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Mohikanerin

/ Blávör

Isländer | Stute | Ungekört | (c) Sadasha

/ Blávör
Mohikanerin, 23 Nov. 2019
Wolfszeit, Gwen, adoptedfox und 2 anderen gefällt das.
    • Mohikanerin
      Nationalteam II | 07. Februar 2021
      St.Pauli’s Amnesia // Glymur // Satz des Pythagoras // Snotra // Kempa // Snúra // Blávör // HMJ Holy //
      Nathalie // (Beastly Domina) Mijou // Briair // Legolas // HMJ Divine // LMR Fashion Girl // Black Lady // Flanell D’Egalité // Farena van Hulshóf // Cleavant ‘Mad Eye’// Nurja // Vakany // British Gold
      Checkpoint // Oline // Windrose // Caja


      Ju
      “Tut mir Leid, aber Amnesia wollte nicht mitkommen. Sie ist seit dem Flug total komisch”; sage ich wehmütig zu meinem Trainer. Er nickt und ich gehe rein. In der Halle sind schon Lina und Chloe. Während ich mich noch etwas um Amy kümmere und sie etwas vom Boden Aus noch arbeite, kommt Niklas dazu und setzt sich zielstrebig an die Seite. Hoffentlich kann er sich etwas zusammen reißen.
      “Ist das eine Sankt Pauli Stute?”, fragt mich Chloe überrascht als sie an mir vorbereitet.
      “Tatsächlich ja. Sieht man es ihr an?”, stelle ich ihr eine Rückfrage. Sie lacht.
      “Ja, die haben alle so einen speziellen Kopf. Tolle Stute hast du da.”, flirtet sie offenbar ein wenig mit mir.
      “Deiner ist aber nicht schlecht”, steige ich darauf ein.
      “Weiter so”, brüllt Niklas vom Rand zu. Doch das passt Herrn Holm mal wieder gar nicht.
      “Ihr seid zum Training hier, wenn ihr euch unterhalten wollt, dann später. Und Niklas, wenn Sie sich nicht zusammenreißen, dann können sie gehen. Und zwar nach Hause”, macht unser Trainer eine Aussage. Chloe reitet weiter und ich steige auf. Amnesia ist heute wieder besonders zickig. Ich gebe ihr den ganzen Zügel und trotzdem schlägt sie mit ihrem Kopf herum. Erst nach einigen Runden ganze Bahn ist sie wieder sie selbst und ich kann den Zügel aufnehmen.

      Lina
      Chloe ritt auf ihrem Wallach als würde es nichts einfacheres geben. Der Fuchswallach schritt schön voran und wenn man ihn so ansah bekam das Wort Schritt gleich eine ganz neue Bedeutung. “Lina, lass deine Stute mehr vorwärts gehen”, rief Herr Holms mir zu. Ich versuchte mich wieder auf die Scheckstute unter mir zu Konzentrieren und trieb sie ein wenig an. “Nimm deine Zügel ein wenig mehr auf und lass sie nicht so auseinander fallen”, kam es sogleich hinterher. “Lina konzentrier dich”, sagte ich zu mir selbst. Doch daraus wurde nichts denn ich nahm Nikals abfälligen Blick wahr den er mir zuwarf. Auch wenn es nur ein paar wenige Sekunden waren, die ich mich nicht konzentrierte rechte es schon aus, dass meine Stute fast über ihre eigen Füße fiel. “Na, los Nathy dem Iditot zeigen wir was wir können”, flüsterte ich meiner Stute zu und nahm meine Zügel wieder vernünftig auf und Konzentrierte mich nur noch auf mein Pferd. Es zeigt tatsächlich Wirkung, denn so gleich nahm Nathalie eine ganz andere Haltung ein und begann aktiv mit der Hinterhand untertreten. “So ist es besser”, lobte Herr Holm mich. “Denk auch jetzt schon daran eure Pferde ein wenig zu biegen”, fügte er an alle Gewandt hinzu und ich lenkte meine Stute auf den Zirkel.

      Niklas
      Natürlich musste ich mal wieder ne große Fresse haben, aber was solls. Hoffentlich nimmt sich Ju die, die passt deutlich besser zu ihm - bekannt, gutaussehend und kann richtig gut reiten. Aber auch Lina machte auf dem Pferd eine gute Figur, auch wenn es nicht lassen konnte sie böse anzugucken, entschied ich mal etwas freundlicher zu sein.
      Während Ju immer wieder Probleme mit seiner neuen Stute hatte, musterte ich Lina auf ihrer Scheckstute. Als sie vorbei ritt musste ich einfach was sagen: “Du kannst besser reiten als ich dachte. Dein Pferd macht aus echt was her.”

      Lina
      “Danke”, erwiderte ich nur kurz angebunden und blieb mit den Gedanken bei meiner Stute. Wow, Niklas konnte ja scheinbar auch nette Dinge sagen. “Eure Pferde sollten nun genug vorbereitet sein. Ich möchte von euch mal ein wenig Seitengänge sehen und zwar im Trab”, rief der Trainer. Die Aufgabe freute mich, denn Seitengänge waren die Spezialität meiner Stute. Ich trieb sie in den Trab und nach ein paar lockeren Runden begann ich erst einmal langsam ein wenig Stellung und schließlich sogar das Schulterherein dazu zu nehmen. Nathalie war heute besonders fein an den Hilfen, sodass ich kaum Schwierigkeiten hatte.

      Vriska
      Nach dem ich mit dem Fahrrad in der Stadt etwas einkaufen war, stellt ich fest das noch Lina und Ju reiten, also führte mich der Weg geradewegs zur Großen Reithalle in der vorhin schon war mit Glymur. Als ich reinkam sah ich dass sie schon am Abreiten waren. Leider sah ich auch, das Ju und Chloe sich sehr intensiv unterhielten, als sie nebeneinander her ritten.
      “Tja Vriska, da bist du wohl zu spät”, piesackt mich Niklas. Ich ging aber nicht weiter drauf ein, sondern wandte mich an Lina.
      “UUUUnd wie war’s?”, rief ich ihr zu. Ihre Stute war völlig durchgeschwitzt aber Beide strahlten förmlich, was auch meine Laune direkt wieder verbesserte.

      Lina
      “Es war super”, antwortete ich Vriska, die inzwischen auch in die Halle gekommen war. “Die Zuschauer scheinen sie nur noch Angesport zu haben”, erzählte ich und strich Nathy über den verschwitzen Hals. “Ich glaube ich werde draußen noch ein paar Runden Schritt reiten. kommst du mit?”, fragte ich Vriska. “Wie war es bei dir, Glymur scheint ja als wäre er ein wahres Powerpaket”, plappert ich fröhlich vor mich hin.

      Vriska
      “Ja klar, können wir machen”, antwortete ich ihr und wir verließen die Halle. Beim rausgehen warf ich noch eine Blicke in seine Richtung, aber er schien mich nicht mal gesehen zu haben.
      Unerwartet höre ich Schritte hinter uns, als wir uns weiter über den Unterricht unterhalten. Neugierig drehe ich mich um.
      “Was willst du denn hier?”, frage ich Niklas genervt, der offenbar uns verfolgt.
      “Ich möchte mit euch reden”, sagt er dann.
      “Warte mal Lina. Hast du das auch gehört?”, frage ich schockiert und gucke suchend in der Luft herum.

      Lina
      “Was, meinst du etwa dieses Säuseln des Windes?”, sagte ich nur zu Vriska und ließ meine Stute weiter trotten. Doch sie blieb stehen um sich zu Schütteln.

      Niklas
      Irgendwie muss ich meinen Ruf verbessern, also muss ich mich bei den Außenseitern versuchen etwas einzuschleimen.
      “Es tut mir leid, wenn ich so eklig zu euch war. Manchmal habe ich mich nicht unter Kontrolle.”, sagte ich, obwohl die beiden offenbar versuchten mich zu ignorieren.
      “Wenn ihr Lust habt, heute Abend machen wir noch mal eine kleine Runde mit ein Paar auserwählten. Ihr seid herzlich eingeladen, diesmal wird nicht so übertrieben wie gestern”, lud ich die Beiden ein, eh mich wieder umdrehte um zurück zu Ju zu gehen, der sich offenbar sehr gut mit Chloe verstand.
      “Und ist sie was für dich?”, fragte ich neugierig nach, als er allein mit Amnesia die Halle verließ.
      “Das kann ich schlecht einschätzen. Sie ist sehr nett aber auch etwas eingebildet. Mal gucken was sich hier noch entwickelt, aber nach der letzten Trennung habe ich eigentlich keine Lust auf was festes”, sagte er zu mir.
      Wir reden noch weiter über was heute Abend stattfinden soll, bevor wir uns gedanken um Mittagessen machen, dass wir selbst machen müssten. Aber weder ich noch Ju können Kochen, vielleicht kann man sich was organisieren bei den anderen.
      +
      Lina
      “Der glaubt auch er könnte uns verarsche oder?”, sagte ich zu Vriska, als Niklas wieder verschwunden war. Inzwischen waren wir am Waschplatz angekommen und ich war abgestiegen. “Kannst du sie mal kurz halten”, sagte ich und drückte ihr die Zügel in die Hand. Ich sattelte Nathalie ab und verschwand kurz um ihr Halfter zu holen. Als ich zurück kam, war meine Stute geradewegs dabei Vriska voll zu sabbern und versuchte sich an ihr zu schubbern.

      Jace
      Nach dem Training kam ich endlich dazu mich mit Alec zu Unterhalten. Wir saßen auf der Bank vor der Hauskoppel und beobachteten Mina und Briair die friedlich in der Sonne dösten. “Warum bist du denn eigentlich immernoch hier. Hast du Zuhause nichts zu tun?”, fragte ich meinen Kumpel. “Na, ich hab schon genug zu tun, aber dich kann man ja scheinbar nicht unbeaufsichtigt lassen”, tadelte er mich. “Ja, du hast ja recht”, gab ich zerknirscht zurück. “Hast du dich wenigsten bei dem Mädel entschuldigt?”. Alec sah mich scharf an. “Ich habs versucht, aber ihr Freundin hat mich gar nicht erst reingelassen”. “Verständlich. so einen Deppen wie dich würde ich auch nicht rein lassen”, sagte er lachend.

      Vriska
      “Ich weiß nicht, vielleicht meint er es wirklich ernst? Hingehen werde ich auf jeden Fall, wenn das die einzige Möglichkeit ist Ju näher kennen zu lernen.”; sagte ich leicht in mich selbst versunken. Immer wieder sagte ich mir, dass er ein gutes Mensch sein wird und nur ein normales Gespräch mit Chloe geführt haben wird.
      “Langsam bekomme ich echt Hunger. Hast du Lust mit Samu zu mir rüber zu kommen? Ich war vorhin einkaufen und würde jetzt was kochen.”, lud ich Lina ein.

      Lina
      “Naja, wir werden sehen. Ich denke mal ich werde auch kommen“, mir war aufgefallen wie Gedankenversunken sie war. Ich nahm ihr die sabbernde Stute ab und begann sie ab zu trensen. “Klar kommen wir vorbei. Vorher bringe ich aber noch diese Schönheit hier auf die Koppel”,antwortete ich während ich begann die Stute abspritzen. “Was kochst du denn leckeres?”, fragte ich sie.

      Vriska
      “Okay dann werde ich gleich rüber gehen, lasst euch ruhig Zeit, dauert ungefähr eine Stunde bis es fertig ist. Ich werde Gemüse mit Reis machen, dazu Soja Sauce”, sage ich zu ihr und gehe still zurück in meinem Zimmer. Dort wasche ich mit zunächst die Hände und setze mich hin.
      Am liebsten wäre ich nun Zuhause, dann könnte ich weiter mit Songbird arbeiten oder Lulu wieder zu reiten. Die Zeit hier mit neuen Leuten finde ich gut, aber ich habe zu viele Möglichkeiten nach zu denken und das zieht mich schon ganz schön wieder runter.
      Langsam hatte ich wieder die Kraft und Motivation gefasst etwas zu essen zu zubereiten. Also stand ich auf, holte die Aubergine, Zucchini, Paprika und Möhren aus dem Kühlschrank. “Ach mist”, sagte ich. Ich hab vergessen den Brokkoli heraus zuholen, als dann schon das ganze Gemüse kleingeschnitten in der Pfanne war. Also nochmal schneiden. Als ich mich endlich wieder hingesetzt hatte und mir meinen Skizzenblock genommen hatte, Klopfte es an der Tür. Ich guckte hoch, da die Tür offen ist. Niklas und Ju.
      “Na was wollt ihr schon wieder? Unruhe Stiften?”, fragte neugierig.
      “Nee wir haben Hunger, können wir etwas mit Essen?”, erkundigte sich Niklas. Ich stand auf.
      “Mh könnte noch für euch reichen”, antwortete ich. “Aber es dauert noch einen Moment”, fügte ich noch hinzu. Völlig selbstverständlich kommen sie in mein Zimmer und setzen sich mit an den Tisch.

      Lina
      Auf dem Weg zu den Koppeln entdeckte ich Jace der mit Alec zusammen an der Hauskoppel saß. Also war er wirklich gekommen. Es war schon immer so gewesen, dass Alec derjenig war der Jace entweder den Arsch rette oder ihn wieder zu Vernuft brachte. Zwischen den beiden herrschte so etwas wie eine magische Verbindung und es war faszinierend wie anders Jace war, wenn Alec in der Nähe war. Nichts desto trotz war ich immer noch böse auf Jace, also ging ich wortlos an den beiden Vorbei.
      “Hey Samu. Da steckst du also”, rief wenige Minuten später als ich Samu gefunden hatte. “Hast du mich etwa gesucht?”fragte er und schloss die Tür der Box die er gerade gemistet hatte. “Vriska lädt uns zum Essen ein, kommst du mit?”, fragte ich den jungen Mann. “Klar klingt nach einer super Idee”, sagte er und wir machten uns auf den Weg zu Vriskas Hütte.

      In der Hütte von Vriska war nun reges treiben und auch gab es keine weiteren Anfeindungen. Doch das der Abend nun so verlaufen würde, damit hatte keiner Gerechnet. Die Trainer hatten alle wieder Schwarzen Brett versammelt um eine Ansage zu machen.

      Vriska
      “Schön das ihr alle hier seid. Damit der heutige Abend nicht genauso verläuft wie der gestrige haben wir uns eine schöne Sache überlegt um nun euren Kampf- und Teamgeist zu fördern. In vierer Teams werdet ihr um einen großen Preis kämpfen - Neben einem Taschengeld in Höhe von 2000 Dollar bekommt ihr einen Maßsattel sowie einen Wunsch frei. Damit ihr aber nicht miteinander Arbeiten könnt, gibt es für jedes Team andere Rätsel. Ich sage nun die Teams an, also hört gut hin. Team 1: Samu, Max, Milena und Jace. Team 2: Linh, Chloe, Chris und Hannes. Team 3: Emilia, Jayden, Finley und Abigail. Team 4: Vriska, Lina, Ju und Niklas. Team 5: Ethan, Anna und Jacob Team 6: Noha, Raphael und Ella.
      Also findet euch zusammen, nehmt euch die von uns vorbereiteten Rucksäcke. Bitte macht euch den GPS Tracker in die Hose, damit wir euch wiederfinden können wenn was ist. So und nun lasst die Spiele beginnen.”, sagt Frau Wallin an, die mit Herrn Holm und Luchy vor uns allen steht. Schnell laufe ich zu Lina rüber.
      “Musste ja wieder klar sein, denkst du die Trainer machen das mit absicht?”, frage ich sie skeptisch.

      Lina
      “Irgendetwas werden sie sich schon dabei gedacht haben”, erwiederte ich Schulterzuckend. Nikals und Ju hatten sich schon unseren Rucksack geschnappt und kamen auf uns zu. “Und da kommt auch schon der Rest”, sagte ich und deutete auf die beiden Jungs.

      Samu
      “Ich hoffe du hast aus gestern Gelernt”, meinte ich zu Jace. “Ja, und du hast Recht die Aktion heute morgen hab ich definitiv verdient. Danke”. “Wo sind eigentlich die anderen beiden?”, frage er sogleich und sah sich ein wenig ratlos um.

      Vriska
      “Na Mensch, die Herren der Schöpfung”, sage ich sarkastisch.
      “Wir freuen uns auch sehr euch wieder zu sehen”, antwortet Niklas ironisch.
      “Das ist schön, dann macht mal eure Pferde fertig, wir treffen uns dann hier”, sage ich überzeugt und Jogge zur Box. Je schneller wir vom Hof kommen, umso besser sind unsere Chancen. Das Geld könnte ich ziemlich gut gebrauchen, weil dann könnte ich Anfangen Glymur abzuzahlen.

      Milena
      “Boah, zum Glück bist du hier”, sage ich zu Jace als ich mit Max auch dazu stoße.
      “Und was jetzt? Ich hab sowas von keine Lust drauf”, nörgel ich.

      Lina
      Auch ich beeilte mich zu meiner Stute zu kommen da sie nicht wie die Pferde der anderen drei in der Box stand, hatte ich den weitesten Weg. Um auf dem Rückweg Zeit zu sparen schwang ich mich kurzerhand auf ihren Rücken. "Na los Nathalie", sagte ich zu der Stute und im Trab ging es zum Hof. Kaum auf dem Putzplatz angekommen sprang ich von der Stute runter und rannt in die Sattelkammer um mir ihre Trense zu schnappen.

      Jace
      "Ich vermute hier bleiben dürfen wir nicht", sagte ich zu der Gruppe und schnappte mir den Rucksack.

      Niklas
      “Ich hoffe einfach, dass wir schnell sind. Wirklich Lust den ganzen Abend nur mit den zu verbringen habe ich nicht”, sage ich genervt zu Ju, während wir zu den Pferden eilen.
      “Ach das wird bestimmt lustig”, versucht er mich aufzumuntern.

      Vriska
      Als die Gruppe wieder vollständig ist, ziehe ich die Helmlampe auf und ziehe unseren Rätselzettel aus dem Rucksack.
      “So Leute, hier steht ‘Wir haben kleine grüne Hüte, und wir leben hoch auf den Kronen.
      Im Herbst fallen wir auf den Boden, Kinder sammeln uns und basteln niedliche Figuren.’ Darunter ist dann geschrieben ‘Schon gelöst? Das ging ja schnell. Jeder nimmt 5 Stück mit und dann geht es weiter mit 5 Galoppsprüngen Richtung Süden’ Habt ihr eine Idee?”, lese ich vor und frage in die Gruppe, den allen Fragezeichen im Gesicht geschrieben sind.
      “Vielleicht irgendwas das an Bäumen wächst im Wald?”, schlägt Niklas überraschend vor.
      “Gute Idee, vielleicht Tannenzapfen? Halt, die haben keine Hüte”, wirft Ju dann etwas ratlos ein. Erwartungsvoll blicke ich zu Lina, die bisher nichts gesagt hat.

      Lina
      “Es sind Eicheln”, sagte ich enthusiastisch. “Ich weiß auch wo wir welche finden”,fügte ich hinzu trieb meine Stute in Richtung des kleinen Wäldchens, wo die alte Eiche stand. “Kannst du die Eicheln sammeln du kommst besser auf dein Pferd wieder rauf”, sagte ich zu Vriska als wir dort angekommen waren.

      Vriska
      “Das war richtig gut”, sage ich zu Lina und steige ab. Auch die Jungs sind nicht bemüht abzusteigen also sammle ich 20 Stück und gebe jeden ihre 5 Eicheln.
      “So aber 5 Galoppsprünge? Ich mein, mein Glymi hüpft ja ganz anders als eure Pferde. Zumal wer kann aus dem Stand einfach mal 5 Sprünge abzählen?”, rege ich mich leicht auf, als ich wieder aufs Pony steige.
      “Smoothi sollte das hinbekommen”, kommt Niklas aus dem verborgenen. Er holt aus dem Rucksack den Kompass und richtet die Stute aus. Dann springt Smoothie 5 Mal und er holt sie zurück in den Stand.
      “So angekommen, was jetzt?”, fragt er gespannt. Offenbar kommt langsam das kleine Kind aus ihm heraus.
      “Also ich bei mir steht, gucke auf Zettel 3. Den hat bestimmt einer von euch”, sage ich.

      Lina
      Ich sah in meinen Rucksack “Ich hab nur Zettel 4”, stellte ich kurz darauf fest. Nathalie machte den Hals lang um sich einen Snack von einem Ast über ihr zu holen. “Lass das, Nathi “, sagte ich empört zu der Stute und trieb sie ein Stück vor, sodass der ast außer Reichweite war. ”Ju, hast du den Zettel”, frage ich den jungen Mann der uns bisher einfach gefolgt ist ohne aufzufallen.

      Ju
      “Öhm ja sieht so aus. Ich lese mal vor. Hier steht: ‘Mensch, ihr seid ja schon weit gekommen.’ Leute. Da ist einfach ein Gedicht. Die Mädels können sicher damit mehr anfangen. Also ich lese weiter ‘Ich kenn ein Haus, gar wohl erbaut, das klingt und tönet hell und laut, du hörst von fern sein Rauschen. Viel Gäste spielen drin umher, von diesen wirst du nimmermehr nur einen Ton erlauschen. Es wandelt stets von Ort zu Ort, die Gäste wandeln mit ihm fort - dies Haus sollst du mir nennen.’ - Alter das ist voll schwer. Darunter steht noch ‘Dort angekommen, findet ihr an eine, kleinen Fels mit dem nächsten Rätsel. Gute Reise’.”, lese ich aufmerksam und ruhig vor.
      Natürlich regt es mich ein wenig auf, dass ich keinen Plan habe worum es geht. Doch noch viel mehr verwundert mich Niklas, der seit dem wir unterwegs total komisch ist.
      Während die Mädchen sich beraten reite ich zu Niklas, der verzweifelt nach Internetempfang sucht.
      “Und schon was gefunden?”, scherze ich.
      “Ne Mann. Hier ist voll das Loch”, echauffiert er sich.
      “Sag’ mal, was denn los? Du bist so … normal?”, frage ich ihn dann doch.
      “Ach nichts. Alles gut. Irgendwie habe ich doch voll Lust drauf. Der Abenteuerfaktor fehlt aber noch”, sagt er.

      Lina
      “Meinen die vielleicht ein Bach oder einen Fluss oder sowas”, dachte ich laut. “Ich glaube ich habe eine Idee wo wir hinmüssen. Und falls du Internet suchst, das wirst du hier nicht finden”, sagte ich im vorbereiten zu Niklas. Im Trab hielt ich auf den Wald zu bevor ich nach einem Busch meine Stute durch parierte.Im dunkeln kaum zu sehen begann dort ein schmaler Pferd “Ich hoffe eure Pferde sind alle trittsicher und passt auf eure Köpfe die Äste hängen hier tief”, sagte ich noch bevor ich auf den kleinen schmalen Trampelpfad abbogt. In steilen engen Serpentinen führte er eine Böschung hinab. Es war gar nicht so leicht den Weg zu sehen, doch Nathalie kannte den Weg gut genug um und sicher entlang zu führen.

      Niklas
      “Das wird wohl der Bach sein”, sagte ich zu Lina, der Wir alle fleißig nach Ritten. Nach einigen Minuten suchen fand ich den Zettel versteckt in einer Felsspalte, an die man nur zu Pferd kommen konnte. So gut ich in der Schule gelernt hatte, las ich das kleine Gedicht auf dem Zettel vor. Da kam Lina direkt wieder der nächste Einfall, dass damit nur ein kleines Häuschen mitten im Wald sein kann in dem Jäger oder Reisende übernachten können im Schutz vor Bären oder schlechtem Wetter. Der Weg dorthin war deutlich angenehmer als zum Fluss, den wir vorher überqueren mussten, was für Smoothie beinah eine Herausforderung war. Sie wehrte sich vehement gegen das Wasser und nur mit Biegen und brechen gelang es mir meine Stute vom Sprung aus dem Stand. Begeistert klatsche Ju und wir mussten lachen. Das war meine Chance. Vriska und mein bester Freund blieben einige Meter zurück, schwiegen sich dennoch an.
      “Deine Stute ist deutlich besser gesprungen als meine”, sagt ich zu Lina, als ich einige Meter vor trabte. Sie gucke nur zu mir und nickte.
      “Ich merk schon, du hast keine Lust auf ein Gespräch. Aber ganz ehrlich, es tut mir furchtbar Leid wie ich bisher war. Das war nicht cool. Ich hoffe wir können nochmal bei Null anfangen, da du doch ziemlich cool bist. Mit Menschen habe ich echt immer Startschwierigkeiten und versuche dann mehr zu sein als ich bin. Tut mir leid. Echt.”, versuchte ich es mich bei ihr zu entschuldigen. Wieder traf ein Schweigen in der Gruppe ein, da sie meine Worte offenbar wieder ignoriert hatte. Auch als ich mich umdrehte, schüttelte Vriska nur völlig entsetzt mit dem Kopf. Was stimmt bloß nicht mit dem Weibern immer. Jetzt versucht man schon wieder nett zu sein und wird dann trotzdem wie der letzte Idiot behandelt.
      Angekommen an der Hütte warteten schon zwei Trainer.
      “Ihr seid schon da, super. Das ging viel schneller als gedacht. Wir haben für alle hier einen Checkpoint gemacht und ihr seid die ersten. Bisher also, herzlichen Glückwunsch. Die Pferde könnt ihr dort drüben hinstellen und dann in die Hütte kommen zu einem Mitternachtssnack. Netterweise haben wir für jeden auch ein Bier, der möchte”, sagte uns der Trainer vom Kanadischen Team.
      “Ach cool, dankee”, bedankte ich mich sehr herzlich und war extrem froh endlich etwas Alkohol zur Verfügung zu haben.

      Lina
      Ich band meine Stute an dem Hochseil neben der Schimmelstute von Niklas an. Die beiden Stuten bummelten sich freundlich an. Scheinbar verstanden die Pferde sich deutlich besser. Ich betrachte sein Pferd. Die Stute scheint ein edle Abstammung zu haben. Freundlich blickte sie mich mit ihren dunklen Augen an. “Na, du”, ich hielt der Stute meine Hand hin und ließ sie an mir schnuppern, bevor ich ihr über den Hals strich. “Du scheinst ja recht freundlich zu sein”, sagte ich zu der Schimmelstute. Konnte jemand mit so einem netten Pferd wirklich so ein Idiot sein? Etwas nachdenklich blieb ich neben meinem Pferd stehen bis Vriska ihr Pferd auch angebunden hatte. “Bis jetzt läuft es für uns ja super”, sagte ich zu ihr als wir gemeinsam die Hütte betraten. Drinnen war ein kleines Buffet aufgebaut mit allerlei Snacks..

      Vriska
      Nach einer halbstündigen Pause ging es für uns weiter. Die Trainer berichteten uns erneut worauf wir achten sollen, dann ging es weiter. Wieder formierten wir uns in die klassische Verteilung, wir Mädels vorn und die Jungs folgen uns unauffällig. Schon nach einigen Metern wurde klar, war sie uns noch mal eingewiesen haben. Mehrere Baumstämme liegen auf dem Weg und können nicht umritten werden. Für die drei mit ihren Warmblütern stellt das kein Problem da, aber für mich mit Glymur ist das dann doch äußerst schwierig. Niklas und Ju warten bereits auf der anderen Seite, während Lina und ich noch Rätseln wie es weiter geht. Dann hatten wir eine Idee, ich versuche mit meinem Hengst einfach im Schritt rüber, vielleicht hüpft er von sich selbst rüber. Auch Lina ist schon vor mit Nati und die Drei warten nun auf mich. Doch mein Hengsti wirkt nicht sonderlich motiviert den Baumstamm zu überqueren.
      “Und jetzt, hat einer von euch noch eine Idee?”, frage ich in die Runde. Ju zuckt mit den Schultern, aber Niklas kommt näher und macht einen Vorschlag.
      “Willst du mal absteigen und ich versuche mit ihm rüber.”, sagt er zu mir. Ich nicke und steige ab. Niklas drückt Ju seine Stute in die Hand und steigt über den Baumstamm. Die Steigbügel stellt er nicht mal ein, sondern steigt direkt auf und ich halte noch gegen.
      “Mensch, ich hätte nicht gedacht, dass man auf dem Kleinen so bequem sitzt. Dann gucken wir mal”, sagt er und ich gehe zur Seite. Erst mal schnaubt Glymur zufrieden ab eh Niklas kurz mit ihm warm wird. Dann versucht er meinen Hengst anzutraben was nicht so gut klappt, da er Hilfen für den Tölt gibt.
      “Wo ist der Schalter für Trab? Das geht nicht”, flucht Niklas.
      “Wenn du galoppieren willst, geht das auch aus dem Tölt.”, rufe ihn zu.
      Darauf hin galoppiert auch schon Glymur und meistert mit bravour die im Weg liegenden Baumstämme.
      “Siehste, da müssen einfach mal Profis ran”, scherzt Niklas.
      “Jaja ist klar. Was würden nur ohne dich machen”, gehe ich darauf ein. Wir lachen. Dann steigt er wieder ab und begebe mich zu meinem Pferd. Wir reiten ein wenig weiter bis mir einfällt, dass wir gar nicht wissen wohin.
      “Lina, du müsstest den nächsten Zettel haben. Kannst du mal gucken?”, frage ich sie.

      Lina
      Ich kramte kurz in meinem Rucksack und fand den Zettel. “Jep”, sagte ich und faltete den Zettel. “Ääähhh, Leute…? Hier sind nur komische Symbole auf dem Zettel. Ich hab keine Ahnung was das bedeuten soll”. Ich sah den Zettel nochmal an. “Hier ist noch ein Hinweis. Unser Gold klimpert nicht, es glänzt in der Sonne und wiehert in der Nacht. Hat jemand von euch eine Idee was das Heißen soll?”

      Ju
      “Oh Symbole, das kann ich immer recht gut.”, sage ich halte neben Lina an, die mir den Zettel gibt.
      “Vermutlich wird damit ein Pferd gemeint sein, vielleicht sogar noch im Bezug auf dem Fellfarbe, also ein Fuchs. Aber was sollen wir damit anfangen?”, frage ich irritiert in die Gruppe.
      “Eventuell ist damit ein Fuchsbau gemeint?”, fällt Niklas ein und wir beide gucken zu Lina, die sich hier besser auskennt.

      Lina
      “Fuchsbau….”, mumelte ich vor mich hin, während ich überlegte. “Ahh.. ich glaub ich weiß wo wir hinmüssen”, ich trieb meine Stute in den Trab.Ich folgte einem Waldweg und hielt an einer kleinen Hütte an. Am Eingang der Hütte stand groß zum Fuchstanz geschrieben. “Das hier ist eine Wildtierauffangstation. Hier in der Gegend sind sie bekannt für einen kleinen Fuchs den sie von Hand aufgezogen haben und der ihnen folgt wie ein Hund. In der Touristensaison ist hier ein Campingplatz und ein Restaurant, was besonders beliebt ist, weil es hier Abends eine Wildfütterung gibt. Als Highlight darf man den kleinen zahmen Fuchs am Ende streicheln. Nur dann ist noch die Frage was wir hier sollen. Ju hast du vielleicht noch etwas auf dem Zettel gefunden?”. Nahe am Weg stand eins der Wildtier gehege wo es auf einmal raschelte. Nathalie begann mit den Ohren zu spielen und neugierig in die Richtung des Geräusches zu blicken. Jus Stute begann ein wenig zu tänzeln. Von einem der Pferde kam ein nervöses wiehern, als es erneut raschelte. Auf Einmal hüpfte ein kleiner dunkler Fellball an das Gitter. Meine Scheckstute zuckte zusammen und ein paar der Pferd machten sogar einen hüpfer zur Seite. Frech keckerte der kleine Waschbär uns sah uns mit seinen Knopfaugen an. “Ganz ruhig Nathy das ist nur ein Waschbär”, redete ich meiner Stute zu und strich ihr über den Hals. Nach ein paar Minuten beruhigten sich die Pferde wieder und Ju berichte was auf dem Zettel stand.

      Für die Truppe ging die Reise noch einige Zwischenstopps weiter und gemeinsam kamen sie als erstes am Hof zurück. Da die Schnitzeljagd insgesamt länger gedauert hat, als gedacht entscheiden alle Trainer, dass die Pferde in den Stall sollen und die Teilnehmer ins Bett. Am nächsten Tag ist der Treffpunkt wieder am Schwarzen Brett um 10 Uhr. Die Müdigkeit steht allen im Gesicht, doch so ist das. Das Leben mit Pferden ist hart und kurze Nächte sind vorprogrammiert.

      Lina
      “Guten Morgen, alle zusammen. Im Gegensatz zu gestern seht ihr heute ja alle sehr Munter aus”, begrüßte Herr Holm alle Teilnehmer. In der Hoffnung, dass wir heute wieder am Training teilnehmen dürfen, lungerten Samu und ich in der Nähe der Gruppe rum. “Heute steht folgendes auf dem Plan: Da wir ja gestern eine Dressureinheit hatten, steht heute das Springen auf dem Plan. Für alle die keine Springpferd haben oder nicht mit ihrem Pferd am Training teilnehmen wollen, besteht die Möglichkeit ein Pferd geliehen zu bekommen, dafür meldet ihr euch bei Frau Montrose. Das Training ist für alle verpflichtend. Egal, ob ihr eigentlich Springt oder nicht. Das Training heute soll das gegenseitige Verständnis für die Disziplinen der anderen fördern. Heute Nachmittag, dürfen dann die Gangreiter dann mal zeigen, was sie darauf haben. Wir haben hier zwar keine Ovalbahn, aber eine längere Galoppstrecke rund um den Vielseitigkeitsplatz. Dabei sind alle die nicht selber reiten verpflichtet sich das ganz anzusehen.” Er sagte noch wann und wo sich getroffen wird und danach stürzen sich wie immer alle, auf das Schwarze Brett um zu sehen wann sie mit wem reiten. “Duu, ich glaube Jace wollte sich gestern bei mir entschuldigen”, erzählte ich Samu müde und gähnte herzhaft. “Das hat mich einfach nicht schlafen lassen, ich hoffe ich fall nicht vom Pferd”, jammerte ich Samu an.

      Vriska
      ‘Det är lite för tidigt för mig. (Es ist zu früh für mich)’, denke ich mir, als ich mit meinem Kaffee in der Hand und noch in der Freizeitkleidung zur Besprechung komme. Herr Holm hat bereits angefangen zu sprechen und mustert mich, als ich mit der Kapuze über den Kopf mich in die Truppe stelle. Dann redet er weiter.
      “Dann kannst du heute mal zeigen, was du nicht kannst”, muckt Max auf. “Mh?”, hinterfrage ich nur und dann verstummt er wieder. Offenbar wollte er wieder eine Diskussion beginnen, doch darauf habe ich jetzt gerade echt keine Lust.
      Während alle zum Brett gehen, um zu gucken in welche Gruppe sie sind, warte ich deutlich Abseits von allen. Frau Wallin kommt zu mir.
      “Wie siehst du den aus? Hättest du dir nicht wenigstens was richtiges anziehen können. Wenn es so weitergeht mit dir, muss ich deinen Chef anrufen.”, droht sie mir und erwartet eine Erklärung. Ich murre sie an und sage nichts.
      “Vriska, ich meine das Ernst. Du bist keine 15 mehr.”, fügt sie hinzu und geht. Jeder Schluck Kaffee scheint mir mehr Energie zu geben, die ich jedoch bei jedem Atemzug wieder verliere.
      Alle haben auf dem Zeitplan geguckt, nur ich stehe in der Gegend herum. “Allvarligt (Ist das dein Ernst)”, schreie ich. Frau Wallin dreht sich wieder zu mir um. Ihre Blicke scheinen mir einen Dolchstoß zu geben. “Skynda dig, Vriska (Beeil dich)”, zischt sie mich an.
      “Behöver du hjälp? (Brauchst du hilfe?)”, fragt mich jemand und ich merke eine Hand auf der Schulter. Blitzartig drehte ich mich um. Niklas steht hinter mir und funkelt mich mit seinen Augen an.
      “Klar, warum nicht”, sage ich aus der Leere meines Gesichtes heraus. “Aber ich muss mich erst mal umziehen”, füge ich hinzu. Er folgt mir. Vor dem Bungalow schlage ich Niklas die Tür vor der Nase zu. Ich höre ein mürrisches Knurren, aber davon nicht beeinflusst wechsle ich die Kleidung. Wenige Minuten später laufen wir in den Stall zu Glymur, der noch immer in seiner Box steht. Sauber machen, kann ich nach dem Unterricht.
      “Bist du schon mal gesprungen?”, fragt Niklas mich neugierig, während ich meinem Hengst das Halfter umlege und aus der Box heraus führe. An seinem Schweif zieht er das Stroh hinter sich her. Ohne mir weiter darüber Gedanken zu machen, binde ich ihn an.
      “Ja, schon einige male. Mit Glymi allerdings noch nicht. Ich weiß allerdings, dass er es bis A kann.”, erkläre ich ihm, als ich an der Sattellage das Fell reinige.
      “Wenn du mir schon helfen willst, kannst du das Sattelzeut holen. Das muss da vorn sein, es steht mein Name dran”, sage ich abfällig zu ihm und zeige Richtung Sattelkammer. Er nickt und geht los. Wenig später haben wir zusammen mein Pferd fertig gemacht und laufen zum Reitplatz. Damit Glymur sich schon etwas aufwärmen kann, laufe ich mit beiden Zügeln in der Hand über seinen Hals dorthin. Er begreift schon worum es geht.
      “Hast du auf die Uhr geguckt?”, werde ich von Frau Wallin angefahren.
      “Ja, aber ich bin jetzt da.”, antworte ich genervt und steige auf. Niklas hält mir gegen und gurtet noch mal nach.
      “Tack (Danke)”, antworte ich und reite im Schritt los.
      “Ach Niklas. Vergreif dich doch nicht immer an den Erstis”, ruft sie Niklas zu, der sich an den Rand setzt und nicht weiter drauf eingeht.
      “So, da jetzt endlich alle da sind, können wir anfangen. Als erstes wärmt ihr eure Pferde noch etwas auf. In der Zeit wende ich mich jedem Einzeln zu.”, erklärt sie und guckt durch die Gruppe.

      Lina
      Ich war mit Nathalie schon am Schritt reiten als Vriska, auch endlich auftauchte, in der Begleitung von Niklas. Heute Morgen war sie schon zu spät bei der Ansprache gewesen. Sie sah weder besonders wach noch besonders begeistert aus. Nathalie stolperte und erinnerte mich somit daran mich auf sie zu konzentrieren. So schwer es mir auch fiel, wandte ich mit meine Gedanken von Vriska ab und konzentrierte mich auf die Scheckstute. Sanft treib ich Nathy an, sodass sie in den Trab fiel. Die Stute war heute relativ nervös und hitzig. Das sie heiß wurde, war normal bei Springen, doch so nervös hatte ich sie noch nie erlebt. “Ruhig Nathy, alles gut meine süße”. “Locker sitzen, Lina”, kam es von der Trainerin. Ich hatte gar nicht gemerkt wie angespannt ich war. “Und gib ihr mehr Zügel”. Ich versuchte mich ein wenig zu lockern und ließ den Zügel länger. Schon gleich hörte Nathalie auf mit dem Kopf zu schlagen und lief gleich ein wenig entspannter. Kurz darauf merkte ich auch was, besser gesagt, wer der Grund dafür war. Jace stand mit ein paar anderen Jungs zusammen am Zaun. Er war mit gestern Abend bei der letzten Heufütterung im Stall begegnet und hatte irgendwas von Entschuldigung und er sei ein Idiot gefaselt. Ich hingegen hatte ihn ignoriert, weil ich ihn zur Zeit lieber so wenig wie möglich sehen möchte. Natürlich hatte meine sensible Stute mein Stimmungsumschwung noch vor mir gemerkt. Die Scheckstute schnaubte, als wollte sie mich beruhigen. Um mich nicht weiterhin zu blamieren, weil es so schien, als sei ich zu blöd zum Reiten, fokussierte ich mich vollständig auf meine Stute. Ich begann Biegungen zu reiten damit sie lockerer wurde und nach ein paar Handwechseln begann sie abzuschnauben. Ich war so sehr auf Nathalie fokussiert, dass ich fast in Chris und seinen Wallach hineinritt. “Pass doch auf”, patzte er mich an. “Sorry”, murmelte ich zurück. “Was ist denn heute los mit euch. Der eine zu spät, der andere schafft es nicht mal geradeaus zu reiten”, schnautze Frau Wallin uns an. “Jetzt reißt euch zusammen und reitet vernünftig”. Scheinbar hatte nicht nur ich heute schlecht geschlafen.

      Vriska
      Es war nicht leicht, mich zusammenzureißen ohne Frau Wallin für ihre blöden Sprüche fertig zu machen. So gut es ging, konzentriere ich mich auf mein Pferd. Glymur spielt sich heute besonders auf, weil nur eine Stute mit auf dem Platz ist, die ihm offenbar immer wieder schöne Augen macht. “So mein Junge, entweder wir sind jetzt mal wieder ein normales Pferd oder ich lass dich hier alleine stehen”, ranze ich ihn an. Nervös schüttelt er mit seinem Kopf. Kurz gucke ich mich - niemand hat das kleine Gespräch mit meinem Pferd mitbekommen und ich treibe ihm vorwärts, damit er etwas aktiver vorwärts geht.
      “Okay Vriska, ich fange mit dir an. Als erstes trabst du mit deinem Pferd einige male über die Cavalettis. Danach gehen wir über zur Kombination. Dort trabst du über die zwei Cavalettis, galoppierst an und über den Oxer. Also los”, sagt meine Trainerin zu mir. Ich nicke und trabe Glymur an. Mit einer hohen Aufrichtung schwingt er seine Beine nach vorn und federt bei jedem Sprung gut ab. Mit meinem Gewicht lenke ich ihn zu den Cavalettis. Geland schwebt er über diese. Ich höre bestätigende Rufe von den Jungs. Ein kleines Lächeln erstrahlt mein Gesicht. Mehrere male haben die Cavalettis gut funktioniert und ich bereite mich mit Glymur auf die Kombination vor, deswegen galoppiere ich ich zunächst zwei Runden auf dem Zirkel, um seine Aufmerksamkeit zu testen. Alles gut, somit pariere ich ihn zurück in den Trab durch und peile die Kombination. Die beiden Stangen nimmt er mit bravour, ich galoppiere an, der Hengst macht einen kleinen Sprung, verfängt sich mit den Vorderbeinen im Oxer. Wir stürzen. Unkontrolliert fallen wir vorn’ über und er begräbt mich unter seinem Körper. In meiner Vorstellung liegen wir einige Minuten bewegungslos auf dem Boden. Ich spüre wie die Jungs zu uns gerannt kommen, Frau Wallin ruft bereits den Notarzt. Mit der wenigen Luft, die ich bekomme, taste ich die Beine von Glymur ab. Es scheint alles okay zu sein und er steht auf. Nur ich komme nicht hoch, doch Niklas kommt mir zu Hilfe. “Bleib’ liegen”, ruft er.

      Lina
      Ein krachen reißt mich aus meiner Konzentration und ich sehen nur noch wie Glymur seinen Reiter unter sich begräbt. “Oh, Gott Vriska”, rufe ich nur noch und bin im gleich Moment von der noch traben Nathalie gesprungen. Dies war so verdutzt, dass sie stehen blieb, wo sie war. Wie paralysiert laufe ich rüber zu der Unglücksstelle, wo sich die Jungs bereits versammelt hatten. “Vriska, geht es dir gut?”. Ich zitterte vor Aufregung und wollte mich durch die Jungs zu ihr vor wühlen, doch etwas hielt mich auf, jemand. Jemand hatte seine arme um mich geschlungen und hielt mich fest. “Lina, beruhig dich. So bist du nicht hilfreich”, redet jemand auf mich ein. “Beruhig dich”, sagte die Stimme. Ich atmete tief durch und braucht ein paar Augenblick um die Situation zu begreifen. Jace hielt mich fest umschlossen, denn ich zitterte wie Espenlaub. Glymur war inzwischen Aufgestanden und stand mit gesenktem Kopf etwas abwesend daneben. Nathalie stand immer noch verwirrt in der Ecke, nur dass sich inzwischen einer der Jungs zu ihr gesellt hatte. “Lina, hör mir zu. Du musst dich beruhigen, wenn du ihr helfen willst”. Jace hielt mich immer noch fest. Vom Hof her kam Luchy angelaufen um zu sehen, was passiert war. Ich sah wie Samu und Melina gerade aus der Halle kamen und ihr Pferde schnell in die Box brachten. Scheinbar hatte sich die Nachricht wie ein Lauffeuer verbreitet. “Der Notarzt wird erst in 10 Minuten da sein. Solang darf sie sich nicht bewegen”, sagte Frau Wallin, die gerade das Gespräch beendet hatte.

      Nachdem der Krankenwagen samt Notarzt war, konnte kurze Zeit später Entwarnung gegeben werden. Vriska hat sich nur die Schulter ausgekugelt, eine Rippenprellung und einen Schocken. Über die Nacht muss sie noch im Krankenhaus bleiben. Währenddessen am Hof …

      Milena
      “Was ist denn passiert”, frage ich neugierig in die Gruppe.
      “Sei ruhig, das Thema hatten wir in den letzten Minuten so oft. Die Beiden haben den Abstand zwischen Cavaletti und Oxer unterschätzt und sind zusammen im Hindernis gelandet.”, entgegnet Niklas genervt.
      “Ist ja gut”, sage ich widerwillig.
      “So Leute, das ist schrecklich aber es ist nichts weiter schlimmes passiert. Wenn es euch emotional nicht allzusehr trifft, schnappt euch eure Pferde wieder und wir machen weiter im Plan. Etwas positives hat die Sache jedoch. Seid euch immer bewusst, was passieren kann und wie Schlimm ein Unfall enden könnte. Bleibt aufmerksam und denkt nicht, dass euer Pferd das alles regelt. Das Tier vertraut euch.”, sagt Herr Holm und geht zurück in die Reithalle. Mein Training ist bereits so gut wie zu Ende und ich bringe Kempa zurück in den Stall. Dort nehme ich den Beinschutz ab, bringe den Sattel zurück und gebe meiner Palomino Stute noch etwas zur Stärkung. Danach kann sie zurück auf die Weide. Zufrieden wälzt sie sich im trockenen Gras und trabt zu den anderen Stuten.
      Im nächsten Moment befinde ich mich in meinem Zimmer und überlege wie was ich in meiner freien Zeit machen kann. Nachher werde ich mit Snúra am Gangreiten teilnehmen, weil Kempa gestern schon genug tun musste. Es klopft. Neugierig gehe zur Türe, öffne. Vor mir steht Niklas vor mir.
      “Was machst du hier?”, frage ich überrascht.
      “Ich wollte dich sehen”, erwidert er und drückt mich in den Raum.

      Lina
      Nachdem Vriska versorgt war, hatte ich mich immerhin so weit beruhigt, um wieder auf mein Pferd zu steigen. Ich muss mich zusammenreißen, auch wenn das Gefühlschaos in meinem Kopf das recht schwierig machte. Das Training verlief sehr gut und ich hatte das Gefühl, dass Nathalie heute zu Hochform auflief. Nachdem Training versorgte ich die Gescheckte Stute und entließ sie auf die Weide. Nach der ganzen Aufregung beschloss ich mich meiner Lieblingstätigkeit, neben dem reiten zu widmen, allerdings nicht hier. Hier war zu viel los, besser gesagt hier ist zu viel Jace. Der Vorfall eben hatte mich reichlich verwirrt, nachdem er sich die letzten Tage zu genug demonstriert hatte, dass er weder ein Gewissen noch Interesse an mir hatte, war er heute so anders.
      Ich war auf mein Zimmer gegangen, um einen Rucksack zu holen, darin mein Zeichenzeug. Auf den Weg nach unten begegnete mir Samu. “Hey, alles ok bei dir?”, fragte er besorgt. “Ja, alles gut ich brauch nur etwas Zeit für mich”. “Kann ich dir irgendwie helfen?”, fragte der Finne. “Eigentlich nicht…. Könntest du vielleicht Legolas übernehmen?, der Rest ist versorgt”, fragte ich ihn zögerlich. Zielsicher schlug ich den Weg zu den Koppel ein und erblickte am Waldrand einen weißen Fleck. Leise betrat ich die Wiese und ging auf das weiße Pferd zu. Sobald er mich kommen hörte, hob er den Kopf. “Na komm mein kleines Einhorn”, flüsterte ich eher als ich reif. Der Hengst setzte sich in Bewegung und kam auf mich zu getrottet. Ich zog mich auf seinen Rücken, ritt von der Weide runter und schloss das Tor hinter mir. “Na los mein hübsche, du weißt wohin”, flüsterte ich dem Freiberger zu. Zuverlässig schlug der Hengst den richtigen Weg ein. Allein seine weiche Mähne unter meinen Fingern beruhigten meine Gefühle soweit, dass ich das alles für eine Weile vergessen konnte.

      Vriska
      Langsam erwachte ich. Aber wo bin ich. Für mich verging eine Ewigkeit bis ich realisiert habe, dass ich im Krankenhaus liege. Rechts neben mir stehen einige Maschienen, die immer wieder komische Piep-Geräusche von sich geben.
      “Hallo?”, rufe ich in der Hoffnung, dass jemand kommt. Wenig später kommt ein Arzt rein, er stellt sich als mein behandelter Arzt vor. Dann erzählt er mir, was passiert ist. “Kann ich jemanden anrufen?”, frage ich erschöpft. Er nickt und zeigt auf das Telefon neben meinem Bett, daraufhin verlässt er den Raum. Kurz dreht sich mein Arzt noch mal um. “Wenn was ist, drück den Knopf neben deinem Bett. Dann kommt eine Schwester. Und Essen gibt es in einer Stunde”, fügt er hinzu. Dann schließt er die Tür.
      Ich versuche mich aufzurichten, aber meine Schulter schmerzt stark und auch das Atmen fällt mir schwer. Langsam bewege ich meinen rechten Arm zum Telefon und wähle die Nummer vom Büro. Tut. Tut. Tut. Stille. “Lindö Dalen Stuteri, Vad kan jag göra för er? (Was kann ich für Sie tun)”, höre ich Tyrell sagen.
      “Tyrell … ich bin’s”, flüstere ich. Meine Erschöpfung hört man deutlich raus.
      “Gut, dass du anrufst. Weißt du eigentlich, was ich mir für Sorgen gemacht habe?”
      “Tut mir Leid. Skit händer, va? (shit happens)”
      “Jetzt erzähl’ mir bitte, woran du dich noch erinnerst und wie es dir geht.”
      “Ich kann nicht so gut atmen und mir tut die Schulter weh. Was passiert ist. Mhm. Glymur und ich haben den Abstand zwischen Oxer und Cavaletti zu Lang eingeschätzt, er hat mir vertraut und wir sind gefallen. Dann wachte ich im Krankenhaus auf. Der Arzt sagte, dass ich mir meine Schulter ausgekugelt hatte und einige meiner Rippen geprellt sind. Ich habe keine Gehirnerschütterung. Jag börjar bli trött. (Ganz ehrlich, ich bin einfach nur müde)”, erläutere ich ihm. “Gå till sängs. (Leg dich schlafen)”, antwortet er mir.
      Ich lege den Hörer beiseite und schlafe ein.
      “Miss Isaac! You’re food is ready”, weckt mich eine nette Dame. “Ah, thank you”, bedanke ich mich und richte mich langsam auf. Noch immer liegt er Hörer neben mir. Ich hänge ihn zurück in die Halterung und beginne an zu Essen.

      Lina
      Zuverlässig hatte Divine mich an mein Ziel gebracht. Wir waren gerade aus den Vorhang aus Pflanzen geglitten. Dahinter lag die wunderschöne Lichtung, an die ich mich gerne zurückzog. Das hier ist mein Refugium. Sacht glitt ich vom Rücken des Weißen Hengstes und meine Füße berührten das weiche Gras. Ich blieb einen Moment stehen und atmete durch, während ich den Stab beobachte wie er glitzern durch die Sonnenstrahlen flirrte, lauschte den Geräuschen um mich herum. Divines leises atmen, der Wind der sacht durch die Blätter fuhr und etwas entfernt, der Bach der gurgelnd über die Steine floss. Ich merkte wie das Gefühlschaos in mir endgültig abebbte und sich mein Körper entspannt. Ich ließ mich auf dem alten bemoosten Baumstumpf nieder und nahm meinen Zeichenblock aus dem Rucksack. Ein zerknittertes Blatt fiel heraus und blieb auf dem Gras liegen. Neugierig stapfte Ivi näher und stupste das Blatt an. Ich wusste was drauf war und sogleich kam das Gefühlschaos in mir wieder hoch. Zitternd streckte ich meine Hand danach aus. Ich hob es auf und strich es glatt. Die Zeichnung zeigte einen jungen Mann auf einem Pferd. Da war er wieder Jace, wie ein Geist der mich heimsucht. Wütend zerknüllte ich das Blatt und warf es fort. “Muss er mich denn überallhin verfolgen?”, fragte ich … ja wen eigentlich mich, das Pferd was vor mir stand und mich fragend und freundlich aus seinen großen braunen Augen anstarrte. “Tut mir leid mein hübsche, du kannst ja nichts dafür”, wehmütig strich ich dem Freiberger den Schopf aus der Stirn. Freundlich rieb er den Kopf an meiner Schulte und schubste mich fast von meinem Baumstumpf. Gedankenverloren streichelte ich den Kopf des Pferdes. Nach einer Weil löste ich mich von dem Hengst und begann zu zeichnen.

      Am Nachmittag bereiten sich die Gangreiter mit ihren Pferden auf das besondere Training vor, während alle anderen herzlich Eingeladen sind das Geschehen mitzuerleben. Vriska liegt im Krankenhaus unter Beobachtung. In der Zeit hatten Milena und Niklas einen gemeinsamen, sehr intensiven, Nachmittag. Er hat sein Springtraining verpasst und die Trainer haben ziemlich schlechte Laune. Wirklich schlechte Laune.

      Milena
      Im Stall stehen wir bereit und bekommen erste Einweisungen von Frau Wallin, die mich konstant ignoriert und somit meine Frage nicht beantwortet, ob wir frei reiten sollen, um die Rasse zu präsentieren oder ernsthaftes Training vor uns steht. Es fällt mir ziemlich schwer ihrem Gesprochenen zu Folgen. Auch meine Stute Snúra scharrt nervös mit dem Huf. In meinem Kopf schweben tausend andere Dinge herum, als an das zu denken, was gleich passiert.
      “Ich wette mit dir, dass Vriska sich nur vor der Blamage bewahren wollte, die ihr jetzt passiert wäre”, flüstert Max mir zu, der mit Blá an mir vorbei läuft. Zu langsam begreife ich, was er wollte, um zu antworten. Linh kommt zu mir.
      “Denkst du Vriska geht es gut?”, fragt sie mich freundlich.
      “Ich weiß es nicht. Wir hatten vor zwei Tagen einen Streit und haben seitdem nicht viel miteinander gesprochen. Aber ich denke ja, sonst wäre die Stimmung eine andere und die vom Rettungsteam haben ja gesagt, dass sie nochmal Glück gehabt hat.”, antworte ich ihr.
      “Håll käften! (Halt die Klappe)”, mault mich Frau Wallin an, als ich kichern mit Linh ankomme. Die hat echt ein Problem mit mir. Linh entfernt sich mit Móra direkt von mir und steigt etwas weiter weg auf ihre braune Stute auf.
      “So ihr lieben. Ich freue mich, dass alle da sind. Wir beginnen erstmal mit etwas einfachen - Warmreiten. Unsere Gangreiter zeigen euch jetzt, wie sie die Gangpferde auf die nachfolgende Prüfungssituation erwärmen. Als erstes Starten wir mit einer Viergangprüfung und danach folgt eine Fünfgangprüfung. Darum bitte ich, dass alle mit einem Fünfgänger während der V3 in die Mitte kommen. Zum Ende, nach einer kleinen Pause, reitet ihr eine T3. Bei Fragen aus dem Publikum stehe ich gerne zur Verfügung. Ich werde die Prüfungen kommentieren, damit ihr einen Eindruck habt, wer richtig mit seinem Pferd umgeht und wer nicht. Am Ende werde ich auch Noten verteilen. Als Hinweis für die Teilnehmer - die Note wird bereits in eurem Portfolio eingetragen, also strengt euch an. Viel Erfolg”, sagt Frau Wallin an und stellt sich an den Rand.
      Ich merke jetzt erst, dass wir nur Linh für die V3 haben, da Kempa und Blávör Fünfgänger sind.

      Jace
      Seit heute Vormittag hatte ich Lina nicht gesehen. Auch bei der Gangvorführung sah ich sie nicht, so langsam mache ich mir Sorgen um sie. Samu stand etwas abseits mit Jayden und Luchy. Auch wenn ich mir Sorgen um Lina machte, mit ihm wollte ich heute lieber nicht reden. Ich wusste, dass er immer noch sauer war wegen der Sache, die am ersten Abend vorgefallen war. Nervös stand ich an der Bande und spielte mit meinen Fingern.

      Milena
      Im Schritt bereite ich Snúra auf den Tölt vor, immer wieder halte ich sie an und reite dann an. An der kurzen Seite Stelle ich sie mit der Schulter herein, um die Vorderhand elastischer zu machen und die Hinterhand aktiver. Meine Blicke schweifen immer wieder zu Linh, die mit Móra auch Übungen macht, jedoch ist ihre Stute deutlich interessierter und engagierter als Snúra, die jeden Schritt als eine Qual empfindet. Obwohl sie sehr arbeitswillig ist, zeigt schon jetzt nicht ihre Höchstform.
      “So ihr lieben. Linh zeigt nun die V3 mit Móra.Viel Erfolg”, sagt Frau Wallin an. Max und ich steigen von unseren Pferden und gehen in die Mitte.
      “Für alle, die die Prüfung nicht kennen, werde ich kurz diese Spezielle Prüfung erklären. Die V3 wird normalerweise in einer Gruppe von 3 bis 5 Reitern geritten. Es gibt 5 Aufgabenteile, wobei die schlechteste Note aus Aufgabenteil zwei bis vier gestrichen wird, sodass die Gesamtnote sich aus vier Einzelnen Noten zusammensetzt. Die Noten werden direkt nach der Prüfung präsentiert. Genaueres kann auf dem Notenzettel bei der Meldestelle eingesehen werden. Auf einem Turnier richten drei Sportrichter. Heute bin ich allein.”, erklärt sie. Das Publikum klatscht.
      Gespannt beobachte in Linh. Móra steht und sie atmet tief durch. Aus dem Stand tölten die Beiden an.
      “Die Prüfung beginnt”, sagt Frau Wallin an.
      “Wir sehen nun das ruhige Tempo Tölt, im vergleich zum langsamen Tempo kann das Pferd etwas schneller vorwärts. Das schwierige an den langsamen Bewegungen ist, dass der Reiter mit seinen Hilfen den Isländer im Takt hält, ohne Steif dabei zu werden. Für das Pferd ist es eine große Anstrengend. Die Hinterhand sorgt für den nötigen Schwung, um die hoch weiten Bewegungsabläufe der Vorderhand zu unterstützen und den Reiter dementsprechend zu tragen.
      Linh du machst das Super. Weiter so.”, lobt die Trainerin.
      Vorsichtig gucke ich zu Max, der Linh die ganze Zeit ziemlich komisch nachschaut. Aber das geht mich nichts an. Als ich durch die Zuschauer gucke, fällt mir auf, dass Niklas nicht da ist. Anna auch nicht. In meinem Kopf eröffnen sich plötzlich tausende Szenarien, wo die Beiden sind und warum er vorhin mit mir im Zimmer war.
      “So, nun folgt Aufgabenteil zwei. *Pause* Langsames bis mittleres Tempo Trab. Bevor ich dazu komme, möchte ich noch Anmerkungen zum ersten Teil geben. Móra war an einigen Stellen, besonders beim Wechsel von der kurzen zur langen Seite, zu schnell und verlor den Takt. Nichtsdestotrotz konnte Linh sie immer wieder gut Auffangen. *Pause* Im Aufgabenteil zwei, kann der Reiter selbst entscheiden, ob er aus dem Tölt in den Trab umstellt oder vorher noch einmal in den Schritt durchpariert. Jedoch sind nur wenige Schritte im Schritt zulässig. Bevor ihr euch fragt: Die Prüfung wird nur auf einer Hand geritten, bei der Nennung kann der Reiter selbst entscheiden, ob er auf der linken Hand oder rechten Hand vor reitet. Linh stellt Móra rechts vor. Der Vorteil dabei ist, dass die meisten Nennungen auf der linken Hand, somit ist es wahrscheinlicher das man rechts alleine die Prüfung reiten kann.”, erzählt Frau Wallin.
      Die restliche Zeit höre ich nur noch wenig zu. Linh reitet Móra natürlich hervorragend vor und es ist nur mit einer sehr guten Note zu rechnen. Sogar den schnellen Tölt meistern die Beiden, als wäre es das leichteste auf der Welt.
      “So, nun kommen wir zum Ende. Linh und Móra haben euch heute eine großartige Leistung gezeigt. Ich vergebe hierfür eine 7,9. Wie schon am Anfang gesagt, ist Móra teilweise im Tölt zu schnell geworden und im schnellen Tempo ging der Takt stellenweise verloren. Im Trab war so gut wie alles perfekt, aber du klammerst dich noch zu sehr am Zügel, sodass der Kontakt immer wieder zu stark am Pferdemaul war. Der Schritt war sehr gut gefedert mit einer schönen Haltung deiner Stute. Der Galopp ist noch ausbaufähig. Doch wir wissen Beide, dass das euer Problem ist. In den Kurzen wurde sie immer zu schnell und es schien, als hättest du die Kontrolle über ihr Tempo verloren. Aber im Großen und ganzen eine sehr gute Leistung. *Pause* Du kannst noch einige Runden Schritt reiten und dann folgen die Fünfgänger. Bitte reitet eure Pferde auch noch etwas im Schritt. Ich sage dann wann es los geht.”, unterbricht mich Frau Wallin in meinen Gedanken. Ich beobachte, wie sie sich dem Publikum zuwendet und einige Fragen beantwortet. Währenddessen gurte ich den Sattel von Snúra noch einmal nach und steige auf. Komischerweise hält Max mir gegen und ich nicke ihm freundlich zu. Es scheint, als würde er merken, dass etwas nicht stimmt.

      Jace
      Mir ließ das ganze keine Ruhe. Nachdem die erste Reiterin die Vorführung beendet hatte, verließ ich die Halle. Nervös tippe ich eine Nummer in mein Telefon. “Na los Alec, nimm schon ab”, raunte ich während ich nervös auf und ab lief. Es tutute zweimal dann nahm er endlich ab. “Alec”,rief ich in das Gerät. “Was ist los Jace, warum bist du so aufgeregt?”, kam es ruhig wie immer von der anderen Seite. Alec hatte das Talent total gelassen zu bleiben. “Es ist wegen Lina, ich habe sie seit heute Morgen nicht gesehen”, sagte ich und fuhr mir durch die Haare. “Jace, jetzt beruhig dich erst mal. Hast du einen von den Anderen gefragt?”, sagte er mit ruhiger Stimme. “Divine fehlt, Alec was ist, wenn ihr etwas passiert ist”. “Ganz ruhig Jace, ich bin eh auf dem Weg zu euch. Beweg’ dich nicht vom Fleck bis ich da bin, verstanden! Ich bin in 10 Minuten da”, kam es nur recht gelassen von ihm zurück. “Ok”, sagte ich kurz angebunden und legte auf. Ich rannte zur Koppel um Fashion Girl und Black Lady von der Koppel zu holen. Im Trab ging es mit den Stuten zurück wo ich sie vor dem Torstall anband. Gerade als ich mit den Tresen in der Hand aus der Sattelkammer kam, rollte Alecs Wagen vor, was mich zum Stehen brachte. “Jetzt mal ganz ruhig Jace”, sagte Alec während er ausstieg. “Hast du überhaupt überall auf dem Hof geschaut?”, fragend sah er mich an. “Ja, hab ich, also ich gebe ja zu manchmal bin ich ein Idiot, aber nicht Grenzdebil”, antwortete ich ihm ein wenig patzig. “Ok, ist ok Kleiner”, mit einem Grinsen klopfte er mir auf die Schulter. Du bleibst hier und ich gehe mal Samu fragen, ob er weiß, wo sie ist und mach’ keine Dummheiten bis ich wieder da bin ja. ich habe keine Lust dich zum hunderstenmal aus der Scheiße zu ziehen”. Für meinen Geschmack war sein dämliches Grinsen viel zu breit. Natürlich dachte er mal wieder ich übertreibe nur. Etwas grummelig wartete ich also auf meinen vielleicht nicht mehr besten Freund. Um nicht aus zu rasten, kraulte ich Fashion Girl die weiße Stirn und entspannte mich einen wenig.
      Nicht mehr ganz so entspannt war ich allerdings, als Alec, Samu und Jayden zusammen zurückkamen. “Was ist los, ihr wisst auch nicht wo sie ist?”, fragte ich und blickte Samu an. “Nein Jace, aber Ersten ist sie alt genug um allein zu entscheiden, was sie tut und zweitens wollte sie etwas Abstand von dir”, sagte er, wobei den letzten Teil betonte. “Und genau deshalb, wirst du hier bleiben während Alec, Jay und ich sie suchen gehen. Verstanden!” grummelte mich der Finne an. “Da müsst ihr mich hier schon anbinden”, ranzte ich ihn an. “Jace!”, ermahnte mich Alec und warf mich einen scharfen Blick zu. “Ist ja ok”. Somit verkrümelte ich mich also, da ich ja gerade von der Suche, die ich angezettelt hatte ausgeschlossen wurde.

      Alec
      Nachdem ich dafür gesorgt hatte, dass Jace blieb, wo er war, Stieß ich wieder zu Jayden und Samu, die bereits Girly, Lady und Flanell fertig gemacht hatten. “So wen von den drei bekomme ich”, fragte ich neugierig. “Du hast heute die Ehre Flany zu reiten”, sagte Jayden. “Na dann los”, sagte ich fröhlich. Ich bin mir ziemlich sicher, Jace hat heute mal wieder übertrieben und Lina ist einfach nur gemütlich ausreiten und hat die Zeit vergessen. Ist mir auch schon öfters passiert.

      Zur gleichen Zeit im Krankenhaus …

      Vriska
      Das Essen war ziemlich gut, sogar richtig Knorke. Als ich es mir wieder bequem machen wollte in dem Krankenbett klingelt das Telefon.
      “Isaac?”, gehe ich neugierig an’s Telefon.
      “Hej Kleine, hier ist Folke. Der alte Sack vom Hof”, scherzt er am andere Ende der Leitung.
      “Freut mich dich zu hören, was ist los?”
      “Tyrell meinte, dass du die Aufmunterung gebraucht kannst, deswegen dachte ich, dass ich anrufe und dir vom Terrortinker erzähle. Also, Hedda und Eorann machen ziemliche Fortschritte …”, ich unterbreche Folke.
      “Halt, Stop. Wer ist Eorann?”, frage ich schockiert.
      “Ach, ich hatte dir noch nicht erzählt, das ich eine Freundin habe? Sorry. Wird wohl untergegangen zu sein. Wir sind seit ungefähr zwei Wochen zusammen”, klärt er mich auf.
      “Ich bin seit knappen vier Tagen nicht da und gefühlt bricht die ganze Welt auseinander?”
      “Du weißt doch, dass ich nicht der Typ bin, der das allen unter die Nase hält. So wo waren wir, ach ja. Eorann und Hedda arbeiten täglich mit Holy. Besonders das longieren, bei dem du geholfen hast, dass ihr Nahezubringen, macht meiner Schwester besonders viel Spaß. Die Stute lernt extrem schnell und verlangt sogar jeden Tag neue Übungen zu machen. Wir müssen jedes Training anders gestalten, damit sie nicht auf blöde Gedanken kommt. Schön ist auch, dass wir mit ihr üben in der Box zu stehen. Heute stand sie bereits eine Stunde ohne Aufsicht. Erst als wir wieder kamen, wollte Holy die Box zerlegen. Auf der Weide hat sie etwas Futter bekommen. Morgen wollen wir dann zum See gehen, etwas Schwimmen, weil ihr das so gefällt im Aquatrainer.”, erzählt Folke mit viel Freude.
      “Toll, ich weiß nicht was ich sagen soll. Ich macht das toll. Leider muss ich dann auch auflegen, dass Atmen fällt mir schwer und möchte gern wieder zum Hof.”, antworte ich ihm. Er verabschiedet sich und legt auf. Vorsichtig packe ich den Hörer beiseite. Innerlich geht mir einer ab, weil Holy sind in den wenigen Tagen immer besser entwickelt. In mir geht wieder die Hoffnung auf, dass die Stute noch ein gutes Reitpferd wird für Hedda.

      Zurück auf dem Hof, machen sich Milena und Max für die Fünfgangprüfung bereit. Doch Vriskas beste Freundin ist sehr nervös und das überträgt sich natürlich auch auf Snúra, die entspannt im Schritt vorwärts rennt. Dabei fällt sie immer wieder auf die Vorderhand.

      Milena
      “Diese F2 ist auch eine spezielle Prüfung, da die Noten vom Aufgabenteil Tölt und Rennpass verdoppelt werden. Allerdings wird nur zweimal Pass gezeigt. *Pause* Hier im Tölt sieht man gut, wer ein besseres Team mit dem Pferd bildet. Max sitzt entspannt auf Blávör, die ein aktives Ohrenspiel hat und konzentriert im guten Takt vorwärts läuft. Snúra von Milena hingegen schlägt hektisch den Kopf von links nach rechts und möchte sichtlich der Situation entfliehen. Für sowas gibt es bei der Benotungen ein Minus, bei besonders guten Leistungen wie Linh mit Móra im Trab, gibt man ein Plus. Sollte es einem Noten Gleichstand im Finale geben, wird nach solchen Faktoren geguckt, um den ersten Platz ermitteln.”, klärt meine Trainerin das Publikum auf. Es ist mir unangenehm, dass ich es nicht schaffe Snúra gerecht zu werden. Aus dem Frust heraus bremse ich ab, steige ab und verlasse die Reithalle. Das will ich mir nicht mehr geben. Im Paradeschritt schreite ich mit Snúra zum Stall. Aus der Halle höre ich nur irgendwas von Disqualifiziert und einer 6, aber das nehme ich so hin. Im Stall lasse ich mich mit dem Rücken an einer Box fallen. Der kalte Boden kühlt förmlich meinen ganzen Körper ab. Ich bin komplett durchgeschwitzt. Das war zuviel für mich. Snúra schubert sanft an mir. “Alles gut meine Hübsche, es liegt nicht an dir. Ich bin das Problem”, sage ich und streiche ihr langsam über den Nasenrücken.

      Alec
      “Mal abgesehen davon ,dass Jace heute ein aufgekratztes Huhn ist. Was ist denn so bei euch auf dem Hof los?”, fragte ich die beiden Jungs, während wir Seite an Seite durch den Wald ritten. “Ziemlich viel Trubel”, antwortete Samu. “Naja und ein paar hübsche Mädels schwirren hier auch rum, aber da bist du ja zum Glück keine Konkurrenz”, fügte Jayden fröhlich hinzu.
      “Jay, sei kein Jace, das sind unsere Gäste”, ermahnte ihn Samu. “Ach, die Jungs sehen auch nicht schlecht aus”, kommentierte ich lachend. “Aber der hübscheste von allen wartet Zu Hause auf mich”. Flanell schüttelte den Kopf und schnaubet. “Entschuldigt eure Majestät, ihr seid natürlich der Hübscheste”, fügte ich lachend hinzu und strich ihm über den grauen Hals.

      Lina
      Meine Finger zeichneten von ganz allein, bis Divine den Kopf hob und ein leises Wiehern Ausstoß.”Was ist mein großer, was hörst du?”, fragend beobachtete ich den Hengst und lauschte. Ganz entfernt hörte ich Hufgetrappel. Wer könnte da bloß sein? Außer mir und Samu kennt keiner diesen Ort. Auf einmal merkte ich, dass die Sonne verschwunden war. Wie lange hatte ich hier gesessen. Das Hufgetrappel kam näher und mischte sich nun mit Stimmen. Schnell packte ich meine Sachen ein und wollte schon gehen, als Ivi das Zerknüllte Papier anstupsen. Schnell warf ich auch das in meinen Rucksack. Niemand durfte das finden, vor allem nicht Jace. Ich lauschte einen Moment, ich kannte die Stimmen. Alec und Samu waren definitiv dabei und noch ein weiterer, aber das konnte ich nicht ganz zuordnen.

      Alec
      “Wartet wir sind fast da, weiter reiten wir nicht”, sagte Samu. “Wo sind wir fast?”, fragte ich. “An ihrem Lieblingsort”, antwortete der blonde Finne kurz angebunden und wollte gerade an mir vorbeireiten. “Nein, ihr zwei wartet hier. Ich weiß, du bist ihr bester Freund Samu, aber wenn sie nicht Mal dir gesagt hat, wo sie ist, war das vermutlich Absicht. Ich gehe”, sagte ich und trieb Flanell an Samus Pferd vorbei. Ich folgte einem kleinen Trampelpfad, bis zu einer Stelle, wo ein Pflanzenvorhang war. “Lina, bist du da?”, rief ich. “Wenn du Jace dabei hast, könnt ihr euch direkt wieder verpissen”, kam es als Antwort. “Nein, nur ich”, antworte ich ihr, dann war es einen Moment still.
      Nach ein paar Minuten kam erst ein weißer Pferdekopf und dann auch Lina durch den Vorhang aus Efeu. “Oh, wer ist denn der hübsche Kerl?”, fragte ich sie um sie nicht gleich mit dem eigentlichen Grund der Suche zu konfrontieren. “Das ist HMJ Divine, hat dir nicht irgendeiner von diesen Hirnis schon von ihm erzählt?”, fragte sie brummig. “Ja, .. einer von den Hirnis, hat mir bereits von ihm Berichtet. Darf ich erfahren, warum sie Hirnis sind?”, fragte ich vorsichtig. “Wenn du mir eine Umarmung gibst und die anderen beiden weg schickst, erzählt ich es dir vielleicht auf dem Rückweg”, murmelte sie.

