Rhapsody

Bohème

Holsteiner -- im Besitz seit 08/2018 -- von Ironic -- AA Ee

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Bohème
Rhapsody, 23 Aug. 2018
Zaii, Gwen, Elii und einer weiteren Person gefällt das.
    • Eddi
      Pferdepraxis Sapala

      Mein nächster Weg führte mich auf den Steenhof, dort wo Hannoveraner und Holsteiner zu Hause waren. In Empfang genommen wurde ich direkt von Fritzi Tersteegen, welche mich herzlich begrüßte und mir dann den Weg in den Stall zeigte. Drei Fohlen sollten routinemäßig untersucht und gechippt werden. Und das erste wartete am Putzplatz auch schon auf uns.
      Bohème war ein Holsteinerstutfohlen, was uns direkt etwas zappelig begrüßte. Aufgeregt schnaubte sie, als wir um die Ecke kamen. Aufgrund ihres Alters war sie nicht alleine, sondern neben ihr ruhte entspannt Benihana, die Mutterstute. Während die große Braune am Putzplatz angebunden war, wurde Bohème von Hauke, einem der Pfleger gehalten. Man merkte, dass Bohème das Halfter zwar schon kannte, aber nicht unbedingt begeistert davon war und noch weniger vom Festhalten und Stillstehen, aber für uns war es nun einmal günstiger. "Na dann", murmelte ich, stellte meine Tasche ab und begrüßte vorsichtig das Fohlen.
      Bohème war von Anfang nicht besonders überzeugt von mir, aber da ihre Mutter nicht einmal mit der Wimper zuckte, sprang sie uns zumindest auch nicht im Dreieck herum. Ich begann damit, einen vorsichtigen Blick in Ohren, Augen und Maul zu werfen. Einfach um zu schauen, ob dort alles in Ordnung war. Außerdem hörte ich Herz, Lunge und Darm ab, ehe ich auch noch die Körpertemperatur kontrollierte. Abschließend tastete ich das Fohlen noch vorsichtig ab, was Bohème zwar gar nicht gefiel, aber sie mehr oder minder duldete.
      Danach nickte ich Fritzi zufrieden zu, dem Fohlen ging es nämlich bestens. Also konnte ich die Kleine nun chippen. Zunächst rasierte ich auf der linken Halsseite die besagte Stelle für den Transponder und desinfizierte sie anschließend. Bereits hier hielt Fritzi mit fest, da Bohème nicht unbedingt angetan war von dem Rasieren. Aus meiner Tasche holte ich einen verpackten Applikator und packte ihn vorsichtig aus.
      An der rasierten Stelle zog ich eine Hautfalte auf und setzte dann den Applikator an, um dann den Transponder zu injizieren. Kurz zuckte Bohème zusammen, aber dann war auch schon alles wieder gut. Ich zog die Kanüle heraus, ließ die Hautfalte los und lobte das Fohlen sanft. Dann schnappte ich mir das Chiplesegerät und überprüfte den Transponder. Er wurde mir problemlos angezeigt und Bohème bekam den passenden Aufkleber mit der korrekten Nummer in ihren Pferdepass geklebt.
      "Nummer eins wäre geschafft", meinte ich lächelnd und während ich meine Sachen sortierte und für das nächste Fohlen alles vorbereitete, brachte Hauke die beiden weg. Der nächste stand aber schon in den Startlöchern. "Danke Fiete", meine Fritzi lächelnd und nahm einem jungen Mann die weiße Stute ab, die mir nur allzu bekannt war. Grinsend musterte ich das kleine schwarze Fohlen, welches selbstsicher neben der Mutter herstiefelte.
      Er war mir nicht unbekannt, denn seine Eltern waren durchaus Bekanntheiten und so war dieses Fohlen nicht ohne Erwartungen auf die Welt gekommen. Allerdings zeigte er sich direkt kooperativer als Bohème, denn er war wesentlich neugieriger und ruhiger, was durchaus auch daran lag, dass er sich sehr schnell unterordnete.
      Hauke war zurückgekehrt und war zur Stelle, falls wir einen zweiten Mann benötigten. Auch Charon untersuchte ich erst einmal in aller Ruhe. Erst die Kontrolle der Schleimhäute, dann das Abhören und Abtasten und zuletzt das Messen der Körpertemperatur. Alles war in bester Ordnung und so wurde auch Charon auf der linken Halsseite rasiert. Seine Ohren wippten zwar unruhig hin und her, aber sonst stand er wie eine Statue, während ich die Stelle rasierte und desinfizierte.
      Auch der restliche Verlauf gestaltete sich sehr problemlos. Ich holte den Applikator, suchte mir meine Hautfalte und injizierte in aller Ruhe den Transponder. Charon zuckte nicht einmal mit der Wimper. Ich lobte ihn danach ausgiebig und überprüfte dann den Chip auf seine Richtigkeit. So bekam auch Charon seinen eigenen Aufkleber mit eigener Transpondernummer und durfte danach mit der Mama wieder entschwinden.
      Als letztes war Balboa an der Reihe, mit Abstand die Größte der heutigen drei. Und tatsächlich brummelte sie uns neugierig an, als sie um die Ecke kam und wollte direkt meine Tasche in Beschlag nehmen. "Ok, du bist eindeutig nicht auf den Mund gefallen", meinte ich lachend. Und während die anderen beiden Fohlen mit wenig Begeisterung meine Untersuchung ausgehalten hatten, war Balboa so neugierig, dass sie mich entweder die ganze Zeit beobachtete, irgendwo an mir knabbern wollte oder meine Sachen schnappen wollte.
      So gestaltete sich nach der erfolgreichen Untersuchung das Rasieren bei ihr tatsächlich am schwierigsten, weil sie permanent den Kopf nach hinten drehen wollte, um zu schauen, was wir denn da veranstalteten. Letztendlich wurde aber auch sie erfolgreich gechippt und war dann genauso schnell fertig wie die anderen. Auch ihren Pferdepass vervollständigte ich fix, ehe wir mit allen fertig waren.
      Balboa durfte wieder entschwinden und ich verabschiedete mich von Fritzi, ehe ich mich auf den Weg zum Auto machte, um direkt den nächsten Termin wahrnehmen zu können.
    • Rhapsody
      Steenhof, 12. September
      Charon, Bohéme, Balboa, Simplicity of Sophistication, Painted Basquiat, HGT's Saevitia, A Touch of Peace, Calista, Callisto, Andromeda, Ballroom Blitz, Benihana, Ironic, Ares, Bucky, Painted Blur, Calina

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      Die Sonne war gerade erst aufgegangen, als ich mich in einem dicken Hoodie und Stirnband aufs Fahrrad setzte. Am Himmel waren nur einige Wolken zu sehen, aber der Wind pfiff mir um kurz vor halb 7 schon ordentlich um die Nase.

      Dementsprechend eingefroren waren meine Hände, als ich am Laufstall der Stuten vom Sattel rutschte. Ich lehnte es an die Backsteinfassade des Stalls und streckte meine Finger. Es wurde schleunigst Zeit, sie unter eine warme Mähne zu stecken und zu warten, bis sie wieder aufgetaut waren.

      Zum Glück (für meine Finger) war es nachts momentan so kalt, dass ich aus Vorsicht die Fohlen und ihre Mütter in den Laufstall trieb und die großen Schiebetore verschloss. Calista und Andromeda verbrachten die Nacht dann auf der Wiese und Calina, Benihana und Bucky versuchten sich nicht zu zerfleischen – bis es wieder ein bisschen wärmer wurde.

      Durch die Fenster schien schon warmes Licht auf das Pflaster vor dem Laufstall; als ich das Tor aufzog und den Kopf hineinsteckte, war aber kein Pfleger zu sehen. Innen war es fast schon wohlig warm (aber vielleicht machte das auch einfach der Hoodie), also machte ich hinter mir schnell wieder das Tor zu und huschte zur großen Laufbox auf der anderen Seite der Stallgasse und lugte über die weiße Boxenwand.

      Langsam schienen sich die drei Grazien doch zu arrangieren; während sie die letzten Tage jeden Morgen in einer jeweils anderen Ecke standen, den Hintern den anderen beiden Stuten zugewandt, lag Bucky jetzt entspannt auf der Seite im Stroh, nur wenige Meter daneben Benihana und Calina rundete den kleinen Kreis ab, indem sie am Gatter stand und ein Hinterbein entlastete. Die drei Fohlen hatten da weniger Probleme; Balboa und Charon zogen sich bereits gegenseitig an den Mähnen und Bohème, die noch ein bisschen an ihrer Mama hing, lag zwischen den zwei braunen Stuten. Als sie mich erkannte, sprang sie jedoch sofort auf und spitzte die Ohren.

