich heute daran gedacht, denn beim letzten Mal musste ich die Hufe dreckig wieder absetzten.
      Als ich fertig war, rieb ich mir kurz den Rücken und lobte Sacred schließlich ausgiebig.
      Er bekam ein weiteres Stück Möhre für sein entspanntes Prusten. Auch dieses Mal landete die Hälfte auf dem Boden.
      Ohne das zu beachten griff ich wieder nach dem Kappzaum.
      Dieses Mal schien Sacred jedoch zu wissen, dass ich die Trense nicht verwenden würde und reagierte ruhiger. Nur seine Ohren zuckten weiterhin nervös.
      „Feiner Junge“, murmelte ich leise, immer noch ohne mich zu bewegen.
      Der Hengst senkte seinen Kopf, woraufhin ich den Kappzaum in den Sand fallen ließ.
      Zum Glück war es ein älteres, schon etwas kaputtes Teil.
      Bald wollte ich jedoch für Sacred einen schöneren, neuen Kappzaum zu kaufen, denn bei seinem Ladendruck war an eine echte Trense noch lange nicht zu denken.
      Der junge Hengst schien sich aktuell auch in Gegenwart des Zaumzeugs wohlzufühlen und kratze sich grunzend an mir.
      Grinsend kraulte ich die juckende Stelle und steckte Sacred eine Möhre zu.
      Der Dicke war mir echt ans Herz gewachsen.
      Wobei, so dick war er gar nicht mehr.
      Das magere norddeutsche Gras und die Bewegung hatten den dicken Bauch tatsächlich zum Schrumpfen gebracht. Fast konnte man Sacreds Figur schon normal nennen.
      Ich wiederholte die Übung mit dem Kappzaum noch einige Male und brachte Sacred dann wieder auf seine Koppel. Er war offensichtlich noch nicht bereit für Experimente mit dem Sattel, also ließ ich es für heute gut sein.
      Die anderen Pferde wollten schließlich auch versorgt werden.

      Zum Glück hatte Harry Brown like Chocolate und La Fée de la Neige schon versorgt, also stattete ich den zwei Fohlen nur einen kurzen Besuch ab und lief dann weiter zu Greased Lightning.
      Der Vollblüter war erst vor wenigen Tagen angekommen und da er sich sehr aggressiv präsentierte, hatte ich ihn zunächst auf die Weide gestellt.
      Bald würde ich auch hier mit der Arbeit beginnen, doch das würde wohl noch dauern.
      Ich seufzte leise und lief weiter zu BOS Feuerherz. Der junge Hengst stand aktuell mit Belmiro auf einem Paddock, da Greased Lightning die Hengstweide für sich beanspruchte und sich Darkness Lord noch nicht vergesellschaften ließ.
      In naher Zukunft wollte ich alle Hengste zusammenhalten, wie es bereits viele große Gestüte taten.
      Nur bei Sacred war ich mir nicht ganz sicher, wie ich sein Problem mit anderen Pferden lösen sollte.
      Ich vertrieb die trüben Gedanken und holte BOS Feuerherz von der Koppel.
      Früher war der hübsche Hengst meine Reitbeteiligung gewesen und meine Beziehung zu ihm war noch heute deutlich besser, als die zu manch anderen Pferden hier.
      Inzwischen war der Trakehner bereit für Turniere und bereits für das nächste Wochenende hatte ich eines geplant. Es war nicht sein erster Wettkampf, aber trotzdem wollte ich heute einen ganzen Parcours durcharbeiten, um die letzten Ängste zu zerstreuen.
      Da mir die anstehende Geländeprüfung mehr Sorgen bereitete, hatte ich mich entschieden die Vielseitigkeitsstrecke zu nutzen und wollte Arthur schnell fertig machen.
      Der Hengst genoss das Bürsten jedoch und so steckte ich doch mehr Zeit hinein, als ich geplant hatte.
      Es war inzwischen Mittag und die Sonne hatte sich ihren Weg durch die Wolkendecke gebahnt.
      Ich fing an in meiner Winterjacke und der Sicherheitsweste zu schwitzen.
      Arthur dagegen war leistungsfähig wie immer.
      Ohne zu zögern sprang er über Baumstämme und Büsche, nur der in der Sonne glitzernde Wassergraben schien dem sonst so abgeklärten Hengst noch Schrecken einzujagen.
      Er bremste ab und schien mich fragen zu wollen, ob er wirklich über dieses Ungetüm springen musste. Doch ich schnalzte nur auffordernd und schließlich gab sich Arthur geschlagen.
      Mit einem riesigen Satz überwand er das vorletzte Hindernis.
      Jetzt kam nur noch das Eulenloch. Das war zweifelsohne eine Herausforderung, aber BOS Feuerherz schien nicht einmal zu blinzeln.
      Ich hatte die Zeit gestoppt und war ziemlich zufrieden. BOS Feuerherz würde vermutlich nie das schnellste Pferd in meinem Stall werden, aber für ihn war sein Ergebnis nicht schlecht.
      Als wir fertig waren, lobte ich den Hengst zufrieden und trieb ihn in einem gemütlichen Schritt zurück zum Haus und seinem Paddock.