      Milena
      “Alles gut bei dir?”, fragt Herr Holm, der den Stall betritt.
      “Nein, nichts ist gut. Niklas ist ein Arsch, ich kann nicht reiten und meine eigentlich beste Freundin will nichts mehr von mir wissen. Ich will das nicht mehr”, antworte ich offen mit einigen Tränen in den Augen. Er setzt sich zu mir.
      “So ist das mit den Älteren, die denken nur das eine, wenn sie euch jungen Mädchen seht. Und wegen Vriska. Morgen sollte sie eigentlich wieder hier sein, dann braucht sie sicher auch deine Hilfe. Mach’ dir nicht so einen Stress. Ich werde mit Frau Wallin auch noch mal reden, ob du später noch mal einen Leistungstest machen kannst”, bietet er mir an und reicht mir die Hand zum aufstehen.
      “Tack”, bedanke ich mich. Er nickt mir freundlich zu und geht. In mir ist neuer Mut geschöpft, vielleicht auch, weil ich mit jemanden drüber sprechen konnte. Zufrieden schnaubt Snúra ab.Ich nehme ihr das ganze Reitzeug ab und bringe sie auf die Weide. Dort steht Niklas. Das hat mir gerade noch gefehlt. Gekonnt versuche ich ihn zu ignorieren, aber als ich das Tor öffnen möchte, hält er mich am Arm.
      “Vorhin war schön”, sagt er und zieht mich an ihn heran. Ich versuche mich zu befreien aber er hält mich fest.
      “Was willst du?”, entgegne ich ihm genervt.
      “Dich”, antwortet er und küsst mich. In mir schaltet sich alles ab.
      Im nächsten Moment lässt er mich los und geht.
      “Va fan, din jävel? (Was soll das, du “Mistkerl”?)”, rufe ich ihm zurück. Kurz dreht er sich um und streckt die Zunge heraus, dann geht Niklas weiter. Das soll mal einer verstehen. Snúra hat sich in der Zeit neben der Weide einige Grashalme gesucht.
      “Komm’, geh’ lieber bei deinen Kameraden fressen”, sage ich zu ihr und löse den Strick vom Halfter. Im Trab geht sie zu den Anderen. Pferd müsste man sein, denke ich und setze mich an den Rand. Ich stelle meine Beine auf und lege meine Arme um diese. Es fühlt sich nicht richtig an, was macht der mit mir. In dem einen Moment, ist er der beste Mensch der Welt und im anderen zieht er mich alles unter den Beinen weg, ich stürzte in ein Loch.
      “Milena?”, höre ich jemanden meinen Namen sagen. Ich drehe mich um. Linh kommt mit Móra. Direkt an der Weide nimmt sie das Zeug vom Pferd runter und lässt sie zu den Anderen.
      “Was war denn heute los mit dir? Du bist doch sonst so gut mit Snúra unterwegs”, fragt sie und stellt sich neben mich.
      “Ach … Männer”, antworte ich trocken.
      “Milena, wir sind wegen der Pferde hier. Nicht wegen der Typen. Die haben alle nichts im Hirn außer … ihren primären Geschlechtsorganen.”, sagt sie und lacht.
      “Du drückst dich immer so gediegen aus”, antworte ich ihr.
      “Wenigstens lachst du jetzt. Komm, wir gehen zu dir auf’s Zimmer. Zu mir wäre doof, da ist Anna”, sagt sie. Zusammen gehen wir und machen etwas zu essen.

      Alec
      Ich hatte die beiden Jungs weg geschickt und noch einen Moment mit Lina gewartet, bevor wir aufstiegen. “So, jetzt sind wir allein”, sagte ich zu der Frau auf dem weißen Hengst. “Mmmm, also das wichtigste weißt du ja schon, aber eigentlich ist da noch viel mehr”, druckste die junge Frau rum. “Also genaugenommen hat das ganze angefangen, als ich mit Divine aus Schweden zurückgekommen bin. Ich fasse es mal kurz zusammen. Ich habe ihn meine Lebensgeschichte und Ängste offenbart. Er hat mit mir geflirtet. Ich hab ihm gesagt ich liebe ihn, aber ich brauche Zeit. Dann war alles soweit gut und naja den Rest kennst du, dann hat er mit einer Anderen rumgemacht und sich wie ein Arsch benommen”, alles kam aus ihr wie ein Wasserfall. “Mmm .. ok ich kann eindeutig verstehen, warum du nichts mit ihm zu tun haben willst. Weißt du was, wir beide machen uns einen schönen Abend und morgen, werde ich mir mal Jace vornehmen”, sagte ich zu Lina. “Das klingt nach einer grandiosen Idee”, nach dem Gespräch wirkte Lina schon gleich ein wenig fröhlicher und begann mir von Divines Training zu erzählen.

      Jace
      “Wir haben deine angebetet gefunden”, rief Jayden als er die Stallgasse betrat in der ich gerade mistete. “Aber wie es aussieht, möchte sie gerade mit niemandem außer Alec reden. Also viel Spaß, allein”, sagte er und verschwand sogleich wieder. Immerhin hatten die drei sie gefunden. Irgendwie war ich erleichtert, aber gleichzeitig war ich auch ein wenig enttäuscht, dass ich wohl keine Chance haben würde, mein Fehler wieder gut zu machen.

      In der Halle war das Training wirklich zu Ende und die Sonne untergegangen. Das gemeinsame Abendessen steht nun auf dem Plan. Langsam aber sicher trudeln alle an und Herr Holm möchte der ganzen Truppe was ansagen. Während dessen im Krankenhaus bei Vriska.

      Vriska
      Das halte ich nicht mehr aus. Ich will hier weg. Spontan fasse ich die Entscheidung mich selbst zu entlassen.
      “Hello?”, rufe ich. Eine Krankenschwester betritt den Raum. Ich erkläre ihr die Situation und sie holt den Arzt.
      “Frau Isaac, sie müssen noch beobachtet werden.”, versucht er mir einzureden.
      “Nein, ich möchte hier weg. Wenn es mir nicht gut geht, komme ich wieder”, versichere den Arzt. Er nickt. Zur Kontrolle sieht er sich alle Werte noch einmal an und tastet mich ab. Nach dem Gespräch mit Folke bin ich nochmal eingeschlafen, seit dem geht es mir besser.
      “Wen sollen wir Anrufen? Sie haben Betäubungsmittel im Blut und können deshalb nicht alleine gehen”, erklärt er mir. Ich nicke und suche aus meinem Handy die Nummer von Frau Wallin.
      “Ich bin gleich wieder da”, sagt er und verlässt den Raum.

      Niklas
      Milena denkt wirklich, dass ich mich so schnell auf jemanden Einlasse. Umso mehr Spaß macht es mir, sie wie ein Fisch am Haken wackeln zu lassen. Mit Ju und Chris laufe ich zum Abendmahl.
      “Ich freue mich, dass alle Gesichter da sind. Einige habe ich heute bei dem Gangtraining vermisst.”, fängt er an zu reden. Natürlich merke ich die Blicke, die er mir zu wirkt. Arrogant lehne ich mich in den Holzstuhl.
      “Wo war ich? Ach ja. Morgen kommt der Rest aus dem Schwedischen Team, die es nicht geschafft haben bei dem ersten Flug mit zu kommen. Also seid freundlich!”, er stoppt zu sprechen. Das Handy von Frau Wallin klingelt.
      “Ja, das bin ich. .. mh .. Muss das sein? … ja … ja … ja, okay. Ich fahre los. Wiederhören”, höre ich. Herr Holm guckt sie neugierig an.
      “Ich soll Vriska abholen, sie möchte nicht weiter im Krankenhaus bleiben. Es geht ihr schon deutlich besser”, höre ich sie flüstern. Mein Trainer nickt und sie verlässt die Runde.
      “Diggah, deine Ische kommt wieder”, sage ich zu Ju und Boxe ihn in den Oberarm.
      “Aua. Was soll dis? Und es ist nicht meine Ische. Ich fand’ sie ganz Nett, das war’s.”; antwortet mein bester Freund.
      “Jetzt stell’ dich nicht so an”
      “Wer stellt sich denn hier an? Du hast gerade mit Zwei was am Laufen und machst beiden Mädls Hoffnungen. DU solltest dir Gedanken machen.”, pöbelt Ju.
      “Håll käften! (Verdammt noch mal, Ruhe!)”, meckert Herr Holm mit uns.
      “Ihr könnt nach her den Schwanzvergleich weiter machen. Jetzt bin ich dran. *Pause* Gut, also morgen kommt der Rest, seid Nett und habt heute noch viel Spaß. Morgen gibt es keinen Tagesplan, erstmal. Am Abend machen wir ein Training mit Flutlicht, ein Teamtraining. Es werden von uns Punkte vergeben, eure Partner könnt ihr euch selbst aussuchen. Und jetzt: Guten Appetit!”, spricht er zu Ende. Natürlich lasse ich mir nichts anmerken, aber das ich wieder so laut gesprochen habe, wusste ich nicht. Eigentlich sollte das nicht so laut sein. Hoffentlich haben Milena und Anna nicht mitbekommen.

      Hannes
      Während gefühlt alle Teilnehmer des Abendbrotes mitbekommen hatten, dass mein großer Bruder also know as das größte Arschloch wieder mal mehrere sogenannte “Ischen” am Start hatte, beschäftigte ich mich mehr mit meinem Essen als den dämlichen Tischgesprächen. Gott sei Dank war nach Herr Holms Ansprache etwas Ruhe eingekehrt, doch man hörte es an jeder Ecke tuscheln. Ob Menschen auch Probleme hatten, die nichts mit ihrer Fortpflanzung und ihren Trieben zu tun hatten? Während ich auf meinem Teller herum stocherte ließ ich den Blick durch den Raum schweifen und nahm Blickkontakt zu Max und Finley auf, die anscheinend ähnlich genervt von der Situation waren wie ich. Um mich etwas abzulenken, ließ ich das heutige Springtraining in meinem Kopf Revue passieren; Checkpoint und ich waren selbst in so kurzer Zeit zu einem guten Team zusammengewachsen und ich war gespannt, was die restliche Zeit hier in Kanada noch bringen würde. Niklas riss mich aus meinen Gedanken “Na wen hast du dir geklärt, Kleiner?”. “Skit på dig, diggih!” (Fick dich!), entgegnete ich ihm angepisst.

      Jace
      Nach der Stallarbeit freute ich mich wenigstens auf mein Abendessen. Ich war etwas nach den Anderen angekommen, weshalb ich natürlich auffiel als ich den Raum betrat. “Hey Jungs, ist bei euch noch Platz?”, fragte ich Niklas. “Klar, setz dich dazu”, bekam ich als Antwort und somit setzte ich mich. “Hab ich was verpasst, warum sind alle so ruhig hier?”.

      Niklas
      “Nichts. *Pause* Na gut. Also Herr Holm hat erzählt, dass wir morgen quasi den ganzen Tag frei haben. Am Abend gibt es ein Partnertraining auf dem Platz mit Flutlicht. Unseren Partner dürfen wir uns aussuchen. Vermutlich wird das ‘Wir geben einander Reitunterricht Ding’ und Pferdetausch. Zumindest haben wir das letztes Jahr so gemacht. Ach und Vriska kommt gleich wieder, die Wallin holt sie aus dem Krankenhaus ab. Scheint es wohl nicht lange ohne Ju auszuhalten”, sage ich am Ende scherzhaft zu meinem Kumpel und stoße ich leicht an. Damit er nicht wieder herum heult.
      Unauffällig suche ich Milena, die nicht dazusein scheint. Auch Anna ist nicht da. Hoffentlich streiten sich die Beiden nicht.

      Hannes
      Als Niklas fast schon panisch durch die Gegend schaut, wahrscheinlich um seine Herzensdame für den Abend auszuwählen, muss ich mein Lachen unterdrücken und stattdessen stoße ich etwas Luft aus, was mir komische Blicke des ganzen Tisches einbringt. In diesem Moment hallten Niklas’ Worte in meinem Kopf “Partnertraining” und ich überlegte mir, mit wem ich gerne ein Team bilden wollen würde - vielleicht Max oder Finley oder doch Linh? Nun schaute ich ebenfalls in der Gegend rum, um verzweifelt mit jemandem Blickkontakt aufzunehmen. Junge mach doch einfach deine Klappe auf, sagte ich zu mir im Stillen. Schließlich drehte sich Finley um und ich fragte ihn durch wildes Herumfuchteln mit den Händen und einer seltsamen Mimik, ob wir ein Team bilden wollten, also Jace mich ablenkte und fragte “Jo Hannes, weißt du schon mit wem du das ‘tolle’ Partnertraining absolvieren willst?”. “Ähhh… ähhhh.. was? Achso ähm ich dachte eigentlich an Finley wieso?”, antwortete ich verdutzt.

      Lina
      “Naja, ich vermute, das ich es mit meinen üblichen Trainingspartnern für heute ordentlich verkackt habe”, antwortete Jace auf Hannes frage, bevor er weiter mein Essen mampfte. “An deiner Stelle würd ich es mir überlegen, du hast nicht häufig eine Chance auf ein so cooles Pferd”. Da war er ja wieder, der alte Jace. Im vorbeilaufen funkelte ich ihn böse, bevor ich mich wieder zu Alec in die Ecke verkrümelte. Wie schaffte es dieser Mann denn nur immer so Großkotzig zu sein. Am liebsten wurde ich jetzt etwas nach ihm Werfen. “Lina, mach hier keine Szene, das ist nicht zu empfehlen. Freu dich lieber auf das beste Springtraining, deines Lebens”, redete Alec auf mich ein. “Wo wir schon dabei wären, wo nehme ich ein Pferd dafür her”, fragte er scherzhaft. Das brachte mich zum Lächeln “Ach, Alec wir haben einen Stall voller Pferde. Am besten nimmst du Farena, das passt doch größenmäßig perfekt”, begann ich nun mit ihm rumzublödeln.

      Hannes
      “Ach ja? Meinst du deiner ist so viel hochkarätiger? Auf jeden Fall hätte ich dann mal mehr Farbe unterm Sattel.”, scherzte ich mit Jace. “...achja ich helfe einem Bruder gern aus der Patsche.”, ergänzte ich noch auf seinen ersten Satz. Er lächelte und konterte sofort “Das werden wir ja sehen, ist das dann ein Ja zum Team der absoluten Perfektion?”. Ich konnte nicht anders als zu lachen, aber schließlich lächelte ich und nickte zustimmend.

      Vriska
      “Danke, dass sie mich abgeholt haben.”, sage ich zu Frau Wallin als wir am Hof aussteigen.
      “Bitte benimm dich den restlichen Tag. Du kannst dir nicht vorstellen, wie viele graue Haare ich wegen dir bekomme”, antwortet sie. Ich nicke und gehe in den Essenssaal. Natürlich sind die Jungs wieder ziemlich laut und somit nicht zu übersehen. Allerdings halte ich ausschau nach Milena - nicht da. Aber Lina sitzt auch dort. Kurz seufzte ich und mache mich auf den Weg dorthin. So eine kurze Strecke hat mir noch nie so schwer gefallen wie heute.
      “Ach unser Unfallopfer ist wieder da. Wie geht es dir?”, fragt Niklas erstaunlich freundlich.
      Perplex antworte ich: “Eigentlich ganz gut. Die Atmung fällt mir noch schwer durch die Rippenprellung. Tack för att du frågar. (Danke der Nachfrage)”, antworte ich ihm und schmunzel. Ich gucke zu Ju, der Wortlos am Tisch sitzt. Aber Männer können mir echt den Buckel herunterrutschen.
      “Ist hier noch Platz?”, frage ich Lina und setze ich mich ganz frech zu ihr. “Habe ich irgendwas verpasst?”, füge ich noch hinzu.

      Lina
      “Klar, setzte dich. Naja… viel verpasst hast du nicht. Morgen ist Training mit Partnertausch. Wie gehts dir eigentlich?”, fasst ich zusammen. “Naja und weil Jace ein Idiot ist, ist diese hübsche Mann morgen mein Partner. Das ist Alec. Alec das ist Vriska.”, vermittelte ich.

      Vriska
      Ich mustere Alec von oben bis unten. Nicht schlecht denke ich. “Passiert heute noch was?”, frage ich sie dann.
      “Saufen natürlich”, höhnt es aus der Ecke.
      “Du irriterar, Niklas (Du nervst, Niklas)!”, rufe ich ihm zu.
      “Dafür, dass du vorhin fast gestorben bist auf dem Weg, hast du ne ganz schön große Fresse auf einmal”, droht er mir.
      “Man alter, setz’ dich wieder hin.”, ruft Ju ihn zurück. Mit einem Zähneknirschen geht er zurück.
      “Wollen wir uns nach draußen setzen? Hier sind mir zu viele Leute und eine entspannte Runde am Lager hat doch was. Denkst du nicht?”, frage ich Lina, die ziemlich abwesend zu sein scheint.

      Lina
      Vriskas fragen, riss mich aus meinen Gedanken. “Ja, gerne”, antworte ich ihr. “So ihr zwei ich lass euch mal kurz allein, ich ruf mal grad Zuhause an “, meldete Alec sich ab und verschwand in die andere Richtung. Die kühle Nachtluft tat gut und brachte ein wenig mehr Klarheit in meine Gedanken.

      Hannes
      “Kann nicht einfach mal Ruhe sein…Niklas halt doch einmal deine Klappe und lass alle in Frieden”, murmelte ich vor mich hin und hoffte, dass es niemand hören würde. Wieder abgelenkt durch die Mitmenschen am Tisch, die allesamt ihre Köpfe umdrehten, als Vriska und Lina den Speisesaal verließen. Niklas schien irgendwas zu Ju zu tuscheln und ich verdrehte bloß die Augen, dämlicherweise hatte Nik das mitbekommen und starrte mich genervt an. “Was denn Kleiner? Neidisch? Du kannst doch ne Frau nicht von nem Kerl unterscheiden”, feixte er arrogant. Mir fehlten die Worte und ich hielt nur meinen Mittelfinger hoch - was ein Arsch. Jace stupste mich lachend an und und signalisierte durch seinen Blick, dass er Niklas genauso lächerlich fand. So stopfte ich das letzte Bisschen Essen in meinen Mund und stand noch kauend auf und lief zum Stall, um Checkpoint noch einen Besuch abzustatten.
      Im Stall war bereits das Licht an, was mich etwas verwunderte, dennoch ging ich schnurstracks auf den lackschwarzen Hengst zu, der seinen Kopf hob und leise brummelte. “Na Dicker, gar nicht so schlecht hier, was?”, fragte ich ihn und tätschelte seinen schönen Kopf, mit der ungewöhnlichen Blesse. Sein Interesse an mir weichte aber seinem Hunger, weshalb er den Kopf wieder ins Heu tauchte. Da ich unter keinen Umständen wieder in den Speisesaal wollte, beobachtete ich ihn noch eine Weile.

      Vriska
      Ein laues Lüftchen weht und lässt das Feuer tanzen. Gespannt beobachte ich die kleinen Funken, die in der Luft schweben und verglühen. Es ist besser wieder am Hof zu sein, auch wenn es nicht meine gewohnte Umgebung ist, fühle ich mich mit den Menschen hier sehr wohl, denn auch wenn einige von ihnen, nicht unbedingt freundlich sind, versuchen sie etwas zu verstecken. Warum verstecken Menschen etwas? Ist es ihnen peinlich? Wollen sie die Wahrheit nicht erkennen? Oder fehlt es an Empathie?
      Schritte kommen von hinten. Nur eine Person kenne ich, die solche Bewegungen macht - Milena.
      “Ach schon wieder da?”, fragt sie neugierig und setzt sich dazu.
      “Offenbar, ja”, antworte ich abwesend. Ich wende ihr keinen Blick zu, sondern beobachte noch immer die Flamme gespannt.
      “Schön”
      “Ja.”
      “Willst du dich nicht unterhalten oder was ist?”, kommt nun etwas genervt von meiner besten Freundin.
      “Ich … ich brauche Ablenkung”, antworte ich und wende mich zu ihr.
      “Oh okay. Dann ist alles gut? Ich hab’ mit Niklas geschlafen”, offenbart sie mir.
      “Wer hätte es gedacht, sonst hättest du dir auch kein Einzelzimmer geben lassen”, entgegne ich trocken.
      Milena schweigt. Ruhe. Endlich Ruhe.
      “Lina, soll ich dir was von Holy erzählen?”, frage ich wenig später Lina, die auch mit am Feuer sitzt.

      Der Abend endet ohne weitere Vorkommnisse, so dass der Tag ruhig beginnt. Alle kommen pünktlich zur Besprechung und die restlichen aus dem Schwedischen Team erscheinen, der dritte Jahrgang aus dem auch Niklas und Anna sind. Aufgrund eines großen Turnier in Schweden, war es für sie nicht möglich früher zu erscheinen.

      Niklas
      “Schön, dass ihr alle heute pünktlich sein. Wie gestern schon gesagt, habt ihr freies Training mit euren Pferden aber denkt dran, dass heute Abend noch ein Training ist. Strapaziert die Tiere nicht zu sehr am Vormittag. Der Rest des Teams ist vor weniger als einer Stunde am Hof angekommen. Also wer sie noch nicht kennt das sind Emilia, Mika, Ambrose und Darya.”, stellt Herr Holm. Freundlich winke ich dem rest zu. Endlich sind die normalen Menschen da.
      “Bevor ihr sie nun überfordert, esst erst mal in Ruhe. Bis später.”, sagt er und geht aus dem Raum.

      Mika
      Wir hörten Herr Holm aufmerksam zu, auch wenn mein Blick durch die Traube von Personen schweifte, viele Typen und ein paar Mädels zwischen ihnen, sah nach Drama aus. Ehe wir uns aufteilten ergriff ich kurzer Hand das Wort “Ähm Hej, ja ich bin Mika, der Nigga hier ist Ambrose, sorry warn Spaß Bro, und die süße Russin hier ist Darya, nennt sie einfach Dasha.”, Ambrose boxte mich auf den Arm und wir beide lachten, während Dasha nur schüchtern lächelte und “Hej” murmelte. “Um uns noch etwas weiter vorzustellen…”, fuhr Ambrose fort, “Wir kommen vom gleichen Hof wie Vriska und Max, okay vorher waren wir woanders, aber jetzt sind wir ebenfalls auf dem LDS, da ein neuer Trainer des Vereins Collin Jones uns auf den Hof geholt hat. Joa meine schöne Grulla Stute Oline seht ihr später, der zickige Fuchs aka Caja gehört zu Mika hier und die hübsche braune Winnie wird von Dasha geritten. Aber wir gehören alle zum Verein im Fältrittklubben. Auf eine schöne Zeit!”, beendete Ambrose seine Rede und gestikulierte eine Bierflasche, die er imaginär zum Anstoßen in die Luft streckte. Ich lachte und “stieß mit ihm an”. Auch wenn ich nicht der Fan von öffentlichen Liebesbekundungen war, hatte ich das Gefühl Darya als mein Eigen zu markieren und zog sie in meinen Arm und drückte ihr sanft einen Kuss aufs Haar, was mir von Ambrose Seite ein Kotzgeräusch einbrachte. Aus der Gruppe gegenüber kamen Jubelrufe und seltsame Geräusche, weshalb ich die Augen verdrehte und Dasha nur noch fester hielt. Mein Held des Tages war ein Mann namens Jace, der uns aus der unangenehmen Situation befreite und uns den Weg zum Stall zeigte. Gezwungenermaßen musste ich Dasha loslassen und holte Olli vom Transport und führte sie zusammen mit den anderen in den Stalltrakt. Glücklicherweise hatten die Pferde die lange Reise echt gut weggesteckt und durften sich nun etwas erholen und sich an die neue Umgebung gewöhnen. Bevor wir uns zum Frühstück los machten, räumten wir noch schnell unser ganzes Gerümpel in die Sattelkammer.


      Lina
      Gut gelaunt hatte ich heute Morgen die morgendliche Heurunde gemacht und bei der Gelegenheit auch gleich die Pferde der Nachzügler bewundert. Am besten gefiel mir die Fuchsstute. Freundlich hatte sie, mich aus ihrer Box beobachtet und sich noch ein wenig extra Heu geklaut. Der Abend war gestern noch sehr schön gewesen und es hatte mich gefreut noch einiges über Holy zu erfahren. Fröhlich ging ich zum Frühstück und sah auch schon gleich Vriska und Milena an einem Tisch sitzen. “Guten Morgen ihr zwei”, begrüßte ich sie fröhlich.

      Vriska
      “Guten Morgen”, begrüßt Milena Lina fröhlich. Ich nicke mal wieder nur. Die Nacht war blöd. Egal wie ich mich hingelegt habe, schmerzte meine Schulter oder mein Brustkorb. Irgendwann schlief ich im Sitzen ein. Im Spiegel hatte ich bereits meine Augenringe betrachtet. Da hat nicht mal Make-Up was gebracht.
      “Lina! Siehst du die drei? Das sind die neuen”, versucht Milena ihr zu zuflüstern. Jedoch spricht sie so laut, dass sogar Niklas vom Nachbartisch es hören konnte. Mit prüfenden Blicken guckt er zu ihr.
      “Schlecht geschlafen oder warum sagst du nicht irgendwas, worauf ich eingehen kann?”, fragt er mich dann verwundert. Ich knurre zurück und stochere müde in dem Gurkensalat herum. Es scheint mir, als würden die Schmerzmittel aus dem Krankenhaus nun Nebenwirkungen ausbilden. Meine Stimmung ist noch gedrückter als sonst, alles tut mir weh und alles was ich möchte ist nach Hause zu fahren. Doch den Flug würde ich sicher auch nicht schaffen.
      “Alles gut bei dir?”, fragt nun auch Milena. Offenbar muss ich nun doch antworten. Sonst bildet sich noch eine Traube um mich herum und ALLE werden fragen, was mit mir los ist.
      “Ich habe beschießen geschlafen, mir tut alles weh und ich glaube, dass mein Gurkensalat mit mir spricht. Reicht das für’s erste?”, sag ich genervt und stehe auf.

      Darya
      Als wir vom Stall zurückgekommen waren, wurden wir Niklas, zum Tisch gewunken und setzten uns dazu. Auch wenn ich diesen Kerl nicht kannte, war ich froh, dass ich am weitesten von ihm weg sitzen konnte. Mika schien meine Anspannung zu merken und drehte sich zu mir um und lächelte mich beschwichtigend an und drückte sanft meinen Oberschenkel unter dem Tisch - ich bedanke ihn mit einem kleinen Grinsen. Wie immer gliederten sich Ambrose und Mika super in die Gruppe ein und ich saß nur still da, starrte in die Leere und stocherte im Frühstück herum. Am anderen Ende des Tisches saß eine junge Frau, die mir irgendwie bekannt vorkam, ich beneidete sie um die coole Haarfarbe, doch irgendetwas stimmte mit ihr nicht, sie sah noch anteilnahmsloser aus als ich und auch irgendwie traurig, weshalb mir rausrutsche “Was ist mit ihr?”, leider hatten es alle am Tisch mitbekommen - na toll.

      Niklas
      “Ach, beachte sie gar nicht. Sie hatte gestern einen Reitunfall, war im Krankenhaus und wollte am Abend unbedingt wieder zurück kommen. Bestimmt wollte sie Ju einfach wieder sehen”, scherze ich noch.
      “Ja klar, ganz bestimmt. Wir haben gestern nicht einmal miteinander gesprochen”, wirft er direkt ein.
      “Das war doch nur ein Witz”, merke ich an und rolle mit den Augen.
      “Habt ihr Lust eine Runde auszureiten? Kanada ist schöner als ich dachte, aber nichts ist so schön wie Schweden!”, frage ich in die Runde und stehe auf. Ju folgt mir.

      Vriska
      Müde schleppe ich mich zu Glymur, den Lina mir freundlicherweise schon auf die Weide gestellt hat. Sogar mit seiner Decke. Aufmerksam schnalze ich ihm zu. Neugierig hebt er seinen Kopf, schüttelt sich und kommt gemütlich auf mich zu. Seine Blesse ist bedeckt mit einigen Kratzern.
      “Tut mir Leid”, sage ich zu ihm und streiche über die Wunden. Er schnuppert an meinem Arm, mit seinen Lippen knuspert er an meinem Ärmel. Ich muss lachen.
      “Nein, dass kannst du nicht essen.”, entgegne ich in dem Moment.
      “Weißt du, ich kann heute sicher nichts mit dir machen. Wenn ich könnte, würde ich gern ausreiten mit dir, einfach nach Hause.”, flüstere ich und lehne mich mit dem Rücken am Zaun an. Er streckt den Hals durch diesen und scheint mir einfach zuzuhören.

      Lina
      “Dann kennst du noch nicht die schönsten Ecken”, grölte Jace und verließ zusammen mit den beiden Jungs den Raum. “Tja, sieht so aus als wären wir nur noch zwei”, sagte ich zu Milena, die mir gegenüber saß. “Wie ist das eigentlich ein Islandpferd zu reiten”, fragte ich neugierig. “Naja, im Prinzip ist es nicht anders als bei jedem anderen Pferd”, antworte mir das blonde Mädchen.“Eure Vorführung gestern hab ich leider verpasst. Darf ich dir vielleicht beim Training zusehen?”.

      Jace
      “Du hast da ein echt hübsches Pferd”, sagte ich zu Ju, der gerade mit seiner Rappscheckstute um die Ecke kam. “Sieht echt edel aus“, sagte ich noch bevor ich mir Girlys Halfter schnappte, um sie von der Koppel zu holen. Ich hatte mich heute Gegen Herkules entschieden, der Buckskin hatte in den letzten Tagen schon genug getan. Wie als könne die Stute Gedanken lesen, stand sie schon am Tor und wartete. “Na Süße, Wartes du schon”, begrüßte ich sie und strich ihr über die hübsche weiße Stirn. Freundlich schnaubte sie und genoss die kleine Streicheinheit. Nachdem ich sie gehalftert hatte, ging es mit der Stute im Schlepptau zurück zu den beiden Jungs, die schon dabei waren ihre Pferde zu putzen.

      Milena
      “Ähm … wollen wir nachher drüber reden? Ich würde gern mit Ausreiten gehen, außer du kommst auch mit. Pass auf, wir machen das so. Wir machen nachher das Partnertraining, dass zeige ich dir was und du kannst dann gern auch Kempa nehmen”, sage ich hektisch zu Lina und stehe auf ohne auf ihre Antwort zu warten.
      “Niklas warte, ich komme auch mit”, rufe ich ihm nach.
      “Dann mach Lack”, sagt er mit seiner Schimmelstute am Halfter. Ich nicke und renne weiter zur Stutenweide, auf der ich Snúra mit dem Halfter nehme.
      “Komm’ wir müssen uns beeilen”, treibe ich die Stute vorwärts. In der Gasse angekommen, sehe ich wie Jace sich mit Ju unterhält über Amnesia. In dem Moment merke ich, dass ich ziemlich neidisch bin. Natürlich sind meine beiden Mädels auch hübsche Pferde, doch wenn Ju mit Amnesia einen Raum betritt leuchtet alles.
      Ohne meine Stute anzubinden, steht sie entspannt in der Gasse bei den anderen Stuten. Noch putzen alle anderen ihre Pferde, doch ich habe Snúra schon fertig.
      “Wie hast du das gemacht?”, fragt Niklas überrascht.
      “Wir machen unsere Pferde nicht schickimicki sauber. Hauptsache der Dreck ist weg, wo das Zubehör liegt. Schließlich geht es hier um nichts”, scherze ich und setze meinen Helm auf.

      Ambrose
      Gerade als die anderen herauseilten, um ihre Pferde für den Ausritt fertig zu machen, schlenderten wir gemütlich hinterher und schlossen uns der Truppe an. „Ey chillt doch mal, was eine Eile!“, rief ich den anderen belustigt zu und grinste. Dasha meldete sich bedenklich zu Wort „Wartet mal, unsere Pferde sind gerade nach einem langen Flug angekommen, das wäre doch doof jetzt ihnen auch noch den Stress anzutun.“ Wie immer hatte sie recht und wir stimmten ihr geknickt zu. Gerade in diesem Moment stieß Miss Montrose zu uns und unterbreitete ein Angebot, dass wir nicht ablehnen konnten. Sie begleitete uns zum Stall und zeigte uns drei Pferde, welche sich über einen Ausritt freuen würden. Royal Champion, ein Hengst aus der Hofeigenen Zucht, der wirklich etwas hermachte, den sich natürlich Mika als erstes schnappte. Dasha konnte sich nicht von ihren Trakehner trennen und griff zu Vakany, die ein wirklich außergewöhnliche Zeichnung hatte. „Haben sie einfach ein entspanntes Pferd für mich?“, fragte ich Miss Montrose. „Luchy, Bitte. Ich denke British Gold könnte gut zu dir passen.“, antwortete sie lächelnd und drücke mir das Halfter der Stute in die Hand. Nachdem jeder nun sein Pferdchen hatte, beeilten wir uns die drei hübschen Warmblüter fertig zu machen, um den Anschluss nicht zu verlieren. Fertig gestriegelt und geschniegelt standen wir mit den anderen vor dem Stall und warteten darauf, dass es losgeht.

      Lina
      Pff, auf den Ausritt kann ich gerne verzichten. Aber ich hatte heute Vormittag eh etwas anderes vor. Ich hatte nämlich Luchys Tochter versprochen mit ihr heute den Vielseitigkeitsplatz zu erkunden, zu Pferd versteht sich natürlich. Also machte ich mich auf dem Weg zum Haupthaus und klopfte. Colin öffnete mir die Tür. “Hey, ich wollte mir mal euer Kind ausleihen”, sagte ich zur Begrüßung. “LIINA”, kam da auch schon das kleine Mädchen angerannt. “Gehen wir jetzt auf den Geländeplatz?”, fragte mich die kleine.”Ja, genau. Hol deine Reitsachen dann gehts los”, sagte ich ihr und schon flitzte sie davon. “Meinst du ich kann mir Nurja ausleihen?”, fragte ich Colin während ich wartete. “Ja klar, das sollte kein Problem sein”, meinte er nur.
      Ein paar Minuten später war ich mit Aleen im Schlepptau auf dem Weg die Pferde zu holen. “Wen darf ich heute reiten?”, fragte sie neugierig. Normalerweise ritt die kleine ihr Shetty Farena, doch da ich befürchtet, dass die kleine vermutlich im Wassergraben versinken würde, durfte sie heute wen anders reiten. “Du, meine süße darfst heute Mad Eye reiten”, sagte ich und deutete auf den grasenden Schecken. “Möchtest du ihn rausholen?”.”Ja”, rief die kleine und nahm sein Halfter entgegen.

      Milena
      Mittlerweile hat sich die Gruppe deutlich vergrößert. Einige der Teilnehmer sind mit neu.
      “Ach, ich bin Milena”, stelle ich mich kurzer Hand vor. Im Vergleich zu den Anderen komme ich mir mit Snúra ziemlich klein vor.

      Mika
      „Jo ich bin Ambrose, Bitte keine Spitznamen, danke.“, stellte sich mein bester Kumpel vor und lachte sie etwas flirty an. Sie grinste und schaute danach fragend zu uns. „Hej, ich bin Mika und das hier neben mir ist meine Freundin Darya“, stellte ich nun uns beide auch vor. Höflich wie sie ist antwortete Darya die Hand ausstreckend, „Dasha, freut mich dich kennenzulernen!“.

      Milena
      “Ich freue mich auch euch kennenzulernen”, antworte ich. Aktiv treibe ich Snúra vorwärts, da sie einige Probleme hat hinterher zukommen.
      “Leute, ich drehe um”, sage ich gefrustet, während die Anderen sich unterhalten. Niklas hält Smoothie an wartet auf mich.
      “Ach, setzt dich bei mir mit rauf und nimm dein Pony als Handpferd. Passt schon”, sagt er und gibt mir die Hand. Vorsichtig steige ich auf den Rücken von Snúre und schwinge mich auf den Rücken seiner Stute. Kurzer Hand schnelle ich die Zügel an das Reithalfter. Plötzlich kann sie das Tempo mithalten.
      “Und besser?”, fragt er schelmisch.
      “Natürlich.”, antworte ich.
      “Halt dich ruhig fest”, fügt er noch hinzu und trabt Smoothie an.
      Angekommen an bei der Gruppe pariert er sie wieder durch. Verwirrt mustert Ju uns.
      “Was wird das denn, wenn’s fertig ist? Ich dachte schon, dass ihr im Busch verschwunden ist”, kommentiert er unsere Ankunft.

      Jace
      “Naja, siehste doch. Das wird ein romantischer Ausritt”, antwortete ich neckisch auf Jus frage. “Ein paar gute Pferde hab ihr euch da geben lassen“, sagte ich nun an die drei neuen gewandt. “Gerade der kleine Champ hat ordentlich etwas darauf”.

      Lina hat inzwischen zusammen mit Aleen Mad Eye und Nurja fertig gemacht und war am Vielseitigkeitsplatz angekommen. Nach einer kurzen Aufwärmphase für die Pferde ging es an die Erkundung des Platzes.

      Lina
      “Was möchtest du als erstes Probieren?”, fragte ich das kleine rothaarige Mädchen. “Das da”, sagte sie und deutete auf den vorderen Teich mit dem Wassereinsprüngen. “Na gut, dann lass uns mal schauen ob Mad Eye Wasser mag”, sagte ich und ging mit Nurja Richtung Wasserloch. Zuverlässig lief die Freibergerstute hinein. Als das Wasser ihr bis zu den fessel ging, drehte ich sie um und hielt sie an. “Na los, komm einfach her. Lass den Zügel schön lang, damit Mady sehen, kann was unter ihm ist”, erklärte ich der kleinen. Der Ponywallach trottet brav bis zum Ufer, wo er sich erst einmal einen Drink genehmigte, bevor er weiter in Wasser ging. Als der Ponymann etwa bis zu den Knien drin stand, begann er im Wasser zu planschen. “Super macht ihr zwei das. Pass nur auf das er sich nicht hinlegt”, lobte ich Aleen und ließ auch Nurja ein Stück weiter hinein. Gut das es heute recht warm, war denn Mad Eye sorgte gerade dafür, dass wir alle ziemlich nass wurden.

      Mika
      “Achja, stattlich sieht er ja aus, hab gehört der hat nen hohen Blutanteil? Und wie testen wir jetzt am besten, was er so alles drauf hat?”, fragte ich Jace und war stolz wie Oskar, da ich auf einem solch krassen Pferd saß, wobei mir im gleichen Moment meine kleine Zicke fehlte. Ich drehte mich im Sattel um und hielt Ausschau nach Dasha, die nur kurz hinter ritt. Ihre Stute Vakany schien sich nur wenig für die Hengste der Gruppe zu interessieren und Darya grinste bis über beide Ohren, “Na freust dich wohl über die bunte Trakistute? Deine ist ja auch echt langweilig mit dem Einheitsbraun”, stichelte ich sie. Wie zu erwarten setzte sie sofort eine entsetzte Miene auf und fing an zu protestieren. “Ey lass meine Winnie in Ruhe! Dein fetter Fuchs ist auch nicht besser, zumal meine auch kein Biest ist!”, polterte Dasha los, sodass ich nur noch lachen musste. Um sie zu besänftigen gab ich klein bei und sendete ihr einen Luftkuss, worauf Jace gleich reagierte “Jaja romantisch, sag ich doch.”. Ambrose steckte etwas weiter hinten in der Gruppe und versuchte British nach vorne zu bringen, die Stute überinterpretierte seine Hilfen und galoppierte freudig los, wobei sich Ambrose etwas erschrak und im Sattel rumhüpfte, wie ein Reitanfänger. Die gesamte Gruppe verfiel in Gelächter und Niklas kommentierte die Situation recht passend “Jaja die reiterliche Elite von Schweden”, was das Gelächter nur noch vertiefte.

      Milena
      Ich hätte wirklich zurück reiten sollen. Die Älteren sind eine ganz andere Nummer, als Vriska oder Max. Gespannt folge ich den Gesprächen, kann jedoch nicht genau Nachvollziehen, worum es sich handelt. Um das Eis zu brechen stelle ich eine Frage in die Runde: “Wie seid ihr denn dazu gekommen, ein Teil im Nationalteam zu werden?”
      “Gute Frage, das weiß ich tatsächlich von euch noch gar nicht. Also fange ich einfach mal an. Mein Opa ist im Sommer 1956 bei den Reitspielen in Schweden mitgeritten und hat den zweiten Platz gemacht, da sich seine Stute nach dem vorletzten Sprung vertreten hat und eine Fesselverletzung zugezogen hat. In seine Fußabdrücke ist jedoch mein Onkel getreten, weil mein Vater nichts mit Pferden anfangen konnte. Als ich aufwuchs verbrachte ich mehr Zeit mit ihm als mit Vater, sodass ich früh auf dem Rücken eines Pferdes saß. Mit 6 Jahren habe ich mein erstes Pony von Onkel bekommen. So ging es immer weiter, bis ich mit 15 Jahren plötzlich nichts mehr hatte, was ich im Turniersport erreichen konnte. Nur noch die Großen Veranstaltungen hatte ich nicht besucht, was allerdings an meinem Alter lag und nicht an der Leistung. Als ich mit der Schule fertig war, reiste ich um die Welt und bekam das Angebot mit zur Elite zu kommen. Jetzt bin ich hier mit Smoothie.”, erzählt Niklas.
      In mir macht sich eine Traurigkeit breit, weil meine Geschichte total unspektakulär und langweilig ist. Deswegen halte ich mich zurück und warte gespannt auf die nächste Story.

      Darya
      Niklas Geschichte hörte sich an wie eine Filmstory, doch er konnte gut erzählen und zog so alle in seinen Bann. Erstaunt von meinem eigenen Mut fing ich an zu erzählen “Bei mir war es wenig spektakulär, allerdings reite ich schon eine ganze Weile, eigentlich von der Pike an. Ich bin mit meinen Eltern erst vor ein paar Jahren nach Schweden gezogen, wir lebten im europäischen Teil Russlands auf dem Anwesen meiner Großeltern. Unsere Familie züchtete Trakehner von Beginn ihrer Entstehung an, deshalb auch meine persönliche Gebundenheit zu dieser Rasse, ein Stück Heimat eben. Allerdings fokussierten sich alle primär auf die Zucht und nicht auf Leistung oder ähnliches, weshalb ich recht spät erst zur klassichen, gesunderhaltenen Dressur fand, zugegebenermaßen mit dem Pferden ohne Sattel durch die Wälder zu heizen war schon cool.”, beendete ich lächelnd meine Rede. Mika, der offensichtlich erstaunt war, dass es aus mir wie ein Wasserfall sprudelte setzte nun ebenfalls zum Wort an, “Meine Family hat nichts mit Pferden am Hut, doch sie haben mich immer unterstützt, auch wenn meine Hobbys besonders in der Pubertät sehr schwankten, von Rocker über Skater bis hin zum heutigen Pferdenarr. Ich hatte Glück, dass wir finanziell sehr gut aufgestellt waren und ich so früh neben der Gitarre und dem Skateboard schon das erste Pferd besaß. Als Action liebender Kerl, fand ich mich früh in der Vielseitigkeit zu Hause und heizte deshalb mit meinem damaligen Buschpony durch die Gegend, obwohl mir die Dressur auch liegt und ich wert darauf lege meine Pferde gesunderhaltend zu trainieren. Caja kam Anfang des Jahres in meine Hände und sie hat ordentlich Feuer unter dem Hintern, eigentlich auch schöne Gänge, aber langsam mag sie nicht so gern.”. Auch wenn ich es unhöflich fand, dass nun auch Ambrose das Wort ergriff und nicht die anderen der Gruppe zu Wort kommen ließ, erzählte er nun auch seine Story. “Jo, ich weiß eigentlich gar nicht mehr wie ich zu den Pferden gekommen bin, bestimmt durch ein Chick, was ich mal geil fand”, lachte er und setzte fort “jedenfalls habe ich Talent und keine reichen Eltern oder gar ein eigenes Gestüt, so arbeitete ich hart, um mir durch Turniergewinne und Stallarbeiten ein eigenes Pferd zu finanzieren, damals hatte ich einen süßen Mixwallach, den ich selbst bis zu den S-Lektionen der Dressur zusammen mit meinem Trainer ausbildete. Leider mussten wir ihn bereits Anfang 2019 einschläfern lassen. Olli stammt genau wie Caja, Checkers und Winnie vom Gut Naundorf und gehört seit Januar zum Team ‘Entspannung pur’”, kam er zum Ende.

      Fortsetzung folgt ...

      © Mohikanerin, Wolfszeit & Zion | 99345 Zeichen

    • Mohikanerin
      Nationalteam Teil IV | 07. März 2021
      Baroness Of the Guard // Antigone // WHC’ Candela// WHC’ Mitena // Abe’s Aelfric // Crystal Sky// HMJ Divine// Nabuko// PFS’ Caruso // Miss Leika// Acerado// Saturn// Finest Selection//Chessqueen// Maskotka // Vikar
      Glymur // HMJ Holy // Kempa // St.Pauli’s Amnesia // Satz des Pythagoras // Blávör // Snúra


      Vriska
      In der Runde ist Ruhe eingekehrt. Ein bekanntes Gesicht tritt dazu. “Was ist denn hier für eine Trauerrunde?”, fragt Max überrascht.
      “Bis eben haben wir die Ruhe der Natur genossen”, zischte ich ihn an. Im Flammenschein sah ich, dass er die Augen verdrehte und sich zu uns setzte.
      “So und was geht hier jetzt ab?”, stört er wieder Ruhe.
      “Håll käften!”, beschimpfte ich Max an.
      “Selber!”
      “Boa, könnt ihr mit dem Kindergarten aufhören?”, mischte sich nun auch Ambrose ein, der wie alle anderen, die Ruhe genießen mochte.
      “Wollen wir ins Bett gehen?”, flüsterte mir Ju zu. Ich verabschiedete mich von allen, besonders Lina, die sich offenbar Sorgen machte.

      “Darf ich wieder mit in Bett oder diesmal auf dem Boden?”, fragte er liebevoll. Tatsächlich habe ich mir darüber keine Gedanken mehr gemacht, aber wäre es nicht besser, wenn er wie ein Hund auf dem Boden schläft?
      “Nein, du kannst mit ins Bett kommen”, bot ich ihm an.
      Es ist still. Die Stille wird immer wieder durch leises Gelächter vom Feuer unterbrochen. Ebenfalls bin ich der Meinung, dass aus einigen Zimmern weiter stöhnen die Ruhe stört. Durch meinen Kopf strömen tausend Gedanken. Wieso macht Milena sowas? Wieso bin ich hier? Ich hätte am Hof bleiben sollen, oder sogar nach den Ferien zurück zu meinen Eltern nach London. Dort war alles gut. Meine Freunde haben mich unterstützt, ich hatte Spaß. Vielleicht war doch nicht alles gut? Ich habe viele Nächte und Tage in diversen Krankenhäusern verbracht, meine Eltern haben sich immer Sorgen gemacht. Wieso? Sie hätten sich mehr Kümmern sollen. Jetzt liege ich hier, fühle mich unwohl und warum? Meine Eltern hat es nie wirklich interessiert, was mit mir ist. Es war nur wichtig, dass die Noten stimmen. Mein Gewicht. Meine Kleidergröße. Sein ganzes Leben dreht sich um Zahlen. Es war nur wichtig, wie ich auf sein Team wirke.
      “Du bist ja noch wach.”, sagt Ju plötzlich und guckt zu mir. An meiner Wange laufen Tränen herunter.
      “Ich kann das nicht mehr”, antworte ich und fange endgültig an zu weinen.
      “Ach, Kleines. Hör auf zu weinen. Wir kennen uns nicht, oder kaum. Wie es dir lieber ist. Aber du bist ein starkes Mädchen. Was auch immer los ist, es werden bessere Zeiten kommen. Ich kann dir nicht sagen, wann oder wie lang es dauern wird. Aber ich weiß, dass es besser wird. Und ich habe bisher niemanden getroffen, der sich so gegen Niklas Magie wehren konnte”, muntert er mich auf. Bei dem letzten Satz muss ich sogar lachen, schließlich bin ich fast schwach geworden. Er legt sich wieder hin. Seine Schulter ist nun der einzige Platz den brauche und möchte.

      Lina
      Eine Weile, nachdem Vriska das Feuer verlassen hatte, beschloss auch ich ins Bett zu gehen. Heute waren immerhin ein anstrengender Tag gewesen. “Ciao Leute”, verabschiedete ich mich in die Runde und machte mich auf den Weg zu meiner Wohnung. “Warte Lina”, kam es von Jace. “Ein wenig verwirrt drehte ich mich um. ”Ich begleite dich”, sagte er und legte mir den Arm um die Schultern. “Hast du Sorge, dass ich auf den zwei Metern gefressen werde?”, fragte ich ihn neckisch. “Nein, eigentlich nicht. Eigentlich wollte ich mit dir Reden”, antwortete er. Inzwischen standen wir vor der Tür des Mitarbeitergebäudes. Der Hof lag dunkel und still hinter uns. Die einzige Lichtquelle waren die zwei kleinen Lampen neben der Tür, die ein gelbliches Licht auf uns warfen. Ich drehte mich zu Jace um und sah ihn an. “Jace… Ich denke, ich muss das alles erst einmal verarbeiten. Es war ziemlich viel in den letzten Tagen. Ich denke, ich muss das Erst einmal verarbeiten. Und ich denke, wir sollten wirklich noch einmal ganz von vorne beginnen und das ganze erst einmal langsam angehen”, erklärte ich ihm. “Ok”, ich konnte sein Ausdruck nicht ganz deuten er schien einerseits enttäuscht, aber auch wieder nicht. Dieser Mann verwirrte mich eindeutig. ”Wir sehen uns morgen”, sagte ich und ging ins Haus. Müde und erschöpft schleppte ich mich in mein Bett.

      Vriska
      “AUFSTEHEN. ALLE.”, weckt mich die kratzige Stimme von Frau Wallin, die offenbar auch eine kurze Nacht hatte. Hoffentlich gibt es keinen Ärger, dachte ich mir. Mein Blick geht nach links auf die andere Bettseite, auf der Ju lag. Doch wo ist er? Ich klopfe an die Badezimmertür, keine Reaktion. Langsam öffne ich die Tür - niemand da. Komisch. Rasch ziehe ich mir etwas über und gehe zu dem Raum, in dem gefrühstückt wird. Dort sehe ich bereits Ju bei Niklas sitzen. Auch Milena und Anna sind da, die sich nun prächtig vertragen. Nervös bleibe ich am Türrahmen stehen und gucke, wo ich hin soll. Lina ist noch nicht da, generell scheinen nur die Schweden anwesend zu sein. Also bleibt mir nichts anderes, als mich dort zuzusetzen.
      “Na gut geschlafen, Kleines?”, fragt Ju freundlich und legt wieder seinen Arm um mich.
      “Mehr oder weniger.”, antworte ich kurz gebunden.
      “So Leute, schön das ihr da sein. Es tut mir leid, dass ich euch so früh wecken musste. Heute kommt der Schmied für einige Pferde. Also wenn eure dazu müssen, sagt mir bitte jetzt Bescheid. Ansonsten trainiert ihr heute für euch. Wir werden für euch da sein, wenn ihr Hilfe braucht aber schätze ihr seid alle Volljährig und müsst selbst wissen, was ihr macht. Deswegen möchte ich auch gar nicht wissen, warum es so stark am Feuer gerochen habt. Aber denkt dran, vor jedem Turnier müsst ihr zum Drogenscreening. Für euch steht Ende Oktober die Qualifikation für das nächste Semester an.”, erklärt Herr Holm und setzt sich zurück zu den anderen Trainern.
      “Nach dem Niklas deinen Hengst gestern schon reiten durfte, sogar zweimal, würde ich heute auch gern mal das Island-Feeling bekommen”, sagt Ju selbst sicher. Skeptisch gucke ich zu ihm.
      “Wenn du möchtest, aber ich setze mich nicht auf deine Stute. Smoothie war mir gestern bereits zu groß”, antworte ich.
      “Ich bin ja dafür, dass Nik Smoothie uns heute mal oben ohne präsentiert”, entscheidet Milena und fängt an zu kichern. Anna steigt mit ein. Um keinen zu beleidigen, beiße ich mir auf der Zunge herum. Die beiden Weiber nerven mich gerade so sehr, dass ich am liebsten den nächsten Flug nach Hause nehmen würde. Interessehalber ziehe ich mein Handy aus der Hosentasche und prüfe bei Google die Flüge. Tatsächlich gibt es einen Last-Minute-Flug in 4h, aber dann müsste aber Glymur hier bleiben. Das geht nicht. Gerade als ich das Ding zurück in meine Hosentasche stecken, als es Vibriert. “Hej alles gut bei dir? Du hast dich nicht gemeldet. Wenn was ist, sag’ bitte Bescheid. Ich mache mir Sorgen”, schreibt Tyrell.
      “Ist das dein Freund?”, fragt Ju neugierig, als er offenbar mit liest.
      “Nein, nein. Das ist mein Chef.”, antworte ich kurz und packe mein Handy schnell weg.
      “Aber da war …”, fängt er an zu sprechen. Natürlich weiß ich, worauf er hinaus möchte. Mein Hirn schalltet schnell und ich küsse ihn.
      “Das war ja nicht weiter anzusehen. Endlich hat einer von euch den Schritt gemacht”, seufzt Niklas erleichtert.

      Lina
      Das Klingeln meines Weckers riss mich aus meinem Schlaf. Träge rollte ich aus dem Bett. Jetzt brachte ich erst mal eine schöne Dusche. Der Tag heute würde anstrengend genug werden. Ich hatte nämlich Schmieddienst. Das hieß den ganzen Tag Pferde holen, beruhigen, Hufe halten, das volle Programm.
      Zwanzig Minuten später trudelte ich dann auch bei Frühstück ein. Bisher waren nur wenige da, obwohl es schon spät war. Mit den Augen überflog ich die Tische in der Hoffnung jemanden zu entdecken, mit dem ich Frühstücken konnte. Ich hatte gerade Vriska entdeckt, da kam Jayden an. “Ah, gut das ich dich gefunden hab”, sagte er erleichtert. Er wirkte als sei er hergerannt. “Alles, gut du siehst aus als seiest du einen Marathon gelaufen?”, fragte ich ihn. “Ääääää, … nein. Baroness ist durch den Zaun gerannt, hat ihn kaputt gemacht und jetzt rennen alle Pferde von der Koppel, besonders die Fohlen überall um. Vor allem die beiden Jungstuten scheinen ihre Freiheit zu genießen. Also bitte hilf uns die ganzen Tierchen wieder einzufangen”, erklärte er ein wenig hektisch.
      Na toll das war's wohl mit einem entspannten morgen. Ich folgte Jayden und sah das Chaos. Fiama fraß gerade die frisch gepflanzten Blumen am Reitplatz. Mimithe und Donut fegten über den Platz und sahen nicht so aus als wollten sie sich von Hazel und Samu fangen lassen. Immerhin hatten Quinn und Sheena schon Mijou, Minnie Maus, Briar und Vakany eingefangen. Venice war das einzige Fohlen, was sich zu benehmen wusste und bei seiner Mama blieb. Während Mitena gemütlich auf dem Rasen graste, demonstrierte Candela gerade ihr Springtalent und setzte elegant über den Zaun vom Reitplatz, um den Ponys in ihrem Auslauf einen Besuch abzustatten. Die Fellponystute, die das Chaos verursachte hatte, kam geradewegs auf mich zu gerannt.
      “Stop Nessi”, reif ich der Stute zu und breitete die Arme aus. Die Stute, die scheinbar nicht mit widerstand, gerechnet hatte, legte einen wunderschönen Sliding Stop ein und blieb verblüfft vor mir stehen. Scheinbar wollte die Stute doch Westernpferd werden. Noch bevor die Stute es sich anders überlegen konnte, schnappte ich mir eine Strähne ihrer Mähne und führte die daran zum leeren Ponyauslauf um sie dort zu parken.
      “So, genug Auslauf für dich”, sagte ich zu der Stute bevor ich mir überlegte wie wir jetzt noch die andern Pferde einfangen konnten.

      Vriska
      So schnell Lina da war, war sie auch schon wieder weg. Von draußen hörte man hektisches Rufen und Pferdegetrappel. In mir spielte sich das reine Chaos ab. Ich verabschiede mich und renne raus. Offenbar hatte eine der Ponystuten am Hof den Zaun zerstört, in mir lässt es mich jedoch nicht los. Auch, wenn ich Glymur noch nicht lange kenne, weiß ich, dass er unberechenbar sein kann und teilweise seine Hormone nicht im Griff hat.
      “Habt ihr Glymur gesehen?”, frage ich panisch.
      “Nein, der müsste draußen stehen”, ruft Lina im Stress zurück.
      Zur Sicherheit gehe ich in den Stall und hole den Strick von ihm, mache mich auf den Weg zur Weide. Es ist Tag der offenen Tür. Super. So schnell ich mit meiner Verletzung rennen kann, gehe ich zu Lina, die noch immer Schwierigkeiten hatte die fliehenden Ponys zu bekommen. Eins, dass mir nicht bekannt ist, läuft mir in die Arme und ich lege den Strick um ihren Hals.
      “Wir haben ein großes Problem.”, sage ich zu Lina und reiche ihr das Pony.
      “Ein größeres als frei laufende Ponys und Fohlen? Bist du schwanger?”, scherzt sie.
      “Nicht ich, aber bald alle Stuten. Entweder hat jemand das Tor nicht richtig zu gemacht, oder Glymur hat herausgefunden, wie dieses aufgeht. Er steht nicht mehr auf der Weide. Checkpoint steht noch da und frisst. Doch das Testotier ist weg.”, sage ich verzweifelt zu ihr.

      Lina
      “Oh, dann müssen wir ihn wohl zuerst finden”, antwortete ich und stellte Antigone zu Nessi auf den Paddock. Das hatte ja noch gefehlt ein frei laufender Hengst.
      “Eigentlich gibt es nicht allzu viele Möglichkeiten”, sagte ich zu Vriska, während ich schon loslief, “unsere Stuten, stehen fast alle auf der Sommerkoppel, da müsste er schon verdammt weit gelaufen sein. Ich vermute, er wird eher zu euren Stuten gelaufen sein”. Da die Gastpferde deutlich näher am Hof standen, war es deutlich wahrscheinlicher das der Hengst eher da auf Erkundungstour sein würde. Mein Verdacht bestätigte sich leider, als ich um die Ecke des Stalls bog. Hinten bei den Stutenkoppeln galoppierte etwas Schwarz Weißes auf den Zaun zu.

      Vriska
      “Kom hit, Fähundar! (Komm her, Idiot)”, brülle ich meinen Hengst an. Erschrocken bleibt er stehen und spitzt die Ohren. Langsam laufe ich Glymur zu, der entspannt am Gras zupft.
      “Nochmal gut gegangen?”, fragt Lina vorsichtig.
      “Ich weiß es nicht.”, antworte ich und nehme ihn an den Strick. Vertraut folgt er mir. Nun bleibt uns nur zu beten. Mittlerweile hat auch Frau Wallin wind davon bekommen.
      “Hat er seine Arbeit verrichtet?”, fragt sie.
      “Ich weiß es nicht. Er stand auf der Weide”, erkläre ich ihr. Sie nimmt mir den Hengst ab. Durch das kurze Joggen bin ich noch immer aus der puste und bekomme schlecht Luft. Langsam folge ich Gruppe. Frau Wallin stellt den Hengst zurück, wo er hing gehört und bindet den Strick zusätzliches als Verschluss ran.
      “Geht’s?”, fragt sie dann, als ich angeschlichen komme.
      “Mehr oder weniger”
      “Am besten setzt du dich erst mal hin”, rät meine Trainerin mir. Sie hat recht. Langsam gehe ich zurück in den Saal, in dem noch immer die Truppe sitzt.
      “Alles gut?”, fragt Ju mich, als ich mich dazu setze.
      “Mehr oder weniger. Tausend Leute stellen mir die gleichen Fragen stellen. Glymur hat sich aus dem Staub gemacht, wie die Ponys vom Hof. Dann ist er zu unseren Stuten.”, erzähle ich.
      “Warte was? Dein Monster war bei unseren Stuten? Der macht die unrein!”, fängt Milena an sich aufzuregen.
      “Was ist denn jetzt dein Problem? Ich kann das Pferd nicht bemuttern”, schnaube ich sie an. Anstatt mir diesen Stress anzutun, hätte ich zurück in mein Zimmer gehen sollen. Milena nervt mich schon wieder total. Erst macht sie gestern einen ‚Es tut mir so unglaublich leid, ich hab dich so lieb‘ und jetzt ist Nik wieder aktuell. Immer bin ich das fünfte Rad am Wagen.
      „Es reicht mir mit dir. Ich merke, dass du neidisch bist auf das, was ich mit Niklas habe. Und Anna.“, beginnt nun Milena wieder. Es scheint sie wirklich zu stören, dass ich sie ignoriere. Innerhalb weniger Tage hat sie es geschafft ihren Charakter um 180 Grad zu wenden, was sagt das über sie aus?
      „Hallo? Hörst du mir zu?“, die Wut kocht in hier hoch und langsam hebe ich meinen Kopf. Dabei fällt mir auf, dass Anna ihre Hand hält.
      „Was möchtest du von mir hören? Dass ich stolz auf dich bin, dass du mit Niklas geschlafen hast und Anna? Oder soll ich mich entschuldigen, dass ich vom Pferd gefallen bin und deswegen du nicht mehr die primäre Rolle bei den Trainern bist?“, erwidere ich.
      „Wenigstens habe ich schon mit jemanden geschlafen und nicht wie du, die jeden Typen anweist, nach dem er eine feste Bindung sucht. Mehr möchte. Du missbrauchst jeden emotional und dann liegst du in deinem Bett, heulst und fragst dich, wieso doch keiner mag. Denk‘ mal drüber nach“, keift sie.
      Plötzlich ist es still. Jemand lässt seine Gabel auf den Teller fallen. Wenn nun noch ‚Cut‘ gerufen werden würde, wäre ich glücklich. Dann wüsste ich, dass es ein Traum war.

      Niklas
      Während die Weiber ab Diskutieren sind, überlege ich die ganze Zeit, wer von den beiden seine Tage hat. Es ist doch nicht normal, dass sich jeder hier anzickt. Vriska ist Jungfrau? Das hätte ich nicht erwartet. Sie gehört zu den interessanten Menschen. Einerseits zeigt sie ihre harte Seite, niemand kann ihr etwas, doch mit dem richtigen Schalter sind die lammfromm. Als würde ich Smoothie von D-Ring auf Kandare verwechseln.
      „Ich kenne da jemanden, der das ändern kann.“, sage ich unbedacht zu Vriska, die nervös auf ihrer Unterlippe herum beißt und immer wieder ihren Kiefer anspannt. Das ist eine blöde Angewohnheit. Als ich jünger war, habe ich das auch getan und heute, wenn es besonders stressig ist, mache ich es noch immer.
      „Wisst ihr was? Wenn jetzt schon der ganze Raum aufmerksam dem Gespräch folgt: Ja, es kann sein das ich Männer emotional missbrauche, doch das tue ich nicht bewusst. Ich möchte einfach nichts Festes. Ja, ich bin Jungfrau und genug von euch, werden das sicher als kostenlose Matratze betrachten. Könnt ihr vergessen. Und nun noch zu dem Offensichtlichen. Ja, ich bin magersüchtig. Ja, meine Brüste sind fast nicht da. Ja, mein Kreuz ist trotzdem so breit wie von einem Bodybuilder. Ja, ich komme nicht aus Schweden und auch nicht auf Deutschland. Ich bin Britin. Und ja, ich war drogenabhängig und kämpfe seit fast 3 Jahren mit den Folgen“, sprudelt es auf Vriska heraus, bevor Frau Wallin sie dabei stoppt. Mittlerweile ist es unangenehm, was ich zu ihr gesagt habe. Als ich mich entschuldigen möchte, sagt Herr Holm zu uns: „Anna, Niklas und Milena - Gespräch.“
      „Und was ist, wenn ich nicht mitkommen möchte? Was hab ich den mit dem Zickenkrieg zu tun?“, entgegne ich ihm angepisst.
      „Dann rufe ich jetzt dein Vater an“, antwortet er und zieht sein Telefon aus der Tasche.
      „Ok, ok, ok. Sorry“, versuche ich die Situation wieder geradezubiegen und stehe auf. Gemeinsam verlassen wir den Raum und setzen uns in eine ruhige Ecke auf dem Hof.
      “Ich kann nachvollziehen, das ihr jung seid, euch ausprobieren wollt’ und jeden Tag etwas Neues entdeckt. Auch ich war jung, experimentell. Aber das ist hier kein Spiel, ihr seid nicht mehr in der Schule. Das Land zahlt sehr viel Geld dafür, dass die Jugend im Sport gefördert wird. Und wie zeigt ihr euren Dank dafür? Ihr macht euch gegenseitig schlecht, demotiviert euch. Jeder von euch ist ein Teil des Teams. Zusammen müsst ihr stark sein.”, beginnt Herr Holm. Es ist jedes Jahr das Gleiche. Mein Trainer muss mich immer wieder auf den Boden, der Tatsachen zurückholen. Im ersten Jahr war es schwierig für mich an das Team anzupassen, viele Stunden musste ich damit verbringen mit ihm darüber zu reden und vor allem diskutiert. Es endete mit einem Streit mit meinem Vater. Seit dem versuche ich jedes Gespräch zu vermeiden im Verein, in dem er beteiligt werden soll. In dem Fall kommt dazu, dass ich 26 Jahre alt bin und eigentlich in der Lage bin meine Probleme selbst zu lösen. Jedoch wird vieles in die Familie mit getragen, besonders wenn man zu den obersten zehntausend gehört.
      “Niklas. Hörst du mir zu?”, riss mich Herr Holm aus meinen Gedanken.
      “Wenn ich ehrlich sein kann, nein. Es ist jedes Jahr das gleiche, jedes Jahr reite ich mich tiefer in den Mist und lerne nicht daraus.”, antworte ich ihm mit ernster Miene.
      “Okay, ich denke, du weißt, worum es geht. Du kannst nun gehen. Ich möchte mit den Beiden allein weiter sprechen. Benimm dich, bitte.”, erwidert er und ich stehe auf, um zu gehen.

      Jace
      Erschrocken fuhr ich hoch als es an meine Tür klopfte. Kurz darauf stand Samu im Zimmer. “Ey, was ist eigentlich mit dir. Liegst hier und pennst, während unten voll das Chaos herrscht”, schimpft er. “Was…?”, murmelte ich und fuhr mir müde mit den Händen übers Gesicht. “Ness hat mal wieder einen Zaun zerstört und dann sind alle Stuten mit ihren Fohlen auf dem Hof herumgerannt und haben sich nicht einfangen lassen”.
      “Samu, erzähl mir gleich, lass mich erst mal wach werden”. Scheinbar hatte der Finne erst einmal genug gemeckert, denn er verkrümelte sich tatsächlich. Ein Blick auf meinen Wecker verriet mir, dass ich verschlafen hatte. Scheinbar habe ich meinen Wecker überhört. Die Sache zwischen Lina und mir, naja eigentlich meine Doofheit, hatte mich nicht schlafen lassen. Tatsächlich war ich zu dem Schluss gekommen, dass ich auch auf mich sauer gewesen wäre, gerade bei meiner Vergangenheit. Und genau diese hatte mich auch in meinen Träumen heimgesucht. Ich muss diese Gedanken eindeutig für heute beiseiteschieben, denn scheinbar gab es schon genug Drama auf den Hof für heute. Ich quälte mich aus dem Bett, um erst einmal zu duschen. Aus müden Augen sah mir mein Spiegelbild entgegen. Die Spuren der letzten Nacht waren deutlich sichtbar. Naja, vielleicht sah ich nach einer Dusche ja besser aus.
      20 Minuten später saß ich geduscht auf der Terasse hinter unserm Haus. Für ein Frühstück in der großen Truppe war ich heute definitiv zu müde.
      “Guten Morgen, du Waschbär”, kam Quinn gut gelaunt aus der Küche und stellte mir einen Kaffee vor die Nase. Ich gähnte nur. Doch das schien sie nicht zu stören, denn sie setzte sich einfach dazu und begann fröhlich zu plappern. “Das Beste hast du heute schon verpasst”, bekam ich mit bevor ich lieber in meinen Kaffee starrte, denn zuhören war zu anstrengend.

      Vriska
      Während Herr Holm sich die Drei geschnappt hatte, nahm auch Wallin mich zur Seite. Vieles hatte ich erwartet, was sie sagt, jedoch nicht das.
      “Vriska, du weißt, was du unterschrieben hast?”, fragt sie wehmütig. Obwohl ich nicht genau wusste, worauf sie hinaus möchte, nickte ich ihr zu.
      “Dann solltest du wissen, dass die Teilnahme am Team Voraussetzungen hat, die du nicht erfüllst. Sogar noch schlimmer, du hast gelogen. *Gedankliche Pause* Eine Sucht und erst recht eine Drogensucht setzt eine ärztliche Bescheinigung voraus, dass du dich in Therapie befindest oder es länger als fünf Jahre her ist.”, klärt sie mich auf. In mir bricht eine Welt zusammen. Offenbar war ich so aufgeregt bei dem Gespräch vor ein paar Monaten, dass ich das überlesen habe. Es ist das erste Mal, dass ich davon höre.
      “Bevor du was sagst, wir finden eine Lösung dafür und natürlich kannst du noch beim Training bleiben. Nichtsdestotrotz muss ich es heute noch melden. Tut mir leid.”, sagt sie und befindet sich auf den Weg zu ihrer Hütte.
      “Frau Wallin? Welche Lösungen gibt es dafür?”, frage ich sie.
      “So oder so, wirst du das Team erst einmal verlassen müssen. Dann könnten wir dich zum Dienstarzt schicken, der das weiter untersucht. Je nachdem wie die Ergebnisse ausfallen, werden wir gucken wie es weiter geht. Okay?”, erwidert sie.
      “Okay.”, antworte ich und lasse mich auf den Boden sacken.

      Lina
      In der Hoffnung endlich noch ein wenig ruhen genießen zu können, bevor der Schmied kam, doch der Frühstücksraum stellte sich als alles andere als ruhig raus. Überall wurde getuschelt. Ich brauchte einen Moment um die Situation zu verstehen, bis ich Vriska in einer Ecke entdeckte. Sie sah niedergeschlagen aus. “Hey, alles Ok bei dir?”, fragte ich, als ich bei ihr angekommen war.

      Vriska
      “Auf kurz oder lang, hat sich der Verein erstmal erledigt. Möchte gerade aber wirklich nicht drüber reden, sondern die restliche Zeit in vollen Zügen genießen.”, erkläre ich ihr als ich wieder aufstehe. Eh ich weiter spreche, stütze ich mich an der Wand ab.
      “Hast du vielleicht irgendwas pferdiges für mich? Glymur muss nicht unbedingt geritten werden.”, frage ich sie im Anschluss.

      Lina
      “Mmmm, ich nehme mal an, dass du möchtest eher ein Pony haben? Du sahst auf Smoothie eher nicht so glücklich aus”, überlegte ich laut. “Also je nachdem was du machen möchtest, könntest du dir ein der Shetty schnappen und mit dem ein wenig Bodenarbeit oder so was machen oder du kannst etwas Größeres zum Reiten haben. Wonach ist dir denn so?”, fragte ich Vriska. Ich konnte sehr gut nachvollziehen, weshalb sie lieber Beschäftigung wollte, als darüber zu reden.
      “Du fragst mich ja Sachen. Was willst du denn jetzt machen?”, antwortet sie nachdenklich und scheint nicht ganz bei der Sache zu sein.
      “Ich habe gleich Schmiededienst, deshalb haben meine Pferdchen heute vermutlich frei. Du kannst auch gerne Pferde holen und Hufe halten, aber ich denke mal das entspricht nicht deinen Vorstellungen von Entspannung”, scherzte ich. “Aber ich könnte dir eins von meinen Pferdchen anbieten, damit du es bespaßen kannst”, erläuterte ich.
      “Dann hätte ich gerne was zum Ausreiten, denkst du jemand anderes vom Hof möchte auch mitkommen? Ich weiß nämlich nicht so recht, ob dann vor Sonnenuntergang wieder ankomme”, lacht sie.
      “Ah das passt gut, Alefric würde sich bestimmt mal wieder über einen Ausritt freuen. Klar, ich denke Samu oder Jace haben bestimmt ein wenig Zeit mitzukommen. Und ansonsten finden wir bestimmt noch, wen anders”.
      “Gute Idee, hilfst du mir beim Suchen der beiden und beim fertig machen?”, frage Vriska.
      “Ja, klar helfe ich dir noch”, antworte ich und ging in Richtung Tür.
      Draußen dauert es auch nicht lange bis wir auf Samu trafen. “Hey Samu, Vriska sucht noch eine Ausreitbegleitung, hättest du vielleicht Lust sie zu begleiten? Ich würde ja mitgehen, aber ich habe ja heute das Date mit dem Hufschmied gewonnen”, sprach ich ihn an.
      “Klar, kein Problem, ich wollte heute eh mit Sky ausreiten gehen. Wann möchtest du denn los, jetzt gleich?”, wandte er sich an Vriska.

      Vriska
      Es ist großartig sein eigenes Pferd zu haben, oder zumindest halb. Doch es fehlt mir einfach eins der Tiere zu nehmen und mit ihm zu arbeiten.
      “Danke dir Samu. Und Lina, dir auch. Zu Hause kann ich einfach mein nehmen und gucken, welches Pferd mit der Arbeit dran ist”, erkläre ich den Beiden und ziehe mein Handy aus der Tasche. Sie gucken ziemlich verblüfft als ich ihnen die App vom Hof erkläre.
      “Guck’, das ist die Akte von Holy. Hier steht, was sie aktuell gefüttert bekommt. Außerdem welche Medikamente verabreicht werden müssen. Wie ich sehe, schlafen alle noch, aber Eorann wurde eingetragen, dass die Stute am Morgen in den Aquatrainer soll und am Nachmittag nochmal longiert werden. Hedda hat ein Kommentar hinterlassen. Bitte aufpassen, die hat einen großen Cut an der Brust durch den Unfall mit dem Zaun.”, präsentiere ich und lese Heddas Kommentar vor. Offenbar hat sie wieder den Reitplatz zerstört, aber dazu müsste sicher was im Stalllog stehen. Neugierig swipe ich zum Stallmenü.
      “Ach guckt. Hier hat Folke den Schaden eingetragen. Holy hat wohl beim Longieren sich erschreckt, losgerissen und die ganze kurze Seite an der Reithalle mitgerissen. Begeistert hat Tyrell kommentiert mit, super…”, erkläre ich weiter.
      “Wow, das ist echt cool. Wir sollten hier sowas auch anschaffen”, sagte Samu begeistert. “Ja, dann würde einer von euch endlich mal daran denken Divines Spind zu reparieren”, steuerte Lina bei und sah Samu ein bisschen vorwurfsvoll an.
      “Tyrell und ich haben die entworfen. Alle Daten werden in einer Cloud gespeichert, aber ich möchte euch nicht mit der technischen Seite vorquatschen, sonst stehen wir morgen noch hier. Es ging ihm sehr schlecht nach dem Tod seines Vaters, dem Brand, der gerade so umgangenen Privatinsolvenz… Da brauchte er Ablenkung. Ich kann ihn fragen, ob ihr auch die Anwendungen bekommen könnt. Ihr könnt dann auch vom PC aus darauf zugreifen und Dinge ausdrucken”, erläutere ich weiter und merke, dass wieder dieses Gefühl in mir hochkommt. Ohne mir was anmerken zu lassen, kneife ich mir in den Arm. Mein Therapeut hat immer zu mir gesagt, dass ich mich ohne Fingernägel kneifen soll, statt den Hass gegen jemanden zu richten und erst recht nicht weitere Schritte zu unternehmen. Ich atme tief durch.