      „Hallo meine Hübschen,“ flüsterte ich – dann merkte ich, dass mich kein Hauke und kein Fiete hören konnte und räusperte mich. „Na, gut geschlafen?“

      Calina, die mir am nähesten war, blinzelte mich nur mit ihren großen braunen Augen an. Gut, heute nicht gesprächig. Dann machte ich mich halt an die Arbeit.

      Zuerst schob ich die Schiebetore der Laufbox auf, sodass die Pferde hinaus konnten. Benihana und Bohème waren die ersten, die sich in die kühle Morgenluft hinaus trauten und auch, wenn sie die Nacht über genug Heu zur Verfügung hatten, steuerte die beiden eine der Heuraufen an. Mit einer runzelnden Stirn beobachtete ich das und nahm mir vor, das später mit Hauke zu besprechen.

      Calina und Bucky machten beide keine Anstalten, sich auch nur irgendwie zu bewegen, also machte ich mich auf den Weg, die anderen beiden Stuten zu suchen. Andromeda und Calista benutzten den Laufstall so, wie ich es mir gewünscht hatte und wie auch die anderen Stuten ihn bis vor einer Woche benutzen durften. Neben der Liegefläche in der Box, in der die Stuten mit Fohlen die Nacht verbrachten, gab es direkt vor den Schiebetoren der Box ein befestigtes Paddock mit verschiedenen Heuraufen und Tränken. Rechts und links vom Paddock gingen die verschiedenen Weiden ab; erst gestern hatte ich die mittlere geöffnet, und da die zwei anderen Stuten nirgendwo zu sehen waren, vermutete ich sie dort.

      Calista war vor einer Woche erst bei uns angekommen, nachdem ich mich sofort in sie verliebt hatte und Jette, die zum Probereiten mitgekommen war, auch noch ihr Okay gegeben hatte. Sie war noch ein bisschen schüchtern und traute mir noch nicht ganz, aber zum Glück hatte ich Geduld. (Zumindest meistens.)

      Glücklicherweise akzeptierte Calista Andromeda vollkommen, sodass ich die beiden zusammengehuddelt in der hintersten Ecke der Koppel entdeckte. Andromeda hob schon den Kopf und brummelte mir entgegen, bewegte sich aber keinen Schritt. Mit einem freundschaftlichen Tätscheln begrüßte ich sie und inspizierte sie dabei gleich. Die Schramme auf der Brust, die Andromeda bei einem der Rangkämpfen die letzten Tage gekriegt hatte, war schon kaum noch zu sehen. Genauso bei Calista; die hatte sich aber recht schnell gegenüber den drei Müttern durchgesetzt und wurde mittlerweile wieder ziemlich in Ruhe gelassen.

      Auf dem Rückweg schloss sich Andromeda mir an, und Calista kam widerwillig ebenfalls mit. Zu meiner großen Überraschung standen die drei Mütter an ein und derselben Heuraufe und mümmelten genüsslich ihr Frühstück; so konnten sich die beiden anderen ohne Probleme an die nächste Raufe stellen und jeder hatte seine Ruhe.

      Hoffentlich. Mit einem Seufzer strich ich noch Balboa und Charon über die kurzen Mähnen (Bohème waren Menschen noch ganz und gar nicht geheuer und brachte mich daher ganz schön in die Bredouille, was das Fohlenbrennen in ein paar Wochen anging) und machte mich auf den Weg zu den nächsten Pferden.

      Die Jungstuten verbrachten von Ende Mai bis Mitte Oktober ihr Leben auf den Weiden in kleinen Herden. Schon seit frühesten Tagen des Steenhofs waren die äußersten Weiden dafür verplant, aber nachdem die sich die Zucht immer wieder verkleinerte, standen nicht nur die Youngsters des Steenhofs darauf. Mittlerweile war es eine bunte Mischung der umliegenden Züchter – Warmblüter, Kaltblüter, das ein oder andere Pony. Vom Steenhof waren momentan vier Jungstuten dabei; Painted Basquiat und Simplicity of Sophistication mit den jüngeren, HGT’s Saevitia und A Touch of Peace mit den etwas älteren, die ihren letzten Sommer auf der Wiese verbrachten.

      Mein Magen grummelte schon ganz schön, als ich die Kleinen erreichte und vom Rad stieg. Das Frühstück gab es traditionell erst, wenn die Pferde versorgt waren und man sich sicher sein konnte, dass es über Nacht keine Zwischenfälle gegeben hatte. Also waren erst die Youngster dran.

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      Wie fast jeden Tag war ich wieder eine der letzten, die zum gemeinsamen Frühstück in meine eigene Küche stolperte. „Moin,“ rief ich in die Runde, sogar relativ gut gelaunt, und ließ mir durch die gegrummelte Antwort auch nicht den Morgen verderben. Ich quetschte mich auf die Bank zwischen Hauke und Fiete und krallte mir das letzte Croissant aus dem Brotkorb, bevor es jemand anderes tat.

      Wenn der erste Hunger erstmal bekämpft war, ging es an die Tagesbesprechung. Auch bei den Hengsten, um die sich Malte und Fiete heute morgen gekümmert hatten, war alles gut gewesen in der Nacht – keine Zwischenfälle, so wie man das eben wollte.

      An meinen Füßen quetschte sich eine der Corgis und drückte ihre feuchte Schnauze an das kleine bisschen Haut zwischen Hosensaum und Socken. Ohne dass es Hauke sah nahm ich mir ein bisschen Schinken und ließ diesen stückchenweise nach unten verschwinden, während Hauke und Jette über den heutigen Trainingsplan diskutierten.

      Arbeit delegieren, das überließ ich gerne Hauke. Der hatte einfach eine Art an sich, der man nicht widersprechen konnte. Ich hingegen ließ mich gerne überreden und halste mir am Ende alles auf, was getan werden musste. Also riskierte ich einen unauffälligen Blick nach unten – Jelly sah mich mit großen Augen an und schon verschwand das nächste Stückchen Schinken nach unten – und ignorierte Fietes Stoß zwischen die Rippen, als er mich dabei ertappte.

      Delegieren war ein gutes Stichwort: Malte lag mit Sommergrippe daheim im Bett, und somit fehlte einfach ein Paar Hände. Hauke legte die Stirn in Falten und starrte auf den Planer, der vor ihm auf dem Tisch lag. „Also – Fiete macht die Hengste alleine –“ Jetzt stieß ich dem Pfleger neben mir den Ellenbogen in die Seite. Fiete war noch nicht lang hier, hatte erst vor wenigen Jahren entdeckt, dass er was mit Pferden anfangen konnte und Hauke behandelte ihn gerne ein bisschen wie ein rohes Ei. Dass er ihm nun die Ehre erwieß, die zweitheiligsten Pferde auf dem Hof alleine auf die Koppel zu stellen und für die Hygiene im Hengststall verantwortlich machte, war ein großer Schritt Richtung Selbstständigkeit für Fiete. Der bekam nur ein bisschen rote Bäckchen und grinste mich schelmisch an. „– Ich mach den Laufstall, Fritzi spielt Babysitter und Jette guckt, dass alle Pferde, die bewegt werden sollen, bewegt werden.“ Mit einem selbstzufriedenen Grinsen steckte Hauke die Kappe auf seinen Fineliner und trommelte auf dem Tisch. „Na dann.“

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      Während Hauke und Fiete also schon mal misteten, zog ich mich für den Vormittag in mein Büro zurück. Wirklich viel Personal hatten wir auf dem Hof nicht, und wenn, dann arbeiteten sie im Stall mit – dementsprechend blieb der Papierkram an mir hängen.

      War ich dafür qualifiziert? Haha, absolut gar nicht. Aber einer musste es ja tun.

      Also nannte ich die nächsten Turniere, telefonierte mit dem Zuchtverband noch einmal wegen dem Fohlenbrennen. Mitten im Telefonat klopfte es plötzlich am Türrahmen, und als ich mich mit meinem Schreibtischstuhl umdrehte, stand Jette mit einem leichten Lächeln im Büro.

      Jette, Hauke und ich hatten eigentlich irgendwie unser ganzes Leben miteinander verbracht und da wir alle drei die Leidenschaft für Pferde teilten, war es für mich auch selbstverständlich gewesen, das Projekt eigener Pferdehof mit den beiden aufzuziehen. Jette als Pferdewirtin mit dem Schwerpunkt Klassische Reitweise hatte deswegen den Reitpart übernommen und mittlerweile eine kleine Schar an Turnierreitern angesammelt, die den Steenhof repräsentierten.

