1. Diese Seite verwendet Cookies. Wenn du dich weiterhin auf dieser Seite aufhältst, akzeptierst du unseren Einsatz von Cookies. Weitere Informationen
Mohikanerin

Binomialsats [14/20]

a.d. Satz des Pythagoras, v. Damon`s Dynamo

Tags:
Binomialsats [14/20]
Mohikanerin, 9 Dez. 2021
Zion, peachyes, Veija und 5 anderen gefällt das.
    • Mohikanerin
      Dressur E zu A | 28. Februar 2022

      Otra // Binomialsats // Erlkönig // Glanni frá glæsileika eyjarinnar // Sakura Blomst

      “Kili, heute ist dein Tag und du entscheidest, was wir machen”, sprach Travaris und reichte mir die Karaffe mit frischem Orangensaft. Sogleich schenkte ich mir ein Glas ein.
      “Ich habe dir schon letztes Jahr gesagt, dass es mir nicht wichtig ist”, erklärte ich ohne dabei den Blick von meinem Handy zu lösen, auf dem ich wieder einmal die romanartigen Nachrichten meiner Schwester versuchte zu verstehen. Sie erzählte von Schwierigkeiten mit Glanni, der inmitten der Dressurprüfung verweigerte und sie in den Sand setzte. Dabei blieb der Spott der Zuschauer und ihrer Freunde nicht aus.
      “Auf der Stelle möchte ich in Feuer aufgehen”, schrieb sie mehrfach, eine Wortverbindung, die sie zu gern nutzte, um ihren Scham zu verbildlichen. Bevor ich den Absatz beendete, verschwand der Text unter einer Hand, die von niemand anderes als meinem Freund gehörte.
      “Jonina braucht mich”, versuchte ich ihm zu vermitteln. Trav kümmerte diese Aussage nicht im Geringsten. Sanft zog er mir das Gerät aus der Hand, sperrte es und legte es auf seiner Seite des Tisches ab, sodass ich nur durchs Aufstehen es zurückbekam. Seufzend sah ich tief in die Meer-blauen Augen und verspürte die plötzliche Sehnsucht nach dem Schnee. Ich konnte mich kaum noch daran erinnern, wie sich das weiße Zeug zwischen den Fingern anfühlt, obwohl ich vor kaum als sechs Monaten meine Schwester besucht hatte in der Heimat. Alles daran vermisste ich, aber sobald ich in Schweden ankam, zog es mich wieder nach Portugal. Es war eine Zerreißprobe, jeden Tag aufs Neue.
      “Ich hole uns noch einen Kaffee und in der Zeit überlegst du dir, was wir unternehmen”, sprach Travaris, mit einem Lächelns auf den Lippen, “aber das hier nehme ich mit”, fügte er mit meinem Handy in der Hand hinzu. Zugegeben, er mochte meine Schwester nicht, obwohl sie erst zweimal mich besuchen kam. Anstelle mir mögliche Szenarien ihrer Nachrichten zu überlegen, versuchte ich eine geeignete Aktivität für uns beide zu finden und wie wir bei den vorherrschenden fünfunddreißig Grad verbrannten.

      “Und du bist dir ganz sicher?” Travaris erschien überrascht, als ich uns beiden jeweils ein Pferd gesattelt hatte und mein Shirt über den Anbinder warf. Dass sein Blick deutlich von meinen Augen weg wanderten, wunderte mich keines Wegs.
      “Ach Trav, jetzt sei kein Spielverderber”, jammerte ich und drückte ihm die Zügel von Sakura in die Hand, die zum Beritt bei uns auf dem Hof war. Die junge Stute begann aktuell, sich in der Dressur zu festigen. Dabei zeigte sie eine hohe Arbeitsbereitschaft, mit dem Willen, dem Reiter zu gefallen. Mein Hengst Erlkönig hingegen setzte häufig auf Durchzug und wollte nur an einigen Tagen auf mich reagieren. Ein Großteil der Arbeit fand vom Boden aus statt. Er liebte die Doppellonge und fand Vergnügen an der Freiheitsdressur, was ich mit großem Interesse weiterverfolgte. Kaum vorstellbar, dass dieses Pferd für Großes bestimmt war.
      “Weil du es bist”, gab Trav schlussendlich doch noch nach. Schritt für Schritt lief ich auf ihm zu und legte die Hände an seine Hüfte. Während meine Lippen nur Zentimeter von seinen entfernt waren, knurrte er: “Du kennst die Regeln”, und schob mich etwas von ihm weg. Ich gab nicht nach, sondern glitt mit einem Finger nach dem anderen unter sein Shirt, um es schließlich über das perfekte Haar zu streifen und zu meinem zu legen.
      “Ja, ich kenne sie, umso verlockender ist es, sie zu brechen”, flüsterte ich und gab ihm einen flüchtigen Kuss. Misstrauisch sah er mich an, nickte langsam und zog der jungen Stute die Zügel über den Hals.
      Als eine gesunde Abwechselung hatte ich in der Reithalle die Sprinkleranlage eingeschalten, um uns allen eine Abkühlung zu verpassen. Ungebremste schien die Sonne auf dem Hof. Kein Lüftchen wehte und die wenigen Bäume schenkten nur minimalen Schatten. So schön der Sommer auch war: Es könnte um einiges kühler sein, wenn ich schon nicht am Strand liegen durfte. Wie erhofft lag eine angenehme Frische in der Luft beim Einreiten in die Reithalle, die auch die Pferde mit Begeisterung feststellten. Zielgerichtet lief mein Fuchs zur einzigen kleinen Pfütze im Sand und trank draus, bevor ich mit einigen Paraden dazu motivierte wieder loszulaufen.
      Wir beschränkten die Dressureinheit auf simple Bahnfiguren im Schritt und Trab. In den Wendungen und Schlangenlinien kam Sakura unter Travaris gut an den Zügel, während mein Paso Ibero mehr daran dachte, im Tölt durchzustarten. Ihm langweilte Schritt, umso wichtiger war es, den Hengst in die nötige Balance zu bringen. Die Übergänge und Rückwärtsrichten förderten die Lastaufnahme in der Hinterhand, sodass wir nach einer halben Stunde einen guten Viertakt im Schritt fanden. Schließlich durfte er noch am lockeren Zügel auf dem Zirkel traben, bevor wir aus den Sätteln stiegen.
      “Was findest du nur an dem”, schüttelte mein Freund mit dem Kopf, als er abermals den Fuchs musterte, der mit wippendem Kopf neben mir lief. Dabei stieß mich das Pferd immer wieder aus dem Weg. Ich ignorierte das Verhalten und klopfte Erlkönig auf die Schulter.
      “Dasselbe könnte ich über dich auch sagen”, scherzte ich. Trav stieß mir leicht zur Seite, um mich in der Bewegung eng an sich heranzuziehen und bedrohlich nah an meinen Mund zu kommen. Auf meiner Haut spürte ich den warmen Atem und schluckte vergnügt.
      “Wenn wir nicht schon Tag und Nacht miteinander verbringen würde, wäre mein Leben nicht so erfüllt”, flüsterte er. Seine Hände lösten sich, als Schritte hinter uns ertönten. Ehrlich gesagt war es kein Geheimnis, dass wir seit mehr als einem Jahr ein Paar waren und das Geflüster über uns nahm seinen Lauf. Wir führten die Beziehung mehr hinter geschlossenen Türen, auch, wenn es mir schwerfiel, die Finger zu ihm zu lassen. Heute, an meinem Namenstag, war es eine Ausnahme. Aus der Tradition meiner Heimat, und seiner Vorliebe Dinge zu Feiern, heraus durfte ich mehr tun als sonst.

      Erst am Abend bekam ich mein Handy zurück und überprüfte sofort die Nachrichten meiner Schwester, die nicht nur immer mehr wurden, sondern auch länger. So schrieb sie über eine gescheckte Stute, Otra, die wohl auf dem Platz deutlich schlechtere Leistungen zeigte, als die Besitzer sich vorstellten. Dafür bekam Jonina, als Reiterin, natürlich die Schuld. Langsam aber sicher kristallisierte sich heraus, dass meine Schwester den Willen für Turniere verlor. Seufzend legte ich mein Handy zur Seite und starrte auf den Bildschirm meines Laptops. Bevor ich auch endlich ins Bett kehren konnte, stand noch eine Unterrichtsstunde auf dem Plan, mit einem Mädchen aus Schweden. Sie besaß einen braunen Hengst, Bino, der aus unbekannten Gründen Aussetzer hatte. Dabei buckelte er unkontrolliert los, wollte nichts weiter, als die Reiterin von seinem Rücken zu bekommen. Erst durch meine Hilfe konnte sie ihr Pferd in solchen Situationen stoppen. Mein König war schließlich auch so.
      „So ist gut“, lobte ich die beiden, als sie auf dem Zirkel trabte und im Anschluss aussaß auf einer doppelten Schlangenlinie. Das Paar stand noch am Anfang der Dressurarbeit, doch das Pferd zeigte großes Potenzial und ich war fest davon überzeugt, dass der Hengst nur seine Chance nutze. Die Kleine saß unsicher im Sattel und traute sich nicht, den Schenkel ordentlich anzulegen. Konsequent zog das Pferd ihr die Zügel aus der Hand. Meine Ideen zur Arbeit mit dem Tier waren vielfältig, allerdings interessierte sich die Pubertierende nicht für Bodenarbeit und der Festigung von Vertrauen. Der Hengst sollte ordentlich laufen und das war's. Seufzend sah ich zur Seite. Trav stand seit Minuten nur mit einem dünnen Stoff bekleidet am Türrahmen gestützt und beobachtete das Spektakel auf dem Bildschirm.
      “Vielleicht sollte sie mal herkommen, schließlich sieht das da wirklich grausam aus”, merkte dieser an und öffnete einen weiteren Knopf des Hemds. Mit einem Tastendruck stellte ich das Mikrofon aus, drehte mich mit dem Stuhl in seine Richtung und zog die Unterlippe zwischen meinen Zähnen hindurch. Unpassender hätte er die Anspielungen nicht wählen können.
      “Möchte sie nicht”, stammelte ich etwas unbeholfen. Mir drückte es auf dem Brustkorb, so wollte ich nichts lieber, als endlich ins Bett kommen, schließlich hatte auch Travaris festgestellt, dass dieser Unterricht nur Zeitverschwendung war. Mein Gewissen sprach weiterhin, dass ich lieber zum Bildschirm blicken sollte, schließlich stand sie noch immer in meiner Verantwortung.
      Die letzten Minuten sah ich mir das Schauspiel noch an, bevor ich sie aus dem Sattel holte. Schockiert blickte sie in die Kamera, verstand nicht so ganz, wo mein Stimmungswechsel herkam – ich auch nicht. Ich informierte sie über ihre Möglichkeiten, bevor sie wortlos den Anruf beendete und auch Anrufe nicht mehr reagierte. Dass sie im selben Alter wie meine jüngere Schwester war, unterstrich nur die Tatsache, dass es die Hormone waren.

      © Mohikanerin // Eskil // 8831 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Juni 2019}
    • Mohikanerin
      Military E zu A | 15. März 2022

      WHC’ Shakoy // Binomialsats

      “Jetzt nimm’ ihn endlich zurück, das kann ich mir nicht ansehen”, rief ich der jungen Schülerin auf dem Braunen zu, der unkontrollierten über die Wiese hetzte und nicht mal Anstalten zeigte, überhaupt eines der befestigten Hindernisse zu überqueren. Für den heutigen Trainingsauftakt war mit den Pferden ein lockeres Springen geplant, über sehr niedrige Baumstämme und flache Bäche, um das Vertrauen zu stärken und dem Pferd den nötigen Mut zu geben. Bino wollte nicht vertrauen und sein Besitzerin machte es durch das wilde Ziehen am Zügel auch nicht besser. Ich auf dem Fuchs Shakoy hingegen hatte alles unter Kontrolle. Gelassen trabte er über die geforderten Sprünge und galoppierte im Anschluss an. Nur um die Hecken machte er einen riesigen Bogen, als würden sie ihn Fressen wollen. Doch er bekam die Freiheit, sich diese Art von Hindernissen zunächst aus der Ferne anzusehen, bis Shakoy selbst entschied, näher heranzulaufen. Der Hengst war mutig und sehr geduldig. Auch meine Tochter hatte schon einige Reitstunden auf dem Berittpferd gehabt, um sich im Sattel zu festigen.
      Zurück zum Unterricht. Das Mädchen hatte Bino mittlerweile zurückgeholt und schweißtriefend stand er vor uns, breitbeinig wie ein Pitbull. Auch sein Gesichtsausdruck sprach Bände. Er konnte nicht mehr. Der hohe Vollblutanteil machte es uns allen nicht so leicht, das Tier optimal zu trainieren und was sich ihre Eltern bei dem Hengst dachten, erklärte sich mir auch nicht. Zur Abwechselung verlangte ich, dass sie mir nur nachreiten soll. In der Abteilung, so hatte ich es bereits in vielen Einheiten zu vor bemerkt, fühlte er sich sicherer und mit Shakoy vor sich, hatte er auch einen Kandidaten, der ihn parierte. Im Trab drehten wir einige Runden um die Hindernissen, wechselten die Hand und langsam kam auch ihr Pferd auf die Idee mehr in die Senkrechte zu kommen. Zum Abschluss legen wir noch einen versammelten Galopp ein, um die Pferde gezielter über die Hindernisse zu bekommen. Tatsächlich sprang Bino direkt ab und landete genauso gut.

      © Mohikanerin // 2028 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Sommer 2019}
    • Mohikanerin
      [​IMG]

      kapitel tretton | 21. März 2022

      Schneesturm // Northumbria // Lubumbashi // Maxou // Satz des Pythagoras // HMJ Holy // Girlie // Millennial LDS // WCH’ Golden Duskk // Moonwalker LDS // Friedensstifter // Form Follows Function LDS // Binomialsats
      Minnie Maus // Ready for Life // HMJ Divine