      Lina
      Vriska wirkte ein wenig angespannt, weshalb ich das Thema wechselte. “Ok, genug von der Technik, aber jetzt werde ich dir mal dein Pony Vorstellen. Samu wir kommen dann vor den Hauptstall, wenn wir fertig sind”, sagte ich zu den Beiden, bevor ich mir Vriska in Richtung Koppel ging.
      Dort angekommen, ergab sich ein idyllisches Bild. “Ach, wie friedlich die doch sein können”, sagte ich zu Vriska, mit Blick auf die grasenden Pferde. Divine stand mit Nabuko und den anderen Ponys am Bach. Staub flog durch die warme trockene Luft und obwohl es noch früh war zirpten schon die ersten Grillen.
      Aelfric, stand wie immer etwas Abseits von der Herde. “Darf ich dir vorstellen, der kleine braune da mit der Zottelmähne ist deiner”, sagte ich und deutete auf das Pony. Während wir auf das Pony zugingen, erzählte ich ihr ein paar Dinge zu dem kleinen Pony, “Also Rici ist ein ganz lieber, ein wenig zurückhalten und eigenbrötlerisch, aber er kann echt Spaß machen”. Aelfric hob den Kopf und sah uns neugierig entgegen.

      Vriska
      “Rici also, okay”, flüsterte ich dem Hengst zu, als ich ihm vorsichtig das Halfter über den Kopf zock. Etwas überrascht zeiht er den Kopf nach oben, eh er mich erblickt hat. Beruhigend streiche ich ihm über seine Stirn, als seine blauen Augen mich anfunkeln. Zusammen verließen wir die Weide und Lina hatte noch einen Schecken direkt mitgenommen.
      “Wer ist das?”, frage ich neugierig.
      “Caruso, aus der einer Zucht aus England”, erklärt sie mir.
      Auf dem Rückweg zum Stall wechselten wir beide keine weiteren Worte miteinander, offenbar hatte sich auch irgendwas mit sich selbst zu klären. Irgendwie schon sehr ironisch. Eigentlich könnte dieses Treffen, der beste Sommer unseres Lebens sein, doch stattdessen scheinen wir eher das Gegenteil zu empfinden und vermutlich würde sie genauso gern den Ort verlassen. Jedoch kann dieser nichts dafür, denn es ist wunderschön hier. Es ist eher das drum herum: Männer, die sich wie vierjährige verhalten.
      Am Stall hilft sie mir beim Putzen des Hengstes. Als sie mit dem Sattel ankommt, stoppe ich sie schockiert.
      “stopp, stopp, stopp. Das Ding soll ihm passen? Guck’ doch mal!”, sage ich zu ihr, als der Sattel auf dem Rücken von Rici liegt. Ich nehme ihre Hand und ziehe sie langsam unter dem Polster des Sattels entlang. Verdutzt guckt sie mich an, als wüsste sie nicht so ganz was ich meine.
      “Merkst du das? Da bildet sich total die Brücke und links drückt ihm das Polster. Ich hole mal meinen Sattel, der hat Gelpolster und sollte auch von der Länge besser liegen.”, äußere ich und verlasse den Stall, eh ich mit meinem Sattel ankomme und ihm auflege.
      “Schau, viel besser. Der Sattel ist deutlich kürzer und Rici wirkt viel entspannter”, weise ich sie drauf hin und lege auch nur mein Gummipad drunter, dass nur den Effekt des Schutzes vom Sattel hat.

      Lina
      “Na Rici, dann haben wir zwei wohl morgen einen Termin beim Sattler”, sagte ich zu dem Pony. “Ja, ist auch nicht sein Sattel. Er ist erst seit dem Frühling unterm Sattel und ich reite ihn aktuell nicht viel. Dadurch das er noch wächst, ist das leider immer ein wenig schwierig mit ihm, aber danke für den Tipp, ich werde gleich morgen mal mit unseren Sattler sprechen”.
      Nachdem Vriska fertig gesattelt hatte, reichte ich ihr noch seine Trense.

      Vriska
      “Ich kann dir gern die Artikelnummer geben und die Nummer vom Hersteller, oder ich lass dir den hier und hole mir in Schweden einen neuen. Nur als Idee.”, schlage ich ihr vor, eh ich dem Hengst die Trense anlege. Lina wirft mir einige kritische Blicke zu, aber ich kann es mir nicht nehmen lassen auch den Sitz des Gebisses zu kontrollieren.
      “Alles gut, mach’ dir keine Gedanken”, scherze ich. Mit dem Gebiss passt alles. Lina hält mir gegen und ich steige langsam auf den Hengst auf. Freundlich guckt er zu mir, als ich im Sattel sitze. Gemeinsam gehen wir zum vereinbarten Treffpunkt als ich Milena erblicke.
      “Menar du allvar? (Im Ernst?)”, sage ich genervt zu ihr, während sie sich mit Samu unterhält.
      “Vriska, ich möchte mit dir reden. Deswegen halte ich es für keine schlechte Idee, dann Kempa sich etwas lockern und du dich hoffentlich auch.”, schlägt sie mir vor.
      “Nej, Jag orkarinte se på dig. (Nein, haub ab. Verschwinde.)”, pfeife ich sie an. Stur schültet sie mit dem Kopf.
      “Ich möchte mich doch nur bei dir entschuldigen.”, versucht Milena mich vorsichtig zu überzeugen.
      “Denkst du nicht, dass das etwas viele Entschuldigungen werden sollen in so kurzer Zeit?”
      “Nog … (schon)”, antwortet sie verlegen.
      “Ich gebe dir die Chance, aber komm’ jetzt”, ranze ich sie wieder an und treibe den Hengst im Schritt vorwärts. Samu steht derweil sprachlos neben uns und folgt mir dann im Schritt mit seinem Schimmel.

      Samu
      “Pidä hauskaa molempien kanssa (Viel Spaß mit den Beiden)”, rief mir Lina noch ein wenig ironisch hinterher, während ich mit den beiden Streithähnen Richtung Wald verschwand.
      “Es wäre sehr gut, wenn ihr zwei friedlich bleibt, das nächste Krankenhaus ist ein bisschen weiter Weg”, ermahnte ich die beiden Mädels. Ich hatte Vriska recht schnell eingeholt, auch wenn das der fleißigste Schritt war, den ich bei Ric je gesehen hatte. Melina, hatte mit ihrem Pony schon ein wenig mehr Mühe mit ihrer Isländerstute.

      Lina
      Ich war ein wenig schadenfroh, das Samu die Beiden jetzt an der Backe hatte. Naja, er wird das schon schaffen, schließlich ist er der einfühlsamste Mensch, den ich kenne. Und egal was kommt, er ist ein Idealer Streitschlichter. Kurz nachdem die dreier Gruppe verschwunden war, kam auch schon der Schmied. Ich begrüßte ihn, bevor ich ihm Caruso hinstellte. “Na, hast du Spaß Lina”, kam es von Jace, der gerade dabei war Vikar zu putzen, wohlgemerkt ohne Tshirt, da es auch jetzt schon gut 25 Grad hatte. “Jace, an deiner Stelle wär ich mal nicht so frech”, sagte ich scherzend zu ihm und musste mich zusammenreißen nicht auch noch ein Kommentar über sein nicht vorhandenes Outfit zu machen. Mit ihm zu Scherzen fühlte sich seltsam an, gerade nach dem Gespräch gestern Abend. Faszinierend beobachtet wie Jace die Mähne des Hengstes kunstvoll einflocht. “Seit wann kannst du denn Sowas?”, fragte ich ein wenig verwundert. Das hatte ich von Jace nicht erwartet. Ja Tunierzöpfchen oder so, aber einen französischen Zopf und dann auch noch mit der dicken Mähne des Tinkers, das erfordert schon einiges an Geduld. “Seit ich Pferde mit so langer Mähne reite”, kam es nur als Antwort.

      Vriska
      “Keine Sorge Samu, ich verscharre sie dann im Wald”, scherze ich und bekomme einen beinah tödlichen Blick zugeworfen. Direkt versucht sie sich auf irgendwelche Art und Weise für irgendwas zu rechtfertigen, was ich jedoch konstant ignoriere und mich viel mehr darauf konzentrieren muss, dass der junge Hengst vor lauter Nervosität meinerseits, die Beine haken in den Bauch bekommt. Irgendwann hatte ich mir angewöhnt immer meine Beine zu bewegen, wenn ich nicht weiter weiß. Erst dauert fast 10 Minuten, so mein Empfinden im Kopf aber wird vermutlich ansatzweise so lange gedauert haben, bis meine Beine sich beruhigt haben.
      “Weißt du Milena, es ist mir vollkommen egal.”, sage ich und hoffe, dass sich die Sache damit gegessen hat.
      “Du hast mir wirklich nicht zu gehört. Ist mal wieder typisch. Aber Gut, dann wiederhole ich mich, nog. Es tut mir Leid, dass ich im Essenssaal so zu dir war. Doch gestern Abend hatte ich die beste Nacht meines Lebens”, beginnt sie zu sprechen. Offenbar hatte auch Samu mit bekommen, was gestern Abend passiert ist, als Niklas mit ihr und Anna das Feuer verlassen hat, denn er rollt mit den Augen.
      “Milena, wir wollen hier jetzt keine Bettgeschichten hören.”, ermahne ich sie.
      “Man, hör’ mir doch mal richtig zu. Ich .. Es geht nicht darum, dass wir zu Dritt im Bett was miteinander hatten. Sondern es geht um Anna. Niklas war nur hübsches Beiwerk. Viel interessanter war die Erfahrung mit ihr und ich denke … Nein, ich weiß nun was ich fühle und was ich will.”, erzählt sie.

      Samu
      “Langsam Melina, du wolltest dich gerade Entschuldigen, nicht über dich Reden, auch wenn das natürlich sehr schön ist, das du jetzt weißt, was du fühlst”, versuchte ich vorsichtig Melina in ihrem Redefluss auszubremsen und sie wieder auf das eigentliche Thema zu lenken. “Und du Vriska”, sagte ich während ich vor sie ritt, um sie ein wenig auszubremsen, da sie immer noch ein ganz schönes Tempo darauf hatte, “musst ihr wenigstens die Chance geben, sich zu entschuldigen”, ermahnte ich sie.

      Vriska
      “Mach’ ich doch. Sie darf doch gerade reden”, pampe ich nun auch Samu an, obwohl das nicht die feine englische Art ist, die mich meine Mutti gelehrt hat.
      “Ja, alles gut aber ich muss das dazu sagen, damit das alles einen Sinn ergibt”, geht Milena nun in die Verteidigung. Alles, was ich gerade höre, sind einfach Phrasen ohne inhaltliche Bewandtnis, aber äußere mich nicht weiter dazu. Vielleicht sollte ich sie wirklich ausreden lassen.
      “Also ich hatte also gestern den Abend meines Lebens. Es schien auch Anna so ergangen zu sein, weil wir zusammen noch auf mein Zimmer gegangen sind. Wenig später kam Niklas dann dazu, hatte einen großen Streit mit Anna. Ich war so sauer, dass ich es an dir ausgelassen hatte. Es tut mir leid, so ist man nicht zu seiner besten Freundin.”, entschuldigt sie sich schlussendlich.
      “Das erklärt jedoch nicht, wieso du erstens dann heute beim Essen so an ihm geklebt hast und zweitens dich so aufgeregt hast, weil mein Pferd seinem Instinkt gefolgt ist.”, sage ich genervt zu ihr.
      “Ja, da hast du recht. Du gibst mir einfach immer das Gefühl gegen dich ankommen zu müssen. Es provoziert einen immer, weil du von Natur aus alles kannst. Außerdem weiß ich, dass Niklas dich kennenlernen will und … und das will ich nicht. Ich hatte ihn zuerst.”, gibt sie dann zu.
      “Er ist doch kein Spielzeug, dass man sich einfach so nimmt und ich denke, dass ich alt genug bin. Mit jedem Satz, den er sagt, eigentlich bei allem, was er tut, merkt man, wie sehr er mit sich selbst zu kämpfen hat und um jede kleine Aufmerksamkeit ringt. Auch nach dem, was du mir erzählt hast. Niklas will nur auch mal etwas für sich allein haben und vor allem Liebe abbekommen. Ich habe genug eigene Probleme, um die ich mich kümmern muss. Da kann ich nicht noch Anfang seine Mutterfigur zu ersetzen, die er sich in seinem Kopf erschaffen hat, die von Grund auf immer gegen ihn ist. Ich bitte dich. Du weißt, dass ich keine Lust auf irgendwelche Männer habe mit Komplexen.”, sage ich und muss sogar lachen. Milena setzt mit ein.

      Samu
      Wow, wo bin ich hier nur reingeraten, dachte ich, während die beiden Mädels ihre Probleme ausführten. “Na geht, doch. Meint ihr, ihr Schafft es dann einen Tag friedlich zu sein?”, sagte ich zu den Mädels und dachte mir noch im Stillen wofür ich jetzt eigentlich da war. Warum hatten sie es nicht allein geschafft miteinander zu reden.

      Niklas
      In meinem Zimmer entschied ich mich dazu eine heiße Dusche zu nehmen. Die Aktion von Milena und auch Anna in der Cafeteria war mir zu viel, viel zu viel. Während das Wasser auf mich einprasselt versagen meine Knie und ich lasse mich auf den Boden sinken. Mein Körper zittern, mein Herz rast. Es wird schwarz vor meinen Augen.
      Im nächsten Moment finde ich mich in einem Raum wieder, ich friere. Der Boden ist weich, bei einem genaueren Blick scheint es Sand zu sein, bedeckt mit Stroh.
      “Hallo? Ist da jemand?”, rufe ich verzweifelt. Niemand antwortet und ich versuche einen Weg herauszufinden. Ich laufe an den Wänden entlang, die aus Holz sind. Einige Lichtstrahlen fallen in die Dunkelheit. Mein Puls steigt immer weiter an und auf meinem Rücken läuft der Schweiß hinunter. Es ist wieder die Scheune. Verzweifelt schreie ich nach Hilfe, suche einen Weg nach Draußen. Doch es gibt keine Tür, oder ein Fenster.
      “Niklas? Alles gut”, höre ich plötzlich Ju rufen, der mich besorgt anguckt nach dem er im Badezimmer vor mir steht. Verunsichert nicke ich.
      “Komm’, steh’ auf. Der Schmied ist da.”, fügt er noch hinzu und verlässt wieder den Raum.
      “Ich bin in Kanada, unter der Dusche. Es ist Sommer, kurz vor 11 Uhr im Jahr 2020. Mein Name ist Niklas Olofsson, ich bin 26 Jahre jung”, flüstere ich vor mich hin. Dann atme ich tief durch, schalte den Wasserhahn ab und greife nach einem Handtuch.
      Wenig später gehe ich zusammen mit Ju in den Stall.
      “Wirklich alles gut?”, fragt er besorgt erneut nach. Ich nicke nur. Natürlich ist ihm bewusst, dass nicht alles gut und ich wieder ein Flashback hatte. Wir haben nie drüber gesprochen. Er ist ein guter Freund. Ju hinterfragt nicht, akzeptiert es und unterstützt einem egal was passiert ist oder wird. Wieder verliere ich mich in meinen Gedanken.

      Lina
      “So, der ist fertig, kannst du ihn mir einmal bitte vorführen?”, sagte der Schmied zu mir und unterbrach so mein Gespräch mit Jace. “Klar”, antwortete ich, band den Junghengst los und lief mit ihm erst im Schritt und dann im Trab ein paar mal mit ihm Hin und Her. “Super, passt so, dann kannst du den nächsten Kandidaten holen”.
      “Die nächste Stute steht schon direkt in der ersten Box”, sagte ich zu dem Schmied und brachte den frisch beschlagenen Hengst zurück zu Koppel.
      Als ich zurückkam, hatte der Schmied schon angefangen Miss Leikas Hufe zu machen. Jace war zum Glück mit seinem Hengst verschwunden. Da der Schmied scheinbar erst einmal allein zur recht kam, machte ich mich auf die Suche nach dem nächsten Pferd. Ein Blick auf die Liste verriet mir, dass es Niklas Stute war. Also hieß es Niklas suchen. In der Hoffnung, dass er schon bei seiner Stute war, wollte ich im Stall suchen.
      Dort fand ich ihn auch tatsächlich mit Ju.
      “Hey, Nikals…”, begann ich und kam in Stocken als ich merkte, das er sein Shirt komplett falsch rum anhatte. “... Warum hast du das T-Shirt falsch rum an?”, fragte ich ein wenig verwirrt. “Aber eigentlich wollte ich dir nur sagen, dass Smoothie die nächste beim Schmied ist”, teilte ich ihm mit. Niklas sah mich ein wenig verwirrt an, als habe er nicht zugehört und stattdessen antworte Ju. “Alles klar, danke für die Info”. Ich blieb noch einen Moment stehen und überlegte, ob ich gehen sollte oder nicht, doch ich entschloss mich zu gehen. Denn was auch immer da los war, es ging mich nichts an. “Also ich bin dann draußen, wenn ihr irgendwas braucht”, hängte ich zögerlich an und verließ den Stall wieder.

      Niklas
      “Oh, danke für den Hinweis”, sagte ich etwas verspätet zu Lina, zog mein Shirt über den Kopf und drehte es um.
      “Schaffst du es allein?”, frage Ju und wandte sich dann zu Lina: “Du sag mal, ist Amy dann auch gleich an der Reihe?”
      “Äää, ja”, antworte Lina.
      “Also soll ich sie auch gleich mitbringen?”, frage ich meinen besten Freund. Er nickt und ich gehe los zur Weide. In meinem Kopf kommen immer wieder die Bilder hoch von dem Staub, der im Lichtstrahl tanzt.
      “Vielleicht ist es doch besser, wenn ich dich begleite”, sagt Ju zu mir, als er angejoggt kommt.
      “Danke”, sage ich still. Ich versuche mir so gut es geht nichts anmerken zu lassen, doch es scheint klar zu sein, dass mit mir etwas nicht stimmt.
      Wenig später kommen wir mit den beiden Stuten am Stall an. Smoothie ist voll mit Grasflecken.

      Ju
      “Kannst du das regeln?”, fragt mich Nik mit leicht zitternen Händen, als er mir seine Stute in die Hand drückt.
      “Natürlich”, antworte ich ihm.
      “Super, es geht um das Eisen hinten links. “, merkt er noch an, eh er sich wieder am Stall entfernt. Vermutlich sucht er sich nun eine ruhige Stelle und setzt sich in die Sonne, hoffe ich. Aber ich bin nicht sein Betreuer, solang er nicht mit mir drüber sprechen möchte, kann ich nicht viel für ihn tun.
      “Er ist nicht so scheiße, wie man denkt.”, sage ich zu Lina, die den Schmied bei seiner Arbeit betrachtet.
      “Ja, Nik verhält sich oft unausstehlich und hat sich nicht im Griff”, beginne ich an zu erzählen. Vermutlich will sie das alles gar nicht hören, aber ich muss mit wem drüber sprechen, damit es mich selbst nicht belastet. Außerdem war er nicht unbedingt nett zu ihr, also fühlt es sich an, als wäre ich ihr zumindest eine Entschuldigung schuldig. Ich binde seine Stute etwas weiter von der Cremello Stute an, da sich die beiden Pferde nicht kennen und ich nicht weiß, wie diese auf Smoothie reagiert. Entspannt versucht sie vom Boden einige Krümel zu fressen. Noch bevor Lina was sagen kann, rede ich weiter.
      “Ich habe ihn sitzend in der Dusche gefunden. Er hatte wieder einen Zusammenbruch. Das ist das erste Mal seit Monaten. Vermutlich fragst du dich jetzt, warum ich dir das erzähle. Eigentlich will ich mich nur in seinem Namen entschuldigen, weil er damit wirklich Schwierigkeiten hat einzuschätzen, wie weit er gehen kann.”

      Lina
      Aufmerksam hörte ich Ju zu. Ich schweig einen Moment und sah Smoothie dabei zu, wie sie am Boden nach Futter suchte. “Ist schon ok. Ich denke viele von uns haben ein Päckchen mit sich herumzutragen”, antwortete ich ihm und musste an meine eigene Vergangenheit denken. “Du bist ein echt guter Freund für ihn, jeder braucht jemanden wie dich”, ich wusste nicht genau warum ich das sagte, aber ich hatte das Gefühl das sagen zu müssen. Seitdem Niklas mir geholfen hatte, hatte ich schon das Gefühl, das da mehr war als der coole Niklas. “Mag sie Möhren?”, fragte ich Ju und deutete auf die Stute.
      “Ja, sie liebt die, aber darf nicht so viele fressen, weil Möhren viel Fruchtzucker haben und Nik auf ihre Figur achten will. Ach ja, hast du irgendwas was er machen kann? Ich denke, dass ihn hier allein auf dem Hof herumlaufen zu lassen ist doch nicht so gut. Nach so einer Situation ist er eine tickende Zeitbombe.”, antwortet er offensichtlich besorgt.
      “Na, das muss er ja nicht wissen und von einer Möhre wird sie schon nicht gleich 10 Kg zunehmen”, antworte ich und steckte der Stute trotzdem ein Stück Möhre zu.” Naja, er kann doch bestimmt mit einem Akkuschrauber umgehen, oder? Dann könnte er Divines Spind reparieren”, antwortete ich ihm auf seine Frage.

      Ju
      “Tatsächlich kann er noch mehr. Am Hof in Schweden hat er die viele Zäune selbst gebaut und alle unserer Spinde. Die Muskeln sind nicht nur Deko.”, erzähle ich ihr und muss lachen.
      Dann verabschiede ich mich kurz von ihr und mache mich auf die Suche nach dem Kerl. Mein erster Anlaufpunkt ist unser Zimmer, in dem ich ihn weder erwartet habe, noch angetroffen. Von Lina weiß ich, dass nicht weit weg vom Stall eine Wiese ist.
      “Nik, Lina braucht deine Hilfe”, rufe ich ihm zu.

      Niklas
      “Meine handwerklichen Fähigkeiten werden verlangt?”, frage ich belustig, als ich zurück in den Stall komme mit meinem Shirt in der Hand.
      “Vorher müsste dein Pferd noch zurück”, sagt Lina zu mir.
      “Ach, das übernehme ich, wenn Amy fertig ist”, wirft Ju fix ein. Ich bedanke mich bei ihm und wende mich dann Lina zu.
      “Also was soll ich tun?”, frage ich während ich mich etwas vor ihr aufrichte und runterschaue.

      Lina
      Wow, er war verdammt groß. Ich blicke zu ihm hoch “Also du hast eindeutig Gemeinsamkeiten mit deinem Pferd”, sagte ich halb scherzend, halb ernst gemeint.
      “Du, könntest mal deine Fähigkeiten nutzen und Divines Spind reparieren”, sagte ich ihm. Wenn ich mal so recht darüber nachdachte, konnte ich irgendwie nachvollziehen, was Vriska an ihm fand.
      “Komm ich zeig dir den Weg”, sagte ich und ging in Richtung Scheune um nach den Nötigen Werkzeug zu suchen.
      Natürlich lag es ganz oben auf dem Regal, ich wollte gerade nach dem Hocker suchen, doch Niklas schob mich einfach zu Seite.
      “Ich mach schon”, und keine Sekunde später hatte er auch schon den Werkzeugkoffer in der Hand.
      “Na gut, wenn wir das dann haben, zeig ich dir deine Baustelle.”

      Ju
      Während Lina mit Niklas verschwunden war, stand ich allein mit dem Schmied im Stall, der mit Amy deutlich schneller fertig war als erwartet.
      “So, ich brauche dann das nächste Pferd”, sagte er zu mir.
      “Öhm, ich würde Ihnen gern helfen aber ich bin nicht von ihr.”, entschuldige ich mich bei ihm.
      “Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit”, sagte er genervt. Also gucke ich mich hektisch im Stall um eh ein Pferd in einer Box entdecke, deren Hufe eindeutig länger nicht mehr an der Reihe waren, da die Sohle bereits deutlich über die Eisen wuchs. Vorsicht begrüße ich das Tier, dass mich neugierig an der Hand beschnuppert. Ich nehme den … vorsichtig gucke ich unter den Bauch … den Hengst an den Strick und binde ihm bei dem Schmied an, der sich direkt an die Arbeit macht.
      “Lina müsste gleich wieder da sein”, sage ich zu ihm und schnappe mir die beiden Stuten, um sie zurück auf die Weide zu bringen. Samu, Milena und Vriska kommen mir entgegen, die offenbar vom Ausritt wieder da sind.

      Niklas
      “Gladeligen, Lina (Sehr gern, Lina)”, antworte ich ihr. Einen Moment gucken wir uns tief in die Augen, eh mich abwende und mir den Schrank anschaue. Ich höre wie sie rasch den Raum verlässt. Als erstes Räume ich ihre Sachen aus dem Stall, die deutlich besser sortiert sind, als ich gedacht hätte. Die Kleine macht auf mich einen sehr verstreuten Eindruck, deswegen habe ich einen ziemlich chaotischen Spind erwartet. Womit ich jedoch richtig liege, sind die Anzahl an Dingen, die in sich ihm befinden. Mehr als vier Schabracken hatte ich bereits in der Hand, sowie die verschiedensten Salben, Cremen und Sprays. Von einigen ist sogar die Mindesthaltbarkeit seit mehr als einem Jahr vorbei. Doch es geht mich natürlich nichts an und ich stelle sie ebenfalls zu dem anderen Zubehör. Dann mache ich mich an die Arbeit. Ich löse die Scharniere von den Türen, stelle sie an einen anderen Spind. Mehrere Bretter sind ebenfalls abgebrochen, die ich mit Winkeln neu befestige. Die linke Tür ist mit ihrem Scharnier nicht mal ansatzweise in der Waage.
      Das Ein- und Ausräumen hat wirklich länger gebraucht, als die Reparatur an sich. Um Lina nicht noch mehr zu nerven, bringe ich das selbstständig zurück in den Schuppen, aus dem wir es geholt hatte. Dann begebe ich mich zurück in den Stall, in dem sich Lina und Ju sich über die Pferde unterhalten.
      “Ich melde mich zur Bereitschaft”, scherze ich, als ich ankomme.

      Lina
      “Ah, da ist ja der Ritter in glänzender Rüstung”, scherzte ich übertrieben theatralisch. “Es fehlen nur noch Saturn und…” ich schaute mich kurz um, doch die Box von Ace war leer “wo ist denn Acerado hingekommen?”, fragte ich Ju.
      “Der braune der das in der Box stand? Der ist schon beim Schmied”, antwortete Ju.
      “Oh, dann geht das heute aber schnell”, sagte ich ein wenig verwundert. Unser Schmied wurde noch nie für seine Geschwindigkeit bekannt. “Ausnahmsweise scheint es hier ja doch mal Menschen zu geben, die von allein Arbeiten”, verkündete ich fröhlich.

      Samu
      Die beiden Mädels und ich waren inzwischen ziemlich weit gekommen und die Sonne stand schon recht Hoch am Himmel. Die Stimmung war deutlich lockerer geworden und alle schienen den Ausritt zu genießen. Zumindest für den Moment schienen alle friedlich zu sein. Wir hatten den Waldrand erreicht und vor uns eröffnete sich eine riesige Bergwiese und im Hintergrund konnte man den Gletscher erkennen, wo sogar zu dieser Jahreszeit noch Schnee lag. Mein Schimmelhengst blieb aufmerksam stehen und sah zu den Felswänden hoch.
      Wie zwei kleine Bergsteiger kletterten Schneeziegen die Steilwände entlang.” Seht nur ihr zwei, Schneeziegen”, wies ich Vriska und Milena daraufhin.

      Vriska
      “Oh wie niedlich”, schwärmte Milena, als sie auch die Ziegen betrachtet hatte.
      In der Zwischenzeit habe ich über den Kuss mit Ju nach gedacht und wie gut es sich angefühlt hat. Es ist seit dem letzten ziemlich viel Zeit vergangen, genau genommen mehr als 2 Jahre. Als ich am Atomics Valley ankam, habe ich oft darüber nachgedacht, wie es mit Bruce wäre. Jedoch hat keiner von uns Beiden den Schritt gewagt. Seitdem er nicht mehr so häufig am Hof ist, haben wir uns auch ein wenig aus den Augen verloren.
      “Lina meinte das eure Beiden bitte am Stall bleiben sollen”, wieß Ju ein, als am Hof ankamen und er Smoothie und Amy zurück auf die Weide brachte.
      “Oh, danke. Machen wir”, bedanke ich mich bei Ju.
      “Was ist den mit Nik, dass du seine Stute mit wegbringst?”, fragt Milena etwas besorgt.
      “Der hat gerade anderes zu tun. Nichts wildes”, scherzt Ju und geht weiter.
      Am Stall angekommen, steigen wir alle von unseren Pferden. Als meine Füße den Boden berühren, zieht es deutlich in meinem Rücken und vor Schmerz verziehe ich das Gesicht.
      “Alles gut?”, fragt Samu. Um ihn nicht zu verunsichern, sage ich ja und nehme alles vom Pferd herunter. Dabei hilft er mir alles wegzubringen. Der Schmied ist gerade fertig mit einem braunen Hengst, sodass ich ihm den nächsten Kandidaten direkt dazu stellen kann. Auch Samu bindet seinen Schimmel an. Erst jetzt fällt mir auf, dass Lina sich wirklich gerade mit Niklas unterhält, der ziemlich selbstsicher neben ihr steht und kein einziges hochnäsiges Kommentar abgibt. Jedoch kann Milena keinen Spruch verkneifen.
      “Hey Lina, um dein Kopfkino etwas zu beruhigen. Ja, der Rest von ihm ist genauso groß”, sagt sie und geht mit Kempa weiter zu Weide. Es scheint ihm sichtlich unangenehm zu sein und er guckt kurz verärgert zu ihr, aber geht nicht weiter darauf ein.
      “Hast Niklas irgendwas verabreicht?”, flüstere ich Ju zu, zu dem ich mich etwas abseits gesellt habe.
      “Nein, der … er hatte vorhin einen kleinen Aussetzer und seit dem ist der so. Ist aber nichts Neues. Heute Abend ist er wieder der gleiche Arsch wie immer”, versichert er mir. Ich nicke überrascht aber frage nicht weiter nach.
      “Willst du hier bleiben oder wollen wir irgendwas machen?”, frage ich dann.
      “Nein, nein. Ich möchte hier bleiben und das Gespräch beobachten. Irgendwas ist ganz anderes.”, antwortet er verunsichert.
      “Ach gut, dass ich euch gefunden habe”, sagt Herr Holm, der auch ohne Shirt auf uns zu kommt.
      “Was ist los? Und willst du dir nicht mal was überziehen?”, sagt Ju etwas überrascht. Ich inspiziere unauffällig den Körper vom Trainer und bin sehr überrascht wie gut er noch in Form ist für sein Alter.
      “Bist du neidisch? Falls ihr die anderen trefft, sagt den mal bitte Bescheid, dass wir heute Abend gegen 20 Uhr für ungefähr eine Stunde Theorieunterricht haben und danach einen kleinen Filmabend machen. Bevor ihr fragt, ja Anwesenheit ist beim Unterricht Pflicht.”, scherzt er. Bevor er weiter geht, erklärt Herr Holm, dass auch alle vom WHC eingeladen sind ihr Wissen aufzufrischen. Wir bedanken uns für die Information und ich gehe allein zu den beiden Turteltauben rüber,

      Lina
      Natürlich hatte Milena mal wieder einen dämlichen Kommentar auf lager. Ich ignorierte sie einfach.
      “Na, ihr zwei”, kam Vriska zu uns rüber. “Ich soll euch zwei mitteilen, das heute Abend Theorieunterricht und Filmabend ist”, unterbrach sie unser Gespräch.
      “Wieder da und die Sonne ist noch da”, begrüßte ich Vriska. “Hat dir Rici gefallen?”, fragte ich sogleich.
      “Ja, er war ziemlich bequem. Es ist auch schön mal wieder was anderes Kleines zu reiten. Zu Hause sitze ich nur noch auf den Trabern oder auf dem Sulky.”, antwortet sie.
      “Sehr schön. Aber so ein Traber muss doch auch cool zu reiten sein, oder? Wenn der Schmied fertig ist, bin ich erst einmal fertig. Ich würde dann Limo und Eis für alle die wollen Spendieren”, schlug ich vor. Der Schmied ist gerade dabei den letzten von Aelfrics Hufen zu machen.

      Samu
      Die ist heute gut gelaunt, dachte ich mir als ich Lina entdeckte, die sich scheinbar gut mit Niklas unterhielt. “Limo und Eis klingt super”, stimmte ich meiner Freundin zu als ich vorbeiging. “Ich geh dann schon mal alles vorberieten, ihr und alle anderen können dann gerne auf unsere Terrasse kommen, wenn ihr so weit seid”, fügte ich noch hinzu und verschwand in Richtung Haus.

      Vriska
      “Du kannst dich ja im demnächst mal auf Smoothie setzen, sie ist auch ein Standardbred”, warf Niklas ein, bevor ich was sagen konnte. “Hat er sonst noch was gesagt hat?”, wandte er sich nun zu mir und sprach möglichst leise, in der Hoffnung, dass Lina es nicht mitbekam. Ich schüttelte nur mit dem Kopf und in seinem Gesicht machte sich eine Erleichterung breit. Während er sich in das Gespräch mit Lina kehrte, betrachtete ich sein Körper und besonders seine Brust, die genau auf meiner Augenlinie befand.
      “Wenn du willst, kannst du auch ein Foto mit mir machen”, bot er lachend an, als wäre er etwas Besonderes. Was Niklas auf irgendeine Art und Weise natürlich ist, aber nein. Vriska. Nicht weiter drüber nachdenken, sagte ich in Gedanken zu mir.
      “So er kann weg.”, sagte der Schmied und eh Lina sich dem Pony zuwenden konnte, band ich ihn ab.
      “Ich bringe ihn zurück”, sage ich nur zu ihr ging mit ihm los zur Weide. Mein Hirn spielt im Moment verrückt und jeder der Typen verdreht etwas, ist anziehend oder eher ausziehend. Vielleicht sollte ich mich eher auf die Mädchen konzentrieren, dann kann das nicht passieren. Obwohl, wenn ich so an Milena denke, die vorher nie solche Gedanken mir gegenüber geäußert hat, lässt sich nicht ausschließen, dass ich mein erstes Mal mit einer Frau habe.

      Lina
      “Oh, ja Smoothie würde ich gerne mal ausprobieren”, sagte ich begeistert als Niklas das vorschlug. Bevor ich überhaupt reagieren konnte, hatte Vriska sich schon das Pony geschnappt und war mit ihm verschwunden. “Sag mal wie kommt es eigentlich, dass du so ein hübsches Pferd besitzt. Ich mein, ich habe zwar keine Ahnung von Trabern, aber sie scheint echt gut zu sein”, fragte ich neugierig.
      Irgendwie hatte ich Interesse an Niklas gefunden. Ich hätte niemals erwartet, dass ich mal so einen Frauenhelden interessant fände, aber Niklas war irgendwie anders. Hinter seiner Fassade schien etwas zu schlummern, was ihn schwer zu belasten schien.
      “Standardbreds bzw. alle Trabrennpferde haben in Schweden eine lange Tradition. Aus dem Grund hat Opa es sich zur Aufgabe gemacht dieser Rasse mehr als ein reines Rennpferd einzuhauchen. Viele Jahre hat er damit verbracht die richtigen Elterntiere zu suchen und anzupaaren. So entstand auch Satz des Pythagoras, wie sie mit vollem Namen heißt. Öfter hat er auch englische Vollblüter mit hereingezogen um mehr Temperament zu bekommen. Außerdem sind bei der Rasse alle Fellfarben erlaubt und Opa hat immer ein Gräuel gegen die Deutschen Rassen gehabt, die durch die deutsche Kriegsführung im langweiligen Braun gezüchtet wurden. Bevor ich sie hatte, hatte ich ein schwedisches Warmblut. Und bekommen habe ich sie zur Aufnahme in den Verein, bevor er starb.”, erzählt er offen. Natürlich sind seine Blicke nicht zu übersehen, die er mir zuwirft. “Beindruckende Geschichte”, sagte ich, bevor der Schmied mich unterbrach, den nun auch mit Sky fertig war. “Begleitest du mich?”, fragte ich, während ich den Schimmel losband, um ihm zur Koppel zu bringen. Natürlich begleitete er mich. “Hast du ein Glück ein eigenes Pferd zu haben, ich träume davon seit ich ein kleines Mädchen bin”, fing ich an zu erzählen.

      Niklas
      “Bei uns in der Familie ist es üblich, dass jeder sein eigenes Pferd hat neben den Zuchtpferden. Damit kein Streit entsteht. Vielleicht sprichst du da mal mit Vriska drüber, sie hat Glymur noch nicht lange und eine Traberstute in Aussicht”, erzähle ich dann Lina. In mir fühle ich eine Erleichterung, dass ich mich mit jemanden Unterhalten kann, der mich nicht auf meinen Körper reduziert. Doch bevor ich irgendwas passiert muss ich sie darauf ansprechen.
      “Du, ich muss jetzt aber mal was fragen, bevor … was weiß ich. Was ist das mit dir und Jace, ist das was Ernstes?”, frage ich sie auf dem Rückweg zum Hof, nach dem sie Sky zu den anderen Pferden gestellt hat.

      Lina
      “Naja, das ist… Kompliziert”, fing ich ein wenig zögerlich an. Seltsamerweise vertraute ich ihm, obwohl ich ihn gerade einmal ein paar Tage kannte. “Das ganze fing an als ich für das HMJ in Schweden war. Seltsam wie einem Gefühle erst klar werden, wenn man weit entfernt von jemandem ist. Dann habe ich ihn in einem schwachen Moment meine Vergangenheit offenbart und meine Gefühle offenbart und er ist einfach ... Jace. Sagen wir mal seine Reaktion war nicht angemessen. Aber nein das ist nichts Festes und das war es auch nie. Ich denke, er verschweigt mir irgendwas und da Ehrlichkeit für mich eine Grundvoraussetzung ist... Naja, er hat seine Chance fürs Erste verspielt”, erzählte ich ihm offen. “Auch wenn mein Verstand mir sagt, dass es vollkommen logisch ist ihn auf den, Mond zu schießen, so ist das mit den Gefühlen leider nicht so einfach, vor allem wenn man ihn jeden Tag sehen muss.”, endete ich.

      Niklas
      “Und warum hast du nicht angerufen?”, scherzte ich, nach dem sie von Schweden sprach. Damit konnte ich wenigstens wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Kurzerhand stellte ich mich ihr vor den Weg. Noch einmal warf ich einen Blick auf unsere Umgebung, weit und breit war niemand zu sehen. Zum Hauptteil des Hofes waren noch einige Meter. Vorsichtig lege ich meine Hände an ihre Hüfte.
      “Was denkst du?”, frage ich sie sanft und gucke ihr tief in die Augen.
      “Ich weiß nicht “, antworte sie zögerlich und versucht meinem Blick auszuweichen. “Ich kenn dich doch gerade mal ein paar Tage. Woher weiß ich den, das du kein böser Vergewaltiger bist”, scherzte sie dann aber gleich. Sie flirtete eindeutig mit mir.
      “Deswegen habe ich dich vorher gefragt. Wollte dich nicht in Verlegenheit bringen, tut mir leid.”, antworte ich verlegen.
      “Außerdem, wenn es danach gehen würde… Ich bin deutlich größer als du und aufjedenfall stärker. Dann hätte ich dich bereits in den nächsten Busch gezogen.”, scherze ich eh ich still werde und kurz nachdenke. Dann hebe ich sie nach oben, hänge sie mir wie einen Schal über die Schulter und laufe Richtung Hof weiter. Natürlich zappelt sie, aber Lina hat keine Möglichkeit dem zu entfliehen.

      Lina
      “Ey, wo willst du hin”, schimpfte ich lachend und wehrte mich ein wenig, aber natürlich hatte ich keine Chance gegen ihn. Seine muskulösen Arme hatten mich fest im Griff. Niklas schien auch schon genau zu wissen, wohin er wollte. Zielsicher steuerte er auf seine Hütte zu. Vor der Tür musste er mich absetzen um aufzuschließen. Erstaunlicherweise war die Tür aber nicht abgeschlossen und ein leicht verdutzter Ju sah uns entgegen. “Äääh Hi”, stammelte ich und das Blut schoss mir in die Wangen. Ihn hatte ich hier nicht erwartet. “Niklas wollte mir nur … etwas zeigen”, stammelte ich weiter. Vielleicht sollte ich jetzt lieber die Klappe halten, ich klang, wie eine 12-jährige die von Ihren Eltern erwischt worden war.

      Niklas
      “Hoffentlich nur den Inhalt des Kühlschranks und nicht seiner Hose”, antwortet Ju scherzhaft.
      “Lina denk dran, der Rest wartet auf Eis und Limo. Beeilt euch. Jace wartet schon auf dich.”, fügt er noch hinzu und geht. Ich gehe in die Hütte und krame in meiner Tasche nach einer kurzen Hose. Typisch sieht der Raum aus wie ein einziges Schlachtfeld.
      “Du kannst auch in den Büffelstall hereinkommen, offenbar wolltest du dir ja etwas angucken”, scherze ich und zeihe meine Reithose herunter. Natürlich werfe ich sie nur auf den Boden. Meine kurze Hose habe ich jedoch immer noch nicht gesehen.
      “Wow, ein typisches Jungszimmer. Irgendwie hätte ich bei dir mehr, Ordnung erwartet”, antwortete sie mir, nach dem sie einen kritischen Blick durch den Raum geworfen hatte.
      “Ordnung? Nur, weil ich Geld habe? Zu Hause habe ich eine Reinigungskraft, die macht das.”, antworte ich etwas eingebildet und erwische mich direkt dabei, dass ich dieselbe Antwort noch ein mal in einer anderen Betonung von mir gebe. Endlich finde ich eine kurze Hose, die zwar von Ju ist, aber der wird schon kein Problem damit haben. Rasch ziehe ich sie mir über und merke erst jetzt, dass diese etwas eng anliegt. Kurz gucke in den Spiegel, ja passt. Dann ziehe ich wieder meine Reitstiefel und nehme Lina an die Hand mit nach draußen.
      “Komm wir gehen lieber, bevor noch irgendwelche Gerüchte aufkommen”, sage ich rasch zu ihr und schließe die Tür ab.
      “Ach, der Weltenbummler ist da”, sagt Ju freundlich zu mir. Weltenbummler ist unser Codewort für ‘Ich habe nichts gesagt, keine Sorge’
      “Haha ja, wir hatten uns etwas verquatscht an der Weide”, weiche ich schnell aus, um Lina nicht noch einmal in Verlegenheit zu bringen.
      “Deine Hose zeichnet aber eindeutig was anderes ab”, merkt dann Milena an.

      Lina
      “Kann sie eigentlich auch was anders außer dummen Kommentare Abgeben?”, sagte ich mit gesenktem Stimmer zu Niklas. Die Limonade stand bereits auf dem Tisch, sodass nur noch das Eis fehlte. “Ich geh dann mal das Eis holen”, sagte ich und verschwand im Haus. Bevor ich allerdings in den Keller ging, flitze ich noch in mein Zimmer, um mich umzuziehen. Aus Gewohnheit hatte ich heute am Morgen eine Reithose angezogen. Bei den sommerlichen Temperaturen draußen würde ich allerdings bald schmelzen, wenn ich weiter darin rumlief.
      Kurz entschlossen Griff ich mir eine kurze Jeans und ein Croptop aus meiner Kommode und zog mich um, meine Stiefel tauschte ich gegen Sneaker.
      Als ich wieder unten war kam mir Jace im Flur entgegen. “Lina, du hast dich nicht etwa was mit dem, oder?”, fragte er ein wenig zu harsch. “Nein und selbst wenn, geht dich das gar nichts an. Ich bin alt genug, um selbst zu wissen mit wem ich schlafe und ich bin auch nicht den Besitzt, Jace. Außerdem scheinst du mir kein bisschen besser zu sein als er.”, erwiderte ich ein wenig zickig. Diese Antwort schien ihm für Erste zu reichen, denn er trollte sich in die Küche.
      “Der Eiswagen ist da”, rief ich als ich nach draußen ging, mit einem Tablett voll mit Eis. Ich stellte das Tablett ab und nahm mir auch sogleich ein Fruchteis “Bedient euch”.
      “Na, haste dich extra noch hübsche gemacht”, kam ein dämlicher Kommentar von einem der Jungs. “Sagen die, die hier alle halb nackt rumrennen”, erwiderte ich nur und setzte mich an den Tisch.
      Jace kam aus der Küche zurück mit einem seiner komischen Proteinshakes und setzte sich Demonstrativ neben mich. “Jetzt mach hier mal nicht das Alphamännchen”, zischte ich ihm zu.

      Niklas
      „Daaaaaas ist meins“, griff Vriska rasch vom Tisch das einzige Wassereis. Natürlich fiel mir direkt auf, dass sie ihr Shirt ebenfalls entblößt hatte und nun ihm ihren Calvin Klein dasaß. Ju zog eine seiner Brauen hoch und legte merklich seine Hand auf ihren Oberschenkel, um sein Gebiet abzustecken. Dann ließ ich meinen Blick durch die Runde streifen. Milena ignorierte mich nun und unterhielt sich mit Samu über ihre Pferde. Zu Lina hatte sich nun Jace gesellt, der offenbar nicht begeistert von unserem gemeinsamen Ausflug scheint.
      „Nå … Had ni? (Und, hattet ihr?)“, flüstert Ju mir zu.
      „Ein Gentleman genießt und schweigt. Men, nej. (Aber nein)“, antworte ich vertrauensvoll. Er nickt nur und spricht mit Vriska weiter.
      „Das ist doch Bullshit! Du hast ’nen Korb bekommen, die zweite Enttäuschung dieses Tages!“, belustigt sich Anna, die gerade zum Tisch kam und unser Gespräch verfolgt hat.
      „Hmm?“, murre ich sie enttäuscht an.
      „Ich habe euch gesehen auf dem Weg. Du hast deine Hände an ihre Hüfte gelegt und ihr schöne Augen gemacht, so wie du es immer machst!”, wirft sie mir vor eh sie vorfährt. Vorsichtig werfe ich einen Blick zu Jace, in dem es vor Wut kocht. In der Runde ist es nun mucksmäuschenstill. Viele gucken zu mir, aber auch im Wechsel zu Anna und Lina, der das am unangenehmsten zu sein scheint.
      “Nur, dass du heute nicht das bekommen hast, was du unbedingt wolltest, du Bastard. Zum Glück ist das seit gestern Abend mit uns vorbei.”, belustigt Anna sich an der Situation, eh sie sich mit Milena von der Runde entfernt. Natürlich hat sie sich vorher noch ein Eis genommen.
      “Ich bring’ dich um”, schreit mich nun Jace voller Wut an. Lina hat Schwierigkeiten ihn zurückzuhalten, aber es gelingt ihr dennoch.
      “Was habe vorhin zu dir gesagt? Ich bin alt genug selbstständig Entscheidungen treffen zu können, außerdem war er nicht aufdringlich, nach dem ich nein gesagt habe”, flüstert sie ihm zu. Doch es war nicht so leise wie sie dachte, denn alle haben es gehört.
      “Ich werde dann mal gehen”, versuche ich mich zu verabschieden.
      “Nein, dass kannst du vergessen. Du bleibst hier”, stoppt mich Ju und setzt sich auf meinen Schoss.

      Jace
      Wütend war ich aufgesprungen, und vermute Lina, war der einzige Grund warum ich diesem Idioten nicht eine verpasste. Aufgebracht verließ ich den Tisch und stapfte in den Keller, wo mein Boxsack hin.
      Wütend schlug ich immer wieder auf den Sack ein und wünschte, dass es das Gesicht von Niklas war.
      “Na, genug abreagiert”, kam es aus dem Türrahmen nach einer Weile. Ich hielt inne um mich Umzudrehen. Samu stand im Türrahmen. “Wie lange stehst du da schon?”, fragte ich ihn.
      “Lang genug”, antwortet er nur knapp. Erst jetzt merkte ich wie sehr mein Knöchel schmerzten, weil ich natürlich nicht klug genug gewesen war sie zu schützen.
      “Also Jace falls du jetzt wieder in der Lage bist vernünftig zu denken, würde ich gerne wissen, wo du dir eigentlich das Recht hernimmst über Linsa Entscheidungen zu Urteil?”, frage ich ganz ruhig und gelassen, ganz nach seiner Art. Er war immer der Vernünftige. Statt ihm zu antworten, drehe ich mich wieder um und schlug erneut zu. “Fuck”, Gleich nach dem ersten Schlag bereute ich es auch schon gleich wieder, denn dieser letzte Schlag hatte ausgereicht, dass die Haut an meinen Knöchel aufplatzte.
      “Hier”, Samu reichte mir ein Taschentuch und einen Eisbeutel. Dankbar nahm ich das ganz entgegen und ließ mich in den Sessel in der Ecke sinken. “Gedenkst du mir auch zu antworten?”, hakte Samu weiter nach.
      “Mmmpf”, war meine einzige Antwort. Woher hatte ich mir dieses Recht genommen? Das war tatsächlich eine gute Frage. Ich vermute, eigentlich war da mehr zwischen ihr und mir als ich wahrhaben wollte. Nein ich vermute es nicht nur, es war da gewesen und ich hatte mich wie ein Arsch verhalten, ganz der alte Jace. “Ich bin einfach ein Idiot”, murmelte ich eigentlich zu mir selbst, denn Samus Anwesenheit hatte ich schon wieder vergessen. Verdammte Eifersucht. Bei jedem anderen wäre es mir egal gewesen, aber nicht bei ihr. Ich hatte das Bedürfnis Lina zu schützen, vor allem vor Leuten wie Niklas. Naja, eigentlich gehörte ich selbst zu den Leuten, oder? Kann sich ein Mensch so krass in seinen Grundzügen verändern? Scheinbar nicht, ich hatte ja glorreich das Gegenteil bewiesen.
      Erst jetzt fiel mir auf das Samu noch immer Türrahmen stand.
      “Darf ich dich mal was fragen: Wie schaffst du es eigentlich immer so verdammt beherrscht zu sein?”, fragte ich ihn. Schon oft hatte mich, es genervt wie ruhig er war und vernünftig, denn so hat er schon die ein oder andere Aktion gecancelt.

      Lina
      Jace, war wütend abgdampft und Samu war im gefolgt, vermutlich um sicherzustellen, dass er nichts dummes anstellte.
      Na großartig, jetzt hatte wirklich jeder mitbekommen, was zwischen mir und Jace war. Besser gesagt was da nicht war.
      “Glotz nicht so blöd”, fauchte ich die verblieben an, die sich reichlich zu amüsieren schienen. Mein Leben schien gerade wie ein Jengaturm zusammenzufallen. Wie kann man in so kurzer Zeit so viel Chaos verursachen … Wobei nein, nicht es ging schon länger als die paar Tage, die das Nationalteam da waren. Es hatte alles mit Divine angefangen, als mich meine Vergangenheit einholte. Am liebsten würde ich weglaufen, wie ich es sonst Tat, doch ich konnte nicht.

      Ju
      “Eh wir alle in unserem Selbstmitleid ertrinken und versuchen den anderen die Schuld dafür zu geben, sollten wir Spaß haben und den Tag genießen. Was haltet ihr davon, wenn wir schwimmen gehen? Amy könnte die Erfrischung gebrauchen”, schlage ich den verbleibenden vor.
      “Nein, ich will nicht ins Wasser, aber ich komme mit”, antwortet Vriska. Bevor ich da nochmal nachhaken werde, nickte ich zustimmend.
      “Ja gut, ich komme auch mit. Smooth ist aber rossig. Wäre cool, wenn wir nur Stuten nehmen könnten”, warf Niklas dann ein.
      “Ich werde Samu auch mal fragen. Lina, wenn Jace auch mitkommt, geht es für dich auch klar? Zur Not hetze ich Ju dann auf ihn.”, versucht Vriska sie ebenfalls davon überzeugen. Auch Niklas guckt mit seinen funkelnen Augen zu ihr.
      Sie brauchte einen Moment, bis sie merkte, das sie angesprochen war. “Ja, ist schon ok”, antworte sie dann.

      Vriska
      “Gut, dann gehe ich mal die beiden Männer suchen”, antworte ich erfreut und laufe in die Richtung, in die sie verschwunden sind. Ich sehe eine Tür, die in einen Keller zu führen scheint und nehme auch Samus Stimme war. Hier werde ich richtig sein, hinke die Treppe herunter und stehe neben Samu, der mich kurz verwundert anschaut.
      “Wir wollen zum Bach uns erfrischen, ach und nur Stuten, wenn ihr Pferde mitnehmen wollt. Ihr seid nicht nur herzlich eingeladen, sondern auch äußert erwünscht.”, lade ich die beiden ein. Eh Jace sich herausreden kann für ich noch etwas dazu: “Auch du Jace. Wir würden uns freuen.”
      “Ja, klar kommen wir mit. Wir kommen gleich hoch”, antworte Samu, denn Jace schien ein wenig verwirrt zu sein.
      “Okay, wir machen uns dann fertig und treffen uns in spätestens 30 Minuten vor dem Hauptstall”, erkläre ich den beiden und gehe wieder hoch zu den anderen auf der Terrasse.

      Niklas
      Ju hatte sich auf den Weg zur Hütte gemacht, um sich etwas anzuziehen und Vriska die anderen zu suchen. Nun saßen nur noch Lina und ich da.
      “E-Es tut mir leid. Ich hatte extra geguckt, dass uns niemand sieht, … Ich wollte dich nicht in eine unangenehme Situation bringen, weil ich mich nicht im Griff habe. Tut mir wirklich leid.”, versuche ich mich bei ihr entschuldigen. Doch aus welchem Grund? Ich schätze, dass die Zeichen nicht nur von mir gesendet wurden, sie ist eindeutig drauf eingegangen.
      “Ist schon ok, du kannst nichts dafür das Jace ein eifersüchtiger Wachhund ist”, antworte sie “und auch nicht das mein Leben so chaotisch ist”, fügte sie noch ganz leise hinzu.
      Verlegen grinste ich sie an, stand auf und hielt ihr meine Hand hin. Fragend blickt sie mich an.
      “Komm’ wir holen Smooth. Du kannst dich dann daraufsetzen und ich laufe mit”, schlug ich ihr vor. Offenbar konnte ich ihr damit wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubern.

      Lina
      “Ähh warte kurz, ich muss mich noch kurz umziehen”, entschuldigte ich mich und flitzte auf mein Zimmer. Ich nutze den Moment für mich, um mich wieder zu sammeln, schlimmer konnte es ja wohl nicht mehr werden.
      Kurz darauf kam ich in Shorts und Bikini zurück. Angesichts der Temperaturen hatte ich beschlossen, dass ein Shirt wohl überflüssig sei.
      “So, dann können wir los”, sagte ich, als ich wieder vor Niklas stand. “Meinst du eigentlich Vriska will laufen oder nicht?”, überlegte ich laut auf dem Weg zur Koppel, als mir einfiel das Vriska ja nur einen Hengst dabeihatte.

      Niklas
      “Da Ju ja Amy nimmt, denke ich, wird es sie mit daraufsetzen”, sage ich kurz und taste mich vorsichtig zu ihrer Hand vor.
      “Hej, wartet”, ruft Ju uns dann zu und kommt angelaufen. Schnell nehme ich Linas Hand wieder aus meiner.
      Gemeinsam gehen wir die Pferde holen und unterhalten uns etwas über diese. Ju spricht die meiste Zeit, als hätte er heute Quasselwasser getrunken, worüber ich jedoch zum glücklich war. Immer wieder warf ich einen Blick zu ihr, doch sie war sehr in das Gespräch mit ihm vertieft, sodass es ihr nicht auffiel. Auf der Weide kamen unsere beiden Damen direkt zum Zaun. Sowohl Amy als auch Smoothie sind zwei richtige Arbeitstiere. Egal wie viel man ihnen gemacht hat, sie wollen und können immer wieder. Jetzt, wo die Schuhe auch wieder schön sind, sollte es auch kein Problem darstellen. Ich nahm meiner Schimmel Stute das Halfter ab und warf es neben das Tor. Wer sollte so ein Ding schon stehlen? Dann legte ich ihr das Knotenhalfter um, dass ich geholt hatte, als Lina sich umzog. Dazu habe ich einen Langen Strick genommen, dessen Ende ich an den unteren Verschluss anband. Unüberlegt hob ich Lina auf den Rücken meiner Stute. Sie lachte und wir liefen los. Auch Ju hatte sich schon auf seine Stute gesetzt.
      “Wann war der Treffpunkt?”, fragte ich noch mal nach, nachdem ich auf meine Uhr am Handgelenk geschaut hatte.
      “Nog, zehn nach eins”, antwortete Ju nach kurzem Nachdenken.
      “Oh dann müssen wir uns beeilen. 5 Minuten noch”, sagte, ich joggte los. Da ich viel Bodenarbeit mit Smoothie bisher gemacht habe, trabt sie direkt mit an und Lina fällt nach Vorn. Die Stute bremst direkt ab, um sie aufzufangen.

      Lina
      “Ey, du hättest mich warnen können, dass ein Pferd keine Zwerge gewohnt ist”, beschwerte ich mich gespielt, beleidigt bei Niklas. Ich sortierte mich wieder und ließ die Stute nun von mir aus antraben. Scheinbar war Smoothie es nicht gewohnt, von andren geritten zu werden, während ihr Besitzer nebenherlief.
      Im Trab kamen wir schnell wieder am Hof an und wir waren nicht die letzten, denn Vriska war die Einzige, die schon vor dem Stall wartete.
      “Typisch, Jace immer der letzte”, rief ich ihn fröhlich entgegen als er und Samu mit ihren Stuten und die Ecke kamen.
      “Und du willst scheinbar hoch hinaus”, kam es gleich von ihm zurück.
      “Ey, Smooth ist nicht viel größer als Masko, als hättes du mich noch nie auf einem großen Pferd gesehen”, erwiderte ich. Wobei er insofern recht hatte, das Smoothie durch ihre langen schlanken Beine um einiges größer aussah als meine Hannoveraner Stute.
      “Aber sie macht doch eine gute Figur auf ihr, va?”, scherzte Niklas noch.
      “Ach Jace ist doch nur eifersüchtig, weil sein Pferd nicht das größte ist”, scherzte Samu.
      “Zum Glück kommt es nicht immer auf die Größe an, sondern auf die inneren Werte”, warf nun noch Vriska ein, die auch so ein Zwerg ist wie ich.
      “Na, los wenn wir hier noch länger rumstehen, schrumpft sein Pferd noch”, fügte der Finne belustigt hinzu und treib seine Fuchsstute an.
      Ich konnte Jace ansehen, dass er am liebsten noch einen blöden Kommentar gemacht hätte, doch er begnügte sich lieber damit Samu zu folgen.

      Niklas
      Immer wieder warf ich einen prüfenden Blick zu Lina, die wirklich eine gute Figur auf meiner Stute macht. Doch wurde dann von zwei mir bekannten Stimmen aus den Gedanken gezogen.
      “Wir kommen auch mit”, sagt Milena sehr knapp bekleidet auf ihrer Scheckstute in Begleitung von Anna, die ebenfalls auf einer Isländerstute sitzt.
      “Wie kommt es denn, dass Max dir Blávör überlassen hat?”, frage ich verwirrt, denn bis auf ich durfte noch niemand auf seinen Stuten sitzen.
      “Er hielt es für eine gute Idee, weil es ihm nicht so gut geht”, antwortet Anna sehr von sich überzeugt.

      Vriska
      “Aha, okay. Was hat er denn?”, frage ich darauf hin. Ich versuchte mein Interesse zu verschleiern, denn obwohl er ein ziemlicher Arsch seit der Aufnahme im Verein ist, war unsere gemeinsame Zeit in Deutschland was wirklich Besonderes. Ich vermisse es wirklich, wie viel Mühe er sich gegeben hat, wenn ich mal wieder schlechte Laune hatte am Hof. Doch sein Ego hat es nicht verkraftet, dass wir beide gut genug sind, um den Hof zu vertreten im Verein.
      “Alles gut”, flüstert Ju mir zu, der vor mir auf Amnesia sitzt.
      “Ja, alles gut.”, antworte ich und meine Hänge wandern hoch zu einer Brust. Vorsichtig drücke ich mich an ihn heran. Natürlich spüre ich, dass sein Körper sich direkt entspannt.
      “Ach, der hat ziemliche Kopfschmerzen und irgendwas ist mit seiner Mutter”, antwortet dann Milena. Ich gehe nicht weiter drauf ein und versuche mich auf das hier und jetzt zu konzentrieren.
      Am Wasser angekommen, nutzt Ju meine Unaufmerksamkeit und schubst mich rein.
      “Was stimmt mit dir nicht?”, rufe ich ihm wirklich aggressiv zu. Auch er springt nun rein und taucht vor mir wieder auf.
      “Man, ich hatte mein Handy noch in der Tasche”, sage ich dann verärgert.
      “Jetzt mach’ dir mal keine Gedanken.” antwortet er und guckt sich das Modell an.
      “Das iPhone 11 pro kann bis zu 4 Meter tief ins Wasser für maximal 30 Minuten am Stück”, erklärt er und nimmt es mir ab. Kurz verlässt er das Wasser, zieht seine Schuhe und das Shirt aus. An einem Baum legt er die ganzen Sachen hin. Ich folge ihm, um auch dort meine vollkommen in Wasser getränkten Reitschuhe hinzustellen. Hoffentlich sind sie wieder trocken, wenn wir zurückgehen.

      Samu
      Während die ersten schon schneller im Wasser lagen, als ihnen lieb war, rutsche ich vom Rücken meiner Stute runter und legte meine Schuhe am Ufer ab. Mein Seepferdchen konnte es sich nicht nehmen lassen Jace und seiner Stute einfach in Wasser zu folgen und sich natürlich erst einmal reinzulegen. So brav wie Sally auch war, manchmal war sie einfach eine Knalltüte.
      Smoothie die eigentlich mit Lina am Ufer wartete, bis Niklas seine Schuhe und sein Handy beiseite legte, fühlte sich scheinbar von Selection animiert und begann im flachen Wasser zu planschen, sodass alles in ihre Umgebung nass wurde.
      “Na, du bist ja ein Spielkind”, sagte Lina lachend und ließ sie Stute weiter ins Wasser treten.
      “Also Jace, ich finde du bis noch viel zu trocken”, rief ich und ging ins Wasser, um diesen Zustand zu ändern. Mein Pferd dachte sich scheinbar dasselbe, denn Sally stand gerade prusten wieder auf und schüttelte sich. Kurz drauf hatte ich ihn auch schon erreicht und schubste ihn von seinem Pferd.

      Lina
      So wie die Schimmelstute im Wasser spielte, erinnerte sie mich stark an Divine, was meine Laune gleich noch ein wenig verbesserte. Der Stute stand das Wasser inzwischen bis zum Bauch und es fehlte nicht mehr viel, bis sie schwimmen würde. Da ich durch ihre Planscherei schon nass war, sparte ich es mir Schuhe und Hose auszuziehen und ließ die Stute in die Mitte des Flussbetts treten. Sobald sie den Boden unter den Füßen verlor, ließ ich mich von ihrem Rücken gleiten und schwamm neben ihr her. “Na, jetzt kommt doch endlich rein. Seid ihr wasserscheu”, rief ich dem Rest zu, der immer noch am Ufer stand.

      Vriska
      Ich stellte mich zu Niklas ans Ufer. Wasser ist nicht mein Element. Verärgert gucke ich an mir herunter, denn ich hatte als Einzige eine lange Hose an, was nun auch Nik vernommen hatte.
      “Du kannst die auch ausziehen. Dir guckt schon keiner was ab”, sagte er belustigt.
      “Ne, ne alles gut”, lenkte ich ab. Natürlich war nichts gut. Ich hasse es, wenn Kleidung förmlich an mir klebt und sich noch enger anfühlt.
      “Komm, du kannst meine Hose haben, wenn du willst. Oder besser sagt, die Hose von Ju. Ich habe noch eine Boxershorts drunter”, bot er mir dann an. Kurz musste ich drüber nachdenken aber stimmte dann zu. Er zog sich provokant seine Hose runter, jedoch etwas zu harsch und plötzlich stand Niklas mit herunter gezogenen Hosen vor mir. Milena hatte offenbar recht gehabt. Doch um es ihm nicht noch schwieriger zu machen, drehte ich mich schnell um, eh sich seine Shorts wieder hochgezogen hatte.
      “Spart es euch doch bitte für zu Hause auf”, rief Anna nun sehr eklig zu, dass auch Lina darauf aufmerksam wurde.
      Keiner von uns Beiden ging auf ihr Kommentar ein, stattdessen drückte er mir die kurze Hose in die Hand und ich verschwand im Busch.
      “Es muss dir doch nicht peinlich sein”, sagte er dann und kommt näher zum Busch, in dem ich mich gerade umziehe.
      “Geh’ weg”, versuche ich ihn zu verscheuchen aber vergeblich.
      “Alles gut?”, frage er dann wehmütig. Es war natürlich klar, dass er unbedingt zu gucken wollte oder was auch immer mal wieder perverses in seinem Kopf los ist.
      “Das ist Geschichte”, versuchte ich das Thema zu beenden. Niklas sagte nichts weiter und schien ziemlich gerührt zu sein. Seitdem es immer mehr Narben wurden, habe ich niemanden mehr meine Beine betrachten lassen und auch im Haus trug ich zu 90 % eine hautfarbene kniefreie Leggings.
      Gemeinsam gingen wir wieder Richtung und ich hielt Niklas am Arm fest.
      “Bitte sei vorsichtig mit ihr. Verletz sie bitte nicht”, ermahnte ich ihn.
      “Ich gebe mein Bestes”, gestand er mir und stürmte ins Wasser. Im Austausch kam Ju mit Amy her.
      “Alles gut? Hat er dich betatscht?”, hinterfragte Ju harsch.
      “Ja, es ist alles gut.”, beruhigte ich ihn dann wieder. Erleichtert atmet er aus und versucht mich wieder aufs Pferd zu ziehen. Spielerisch wehrte ich mich, doch natürlich war er deutlich kräftiger und ich liege im nächsten Moment wie ein Sack Reis über dem Rücken der Stute.

      Lina
      Natürlich war mir die Szene am Ufer eben nicht entgangen. Nach der ersten Irritation stellte sich bei mir erstaunlicherweise eher Neugierde ein. “Sag mal, was läuft da eigentlich zwischen dir und Vriska?”, fragte ich neugierig, denn auch wenn die Situation eben eindeutig sehr seltsam war, ging er mit Vriska so anders um als mit den anderen Mädels aus dem Team. “Also du musst mir auch nicht antworten”, fügte ich noch hinzu, weil ich auf einmal doch sehr unsensibel vorkam.

      Niklas
      “Nej, alles gut. Deine Frage ist schon berechtigt … “, fing ich an zu Lina zu sagen. Normalerweise würde ich nun abwinken, mir irgendwas ausdenken, aber es fühlte sich nicht richtig an. Ungeschickt warf ich immer wieder einen Blick zu ihr und Ju ans Ufer, die aber Beide lachend sich unterhielten.
      “Eigentlich würde ich jetzt sagen wollen, dass ich nur gucken möchte, ob sie für diesen Moment die richtige für Ju ist. Aber das wäre Nonsens. Nog … mehr oder weniger. Ich bin jetzt ehrlich zu dir. Es ist als würden wir beide ein Spiel miteinander spielen, in dem wir gegenseitig testen, wie weit der andere geht, ohne irgendetwas davon wirklich ernst zu meinen. Mir macht es einfach unglaublich Spaß andere … du weißt schon. Aber mit dir ist das anders. Ich. Ich spiele mit dir nicht.”, versuchte ich nun mein Verhalten zu verteidigen, was mir deutlich schwerer fiel als ich dachte.
      “Sie ist verschlossen, sucht nach Aufmerksamkeit und hauptsächlich nach jemanden, der auf sie achtet. Jemanden, der ihr hilft das Gepäck zu tragen. Krampfhaft schreit sie innerlich danach. Und … wie sage ich das jetzt. Vriska gibt mir das Gefühl, dass ich ihr helfen soll und mit jeder Kleinigkeit, die ich mache, scheint es besser zu werden. Es ist als würde ich sie psychisch Befriedigen und das schwimmt auf mich über.”, spreche ich weiter. Mittlerweile klingt es schwachsinnig was ich erzähle und hoffe, dass Lina das reicht.

      Lina
      Da war es wieder, das Gefühl, dass da mehr hinter steckte als der coole Macho, den Niklas nach außen hin gibt. Je mehr ich ihn kennenlernte, umso mehr verstand ich sein Verhalten. “Mit dir hat sie einen guten Gepäckträger”, antworte ich nachdenklich, weil ich nicht wusste, was ich sonst sagen sollte.
      Smoothie, deren Gegenwart ich schon fast vergessen hatte, pruste mir auf einmal in den Nacken.
      “Na, du was willst du denn Jetzt”, fragte ich die Stute und drehte sich zu ihr um. Grob schubste ich die Stute an, sodass ich fast umfiel.

      Niklas
      Geschickt fing ich Lina auf und setzte sie kurzerhand zurück auf den Rücken meiner Stute.
      “Bevor wir uns falsch verstehen. Ich möchte auf keinen Fall ihr Gepäck tragen. Es ist eher … ich genieße jeden Moment, in dem sie danach bettelt, dass ich ihr helfe”, gebe ich zu und fühle mich nicht wirklich wohl damit. Von hinten höre ich jemand durchs Wasser patschen, nervös drehe ich mich um. Vriska und Ju kommen dazu. Ich spüre wie das Blut in meinen Kopf hochsteigt. Hoffentlich hat es keiner gehört.
      “Du, komm’ mal mit”, sagt Ju zu mir, ich entschuldige mich kurz Lina. Vriska bleibt bei ihr.
      “Was los?”
      “Vriska hat es nicht mitbekommen, aber ich weiß ganz genau worüber du mit Lina gesprochen hast. Bitte. Bitte, versau es mir nicht. Nicht schon wieder”, fleht er mich förmlich an. Natürlich weiß er darüber Bescheid.
      “Mach’ dir keine Gedanken, ich werde versuchen sie nicht weiter zu provozieren und zu schikanieren.”, beruhige ich ihn.
      “Danke, aber bitte lass deine sadistische Ader nicht an ihr aus”, fügt er noch hinzu eh Ju sich wieder Vriska widmet.

      Lina
      Na, toll. Natürlich hatte ich es mal wieder geschafft, in das einzige Fettnäpfchen weit und breitzutreten. “Sag mal Vriska, Niklas hat erzählt du hättest Glymur gekauft. Wie hast du das eigentlich finanziert?”, fragte ich um das Gespräch auf ein hoffentlich sicheres Terrain zu lenken.
      “Ähm … Da scheint Nik was falsch verstanden zu haben. Er gehört mich nicht komplett. Also Tyrell und Bruce haben mir ihn geschenkt, da ich nun seit knapp 2 Jahren zur Familie gehöre und wirklich viel gearbeitet habe. Besonders am Anfang noch auf freiwilliger Basis, ohne Geld dafür zu bekommen. Jedoch ist das eigentlich gar nicht so ausschlaggebend. Sagen wir es mal so. Mein Vater hat eine große Firma in England und jedes Jahr bekomme ich eine Gewinnausschüttung, weil mit 5 % gehören, deswegen habe ich eigentlich keine Sorgen in diese Richtung. Aber ich lebe sehr verschwenderisch …”, erzählt sie mir offen und verschluckt die letzten Worte. Na herzlichen Glückwunsch, da hatte ich scheinbar gleich das nächste Fettnäpfchen gefunden. “oh, ich wollte jetzt nicht … “, stammelte ich etwas verlegen. Irgendwie war ich heute scheinbar der Elefant im Porzellanladen. Ein wenig verlegen, spielte ich mit der Mähne der Stute und war ein wenig erleichtert, als ich sah, dass die Jungs wieder zu uns kamen.

      Niklas
      “Willst du ihn noch mal sehen, oder warum guckst du so interessiert?”, frage ich Vriska provokant.
      “Nein, ich verzichte aber danke für die Nachfrage”, antwortet sie und Ju guckt böse zu mir. Natürlich was es wieder genau das worüber wir gesprochen hatten. Ich hielt es für das richtige mit Lina etwas abseits von den anderen zu gehen. Neugierig folgt mir meine Stute, auf der sie noch immer saß. Auf dem Weg blieben wir bei Samu stehen, der noch immer nicht zu glauben scheint, dass ich es nur gut meine mit ihr. Das, was in mir brodelt, ist anderes. Es fühlt sich so nahbar an, echt. Jedoch ist es zu früh darüber zu sprechen, schließlich verbindet uns bisher nur das reiten.
      “Pass gut auf sie auf, sonst hast du hier keinen Spaß mehr”, sagte er zu mir und warf mir einen kritischen Blick zu.
      “Ich gebe mein Bestes”, gab ich zu und führte sie weiter. Etwas Abseits steig Lina von meiner Stute ab und setzte sich in die Sonne, während Smoothie weiter im Wasser spielte.
      “Bedrückt dich etwas?”, fragte ich sie dann. Lina ist still geworden und scheint sich über irgendetwas Gedanken zu machen. Irgendwie macht es mich unsicher, sie so zu sehen. Genauso blöd finde ich, dass alle nur schlechtes in mir sehen.