      Immer noch am Telefon hängend schob ich Jette den Zettel mit den genannten Turnieren über den Tisch. Vorwiegend waren es Springen, das ein oder andere Dressurturnier oder ein Geländespringen für Ballroom Blitz war aber auch dabei. Sie studierte den Zettel kurz, nickte und ging dann wieder aus dem Büro, wahrscheinlich, um sich einen eigenen Plan zu machen.

      Das war der Vorteil von dieser Arbeitsteilung – ich konnte mich jetzt ganz allein auf etwas Wichtigeres konzentrieren, mich aber drauf verlassen, dass das trotzdem funktionierte. Zufrieden trug ich den Termin zum Fohlenbrennen in den Kalender ein, legte auf und wählte dann auch schon die nächste Telefonnummer.

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      Nach einem kleinen Mittagessen packte ich mir die beiden Corgis und schwang mich wieder aufs Fahrrad. Mittlerweile waren die Temperaturen wieder auf um die 17 Grad gestiegen und ich vermisste meine Sonnenbrille, als ich den Weg zum Laufstall einschlug. Jelly ließ sich im Körbchen am Lenker die Sonne auf das rotweiße Fell scheinen; Peanut hingegen lief hinter dem Fahrrad her.

      Die Pferde fanden die beiden Corgis größtenteils langweilig und ließen sich von ihnen nicht stören, wenn die beiden Hündinnen sich über die Weide jagten. Andersherum sah das anders aus; Jelly, die ich schon oft bei meinem alten Job dabeigehabt hatte, ignorierte die Pferde, ließ sich von ihnen auch mal beschnuppern, aber Peanut hatte größten Respekt vor den anderen Vierbeinern. Kam ihr einer zu nahe, nahm die Cardiganhündin Reißaus. Als Training für beide legte ich häufig eine alte Pferdedecke auf den Boden des Putzplatzes, auf dem Peanut dann Leckerlis bekam, während ich die Pferde putzte.

      Jetzt, mit den Fohlen, war das wieder nicht ganz so einfach, da vor allem Balboa äußerst neugierig war und sich anguckte, was da auf dem Boden lag. Trotzdem legte ich die Decke neben die Putzkiste und als ich mit Calina und Charon zurückkam, lagen beide Corgis auf dem karierten Stück Stoff.

      Der Fokus lag ganz auf den Fohlen – von Anfang an hatte ich sie an jegliche Berührungen gewöhnt. Dementsprechend ließ sich Charon auch ohne Probleme putzen und nach ein paar Versuchen gab er mir auch die Hufe. Um ihn machte ich mir die wenigsten Probleme; bis jetzt war er Menschen gegenüber immer sehr aufgeschlossen gegenüber gewesen. Bauchschmerzen bereitete mir dagegen Bohème.

      Ich persönlich hatte erwartet, dass Benihanas Fohlen ein bisschen wurde wie sie – so, wie es häufig ist: Mama lebt vor, Baby macht nach. Bei Benihana und Bohème war es eher so, als wäre die Unabhängigkeit der Mutter zu 300% aufs Fohlen übergegangen. Dementsprechend zog sich das Putzen auch; obwohl Bohème genau die gleiche Behandlung wie Balboa und Charon bekommen hatte, ließ sie das Putzen nicht ohne Zwischenfälle beenden. Als ich die beiden zu Calina und Charon auf den kleinen Reitplatz brachte, schickte ich ein kleines Stoßgebet gen Himmel, dass beim Fohlenbrennen nur alles gut gehen sollte.

      Nachdem auch Balboa und Bucky ihre Putzstunde abgeschlossen hatte, klingelte ich kurz Fiete und Hauke an. Fiete, weil er mit aufs Brennen sollte und das Vorstellen üben sollte, und Hauke, um zweites Paar Auge dabei zu haben.

      Mir fiel ein Stein vom Herzen, als Bohème dann doch zeigte, was in ihr steckte. „Schön schwungvoll,“ kommentierte ich, während Fiete mit Benihana um uns herumtrabte und das kleine Stutfohlen hinterher. Hauke antwortete nicht, aber seine Stille nahm ich als Zustimmung. Bohème blieb brav an Mamas Flanke, machte aber große, raumgreifende Schritte.

      „Da brauchen wir hoffentlich nicht mehr viel üben,“ murmelte Hauke und schickte Fiete dann zum nächsten Mama-Baby-Paar.

      Bei den anderen beiden Fohlen war ich mir ihrer Fähigkeiten ziemlich sicher; Charon war meine Hoffnung auf ein Prämienfohlen, bei Balboa sollte man lieber gar nicht erst daran denken. Sie wusste zwar auch, sich zu präsentieren, aber der Elan und Schwung fehlte – auch, als Fiete schon mit hochrotem Kopf noch einen Schritt schneller über die Bahn trabte und Bucky dadurch auch größere Schritte machte, war nicht mehr viel herauszuholen. Trotzdem war ich mir sicher, dass Balboa trotzdem für den Sport gemacht war. Wenn sie nur ein Fünkchen ihrer Eltern hatte, die ja schließlich beide bis in die hohen Klassen gesprungen waren, würde sie uns beim ersten Freispringen komplett vom Hocker hauen.

      „Das reicht, Fiete,“ rief Hauke und drehte sich dann zu mir. Ich zuckte mit den Schultern.

      „Wird schon.“

      Hechelnd kam Fiete in die Mitte zu uns. „Ich hab mir das anders überlegt.“ Er musste eine Pause machen, um nach Luft zu schnappen. „Ich will nicht mit aufs Fohlenbrennen.“

      Sowohl Hauke als auch ich mussten ein Grinsen unterdrücken. Wir waren selbst einmal in Fietes Schuhen gesteckt, und in meinem Fall war das noch gar nicht so lang her.

      „Ach Fiete,“ meinte ich und legte ihm den Arm um die Schultern. „Da wirst du wohl durchmüssen.“

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      Am späten Nachmittag hatte ich dann endlich die Möglichkeit, mich selbst in den Sattel zu schwingen.

      Nach den Babysitter-Pflichten war ich zum Hauptreitplatz auf der anderen Seite geradelt. Jette selbst saß auf Andromeda, schien jedoch schon beim Abreiten zu sein. Nebenbei sah sie Greta zu, einem jungen Mädchen, das fast jeden Tag nach der Schule auf den Steenhof kam. Sie saß im Sattel von Callisto, einem Schimmelhengst, der erst wenige Wochen hier war. Bis jetzt kam das Mädchen mit den Hengsten recht gut zurecht, und glücklicherweise war sie schier geboren für den Springsport. Trotzdem war Dressurarbeit genauso wichtig, weswegen keinerlei Hindernisse aufgebaut waren.

      „Pass auf, dass du dein Bein nicht hochziehst,“ rief Jette, während Andromeda am langen Zügel vor sich hinstiefelte. „Bein lang, Kopf hoch.“

      Dann sah sie mich und hielt die Holsteinerstute auf der anderen Seite des Zauns an. „Sag bloß, du hast nichts mehr zu tun.“

      „Doch doch,“ meinte ich. Zu tun hatte ich immer; das nächste Jahr wollte schließlich durchgeplant werden. „Aber nur langweiligen Papierkram. Außer natürlich –“

      Jette rollte mit den Augen. „Bevor du dich natürlich noch zu Tode langweilst,“ betonte sie, aber mit einem leichten Lächeln auf den Lippen, „dann kannst du natürlich gucken was Barney so macht.“

      Ich lächelte zurück, mit geschlossenem Lippen, den Kopf nach oben zu ihr geneigt. „Danke, dass du dich so sehr um mich sorgst.“

      Jette ließ Andromeda wieder antreten. „Du hast Glück, dass Levi mir eh abgesagt hat.“

      Fröhlich vor mich hinsummend setzte ich mich wieder in den Sattel meines Fahrrads und machte mich auf den Weg zu den Weiden um den Paddockstall der Hengste herum. Bis jetzt hatten wir Glück mit den Hengsten gehabt; keiner musste in Einzelhaft gehalten werden, jeder hatte mindestens einen Weidepartner. So standen Painted Blur und Ares als Deckhengste gemeinsam auf einer großzügigen Weide; Ironic, Callisto und Ballroom Blitz auf der anderen. Die Dreiergruppe funktionierte zwar, trotzdem würde ich jedem möglichen Konflikt aus dem Weg gehen. Bis jetzt fehlte mir aber noch der passende Hengst dazu.

      Ironic und Barney grasten beide in der Ferne; auf meinen Pfiff hoben sie zwar die Köpfe, ließen sich aber nicht zum Herankommen überreden. „Gut, dann eben nicht,“ murmelte ich, legte das Halfter auf die Schulter und kämpfte mich über die Wiese.