      Einige Minuten später stand der Hengst bei Belmiro und ich war in der Küche, wo ich eilig einige Sandwiches vertilgte.
      Heute hatte ich nur wenig Zeit, denn am Abend wollte ich heute mit Lucia ins Kino gehen.
      Deshalb hatte Harry heute versprochen mir die meiste Arbeit abzunehmen und ritt gerade mit Belmiro etwas Dressur auf dem Reitplatz. Später wollte er mit River’s Baghira ins Gelände gehen und Sacarina als Handpferd mitnehmen. Seine eigene Stute Elsa hatte er bereits am Morgen versorgt und trainiert.
      Sie macht sich immer besser als Springpferd, hatte er noch zu mir gesagt.
      Auch Lucy würde mir etwas abnehmen und California Dream reiten. Die Ponystute war sowieso eigentlich zu klein für mich.
      Das bedeutete, dass ich mich nur noch um Darkness Lord kümmern musste und nochmal zu Sacred konnte.
      Dafür musste ich mich jetzt aber beeilen, stellte ich mit einem kurzen Blick auf die Uhr fest.
      Es war bereits früher Nachmittag.
      „Scheiße“, entfuhr es mir, als ich die Treppen hinunter raste und mich eilig auf den Weg zu Darkness Lord machte. Der Rappe war kaum von mir geritten worden, aber longieren und Bodenarbeit klappte bereits. Deshalb hatte ich heute vorgehabt ins Gelände zu gehen um das Warmblut dort austesten zu können.
      Erst danach würde die richtige Dressurarbeit beginnen und später würde ich dann auch Darkness Lords Springtalent testen.
      „My Lord!“, rief ich schmunzelnd in Richtung einer kleineren, abgelegenen Weide.
      Wie so oft, kam von dem schwarzen Warmblut keine Reaktion.
      Ich schüttelte seufzend den Kopf.
      „Unhöflich, besonders für einen Lord“, murmelte ich, während ich mich über den Zaun schwang.

      Das Fertigmachen hatte zum Glück gut geklappt, aber als ich auf Darkness Lords Rücken steigen wollte, biss der Hengst nach mir und drückte den Rücken weg.
      Ich nahm die Zügel etwas weiter auf und schwang mich dennoch auf ihn.
      Vielleicht sollte ich jedoch bald seinen Rücken untersuchen, denn seine Aggressivität konnte auch auf Schmerzen hindeuten.
      Tatsächlich fiel mir im Laufe des Ausritts auf, dass Darks Rücken unbeweglich und hart wie ein Brett war und er außerdem steif zu gehen schien.
      Das war erschreckend ausgeprägt für ein so junges Pferd.
      Darkness Lord war gerade einmal dreieinhalb Jahre alt.
      Ich hoffte, dass nur eine Blockade oder Verspannung dahinter steckte und kürzte die Runde ab, denn ich wollte Darkness Lord nicht noch länger quälen.
      Leider kamen mir dann auch die schlimmeren Diagnosen in den Kopf.
      Arthrose, Ataxien, Nierenentzündungen, Kreuzverschlag, Spat, Kissing Spines, PSSM, RER, Magengeschwüre… es gab viele Möglichkeiten.
      Ich konnte nur hoffen, dass Darkness Lord Glück im Unglück hatte.