      Lina
      “Irgendwie scheine ich aktuell einfach alles falsch zu machen”, sagte ich und ließ mich auf den warmen Sand sinken. “Es ist so viel passiert in den letzten Monaten”, fügte ich hinzu. “Ich dachte gerade, dass ich mein Leben in den Griff bekomme und dann scheint einfach alles einzustürzen”, begann ich zu reden. Es war schon seltsam, dass ich gerade dabei war, einem Mann, den ich gerade einmal vier Tage kannte, alles zu offenbaren, aber irgendwie fühlte es sich richtig an. Vielleicht gerade, weil ich ihn kaum kannte. “Naja, damit du das ganz verstehen kannst, muss ich ganz vorne Beginnen, in meiner Kindheit. Unsere Mutter hat meine Familie und mich verlassen, als ich noch sehr klein war, ist mit irgend so einem Typen durchgebrannt. Von heute auf Morgen stand mein Vater mit drei kleinen Kindern allein da. Somit zogen meine älteren Geschwister und ich zu meiner Tante. Mein Vater war nicht viel Zuhause, ständig auf Geschäftsreise. Er hat uns zwar geliebt, ist aber nie darüber hinweggekommen, dass seine Frau ihn verlassen hat. Das heißt soviel wie, auch wenn er Zuhause war, haben wir ihn nur selten zu Gesicht bekommen. So kam es, dass ich meine Zeit hauptsächlich mit meiner Tante im Stall verbrachte. Sie hatte einen Kutschbetrieb, so kam ich zu den Pferden. Und natürlich gab es für mich auch ein ganz besonderes Pferd. Vijami kannte ich, seit er ein Fohlen ist wir sind zusammen aufgewachsen und irgendwann zusammen über die Wiesen gefetzt, aber zu ihm später mehr. Mein Bruder ist, sobald er konnte ausgezogen, sodass nur noch meine Schwester und ich übrig waren. Mein Vater hat sich nämlich irgendwann eine neue Familie gesucht und uns gemieden. Naja und an meinem 12. Geburtstag passierte es”. Ich musste einen Moment innehalten, von diesem Unfall hatte ich bisher fast niemandem erzähl und es fiel mir immer wieder schwer darüber zu sprechen. Meine Kehle wurde eng und ich wusste, hörte ich jetzt auf zu sprechen würde ich vermutlich daran erstickte. Niklas setze sich vor mir und griff nach meinen Händen. Also sprach ich mit einem Beben in der Stimme weiter “Meine Tante wollte mich Überraschen. Sie hatte Vijami angeschirrt und hübsch gemacht, denn sie wollte ihn mir schenken. Sie warteten draußen vor dem Hof auf der Straße, während meine Schwester mich holte. Eine der Angestellten meiner Tante, kam gerade mit einem der Jungpferde von einer Trainingsfahrt zurück, als ein LKW laut hupend vorbeiratterte. Da Jungpferd erschrak und rannte panisch los, die beiden Kutschen trafen aufeinander und ich musste mit ansehen, wie sich die Deichsel durch Vijamis Brust bohrte und meine Tante durch die Luft flog”, ich hielt einen Moment inne, um noch einmal tief Luft zu holen. “Beide Menschen und beide Pferde starben bei dem Unfall. Meine Tante war unsere letzte wirkliche Bezugsperson gewesen. Mein sogenannter Vater schickte uns einfach auf ein Internat in der Stadt, statt sich um uns zu kümmern. Nie wieder, hatte ich mir geschworen, wollte ich etwas mit ihm zu tun haben. Er hatte seine eigenen Kinder einfach im Stich gelassen. Naja, so kam es dann, dass ich nach der Schule auswanderte und hier herkam”.
      Ich blickte Niklas einen Moment lang an wie er einfach nur dasaß und zuhörte, bevor ich weitersprach. “Naja, du fragst die jetzt bestimmt, was das mit hier und heute zu tun hat. Lange Zeit war ich hier sehr glücklich und dachte zu mindesten, ich habe mein Leben im Griff, doch dann kam das HMJ. Durch die ganze mediale Aufmerksamkeit fiel meinem Vater scheinbar doch ein, dass er noch andere Kinder hatte und hat sich gemeldet. Ich habe ihm bis heute noch nicht geantwortet, weil ich nicht weiß, ob ich ihm das jemals verzeihen kann.
      Und noch etwas, Divine ist Vijami unheimlich ähnlich. Nicht äußerlich, denn ein Finnpferd hat relativ wenig mit einem Freiberger gemeinsam, aber sein Charakter. Das mag jetzt vielleicht absolut bescheuert klingen, aber manchmal habe ich das Gefühl Divine ist die Wiedergeburt von Vijami. Aber zurück zum eigentlichen Punkt: An dem Abend, wo ich mit Divine ankam, hatte ich dann einen kleinen Nervenzusammenbruch und den Rest der Geschichte kennst du schon”, endete ich kaum hörbar. Eine Träne löste sich aus meinem Augenwinkel und tropfe vor mir in den Sand.

      Niklas
      Gespannt lauschte ich der wirklich lange Geschichte, die mir Lina da erzählte. Viele Dinge schossen mir durch den Kopf und eigentlich wollte ich ihr gern helfen, doch mir fiel natürlich nichts ein. Vielleicht könnte ich sie mit irgendwas aus meinem Leben aufmuntern, aber ich wollte natürlich ihre Geschichte nicht weniger wertig machen. Deshalb entschied ich das einzige Mittel zu nehmen, dass ich habe - lange Arme und einen breiten Oberkörper. Ohne sie zu erdrücken, zog ich sie an mich. Ich hörte die Kleine schluchzen. Auch ich musste mich zusammenreißen nicht mitzuweinen.
      “Weißt du, ich kann gerade nichts Aufmunterndes sagen, ich kann nur für dich da sein. Aus eigener Erfahrung weiß ich, das Sätze wie ‘das wird schon wieder’ oder ‘du schaffst das’ nicht wirklich das mit bringen, was man von ihnen erwartet.”, fing ich an mit ihr zu reden.
      “Aber ich kann dir sagen, dass ich ansatzweise nachempfinden kann, wie es dir jetzt gerade geht. Ich hatte vorhin in der Dusche wieder mal einen Break down mit Flashbacks zu der Scheune meines Onkels.”, ich stoppte. Mit feuchten Augen blicke in den Himmel und atme mehrfach tief ein und wieder aus. Dann entschied ich, Lina die Zeit zu geben, die sie gerade braucht.

      Milena
      “Denkst du wirklich, dass das eine gute Idee ist”, fragte ich noch einmal Anna, die mir gestern einen Plan verriet, in dem sie Niklas das Leben zur Hölle machen will.
      “Ja, zu 100 %. Du weißt doch selbst wie er ist und ich habe das nun mehr als 8 Monate mit mir machen lassen, weil ich es für das richtige hielt. Bis ich dich traf.”, sagte sie verliebt zu mir. Ich nickte ihr zustimmend zu. Tausende von Gedanken schwirren durch meinen Kopf, weil ein Teil davon ist, Ju die Wahrheit zu verraten. Gerade dieser Teil beängstigt mich. Was geht mir die Beziehung der beiden Männer etwas an, schließlich langen diese Dinge in der Vergangenheit aber Anna war getrieben von ihrer Rachsucht.
      “Lass und doch erstmal etwas Spaß mit den Pferden haben”, versuchte ich sie ein wenig abzulenken, doch Anna war nicht zu bremsen. Im Trab ritt sie zu Ju und Vriska, die gerade andere Dinge im Kopf hatten.
      “Ju, können wir kurz sprechen?”, fragte sie kurz. Er nickte und zu dritt entfernten wir uns von Vriska, die uns verwirrt nachschaute.

      Ju
      Etwas verwundert folgte ich den beiden Mädels, ohne wirklich zu verstehen, weshalb sie mit mir sprechen wollten.
      “Weißt du noch, was wir uns kennengelernt haben?”, fragte sie dann, ohne wirklich die richtigen Worte zu suchen. Vriska weiß natürlich nicht, dass ich Niklas und Anna damals einander vorstellte. Vor allem weiß sie auch nicht, dass wir damals ein Paar waren. Milena wurde offenbar schon eingeweiht und unterstützte sie bei unserem Gespräch.
      “Natürlich erinnere mich noch daran. Es war schließlich eine schöne Zeit”, erinnerte ich mich zurück.
      “Da hast du recht. Aber weißt du, Niklas war in der Zeit nicht wirklich begeistert davon. Als du uns einander vorgestellt hast, war ich erst ziemlich unsicher, ob ich wirklich mit dem besten Freund meines Freundes Kontakt haben sollte. Jedoch erschien es mir eine gute Möglichkeit zu sein, dass wir beide uns besser kennenlernen können. Niklas schien allerdings anderes in seinem Erbsenhirn zu haben. Ungefähr nach zwei Wochen rief er mich jeden Tag an. Anfangs unterhielten wir uns viel über dich und mich, was ich mit dir machen könnte. Sowas halt. Irgendwann wurde jedoch daraus, woran Nik gerade denkt, was er gern mit mir machen wollte. Das faszinierte mich und ich entschied eines Nachts zu ihm zu fahren.”, erzählte sie offen, teilweise beschämt.
      “Und was willst du mir damit nun sagen?”, frage ich sie trocken.
      “Niklas hat es nicht ausgehalten, dass du jemanden kennenlernst und er alleine da steht”, versuchte Anna mich nun davon überzeugen, dass es eine große Verschwörung ist.
      “Anna bist du wirklich so naiv und denkst, dass Niklas und ich nie miteinander sprechen? Ich kenne diese Version schon. War’s das?”, fragte ich sie dann genervt. Schockierte gucke sie mir nach, als ich zurück zu Vriska gehe. Natürlich wusste ich nur Teile davon, aber ich wollte nicht das sie die Freundschaft kaputt machte. Bruder vor Luder oder so.

      Milena
      Offenbar schien der erste Teil des Plans schon mal nicht aufzugehen und ich versuchte Anna nun noch das was folgen sollte, auszureden. Doch wie besessen machte sie sich nun auf den Weg zu Jace und nur mit Mühe konnte ich ihr und Blávör auf Snúra folgen. Vielleicht war es doch nicht so das Richtige mit ihr.
      Als ich bei Jace ankam, war Anna bereits dabei ausgewählte Teile ihrer Beziehung zu erzählen. Geschichten, in denen Niklas sich bei irgendeiner Party abgeschossen hatte und mit irgendjemanden im Badezimmer wiederfand. Geschichten, in denen er wahllos auf Anna losgeht, sie für irgendwas beschuldigt und teilweise mit der Hand ausholt. Alles das, was man aus irgendwelchen Talkshows kennt. Jedoch zweifle ich langsam daran, ob das alles der Wahrheit entspricht. In Jace kochte es bereits und als Anna ihm nun noch sagte, dass sie genau weiß, dass Lina nur eine weitere auf seiner Liste ist, stieg er aus. Gedanklich. Aus Angst erzählte sie ihm das ganze, weil sie nicht wollte, dass noch jemand leiden musste.

      Samu
      Etwas verwundert beobachtete ich wie Anna und Melina zu Jace rübergingen, nachdem sie mit Ju geredet hatte. Keine Ahnung was sie ihm erzählten, aber ich konnte erkennen, das es nichts Gutes in ihm heraufbeschwor. Er schien förmlich größer zu werden, als er wütend begann loszustampfen. Nein, da konnte nichts Gutes bedeuten. Er war schon halb bei Lina und Niklas angekommen und das Bild, was sich bot, würde ihn definitiv nicht beruhigen, denn Lina lag schluchzend in seinen Armen. Eilig sprang ich vom Rücken meiner Stute, um ihm zu folgen.
      “Was bist du nur für ein Scheißkerl”, schreit er Niklas an. Jace kochte vor Wut, da konnte jeder sehen. Niklas sah zu ihm hoch und schob ich gleichen Moment Lina hinter sich.
      Jace stand nun genau vor ihm und blickte ihn scharf in die Augen. “Deine Ex hat mir alles erzählt”, zischte er ihn wütend an und hob den Arm mit geballte Faust.
      “Nein, Jace tu das nicht”, rief ich und legte noch mal an Tempo zu… Doch bevor ich ihn erreichen konnte, landete seine Faust in Niklas Gesicht.

      Niklas
      Das hatte ich nicht kommen sehen. Noch bevor ist realisierte, dass Jace mir gerade mit voller Wucht die Nase zertrümmert hat, merkte ich, wie das Blut herunterläuft.
      “Alter was stimmt mit dir nicht?”, fragte ich geplagt durch Schmerzen. Mittlerweile hatte sich eine Traube um uns herum gebildet und Lina schreckhaft aufgestanden.
      “Vielleicht solltest du DICH lieber fragen, was mit dir nicht stimmt. Was du Anna angetan hast, machst du nicht mit Lina”, schrie er mich an und wollte ein weiters mal ausholen, doch Samu der sich inzwischen durch die Leute gequetscht hatte, stellte sich dazwischen. “Jetzt halt mal die Luft an Jace”, sagte er in einem scharfen Ton. “Nein, Samu geh mir aus dem Weg. Das verdient dieser Bastard”, erweiterte er und versuchte an dem Finnen vorbeizukommen.
      “Junge, wie wäre es denn, wenn du mich vorher fragst und einer gerade 18-Jährigen nicht direkt glaubst. Die kommt halt einfach nicht klar, dass ich keine Lust mehr hatte auf ihren Kindergarten.”, versuchte ich mich zu verteidigen, auch wenn es mir gerade wirklich egal ist. Ich merkte nur noch wie mir schwarz vor den Augen wurde und nach hinten wegkippte.

      Ju
      “Großartige Leistung, Jace. Bist du stolz auf dich?”, pampte ich ihn nun auch noch an.
      “Macht euch mal nicht in die Hose. Er wird an einer gebrochenen Nase schon nicht sterben”, sagte er immer noch wütend.
      “Könnte den mal bitte jemand entfernen? Tack”, rief ich in die Runde und Samu versuchte so gut er konnte, den Kerl von hier wegzubringen.


      © Mohikanerin, Wolfszeit | 99.353 Zeichen

    • Mohikanerin
      Nationalteam V | 11. März 2021
      HMJ Divine // Fanya HMJ 7469 // Legolas // WHC’Avahni // PFS’ Arctic Tiger // Jora
      Glymur // St. Pauli’s Amnesia // Blávör // Satz des Pythagoras


      Niklas war zur Kontrolle im Krankenhaus aber konnte noch am gleichen Tag zurück. Natürlich gab es für Jace aber auch Anna ein Gespräch.

      Jace
      Natürlich hatte es eine ordentliche Standpauke gegeben. “Schöne scheiße”, murmelte ich vor mich hin. Nach dem Gespräch hatte ich mich draußen auf den Hof gesetzte. Ich war nicht verwundert, dass ich ganz allein hier saß. So im Nachhinein betrachtet hatte ich überreagiert. Dennoch hatte Niklas das verdient, vor allen, wenn das stimmte, was Anna erzählt hatte. Aber was hatte er gesagt, dass er kein Bock auf ihren Kindergarten hatte. Irgendwie konnte ich da nicht ganz glaube, pff.
      Und wie er dann noch Lina im Arm hatte, ich könnte Kotzen, das Schrie doch nur so nach Verführung. Warum sah das eigentlich keiner außer mir, waren die alle so blind?

      Niklas
      Meine Nase war gebrochen und ein Teil meines Wangenknochens angerissen. Jedoch konnten die Ärzte nicht viel machen, außer die Nase zu richten. Auch wenn es nicht unbedingt die beste Aktion von Jace war, konnte ich die Reaktion nachvollziehen. Um ihn nicht noch mehr in die Scheiße zu reiten, entschied ich mich dazu das Gespräch zu suchen und klopfte an sein Zimmer. Samu hatte mir gezeigt, wo ich genau hinmuss, wollte mich aber davon abbringen. Dafür habe allerdings einen zu großen Dickschädel.
      “Bevor du was sagst oder mich wegschickst, wollte ich dir nur Bescheid sagen, dass ich im Krankenhaus gesagt habe, dass mich ein Pferd getreten hat. Schließlich muss Körperverletzung angezeigt werden. Ob ich will oder nicht.”, sagte ich zu ihm.
      “Danke, womit habe ich die Ehre verdient”, sagte ich zynisch.
      “Ich hatte keine Lust dich da mit hereinzuziehen, nur weil Anna dir mal wieder die halbe Wahrheit erzählt hat. Interessiert es dich oder soll ich gehen?”, fragte ich ihn.
      “Mmm, würde mich mal schon interessieren”, brummte ich.
      “Okay”, sagte ich, betritt den Raum und schloss die Tür hinter mir.
      “Ich weiß natürlich nicht genau, was sie dir erzählt hat, aber ich mache einen Rundumschlag. Also Ju hatte sie mir vorgestellt aber aus verschiedenen Gründen hat es halt nicht funktioniert. Vermutlich hing das auch mit mir zusammen, weil Anna und ich viel miteinander telefoniert hatten. Darum geht es aber nicht wirklich. Ju und ich sind cool damit, wir haben mehrfach drüber gesprochen. So worauf ich aber hinauswill.”, fing ich an zu sprechen. Natürlich merkte ich, wie wild ich versuchte die richtigen Worte zu finden, um ihn nicht wieder zu provozieren, da mir das mit Lina bisher wirklich war.
      “Also, ich war ungefähr 8 Monate mit ihr zusammen und … vor 3 Monaten wurde sie 18.”, machte ich vorsichtig weiter.
      “Ja, und was hat das jetzt damit zu tun?”, fragte Jace ein wenig irritiert. Kurz musste ich an seinem Verstand zweifeln, aber fuhr fort.
      “Junge, ich bin 26. So und genau aus dem Grund haben wir uns darauf geeinigt, solange eine offene Beziehung zu führen. Sprich, wir sind zwar zusammen auf Partys gegangen, aber wenn ich jemanden ansprechend fand, dann lief da auch was über Nacht. Das galt auch für sie. Ihre Eifersucht wurde aber immer schlimmer, sie dachte sich jede Woche neue Dinge aus mit den sie mich erpresst. Irgendwann wurde es mir zu viel und begann, Abstand zu nehmen. Deswegen bin ich froh, dass Milena sie jetzt an der Backe hat.”, sprach ich zu Ende und stellt mich an die Tür.

      Jace
      “Oh, da hat Anna aber ein paar Details ausgelassen”, sagte ich. “So betrachtet, hast es nicht verdient. Tut mir leid, manchmal habe ich mich nicht so ganz unter Kontrolle”, versucht ich mich zu entschuldigen. “Aber weißt du, wenn es um Menschen geht, die mir nahestehen, reagiere ich manchmal ein wenig über”, erklärte ich noch.

      Niklas
      “Alles cool. Du bist nicht der Erste, der mir die Fresse poliert hat”, antwortete ich ihm und machte mich auf die Suche nach Lina, um Bescheid zu sagen, dass alles gut ist. Noch nicht lange bin ich zurück aus dem Krankenhaus und wichtiger war mir erst mal, dass mit Jace zu klären. Es scheint mehr oder weniger gut funktioniert zu haben. Ich guckte noch mal zur Sicherheit auf die Uhr. Es ist noch Zeit, bis die Theorie beginnt.
      “Lina, bist du da?”, rief ich in den Stall. Natürlich antwortete sie nicht, aber aus ihrer Geschichte wusste ich, dass sie nur bei Divine sein kann. Von Vriska wusste ich, wo der Hengst steht und ich machte mich auf die Suche. Von weiten sehe ich den Po des Hengstes und seinen Hals nach unten gestreckt hat. Vorsichtig trat ich an die Box und blickte herunter zu Lina, die in der Box bei ihrem Pferd saß.
      “Ich kann verstehen, warum du so gern bei ihm bist. Er strahlt so eine Ruhe aus, eine Gelassenheit, die nicht leicht zu beschreiben ist”, sagte ich zu ihr. Neugierig drehte er sich zu mir und knuspert vorsichtig an meinem Hemd. An meinem weißen Hemd. Ich guckte mir den Fleck genauer an. Bevor es in den Saal geht, müsste ich noch mal das Oberteil wechseln.

      Lina
      “Weißt du, für mich sind Pferde wie göttliche Spiegel, sie reflektieren alle Gefühle. Und er ist da irgendwie besonders”, antworte Niklas und strich den Hengst durch die Mähne. “Ja, dass solltest du definitiv”, sagte ich mit einem Blick auf sein Shirt. Ich für meinen Teil hatte mir etwas Trockenes angezogen. “Na, komm”, sagte er und reicht mir seine Hand, um mir aufzuhelfen. “Ich würde mir was anderes anziehen wollen, kommst du mit? Danach wäre etwas essen sicher nicht schlecht, oder hast du mittlerweile was anderes gegessen als das Eis?”, fügte er freundlich hinzu. “Mmm, nein. Essen klingt nach einer guten Idee”, antworte ich ihm. “Gute Nacht, mein kleiner Prinz “wandte ich mich an mein Pferd, bevor ich Niklas aus der Box folgte.

      Niklas
      “Ich habe mit Jace gesprochen.”, tastete ich mich vorsichtig an das Thema heran. Mit einem prüfenden Blick guckte ich zu ihr. “Ja, und hat er sein Hirn wiedergefunden?”, fragte sie ein wenig grimmig. “Mehr oder weniger. Im Krankenhaus habe ich gesagt, dass ich vom Pferd getreten wurde, damit er keine Anzeige bekommt. Das empfand ich nicht als fair, schließlich hatte Anna ihn angestachelt. Dann habe ich ihm noch meine Version davon erzählt, was mit ihr abgelaufen ist. Ich weiß allerdings nicht so ganz, wie das hier bei euch ist, denn er hatte nicht ganz so richtig verstanden, worauf ich hinauswollte, schließlich waren wir knapp 8 Monaten zusammen und erst vor 3 wurde sie volljährig. Also naja”, versuchte ich das ganze normal klingen zu lassen. Auf der einen Seite wollte ich ehrlich sein zu Lina, auf der anderen aber sie auch nicht verunsichern. “Und deswegen war sie so … grumpy. Ich wollte vorher nicht mit ihr schlafen und wir hatten uns auf etwas Offenes geeinigt”, fügte ich vorsichtshalber hinzu. “Wow, und deshalb hat sie Jace dazu angestachelt dich zu schlagen? Nur weil sie Eifersüchtig war, auf etwas, was abgesprochen war? Das ist ganz schön verrückt”, kommentierte sie.
      “Offenbar, ja. Allerdings wollte sie auch unbedingt, nun”, sagte ich und nahm beide verbildlichend an die Lenden. “Aber das war mir zu riskant. Auch wenn ich nicht so. Nog, lassen wir das”, lenkte ich ein.
      Als ich den Raum betrat, guckte ich mich etwas paranoid um. Keiner da. Von Ju lag Zettel auf dem Tisch “Jag sitter i middagen. (Ich bin am Abendessen)”, las ich. Tatsächlich hatte er sich Mühe gegeben beim Schreiben, schließlich konnte man die Worte voneinander unterscheiden. Unsicher stand Lina noch immer vor der Tür. Als nahm ich ihre Hand und brachte sie zu meinem Bett. Das Zimmer war im Vergleich zu heute früh nicht nur sauberer, sondern sogar ordentlich. Demonstrativ stellte ich mich vor sie und zog mein Shirt über den Kopf herunter, jedoch ziemlich ungeschickt. Den Kragen des Poloshirts hatte ich vergessen aufzuknöpfen und bei dem Zug kam ich an meine Verletzung. Das war dann wohl nichts mit sexy ausziehen.

      Lina
      “Also wenn du im Zirkus anfangen willst, kannst du so weiter machen”, sagte ich lachend. Das war definitiv nicht die erwünschte Reaktion gewesen, da war ich mir sicher. Natürlich hatte ich auch gemerkt, dass das Zimmer kein Vergleich zu heute Morgen war. Ju musste ein echt guter Freund sein, denn ich war mich ziemlich sicher, dass Niklas nicht selbst aufgeräumt hatte. Doch ich konnte nicht lang das Zimmer bewundern, denn Niklas zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich ließ meinen Blick über seine Körper wandern und erst jetzt registrierte ich seine Tattoos. “Hübsche Körperkunst hast du da”, sagte ich und beobachte fasziniert wie sich die Muskeln unter der tätowierten Haut bewegten.
      “Ja, die sind aus dem Knast”, sagte er mit ernster Miene und fing an zu lachen.
      “Das ist natürlich ein Scherz. Bei jedem Turnier lasse ich mir Eins stechen, so als Erinnerung. Dabei ist nicht relevant, ob ich einen Platz belegt habe und wie gut dieser war. Allerdings … hier diese Karte, da habe ich nur den zweiten Platz mit ihr belegt.”, zeigte es mir an seinem Unterarm. “Da ist eine echt coole Tradition”, sage ich und fahre mit meinen Fingern fasziniert die Umrisse des Motivs entlang. “Ich habe ja viel zu viel Schiss vor so was. Tut das nicht weh?”, fragte ich und blickte zu ihm hoch.
      “Ach es geht. Was dein kleiner eifersüchtiger Freund mit meinem Gesicht fabriziert hat, schmerzt eindeutig mehr.”, begann er zu erklären. “Wenn du willst, können wir ja zusammen zum Studio. Ich habe hier in der Nähe in einigen Tagen ein Termin.”, fügte Niklas noch hinzu. “Da würde ich gerne mit gehen”, hatte mein Mund dann auch schon schnelle ausgesprochen, als dass ich drüber nachdenken konnte. “Und das tut mir echt leid, was Jace mit deinem Gesicht veranstaltet hat, mich gibt es scheinbar nicht ohne Chaos”, fügte ich noch hinzu.
      Ein Magengrummeln erinnerte mich auf einmal daran, dass ich seit heute Morgen, noch nichts außer einem Eis zu mir genommen hatte. “Ich glaube allerdings, jetzt sollten wir erst mal zum Essen gehen”, kommentierte ich das Geräusch.

      Niklas
      Ich ging in die Knie, um mit ihr auf Augenhöhe sein zu können, legte meine Hänge auf ihre Oberschenkel und begann zu sprechen: “Kleines, du kannst doch nicht ansatzweise dafür, dass Chaos um dich herum ist. Das, was du gerade erlebst, sind nur die Ausläufe der Pubertät. Zudem haben wir alle dieses Chaos. Ich mein, guck dir mich an. Anfangs warst du nicht mal in der Lage meine kleinen Sticheleien wertlos entgegenzunehmen und jetzt kannst du deine Blicke nur schwer von meinem Oberkörper abwenden. Da könnte ich mich natürlich auch hinsetzen und fragen ‘Warum gucken mich alle immer nur so oberflächlich an?“ stattdessen mache ich mir Gedanken drüber, warum sie denn nicht gucken sollen. Schließlich sehe ich wirklich gut aus”, erklärte ich und stand auf, um meine Muskeln zu präsentieren.
      “Sicher, dass du was essen gehen willst? Dann muss ich mir wieder was drüberziehen.”, stichelte ich etwas weiter herum.
      “Da hast du natürlich recht, schöner Mann, aber ich fürchte, dass ich bald verhungere, wenn wir hier noch länger herumsitzen”, erwiderte sie mit einem lächeln auf dem Gesicht.
      “Naaaaa gut”; knickte ich ein und holte aus meiner Tasche das weiteste Tanktop, dass ich besaß. Wirklich etwas bedeckt, wird mit dem Ding nicht.
      Mit etwas Schwung warf ich sie mir wieder um die Schulter, dann gingen wir gemeinsam zu Saal. Kurz vor der Tür durfte sie die letzten Meter allein laufen. Das Jace mir das Gesicht neu dekoriert hat, war natürlich nicht zu übersehen, aber meine Hoffnung war es, dass der Grund noch nicht alle anwesenden erreicht hat. Beim Betreten sah ich wild eine Hand in der Luft wedeln. “Komm mit”, sagte ich zu Lina und stiefelte zu meinem besten Freund an den Tisch an dem Samu und Vriska ebenfalls saßen.

      Lina
      “Du hast echt schön aufgeräumt”, wandte ich mich an Ju, während ich mich setzte. Samu warf mir einen Blick zu, von dem ich nur genau wusste, was er bedeutet. Er schien noch nicht ganz von Niklas überzeugt zu sein. Ich signalisierte ihm nur, dass alles ok sei und wir später darüber redeten. Immerhin war mein bester Freund zivilisiert genug mich vorher zu fragen, bevor er versucht irgendwen zu schlagen.” Was steht heute eigentlich noch so an”, fragte ich dann in die Runde, weil ich schon wieder vergessen hatte, was Vriska heute Morgen gesagt hatte.
      „Also bevor ich das verrate, möchte wissen, was ihr schon wieder zusammen in unserem Zimmer gemacht habt und ob mein Bett daran beteiligt war“, scherzte Ju.
      „Du hast die letzten zwei Nächte bei mir verbracht und denke das Milena und Anna sicher dein Bett beschmutzten“, fügte Vriska hinzu.
      “Keine Sorge, deinem Bett ist nicht passiert. Niklas wollte nur ein sauberes Shirt anziehen”, beantworte ich Jus Frage und musste ein wenig drüber grinsen. “Außerdem scheinst du ja schon ein neues Bett in Aussicht zu haben”, fügte ich noch ein wenig schelmisch hinzu.

      Niklas
      “Ich weiß ja nicht, ob ich das heute zulasse. Schließlich wollen wir in 10 Jahren heiraten”, scherzte ich noch einmal. Lina und Vriska guckten mich mit dem gleichen Gesichtsausdruck fragend an.
      “Wir haben da so ein Deal, wenn wir in 10 Jahren niemanden passenden gefunden haben, dann heiraten wir. Und deswegen Schatzi müssen wir leider getrennt schlafen. Du weißt ja, kein Sex vor der Ehe und so”, fügte Ju noch hin.
      “Ach und gleich beginnt der Theorieunterricht”, sagte er noch. Dann beobachtete ich Lina, wie sie sich was zum Essen holte. Durch die Schmerzmittel hatte ich nicht wirklich Hunger und wartete deswegen noch ab. Stattdessen merkte ich was ganz anderes, was sicher auch von den Medikamenten kam, denn seit Jahren hatte ich kein Ständer mehr in der Öffentlichkeit gehabt. Geschickt versuchte ich diese zu verstecken, was jedoch bei der Wahl meiner Kleidung nicht so leicht war.
      “Freust du dich schon so sehr darauf?”, wandte sich nun mein bester Freund zu mir.
      “Ja, sieht man doch.”, antwortete ich geschickt und versuchte das Beste daraus zu machen. Kurz kam mir Gedanke jemanden zu fragen, ob er mit mir das Problem beseitigen möchte, doch das wäre unangebracht. Lina würde sicher ablehnen und weiteren Damen das Angebot zu offerieren, würde sie sicher auch nicht so gut finden. Dennoch fiel mir direkt eine Person ein, die ich mit nur wenigen Worten dazu bringen konnte, die schönsten 40 Sekunden ihres Lebens zu haben. Je mehr ich drüber nachdachte, umso mehr spürte ich wie er mehr anschwoll. Verärgert kreuzte ich die Beine übereinander.

      Lina
      Mit einem voll beladenen Teller kehrte ich zum Tisch zurück. “Du willst wirklich nichts essen?”, fragte ich Niklas, doch der lehnte ab. Na gut, wenn er nicht wollte. Ich für meinen Teil hatte einen riesigen Hunger. Wie konnte ich nur den ganzen Tag so herumlaufen und es nicht merken? Ok, doofe Frage es war definitiv nicht das erst mal, dass ich vergaß zu essen. Immerhin war es heute mal nicht mit einer Unterzuckerung geendet, das wäre heute definitiv alles andere als hilfreich gewesen. “Sagt mal, wie lang kennt ihr euch eigentlich schon?”, fragte ich Ju und Niklas neugierig, bevor ich mir einen bissen in den Mund schob. Schließlich hatte ich recht selten so eine gute Männerfreundschaft erlebt.
      “Ich muss mich entschuldigen, bin in 5 bis 10 Minuten wieder da, aber Ju hilft dir dabei gern weiter”, verschwand Niklas schneller als der Wind.
      “Okay, wo waren wir? Ach ja. Wir kennen uns schon ziemlich lange. Gemeinsam sind wir in der gleichen Gemeinde gelebt, die gleiche Grundskola besucht. Doch als Nik hat diese ein Jahr früher beendet und war noch früher fertig mit dem Studentexamen als ich. In der Zeit haben wir uns etwas aus den Augen verloren, doch nach seiner Rückkehr aus dem Ausland, trafen wir uns im Verein wieder. Durch Zufall wurden wir zur gleichen Zeit zugelassen. Nach dem sich Joanna 2018 von ihm getrennt hat, ging es immer weiter mit ihm Bergab und ich bin bis heute sein Fels in der Brandung”, erklärte Ju, als wäre es das normalste auf der Welt. Zwischendurch nahm er etwas von seinem Teller. “Ja, das merkt man”, kommentierte ich Jus letzten Satz. Niklas verschwinden wundere mich zwar ein wenig, aber ich beschloss es nicht weiter zu hinterfragen. “Samu und ich kennen uns auch schon ziemlich lange”, erzählte ich dann. “Und wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht, wo ich heute ohne ihn stehen würde”, fügte ich noch hinzu.
      “Ja, das Internat, das waren nicht unbedingt die einfachsten Zeiten”, sagte Samu, während er an die alten Zeiten zu denken schien. “Damals war noch vieles anders und ich kann euch sagen, wir gehörten damals definitiv nicht zu den coolen Kids”, sagte Samu lachen.
      “Warum?”, fragen Ju nach.
      “Naja, wir waren die Oberstreber. Gerade Lina war kaum vom Lernen abzuhalten gewesen”, fügte mein bester Freund lächelnd hinzu.
      “Dann könnt’ ihr euch ja gleich nach Vorne setzen, wenn Nik wieder da ist”, kommentierte Ju unsere kleine Geschichte.
      “Wo ist der eigentlich hin? Und auf was für einem Internat wart ihr? Bis zum Abschluss war ich auch auf einem. Allerdings würde ich sagen, dass es rundum die beste Zeit meines Lebens war.”, hinterfragte nun Vriska.
      “Auf einem ziemlich guten. Es war auch weniger das Internat, es waren eher die Umstände, die es für mich nicht leicht machten”, antworte ich und hoffte ein wenig, das Vriska nicht weiter nachfragte. Die Umstände wie ich dort gelandet war, waren ein Kapitel was ich gern aussparte.
      “Vriska, um deine Frage zu beantworten, die sich sicher sonst nachher nicht ein schlafen lässt. Er holt aus der Hütte und wird noch Masturbieren.”, antwortete Ju ohne großes Umschweifen. Vriska schien darauf hin, keine Fragen mehr stellen zu wollen und brachte stattdessen ihren Teller weg. Natürlich kam in dem Moment auch Nik wieder.
      “Das ging ja heute schnell, hattest du was im Lesezeichen?”, scherzte sein bester Freund.
      “Nein, tatsächlich nicht”, antwortete Niklas.
      Ich beschloss auf Jus Kommentar nicht weiter einzugehen, schließlich war es vollkommen natürlich, jeder hatte schließlich seine Bedürfnisse.

      Niklas
      Die Vier am Tisch waren tief in einem Gespräch verwickelt, in dem ich mich nicht einmischen wollte. Stattdessen half ich Herrn Holm beim Umstellen der Tische, auch wenn er sich immer wieder absicherte, ob ich wirklich in der Lage dazu bin. Wie gewohnt, setzte ich mich direkt in die erste Reihe und wartete ab, dass es losging. Auch meine Brille hatte ich aufgesetzt, die sonst wirklich meide aufzusetzen.
      “Ich freue mich, dass ihr alle so zahlreich erschienen seid. Gibt es noch Fragen bevor wir mit dem Theorieunterricht beginnen?”, stellte sich Herr Holm vor uns. Niemand sagte etwas.
      “Okay, gut. Wir setzen heute das Thema Feines Reiten fort. Jeder von euch ist gewillt, sein Pferd auf die bestmögliche Art und Weise zu reiten, doch wie sollte das Aussehen? Dafür greifen wir den Gedanken von der letzten Stunde noch einmal ab. Wenn ihr jetzt auf eure Pads guckt, seht ihr ein Zitat. Ihr habt nun fünf bis acht Minuten Zeit euch darüber Gedanken zu machen. Vor allem, weil noch nicht jeder diese Unterrichtseinheit besucht hat. Ach, und an die Lieben vom WHC, setzt euch doch bitte zu jemanden mit Pad, damit ihr auch den Unterricht multimedial Verfolgen könnt’”, sagte er und setzte sich zurück in seinen Stuhl. Leise las ich vor mich her ‘Beginne jede Einheit damit selbst losgelassen zu sein’.

      Lina
      Natürlich setzte ich mich neben Niklas, in der ersten Reihe war natürlich auch noch Platz. Auch wenn ich mich etwas zusammenreißen musste, keinen neckischen Kommentar zu Niklas Brille abzugeben, sorgte der Streber in mir dafür, dass ich mich gleich konzentriert der Aufgabe zu wand.
      “So dann wollen wir mal mit dem Austausch beginnen. Teilt eure Gedanken mit uns”, kündigte Herr Holm nach einer Weile an.
      “Das erste Problem, dass dem ein Hergeht ist, dass vor der Losgelassenheit in der Ausbildungsskala ein Pferd Takt haben sollte. Natürlich ist die Frage, wer war zuerst da, das Huhn oder das Ei? Meiner Meinung nach, sollte ein Pferd erst losgelassen sein, eh man weiter im Training machen kann.”, warf Vriska als Erste in den Raum.
      “Da hast du vollkommen recht, aber ließ den Satz noch einmal genauer. Um wen geht es? Das Pferd oder dem Reiter?”, erwiderte der Trainer der Schweden.
      “Na um den Reiter. Man kann von seinem Pferd keine Losgelassenheit erwarten, wenn man selbst angespannt ist “, antwortete ich.
      “Ganz richtig, Lina. So Niklas, magst du dann den Inhalt der letzten Stunde noch einmal zusammenfassen?”, sprach er nun Niklas an, der neben mir nicht ganz konzentriert war. Stattdessen guckte es sich irgendwas auf seinem Handy an, was ich nicht erkennen konnte.
      “Hm? Ja, kann ich machen. Der Grundgedanke ist es, dass man dem Pferd nicht abverlangen kann, sich zu lösen, wenn man von meinem stressigen oder anstrengenden Tag seinen Gefährten besucht. So beobachtet man häufig eine gewisse Unachtsamkeit auf vielen Höfen. Man muss sich vor Augen führen, dass das Pferd die letzten 20 bis 22 Stunden sein eigenes Leben geführt hat und dann kommt der Mensch, verlangt Höchstleistungen oder sogar noch mehr. Dabei trägt die Person so viel Last auf den eigenen Schultern, die das Pferd auch noch auf sich nehmen soll, va? So kann die beste Ausbildung des Tieres nicht die Fähigkeiten des Reiters ersetzen. Die Voraussetzung ist der eigene physische und psychische Zustand. Um dem Vorzubeugen kann man Rituale einführen, wie eine 5-Minuten Meditation, bevor man aus dem Auto steigt und sein Pferd holt.”, erklärte er.
      Wow, scheinbar sah er nicht nur klug aus, sondern war es auch tatsächlich. Nicht dass ich das angezweifelt hätte, aber ich habe auch nicht erwartet, dass er gleich das Lehrbuch verschluckt hatte.
      “Danke dafür, man kennt dich nicht anderes. So wo waren wir. Ach ja, feines Reiten. Heute setzen wir uns mit dem Gedanken von Salomon de la Broue auseinander, der einmal das sagt, was nun auf euren Pads erscheint. Hoffentlich muss ich euch allen nicht noch mal erklären, wer er ist und welche Rolle er spielt.”, begann Herr Holm fortzusetzen. Mein Blick richtete sich zum Tablett, dass mittig auf dem Tisch lag. “Die vollkommene Leichtigkeit des Pferdes beginnt schon im Maul”, las ich.
      “Zu Beginn möchte ich euch ein kleines Video zeigen mit typischen Bildern eines Abreiteplatzes zeigen. *Filmende* Neben der offensichtlichen Hyperflexion sieht man Pferde, die nervös auf ihren Kiefer anspannen, deren Reithalfter zu eng sind und keinen Ansatz der Losgelassenheit zeigen. Generell wirken die Tiere gestresst und benehmen sich wie eine Maschine, die nur funktionieren soll. Den Richtern fällt heutzutage nicht einmal mehr auf, wie falsch die Tiere unter den Reitern laufen.
      Nun kommen wir zurück zu dem Zitat. Warum denkt, ihr gibt es so einen großen Zusammenhang vom Kiefer des Pferdes und dem Rest des Körpers?”, fragte Herr Holm nun in die Runde.
      “Der Pferdekörper ist eine Einheit. Ist ein Teil wie der Kiefer angespannt, wird sich der komplette Körper anspannen und versteifen”, meldete ich mich zu Wort.
      “Du bist auf dem richtigen Weg, aber welcher anatomische Aspekt spielt dabei eine Rolle? Weißt du das? Oder jemand anderes?”, fuhr er fort. Ich schüttelte den Kopf. Diesmal meldete Ju zu Wort.
      “Am Schädel des Pferdes gibt kleine Öffnungen, die Blutgefäße und Nerven nach Außen führen. Ein permanenter Druck durch das Reithalfter sorgt für große Schmerzen am Kopf. Diese Nerven und vor allem Muskeln verbinden den ganzen Körper.”, erzählt er.

      Niklas
      Obwohl ich dem Unterricht verfolgen wollte, fiel es mir heute wirklich schwer. Nicht nur meine Nase tat extrem weh wieder, sondern auch der Rest meines Kopfes pumpte ganz schön. Dazu kommt, dass ich immer wieder zu Lina guckte, die interessiert dem Unterricht folgte. Ich wollte sie aber nicht ablenken, weswegen ich lieber auf meinem Feed auf Instagram herum scrollte. Unerwartet sehe ich ein Bild von Joanna, die scheinbar schon wieder irgendwo im Urlaub ist. Mit ihrem neuen Freund. Um mir das Elend nicht weiter anzugucken, legte ich mein Handy wieder weg.
      “Ich hab’ Kopfschmerzen. Kann ich ins Zimmer?”, fragte ich dann Herrn Holm. Er stimmte zu, ich ließ Lina das Pad da und machte mich auf den Weg.
      Draußen ging die Sonne unter und eine abendliche Stimmung kam auf. Ich machte mir Gedanken über das, was ich gesehen habe. Das Joanna wieder einen Freund hatte, wusste ich von Ju, der ab und zu noch Kontakt mit ihr hatte.

      Lina
      Natürlich hatte ich gemerkt, dass Niklas nicht ganz bei der Schache zu sein schien. Ich machte mir ein wenig Sorgen, dass er vielleicht doch mehr Schmerzen hatte, als er zugab. Also beschloss ich ihm zu folgen, auch wenn ich gerne noch mehr gelernt hatte. “Ich muss noch mal nach den Pferden sehen”, entschuldigte ich mich und stand auf. Natürlich registrierte ich Samu fragenden Blick beim Verlassen des Raumes.
      Ich fand Niklas, draußen, wo er sich auf einer Bank niedergelassen hatte. Die Sonne stand bereits tief am Himmel und tauchte den Hof in ein rötliches Licht. In seinem Gesicht war ein trauriger Ausdruck zu erkennen.
      “Alles ok?”, fragte ich ihn ein wenig besorgt und setzte mich zu ihm.

      Niklas
      “Vor zwei Jahren, war ich noch jemand anderes”, begann ich Lina zu erzählen, die mir natürlich gefolgt ist. Aus meiner Hosentasche zog ich mein Handy und zeigte ihre alten Bilder von mir. Auffällig war, dass ich mehr als 30 kg weniger Gewicht hatte auf 190 cm. Das alles ist nun verteilt in meinem Rücken, Schultern, Brust und vor allem Oberschenkel. Außerdem war ich noch komplett blond, heute nur noch die Spitzen.
      “Damals als mich Joanna verlassen hatte, musste ich irgendwas tun, um sie zu beeindrucken. Ich hoffte, dass sie mich zurückkommt, wenn ich mir neue Ziele gesetzt habe. Wie du aber merkst - hat nicht funktioniert.”, schwafelte ich vor mich hin.
      “Willst du nicht vielleicht vorne anfange und mir erst einmal überhaupt erzählen, wer Joanna ist?”, fragte Lina, die mich ein wenig verwirrt ansah.
      “Du hast recht. Also Joanna ist die Stieftochter von meinem Onkel, der den Hof von Opa übernommen hat. 2008 kamen wir zusammen, da war ich 14 Jahre. Fast auf den Tag genau verließ sie mich nach 10 Jahren. Es war nicht nur ein Schock für mich, als ich erfuhr warum, sondern verstarb mein Opa eine Woche zu vor. Sie sagte zu mir, dass es nicht an mir liegt, aber sie im Leben gern noch was erleben möchte. Doch eine Pause wollte sie auf keinen Fall, weil ich ein Jahr zuvor auf Weltreise war - ohne sie. Ich denke, das hat uns beide kaputt gemacht. So zieht sich das nun immer durch für mich. Irgendwie vermisse ich sie, irgendwie aber auch nicht. Leider sehe ich sie öfter als es mir lieb ist, denn Joanna führt eine Beziehung mit einem Arbeitskollegen.”, erzählte ich ihr. Dann pausierte ich und gucke zu ihr. Wieder machte sich das Gefühl bereit, dass jemand geht.
      “Ich habe Angst, verstehst du? Du löst viel Gutes in mir aus, aber ich habe Angst, dass es endet wie mit Joanna. Allerdings hatte ich das immer, deswegen verstecke ich mich hinter meinen blöden Sprüchen oder versuche eine Bindung so kurz wie möglich zu halten.”, gab ich ihr schlussendlich zu. Vorsichtig griff ich nach ihren Händen und hoffte, dass Lina nichts Schlechtes von mir dachte. Ein tätowierter Sadist mit Trennungsangst gehört nicht unbedingt auf die Wunschliste einer Frau, allerdings würde ich gerade alles für sie tun.

      Lina
      Einen kurzen Moment sah ich ihn nur an. Ich konnte spüren wie nah ihm, das ganz ging. Ich konnte ihn nur zu gut Verstehen, denn meisten stieß ich selbst die Menschen von mir fort, bevor sie mir zu viel Bedeuteten. Bei ihm war irgendwie alles anders, noch nie hatte ich jemanden so schnell so nah an mich herangelassen. Eigentlich hatte ich noch nie jemanden so nah herangelassen.
      “Ich kann dich nur zu gut verstehen”, sagte ich etwas zögerlich. Ich hatte ein wenig Angst jetzt alles mit ein paar Worten alles zu versauen. “Ich verspreche dir, ich werde alles mir Mögliche tun, dass es nicht so enden wird. Egal was du denkst, du bist da beste was jemanden passieren kann, denn ich habe noch nie jemand erlebt, der so ehrlich ist wie du”, sagte ich, während ich ihm in seine traurigen Augen blickte.

      Niklas
      “Wenn ich könnte, würde ich dir das gern glauben. Aber in 9 Tagen geht es für mich und den Rest zurück nach Schweden. Jeder von uns lebt sein Leben weiter. Ich habe meinen Job, du hast deine Pferde. Das funktioniert so nicht. Weißt du?”, sagte ich zu ihr und guckte weg. Direkt kamen mir wieder Gedanken, was ich machen könnte, um mich besser zu fühlen.
      “Ja... verstehe ich… ”, nuschelte sie mehr als dass es wirklich aussprach. Sie schien noch etwas hinzufügen zu wollen, doch sprach es nicht aus.
      “Das soll hier keine Trauerfeier werden. Lass’ uns die Zeit genießen, Spaß haben.”, begann ich und stand auf.
      “Du meintest, du hättest auch gern ein eigenes Pferd. Hast du denn da was in Aussicht?”, versuchte ich sie nun abzulenken und vor allem mich, denn ich musste mich daran gewöhnen in wenigen Tagen wieder in den Alltag zurückzukehren.

      Lina
      Seine Worte versetzten mir einen kleinen Stich, doch er hatte ja recht. In 9 Tagen würde sich unsere Wege wieder trennen. Ich hätte es nur so gern glaubt, dass es funktionieren könnte. Für den Moment schien es so nah, so greifbar gewesen zu sein.
      Er hatte recht, ich sollte den Moment genießen, solange er anhielt. Also schluckte ich den bitteren Beigeschmack des nahenden Endes runter und konzentrierte mich auf seine Frage.
      “Ja, ich würde es so sehr wünschen, dass ich Divine nie wieder hergeben muss”, antworte ich ihn und versuchte zu lächeln. Der Gedanke an den Freiberger ließ meine Trauer tatsächlich ein wenig in den Hintergrund rücken. Er war vermutlich der einzige Mann, den ich nie wieder gehen lassen muss, wenn ich es irgendwie schaffte ihn zu kaufen.
      “Wieso kommst du darauf, dass du ihn wieder hergeben musst?”, hinterfragte er meine Antwort.
      “Naja das Ding ist Divine ist nur hier, weil ich förmlich drum gebettelt habe, dass er herkommen darf. Eigentlich wollte Luchy keine neuen Pferde auf dem Hof und schon gar nicht einen Hengst. Das letzte HMJ Pferd Fanya, ist mit Alec aufs SMA gezogen und auch nur deshalb, weil Eva, Anu und Alec quasi ihre Seele dafür verkauft haben, dass sie nicht zur Auktion geht. Doch was kann ich denn tun, ich habe keine Eltern, die mich dabei unterstützen würden”, beantworte ich seine Frage.

      Niklas
      Wenn ich nicht bei ihr bleiben kann, musste ich zumindest dafür sorgen, ihr eine Freude zu machen.
      „Lass uns zurück gehen, der Filmabend beginnt gleich. Oder wollen wir was anderes machen?“, fragte ich sie darauf hin.
      “Was für ein Film läuft heute denn?”, fragte Lina.
      „Du, das weiß ich nicht mal. Aber ich bin ehrlich. Ich habe keine Lust einen Film zu sehen, Ju sicher auch nicht.“, machte ich ihr klar.
      Zusammen mit ihr lief ich zurück in den Saal, in die Tische bereits wieder an Ort und Stelle standen. Schnell entdeckte ich Vriska, Ju und Samu.
      „Und wie war’s?“, fragte ich interessiert.
      „Wirklich gut. Aber du hast nichts verpasst“, versicherte Ju mir.
      „Wärst du so freundlich und würdest Lina ein wenig beschäftigen?“, flüsterte ich Vriska zu. Sie nickte.
      „Also es läuft gleich Human Centipede, alle Teile. Aber Ju und ich wollen lieber ans Wasser die Natur genießen. Du begleitest uns doch sicher?“, sagte sie zu Lina und nahm sie zur Seite.
      „Samu, können wir mal kurz reden?“, bot ich ihn und ging vor zur Tür.

      Lina
      Ein wenig überrumpelt ließ ich mich von Ju und Vriska mitschleppen. Ich versuchte gar nicht zu protestiert, denn die beiden sahen nicht so aus als würden sie Widerstand dulden. “Darf ich fragen, was ihr vorhabt? Ich mein Kanadas Sommernächten sind schön, aber meint ihr nicht wir sind zu viele für ein romantisches Date?”, scherzte ich.
      “Guck’ ihn dir doch an. Ich möchte nicht allein sein, verstehst du?”, flüsterte sie mir kichernd ins Ohr.
      “Da hast du recht, er sieht sehr gefährlich aus”, erwiderte ich mit stark ironischem Unterton und musste auch kichernd.
      “Weiber”, murmelte Ju nur vor sich hin und schüttelte den Kopf.

      Samu
      “Ähh, klar”, antworte ich Niklas und folgte ihm nach draußen. “Ich hoffe du möchtest mir nicht mitteilen, dass du was Dummes gemacht hast?”, fragte ich ihn ein wenig Misstrauisch. Auch wenn Lina ihm zu vertrauen schien, ich tat es noch nicht.

      Niklas
      “Noch ist sie nicht schwanger”, scherzte ich. Für Samu schien es nicht der passende Augenblick zu sein, so etwas zu sagen, denn seine Miene verzog sich direkt.
      “Keine Sorgen, mehr oder weniger alles gut. Ich muss mit Luchy sprechen. Jetzt. Sofort.”, antwortete ich kurz und hoffte, dass er sie zu bringt. Doch wie ein Felsen stand Samu vor mir und schien noch mehr auf der Seele zu haben.

      Samu
      “Warum das denn jetzt?”, fragte ich Begriffsstutzig. “Egal was du in deinem verrückten Hirn ausheckst ich hoffe, ich muss danach keinen Scherbenhaufen zusammenkehren”, fügte mich noch hinzu und bewegte mich immer noch keinen Zentimeter. Erst wollte ich wenigstens eine Ahnung davon haben, was er vorhatte. Dann würde ich mir vielleicht überlegen, ob ich ihm helfe oder nicht, schließlich stand hier das Seelenheil meiner besten Freundin auf dem Spiel.

      Niklas
      “Okay, dann jetzt in kurz und in ehrlich. Eigentlich wollte ich ihr zeigen, wie sie sich mir gegenüber zu verhalten hat, doch. Ich weiß auch nicht. Nach meinem Nervenzusammenbruch kam altes hoch und ich merkte, dass meine Abneigung ihr gegenüber einer Zuneigung zu sein scheint. Dann unterhielten wir uns, bemerkten die Gemeinsamkeiten und ich muss ihr helfen. Vorhin haben wir auf einer Bank gegessen und gemerkt, dass wir uns nach dem gleichen Sehnen. Aber das funktioniert so nicht. Deswegen habe ich beschlossen ihr das Einzige zu geben, was sie braucht. Divine.”, öffnete ich mich Samu und hatte wirklich Mühe die richtigen Worte zu finden. Denn das Letzte, was ich nun brauche, ist eine weitere Faust im Gesicht.

      Samu
      Ich spürte wie sich meine Muskeln anspannten, als er begann zu reden. Genau das war es, wo vor ich Lina schützen wollte. Doch als er weitersprach, merkte ich, dass es tatsächlich ernst mit ihr meinen Schien.
      “Irgendwo in dir drin, scheint doch eine Seele zu existieren”, sagte ich trocken. Er konnte echt froh sein, dass ich nicht war wie Jace, denn er hätte ihm vermutlich gleich noch mal mit seiner Faust bekannt gemacht.
      “Wenn du es tatsächlich so ernst meinst, werde ich dir helfen”, sagte ich ein wenig freundlicher und setzte mich in Bewegung. Divine war definitiv nicht das Einzige, was sie brauchte, doch der Hengst bedeutete ihr mehr als jedes andere Pferd auf diesem Planeten, das wusste ich. Ich hatte schon viele Nächte lang darüber nachgedacht, wie ich es anstellen konnte, dass sie für immer an seiner Seite bleiben konnte, doch mir fehlten einfach die Mittel dazu.
      Vor Luchys Bürotür blieb ich stehen und klopfte. “Luchy, da möchte jemand mit dir sprechen”, kündigte ich Niklas an und gab die Tür für ihn frei.

      Niklas
      “Hej, wir kennen uns gar nicht aber ich muss Ihnen sprechen. Ich habe von Lina erfahren, wie schwierig es am Hof ist, dass Divine hierbleibt und würde ihr, und dem Hof, eingefallen tun. Das alles hier ist so liebevoll gemacht, aber ich merke das es immer wieder am nötigen Kleingeld gefehlt. Mir fehlt es Herzlichkeit, Liebe und Familie. Wenn ich ihnen einen Scheck in Höhe von 500.000 SEK, also ungefähr 70.000 CAD, kann Lina dann Divine haben?”, platzte es aus mir heraus. Es nach dem ich zu Ende sprach, merkte ich wie abwertend das ganze klang. Hoffentlich verstand sie mich nicht falsch.
      “Also, mal ganz langsam junger Mann, was genau willst du mit dem Pferd überhaupt?”, fragte sie mich ein wenig irritiert.
      “Lina soll ihn bekommen”, antwortete ich überzeugt.
      “Na, wenn das so ist, da kann ich einfach schlecht nein sagen. Ich habe selten ein Pferde- Reiterpaar gesehen, das so perfekt harmoniert”, antwortete sie ruhig.
      Erleichtert zog ich aus meiner Hosentasche das Scheckheft, trug den Betrag ein und unterschrieb. Zum Glück hatte die Hofbesitzerin auch noch einen Vertrag da, den auch direkt unterschrieb. Mit der Eigentumsurkunde bewaffnet, lief ich mit Samu zum Bach an dem Vriska, Ju und Lina ein kleines Feuer im Sand entzündet hatten. Einige leere Bierflaschen standen ringsum.

      Samu
      “Egal, was du tust, warte noch einen Moment, ich muss erst noch mit ihr sprechen”, raunte ich Niklas zu, bevor ich auf Lina zuging.
      “Lina, was hältst du davon, wenn wir mal kurz spazieren gehen?”, sagte ich zu meiner Freundin. Sie schien zu ahnen, worum es ging und folgte mir ein Stück von dem anderen Weg. “Ich vermute du weißt, worüber ich mit dir reden will?”, fragte ich sie und sah ihr in die Augen.
      “Ja, ich denke, du willst mit mir über Niklas reden. Es ist wirklich ok Samu, du brauchst mich nicht vor ihm beschützen, er ist nicht das, was du denkst”, sagte sie recht überzeugt. Doch ich überhörte auch nicht den winzigen Hauch von Beben in ihrer Stimme. Ich nahm ihre Hände in meine und sah sie noch mal an. Ich sah immer noch das kleine zarte Mädchen, auf das ich damals zuging, als es weinend im Schulflur saß. Doch das war sie nicht mehr, ich musste wohl akzeptieren, dass sie nun ihre eigenen Entscheidungen traf und ich sie nicht mehr vor allem beschützen konnte. So musste es sich anfühlen, wenn die kleinen Geschwister Erwachsen wurden. “Und du bist dir ganz sicher, kleines?”, fragte ich sie noch einmal.
      “Ja, Samu ich möchte das, das hier der beste Sommer meines Lebens wird, auch wenn das Opfer erfordert”. Ich spürte, dass sie es tatsächlich ernst meinte und gleichzeitig wie viel Gefühl in der Antwort mitschwang. “Ich werde dir nicht im Weg stehen. Du weißt, ich bin für dich da, wenn du mich brauchst”, erweiterte ich sanft und umarmte sie freundschaftlich. “Ich weiß Samu, ich weiß”, flüsterte sie mir zu. Ich drückte sie noch einmal, bevor ich sie Sprichwörtlich in die große, weite Welt entließ.
      Ich sah ihr einen Moment lang hinterher, wie sie fröhlich zurück zu den andern ging, bevor ich ihr folgte.

      Niklas
      Erst jetzt wurde mir klar, was innerhalb eines Tages als passiert war. Aus der Verzweiflung heraus versuche ich mir ein Mädchen zu erkaufen, dass so viel zu ertragen bisher hatte. Egal was ich nun noch tue, es wird nicht gut enden. Außerdem schwang in meinem Kopf noch immer Vriska mit, die ich mit wenigen Worten zu allem bringen kann. Etwas, dass ich seit Jahren immer erträumt hatte. Doch ich möchte auch Ju nicht noch einmal enttäuschen. Aus dem Augenwinkel erblickte ich Lina, die mit Samu zurückkam. Glücklich setzte sie sich zu mir.
      “Ich finde es gibt nichts, was du jetzt mehr verdient hättest”, sagte ich zu Lina und drückte ihr etwas herzlos die Eigentumsurkunde in die Hand. Ju blickte schockiert zu mir, sagte jedoch nichts.

      Lina
      “Was ist das?”, fragte ich ein wenig verdutzt als mir Niklas etwas in die Hand drückte.
      Eigentumsurkunde, stand in großen Buchstaben darauf. HMJ Divine stand etwas weiter unten. Das konnte nicht wahr sein, dass alles hier musste ein Traum sein. Ich kniff kurz die Augen zu und sah mir das Stück Papier noch einmal an. Doch es war immer noch da, und es stand immer noch dasselbe drauf.
      Eine Welle von Emotionen überkamen mich, sodass ich kaum noch klar denken konnte. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich registrierte, was tatsächlich gerade geschehen war.
      “Das kann nicht dein Ernst sein”, sagte ich mit einem zittern in der Stimme. Ich spürte wie mir Tränen in die Augen stiegen und konnte beim besten Willen nicht sagen, ob es Freudentränen waren oder ob es die bittere Erkenntnis war, dass dieser Tag kein Traum gewesen war. All das, was heute geschehen war, war echt. Tatsächlich hatte ich mich innerhalb eines einzigen Tages in einen Mann verliebt, den ich nie würde haben können. Und oben darauf hatte genau dieser Mann mir gerade das Pferd meiner Träume Geschenk.
      Ich wusste absolut nicht, ob ich jetzt lachen oder heulen sollte.
      Seit ich Divine begegnet war, war das mein einziger Wunsch gewesen.
      “Nein das kann nicht wahr sein”, flüsterte ich und eine Träne lief mir über die Wange.
      Das Glücksgefühlt hatte den Kampf der Emotion nun doch gewonnen und ich konnte nicht anders, als Niklas um den Hals zu fallen.

      Niklas
      “Nicht so stürmisch, junge Dame.”, scherzte ich.
      “Jetzt mal ehrlich, hast du den ganzen Hof gekauft?”, fragte nun Ju kritisch.
      “Juha, dein Ernst? Was soll ich mit einem ganzen Hof in Kanada, der nicht danach aussieht, dass er schwarze Zahlen schreibt? Also No Front, euer Hof ist schön”, versuchte ich meine Aussage. Jedoch werde ich nicht ganz so falsch liegen.
      “Na, wenn das so ist Lina. Dann stoßen wir jetzt an”, forderte Vriska alle auf. Ich setzte Lina zur Seite und holte für uns alle ein Bier, dass im Bach zum Kühlen lag.
      Ehrlich gesagt, war mir das gerade alles zu viel. Alles, was ich wollte, war das sie glücklich ist. Nun ist sie es, aber zu welchem Preis? Ein Pferd, das sie jeden Tag daran erinnern wird, dass ich existiere und ihr auf lang oder kurz das Herz brach. Schließlich wird das Leben ohneeinander weiter gehen und darüber dachte ich nur noch nach.
      “Entschuldigt mich”, sagte ich, zog mein Shirt, Hose und Schuhe aus. Diese stellte zur Seite und sprang in Wasser.

      Samu
      Auch wenn ich kein gutes Gefühl bei der Sache hatte, hatte ich es zugelassen. Doch ich kann sie nicht ewig Beschützen. Und was ich wusste war, wenn Lina sich was in den Kopf gesetzt hatte, war es dort nicht mehr wegzubekommen, egal was es kosten würde.
      Für den Augenblick schien sie glücklich und ich freute mich auch für sie, doch was würde danach kommen.
      Was würde kommen, wenn sie endgültig merkt, dass er weg war. Würde ihr kleines, zartes Herz in tausend Stücke zerspringen? Würde sie das wirklich verkraften?
      Ehrlich gesagt ich weiß es nicht. Vielleicht hatte Jace zumindest in dem Punkt recht, dass Niklas nicht gut für sie war, nur dass es nicht aus dem Grund war, den ich zuerst angenommen hatte.
      Nachdenklich beobachte ich die Flammen, wie sie im Feuer tanzten und verfolgte den Flug der Funken. Wo würde das ganze hier nur hinführen?
      “Vriska, kannst du mir bitte sagen, dass das hier kein Traum ist?”, riss mich Linas Stimme aus meinen Gedanken. Meine beste Freundin hatte sich inzwischen ein wenig beruhigt, konnte scheinbar immer noch nicht ganz glaube, was passiert war.

      Vriska
      “Nein, Lina das ist kein Traum und wenn doch, dann kein guter”, platzte es aus mir heraus. Natürlich machte es mich auch glücklich, dass sie nun ihr Seelenpferd haben konnte, aber ich musste an den Stall zurückdenken.
      Auch Ju schien sichtlich unzufrieden mit der Situation zu sein
      “Bitte höre mir jetzt ganz genau zu. Erst mal herzlichen Glückwunsch zum Pferd, aber sieh ein das Niklas für genau den Moment als der Richtige erscheint”, begann er zu sprechen und setzte sich zu ihr. Aufmerksam hörte nun auch ich zu.
      “Aber genau dieser Typ wird spätestens in Schweden wieder in diverse Clubs mit mir gehen und anderen diese Hoffnungen machen, die er dir gegeben hat. So ist er halt und das wird sich nicht ändern. Vermutlich hat er dir auch von Joanna erzählt und dass sie 10 Jahre zusammen waren. Jedoch wird Nik dir gesagt haben, wie oft er sie hintergangen hat, besonders in seinem Auslandsjahr. Nie habe ich ihn derartig erlebt. Ich sage dir das jetzt nicht, damit du weinst oder die nächsten Tage nicht genießen kannst. Ich möchte nur, dass du das im Hinterkopf behältst. Also sollte er dir erzählen wollen, dass das als Fernbeziehung funktionieren wird. Dann bildet er sich das ein. Ich kann nicht immer darauf aufpassen, was er tut, denn ich habe ebenfalls ein Leben. Seitdem er letztes Jahr seine Ausbildung abgeschlossen hat, wurde er so oft versetzt, dass ich nicht mehr mitgezählt habe. Versteh das bitte und versuche nicht in irgendeinen Heiligen zu sehen, denn das ist er nicht und wird es auch nie sein.”, erklärte Ju nun ihr. Es war still geworden und alle schienen in dem Moment darüber nachzudenken, wieso er das ausgerechnet jetzt erzählen musste. Besonders, weil Niklas gerade nicht dabei war.

      Lina
      Jus Worte holten mich wieder auf den Boden der Tatschen zurück und mein kleiner naiver Traum zerplatze wie einer Seifenblase. Tief in mir drin wusste ich, dass er vermutlich... nein, dass es ziemlich sicher nicht funktionieren würde. Doch ich wollte es einfach noch nicht wahrhaben. Ich wollte so sehr daran glauben, dass ein einziges Mal funktionierte.
      Meine bisherigen Beziehungen, waren immer an dem Punkt gescheiter, wo ich mein tiefstes inneres offenlegte. Die meisten stießen mich dann weg, als hätten sie sich verbrannt. Keiner wollte ’beschädigte Ware’. Meine längste Beziehung endete in einem Nervenzusammenbruch meinerseits, womit mein damaliger Freund nicht klarkam. Seitdem hatte ich Männer gemieden und vor allem hatte ich mich nie getraut zu zeigen, wer ich eigentlich wirklich bin. Bei Niklas hatte sich alles richtig angefühlt und ich wollte zumindest für ein kurzen naiven Moment daran glauben, das es möglich war. Nur einen kurzen Augenblick.
      Umso schmerzlicher wurde mir gerade genau das bewusst, was Ju sagte.
      In 9 Tagen würde dieser Mann wieder nach Schweden verschwinden und ich wäre wieder allein. Samu hatte mich gewarnt und ich war trotzdem das Risiko eingegangen.
      So schnell wollte ich nicht aufgeben, ich würde darum kämpfen.
      “Lasst es mich wenigstens versuchen”, flüsterte ich mehr, als dass ich es wirklich sagte, “wenigstens ein paar wenige Tage”. Die letzten Worte gingen im Knistern des Feuers unter. Ich blickte die anderen nicht an, sondern zeichnete kleine Muster in den Sand. Ein Tick, den ich irgendwann entwickelt hatte, um emotional nicht vollkommen außer Kontrolle zu geraten.

      Niklas
      Erst als ich aus dem Wasser kam, wurde mir klar, dass keiner mit gefolgt war.
      “Was ist denn hier für eine Trauerstimmung?”, fragte ich zunächst scherzhaft. Dann bemerkte ich Lina, die irgendwas in den Sand kritzelte. Das kam mir bekannt vor. Als Hannes noch jünger war, hat er das auch immer gemacht. Etwas ernster fragte ich nun: “Ist irgendwas passiert? Ich war doch nur 10 Minuten weg und hatte was ganz anderes erwartet, wenn ich wieder komme.”
      “Du bist ein Arsch”, kommentierte Vriska. Unüberlegt trat ich näher an sie heran.
      “Wärst du so freundlich, dass zu wiederholen”, sagte ich klar und legte meine Hand fest an unter ihren Unterkiefer am Kinn.
      “Du bist ein Arsch”, wiederholte sie und begann zu grinsen.
      “Überleg’ dir ganz genau was du sagst”, flüsterte ich zu ihr und zog die Braue hoch. Eh ich weitersprechen konnte, stoppte Ju mich.
      “Beruhigt euch mal wieder’, das ist das Letzte, was wir heute noch gebrauchen können”, ging jetzt auch Samu dazwischen.
      “Ach Samu, mach’ dir da mal keine Gedanken. Das Einzige, was er gerade provoziert ist, dass ich mich aufrege. Aber ich bin’s wirklich langsam satt. Und genau deswegen habe ich Lina auch erklärt, wie es nach 9 Tagen weiter geht”, erzählt mir mein bester Freund nun. Natürlich hatte er auf eine Art recht mit Vriska, aber das gibt ihm nicht das recht so über mich zu urteilen.
      “Und was ist 9 Tagen? Vielleicht hilft mir das auch weiter, dann weiß ich, was ich nicht machen sollte”, fragte ich interessiert und setzte mich zu Lina, die es offenbar nicht mitbekam. Vorsichtig tippte ich sie an der Schulter an, damit sie sich nicht erschrak. “Was willst du jetzt? Hierbleiben oder gehen?”, flüsterte ich ihr zu, da Ju nicht wirklich motiviert war, es mir ins Gesicht zu sagen.

      Lina
      Es dauerte ein paar Sekunden, bis ich wieder in der Gegenwart angekommen war. Sofort bemerkte ich die angespannte Stimmung. “Können wir bitte gehen, das ist alles viel zu viel heute”, antwortete ich Niklas, der auf einmal wieder da war. Er half mir auf, schnappte sich seine Klamotten und dann verließen wir das Feuer. “Warte bitte kurz”, sagte ich, als wir uns ein Stück entfernt hatten. Ich brauchte einen Moment durchzuatmen, jetzt in diesem kurzen Augenblick war schon wieder so viel passiert. Ich schloss meine Augen einen Moment und amtete die kühle frische Nachtluft ein. Auch wenn ich es eigentlich nicht hören wollte, ich musste ihn trotzdem fragen, also sammelte ich all meinen Mut und stellte ihm diese Frage: “Ju, hat recht, oder? Es wird kein gutes Ende nehmen...”. Mit großen Augen sah ich ihn an und wappnete mich schon mal für die Antwort, denn vermutlich würde sie hart werden. “Und das hier...”, ich wedelte mit der Eigentumsurkunde “.... soll ein Abschiedsgeschenk sein, oder?”, fügte ich noch hinzu.

      Niklas
      Ich erwischte mich bei dem Gedanken, wie viel wohl ein Taxi in Kanada kostet, um ihr dieses zu zahlen. Während sie einen Moment für sich brauchte, entschied ich mich dennoch dazu mich vor sie zu stellen. Ich konnte mir gerade nichts besseres Vorstellen, als mit ihr allein zu sein, unter dem Sternenhimmel.
      “Es kommt darauf an, was du bereits bist zu opfern”, begann ich zu ihr zu sagen und legte meine Hänge an ihre Taille.
      “Ich bin bereit darum zu kämpfen”, antworte sie und sah mich weiter mit großen Augen an.
      Unbedacht, dies Mal, ohne zu fragen, legte ich nun meine Hände an ihren Kopf und küsste sie. Einige Minuten vergehen eh sie mich weiter sprachen ließ.
      “Es gibt nur eine Möglichkeit, na gut eher anderthalb. Die für uns beide schmerzhafteste Lösung wäre die Tage miteinander zu nutzen.”, eh ich weitersprach, versicherte ich mich, dass wirklich richtige zu sagen. “Die weniger schmerzhafte wäre es, wenn du mitkommst. Denn, Kanada ist für mich wirklich keine Alternative. Bisher hatten wir noch nicht drüber gesprochen, aber ich bin bei der Polizei in Schweden. Weißt du? Sobald ich wieder zu Hause bin, habe ich Nachtschicht”, erklärte ich ihr und lass sie los. Ich musste einige Schritte zurückgehen, denn ich konnte nicht von ihr verlangen in ein anderes Land auszuwandern.

      Lina
      Dieser Moment war zwar weit entfernt von perfekt, doch bei dem Kuss fühlte ich mich für einen Wimpernschlag als würde ich schweben. Hoffnungsvoll lauschte ich seinen Worten und betrachte ihn im schwachen Mondlicht. Wollte ich den Moment genießen und mich auf ein bitteres Ende vorbereiten oder wollte ich tatsächlich kämpfen und nichts unversucht lassen? Jetzt lag es an mir abzuwägen. Würde ich hierbleiben, wäre ich in meiner gewohnten Umgebung, doch ob ich da emotional verkraften würde, wieder allein dazustehen, mit einem Pferd was mich jeden Tag daran erinnerte? Ob ich so eine Chance einfach verstreichen lassen konnte?
      Den Hof zu verlassen, würde mir sicherlich schwerfallen schließlich hatte ich hier so was wie eine zweite Familie gefunden. Doch Schweden würde auch bedeuten, dass ich näher an meiner Heimat war. Näher an meiner Schwester, von Schweden aus war es sogar denkbar, dass ich die mal wieder Besuchen konnte. Jahrelang hatte ich sie nur über einen Bildschirm gesehen und ich vermisste sie schon sehr, in letzter Zeit immer mehr.
      In ein anderes Land zu ziehen war ein großer Schritt, was wenn es nicht funktionieren sollte zwischen Nik und mir? Fand ich dort wieder einen Job? Was würde aus meinen Freunden hier werden?
      All diese Gedanken und noch einige mehr ratterten mir gerade durch den Kopf. Auch wenn ich fest entschlossen war, alles zu versuchen, war dies eine Entscheidung, die nicht leichtfertig getroffen werden sollte. “Ich denke, ich brauche ein paar Tage Zeit darüber nachzudenken. Das ist eine große Entscheidung,” antworte ich, auch wenn mein Herz bereits die Antwort kannte.

      Niklas
      Dass darüber nachzudenken schien, weckte Zweifel in mir. Ihren Traum zu zerstören, wollte ich jedoch auch nicht.
      “Klar, aber bedenke, dass das nichts Endgültiges sein muss. Du kannst es erstmal versuchen in Schweden Anschluss zu bekommen und bevor du beginnst, wie schön es wäre …”, verstummte ich. Dass ich mit 26 Jahren noch bei meinem Vater lebte, gehörte auch zu den Gründen, wieso ich zögerte. Eh die anderen uns erwischen, nahm ich sie hoch auf meinem Rücken und trug sie zu ihrem Zimmer. Bei dem Weg füllten sich meine Schuhe voll mit weichem Sand, was das Gehen mit einem menschlichen Rucksack nur bedingt leichter machte. Vor ihrer Zimmertür setzte ich sie ab und sprach weiter: “Was hältst du davon, wenn wir später mit Vriska drüber sprechen? Das LDS ist nur 20 Minuten entfernt vom Trainingszentrum und dort hättest du den ganzen Tag was zu tun. Ich weiß, dass Tyrell nicht viel zahlen kann, aber du kannst am Hof leben, bekommst die Nahrung finanziert und vor allem keine festen Arbeitszeiten. Und wenn dir das in paar Wochen oder erst Monaten wirklich zusagt, dann holen wir Divine her. Okay?”, versuchte ich ihre Gedanken in eine bestimmte Richtung zu lenken, besonders vom ‘ich sitze bei ihm zu Hause herum und warte, dass er kommt’.