      Gemeinsam mit Jelly ging es keine halbe Stunde später den Deich entlang. Rechts die Elbe, links eine Gruppe Bäume, ein paar Weiden mit schwarz-weiß gefleckten Kühen. Barney war schon etliche Male an den Weiden vorbeigelaufen, und trotzdem spitzte er auch heute wieder die Ohren und nahm den Kopf hoch. Trotzdem stapfte er mutig am Zaun entlang. Einige Meter vor uns schnupperte Jelly an einem Grashalm. Eigentlich beließ ich es bei Ausritten, bei denen die Hunde mit dabei waren, beim Schritt; Trab würde theoretisch gehen, doch im Galopp kamen die kleinen Stummelbeine einfach nicht schnell genug hinterher, und vor allem mit Peanut musste man noch daran arbeiten, dass sie nicht ins Hüten kam und womöglich unter die Hufe geriet. Mit Jelly übte ich das Ausreiten jedoch schon seit ich sie hatte; mit einem Pfiff kam sie an die linke Seite von Barney und mir, mit „Bleib“ legte sie sich auf den Bauch und sah uns dann zu, wie wir den Deich entlang davon trabten. Allzu weit ging ich jedoch nicht, immerhin sollte die Hündin mein Rufen noch hören. Im Schritt und am langen Zügel schlug ich dann den Rückweg ein.

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      Sehr viel früher als gewohnt verschwand die Sonne mittlerweile. Als ich Barney zurück auf die Koppel gebracht hatte, war sie schon hinter die Baumkronen des nahen Waldes gekrochen. Gemeinsam mit den zwei Corgis radelte ich zurück zum Haus – jetzt war die ruhige Zeit des Tages angekommen. Ich schmierte mir ein paar Brote, setzte mich damit auf die Couch und ließ mich vom Fernsehen berieseln. Erst gegen acht machte ich mich daran, die Pferde einzusperren.

      Genauso wie es morgen mein kleines Ritual war, zu sehen, ob bei den Pferden alles gut ist, so war es auch am Abend mein Ritual, das Heu und Kraftfutter zu verteilen und die Mütter samt Fohlen in die Laufbox zu bringen. Ein bisschen Überredungskunst brauchte es, aber schließlich waren alle drinnen.

      Die Hengste waren ein wenig mühsam – teilweise einzeln musste ich sie von den Koppeln holen und in die Box bringen. Irgendwie musste man ja auf seine 10.000 Schritte pro Tag kommen, dachte ich während ich Ares, den letzten im Bunde, zu mir rief. Er war der Meister des Tänzelns und hatte mir schon einmal fast die Box zerlegt, als er für wenige Minuten alleine im Stall war – deswegen kam er seitdem als letztes in den Stall. Nachdem dann alle Hengste in ihren warmen Boxen waren und ihr Futter mümmelten, war auch für mich Feierabend. Und ich hörte schon mein Bett rufen – ja, bis in den Hengststall. Musste dringend sein. Ich sollte mich also schnell auf den Weg dahin machen. Konnte ja alles passiert sein.
      Geposted: 20.10.18
      Von: Rhapsody
    • Rhapsody
      Steenhof, 29. September
      Charon, Bohème, Balboa, HGT's Saevitia, A Touch Of Peace, Benihana, Bucky, Calina
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      Eigentlich war Hauke immer der Morgenmuffel gewesen.

      Nein, das war falsch. Hauke war kein Morgenmuffel, Hauke war ein Muffel.

      Auf jeden Fall war ich immer das komplette Gegenteil gewesen – schon kurz nach dem Aufstehen und auch nach nur ein paar Stunden Schlaf konnte ich vor mich hinplappern, war aktiv und konnte klare Gedanken fassen. Hauke eben nicht.
      Deswegen blieb ich wie vom Blitz getroffen stehen, als ich ihn um kurz nach sechs (Uhr. Morgens.) pfeifend im Stutenstall traf. Er war in der Sattelkammer, die Spinde von Bucky, Calina und Benihana sperrangelweit offen.

      Als er mich entdeckte, grinste er breit. „Moin!“

      Ich starrte ihn nur ungläubig an. Ihm fiel nach und nach das Grinsen aus dem Gesicht.

      „Ist was passiert?“

      Jelly schlängelte sich an meinen Beinen vorbei und begrüßte Hauke mit Popowackeln (mit dem Schwanz wedeln konnte die Gute ja leider nicht, immerhin war sie ein Pembroke und kein Cardigan) und präsentierte ihm sogleich den Bauch.
      Hauke, der die Hunde meistens nur tolerierte und solche offenen Zuneigungsgesten gekonnt ignorieren konnte, packte sofort die Bandagen, die er gerade in der Hand hielt, wieder in Buckys Spind und kniete sich hinunter zu Jelly.

      Gut, er packte die Babystimme nicht aus, die ich und so ziemlich jeder normale Mensch hatte, wenn er mit den zwei Corgis konfrontiert wurde (und dann noch so niedlich auf dem Bauch liegend! Wäre ich nicht so in meinen Grundfesten erschüttert worden, hätte ich sofort mein Handy aufgepackt und alles gefilmt), aber er kraulte Jellys Bauch.

      „Wer bist du,“ sagte ich langsam, immer noch in der Tür zur Sattelkammer zur Salzsäule erstarrt, „und was hast du mit Hauke gemacht?“

      Hauke sah von Jelly auf, hörte aber nicht auf, die Hundedame zu streicheln. „Was?“

      Ich verengte meine Augen zu Schlitzen. „Du bist mir viel zu gut drauf.“

      Er rollte mit den Augen. „Gewöhn dich nicht dran, das ist eine Ausnahme.“

      „Bitte, wenn du noch mehr redest, fall ich wahrscheinlich in Ohnmacht. Bist du vielleicht krank?“

      Das anfängliche Grinsen fiel endgültig aus seinem Gesicht. „Sag mal, hast du nicht irgendwas zu tun?“ Er hatte mit den Krauleinheiten aufgehört, und Jelly drehte sich mit einem Grunzen wieder auf den Bauch zurück.

      Ich löste mich aus meiner Schockstarre, denn ja, ich hatte tatsächlich etwas zu tun. In ein paar Stunden mussten wir die Fohlen samt Mamas einpacken und nach Elmshorn aufs Fohlenbrennen fahren. Und davor sollte natürlich jegliche Arbeit erledigt sein, die sonst im Laufe des Tages anfallen würde.
      Ein bisschen Husch Husch machte ich also meine Morgenrunde und nach dem Frühstück auch noch kurz auf den Koppeln der Jungstuten. Viel Zeit würde zumindest Saevitia und Touch of Peace nicht mehr haben, dann ging es aufs Gestüt und langsam aber sicher begann der Ernst des Lebens. Das hatte ich mir als Aufgabe gesetzt – Charon würde dieses Jahr noch in die Hengstaufzucht kommen, die zwei Stutfohlen nächstes Frühjahr, und mir sollte ja nicht langweilig werden. Sobald das Fohlenbrennen vorbei war, würde ich auch damit beginnen, Saevitia und Touch of Peace immer mal wieder für ein, zwei oder drei Stunden von der Koppel zu holen, damit der Bruch am Ende nicht ganz so hart und plötzlich war. Während ich so drüber nachdachte, fiel mir auf, dass da wohl ein ganzer Batzen Arbeit auf mich zukam, bis ich auch nur daran denken konnte, die beiden anzureiten. Vielleicht hatte ich mir da ein bisschen viel vorgenommen.

      (Andererseits war die Turniersaison auch bald vorbei und Jette sollte ja auch nicht langweilig werden.)

      Die Temperatur war morgens nach wie vor frisch, aber sobald die Sonne rauskam, fühlte es sich an, als ob der Sommer gar nicht Lebewohl sagen wollte – selbst bei uns im Norden. Missmutig hatte ich die Arme vor der Brust verschränkt, und während die Jungstuten seelenruhig um mich herum grasten (oder es zumindest versuchten, nachdem eh fast alles unter der Sonne verbrannt war), starrte ich mit finsterer Miene gen Himmel.
      Erst Hauke, jetzt auch noch das Wetter. Ob das mal keine bösen Omen waren.

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      Gestern Abend hatte ich nur die Fohlen schon einmal eingeflochten. Ich hatte erwartet, dass das um einiges länger dauern würde als das normale Einflechten und die Fohlen hatten mich auch nicht enttäuscht. Zum Glück hatte das Ganze gehalten. Jetzt fehlten nur noch die Damen. Und passenderweise war Hauke unauffindbar. Super. Dafür hatte Fiete das Pech gehabt, gerade in den Laufstall zu kommen, als ich Calina und Charon herausführte, und so wurde er schnell dazu verdammt, Benihana und Bohème zu übernehmen.