      Vriska
      “Ich habe ein Anliegen”, sagte Tyrell zu mir, als ich mich aus dem Sattel schwang von der langbeinigen Schimmelstute. Schneesturm liebte das kühle und nasse Wetter, was womöglich ihr auch diesen Namen eingehandelt hatte, ich hingehen fühlte mich ungemein unwohl, die nasse Hose an meinen Oberschenkel zu spüren. Der frostige Wind verstärkte das Gefühl nur noch mehr.
      „Na dann schieß mal los“, antwortete ich freundlich, dabei strich ich der Stute über den verschwitzten Hals und kramte mit der anderen Hand ein Leckerli aus der Hosentasche. Vorsichtig sammelte sie es von meinem Handschuh ab.
      “Die neue Rennstute, die du angeschleppt hast, soll erst mal geritten werden. Auf dem letzten Rennen war sie ziemlich hektisch und unkontrolliert, das gefällt mir nicht. Wenn du nicht möchtest, weil ich sehe, wie viel du plötzlich zu tun hast, frage ich Jonina”, erklärte er. Zusammen liefen wir in den Stall hinein und mein Chef erzählte ausführlicher, wie Humbi sich in letzter Zeit am Sulky benahm. Folke verlor immer häufiger die Kontrolle. Selbst der Scheck und Augenklappen stellten keine Lösung dar, weswegen ein ruhiges Abtraining und vielseitige Arbeit den nötigen Ausgleich bringen könnten. Kurz überlegte ich, aber in meinen Fingern kribbelte es sofort. Die große Stute und ich hatten sofort eine Verbindung und hiermit bekam ich Möglichkeit daran weiterzuarbeiten.
      “Ja klar, gern. Lässt sich einrichten”, schmunzelte ich selbstsicher und mit einem Nicken verabschiedete er sich. Nur in Auszügen konnte ich erahnen, was Humbria derart verunsichern könnte, doch ich war mir sicher, dass ich der Aufgabe gewachsen war.
      Prüfend sah ich zur Uhr beim Wegbringen des Sattelszeugs in der Sattelkammer, der Tierarzt kam erst in einer Stunde, somit könnte ich vorher noch mit meiner neuen Aufgabe anfangen. Entschlossen nahm ich das Lederhalfter mit ihrem Namen vom Haken. Schnee hatte bereits aufgefressen und konnte mit ihrer weinroten Weidedecke zurück auf den Paddock.
      “Hallo”, begrüßte ich mit ruhiger Stimme Humbi, die sofort neugierig die Ohren spitzte und mich mit ihrem Kopf anstupste. Aus der Erfahrung heraus bekam sie umgehend ein Leckerli, dass uns dieses Problem heute nicht im Weg stehen würde. Entschlossen, und auf Zehenspitzen, streifte ich das Halfter über ihre riesigen Ohren, die noch immer nach oben ragte. Irgendwas fokussierte sie gespannt an, den Grund dafür, konnte ich allerdings nicht entdecken. Zur Sicherheit zog ich den Strick wie eine Hengstkette über ihre Nase und durch den seitlichen Ring wieder nach unten.
      “Na komm”, sagte ich und setzte mich in Bewegung. Wie angewurzelt stand sie da, bewegte sich keinen Millimeter von der Stelle, sondern starte weiter zum Horizont. Da entdeckte ich einen kleinen hellen Punkt, der sich dabei langsam veränderte. Nur mit guten Zusprüchen folgte sie schlussendlich. Geduldig nahm ich es hin und im Stall begann ich den Vierbeiner ausreichend Zuwendung zu schenken. Aus der Box an der Seite hörte ich leises Brummen – Lubi versuchte, mit dem Rennpferd Kontakt aufzunehmen. Humbria hingegen ignorierte sie vollkommen, untersuchte lieber den Boden des Stalles, der makellos geputzt war.
      Hufschlag ertönte, während ich den Vorderhuf auf meinem Oberschenkel zu liegen hatte. Mit einem Satz bewegte sie sich nach vorne und trat mir unausweichlich gegen mein Bein. Schmerzerfüllt schrie ich auf, rieb mir die pochende Stelle am Knie.
      Durch das Haupttor führte Erik zusammen mit Trymr die Pony Stute hinein. Sie mussten Ewigkeiten im Wald gewesen sein, denn schon als ich aufstand, war er nicht mehr da.
      “Guten Morgen”, begrüßte ich ihn heiter und humpelte zu ihm. Er grinste breit. Auch Maxou erhob den Kopf, als sie meine Stimme hörte und verlängerte die Schritte. Von ihrem Schweif tropfte das Wasser und auch Erik war nicht verschont worden von dem plötzlichen Regenschauer, der mich beim Ausritt ereilte. Jedoch bereitete er sich darauf vor, trug ein Cap auf dem Kopf, mit einer Kapuze darüber. Ein neckisches Lächeln umspielte seine Lippen, während es sich anfühlte, als würde er mich mit seinen Augen entkleiden. Aber auch in mir regte es sich, jagte ein lustvolles Ziehen durch meinen Unterleib, der mir den Schmerz im Knie vergessen ließ. Wie schaffte er es nur mit der bloßen Anwesenheit und einigen Änderungen seines Standardoutfits mich derartig zu verzaubern? Ich atmete tief durch, versuchte mich darauf zu konzentrieren, dass die dunkle Stute meine vollständige Aufmerksamkeit verlangte.
      Erik kam näher und presste mich fest an seine Hüfte. Wieder stockte mein Atem. Es gab nichts, das uns hinderte. Leidenschaftlich drückte ich meine Lippen auf seine, schloss die Augen und verschwand für viele Sekunden in meinen Gedanken. Es prickelte. An meinem Bauch spürte ich den warmen Druck seiner Lenden, die sich immer näher an mich drückten. Dann stupste mich Maxou über seine Schulter hinweg an. Unsere Lippen löste sich, aber die Sehnsucht blieb, mehr von seiner Haut auf meiner zu spüren. Er lachte und abermals fühlte ich, wie mich eine Hitzewelle durchfuhr.
      “Sie möchte zurück in ihr Bettchen”, nickte ich zum Pony, das hinter seinem Rücken stand und zum wiederholten Male gähnte.
      “Und du musst sicher den Riesen bewegen, der mich verwirrt anblickt”, scherzte Erik. Dabei ließ er mit seinen Händen von mir ab. Das Gefühl, wo sie gerade noch lagen, beglückte weiter meinen Geist.
      “Aber ich wäre lieber mit dir”, sprach ich leise.
      “Verstehe ich, doch auch ich habe noch Aufgaben vor mir”, grinste er und gab mir einen flüchtigen Kuss auf die Stirn. Meine Motivation versagte, wünschte sich ihn zur Hütte zu begleiten, aber sogleich ertönte das Kratzen über den Beton hinter mir. In einer einzigen Bewegung setzte ich mich zu der Stute und drückte meine Hand an ihre Brust. Schockiert riss sie die Augen auf, aber hörte auf mit dem Huf zu scharren.
      Es fehlte nur noch das Sattelzeug, dann waren wir Abflug bereit. Neugierig mustere Humbria Sattel von Lubi, den ich frecherweise auf fast jedem Pferd nutze, dass ich am Hof ritt, allem voran aus Bequemlichkeit. Des Weiteren fühlte es sich wie schweben auf den Wolken mit den Sorgen fernab. Darunter legte ich eine Filzdecke, die ich irgendwann online entdeckt hatte und für Glymur nehmen wollte, aber die Möglichkeit wurde mir genommen. Umso mehr freute ich mich, sie nun zu verwenden. Mithilfe des Tritts legte ich alles auf den Rücken der Stute, setzte meinen Helm wieder auf und trenste. Hektisch kaute sie auf dem Gebiss.
      “Alles gut”, beruhigte ich Humbria mit sanften und lang gezogenen Worten. Sie gehorchte. Im Stall stieg ich bereits auf, entschied erst beim Herausreiten, dass ich Lust auf den Reitplatz davor hatte. Die Stute musterte derweil die Umgebung und mir wehte der Wind unsanft einzelne Strähnen ins Gesicht, die ich mühevoll wieder wegstreichen musste.
      Wie es Tyrell mir beschrieb, schritt Humbria hektisch voran, hörte nicht zu und sah nervös die Gegend an. Schon beim Warmreiten versuchte ich die Stute ruhiger zu bekommen, so bremste ich unverhofft in den Stand, lobte bei schneller Reaktion und versuchte, dass sie aus der Hinterhand nach vorn schob. Je öfter ich es wiederholte, umso durchlässiger wurde sie. Immer mehr Kontakt baute die junge Stute zum Zügel auf. Ihre Ohren richteten sich nach und nach immer mehr zu mir, hörten, was ich von ihr wollte und dann begann Humbria sich zu lösen. Sie streckte den Hals weit nach vorn. Der Kopf wippte und knackte schließlich. Zufrieden lobte ich.
      Vertieft in meinen Gedanken und der Überlegung, wie ich die Stute bestmöglich fördern könnte, bemerkte ich den ungebetenen Gast am niedrigen Zaun des Reitplatzes erst spät. Auch Humbria durchfuhr der Schock durch das Auftauchen eines Menschen, dass sie aus dem Trab einen gewaltigen Sprung zu Seite machte. Nur durch den Wolkensattel gelang es mir, nicht im Dreck zu landen und dabei noch das Pferd zurückzuholen. Das Fluchen verkniff ich mir, beruhigte zunächst die Stute, ehe ich prüfend zur Seite warf, wer nur dem Tier einen solchen Schrecken einjagte. Mir stockte der Atem. Niklas stand mit seinem Fuß auf dem Stein gestellt dar, musterte mich von oben bis unten und schüttelte dabei langsam mit dem Kopf.
      „Du kannst doch nicht einfach wortlos dich dahinstellen“, beschwerte ich mich umgehend und mit einem Schnauben stimmte mir Humbria zu. Meine Augenbrauen zogen sich zusammen, warfen ihm kleine Blitze zu, die ihn zum Teufel schicken sollten.
      „Ich habe was gesagt“, verteidigte er sich und verschränkte die Arme verärgert, „außerdem sollten wir dringend reden.“
      „Nein, sollten wir nicht. Alles, was wir tun sollten, beruht auf einem Arbeitsverhältnis und Distanz“, versuchte ich ihn loszuwerden. Doch es missglückte. Stattdessen breitete sich ein heiteres Lächeln auf seine Lippen, dem ich zu viel Aufmerksamkeit schenkte. Humbria hielt abrupt vor ihm an und ich wippte unsanft auf ihren Hals.
      „Scheint wohl nicht so gut zu funktionieren mit der Distanz“, sprach ich für meinen Geschmack zu überzeugt. Die Arme stützten nun wieder auf seinem Bein.
      „Geh endlich weg“, fauchte ich, „deine Freundin wartet sicher schon, ansonsten könnte dein Pferd auch Aufmerksamkeit gebrauchen.“
      Auch damit verschwand er nicht. Wie angewurzelt stand Niklas an der Stelle, wodurch Humbria ebenfalls keinen weiteren Schritt durch den Sand setzte.
      „Dann können wir doch jetzt reden“, zog er eine Braue nach oben, strich dem Pferd über das Maul. Amüsiert wippte ihre Unterlippe und die Zügel am Gebiss klapperten dabei.
      Ich seufzte.
      „Niklas, ehrlich gesagt, will ich nicht mit dir reden. Wir sind beide nicht dafür gemacht, normal miteinander umzugehen und ich habe so viel zu verlieren“, versuchte ich ihn mit Ehrlichkeit zu überzeugen, denn er schätzte diese Eigenschaft an mir. Endlich sah ich, dass in seinem Kopf etwas passierte. In Bewegung setzte er sich nicht, wieder seufzte ich. Etwas, das ich in den letzten Tagen eindeutig zu häufig tat.
      „Vriska, du bist nicht in der Position, das beurteilen zu können“, protestierte Niklas. Bitte was? Hatte ich mich gerade verhört? Ich riss meine Augen auf, öffnete den Mund, aber meine Worte verflogen im Wind.
      „Du fehlst mir“, seufzte nun er, „also als eine Freundin. Deswegen möchte ich dich bitten, nicht das Training zu beenden mit mir. Es war immer so ein Licht am Ende des Tunnels, dass mir den Tag erhellte und Hoffnung schenkt.“
      Wow, es schmerzte mich ungemein, das zu hören, aber in meinem Kopf versetzte ich mich in Lina. Sie war nicht in Sicht, aber hätte sie das gehört, wäre wieder eine Welt zusammengestürzt, meinetwegen.
      “Auch mir geht es so, aber nein. Es funktioniert nicht, so reif solltest du sein. Ich möchte nicht mit dir trainieren”, suchend bewegte sich der Blick weg von den Pferdeohren nach rechts, als würde dort meine Rettung warten – Fehlanzeige.
      “Dann sag es mir in die Augen, wenn du es wirklich nicht möchtest.”
      Nur zögerlich bewegte sich mein Kopf in seine Richtung, verunsichert, ob es mein Herzenswunsch war oder nicht. Undefiniert drückte es in meiner Brust, als wolle mir der Körper unter allen Umständen mitteilen, dass es sich um keine gewinnbringende Idee handelte und ich so schnell wie möglich das Weite suchen sollte. Der Vierbeiner stand noch immer wie angewurzelt da und ignorierte jedwede Versuche meinerseits wieder einen Huf vor den anderen zu setzen. Ich sah ihm in die Augen und biss mir stark auf die Zunge, um das aufkommende Gefühl zu unterdrücken. Gleichzeitig wiederholte ich Eriks Namen wie ein Mantra in meinem Kopf. Ihn wollte ich, nur ihn.
      “Ich weiß es nicht und kannst du jetzt bitte gehen? Wir reden, wann anders, nicht so zwischen Tür und Angel”, bat ich Niklas eindringlich. Endlich gab er nach und nickte.
      “Okay, dann reden wir Dienstag”, sagte er noch, setzte sich in Bewegung zum Stall und sogleich ertönte das Geklapper von Eisen an der Holzfront einer Box. Erleichtert atmete ich aus.
      Tatsächlich wurde es mir zum Teil auch wieder Humbria im Schritt anzureiten. Sie schnaubte gelassen haben. Meine Konzentration hingegen hatte sich vollständig verabschiedet, obwohl die Pläne mit ihr einfach waren. Einige Meter konnte ich Humbria zurück in ein ruhiges Tempo holen, gleichmäßig durchparieren und in einer Gebrauchshaltung wieder anreiten. Sie hörte aufmerksam und fragte höflich nach, bevor sie Blödsinn versuchte.
      Nach weiteren Runden ritt ich zurück in den Stall, stieg ab und entfernte das Sattelzeug. Wir kamen an Niklas vorbei, der seine Stute putzte. Mir gelang es tatsächlich keinen weiteren Blick zu ihm zu werfen, sondern brachte das Sattelzeug in die Sattelkammer, holte eine neue Weidedecke und stellte das nasse Pferd unter das Rotlicht. Mit hängender Unterlippe genoss sie die Wärme und ich setzte mich ihr gegenüber auf die Bank, Handyzeit.
      Einen Überblick über die ganzen Nachrichten zu bekommen, stellte sich als eine größere Herausforderung dar, als ich mir vorgestellt hatte. Immer mehr Bots, die mich mit hübschen Bildern beglücken wollten, fanden ebenfalls ihren Weg in mein Nachrichtentab. Die Anzahl meiner Follower hatte sich glücklicherweise bei dreitausend eingependelt und ich wusste nicht einmal etwas damit anzufangen. Aber was soll’s, interessiert tippte ich auf Linas Account, um zu gucken, was Leute normalerweise posten und bemerkte, dass sie einige Beiträge gelöscht hatte und gar nicht mehr abwarten konnte, ihren Schimmel wiederzusehen. Auch in mir wuchs die Vorfreude, das Einhorn hier zu haben, doch mir blieb noch ein Moment darüber nachzudenken, als die Bannerbenachrichtigung mich ablenkte. Ein Wirrwarr aus Buchstaben eröffnete sich vor mir und eine Formel. Ich runzelte die Stirn, aber kopierte beides sofort in meine Notizen, um die Nachricht nicht zu verlieren. Vermutlich musste ich den Schlüssel berechnen, um die Verschiebung des Alphabets herauszufinden. Rätsel waren nicht mein Ding, doch der Unbekannte hatte mich darauf vorbereitet, dass es nicht leicht werden würde.
      „Danke“, schrieb ich und dann schielten meine Augen zu Niklas, der mittlerweile sein Pferd aus der Box führte. Auf seinen wohlgeformten runden Lippen lag ein schelmisches Lächeln.
      „Ich habe ein Problem“, tippte ich dann noch an meine Ablenkung. Sofort antwortete er: „Man erzähle mir von dem schändlichen Anliegen.“
      „Den Typen, den mein Freund nicht mag (hatte vorher was mit dem) lässt mich nicht in Ruhe. Er hatte mich darum gebeten, das Training mit jemand anderes zu machen, dem habe ich widerstandslos zugestimmt. Doch jetzt auf einmal will der Typ das mit mir klären und akzeptiert es nicht. In mir kochen die alten Gefühle hoch, weiß nicht damit umzugehen, weil ich mir so sicher mit meinem Freund bin“, fegten meine Finger in Windeseile über den Bildschirm.
      „Und dennoch möchtest du dich mit mir treffen?“, leuchtete es im Chat, aber noch immer pulsierten die drei Punkte. Eine weitere Nachricht tauchte auf: „Spaß beiseite. Wenn du das mit dem nicht willst, dann tue es nicht. Ansonsten kläre es mit deinem Freund erneut, bitte ihn um Unterstützung. Wichtig ist nur, dass du eine Entscheidung treffen musst, insbesondere in einer emotionalen, instabilen Zeit, wie du sie gerade erlebst.“
      “Das schreibt sich so leicht“, antwortete ich. Im Stall wurde es zunehmend voller und ich entschied zwischen den neugierigen Blicken mein Handy wieder wegzustecken; Schluss mit den Spielchen.
      Das rote Licht verglühte und Humbrias müden Augen öffneten sich langsam. Von beiden Seiten am Halfter öffnete ich die Haken und führte sie zurück auf den Paddock, auf dem eine beträchtliche Ruhe herrschte. Die Pferde dösten, bemerkten kaum, dass die Stute wieder zurückkam. Sie hingegen trottete langsam zum Unterstand, steckte den Hals durch die Gitter und begann mit den Lippen Halme zu inhalieren. Das Halfter hängte ich in den Zwischengang und starrte auf die Uhr. In wenigen Minuten würde der Tierarzt eintreffen. Beeindruckend schnell kam ich an der Hütte an, in der Erik sich bereits anzog.
      “Ich muss dich noch etwas fragen”, sagte er sanft auf dem Weg zum Stall. Vorsichtig sah ich an ihm hoch, ohne die Hand loszulassen, die ich fest umschlossen in meiner hatte. Ich nickte.
      “Was hat es mit Kiel auf sich?”
      Natürlich musste diese Frage kommen, aber von Lina konnte er es nicht wissen. Wir hatten beim Essen das Thema totgeschwiegen und auch, dass Niklas zur gleichen Zeit mit einigen Auserwählten nach Stockholm fahren würde. Mir stockte für einen Augenblick der Atem, ehe ich stark ausatmete und darauf gefasst war, ihm mehr zu erzählen.
      “Woher weißt du das?”, drängte sich jedoch als erste Frage aus meinem Mund.
      “Dein Handy hat in der Nacht aufgeleuchtet und den Termin angezeigt. Im Zuge meiner unstillbaren Neugier habe ich die Benachrichtigung geöffnet und versucht mehr zu finden”, gab er wehmütig zu. Wieder blieb mir der Atem weg, doch jetzt stich es unsanft in meiner Lunge. Als wäre es ein Zeichen, hielt er mir eine Schalter Zigaretten hin, aus der ich sogleich eine herauszog und aus der Innentasche der Jacke ein Feuerzeug nahm. Das Stechen ließ nach, aber dafür drückte es nun. Deutlich angenehmer, wie ich es fand. Mir wurde klar, dass er vermutlich noch mehr gesehen haben könnte, wenn er versuchte, mehr Informationen zu finden.
      “Dann weißt du von?”, deutete ich mit stotternden Worten meinen unbekannten Verehrer an. Es musste so weit kommen, wenn auch etwas früh.
      Erik nickte, aber sein Gesicht blieb wenig berührt davon.
      “Aber”, sprach er und zog an dem Glimmstummel, “du hättest darauf kein Geheimnis machen müssen. Ich kann deinen Reiz nachvollziehen und wenn du dich ernsthaft einmal mit ihm treffen möchtest, will ich dieser Erfahrung nicht im Wege stehen.” Auf seinen Lippen bildete sich ein kurzes Lächeln, dass bei dem nächsten Zug wieder weichte.
      “Danke dir, aber ich weiß es noch nicht. Ich bin froh dich zu haben und möchte mit dir Erfahrungen machen”, versuchte ich zuversichtlich zu bleiben. Seine Hand drückte fest meine. Ich wusste aus unerklärlichen Gründen sofort, dass es die richtige Entscheidung mit ihm war. Noch bevor wir im Stall ankamen, erzählte ich ihm von der Auktion in Kiel und dass wir dort eine Art Lehrgang haben würden, um unsere reiterlichen Fähigkeiten zu verschärfen. Interessiert hörte er zu, aber gab kein Kommentar dazu ab.
      Vor dem Gebäude stand bereits der Transporter unseres Tierarztes. Aus der Seitentür kramte er seine Tasche und begrüßte uns freundlich, als er uns bemerkte. Zusammen liefen wir zur Paddock Box, in der Maxou beinah leblos stand. Die Späne lagen fein vor der Kante ins Freie. Nicht mal einen prüfenden Blick schien sie nach draußen gesetzt zu haben. Umso mehr setzten die Zweifel ein. Ich hatte daran setzt ein Pferd haben zu wollen, dass ich mir nicht die Zeit ließ, mir darüber Gedanken zu machen, was ich mit meinem Pferd überhaupt anstellen wollte. Nein, stattdessen ging es nur darum eins zu haben und nun stand dieses arme Tier verängstigt da, wie eine versteinerte Statur. Erst, als Erik sie ansprach, regte sich eins der Ohren. Ihr Kopf erhob sich langsam und ich wusste wieder, zumindest kurz, wieso ich ihr die Chance gab, sich zu beweisen. Ich drückte meinen Freund, dachte ich das gerade wirklich?, ein Halfter in die Hand, dass ich ursprünglich für Glymur gekauft hatte. Es war violett und reflektierte im Licht in schönen Fuchsia Tönen. Getragen hatte er es bisher nur einmal, doch Maxou stand er vorzüglich. Er führte die Stute hinaus und folgte mir in den hinteren Teil des Stalles. Dort waren die Putzbuchten und deutlich besseres Licht. Außerdem konnte man das Pferd problemlos an beiden Seiten befestigen. Das Abnehmen der Decke übernahm ich. Sie sah mich kurz an und beschnupperte meine Hand, aber Erik erschien ihr so viel interessanter, was ich ihr nicht verübeln konnte.
      Doktor Linqvist begann mit seiner Arbeit, hörte die Stute als erstes Ab, betrachtete die Augen mit einer Lampe und sah sich die Zähne an. Dabei bestätigte sich Linas Annahme. Dabei stellte die ungleiche Abnutzung der Zähne, das geringste Problem dar. An einigen Stellen hatte sie Karies, dass er aber noch heute beseitigen würde. Was ihn ebenfalls Zahnschmerzen bereitete, war eine Fraktur an den vorderen Zahnreihe und zwei hinten. Wohl möglich durch Tritt eines anderen Pferdes oder schlimmeres, dass er nicht mehr aufführen wollte. Suchend blickte ich mich im Stall um, hoffte, Lina zu sehen oder zumindest ihren überheblichen Liebhaber. Vergeblich.
      „Möchtest du gehen?“, vergewisserte sich Erik, als der Tierarzt der Stute die erste Sedierung verpasste.
      „Nein, ich hoffe nur darauf, dass Lina mir helfen kann, ob das alles normal ist“, wimmerte ich und blickte mit glasigen Augen zu dem Zwerg. Ihr Kopf wurde schwer, hielt sich dennoch gut in den beiden Stricken.
      „Wir schaffen das zusammen, ich übersetze und du“, er stockte und kratzte sich an dem mit Stoppeln übersäten Kinn, „kennst dich mit Pferden aus.“
      „Ich verstehe genug, aber danke“, rollte ich beleidigt mit den Augen und erhob mich von der Bank. Erik hingegen lehnte sich zurück, beobachtete inständig jeden meiner Schritte.
      Der Kopf der Stute wurde immer schwerer und zur Unterstützung hielt ich ihn fest. Laut schnaubte sie aus, dabei knatterte das Geräusch. Meine Hand fuhr langsam über ihren Hals.
      > Rör henne inte så ofta. Hon har en svampsjukdom i huden.
      „Fass sie nicht so oft an. Sie hat einen Hautpilzkrankheit“, mahnte der Tierarzt und sofort schreckte ich zurück. Mit einem kläglichen Versuch drückte Maxou ihren Kopf ein Zentimeter nach oben, aber genoss wieder, dass ihr Halt gab.
      > Är det smittsamt?
      „Ist der ansteckend?“, fragte ich. Er schüttelte den Kopf, sagte aber, dass genaueres erst vom Labor geklärt werden kann. Dann spannte Doktor Linqvist das Maul des Tieres in ein Gestell, das vermutlich auch als Folterinstrument herhalten konnte. Erik wurde damit beauftragt einen Eimer mit warmem Wasser zu holen, während ich weiter assistierte. Zugegeben, bisher gehörte so was nicht in mein Aufgabenfeld. Unser Tierarzt sah dem nach und erklärte mir alles äußerst genau. Zeigte mir sogar die einzelnen Schritte.
      Interessierte hörte ich zu, hielt den Kopf, bis Maxou endlich fertig war nach fast einer Stunde. Ein Zahn wurde gezogen und weitere behandelt. Ihr Gebiss erstrahlt nun gleichmäßig wieder im Glanze, solle aber in den nächsten Stunden nur in der Box stehen unter Beobachtung. Dafür waren wir ausgerüstet. Also schaltete ich direkt die Kamera ein, die sonst nur nachts aktiv war und konnte nun jederzeit nachsehen, was sie trieb. Sobald Maxou aktiver sei, war führen angesagt, dem Erik sich glücklich opferte.
      Gegen den Hautpilz bekamen wir eine Salbe, die täglich zweimal aufgetragen werden sollte und das Fell musste umgehend verschwinden. Eine Winterdecke mit Halsteil stand dann somit als Nächstes auf der Einkaufsliste.
      So sehr vertieft das schlafende, und aus dem Maul blutende, Pony zu beobachten, bemerkte ich nicht wie sich eine Hand auf meine Schulter ableckte. Mit einem großen Satz sprang ich zur Seite. Erneut wippte der Kopf der Stute kurz nach oben. Lina stand neben mir und grinste.
      „Das kannst du nicht machen“, stammelte ich außer Atem und sorgte damit für reichlich Gelächter bei den anderen. Vermutlich lag ihre Hand schon einige Sekunden auf meiner Schulter, bis mein Körper es für voll nahm.
      “Folke hat gesagt, dass Holy auch untersucht werden soll”, erklärte sie und vermittelte mir indirekt, dass ich den Terrortinker bitte holen solle. Seufzend trennte ich den Blick von meinem Pony, sagte Erik Bescheid und lief über den Vorplatz zum Paddock. Friedlich zupfte sie an den restlichen Heuhaufen in dem Unterstand. Girlie stand neben ihr und auf der anderen Seite Mill, die interessiert zum Tor getrottet kam. Die Stute war stets bereit zu arbeiten, doch befand sich derzeit noch im Mutterschutz. Zwischendurch durfte sie Dampf ablassen, aber wurde ansonsten in Ruhe gelassen. Ihre Tochter inszenierte derzeit die Standfestigkeit des Zauns. Unbeachtet legte ich das Halfter um den plüschigen Kopf der gescheckten Stute und führte sie hinüber. Sie ließ sich Zeit, wollte nicht so recht in das große Gebäude hinein, als wusste sie, dass dort der Tierarzt wartete.
      Niklas' Gesicht sprach Bände und dass er nervös die Stallgasse auf und ab lief, ebenfalls. Lina versuchte ihn aufzumuntern, doch vollständig in den Gedanken verloren, reagierte er nicht auf ihre Annäherungsversuche. Seine Stute schien demnach das Fohlen verloren zu haben.
      “Muss ich fragen?”, flüsterte ich Lina zu.
      Sie schüttelte den Kopf.
      Damit war alles gesagt. In großen Schritten brachte Lina den Schimmel zurück in die Box und ich band stattdessen Holy an. Ihr Baby war wirklich groß, als wäre sie bereits im siebten Monat trächtig und somit bei der Übergabe an den Tierschutz bestiegen worden. Innerlich entbrannte ein Muttergefühl, die Freude ein außergewöhnliches Fohlen hier zu haben. Um, hoffentlich, Papiere zu bekommen, mussten Linas und meine Fähigkeiten herhalten, den Vater des Fohlens zu ermitteln. Sie bekam von den freudigen Nachrichten nicht viel mit, sondern beruhigte ihren Freund mit allen Kräften.