      Lina
      ‘’Okay, du hältst es also für möglich?’’, murmelte ich leise. Der Flur, in dem mir standen, war dämmrig, das einzige Licht kam vom Mond, welches durch das Fenster am Ende fiel. Ich betrachtete Niklas, so wie er vor mir stand. Niemals hätte ich gedacht, dass ich mich in jemanden wie in Verlieben könnte, doch jetzt war es geschehen und auch noch so schnell.
      Wie konnte ein einziger Tag so viel in einem verändern? Mein Gehirn schrie mich förmlich an, dass ich diesen Gedanken lieber ganz schnell wieder vergessen sollte, doch da gab es noch die andere Seite. Die Seite in mir den Glauben und Hoffen wollte, die Seite, die heute so viele Entscheidungen heute getroffen hatte, die Seite, die diese ganze Kette an Ereignissen ausgelöst hatte.
      Nur zu gut spürte ich gerade die Wand in meinem Rücken. Flucht schien also kein Ausweg zu sein. Ich musste mich jetzt mit den Dingen auseinandersetzen. Ich konnte nicht mehr Weglaufen wie es sonst getan hatte, denn selbst wenn ich es Versuchte, die Ereignisse würden mich wieder einholen.
      Ich fragte mich was in Niklas gerade vorging. Bereute er seine Entscheidung? Die Frage viel mir schwer, aber ich musste sie einfach stellen.
      “Was denkst du wirklich über das hier? Und bitte sei ehrlich”. Ich hatte Angst davor ihn anzusehen, und die Antwort bereits zu erkennen, also wandte ich mein Gesicht von ihm Weg.

      Niklas
      “Ich versuche so ehrlich zu sein, wie ich kann.”, flüsterte ich vor mich hin und musste tatsächlich einen Moment darüber nachdenken.
      “Es fällt mir schwer zu beurteilen, ob das für uns beide in die richtige Richtung geht. Aber das können wir nur wissen, wenn wir es versuchen. Noch haben wir einige Tage vor uns. Sollte es länger dauern, dann bleibe ich erstmal und versuche meine Schicht zu tauschen. Ich möchte nicht, dass du allein fliegst. Aber ich gehe jetzt rüber. Vermutlich hat Ju mir noch ein paar Sachen zu sagen.”, flüsterte ich ihr zu und gab Lina einen Kuss auf die Stirn, dann bewegte ich mich in Richtung Zimmer.
      “Okay”, hauchte sie nur und blieb dort stehen.
      Der Weg erschien mir unendlich lang. Immer wieder flackerte der Mond durch die Bäume und ich spürte wie mein Herz ins unermesslich stieg. Ich kann dem nicht entfliehen, dachte ich mir und stand zum Glück vor der Tür. Ju war da. Allein. Tatsächlich legte sich meine Anspannung etwas ab, denn ein Flashback könnte jeden Moment kommen. Schnell zog ich mein Handy aus der Hosentasche, besser gesagt, ich wollte es herausziehen. Denn es war nicht da.
      “Was suchst du?”, fragte mich mein Kumpel.
      “Eigentlich mein Handy, aber es ist nicht mehr in meiner Tasche.”, antwortete ich verwirrt, aber machte mir keine Gedanken weiter drüber.
      “Wollen wir draußen gucken gehen?”, bot er seine Hilfe an. Ich schüttelte den Kopf. Meine Sachen warf ich in die Ecke, holte aus dem Kühlschrank ein weiteres Bier und setzte mich zu Ju an den Tisch.
      “Was hast du auf dem Herzen?”, fragte ich ihn wenig später.
      “Du machst es mir nicht leicht, weißt du das? Ich habe dich mit Lina reden gehört. Vielleicht solltest du dir auch die ganze Sache noch mal durch den Kopf gehen lassen. Denk dran, bald kehren wir zurück in die Normalität. Du musst zur Arbeit, das Training und dann noch eine Freundin. Wie willst du das alles stemmen? Wenn wir nicht zusammen trainieren würden, sähen wir uns gar nicht.”, versuchte Ju an meine Vernunft zu appellieren.
      “Ich werde nächstes Jahr 27 Jahre und habe gerade mal meine Ausbildung fertig. Den Leistungssport werde ich sicher auch nicht mehr lange machen können, also muss ich mich doch vorbereiten.”, wollte ich ihm klarmachen, aber verstummte dann. Das Bier war innerhalb kurzer Zeit schon leer und ich machte mich fertig fürs Bett. Auch Ju schien geschafft vom Tag zu sein.
      “Also meinst du es ernst mit ihr?”, fragte er, als wir im Bett lagen. Ich antwortete ihm nicht.

      Lina
      Ich hatte Niklas noch nachgeschaut, wie er den Flur runterlief, bis er am Ende der Treppe verschwunden war. Wie angewurzelt Stand ich da. Erst als er verschwunden war, war ich in der Lage mich wieder zu bewegen. Erschöpft stolperte ich in mein Zimmer. Ohne Licht anzumachen, legte ich Divines Eigentumsurkunde auf die Kommode und ließ mich auf mein Bett fallen. Ich hatte heute so viel gefühlt, dass ich mich jetzt nur noch leer fühlte. Ich war nur noch eine leere Hülle. Mechanisch streifte ich mir noch die Schuhe von den Füßen, bevor ich einschlief.

      Nachdem auch die letzten den Weg ins Bett gefunden hatte, kehrte Ruhe auf dem Hof ein. Allmählich wich die Nacht dem Tag und die ersten Sonnenstrahlen locken die Bewohner wieder aus ihren Betten.

      Samu
      Schon bei Sonnenaufgang, war ich aufgestanden, um ein Runde joggen zu gehen. Gestern war so einiges geschehen, was ich nicht gutheißen konnte, doch ich brauchte dringend einen klaren Kopf, bevor ich Lina wieder gegenübertrat. Was auch immer sie sich gedacht hatte, als sie sich auf Niklas einließ. Ich konnte jetzt nur noch versuchen ihr, als Freund beizustehen.
      Da ich Lina seit gestern Abend am Bach nicht mehr gesehen hatte, machte ich mich nach einer Dusche auf die Suche nach ihr.
      Vorsichtig klopfte ich an die Zimmertür, “Darf ich reinkommen?”, fragte ich. Von drinnen kam keine Antwort. Vorsichtig öffnete ich die Tür. Lina stand vor dem Spiegle und starrte sich selbst an. Sie trug immer noch die Klamotten von gestern und die Schuhe lagen achtlos neben dem Bett.
      “Alle ok, Kleines?”, sprach ich sie an, als ich in das Zimmer trat. “Bin das noch ich”, fragte sie mich sah aber weiterhin in den Spiegel. Sie war definitiv noch sie selbst, wenn nicht sogar mehr als sie selbst als sie die letzten Jahre gewesen war, denn die Fassade des immer fröhlichen Mädchens war verschwunden.
      “Ja, du bist mehr du denn je. Du kannst nicht ewig vor dir selbst wegrennen, du musst es zulassen”, sagte ich sanft und legte meine Hand auf ihre Schulter. Jahrelang hatte sie sich versteckt und ihr Probleme in sich reingefressen. Doch jetzt, wo sie sich endlich jemandem anvertraut hatte, der sie verstand, schien sie daran zu zerbrechen. Endlich drehte sie sich um und sah mich an. “Lina, egal wie du dich entscheidest, ich werde dich bei allem Unterstützen”, sagte ich sanft zu ihr und nahm sie in den Arm. “Danke, Samu” flüsterte sie in mein Shirt.
      “Weißt du, du gehst jetzt duschen, ziehst dich um und dann gehen wir erst einmal Frühstücken. Das bringt dich vielleicht auf andere Gedanken, schlug ich ihr vor. Sie schon gleich ein wenig zuversichtlicher zu sein. “Ich hol dich in 20 Minuten ab”, sagte ich noch und verschwand aus dem Raum.

      Vriska
      So schnell wie Lina und Niklas verschwanden, kann er nichts Gutes im Schilde haben. Doch ich konnte nicht weiter meine Gedanken an den Kerl verschwenden, denn es ist bald vorbei. Bevor ich mich auf den Weg zum Essen machte, stand Duschen auf dem Plan.
      “Guten Morgen”, kam ich in den Raum und setze mich an einen freien Tisch. Weder Lina war da noch Ju oder gar Niklas. Stattdessen kam Milena zu mir.
      “Und ist was gelaufen mit euch?”, fragte sie aufgeregt.
      “Selbst wenn, dann erzähle ich es dir nicht.”, knurrte ich sie an und warf einen Blick über das Buffet. Schnell wurde ich fündig und stapelte das Frühstück auf meinem Teller. Damit setzte ich mich zurück an den Tisch. Dann kam endlich Ju wieder, allein.
      “Wo ist denn deine bessere Hälfte?”, scherzte ich, als er sich dazu setzte.
      “Godmorgon, der schläft noch und scheint nicht so fit zu sein, deswegen habe ich ihn im Bett gelassen.”, erklärte er mir, eh Ju sich selbst was zum Essen organisierte.

      Lina
      Samu hatte recht. Ich lief schon mein ganzes Leben lang vor mir selbst weg und das musste endlich aufhören. Auch wenn das nicht einfach werden wird, gehört auch meine Geschichte dazu.
      Nach einer heißen Dusche fühlte ich mich schon um einiges besser und auch die trüben Gedanken waren ein wenig in den Hintergrund gerutscht.
      Als ich meine Klamotten, raussuchte fiel mein Blick auf Divines Eigentumsurkunde und das heiterte mich ein wenig auf. Egal was passieren mag, dieser Hengst würde mich ab jetzt für immer begleiten.
      Es klopfte an der Tür und Samu steckte seinen Kopf durch die Tür. “Bist du fertig”. Bei seinem Anblick musste ich unwillkürlich grinsen. Wie schaffte es mein bester Freund eigentlich jeder Situation, doch noch etwas Positives zu finden? Er strahlte jetzt schon wieder so eine Zuversicht aus, das ist einfach unglaublich.
      “Ja, aber bevor wir zu Frühstück gehen, muss ich noch mal kurz woanders hin”, sagte ich mit einem kurzen Blick auf das Papier auf der Kommode.
      “Na, klar, dein kleiner Prinz wartet bestimmt schon auf seine Möhre, die du ihm immer bringst”, sagte der Finne. Er hatte mich bisher immer damit aufgezogen, dass ich morgens als Erstes zu Divine ging, doch heut schien er sich tatsächlich darüber zu freuen.
      “Na dann los”, sagte ich und quetschte mich an Samu vorbei.
      Im Stall angekommen lief ich, als Erstes in die Sattelkammer um etwas aus dem Spind zu holen.
      Der Spind sah wohlgemerkt wieder wunderschön aus, da hatte Niklas ganze Arbeit geleistet. “Na, wo ist denn…”, sagte ich zu mir selbst und begann im Spind zu suchen. “Ohhhh, da ist es ja”, rief ich triumphierten, als ich endlich die Leckerlipackung fand und aus dem Fach zog. Dabei fiel noch etwas anderes heraus. Ein kleiner Schutzengel. Meine Schwester hatte ihn mir damals Geschenk und eigentlich war er für Vijami vorgesehen gewesen.
      Lange hatte ich ihn den kleinen Engel in der Schublade gelassen.
      “Ich glaube, heute ist der Tag gekommen, wo du einen Job bekommst”. Jeder der mich sah, wie ich gerade mit einem kleinen Anhänger redete, musste mich vermutlich für vollkommen verrückt halten. Gut, dass mir keiner zusah.
      Samu war in der Stallgasse geblieben und kraulte Divine ausgiebig, der natürlich seinen Kopf über die Boxentür steckte.
      “Guten Morgen, mein kleiner Prinz”, begrüßte ich den Freiberger als ich seine Box betrat. Natürlich begann er gleich nach einem Leckerli zu suchen, welches er auch bekam. Ausgiebig kraulte ich den Hengst an seine Lieblingsstellen. Freundlich begann er mich anzuknabbern. Das war unser allmorgendliches Ritual und diese Momente gehört nur meinem Pferd und mir. Irgendwann trat ich aus der Box heraus und Samu wollte schon gehen, doch ich hielt ihn noch kurz auf. “Warte, ich muss noch eine Kleinigkeit erledigen”, sagte ich, während ich nach Ivis Halfter griff. Mit ein paar Handgriffen befestigte ich den kleinen Anhänger an seinem Halfter. Die blauen Perlen und die silbernen Flügel passen einfach perfekt zu seinem blauen Halfter, wie als wäre das schon immer so gedacht gewesen.
      “So, jetzt können wir gehen”, sagte ich mit einem Lächeln auf den Lippen.
      Auf dem Weg zum Frühstücksraum wurde ich ein wenig nervös, weil ich nicht abschätzen konnte was mich dort erwarten würde. “Das wird schon”, sagte Samu zu mir, der meine Anspannung bemerkt hatte. Mit einem mulmigen Gefühl betrat ich den Raum.

      Vriska
      Endlich erblickte Lina. Zusammen mit Samu betrat sie den Raum.
      “Hier” winkte ich die Beiden aufgeregt zu uns.
      “Na, gut geschlafen?”, fragte Ju die Ankömmlinge.
      “Naja, geht so, war ein wenig unbequem”, antwortete Lina.
      “Also ich habe wunderbar geschlafen”, schloss sich Samu an.
      “Wieso unbequem?”, fragte ich Lina etwas ungläubig, den von Ju wusste ich, dass Niklas nicht bei ihr geblieben ist. Demnach musste sie sich das Bett niemanden teilen und hatte alle Freiheiten.
      “Es empfiehlt sich eindeutig nicht in Jeans zu schlafen”, antwortete Lina knapp.
      Ich lachte.
      “Guten Morgen! Nach dem Theorieunterricht am gestrigen Tag wollen wir das nun am Pferd einmal anschauen. Deswegen findet euch in kleinen Gruppen zusammen und wir treffen uns alle am Stall. Dann werden wir heute die Ausrüstung kontrollieren und in der Reithalle Lockerungsübungen für das Genick machen. Wir sehen uns später”, sprach Herr Holm zu uns und kam an unseren Tisch.
      “Ju, sag’ mal wo ist denn Niklas. Der kommt doch sonst nie zu spät.”, fragte er offensichtlich besorgt.
      “Dem geht es nicht so gut, offenbar sind die Schmerzen größer als er wartet.”, sagte Ju. Der Trainer des Teams nickte nur und Verstand.
      “Ich weiß nicht, wie es bei euch aussieht, aber ich will jetzt reiten”, gab ich zu stand auf.

      Lina
      “Reiten klingt gut”, stimme ich Vriska zu. Als Ju erwähnt hatte, dass Niklas heute Morgen wohl nicht kommen würde machte ich mir zwar ein paar Gedanken, doch ich vermute, dass ich in dem Punkt gerade nicht viel helfen konnte. Also blieb mir wohl nichts anderes übrig, als mich auf die kommende Stunde zu konzentrieren.
      Da kam mir gleich die Frage, welches Pferd ich nehmen sollte. Divine, könnte ein bisschen Arbeit gut vertragen, aber da war ja immer noch das Problem, das er klebt. Das war keine Gute Voraussetzung für eine Gruppenstunde. Also musste ich mich wohl oder über für ein anderes Pferd entscheiden. Während ich darüber nachdachte, folgte ich den andern, die bereits aufgestanden waren und gerade den Raum verließen.

      Niklas
      Geplagt von den schlimmsten Kopfschmerzen, die ich je hatte, suchte ich nach meinem Handy, dass ich zuletzt am Wasser hatte. Also zog ich mir rasch eine Hose und ein dünnes Shirt drüber, um mich auf die Suche zu machen. Es gibt nichts Schlimmeres, als im Ausland zu sein, ohne Handy. Seit der Ankunft konnte ich kein Back-Up machen, weswegen es mir umso wichtiger war, das blöde Ding wiederzufinden. Draußen war es nahezu still. Einige Pferde hörte man in seinen Boxen, andere fraßen auf den Weiden und Vögel sangen ihre Lieder. Das Licht stach mir in die Augen, weswegen ich noch einmal umkehrte, um meine Sonnenbrille zu holen.

      Vriska
      “Kommst du auch mit?”, fragte ich Ju, der bereits aufgegessen hatte.
      “Öhm ja, aber ich gucke nur zu. Amy war gestern nach dem Baden fertig”, antwortete er. Also nahm ich seinen Teller mit und stellte beides in die Schüssel, in der das dreckige Geschirr abgelenkt werden sollte.
      Ich hatte mir am Morgen bereits meine Reitsachen angezogen, um mir nicht den Stress zu machen, den Ju nun hat. Er verabschiedete sich kurz von mir und zog sich etwas anderes an. In der Zeit holte ich Glymur von der Weide, auf der zur Sicherheit wieder ein Strick zusätzlich herumgebunden wurde am Tor.
      “Na du Strolch. Heute musst du arbeiten.”, begrüßte ich den Hengst und bot ihm ein Stück Möhre an, dass ich vom Frühstück mitgenommen hatte. Freundlich prustet er mich an und schleckt meine Hand ab.
      Im Stall stand bereits Lina mit einem schicken Rappen.
      “Oh, was hast du denn da ausgepackt? Willst du jemanden beeindrucken etwa?”, scherzte ich, als ich Glymur einige Meter weiter anband.
      “Das ist Legolas. Also bitte, ich kann nicht dafür das, ich für diesen schicken Kerl verantwortlich bin”, antwortete sie grinsend.
      “Na dann bin ich mal gespannt, wer von euch beiden in der Halle eine bessere Figur macht”, neckte ich sie und begann meinen Hengst fertig zu machen, der nicht wirklich begeistert von Legolas zu sein scheint. Mit angelegten Ohren schnappt mein Isländer nach dem etwas größeren Hannoveraner, der sich davon überhaupt nicht beeindrucken lässt. Gelassen steht dieser da und beobachtet Lina beim Putzen. Vermutlich hofft er eine Leckerei zu bekommen.
      “Ach schön, ihr seid schon so weit”, sagte Herr Holm und kam näher.
      “Anna ist schon vorgegangen mit Lubi. Bei ihr war das Reithalter zu eng, weswegen ich es einfach entfernte”, setze er fort und präsentierte dieses.
      “Gut, dass das Ding eh keiner braucht”, ging Lina auf den Kommentar des Trainers ein.
      “Das kommt darauf an, du bist ja leider früher gegangen, deswegen Zeige ich dir mal kurz was oder noch besser, erklärst du Lina doch einmal wieso ein schwedisches Reithalfter nur mit bedacht genutzt werden sollte”, sagte er dann zu mir und drückte mit Lubis Reithalfter in die Hand. Da Legolas noch nicht getrenst war, zog ihm das Halfter über den Hals und das Ding an den Kopf.
      “Ähm, grundsätzlich ist mit dem Reithalfter alles gut. Auch an deinem Hengst sitzt es zwei Finger entfernt vom Jochbein. Leider ist das Verschließen ein großes Problem. Immer weniger achten darauf, dass zwischen Halfter und Nasenbein mindestens 2 Finger drunter passen sollten. So passiert es auch schnell bei diesem Verschluss. Einmal gezogen und fester wird es nicht mehr. Die Umlenkrolle verändert die Krafteinwirkung so, dass man nicht merkt, wie doll es drückt.”, erkläre ich ihr und demonstriere es vorsichtig am Kopf des Hengstes. Obwohl ich zum Schutz meine Finger dazwischen gelegt habe, legt Legolas seine Ohren an, als ich am Riemen ziehe zum fest machen.
      Herr Holm lobt uns beide und guckt sich noch an, wie wir gesattelt haben und vermittelt uns freundlich, aber diskret, dass wir zur Halle kommen sollen.
      “Also eigentlich ist das nicht so mein Ding, aber ich will wissen was das mit dir und Niklas ist”, tastete ich mich langsam an Lina ran, als wir uns auf dem Weg zur Halle befanden.

      Lina
      “Das ist… ein wenig kompliziert”, zögerte ich ein wenig ihr zu antworten. Naja, eigentlich konnte ich es ihr auch erklären. Ich vermute früher oder später wurde sie es eh mitbekommen, dennoch hatte ich ein wenig Schiss vor ihrer Reaktion. “Ok, du solltest wissen, ich hatte es nicht immer einfach. Niklas … gibt mir einfach das Gefühl etwas Besonderes zu sein und das alles an mir ok ist”, erklärte ich Vriska. Inzwischen waren wir fast an der Halle angekommen.
      “Ja … Das kann ich nachvollziehen.”, murmelte sie, aber ich konnte es noch hören.
      “Naja ... dieses Gefühl hatte ich noch nie bei einem Außenstehenden, der meine Geschichte nicht miterlebt hat”, erzählte ich weiter. “Und wenn ich ehrlich bin…, bin ich selbst ein wenig überrascht, dass das ausgerechnet hier und jetzt passiert”, fügte ich hinzu. Ich spüre wieder den Drang Muster zu malen, da dass hier nicht möglich war, begann ich automatisch die Zügel in meiner Hand durchzukneten.
      Mit einem schnipsen holte sich mich zurück. “Lina? Aber wie geht es den weiter, weil naja. 8 Tage sind schneller vorbei als man denkt.”, wiederholte sie leise, damit Anna es nicht mitbekam, die an uns im Schritt vorbeiritt.
      “Konzentration bitte, aufsteigen!”, motzte Herr Holm.
      “Ich weiß es nicht”, flüsterte ich Vriska zu, bevor ich mich meinem Pferd zu wand und aufstieg. Seit gestern Abend hatte ich nicht weiter darüber nachgedacht, wie es weitergehen sollte. Legolas stolpern, erinnerte mich daran, dass ich mich jetzt auf etwas anderes konzentrieren muss. Ich amtete einmal tief durch und fokussierte mich auf mein Pferd. Jetzt gerade musste meine volle Aufmerksamkeit dem Rapphengst gehören.

      Vriska
      “Du Idiot”, flüstere ich zu mir und meinte mich damit. Was hatte ich eigentlich erwartet von den Fragen? Vermutlich spricht sie gerade jeder Zweite darauf an, wieso sie jetzt was mit dem hat. Niemanden geht das was an. Ich sah das auf der Tribüne Samu, Milena und Ju sitzen.
      “Tief durchatmen”, sagte ich mir und blieb mit Glymur zunächst in der Mitte stehen. Wenn ich mich nicht fallen lasse, dann kann ich es auch nicht von meinem Hengst erwarten.
      “Är du rädd? (Hast du Angst?)”, wird Anna frech. Ich beachtete sie nicht weiter, aber die Worte trafen mich dennoch. Sie schien es mitbekommen zu haben und freute darüber. Herr Holm maßregelte sie.
      Im Schritt ritt ich an und wärmte den Hengst zunächst auf.
      „Anders, ich schätze mit Isländer wirst du nicht viel Anfangen können“, merkte Frau Wallin an, die die Reithalle betrat. Er lachte und bot sie dazu.
      Es war deutlich zu spüren, dass Glymur ziemlich kurz ist in seinen Tritten, sich deswegen nicht fallen lässt. Mit einigen Übungen hoffte ich, dass er seinen Rücken etwas mehr aufwölbt. Damit er sich auch ein bisschen mehr fallen lässt und Schritte vergrößert. Als Erstes achtete ich darauf, dass er gleichmäßigere Schritte machte. Da es für Glymur aber sehr anstrengend war, gab er nicht auf sich dem zu entziehen. Er schüttelte seinen Kopf und wurde immer kürzer. Zur Hilfe stellte ich ihn ein wenig nach Innen, damit er Außen etwas mehr Luft hatte. Dabei dehnte er sich schon etwas mehr. In seiner guckigen Art, weil Lubi mit in der Halle war, stolperte er mehrfach. In meinem Kopf kam die Angst vom Sturz wieder. Panisch hielt ich den Hengst an.
      “Vriska, wenn Glymur gleichmäßiger laufen soll, musst du ihm auch die Möglichkeit dafür geben. Selbst wenn er stolpert, wirst du nicht direkt herunterfallen. Und wenn doch, dann solltest du deinen Sitz einmal mehr kontrollieren. Also bremse ihn nicht andauernd und wenn es dir hilft, lass die Zügel noch länger. Dann klammerst du dich nicht mehr so denen”, merkte Frau Wallin an, nachdem ich den Hengst wieder einmal in den Halt durchparierte. Ich atmete noch einmal tief durch und setzte mein Pferd wieder in Bewegung. Je mehr ich mich in den Sattel setzte, umso mehr richtete sich Glymur auf. Einen Naturtölter zu haben ist Segen und Fluch zugleich. Mit ihm wird man die Schwierigkeiten haben den Takt im Tölt zu finden, doch einen ordentlichen Trab zu haben oder gar Galopp bedarf so viel mehr Training. Doch ich kann mich nicht beschweren. Noch immer freute ich mich sehr dieses Pferd zu haben und wir kennen uns einander auch noch nicht so gut, da ich nur einige Tage vorher ihn geritten bin am Hof, dann ging es schon wieder weiter nach Kanada. So könnte man sagen, dass Glymur und ich gerade eine Kennenlernfahrt haben. Mit diesem Gedanken flutschte das Aufwärmen direkt viel besser. Ich gewann mehr Sicherheit und seine Ohren vermitteltet mir ebenfalls, dass er gut zuhörte.

      Lina
      “Bevor wir hier auch mit dir richtig anfangen, wollte ich noch fragen, ob du kurz was zu dir und deinem Pferd sagen kannst, damit ich einen besseren Eindruck von euch bekomme. Wie lange reitest du schon? Wie alt ist dein Rappe? Was fällt ihm schwer, was besonders gut?”, begann Herr Holm den Unterricht mit mir.
      “Also ich reite jetzt ungefähr schon knapp 14 Jahre, aber erst seit knapp 5 Jahren mit Unterricht. Legolas hier reite ich jetzt ca. seit ca. 4 Monaten. Er ist 12 Jahre alt. Besonders schwerfallen ihm Seitengänge, vor allem auf der linken Hand. Übergänge und Tempowechsel sind dafür sein Spezialgebiet”, beantwortete ich den Trainer die Fragen, während ich auf dem Zirkel um ihn herumritt. Da ich vorher immer bevorzugt, kleiner Pferde geritten bin, fiel mir die Umstellung auf diesen großen Hengst damals gar nicht so leicht, denn er brachte sehr viel Schwung mit sich, was mir auch heute teilweise Probleme bereitet.
      “Gut, dann erstellen wir jetzt wohl noch einen Fahrplan für euch Beide. Du möchtest also das die Seitengänge besser funktionieren?”, fragte er mich. “Ja, genau”, antwortete ich.
      “Supi. Dann reite ihn zunächst so warm, wie du es sonst machst, denk auch dran ihn auch zu versammeln. Wenn was ist, wirst du es schon mitbekommen”, lachte er und wendete sich zu Anna mit Lubi ab. Ich begann also damit, den Hengst erst einmal im Schritt aufzuwärmen. Wie immer startete ich dabei erst mit größeren und dann immer kleineren gebogenen Linien. Legolas war kooperativ, auch die anderen Pferde störten ihn nicht. Nachdem ich ihn ausreichend im Schritt vorbereitet hatte, nahm ich auch den Trab dazu. Auch diesen ritt ich mit vielen gebogenen Linien. Ab und zu ließ ich ihn an der langen Seite ein wenig an Tempo zulegen, bevor ich ihn wieder einfing. Der Hengst war heute schon aufmerksam und gab sich Mühe, meine Hilfen umzusetzen. Solang ich noch Leichtraben konnte klappe es so weit auch ganz, gut doch als ich begann das Aussitzen dazu zunehmen, stieß ich mal wieder an meine Grenzen.
      „Lina, wenn du nicht sicher bist im Aussitzen dann Trab lieber leicht. Ansonsten kann Anna dir das sicher erklären.”, sagte Herr Holm zu mir und ich schaute zu Anna, die gerade mit ihrer Stute versammelt trabte. Ihr Gesichtsausdruck drückte keine Begeisterung aus, doch sie schien mir helfen zu wollen.
      “Wenn’s sein muss, okay. Also deine Beine müssen entspannt parallel zum Pferd liegen. Achte darauf, dass du nicht verkrampfst, sondern die Bewegung deines Pferdes fühlst. Deine Beinmuskelatur zieht? Dann ist es richtig. Setz’ dich so tief wie möglich in den Sattel, ohne dich nach Hinten zu lehnen, schließlich bist du nicht Vriska mit ihrem Kartoffelsacksitz. Denk’ auch daran zu atmen. Was mir damals geholfen hat, war die Steigbügel über den Sattel zu legen und dann den Gedanken zu haben, dass ich Wasserkanister an den Füßen habe. Deine Hüfte muss leicht nach vorne bewegt sein.”, erklärte sie mir dann. Natürlich war mir ihr Kommentar zu Vriska nicht entgegen, aber ich hatte definitiv keine Lust noch jemanden da zuzubringen mir wegen irgendetwas auf die Nerven zu gehen.
      Ich versuchte ihre Tipps so gut wie möglich umzusetzen, auch wenn ich mich ein wenig wie ein Reitanfänger fühlte, als ich die Steigbügel über den Sattel legte.
      Aus dem stand heraus ich meinen Hengst wieder an und konzentrierte mich auch meinen Sitz. Ok, Lina tief in den Sattel und vor allem, weiteratmen, dachte ich mir. Und siehe da es funktionierte tatsächlich. Da das bei einem Pferd mit so viel Schwung allerdings recht anstrengend war, ging ich doch recht schnell wieder zum Leichttraben über.
      Auch, wenn ich mich auf mein Pferd konzentrierte waren, mir Milenas spöttische Blicke Vriska gegenüber nicht entgangen.

      Niklas
      Das Ding war es nicht Wert weiter meine Zeit mit der Suche zu verschwenden. Meine Hoffnung beruhte darauf, dass es keiner gefunden hat, denn ich Idiot habe keinen Pin zum Entsperren drin. Im Zimmer zog ich mir etwas anderes über und warf noch eine Schmerztablette ein, denn die vorherige schien langsam ihre Wirkung zu verlieren. Über der Tür hing eine Uhr, die mir zeigte, dass ich fast zwei Stunden damit verbracht hatte mein Handy zu finden. Auch Schuldgefühle kamen in mir hoch. Lina dachte nun bestimmt, dass ich sie verarscht habe oder irgendwas. Kurz musste ich innehalten, eh mich auf die Suche nach dem Viergespann machte. Ich begegnete niemanden, denn ich hätte fragen können, wo alle sind. Es schien, als seien alle vom Erdboden verschluckt worden sein. Natürlich konnte ich es mir nicht nehmen zu lassen, mal ‘mein’ Pferd zu besuchen. Da Lina ihn selbst auf die Weide brachte, kam es nicht viele Möglichkeiten, wo Divine steht. Tatsächlich entdeckte ich ihn im Stall.
      “Guten Morgen. Ich hoffe, du kannst dich besser um sie kümmern als ich. Schließlich musst du nicht damit rechnen jeder Zeit was Falsches zu sagen”, führte ich einen Monolog mit dem Schimmel, der mich freundlich anstupste.
      “Was denn los?”, versuchte ich von ihm zu erfahren, was sich als eher schwierig herausstellte. Sogar Smoothie antwortete mir nie auf diese Frage.
      “Denkst du, Lina ist sauer, wenn wir mal gucken gehen, was sie gerade macht?”, fragte ich ihn, doch nun schien er mir was zeigen zu wollen. Divine hob sein Kopf, als würde er darauf warten mitzukommen. Also schnappte ich mir das Halfter, dass an der Box hing. Ein kleiner Engel hing dran.
      “Oh, was hast du denn da dran?”, zeigte ich ihm. Keine Reaktion. Pferde halt. Vorsichtig zog ich ihm das Halfter um und führte ihn heraus. Beim Herausgehen griff ich noch nach einer Gerte, die am Eingang herumlag. Schnellen Schrittes versuchte er vorauszulaufen, doch mit der Gerte an der Brust bremste ich ihn. Sein Blick richtete sich zur Reithalle, da er vermutlich gerade mehr sehen konnte als ich, entschied ich ihm diesen Willen zu lassen. Schon von weiten konnte ich Herrn Holm hören. Neugierig stellte ich mich an den Eingang der Halle, während der Hengst fröhlich ein paar Grashalme verschlang.
      “Was hast du denn da mitgebracht?”, fragte Anna abwertend, was ich nur an ihrer Stimme erkennen konnte.
      “Das wohl wertvollste Pferd hier in der Halle”, antwortete ich stumpf.

      Lina
      Ich war etwas irritiert, als ich die Antwort auf Anna Frage hörte, denn es war ganz klar Niklas’ Stimme. Neugierig lenkte ich meinen Rappen zum Tor, wo Anna mit ihrem Pferd stand, denn die Antwort hatte mich Neugierig gemacht. War Smoothie so wertvoll? Doch der Anblick vor der Tür überraschte mich. Vor der Tür stand Niklas mit Divine am Strick, der gemütlich ein paar Grashalme rupfte. “Was machst du denn hier?”, fragte ich ein wenig erstaunt und wusste nicht genau, ob ich, damit mein Pferd oder Niklas meinte.
      “Ich kann auch wieder gehen, wenn dir das lieber ist!”, scherzte er, ohne meine Frage wirklich zu beantworten. “Nein, nein bleib ruhig da, aber meinst du nicht ich hätte mein Pferd auch selbst gefunden? Auch und es ist ja schön, dass du dieses Pferd so sehr zu schätzen scheints, aber… so wertvoll ist er jetzt auch nicht. Nur weil er so heißt, ist er trotzdem noch kein Gott”, antworte ich immer noch ein wenig verwirrt. Ich hatte mit Legolas die Reitbahn, verlassen um nicht allen im Weg zustehen, der Unterricht war ohnehin beendet.
      “Doch ich glaube ganz fest daran, dass du dein Pferd selbst gefunden hättest. Nur ich hätte dich wohl ohne ihn nicht gefunden. Und doch schon, wenn wir es materiell betrachten. Ich habe einen Jahreslohn auf den Tisch gepackt für ihn.”, flüsterte Niklas mir zu und schien die letzten Worte eher verschlucken zu wollen. Erst jetzt, als ich abgestiegen war, merkte ich das Niklas mich anblinzelte, wie ein Maulwurf, doch das war mir gerade egal.
      “Bitte was hast du?”, fragte ich ein wenig geschockt. “Nicht dein erst!”. Ich musste mir sehr viel Mühe geben, meine Lautstärke zu zügeln, damit es nicht die ganz Halle mitbekam. Divine hob den Kopf und sah mich verständnislos an.
      “Jetzt beruhig dich, das geht die alle nichts an.”, begann er zu sprechen und führte den Hengst ein Stück weiter weg von der Halle.
      “Ich wollte dir eigentlich nicht sagen, wie viel ich dafür hingeblättert, da das Geld alles abdecken sollte. Und ganz ehrlich? Geld ist da, um es auszugeben. Denkst du wirklich, dass ich Arbeiten gehe, um welches zu verdienen?”, fragte Nik neckisch und versuchte mich zu kitzeln. Ich versuchte ihm auszuweichen, doch da stand mein Hannoveraner Hengst im Weg. Lachend musste ich mich ihm ergeben.
      “Entschuldigen sie Majestät, das ich nicht von jedem erwarte, dass er in Geld schwimmt”, erwiderte ich nun auch in der Stimmung für Späße, als ich wieder etwa Luft bekam und deute einen Knicks an.
      “Aber wo wollte ihr zwei denn eigentlich hin”, fragte ich Niklas, denn so ganz genau hatte ich noch nicht gepeilt, warum er mit meinem Pferd über den Hof spazierte.
      “Was heißt hier, Majestät? Wenn ich ein Teil des Königshauses wäre, dürfte ich gar nicht arbeiten oder gar hier sein, allein. Und wo wir hinwollten, dass weiß ich so genau nicht. Es war eine impulsive Handlung. Ich suchte nach dir, da war meine erste Vermutung, dass du bei ihm bist oder im Stall am Arbeiten bist. Stattdessen trafen wir uns beide und er beschloss mit mir zu Halle zu gehen. Vielleicht hätte er sich dann was abgucken können, wenn er sieht, dass die anderen Pferde nicht so aneinanderkleben”, antwortete er fürsorglich und griff nach meiner Hand. “Na, dafür wart ihr leider ein bisschen spät, fürchte ich”, antwortete ich lächelnd. Legolas schnaubte mir in den Nacken und begann seinen Kopf an mir zu schubbern, offensichtlich ein Zeichen, das er jetzt die Trense loswerden wollte. “Ich glaube, da möchte jemand nach Hause”, sagte ich entschuldigen und wollte loslaufen.

      Vriska
      Frau Wallin hatte mit mir und Glymur viel im Schritt gearbeitet. Besonders wichtig war die Vorbereitung im Schritt, bevor ich Tölten möchte, denn mein Hengst machte es sich selbst nicht so ganz leicht. Selbstständig verkürzte er immer wieder seine Schritte, um ein höheres Tempo heraufzubeschwören. Am Ende konnte Glymur noch ein paar Runden tölten, eh ich ihn locker im Schritt abritt.
      Lina hatte irgendwann plötzlich die Halle verlassen, aber ich konnte nicht genau sehen wieso. Erst als Ju mir vom Pferd half und erzählte, dass Niklas von einem auf den anderen Moment am Tor stand, wusste ich Bescheid. Ohne etwas zu sagen, liefen wir vorbei.
      “Ich muss dann Amy holen gehen”, verabschiedete sich Ju, um seine Stute zu holen. Plötzlich stand ich allein im Stall, wirklich wohlfühlte ich mich nicht damit.
      “Jetzt musst du wohl mit mir alleine klarkommen”, scherzte ich mit meinem Hengst.
      “Das ist mir aber eine Ehre.”, ertönte es hinter mir. Das konnte eine Person sein, Max. Zusammen mit Blávör stand er hinter mir.
      “Wie lief das Training?”, fragte er dann unerwartet nach.
      “Ganz gut, denke ich. Glymur muss noch mehr schreiten im Schritt, Tölt war gut”, beantwortete ich seine Frage und er ging wieder. Männer sind komisch, außer mein Pferd. Freundlich wuschelte ich ihm durch die Mähne und nahm den Sattel ab, um ihn in der Sonne trocknen zu lassen. Pony brachte ich samt Trense raus, den womit ich ihn führte, war am Ende des Tages Jacke wie Hose.

      Ju
      Seitdem Niklas Vriska am Strand ziemlich unsanft am Hals gepackt hatte, schien sie nicht mehr dieselbe zu sein. Ihre Freude schien wie erlosch und irgendwas trug sie mit sich. Allerdings hatte ich kein Recht dazu, sie danach zu fragen. Außerdem: The show must go on. Ganz einfach. Bevor ich meine Stute von der Weide holte, machte ich noch eine Atemübung, die Niklas und ich sonst zusammen machte. Nur hat er wieder andere Interessen. In letzter Zeit musste ich viel allein machen, aber so ist er eben. Nach einigen Minuten war mein Kopf frei von negativen Gedanken, sodass ich nun unbeschwert meine Stute holen konnte.

      Lina
      Hand in Hand lief ich zusammen mit Niklas zu Stall rüber. “Ich fürchte du wirst mich jetzt loslassen müssen”, sagte ich zu Niklas und zog meine Hand aus seiner.” Dafür kannst du ihn mal halten”, sagte ich und drückte ihm den Rappen in die Hand, um das Pferd abzusatteln. Mit Sattel in der Hand lief ich in die Sattelkammer.
      Zurück kam ich ohne Sattel, dafür aber mit dem Halfter des Rapphengstes und trenste ihn ab.
      “Schaffst du es zu laufen, oder soll ich dir hoch helfen?”, scherzte Niklas. “Sehe ich so aus, würde ich es nicht schaffen?”, sagte ich gespielt empört und wollte mit Legolas an ihm vorbeigehen.
      “Schon, mit solch kurzen Beinen”, begann er zu begründen, eh er mich hochhob und auf den Rappen setzte.
      “Und wie findest du jetzt den Weg zu Koppel?”, fragte ich, denn mir war durchaus nicht entgangen, dass er momentan nicht besonders gut sah.
      “Na, du kannst doch noch sprechen, oder müssen wir das zusammen jetzt lernen?”, neckte er mich und lief mit Divine voran. “Na dann pass mal auf, dass du nicht gleich über die Aufstiegshilfe fällst”, warnte ich ihn lachend, denn er verfehlte sie nur knapp.
      “Achtung, du musst weiter links laufen”, rief ich ihn zu, denn er marschierte geradezu auf den Koppelzaun zu.
      Immerhin hörte er mich zu, denn er befolgte die Anweisung. “So uns jetzt Stopp, wir sind da. Du musst nur noch das Tor öffnen”, sagte ich zu ihm und rutsche von Legolas runter.

      Niklas
      Wie ein Gentleman öffnete ich ihr das Tor und ließ sie gewähren.
      “Wärst du dann so lieb Smoothie zu holen, ich denke, es wäre besser, wenn ich auch gleich zum Training gehe. Doch ich sollte vorher noch was anderes anziehen und vor allem Kontaktlinsen reinmachen”, erklärte ich ihr, während ich mein Outfit betrachtete. Meine ehemals weißen Nikes, bei denen sich auch die Sohle bereits löste, waren nicht optimal für ein Training. Eben so wenig die kurze Jeans, nur mein Muskelshirt war okay.
      "Ja klar hol ich sie, aber verlauf dich nicht auf dem Weg", neckte Lina mich.
      Ohne was zu sagen, ging ich los zum Zimmer, dass ich zum Glück fand. Panisch suchte ich meine Verpackung der Kontaktlinsen, jedoch schien sie nirgendwo zu sein. Also blieb mir nichts, als meine Brille aufzusetzen. Im Spiegel versuchte ich meine Frisur noch etwas zu richten, eh mein Helm wieder alles versaute. Auch meine Reithose konnte ich nicht finden. Irgendwas unterschied den heutigen Tag von den anderen. Denn das Zimmer war bis vor meiner Suche beliebiger Gegenstände noch ordentlich. Meine Chaps schienen noch in meiner Tasche zu sein, deswegen nahm ich sie mit und zog meine Jogginghose an, besser als nichts.
      “Lina?”, rief ich durch den Stall, doch konnte sie nicht finden. Vor mehr als 20 Minuten lief sie los, um Smoothie zu holen.
      "Hier bin ich doch und dein Pferd ist auch schon fertig", kam sie um die Ecke mit meinem fertig gesattelten Pferd.
      “Du bist ein Engel, was würde ich ohne dich nur tun!”, sagte ich erleichtert zu ihr, gurtete nach und stieg auf. Vorher hatte ich noch meine Chaps rumgemacht. Smoothie reagierte direkt auf meine Unruhe mit hektischen herumtänzeln, doch ich war wirklich gerade nicht in der Stimmung für dieses Kindertheater und trieb sie energischer vorwärts. In der Halle waren bereits Max, Ju und Sam am Warmreiten. Offenbar wird das nun eine Männerrunde.

      Lina
      Niklas hatte heute ein interessantes Outfit zum Reiten gewählt. Doch ich hinterfragte das nicht weiter, vermutlich hatte das Chaos einfach das Zimmer schon wieder übernommen. Da ich nichts besseres Zutun hatte, beschloss ich meine Zeiten Hobby neben den Pferden nachzugehen. Also holte ich mir mein Zeichenzeug aus meinem Zimmer und begab mich in die Reithalle um währenddessen beim Unterricht zusehen. Über das Motiv hatte ich mir bisher noch keine Gedanken gemacht, aber da würde mir ziemlich sicher etwas einfallen.
      Die Sonne stand inzwischen hoch genug, dass ihr Licht durch die großen Hallenfenster viel und eine angenehme Lichtstimmung erzeugte.

      Vriska
      Eh ich den Rückweg antrat, warf ich noch einen Blick auf Glymur, der sich nicht wirklich vom Zaun entfernen wollte. Als ich ihn so betrachte, ärgere ich mich ziemlich darüber, dass meine Kamera in Schweden geblieben ist. Da ich aber wusste, dass Ju in wenigen Minuten Training haben wird, entschied ich mir das ganze Mal anzusehen.
      Das Training hatte bereits begonnen, stille setzte ich mich zu Lina, die gerade am Zeichnen war. Kurz guckte ich rüber, aber war mir noch nicht sicher, was das werden sollte. Da sie sehr konzentriert war, störte ich sie nicht. Stattdessen warf ich einen Blick auf Instagram. Hedda hatte wieder eine Reihe von Holy-Bildern gepostet. Ich vermisste immer mehr den Hof.

      Lina
      Eine Weile hatte ich den Jungs bei Training zugesehen, doch als ich Max und seinen Isländer erblickte, fiel mir auf einmal ein Motiv ein. Neulich als ich bei Alec auf dem Hof war, hatte ich das inzwischen nicht mehr so kleine Stutfohlen fröhlich über die Wiese tölten sehen. Schnell kritzelte ich eine grobe Skizze aufs Papier, bevor ich an die feinere Ausarbeitung ging. Da meine Skizzen häufig recht wüst waren, musste es für einen Außenstehenden, sehr verwirrend aussehen. Ich war so konzentriert gewesen, dass ich nicht gemerkt hatte wie Vriska sich neben mich gesetzt hatte, die auf ihrem Handy rumscrolle. “Oh hi Vriska”, sprach ich sie an. “Ich habe dich ja gar nicht kommen gehört”, fügte ich freundlich hinzu.
      “Ich wollte niemanden stören”, sprach sie zu mir. “Du störst doch niemanden, die da sehen so konzentriert aus, dass sie es eh nicht merken”, sagte ich und deute mit einem Kopfnicken an wen ich meinte.

      Vriska
      “Die Testosteron gesteuerten Dödel meine ich doch nicht, sondern vor allem dich.”, murmelte ich vor mich hin, als ich mir alte Bilder auf dem Account von meinem Chef ansah. Dabei wurde mir klar, dass ich mir jemanden reden muss. Milena fiel dabei auf jeden Fall raus.
      “Kann ich dir was im Vertrauen sagen?”, fragte ich sie leise, da Max gerade vorbeiritt. Unverschämt gut saß er auf Blávör, die ohne mich nicht mal Tölten würde. Bis heute habe ich keinen Dank von ihm bekommen, nur irgendwelche Phrasen, die eine Selbstverständlichkeit ausdrückten. Schließlich gehörte ich zum Personal. Schon bei dem Wort Personal lief es mir kalt den Rücken herunter.
      “Ja, klar”, antwortete mir Lina und sah von ihrer Zeichnung auf.
      “Ich habe nie darauf hingearbeitet, um ein Teil vom Verein zu werden. Es war ein Zur-Richtigen-Zeit-Am-Richtigen-Ort Moment. Zurzeit mache ich meine Ausbildung zum Pferdewirt in Kalmar. Diese Akademie gehört mit zum Verein, aber jeder kann dort lernen. Frau Wallin hatte alles in die Wege geleitet und empfand es als eine gute Idee, wenn frischer Wind zu den Isländern kommt. Doch auch Max konnte sich auf diesem Wege, dafür Qualifizieren. Nur, dass er bleiben kann. In 8 Tagen ist für mich das ganze schon wieder vorbei”, wurde ich immer Stiller zum Ende hin. Einige Tränen flossen an meiner Wange herunter, denn meine größte Angst dabei ist es, darüber zu Hause zu sprechen.
      “Ich bin mir sicher, was auch immer der Grund dafür ist, es wird sicherlich eine Lösung, dafür geben”, sagte sie und reichte mir ein Taschentuch.
      “Danke … Ich hatte dir ja erzählt, was alles in London abgegangen. Dadurch das Milena beim Frühstücken gestern herumgebrüllt hat und ich mich dann sozusagen geoutet hat, musste Frau Wallin es melden. Denn jede gesundheitlich schädigende Sucht muss in der Akte stehen und 5 Jahre zurückliegen. Jetzt brauche ich ein Attest von meinem Arzt und bin für mindestens 6 Monate erstmal gesperrt. Dann beginnt die ganze Prozedur wieder von vorne mit Vorreiten, schriftliche Tests und das ganze”, sprudelte es aus mir. Zwischendurch schnaubte ich meine Nase.
      “Kommt ihr beiden klar?”, fragte plötzlich Niklas, der mit Smoothie stehen blieb.
      “Ja, wir kommen klar. Es gibt hier kein Problem, bei dem du helfen könntest”, sagte sie zu ihm und schien in davon überzeugen zu wollen, dass er verschwinden sollte.
      “Ich bin überzeugt, davon dass du das Schaffen wirst. Immerhin hast du es schon einmal geschafft und du bist seitdem besser geworden, allein heute fand ich dich genial mit Glymur”, wand sie sich wieder an mich.
      “Ich hatte vorher sowas nicht direkt, sondern es wurden meine Leistungen aus der Ausbildung genommen und jedes Jahr steigen die Anforderung. Zudem wird dieser Platz nun jemand Anderes angeboten”, versuchte ich ihr die Lage klar zu machen.
      “Na dann musst du wohl einfach alle so aus den Socken hauen, dass sie keine andere Wahl haben, als dich wieder zu nehmen. In 6 Monaten kann man noch sehr viel erreichen”, versuchte sie mich aufzumuntern.
      “Vielleicht hast du recht, oder der Verein ist gar nichts für mich. Denn ich muss auch wieder mit den Hengsten zu den Rennen. Eigentlich habe ich so viel mehr zu tun, als durch die Welt zu Reisen und Schweden zu vertreten”, gab ich als Einsicht heraus.
      “Denkst du nicht, dass du das Zeug für größere Turniere hast? Mit etwas mehr Übung könnten du und Legolas echt was erreichen”, fragte ich Lina nach einer Pause. Sie begann gerade wieder zu zeichnen, aber ich wollte mir nicht die Männer auf den Pferden ansehen. Dafür sind meine Hormone nicht gemacht.

      Lina
      “Darüber habe ich bisher noch nie nachgedacht”, gab ich Vriska nachdenklich als Antwort, während ich weiterzeichnete. “Worüber ich allerdings nachgedacht habe...”, sagte ich und sah sie an, “...ist, dass du so aussiehst als könntest du jetzt eine Ablenkung gebrauchen. Was hältst du davon, wenn ich dir mal den kleinsten Hofbewohner vorstelle?”
      “Wie kann das denn sein, dass du deinen Kerl allein lässt? Offenbar schafft er es nicht mal sich selbst anzuziehen?”, antwortete Vriska und schien vom Thema ablenken zu wollen.
      “Ich bin doch nicht sein Babysitter. Er ist alt genug, um auch mal zwei Sekunden allein zu Recht zu kommen. Auch, wenn du recht hast, dass seine Outfitwahl für heute sehr interessant ist. Aber wenn du meine Anwesenheit nicht brauchst, kannst du dir auch jemand anderen suchen”, antworte ich ein wenig schnippisch, denn seit gestern schienen alle zu glauben, dass ich an ihm festgekettet war. Ein wenig eingeschnappt, wand ich mich wieder meiner Zeichnung zu.
      “Aber einen Babysitter könnte er trotzdem gebrauchen”, lachte sie und versuchte mich zum Aufsteigen zu bewegen. Offenbar wollte sie nun doch los.
      Da Jace gerade die Halle betrat, packte ich dann doch bereitwillig mein Zeichenzeug zusammen. Er war der letzte den ich heute sehen wollte, denn ich war immer noch sauer auf ihn. Ich konnte mir nämlich nicht vorstellen, dass es einen vernünftigen Grund für die gestrige Aktion gegeben hatte.
      Ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen, ging ich an ihm vorbei.
      “Oh, wo willst du denn jetzt so schnell hin?”, rief Vriska und stürzte mir nach.
      “Egal wohin, Hauptsache der Idiot da hinten ist da nicht”, antwortete ich ihr und schlug den Weg Richtung Hof ein. Auf dem Hof war einiges los, da die nächste Truppe, bereits dabei war ihre Pferde zu putzen.
      “So und wo willst du jetzt mit mir hin?”, fragte sie mich neugierig. Einen Moment musste ich darüber nachdenken. “Magst du Ponys, ich weiß, wo ein paar zuckersüße Exemplare hier wohnen”, kam ich wieder auf meinen eigentlichen Plan zurück.
      “Ist gerade nicht dein hellster Moment, va?”, scherzte sie. “Natürlich, sonst würde ich einen der Riesen mithaben und nicht Glymi”, fügte Vriska an.
      “Na dann komm mal mit”, antwortete ich lachend und ging mit Vriska zum Auslauf der Hengstgruppe. “Darf ich vorstellen, das ist Arctic Tiger, einer unserer kleinsten Bewohner hier”, präsentierte ich den Miniature Horse Hengst, dem mal wieder die anderen Pferde als Sonnensegel nutzte. Der kleine silberne Hengst hatte die lustige Angewohnheit einfach unter einem seiner Kumpels zu parken, wenn er ein Dach braucht.

      Juha
      “Wenn du Amnesia einfach mal machen lassen würdest, könnte sie ihren Rücken wölben. Jeden Schritt treibst du bei ihr und verunsicherst dein Pferd damit”, bemängelte Herr Holm meine Reitweise. Also gab ich ihr etwas mehr Zügel und versuchte meine Beine ruhiger zu halten. Einfacher gesagt als getan, denn meine Gedanken waren viel mehr dabei, wieso Vriska so schnell die Halle wieder verließ. Als wir vorhin Glymur wegbrachten, war sie so aufgeregt die heutige Stunde zu sehen. Etwas hintergangen fühlte ich mich, obwohl es gar keinen Anlass dafür gab. Also raufte ich mich wieder zusammen.
      “So Leute, ihr scheint heute alle nicht wirklich gut im Sattel zu sitzen, also alle Mann Steigbügel überschlagen”, weißte Herr Holm an. Schlagartig bremste ich Amy in den Stand, lobte sie und legte die Steigbügel vor mich auf den Sattel. Dann ritt ich im Schritt wieder an. In meinen Oberschenkel zog es in der Muskulatur. Auch in meiner Hüfte merkte ich eine Veränderung, da sie deutlich weicher in der Bewegung des Pferdes mitging. Zufrieden lobte ich meine Stute erneut. Dann warf ich einen Blick zu Niklas, der lange nicht mehr so schlecht ritt wie heute. Außerdem war ich sehr verwundert darüber, dass er in der Öffentlichkeit seine Brille trug. Normalerweise vermied er es sich so zu zeigen, was ich bis heute nicht nachvollziehen konnte. Im Vergleich zu anderen Leuten hat mein bester Freund ein Brillengesicht, außerdem machte es ihn intelligenter.
      “Ey Samu, du sitzt auf deiner Stute wie angewachsen. Sieht super aus”, lobte ich ihn, denn das konnte ich mir wirklich nicht nehmen lassen. Seine Beine lagen ruhig und parallel zum Pferd, seine Hände setzte er kaum ein und den größten Teil steuerte er mit der Stimme. Mir persönlich war es unangenehm mit meinem Pferd zu sprechen, da es sonst niemanden anging.


      © Mohikanerin & Wolfszeit | 98.759 Zeichen

    • Mohikanerin
      Nationalteam IX | 1. April 2021
      HMJ Divine // Voilá // Carry On my Wayward Son // Injaki // Vakany
      Northumbria // Glymur // Kempa // Blávör


      Lina
      Nachdem Niklas verschwunden war, hatte ich beschlossen zu meinem Pferd zu gehen. Den gab es schließlich auch noch. Zum Glück hatte irgendwer ihn mit auf die Koppel gebracht, denn ich hatte es heute Morgen einfach vergessen. Zum Glück schien der weiße Hengst nicht nachtragend zu sein. Wie immer kam er freundlich ans Tor getrabt.
      “Na Süßer, du hast bestimmt schon gewartet”, begrüßte ich den Hengst und hielt ihm eine Möhre hin, die er auch sogleich wegknusperte.
      “Weißt du Ivy, heute ist einfach ein seltsamer Tag”, begann ich und kletterte auf den Zaun. Der Freiberger trat ein Stück zurück und begann mein Knie voll zu sabbern. Da ich eh noch mit Schlammspritzern bedeckt war, ließ ich ihn einfach machen.
      “Auf pferdiger Ebene läuft heute einiges falsch” erzählte ich dem Hengst. “Doch dafür scheint es ansonsten heute ganz ok zu laufen, auch wenn ich absolut nicht weiß, warum das so ist”. Mein Knie schien inzwischen uninteressant zu sein, denn der weiße Hengst begann nun lieber mein Handy in der Hosentasche zu inspizieren. Da das Pferd mir eh nicht zuhört, beendete ich das Selbstgespräch und ging dazu über ihn einfach nur zu beobachten. Neugierig, wie er war, begann Divine an der Hose zu knabbern.
      “Das kannst du nicht essen mein kleiner Prinz”, sagte ich, während ich das Handy aus der Tasche zog, um zu vermeiden, dass er noch ein Loch in meine Hose knabberte. Gerade als ich es in die Hand nahm, kündigte es durch ein kurzes Signal, den Eingang einer neuen Nachricht an. Die Nachricht war von Niklas, er wollte wissen, ob es sich jetzt die Führanlage anschauen sollte.
      “Jap, mache mich sofort auf den Weg. Ich bin in 2 min vorm Stall ”, antworte ich ihm.
      “Die Arbeit ruft, mein hübscher”, verabschiedete ich mich von meinem Pferd, welches inzwischen gelangweilt am Gras knabberte und kletterte wieder vom Zaun runter.
      Keine drei Minuten später stand ich auch schon im Hof und sah mich nach Niklas um.

      Niklas
      Im Zimmer wollte ich nur meine Hose wechseln, um dann Lina zu helfen, doch Ju hatte anderes im Kopf. Jetzt wurde mit klar, dass die Monstermücken noch immer offensichtlich waren.
      “Bevor du gehst, musst du mir ein paar Fragen beantworten”, sagte er und stellte sich vor die Tür.
      “Dafür habe ich jetzt keine Zeit, ich will bei der Reparatur der Führanlage helfen”, versuche ich mich herauszureden und gab mein Bestes durch die Tür zu kommen. Doch er blockierte sie gut.
      “Ja, dann schieß los.”, gab ich nach.
      “Diese Kratzspuren waren gestern noch nicht da und von Lina werden sie wohl nicht sein, also was hast du getan? Und sagt mir jetzt nicht, dass meine Gedanken stimmen”, meckerte er. Vermutlich wusste Ju schon was passiert war.
      “Können wir das wann anders besprechen? Ich möchte nicht drüber sprechen”, murmelte ich verlegen.
      “Nein. Du verschwindest immer, wenn es brenzlig wird. Also sprich es aus, sonst erzähle ich es allen. Ob ich recht habe oder nicht.”, drohte Ju nun.
      “Ist doch gut, ja. Ich habe mit Vriska geschlafen. Zufrieden? Sie wollte es”, gab ich zu.
      “Ich hätte es von Anfang an wissen sollen. Deswegen wolltest du nicht, dass ich was mit ihr etwas anfange, weil du Arsch sie flachlegen wolltest. Und fair gegenüber Lina ist das auch nicht. Warum bist du so? Immer wenn ich jemanden kennenlernen möchte, kommst du dazwischen. Noch einmal und du kannst Lebewohl zu mir sagen. Werd’ erwachsen.”, die Enttäuschung in der Stimme war deutlich zu hören. Ohne mich weiter zu äußern, lief ich raus, nach dem Ju mir den Weg frei machte. Von Lina hatte ich bereits eine Nachricht bekommen, wo ich denn bliebe. Im Eiltempo machte ich mich zum Stall, vor dem Lina bereits wartete.
      “Tut mir leid für die Verspätung. Ich hatte einen Streit mit Ju wegen Nichtigkeiten”, entschuldigte ich mich bei ihr.

      Lina
      “Alles gut, hier gibt es immerhin Schatten”, antwortete ich Niklas. Während ich auf ihn gewartet hatte, hatte ich mich im Schatten einer der Eichen niedergelassen und hatte ein paar Schmetterlinge beobachtet, die fröhlich durch die Luft taumelten. “Und es ist wirklich nichts Wichtiges zwischen euch? Ich kann sonst, auch wenn anders fragen”, fragte ich dann noch vorsichtig nach, denn er wirkte ein wenig gestresst auf mich.
      “Ach er bildet sich nur mal wieder Sachen ein”, lenkte Niklas überzeugt ein. Dass er mir etwas nicht sagte, spürte ich dennoch.
      “Falls du doch irgendwann das Bedürfnis zum Reden haben solltest, weißt du wo du mich findest”, bot ich an und rappelte mich auf.
      “Willst du dir dann jetzt die Führanlage ansehen?”, fragte ich freundlich.
      “Natürlich, dafür bin ich schließlich gekommen und nicht eine Selbsthilfegruppe zu gründen”, scherzt Niklas.
      “Na dann los”, forderte ich ihn auf und lief in Richtung Führanlage, vor der wir einen Moment später standen.
      “So und das Problem ist, folgendes...”, demonstrierte ich und drückte den Startknopf. “Es bewegt sich nicht mehr”, fügte ich dann hinzu, auch wenn es recht offensichtlich war.
      “Und ja, bevor du fragst, ich habe die Anlage bereit schon mal komplett ein- und ausgeschaltet”.
      “Wann ist denn das Problem aufgetreten? Und vor allem gab es Anzeichen?”, stellte er mir komische Fragen.
      “Du stellst vielleicht Fragen. Soweit ich weiß, funktioniert das Ding seit zwei Tagen nicht mehr”, antwortete ich ihm. “Und von Anzeichen weiß ich nichts, aber ich bin hier ja auch nicht die Einzige, die das benutzt.”
      “Sorry, aber das hätte den Prozess etwas optimieren können”, protestierte er und begann mit der Arbeit. Ich beobachte Niklas dabei, wie er die Schaltfläche auseinandernahm und mit dem Messgerät überprüfte er, ob durch die Leitungen Strom floss.
      “An der Elektronik liegt es schon mal nicht. Die Messwerte sind okay”, berichtete er mir und schraubte wieder alles zusammen.
      “Na das klingt schon mal gut”, kommentierte ich das Ganze und beobachtete ihn. Er kletterte hoch zum Motor der Anlage. Schneller als ich gucken konnte, hatte er die Verschalung entfernt. Mit wenigen Handgriffen sprach er triumphierend: “Problem gefunden!” und hielt einen Stein in die Luft. Niklas baute wieder alles zusammen und kam zurück.
      “Der hübsche Kerl steckte im Antrieb.”, erklärte er und schaltete die Anlage an, die erst ruckelte und dann flüssig loslief.
      “Wie genau kommt denn ein Stein da oben rein?”, fragte ich ein wenig verwirrt. Auch wenn ich absolut keine Ahnung von Technik hatte, wusste ich dennoch, dass Steine nicht von allein nach oben fliegen. “Aber danke, dann kann ich die zwei Wildfänge jetzt da reinstellen”, bedankte ich mich bei Niklas.
      “Vermutlich wird er im Sand gewesen sein und wenn die Pferde sich hier bewegen, kann das schon mal passieren. Immer wieder gern. Noch was?”, erläuterte Niklas.
      “Mhm, nein ich denke zwei Pferde reinstellen, sollte ich grade so schaffen”, scherzte ich. “Und die Jungs sollen sich besser mal nicht an so einen Service gewöhnen”, fügte ich noch hinzu.
      “Ach in paar Tagen müssen sie wieder alles allein machen, dann lasse ich noch die Rechnung hier und gut ist. Oder bist du meine Bezahlung?”, scherzte er und legte seine Hände an meine Hüften.
      “Das kommt ganz darauf an”, antworte ich ihm und blickte ihn verführerisch an.
      “Und auf was?”, kam er näher und lehnte sich ein wenig herunter zu mir.
      Ich zögerte absichtlich einen Moment, bis ich ihm antworte. “Na, ob du weiterhin so charmant bleibst”, raunte ich ihm zu.
      “Na werden wir sehen, was du dann von meinem Keller hältst”, sagte Niklas und küsste mich leidenschaftlich.
      Eine wohlige Wärme durchfloss mich und für den Augenblick schien die Zeit stillzustehen, bis wir uns wieder voneinander lösten. Scheinbar hatte ich für einen Moment vergessen zu atmen, denn ich spürte auf einmal, wie mein Körper nach Luft verlangte. Mit der Luft, die nun wieder meine Lungen füllte, breitete sich auch ein Kribbeln auf meiner Haut aus, welches mir die Haare zu bergen stehen ließ.
      “Alles gut bei dir?”, erkundigte er sich etwas besorgt.
      “Ja, sehr gut sogar”, antworte ich mit einem lächeln.
      “Es tut mir leid, was ich gestern zu dir sagte. Ich möchte nicht, dass deine Freunde und Familie sich gemeinsam gegen uns stellen, weißt du”, versuchte Niklas das gestrige Gespräch zu entschuldigen.
      “Ach, ist schon gut. Mit Jace hätte ich früher oder später eh reden müssen. Und was Samu angeht, kann ich dir sagen, so blöd findet er dich gar nicht, er kann es nur nicht so zeigen”, erklärte ich und musste fast lachen, bei dem Gedanken an Samu.
      „Vielleicht mag er dich ja mehr, als er sich eingestehen möchte“, murmelte er. Es wirkte, als würde Niklas sich darüber mehr Gedanken machen als nötig.
      “Mach dir deswegen keine unnötigen Gedanken. Für mich ist er eher wie ein Bruder und das weiß er auch”, versuchte ich Niklas zu beruhigen, denn selbst wenn er mit seinen Gedanken recht haben sollte, würde das für mich keinen Unterschied machen.
      „Gut sieht er aber aus, dass kannst du nicht abstreiten. Da könnte sogar ich schwach werden“, scherzte er nun.
      “Sowas in der Art hat Alec auch neulich über dich gesagt”, sagte ich schmunzelnd. “Und ich würde ihm da eindeutig zustimmen.”
      „Wenn er was braucht, kann er sich gern melden. Ich bin offen für Neues“, offenbar spielte er wirklich mit dem Gedanken homosexuelle Erfahrungen zu machen.
      “Ich fürchte da muss ich dich leider enttäuschen, er ist glücklich vergeben, aber ich werde es ihm ausrichten”, antworte ich.
      „Wo ein Wille ist, ist auch Weg. Aber du solltest jetzt lieber weiterarbeiten. Schließlich wirst du nicht fürs Herumstehen und gut aussehen bezahlt“, lenkte Niklas ein, gab mir einen Kuss auf die Stirn und war im Begriff zu gehen.
      “Also bei letzterem, wäre ich mir nicht so ganz sicher. Außerdem wartet da auch noch ein anderer Herr auf mich”, scherzte ich, schließlich musste ich nicht nur die beiden Westernpferde noch bewegen, denn auch Divine wartete noch auf seine Bewegung.
      „Ach, du guckst dich nun schon nach Alternativen zu mir aus? Frauen“, scherzhaft schüttelte er den Kopf, als er sich noch mal zu mir drehte auf dem Weg zurück zum Zimmer.
      “Keine Sorge er ist zwar hübsch, aber zuhören ist nicht so seine Stärke. Vor allem antwortet er nie”, rief ich ihn noch hinterher, bevor auch ich mich auf den Weg zu den Koppeln machte.
      Nur um mir noch einmal zu antworten joggte Niklas zurück: „Neben seinem Herz wird vermutlich aber noch was anderes deutlich größer sein.“ Mit einem breiten Grinsen geht er wieder, ohne mich etwas sagen zu lassen. Das war mal wieder typisch Mann, immer darauf bedacht, wer den größten hat. Erheitert machte ich mich auf den Weg zu den Koppeln, um Carry und Injaki in die Führanlage zu stellen, bevor ich mich dann meinem eigenen Pferd widme.

      Niklas
      Ein wenig schlecht fühlte ich mich für mein Verhalten schon. Für Lina war alles wie immer, doch in mir schwebten die Bilder von letzter Nacht sowie deren Folgen und Emotionen, die sie mit sich brachte. Besser machte es auch nicht, dass Ju nun davon wusste, wo mir klar sein musste, dass er deutlich mehr in ihr sah als ich. Ich hatte versucht die Nacht zu stoppen, mehr oder weniger. Sie ging mir nicht aus dem Kopf und auch nicht, dass Vriska offenbar einen Plan hatte. Wie konnte das nur so weiter gehen?
      Gedankenverloren kam ich im Zimmer an und erwartete einen frustrierten und niedergeschlagenen besten Freund, doch das Gegenteil saß am Tisch. „Was denn mit dir los? Vorhin wolltest du mich noch am besten um die Ecke bringen?“, fragte ich ihn überrascht.
      „Du hast mir die Augen geöffnet und mir die Irre abgenommen. Dafür bin ich dir Dankbar. Stattdessen kann ich nun ohne schlechten Gewissen Linh besser kennenlernen. Schon vor der Fahrt hatten wir bereits einige vielversprechende Gespräche und seit dem Kuss am Feuer am ersten Tag, na ja. Ist deutlich mehr an Gefühlen da...“, erklärte Ju mir. Verwirrt setzte ich mich. „Und was war das dann mit Vriska?“, versuchte ich der Sache nun auf der Spur zu gehen. „Sie ist sympathisch und ich hoffte mit ihr Neues erleben zu können. Stattdessen merkte ich, dass zwar vieles und vor allem versautes in ihrem Kopf abgeht aber genauso viel Kindergarten. Deswegen würdet ihr beiden Psychos echt was hermachen, natürlich unter der Prämisse, dass die Welt bereits in Flammen steht“, sprach er fröhlich weiter. Natürlich kannte ich ihn genauso. Nicht lange hielt Ju sich mit Personen auf, die ihm nicht guttaten, doch dass er Empfehlungen aussprach, war auch für mich etwas Neues. „Und was sollte dann der Aufstand vorhin?“, wollte ich noch Wissen. „Du musst auch mal in deine Schranken gewiesen werden. Außerdem war ich bis zu dem Zeitpunkt noch davon überzeugt einen besseren Menschen aus ihr machen zu können. Das wird dann aber in deinen Aufgabenbereich fallen“, wies er mich ein, als wäre Vriska ein Forschungsprojekt. Ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte. Tatsächlich war ich noch nie so sprachlos wie jetzt. Am liebsten hätte ich sie nun vor ihm verteidigt, aber aus welchem Grund? Schließlich war da nicht, also zumindest nicht viel.
      „Jetzt denk weiter daran, wie gut sie es dir besorgt hat, sondern mach‘ deine Kür weiter“, forderte Ju mich auf und reichte mir das Pad. Geöffnet war bereits die Datei mit den Mindestanforderungen.
      „Und gut war es nicht, für befriedigend hat es gereicht. Schließlich ist das Neuland für sie gewesen und ich musste sie erst mal einreiten“, nutze ich alle Wortspiele, die mir einfielen. Zusammen lachten wir. Das fehlte mir wirklich.

      Lina
      Ich hatte die beiden Hengste gerade in die Führanlage gestellt und sie angeschaltet.
      "Gut dann habe ich jetzt ca. eine halbe Stunde, bis die zwei da wieder rausmüssen", murmelte vor mich hin und warf einen kurzen Blick auf die Uhr.
      "Wow, die geht ja wieder", hörte ich plötzlich von Hazel, die gerade mit Voilà um die Ecke kam.
      "Jap, Niklas hat sie repariert, war nur ein Stein im Getriebe", erklärte ich ihr, während ich dem Shetty freundlich über die Schnauze strich.
      "Na da hast du dich ja nochmal ums Reiten herum geschummelt. Kann der noch mehr so Zeug?"
      "Ja, er kann auch andere Dinge reparieren", bestätigte ich Hazel.
      "Ohhhh, toll noch ein Grund ihn zu behalten", quietschte sie plötzlich, dass das kleine Pony neben ihr zusammenzuckte.
      "Was heißt hier denn noch ein Grund?“, fragte ich und sah sie ein wenig verwirrt an.
      “Na ja, bisher dachte ich, wir können ihn einfach als Deko behalten, aber wenn er auch noch etwas kann...", führte Hazel aus.
      "Du Hazel wirst ihn weder als Deko noch als Handwerker behalten, denn im Gegensatz zu dir hat es auch noch einen richtigen Job", unterbrach ich sie. "Außerdem wenn ihn hier jemand behält, dann bin das ausschließlich ich", protestierte ich. Oh Gott, hätte ich das gerade wirklich gesagt? Offensichtlich ja, denn Hazels Augen wundern ungefähr so groß wie Untertassen.
      "So ist das also", sagte sie mit einem sehr interessierten Unterton und zog eine Augenbraue hoch.
      "Was ist eigentlich mit euch allen los, dass ihr immer alles wissen wollt, habt ihr kein eigenes Leben? Hofft ihr etwas, wenn ihr mir lang genug auf die Nerven geht, bleibe ich doch hier, oder was? Was habt ihr denn alle für ein Problem?", fragte ich Hazel nun etwas genervt.
      "Na wir mögen dich halt und wenn du’s unbedingt wissen willst… Ich brauche dich. Ich kann die Reitschule noch nicht allein Schmeißen", gab sie nun zähneknirschend zu.
      "Doch Hazel, das kannst du. Außerdem tust du ja gerade so, als würde ich den Planeten verlassen. Ich geh nach Schweden, nicht auf den Mond. Falls du mal Hilfe brauchst, bin ich doch immer noch erreichbar", erklärte ich ihr.
      "Na gut, aber du musst mir vor deiner Abreise nochmal alles genau erklären, sonst lass ich dich nicht gehen", fügte Hazel trotzig hinzu.
      "Du, lässt mich nicht gehen? Das klingt jetzt aber bedrohlich”, scherzte ich. “Natürlich erklär ich dir alles und du bekommst auch alle wichtigen Notizen. Außerdem bist du auch nicht allein, Samu wird dir sicherlich genauso helfen, wie er mir immer geholfen hat." bestätigte ich sie.
      “Ok, aber wenn ich die Reitschule übernehmen kann, dann kannst du dich auch morgen
      auf eins von den Westernpferden setzten, vielleicht stell ich dann sogar Blue hin”, murmelte sie und verschwand mit dem Pony im Auslauf. Naja, wenn sie mir dafür nicht mehr auf die Nerven geht, werde ich das Wohltun. Ihre nervige Art war sicherlich eines der Dinge, was ich nicht vermissen werde.
      Da mir Hazel ein wenig Zeit gestohlen hatte, musste ich mich nun ein wenig beeilen, um Divine zu holen, wenn ich noch mit Putzen fertig sein wollte, bevor ich die beiden Hengste wieder auf die Koppel brachte. Glücklicherweise war der Freiberger heute nicht besonders dreckig, sodass ich ihn schon gesattelt hatte als die Führanlage fertig war.
      “So hübscher, nicht weglaufen ich bringe nur gerade die beiden anderen noch schnell weg”, sagte ich zu meinem Pferd und zog ihm das Halfter wieder über die Trense. Divine störte sich nicht wirklich dran, dass ich noch mal wegging und döste einfach weiter.
      Injaki und Carry folgten mir brav auf der Koppel und so war ich auch recht schnell zurück bei meinem Pferd.
      “Genug geschlafen Ivy. Heute musst du mal ein wenig arbeiten”, kommentierte ich das Abziehen des Halfters und führte ihn zu Halle.
      Schon als ich das Tor öffnete, konnte ich sehen, dass ich allein war. Ideale Voraussetzung für ein erfolgreiches Training mit dem Freiberger.
      Ich entschloss ihn noch einen Moment zu führen, bevor ich aufstieg und so ließ ich ihn erst einige Runden neben mir hertrotten. Damit mit dem Hengst dabei nicht einschlief, baute ich immer mal wieder einen Halt und Richtungswechsel ein, auch den Rückwärtsgang fragte ich ab.
      Nachdem aufwärmen vom Boden aus, gurtete ich nach und stieg auf. Schon gleich beim Losreiten fiel mir auf, dass er heute ein wenig maulig im Maul ist. Da der Hengst bereits ausreichend aufgewärmt war, ging ich somit direkt dazu über ihn locker am langen Zügel zu traben. Nach ein paar Runden begann er sich allmählich zu locken und abzukauen. Dennoch war dem Hengst anzumerken, dass er nun schon seit einigen Tagen nicht ordentlich geritten worden war.
      Um den Hengst ein wenig aufzuwecken, begann ich nun neben den Handwechsel nun auch noch Tempounterschiede und Übergänge hinzuzunehmen. Allmählich kam Divine nun in ein vernünftiges Arbeitstempo, sodass ich nun auch ein paar schwierigere Bahnfiguren dazu nehmen konnte.