      Ich hatte gestern Abend gehofft, dass es mit ein bisschen putzen und einflechten getan war. Calina, ihres Zeichens professionelle Schmutzaufschnüfflerin und -mitganzemkörpereinsatzbekämpferin, bewies mir das Gegenteil. Ich stiefelte also los in den Hengststall, zu Calistos Spind, um den Schimmelstein zu holen. Schlechte Idee, nicht für jeden Schimmel einen angeschafft zu haben, Fritzi. Ganz bescheuerte Idee.
      Wenigstens Charon war präsentabel und mit ein paar Bürstenstrichen auch schon fertig. Nach viel zu langer Zeit war dann auch seine Mutter fertig und ich konnte mich auf Bucky konzentrieren. In einer Hand führte ich die Stute, in der anderen hatte ich die Fohlenhafter und noch dazu drei Paar Transportgamaschen unter die Achseln geklemmt.

      Als dann alle drei Stuten geputzt, (halbwegs) sauber und eingeflochten waren, schlenderte dann auch Hauke langsam und gemütlich auf den Vorplatz des Stalls, auf dem Fiete und ich uns ausgebreitet haben. Bevor er aber einen dummen Kommentar abgeben konnte, deutete ich zurück auf die Straße. „Transporter holen. Jetzt.“

      Er hob abwehrend die Hände, drehte aber ohne einen Kommentar um und wenige Minuten später stand der Transporter dann auch schon bereit.

      Ein Blick auf die Uhr verriet, dass wir uns auf gar keinen Fall weiter verspäten durften. Hauke und Fiete verluden also dreimal Stute und Fohlen, während ich Trensen, Bandagen und alles, was wir sonst noch brauchten, aus der Sattelkammer holte.

      In weiser Voraussicht, dass wir wohl ein bisschen Zeitprobleme kriegen würden, hatte ich Fiete und Hauke schon letzte Woche freundlich darum gebeten (also gezwungen), die passende Kleidung fürs Brennen im Stall zu deponieren. Wie ein Packesel joggte ich also aus dem Stall, verstaute alles im Transporter und schob Fiete und Hauke dann vor mich her – wir hätten eigentlich vor fünf Minuten losfahren müssen.

      Deswegen waren wir dann auch mit etwa fünf Minuten Verspätung am Turnierplatz. Weil ich natürlich ein so wundervoller Organisator war, hatten wir aber immer noch genug Zeit, um die Pferde so ruhig wie möglich auszuladen – die Fohlen waren vom Transporter nicht so ganz überzeugt und würden am liebsten alle drei sofort von der Rampe springen, sobald sie konnten – und uns selbst ins Brennoutfit zu schmeißen.

      Der Plan war folgender: Fiete würde Charon und Calina vorstellen, weil ich damit rechnete, dass Charon die Juroren absolut verzaubern würde. Hauke machte Benihana und Bohème und ich versuchte, alle von Balboa zu überzeugen. Ich persönlich sah in ihr zwar, dass sie später eine große Karriere im Springsport vor sich hatte – aber ganz ehrlich, der Trab war ausbaufähig und das war ja heute das wichtigste.

      Kurz bevor wir an der Reihe waren, fand Hauke mich mit meiner Unterlippe zwischen den Zähnen und einem starren Blick in die Ferne.

      „Wir sollten uns dann auf die Socken machen,“ sagte er. „Wird schon schief gehen.“

      „Das musst du schon sagen, während du auf Holz klopfst. Sonst bringt das nur Unglück.“

      Er hob die Hand, grinste mich schelmisch an und klopfte mir dann zweimal an die Stirn. Ich funkelte ihn an. „Hast du Glück, dass ich dich nicht vor allen Leuten in den Boden rammen möchte,“ drohte ich ihm.

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      Im Grunde war das Fohlenbrennen keine große Sache. Im Grunde. Auch, wenn man das Aufstellen und das Traben bis zum Vergasen geübt hatte – die Situation war für die Babys komplett ungewohnt. Alle drei unserer Fohlen waren ununterbrochen am Wiehern oder Brummeln. Vor allem Balboa war absolut nicht bei der Sache und raubte mir die letzten Nerven, als sie sich um ein Haar vom Führstrick losreißen konnte. Nur in letzter Sekunde und nur, weil ich Buckys Zügel wegschmiss, blieb die junge Stute bei mir. Als wir uns dann wieder gesammelt hatten, übergab mir Fiete wortlos die Zügel, die er aufgefangen hatte. Anscheinend sah man an meinem finsteren Gesichtsausdruck, dass ein blöder Kommentar in einem möglichen Büschebad enden würde – sogar Hauke biss sich auf die Zunge.

      Wenig später waren wir dann alle nacheinander dran. Hauke machte den Anfang und Bohème stellte sich gar nicht so blöd an, wie ich gedacht hatte. Am Schluss beurteilten die Richter das Fohlen sogar mit einer 7,7 und somit hatte ich schon mal mein erstes Prämienfohlen. Charon zeigte sich genauso souverän wie ich erwartet hatte und wurde mit einer 8,1 bewertet. Ich wäre wirklich allzu gerne ausgerastet, aber als er gemeinsam mit Calina zum Brennen geführt wurde, musste ich mich bereithalten. Bucky war die Ruhe selbst – sie stellte sich sofort ordentlich auf, ignorierte das Getummel um sie herum und zeigte mir, was sie als Zuchtstute ausmachte. Am liebsten hätte ich ihr aus Dank einen Kuss zwischen die Nüstern gedrückt. Buckys ruhige Art übertrug sich ein bisschen auf Balboa; die kleine Stute stand für ein paar Augenblicke sogar artig neben ihrer Mama und sah sich nur mit gespitzten Ohren um. Der Kommentator ratterte nebenbei die Abstammungen der beiden Pferde herunter, dann bekam ich das Zeichen und es ging auf die Dreiecksbahn. Bucky lief ordentlich neben mir her, Balboa – ganz Balboa eben – preschte voraus. Bis ich sie wieder eingeholt hatte, galt es, nochmal alles rauszuholen. Und siehe da – was ich so hinter Bucky sah, sah es sogar ganz ordentlich aus.

      Gerade so reichte es mit einer Note von 7,5 auch noch für eine Prämierung. Später, als die Fohlen alle ihren Brand hatten und wir alle die Ruhe vor dem Sturm genossen, lehnte ich mich zufrieden seufzend an den Transporter. Als weder Hauke noch Fiete etwas sagten, öffnete ich die Augen einen Schlitz und klopfte mir stattdessen selbst auf die Schulter.

      Hauke warf mir einen bösen Blick zu, Fiete sah mich nur verwirrt über die Schulter an, während er Benihana die Transportgamaschen anlegte.

      „Was denn?“ fragte ich und zuckte mit den Schultern. „Wenn’s kein anderer macht.“
      Geposted: 26.11.18
      Von: Rhapsody
    • Rhapsody
      Steenhof, 10. November
      Charon, Bohéme, Balboa, Simplicity of Sophistication, Painted Basquiat, HGT's Saevitia, A Touch of Peace, Calista, Callisto, Andromeda, Ballroom Blitz, Benihana, Ironic, Ares, Bucky, Painted Blur, Calina

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      Es klopfte an meiner Bürotür. Das bekam ich nur sehr peripher mit; meine gesamte Aufmerksamkeit galt dem Video auf meinem Laptop – bis er mir ohne Vorwarnung einfach zugeklappt wurde. Mit verärgertem Gesicht sah ich auf. „Hey, ich hab hier gearbeitet!“

      Jette stand vor mir, gekleidet in einem beigefarbenen Hoodie und karierten Reithosen. Die blonden Haare hatte sie zu einem ordentlichen Zopf geflochten – und somit sah sie wieder aus, als wäre sie gerade nach einer Stunde wieder aus dem Bad gekommen. Ich wusste besser, dass sie gerade vom Training mit Calista kam und dementsprechend gar nicht so makellos aussehen durfte. Verräterin.

      Jette schmunzelte ein bisschen. „Du arbeitest seit Stunden. Es ist Zeit, dass du dich den schönen Dingen des Lebens widmest.“

      „Das war schöne Arbeit,“ murmelte ich und klappte den Laptop wieder auf. „Guck dir mal die Stute an. Hab ich gerade durch Zufall entdeckt.“

      Neugierig ging Jette um den Schreibtisch herum und beugte sich über mich. Mit einem Mausklick spielte ich das Video wieder ab. Darauf trabte eine junge Stute mit hellem Fell über eine Bahn; laut dem Verkaufstext war sie zweieinhalb Jahre alt und musste noch ein bisschen in ihre langen Beine und den hohen Rücken hineinwachsen.