      So schnell wie Niklas erschien, verschwand er auch wieder und Lina blieb wie ein begossener Pudel am Rolltor stehen, sah dem Auto am Horizont hinterher. Ich konnte seinen Schmerz nachvollziehen und auch, dass sie zu gleichen Teilen an sich band. Der kurze Moment der Wehmut wurde durch ein lautes Scheppern unterbrochen, das von der anderen Seite des Stalls kam. Zusammen joggten wir durch die Stallgasse und vor uns eröffnete sich ein riesiger Lkw, beladen mit Absperrungen und dahinter folgte ein Bagger.
      “Was zur Hölle ist hier los?”, fragte ich rhetorisch und auch Lina konnte nur mit Erstaunen die Arbeiter betrachten. Von der Seite kam Tyrell dazu, die Arme breit in der Hüfte gestützt und einem Lächeln auf den Lippen. Zufrieden atmete er aus.
      “Es geht los”, lachte er. Lina und ich sahen uns weiter verwundert an.
      “Was genau?”, versuchte ich mehr Informationen, ans Tageslicht zu bekommen.
      “Oh, dann habe ich es euch vergessen zu sagen”, seufzte er, “somit wisst ihr auch noch nicht, dass bis heute Abend eure Sachen gepackt sein sollen.”
      Schockiert riss ich Augen auf, hielt mich an Lina fest.
      “Was? Nein, wissen wir nicht!”, sprach Lina gleichermaßen verwirrt wie erschüttert, “Wieso sollen wir unsere Sachen packen?”
      “Wir bauen den Hof um und eure Hütten werden abgerissen”, fasste er sich kurz. Ein erschütternder Schmerz fuhr durch den Körper. Die kleine Hütte wurde zu so viel mehr als einem einfachen Haus. Sie war mein Rückzugsort, ein Zuhause mehr als Erik es mir war.
      “Das ist nicht dein Ernst”, schimpfte ich verzweifelt.
      “Und ihr habt jetzt sechs Stunden euren Kram in den Konferenzraum vier zu bringen”, zeigte er in die Halle, “Am Abend erzähle ich euch dann in Ruhe alles.”
      “Aber wir haben doch die Ferienhütten?”, versuchte ich meinen Gedanken zu verdrängen und dem Unausweichlichen zu entgehen.
      “Die sind an die Vorarbeiter vermietet”, zuckte Tyrell mit den Schultern und verließ uns. Sein Abgang wirkte von so viel Missgunst, dass es eine gute Erklärung sein musste, damit ich meine Sachen auch wieder auspacken würde.
      “Das ist nicht sein Ernst, oder?”, fragte mich Lina, die es wohl nicht ganz glauben konnte, was unser Chef uns gerade eröffnete.
      “Offenbar schon”, seufzte ich, “dann sollten wir wohl mal unser Zimmer beziehen.”

      Lina
      “Ja, dann sehen wir uns wohl gleich”, nahm ich diese Tatsache resigniert hin und verschwand bevor Vriska noch etwas hätte sagen können. Schwer lag mir das Herz in der Brust. Falls es so etwas wie einen Gott geben sollte, war dieser heute nicht sonderlich gnädig gestimmt. Unangenehm drang das Geräusch des Kieses an meine Ohren, der bei jedem Schritt unter meinen Sohlen, leise knirschte, bis es abgelöst wurde durch das dumpfe Klopfen, welches meine Füße auf den Stufen erzeugten. Melancholie überkam mich als ich in den Raum eintrat. Willkürlich begann ich Dinge in eine Kiste zu werfen, die sich mir in den Weg gestellt hatte. Es sollte mich nicht so hart treffen, einen Ort, an dem ich gerade einmal knappe eineinhalb Monate wohnte, wieder zu verlassen, aber genau das tat es. Was es so beschwerlich machte, war nicht die Sache an sich. Klar, ich begann gerade erst, mich an mein kleines Reich zu gewöhnen, hatte gestern erst überlegt, wie man es behaglicher gestalten konnte, aber letztlich war es auch nur ein Raum, den ich noch nicht mein Zuhause nannte. Es hätte auch schlimmer kommen könne. Immerhin war Tyrell so gnädig gewesen, uns nicht nur ein Zelt oder Ähnliches hinzustellen oder gar uns ganz auf die Straße zu setzen. Darüber hinaus könnte ich mir schlimmeres vorstellen, als mit Vriska zusammenzuwohnen, wenn es auch bedeute deutliche Einschränkungen in der Privatsphäre zu haben. In vergangenen Zeiten hatte ich mir schon mit Leuten ein Zimmer geteilt, die mir deutlich unsympathischer waren. Nein, es war schlichtweg einfach der falsche Zeitpunkt für eine solche Nachricht. Gedanklich hing ich noch immer bei der schlechten Neuigkeit, die der Tierarzt mit sich brachte. Die Information an sich erweckte bereits großen Kummer in mir, lag doch so viel Hoffnung darin, dass die Trächtigkeit gut verlief, aber diese Hoffnung wurde bitter enttäuscht. Es würde kein Fohlen für Smoothie und Niklas geben.
      Meinen Freund schließlich so bestürzt zu sehen weckte noch mehr Trauer in mir und spürte seinen Schmerz beinahe so deutlich, als sei es mein eigener. Ich hatte für Niklas da sein wollen, ihm Trost spenden, doch er hörte mir nicht zu, distanzierte sich. Selbst meine größten Bemühungen hatten nicht ausgereicht, um vollständig zu ihm durchzudringen. Es erschloss sich mit bisher nicht, was es war, dass er sich dermaßen vor mir verschloss, aber ich hatte dem nichts entgegenzusetzen, konnte nur abwarten, ob ich seine Beweggründe eines Tages besser verstehen würde. Wirklich wohl war mir nicht bei dem Gedanken, dass er in einem solchen emotionalen Zustand fuhr, aber mir blieb nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass er in seinem Wahn nichts Dummes anstellte.
      Seufzend stellte ich die Kiste, in der sich mittlerweile ein buntes Sammelsurium an Dingen befand, beiseite und ließ mich auf die nächste Sitzgelegenheit sinken, die leise unter der Belastung knarzte. Langsam ließ ich meinen Blick über den Inhalt des Kartons gleiten. Die Auswahl an Gegenstände war chaotisch und in keinster Weise nachvollziehbar. Neben einem Buch glitzerte mir ein Kugelschreiber entgegen. Daneben hatten drei Paar Socken, eine Tafel Schokolade, Kopfhörer und ein Paar Reithandschuhe ihren Weg in die Kiste gefunden. Das Laptopkabel schlängelte sich wie eine Schlange um alles herum und verband es auf eine befremdliche Weise miteinander. Ganz oben darauf thronte der kleine helle Plüsch-Ivy wie ein Drache, der seinen Schatz hütet. Würde man das innere meines Kopfes visualisieren sähe es sicher ähnlich widersinnig aus. Bilder, Gedanken, Gefühle, … Träume, Erinnerungen und Gegenwärtiges … Wichtiges und Belangloses, alles auf einem großen Haufen.
      Nachdenklich schüttelte ich den Kopf. So würde, dass hier nichts werden, ich musste erst ein wenig Klarheit in meine Gedanken bringen, um das hier mit ein wenig System anzugehen. Ruhelos griffen meine Finger zu dem Handy, welches ich beim Hineinkommen auf den kleinen Tisch niedergelegt hatte. Kühl und schwer lag das Metall in meinen Fingern, einzig das Bild meines Hengstes, welches den Sperrbildschirm zierte, strahlte mir entgegen. Was hatte ich denn auch erwartet? Dass mir das Gerät auf magische Weise zeigte, dass meine Sorgen unbegründet seien? Das war wohl kaum möglich. Selbst für eine Nachricht von Niklas wäre es noch zu früh gewesen, unmöglich könnte er bereits Zuhause sein, hinzu kam noch, dass er selbstverständlich keine Gedanken lesen konnte. Ich seufzte, schüttelte den Kopf erneut. Sicherlich machte ich mir mal wieder zu viele Gedanken. Einen Moment lang betrachtete ich den Bildschirm. Hals und Ohren aufmerksam aufgerichtet blickte Divine mir aus dem Glas entgegen. Seine dunklen Augen leuchten sanftmütig und hoben sich deutlich von dem hellen Fell ab und selbst auf dem Bild ging seine magische Ausstrahlung nicht verloren. Er wirkte so einladend, als wollte er sagen: „Alles wird gut, mach dir nicht so viele Sorgen.“
      Doch so einfach war das nicht. Gedanken lösten sich nicht einfach in Luft auf. So wischte mein Daumen über die glatte Oberfläche, woraufhin sich die Darstellung veränderte, kurz mein Homescreen zeigte, bevor mein Finger wie von selbst auf dem Messenger-Dienst tippte. Erst als sie den Chat geöffnet hatten, der „Niki“, als Überschrift trug, hielten sie inne. Neben dem Wort prangte zwei rosafarbene Herzen, ein großes und ein kleines. Ein eher kläglicher Versuch diesen Kontakt von den anderen abzuheben, denn Herzen in den unterschiedlichsten Variationen kam auch anderen Menschen zu, die mir wichtig waren. Nachdenklich starrte ich auf den Cursor, der in regelmäßigem Rhythmus in dem hellen Schreibfeld aufblinkte. Auf einmal fühlte es sich an, als bewege sich rein gar nichts mehr in meinem Kopf, als wäre dort irgendetwas eingefroren, was mich daran hinderte auch nur ein Wort zu schreiben. Dennoch waren die Sorgen nicht fort, nur die Fähigkeit diesen Ausdruck zu verleihen schien verschwunden. Nach gefühlten Minuten erlosch der Bildschirm, aufgrund von Inaktivität und ich blickte in meine eigenen mit Sorge gefüllten Augen.
      Ich atmete tief durch, lehnte mich zurück und versuchte meine Gedankenströme in eine Richtung zu lenken, die sich mehr auf das hier und jetzt konzentrierten und nicht auf Ereignisse, die nur eingeschränkt in meinem Einwirkungsbereich lagen. Mit jedem Atemzug rückte die Sorge um meinen Freund ein wenig in den Hintergrund und machte Platz für andere Gedanken.
      Meine Augen wanderten durch den Raum, bis sie schließlich wieder an der Kiste hängen blieben, auf der das Plüschtier thronte. Gerade jetzt, wo ich Ivys moralischen Beistand gebrauchen könnte, fehlte er mir umso mehr. Zu wissen, dass mein er allein in einer völlig unbekannten Umgebung bereite mir mindestens genau so viel Kummer.
      Von dem einen auf den anderen Tag musste er sich an eine neue Bezugsperson gewöhnen, weil ich einfach weg war und dann nach Monaten wurde er erneut mit einem dieser riesigen, unheimlichen, lauten Dinger durch die Gegend geflogen. Vermutlich verstand das arme Pferd die Welt nicht mehr, war er mit seinen fünf Jahren doch praktisch noch ein Baby.
      Bald, ziemlich bald würde ich ihn wieder bei mir haben, sein weiches Fell unter meinen Finger spüren und auch sein freundliches gebrummelt würde wieder ertönen, wenn ich morgen den Stall betrat. Dieser Gedanke motivierte mich tatsächlich ein wenig jetzt endlich an die Arbeit zu gehen, denn vom Trübsal blasen, würde die Zeit wohl auch nicht schneller vergehen.
      „Okay Mini-Ivy“, sprach ich entscheiden zu dem plüschigen Einhorn ”der Kerl kann sicher auf sich aufzupassen, schließlich ist er alt genug dafür.” Hoffentlich. Die Worte klangen deutlich optimistischer als ich mit tatsächlich fühlte, aber die Wohnung würde sich wohl nicht von selbst zusammenzupacken. Obgleich der einleuchtenden Erkenntnis fühlte ich mich noch immer ein wenig bedrückt und leicht irre kam ich mir allmählich auch vor. Mit echten Tieren reden war sicher schon nicht ganz normal, aber dies mit Plüschtieren zu tun, grenzte, nein war eindeutig ein Zeichen für den Verlust meiner geistigen Fähigkeiten.
      Mein Blick schweifte durch das Zimmer. Auf den Regalen stapelten sich gleichermaßen Romane und Erzählungen wie Skizzenbücher, überall dazwischen hingen, standen und lagen Erinnerungsstücke an vergangene Zeiten. Wie konnte man eigentlich so viel Zeug sammeln?
      Über mich selbst den Kopf schüttelnd, begann ich nun endlich damit den Inhalt dieses Raumes zusammenzupacken. Diesmal allerdings mit ein wenig mehr System. Als Erstes landetet sämtlicher Kleinkram in den Kisten. Zwischen Fotos, Lichterketten und dem ein oder anderen Plüschtier, landeten auch Souvenirs und andere Erinnerungsstücke darin. Mitunter einige Dinge, die diesen Raum hier eindeutig als Zimmer eines Pferdemenschen kennzeichneten. Einzig glitzern Pokale und seidig schillernde Schleifen würde man in keinem der Kartons finden könne, denn diese gab es nicht. Noch nie betrat ich einen Turnierplatz mit der Absicht mich selbst zu präsentieren. Ich war immer nur stummer Bewunderer derer, die den Mut aufbrachten, sich den kritischen Blicken von Richtern und Zuschauern zu stellen, denn mir selbst war es bereits unbehaglich, wenn mir Leute beim Training zusahen. Besonders dann, wenn ich sie nicht kannte.
      Als ich indessen auch die Bücher einpackte, fiel mir ein Exemplar in die Hand, welches bereits die Spuren jahrelanger Nutzung mit sich trug. Pikku prinssi stand in geschwungenen Buchstaben auf dem weißen Einband. Darunter eine Illustration der Titelfigur auf ihrem kleinen grauen Planeten. Eine Geschichte, die nicht nur weltweite Bekanntheit errang, sondern deren Aussage bis heute gültig ist.
      > Vain sydämellään näkee hyvin. Tärkeimpiä asioita ei näe silmillä.
      „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“, kam mir sofort der vermutlich am häufigsten zitiere Satz aus dem Buch in den Sinn. Eine Aussage von der sich die heutige von Schein und Konsum geprägte Welt durchaus etwas abschneiden könnte. Dass, was hinter der Fassade eines Menschen steckt, bleib vielen verborgen, weil sie sich vom äußeren Schein blenden lassen und ihnen lieber einen Stempel aufdrückten, anstatt sich die Zeit zu nehmen, diesen näher kennenzulernen. Behutsam legte ich das alte Buch zu den anderen und setzte mit meiner Tätigkeit fort.
      Das Zimmer war nahezu leer, einzig einige Skizzenbücher und Zeichenmappen lagen noch auf dem Tisch, die noch einen Platz in einem der Kartons suchten. Im Arm die Bücher, in der freien Hand die Mappe, stiefelte ich hinüber zu den Kisten. Die Mappe allerdings war nicht korrekt verschlossen, sodass sich ihr gesamter Inhalt auf den Boden ergoss. Gut gemacht, Lina, dachte ich und legte erst einmal die Bücher aus der Hand. Auf den Blättern zeichnet sich überwiegend Motive ab, die schon vor einigen Jahren entstanden waren, meiner Meinung nach keine wirklichen Meisterwerke, auch wenn Samu steht etwas anderes behauptete. Zwischen all den Bleistiftskizzen stach ein Blatt besonders hervor, weil es das einzige war, welches Farbe trug, ziemlich viel Farbe. Darauf zu sehen war ein leicht deformiertes Pony auf einer ziemlich bunten Blumenwiese. Links oben in der Ecke standen in der krakeligen Schrift eines Kindes „Für Lina“ geschrieben. In mir lebte eine Erinnerung auf, bunt und lebendig trat sie vor mein inneres Auge.
      Es war ein warmer Frühlingsmorgen, angenehm strich mir der Wind über die Haut und trug den Duft von Bratfett und Ketchup hinüber. Leise dudelte ein mir entfernt bekannter Song, sicher aus den Charts stammend, aus den Lautsprechern am Rande des Platzes. Auf dem Sand vor mir tummelten sich überwiegend junge Kinder mit Ponys oder auch kleineren zierlichen Pferden. Einzig ein bereits jugendlich aussehendes Mädchen ritt einen großen, eleganten Dunkelfuchs, der lustlos durch den Sand schlurfte.
      “Liiiiina, Minnie möchte nicht richtig anhalten”, quengelte das kleine blonde Mädchen und lenkt damit meine Aufmerksamkeit auf sich. Die Rappstute mit der schiefen Blesse reckte den weiß bemützten Kopf nach vorn und zog der Kleinen damit die Zügel aus der Hand.
      “Mach dich mal richtig schwer, Ally und versuche es dann noch mal”, rief ich ihr zu. Folgsam führte Alison die Anweisungen aus und das Pony ließ sich widerwillig nach einigen Schritten anhalten, zog dem Kind aber erneut die Zügel aus der Hand, bevor sie die Ohren anlegte und das Pony neben ihr angiftete. Schon seit das dunkle Pony aus dem Hänger gestiegen war, war es ziemlich unleidlich. Minnie Maus hatte nicht stillstehen wollen und unwillig nach mir geschnappt beim Putzen. Sicherheitshalber beschloss ich sie zuerst selbst abzureiten.
      Dieses Vorgehen erwies sich als kluge Entscheidung. Kaum hatten Minnies Hufe den Sand berührt, schoss sie auch schon quietschend los und obwohl ich damit gerechnet hatte, rette mich nur ein beherzter Griff in den Aufsteigriemen, um nicht in dem hellen Sand zu landen. Immer wieder testete die Stute meine Sattelfestigkeit, bis sie schließlich den Großteil der überschüssigen Energie abgebaut hatte.
      Bis auf Klauen der Zügel klappte das Aufwärmen des Ponys und Ally relativ gut. Minnie wählte fast immer direkt die richtige Gangart und unterließ jegliche Versuche ihren Reiter auf den Boden zu befördern, sodass ich darüber nachdachte, die Stute nicht doch auszubinden, um es dem Kind einfacher zu machen. Schließlich war dies hier keine klassische Dressurprüfung, sondern ein Reiterwettbewerb. Nachdenklich warf ich einen Blick auf das Pony-Reiter-Paar, die sich damit abkämpften, jeweils ihren Willen durchzusetzen. Von Mitgefühl erfüllt sammelte ich die Dreieckszügel aus dem Haufen mit der Abschwitzdecke und rief Ally zu mir heran. Dank Minnies Kooperationsbereitschaft waren diese schnell verschnallt und die beiden konnten, ihre Wege fortsetzen. Ally sah bereits nach wenigen Tritten deutlich glücklicher aus, als das Pony ihr nicht mehr im Minutentakt die Zügel aus den Fingern zog und auch die Geschwindigkeit somit kontrollierter wurde.
      Alison, die normalerweise plapperte wie ein Wasserfall, war ziemlich still geworden als ihre Gruppe aufgerufen wurde und wir vor dem Tor auf den Einlass wartetet. Nervös spielte sie mit den Zügelenden in ihren kleinen Fingerchen.
      “Ich kann das nicht”, sprach Ally entmutigt, als sie einen Blick über das Hallentor fallen ließ, wo gerade eine E-Dressur stattfand. Natürlich sahen die beiden Jugendlich deutlich besser auf ihren Pferden aus als die Reiter ihrer Altersklasse. Sanft legte ich dem Mädchen die Hand auf das Bein, woraufhin sie mich mit ihren ängstlichen blauen Augen anblickte.
      “Ally, schau mal da rüber”, ich deutete mit der freien Hand in Richtung der Zuschauertribüne, “dort sitzen schon deine Eltern und warten auf deinen Auftritt. Außerdem denk daran, wir haben das alles schon ganz oft geübt. Es ist genau dasselbe wie Zuhause.” Schüchtern nickte das Kind bei meinen Worten und warf erneut einen Blick in die Halle.
      “Um Minnie brauchst du dir keine Sorge machen, die macht das mit links. Konzentriere dich allein darauf, wie du reitest. Ich warte hier die ganze Zeit auf dich und hab alles im Auge, ja. Und Vergleich dich nicht mit denen da drinnen, die machen diese Sache schon deutlich länger als du.” Kaum hatte ich den Satz beendet, erklang verhaltender Applaus in der Halle, bevor sich das Tor öffnete und die beiden Reiter die Halle verließen. Das war der Moment für Ally und die vier weiteren Reiter unter der Ansage des Kommentators den Sand zu betreten. Gesittet folgte Minnie dem kleinen Palomino in die Halle, nun ganz das brave Pony, welches man von Zuhause kannte.
      An die eigentliche Kür erinnerte ich mich nur noch sehr schwammig, sie war nicht sonderlich spektakulär gewesen, einzig Schritt, Trab, Galopp mit sehr simplen Bahnfiguren.
      Dem entgegengesetzt erinnerte ich mich umso besser an das strahlende Gesicht der Kleinen, als die Richter die silbern glänzende Schleife an Trense von Minnie Maus befestigten. Vordergründig ging es hierbei um den Spaß, dennoch zersprang mein Herz beinahe von Stolz erfüllt. Ally hatte ihre Sache ziemlich gut gemacht und ich hatte es tatsächlich geschafft einen meiner Schützlinge zum Erfolg zu führen, wenn auch nur bei einem Reiterwettbewerb.
      Die Erinnerung verglühte, wie ein Funke, der tanzend in den Nachthimmel emporsteigt, bis er endgültig erlosch, doch das Gefühl von Stolz und Glückseligkeit hingegen hallte noch einen Augenblick in mir nach. Achtsam legte ich die Zeichnungen zurück in die Mappe. Ganz oben auf, legte ich mit einem lächelnd auf den Lippen die Zeichnung von Ally.
      Jetzt hieß es nur noch die Kisten rüberzubringen. Glücklicherweise war es nicht allzu viele, sodass dies wohl möglich schneller vonstattenging als das Packen gedauert hatte.