      Niklas
      Die Worte die Ju über Vriska sagte, brachten mich zum Nachdenken. War sie wirklich so? So irre, wie er sagt? Oder war es nur eine Ausrede seinerseits, sich keine Gedanken mehr zu machen? Es ließ mir keine Ruhe, doch weiter darüber zu sprechen, würde es nicht besser machen. Mir fiel es schwer an der Kür weiterzuarbeiten, auch weil das Training mit Humbi vorhin nicht verlief, wie ich dachte. Zusammen mit Vriska wollte ich die Grenzen meines Pferdes testen und neues Ausprobieren. Durch das Gespräch mit Lina lenkte mich so stark ab, dass ich beide vergaß. Eigentlich wollte ich mit Vriska noch mal darüber sprechen, doch nach dem vorhin, wäre es wahrlich nicht die beste Entscheidung. Stattdessen entschied ich mich nach getaner Arbeit zu duschen.
      Als ich zurück aus dem Badezimmer kam, mit nur einem Handtuch um die Hüfte gebunden, war Ju wieder weg. War das mit Linh so Ernst? Ich hoffte darauf in den nächsten Tagen mehr Antworten zu bekommen. Mein Handy leuchtete auf, als ich mich auf die Suche nach sauberer Kleidung machte, was wirklich schwierig war.
      “Hej killar. Vi hade ett hälsoproblem i dag, men vi har det mycket bättre. Så vi bestämde oss för att göra en träning på kvällen. Vi finns till hands för att ge råd. Kristine kommer att vara på ridplatsen och jag kommer att vara på planen. Var uppmärksam på din säkerhet. Från klockan sex på kvällen hittar du oss där. Kom i små grupper.”
      Las ich in der normalen Vereinsgruppe. Ich spürte eine Erleichterung, denn so konnte Anders sich Humbria nochmal genauer anschauen. Ohne mir noch etwas drüber zu ziehen, nahm ich den Wäschekorb und lief rüber zur Waschküche. Die Maschinen waren alle frei, so wählte ich eine aus und warf die dreckige Wäsche in die Trommel. Aber welches Programm? Eigentlich mache ich sowas nicht, so versuchte ich anhand der kleinen Bildchen mehr Informationen zu bekommen.
      “Noch nie eine Waschmaschine gesehen?”, ertönte auf einmal eine amüsierte Stimme hinter mir. Jayden stand grinsend mit einem Wäschekorb in der Tür. “Aus deinem Outfit, schließe ich mal ja”, zog er dann seine Schlüsse.
      “Gesehen schon, aber nie bewusst benutzt. Zu Hause haben wir einen Aufkleber darauf, falls Fjona nicht da sein sollte.”, erklärte ich Jayden.
      “Also wenn du wirklich sauber Wäsche willst, würde ich es mal mit Waschmittel probieren”, sagte er und schob ein kleines Fach oben an der Waschmaschine auf, um etwas dort hineinzufüllen.
      “Danach stellst du es einfach hier rauf und drückst da”, erklärte er und drehte er einen Schalter, bevor er auf einen Knopf drückte. “So in ca. einer dreiviertel Stunde hast du dann saubere Wäsche”, fügte er noch an und begann nun seine eigene Wäsche in einer der Waschmaschinen zu werfen.
      “Faszinierend”, antwortete ich begeistert und machte ein Foto von der Einstellung der Maschine.
      “Ja, echt faszinierend”, sagte er mit deutlichem ironischem Unterton und machte sich wieder auf den Weg, den Raum zu verlassen. Offenbar war das etwas Normales, aber ich fand es wirklich spannend. Nun hatte ich 45 Minuten Zeit, die ich nackt herumlief. Entspannt legte ich mich vor dem Zimmer auf den Bauch und Gras und genoss die Sonne.

      Vriska
      Was wie spät ist es? Fragte ich mich, als ich in Wanne im kalten Wasser aufschreckte. Mehr als eine Stunde lag nun hier. Dein schlechter Traum weckte mich aus einem erholsamen Schlaf, den brauchte. Die Nacht war kurz. So stieg ich aus dem Wasser, trocknete mich ab und zog mir wieder was Langes drüber. In der Wohnküche schien die Sonne auf den Boden und saß unterkühlt auf dem Bett. Auf dem Handy las ich die Nachricht von unserem Trainer und brauchte einige Minuten, bis ich diese verstand. Mein Schwedisch reichte bisher nur dafür, dass ein relativ sicheres Gespräch führen konnte und einfache Sätze zu formulieren, doch längere Sätze brachten noch Schwierigkeiten mit sich. Die Rede war von gesundheitlichen Problemen, Training ab 18 Uhr und Sicherheit. Also gut. Vermutlich würde heute wieder gesprungen werden. Angst breitete sich in mir aus, denn einen erneuten Sturz mit meinem Hengst musste ich auf jeden Fall verhindern. So fragte ich lieber noch einmal nach: “Behöver vi verkligen hoppa?” Meine Hände zitterten beim Eintippen der Worte und ich musste mehrfach die Autokorrektur seine Arbeit machen lassen. Sogleich kam eine Antwort von Ju: “Niklas kommer säkert att fånga dig om du faller.” Wusste er davon? Ein Unbehagen kam nun zur Angst hinzu. Von den anderen kamen rofl Emoji und ich schien nun wieder das Gespött zu sein. Ich hätte es wissen müssen. Manchmal verhalten sich die alle wie Kleinkinder, aber ich trug sicher meinen Teil dazu bei. Gerade als ich das Handy wieder wegpacken wollte, kam noch eine Nachricht von Frau Wallin: “Om du inte är säker, kommer ingen att tvinga dig att göra det. Men om du vill. Jag är här.” Diese Frau fand immer die richtigen Worte und ich fühlte mich direkt wieder besser. Danach schrieb niemand mehr etwas.

      Lina
      Divine hatte heute gut mitgearbeitet und so beendete ich die Einheit recht zufrieden. Das Einzige war auch am Ende noch da war, war das er immer noch ein wenig unzufrieden mit dem Gebiss schien.
      “Morgen probieren wir es mal mit einem anderen Gebiss”, sagte ich zu dem Hengst und ließ mich aus dem Sattel gleiten. Obwohl es in der Halle eine recht angenehme Temperatur herrsche, hatte Ivy geschwitzt, was die dunklen Flecken in seinem sonst weißen Fell zum Vorschein brachte. Zufrieden strich ich ihm über den Hals.
      “Na, komm für heute hast du genug geschafft”, sprach ich ihn an und verließ die Halle. Nicht nur meinem Pferd war ordentlich warm, sondern auch mir. Vom Helm platt gedrückt gelebten mir die Haare feucht auf der Haut, bestimmt ein wunderschöner Anblick.
      Zügig sattelte ich Divine ab und brachte ihn, ohne noch extra zu duschen auf die Koppel, ein Sandbad ist ihm vermutlich eh viel Lieber. Kaum hatte ich ihn die Trense abgezogen, warf er sich auch schon auf den Boden und rollte fröhlich grunzend über die Erde.
      Ich sah dem nun nicht mehr ganz so weißen Hengst noch einen Moment zu, wie er sich nach dem Wälzen dem Gras zu wand, bevor ich zurück zum Stall ging.
      Die durchgeschwitzte Schabracke hängte ich zum Trocknen in die Sonne. Am liebsten hätte ich sie direkt gewaschen, aber bei den Temperaturen, die hier aktuell herrschen, wurde eine frische Schabracke eh nur wenig Sinn ergeben.
      Nachdem ich im Stall alles aufgeräumt hatte, führte mich mein Weg für heute ein zweites Mal unter die Dusche, denn neben der Tatsache das ich verschwitzt war, klebte auch immer noch der Schlamm von Geländetraining auf mir und so wollte ich schließlich nicht den ganzen Tag herumlaufen.

      Einige Stunden später bauten Luchy und die anderen eine Kleinigkeit auf der Wiese auf. Da niemand wusste, wie der Abend gestalten werden würde, gab es zur Stärkung eine Kleinigkeit zum Essen bestehend aus Brot und Rohkost. Alle hatten sich versammelt und unterhielten sich.

      Niklas
      “Hej Alec, ich habe mit Anders gesprochen. DU bist heute herzlich eingeladen zum Training auf dem Geländeplatz”, erzählte ich ihm, als ich am Tisch ankam.
      “Cool, da werde ich mit Freude teilnehmen”, antworte er gut gelaunt. “Ihr zwei habt findet doch bestimmt noch ein Pferd für mich, oder?”, fragte er dann an Lina und Samu gewandt.
      “Klar, für dich haben wir immer ein Pferd und wenn ich dir meins gebe”, scherze Samu.
      “Ach und der Rest vom Hof kann heute leider nur zu gucken. Den Beiden geht es nicht so gut u-und sie wollten nur das nötigste heute schaffen.”, versuchte ich so freundlich wie möglich die Nachricht zu überbringen.
      “Ich für meinen Teil hatte heute eh genug Pferde. Am Ende fall ich sonst heute wirklich noch samt Pferd um”, kommentierte Lina schon fast erleichtert. Samu sagte nichts dazu. Er schien es zu akzeptieren. Ich setzte mich dazu, denn mein Verständnis für Jus Gefühle waren zwar groß, doch dass er mit Linh einige Meter rummachte, interessierte mich nun wirklich nicht. So ließ ich auch meinen Blick durch die Runde schweifen. In der letzten Ecke saß Vriska, allein. Unschuldig fragte ich den anderen Tisch: “Wisst ihr was Vriska nicht stimmt? Die sitzt da hinten so allein.”
      “Keine Ahnung, ich habe sie heute quasi nicht zu Gesicht bekommen”, antworte Lina schulterzuckend. Es kam mir komisch vor, dass sie so gleichgültig ihr gegenüber war. Wusste Lina etwas? Ich sagte nichts dazu, sondern aß auf.
      “Ich mach’ dann mal Humbi fertig. Wir sehen uns später”, verabschiedete ich mich und ging los zur Weide. Am Horizont färbte sich der Himmel in einem Verlauf von Rosa, Orange und Blau. Alte Erinnerungen kamen in mir hoch aus den Monaten in Neuseeland. Stunden verbrachte ich damit Pferde zu trainieren, das Land zu Entdecken und Freiheit zu spüren. Ich vermisste auch die Unabhängigkeit, die ich in der Zeit in mir trug und täglich auf den Social Media Plattformen teilte. Doch was soll ich von hier teilen? Das mein Pferd kaputt ist und ich direkt ein neues kaufte? Dass ich versuchte jemanden glücklich zu machen und im selben Atemzug weiterhin alternativen ausprobierte? Meinen besten Freund hinterging? Die Medikation weckte wieder Gefühle, die ich vorher immer nur schluckte. Aber jetzt konzentriere dich, Niklas. “Wenn du zu den Reiterspielen willst, musst du in Höchstleistung sein”, flüsterte ich mir selbst zu. Bevor ich mich meinem Pferd zu wandte, machte ich die Atemübung, die mich entspannen lässt. Heute brauchte es Länger, bis die schlechten Gefühle von mit fielen und ich gedanklich ganz bei Humbi war. Obwohl wir heute schon mehr oder weniger gearbeitet hatten, begrüßte sie mich freundlich am Tor. Ihren Ohren standen gespitzt nach vorn, der Schweif wehrte sich gegen einige Insekten, die um sie flogen und der ganze Körper war entspannt. Ich strich ihr über die Stirn, eh ich den Strick am Halfter befestigte und mich zum Stall begab. Nach der Bodenarbeit hatte sie sich offensichtlich noch mehrfach gewälzt, denn das Fell war staubig und feucht. Nicht nur, dass es heute das erste richtige Geländespringtraining mit ihr werden würde, so würde es auch das erste gemeinsame Reiten sein. Bisher saß nur Lina auf ihr und machte dabei eine gute Figur. Am Ende der Gasse stand auch Alec mit einer hübschen Scheckstute.
      “Na, dass du aber ein dir ebenbürtiges Pferd gegeben. Einer hübscher als der Andere”, sagte ich ziemlich Ernst zu ihm, als ich mein Pferd putzte.
      “Du und dein Pferd können sich aber auch sehen lassen”, bekam ich als Antwort.
      “Dann werden wir wohl zusammen den Platz erhellen”, fügte ich noch hinzu, doch er antwortete nicht. So schweiften meine volle Aufmerksamkeit wieder zu Humbria, die etwas nervös hin und her tänzelte. Mit wenigen Worten und Ruhe gelang es mir, die Stute zu beruhigen. Aus dem Putzkoffer holte ich die Glocken, Gamaschen und Streichkappen. Neugierig beschnupperte sie das Zubehör, bevor ich es ihr umlegte. Als ich den Sattel holte, stieg ihre Aufregung wieder. Humbi schlug gereizt mit dem Schweif und drehte sich bei jedem Versuch den Sattel aufzulegen mit der Hinterhand weg. Ich legte das Ding zur Seite, entfernte die Schabracke, um klein anzufangen. Wieder beschnupperte sie das Zubehör und ich berührte sie erst einmal am Bauch mit der Unterlage. Also Humbria merkte, dass ich ihr nichts Böses wollte, konnte ich die Schabracke auf ihren Rücken legen. Einige Minuten später gelang es mir auch den Sattel auf sie zu legen und den Gurt zu schließend. Lobend bekam die Stute ein Leckerli. Da ihre Zähne noch nicht gemacht wurden, würde das Springen ebenfalls am Kappzaum stattfinden. In die Zügel fädelte ich das kombinierte Martingal ein.
      “Alec, bist du auch so weit?”, fragte ich ihn als ich die Zügel in der Hand hielt am Stallausgang.
      “Eine Sekunde noch, dann bin ich so weit”, antwortete er und verschloss gerade den Nasenriemen seiner Stute.
      Als Alec auch fertig war mit dem Satteln seines Pferdes, liefen wir stillschweigend zum Geländereitplatz, auf dem Chris bereits seinem Wallach warm ritt. Herr Holm saß neben einem Sprung auf einem Plastikgartenstuhl und sah nicht gut aus. Er lehnte mit seinen Unterarmen auf den Beinen nach Vorn und die Haare wirkten ungewöhnlich ungepflegt. Mit angelegten Ohren blieb Humbi abrupt stehen und lief nicht weiter. Die Hindernisse machten ihr Angst und ich blieb ruhig. Sie betrachtete den Platz und nach mehrmaligen umdrehen und neu anlaufen, folgte sie mir vertraut. Ich lobte sie und zeigte ihr vor dem Aufsteigen alles. Interessiert stupste sie die Hindernisse an und knabberte an einigen. Alec saß bereits auf der Stute, als ich noch Übungen mit meiner machte. Herr Holm gab ihm Tipps für den Sitz und auch das Tempo gleichmäßiger zu halten.
      Humbi schien nun gar kein Problem mehr mit den Hindernissen zu haben und war auch aufgewärmt. Ich stellte die Steigbügel neu ein, gurtete nach und schwang mich mit der Aufstiegshilfe auf den Rücken meiner Stute. Zufrieden schnaubte sie beim Anreiten ab und streckte sich.

      Samu
      Alec und die meisten anderen waren irgendwann verschwunden, um ihre Pferde für das Training fertig zu machen. Einen Moment lang war alles sehr ruhig, doch ich konnte spüren, dass Lina mir irgendetwas sagen wollte.
      “Was liegt dir auf dem Herzen, kleines?”, fragte ich sie.
      “Mmm, du erinnerst dich sicherlich an unser Telefongespräch von gestern, oder?”, begann sie zögerlich.
      “Ja, daran erinnre ich mich durchaus”. Natürlich erinnerte ich mich denn das, was sie mir gesagt hatte, war ganz schön hart gewesen. Eigentlich wollte ich immer nur das Beste für Lina, schon seit ich sie das erste Mal getroffen hatte. Sie war damals so zerbrochen. Ich wollte sie doch immer nur davor beschützen noch einmal zu zerbrechen.
      “Ich hoffe, es ist trotzdem noch alle gut zwischen uns?”
      Ich musste ein wenig darüber lächeln, dass sie glaubte wegen so einer Kleinigkeit würde unsere Freundschaft auf einmal beendet sein.
      “Ach Lina, wegen sowas geht doch die Welt nicht gleich unter. Ich hätte mir nur gewünscht, du hättest es mir eher gesagt. Und vor allem persönlich”, erklärte ich ihr Ernst.
      “Ich hätte es dir auch gerne früher gesagt, aber … ich habe mich einfach nicht getraut. Ich hatte einfach Angst vor deiner Reaktion”, murmelte sie und sah dabei auf den Tisch.
      “Was hast du denn erwartet, dass ich dir böse bin, weil ich dich einenge? Das ist doch überhaupt nicht logisch”, versuchte ich ihr zu erklären. “Es ist alles gut. Und das nächste Mal, wenn du dich unwohl fühlst, sagst du mir das direkt”.
      “Okay, mache ich”, sagte sie und sah schon gleich wieder ein wenig glücklicher aus.
      “Na, komme her”, sagte ich und umarmte sie freundschaftlich. “Und ich will nie wieder, dass du denkst, dass du mir irgendetwas nicht sagen kannst”, fügte ich noch hinzu.
      Nachdem dieses ‘’Problem’’ besprochen war, schien Lina auch schon gleich besser drauf zu sein.
      “Was hältst du davon, wenn jetzt mal schauen gehen, ob Alec mit hübschen Damen genauso gut klarkommt wie mit den Kerlen”, schlug ich vor.
      “Klingt nach einem hervorragenden Plan”, stimmte sie mir zu und zusammen gingen wir also zum Geländeplatz hinüber.
      Während Vakany eine ganz wunderbare Figur machte, war die von Alec noch ein wenig verbesserungswürdig. Alec ist kein schlechter Reiter, aber in der Vielseitigkeit ist er eindeutig nicht zu Hause.
      “Sieht ganz so aus, als müsse er da noch ein wenig üben”, sagte ich ein wenig belustigt zu Lina.
      “Das war aber auch ein wenig gemein, du hättest ihm ruhig ein netteres Pferd geben können”, verteidigte sie ihn.
      “Ey, Kany ist sehr freundlich. Man muss ihr nur die richtigen Anweisungen geben”, protestierte ich. Die Trakehner Stute ist ein wahres Vielseitigkeitstalent und war durchaus schon sehr erfolgreich. Mit ein paar Tipps des Trainers wurde es auch allmählich besser und Vakanys Körpersprache wirkte deutlich entspannter.
      “Hat Niklas vorher schon mal auf dem Pferd draufgesessen?”, fragte ich Lina nun neugierig.
      “Nein, nicht das wüsste”, antwortete Lina. “Ich glaub seit dem Probereiten saß keiner darauf”.
      “Warte, seit dem Probereiten. Aber wer hat sie denn Probe geritten, wenn er es nicht war?”, fragte ich ein wenig verwundert.
      “Na, ich. Habe ich dir das etwa nicht erzählt? Sie ist echt toll, wenn man nervöse Gemüter mag”, erzählte Lina nun.
      “Ah, deshalb warst du also auf einmal spurlos verschwunden. Und ich dachte schon, dass du dich beim Einkaufen verlaufen hast”, scherzte ich dann fröhlich.

      Vriska
      Auf der Wiese wurde es nach und nach ruhiger, mehr als ich mir eingestehen wollte genoss ich die Einsamkeit. So fasste ich neue Kraft und lief runter zur Weide, um meinen Hengst zu holen, dessen Ausritt heute früh nicht ansatzweise seiner Leistung entsprach. Seine Begeisterung mich zu sehen, hielt sich jedoch in Grenzen. Ich rief ihn und er schaute zu mir, eh er sich wieder umdrehte und weiter weg von mir lief. Mit Schmerzen machte ich mich auf den Weg zu ihm. Je näher ich dem Hengst kam, umso weiter lief er vor mir weg. Am Ende der Weide schaffte ich es endlich mein Pferd einzufangen.
      “Mach’, dass nicht noch mal”, drohte ich ihm und lief los zum Stall. Auf dem Weg dorthin folgte er mir, ohne zu diskutieren, erst als ich mit ihm durchs Tor der Gasse wollte zum Putzen, stieg er. Glymur machte einen riesigen Aufstand und mir fehlte die Kraft mich dem entgegenzustellen.
      Auf einmal tauchte Jace von irgendwo auf und nahm mir einfach den Strick aus der Hand.
      “Reg dich mal nicht so auf kleiner”, sagte er zu dem Hengst und begann beruhigen auf ihn einzureden. Tatsächlich zeigte das ganze insofern Wirkung, das Glymur auf dem Boden blieb. Mit ein wenig Hartnäckigkeit und Geduld führte Jace ihn durch das Tor und stellte ihn auf den Putzplatz.
      “Du solltest deinem Pferd nicht so viel Druck machen. Er scheint sehr sensibel zu sein”, kommentierte er das Anbinden.
      “Du hast ja recht”, murmelte ich mit gesenktem Kopf und bückte mich nach einer Bürste. “Wo kommst du eigentlich her?”, fragte ich dann vorsichtig, während ich Glymur putze.
      “Ich arbeite hier? Das Heu verteilt sich nicht von allein in den Boxen”, brummte er unfreundlich.
      “Was denn mit dir? Wenn dir dein Job nicht gefällt, dann such’ dir einen anderen. Ich kann am wenigsten für deine Probleme”, fauchte ich zurück.
      Sorry”, murmelte er etwas freundlicher. “Wenn es nur der Job wäre, gab es wenigstens eine Lösung dafür”, fügte er erklärend dazu.
      „Kann ich dir bei irgendwas behilflich sein? Schließlich bin ich dir jetzt was schuldig“, antwortete ich freundlich deutete auf mein kleines Monster, das sich gerade den Kopf am Anbinder scheuerte.
      “Nein, mir ist momentan nicht wirklich zu helfen”, antworte er nun schon wieder deutlich verschlossener.
      “Na gut. Dann lass ich dich mal in Ruhe. Wir haben heute offenbar alle großen Probleme”, schloss ich mich seiner Aussage an und wandte mich Glymur zu, der mittlerweile sauber war. Aus der Kammer holte ich seinen Sattel und den Beinschutz.
      Wenig später tauchte ich auf dem Platz auf. Im Vergleich zum letzten Mal trug ich eine Schutzweste, die nicht wirklich angenehm an mir lag. Wieder schwitzte ich und beschloss meinen Hoodie für heute auszuziehen. Ich legte ihn über den Zaun am Eingang und führte Glymur zu Frau Wallin, die offenbar schon auf mich wartete.
      “Freut mich dich zu sehen. Wie geht es dir?”, fragte sie freundlich. Ich senkte wieder meinen Kopf, eh ich antwortete: “Könnte besser sein, meiner Schulter schmerzt noch und Atmen fällt mir manchmal auch schwer. Und …” da stoppte ich. Die richtigen Worte für das finden, was passiert war, überforderte mich.
      “Und?”, wollte sie nun noch wissen.
      “Und ich habe was getan, worauf ich nicht stolz bin”, erklärte ich. Frau Wallin zog eine Augenbraue hoch, aber sagte nichts. Ich gurtete noch einmal nach, machte die Bügel kürzer und stieg auf. Ein Blick über den Platz offenbarte mir, dass schlimmste. Obwohl ich mich darüber freute, dass Ju glücklich war, schockierte es mich genauso sehr, dass er direkt die nächste am Start hatte. Linh klebte förmlich an ihm und warf mir böse Blicke zu. Auf der anderen Seite unterhielten sich Milena und Max intensiv. Die Einsamkeit, die ich vorhin noch genoss, erschlug mich nun. Glymur unter mir legte die Ohren an und stolperte immer häufiger. Dann kamen mir die Worte vom letzten Training wieder ins Ohr. Ich setzte mich tiefer in den Sattel und versammelte ihn etwas mehr. Neben einem Sprung parierte ich in den Halt durch und richtete ihn rückwärts. Aus der Bewegung heraus trabte ich ein Stück, eh ich wieder in den Schritt zurück bremste. Zufrieden lobte ich ihn und gab ihm mehr Zügel. Neben mir hörte ich ein Pferd landen. Milena sprang mit Kempa eine zweifache Kombination und dahinter kam Max mit Blávör. Beide beherrschten ihre Pferde deutlich besser als ich, was mich wieder dazu bewegte, mich in Gedanken zu verlieren.
      “So Vriska, wenn du so weit bist, kannst du es auch versuchen”, motivierte mich meine Trainerin. Ich nickte und trabte Glymur an. Bevor ich mich an die Kombination wagte, wählte ich ein niedriges Kreuz, dass mein Hengst problemlos sprang. Zufrieden lobte ich ihn, ritt einen Zirkel und galoppierte an. Als Nächstes steuerte ich ihn auf einen Oxer zu, der deutlich höher als das Kreuz war. Überzeugt trieb ich ihn weiter und lehnte mich nach Vorn. Erfolgreich landete er mit seinen Hufen im Sand und freute mich sehr darüber. Intensiv lobte ich ihn und strich über den Hals meines Hengstes, der kurz davor war, dass nächste Hindernis anzusteuern.

      Jace
      Nachdenklich begann ich das Heu in den Boxen zu verteilen. Eigentlich hatte ich mich geweigert zu Arbeiten, doch Alec war mir so lange auf die Nerven gegangen, bis ich genervt das Zimmer verlassen hatte. Ich mochte es nicht besonders, wenn andere sich um meine Probleme kümmern, schon gar nicht Fremde, weshalb ich Vriskas Angebot vorhin ausschlug.
      Nachdem ich die ganze Nacht die Wand angestarrt hatte, weil ich einfach viel zu viel fühlte, wobei ich nicht genau sagen kann, was ich fühlte, hatte ich mir im Laufe des Tages die Gefühle verboten. Trotzdem versuchte ich allen aus dem Weg zugehen, es reichte schon, dass Alec mich den ganzen Tag verfolgte. Immerhin hatte er das leise getan, zum Großteil zumindest.
      So wo ich darüber nachdachte, fielen mir seine Worte aus dem Wald wieder ein. Ich solle stark sein und sie ziehen lassen, er hatte gut reden. Er war der Mann mit der Bilderbuchbeziehung. Irgendwann wird auch deinen großen Tag kommen hatte er noch gesagt. Doch was genau meinte er damit? Wen meinte er mit auch? Wie ich so darüber nachdachte, konnte ich spüren, wie die Gefühle wiederkamen.
      Mein Körper ging sofort in Abwehrhaltung und ich spürte die Anspannung. Nein, keine Gefühle, nicht hier.
      Schnell verteilte ich das restliche Heu und steuerte zielstrebig meine kleine Wohnung an. Kaum hatte ich die Tür hinter mir geschlossen, brachen die Gefühle endgültig über mich herein.
      “Fuck”, rief ich in einer Mischung aus Wut und Verzweiflung und boxte gegen die Wand, um gleich darauf an dieser entlang zum Boden zu gleiten. In mir wirbelten viel zu viele Empfindungen durcheinander, wie soll man bei dem Chaos bitte einen klaren Gedanken fassen.
      Wie fremdgesteuert stand ich auf einmal auf und ging hinüber zu dem Klavier. Von allein flogen meine Finger über die Tasten und formten eine Melodie, mit der sich ein Gefühl besonders herauskristallisierte. Schmerz, bitterer Schmerz.

      Alec
      Ich hatte eine ganze Weile gebraucht, um mich mit der Stute und vor allem mit der Disziplin anzufreunden. Schon nach dem Aufsteigen hätte ich die Bügel am liebsten wieder länger geschnallt. Immerhin bemühte sich Vakany meine vermutlich eher unverständlichen Hilfen umzusetzen. Mit den Tipps des Trainers wurde die Kommunikation zwischen mir und der Stute auch ein wenig besser. Zu meinem Glück hat die Stute einen recht guten Autopiloten, wenn es an die Sprünge geht und so meisterten wir diese zwar nicht ganz so schön, aber immerhin kamen wir auf der anderen Seite an.
      “Du musst den Sprung gerade anreiten, dann springt sie auch schöner und achte darauf sie in der Bewegung nicht zu behindern”, korrigierte der Trainer.
      Mit etwas mehr Konzentration versuchte ich also den Sprung erneut anzureiten. Ungefähr auf halber Strecke kam einer der anderen Pferde recht nah. Vakany legte unfreundlich die Ohren an und wollte nach dem Pferd schnappen. Ich korrigierte die Stute, indem ich ein wenig mehr, Tempo verlangte. Keine gute Idee, denn die Stute machte dadurch größere Galoppsprünge und somit wurde der Abstand zum Hindernis zu knapp. So legte die Stute kurz vor den Stangen eine 1A Vollbremsung hin. Das war wohl nichts.
      Bei einem neuen Versuch konzentrierte ich mich noch mehr auf das Pferd unter mir und diesmal funktionierte der Sprung recht sauber. Ich lobte die Stute dafür und versuchte mich direkt am nächsten Sprung. Auch dieser funktionierte mit der nötigen Konzentration hervorragend und so langsam fand ich Spaß an der Sache.

      Niklas
      Mit großen Schritten schritt Humbria vorwärts und zog immer wieder Aufmerksamkeit der anderen auf sich. Dieses Gefühl von zu Hause hatte ich zuletzt beim Einreiten von Smoothie vor einigen Jahren und nun schien diese Stute ihr eine ebenbürtige Nachfolgerin werden zu können. An der Seite lagen einige Stangen, die ich für den Anfang im Schritt und Trab überritt. Erstaunt von ihrem enormen Schwung im Trab, hatte sogar ich Probleme in diesem Auszusitzen. Auf dem Zirkel trabte ich leicht und steuerte nach einigen Galoppsprüngen einen kleinen Oxer an, eh sie aus dem Takt fiel und unter mir einen Gangsalat veranstaltete. Verwundert blickten Anders und ich uns an. Bis er die einzige wichtige Frage stellte: “Was sollte dann denn werden?”
      “Wenn ich das wüsste”, wunderte ich mich noch immer. Um nicht wie Vriska vor einigen Tagen zu Enden entschied ich etwas fernab der Gruppe die Stute mehr zu versammeln und zu stellen. Humbi reagierte zuverlässig auf meinen Schenkel und schien gefallen daran zu haben, geritten zu werden. Ihr Genick war locker und auch die Hinterhand tritt zuverlässig unter. Doch als ich sie wieder angaloppieren wollte, verschwand der Takt, der Kopf erhob sich und es wurde umgehend bequemer. Ein ungutes Gefühl schlich sich bei mir ein, aber da konnte nur einer vom Ponyclub helfen. “Vielleicht sollte ich mal rüber zu Kristine”, sagte ich zu Herrn Holm und ritt im Schritt am langen Zügel hinüber auf den Reitplatz, dem bereits gesprungen wurde. Ju war auch da, jedoch unter den Zuschauern und wirkte sehr konzentriert auf seine kleine Bekanntschaft.
      “Niklas, kann man dir helfen?”, fragte die Trainerin freundlich. Ich nickte und sie kam näher.
      “Ich habe ein Gangproblem und ich schätze … Humbria töltet lieber, statt zu galoppieren, oder irgendwas anderes. Ich weiß es nicht”, erklärte ich ihr. Sie öffnete die Tür, ließ alle anderen den Hufschlag verlassen und ich sollte es zeigen. Also bereitete ich meine Stute vor auf dem Zirkel, trabte einige Runden locker und gab ihr die Galopphilfe, doch der Gangsalat kam wieder. Etwas genervt versuchte ich es immer wieder auch auf dem Stand und auf Linien, doch der Galopp kam einfach nicht.
      “Herzlichen Glückwunsch Niklas. Dein Pferd läuft 1A Tölt. Anfangs mit einer Passverschiebung doch nun, erstklassig. Vielleicht solltest du die Abteilung wechseln”, scherzte sie und schien sich bereits zu freuen. Doch in mir machte sich alles andere als Begeisterung breit.
      “Schön und wie bekomme ich das weg? Ich brauche Galopp, sonst kann ich nicht Springen”, beschwerte ich mich.
      “Darüber werden wir morgen sprechen. Am besten beendest du das für heute mit ihr”, schlug sie vor. Im Schritt verließ ich wieder den Reitplatz und ritt auf dem Hof meine Stute ab. Ich spürte, dass Vriska mich beobachte, doch ich ignorierte sie. Stattdessen lenkte ich meine ganze Energie auf Humbi, die fröhlich unter mir vorwärtsschritt.
      “Also meine Hübsche, da müssen wir wohl den Teufel aus dir austreiben. Aber keine Sorge, ich werde behutsam mit dir umgehen”, scherzte ich und stieg ab. Ich nahm die Zügel vom Kappzaum ab und fummelte das Martingal ab. In der Zeit schubberte sie ihren Kopf am Anbinder. Ohne das Halfter ihr umzuhängen, nahm ich den Sattel ab und brachte sie zurück auf die Weide. Für heute ließ ich den Schutz an ihren Beinen, da ich vorhin bereits festgestellt hatte, dass sie sich dort immer wieder in die eigenen Beine trat. Frei folgte sie mir und freute sich auf den vollen Heusack, der dort hin. Doch nach einigen Happen warf sie sich auf den Boden und genoss das Sandbad.
      “Na gut, ich werde dann wohl mal aufräumen gehen. Wir sehen uns morgen”, verabschiedete ich mich und trat den Rückweg zum Stall an, um meine Sachen wegzuräumen. Die feuchte Schabracke legte ich in der Kammer über den Sattel mit dem Äußern auf die Sattelfläche. Vorher entfernte ich noch den groben Schmutz, ebenfalls entschied ich die Bürsten sauberzumachen. Wirklich verärgerte mich ihr fehlender Galopp, besonders, weil mir die Erfahrung fehlte, so ein Pferd zu trainieren. Ich wünschte mir, meinen Opa genau jetzt kontaktieren zu können, er wüsste eine Lösung. Mit gesenktem Kopf setzte ich mich in die Stallgasse auf den Boden und betrachtete die Wand. Der Gedanke, Humbi wieder zurückzubringen rückte in den Vordergrund, doch in den wenigen Tagen hatte sie mein Herz gestohlen und ich wollte es wenigstens noch versuchen. Selbst wenn die Lösung dafür wäre, noch einmal mit Vriska zu sprechen. Sie ritt schon etwas länger auf den Tollpatschen und könnte mir sicher einige Tipps geben, außerdem hatte ich einige Probleme mit dem Training von Kristine. Ständig bremste mich die Dame aus und versuchte mich zu jemand anderes zu machen. Meine Familienverhältnisse stellte sie immer infrage und konnte es nicht wahrhaben, dass ich reiten kann. So empfand ich Unterricht mit ihr immer wie eine Qual, statt etwas Neues zu lernen. Gedankenverloren hörte ich Schritte von weiten und drehte mich um, als ich Alec und seinen Fanclub erblickte. Schnell rappelte ich mich auf und brachte schnell die Kiste weg.

      Lina
      “Also dafür, dass das nicht deine Welt ist, hast du das gut gemacht”, lobte Samu Alec, während wir zusammen mit ihm zurück zum Stall liefen. Es war bereits dunkel geworden, sodass der Hof nur noch von den Lampen am Stall beleuchtet wurde. Dennoch schien Alec nicht der Meinung zu sein Vakany auf der Stallgasse abzusatteln und steuerte lieber den Putzplatz draußen an.
      “Meinst du, nicht dass du dein Pferd sehen möchtest?”, gab ich ihn zu bedenken.
      “Ach was, wozu denn? Absattelt schaffe ich auch gerade noch so, außerdem ist es hier draußen doch viel schöner”, antwortete er nur und begann bereits die Trense der Stute zu öffnen.
      “Sag mal ist das nicht deine?”, fragte Samu mich nun und deutete auf eine Schabracke, die über dem Abbinde Balken lag.
      “Ja, die sollte da trocknen”, erklärte ich ihm.
      “Na, das ist ja schön, aber bei welcher Sonne soll die denn jetzt noch trocknen?”, merkte Samu an.
      “Ja…, da hast du recht. Ich sollte die wohl wegräumen”, antwortete ich und nahm die Schabracke vom Balken. “Soll ich die Trense schon mitnehmen?”, wandte ich mich an Alec und noch bevor ich eine Antwort bekam, hatte ich ihn die Trense bereits aus der Hand genommen.
      “Das hätte ich zwar auch selbst geschafft, aber danke”, bedankte sich Alec.
      “Weiß ich doch, aber ich muss doch jetzt eh dahin”, reif ich ihm im Gehen noch zu und betrat die Stallgasse.
      Anhand der Tatsache wie viel Heureste auf dem Boden lagen, merkte ich das Jace seinen Stalldienst heute wohl gemacht hatte. Ich werte das mal als gutes Zeichen, dass er aus seiner Wohnung gekommen war, auch wenn er das zu einer Zeit tat, wo ihm niemand begegnen würde. Nichts desto trotzt, ärgerte ich mich ein wenig darüber, dass er die Stallgasse nicht gekehrt hatte, das hätte er dann auch noch geschafft. Dann würde ich wohl gleich noch fegen, aber zuerst muss ich die Sachen wegbringen. Ich öffnete die Tür zu Sattelkammer und wollte direkt die Schabracke weghängen, doch Niklas stand im Weg und kramte nach irgendwas.
      “Huch, willst du etwa durch?”, scherzte er und stellte sich noch mehr in den Weg.
      “Ja, wäre schon ganz praktisch. Ich kann das Ding auch schmeißen, aber Schabracken haben leider nicht die besten Flugvoraussetzungen”, antworte ich ihm und versuchte mich an ihm vorbeizuquetschen.
      „Na gut, ausnahmsweise“, sagte Niklas und ging einige Schritte beiseite.
      “Ist eigentlich alles ok mit Humbi, ihr wart so schnell verschwunden?”, fragte ich während ich versuchte die Schabracke auf das Regal zu befördern. Leider fiel sie wieder runter. Noch bevor er antwortete, bückte er sich nach der Schabracke und legte sie für mich auf das Regal. Dann drehte Niklas sich zu mir und guckte mir in die Augen: “Grundsätzlich ja, aber du wirst sicher den Gangsalat gesehen haben. Frau Wallin meinte, dass sie wirklich guten Tölt hatte und auch Passveranlagung. Es wäre somit normal, dass der Galopp weniger ausgeprägt ist und in ihrem Fall noch nicht einmal da. Doch sie ist der Meinung, dass sich machen lässt. Ungern würde ich sie wieder zurückgeben.”
      “Das ist doch gut, wenn sich daran arbeiten lässt”, sagte ich zuversichtlich. “Und zurückbringen solltest du sie auf keinen Fall. Ich mag sie, sie ist irgendwie so anders ”, fügte ich noch hinzu.
      “Sprichst du gerade über mich oder Humbria?”, scherzte er mit einem breiten Grinsen im Gesicht.
      “Lass mich überlegen… eindeutig von euch beiden”, antworte ich mit einem lächeln. “Ihr seid beide sehr besonders”, fügte ich noch an.
      “Na dann”, sagte er und wendete sich wieder von mir ab. Ich wandte mich dem Waschbecken zu und Vakanys Gebiss abzuwaschen. Wie schafft Niklas es denn immer alles, was ich sage auf sich zu beziehen. Dieser Mann ist doch einfach zum Wahnsinnig werden, in einem positiven Sinne, wohlgemerkt.
      Nachdem das Gebiss von Sabber befreit war, wollte ich die Trense weghängen und musste leider feststellen, dass sie ganz oben hingehörte. Natürlich wie sollte es denn auch anders sein, bei einem von Samus Pferden, er war ja auch kein Zwerg.
      “Warum ist das denn hier alles nur für Riesen gebaut”, schimpfte ich leise vor mich hin und blickte mich nach dem Hocker, um den ich extra mal hier platziert hatte. Natürlich stand er nicht, da wo er sein sollte. Auch wenn es mich normalerweise nicht sonderlich störte, klein zu sein, manchmal verfluchte ich die Welt dafür.
      “Könntest du mir noch mal kurz helfen? Hier ist einfach alles zu hoch für mich”, fragte ich Niklas, der eigentlich gerade den Raum verlassen wollte und blickte ein wenig genervt zu dem leeren Trensenhalter.
      “Aber selbstverständlich”, scherzte er, kam zurück und hing die Trense an seinen Halter.
      “Vielen Dank. Ich würde dich als Held bezeichnen, aber besser als ich an irgendetwas dranzukommen ist noch keine außergewöhnliche Fähigkeit”, bedankte ich mich.
      “Nun, ich habe schon mehr in wenigen Tagen repariert als du offenbar in deinem ganzen Leben. Ist das ein Argument?”, stichelte Niklas.
      “Ey, nur weil ich eine Frau bin, heißt das nicht, dass ich nicht weiß, wie man etwas repariert”, protestierte ich empört. “Nur halt nicht wie man Führmaschinen repariert.”
      “Ich habe nicht gesagt, dass das an deinem Geschlecht liegt. Eher an deiner Körpergröße”, versuchte er sich zu verteidigen und grinste schelmisch.
      “Pff, klein sein hat auch seine Vorteile”, erwiderte ich und wollte gehen. Wie kann man den bitte so frech sein und dabei so verdammt gut aussehen, das ist einfach unfair.
      “Ich weiß doch und jetzt komm, eh die draußen noch auf komische Ideen kommen”, sagte er, gab mir einen Kuss auf die Haare und legte den Arm um meine Schulter als wir die Kammer verließen.
      “Ah, da bist du also abgeblieben. Wir dachten schon du hättest dich verlaufen”, reif Alec mit einem breiten Grinsen über die Stallgasse als er uns mit Vakanys Sattel in der Hand entgegenlief.
      “So groß ist die Sattelkammer jetzt auch nicht, dass man sich darin verlaufen könnte, auch wenn sie eindeutig für Riesen gebaut wurde”, entgegnet ich ihm. “Und hör gefälligst auf so blöd zu grinsen.”
      “Ich freue mich doch nur, dass du dich nicht verlaufen hast. Darf ich das etwa nicht?”, sagte er unschuldig als er an uns vorbeiging.
      “Mach’ dir nichts draus, Lina ist nur eifersüchtig, dass sie gerade nicht die hübscheste ist”, fing nun auch Niklas an mich zu föppeln.
      “Ihr beide seit doch echt bescheuert”, murmelte ich und boxte Niklas leicht in die Seite, da Alec leider zu weit weg stand dafür.
      “Na, ich nehme das mal als Kompliment”, entgegnete Alec immer noch grinsend. “Ich lass euch zwei hübschen, dann mal wieder allein”, hängte er noch an und verschwand in der Sattelkammer.
      “Das tat weh”, beschwerte sich nun der Riese neben mir.
      “Ach wirklich? Ich dachte, du seist ein großer starker Mann”, antwortete ich zynisch.
      „Deine kleinen Händchen sind wie Pfeile, die sich in die Haut bohren. Außerdem habe ich Muskelkater“, murmelte er am Ende etwas unverständlich.
      “Dann solltest du nicht immer so fies sein, dann muss ich auch nicht meine kleinen Händchen benutzen”, sagte ich ein ganz klein wenig schadenfroh.
      “Ich kann ja mal fies werden”, antwortete Niklas schlagartig, schnappte meine Hände und drückte mich gegen die Wand einer Box. Dabei guckte er mir tief in die Augen und hielt meine Arme nach oben.
      “Kannst du?”, fragte ich provokant. Sanft küsste er meinen Hals bis runter zur Schulter und guckte mich mit seinen großen Augen wieder an. Dabei trat er einen Schritt weiter heran an mich, ich spürte seinen Körper an mir. Mir wurde warm. Ich spürte wie meine Haut zu kribbeln begann und mit einem leichten Ziehen in der Körpermitte meldete sich ein Verlangen in mir. Ich wollte mich bewegen, doch Niklas hatte mich fest im Griff uns sah mich weiter mit großen Augen an.
      “Ok..., jetzt bist du wirklich fies”, flüsterte ich kaum hörbar.
      “Gut” antwortete er verschmitzt und ließ mich los. Von weiten hörte man jemanden kommen. Erst auf den zweiten Blick erkannte ich Vriska, die mit ihrem Schecken in den Stall kam.
      “Nehmt euch nen Zimmer”, murrte sie uns an und legte Glymur das Halfter um, dass in der Gasse hing. Einen kurzen Moment war ich ein wenig verlegen gewesen, aber Vriskas Kommentar nervte mich einfach nur. Heute Morgen beim Frühstück war sie doch noch normal gewesen und danach hatte ich sie nur noch mit schlechter Laune gesehen. Wenn ihr Pferd nicht in der Lage war seine Füße zu heben, musste sie das doch nicht an mir auslassen.
      “Was ist mit dir denn eigentlich heute los mit dir? Immer, wenn ich dich sehe, werde ich nur an gemault. Habe ich dir was getan?”, fragte ich sie leicht genervt.
      “Geht dich gar nichts an”, zischte sie mich aggressiv an. Niklas verabschiedete und ließ uns beide allein.
      ”Wenn du ein Problem mit mir haben solltest, sag es halt, ansonsten lass deine schlechte Laune an irgendwem anders aus”, motze ich sie an. Glymur schien wenig begeistert und begann nervös auf der Stelle herumzutänzeln.
      “Habe ich schon”, murmelte Vriska und wirkte plötzlich zerbrechlich, als würde sie den Rest von ihr schützen. Auf einmal tat es mir ein klein wenig leid sie so angemeckert zu haben, wer konnte dann schon Ahnen das sie tatsächlich irgendetwas Ernsthaftes beschäftigte.
      “Wenn ich dir irgendwie helfen kann, sag Bescheid”, versuchte ich es nun ein wenig versöhnlicher und wollte mich zum Gehen wenden.
      “Geh mal zurück zu deinen Freunden, ich komm’ klar”, murmelte sie noch immer und verschloss sich noch mehr.
      Ich zögerte einen Moment und überlegene, ob es tatsächlich jetzt richtig war zu gehen. Immerhin hatte Vriska mir auch bei meinen Problemen zugehört, doch irgendwie ahnte ich, dass sie nicht mit mir reden würde, egal was ich tun werde.
      “Falls du es dir doch anders überlegst, weißt du wo du mich findest”, murmelte ich noch bevor Vriska mit ihrem Hengst allein ließ.

      Vriska
      Hätte ich doch mit ihr sprechen sollen, obwohl wir es anderes verhandelt hatten? Sie und Niklas zusammen zu sehen weckte etwas in mir, dass ich vorher noch nie verspürte. Es war wie eine Angst, jemanden zu verlieren, obwohl es nichts zu verlieren gab. Oder doch? Glymur nahm alles an von mir wahr und hampelte noch immer nervös in der Gasse, ich ließ meinen Blick nach draußen schweifen. Als Lina um die Ecke verschwand vibrierte mein Handy. Auf meinem Sperrbildschirm sah ich, dass Niklas mir geschrieben hatte. Es war klar gewesen, dass mir schrieb. Bestimmt um abzuchecken, ob ich ihr irgendetwas verraten hatte. Hingegen meiner Erwartungen schrieb er jedoch: “Var inte ledsen. Vi ses efteråt och lär oss lite, jag hade trots allt varit ofokuserad med Humbria tidigare. Pigga upp.” Bevor ich die Nachricht vollständig verstand, musste ich einige Worte nachschlagen. Langsam wurde mir bewusst, dass Lina an ihm fand. Es war genau das, was er mir schrieb. In mir glühte etwas Hoffnung auf und deutlich fröhlicher nahm ich den Rest von Glymur runter, zog die Weste aus und brachte ihn in seine Box. Erst jetzt kamen mir die anderen drei oder besser gesagt vier entgegen. Böse Blicke warf ich Linh zu, die sich gerade mit Ju unterhielt. Schnellen Schrittes versuchte ich wegzukommen, doch jemand hielt mich am Arm fest. Ich drehte mich panisch und guckte ihn an. Erst dann ließ er los. Erwartungsvoll blickte ich hoch in sein Gesicht.
      “Ich weiß, was ihr getan habt”, sprach er leise zu mir.
      “Und was genau meinst du? Dass ich heute mit Glymur gesprungen bin?”, lenkte ich ab und grinste.
      “Du und Niklas. Ihr beide”, begann er, bis ich seinen Mund zu hielt.
      “Das geht niemanden etwas an”, flüsterte ich eindringlich. Ju schlug meine Hand von ihm weg und ich spürte den Schmerz in meiner Schulter kommen. Betrübt legte ich die andere Hand auf die pochende Stelle und sein Gesicht verzog sich.
      “E-Es tut mir leid. Ich wollte das nicht”, entschuldigte er sich. Es war der richtige Moment einen Abgang zu machen, doch irgendwas verankerte mich fest im Boden. Ich nickte nur und hörte zu.
      “Was dachtest du dir dabei? Hat es dir mit uns gar nichts bedeutet?”, fragte Ju leidet. Offenbar hatte ich die Gefühle seinerseits vollkommen außer Acht gelassen, doch nun konnte ich es eh nicht mehr rückgängig machen.
      “Ich … Gar nichts. Ich dachte an gar nichts und doch … E-Es hat mich schon etwas bedeutet”, ich pausierte, denn ich hatte keine Antwort darauf. Er hatte etwas an sich, dass mir gefiel, doch für mehr reichte es nicht. Zumindest jetzt nicht mehr, nach der Nacht und so wie er am Wasser über ihn sprach, erkannte ich Ju nicht mehr wieder.
      “Aber? Okay, ich möchte es gar nicht wissen. Ich sollte Linh helfen. Danke fürs Gespräch”, fauchte er mich nun an und lief zum Stall. Ich spürte die Blicke der anderen und fühlte mich nicht gut. Mein Magen knurrte und es wäre sicher gut noch etwas zu essen. Vorher sollte ich jedoch etwas anderes anziehen und meine Haare neu machen. Alles klebte an mir, was sicher auch dem Wetter zu verschulden war. Obwohl ich vor mehr als 10 Minuten noch die Welt brennen sehen wollte, ging es mir nach der Nachricht und dem kleinen Gespräch schon viel besser. Im Zimmer war der Griff zur kürzeren Hose sehr nah, doch als ich an mir herunterblickte und neben den Narben auch die frischen sah, entschied ich mich dagegen. Ich wollte keine unangenehmen Fragen gestellt bekommen oder möchte-gern-Hilfe. Das musste ich die letzten Jahre in England schon immer ertragen. Ich guckte auf die Uhr, kurz nach 8 Uhr abends. Wenn ich heute vor 23 Uhr schlafen wollen, würde, müsste ich mich beeilen. Erst recht, wenn Niklas später noch herkommen wollte. Ich bemerkte, dass ich meinen Hoodie auf dem Platz vergessen hatte, doch war froh darüber. Denn dann musste ich mich dazu zwingen mal etwas Kurzes anzuziehen. In meiner Tasche entdeckte ich mein Lieblingsshirt, das ich viel zu selten anzog. Es war ein graues oversized Shirt, dass überall Farbflecken hatte und bauchfrei. Bei dem Wetter wäre es durchaus angebracht etwas mehr Haut zu zeigen, denn alle anderen liefen auch beinah nackt herum. Die Truppe saß gemeinsam am Tisch und unterhielten sich. Ju und Linh waren auch bereits dabei.

      Niklas
      “Und Alec, wie fandest du den Unterricht?”, fragte ich neugierig, während wir alle noch etwas aßen. Jemand von Hof hatte das Feuer wieder mal angemacht und im Hintergrund liefen über Musikboxen entspannte Musik.
      “Sehr lehrreich, aber dieses gehüpfe ist definitiv nicht meine Welt. Ich bleibe glaube ich lieber bei der Dressur”, antwortete Alec gutgelaunt.
      “Das unterschreibe ich so”, stimmte ich ihm zu und riss ein Stück vom Brot ab. Wenn ich ehrlich war, reichte mir das Essen vom Buffet langsam, aber sicher. Stückweise wünschte ich mir Fjona her, die sonst frisch kochte, wenn ich keine Lust hatte.
      “Und bist du froh, wenn wieder Ruhe am Hof einkehrt?”, fragte ich Samu, denn Lina würde mit nach Schweden kommen und dachte vermutlich nicht weiter daran.
      “Oh ja und wie froh ich sein werde, wenn sich nicht mehr alle benehmen wie im Kindergarten. Auch, wenn es zugegebenen Maßen dann wieder ein wenig langweilig hier werden wird”, antworte Samu ehrlich.
      “Was denn für einen Kindergarten?”, fragte Ju etwas verärgert.
      “Keine Sorge, dich meine ich nicht”, versuchte Samu ihn zu besänftigen.
      “Er spricht bestimmt von unserem Bipolaren Monster”, warf Milena ein, die gerade mit Max vorbeilief.
      “Wer nichts Nettes zu sagen hat, sollte lieber die Klappe”, verteidigte ich Vriska, die ich von weiten sehen konnte. Überrascht guckte ich noch mal genauer hin und sah, dass sie mal einen Pullover trag, sondern sogar Haut zeigte.
      “Also wenn hier jemand ein Monster ist, dann du”, stellte Alec an Milena Gewand fest.
      “Pff, ich werdet es noch kapieren. Spätestens, wenn sie wieder manisch wird, habt ihr meine Worte im Kopf”, zischte sie und ging. Tatsächlich ergab es Sinn, was sie da erzählte. Vriska konnte innerhalb kürzester Zeit ihre Stimmung wechseln, ohne selbst viel davon mitzubekommen. Andererseits hatte ich das auch schon bei Lina erlebt und Ju erst recht. Sind jetzt alle Krank? Vriska setzte sich neben mich und alle blickten zu ihr, als gehörte sie nicht mehr dazu. Jus Augen blitzten mich an und ich wusste, was er wollte. Unbeeindruckt drehte ich mich zu ihr und hörte zu, was sie uns zusagen hatte.
      “Hej”, begann sie vorsichtig. Niemand sagte etwas. Vriska fuhr fort: “E-Es tut mir leid, also euch allen gegenüber. Ich weiß nicht mehr, was ich heute zu wem sagte, ob es nett, oder weniger nett war. Aber nach dem Ju vorhin mit mir kurz gesprochen hatte, wurde mir klar, dass mein Verhalten nicht gut war. Also. Es tut mir leid, wirklich. Wenn ihr wollt, dass ich gehe, dann ist das confirm für mich.”
      “Bleib ruhig hier. Jeder von uns hat mal einen schlechten Tag, wo er dann auch schon mal nicht so nette Dinge sagt. Sogar bei mir soll das schon vorgekommen sein”, sagte Alec diplomatisch.
      “Oh, danke”, antwortete sie verlegen und stellte den Teller auf den Tisch. Unauffällig musterte ich ihr Outfit und bemerkte die Narben, die sie am Arm versteck von einem großen Sleeve versteckte. Da fiel mir ein, dass auch mein Termin morgen sei, bei dem Lina dabei sein wollte.
      “Ach Nik, ich muss noch was besprechen”, begann Ju und ich blickte zu ihm aufmerksam. Er sprach weiter: “Linh schläft nachher mit bei uns und ich schätze, du solltest dir diesmal ein anderes Zimmer suchen.”
      “Ja, geht klar. Lina? Kann ich nachher zu dir kommen? Wann gehst du schlafen, weil ich wollte mit Vriska noch über Betriebsleitung und andere wirtschaftliche Dinge sprechen zum Lernen”, wandte ich mich ihr zu.
      An Samu Gesichtsausdruck war deutlich zu sehen, was er von der Idee hielt.
      “Klar, kein Problem. Was die Uhrzeit angeht, habe ich keine genaueren Pläne. Ich hatte nur vor heute mal vor 3 Uhr nachts im Bett zu sein” antwortete sie, ohne Samu wirklich zu beachten.
      „Freut mich“, sagte ich grinsend.
      Ich spürte wie eine Hand durch meine Hose über den rechten Oberschenkel langsam in meinen Schritt wanderte. Mein Herz begann schneller zu schlagen und auffällig wechselte ich meine Sitzposition, um es mir bequemer zu machen. Gleichzeitig unterhielt Vriska sich mit Lina und ließ sich nicht anmerken, was sie gerade tat. Dieses Mädchen machte mich verrückt. Ihre Art etwas zu wollen und alles dafür zu tun, faszinierte mich und zog mich in den Bann. Nebenbei versuchte ich weiter zu essen und jeder Happen fiel mir von einer Sekunde zur nächsten schwerer. In meinem Kopf malte ich mir aus, was noch passieren würde und wie ich, ohne mir etwas anmerken zu lassen, bei meiner Auserwählten schlafen sollte. Ich nahm Vriskas Hand aus meiner Hose und richtete alles unauffällig, um die Teller wegzuräumen.
      “Möchte noch jemand was, wenn ich schon mal da bin?”, fragte ich in die Runde und unterbrach dabei einige Gespräche.
      “Ja gern, ich würde noch etwas Kartoffelsalat nehmen”, sagte Linh und reichte mir ihren Teller, auf dem noch ein halbes Steak lag. Sonst meldete sich niemand und ich machte mich auf den Weg. Als ich wieder kam, herrschte eine leichte Aufbruchstimmung. Alec verabschiedete sich, um nach Hause zu fahren. Etwas traurig wünschte ich ihm eine gute Fahrt.
      “Wollen wir dann nicht langsam anfangen? Je früher wir fertig sind, so länger kannst du mit Lina ungestört sein”, schlug Vriska vor. In ihren Augen funkelte etwas Boshaftes, aber ich stimmte zu.

      Lina
      Natürlich war mir Samu vielsagender Blick nicht entgangen, als Niklas gefragt hatte, ob er bei mir schlafen konnte, doch eigentlich hatte ich nicht die Motivation es mit ihm auszudiskutieren. Leider schien er das anders zu sehen, denn kaum waren Niklas und Vriska verschwunden bedeutete er mir ziemlich eindeutig, dass er reden wollte. Für einen Moment überlegte ich, ob ich ihn einfach ignorieren konnte, doch dann würde vermutlich noch mehr nerven.
      Seufzend stand ich also auf und folgte ihm zu der großen Eiche, die etwas abseits der Tische wuchs.
      “Was willst du denn?”, fragte ich Samu genervt.
      “Was ich will? Ich will gar nichts, ich finde nur du solltest noch mal Nachdenken. Ihr kennt euch gerade mal etwas länger als eine Woche”, regte er sich ein wenig auf.
      “Erinnerst du dich an unser Gespräch heute? Was habe ich da gesagt? Richtig, du sollt mich nicht immer so krass beschützen ich bin keine 12 mehr”, sagte ich ein wenig genervt.
      “Und mal ganz abgesehen davon, was ich mit wem in meinem Bett mache, geht dich absolut nichts an. Auch für dich gibt es Grenzen”, fügte ich unmissverständlich hinzu.
      “Aber…”, er wollte gerade ansetzen noch etwas zu sagen, aber ich schnitt ihm einfach das Wort ab.
      “Nichts, aber. Mein Bett, meine Entscheidung! Das steht auch nicht zu Diskussion. Ich schreib dir auch nicht vor wen du in dein Schlafzimmer lässt”, meckerte ich ihn an. Daraufhin war er erst mal still. Ein wenig verwundert war ich trotzdem, denn ich hatte ihn noch nie so nervig erlebt wie heute. Ok, zugegebenermaßen habe ich auch noch nie so wenig auf seinen Rat gehört, dass könnte die Lage vielleicht erklären.
      “Lina, hör doch wenigstens zu, danach hör ich auch auf die zu nerven versprochen”, bettelte er nun fast, dass ich ihm zuhörte.
      “Wenn denn sein muss”, gab ich genervt nach.
      “Kann sein das du nachdem, was ich sage, nie wieder mit mir spricht, aber ich möchte, dass du das in deine Entscheidungen einbeziehst. Ich glaube immer noch, dass Niklas nur mit dir spielt. Ich meine, warum sollte er von heute auf morgen ein anderer Mensch sein, das ergibt keinen Sinn”, Samu schien diese Sache wirklich wichtig zu sein. “Und ich kann auch verstehen, dass du ihn äußerlich anziehend findest, aber bitte schalte nur für eine Sekunde dein Gehirn ein, bevor du etwas tust, was du später bereust.” Eine unangenehme stille herrschte zwischen uns. Normalerweise hätte ich auf ihn gehört, denn Samu besaß eine unglaubliche gute Menschenkenntnis, doch in diesem Fall wollte ich ihm nicht glauben. Mir gegenüber hatte sich Niklas so verständnisvoll Verhalten und es fühlte sich einfach so gut an. Dennoch kam da diese fiese kleine Stimme in meinen Kopf, diese fiese Stimme, die immer alles zerstörte. Glaub ihn Lina, du hast Niklas Rücken schon wieder vergessen. Außerdem einer, wie er will dich sowieso nicht haben. Das glaubst du wohl selbst nicht, verspotte die Stimme mich. Nein, diese Stimme ist böse, ich darf ihr nicht glauben. Mit all meiner Willenskraft hielt ich gegen die Zweifel und schob sie beiseite.
      “Ich werde deinen Tipp berücksichtigen, aber eigentlich steht meine Entscheidung bereits fest, egal was du davon hältst”, antworte ich und ließ ihn einfach unter dem Baum stehen.

      Juha
      Während Linh noch aß, belauschte ich das Gespräch von Lina und Samu. Auch, wenn ich nicht alles verstehen konnte, hörte ich immer wieder Niklas und mir war klar, worum es ging. Offenbar hatte Kerl wieder nicht besseres in seinem Schädel, als alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sichtlich genervt, ließ Lina Samu allein sitzen und ich nutzte die Gunst der Stunde ihn etwas aufzumuntern. Leicht geduckt lief ich zu ihm und setzte mich.
      “Ich sage dir, dass nun nur ein einziges Mal, also höre mir gut zu”, begann ich. Samu nickte und ich fuhr fort: “Deine Sorgen sind berechtigt und Lina wird vermutlich schneller wieder hier sein, als du gucken kannst. Ich möchte ihn damit nicht zu einem schlechteren Menschen machen, als er ist, denn er ist durchaus eine freundliche und zuvorkommende Persönlichkeit sein. Doch er kann unberechenbar und sprunghaft in seinen Entscheidungen verhalten. Dabei ist er so in seinem Film festgefahren, dass er den Rest seiner Umwelt außer Acht lässt. Wenn Lina damit nicht umgehen kann und nicht standhaft ihm gegenüber ist, kann das nur im Krieg enden. So, hast du noch eine Frage?” Ich versuchte so leise zu sprechen wie möglich, denn nach dem letzten richtigen Zerwürfnis mit meinem besten Freund, endete es seinerseits mit einem mehrwöchigen Krankenhausaufenthalt sowie vieler Gespräche. Das konnte ich nicht riskieren, denn ich wünschte ihm vieles, nur nicht das nochmal.
      “Warum genau erzählst du mir das jetzt eigentlich. Wie du siehst, hört Lina ohnehin nicht mehr auf mich”, fragte er mit einer Mischung aus Verwirrung und Besorgnis in der Stimme.
      “Ich möchte sie vor dem schlimmsten bewahren. Und ganz ehrlich? So wie ich dich einschätze, warst du bei den Mädels sicher beliebt und wie oft hast du mit jemanden einfach nur gelernt?”, deute ich an und zog meine Brauen hoch.
      “Öfter, als du zu glauben scheinst”, antwortete Samu.
      “Nun gut. Wir haben nie drüber gesprochen”, flüsterte ich und lief zurück zu Linh, die bereits auf mich wartete.
      “Alles gut bei dir, du wirkst so … aufgeregt”, fragte sie besorgt.
      “Natürlich, ich musste nur was Wichtiges klären. Wollen wir rüber, Fernsehen?”, entgegnete ich freundlich und lief mit ihr zum Zimmer. Niklas hatte ein riesiges Chaos hinterlassen. Ich entschuldigte mich bei ihr und warf schnell alles zusammen. Aus meiner Rage stoppte sie mich und gab mir einen Kuss.
      “Es ist nicht das erste Mal, dass er das Zimmer verwüstete und ich das sah”, antwortete Linh liebevoll und zog mich auf die Couch. Mit meinem Arm um ihre Schulter guckten wir eine Dokumentation auf Netflix.

      Niklas
      Gerade als ich die Tür hinter mir schloss, fiel Vriska mir um den Hals. Meine Hände legte ich an ihrem Hinterteil und zog sie fest an mich heran. „Wärst du so freundlich, heute keine Spuren zu hinterlassen?“, flüsterte ich bestimmend in ihr Ohr und schmiss sie aufs Bett. Mit ihrem Kopf auf der Decke zog ich unsere Hosen runter und liebäugelte mit ihrer Unterwäsche, die sie trug. In Gedanken an Lina suchte ich in meiner Hosentasche meiner Reithose nach einem Gummi.
      „Wenn du nicht willst, dann müssen wir das nicht tun“, sagte sie besorgt und schien zu merken, dass ich nicht ganz bei der Sache war. Dann drehte sie sich auf den Rücken und guckte mich an. Noch eh ich antworten konnte, sagte sie überrascht: „Ach, warst du schon vorbereitet, was heute passiert?“
      „Nein, ich bin immer vorbereitet. Du bist nicht die Erste, die plötzlich über mich herfällt“, antworte ich ernsthaft und distanziert. „Und um auf deinen ersten Satz zurückzukommen, wenn ich wollen würde, hätte ich meine Hosen noch an“, grinste ich, drehte sie unsanft um und zog sie an mich heran. Leise winselte sie nach mehr und ich genoss das Gefühl von ihr gebraucht zu werden. So schön es auch war, musste ich dafür sorgen, dass sie leise ist. Ich legte meine Hand auf ihren Mund und drückte sie nieder. Doch nur mit Mühe gelang es mir, ihre Leidenschaft zu unterdrücken. Gestern hatte sie noch andere Möglichkeiten sich dem zu entziehen, nur Monstermücken würde mir keiner mehr abnehmen, erst recht nicht Lina, wenn die Kratzer frisch waren.
      „Zieh dir was drüber und setzt dich an den Tisch“, befahl ich ihr, als ich ins Bad lief, um mich sauberzumachen.
      „Komm‘ doch lieber ins Bett“, quengelte Vriska erschöpft.
      „Ich bin nicht zum Spaß hier. Betriebswirtschaftslehre lernt sich nicht von allein“, antwortete ich standhaft, als ich meine Hände wusch. Als ich zurückkam, lag sie immer noch im Bett, wie ich sie hinterließ.
      “Steh’ jetzt auf oder war heute das letzte Mal da”, drohte ich und war selbst überrascht. Offenbar konnte ich mir vorstellen, dass nun öfter zu tun. Der Gedanke fühlte sich besser an, als wollte, dennoch setzte ich mich und nahm das Pad zur Hand. Aus dem Augenwinkel heraus beobachtete ich, dass Vriska sich etwas drüberzog und dazu kam. Ihre Haare waren durcheinander und ihre Hose kurz. Ein Bild, dass sie ruhig öfter zeigen konnte und vor allem nicht nur mir.
      “Du siehst wunderschön aus”, schmeichelte ich ihr. Verlegen zog sie ihr Shirt über die Shorts und setzte sich an den Tisch. Zusammen gingen wir die Seiten durch und ich erklärte ihr, welche Faktoren die wichtigsten waren und was die Prüfer wissen wollten. Im Gegensatz zu ihr hatte ich alles schon durch und wusste, worauf es ankam. Obwohl Vriska sehr erschöpft wirkte, gab sie sich Mühe mir genau zuhören und die Aufgaben sorgfältig zu erledigen.
      “Ich denke, dass das für heute reicht”, erklärte ich ihr nach einer Stunde. Ich stand vom Stuhl auf und sie sprang auf, um mich festzuhalten.
      “Willst du nicht hierbleiben?”, begann sie wieder zu quengeln.
      “Du weißt, dass das nicht geht”, redete ich mich raus und nahm ihre Arme von mir.
      “Also ist dir das nicht wichtig mit uns?”, in ihrem Gesicht war die Enttäuschung zu erkennen, die in ihr herrschte.
      “Nein … doch. Irgendwie schon. Wir schlafen nur miteinander und lernen. Mehr ist das nicht”, versuchte ich Vriska zu erklären, die offensichtlich mehr wollte als ich.
      “Okay, ich verstehe. Aber wenn das nicht mehr …“, sie stoppte. Eine Träne lief auf ihrer Wange herunter und sie drehte sich weg.
      “Vriska, dir muss klar sein, dass das nicht mehr sein wird. Wenn du das nicht willst, dann sag’ es jetzt und ich verhindere alles Weitere, was du versuchen willst. Ich möchte nicht, dass du sich schlecht dabei fühlst. So macht das keinen Spaß”, muntere ich sie auf und strich einige Strähnen aus ihrem Gesicht.
      “Mir geht’s gut. Ich wollte nur wissen, woran ich bin. Das weiß ich nun”, lachte sie und umarmte mich. Das ging für mich klar und ich drückte sie.
      “Dann schlaf gut. Morgen gleiche Zeit, gleicher Ort?”, scherzte ich. Fröhlich nickte sie und schloss die Tür, als ich ging.
      “Lina, ich bin gleich da, setz’ mich noch für einen Moment ans Feuer”, schrieb ich meiner Herzensdame und setzte mich auf einen Stuhl am Feuer. In meiner Hosentasche befand sich ebenfalls die Schachtel von der Tankstelle und ich zündete mir eine an. In meinem Kopf schwebten tausend Gedanken und einer davon war Lina. Ich wollte sie nicht verletzen und auch nicht hintergehen, doch sie gab mir nicht das, was ich bei Vriska fühlte. So fasste ich den einzigen richtigen Entschluss. Ich musste mit Lina darüber sprechen, zumindest teilweise.
      Als ich aufgeraucht hatte, lief ich zu ihr und rechnete damit, dass ich die Nacht bei Vriska verbringen würde. Ich selbst würde mich nicht ertragen wollen. Vorsichtig klopfte ich an Linas Tür.