      Jette war komplett auf das Video fixiert. „Was ist das denn für eine Farbe?“

      „Ein Dunskin,“ sagte ich stolz, als hätte ich das nicht selbst nachgucken müssen. „Ein Buckskin mit Falbgen also. Und: ein Holsteiner.“

      Jette sah mich verblüfft an. „Ein deutsches Warmblut in der Farbe?“ fragte sie ungläubig und nahm die Mouse in die Hand. Sie scrollte über die Seite, auf der Suche nach weiteren Informationen.

      „Ich glaub, sie wurde in den Staaten gezüchtet. Da steht sie momentan auch.“ Jette war beim Pedigree angelangt, und bevor sie es selbst lesen konnte, verkündigte ich: „Sie ist Blurrys Nichte.“

      Meine Freundin pfiff leise durch die Zähne. „Das erklärt so einiges.“ Sie klickte sich durch ein paar Bilder, dann richtete sie sich wieder auf. „Und jetzt? Willst du über den Teich fliegen und sie anschauen?“

      Ich sah mir eins der Bilder in der Anzeige an. Ein Portrait – die Stute hatte einen tollen Ausdruck, und irgendetwas sagte mir, dass sie eine Bereicherung sein würde. Trotzdem zuckte ich mit den Schultern. „Ich werde den Besitzern auf jeden Fall schreiben und sagen, dass ich Interesse hab. Aber ich hab eigentlich keine Zeit, um sie mir anzugucken.“

      „Und Hauke killt dich, wenn du die Katze im Sack kaufst.“ Jette seufzte. „Zwickmühle. Umso mehr ein Grund, warum du jetzt wirklich ein bisschen Spaß haben solltest.“

      „Spaß“, grummelte ich. „Den spaßigen Teil hast du doch schon übernommen.“ Den ganzen Tag war Jette im Sattel gesessen – unter anderem, weil ich Papierkram zu erledigen hatte. Für mich stand nur die Arbeit mit den Fohlen auf dem Tagesplan.

      „Und die Fohlen freuen sich, dich zu sehen,“ antwortete Jette, als ich ihr das mitteilte. Da hatte sie ja irgendwo Recht, und viel Zeit blieb mir mit ihnen nicht mehr. Das Wetter war noch nicht in den üblichen Novembermatsch übergegangen, dementsprechend standen die Jungpferde noch auf den Koppeln. Die Kleinsten wurden jeden Tag größer und größer, und vor allem für Charon lief die Zeit ab; erst heute morgen hatte ich die Bestätigung von der Aufzuchtstation bekommen. In etwa vier Wochen sollte es losgehen, deswegen waren wir schon fleißig am Üben. Mama war mittlerweile nicht mehr ganz so wichtig, jeden Tag ein bisschen weniger. Das Putzen klappte verhältnismäßig gut, das Führen altersentsprechend. Alles in allem war ich wirklich zufrieden mit den drei Kleinen.

      Ein letzter Blick auf die Verkaufsanzeige, dann folgte ich Jette aus dem Haus. Im Laufstall wurde ich von den Fohlen schon begrüßt – ganz vorne dabei Balboa. Sie war mit Abstand die selbstständigste und schön extrovertiert. Als ich ihr das Halfter überzog, sträubte sie sich nur kurz, folgte mir aber brav nach einem kurzen Zupfen am Führstrick. Auch Bohème und Charon ließen sich aufhalftern und zu viert marschierten wir über den Hof zur Reithalle, wie eine Kindergartengruppe. Was anderes war das auch nicht – für etwa dreißig Minuten durften die drei in der Reithalle spielen, dann ging es wieder zurück zu den Mamas. Abwechselnd wurden einmal die Mütter, einmal die Fohlen herausgenommen. So sahen Bucky, Benihana und Calina einmal etwas anderes und die Fohlen wurden nicht vom Workload überladen. Heute stand deswegen auch nur reines Spielen auf den Plan – und Balboa hatte das sofort verstanden. Wie von der Tarantel gestochen flitzte sie durch die Bahn, hetzte dem Ball hinterher und dabei zufälligerweise auch auf die Plastikplane, die ich auf dem Boden ausgebreitet hatte. Die anderen zwei Fohlen sahen ihrer Freundin erst ein bisschen zaghaft hinterher, dann stieg aber auch Charon ein. Bohème interessierte sich zum Großteil für die Plane, erschrak aber nur kurz und buckelte dann den anderen hinterher. Als ich den dreien so zusah, freute ich mich schon auf die nächsten Jahre mit ihnen – auch, wenn ich vor allem Charon erst mal wirklich vermissen würde. Die Aufzuchtstation gehörte zu dem Gestüt, auf dem auch Callisto herkam, aber die eineinhalb stündige Fahrt war für den Alltag doch ein bisschen viel. Charon würde es da super gehen, so ganz unter Gleichgesinnten – aber mir brach es ein bisschen das Herz, den jungen Hengst abgeben zu müssen. Balboa und Bohème durften noch ein paar Monate länger bleiben – zum Frühjahr kamen sie in eine Herde mit sieben anderen Stuten, zuerst in einen Laufstall, später dann auf eine unserer Weiden. Wenn ich so darüber nachdachte, wurde ich wieder ein bisschen traurig. Erst mit drei Jahren kamen sie dann wirklich zurück, und das war noch so lange hin!

      Mein Handywecker kündigte das Ende der Spielstunde an. Die drei Fohlen hatten sich beruhigt; Balboa hatte sich genüsslich gewälzt während Charon und Bohème sich gegenseitig beknabberten. Ohne Zwischenfälle zog ich ihnen die Halfter auf und brachte sie zurück in den Laufstall.

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      In einem normalen Jahr wäre die Weidesaison schon seit Wochen beendet, weil das Matschwetter angefangen hätte. Der Sommer wollte aber selbst im Oktober noch nicht gehen, weswegen die Weiden erst in den nächsten Tagen geschlossen werden. Für Peace und Saevitia war der Spaß des Lebens mit dem heutigen Nachmittag aber zuende. Während die Zweijähirgen, also Simplicity of Sophistication und Painted Basquiat mit ihrer Herde, demnächst die Reise in ihre Aufzuchtstation machen würde, würde für die drei Großen das schöne Lotterleben vorbei sein.

      Sie hatten die letzten Jahre in ihrer Herde verbracht, mit minimalem Kontakt zu Menschen. Mich kannten sie von den regelmäßigen Check Ups, und natürlich kannten sie auch noch das Fohlen ABC – in Peaces Fall sogar schon die regelmäßige Arbeit mit den Menschen. Trotzdem war es ganz schön Arbeit, beide Stuten einzufangen und von der Herde zu trennen. Herzzerreißendes Wiehern von beiden Seiten begleitete unseren Weg zum Hof, und ich war mir ziemlich sicher, dass ich taub werden würde, wenn Saevitia mir noch einmal ins Ohr schreien würde. Die schöne Buckskinstute schien es am schlimmsten zu treffen – Peace antwortete ihren Kumpels nur einmal, dann war der Schecke still und lief mit gespitzten Ohren neben mir her.

      Der Stutenstall bestand zum einen aus dem Laufstall und zum anderen aus drei großen Boxen. Eigentlich gedacht zum Abfohlen oder für ein krankes Pferd – jetzt aber erst mal als Unterbringung für die zwei jungen Stuten. Dafür hatte ich extra die Boxenwand zwischen den Boxen herausgemacht (oder herausmachen lassen – danke, Hauke!), sodass sie sich gemeinsam an die neue Situation gewöhnen konnten. Nachdem ich die Tür zum Stutenstall hinter mir zugezogen hatte, ließ ich auch beide Führstricke erst einmal los – zum einen, damit sie sich ein bisschen frei im Stall bewegen konnten, zum anderen, weil ich nicht mal versuchen wollte, mit zwei Pferden an den Händen eine Boxentür zu öffnen und besagte Pferde dann hineinzuführen. Das konnte nur schief gehen. Also ließ ich mir alle Zeit der Welt, während Saevitia und Bucky schon einmal erste Bekanntschaft über die Wand der Laufbox machten. Inklusive Gequietsche und Gegen-die-Wand-treten. Diese Zusammenführung würde bestimmt lustig werden.