      Vriska
      Für einen Augenblick sah ich Lina nach, wie sie wirr ums Haar zwischen den Paddocks hindurch eierte und schließlich hinter den Gebäuden verschwand in Richtung der Wohnhäuser. Anstelle ihr nachzulaufen, und ebenfalls meine Habseligkeiten zu verstauen, drehte ich mich auf der Ferse um und lief zurück zu meinem Pony. Erik saß ihr gegenüber auf der Bank, starrte abwesend auf sein Handy und bemerkte mich erst, als ich direkt vor ihm stand. Langsam hob er seinen Kopf. Auf den Lippen lag ein müdes Lächeln, was vermutlich der langen Nacht geschuldet war, in der Fredna kaum Schlaf fand, wie hypnotisiert durch die Hütte lief und immer wieder zwischen uns ins Bett kletterte. Auch Trymr fühlte sich dadurch motiviert, ihr zu folgen und jeden ihrer Schritte genau zu untersuchen. Irgendwann hörte ich auf, die Uhrzeit zu prüfen, wenn ich, durch einen kleinen Arm oder felligen Kopf in meinem Gesicht, wach wurde. Umso stärker dröhnte der Wecker in meinen Ohren um kurz vor acht.
      „Was beschäftigt dich?“, fragte ich zuversichtlich und strich ihm über die Schulter. Sofort änderte sich sein Blick. In seinen hellen Augen lag ein glühendes Funkeln, das mir wie vom Blitz getroffen durch den Körper fuhr und eine Welle aus prickelnden Gefühlen flutete jede noch so kleine leblose Zelle. Unbewusst begann ich zu grinsen.
      „Ich habe euer Gespräch gehört“, seufzte Erik und griff nach meiner Hand. Umgehend löste sich die nächste Flut, die diesmal in meinem Unterbauch drückte. Das Ziehen durchzog sogar meine Oberschenkel, alles kribbelte.
      „Und was sind deine Bedenken?“, versuchte ich meine Bedürfnisse in den Hintergrund zu stellen, schließlich fühlte ich mich ebenfalls nicht ganz wohl bei dem Gedanken für sechs Monate mit Lina das Zimmer zu teilen. Dafür standen zu viele unbeantwortete Fragen im Raum und unausgesprochene Worte, die wir im Alltag bedenkenlos ignorieren konnten.
      „Dass wir einander kaum noch zu Gesicht bekommen“, erneut trafen sich unsere Blicke, „und das wäre furchtbar schade. Schließlich konnten wir …“
      Erik stoppte sofort. Wollte er, dass ich formulierte, warum sich unsere Situation derartig entwickelte? Ich ließ ihm Zeit, aber er schwieg. Immer häufiger wanderten seine Augen über meine Schulter hinweg zum Pony, das langsam, aber sicher wieder aufwachte.
      „Du meinst, ich konnte mich endlich dem öffnen, was uns von Anfang an auf der Seele lag?“, rutschte es mir beinah versehentlich über die Lippen.
      „Uns?“, grinste Erik verlegen und erhob sich von der hölzernen Bank, dabei knackte sie verdächtig laut.
      „Es tut mir leid. Dann halt, was mir auf der Seele lag“, seufzte ich.
      „Engelchen“, lachte er und kam einen Schritt näher an mich heran, „dir muss es doch nicht leidtun. Natürlich, uns. Sonst hätte ich mir wohl kaum den ganzen Kram mit den Pferden angetan. Meine Zeit hätte ich deutlich … sauberer verbringen können.“
      Kurz schnellte meine Puls nach oben, dass Erik die Abende als Zeitverschwendung ansehen würde, doch genauso schnell normalisierte er sich. Zumindest so normal, wie er in seiner Anwesenheit sein konnte. Mittlerweile hoffte ich darauf, dass der ständige Schwall an Hitze in den Hintergrund geraten würde, stattdessen gehörten diese Anfälle mittlerweile zum Alltag, wie das Gefühl noch immer in der Pubertät festzustecken. Verlegen senkte ich meinen Kopf. Mit seiner Hand strich er mir liebevoll eine Strähne aus dem Gesicht, bevor er mein Kinn wieder sanft nach oben drückte, damit ich abermals in seine Augen blickte.
      “Du brauchst dich nicht dafür schämen. Es ist alles in Ordnung”, fügte Erik noch hinzu und drehte sich von mir weg. Als er an mir vorbeilief, berührten sich für einen kurzen Augenblick unsere Hände. Hoffnungsvoll schnappte ich nach Luft und folgte ihm zur Box. Erik lehnte die Unterarme auf dem kalten, schwarzen Metall ab, beobachtete, wie Maxou vorsichtig die Heulage knabberte, die ich vor ihrer Behandlung in der Ecke platzierte.
      “Vielleicht sollten wir sie nun einige Runden führen”, schlug ich vor und griff nach dem Strick, der um einige Gitterstäbe herumhing. Die Stute hob den Kopf. Ihre Ohren bewegten sich verunsichert in alle Richtungen, als gäbe es ein Problem, wenn ich sie führe. Auch in ihren Augen funkelte es misstrauisch. Ich drückte Erik wortlos den Strick in die Hand und drehte mich weg. Wie ein Messer stach mir sein Blick in den Rücken, als ich stumm verschwand zur Sattelkammer. Maxou hatte geschwitzt, sollte sich keinesfalls auch noch erkälten. Es würde noch genügend Kosten entstehen mit der Gurke.
      Leer richteten sich meine Augen zu dem Deckenhalter, der leblos an der Wand hing mit so vielen Decken, dass ich sie nicht zu zählen vermag. Wahllos blätterte ich die einzelnen Stangen durch wie die Seiten eines Buchs, dass man zwar lesen möchte, aber sich nicht bewusst war, dass man dafür die Worte verstehen sollte. Von vorn bis hinten sah ich Decken in allen Farben, Größen und Formen, wusste allerdings nicht genau, was ich suchte oder mir überhaupt dabei dachte. Unentschlossen ließ ich mich auf das Sitzpolster in der Mitte des Raumes fallen, überlegte, wie ich das alles heute verarbeiten sollte. Obwohl es kurz nach Mittag war, prasselte so viel Neues auf mich ein und wurde das Gefühl nicht los, dass ich wieder einmal alles allein auf den Schultern trug. Zugegeben, ich machte mir schon immer das Leben schwerer, als es notwendig war.
      Wie lange ich die Decken anstarrte und mich tief in meiner Gedankenwelt verlor, einem Teufelskreis aus falschen und überstürzten Entscheidungen, konnte ich nicht beurteilen. Jedoch musste die Zeit geflogen sein, wie Gänse auf ihrer Reise in wärmere Gefilde. Schritte nährten sich und auch ein dumpfes Kratzen auf dem Dielenfußboden. Meine Hände zitterten und Kälte durchzog mich wie ein kühles Lüftchen, dass sich unter meine Kleidung verlief. Ich atmete tief ein, drückte mich nach oben aus dem Sessel. Die Geräusche wurden erst lauter, bis sie plötzlich verstummten. Wer auch immer da war, musste angehalten sein und mich vermutlich beobachten, wie ich den Stoff anstarrte.
      “Entscheidungen treffen, lag dir noch nie”, lachte mein Bruder, der den Hund von Bruce im Schlepptau hatte. Elsa wedelte aufgeregt mit dem Schwanz und schnupperte interessiert den Boden ab, sowie die Kisten am Rand. Meine Augen folgten dem Schäferhund.
      “Danke”, rollte ich mit den Augen und drehte mich zurück zu den Decken, die unverändert über die Stangen hingen.
      “Aber bei Pferden scheinst du ziemlich schnell zu sein?”, kam Harlen näher, stützte den Arm auf meiner Schulter ab. Skeptisch zog ich meine Braue nach oben, während meine Augen zu ihm hoch schielten.
      “Sie konnte nicht in dem Drecksloch bleiben”, zuckte ich mit den Schultern, “also haben wir sie mitgenommen und ich schaue, wo es hinführt. Wenn es nicht passt, wird Maxou ein schönes Zuhause finden.”
      “Ich denke nicht, dass du dieses Pferd wieder abgibst”, sprach er ernst zu mir.
      “Wie kommst du auf solche Ideen?”, hackte ich nach. Wirklich die Zeit darüber nachzudenken, hatte ich bisher nicht, aber mein Bruder wusste mehr über mich, als ich es je könnte.
      Ich seufzte.
      „Das Pferd steht auf dein Typen und das sagt doch alles, oder denkst du nicht?“, kicherte Harlen.
      „Eins nach dem anderen“, hob ich demonstrativ meinen Zeigefinger in die Luft, „Maxou braucht eine Decke.“
      „Und dabei brauchst du meine Hilfe?“, wunderte er sich.
      „Nein, aber ja. Irgendwie schon. Hier ist sonst niemand, der mir helfen kann und Erik wartet sicher schon“, stammelte ich. Meine Hände hatten sich wieder zu den Stangen begeben und blätterten abermals durch die riesige Auswahl, als wären wir in einem Reitfachhandel unterwegs. Bis ich entschlossen ein dickeres Stück Stoff herunterzog, beinah erschlagen von den Verschlüssen, duckte ich mich weg und knüllte es in meinen Armen zusammen.
      „Na dann los“, schmunzelte mein Bruder, der noch immer bei den Sitzmöglichkeiten stand und dem Hund hinter den Ohren kraulte. Elsa saß entspannt vor seinen Beinen.
      „Was wolltest du eigentlich in der Sattelkammer?“, musterte ich Harlen, als wir entlang des Flurs liefen, nacheinander erhellte das Licht unseren Weg. Noch bevor eine Antwort kam, stoppte er plötzlich und wie versteinert sah mein Bruder mich an. Deutlich intensiver blickte ich in seine Augen, die sich im nächsten Moment zu Boden senkten, ehe er wieder hochsah.
      „Der Hund ist aus dem Büro gelaufen und dann bin ich ihr nach“, antwortete er klar und deutlich. Langsam nickte ich einmal.
      „Und warum hast du sie nicht gerufen?“, wunderte ich mich.
      „Weil“, kurz überlegte Harlen, „ich ihren Namen vergessen hatte.“
      Erneut erhob ich das Kinn.
      In seinem Gesicht breitete sich eine sanfte Röte aus, die Wangen bis zu den Ohren reichte. Dann kratzte er sich am Kinn, ehe sich die Beine wieder in Bewegung setzten. Entschlossen griff ich nach seinem Arm und lehnte mich zu ihm.
      „Das mit dem Lügen üben wir aber noch mal“, flüsterte ich, bevor Harlen sich aus meinen Fängen befreite und wortlos hinunter die Treppen lief. Elsa folgte ihm treu, als würden die Tiere genau spüren, dass wir nie einen Hund haben durften. Unsere Eltern waren stets davon überzeugt, dass keiner von uns in der Lage war, diese Verantwortung übernehmen zu können. Heute stellt sich mir dabei die Frage, ob das Versagen für diese fehlende Eigenschaft nicht vielmehr an ihnen liegen würde.
      „Was machst du jetzt noch?“, hielt ich meinen Bruder erneut auf, als wir bei Erik ankamen. Er hielt das Pony am Strick. Ihre Augen waren geschlossen und uns beide schien sie nicht einmal bemerkt zu haben.
      „Sachen packen, ich muss schließlich auch raus“, motzte Harlen und verließ uns. Er war anders als gewohnt, umso mehr breitete sich Sorge über seinen Gemütszustand in mir aus. Ideen, was die Ursachen dafür sein könnten, hatte ich viele, aber ohne mehr zu erfahren, würde ich mir unnötigerweise Flausen in den Kopf setzen. Deswegen konzentrierte ich mich auf das vor mir liegende, oder viel mehr stehende.
      Ich legte die Decke auf Maxou und befestigte die Gurte am Bauch sowie an der Brust. Eine Nummer kleiner wäre passender gewesen, denn so hing der Stoff ziemlich weit über ihren Po. Aber der Wind vor dem Stall wirbelte kleine Steine auf, fegte von der einen Seite zur anderen und ich wurde etwas neidisch auf ihren Schutz. Durch den Reißverschluss schlich bei jedem Windzug kalte Luft hinein, was mich schaudern ließ.
      „Ich werde auch die Sachen packen gehen“, sagte ich zu Erik, nachdem wir wieder am Tor der Halle angekommen waren. Die eine Runde drumherum hatte gereicht, dass alles an mir zitterte, denn so schnell trocknete die Kleidung nicht in der Sattelkammer an meinem Körper. Er hatte sich zumindest nach dem Spaziergang umgezogen.
      „Fahre ich dann heute wieder nach Hause?“, fragte Erik, leicht stotternd in der Stimme.
      „Gute Frage“, seufzte ich, „das habe auch schon überlegt. Eigentlich hätte ich euch gern weiter bei mir, aber ich denke, dass Lina damit Schwierigkeiten hat.“
      Zustimmend nickte er und setzte sich wieder mit Maxou in Bewegung, die langsam wach wurde und gezielter die Hufe nacheinander abfußte. Für einen Flügelschlag beobachtete ich die Beiden, wie sie vertraut den Schotterweg entlangliefen, als wären sie seit Jahren ein Team. Innerlich erwärmte es mich, aber die schlottrigen Beine erinnerten zeigten mir, dass es nur eine Vorstellung war. Großen Schrittes hüpfte ich zur kleinen Hütte, die beinah malerisch zwischen den anderen im Kreis stand. Mein Garten war verblüht, kein einziges grüne Blatt hing noch an den Streichern, nur mein winterharter Lavendel schien durch das Braun hervorzustechen. Doch die Pflanzen konnte ich nicht mitnehmen, also würden sie wie die Wohnhäuser den Erdboden gleichgemacht werden.
      Ernüchternden blickte ich noch einmal aus der Tür heraus, bevor ich sie schloss. Sogleich sprang mit Trymr entgegen, der aus dem Schlafzimmer angerannt kam. Laut jaulte er auf und umkreiste meine Beine. Dieser Hund bellte nicht, oder eher ziemlich selten, stattdessen stieß er wimmerndes Heulen aus seiner Kehle heraus, als würde der Rüde minütliches Leid ertragen müssen. Mitleidig sah der Rüde hoch. Ich strich ihm über den Kopf und kniete mich herunter, als er sich auf den Boden warf, um am Bauch gestreichelt zu werden. Der Schwanz wischte über die Holzdielen.
      “Ich muss mich umziehen”, erklärte ich ihm einige Minuten später und lief hinüber zum Badezimmer. Die nasse Kleidung hing ich an der Handtuchheizung auf. Aus dem Kleiderschrank griff ich nach einem komplett sauberen und vor allem trockenen Outfit, dass auch Balsam für meine Seele war. Ich sah mich im Zimmer um, entschied mir erst einmal einen Kaffee zu kochen, bevor ich mir eine Strategie überlegte, wie ich am klügsten vorgehen sollte.
      Dampfend stand das Heißgetränk auf dem Tisch und kühlte ab, also holte ich vom Schrank die leeren Umzugskisten herunter. Seit Jahren lagerten sie dort oben und warteten auf ihren Moment. Eigentlich hoffte ich, dass sie irgendwann an einen neuen Besitzer übergeben werden würde, doch falsch gedacht. Nur mit einem Stuhl war es mir möglich ansatzweise die Pappe greifen zu können und dass Trymr neugierig neben mir stand, breitete noch mehr Sorge aus, dass ich auf ihn fallen könnte. Es blieb bei der Vorstellung daran, auch wenn mir die verbeulten Kartons herunterfielen. Einen nach dem anderen faltete ich auf und begann die Gegenstände einzupacken, die ich in nächste Zeit eher weniger benötigen würde. Dazu zählte vordergründig meine Dekoration, die es zwar wohnlicher machte, aber keinen hohen Stellenwert mitbrachte. Auch vieles vom Geschirr legte ich in Zeitungspapier ein und legte es in den Kartons ab. Handtücher fanden ebenfalls ihren Platz darin. Bindend von Minuten waren die ersten Kisten voll und langsam lichtete sich alles. Natürlich blieb mir auch der Gedanke nicht fern, wohin mit den normalen Möbeln, aber da diese zur festen Einrichtung gehörte, sollte es nicht meine Sorge sein.
      “Ich bin gleich wieder da”, sagte ich zum Hund und griff mir eine Jacke, um mir aus dem Büro den Schlüssel vom Radlader zu holen. Einen Teufel würde ich tun und alles einzeln hinüberzuschleppen! Eine Kiste nach der landete in dem geräumigen Konferenzzimmer, das Tyrell in den vergangenen Tagen unbemerkt zu einem Schlaf- und Wohnraum umgebaut haben muss. Die anderen Zimmer dem Flur entlang waren auch umgestaltet worden, sodass alle Angestellten ihren Platz fanden und auch Lagerraum zur Verfügung stand.
      Als ich aus der Schaufel des Laders die letzte Kiste nahm, saß plötzlich Lina verloren auf dem linken Bett, zuvor hatte dort ein Einhorn-Plüschtier gesessen. Möglichst auffällig versuchte neben ihr den schweren Karton mit den Küchenutensilien an meinem Bett abzustellen. Laut klimperten die Konserven an den Töpfen, aber nicht mal ein Auge zuckte. Aber ich versuchte ihr noch etwas Ruhe zu geben und den Radlader an seinen Platz zurückzubringen. Entlang des Flurs folgte ich der Notausgangbeschilderung, stampfte die Holzstufen herunter und startete das Fahrzeug. Knatternd lief der Motor an. Ungewöhnlich leer traf ich die Wege des Hofes vor, nicht einmal ein Einsteller hatte sein Auto auf Parkplatz. Einsam stand dort nur das Coupé meines Freundes, und er daneben. Warte? Wieso stand Erik bei seinem Auto? Mitleidig saß Trymr bei ihm und sah in meine Richtung, als ich aus dem Sitz des Radladers sprang. Laut knirschte der steinige Weg unter meinen Füßen und verstummte erst, als bei Erik stehen blieb.
      “Wo willst du hin?”, wunderte ich mich. Seine Hand griff nach meiner und führte sie hoch zu seinem Mund, umgehend gab er ihr einen Kuss. Die Verwunderung klang nicht ab, viel mehr wurde sie stärker. Auf meiner Stirn bildeten sich tiefe Furchen, denen es nur an Wasser mangelte und dann könnten sie dem Suezkanal eine ernsthafte Konkurrenz darstellen.
      “Eigentlich wollte ich dich überraschen”, sprach er selbstsicher und löste sich von meiner warmen Hand, die zuvor noch in den dicken Handschuhen steckten, “Chris hatte angerufen und mir gesagt, dass Fredna abgeholt werden will. Also wollte ich das rasch machen und dann mit euch beiden etwas Essen gehen.”
      “Dann muss ich mich entschuldigen, ich möchte nicht”, seufzte ich und zog mir die schwarzen Fäustlinge wieder über. Der Wind tobte eisig über den Parkplatz. Es gab keine Bäume oder andere Widerstände, die ihm Einhalt bieten konnten. Stattdessen zische er ein Windhund an mir vorbei, auch das Trymr unregelmäßig in die Leere schnappte, untermalte diese Metapher. Lächelnd zuckten meine Lippen.
      “Soll ich was von Unterwegs mitbringen?”, schlug Erik als Nächstes vor, was ich ebenfalls verneinte und schließlich beließen wir es dabei, dass er seine Tochter abholte und dann erst einmal unterwegs sei. Ich nahm den Höllenhund zu mir, drehte um und er folgte. Nach einem prüfenden Blick über die Schulter, liefen wir durch das Tor wieder in die Halle, zurück zu Lina. Vor mir fand ich sie noch immer erstarrt auf dem Bett. Entgegen allen menschlichen Sitten rannte Trymr schwanzwedelnd zu ihr und machte vor ihr Yoga. War er damit der nach vorn schauendem Hund? Belustigt von dem Gedanken verließ Luft meine Nase und ich schüttelte mich. Er konnte sie nicht aufhören zum Spielen aufzufordern, schien zu überlegen nach ihrem Kuscheltier zu schnappen, aber entschied sich doch aus einem meiner Kartons einen Pullover. Wie mit einer Trophäe im Maul bot er ihr mein Kleidungsstück an, wobei der Schwanz unaufhörlich wedelte.
      “Oh, wo kommt ihr den auf einmal her?”, fragte Lina irritiert, “Ich habe euch ja gar nicht kommen gehört.” Sie wirkte ein wenig benommen, wie, als sei sie gerade aus einem Traum erwacht und blinzelte einige Male, bevor sie wieder ganz in der Gegenwart angekommen zu sein schien.
      “Aus der Tür”, sagte ich und zeigte dabei auf die mit Milchglas besetzte Holztür, die halb offenstand, “ansonsten war ich vor ungefähr zehn Minuten schon mal da, wollte dich nur nicht stören b-bei … dem, was auch immer du gerade tust.” Erneut drang ein Laut der Verwunderung aus ihrem Mund, bevor sie mit etwas Verzögerung eine Antwort murmelte: “Ähm, du störst nicht … ich war gerade nur in Gedanken.” Beiläufig zupften ihre Finger an den winzigen Flügeln ihres Plüschtiers herum, womit sie auch die Aufmerksamkeit des grauen Monsters bekam, welches ihre Finger genaustens beobachtete. Nicht, dass sie nun doch mit ihm spielen wollte.