      Lina
      Nachdem Streit mit Samu war ich innerlich so aufgewühlt gewesen, dass ich mir erst einmal einen Tee machen musste. Auch wenn ich es Samu gegenüber nicht zugeben wollte, machte ich mir doch mehr Gedanken darüber, was er gesagt hatte. Mit meinem Tee hatte ich mich auf mein Sofa begeben und die Zeichnungen angestarrt, die kreuz und quer über den Tisch verteilt lagen. Ganz obendrauf, mein Block auf dem noch die Zeichnung von Niklas Tattoo aufgeschlagen war.
      Auch wenn sich die negativen Gedanken immer wieder in den Vordergrund drängten, fasste ich einen Entschluss. Mir ist egal was Samu sagt, immer hin bin ich hier diejenige die mit den Konsequenzen der Entscheidung leben muss, nicht er. Ich komme was wolle, ich werde mit nach Schweden gehen. Auch wenn Niklas noch ein Fremder für mich ist, bin ich überzeugt davon, dass es das Richtige ist. Es fühlt sich einfach zu gut an, um es mir von irgendwem kaputt machen zu lassen.
      Ich war so fokussiert auf meine Gedanken gewesen, dass ich vor Schreck fast vom Sofa fiel, als es an der Tür klopfte und natürlich, wie hätte es auch anders sein sollen, hatte ich dabei den restlichen Inhalt meiner Tasse auf mir und dem Fußboden verteilt.
      “Komm rein, die Tür ist offen”, rief ich durch die Wohnung, während ich zur Spüle ging, um einen Lappen zu holen. Langsam öffnete sich die Tür und Niklas trat ein, während ich den Tee vom Boden entfernte.
      „Was denn hier passiert?“, fragte er freundlich und betrachtete die Flecken auf dem Boden.
      “Wie es aussieht schaffe ich es heute nicht mal auf einem Sofa zu sitzen, ohne dass dabei etwas passiert”, klärte ich ihn auf.
      „Nun gut. Ich habe ein Anliegen“, murmelte Niklas und setzte sich auf die Couch.
      “Und was wäre das für ein Anliegen?”, fragte ich etwas beunruhigt, denn ich konnte seine Körpersprache absolut nicht einordnen und konnte mir auch nicht so richtig vorstellen, was er jetzt von mir wollte.
      „Ich mag dich sehr und ich würde sogar sagen, dass ich sowas wie Schmetterlinge im Bauch habe, wenn ich an dich denke. Und ich denke sehr oft an dich aber …“, er stoppte und ich merkte das es ihm schwerfiel zu sagen, was er gerade fühlte.
      „Du kennst meine ganze Geschichte nicht und ich bin auch noch nicht bereit sie mit dir zu teilen. Denn ich weiß es selbst erst seit weniger als 2 Jahren und habe selbst noch mitzukämpfen, dass ernsthaft zu verarbeiten. Meine Psychologin sagte etwas von verdrängt oder so. Keine Ahnung. Aber auf jeden Fall steht mir das noch im Weg. Dass vorhin im Stall … das war ein Test, meinerseits. Normalerweise hatte ich immer sowas wie ein Kick und hätte dir die Kleider vom Leib gerissen, doch bei dir hatte ich das nicht. Grundsätzlich ist das nichts Schlechtes, doch ich denke ich bin noch nicht so weit, wieder was wirklich Festes einzugehen. Und für jemanden zwischendurch bist du mir eindeutig zu wichtig. Ich würde gern dich weiter kennenlernen, im Leben begleiten und gucken, wo wir am Ende rauskommen, doch erstmal nur als Freunde. Besondere Freunde, die in Aussicht auf was Großes sind. Was in den letzten Jahren alles bei mir passierte, ist einfach zu viel um jemanden wie dich damit zu belasten. Ich möchte dich schützen, verstehst du das? Ich will dich, aber aktuell geht es nicht. Auf keinen Fall”, erzählte er zu Ende, ohne mich anzugucken. Stattdessen fummelte er nervös an seinen Fingern. Seine Augen waren glasig und den Tränen nah.
      Was Niklas mir da erzählte, waren so viele Informationen auf einmal, dass mein Gehirn erst mal ein paar Sekunden brauchte, um die Massage zu verstehen. Seltsamerweise war ich nicht krass enttäuscht oder so, sondern fühlte in diesem Moment eher sowas wie eine Mischung aus Erleichterung und Verständnis. Ich kann nur zu gut nachvollziehen, dass er mich nicht mit seinen Problemen belasten möchte. Und so sehr, wie ich mir wünschte, es gäbe einen andern, einen leichteren Weg, so gut verstand ich es auch, dass es der richtige sein würde.
      Bei seinem Anblick würde ich am liebsten auch anfangen zu weinen. Doch hier geht es gerade nicht um mich, also versuchte ich die Tränen so gut wie möglich herunterzuschlucken. Aus einer Intuition heraus legte ich meine Hände auf seine. “Ja, ich versteh das”, war alles, was ich über die Lippen brachte, denn dann suchten sich die Tränen doch wieder einen Weg nach draußen.
      “Kleines, wein doch nicht. Ich bin noch immer da für dich aber lass mir meine Zeit, um zu dir zu finden”, versuchte Niklas mich aufzumuntern und wischte mit seiner Hand die Tränen von meiner Wange. Ich reagierte nicht. Dann sprach er weiter: “Ich freue mich, auf das was auf uns zu kommt, die gemeinsame Zeit in der meiner Heimat. Es gibt so viel, dass ich dir zeigen möchte und Vriska freut sich sicher auch, nicht allein zwischen den Kerlen auf dem LDS zu sein. Da bin ich mir sicher. Sie kommt hier schon kaum klar.” Er lachte herzlich und strich mir übers Haar. Der Gedanke an all das, was mich in Schweden erwarten würde, konnte mich tatsächlich ein wenig aufheitern, immerhin würde mich dort viele neue Dinge erwarten. Außerdem freute ich mich wieder näher an der Küste zu sein. Schon damals als ich für das HMJ in Schweden war, hatte ich gemerkt wie sehr mir die Küste fehlte. Nicht das Kanada keine schöne Natur bot, doch steinige Bergwälder sind nun mal nicht dasselbe.
      Nun musste auch ich anfange zu lächeln, dieser Mann war einfach ansteckend.
      “Das ist ja auch wirklich nicht so einfach mit euch Kerlen. Aber ich freu mich schon deine Heimat kennenzulernen”, fügte ich nun etwas heiterer hinzu.
      “Ich schätze, dass du es mit Frauen auch nicht leichter hättest”, scherzte er, aber konnte noch immer nicht in meine Augen schauen. Mit irgendetwas schien er sich immer noch unwohl zu fühlen. Gerne würde ich ihn danach fragen, was ihn beschäftigt, doch natürlich hatte ich noch seine Worte im Kopf, die ich natürlich respektierte. Somit sagte ich nichts und eine seltsame Stille herrschte im Raum, die dadurch unterbrochen wurde, dass mein Handy lautstark den Eingang einer Nachricht ankündigte. Etwas zu eilig griff ich nach dem Gerät. Die Nachricht war von meiner Schwester, die wissen wollte, wie genau ich mich jetzt eigentlich wegen Schweden entschieden hatte. Da hat sie mal wieder ein perfektes Timing. Ich hatte zwar gestern mit ihr telefoniert, aber dieses Thema bewusst außen vorgelassen. Da ich das gerade absolut den falschen Zeitpunkt davon Juliet den Sachverhalt zu erklären, legte ich das Handy wieder beiseite, ohne ihr zu antworten, sie würde noch früh genug eine Erklärung bekommen.

      Niklas
      “Möchtest du noch was besprechen oder wie sieht es aus? Ich halte es für die beste Entscheidung rüber zu Chris zu gehen”, murmelte ich zu Lina, die erst hektisch aufsprang, um ihr Handy zu prüfen und im nächsten Moment es wieder beiseite packte.
      “Nein, passt schon”, antwortete sie fast unverständlich, weil sie so schnell sprach.
      “Ich verstehe dich nicht. Ist er dir egal, dass ich jetzt gehe?”, fragte ich schockiert. In dem Moment kamen mir direkt wieder Vriskas Worte, die es wenigstens versuchte, dass ich bliebe. Aich erwischte ich mich dabei, darüber nachzudenken, ob sie das bessere Gegenstück sei.
      “Nein, natürlich ist es mir nicht egal”, antwortete sie und ich konnte eine Spur Verunsicherung mitschwingen hören. “Es ist nur. Ich weiß nicht. ich weiß nicht genau was ich tun soll… Auf der einen Seite möchte ich, dass du hierbleibst und andererseits … möchte ich deine Worte respektieren und dich nicht bedrängen”, den letzten Teil des Satzes sprach sie so leise aus, dass er kaum hörbar war. “Ich möchte doch nur das richtige tun”, fügte sie hinzu und sah dabei auf den Boden. Ich legte meine Hände an ihren Kopf, damit sie den Blick zu mir richtete. Dann sprach ich zu ihr: “Du musst dir überhaupt keine Gedanken darüber machen, was richtig oder falsch ist. Alles, was du bisher getan hast, war richtig. Es liegt nicht an dir, ich bin das Problem. Also bitte sei du selbst, denn nur diese Lina brauche ich.”
      “Ok” sagte sie und machte ein paar Sekunden pause, um Luft zu holen. “Dann sagt dir diese Lina jetzt, dass du ihretwegen nicht zu gehen brauchst, denn für einen Freund hat sie immer einen Platz, egal was das Problem ist.”
      “Danke, aber ich werde trotzdem zu ihm rübergehen. Er wollte auch noch Männerkram besprechen”, erklärte ich ihr mit einem Augenzwinkern und stand auf.
      “Ok, dann also gute Nacht”, sagte sie und schien sogar ein wenig enttäuscht zu sein.
      “Es tut mir leid”, antwortete ich nur und schloss die Tür. Einen Moment wartete ich, um zu hören, ob sie wieder anfing zu weinen, doch ich hörte nichts und lief los. Chris hatte ein Zimmer etwas weiter weg und teilte es sich mit Björn, der gerade mit Erika für die Prüfungen lernte. Denn auch die Beiden wollen dieses Jahr den C Schein ablegen. Also war ich froh, dass ich herzlich von ihm empfangen wurde.
      “Na was hast du schon wieder vergeigt?”, fragte es spöttisch und saß auf seinem Bett, als ich den Raum betrat.
      „Alles oder auch gar nichts“, antwortete ich und gesellte mich mit in den Raum.
      „Na dann bin ich mal gespannt“, haute er heraus und setzte sich aufrecht hin.
      „Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen sollte. Es ist so viel“, murmelte ich und machte es mir bequem in dem Holzstuhl, der alles andere als bequem war.
      “Wie wäre es am Anfang? Oder warum du jetzt überhaupt hier sitzt?”, munterte Chris mich ein wenig auf. Gestärkt begann ich zu erzählen: “Nun, dass mit Anna ist nun vorbei und ehrlich gesagt, bin ich auch froh darüber. Die Zeit mit ihr war schön, aber sie war mir dann doch eine Nummer zu verrückt. Ihr Hass übernahm immer mehr die Oberhand und du weißt ja, den letzten Monat lief es eh nicht so gut. Dann kamen die Neuen und Milena wollte mich einfach, also hat sie bekommen, was sie wollte. Aber ich fühlte es einfach nicht, denn ihre Freundin hatte es mir von Anfang an angetan. Irgendwie hat es direkt gefunkt, obwohl sie immer gegen mich war.”
      “Die kleine Blonde meinst du? Wie war ihr Name noch mal … Vriska?” fragte er.
      “Ja, genau. Und jetzt rate mal, wen ich am Haken habe?”, lachte ich herzlich.
      “Ach, da schlägt mal wieder der typische Niklas zu. Wie bist du denn an die Ehre gekommen?”
      “Nun, man muss nur wissen wie. Wir sind auf einer Wellenlänge. Ich wusste direkt was sie braucht, jemanden, der sie hält und vor allem fest”, triumphierte ich und imitierte ihren Hintern vor meiner Hüfte. Chris wusste, wo von ich spreche, schließlich waren wir damals zusammen auf Reisen. Auch wenn Joanna noch an meiner Seite war, hatten wir durchaus Spaß zusammen in den Clubs uns nach hübschen Mädels umzuschauen.
      “Da wird man glatt neidisch, aber was ist mit der anderen Kleinen? Die hier vom Hof. Der hast du auch ganz schön die Augen verdreht”, schwärmte er.
      “Ja, genau das ist das Problem. Sie kommt jetzt mit nach Schweden. Ich mag sie sehr, aber es fehlt einfach etwas. Das was Vriska mir gibt”, lenkte ich ein und hatte direkt das Gesicht von Lina vor den Augen, als sie eben vor mir saß und anfing zu weinen. Es macht mich immer nachdenklicher.
      “Dann pack’ sie in den Ringkampf und guck, wer übrigbleibt. Ich würde 5000 SEK auf die Blonde setzen. Sie hat Temperament und so viel Verzweiflung”, scherzte Chris und holte seine Brieftasche aus der Hose.
      “Ne, ne. Lieber nicht. Außerdem bedenke, dass sie aktuell ein Handicap hat durch den Sturz mit ihrem Hengst. Ich habe mit Lina mehr oder weniger darüber gesprochen, dass ich noch nicht bereits für etwas Festes bin, also kann ich Vriska weiterhin besuchen”, erklärte ich ihn und schaute auf die Uhr. Die Zeit rannte förmlich an mir vorbei. Es war bereits kurz vor Elf und langsam wollte ich schlafen.
      “Sicher, dass du nicht rüber willst zu deiner Leibeigenen?” schlug er vor. Nach kurzen Überlegungen lehnte ich ab und wir richteten einen Platz auf dem Fußboden ein. Jeder für sich nahm eine bequeme Position im Bett ein. Chris schlief innerhalb kürzester Zeit ein, doch in mir wanderten noch die Gedanken. Auf meinem Handy lass ich eine Nachricht von Vriska, die wirklich kurz war, doch im Rückblick zu vorhin viel aussagte: “Tack.” Ich wusste nicht genau, ob sie nun sauer auf mich war oder wirklich dankbar. Für heute ließ ich es gut sein und würde sie morgen darauf ansprechen.

      Lina
      Nachdem Niklas die Tür hinter sich geschlossen hatte, saß ich einen Moment lang einfach nur still da. Hatte Samu etwa doch recht gehabt und Niklas spielte nur mit mir? Aber warum würde er dann trotzdem noch wollen, dass ich mit nach Schweden gehe? Nein, dass ergäbe keinen Sinn, zumindest keinen der sich mir ergeben würde. Ich glaube immer noch das Stecken so was wie Gefühle dahinter, nur welche genau, darüber bin ich nicht ganz sicher. Aber was genau fühle ich eigentlich gerade? Enttäuschung darüber, dass das, was gerade er begonnen hatte, so schnell endete? Hoffnung? Verunsicherung? Verzweiflung? Vielleicht alles auf einmal? Was auch immer ich gerade fühlte, ich war nicht in der Lage das einzuordnen und das verwirrte mich. Wie soll man mit etwas umgehen, was man noch nie gefühlt hat? Soll man einfach normal weitermachen oder sollte man sich Sorgen machen?
      Die zunehmende Dunkelheit draußen erinnerte mich daran, dass es bereits spät war und somit entschloss ich mich fürs Erste, für das normal weitermachen und meine verwirrten Gefühle erst einmal zu ignorieren. Also stand ich vom Sofa auf und stellte die Tasse, deren Inhalt ich ja bereits über meinem Boden verteilt hatte, in die Spüle.
      In meinem Schlafzimmer tauschte ich die staubigen und nun auch mit Tee getränkten Klamotten gegen das viel zu große Shirt, was ich immer zum Schlafen trug und bewegte mich ins Bad, um mich Bettfertig zu machen.
      Als ich wieder aus dem Bad kam, fiel mein Blick auf mein Handy, auf dem eine Nachricht aufleuchtete. Sie stammte diesmal von Samu. “Ich hätte vorhin dein Urteilsvermögen nicht Anzweifeln sollen, tut mir leid. Aber du musst, verstehen ich mache mir doch nur Sorgen um dich”, las ich.
      “Ja, verstehe ich doch. Mir tut es auch leid, ich hätte dich trotzdem nicht so anmotzen dürfen. Und jetzt hör auf dir Sorgen zu machen, ich schlafe heute allein”, tippe ich eine Antwort, doch zögerte kurz bevor ich sie absendete. Sollte ich ihm das jetzt schon mitteilen? Naja, spätestens morgen würde er es vermutlich eh rausfinden, also konnte ich es ihm auch jetzt sagen.
      Nachdem ich die Nachricht gesendet hatte, schaltete ich das Licht aus und ließ mich ins Bett fallen, vielleicht würde meinem Gehirn ja bis morgen einfallen, wie ich mich Verhalten soll.

      Am nächsten Morgen wachte ich von meinem nervtötenden Wecker auf. Müde öffnete ich die Augen und blinzelte in das schwache Licht, welches durch die Rollläden fiel. Ich hatte gestern ungewöhnlich lange zum Einschlafen gebraucht, denn die Ereignisse des gestrigen Tages waren mir immer wieder durch den Kopf geschwirrt. Zwar hatte ich den Rest der Nacht dann geschlafen wie ein Stein, aber wirklich erholt fühlte ich mich nicht und schlauer war ich leider auch nicht geworden. Das heißt du es wohl heute normal sein, was auch immer normal sein bedeuten mag. Also rollte ich mich aus dem Bett und wie jeden morgen führte mich mein Weg als Erstes ins Bad, wo ich mich fertig machte. Da es heute genauso unerträglich warm bleiben sollte wie die letzten Tage, entscheid ich mich lieber gleich für ein luftiges Top zu Reithose. Als ich Treppe runterging, stellte ich fest, dass ich scheinbar die Erste war, die bereits wach war, denn im Haus war es noch erstaunlich still. An der Tür überlegte ich kurz, ob ich direkt meine Stiefel anziehen sollte, doch entschied mich doch lieber für meine inzwischen nicht mehr ganz so weißen Sneaker. Auch als ich nach draußen trat, war es noch recht still auf dem Hof.
      Da es nicht so aussah, dass es schon Frühstück gab, machte ich mich also als Erstes auf den Weg zum Stall. Die meisten Pferde waren bereits wach und knabberten gemütlich an ihrem Heu, nur Divine lag noch gemütlich im Stroh. Freundlich brummte er mich an, als ich seine Box betrat.
      “Guten Morgen mein hübscher”, begrüßte ich den Hengst und hielt ihm eine Möhre hin. Kurz schnupperte das Pferd daran, bevor er kräftig abbiss.
      “Ich hoffe, wenigstens du hast besser geschlafen als ich”, sagte ich zu Divine und strich im dabei durch die weiche Mähne. Natürlich antworte der Freiberger nicht, sondern klaute sich nur den Rest der Möhre aus meiner Hand. Damit es heute nicht wieder vergaß ihn rauszubringen, beschloss ich ihn einfach jetzt schon rauszubringen. Während Ivy noch in aller Ruhe seine Möhre fraß, ging ich in die Sattelkammer und seine Sonnencreme und seine Fliegenmaske zu holen. Ohne diese Schutzmaßnahmen bekam er bei einem solchen Wetter leider sehr schnell Sonnenbrand. Als ich zurück zu seiner Box kam, hatte sich der Freiberger bereits aufgerappelt und schüttelte sich das Stroh aus dem Fell.
      “Na, heut mit Strohextension”, scherzte ich und zog ihm einen Strohhalm aus der Mähne. Anschließend cremte ich ihn ein und zog ihn an. Fertig für die Koppel verließ ich mit Divine den Stall.

      Vriska
      Erholt wachte ich auf und warf einen Blick auf die Uhr. Der Trubel am Hof war sonst, wenn ich aufwachte, bereits zu hören, doch heute herrschte eine angenehme stille. Erstaunlicherweise hatte ich heute keine Schmerzen und konnte mich wie üblich fertig machen. Die Hitze machte mich zu schaffen und mittlerweile sammelte sie sich auch im sonst so kühlen Zimmer. Aus meiner Tasche rief mich die einzige Shorts, die ich eingepackte hatte. Zum Notfall. Einem Notfall den ich nun hatte. Etwas unwohl bei dem Gedanken meine Beine zu zeigen, zog ich sie drüber und betrachtete mein Outfit im Spiegel. Die hellgraue lockere Sweat Shorts mit dem schwarzen Swoosh stand mit wirklich gut, auch wenn nun meine Narben offensichtlich zu sehen waren und auch der riesige Spalt zwischen meinen Oberschenkeln. Passend dazu zog ich mir das lockere graue bauchfreie Shirt drüber. Von den letzten Tagen wusste ich, dass die Leute am Hof wirklich Probleme hatten meinen Hengst die Decke umzulegen, weswegen ich schon am Abend beschlossen hatte, das heute selbst zu machen. Ein erneuter Blick zur Uhr zeigt mir, dass ich wirklich trödelte, wenn ich mich nicht unter die Leute mischen wollte. An der Tür schlüpfte ich die meine Stallschuhe, setzte noch die Sonnenbrille auf und verließ das Zimmer. Die Sonne brannte auf meiner Haut und in der Luft lag eine angenehme Feuchte. Es war ein ausgesprochen schöner Sommermorgen, denn ich gern nicht allein genießen wollte. Auf dem Weg traf ich niemanden und fröhlich lief ich zum Stall, in dem Glymur bereits in seiner Box warten würde. Doch, bevor ich einen Fuß in die Gasse setzte, hörte ich Lina. Frustration kam in mir hoch. Würde sie sich verfolgt fühlen? Kann ich mich noch normal verhalten? Doch das bisschen Selbstbewusstsein, was irgendwo in mir steckte, musste jetzt herauskommen und sich präsentieren. Nach einem tiefen Ein- und Ausatmen betrat ich den Stall und grüßte Lina freundlich mit den Worten: “Ach auch schon wach. Good morning.” Für meinen Geschmack fühlte sich das Grinsen zu groß und auch falsch an, um dass ich das war. Selbstbewusstsein, dass auf Bestellung da war, war schon etwas Feines.
      “Morgen Vriska”, grüßte Lina freundlich zurück und wandte sich dann wieder ihrem Pferd zu. War irgendetwas? Ich entschied nicht nachzufragen, da es sicher mit Niklas zu tun hätte und ich versuchte so gut gelaunt wie möglich heute zu sein. Die Decke von meinem Hengst lag wie ein Wäschehaufen vor seiner Box und ich benötigte einige Minuten, bis ich alles sortiert hatte. “So kleiner Mann, jetzt wird sich hübsch angezogen”, bereitete ich ihn auf die Decke vor und betrat die Box. Neugierig stupste er diese an und knabberte an meinen Dutt, der auch so schon völlig durcheinander war. Schnell hatte er seine graue Decke um, die viel Grasflecken aufwies. Ich zog ihm das Halfter drüber, führte ihn raus aus der Stallgasse. Lina ignorierte mich noch immer und ich beließ es dabei.
      Der Weg zur Koppel war ruhig. Vogelzwitschern kam aus den Bäumen, die ringsherum standen.


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    • Mohikanerin
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      Beschlag und Hufpflege für Snotra, Blávör, Briair, Elf Dancer, Acerado und Nurja
      15. April 2021 // Mohikanerin

      Ein kurzfristiger Auftrag erreichte mich von meinem Partner Mr. Wellik AB. Auf dem Gestüt Whitehorse Creek brauchten einige Pferde neue Eisen und eine weitere Stute müsste ausgeschnitten werden, wenn ich schon mal da bin.
      “Sie müssen Luchy sein”, sagte ich zu einer jungen Dame, die auf mich zu kam.
      “Nein, Hallo. Ich bin Lina.”, stellte sie sich vor. Zusammen gehen wir zum Stall in dem bereits Elf Dancer stand.
      Ich entfernte als Erstes die alten Eisen. Die Dame erzählte mir, dass er zwischendurch Schwierigkeiten beim Laufen hatte, eine Art Knacken zu hören sei und ich mir das genauer anschauen sollte. Der Schmied, der sonst kam, machte wohl einfach nur die Eisen darauf und das war's. Ich ließ mir den Hengst vor dem Stall einige mal Vorführen, als die Eisen ab waren. Es fiel deutlich auf, dass er fühlig lief.
      “Vielleicht wäre es besser, wenn wir ihn auch hinten Beschlagen”, merkte ich bei der ersten Runde an. Später war auch das Knacken zu hören, dass sie ansprach.
      “Ich denke, dass das Hufbein länger ist und durch die Bewegung knackt es. Jedoch wäre es besser mit einem Tierarzt zu sprechen”, erklärte ich ihr. Sie stimmte mir zu.
      “Zur Erleichterung beim Abrollen kann ich ihm spezielle Eisen vorne ran machen und eine Gummischicht dazwischen, damit die Federung mehr unterstützt wird.”
      “Das klingt super. Machen wir so”, antwortete Lina begeistert.
      In meinem Auto begann ich zu kramen nach den Gummis. “Gefunden”, rufe ich triumphierend und lief in den Stall. Die Eisen hatte ich bereits zurecht geschliffen und geformt, sodass nur die Gummis noch fehlten. Ich befestigte diesen am Eisen und nagle alles zusammen an den Huf von Elf Dancer. 20 Minuten später lief er schon viel Besser mit den NBS an den Vorderhufen.
      “Und was sind das für ein Eisen?”, fragte Lina, nach dem sie den Hengst zurückgestellt hatte. Ich zeigte ihr das Eisen genauer und erkläre: “Diese Hufeinsen sollen es ermöglichen, dass das Pferd damit so locker und natürlich laufen kann wie möglich. Der Huf kann so seinem natürlichen Abrollpunkt folgen und somit bleibt die Hufform während der gesamten Beschlagsperiode unverändert.”
      Als Nächstes waren Acerado und Briair an der Reihe. Den Hengst hatte Lina aus der Box geholt und kraulte engagiert seinen Kopf. Sie erklärte mir, dass er sonst sehr ungeduldig herumzappeln würde und ich hackte nicht weiter nach. Stattdessen ging ich meinem Beruf nach, entfernte die Eisen und machte den ersten groben Schnitt am Huf. Der Zeh ragte merklich über dem alten Eisen und hatte teilweise die Form des Hufes verändert. Kopfschüttelnd lief ich zum Auto, um nach anderen Eisen zu schauen. Schnell fand ich die richtige Größe für alle vier Hufe und begann sie in die richtige Form zu schlagen. Zur gleichen Zeit führte die kleine Dame den Hengst auf und ab, da er immer ungeduldiger in der Gasse stand und nicht weiter stillhalten wollte. Immer wieder warf ich einen prüfenden Blick auf das Gangbild des Braunen, doch konnte keine Unstimmigkeiten entdecken, bis auf die ungünstige Form des Hufes.
      Nach 40 Minuten konnte sich Acerado wieder sehen lassen. Imposant trabte Lina den Hengst vor und er zeigte keine weiteren Fehler. Er rollte sehr gut ab und ließ sich dabei im ganzen Körper locker. Die Zehen hatte ich an die Eisen angepassten und die Trachten minimal gekürzt, da sie nicht plan zum Boden waren. Bevor sie ihn zurück auf die Weide brachte, hatte Lina bereits Briair eine interessante Schimmelstute in die Gasse gestellt. Die Eisen hatte ich bereits von den Hufen entfernt und begann zu raspeln, als die Mitarbeiterin wieder kehrte und mir die Stute auf dem festen Boden vorführen konnte. Ungewohnt hob sie die Beine weit weg vom Boden und tippelte neben ihr her. Generell lief sie aber richtig. Auch für sie konnte ich die Standardeisen verwenden und suchte mal wieder nach diesen. Ich musste das Auto mal wieder aufräumen dachte ich und stolperte haarscharf über einen Eimer, den ich zur Seite schieben wollte.
      “Alles okay?”, rief Lina aus dem Stall.
      “Ja, noch mal gut gegangen”, scherzte ich und kam mit den Eisen wieder. Prüfend legte ich sie an die Hufe der Stute und markierte einige markante Stellen, die ich an dem Eisen ändern musste. Am Auto schlug die vier Eisen wieder zurecht, schliff mit dem Nassschleifer mehrere Stellen. Erneut legte ich die Eisen an die Hufe der Stute, eh ich sie fest machte. Zufrieden führte Lina sie noch einmal vor und brachte dann auch Briair zur Weide.
      Ein junger Mann kam mit zwei Stuten auf mich zu. Auf den ersten Blick wusste ich, dass das die besagten Isländer sein. Wortlos band er sie an, zeigt zuerst auf die Braune und lehnte sich an die Wand.
      „Ich bräuchte sie vorher erst mal vorgeführt, um die Bewegungsabläufe zu sehen und mögliche Fehler ausgleichen zu können”, erklärte ich ihm.
      “Die hat keine Fehler”, murmelte er, band sie ab und führte sie den Weg entlang. Dann drehte Max sie wieder um und trabte ein Stück. Offensichtlich trabte Snotra jedoch nicht, sondern es war Tölt. Ich guckte es mir noch einige Minuten an, eh ich sie zurück in den Stall kommen ließ und begann die alten Eisen zu entfernen. Natürlich zeigte die Stute Fehler im Gangbild, die aus X-Beinen bestanden und in keiner Weise angepasst wurden. Die Hufe waren normal geschnitten und die Eisen Standardgemäß genagelt. Kaum stand sie direkt auf dem Steinboden in der Stallgasse begann die Stute herumzuhampeln und fühlte sich offensichtlich nicht wohl auf dem Boden. Der Besitzer stellte sich an den Kopf von ihr und beruhigte sie. So konnte ich ungestört die Hufe korrigieren und im Anschluss die Eisen im Auto auswählen. Auf Wunsch des Kunden bekam sie an die Vorderhufe und Hinterhufe die gleichen Gewichtsklassen, da auf der Zuchtprüfung in einigen Wochen kein unterschiedlicher Beschlag zugelassen ist.
      “8ter in 1, richtig?”, fragte ich noch einmal nach aus dem Auto. Er stimmte zu und bewaffnet mit Stift sowie Eisen kam ich zurück zum Pferd, um die richtigen Maße zu nehmen. Die Stege waren zu lang und an den Trachten zu breit. Mit roher Gewalt schlug ich am Amboss mit dem Hammer auf die Vordereisen ein. Mehrmals prüfte ich die Form, bis sie endgültig passten. Snotra hatte sich mittlerweile an den Untergrund gewöhnt, dennoch wirkte sie erleichtert, als endlich wieder an ihren Hufen waren. Nach einem erneuten Vorführen stellte sich eine leichtere Verbesserung des Gangbildes heraus und im geschlossenen Stehen war auch die Stellung, um einige Millimeter besser.
      Bevor Nurja ausgeschnitten wurde, sollte Blávör noch die Eisen entfernt bekommen. Der Kunde erzählte mir, dass sie ständig die Eisen verlor und die Hufwände sehr brüchig wurden. Ich guckte mir im Schritt die kleine Katastrophe an, eh ich sie wieder anbinden ließ und direkt mit dem Entfernen begann. Ihre Hufen waren wirklich sehr trocken und rissig. Von den Hufnägeln aus durchzogen klitzekleine Risse die Hufwand. Behutsam entfernte ich die Nägel und Eisen. Im Vergleich zu ihrem Kameraden entspannte die Stute sich auf dem Untergrund und wirkte erleichtert, die Eisen los zu sein. Ich feilte die Hufen und kürzte sie mit dem Messer. Aus dem Auto habe ich bereits den Hufkleber geholt, um die Risse zu befestigen. Es musste verhindert werden, dass die Risse sich in den weißen Rand hochzogen. Nach 20 Minuten waren wir fertig und Max brachte seine beiden Stuten zurück auf die Weide.
      Lina wartete bereits mit Nurja, führte sie vor und befestigte die Stute für mich. Freundlich begrüßte ich sie und betrachtete die Hufe. Wirklich gut gepflegt waren sie, benötigten nur eine Nacharbeitung. Zuerst schnitt ich den Strahl aus und die Hufwand. Die Trachten waren an den Hinterhufen deutlich zu lang, sodass ich ein paar Zentimeter entfernte. Am Ende schnitt die Hufe eben zum Boden. Dann führte die Kleine Nurja erneut vor. “Sehr gut, sie ist fertig”, rief ich ihr zu. Sie nickte und verabschiedete sich. Max kehrte bereits zurück. Eh er sich verabschieden konnte, rechnete ich noch ab. Die Rechnung steckte er unsanft in seine Tasche und ging. Nicht gesprächig der Kerl, um so freundlicher war der Kontakt zu Lina, die mir sogleich das Geld gab, als sie zurückkehrte
    • Wolfszeit
      Routineuntersuchung & Impfungen auffrischen | 17 April 2021
      Saints Row| Blávör| Vintage| Lotti Boulevard| Alfred's Nobelpreis
      Ein wenig verwundert stieg ich aus meinem Auto, welches ich gerade auf dem Lindö Dalen Stuteri geparkt hatte. Weit und breit konnte ich weder einen Menschen noch ein Pferd entdecken. Ich warf einen Blick auf meine Uhr. Sie zeigte 10:30 Uhr, das hieß, ich war genau pünktlich. Als ich mich gerade auf die Suche nach meinem Kunden machen wollte, kamen mir ein junger Mann und ein Mädchen mit zwei Pferden um die Ecke.
      “Entschuldigen sie Doc, die kleine Hexe hier wollte sich nicht einfangen lassen”, erklärte der junge Mann die Verspätung, der sich wenig später als Folke vorstellte.
      Mit meiner Tasche in der Hand folgte ich den beiden bis zu einem Anbindeplatz, wo ich dann mit meiner Arbeit beginnen konnte. Als erstes Untersuchte ich die Isländerstute, die mir als Blávör vorgestellt wurde. Augen und Ohren, wie auch der Rest des Pferdes waren unauffällig, sodass der den beiden Impfungen, die die Stute bekommen sollte, nichts im Wege stand. Ganz typisch Stute zicke die Schecke ein wenig rum, doch mit routinierten Bewegungen, hatte ich die Stute schnell geimpft.
      Während ich mich nun der nächsten Patientin zu wand, brachte Folke, die Isländerstute weg. Auch bei Saint Row überprüfte ich als Erstes den Gesundheitszustand. Diese Prozedur wurde von etlichen Fragen den jungen Mädchen begleitet und ich beantwortete jede ihrer Fragen geduldig. Auch diese Stute war in einwandfreiem Zustand, sodass ich sie impfen konnte.
      Folke war inzwischen mit einer deutlich größeren braunen Stute zurückgekehrt und stellte mir diese als Lotti Boulevard vor. Lotti beobachte mich die ganze Zeit ein wenig skeptisch, während ich sie untersuchte. Auch bei der Traberstute gab es keine Auffälligkeiten. Bei der Impfung war sie brav, sodass sie dann auch recht schnell fertig war.
      Auch bei der nächsten Stute ging alles recht schnell. Vintage war brav und bis auf die Sache, dass die Zähne bald mal wieder gemacht werden sollten, gab es auch bei ihm nichts zu beanstanden.
      Der letzte Patient, war ein großer Fuchshengst, dem es nicht allzu leicht fiel stillzustehen. Ungeduldig hampelte er umher. Mit ein wenig Geduld konnte ich auch ihn untersuchen und impfen. Nachdem alle Patienten versorgt waren, teilte ich noch den beiden Betreuern der Tiere mit, dass die Pferde die nächsten zwei Tage nur leicht bewegt werden sollten und sie noch einmal anrufen sollten, wenn Nebenwirkungen auftreten.
      Nach getaner Arbeit machte ich mich somit fast pünktlich auf dem Weg zum nächsten Hof.

      © Wolfszeit|2069 Zeichen
    • Mohikanerin
      Nationalteam XI | 08. Mai 2021
      Nabuko// El Pancho// HMJ Divine // Legolas // Herkules // Elf Dancer
      Blávör // Snotra // Satz des Pythagoras // Glymur // Northumbria


      Lina
      Irgendwo traf mich ihr Kommentar ein wenig, auch wenn es mir bei Niklas um viel mehr ging. Es war viel mehr die Tatsache, dass Niklas scheinbar irgendetwas an ihr gefunden hatte und irgendwo hoffte ich, dass es eine Geschmacksverirrung war.
      “Sag mal sehe ich wirklich so aus, als würde ich mit jedem schlafen?”, lenkte mich Samu von meinen Gedanken ab. Diese Frage brachte mich zum Lachen. Es erstaunte mich immer wieder, dass mein bester Freund gar nicht zu registrieren schien, wie gut er eigentlich aussah.
      “Ach Samu, du bist putzig. Hat dir eigentlich noch nie jemand erklärt, dass du ein gutaussehender Mann bist?”, versuchte ich ihm zu erklären. Er sah mich ein wenig verwirrt an, bevor er nachfragte: “Und was hat das mit meiner Frage zu tun?”
      “Na, das ist doch ganz einfach. Männer, die aussehen wie du verhalten sich in den meisten anders. Zwar auch durchaus freundlich, aber auf einer ganz anderen Ebene, wenn du verstehst”, versuchte ich ihm zu erklären und musste mir schon sehr Mühe geben, um mich nicht allzu sehr über seine Unwissenheit zu amüsieren. Mir war ja klar, dass er nicht gerade der Womanizer ist, aber dass er so ahnungslos ist, hätte nicht mal ich erwartet.
      Diese Botschaft hatte er offensichtlich verstanden, dennoch schien er es nicht nachvollziehen zu können.
      “Aber das ist doch scheiße, wenn es immer nur um Sex geht”, stellte er fest.
      “Ja, das ist richtig und deshalb ist es schön zu sehen, dass es auch Männer wie dich gibt”, sagte ich lächelnd.
      “Ich hoffe mal, das sollte ein Kompliment sein”, antwortete er und zog den Sattel von seinem Hengst.
      “Ja, sollte es. Du solltest trotzdem mehr rausgehen und Leute kennenlernen. Aber genug Lebensweisheiten fürs Erste auf mich warten noch ein paar Pferdchen. Könntest du Legolas bitte gleich für mich in die Führanlage stellen?”, fragte ich und deutete auf den lackschwarzen Hengst, der freundlich den Kopf über die Boxentür streckte.
      “Ja, klar ich muss eh noch Sky da reinstellen”, bekam ich eine freundliche Antwort von Samu.
      “Danke, du sparst mir wertvolle Zeit”, verabschiedet mich und verschwand zum Paddock auf dem Nabuko und El Pancho ihr Heu genossen.
      Da ich dank des Chaos in meinem Zimmer und Hazels Reitstunde heute schon viel, zu viel Zeit verschwendet, hatte, beschloss ich die beiden Pferde einfach nur laufen zu lassen. Ein Blick auf den Hallenbelegungsplan verriet mir, dass die Longierhalle frei war. Somit schnappte ich mir als Erstes den Haflinger, der mir ein wenig aufgedreht zu Halle folgte. Auf dem Weg dorthin, begegnet ich Jace, der gerade mit Herkules die Halle verließ. Er ignorierte mich immer noch vollkommen. Sollte er doch, eigentlich hatte ich zwar vor mit ihm befreundet zu bleiben, aber wenn er nicht wollte…
      Sobald ich Nabuko in der Halle frei ließ, begann er auch schon energiegeladen durch die Halle zu flippen.
      “Laaangsaam Blondie”, bremste ich den Hengst mit der Stimme aus, denn er sollte sich erst einmal im Schritt aufwärmen, bevor er bocken durch die Halle sprang.

      Juha
      Eine nervige Stimme trat mir entgegen, die mich um meinen Schlaf brachte. Ich schaute nach oben, um zu prüfen, wer einen Schatten auf mich warf. Milena stand vor mir und wollte etwas.
      “Hast du was verloren, oder was brauchst du?”, fragte ich und setzte mich aufrecht auf.
      “Ich suche nach Informationen”, begann sie. Irgendetwas stimmte nicht, denn Milena führte bisher keine Gespräche mit mir, vor allem nicht ohne Zeugen. Ohne mir die Möglichkeit überhaupt darauf zu antworten, sprach sie weiter: “Mit wem hat Vriska geschlafen?”
      War das ihr Ernst? Sie wäre wirklich die letzte, der ich das sagen würde. Ich wusste es natürlich, nichtsdestotrotz war das nicht meine Suppe.
      „Ich habe kein Schimmer, wovon du sprichst“, antwortete ich mit nach oben gezogenen Brauen.
      „Verraten! Du warst das, deswegen geht ihr euch auch aus dem Weg. Ich wusste es!“, triumphierte Milena. Noch immer konnte ich nicht fassen, dass sie überhaupt danach fragte.
      „Du hast eine blühende Fantasie“, wollte ich das Thema beenden, doch sie hielt ihre Hand dicht vor mein Gesicht und verlangte etwas.
      „Gib mir dein Handy, ich will in der Gruppe gucken“, forderte sie.
      „In deinen kühnsten Träumen nicht.“ Abfällig schüttelte ich meinen Kopf, bis auch sie entdeckte, dass es im Gras lag. Noch eh ich danach greifen konnte, hatte sie es in ihren zarten Fingern und versuchte hektisch es zu entsperren.
      „Tja, es ist halt gesichert und nicht wie Niklas mit seinen Informationen umging“, prahlte ich und entriss es aus ihren Händen. Dann landete es in meiner Hosentasche. Direkt ging Milena in den Angriff über und versuchte vehement, es wiederzubeschaffen. Dabei griff sie auch mehrfach daneben und landete geradewegs zwischen meinen Beinen.
      “Was stimmt mit dir nicht?”, empört schlug ihre Griffel beiseite und stieß sie zur Seite. So unsanft, dass sie im Gras landete. Schmerzerfüllt rieb Milena das knie und stand nicht wieder auf.
      “Jetzt steh auf”, sagte ich und bot meine Hand an, um ihr beim Aufstehen zu helfen. Einschnappt, weigerte sie sich und verschränkte die Arme. Nicht mal der Sohn meiner Schwester verhielt sich so, was mich stark an ihrem Auffassungsvermögen zweifeln ließ.
      “Na gut, wenn du dann glücklich bist”, entsperrte ich mein Handy und reichte es ihr. Hektisch griff sie danach und scrollte wild durch den Verlauf der Nachrichten. Viel dürfte sie dabei nicht entdecken, denn Niklas hatte nicht mal damit geprallt, dass sie sich an ihn heranmachte. Das erste Mal könnte man behaupten, dass er ein Gentleman war, doch allein, dass sie es taten, zeugte wenig für eine menschliche Seite ihn ihm. Milenas Gesichtszüge entglitten immer mehr, als sie feststellte, dass der größte Teil aus Bildern bestand, die Chris seit Tagen reinschickte und um Beratung bat.
      “Pff”, zischte sie und stand auf. Dann gab sie mir das Gerät zurück.
      “Zufrieden?”, fragte ich verärgert und sie nickte. Da es nicht mal einen Nachrichtenverkehr zwischen Vriska und mir gab, würde wohl diese Theorie ihrerseits im Sande verlaufen.
      “Aber du weißt es?”, fragte Milena erneut, was ich mit einem leichten Nicken bestätigte. Das schien ihr zu reichen und sie verschwand. Wirklich dicht war sie nicht mehr und eher ein Fall für eine Therapie als einer Nationalmannschaft. Man konnte viel über uns alle sagen, doch sogar Vriska verhielt sich normaler als Milena in dem Moment. Wenn wir darüber abstimmen dürften, würde ich gerne Tauschen. Dann könnte sie sich zumindest mit ihrer gestörten Freundin zusammensetzten und irrsinnige Rachepläne schmieden. Als ich mich an meinem Rücken kratzte, vernahm ich einen stechenden Schmerz. Es fiel mir wieder ein. Bevor Milena kam, schlief ich. In der Sonne. Das konnte nur heißen, dass ich einen schönen Sonnenbrand hatte. Ich bückte mich nach meinem Buch und lief ins Zimmer, um die Schäden an meiner Haut zu inspizieren. Im Spiegel leuchteten die freien Stellen meines Rückens in einer roten Farbe, die nicht mal meine farbigen Tattoos hatten. Auch spürte ich eine Wärme, ohne meine Haut zu berühren. Zum Kühlen stellte ich mich für mehrere Minuten unter die Dusche und merkte bereits eine Erleichterung. Im Schrank stand von Niklas ein After Sun, dass ich auftrug und mit einem Shirt bedeckte. Großartig gemacht, dachte ich und setzte mich an den Tisch. Die nächsten Tage würde es schlimmer werden und mich bei meiner Kür beeinträchtigen. Doch ich bin ein Mann, dass sollte ich aushalten können. Deswegen setzte ich mich wieder daran und suchte im Internet nach Elementen, die ich einbauen könnte. Bis die ersten Ergebnisse der Suchmaschine geladen hatten, verging einiges an Zeit. Also musste ich wohl doch weiter nachdenken und auf Niklas warten, der sicher schon fertig war.

      Einige Stunden später …

      Niklas
      Wenigstens ein Begrüßungskomitee erwartete ich bei der Rückkehr meinerseits, doch niemand stand da und wartete auf mich. Natürlich waren der Gedanke und die kleine Vorfreude darauf fernab der Realität, nichts mehr als ein Wunschtraum. Bevor ich ausstieg, erhielt der Taxifahrer noch einen großen Bonus bekommen, da es nicht leicht war jemanden zu finden, der den Weg ins Nirgendwo antrat. Ein leichter Windstoß wirbelte entlang meiner Kleidung. Wenige Wolken zogen am Himmel vorbei, warfen einen Schatten über das Land. Ein Schläfchen würde mir sicher guttun, doch ich hatte noch eine Stute, die Bewegung benötigte. Auf dem Tisch lagen die Aufzeichnungen, die Ju sich zur Kür bisher gemacht hatte. Es war wirr, eine richtige Reihenfolge nicht nachvollziehbar und unsauber noch dazu. Kaffeeflecken übersäten das Papier und die Schrift verschwamm an einigen Stellen. Sollte Ju die Zettel so abgeben wollen, würde Herr Holm ihn geradewegs vor die Tür setzen. Mein Recht war es nicht darüber ein Urteil zu bilden, schließlich stapelte sich meine Kleidung auf oder auch in meinem Koffer. Genauer konnte man das nicht erkennen. Lieblos warf ich getragenes und auch sauberes ineinander und wählte nach Geruch das passende des Tages aus. Das Vereinstrikot roch normal und wurde in Handumdrehen gegen das aktuelle Shirt gewechselt. Während ich das Alte über meinen Kopf zog, blieb es an dem Folienverband hängen und schmerzte an der Wunde. Der unschöne Teil eines Tattoos war der Heilungsprozess. In wenigen Tagen wird es anfangen zu jucken und an der Folie würden sich Hautschichten abbilden, die sich lösen. Doch erst in einer Woche konnte ich diese entfernen und die Wunde reinigen. So lang blieb es wie es war. Ich wusste nicht, ob Ju heute noch mit mir ein Wort wechseln würde, denn ich hatte noch genug vor, so schreib ich einen kleinen Zettel mit den Worten “Det är bäst att börja om framifrån :D” und klebte ihn auf seine Aufzeichnungen. Dann schloss ich die Tür hinter mir und lief zu meiner Stute. Auf dem Weg schrieb ich auch noch Lina eine Nachricht, denn noch konnte man das Tattoo gut erkennen und sie würde sicher gern ihre Zeichnung vollendet sehen wollen. Ich sagte ihr Bescheid, dass ich mit Humbria auf den Platz gehen würde und steckte das Handy zurück in meine Hose.
      “Det var länge sen”, begrüßte ich meine Stute, als ich die Weide betrat. Aufmerksam spitzte sie die Ohren und grummelte als ich meine Hand nach ihr streckte. Ein paar Schritte machte Humbria auf mich zu und senkte den Kopf. Auch wenn sie mich diesbezüglich nicht unterstützen musste, war ich äußerst froh über ihre Arbeitsbereitschaft. Zusammen liefen wir in den Stall. Am Himmel zogen immer mehr Wolken vorbei, die kaum noch die Sonne zuließen. Die Luft war trocken und unangenehm. Neugierig beobachtete Humbi alles, was ich tat, besonders Bürsten waren ihre Leidenschaft. Die Putzkiste stand ziemlich nah neben ihr, was sie dazu aufforderte, die Schnauze hineinzustecken und kräftig auszuatmen. Der Staub tanzte in den Lichtstrahlen und ihr Maul war dreckig. Auf nahm sie die Kardätsche und warf sie durch die Gasse.
      “Måste du spela apa?”, scherzte ich und sammelte das Putzequipment wieder ein. Doch immer wieder stecke Humbria ihre Nase rein und warf es durch die Gegend. Bis ich endlich auf die Idee kam, ihn zur Seite zu stellen, bückte ich mich mehrfach und brachte es zurück.
      “Vielleicht solltest du daraus einen Trick machen”, ertönte auf einmal Lina stimme am Ende der Stallgasse. Überrascht drehte ich mich zu ihr. Mein Pferd nervte mich weiter und zupfte an meinem Handy herum, dass in meiner Hose steckte. Sie bekam einen Klaps aufs Maul doch dachte nicht mal daran aufzuhören.
      „Wäre eine Idee, dann könnte sie mein Zimmer aufräumen“, scherzte ich.
      “Da würde sich Ju sicher freuen, wenn er dir nicht mehr hinterher räumen muss”, antworte sie fröhlich.
      “In einigen Tagen wird es vorbei sein, dann hat er erstmal Ruhe vor mir. Dann mach Fjona das wieder”, erklärte ich ihr und wandte mich meinem Pferd wieder zu. Sie scharte abwechselnd mit den Vorderhufen und schnappte nach dem Strick. Bisher hatte sie nie solches Verhalten gezeigt und mit ruhigen Worten versuchte ich sie zu besänftigen, vergeblich. Humbria schaukelte sich immer mehr hoch, bis sie hysterisch den Kopf nach oben riss und stieg. Ich löste den Strick vom Halfter und griff nach diesem. Zusammen liefen wir nach draußen und noch immer tänzelte sie aufgeregt neben mir her. Immer wieder ließ ich sie um mich herum kreisen und rückwärtslaufen, doch die Stute beruhigte sich kein Stück. Noch immer trippelte sie neben mir her, doch es beeindruckte mich nicht. Angekommen am Reitplatz löste ich meinen Griff am Halfter und mit aufgestelltem Schweif trabte sie wie vom Blitz getroffen auf und ab. Etwas passte ihr ganz und gar nicht. Vor mir galoppierte sie immer wieder ein Stück an, eh Humbria wieder bremste und weiter trabte. Ihre Energie erschien endlos zu sein und so konnte sie erst mal etwas ablassen.
      “Kann man dir irgendwie helfen?”, fragte Lina die das ganze vom Zaun aus beobachtet.
      “Ich wüsste nicht wie, muss selbst erst mal überlege, wie ich die wieder bekomme”, überlegte ich und blickte meinem Pferd nach, dass sich immer weiter von mir entfernte und nicht einmal Anstalten machte, sich auf mich zu konzentrieren.
      “Für mich sieht das fast so aus als würde dein Pferd dich absichtlich ignorieren. Hast du heute vielleicht etwas anders gemacht als sonst?”
      “Es gab kein Leckerli, als ich sie begrüßte. Ich hätte mir aber in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können, dass Humbria deswegen nun so eingeschnappt ist. Die benimmt sich ja fast wie Milena”, rügte ich mein Pferd. Als hätte sie genau verstanden, was ich sagte, bremste sie schlagartig ab und blickte mich an. Ihr Blick fesselte mich.
      “Kom, Humbria”, rief ich nach ihr, was sie wieder in Rage brachte. Die Stute stellte den Schweif wieder auf und trabte mit viel Schwung und federnd in den Fesseln vorwärts. Wenn sie sich so unter dem Sattel präsentieren würde, hätte ich einen Sechser im Lotto.
      “Immerhin scheint deine kleine Diva zu wissen, wie man sich bewegt”, kommentierte Lina, die ein wenig belustigt von dem Verhalten der Stute zu sein schien.
      “Erfreue dich ruhig weiter am Leid der Anderen!”, schimpfte ich mit Lina, während ich mir aufgeregt durch die Haare fuhr. Meine Frisur hatte ich mir sicherlich schon versaut, denn das Gel klebte bereits an meinen Fingern. Ich warf die Handschuhe zur Seite, die ich bereits ausgezogen hatte und ließ mich in den Sand fallen. Humbria hingegen trabte fröhlich weiter und pruste laut. So stellte ich mir das heutige „“Training nicht vor, als Zuschauer meines eigenen Pferdes. Ich verschränkte meine Arme und hoffte darauf, dass sie wieder zu mir kam, vergebens.
      “Vielleicht solltest du es mal mit Bestechung versuchen? Das überzeugt eigentlich fast jedes Pferd”, sagte Lina, die nun den Platz betrat und ein paar Leckerlis aus ihrer Hosentasche zauberte.
      “Ich belohne sie doch nicht dafür. Wo leben wir denn bitte?”, regte ich mich weiter auf. Schließlich forderte das Pferd genau danach, aber so lernte sie nur weiter, dass sie ausflippen musste, um ihren Willen zu bekommen.
      “Also, wenn du dich weiter aufregst, wird sie bestimmt nicht zurückkommen. Aber wenn du keine Hilfe möchtest, kann ich auch wieder gehen”, murmelte Lina und ließ die Leckerlis wieder verschwinden.
      “Det ger jag fan i”, murmelte ich und guckte nicht zu ihr rüber. Es ärgerte mich, dass ich die Situation nicht unter Kontrolle hatte und es mir auch an Ideen fehlte damit umzugehen. Opa hatte bereits Hengste, die sich aufspielten, doch es war zu lange, um mich daran erinnern zu können. Mir fehlte die Erfahrung, obwohl ich immer eine Antwort hatte, war ich dieses Mal sprachlos.
      “Na, wenn du mich nicht brauchst, kann ich auch gehen”, antworte Lina und wandte sich zum Gehen. “Und so nebenbei nur, weil ich kein Schwedisch lesen kann, heißt das nicht, dass ich es nicht verstehe”, fügte sie noch hinzu und schloss das Tor hinter sich.
      „Ach jetzt auf einmal“, rief ich vollkommen sinnlos und bedeutungslos nach. Sie drehte sich nicht mal nach mir um und verschwand. Zwei eingeschnappt Weiber in meinem Umfeld konnte ich nicht gebrauchen und machte mich daran mein Pferd wieder einzufangen. Humbria pumpte wie ein Maikäfer und stand erschöpft am Zaun. Ich nutze den Moment aufzustehen, meine Handschuhe wieder über meine klebrigen Finger zu ziehen und zu ihr zulaufen. Sie bewegte sich kein Stück mehr und konnte nach ihrem Halfter greifen. Freundlich strich ihr über den Hals und gab ihr ein Leckerli. Ihre Augen begannen zu funkeln, als ich mit meiner rechten Hand in meiner Hose wühlte. Sie fraß es gierig und folgte mir. Mehrmals schnaubte das Pferd ab. Für heute würde es reichen, sie würde eh nicht mehr viel leisten können und ich brachte Humbria am Halfter zurück zur Weide. Dort warf sie sich in den Dreck und blieb liegen. Alle Viere streckte sie von sich und besorgt lief ich zum Pferd. Sie stand nicht auf und ich tastete vorsichtig ihren Bauch ab. Es fühlte sich alles normal an, dennoch zog ich sie am Halfter nach oben, um einige Meter mit ihr im Schritt zu laufen. Sie äppelte. Dann ließ ich wieder so los und die Stute streckte den Hals zu Boden, um am Gras zu zupfen. Hatte ich wieder übertrieben? Längere Zeit beobachtete ich sie noch, jedoch machte sie keine Anstalten sich erneut hinzulegen und beruhigt verließ ich sie, um die Stallgasse aufzuräumen. Ich hoffte Lina dort wiederzutreffen, denn ich wäre ihr eine Entschuldigung schuldig, oder nicht? Eigentlich sollte sie sich entschuldigen, denn sich bei meinen Pferden einzumischen, mochte ich überhaupt nicht. Überzeugt davon, verrichtete ich meine Arbeit.

      Lina
      Mein Weg führte mich geradewegs zur Koppel, wo Divine stand. Es ärgerte mich ein wenig, dass ich für Niklas scheinbar nur ein Pferdemädchen war, welches keine Ahnung hatte, dabei wollte ich doch nur helfen. Sicherlich fehlte mir einiges an Erfahrung, gerade mit schwierigen Pferden, doch das war doch kein Grund gleich so unfreundlich zu werden.
      “Hei Prinssi”, begrüßte ich den Freibergerhengst, der auf mich zu getrottet kam, sobald ich die Koppel erreicht hatte. Freundlich prustete er mich an und ich begann durch die dicke Mähne zu wuscheln. Wie ich denn Hengst so betrachte, kam mir die Fragen in den Sinn, warum ich die Aufgaben bekommen hatte, das WHC dieses Jahr beim HMJ zu vertreten. Hatte es den Grund, dass die Pferde im Vorhinein bekannt waren, oder hätte ich auch teilnehmen dürfen, wenn die Pferde unbekannt gewesen wären?
      Immerhin war Divine ein besonders einfacher Fall. Der Freiberger unterbrach mich sehr unsanft in meinen Gedanken, als er mir ungeschickt, wie er nun mal war, bei dem Versuch an die Leckerlis zu kommen, auf den Fuß trampelte.
      “Autsch, was soll das du kleiner Tollpatsch”, beschwerte ich mich bei meinem Hengst und schob ihn wieder von meinem Fuß runter. Ivy interessierte das Ziemlich wenig, denn er versuchte lieber weiterhin in meine Hosentasche zu kriechen.
      “Nein, dafür gibt es bestimmt nichts”, schimpfte ich leise und schob seine Schnauze von mir Weg. “Wenn du was willst, musst du es dir erst verdienen”. Ich sammelte den Strick vom Zaun, um ihm in Divines Halfter einzuhaken, doch mein Pferd schien einen anderen Plan zu haben, denn er wollte den Strick viel lieber voll sabbern. Kurzentschlossen zog ich ihm den Strick wieder aus dem Maul und befestigte ihn am Halfter.
      Als ich ihn aus dem Tor führte, passte ich diesmal besser auf meine Füße auf, denn ein schmerzender Zeh reichte mir für heute. Da die Sonne immer noch vom Himmel brannte, beschloss ich den empfindlichen Hengst lieber auf der Stallgasse zu putzen, wo ich dann auch wieder auf Niklas traf.
      “Dürfte ich da mal bitte vorbei”, fragte ich ihn denn er stand Mitten im Weg.
      “Jovisst”, murmelte er und tritt zur Seite.
      “Danke”. Ohne ihn weiter zu beachten, führte ich Divine auf den Putzplatz und band ihn dort an, bevor ich in die Sattelkammer ging, um meinen Putzkasten zu holen. Als ich zurück machte sich mein Pferd, erneut den Spaß den Strick abzukauen.
      “Statt kluge Ratschläge zu geben, solltest du dich um dein Pferd kümmern”, haute Niklas plötzlich heraus und schaute mich erwartungsvoll an.
      “Was glaubst du, du tue ich gerade”, antwortete ich ihm, ohne näher darauf einzugehen und zog dem Hengst den Strick aus dem Maul.
      “Funktioniert offensichtlich nicht so gut”, brummte er und ließ nicht locker von uns. Offensichtlich wollte er irgendetwas, doch mir leuchtete nicht wirklich ein, was.
      “Was genau möchtest du von mir?”, fragte ich deshalb nach, während ich meine Bürsten aus dem Putzkoffer holte. Divine fand inzwischen den Strick langweilig und versuchte lieber den Hals lang genug zu machen, um an irgendetwas anderes dranzukommen. Da allerdings nicht in seinem Umkreis war, wollte er sich schon wieder dem Strick widmen, doch dieses Mal reagierte ich schneller und gab ihm einen Klaps auf die Schulter. Das schien zumindest für den Moment Wirkung zu zeigen, denn er gab auf und begann lieber den Boden nach etwas fressbarem abzusuchen.
      „Hast du mir nicht etwas zu sagen?“, zog Niklas die Augenbrauen hoch und erwartete etwas. Währenddessen wippte er mit seinem Bein und schränkte die Arme. Jetzt war ich erst recht verwirrt. Hatte ich irgendwie ein Teil des Gespräches verpasst?
      “Ich glaube nicht? “, antwortete ich zögerlich und sah ein wenig unsicher zwischen ihn und meinem Pferd hin und her, in der Hoffnung dadurch schlauer zu werden.
      ”Ni är alla likadana”, zischte er und verschwand, ohne auf meine Frage einzugehen. Sein Abgang wurde begleitet mit einem Kopfschütteln und unverständlichen Worten, die er vor sich hinmurmelte. Von weitem sah ich, dass er sein Handy aus der Tasche zog und irgendwas hinein brummelte.
      Ein wenig perplex blieb ich neben meinem Pferd stehen, welches den Kopf gehoben hatte, als Niklas aus dem Stall stürmte.
      "Habe ich was falsches gesagt?", fragte ich meinen Hengst, doch natürlich antwortete dieser nicht, sondern sah mich nur freundlich aus seinen großen dunklen Augen an.
      Auch wenn ich jetzt absolut nicht mehr in der Stimmung war, zu reiten musste Divine nun mal noch bewegt werde, weshalb ich mich trotzdem wieder seiner Fellpflege zuwandte.

      Vriska
      „[...] Zukunftsfähiges Wirtschaften bedeutet, kommenden Generationen ein intaktes ökonomisches, ökologisches und soziales Umfeld zu hinterlassen. Wie kann ein Reitbetrieb nachhaltig wirtschaften?“, las ich gelangweilt die Aufgaben auf meinem Arbeitsblatt durch, dass Niklas mir auf das Pas übertragen hatte. Wer hatte sich diese Aufgaben ausgedacht. Ich sollte bis heute Abend alle 20 Aufgaben fertig haben, aber konnte bisher nur fünf wirklich nachvollziehbar formulieren. Unser Hof wäre sicher ein gutes Beispiel für nachhaltig Wirtschaften, obwohl die Kosten eindeutige die Einnahmen überstiegen, so zumindest mein letzter Stand, als Tyrell Hilfe brauchte bei der Abrechnung. Aktuelle Zahlen aus der Buchführung lagen mir nicht vor, doch im Faktor ökologisch lagen wir sehr weit Vorne. Darauf würden auch die einzigen weiteren staatlichen Förderungen der EU liegen, denn das gewünschte Freizeitareal, dass sich das Land wünscht, stand zwar, warf nur keine Gewinne ab oder begeisterte Besucher. Vor meiner Abreise standen einige Fahrradfahrer am Hof und fragten nach einem Ort zum Verweilen und den Genuss von Gebäck. Ein Hofcafé führten wir nicht, wie auch. Natürlich war eins der Häuser in der Reithalle mit einer gastronomischen Küche ausgestattet, doch Personal hatten wir nicht und niemand hatte dafür Zeit. Die wenigen Einnahmen gab es durch Wetten auf unser Pferd, bei denen besonders Vintage gute Quoten einbrachte. Tyrell verfiel unbewusst in eine Spielsucht, die Folke schnell beenden konnte. Leider bedeutete das auch, dass die Einnahmen sanken. Um was machte ich mir einen Kopf? Diese Aufgaben vernebelten mir meinen Verstand. Ich schrieb einige Stichpunkte dazu und scrollte einige Fragen weiter: „Sie planen einen Tag der offenen Tür. Das Ergebnis ist eine umfassende Checkliste.“ Das klang spannend und könnte ich sogar als mein Fachgebiet bezeichnen. Ich organisierte vieles am Hof unter anderen wollte mein Chef tatsächlich so etwas schon mal haben. Also begann ich fleißig aufzuschreiben, was mir durch den Kopf schwirrte. Feuerlöscher, Erstellung eines Fluchtplanes, Einrichtung von Sammelplätzen, Organisation von Zelten … Tatsächlich sprangen mir zuerst jegliche Horrorszenarien durch den Kopf, die bei solchen Großveranstaltungen passieren könnten. Das bei einem Tag der offenen Tür deutlich weniger Menschen kommen würden als zu einem Slipknot Konzert, beeinflusste meine Denkweise kein Stück. Fleißig schrieb ich die Liste weiter und kannte keinen Halt, bis mein Handy mich aus den Gedanken riss. Genervt davon, dass ich wieder vergaß es auf Bitte nicht stören zu stellen, warf ich einen Blick auf dem Display. „Kung, 3 Notification“, leuchtete auf. Neugierig stand ich auf und warf mich mit dem Bauch voran ins Bett. Meine Beine winkelte ich nach oben an. In meiner Brust spürte ich eine schnelle Abfolge, die gleichmäßig pulsierte. Wie konnte ich mich so darüber freuen, dass er mir drei Nachrichten geschickt hatte? Die erste beinhaltete lediglich meinen Namen, die zweite war eine kurze Sprachnachricht und die dritte „snälla“. Wollte ich mir das wirklich anhören? Mein Herz schlug immer schneller und verunsichert lief ich auf und ab. Dann warf ich mein Handy ins Bett und setzte mich zurück an die Aufgaben. Diese Anspannung fühlte sich nicht richtig an, besonders wenn ich das hier noch fertigbekommen wollte. Die Checkliste wurde länger, länger und immer länger. Dinge auf dieser verkomplizierten sich und entwickelten eine Eigendynamik, die ich unterschätzt hatte. Meine Hand hörte nicht auf zu schreiben, bis ich mich zurück in die Realität holte. Fühlte es sich so an den Boston Marathon zu laufen und einige Meter vor dem Ziel zu stolpern, wobei man sich das Bein brach? Ich wusste es nicht, woher auch. Marathon laufen war nicht meine Stärke, vor allem auch nichts, woran ich interessiert war. Die übrigen Fragen wurden schwerer und befasst sich mit Trainingsplänen für Pferde, die ich mir ausdenken sollte und für weitere Aufgaben weiter nutzen sollte.
      Ich habe kein Bock mehr, dachte ich mir und lehnte mich zurück in den Holzstuhl. Das Handy lag noch immer im Bett und ich stand auf, um mir nun doch die Nachricht anzuhören. Seine raue Stimme brabbelte unverständlich aus den Lautsprechern und ich brauchte mehrere Ansätze, um einige Teile davon entschlüsseln zu können. Schlüsselworte waren für mich: ikväll, knulla, tala, Lina und hjälp. Hatte er mit ihr gesprochen darüber, oder sollte ich mit ihr das Thema besprechen? Oder meinte Niklas, dass ich ihre Hilfe brauchte zum Sprechen?
      “Vad menar du?”, schrieb ich ihm und wartete auf eine Antwort. So schnell wie ich hoffte, kam nichts, stattdessen kamen wegen genau dieser Schlüsselworte wieder Zukunftsängste auf mich zu. Was tat ich hier? Ich lernte mit einem Typen zusammen, der nicht nur außergewöhnlich gut aussah, nein, sondern auch noch extrem viel Wert darauflegte, dass ich sicher in die Prüfungen gehe. Und mit mir zweimal geschlafen hat. Natürlich wusste ich, wie lange mich die Trennung von Tyri beschäftigte und das wird in geraumer Zeit mit Niklas nicht anderes sein. Es gab dafür nur eine Person, die mir wirklich helfen konnte - Harlen, mein großer Bruder. Im Gegensatz zu mir und meiner Schwester wuchs er bei Papa auf, was unseren Kontakt relativ minimal hielt. Zu Geburtstagen sah und hörte man einander. Doch als es mir schlecht ging und ich wochenlang im Krankenhaus lag, war Harlen Tag und Nacht da. In der Zeit wuchsen wir zusammen und sind seitdem unzertrennbar. Ob er noch wach sei? Niklas gab keine Antwort ab und ich wählte die Nummer meines Bruders. Bereits nach zwei Tut-Geräuschen hörte ich seine Stimme aus dem Lautsprecher schallen.
      “Good morning, what’s on your mind, sis?”, begrüßte er mich mit schläfriger Stimme.
      “I’m Sorry! Did I wake you?”, nervös fummelte ich an meinen Fingern herum und begriff erst jetzt, dass es 2 Uhr morgens in England war. Jenni hätte mit großer Wahrscheinlichkeit nicht reagiert.
      “Yes, you did. But you can always call, no matter what time of day”, beschäftige Harlen mich in seiner ruhigen Art und Weise.
      “Then I’ll be brief. Can you come to Sweden for a while in five or six days? I’ll tell you why later, but I really need you”, erklärte ich und musste mehrfach tief ein- und ausatmen, um die Tränen zu unterdrücken.
      “I’ll be there, no matter which airport in Stockholm?”
      “Yes, it is not important”, fügte ich noch hinzu, eh wir uns verabschiedeten und Harlen legte sich wieder schlafen. Ich konnte jetzt noch nicht schlafen gehen, denn heute Abend stand nicht nur Essen und Niklas an, sondern auch ein kleiner Spieleabend. Chris hatte die Idee, da ab morgen alles wohl sehr stressig wird. Warum ausgerechnet morgen, wusste ich nicht, aber akzeptierte diese Aussage.

      Lina
      Nachdem ich eine dreiviertel Stunde versucht hatte mich auf mein Pferd zu konzentrieren, was nur mäßig Erfolg hatte, gab ich auf und brachte den Hengst zurück auf die Koppel. Mein Gehirn wollte einfach nicht aufhören darüber nachzudenken, womit ich Niklas so verstimmt hatte. Gedankenverloren schlug ich den Weg zum Haus ein, denn am liebsten würde ich mich jetzt mit einem Tee auf mein Sofa kuschle und in einem Buch verschwinden.
      “Was schleichst du denn so durch die Gegend. Irgendetwas geht doch schon wieder vor in deinem Köpfchen.” Ich erschrak, als ich auf einmal Samu Stimme hinter mir hörte. Wo kam er denn jetzt auf einmal her?
      “Samu! Du kannst dich doch nicht einfach so anschleichen, ich hätte fast einen Herzinfarkt bekommen”, beschwerte ich mich bei ihm und dreht mich zu ihm um.
      “Würdest du auf deine Umgebung achten, hättest du mich schon lange bemerkt und vor allem ihn da”, erklärte er lachend und deutete auf den Dalmatiner, der nun mit fliegenden Ohren auf mich zu gerannt kam. Kurz vor mir stoppe Bubbles ab und sah mich freundlich an.
      Ich streckte, meine Hand nach seinem Kopf aus kraulte ihm die weichen Ohren.
      “Kerro nyt, Mitä sinä ajattelet?”, fragte er nun noch mal nach. Manchmal verfluchte ich ihn doch echt für seine gute Menschenkenntnis, oder eher für seine hervorragende Lina Kenntnis.
      “Ei mistään, luulisin”, versuchte ich ihn davon zu überzeugen, nicht weiter darüber zu reden.
      “Jos et ajattele, haluat varmasti käydä kavalilla minun ja Bubbelsin kanssa”, schlug er nun vor, vermutlich in der Hoffnung ich würde ihn doch noch erzählen, was mich beschäftigte.
      “Hyvä on, tulen mukaasi”, willigte ich ein und folgte Samu, der schon losgelaufen war.
      “Komm Bubbles”, rief nach dem Hund, der noch Schwanzwedeln dastand.
      Während wir den Waldweg entlang schlenderten, machte Bubbles immer mal wieder einen Abstecher ins Gebüsch, um irgendeiner Fährte zu folgen. Samu erzählte mir währenddessen, dass er auf dem Ausritt mit Elf Dancer eine Herde Wapitis gesehen hat und Elf, das ganze wohl äußerst seltsam fand. Ich hörte ihm nur mit halbem Ohr zu, denn mich beschäftigte immer noch dasselbe Thema.
      “Et kuuntele minua, tai? Mitä on tekeillä, Lina?”, fragte nun Samu, der meine mangelnde Aufmerksamkeit wahrgenommen hatte. Er war stehen geblieben und sah mich an.
      “Niklas on vihainen minulle, mutta en tiedä mitä tein väärin”, murmelte ich ihm als Antwort.
      “Kysyitkö häneltä siitä?”, fragte Samu einfühlsam.
      “Välillisesti. Hän sanoi sellaista jotain kuin: Olette kaikki tasa-arvoisia”, antwortete ich ihm und inzwischen schien auch Bubbles meine Stimmung bemerkt zu haben, denn der Dalmatiner stupste mich an und rieb seinen Kopf an mir.
      “Luulen, että hän haluaa sanoa sinulle täsmälleen saman asian kuin minä…”, sagte er und sah den Hund dabei an. “Älä huolehdi siitä niin paljon, Ehkä Niklaksen päivä oli huono.” Keine Gedanken machen, er hatte leicht reden.
      “En voi vain viedä sinua mukanani, niin maskottina?”, fragte ich meinen besten Freund hoffnungsvoll. Irgendwie fand er doch immer die richtigen Worte.
      “Luulen, että Divine on jo ottanut tämän roolin haltuunsa”, antworte dieser nur schmunzelnd. “Tule, Seuraava”, fügte er noch hinzu und setzte sich wieder in Bewegung. Bubbles wartete noch einen Augenblick, bis ich auch weiterging, bevor er wieder fröhlich neben mir her trabte. Diesen unfassbaren Optimismus hatten Samu und der Hund offenbar gemeinsam. Minimal besser gelaunt folgte ich den beiden durch den Wald und versuchte immerhin noch ein wenig den Spaziergang zu genießen.

      Während Lina, Samu und Bubbles im Wald spazieren sind, wird am Hof das Abendessen eingerichtet. Mal wieder wurde das Feuer angemacht und die Tische nach draußen gestellt. Die nächsten Tage würden noch intensiv genug werden, weswegen für heute Abend noch einige Festlichkeiten stattfinden, denn: Herr Holm hat Geburtstag.