      Peace lief von allein in die Box, während ich Saevitia von ihrer wirklich wichtigen Diskussion mit der braunen Holsteinerstute wegbringen musste. „Ihr habt noch genug Zeit dafür,“ grummelte ich, als ich endlich den Führstrick zu fassen bekam. Für die zwei jungen Stuten warteten zwei Eimer Mash – Peace hatte sich schon gleich auf einen Eimer gestürzt, und auch für Saevitia gab es kein Halten, als sie den Plastikeimer entdeckte. Jetzt mussten wir nur mal gucken, wie sich die zwei mit ihrer neuen Situation anfreunden würden. Ich wollte sie nicht gleich überfordern – das Training sollte erst beginnen, wenn sie einigermaßen in die große Stutengruppe integriert waren. Bis dahin kamen sie noch gemeinsam auf ein Paddock oder für eine Stunde in die Halle zum Füße vertreten.

      Das klang nach einem guten Plan.

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      Nach meiner Abendrunde schlüpfte ich ungraziös aus meinen Stiefeletten und schubste sie in die Ecke meines Flurs. Morgen früh würde ich sie wieder suchen, aber das war ein Problem für Zukunfts-Fritzi. Auf den Weg ins Wohnzimmer kam ich am Büro vorbei, indem noch eine kleine Tischlampe brannte. Gerade, als ich sie ausknipsen wollte, fiel mein Blick auf den Bildschirmschoner meines Laptops, der fröhlich hin und her sprang. Plötzlich erinnerte ich mich an die schöne Jungstute von heute morgen. Den Tag über hatte ich leider keine Gelegenheit gehabt, um Hauke nach seiner Meinung zu fragen – aber trotzdem setzte ich mich an den Schreibtisch, gab mein Passwort ein. Die Verkaufswebsite war noch geöffnet, also klickte ich schnell auf den Kontakt-Button und schrieb dem Besitzer.
      Geposted: 28.12.18
      Von: Rhapsody

    • Rhapsody
      Steenhof, 09. Juni
      Charon, Bohème, Balboa, Simplicity of Sophistication, Painted Basquiat, Contia Socks, HGT’s Saevitia, A Touch Of Peace, Calista, Callisto, Andromeda, Ballroom Blitz, Benihana, Ironic, Ares, Bucky, Painted Blur, Calina
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      Der Sommer hatte sich allmählich auch nach Schleswig-Holstein geschlichen. Doch heiße Tage bedeuteten nicht, dass man sich ausruhen konnte. Verletzte Pferde mussten umsorgt werden, was ein bisschen Stillstand in die Ausbildung von Ballroom Blitz und Andromeda brachte. Ich war allerdings guter Dinge, dass sie in zwei Wochen wieder starten konnten. Nebenbei waren auch noch die jungen Stuten langsam an ihr neues Leben als Reitpferd herangeführt worden – Saevitia und auch Peace machten sich vorbildlich unterm Sattel! Die richtigen Youngster, also Bohème, Balboa und Charon, standen jetzt schon in ihren Herden und genossen die warmen Tage auf einer großen Weide mit Gleichaltrigen. Vor allem Balboa war in die Höhe geschossen – bei ihr hoffte ich immer noch auf ein tolles Springpferd. Und während die restlichen Pferde sich die Sonne auf den Bauch scheinen ließen, war ich drauf und dran, die Holsteinerstute aus Amerika nach St. Margarethen zu schiffen. Wenn sowohl Barney als auch Andromeda verletzungsbedingt ausfielen, musste ich schauen, dass ich solchen Papierkram endlich zustande brachte – immerhin hatte ich jetzt keine Ausrede mehr dafür.
      Geposted: 09.06.19
      Von: Rhapsody
    • Rhapsody
      Steenhof, 17. August
      Charon, Bohème, Balboa, Simplicity of Sophistication, Painted Basquiat, Dante's Wild Lady, Contia Socks, HGT's Saevitia, A Touch of Peace, Calista, Callisto, Andromeda, Ballroom Blitz, Smooth Gravity, Samarra, Benihana, Ironic, Ares, Bucky, Painted Blur, Calina

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      Mittlerweile war es August geworden, und auch, wenn ich es nicht wahrhaben wollte: die Tage wurden kürzer, die Temperaturen fielen und die Bäume, die den Straßenrand zum Steenhof hinauf säumten, hatten schon ein paar bunte Blätter.

      Ich musste mich zusammenreißen, nicht missbilligend zu ihnen hinaufzusehen. Immerhin war das der Lauf der Natur. Und außerdem wäre ich dann wohl gegen den nächsten Baum gefahren und hätte mir auch noch ein neues Fahrrad kaufen müssen. Also versuchte ich einfach, den mir entgegenkommenden Autofahrern keinen Schrecken mit meiner bösen Miene einzujagen und bog in den nächsten Feldweg rechts ab.

      An meinem Fahrrad hing ein kleiner Hänger voll mit Päckchen. August bedeutete nämlich nicht nur, dass der Herbst um die Ecke lauerte, sondern auch Wurmkur. Und nachdem Hauke mit Jette vorgestern in den Urlaub gefahren war, blieb das Ganze dieses Mal an mir hängen.

      Ich hatte heute ja eh nichts vorgehabt.

      Der Feldweg führte zu den Koppeln der jungen Stuten. Die momentane Weide war mit am weitesten entfernt vom Steenhof, gefühlt mitten im Nirgendwo. Als der Feldweg mehr Wiese als Weg war, musste ich wohl oder übel absteigen – mein altes Damenfahrrad mit seinen dünnen Reifen machte da keinen Spaß mehr. In der Ferne sah ich schon ein paar der Stuten und ich schickte ein kleines Stoßgebet gen Himmel, dass wenigstens ein paar der Ladies in laufbarer Nähe standen. Die Weide war nämlich wirklich riesig – Wiese, soweit das Auge reicht, und ein kleiner Wald, der auch noch umzäunt war. Vor allem an den heißen Tagen hatten sich die rund fünfzehn Stuten meist im Wäldchen versteckt – und da mussten sie erst mal gefunden werden.

      Am Gatter angekommen, lehnte ich das Fahrrad ans Tor und begann, die einzelnen Wurmkuren in meine Umhängetasche zu stopfen. Neben meinen eigenen Pferden würde ich nämlich auch die restlichen Stuten gleich mitentwurmen – machte sonst ja auch wenig Sinn. Ein paar der Jungstuten hatten mich schon entdeckt und kamen mir wenigstens ein Stück entgegen, als ich durch den Holz- und Elektrozaun huschte. Die erste konnte gar nicht schnell genug gucken, da hatte ich ihr schon um den Kopf gefasst und ihr die Ladung Wurmkur in den Mund gedrückt. Zur Belohnung gab es danach ein Stück Möhre, und dann war auch schon die nächste dran. So arbeitete ich mich durch die unterschiedlichsten Pferde und Ponys, hatte für jede junge Stute die passende Dosierung im Kopf. (Für irgendwas muss der ja auch gut sein.) Meine Eigenen hatten sich natürlich im Wäldchen versteckt. A Touch of Peace stand noch ziemlich am Waldrand und blieb dort auch, während ich ihr die Paste in den Mund schmierte. Auch sie bekam zur Belohnung ein Leckerli und zermalmte es genüsslich, während ich nach den anderen Ausschau hielt. Simplicity of Sophistication – deren Name übrigens ein komplettes Paradoxon war, an dem Namen war ganz und gar nichts simple – fiel mit ihrem gescheckten Fell schnell auf und kurz darauf war auch die junge Stute versorgt. Painted Basquiat war da schwerer zu finden – im dunklen Wald, mit den eng stehenden Bäumen, war sie perfekt getarnt. Kurz darauf hatte aber auch sie die Wurmkur im Mund und mir fehlten nur noch ein paar wenige Stuten.

      Als ich dann wieder zurück auf dem Hof war, machte ich vor meiner kurzen Mittagspause noch schnell die Hengste. Auch die standen auf den Koppeln, allerdings in Kleingruppen. Ares war wieder aus dem Beritt zurück, sodass er sich wieder seine Weide mit Painted Blur teilte. Blurry war einer der unkompliziertesten Hengste, die ich jemals gesehen hatte – bis jetzt war er in jeder Koppelsituation glücklich und ging Streitereien so gut wie möglich aus dem Weg. Ares war das komplette Gegenteil, hatte aber einen Narren an dem Rappen gefressen.

      Blurry kam mir schon entgegen und nahm die Wurmkur auch tapfer in Kauf, um sich ein paar Streichel- und Krauleinheiten zu verdienen. Ares war da ein bisschen misstrauischer, also schnappte ich mir sein Halfter vom Zaun, um ihn festzuhalten. Auch Callisto und Ironic auf der anderen Koppel waren weniger begeistert – Ballroom Blitz machte dafür bereitwillig das Maul auf und schmatzte auch wohlwollend auf der Paste herum. Mit einem Klapser auf den Hals verabschiedete ich mich von dem großen Dunkelbraunen und lief zurück zu meinem Fahrrad.