      “Hier ist es auch wirklich trist”, sah ich mich weit in dem Zimmer um und sprach viel mehr zu mir als zu ihr. Die Betten waren bestimmt Queensize, aber auf jeden Fall für zwei Personen gedacht. Zumindest würde Trymr ausreichend Platz haben. Gegenüber der Tür hing ein großer Fernseher und darunter eine große Kommode. Hier und da standen kleine Regale sowie ein Tisch mit vier Stühlen, kein Vergleich zu den Zimmern an der Privatschule in London. Lina schwieg. Zustimmend nickte ich noch ziemlich unbewusst und zog meine Schuhe aus. Dann begann ich interessiert, die Schubladen der Kommode zu durchsuchen, als suche ich etwas Bestimmtes. Alle waren leer, nicht anders als erwartet.
      “Vielleicht sollten wir noch einige Pferde bewegen und nicht noch mehr Zeit verschwenden”, sah ich nachdenklich zu ihr hinüber. Ich hatte mich mittlerweile ins Bett gelegt und zuvor einige Kleidungsteile in das Regal einsortiert. Trymr lag neben mir, den Kopf auf meinem Brustkorb abgelegt. Leise schnaubte er.
      “Ja, das ist sicherlich eine gute Idee. Die Arbeit macht sich schließlich nicht von allein”, stimmte Lina mir zu, die, nachdem sie durch das Zimmer gewuselt war, ein wenig lebendiger wirkte. Das Plüschtier, welches beim Betreten noch in ihren Händen gelegen hatte, thronte mittlerweile zwischen ihren Kissen und auch sonst hatte sie einige wenige persönliche Dinge im Raum platziert. Aus der Hosentasche zog ich mein Handy hervor, öffnete die Verwaltungsapp des Hofes und scrollte durch die Liste unserer Pferde. Schnell fand ich den richtigen Kandidaten.
      “Wollen wir zusammen in den Wald?”, fragte ich vorher, bevor ich die endgültige Entscheidung traf.
      “Ja, klingt gut”, entgegnete Lina und unterstütze die Aussage mit einem Nicken.
      “Ich werde mit Dustin fahren. Der ist entspannt. Du bist sicher nicht dafür zu begeistern, oder?”, bestätigte ich in meinem Menü und stand auf. Aus dem obersten Karton leuchtete die dicke graue Reithose mir entgegen. Entschlossen nahm ich sie und wechselte meine Jogginghose ein. Trymr spitze gespannt die Ohren, sprang aus dem Bett heraus und wartete geduldig an der Tür.
      “Da denkst du ganz richtig. Auf die Gefährte kann ich gerne verzichten”, antwortete sie, ohne dass eine Regung auf ihrem Gesicht zu erkennen war.
      “Na gut”, zuckten meine Schultern. Wie ich bereits vermutete, lag Spannung in der Luft. Die nicht ausgesprochen Worte schwebten um uns, wie die Mückenplage im Sommer es nach unserem Blut durstete. War es falsch, dass ich in dem Augenblick Angst bekam vor den kommenden sechs Monaten? Etwas sagte mir, dass es nur der Anfang des Wahnsinns sein würde, der nicht so schnellenden würde. Am Haken neben der Tür wartete der dicke Wintermantel von Erik, als würde nach mir schreien, lief ich zu ihm, klemmte ihn mir unter dem Arm und sah zu Lina, die hektisch in den Kartons wühlte. Bis sie schließlich einen scheußlich rosafarbenen Pullover in die Luft hielt und darüber hinweg zur mir schielte. Peinlich berührt schluckte ich. Warum es mir peinlich war? Jahre, beinah Jahrhunderte konnte man Wetten abschließen, dass ich immer ein solches Oberteil trug in der Kombination zu einer engen schwarzen Leggings und links einem Thermobecher in der Hand. An schlechten Tagen trug ich noch eine Sonnenbrille – also jeden Tag.
      “Komm Prinzesschen, die Sonne steht nicht ewig am Himmel”, fauchte ich ungeduldig.
      “Ist ja gut, ich komm ja schon”, entgegnete sie beschwichtigend, während sie sich den Pulli überwarf, bevor sie sich noch eine blaue Winterjacke von ihrem Bett schnappte.
      Einen klaren Vorteil musste man dem Konferenzzimmer zusprechen. Der Weg war so kurz wie nie zuvor zu den Pferden, denn im riesigen Gebäude war nicht nur die Reithalle zu finden, sondern auch die beiden Häuser mit den Sattelkammern und Zimmern. Aufgeregt ragten einige Pferdeköpfe durch die Öffnungen der Boxen, nur Maxou und Redo schienen nicht sonderlich viel von dem Durchgangsverkehr zu halten. Als hätte es Dusty bereits geahnt, wieherte er fröhlich uns an. Seine Laute schallten bis nach draußen, wo er prompt mehrere Antworten erhielt. Lina hingegen sah sich unsicher um, drehte und wendete sich, als gäbe es kein einziges Pferd auf dem astronomischen Gestüt.
      “Nimm Walker”, drückte ich ihr willkürlich ein Halfter in die Hand, das zufällig auf einer Bank neben uns lag. Sie nickte und lief zu dem schneeweißen Hengst, der in der Box neben Dusty stand. Interessiert beäugte den Zwerg, aber folgte willig aus der Unterbringung. Ich hatte natürlich kein Halfter, was im Bedacht der Umstände jedoch relativ gut sein würde. Entgegen meinen Sinnen legte ich nur meinen Arm um seinen Kopf und er folgte. Dusty war der Tophengst auf unserem Gestüt, und nein, es war kein Wunder, dass ich ihn mir einfach nehmen durfte, wie es mir gefiel. Nicht der nur der Tatsache geschuldet, dass ich hier arbeitete, gab es, bis auf wenige Ausnahmen, kein Pferd, dass nicht jeder bewegen durfte. Natürlich hatte jeder seine Lieblinge, worauf wir Acht nahmen.
      Der Hengst war blütig, voll blütig, zumindest halb. Seine Mutter zählte bereits in jungen Jahren zu den Geheimtipps in den Wettbüros, wie Tyrell gerne erzählte an langen Abenden, und sein Vater war ein geschätzter Traberhengst, der internationale Erfolge erzielte. So führte Dusty die Bilanz seines Papiers fort. Vermutlich vermutete man nun, dass der braune Hengst mit dem hellen Bauch nervös in der Putzgasse trat und dabei ständig den Kopf hochriss, doch dem war nicht so. Bereits in Deutschland hatte sich Tyrell das Pferd zugelegt, damals noch als Jährling und für teures Geld aus Kanada importiert. So lernte er von Anfang an die Ruhe kennen, wie es ein großer Teil unserer Pferde war. Ja, ich gebe zu, die Pferde im Reitverein kennenzulernen war ein Kulturschock. Überall hampelten sie herum, konnten nicht einmal für zwei Minuten ruhig in einer Stallgasse stehen. Genauso hektisch wurden sie auf dem Reitplatz und egal was, hysterisch sprangen sie weg.
      “Kannst du mir kurz helfen?”, fragte ich Lina, die Walker bereits gesattelt hatte und nur noch auf mich wartete. Dusty hatte schon das Geschirr um mit einer einseitigen Scheuklappe und an den Beinen trug er Bandagen, die ich viel mehr zu Übungszwecken gewickelt hatte. Freundlicherweise griff sie da bereits ein, als ich ein reines Chaos mit den Fleece-Bändern verursachte. Natürlich sorgte ich damit für Unterhaltungsstoff und ich würde mich nicht wundern, wenn Lina meine Idiotie auf Bildern festhielt. In dem Augenblick benötigte sie allerdings dafür den Sulky gleichzeitig durch Schlaufen zu ziehen. Dusty konnte dabei unruhig werden, deshalb wollte ich es lieber nicht machen. Von der Seite hatte ich bereits meinen eigenen hervorgeholt, ja, ich hatte einen eigenen Sulky, aus dem sogar mein Name stand, mein ganzer Name. Fragt lieber nicht.
      “Natürlich”, antworte sie hilfsbereit, wenn sie auch den Bruchteil einer Sekunde zögerte, “Was genau soll ich tun?”
      “Du musst das hier”, zeigte ich auf die Schnalle am Gurt, “hier durchziehen, dann klickt es und zum Schluss noch hier befestigen”, demontierte ich weiter. Ein zweites Mal erklärte ich es langsamer, dann begriff sie es. Der Sulky war leicht, sogar noch leichter als die Standardmodelle, denn wie man mittlerweile schon von mir wusste – Mit Standard gab ich mich nie zufrieden. Tyrell rollte damals mit den Augen, als ich ihm den Bestellschein gab und eine horrende Summe am Ende stand. Nacheinander klackten die Verschlüsse ein, dabei zuckte Dusty kurz, aber schenkte mir das nötige Vertrauen, um nicht einen Sprung nach vorn zu machen. Freundlich bedankte ich mich bei Lina, die Walker vorsorglich aus der Gasse führte und vor dem Gebäude wartete. Von dem Stuhl nahm ich mir noch die Decke, die ich mir aus der Sattelkammer mitgenommen hatte und prüfte die Gurte wohlweislich. Lina hatte alles richtig gemacht und auch die restlichen Schnallen warn fest. Also schwang ich einmal die Leinen und Dusty lief fröhlich voraus. Das hole Geräusch der Hufeisen auf dem Beton wandelte sich zu einem kurzen und knirschenden, dabei setzte ich mich auf den Sitz und sortierte erst einmal meine Führung. Erst danach umwickelte ich mich mit der gefütterten Decke. Nur noch ein Kaffee fehlte, dachte ich und ließ den Hengst selbstbestimmt vorlaufen. Eins meiner Beine hatte ich mit auf dem Sitz, während das andere mich stützte. Im selben Tempo ritt Lina neben uns her.
      “Wie kommt es eigentlich dazu, dass ich dich das erste Mal auf dem Ding da sehe, obwohl das offensichtlich dein schickes Gefährt ist?”, fragte sie neugierig nach einer ausgiebigen Betrachtung des Gespanns.
      “Das?”, fragte ich scheinheilig und strich mit einer Hand über das Gestellt. Dann bremste ich Dusty urplötzlich ab. Lina konnte nicht so schnell auf meinen Halt reagierten und drehte den hellen Hengst wieder um.
      “Wir haben Trymr vergessen”, sprach ich entsetzt und pfiff zweimal sehr laut, so wie Erik es mir gezeigt hatte. Da der Hof nur einige Minuten hinter uns lag, sollte das Tier ohne Weiteres meiner Aufforderung nachkommen. Tatsächlich bog er an den Bäumen entlang ab und kam in Windhundmanier angezischt. Seine Zunge schlackerte dabei, amüsiert lachte ich.
      > Bra gjort
      “Gut gemacht”, lobte ich ihn und gab ihm eins der Pferdeleckerlis. Grundsätzlich verschlang das Ungetüm alles, auch die Bananebricks. Dann setzte ich Dusty wieder in Bewegung und setzte das Gespräch mit Lina fort: “Also wo waren wir? Ach ja”, unentschlossen atmete ich aus, “offensichtlich ist das meins, wie du schon festgestellt hast und ich besitze ihn, weil ich noch bis ungefähr Mai, oder es könnte auch Juni gewesen sein, Rennen gefahren bin.”
      Mit einem Kopfnicken nahm Lina dies zur Kenntnis und setzte zu einer weiteren Frage an: “Warum fährst du mittlerweile keine Rennen mehr?” Der helle Hengst unter ihrem Sattel kaute entspannt auf seinem Gebiss und pustete kräftig die Luft aus seinen Nüstern.
      “Ist das nicht offensichtlich?”, schielte ich zu Trymr hinüber, der aufgestellte Schwanz nebenher trabte. Lina zuckte mit den Schultern.
      “Ich kann schlecht auf tausenden Hochzeiten tanzen und als die Einladung nach der Musterung kam, stand für klar fest, dass Reiten mehr Zukunft hat als Rennen fahren”, setzte ich mit melancholischem Unterton fort.
      “Verstehe. Also die Art von Lebensentscheidung, die wohl für jeden früher oder später ansteht”, entgegnete Lina, “Vermisst du es manchmal oder macht es dir nicht aus, nur noch im Sattel zu sitzen?”
      “Du stellst schwierige Fragen”, murmelte ich und schwieg. In meinem Kopf entbrannte ein Feuer. Gefolgt in der Bahn der Nervenstränge schnappte die imaginäre Hand verschiedene Zettel, die aus den Wochen stammten, als ich Tyrell mitteilte, dem Reitverein beizutreten. Ein anderer stellte eine wirre Zeichnung dar, die nicht genauer beschreiben konnte als viele Kreise und Striche, die im ersten Moment keinen Sinn ergaben. Lange schwieg ich noch, bis Dusty es nicht abwarten konnte, die nächsthöhere Gangart einzuschlagen. Locker trabte der Hengst an und auch Lina folgte uns mit Trymr. Einige Schritte bot er im Tölt an, aber streckte den Kopf etwas weiter nach unten und trabte aus. Vor mir lag nur der Sand, während auf beiden Seiten die Bäume vorbeizogen. An meinen Ohren vibrierte kalt der Wind. Gezielt atmete ich ein und wieder aus, zählte im Kopf die Sekunden und versuchte mich nur auf das Pferd zu konzentrieren. Zwischendurch sah ich nach links, um zu schauen, ob Trymr hinterherkam, aber klar. Dem Windhund lag das Laufen im Blut, so wie unseren beiden Pferden. Zur vor der Küste parierten wir wieder durch in den Schritt. Das Meer war rau und wild schlugen die Wellen gegen den Granit tief unten. Dusty drehte die Ohren und wippte mit dem Kopf.
      “Ich denke, es war eine Frage der Aufmerksamkeit”, seufzte ich leise, aber noch hörbar für Lina, “die Rennen waren die reinste Hölle und provozierten förmlich, dass etwas Dramatisches passiert. Aber jetzt, ein entspanntes Training oder generell, das Training machten Spaß. Wenn ich mit der Dressur fertig bin, spricht aber auch nichts dagegen eine Runde zu drehen.”
      Schmunzelnd sah ich zu ihr hinüber. In ihren glasigen Augen funkelte es friedlich, gerichtet auf die wogende See. Es wirkte beinah so, als würde das Wasser in allen Zügen ihren Gemütszustand widerspiegeln. Ich versuchte aber für den einen Tag nicht nachzufragen, sofern sie das Gespräch nicht selbst anbot. Dafür hatte ich selbst genug zu verarbeiten, um mir noch die Last anderer aufzunehmen. Lina antwortete nicht sofort, sodass nichts weiter zu hören war als das Rauschen unter uns und der Wind, der an unserer Kleidung zerrte.
      “Das glaub ich dir, dass das wahnsinnig anstrengend und risikoreich ist”, sprach sie schließlich, die Augen noch immer auf die hellen Schaumkronen geheftet, “das ist die Dressur schon ein wenig berechenbarer.”
      “Und, wie denkst du, wird es für dich weitergehen? Möchtest du dich weiterhin im Hintergrund aufhalten?”, überlegte ich laut, um einige der irrealen Mücken um uns zu verscheuchen.
      “Ich denke, der ganze Turnierkram ist nichts für mich. Aber so wirklich weiß ich nicht, wie es weitergehen soll”, antwortete sie nachdenklich, “Ich habe doch nie etwas anderes gemacht als das hier.” Sanft strich sie Walker bei den letzten Worten über den Hals, der kurz die Ohren zu ihr richte, bevor sie sich wieder in alle möglichen Richtungen drehten.
      “Es zwingt dich auch keiner eine Entscheidung zu treffen, aber wenn das Gestüt nun umgebaut wird, eröffnen sich vielleicht mehr Möglichkeiten für dich”, nickte ich zustimmend, vertraute darauf, sie ihrem Bauchgefühl folgen wird. Für sie und Ivy gab es noch viele Jahre, aber wenn ich ehrlich war, für mich nicht. Irgendetwas in meiner Magenregion drückte unsanft auf die Atmung, ja, die Zeit rannte.
      “Ja, mal sehen, was sich so ergibt”, entgegnet sie und ein sanftmütiges Lächeln huschte über ihre Lippen, “und du bleibst jetzt bei der Dressur oder testest du wohl möglich noch, ob Springen nicht auch was wäre, denn du scheinst ja schon ziemliche viele Sparten des Pferdesports getestet zu haben?”
      “Ziemlich viele”, wiederholte ich lachend. Dann verstummte ich schulterzuckend. Mein Blick schweifte von der See wieder zu Dusty, der weiterhin ruhig im Schritt vorwärtslief. Auch bei dem Hund hatte sich nichts geändert, noch immer trabte er nebenher, zwischendurch senkte sich der Kopf in den Sand. Seine Nase und einige der Haare an der Schnauze hatten den Dreck an sich genommen. Dann antwortete ich Lina weiter: “Viele waren das nicht, außerdem ist Abwechselung wichtig. Meine Tante besitzt einen Isländer, auf dem ich reiten gelernt habe, mit dem ich alles getan habe. Aber ich muss zugeben, der Reiz für Turniere bestand schon lange. Die Gangturniere sind jedoch nicht durch ihre Preisgelder oder Herausforderung bekannt, deswegen taste ich mich langsam an die höheren Dressurlektionen an und ja, das tue ich jetzt wohl. Ich lasse es mir nicht nehmen, weiter so viel wie möglich auszuprobieren.”
      “Ich finde es ziemlich cool, dass du so konkrete Ziele hast, so überzeugt wäre ich selbst auch mal gerne”, sprach Lina anerkennend,” Hast du mit Maxou eigentlich vor in Zukunft Turniere zu gehen?
      Über die Tatsache, dass meinem Leben ein konkretes Ziel sprach, konnte ich nur bestürzt lachen. Seufzend sortierte ich die Leinen in der Hand, die locker über Dusty hingen und dabei schon schaumige Schweißflecke verursachen, vielleicht hätte ich ihm eine Ausreitdecke darunterlegen sollen, überlegte ich mitfühlend.
      Die Küste ließen wir zunehmend hinter uns und kehrten wieder, nach einem Stück auf der Trainingsbahn, auf den Hauptweg in den Wald. Willkürlich knirschte und knarrte es aus dem Unterholz um uns. Aufmerksam untersuchte der Hund den Wald, rannte vor und wartete auf uns. Unruhig begann auch Dusty die Schritte zu verkürzen und schwingenden Kopf sich auf das Gebiss zu legen. Der Genosse neben uns blieb ruhig, obwohl Walker für gewöhnlich ein wildes Durcheinander verursachten. Wieder knackte es laut, doch dieses Mal sehr laut neben uns. Trymr bellte laut auf und ein Knurren erwiderte sich. Entschlossen hielt ich. Die Leinen behielt ich in der Hand, aber stieg vom Sulky, um das Dickicht überblicken zu können. Zwischen dem Moos und einem umgefallenen Baum lag ein verletzter Hund, eingeklemmt unter einem Stein. Vielleicht vier Monate alt, oder jünger, viel hatte er, oder sie, zumindest nicht auf den Rippen. Sein Fell nass und die Pfoten ebenso dreckig. Hilfesuchend starken mich zwei trübe braun-orange Augen, Trymr verstummte und ich hörte das Wimmern des Tieres.
      “L-Lina”, stammelte ich und versuchte mit meinem Blicken zu deuten, dass sie herkommen sollte. Fragend blickte sie mich an, glitt dennoch aus dem Sattel, nachdem sie keine weitere Erklärung bekam. Mit Walker im Schlepptau trat sie neben mich und folgte meinem Blick. Entsetzt weiteten sich ihre Augen, als sie das mitleidig aussehende Tier erblickt und das herzzerreißende Fiepen wurde lauter.
      “Oh, das arme Tierchen. Wir müssen ihm irgendwie helfen”, sprach sie und blickte mich an. Ach, man, das hätte ich gar nicht vermutet, sprach die böse Stimme in meinem Kopf. Kurz zischte ich mich selbst an und versuchte eine Lösung zu finden, was ich mit Dusty machen würde.
      “Ja, hier”, sagte ich und gab ihr die Decke von meinem Sitz im Tauschen gegen Walkers Zügel. Vorsichtig kämpfte sich Lina durch das Dickicht hindurch, bis sie schließlich bei dem Welpen angelangt war, dessen Laute immer lauter wurden.
      “Hallo kleiner Freund”, hörte ich sie ruhig und sanft zu dem Tier reden, während die sich langsam hinhockte und die Hand nach ihm ausstreckte. Eingeschüchtert schnupperte er daran, machte aber keinerlei Anstalten nach Lina zu schnappen.
      “Dann wollen wir mal sehen, wie wir dich hier herausbekommen”, drang ihre Stimme halblaut durch das Dickicht. Von meiner Position aus sah ich nicht genau, was sie tat, aber wenig später stand sie dort, das kleine, nasse Fellbündel, welches in die Decke eingewickelt war, auf dem Arm. Das Wimmer war verstummt, dafür sah ich selbst auf die kurze Distanz wie sehr der kleine Hund zitterte. Ob vor Kälte oder vor Angst, war nicht eindeutig, aber vermutlich war beides der Fall.
      “Am besten nehmen wir jetzt den kürzesten Weg zurück, der Kleine hier sollte ins Warme und hungrig ist er sicher auch”, sagte Lina, als sie wieder neben mir auf dem Weg stand. Trymr stand schwanzwedelnd vor ihr und beschnupperte neugierig das Bündel auf ihrem Arm, aus dem sich ihm eine im Vergleich recht kleine Schnauze entgegenstreckte. Verwirrt trat der Rüde zurück und versteckte sich zwischen meinen Beinen.
      > Dat här är ett barn.
      “Das ist ein Baby”, flüsterte ich ihm zu und strich ihm über den Kopf. Dusty hinter mir scharrte bereits mit dem Huf, aber ich konnte ihn nicht daran hindern.