      Niklas
      “Und du denkst wirklich, das reicht als Kür?”, fragte Ju als wir die letzte Bahnfigur notieren.
      “Vollkommen. Es ist doch nur eine L-Dressur. Du und Amy seid doch wunderbar darauf vorbereitet. Morgen laufen wir alles gemeinsam ab und dann nehmen wir die Pferde dazu. Am Abend üben wir dann erneut”, schlug ich ihm vor. Meine Laune hatte sich merklich verbessert, dennoch konnte ich darauf verzichten sie am Abend zu sehen. Das würde sich allerdings schwierig gestalten. Deswegen musste ich mir etwas einfallen lassen.
      “Kommt Linh heute Abend wieder?”, fragte ich und zog mich um. Ju, der hinter mir stand und sich ebenfalls umzog, sagte nichts. Erst einige Sekunden später kam eine Antwort.
      “Das weiß ich noch gar nicht. Seit ihrer Reitstunde vorhin mit Milena haben wir uns nicht gesehen, nur sie hat mal wieder genervt”, dann stoppte er. Ich kniff meine Augen zusammen und eine Falte bildete ich sich auf der Stirn. Mein Shirt hielt ich noch in der Hand und nervös zuckte meine Brustmuskulatur.
      “Und was wollte sie?”, hinterfragte ich und zog das Shirt über meinen Kopf.
      “Na ja … wie soll ich dir das sagen, ohne das du wieder schlechte Laune bekommst”, begann Ju und verzerrte den Mund von links nach rechts.
      “Jetzt sag schon, sonst frag ich sie selbst”, ungeduldig wippte mein Bein auf und ab.
      “Nein, das lässt du schön bleiben. Sonst weiß sie es. Irgendwie hat Milena mitbekommen, dass Vriska … du weißt schon”, stotterte er weiter. Ich rollte mit den Augen und lief zum Bad, um mir die Haare zu machen. Einen Geburtstag feiert man schließlich nicht jeden Tag, vor allem keinen, an dem man ein halbes Jahrhundert als wird.
      “Sie wollte in der Gruppe gucken, wer mit Vriska geschlafen hat, aber du hast ja nichts reingeschrieben. Deswegen weiß sie das noch nicht”, rückte Ju endlich heraus.
      “Okay, aber was war daran jetzt so schwierig? Und besonders, was wäre so schlimm daran? Irgendwann weiß es eh jeder”, rief ich aus dem Bad. Schritte nährten sich und ich drehte mich zu Ju um, der nun wieder neben mir stand.
      “Gestern hast du noch ein Geheimnis draus gemacht und heute ist es dir egal? Was ist denn mit Lina?”, seine Augen riss Ju dabei ziemlich weit auf, ihm missfiel, was gesagt hatte. Doch das war die Realität.
      “Ach, die kann mir den restlichen Tag fernbleiben. Sie wollte sich bei Humbria einmischen und”, er unterbrach mich.
      “Und Bla bla bla. Ja logisch. Du bist der einzige Mensch auf dem Planeten, der schlechte Laune bekommt, wenn man ihm helfen möchte”, seine Mimik wurde ernster.
      “Wieso, du darfst mir doch helfen. Aber ehrlich. Das übersteigt ihre Kompetenzen”, sagte ich und legte den Kamm wieder beiseite. Im Spiegel erblickte ich eine gute Frisur und verließ das Bad. Ju schob ich mit der Schulter zur Seite, da er unpässlich in der Tür stand. Mit einem kurzen Seufzen kommentierte er es. Dann antwortete Ju: “Das mag sein, aber du hättest es dir trotzdem anhören können, anstatt sie in deiner Art zu überrumpeln.”
      “Hörst du mir nicht zu? Es ist mir egal, soll sie jetzt mit Leben. Morgen klebt sie eh wieder an mir”, rollte ich wieder mit den Augen. Vom Stuhl nahm ich mir noch ein Hemd, da für den Abend starke Windböen angesagt waren, laut meinem Handy. Auf dem Weg zur Feier sagt Ju nichts mehr, aber schüttelte immer wieder unverständlich den Kopf, während er etwas brabbelte. Getrampel hörte ich vom Weiten, das näherkam und sich als Linh entpuppte. Erfreut sprang sie auf Jus Rücken und seine schlechte Laune verflog. Ich ließ die beiden Verliebten allein und setzte mich an den Tisch, an dem bereits Chris und Milena auf mich zu warten schienen. Man wurde die auch echt nicht los, das sagte mir sein Gesichtsausdruck sogar. Er wollte mir etwas mitteilen, doch ich verstand nicht was.
      “Du hast dich ja heute schick gemacht, noch was vor?”, Milena begann direkt zu nerven, als hätte man ihr irgendwas ins Getränk geschüttet. Vielleicht sollte jemand Chloroform besorgen, dann wäre sie ruhig. Ein schweifender Blick durch die Anwesenden verriet mir, dass wohl keiner so etwas griffbereit hatte, schade. Dann wendete ich mich ihr zu.
      “Ja, Geburtstag feiern und im Gegensatz zu dir, ziehe ich keine Jogginghose an dafür”, tadelte ich sie. Ihre Augen wurden größer.
      “Waaas für einen Geburtstag? Ich wusste nicht …”, verteidigte sie sich.
      “Herr Holm hat heute und wir wollen darauf etwas anstoßen, feiern. Was man halt, so macht”, erklärte Chris es ihr, denn so wie sie sprach, könnte Milena gerade die achte Klasse abgeschlossen haben.
      “Dann gehe ich mich mal lieber umziehen und noch duschen. Danke für die Information”, sagte sie und verschwand endlich.
      “Endlich” sagte Chris und seine Anspannung fiel von ihm.
      “Was du nicht sagst”, murmelte ich und sah Vriska, die endlich kam. Sie machte sich geradewegs zu dem freien Platz zu Chris, doch hielt sie auf und zeigte mit meiner Hand zu mir. Wie immer, wenn Vriska nachdachte, biss sie auf ihrer Unterlippe herum, eh sie zu mir kam. Mit Abstand nahm sie Platz neben mir und ich zog sie mit einem Griff in die Taille zu mir.
      “Was wird das?”, murmelte Vriska und blickte zum Tisch.
      “Ich will dich bei mir haben”, sagte ich erst zu ihr und hob mit meinem Finger ihren Kopf nach oben mir. Ihre Augen begann wieder zu funkeln. Chris mischte sich ein: “So ist das also.” Als wäre es etwas Neues, schließlich hatte ich ihm davon. Wieder mal setzte er sein breites Grinsen auf, aber sagte nichts. Meine Hand legte ich auf ihren Oberschenkel und nahm mein Handy zur Hand, um mir einige Bilder auf Instagram anzuschauen. Neben mir hörte ich die Beiden ein Gespräch führen über den Reitunterricht und was heute Abend gefeiert werden würde. Erst als ich meinen Namen hörte, guckte ich auf und schaute die Beiden an.
      “Da ist er direkt wieder bei uns”, scherzte Chris und fragte Vriska erneut: “Du nimmst Niklas sicher wieder mit zum Lernen, va?” Begleitet wurde das ganze mit einem sehr offensichtlichen Augenzwinkern. Das beherrschte er noch nie. Vriska und ich guckten einander an, eh ich die Frage beantwortete: “Das möchte ich so. Natürlich.”
      Von hinten hörte ich Ju und Linh zu uns an den Tisch kommen. Chris rutschte auf der Bank ein Stück beiseite, damit sich die beiden dazu setzen konnten. Linh hatte offenbar ebenfalls die Zeichen gespürt und sagte: “Ihr beide? Das hätte ich ja im Leben nie gedacht.” Mit rotem Kopf senkte Vriska diesen wieder. Auch biss sie wieder auf ihren Lippen herum, dass ich mit einem streichen meines Fingers an ihrer Wange unterband. Ein kleines Lächeln zauberte sich in ihr Gesicht. Auch Linh lächelte.
      “Mir war das schon klar”, brummte Ju und guckte Vriska genau an.
      “Ach, jetzt stell dich nicht so an. Sie sind doch süß zusammen”, lachte Linh. Zusammen? Das wäre genau der Moment, dass ich Veto einlege, denn das waren wir nicht. Mein Mund öffnete sich, aber Worte kamen nicht heraus. Stattdessen übernahm Chris das: “Die schlafen nur miteinander.” Er lachte wieder. Wie konnte man so viel positive Energie mit sich herumtragen, ohne davon erschlagen zu werden? Linh hörte kurz auf zu lächeln, während Chris sprach. Dann sagte sie: “Ach, aber ist doch auch schön.” Ju rollte mit seinen Augen und griff nach seinem Handy. Es hatte keine Hülle mehr um, an der Rückseite erkannt ich viele Risse und als er es leicht in meine Richtung kippte, sah das Display nicht besser aus.

      Jace
      Ich hatte es erfolgreich den ganzen Tag über geschafft möglichst wenig Leuten zu begegnen und vor allem Lina aus dem Weg zu gehen. Eigentlich hatte ich heute Abend deshalb auch nicht vorgehabt, mit den anderen zu essen, doch als ich um die Ecke vom Stall kam, sah ich etwas was mich ein wenig stutzig machte, Niklas saß mit Vriska zusammen am Tisch und für mich sah das ziemlich eindeutig aus. Das musste wohl heißen, was auch immer zwischen Lina und Niklas lief konnte nicht allzu Ernstes sei, oder? Das würde doch Bedeuten… Ich könnte doch noch eine Chance bei Lina haben. Diese Erkenntnis ließ meine Laune sofort deutlich besser werden. Ich wusste zwar noch nicht genau wie ich das anstellen wollte, Lina wieder für mich zu Gewinnen, aber es gab wieder Hoffnung.
      Innerlich einen kleinen Freudentanz aufführend, setzte ich mich zum Rest des Hofteams.
      “Oh, da ist ja unser Sonnenschein”, witzelte Jayden als ich mich dazusetzte. “Irgendwo Spaß gehabt, oder woher kommts?”, stichelte er weiter.
      “Wenn ich du wäre, wäre ich mal lieber still, ist ja nicht so als würden die Ladys bei dir Schlage stehen”, gab ich schlagfertig zurück. Jayden wollte gerade etwas erwidern, doch Sheena schnitt ihm das Wort ab.
      “Jungs könntet ihr auch mal über was anderes reden? Euer Macho gehabt geht nicht nur mir auf die Nerven”, sagte sie genervt und verdrehte die Augen. “Redet doch lieber über schöne Dinge, wie zum Beispiel, dass die Ergebnisse der Körnung endlich da sind. Keks hat bestanden”, teilte sie dann mit uns.
      “Na, wenn das kein Grund für gute Laune ist”, antwortete ich ihr, während ich in meine Hosentasche griff, um mein Handy herauszuholen. Doch da war kein Handy, ich musste es wohl in der Sattelkammer vergessen haben. Ich war gerade aufgestanden, um es zu holen, als Bubbles auf einmal angerannt kam und bellend an mit hochsprang. In der Ferne kannte ich auch den Grund entdecken, warum er so aufgeregt war. Lina und Samu waren scheinbar mit ihm gerade spazieren gewesen.
      “Na, mein Junge, war es schön im Wald”, begrüßte ich den Hund und streichelte ihm über das gepunktete Fell. Während ich dem Dalmatiner noch die Ohren kraulte, blieb mein Blick auf Lina und Samu hängen. Ich konnte sogar von hier aussehen, wie Samu Blick auf etwas fiel und dann von erstaunt in verärgert überging. Offenbar wollte er Näher kommen, doch Lina stellte sich ihm in den Weg und fing an auf ihn einzureden.


      Lina
      Der restliche Spaziergang war recht locker gewesen und so kam es, das sogar ich mich ein wenig entspannen konnte. Zurück am Hof lief Bubbles direkt zu den anderen, die bereits beim Abendessen saßen. Samu folgte dem Hund mit seinem Blick und schien dort etwas zu entdecken, was ihn beunruhigte, denn ich konnte wahrnehmen, wie er sich plötzlich anspannte und stehen blieb.
      “Lina, Tiedätkö sinä siitä?”, fragte er mich argwöhnisch, ohne mich dabei anzusehen.
      “Mistä sinä puhuu?”, fragte ich und folgte seinem Blick. Ich brauchte einen Moment, bis ich sah, was er meinte.
      “Tiesin, ettei hän ollut rehellinen”, fügte er ärgerlich hinzu und ich spürte wie seine Anspannung größer wurde und er gerade zu rüber marschieren wollte.
      “Lopeta, Kaikki hyvin”, versuchte ich ihn aufzuhalten und ihn dazu Zubringen mir zuzuhören.
      Zu mindesten blieb er stehen und ich hatte ein paar Sekunden Zeit zu überlegen, was ich ihm jetzt sagen wollte, immerhin war ich selbst ein wenig überrascht. Ja, Niklas hatte mir gesagt, dass er nicht für etwas Festes bereit war, aber dass er sich so schnell eine Alternative suchte, fand ich schon krass. Wobei wenn ich ehrlich bin, wäre es schon ziemlich naiv gewesen zu glauben, dass das nicht passieren würde. Also muss ich jetzt wohl versuchen damit umzugehen, und zwar wie ein Erwachsener.
      “Samu kuuntele minua. Minä ja Niklas puhuimme siitä ja se on aivan okei, kyllä! Olemme aluksi vain ystäviä”, erklärte ich Samu den Sachverhalt und immerhin hörte er nun auf böse zu den anderen zu starren. Stattdessen schaute er mich nun ein wenig verwundert an.
      “Kuten vain ystävät? Nyt en ymmärrä sinua enää.”
      “Kuten alussa sanoin, vain ystäviä. Hän voi tehdä mitä haluaa kenen, kanssa haluaa, enkä välitä.” Hoffentlich klang das überzeugend, denn irgendwas in mir war definitiv nicht davon überzeugt, dass es mir egal sei. Während ich das sagte, begann auch noch etwas in meinem Kopf zu arbeiten. Niklas zerkratzter Rücken vorgestern und dann heute noch die nervige Frage von Milena mit wem Vriska geschlafen habe. Natürlich konnte ich eins und eins zusammenzählen. Und im mir bildete sich der Verdacht, dass ich nun auch wusste, warum Vriska sich neulich so seltsam Verhalten hatte.
      Innerlich verfluchte ich mich ein wenig dafür, dass ich es nicht früher erkannt hatte und im selben Augenblick überlegte ich, ob Samu vielleicht doch bereits davon gewusst hatte und deshalb gestern sogar einen Streit mit mir angefangen hatte. Nein, das konnte ich mir nicht vorstellen, dafür wirkte er immer noch viel zu überrascht.
      “Rauhoitu viimein, en todellakaan välitä”, betonte ich noch einmal und versuchte damit auch das Gedankenkarussell in meinem Kopf zum Stehen zu bringen.
      “Okei, mutta olen siellä puolestasi, jos jotain muuta löytyy”, murmelte er nun schon etwas versöhnlicher.
      “Gut, dann lass uns erst einmal zu den anderen gehen, ich verhungere nämlich gleich”. Gemeinsam gingen wir nun zu den Tischen rüber.
      “Ah, da seid ihr zwei ja, hat ihr schon gesehen, Jace hat seine gute Laune wiedergefunden”, begrüßte Sheena fröhlich uns.
      “Schön, wie ist das den passiert?”, fragte ich nach und hoffte insgeheim, dass es nicht mit mir bzw. mit der Situation am Nachbartisch zu tun hatte.
      “Keine Ahnung, ist mir auch egal. Hauptsache er hört auf so ein Grouch zu sein”, antworte sie Schulterzuckend.
      “Wo ist der überhaupt hingekommen?”, fragte Samu nun nach.
      “Bestimmt geflüchtet, so wie die letzten zwei Tage”, gab Jayden einen blöden Kommentar ab.
      “Ach, Jayden jetzt sei mal nicht so blöd und freu dich lieber, dass man ihn wieder zu Gesicht bekommt”, tadelte ihn Sheena so gleich.

      Vriska
      Wenn er seine Hand nicht auf meinem Oberschenkel hätte und ich meinen Puls hören könnte, wäre ich mir unsicher, ob ich hier richtig säße und wach bin. Es fühlte sich surreal an und auch als ich Lina im Augenwinkel sah, wie sie zu guckte, wäre ich verschwunden. Natürlich hatte ich es versucht, doch er drückte seine große Hand noch stärker in meine Haut, dass es sich anfühlte, als würde er meinen Oberschenkelknochen herausziehen wollen. Nur Hunde spielen mit Knochen. Was? Lieber Kopf, bitte reiß dich zusammen.
      “Jag måste hålla med Linh”, scherzte unser Trainer und trat näher an den Tisch heran. Zugleich stimmten am Tisch alle mit “Ja må han leva” an und ich versuchte zumindest meinen Mund zu bewegen. Bisher reichte meine Schwedisch Kenntnisse aus, um mich sicher zu unterhalten, doch Geburtstagslieder fanden in meinem Vokabular bisher keinen Platz. Die anderen aus dem Verein stiegen ebenfalls mit ein. Frau Wallin kam mit einer großen Torte, auf der 50 Kerzen hell leuchteten. Er blies diese aus und alle Klatschen. Die Freude von allen war riesig, sogar ich lachte mit. Ein kurzer Moment der Lebendigkeit erfüllte meinen Körper.
      “Önska dig något, Anders!”, sagte Chris. Unser Trainer strahlte vor Freude und von allen Seiten gratulierten ihnen die Leute. Auch einige Geschenke gab es. Wenig später setzte er sich zu Tisch und es wurde wieder ruhiger. Nach dem Jubel überkam es mich wieder mit dem Unwohlsein.
      “Jag vill göra”, flüsterte ich Niklas ins Ohr.
      “Nej, vi stannar. Låt oss ge dig något åt äta”, schlug er dann vor und stand mit mir zusammen auf. Am Büfett lief ich wie ein hungriger Tiger im Zoo hinter Gittern auf und ab, eh ich eine Entscheidung traf, was ich essen wollte. Gefüllte Süßkartoffeln vom Grill sprangen mich förmlich an und ich konnte nicht anderes, als mir eine kleinere auf den Teller zu legen. Nachholen konnte ich mir immer noch. Da bediente ich mich an den kleinen Gürkchen und auf eine Scheibe Aubergine konnte ich auch nicht verzichten. Niklas überlegte noch aber sagt: “Jag tar inget kött från dig idag får kärlekens skull.”
      Ich runzelte mit der Stirn, dabei hoben sich auch die Augenbrauen mit an. Hat er eine neue Tierliebe entwickelt oder so etwas wie ein Gewissen? Erstaunlicherweise war Niklas heute ganz anderes zu mir, so offen auch gegenüber allen anderen, die vor Ort waren. Das musste ich ausnutzen.
      “På grund av mig?”, fragte ich und legte mir doch noch eine weitere Scheibe Aubergine auf. Ein Blick auf meinen Teller verriet mir, dass ich heute lange brauchen würde, um den leer zu bekommen. Aber ich hatte wirklich großen Hunger. Plötzlich kam er näher und legte eine Hand um meine Taille, in der anderen balancierte der leere Teller.
      “Jovisst”, flüsterte er. Ich spürte, dass sich an meinem Körper eine Gänsehaut bildete und meine Hände schwitzig wurden. Was war heute mit ihm los? Hat er irgendetwas zu sich genommen und wenn ja, bekomme ich davon auch etwas? Ich entriss mich seinen Fängen und packte ihm auch Auberginenscheiben auf den Teller, da keine Beschwerde kam, fuhr ich mit der Entscheidung was er heute essen würde. Dann drehten wir uns um und liefen zurück an den Tisch.
      “Nicht mal selbst Entscheidungen treffen, kann der noch. Was machst du nur mit ihm”, scherzte Chris prompt. Ich atmete laut aus und setzte mich wieder Niklas, der bereits anfing zu essen. Ganz tief in meinem Kopf hörte ich Harlens Stimme, die ihn für das unhöfliche Verhalten tadelte. Doch ich war natürlich nicht Harlen und auch niemand, der anderen vorschreibt, wie er zu essen hätte. Ju und Linh waren bereits verschwunden, um sich ebenfalls etwas zu holen. Nur Chris saß mit einem leeren Platz mit am Tisch.
      “Willst du nichts essen?”, fragte ich ihn und stopfte mir eine viel zu volle Gabel mit Süßkartoffel in den Mund.
      “Nein, so wie dein Teller aussieht, schaffst du das eh nicht. Den Rest esse ich dann einfach”, erklärte er mir. Ich nickte nur und aß weiter. Es wurde still, als Ju und Linh zurückkamen. Vom Nachbartisch versuchte ich das Gespräch zwischen Lina und Samu mitzuhören, was mir aufgrund der sprachlichen Barriere nicht gelang. Doch ich wurde das Gefühl nicht los, dass es sich um mich drehte. Die innere Unruhe kam wieder in mir auf und ich fragte Niklas erneut, ob wir gehen können. Ich bekam dieselbe Antwort erneut.
      Tatsächlich hatte ich schneller aufgegessen, als ich dachte. Chris Hoffnung verflog somit, doch mir kam eine Idee in den Kopf: “Soll ich dir noch was holen?”
      “Wenn du so lieb bist”, blickte er mich an. Seine Augen funkelten und ein breites Grinsen erstrahlte wieder sein Gesicht.
      “Skynda dig”, murmelte Niklas. Irgendwas stimmte nicht. Warum war er so besessen davon, dass ich in seiner Kontrolle bleiben sollte? Später musste ich dem nachgehen, doch jetzt vor allen anderen, war es nicht der richtige Augenblick. Einige Minuten später brachte ich Chris und gute Auswahl an Essen, worauf ich natürlich auf das Fleisch verzichtete. Er nahm das Besteck in die Hand und freute sich über die Bedienung. Dann setzte ich mich brav wieder zu Niklas, der sogleich wieder sein Revier markierte und seine Hand auf meinen Oberschenkel legte. Zur Feier des Tages trug ich eine kurze Hose und auch mein geliebter Hoodie blieb im Zimmer, denn ich hatte wieder ein Tank Top an. Obwohl ich keinen BH brauchte, wegen der fehlenden Oberweite, trug ich einen. Es war mir schon unangenehm genug, und so sah es wenigstens so aus als ob. Ju saß wieder am Handy und ich bemerkte die großen Schäden an diesem. Vor mehreren Tagen sah es noch nicht so aus, oder irrte ich mich? Vielleicht würde es die unangenehme Ruhe auflösen, wenn ich danach fragte: “Ju, was ist mit deinem Handy passiert?”
      “Das geht dich wohl überhaupt nichts an”, grummelte er mich direkt an. Von Linh kassierte er eine Faust in den Oberschenkel. Schmerzerfüllt verzog er das Gesicht und erklärte mir: “Ich war sauer auf dich und hab das durch die Stallgasse geworfen.” Meinetwegen? Warum drehte sich plötzlich alles nur noch um mich? Einer verrückter als der andere …
      “Wieso?”, fragte ich ungläubig.
      “Weil du mit ihm hier verkehrst”, beschwerte er sich so laut, dass jeder es mitbekam. Dabei zeigte er auf seinen besten Freund. Ich senkte meinen Kopf Richtung Tisch.
      “Fan! Menar du allvar”, beschwerte sich nun Niklas lautstark.
      “Vielleicht sollte ich doch besser gehen”, murmelte ich und versuchte erneut die Flucht einzuschlagen. Doch Niklas hinderte mich diesmal deutlich daran. Er drückte mein Bein nach unten, was mit einem kräftigen Schlag auf meinen Oberschenkel verbunden wurde. Ich verspürte ein Brennen auf der Haut, aber sagte nichts dazu. Gefiel es mir?
      “Du bleibst, wo du bist, da müssen wir jetzt beide durch”, zischte er mich kaum hörbar an. Seine Intention war deutlich gediegener, als ich vermutete. Dazu sagte ich nichts weiter, sondern konzentrierte mich darauf, keine Gespräche der anderen zu hören. Mein Herz pulsierte signifikant schneller in meiner Brust als sonst, wenn ich aufgeregt war.

      Lina
      Irgendwann während des Essens war Jace wieder aufgetaucht und Sheena hatte recht gehabt, er hatte eine grandiose Laune. Woher auch immer diese Laune kam, ich war ganz froh drüber, dass es mich nicht mehr, wie Luft behandelte. Außerdem war gerade jeder eine willkommene Ablenkung, denn so egal wie es versuchte Samu weiß zu machen, war es mir doch nicht.
      Meine und die Aufmerksamkeit von allen anderen wurde unweigerlich auf den Nachbartisch gelenkt, als es dort lauter wurde. Natürlich ginge es um Niklas bzw. um Niklas und Vriska.
      Langsam könnte man echt glauben, dass das alles hier eine mordende Version des Sommernachtstraums ist, nur dass es viel mehr auf eine Tragödie hinauslief. Da nun die ganze Aufmerksamkeit auf Niklas, Vriska und Ju lag, wurde mir die Situation nun auch allmählich unangenehm. Spätestes jetzt würde auch dem letzten Deppen auffallen, was für ein Theater sich hier in den letzten Tagen abspielte.
      “Luulin, että et välittänyt”, flüsterte mir Samu zu, der meine Anspannung zu spüren schien.
      “En myöskään välitä, minun ei kuitenkaan tarvitse katsoa sitä koko illan”, nuschelte ich als Antwort und stand auf, um mich den Moment zu nutzen, wo alle noch auf das Drama am Nebentisch konzentriert waren, um zu verschwinden. Ich nahm wahr, dass Jayden es mitbekam und schon einen blöden Spruch auf den Lippen hatte. Ich warf ihm einen bösen Blick zu, was bewirkte, dass er seine Klappe hielt.
      Schnellen Schrittes entfernte ich mich von der Gruppe und verschwand so schnell wie es ging um eine Ecke. Die Sonne begann bereits unterzugehen und die umliegenden Schatten wurden immer länger.
      Etwas abseits der Gebäude ließ ich mich unter einem Baum nieder und sah den Wolken zu, wie sie über den rosa gefärbten Himmel zogen.
      Wie war es eigentlich möglich, dass sich so viel in so kurzer Zeit ändern konnte?
      Gestern war alles noch so anders gewesen. Wobei war das wirklich so? Und dann war da auch noch gestern Abend. Der Abend, wo meine Gefühle, das Erste mal einen heftigen Dämpfer bekommen hatten. Einerseits war ich froh drüber, dass Niklas aufrichtig genug gewesen war, um das ganze aufzuhalten, bevor es richtig wehtun würde. Worum es bei den Beiden ging, war mir eigentlich egal, aber trotzdem hätte ich mir gewünscht, dass er mir davon erzählt hätte. Sicherlich hätte ich keine Freudensprünge vollführt, aber es wäre allemal besser gewesen als es selbst herauszufinden.
      Abgesehen davon, konnte ich mir auch immer noch nicht erklären, was ich falsch gemacht hatte, dass er auf einmal so abweisen war.
      Erstaunlicherweise verspürte ich bei diesem letzten Gedanken deutlich mehr Unbehagen. Da, wo heute Morgen noch leere gewesen war, breiteten sich auf einmal Verwirrung und Unsicherheit aus. Auf einmal war ich mir nicht mehr ganz so sicher, ob nach Schweden zu gehen, die richtige Entscheidung war.
      Wen ich jetzt brauchte, war der einzige Mensch, der mich immer bei allen Dingen Unterstützte hatte. Zum Glück verriet mir der Blick auf die Uhr, dass es relativ wahrscheinlich war, dass ich dieser Mensch auch erreichte, denn in Finnland müsste es jetzt ungefähr halb 6 sein. Ich wählte den Kontakt von Juliet und drückte auf Anrufen, es tutete.
      Es tutete lange, doch dann hörte ich eine verschlafene Stimme am anderen Ende: “Hyvää huomenta. Mitä tein tämän kunnian hyväksi?”
      “Juliet, niin paljon tapahtuu taas täällä”, fing ich an. “Mutta ensin vastaan eiliseen kysymykseesi: kyllä, lähden Ruotsiin. Ainakin kaksi tuntia sitten olin ainakin varma siitä.”
      “Mitä tämä tarkoittaa: olitko varma? Mitä tapahtui “, fragte meine Schwester nun besorgt nach.
      “Paljon on tapahtunut, Juliett. Mistä aloittaisin?... “, antworte ich mit ein wenig Verzweiflung in der Stimme. Dann begann ich ihr die Ereignisse der letzten zwei Tage zusammenzufassen, inklusive dem Drama um Jace und allem was dazu gehört. “Niklas osti uuden hevosen kaksi päivää sitten ja se puhkesi. Se on todella merkityksetöntä. Joten joka päivä tämän tapauksen jälkeen olimme vielä väsyneitä, koska oli vielä hyvin aikaista, ja sitten laitoimme itsemme takaisin sänkyyn yhdessä”. Ich endete nach dem Streit mit Samu gestern Abend. Nur das was ich inzwischen über Vriska und Niklas herausgefunden hatte, ließ ich absichtlich weg.
      “Jossain vaiheessa Niklas tuli luokseni ja me juttelimme. Hän sanoi, mitä hän ajatteli minusta... Että hänen lapsuudessaan on vielä ongelmia, joita hänen on vielä käsiteltävä…
      Keskustelun loppu on se, että hän ei ole valmis suhteeseen ja että olemme vain ystäviä.” versuchte ich Juliet dann noch die aktuelle Lage zwischen mir und Niklas zu erklären.
      „Ymmärtää. Mutta miksi sitten epäilet päätöstäsi, kun näytät pystyvän selviytymään siitä?”, antwortete meine Schwester.
      “Tänä aamuna kaikki oli hieman outoa, mutta toistaiseksi hyvin. Mutta sitten tein jotain väärin iltapäivällä, koska Niklas on ollut hapan siitä lähtien, mutta en tiedä miksi.”, berichtete ich ihr von den heutigen Ereignissen.
      “Lina, kerrotko vakavasti, että soitit minulle 5.30, koska riitelit ystäväsi kanssa?”, fragte meine Schwester und in ihrer Stimme konnte ich hören, dass sie sich Mühe geben musste nicht zu lachen.
      “Hän ei ole ystäväni!”, protestierte ich.
      “Okei, hän ei ole ystäväsi”, bekam ich als Antwort und ich konnte das grinsen ihn ihrer Stimme immer noch hören.
      “Sinusta ei ole apua!”, murmelte ich in das Telefon. Natürlich fiel meiner Schwester nichts Besseres ein, als mich auszulachen.
      “Voi suloisuutta. Samu on oikeassa, älä huoli siitä liikaa. On täysin normaalia, että se ei aina toimi täydellisesti. Tiedätkö kuinka, monta kertaa olen mistä riitelimme Taavi kanssa? Loppujen lopuksi olemme yhä yhdessä”, antwortet sie schon gleich ein wenig einfühlsamer. Sie hatte gut reden, bei normalen Menschen mit normalen Beziehungen, mag das vielleicht zutreffen, doch von normal ist das alles hier sicherlich sehr weit entfernt. “Sinulla ja poikaystävälläsi on myös kuvakirjasuhde.”
      “Olet söpö, jos uskot niin. Mutta nyt on kyse sinusta ja siitä, miten voin auttaa sinua”, lenkte Juliett das Gespräch wieder auf das eigentliche Thema.
      “Pelkään, ettei kukaan voi todella auttaa minua. En tiedä, mitä tein väärin”, sagte ich traurig und fuhr mir mit der freien Hand durch die Haare.
      “Haluaisin viedä sinut sylissäni nyt, pikkusisko.” Bei diesen Worten wurde mir wieder einmal bewusst, wie sehr ich sie vermisste. Zuhause hätte sie mir jetzt einen Kakao gebracht und mich in den Arm genommen. Doch seit fast drei Jahren habe ich sie nun nicht mehr persönlich gesehen. Das ist eine ganz schön lange Zeit und so glücklich wie ich hier auch immer gewesen war, ich vermisste sie die ganze Zeit über. Ganz besonders in solchen Momenten wie jetzt.
      “Kiitos, että kuuntelit minua Juliett. Kaipaan sinua”, murmelte ich leise in das Telefon.
      “Kaipaan myös sinua, pieni, mutta lupaan, että tapaamme pian uudelleen”, versuchte sie mich aufzumuntern. Wenn ich tatsächlich nach Schweden gehe, würden keine 4000 Km und ein Ozean zwischen uns liegen, dann wäre es tatsächlich denkbar sie wiederzusehen. Allein das reichte schon für mich, um die Sache durchzuziehen. Vielleicht hatten Samu und meine Schwester ja recht und ich machte mir wirklich zu viele Gedanken.
      “Kiitos, että olet aina tukenani”, sagte ich noch bevor ich mich von meiner Schwester verabschiedete. Wirklich viel hilfreicher als das Gespräch mit Samu vorhin, war das hier auch nicht wirklich gewesen, aber es hatte gutgetan mit Juliet zu reden.
      Mit einem seufzen ließ ich mich gegen den Stamm sinken. Hoffentlich werde ich die Entscheidung nicht doch noch bereuen.

      Vriska
      „Und in diesem Moment zerbrach ihr kleines Herz“, murmelte Chris zu uns am Tisch und unterbrach die Stille.
      „Ich dachte wirklich noch an das Gute in euch beiden, aber jetzt seid ihr beide wirklich gestorben für mich“, beschwerte Milena sich, die gerade mit nassen Haaren dazustieß. Besser hätte es wirklich laufen können. Vor versammelter Mannschaft ließ Ju uns auffliegen, doch schämte ich mich dafür? Ehrlich gesagt nicht, denn ich wieso war es meine Aufgabe die Gefühle zu schützen? Es belastete mich immer die Erwartung von allen erfüllen zu müssen, so wollte und konnte ich nicht leben. Regungslos stand Milena noch einige Minuten mit am Tisch, Chris aß währenddessen weiter und ich beobachtete jeden Bissen in seinem Mund. Nach ungefähr 16 Bissen schluckte er die Nahrung runter, dabei schnitt er die nächste Portion zurecht und hielt sie mit der Gabel vor seine Lippen.
      “Ihr seid so furchtbare Menschen”, stammelte Milena aufgebracht, warf die nassen Haare über ihre Schulter und stampfte davon. Ihr Shirt war am Rücken vollkommen durchnässt, was sich bis in ihre kurze Hose zog. Mir fehlten noch immer die Worte, würde es weiter gehen wie zu vor? Erstmal gab es wichtigeres, wie die Kür oder dem Bestehen meiner Abschlussprüfung.
      “Ich werde mal die Unterlagen holen”, sagte ich, stand auf und lief zum Zimmer. Es gab keine Beschwerden des Kerls neben mir, so konnte die Idee nicht falsch sein. Hektisch sammelte ich alles zusammen und stürzte mich wieder heraus. Ich verlor einige Blätter, bückte mich nach ihnen und immer mehr fliegen durch die Luft. Geschafft schlug der Haufen auf dem Holztisch auf und musste frische Luft schnappen. Statt auf dem Pad zu arbeiten, hatte ich mir wieder zu viele Notizen auf dem Papier gemacht und mir Videos im Internet angeguckt zum Lernen. Wusstet ihr, dass man im Internet nicht wirklich findet zu den Ausbildungsthemen als Pferdewirt in speziellen Reitweisen oder auch Rennen? Als wären es nur ein paar ausgewählte, die diese Ausbildungsunterlagen lesen dürften.

      Milena
      Lina versuchte so unauffällig wie möglich zu verschwinden, doch ich sah sie. Vorher waren Jus Worte nicht zu überhören, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt die Runde nicht einmal erreicht hatte. Keiner machte Anstalten sie zu unterstützen, denn Niklas hatte seine Masche bei ihr wirklich gut anwenden können, doch aus welchem Grund? Wieso musste er sich eine verwundbare junge Dame aussuchen, die am anderen Ende der Welt lebte? Normalerweise wäre es der Weg ins Schlafzimmer gewesen, den er suchte, doch war Lina für ihn etwas Besonderes, etwas Ernstes? Kaum vorstellbar. Langsam ging zu dem Baum zu, an dem sie lehnte.
      “Hey”, sprach ich Lina leise an, um sie nicht zu erschrecken. Es gab keine Rückmeldung, so setzte ich mich im Schneidersitz vor sie, keinen Blick würdigte Lina mir.
      “Bevor du weggehst, oder mich wegschickst, möchte ich mich bei dir Entschuldigen. Wenn ich vorher gewusst hätte, worauf das alles hinausläuft, wäre ich nicht so zu dir gewesen. Es war nicht richtig, aber ich weiß auch nicht. Ich habe Spaß dabei Leute zu ärgern, aber meine das wirklich nicht persönlich”, vermittelte ich ihr ruhig und senkte meinen Kopf.
      “Schon ok, nervige Leute sind hier Standard, da macht einer mehr oder weniger auch nicht den Unterschied”, antworte sie gleichgültig.
      “Möchtest du darüber reden, was gerade in deinem Kopf abläuft?”, fragte ich freundlich.
      “Weißt du... manchmal frage ich mich, warum ich ausgerechnet so weit weg von meiner Heimat gelandet bin. Was genau hat mich hierhergeführt?”, begann sie indirekt meine Frage zu beantworten, wobei sie ein paar Grashalme ausrupfte. “Ich meine, die unfassbare große Auswahl an Karrieremöglichkeiten wird es wohl nicht gewesen sein”, fügte sie sarkastisch hinzu.
      “Das weiß ich leider auch nicht, der Hof ist schön, aber in Finnland gibt es sicher auch viele schöne Höfe. Und …”, stotterte ich. Der Psychokram fiel mir bis heute nicht leid, aber dass sie ihre Heimat vermisste, konnte ich gut nachvollziehen. Dann sprach ich weiter: “Und in Schweden wirst du mehr Möglichkeiten haben.”
      “Das weiß ich doch. Ansonsten wäre es vermutlich noch unvernünftiger als es eh schon ist, von heute auf morgen auszuwandern.” Offenbar schien sie sich ein wenig über sich selbst zu amüsieren, denn auf ihrem Gesicht, war der Ansatz eines Lächelns erkennbar.
      “Falls du nicht mit auf das LDS zu Vriska willst, kann ich dir anbieten mit zu mir und Linh zu kommen, oder wir gucken nach einem anderen Hof”, munterte ich Lina etwas mehr auf. Schließlich gab es noch deutlich mehr Höfe in Schweden, sogar in der Umgebung von Kalmar.
      “Das ist wirklich ein nettes Angebot, aber ich denke, ich werde erst einmal sehen, wie es so läuft dort. Immerhin ist das LDS nicht komplettes Neuland für mich”, antwortete sie und hörte auf den Boden anzustarren.
      “Okay, dann musst du eins wissen”, begann ich und stand auf. Dann schaute ich zu Lina runter und setzte fort: “Die Kleine erliegt einer regelrechten Obsession zu eurem Chef. Also falls du da mal ein Druckmittel brauchst. Ach, und wegen Niklas. Mach’ dir da keine Gedanken, ich habe das Gefühl, dass ihm das mit euch beiden wirklich wichtig ist. Deswegen hat er sich nicht direkt mit dir Vergnügt. Das ist aber rein spekulativ, Linh hatte die Vermutung schon vor ein paar Tagen, als Anna euch erwischt hat.”
      “Meinetwegen kann Vriska anbeten, wen sie möchte, aber ich werde es mir merken und vielen Dank für deine Zuversicht.”
      “Du schaffst das schon, nimm es dir nicht so zum Herzen. Wird schon werden, und sonst: Schweden hat noch einiges mehr zu bieten als den Typen”, lachte ich und verließ sie wieder. In meinem Magen grummelte es ziemlich laut, was nur mit Essen gestillt werden konnte. Obwohl mich das Gespräch mit Lina überhaupt nicht weiter gebrachte, fühlte mich gut, jemanden helfen zu können. Oder es zumindest versucht zu haben. Am Büfett legte ich mir verschiedene Speisen auf den Teller und setzte mich zu Linh, die zwar mit am Tisch der Dämlacks saß, aber allein sitzen, fand ich auch blöd. Vriska und Niklas bemerkten mich gar nicht, denn sie waren beschäftigt irgendwelche Aufgaben zu lösen. Vielleicht sollte ich auch demnächst beginnen für den Abschluss zu lernen, deswegen folgte ich dem Gespräch der Beiden auf einem Ohr, während ich aß.

      Jace
      “Soll ich mal nach ihr gucken gehen?”, fragte ich Samu leise, als Lina nun schon eine ganze Weile verschwunden war.
      “Tu, was du nicht lassen kannst, aber ich glaube nicht, dass sie derzeit Gesellschaft wünscht”, sagte er schulterzuckend. Ich wunderte mich ein wenig über seine Antwort, da normalerweise er derjenige war Lina hinterherdackelte. Aber vielleicht hatte sie ihm ja auch etwas dazu gesagt. Immerhin hatte ich mitbekommen wie Lina und Samu einen kurzen Wortwechsel hatten, bevor sie verschwunden war. Dennoch ließ ich mich von Samu Worten nicht abhalten, denn ich hatte das Gefühl, dass dies hier eine Chance sein könnte mich bei Lina wieder gut zustellen. Ihr Essen hatte sie kaum angerührt bevor sie verschwand, als beschloss ihr etwas mitzubringen. Sicherlich hatte sie Hunger.
      Mit einem Teller, der meiner Meinung nach Lina gerecht beladen war, machte ich mich auf die Suche nach ihr. Es dauerte nicht lange bis ich sie fand, denn sie war nicht sonderlich weit weggegangen. Hinter dem Stall saß sie unter einem Baum und tippte auf ihrem Handy herum.
      “Was machst du denn hier so?”, fragte ich vorsichtig, während ich mich näherte.
      “Alleine, sein oder es zu mindesten versuchen”, murmelt sie und tippe weiter auf ihrem Handy rum.
      “An einem so schönen Abend sollte man doch nicht alleine sein”, lenkte ich ein. Lina ignorierte meine Aussage und sah mich ein wenig verärgert an: “Jace, was genau willst du hier eigentlich? Heute Morgen war ich doch noch Luft für dich.” Offenbar schmollte sie noch, weil ich sie heute Morgen ignoriert hatte. Auch wenn das nicht die besten Voraussetzungen für mein Vorhaben waren, ließ ich mich nicht davon abbringen.
      “Ich dachte… du könntest vielleicht Hunger haben. Du hast schließlich kaum etwas gegessen”, sagte ich freundlich, während ich den Teller neben ihr abstellte. “Außerdem, dachte ich, du könntest jemanden zu reden gebrauchen.”
      “Danke, aber für heute habe ich schon genug geredet”, lehnte sie mein Angebot ab, nahm sich allerdings den Teller und begann zu essen. Na gut, wenn sie nicht reden möchte, werde ich sie trotzdem mit meiner Anwesenheit beehren. Ich setzte mich mit ein wenig Abstand zu ihr auf die Wiese, schließlich wollte ich ihr nicht gleich zu nahetreten. Eine Weile war nicht viel zu hören, außer den Geräuschen, die von drüben zu uns rüber wehten. Auch, wenn ich mir heute Morgen noch gewünscht hatte Lina nicht zu begegnen, jetzt betrübte mich das ganze, dass sie nicht nur den Hof verlassen würde, sondern auch gleich noch das Land. So wie es jetzt war, blieben mir nur noch wenige Tage wieder gutzumachen, was ich verbockt hatte. Während ich so darüber nachdachte, kam mir eine Frage in den Sinn: “Sag mal, wer wird sich eigentlich um Divine kümmern? Du wirst ihn ja wohl kaum direkt mitnehmen.” Lina hatte den Teller inzwischen fast leer gegessen und zur Seite gestellt.
      “Ja, da hast du recht ich werde ihn nicht direkt mitnehmen. Samu wird sich um den kleinen Prinzen kümmern, schließlich muss das jemand Kompetentes tun”, antwortete Lina, ohne mich wirklich dabei anzusehen.
      “Willst du etwa sagen hier gäbe es nicht genug Kompetenz?”, fragte ich ein wenig empört.
      “Also aktuell, gibt es hier sehr viel Kompetenz, aber das wird nicht mehr lange so sein”, antworte sie und ich konnte einen Hauch von einem schelmischen grinsen in ihrem Gesicht erkennen.
      “So ist das also…Das sollte ich mir merken, falls du jemals noch mal Hilfe brauchen solltest.” Es freute mich, dass sie offenbar zum Scherzen aufgelegt war. Das konnte nur bedeuten, dass sie nicht ganz so nachtragen war, wie sie mir zu beginnen suggerieren wollte, gut für mich.
      “Vielleicht darfst du Samu ja helfen, wenn du nett zu ihm bist”, alberte sie weiter herum.
      “Ja ja, mach du dich nur lustig darüber. Warte nur ab, was dein Pferd alles kann, wenn du es wiedersiehst!”, sagte ich überzeugt.
      “Ist das etwa eine Drohung?”, fragend sah sie mich an und grinste breit.
      “Kommt drauf an, immerhin läuft kein Pferd besser vor der Kutsche als meine Tinker”, antworte ich und grinste auch.
      “Etwa die Tinker, die du eigentlich nicht trainieren wolltest?”
      “Ja, genau die”, gab ich zu. Tatsächlich hatte ich es anfangs abgelehnt die beiden Tinker zu trainieren, dass sie mir persönlich viel zu klein waren, aber wie es der Zufall wollte, blieb es doch an mir hängen. Tatsächlich stellten die beiden sich als Ideale Kutschpferde heraus, was bei einem Tinker natürlich nicht wirklich erstaunlich ist.
      “Na, da ist dir Divine sicherlich auch zu klein, du willst den bestimmt gar nicht trainieren”, neckte Lina mich.

      Vriska
      Menschen gingen an unserem Tisch vorbei, warfen fast abfällige Blicke auf uns, während Niklas mit mir die Aufgaben besprach, die vorhin löste. Seine Brille rutschte immer wieder ein Stück von der Nase. Automatisch schob er sie wieder nach oben. Dabei kaute er auf dem Stift herum, den Niklas in seiner Hand hielt. Immer mehr Zeit verging, in der er nichts sagte, nur unverständlich vor sich hinmurmelte und die Unterlagen durchblätterte.
      “Die Trainingsmethoden solltest du dir in nächster Zeit noch weiter durchlesen, aber sonst sehr gut formuliert und reflektiert. Dein Arbeitgeber wird froh sein, über jemanden mit dem Wissen”, lobte Niklas und legte alle Blätter ordentlich zusammen.
      “Danke für deine Hilfe”, schmunzelte ich und betrachtete ihn sehr genau. Aus dem Augenwinkel heraus, sah ich, dass Chris ebenfalls alles genau beobachtete. Linh und Ju saßen auch noch am Tisch, jedoch sehr beschäftigt miteinander. Blöde Kommentare gab er nicht mehr von sich. Doch leider änderte sich es schneller, als es mir lieb war.
      “Und deine Kür? Vermutlich hast du dir darüber noch keine Gedanken gemacht”, griff er mich an. Ju schien irgendein schwerwiegendes Problem mit mir zu haben, was ich mir nicht erklären konnte. War ihm die kleine Flirterei wirklich so wichtig, um so einen Aufstand machen zu müssen? Der Abend begann bereits unschön, dass ich nicht weiter auf seine Provokation einging. Ich wollte die übrige Zeit noch guten Erinnerungen im Kopf behalten, doch es näherte sich der nächste Grund, wieso ich das vergessen konnte. Max kam zum Tisch und stütze sich mit den Händen auf der Kante ab. Erwartungsvoll blickte er zu mir.
      “Du hast ja gerade nichts zu tun, willst du heute Blávör noch bewegen. Sie hat gestern wieder angefangen herumzuzicken und du kommst so gut mit ihr klar”, fragte er freundlich. Eh ich etwas sagen konnte, wandte sich Niklas mir zu und flüsterte: “Was will der?”
      “Er fragt, ob ich seine Stute bewegen würde”, erklärte ich ihm.
      “Sie wird deine Stute bewegen und wir holen deine Andere auch direkt mit rein”, bot Niklas Max an und stand auf. Verdutzt blickte ich zu ihm hoch. Wir? Muss der mich vor irgendwas beschützen, oder was stimmt mit ihm gerade nicht? Unweigerlich guckte ich über den Tisch, neben meinem Haufen an losen Blättern standen fünf leere Bierflaschen, die er nebenbei offensichtlich getrunken hatte. Einige meiner Fragen waren damit geklärt und ich nahm meine Unterlagen hoch, um sie im Zimmer zu verstauen. Max bedankte sich bei ihm und lief freudig zu Björn und Erika, die am Feuer saßen. Auch Finley befand sich dort.
      “Was ist heute mit dir los?”, fragte ich vorsichtig im Zimmer, als ich mein Outfit wechselte.
      “Nichts”, würgte er das Gespräch ab und konzentrierte sich wieder auf sein Handy. Offenbar gab es dort etwas interessanteres. Ohne weitere Worte zu wechseln, liefen wir zur Weide mit drei Stricken. Niklas verschwand direkt, um seine Stute zu holen, die am anderen Ende der Weide stand. Durch den Mond leuchtete sie beinah und der Schimmer legte sich über den Rasen. Snotra stand ziemlich weit vorn und kam direkt mit gespitzten auf mich zu. Eh ich sie wieder einfangen müsste, nahm ich die Stute an den Strick und lief mit ihr zu Blávör. Weniger begeistert schlug sie mit dem Schweif und trat einige Schritte von mir weg. Als Niklas mit Smoothie wiederkam, konnte ich auch endlich die Bunte einfangen und mitnehmen. Noch immer sprach er kein weiteres Wort zu mir und ich kämpfte damit die Stute gleichmäßig neben mir zu führen. Blá legte mehrfach die Ohren an und zickte Smoothie an, die sich nicht beirren ließ von der Stute. Niklas legte im Tempo etwas zu, was die Isländer Dame nur noch mehr aufregte. Nervös tänzelte sie neben mir her und erst durch mehrmaliges Anhalten sowie rückwärtsrichten bekam ich sie wieder unter Kontrolle.
      “Hast du es auch endlich mal geschafft?”, schmunzelte Niklas, als ich deutlich später ankam. Seine Stute stand bereits in der Box und mümmelte im Heu. Ich gab keine Antwort, sondern drückte ihm nur die Zicke in die Hand, um Snotra wegzustellen. Kaum zu glauben, dass sie heute mal die Ruhige war. Natürlich bedeutete Blávör Hexe, dem sie heute alle Ehre machte. Er hatte sie bereits angebunden und begann sie zu putzen. Neben dem Pony wirkte er noch größer und ziemlich verloren. Ihn zu beobachten im Umgang mit Pferden beruhigte mich ungemein und hatte etwas Meditatives. Es zu beschreiben, fiel mir schwer, doch es kribbelte in mir und den Blick abzuwenden funktionierte nicht.
      “Warum beobachtet ihr mich immer, wenn ich mich mit einem Pferd beschäftige?”, unterbrach Niklas meine innerliche Ruhe.
      “Das hat was Meditatives. Du strahlst dabei so eine anziehende Ruhe aus”, wendete ich meine Blicke von ihm und half beim Putzen. Das weiße Fell der Stute färbte sich an einigen Stellen ziemlich grün und auch braun.
      “Sowas hat noch nie jemand zu mir gesagt. Sonst wollen mich alle immer nur ausziehen”, scherzte er und schien etwas überspielen zu wollen. Das Lachen klang unecht, beinah einstudiert. Ihn danach zu fragen, wirke für mich falsch.
      “Ach, das kenne ich schon. Langweilig”, stieg ich mit ein und lachte. Blá stand noch immer ruhig da, als würde sie sich genauso wohl gerade fühlen wie ich.
      “Was heißt denn hier bitte langweilig?”, beschwerte er sich lautstark. Ich lachte nur und begann die Hufe auszukratzen, als ich seine Hände an meiner Hüfte spürte.
      “Immer noch langweilig?”, provozierte Niklas weiter. Kalt lief es mit am Rücken herunter, das Kribbeln wurde wieder stärker und ich spürte, dass etwas an meinem Bein. Mit dem Huf war ich fertig und schnellte nach oben, da die Stute noch zwei weitere hatte, die gerne sauber sein wollten. Doch er ließ mich nicht los, sondern drängte mich an das Pferd. Sie legte die Ohren an und schlug wieder mit dem Schweif.
      “Oh, ich hatte nicht erwartet hier jemanden anzutreffen”, vernahm ich auf einmal eine Stimme, die aus Richtung der Tür zu kommen schien und so wie es sich anhörte, gehörte sie eindeutig zu einer Frau. Niklas ließ sofort von mir los und trat zwei Schritte zurück.
      “Ähm … ich … wir auch nicht”, stammelte ich berührt vor mir her. Es fühlte sich an, als wären wir bei irgendwas wirklich Schlimmes erwischt worden sein, doch war es das denn? Ich wollte mir darüber keine Gedanken mehr machen, aber das fiel mir wirklich schwer. Denn er fühlte sich offensichtlich auch nicht wohl dabei, sonst hätte sich nicht direkt von mir entfernt. Ich dachte zu viel. Viel zu viel. Die Unsicherheit kam wieder, meine Atmung wurde schneller und meine Hände zitterten.
      “Ähm, ich wollte eigentlich nur nach meinem Pferd sehe, aber ich kann das wohl auch später machen”, redete die junge Frau leicht irritiert weiter und wandte sich wieder zum Gehen.
      “Ach ist doch alles gut, wir wollten eh gerade die Stute satteln”, antwortete Niklas nun und legte kurz seine Hand an meinen Arm. Ich bewegte mich direkt auf die andere Seite von Blávör, um die rechten Hufe auszukratzen. Er holte schon mal das Sattelzeug, doch kam wenig später wieder aus der Sattelkammer. Offenbar wusste er nicht genau, was ihr gehörte. Doch meinen Helm hatte er bereits in der Hand.
      “Okay, dann geh ich mal zu meinem Pferd”, antwortete die blonde Frau und verschwand in einer Box, in der ein Haflinger stand. Ich wusste nicht, was ihr sagen sollte, meine Gedanken waren ganz wo anderes. Es wirkte so surreal alles. Aus der Kammer holte ich das Sattelzeug und machte die Stute fertig. Als ich den Helm aufsetzte und in der einen Hand die Zügel hielt und in der anderen die Gerte, wollte ich nach draußen. Dann fiel mir ein Problem auf. Die Dame schien hier zu arbeiten. Ich drückte Niklas alles wieder mal entgegen.
      “Du? Vielleicht kannst du mir helfen? Ich wollte mit ihr auf den Reitplatz, aber ich weiß gar nicht, wie das Flutlicht angeht”, fragte ich freundlich und leise, denn sie war vertieft mit ihrem Pferd.
      “Klar, kein Problem. Das kann ich euch zeigen, der Schalter ist direkt am Platz”, antwortete sie freundlich und trat aus der Box heraus. Niklas und ich folgten ihr zum Reitplatz, wo sie uns einen Schaltkasten an der Seite zeigte. “Der Knopf hier ist für das Licht, macht es einfach wieder aus, wenn ihr dann fertig seid.”
      Ich sah nicht, was ich erwartet hatte. Das Flutlicht war eine wirklich lange Schlauchlichterkette, die sich um den ganz Zaun wickelt. Auch die Barken vom Dressurplatz erleuchteten in einem warmen Licht. An den Ecken des Platzes standen große Flutlichter, aber spendeten nur wenig Helligkeit.
      “Danke dir”, antwortete ich und nahm Niklas wieder das Pferd ab. Er kam mit auf den Platz, hielt mir gegen und schwang mich auf den Rücken der Stute. Direkt kaute sie auf dem Gebiss herum und senkte den Kopf. Dann ritt ich im Schritt los. Dabei setzte ich mich mehrfach um. Obwohl ich mich auf das Pferd konzentrieren sollte, wich mein Blick immer wieder zu Niklas, der es sich auf einer Bank bequem gemacht hatte. Untypisch hielt er sein Handy nicht in der Hand, sondern beobachtete auch mich. Keiner von uns sagte etwas, doch ich spürte, dass sich unsere Augen mehrfach trafen. Das Kribbeln kam wieder, doch auch Jennis Worte hallten durch meinen Kopf. Auch was er am Vortag sagte, vergaß ich nicht.
      “Bleib locker und verkrampfe deine Hände nicht so sehr, das macht Bla nervös”, sagte er.
      “Wird das jetzt Unterricht, oder was ist genau dein Plan? Nur zur Information, das spricht man Blá”, protestierte ich und betonte die letzte Silbe wie ein Au, denn es war kein kurzes beinah stummes a. Obwohl Isländisch Schwedisch ziemlich nahekam, gab es einige wichtige Silben, die anderes gesprochen wurden und die Bedeutung vollkommen veränderten.
      “Bla bla bla. Jetzt mach’ was ich dir sage”, befahl er mir. Ich rollte mit den Augen und versuchte mich mehr auf die Stute zu konzentrieren. Meine Gedanken wanderten wieder an den kurzen Moment im Stall, meine Beine wurden lockerer und hingen entspannt parallel zum Pferd. Schon schnaubte Blávör ab und streckte sich. Er lobte uns beide und ich bekam ein besseres Gefühl im Sattel. Das von Max erwähnte zickige Verhalten, dass sie sonst an den Tag legte, spürte ich nicht. Erst als wir mit dem Trab begannen, legte sich Blávör auf den Zügel, schüttelte wild mit dem Kopf und bremste abrupt ab. Vorwärts wollte sie nicht mehr und lief hektisch zurück.
      “Provoziere sie nicht, sondern gebe ihr Freiraum. Blá muss darüber nachdenken und das Vertrauen mit dem Reiter finden. Körperlich scheint auf den ersten Blick als in Ordnung zu sein, also braucht sie Ruhe”, vermittelte Niklas mir. Ich ließ die Stute stehen, bis sie auf die halben Paraden reagierte und den Kopf senkte. Mit meinem Schenkel arbeite ich langsam daran, dass sie einen Schritt vorwärtslief. Dann lobte ich direkt und hörte mit dem Druck auf. Ich blieb hartnäckig, bis Blávör normal im Schritt wieder lief. Freundlich lobte ich sie, dabei spürte ich, dass die Stute davon sehr erschöpft war. Es hinderte mich nicht daran nach einigen Runden Schritt wieder in den Trab zu wechseln. Diesmal folgte Blávör meinen Hilfen und zickte nicht mehr herum. Am Ende konnten wir auch noch etwas tölten. Niklas half mir dabei meinen Sitz noch zu verbessern und meine Hände ruhiger zu halten. Ich hatte Probleme dabei mich im Sattel zu halten. Bei dem Ändern des Tempos wackelte ich im Sattel und das nahm die Stute mir übel.

      Lina
      Jace und ich hatten uns noch eine ganze Zeit unterhalten, überwiegend darüber, was Jace und ich glaubten, was Divine bereits alles konnte. Immerhin war der Hengst gerade einmal 4 Monate hier. Bei einem Pferd, welches in einem so schlechten Zustand gewesen ist wie Divine, war das eine ziemlich kurze Zeit. Wobei wir für so eine kurze Zeit schon weit gekommen waren, immerhin hatte ich Ivy im Juli auf einer Zuchtschau vorgestellt.
      “Habe ich eigentlich mal erzählt, dass Divine schon als Einhorn bezeichnet wurde”, fragte ich Jace beiläufig. Wie ist so an die Zuchtschau zurückdachte, musste ich unwillkürlich lächeln.
      “Nein, aber ich kann mir gut vorstellen, dass das öfter vorkommt”, antworte Jace.
      “Ohh, das war richtig niedlich. Nachdem ich Ivy vorgestellt hatte, kam ein kleines Mädchen an. Sie war total begeistert von meinem Hengst, Divine natürlich auch von ihr, du weißt ja er liebt Kinder”, begann ich von der Begegnung mit den kleinen Mädchen zu erzählen. “Naja, auf jeden Fall meinte die kleine irgendwann, dass Divine ja aussähe wie ein Einhorn, da würde nur noch eine Menge Glitzer fehlen. Ich habe danach tatsächlich überlegt, ob ich ihm ein Glitzerhalfter kaufe.”
      Auf einmal unterbrach Samu unser Gespräch: „Lina, denkst du auch noch daran Legolas von der Koppel zu holen.” Er stand mit Elf Dance am Weg, den er offenbar gerade von der Koppel geholt hatte. Bisher war mir gar nicht aufgefallen, dass die Sonne inzwischen gänzlich untergegangen war.
      “Oh ist es schon so spät?”, fragte ich ein wenig verwundert und griff gleichzeitig nach meinem Handy, welches immer noch neben mir im Gras lag.
      “Joo”, bestätigte Samu das was ich auch schon auf meinem sah. 21:15 leuchtete mir auf dem Display entgegen. “Ja, dann sollte ich den armen Kerl mal lieber reinholen, bevor er noch ganz allein draußen steht.“
      “Ich komm mit, ich muss Herkules auch noch holen”, steuerte Jace bei und reichte mir die Hand, um mir beim Aufstehen zu helfen.
      “Hast du mir etwa heute noch nicht lang genug das Ohr abgekaut”, scherzte ich und ließ mich von ihm hochziehen.
      “Also für mich sieht das aus...als wären deine Ohren noch dran”, stellt er nach ausreichender Betrachtung fest und grinste breit. Es freute mich, dass Jace wieder normal war, ansonsten hätte ich wohl mit dem schlechten Gewissen, einen Trauerkloß zurückgelassen zu haben nach Schweden fliegen müssen.
      “Schön, dass ihr so viel Spaß habt, aber wenn ihr in dem Tempo weitermacht, kommt ihr nie an der Koppel an”, ließ sich Samu vom Wegesrand entnehmen, bevor er seinen Hengst in Bewegung setzte.
      “Ja ja, ist ja gut”, rief ich ihm noch hinterher und machte mich mit Jace zusammen auf den Weg zur Koppel. Auf einer der vorderen Koppel stand ein schwarzer Umriss am Zaun und wartete bereits. Das Einzige, was mir verriet, dass dieser Umriss Legolas war, war seine Blesse, die mir weiß im Mondlicht entgegen leuchtete.
      “Ich gehe gerade noch Herkules holen, wartest du hier?”, fragte Jace. Damit die Stricke immer in der Näher der Pferde waren, banden wir sie an die Koppeltore. Somit löste ich Legolas Strick vom Tor, während ich Jace antwortete: ”Klar, wird ja nicht lange dauern.”
      Jace verschwand in der Dunkelheit und ich öffnete das Tor zur Koppel. Lego streckte mir schon freundlich seinen Kopf entgegen. “Na mein hübscher, bald wirst du sicher pünktlich in den Stall gebracht”. Sanft strich ich dem Hengst über die weiche Nase, bevor ich den Strick in sein Halfter einklinkte. Brav folgte mir der große Hengst aus dem Tor.
      “Der braucht ganz schön lange, Lego”, sagte ich zu dem Pferd, nachdem ich schon gefühlte 5 Minuten auf Jace wartete.
      “Ich habe da noch wen auf der Koppel gefunden”, rief mit Jace zu, der endlich kam. Neben Herkules leuchtete noch das helle Fell eines zweiten Pferdes. Natürlich Divine, wie konnte ich nur so dämlich sein. Ich hatte ihn nach dem Reiten noch mal rausgestellt.
      “Kann mir irgendwer verraten, warum ich immer ausgerechnet ihn immer vergesse?”, fragte ich Jace, de inzwischen neben mit stand und nahm den Strick entgegen.
      “Keine Ahnung”, antwortete Jace Schulterzucken. “Vielleicht ist dein kleines Köpfchen mit zu vielen anderen Dingen beschäftigt.” Damit hat er sehr wahrscheinlich ins Schwarze getroffen, doch das wollte ich jetzt nicht weiter evaluieren. “Möglich, aber jetzt gerade ist mein Hirn damit beschäftigt, dass diese beiden Pferde hier in den Stall kommen, also lass uns gehen”, versuchte ich vom Thema abzulenken. Statt auf eine Antwort von Jace zu warten, lief ich los mit den beiden Pferden im Schlepptau. Da Hufgetrappel eines dritten Pferdes verriet mir, dass er mir folgte.

      Vriska
      „Was würdest du eigentlich ohne deine Pferde machen?“, unterbrach ich die Stille. Im Stall fraß Blávör ihr Kraftfutter, dass sie nach dem Absatteln von mir hingestellt bekam.
      „Wie, was würde ich machen?“, zog Niklas die Augenbrauen hoch, als hätte er meine Frage inhaltlich nicht verstanden und steckte das Handy zurück in die Tasche, an dem er schon wieder hing.
      „Na ja, so arbeitstechnisch“, kam es kleinlaut aus meinem Mund. Würde jemand wie er überhaupt arbeiten?
      „Ich arbeite bei der Polizei“, zuckte er mit den Schultern und kam einige Schritte näher. Sonst war niemand in der Nähe.
      „Jetzt wo du das sagst, ergibt das Sinn“, schämte ich mich, ihm vorgeworfen zu haben, auf dem Reichtum seiner Familie zu sitzen. Natürlich verdiente man auf den Turnieren, die er mit ritt, ziemlich hohe Summen. Doch so wie ich es bisher verstand, hatte Niklas nur Qualifikationen und noch nichts wirklich sehr Großes in seinem Lebenslauf.
      „Jetzt bist du mir eine Erklärung schuldig“, schmunzelte er und legte seine Hände wieder mal an meine Hüften. Ich fühlte mich unwohl dabei, denn aus sehr weiter Ferne hörte ich Linas Stimme. Mit jemanden unterhielt sie sich, doch ich konnte die andere Stimme niemanden auf Anhieb zuordnen. Ungeschickt versuchte ich mich ihm zu entreißen, was mir nicht gelang. Hinter mir stand die Stute von Max, die noch immer sehr langsam ihr Futter kaute.
      „Könntest du bitte deine Hände wegnehmen“, sagte ich ihm und senkte meinen Kopf, um seinen Blicken zu entkommen.
      „Was ist, wenn ich es nicht tue?“, sagte Niklas in ruhige Stimme. Ein Lächeln kam über seine Lippen.
      „Dann muss ich dich leider anzeigen und du weißt sicher selbst, welche Folgen das haben würde“, lachte ich. Er ließ von mir und tätschelte meinen Kopf.
      „Dann beantworte wenigstens meine Frage, wenn ich dich nicht spüren darf“, schmollte er. Es fühlte sich wirklich echt an, als wollte Niklas in meiner Nähe sein, mich berühren und Glücklichsein. Das stand mir nicht zu. Gestern erklärte er noch, dass das mit uns beiden nur Liebschaft wäre. Ohne Zukunft. Ohne, dass ich mir darauf etwas einbilden sollte. Mein Lächeln verschwand wieder und Blávör war endlich fertig. Seine Frage musste für den Moment ohne eine Antwort verbleiben, denn die Hübsche wollte in ihre Box zurück. Er folgte mir, als gäbe es etwas zu verpassen, doch meine Konzentration blieb bei Blávör. Ungeschickte stolperte sie mehrfach und trat mir dabei in die Schuhe. Froh darüber, heute ausnahmsweise die Chaps angezogen zu haben, zog ich das Halfter über ihren Schopf und schloss die schwere Boxentür.
      „Mein Mann möchte noch rein, kommst du mit?“, fragte ich.
      „Hoffentlich bekommt er das mit uns nicht raus, sonst gibt es noch Streit“, antwortete er scherzhaft und legte seinen Arm um meine Schulter.
      „Er weiß es schon, aber wir führen eine glückliche offene Beziehung“, lachte ich und lief mit Niklas raus. Am Ende des Weges konnte man Lina klar identifiziere. Divine trottete neben ihr her, sowie Legolas und ganz gegen meine Erwartung, gehörte Jace die Männerstimme. Das hatte mir jetzt noch gefehlt. Niklas trug noch immer die Schiene an seiner Nase von dem Zwischenfall der Beiden. Ich nahm seinen Arm von meinen Schultern und senkte den Kopf. Sollte ich mich entschuldigen? Sie ignorieren? Nervös biss ich auf meinem Lippenpiercing herum und öffnete den Ring immer wieder. Ich spürte, dass die Innenseite meiner Unterlippe bereits wund war. Bei Nervosität tat ich das immer und letzten Tage statt ich dauerhaft unter Strom.

      Lina
      “Was hast du eigentlich morgen vor?”, fragte Jace, der den Wink mit dem Zaunpfahl offenbar verstanden hatte.
      “Viel, sehr viel außer Nathalie sind die Pferde heute die Pferde zu kurz gekommen. Hazel war ja überaus freudig, damit beschäftigt mich von meiner eigentlichen Arbeit abzuhalten”, antwortete ich Jace. Dieser sah mich zwar ein wenig verwirrt an, weil er anscheinend keine Ahnung hatte, wovon ich redete, fragte aber: “Soll ich dir morgen vielleicht ein wenig helfen?” Herkules, den neben Jace herlief, spitzte auf einmal die Ohren. Dieses Verhalten ließ meinen Blick nach vorne wandern. Vriska und Niklas kamen uns entgegen. Sofort spannte sich alles in mir an. Einerseits hatte ich ein wenig bedenken, dass Jace mal wieder irgendetwas Dummes tun würde, dieser Mann war nicht leicht einzuschätzen und andererseits, weil mein Unterbewusstsein der Meinung war, Flucht sei die beste Entscheidung. Da das nicht nur seltsam, sondern absolut bescheuert wäre, entschied ich mich dagegen.
      “Ne, schon gut. Ihr werdet noch genug zu tun haben, wenn ich nicht mehr da bin. Außerdem ist morgen eh Freispringen für Nathy und Masko.” Ich hoffte inständig, dass man mir die Anspannung nicht ansah. Aus dem Augenwinkel heraus nahm ich wahr, dass Niklas und Vriska an uns vorbeiliefen. Da mein Blick starr geradeaus ging, konnte ich nicht genau sagen, ob sie uns beachteten oder nicht.
      “Wie du meinst. Falls du es dir doch anders überlegen solltest, kannst du ja Bescheid sagen”, antwortete mir Jace schulterzuckend. Divine schnaubte laut und blieb stehen, um sich zu schütteln, was natürlich dazu führte, dass ich auch stehen bleiben musste.
      “Na komm Ivy, dein Abendbrot wartet”, mit einem leichten Zug am Strick versuchte ich meinen Hengst zum Weitergehen zu bewegen. Tatsächlich setzte sich der Freiberger in wieder in Bewegung.
      Im Stall angekommen stellte ich die beiden Hengste in die Box.
      “Soll ich Herkules Futter auch mitbringen?”, rief ich Jace über die Stallgasse zu.
      “Ja bitte. Steht schon fertig in der Futterkammer”, antwortete er. In der Futterkammer nahm ich als Erstes die Schüsseln von Divine und Legolas. Jeder bekam seine Portion Hafer in die Schüssel. Dazu gab es für jeden noch eine klein geschnitten Möhre, für Divine gab es noch ein paar Minerale, da er leider immer noch leichte Mangelerscheinungen hat. Das Öl füllte ich wie immer erst einmal in ein kleines Becherchen. Ich hatte mir angewöhnt es erst in der Box über das Futter zugeben, damit das Öl auch wirklich im Pferd landete und nicht in dem Futterschüssel. Zuletzt schnappte ich mir noch Herkules Schüssel und trat wieder auf die Stallgasse. Herkules begann in seiner Box ungeduldig im Kreis zu laufen, ab und zu stehenzubleiben und mit den Vorderhufen gegen die Tür zu schlagen.
      “Den Lärm da solltest du ihm mal abgewöhnen.” Mit diesen Worten drückte ich Jace seinen Futterschüsseln in die Hand und ging zu Legolas Box. Der Hannoveraner Hengst schaute mir bereits neugierig entgegen und brummelte leise. Divines Futter stellte ich in sicherer Entfernung zu hungrigen Pferdenasen auf dem Boden.
      “So mein großer, du musst da mal weggehen”, sprach ich den Hengst an und öffnete die Boxentür. Wohlerzogen trat der Hengst beiseite, als ich ihn an der Brust anstupste und wartete bis sein Futter im Trog war.
      Ich schütte das Öl über sein Futter und trat zu Seite: “Jetzt darfst du, Lego.” Hungrig steckte er seine Schnauze in den Trog und begann zu fressen. Aus der Nachbarbox meldete sich nun auch Divine, der auch endlich sein Fressen haben wollte, mit einem Wiehern.
      “Ich komm ja schon, Kaunokaiseni “, rief ich meinem Pferd zu, während ich die Box von Legolas hinter mir schloss.
      “Was bedeutet... Kaunokasi eigentlich, mir ist aufgefallen, dass du ihn öfter so nennst”, fragte Jace, der gerade aus der Box von Herkules heraus trat.
      “Kaunokaiseni heißt das”, wiederholte ich noch mal langsam und lachte. Was auch immer Jace da gesagt hatte, war meilenweit von dem Wort entfernt. “Es bedeutet, meine Schönheit.” Jace kam zu mir herüber geschritten und hob auf dem Weg dahin, Divines Futterschüssel auf.
      “Schönheit also? Ja, das passt zu ihm”, mit diesen Worten reichte er mir die Futterschüssel. “Soll ich die von Legoals schon mal mitnehmen? Dann mach ich die schon mal sauber.” Statt auf eine Antwort zu warten, nahm er mir einfach die leere Schüssel aus der Hand.
      “Kiitos”, antwortete ich ihm und öffnete Divines Box.
      “Und was heißt das?”. Mit einer Mischung aus Verwirrung und Neugier sah mich Jace an.
      “Sorry, kurz vergessen, dass du dieser Sprache nicht mächtig bist. Es heißt Danke. Ich dachte, das hättest du vielleicht schon einmal mitbekommen in den letzten 2 Jahren, Samu und ich sind ja nicht seit gestern hier”, erklärte ich ihm ein wenig amüsiert.
      “Ja schon, … aber ich habe das bisher nie hinterfrag und es kommt noch dazu, dass ihr mit uns tatsächlich meistens Englisch redet, sogar bei solchen Kleinigkeiten”, schilderte mir Jace. Der Sprachwechsel war für mich schon seit der Schule so selbstverständlich, dass es mir meistens gar nicht auffiel welche Sprache ich gerade sprach.
      “Oh tatsächlich, ich merk das schon gar nicht mehr”, sagte ich schmunzelnd. Ivy wollte schon seine Nase in die Futterschüssel stecken, doch ich schubste diese weg. Divine war leider noch nicht ganz so gut erzogen wie Legolas, vor allem wenn es um Futter geht. Jace verschwand derzeit in der Futterkammer. Mein Pferd belästigte die Schüssel und mich weiterhin, sodass ich ihn noch ein paar mal korrigieren musste, bevor ich an ihm vorbei an den Trog kam. Auch Divines Futter landete im Trog und ich gab es dem Hengst frei. Ich verließ die Box, um auch diese Futterschüssel noch sauberzumachen. Jace war bereits fertig mit den anderen Schüsseln und wenn ich nicht aufgepasst hätte, wäre ich ihn wohl in ihn reingelaufen. Kurz vor ihm kam ich zum Glück gerade noch so zum Stehen.
      “Immer schön langsam, Lina”, entgegnete Jace mir und sah zu mir runter. Für meinen Geschmack war das hier eindeutig zu nah, immerhin kann ich nicht leugnen bis vor ein paar Tagen noch irgendetwas von ihm gewollte hatte. Wohlgemerkt bevor er sich aufgeführt hatte wie ein vorkommender Idiot.
      “Ähh, ja…”, murmelte ich und ging ein ganzes Stück zur Seite, um aus dieser Situation zu entkommen.
      “Soll ich noch auf dich warten?”, fragte er und sah nicht so aus, als wolle er aus der Tür gehen. Denn statt Anstalten zu machen sich zu bewegen, lehnte er sich gemütlich an den Türrahmen. Da war er wieder, ganz der alte Jace.
      “Ne brauchst du nicht. Ich komm dann nach, vorausgesetzt du lässt mich da mal rein.” Mit einem Kopfnicken deutete ich auf die Futterkammer.
      “Also bitte Lina, so dick bin ich jetzt nicht, als dass du da nicht vorbeikämst”, scherzte er. Als ich nicht versuchte mich an ihm vorbeizuquetschen, bewegte er sich doch aus der Tür.
      “Danke”, murmelte ich und verschwand in der Futterkammer. Während die Tür hinter mir zu fiel, konnte ich wahrnehmen wie sich seine Schritte tatsächlich entfernten. Ich säuberte Divines Schüssel und stellte sie ins Regal. Als ich die Futterkammer wieder verließ, sah ich, dass mein Pferd mit dem Kopf aus der Box hing und dabei die Hälfte seiner Futter aus dem Maul fallen ließ. “Ach, Ivy du möchtest auch, nur dass ich gut beschäftigt bin, oder?”, sagte ich seufzend zu dem Pferd. Bevor ich zu einem Besen griff, warf ich einen Blick in den Trog des Hengstes, er war noch halb voll, also würde ich wohl warten, bis er aufgefressen hatte. Ungern würde ich die Stallgasse zweimal fegen wollte. Somit setzte ich mich vor die Box und beobachtete den Freiberger dabei, wie er vor sich hin krümelte.


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  • Zuchtname: Blávör
    Rufname: Blá (gesprochen: Blau)

    Aus der: Unbekannt
    Mutter: Unbekannt Vater: Unbekannt
    Den: Unbekannt
    Mutter: Unbekannt Vater: Unbekannt
    ____________________________________

    Geschlecht: Stute
    Rasse: Isländer
    Geburtsdatum: 19. April 2011
    Farbe: Chimäre (Rappe und Braun Tobiano)
    Abzeichen: Scheckungsbedingt (Beine)
    Stockmaß: 139 cm

    Charakter:
    Obwohl sich Blávör zielstrebig und fleißig zeigt, macht sie ihren Namen (Hexe) alle Ehre. Gegenüber anderen Pferden legt sie oftmals die Ohren an und verhält sich wie es im Buche steht wie eine Stute. Trotzdem ist sie gelehrig und freundlich unter dem Sattel. Sie respektiert ihren Reiter.
    ____________________________________

    Gencode: Unbekannt
    Zuchtzulassung: Nein
    Gesamtnote: -
    Nachkommen: -

    [Schleife]
    Prüfung
    ____________________________________

    Dressur: A / M
    Springen: E / E
    Military: -
    Fahren: -
    Rennen: E / L
    Gangreiten: L / M
    Western: -
    Distanz: E / A

    Gänge: 5

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    218. Gangturnier (16.10.2019)
    226. Gangturnier (05.01.2020)
    227. Gangturnier (12.01.2020)

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    -

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    200. Gangturnier (29.10.2018)
    215. Gangturnier (03.09.2019)
    216. Gangturnier (10.09.2019)
    220. Gangturnier (06.11.2019)

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    418. Distanzturnier (09.12.2019)
    425. Distanzturnier (03.02.2020)

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    500.Galopprennen (01.01.2020)
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    Besitzer: Mohikanerin
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    VKR: Sadasha
    Ersteller: Sadasha
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