      Obwohl ich einen Kreuzverschlag für unwahrscheinlich hielt, wies ich Harry an, den ganzen Abend über nach dem Patienten zu sehen und ihn ins Solarium zu stellen.
      Die Wärme tat verspannten Muskeln gut und schadete auch bei einer Gelenkserkrankung nicht.
      Mit sorgenvollem Blick betrachtete ich den Hengst, der im Solarium döste.
      Hoffentlich war seine Erkrankung gut heilbar, dachte ich nur als ich hoch zu Sacred lief.
      Darks Versorgung hatte mich viel Zeit gekostet, also konnte ich dem Trakehner nur einen kurzen Besuch abstatten. Dieses Mal kam Sacred sofort zum Zaun und holte sich einen halben Apfel ab.
      Dark hatte bereits die andere Hälfte bekommen.
      Doch Sacred schien das gar nicht zu bemerken und ging nach einer kurzen Streicheleinheit bald wieder zum Grasen über.
      Es war Zeit für mich zu gehen.
      Ich lief eilig zum Haupthaus und sprang unter die Dusche.
      Zum Glück hatte ich mir bereits Kleidung herausgesucht und musste meine Haare nur kurz hochbinden. Fünfzehn Minuten später stand ich nachdenklich vor dem Spiegel.
      Der hübsche weiß-gelbe Sweater wollte irgendwie nicht zu meiner Jeans passen.
      Ich entschied mich kurzerhand für eine schwarze Hose, die mir deutlich besser gefiel.
      Nur noch ein wenig Make-up und schon war ich fertig.
      Auch Lucia hatte sich umgezogen und trug statt ihrer Reitklamotten nun eine schwarze Leggings und einen weinroten Pulli. „Hier, zieh dir eine Jacke über“, murmelte ich nur und gab ihr eine dicke Winterjacke.
      Der eiskalte Wind in dieser Gegend war nicht zu unterschätzen, auch wenn der Herbst gerade erst begonnen hatte.
      Auch ich trug Winterkleidung und dicke Wollsocken, die man in meinen Stiefeln zum Glück nicht sah.
      Doch als wir das Haus verließen, begann ich trotzdem bald zu frieren und freute mich schon auf den beheizten Kinosaal.

      Der Film hatte etwas über zwei Stunden gedauert und nun waren wir auf dem Weg nach Hause.
      Ausnahmsweise war ich mit Lucia zu einem Imbiss gegangen, was man an dem Knoblauchgeruch im Auto gut erkennen konnte.
      Meine Tochter hatte ein Faible für Knoblauchsauce und starke Gewürze.
      Ich hatte nur Pommes bestellt, was den Geruch nur umso heftiger für mich machte. Vermutlich hätte ich mir doch etwas von Lucy klauen sollen.
      Wenigsten waren wir jetzt da.
      Ich schaltete das Auto ab und stieg aus der Tür um erstmal durchatmen zu können.
      „Puhh, also nächstes Mal nimmst du was ohne Knoblauch“, lachte ich, als wir hochgingen.
      Als Lucia im Bett lag, schreib ich Harry eine Nachricht um nach Darkness Lords Gesundheitszustand zu fragen. Die Antwort kam nur wenige Sekunden später.
      Zum Glück hatte sich der Zustand des Rappens nicht verschlechtert.
      Erleichtert ging ich ins Bett. Morgen schließlich würde ein harter Tag werden.
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  • Album:
    Meine Pferde
    Hochgeladen von:
    Rose1
    Datum:
    12 Mai 2020
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  • BOS Feuerherz
    Spitzname: Arthur
    Geschlecht: Hengst
    Rasse: Trakehner
    Datum Kauf: 12.05.2020
    Alter: 6 Jahre
    Fellfarbe: Buckings Dappels
    Stockmaß: 169 cm
    Gesundheit: sehr gut

    Abstammung

    Unbekannt

    Charakter

    Arthur ist wirklich eine Schmusebacke. Der Trakehner weiß gar nicht, dass er eigentlich ein Hengst ist und benimmt sich gut.
    Er arbeitete gerne mit und ist sehr rittig.
    Auch wenn Feuerherz mal einen schlechten Tag hat, ist er immer freundlich und passt förmlich auf seinen Reiter auf.

    Geschichte

    Feuerherz war früher Ninas Reitbeteiligung, doch die junge Frau verliebte sich bald in den freundliche Trakehnerhengst.
    Als er schließlich verkauft werden sollte, zögerte Nina nicht lange und holte Arthur zu sich auf den Hof. Jetzt soll der Hengst erstmal auf eine Körung vorbereitet werden und später seine tolle Farbe weitervererben.

    Besitzer und Ersteller

    Besitzer: Rose1
    Ersteller: Laraya13
    Verkaufspreis: nicht zu verkaufen

    Trainingsstand

    Dressur: E
    Springen: E
    Military: E
    Rennen: E
    Distanz: E
    Western: E
    Fahren: E
    Wendigkeit: E

    Schleifen

    [​IMG]
    437. Militaryturnier