      Barney hatte mich in letzter Zeit ein paar Nerven gekostet. Von jetzt auf gleich ging der Hengst lahm – aber wirklich stocklahm. Aber wie der Zufall es wollte, war Dr. Maartens den folgenden Tag eh auf dem Hof und guckte sich den guten Barney als auch gleich noch an. Die Diagnose – Gelenksentzündung – war schnell gefunden, und dadurch, dass sie so plötzlich aufgetreten war, vermuteten wir alle einen kleinen Weideunfall. Das Ende vom Lied war, dass Barney gute zwei Wochen nicht auf die Koppel durfte. Mittlerweile waren wir wieder im Aufbautraining, aber im Gegensatz zu Andromedas Hufgeschwür zog sich so eine Gelenksentzündung doch ganz schön. Zumindest konnte Barney mittlerweile wieder die Weide genießen und hoffentlich in ein paar Wochen dann wieder ins Training.

      Mit einem sanften Klaps auf die Brust verabschiedete ich mich von dem Hengst, bevor er mir noch eine neue Frisur verpassen konnte. Das war seine Lieblingsbeschäftigung und nachdem ich die letzten Wochen immer mal wieder gefühlte Stunden verbringen musste, um mir jegliche Knoten aus den Haaren zu pfriemeln, wollte ich ihm keine Möglichkeit bieten, sich wieder in meinen Haaren verlustigen zu können.

      Das Ende meiner Wurmkur-Runde waren die Stuten. Und hier meinte ich auch wirklich ausschließlich Stuten, ohne Babys oder sonstigen Anhängseln. Charon, Bohème und Balboa waren in ihren respektablen Aufzuchtställen – die zwei Stuten bei einem befreundeten Züchter in der Nähe, Charon dafür ein bisschen weiter weg aber dafür in einer tollen Herden mit Gleichaltrigen. Mindestens einmal in der Woche setzte ich mich in mein Auto und klapperte die zwei Höfe ab, um nach den Babys zu schauen.

      Im Stall der Stuten hatte sich in letzter Zeit auch viel getan. Drei neue Stuten waren in den letzten Wochen angekommen, die nach und nach in die Gruppe integriert werden sollten. Eine stand immer noch mehr oder weniger in Einzelhaft; Dante’s Wild Lady, die wunderschöne Dun-Stute, die ich in Amerika gefunden hatte, war erst wenige Tage auf dem Hof und sollte sich erst einmal einleben, bevor ich sie zu den restlichen Jungstuten auf die Koppel brachte. Dreijährig war sie definitiv noch Kandidatin für das leichte Leben auf der Koppel – erst nächstes Jahr sollte sie langsam unter den Sattel kommen, je nachdem, wie sie sich machte. Dante hatte das Glück, dass sie ihre Wurmkur schon vor der Reise nach Deutschland bekommen hatte – ich strich ihr also nur kurz über die Nüstern und kletterte dann mit den Spritzen bewaffnet in den Laufstall.

      Auch hier warteten zwei neue Stütchen auf mich; Smooth Gravity und Samarra. Gravity war eine stolze Vollblutstute, Galopper und gar nicht daran interessiert, auf Biegen und Brechen zu gefallen. Das mochte ich dafür umso mehr – weswegen ich sie letztendlich auch gekauft hatte. Ihre ehemalige Besitzerin hatte sich intensiv mit der Schimmelstute beschäftigt und sie vielseitig ausgebildet, und ich konnte es kaum erwarten, mich selbst nochmal in ihren Sattel schwingen zu können. Mittlerweile legte sie nicht mehr grundsätzlich die Ohren an, wenn man auf sie zuging – die Wurmkur, die ich ihr schnell ins Maul drückte, fand sie trotzdem nicht so klasse und verzog sich schnell wieder Richtung Koppel. Mein nächstes Opfer fand ich in Bucky, die gerade am Heu stand und auf ein paar Halmen rumkaute. Sie guckte mich nur ein bisschen verwirrt an, wandte sich dann aber lieber wieder ihrem Heu zu – war ja auch spannender, das musste ich ihr schon lassen. Die dritte Stute, die im Paddock stand und nicht auf der Weide graste, war Saevitia. Diese erwartete schon ungeduldig die Belohnungsmöhre und kaute zufrieden auf ihr herum, während ich mich auf den Weg zu den restlichen Stuten machte.

      Saevitia war seit Frühjahr offiziell unterm Sattel, und es machte unheimlich Spaß, die Stute auszubilden. Sie war ein recht neugieriges und lehrbegeistert, was die Ausbildung natürlich um einiges vereinfachte. Trotzdem gaben wir ihr Zeit, sich in die Rolle des Reitpferds hineinzufinden – das Konzentrieren fiel ihr häufig schwer, aber bis sie ihre ersten Turniere startete, sollte das hoffentlich besser werden. Mir war nur wichtig, dass sie noch ihre Ruhetage bekam, so wie heute.

      Weiter hinten im Laufstall, auf der Grasfläche, traf ich dann die restlichen Stuten an. Calista nahm Reißaus, als sie die Spritze in meiner Hand sah – also kamen zuerst Calina und Andromeda ihre Ladungen ab. Dann hatte ich die Fuchsstute auch schnell geschnappt und ihr auch schnell die Paste in den Mund gedrückt. Und nach Benihana war nur noch die letzte Neue dran: Samarra. Auch sie kam aus Amerika, mit deutlicher Luft nach oben. Sammy hatte eine sehr vielseitige Ausbildung genossen, war eingefahren und auch auf einigen Trail-Wettbewerben erfolgreich vorgestellt worden. Dank ihrer Abstammung hatte die Stute aber noch enormes Potenzial im Springen, was ich noch unbedingt fördern wollte. Für die nächsten Wochen bekam sie aber noch eine Schonfrist, um sich ordentlich einzuleben.

      Sammy nahm mir die Wurmkur zum Glück nicht allzu schwer und ließ sich danach noch ein bisschen kraulen. Das bedeute natürlich, dass ich bald von Stuten umzingelt war, die alle ihre Streicheleinheiten einforderten – und leider hatte ich an diesem Tag noch andere Aufgaben. Sie bekamen also alle noch eine kleine Möhre zugesteckt, dann lief ich zurück, kletterte aus dem Laufstall und setzte mich wieder auf mein Rad.

      Auf dem Weg zurück zum Gutshaus blickte ich nochmal zu den Blättern der Bäume hinauf. In diesem Augenblick fegte eine frische Brise über die Straße und ließ mich frösteln. Auch, wenn es mir nicht passte – langsam war er da, der Herbst.

      Geposted: 27.09.19
      Von: Rhapsody

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    3 | Steenhof
    Hochgeladen von:
    Rhapsody
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    23 Aug. 2018
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  • [​IMG]
    Bohème
    Oper von Puccini

    PEDIGREE
    [​IMG]
    von: Ironic

    von: Ice Breaker
    von: Colour's Blind
    aus der: To Where The Skies Are Blue


    aus der: Cassini's Girl
    von: Cassini II
    aus der: Gulietta


    aus der: Benihana

    von: CM Babadook
    von: Bartello xx
    aus der: CM Coretta

    aus der: MH Wanda
    von: Warlock
    aus der: MH Astrid


    EXTERIEUR & INTERIEUR
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    Stute
    Holsteiner
    1 Jahr

    159 cm
    Brauner
    Blesse, h.r. weiße Socke

    Temperamentvolles, aber
    nervöses Fohlen.

    TRAINING
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    Fohlen ABC

    Dressur

    E A L M* M** S* S** S***

    Springen

    E A L M* M** S* S** S***

    Military

    E A L M* M** S* S** S***


    ERFOLGE
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    Dressur: -, Springen: -, Military: -

    Turniere



    Andere


    ZUCHTINFORMATIONEN
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    HK/SK Schleife

    HK-/SK-Gewinnerthema

    Leihmutterschaft: -
    Genotyp: AA Ee
    Aus der Zucht: Steenhof (St. Margarethen, DE)
    Nachkommen: -

    GESUNDHEITSZUSTAND
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    276 4 21 754382174
    Chronische Krankheiten: -
    Letzter Tierarztbesuch:
    26. August 2018 – Pferdepraxis Sapala – Kontrolle + Chippen

    Fehlstellungen: -
    Beschlagen: -
    Letzter Hufschmiedbesuch: -

    STALLINTERN
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    Besitzer: Rhapsody
    Ersteller: Rhapsody
    VKR: Rhapsody

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    Offizieller Hintergrund