      “Ich nehme ihn mit auf den Sitz, wird am einfachsten sein”, gab ich Lina ihre Zügel zurück. Dann setzte ich mich richtig hin, weich polsterte der Wagen mein Fliegengewicht ab. Das Knäuel legte sie mir auf den Schoß und durch den Schutz zwischen meinen Beinen, konnte er auch nicht verrutschen. Hell leuchteten mich wieder seine Augen an, die eindeutig ängstlich wirkten. An einem seiner dunklen Ohren fehlte ein Stück, das sich entzündet haben wird. Die Haut wirkte gerötet und leicht verkrustet, aber an sich sah es so aus, als wäre die Wunde schon älter. Zwischen all dem Dreck auf der Nase sah ich kleine schwarzen Flecken, die zur Musterung des Fells gehörten, denn bis hoch zu den Ohren war er weiß. Mittlerweile hatte ich nachgeschaut, welchem Geschlecht er angehörte. Fred, ich denke, dass könnte der richtige Name für ihn sein.
      Nach einem weiteren Stück im Trab kamen wir flott am Hof an. Langsam, aber sicher verabschiedete sich die Sonne am Horizont hinter den Bäumen und auf dem Parkplatz vermehrten sich wieder die Fahrzeuge, nur von Eriks war nichts zu sehen. Teils erleichtert, teils bestürzt, seufzte ich und stieg vor dem Stall aus dem Sitz. Während Fred den Luxus meiner Decke genoss, fror ich trotz des dicken Wintermantels.
      “Da seid ihr ja”, nickte und Tyrell zu, der Fried an ihrem Blumen Halfter führte.
      “Schau mal”, hielt ich ihm glücklich die Decke hin. Sofort sprang auch unser Chef auf das niedliche Tier an, ließ ihn direkt die Hand beschnuppern. Trymr neben mir, empfand die Situation weiterhin als unseriös und trabte an uns vorbei in den Stall, suchte sich vermutlich seine Decke, die immer wieder woanders im Gang lag. Nun kam auch Friedi interessiert mit dem Maul näher. Laut prustete die helle Stute aus, worauf sich Fred tiefer im Stoff verhüllte. Umgehend verlor das Pferd sein Interesse und Tyrell brachte sie weg. Die Hengste wurden erst aufmerksam, als sie einige Meter entfernt lief.
      Im Stall legte ich das Knäuel neben Trymr ab, der sofort die Flucht ergriff und offenbar nichts mit dem kleinen Wesen zu tun haben wollte. Dieses lag zittrig an Ort und Stelle, was mich zumindest beruhigt das Pferd abspannen ließ. Dabei half Lina mir wieder die Stangen zu entfernen.
      “Ich würde Dusty gern als Erstes ins Rotlicht stellen”, sagte ich beim Betrachten seines triefend nassen Fells. Sie nickte nur beiläufig und lief los, um eine Abschwitzdecke zu holen. Ich konnte mich gar nicht auf eine Sache konzentrieren. Dusty leckte immer wieder an dem Holz herum, während Walker versuchte seinen Kollegen zum Spielen aufzufordern. Trymr lief unruhig die Gasse auf und ab, während der Kleine nun doch versuchte aus seiner gebauten Höhle zu fliehen. Und dann war doch Maxou einige Meter entfernt, die unaufhörlich am Gitter herum biss und damit furchtbaren Lärm verursachte. Ach, nicht zu vernachlässigen war Jonina, die zusammen mit vier Reitschülern unseren Platz besetzte. All diese Geräusche lösten einen dröhnenden Kopfschmerz aus und als noch mein Handy in der Hose begann zu vibrieren, wollte ich hier weg. Weg von der Belastung, zurück in meine Hütte, die inzwischen nicht mehr mein war. Genervt hob ich ab.
      “Hallo?”, ächzte ich genervt in den Hörer, aber wurde umgehend freundlicher, als ich Eriks Stimme hörte. In der Brust wurde es wieder leichter und ich konnte tief durchatmen.
      “Freut mich, dass du dich bester Laune erfreust”, scherzte er.
      “Ist gerade viel los”, überblickte ich erneut die Situation und begleitete Dusty zum Solarium.
      “Hast du schon mit Lina gesprochen?”, fragte er direkt.
      “Nein, ergab sich bisher nicht. Wieso?”, stammelte ich unsicher. Ehrlich gesagt, hatte ich daran auch gar nicht mehr gedacht und versuchte den einfachsten Weg, außerdem erschien es mir noch immer unangemessen zu sein, sie danach zu fragen.
      “Okay, ich bin so in”, stoppte er, während mehrfach ein notdürftiges Piepen ertönte, “dreißig Minuten da. Also bis gleich.” Dann verstummte mein Telefon. Welch ein unnötiges Telefonat, stellte die böse Stimme in meinem Kopf fest, die wieder von mir angezischt wurde. Trymr setzte sich zu dem Hengst unter die roten Lampen und genoss ebenfalls die kleine Wellnesseinheit.
      “Was genau ist eigentlich dein Plan mit dem Kleinen? Ich meine, man kann ihn ja schlecht einfach behalten. Vielleicht wird er ja vermisst oder so etwas. Ein Welpe kommt sicher nicht von allein in den Wald”, wand sich Lina an mich, die den schneeweißen Hengst gerade in eine Decke hüllte. So weit wie sie wieder dachte, hatte ich die Situation noch gar nicht überdacht. Außerdem waren auch für mich die Grundlagen des Landes unbekannt.
      “Gute Frage, erst mal bleibt er, denke ich”, dann überlegte ich noch, wie ich es Erik erklären sollte, aber dass wir einem hilflosen Tier halfen, sollte ihn wohl kaum stören, “aber vielleicht kann mein Kerl das besser beurteilen. Schließlich habe ich erst gestern den anderen Pflegefall organisiert”, schielte ich zu Maxou hinüber, die die unbeteiligten Stangen wieder in Ruhe ließ.
      “Wenn das so weitergeht, kannst du bald ein Tierheim eröffnen”, witzelte Lina und schob Walker ein Leckerli zwischen die Lippen, der es sogleich genüsslich verschlang.
      “Du bist gemein”, rollte ich beiläufig mit den Augen, suchte nach einer passenden Ausrede, um dem Gerücht entgegenzuwirken, aber nein. Es gab keine.
      “Entschuldigung, sollte doch nur ein Scherz sein”, nuschelt sie bevor sie sich auf den Weg zu Futterkammer machte, um dem Hengst sein Abendbrot zu holen. Er starrte ihr aufmerksam nach und auch Dusty spitzte die Ohren, als hintergründig der Ton von dem Müsli auf Gummischüssel traf. Ich bremste ihn ab, bevor er einen Schritt nach vorn setzte. Als mir plötzlich ein wichtiger Gedanke durch den Kopf schoss, setzte ich an zum Sprechen, verstummte allerdings wieder, unter dem Vorbehalt, dass Lina noch immer beschäftigt war. Nachträglich setzte ich einen Fuß nach dem anderen, die mich zu Maxou an die Box trugen. Die Stute drehte sich langsam um, legte die Ohren leicht nach hinten und musterte das Wesen, das die Frechheit besaß, sie beim Fressen zu stören. Dennoch blieb sie stehen und starrte mich an. Ihre großen Augen glänzten im indirekten Licht der Boxen, die um diese Uhrzeit noch eingeschaltet waren. Der Schweif pendelte langsam unter der Stalldecke, die ich ihr noch umgelegt hatte vor dem Ausritt. Je länger ich das Pony betrachtete, umso mehr bekam ich das Gefühl, dass mein Bruder recht behalten würde, auch, wenn sich das grundlegende Interesse an ihr in Grenzen hielt. Im Hinterkopf blieb der Gedanke, dass ich wohl möglich nicht mit ihr klarkam bei der Arbeit oder auch keine vollwertige Verbindung aufgebaut werden würde.
      “Da bist du ja”, stürmte ich erleichtert zu Lina, die überrascht vor mir stand, schließlich war sie nur für einen Augenblick verschwunden. Für mich fühlte es sich wie eine Ewigkeit an.
      Mit etwas zwischen Irritation und Belustigung in ihrem Ausdruck blickte sie mich an: “Wieso so ungestüm, ich war nicht mal zwei Minuten weg?”
      “Nein, das waren viel mehr”, hielt ich mich fest an ihren Schultern fest, als würde einer von uns sonst umfallen. In ihrem Gesicht spiegelte sich unverändert ihre Verwirrtheit. “Denkst du”, zog ich die Vokale unnötig lang, “dass Erik bleiben kann?” Ehrlich gesagt, wollte ich das gar nicht von ihr, denn viel wichtiger war es mir, wie sehr es an Absurdität grenzte, dass an dem Tag so viel passiert war. Außerdem fühlte es sich seltsam an mit meinem Pony, ich hätte gedacht, dass man deutlich mehr Glücksgefühle verspürt. Stattdessen war da nichts.
      “Ähhm … mir fällt jetzt nicht an, was dagegenspricht, also ja”, überlegte sie laut, ”Und das war jetzt so wichtig, dass du mich überfallen musstest?” Das Geräusch von Eisen, welches über den Boden kratze, erklang aus der Richtung der beiden Hengste. Lina ging auf den hellen Hengst zu, der ungeduldig scharrte und wies ihn zur recht, bevor sie ihm die Gummischüssel vor die Füße stellte.
      “Sicher?”, hakte ich ordnungshalber nach und stand, wie bestellt und nicht abgeholt in der Gasse herum. Förmlich sichtbar setzte ein Denkprozess bei ihr ein, der allerdings nur von kurzer Dauer war. Verunsichert, setzte sie schließlich zu einer Antwort an: “Ja? Das war doch schließlich keine Anfrage für die nächsten 6 Monate, oder doch?”
      “Sechs Monate am Stück? Nein”, lachte ich und überlegte, wie viele Tage dazwischen als Pause galten, um den Timer zurückzusetzen.
      “Na, dann kann er erst einmal bleiben”, lächelte sie großmütig.
      “Danke”, lächelte ich fröhlich und warf einen Blick auf unseren Jungspund, der mit seinen langen Beinen auf der Decke stand. Langsam begann sein Schwanz zu wedeln, als Trymr sind von der Rotlichtlampe zu ihm bewegte. Kurz schnupperte er an dem Zwerg. Freundlich quietschte er, suchte an der Bauchleiste des Rüden nach Zitzen. Daraufhin tippte ich Lina an, die sich gerade nach der Schale gebückt hatte, um sie dem Hengst wieder hinzuschieben. Sie wand sie zu mir um und als ich mit einer Geste zu den beiden Hunden zeigte, folgte ihr Blick meinem Finger.
      “Sieht danach aus, als hätte unser Findelkind Hunger”, äußerte sie eine Vermutung, die recht logisch erschien.
      “Was braucht es?”, sah ich mich Hilfe suchend im Stall um, “Stutenmilch, oder eher Fleisch?”
      “Ich bin jetzt kein Experte auf dem Gebiet, aber er sieht bereits alt genug aus, als dass er Fleisch fressen könnte”, beantworte sie meine Frage nachdenklich.
      Wieder nickte ich, nahm das getrocknete Rennpferd aus dem Licht und brachte ihn schnellstmöglich in seine Box zurück. Darin legte ich ihm wieder die Stalldecke um und schnappte mir von der Decke den kleinen Racker. Auf meinem Arm legte er sich auf den Rücken und wedelte mit seinem Schwänzchen, als ich den Bauch kraulte. Trymr folgte uns mit Abstand, wollte aber nicht ohne mich im Stall bleiben. Dumpf knarrten die Holzstufen hinauf zur Tribüne, über die man zu den Räumen kam.
      In der Küche standen schon alle wichtigen Gegenstände, darunter auch einige Notfallhundedosen, die ich vor geraumer Zeit gekauft hatte. Aus dem Oberschrank nahm ich einen kleinen Teller und betrachtete die beiden Hunde, die mir verliebt um die Beine strichen. Der Augenblick wirkte so unrealistisch. Ich stand mit einem Welpen und einem Höllenhund in der Küche. Hunden, denen ich für gewöhnlich aus dem Weg ging, berührten mich sehr nah und hatten sich sogar verdoppelt seit August. Dasselbe Phänomen, das mir mit Pferden passierte. Kopfschüttelnd grinste ich und machte dem Tier eine kleine Portion. Aus dem Krankenhaus wusste ich, dass man nach einem langen Hungern am besten klein anfangen sollte, da wir keinerlei über Fred hatten, musste ich davon erst einmal ausgehen. Für Trymr machte ich auch eine Portion, damit er ihn nicht anfallen würde, wer weiß schon, was in dem Kopf des Ungetüms ablief. Er bekam zuerst und wartete friedlich, bis ich ihm erlaubte an den Napf zu gehen. Fred hingegen stürzte sich direkt auf seinen Teller und bindend weniger Sekunden, waren sie fertig. Vertieft in den Zwerg, bemerkte ich die Schritte hinter mir nicht. Dass etwas vor sich ging, verspürte ich erst, als Trymr nicht mehr in Reichweite war. Noch bevor ich mich verzweifelt umdrehen konnte, verspürte ich zwei sehr kalte Hände an meinem Hals. Ich überlegte, ob mein Herz noch schlug, denn meine Atmung stockte. Sanft drückten sich zwei Daumen gegen meine Kehle und unbewusst wurde mir klar, dass von der Person nichts Böses ausging, auch, wenn vermutlich sonst keiner wie ich dachte. Langsam bewegte ich mich aus meiner Hocke nach oben, vernahm die kleinen Pfoten des Tieres an meinem Schienbein durch den dicken Stoff der Reithose. Erst dann drehte ich mich zu meinem Verehrer um, offensichtlich ohne Kind zurückkam. Vertieft in seine leuchtenden Augen schlug mein Herz in hochfrequentierten Intervallen, die aus zweierlei herkamen.
      „Wo hast du dein Mini gelassen?“, fragte ich mit kratzigem Tönen.
      „Die ist bei Lina und dem hellen Pferd, das im Gang stand. Vermisst da etwa jemand Fredna?“, schmunzelte Erik über beide Ohren.
      „Nein, aber dann haben wir einen Augenblick für uns?“, tastete ich mich langsam meinen Händen an seinem Oberkörper entlang und verspürte wieder eine wohlige Wärme im Unterleib, die sich durch einen leichten Druck noch mehr verstärkte. Seine Kleidung hingegen war angenehm kühl, auch wenn er für meinen Geschmack noch zu viel davontrug.
      „Grundsätzlich hätte ich nichts dagegen einzuwenden“, flüsterte er in mein Ohr. Der Atem kitzelte an meinen Ohren, wodurch sich das Gefühl im Unterleib verstärkte.
      „Allerdings“, setzte er fort und unterbrach seinen Satz mit einem Kuss auf meine Wange, „du musst mir noch erklären, was du da angeschleppt hast Niedliches.“ Urplötzlich ließen seine Hände von mir ab und kniete sich zu dem Zwerg hinunter, der tapsig angerannt kam und dabei so stark mit dem Schwanz wedelte, dass der ganze Hintern wackelte. Erleichtert, dass er mir über das kleine Kerlchen keinen Vortrag hielt, atmete ich aus, verlor allerdings auch die Lust auf alles Weitere.
      „Wir haben ihn eingeklemmt im Wald gefunden“, erklärte ich, setzte mich dazu auf den gefliesten Fußboden, der mich mit der integrierten Fußbodenheizung wärmte.
      „Deswegen bist du so dreckig“, tuschelte er quietschend dem Tier zu, das vor Freude wohl gleich platzen würde.
      „Ja und Lina gesagt, dass du bleiben darfst“, versuchte ich wieder die Aufmerksamkeit zu bekommen, doch Erik sah mich nicht einmal an, handelte meine Aussage mit einem kurzen Nicken ab und sagte: „Weiß ich schon.“
      „Zwingt dich keiner, hierzubleiben“, zischte ich eingeschnappt und erhob mich, um den Raum zu verlassen. Er stand ebenfalls auf mit dem Hund auf dem Arm.
      „Du meinst das nicht ernst, dass du eifersüchtig auf einen Welpen bist“, sah er mich eindringlich an. Dabei lächelte ich aufgesetzt kurz auf und setzte meinen Weg fort. Hinter mir hörte ich noch seine Schritte, drehte mich jedoch nicht um. Nacheinander leuchteten die Lampen des Flures auf, bis ich mein Zimmer erreichte und deutlich zu laut die Tür hinter mir schloss. Seinen Mantel warf ich in die Ecke und ließ mich auf das Bett fallen, ohne die Schuhe ausgezogen zu haben. Im Raum war es bis auf das indirekte Licht in den Fußleisten dunkel und von dem riesigen Fernseher strahlte eine kleine rote Lampe an die Decke. In meinem Kopf zirkulierte es, als hätte ich ein Glas Wein zu viel getrunken. In meiner Brust schlug das Herz noch immer wie wild und als sich die Tür öffnete, ich eine männliche Silhouette erkannt, warf ich meine Handschuhe ich seine Richtung.
      „Geh weg, ich will allein sein“, jammerte ich weinerlich und hörte nur ein tieferes Lachen, als ich erwartet. Die Deckenbeleuchtung glimmte und sah, dass Tyrell den Raum betrat.
      „T-Tut mir leid“, stammelte ich beschämt und richtete ich aus dem Bett auf.
      „Schon wieder Stress im Paradies?“, scherzte er.
      Ich schüttelte den Kopf.
      „Na gut, wo ist denn Lina?“, fragte Tyrell ernster und schob sich einen der Stühle vom Tisch weg, um Platz zu nehmen.
      „Die kommt bestimmt gleich, Walker muss nur noch in die Box zurück“, erklärte ich wahrheitsgemäß, sofern meine Informationen noch aktuell waren.
      Während wir auf die warteten, fragte er mich über die Runde im Wald aus. Dass es auch schön war, wieder auf dem Sulky zu sitzen, vergaß ich nicht zu sagen. Als das Schweigen einsetzte, kam auch Lina dazu, mit Fredna an der Hand. Irritiert musste unser Chef das Kind, aber flott erklärte ich, dass es zu Erik gehörte. Er wirkte erleichtert, aber gleichermaßen noch irritiert.
      „Lina, setzt dich bitte“, sagte er zu ihr und zog den Stuhl neben sich zur Seite. Zögerlich trat sie zum Tisch. Stillschweigend und möglichst leise, legte sie ihre Jacke ab. Tyrell begann damit den Fernseher anzuschalten, um uns darauf die Entwürfe von dem neuen Gestüt zu zeigen. Überall musste gebaut werden und sogar ein Teil des Waldes für eine Ferienlandschaft gepfählt werden. Mit den Arbeiten sollte es beginnen. Bei den Isländern an der kleinen Reithalle wird ein riesiges Reitstadion erbaut mit einem noch größeren Reitplatz, als wir ohnehin schon haben. In Zukunft werden dort auch Fahrturniere stattfinden. Außerdem verblieb unser Stall für uns, während rundherum weitere Paddockanlagen und Boxen errichtet werden, sodass noch mehr Platz für Einsteller sei. Es besteht auch die Überlegung, dass die Trainingsbahn umgebaut wird zu einer vollwertigen Rennbahn, da es um das Gelände in Kalmar schlecht steht. Nervös kratzte ich an meinem Bein herum, solange bis es blutete. Ich spürte, wie meine Kehle trockener wurde und nur heiser fragte: “Wenn es um Kalmar schlecht steht, bedeutet das dann, dass der Verein umzieht?”
      Lina drehte sich zu mir um, dabei begannen ihre Augen so hell zu strahlen, dass ich kurz anzweifelte, dass ich recht behalten würde.
      “Richtig”, nickte Tyrell und vor Freude sprang sie vom Stuhl.
      “Das klingt wie Musik in meinen Ohren”, trällerte sie und ein Lächeln, so glückselig wie ich es den ganzen Tag noch nicht zu sehen bekam, erstrahlte auf ihrem Gesicht. Für sie war es vermutlich genau das, was sie hören wollte, um möglichst häufig Niklas zu treffen. Doch für mich stellte es das Gegenteil dar, besonders, wenn ich das morgendliche Gespräch im Kopf behielt.
      Tyrell erzählte weiter, davon, dass ein Bildungszentrum errichtet werden würde, dazu gehörte neben der Planung von verschiedenen Lehrgängen uns Seminaren, so etwas wie eine Privatschule, die allerdings nur am Wochenende und Ferien stattfinden soll, als eine Art intensiv Beschulung. Schon an den Plänen konnte man genau erkennen, welches Klientel damit angesprochen werden würde. Je mehr er uns präsentierte, umso weniger schien ich von der Sache überzeugt, nur die Tatsache, dass das nicht uns betreffe, erleichterte mich zutiefst. Hauptsächlich würden wir seine Pferde machen und die anderen Teile des neuen Gestüts wurden von anderen verwaltet. Außerdem stand die Planung ebenfalls nicht in seiner Hand, nur die Übergabe der Informationen an uns.
      Noch eine geschlagene Stunde verging, in der auch Erik mit dem Welpen wiederkehrte, bis alles uns genau gezeigt wurde. Meine Lider lagen schwer über meinen Augen und ich war vermutlich sogar mehrfach eingeschlafen, aber der kleine Zeiger rückte der Zehn auch immer näher. Lina grinste noch immer.
      “Ich finde, du könntest ein klein wenig mehr Begeisterung zeigen”, sprach sie munter, “Für dich hat es doch auch seine Vorteile, wenn du mit Lubi nicht mehr so viel durch die Gegend gurken musst.”
      “Ebenso, wenn nicht sogar noch mehr, Nachteile”, seufzte ich entmutigt.

      © Mohikanerin // 99.351 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Anfang Oktober 2020}
    • Mohikanerin
      [​IMG]

      kapitel tretton | 21. März 2022

      Schneesturm // Northumbria // Lubumbashi // Maxou // Satz des Pythagoras // HMJ Holy // Girlie // Millennial LDS // WCH’ Golden Duskk // Moonwalker LDS // Friedensstifter // Form Follows Function LDS // Binomialsats
      Minnie Maus // Ready for Life // HMJ Divine


      Niklas
      Zittrig schwebte mein Finger über den Kontakt, während ich in meinem Auto saß mit Chris, der bereits allerhand Arbeit darin investierte, dass ich auf keinen Fall auf den Hörer klicken würde. Aber mein Schmerz, die Enttäuschung und alles Schlechte kochte in mir, viel mehr fühlte es sich an, als würde mein Gehirn tausende Stromschläge bekommen und es gab nur diese eine Bewegung, um den Schmerz zu entfliehen. Es half nichts, ich musste dieses Gefühl loswerden. Chris griff nach meiner Hand.
      > Är du säker?
      „Bist du dir sicher?“, sprach er sanft, wie auf Wolken spürten sich seine Worte in meinen Ohren an, als läge ihm alles daran.
      Ich nickte, womit ich die Freiheit bekam.
      Für eine gefühlte Ewigkeit tutete es, bis eine unfreundliche Abhob und umgehend fragte:
      > Har du pengar?
      „Haben Sie das Geld?“
      Natürlich bejahte ich die absurde Frage und konnte auch direkt losfahren. Chris und ich stiegen in den Transporter um, doch ehe ich mich auf den Fahrersitz setzen konnte, nahm er mir die Schlüssel ab und stieg selbst auf der Seite ein. Also öffnete ich die Beifahrertür und nahm neben ihm Platz. Teilnahmslos blickt Chris zur Straße, schweigend. Seine Meinung zu dem Thema kannte ich bereits, äußerst ausführlich sogar.
      Bino war Smoothies erstes Fohlen, eins, das Opa noch gezogen hatte und geboren wurde, als ich mich auf einem anderen Kontinent befand. Von Bildern kannte ich den kleinen Hitzkopf, doch real sah ich ihn nie. Umso aufgeregter war ich, als ihn auf der Starterliste im März fand, allerdings nicht vor Gesicht bekam. Weitere Auftritte wurden mir verwehrt und er geriet meinerseits in Vergessenheit. Wie vom Blitz getroffen, erhellte er einen Traum in der Nacht. Natürlich kannte ich meine Stute gut genug, um bereits das Gefühl verspürt zu haben, dass sie nicht trächtig sei, die Bestätigung durch den Tierarzt brachte die schlechte Nachricht. Bis zum letzten Augenblick schwebte ein kleiner Funken Hoffnung vor dem inneren Auge, versuchte mich im Glauben zu belassen, dass alles gut sei. Dem war nicht so. Smoothie bekam kein weiteres Fohlen, zumindest nicht im nächsten Jahr.
      > Varför måste du ta hästen ifrån henne så brådskande?
      „Warum musst du ihr das Pferd unbedingt wegnehmen?“, fragte Chris. Seiner Tonlage zu Folge stellte er die Frage zum wiederholten Male. Ich überlegte. Es gab viele Antworten dafür, nur keine, die Sinn ergeben würde. Plötzlich wurden meine Hände schwitzig und in dem Fleece Pullover setzte Hitze ein.
      > Jag kan göra det, så jag köper Bino.
      „Ich kann es, also kaufe ich Bino“, antworte ich mit trockener Kehle und zog den Pulli aus.
      Viele hundert Kilometer lagen vor uns, die im Schweigen gehüllt waren. Natürlich erlangten die Zweifel ihre Vormacht in meiner Gedankenwelt. Bisher war es nicht an die Öffentlichkeit geraten, dass meine Erfolgsstute durch Arthrose den Ring verließ, ebenso versuchte ich es so lang wie möglich hinauszuzögern, dass es mit uns beiden vorbei war. Ein Funken bestand noch immer, dass alle Ärzte sich geirrt hatten und Smoothie dasselbe Pferd war, das mich vom ersten Tag an, in seinen Bann gezogen hatte. Natürlich, Form war weder ein hässliches Pferd noch untalentiert. Die Rappstute zeigte sich bemüht und motiviert, an manchen Tagen als zu perfekt. Sie wollte gefallen, strampelte sich einen ab, ohne dabei Widerstand zu leisten. Ich mochte sie, so viel war gesagt, aber Form konnte meinen Ansprüchen von einem Partner nur schwer entsprechen. Man könnte sagen, dass sie mir zu nett war. Mir wurde es zum Teil, die Herausforderung zu suchen und daran jeden Tag zu knuspern, eine Lösung für das Problem zu finden. So sorgte Form dafür, dass es keins gab oder ich viel mehr eins erschaffen musste. Seit einigen Tagen war ich nicht auf dem Hof, hoffte darauf, dass mehr Rennpferd aus ihr herauskommen würde, wenn ich in zwei Tagen wieder zum Training erschien.
      Leider hatte ich auch Gedanken daran verschwendet, Form wieder zu ihrem ursprünglichen Besitzer zurückzugeben, jemand, der Freude an dem eifrigen Tier hatte und es genoss, Lektionen ohne Widerstand abzurufen. Andererseits mochte sie mich, wieherte mir im Stall zu, wenn meine Stimme ertönte und konnte genauso aufgeregt tänzeln wie Smoothie. Ebenso gut zeigte die Stute ihr Talent auf Sand. Die Versammlungen saßen punktgenau, aber in der Verstärkung konnte sie hektisch werden anstelle der gewünschten Rahmenerweiterung. Doch, war es das, was ich mir wünschte? Nein. Der Rappe entpuppte sich schon nach einigen Tagen als sehr untalentiert mit Hindernissen, kam im Gelände schnell ins Rutschen, verweigerte und fühlte sich nicht wohl mit Stangen. Mehrfach versuchte ich ihr die Natursprünge und auch normalen auf dem Platz näherzubringen, aber anders als für die Rasse typisch, scheute sie, zuckte zurück. Die sonst so nervenstarke und mutige Stute verwandelte sich von einer auf die nächste Sekunde in ein schwarzes Biest, das nicht einmal ich kontrollieren konnte. Somit stand die Entscheidung, dass sich Form nicht als Eventingpferd eignen würde.
      Noch lange wägte ich ab, ob ich überhaupt die Zeit hätte für drei Pferde, wovon eins bestens auf dem Lindö Dalen versorgt war. Ich entschied, dass ich es versuchen sollte. So gern ich meinen Beruf als Polizist ausübte, umso wichtiger waren mir meine Tiere und im schlimmsten Szenario würde ich kündigen. Meine Angst wandelte sich zur Vorfreude den jungen Hengst endlich persönlich kennenzulernen, als auf dem kleinen Monitor nur noch ein einstellige Kilometerzahl angezeigt wurde. Chris hatte sich auch mit der Situation abgefunden, wusste, dass er mich ohnehin nicht von meinem Plan abbringen könnte. Kurz warf ich einen Blick auf mein Handy, überlegte, Lina Bescheid zu sagen. Aber ich zögerte. Wortlos verschwand ich, hatte ihr keinerlei Chance gegeben mich zu unterstützen. Ich schämte mich und steckte es wieder zurück in die Hosentasche.
      Im gemäßigten Tempo fuhren wir eine Allee aus jungen Bäumen entlang und die Lichter, die zuvor so fern am Horizont glühten, wurden immer einladender und begrüßten uns förmlich. Es war stockdüster geworden, aber der Hof leuchtete im warmen Licht. Wenige Autos standen auf dem Parkplatz, doch menschenleer war es nicht. Chris hielt.
      > Kommer du?
      „Kommst du mit?“, fragte ich sehnsüchtig, doch stur schüttelte er den Kopf. Mit einem tiefen durchatmen sprang ich vom Beifahrersitz auf den befestigten Gehweg, folgte der Beleuchtung und kam bei einem gepflegten Stallgebäude an. Freundlich blickten mich einige Pferdeköpfe an. Ungefähr in der Mitte stand eine Dame, mit der wohl telefoniert hatte. Ein braunes Pferd mit großen Abzeichen stand hinter ihr, wippte müde mit dem Kopf und die Augen fielen immer wieder langsam zu.
      > Vi ska göra det här kort och gott, eller vill ni sitta på den igen?
      „Wir machen das kurz und schmerzlos, oder wollen Sie sich noch einmal draufsetzen?“, sagte sie. Ihre Tonart verriet mir bereits, dass sie mich so schnell wie möglich wieder loswerden wollte, sogar der Hengst schien nur wenig motiviert für irgendwas zu sein. Er hatte seinen Hinterhuf aufgestellt und der Kopf hing fest in den beidseitig befestigten Stricken.
      > Nej, jag tar honom direkt.
      „Nein, ich nehme ihn direkt mit“, stammelte ich, eher untypisch. Doch auf eine gewisse Weise kam ich mir nicht nur fehl am Platz vor, sondern auch ziemlich kindisch. Sie nickte und löste die Haken dabei. Unsanft kippte Bino nach vorn, fing sich jedoch rechtzeitig auf. Die Ohren drehte er nach hinten. Am unteren Ring befestigte die Dame einen Strick und drückte ihn mir umgehend in die Hand. Sie wollte mich wirklich loswerden.
      Zusammen liefen wir zum Auto. Aus der Sattelkammer hatte sie seinen Sattel und Trense geholt, packte es im Transporter auf die Befestigung, ehe ich aus meiner Hosentasche die dreihundertsechzigtausend Kronen herauszog. Die bunten Scheine waren zerknüllt und teilweise angerissen, wie Geld nun einmal aussah, wenn es Tagein, Tagaus mit der Hose getragen wurde. Schockiert sah sie an mir hoch, aber packte das Bündel in ihre Jacke.
      Bino stand im Transporter und zupfte vergnügt an dem Heunetz, während wir im Inneren den Vertrag fertig machten und ich die Papiere überreicht bekomme. Der Impfstatus erscheint auf den ersten Blick vollständig. Kurz angebunden verabschiedete die Dame sich und verschwand im Dunkeln. Verwirrt blickte ihr nach, konnte nur schwer verstehen, welches Problem sie mit mir hatte.
      Endlich hatte ich Zeit mein, wohlgemerkt drittes, Pferd genauer anzusehen. Obwohl sein Blick nur zum Netz gerichtet war, bemerkte er mich. Die Ohren bewegten sich in meine Richtung und lang spielten sie im Sound des Streu unter den Schuhen. Leise knisterte es. Dazu ertönten in der Stille die kauenden Geräusche des Pferdes und seine Atmung. Für einen kurzen Augenblick fühlte ich mich zurück in den Moment versetzt, in dem mit seiner Mutter zu dem Turnier fuhr, das zwar in der reinsten Katastrophe endete, aber solch positive Gefühlsausbrüche auslöste, die ich kaum in Worte zu verfassen wusste. Wir hatten nicht einmal den M-Parcours beendet, da endete für uns die Reise bereits mit der zweiten Verweigerung bei dem vorletzten Hindernis. Für mich war es keine große Sache. Smoothie kannte vorher Turniere nicht und hatte einen ihrer typischen Anfälle vom Vollblutanteil im Blut. Der Schweif stand dauerhaft in der Luft und sie kam aus dem Gucken nicht heraus, wobei die Menschenmassen auch für mich noch eine ziemliche Belastungsprobe darstellten.
      > Kan vi åka? Jag skulle vilja vara hemma före morgondagen.
      „Können wir los? Ich würde gern vor morgen Zuhause sein“, hetzte Chris. Sanft strich ich dem Hengst über den Hals und schloss die große Klappe, damit wir abfahren konnten. Wie bereits auf der Hinfahrt tauchte sich die Fahrerkabine in einen Schleier aus Schweigen. Mir war jedoch auch nicht danach ein Gespräch zu beginnen. Wir hatten beide einen langen Tag und noch eine kürzere Nacht zum Schlafen vor uns.
      Leise schloss ich die Eingangpforte auf, versuchte möglichst unauffällig in den Keller zu kommen. Es leuchtete kein Licht mehr von der großen Treppe im Eingang, aber stürmte Tova heulend zu mir. Bösartig rief mein Vater den Hund zurück, doch die Hündin interessierte sich kein Stück dafür. Stattdessen wurde das Getobe lauter. Mama stand auf, zog sie am Halsband zurück aber kam noch hinunter. Sie folgte mir bis ins Badzimmer. Müde lehnte sie neben dem Waschbecken, konnte sich nur müßig halten.
      „Warum bist du jetzt erst da?“, fragte sie liebevoll und rieb mit einer Hand sich den Schlaf aus den Augen.
      Erst zuckte ich mit den Schultern, aber sie blieb hartnäckig. Stellte die Frage erneut und immer wieder, bis ich begann zu erzählen von dem Ausflug mit Chris.
      „Ich habe ein Pferd gekauft“, erzählte ich beiläufig bei dem Umziehen. Meine Hose landete im Wäschehaufen, sowie die restliche Kleidung, die ich am Körper hatte. Nur noch bekleidet im Handtuch schaltete ich das Wasser der Dusche an, um der Wärme einen Vorlauf zu geben.
      „Könntest du bitte gehen, ich möchte nicht darüber reden“, wiederholte ich, nach der Mama mehrfach versuchte mehr über Bino zu erfahren. Tatsächlich wollte ich nicht über das Pferd reden, zu beschämt war ich darüber, dass Lina noch nichts wusste. Unter den Strahlen des Duschkopfes flossen einige Zweifel von mir, hinunter des Abflusses.
      Befreit fühlte ich mich nicht nach der langen Dusche, aber auf jeden Fall besser. Im Haus war es still geworden, umso deutlicher drangen die immer lauter werdenden Gedanken in den Vordergrund, vor mein inneres Auge. Unaufhörlich sah ich Linas Gesicht vor mir, die schmerzerfüllt zur mir hochblickte, den Tränen nah, aber nicht darüber sprach. Sie schien es für selbstverständlich zu halten, nicht über das negative Gefühl zu sprechen, das sie tief im Inneren versteckte und versuchte, bloß nicht mir zu zeigen. Oder gar ehrlich zu sein. Es gab keine Grenze, sosehr ich auch danach strebte, eine zu finden. Auf dem Nachttisch leuchtete der Bildschirm meines Handys auf, verglimm, ehe es sich mit einer Vibration erneut meldete. Genervt griff ich es.
      Zwei verschiedene Benachrichtigungen dominierten auf dem Sperrbildschirm: Lina hatte mir bereits vor einer Stunde eine Nachricht gesendet und vor wenigen Sekunden postete Vriska etwas in ihrer Instagram Story. In Millisekunden glühten die Nerven in meinem Gehirn auf, überdachten, welche es mehr Wert war, als Erstes angeschaut zu werden. Gewissenhaft antwortete ich meiner Freundin, entschuldigte mich sogar für mein Schweigen und erklärte, dass ich Zeit brauchte zum Nachdenken über meinen Schimmel. Beim Betrachten der Uhrzeit wusste ich auch, dass eine Antwort wohl erst in mehreren Stunden, beim Aufstehen, zu erwarten war. Doch, der Benachrichtigung zur Folge, war Vriska noch unter den Wachenden. Ich tippte auf die Meldung und das Handy wechselte zu Instagram. Ein kurzer Bumerang erschien. Vom Boden bewegte sich das Video nach rechts, zu ihrem neuen Pferd, dass sie über den Kies führte. In der Wegbeleuchtung tanzten kleine Schneeflocken und je öfter ich mir die sechs Sekunden ansah, umso besser sah ich, dass auch schon eine schmale Schicht den Boden bedeckte. Unerwartet kam noch ein Bild, ein ziemlich schräges Selfie, verwackelt und unscharf. Ihre langen, weißen Haare lagen durch den Wind in ihrem Gesicht und die dunkle Mütze hielt sie nicht an Ort und Stelle. Willkürlich entwickelte sich der Gedanken sie anzurufen, ihr mitzuteilen, dass ich sie vermisste und da sie es nicht verneinte … Sie mich auch? Ich sollte den Gedanken verschieben, direkt so weit weg, dass ich keinen Zugriff mehr darauf haben würde. Vorbeugend legte ich das Handy wieder weg, rollte mich über die riesige Matratze, aber es stand fest: Ich war nicht müde.
      Konnte es eine blöde Idee sein, eine enge Freundin mitten in der Nacht anzurufen, weil man nicht mehr klarkam? Jeder würde diese Frage verneinen, außer es ginge dabei um Vriska, dem Kampfdackel des Lindö Dalen Stuteri. Ich fackelte nicht lang, da drehte ich mich hinüber, machte einen langen Arm und hatte wieder mein mobiles Gerät in der Hand. Mit wenigen Klicks piepte es aus den Lautsprechern. In der Innenkamera betrachte ich die großen Augenringe, die tagtäglich größer wurden und versuchte mit einer Handbewegung meine Frisur zu richten. Dann überraschte mich Vriska im leichten Schneesturm ums Gesicht.
      “Warum zur Hölle rufst du mich”, stoppte sie und fummelte mit einem Finger vor der Kamera herum, “um drei Uhr fünfzehn an?” Ihre Stimme klang dafür ziemlich wach und aufmerksam, um selbst noch auf den Beinen zu sein. Leise klammerten die Steine unter den Hufen ihrer Stute, untermalt von dem tiefen Schaben ihrer Schuhe über den Kiesweg. Der Wind rauschte unruhig über den Lautsprecher, verschleierte dabei einige Töne aus dem Hintergrund, dennoch hörte ich andere Pferde über den gefrorenen Sandboden laufen.
      “Du postest doch fröhlich in deiner Story um die Zeit, also wieso nicht?”, antwortete ich mit einer Gegenfrage.
      “Wenn du alles gesehen hättest, wüsstest du es”, rollte ihre Augen auffällig in die Kamera. Ich zuckte nur mit den Schultern. Dachte sie ernsthaft, dass sie so interessant sei? Unweigerlich erinnerte mich mein Körper daran, dass sie es war.
      “Gut, dann auch noch mal für die ganz Dummen”, sagte sie und wechselte zur Außenkamera. Ihre Ponystute lief matt neben ihr her. Die Ohren hingen beinah leblos zur Seite und der Hals war vollkommen verschwitzt. In dem kleinen Fenster sah ich mein Ebenbild, das unvorteilhaft nah an der Kamera hing und das Tier betrachtete.
      “Also, wie du siehst, es ist fast tot. Ich hatte ein schlechtes Gefühl, habe die Aufnahmen geprüft und da stand Maxou in ihrer Box, trat sich unruhig gegen die Box und legte sich hin. Deswegen führe ich sie jetzt und warte auf den Tierarzt”, erklärte Vriska gewählt. In ihren glasigen Augen erkannt ich den Schreck, den sie erlebt haben musste.
      “Wann wird er da sein?”, versuchte ich neutral zu bleiben. Ich konnte mir kaum vorstellen, was ich tun würde, wenn Bino plötzlich an einer Kolik litt und die Nachtschicht dies nicht mitbekommt. Schwer lag mir ein undefiniertes Gefühl im Magen, drehte sich dabei wie ein Seil um meine Eingeweide, an dem jemand zog.
      “Zehn bis dreißig Minuten, ich weiß es nicht”, wurde der Ton zerrender und ihre Kamera setzt für einen Augenblick aus.
      “Soll ich vorbeikommen?”, sagte ich und stand gleichzeitig aus dem Bett auf, saß nun oberkörperfrei vor ihr. Sie begann automatisch zu grinsen, was ansteckend wirkte. Biss mir dabei auf die Unterlippe, um mir die schelmischen Worte in den Gedanken zu verklemmen.
      “Nein, ich schaffe das allein”, obwohl Vriska wirklich versuchte, die Tränen zu unterdrücken, kullerte eine einzige über ihre Wange.
      “Wirklich? Ich würde direkt los und”, tief holte ich Luft, “und bei Missachtung der Geschwindigkeiten wäre ich in einer Viertelstunde da.”
      “Auf gar keinen Fall, für deinen Tod möchte ich nicht verantwortlich sein. Also deck dich wieder zu, leg das Handy beiseite und schlafe.”
      “Na gut, aber wenn er in zwanzig Minuten nicht da ist, rufst du an, okay?”, vergewisserte ich mich. Eigentlich hatte ich erwartet, dass sie sich dafür bedankt und auflegt. Stattdessen hielt die ihr Handy weiter in der Hand, mit der eingeschalteten Innenkamera und ihre Augen schielten im Wechsel vom Pferd und wieder zurück zu mir.
      “Danke dir, aber warum hast du angerufen?”, setzte Vriska lächelnd fort.
      “Was möchtest du denn hören?”, hoffte ich eigentlich nach der Bombe mit der Stute, das Gespräch sein zu lassen.
      “Die Wahrheit, das wäre der richtige Schritt in die richtige Richtung”, sprach sie. Sanft schnaubte das Pferd neben ihr ab, hustete und schnaubte erneut. Neugierig versuchte ich auf dem Bildschirm mehr zu sehen, ausnahmsweise war Vriska klug genug, meine Bewegung zu deuten und zeigte mir das Maxou. Die Ohren standen wieder am Genick und der Schweif pendelte. Sie hatte noch rechtzeitig reagiert, vermutlich würde der Tierarzt Entwarnung geben. Mindestens genauso interessant war der gefallene Schnee, der im kalten Licht ihres Handys blau leuchtete, fünf Zentimeter müssten mittlerweile liegen.
      “Ich wollte deine Stimme hören”, seufzte ich bestürzt. Direkt wechselte sie wieder die Ansicht, schaute mich verdutzt an und drückte sich fast das Handy gegen die Wange. Ernst blickten ihre Augen in die Kamera. Dann lachte sie.
      “Mach’ dich bitte nicht lächerlich”, sagte Vriska, aber grinste. Ob die Kälte oder Scham ihre Wangen rot färbte, fiel außerhalb meines Geltungsbereichs.
      “Das ist mein Ernst und”, dann holte ich erneut tief Luft, “außerdem, habe ich vermutlich einen riesigen Fehler gemacht.”
      “Einen Fehler? Man erzähle mir mehr”, kam sie aus dem Scherzen nicht mehr heraus.
      “Ich habe ein Pferd gekauft, aber nicht irgendeines, sondern Bino, das erste Fohlen von Smoothie”, dann dachte ich nach, wie ich es am elegantesten formulierte, dass ich ganz offensichtlich mich wie ein herzloser Idiot verhielt und einem jungen Mädchen ihr Turnierpferd abgekauft hatte, das nicht zur Abgabe stand.
      “Aber?”, hakte sie in der Stille nach.
      “Aber, das Pferd stand nicht zum Verkauf, deshalb -”
      “Deshalb hast du mit den Scheinchen gewedelt und urplötzlich stand das Pferd auf dem Hänger”, schüttelte Vriska den Kopf, nach dem sie mir glücklicherweise die Worte aus dem Mund stahl.
      “Im Transporter, aber ja”, korrigierte ich.
      “Ich vergaß, ihr reichen fahrt nur mit Transporter. Bestimmt wurdest du sogar gefahren, anstelle selbst die Arbeit in die Hand zu nehmen”, setzte Vriska ihre Hetze scherzhaft fort. Aber ich wusste wie sie es meinte und ich nichts zu befürchten hatte.
      “Allerdings traue ich mich nicht, es Lina zu sagen”, formulierte ich mit zittriger Stimme.
      “Dann sammele dich erst mal, oder spring über deinen Schatten, schließlich erschien sie mir heute wie der glücklichste Mensch auf dem Planeten.”
      “Ach ja, wie konnte das passieren?”, wunderte ich mich. Also wirklich, wovon sprach der Dackel? Kam Ivy heute, hatte ich es vergessen? Eigentlich nicht, zumindest müsste ich auch zugeben, dass ich den Gesprächen, das eine oder andere Mal aufmerksamer zuhören sollte. Ja, auch wenn ich optisch dem Ideal eines Traumprinzen erschien, kam ich allen anderen Posten dieser Behauptung nicht nach. Die Hintergründe dazu näher zu erläutern, waren nicht nötig, oder?
      “Du weißt es nicht?”, stoppte sie und erschien eine Antwort zu erwarten, die nicht von mir kam, also setzte sie fort, “Der Verein wird zu uns kommen, zumindest, wenn dann das Gebäude ausgebaut ist.”
      Mir steckte ein Kloß im Hals. Jeden Tag auf diesem Hof zu sein, erschien zumindest eine Erlösung zu sein, nicht mehr zwischen so vielen zu pendeln, bedeutete jedoch auch, stets unter Beobachtung zu stehen. Ich brauchte meinen Freiraum, der nicht nur dazu da war, um mir Appetit zu holen, viel mehr bedeutete es, meinen Gedanken freien Lauf lassen zu können. Lang und breit erzählte mir Vriska von den kommenden Veränderungen und eine Sache ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Würde ich bei den Weltreiterspielen mitreiten können?

      © Mohikanerin, Wolfszeit // 20.949 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Anfang Oktober 2020}
    • Mohikanerin
      [​IMG]

      kapitel fjorton | 14. April 2022

      Einheitssprache / HMJ Divine / Legolas / Schneesturm / Outer Space / Sturmglokke LDS / Maxou / Dix Mille LDS / Binomialsats / Form Follows Function LDS

      Lina
      “Braaav”, sprach ich zu dem dunklen Hengst und strich ihm loben über den kräftigen Hals. Die lange Mähne war in dicken, ordentlichen Zöpfen geflochten, die wie Lakritz in dem schwachen Licht glänzten, welches durch die großen Fenster in die Halle drang. Irgendwie wollten die Lektionen heute nicht so richtig funktionieren, was allerdings weniger am Pferd lag. Wie immer bei der Bodenarbeit war Rambi aufmerksam und versuchte motiviert meine Anweisungen umzusetzen. Nein, heute war definitiv ich das Problem. Die Nacht war wenig erholsam gewesen, denn der Welpe hatte gefühlt die ganze Nacht wimmernd und jaulend sein Leid beklagt und auch Fredna war ziemlich unruhig gewesen. Das nächste Mal sollte ich länger darüber nachdenken, wie wichtig mir mein Nachtschlaf war, bevor ich Vriskas Besuch zustimmte. So nahm mit jeder voranschreitenden Stunde die Müdigkeit zu und das einzige, was meine Konzentration halbwegs aufrechterhielt, waren die mittlerweile fünf Becher Milch mit Kaffeegeschmack, wie Vriska es nennen würde.
      Ungeduldig kratze der Freiberger mit seinem Huf durch den Sand, als es ihm zu lange dauerte, bis ich die Zügel wieder sortiert hatte.
      “Rambi, hör auf Löcher zu graben”, ermahnte ich den Hengst und klopfte ihm auf die Schulter, um ihn zum Aufhören zu bewegen. Ein letztes Mal wiederholte ich noch das Übertreten an der Hand, welches der Hengst vorbildlich ausführte. Schön wäre es, wenn er so auch mal unter dem Sattel funktionieren würde, anstatt ständig seine Männlichkeit unter Beweis stellen zu müssen. So wie Rambi sich dann aufführte, wunderte es mich nur wenig, dass seine Besitzerin ihn nur außerordentlich selten ritt.
      Zufrieden pruste der Braune die Luft aus seinen Nüster und schüttelte den Kopf, nachdem ich ihn von den Zügeln befreit hatte. Mit der Nase stetig am Boden stampfte er, solange durch den Sand, bis er den idealen Fleck gefunden hatte, um sich dort niederzulassen und genüsslich zu wälzen.
      Gerade als ich die Hufe des Hengstes vor dem Verlassen der Halle auskratze, ließ mich das Zuschlagen einer Autotür aufhorchen. Auch Rambi schien das Geräusch wahrgenommen zu haben, denn er reckte mit gespitzten Ohren den Kopf um die Ecke. Das musste Ivy sein. Augenblicklich beschleunigte sich mein Puls und vertrieb jegliche Müdigkeit aus meinen Gliedern. Hastig entfernte ich den Sand auch aus dem letzten Huf und noch bevor ich selbst um die Ecke kam, erkannte ich bereits an Rambis Verhalten, dass breites jemand auf der Stallgasse stehen musste.
      “Samu”, entwich es mir freudig, als ich die Person erblickte. Das Pferd an meiner Seite drängelte voran, wollte unbedingt den Neuankömmling begrüßen. Nur mit großer Anstrengung konnte ich den sturköpfigen Hengst, davon abhalten einfach vorzustürmen.
      > Yllättynyt?
      “Überrascht?”, grinste mich der Finne amüsiert an. Das Pferd steckte ihm neugierig die Nase ins Gesicht, während ich nicht anders konnte, als meine Arme um ihn herumzuschlingen.
      > Joo... missä... En odottanut sinua ollenkaan. Mistä olet kotoisin? Mitä teet täällä?
      “Ja! Wo ... “, stammelte ich aufgeregt vor mich hin, “Ich habe dich überhaupt nicht erwartet. Wo kommst du her? Was machst du hier?” Durch die unerwartete Ankunft meines Freundes bildete sich plötzlich ein riesiger Knoten in meinem Hirn, der jegliches sinnvolles zusammenführen von Informationen verhinderte. Rambi, dem es nicht zu passen schien, dass die Aufmerksamkeit nicht auf ihm lag, schob seinen Schädel zwischen uns und schob uns somit wieder auseinander.
      > Kuka täällä muuten on mustasukkainen?
      “Wer ist der eifersüchtige Geselle hier eigentlich?” Lachend ließ der Blonde seine Hände über den Hals des Tieres bis hinunter zur Brust gleiten und begann dort ausgiebig zu kraulen.
      > Melkein tiedät sen, se on Einheitssprache tai myös rakkaudella Rambiksi kutsuttu
      “Den kennst du schon fast, das ist Einheitssprache oder auch liebevoll genannt Rambi”, antwortete ich und beobachte wie die Ohren des Hengstes sich leicht nach hinten drehten, der Hals eine schöne Wölbung erhielt und sich ein Ausdruck von wahrem Genuss in seinem Gesicht abzeichnete.
      > Freiberger mainoksesta, eikö niin?
      “Der Freiberger aus der Anzeige, nicht wahr?”, erkundigte sich Samu, während der dunkle Hengst immer weiter in den Genüssen versank. Wenn es nach ihm ginge, könne man ihn wohl auch den restlichen Tag lang kraulen.
      > Mutta jos olisin sinä, laittaisin tämän kauniin hänen sänkyynsä jonain päivänä. Koska minulla on jotain... tai ehkä minun pitäisi sanoa, että toin jonkun mukaani, josta tulet varmasti olemaan iloinen.
      “Aber wenn ich du wäre, würde ich den hübschen hier mal in sein Bettchen bringen”, sprach Samu scheinheilig, dennoch vernahm ich das Lächeln in seiner Stimme, ”Ich habe da nämlich etwas ... oder vielleicht sollte ich sagen, jemanden mitgebracht, über den du dich sicher freust.” Natürlich war mir sofort klar, wen er mitgebracht haben mochte. Wenn es denn noch möglich war, schoss mein Plus umso mehr in die Höhe und ich konnte Rambi gar nicht schnell genug zurück auf seinen Paddock bringen.
      Mit schnellen Schritten folge ich Samu schließlich vor den Stall. Auf der weitestgehend schneebedeckten Fläche stand ein Transporter. Ehrfürchtig stand ich daneben, konnte gar nicht glauben, dass der Moment, auf den ich nun schon so lang gewartet hatte, gekommen war.
      > Tule katsomaan
      “Na komm, sieh schon nach”, forderte Samu mich lächelnd auf und schob mich sanft die letzten Meter durch den Schnee. Da ich selbst nur knapp den Verschluss der oben Klappe erreichte, war Samu so freundlich diese für mich zu öffnen. Eine einzelne Träne löste sich aus meinem Augenwinkel und kullerte warm meine Wange hinunter. Sanfte dunkle Augen blicken mir entgegen, begleitet von einem freudigen Wiehern, bei dem kleine, weiße Atemwölkchen in die Luft emporstiegen. Da stand er, Divine, die kleinen, niedlichen Ohren aufmerksam gespitzt, beinahe so wie ich ihn zurückgelassen hatte. Einzig das dicke, weiße Fell, welches ihn aussehen ließ wie ein Teddybär, war neu. Mit zittrigen Fingern ließ ich die Hängerklappe hinunter und kletterte zu ihm hinein.
      > Kaipasin sinua pikku yksisarviseni
      “Ich habe dich vermisst, mein kleines Einhorn”, hauchte ich Ivy leise zu und ließ meine Finger durch sein langes Fell gleiten. Es war tatsächlich noch weicher als es aussah. Der weiße Hengst brummelte leise und stupste mich zaghaft ab. Aus meiner Jackentasche angelte ich ein Leckerli heraus, welches er mit weichen Lippen von meiner Hand fischte. Erst als sich eine weitere Pferdeschnauze in den Vordergrund drängte und ebenso nach einem Leckerbissen verlange, bemerkte ich das weitere Tier. Seidig glänzte das schwarze Fell im Halbdunkeln des Transportes. Aus Augen, so blau wie Kanadas Bergseen, blickte mir das Pferd entgegen und den Kopf geziert mit einer charakteristischen breiten Blesse.
      > Otit myös Legolaksen mukaasi! Tarkoittaako se sinua...?
      “Legolas hast du ja auch mitgebracht! “, rief ich aus und blickte Samu fragend an, “Heißt das du ...? Er nickte, noch immer ein Schmunzeln auf den Lippen: “Ja, ich bleibe”
      Kaum zu glauben, wie er fröhlich grinsend vor mir stand, obwohl ich ihn mindestens hundertmal gefragt hatte, wann genau er endlich hier nach Schweden ziehen würde. Hatte der Blödmann mich doch tatsächlich einfach die ganze Zeit angelogen und fand sich auch noch toll dabei.
      > Kuinka kauan olet ollut täällä?
      “Wie lange bist du schon hier?”, frage ich argwöhnisch, denn mich beschlich der Verdacht, dass Samu auch in dieser Sache nicht ganze Wahrheit von sich gegeben hatte.
      > Niin kauan kuin hevosesi on
      “Solange wie dein Pferd auch”, grinste er und in seinen Augen funkelte es schelmisch. Es erschien mir beinahe so, als hätte die Leute in letzter Zeit ziemlich viel Freude daran mir Informationen zu unterschlagen. Immerhin stand stets der Zweck dahinter, mir eine Freude zu bereiten.
      >Haluammeko purkaa ne kaksi vai haluatko jatkaa minua?
      “Wollen wir, die beiden auch mal ausladen oder möchtest du mich weiter böse anstarren?”, lachte er vollkommen ungerührt von meinen Blicken.
      > Tottukaa
      “Ja, natürlich”, entgegnete ich leicht pikiert und löste Ivys Strick. Vertrauensvoll folgte mir mein Hengst die Rampe hinunter, auch wenn er durch die Transportgamaschen, mehr wie ein Storch anmutete als einem Pferd. Während ich etwas abseits, darauf wartete, dass auch Samu seinen Hengst auslud, reckte Ivy neugierig die Nase zu Boden und schnupperte an dem Weiß an seinen Hufen. Ich erfreute mich an dem Anblick, wie der helle Hengst nach der ersten Inspizierung die Zunge ausfuhr und begann an dem Schnee zu schlecken. Routiniert ließ auch Lego sich abladen und blickte mit wachen Augen um sich. Gemächlich trudelten einzelnen Schneeflocken vom Himmel und blieben in den Mähnen der Pferde hängen. Auch auf der blauen Fleecedecke, die das langbeinige Warmblut umhüllte, glitzern die Eiskristalle.
      Sanft am Strick zupfend, erlangte ich die Aufmerksamkeit meines Pferdes zurück und schlug den Weg in Richtung Stall ein. Bei Betreten desselben, verkündenden die beiden Hengste ihre Ankunft und bekamen sogleich eine mehrstimmige Antwort. Zielstrebig steuerte ich eine der großen Boxen an, die bereits für Ivy vorbereitet gewesen war, als plötzlich ein kleiner schwarz-weißer Blitz angerannt kam, der beim Versuch zu Bremsen über seine eigenen noch viel zu großen Pfoten purzelte. Interessiert streckte mein Pferd den Kopf dem Welpen entgegen, der mit eingezogenem Schwanz zurückwich. Als wundere sich Ivy über die seltsame Reaktion des Wesens, drückte er sich an meinen Oberkörper. Dabei schien Fred, wie wir ihn bisher nannten, doch mutiger zu sein. Tollpatschig, setzte ein Bein vor das andere. Anstelle weiterer Bekanntschaften mit Ivy zu machen, bemerkte er ein lockeres Band der Decke, schnappte zweimal danach und hatte es schließlich zwischen den kleinen Zähnen. Wie wild geworden zerrte er daran. Irritiert über das herum geziehe, drehte der Rappe die Ohren nach hinten, wagte sich aber auch nicht mehr sich zu bewegen.
      > Saanko esitellä, tämä on Fred meidän löytöpoikamme
      “Darf ich vorstellen, das ist Fred unser Findelkind”, erklärte ich Samu das Auftauchen des Welpens. Der Finne ging in die Hocke und versuchte den Welpen anzulocken, doch die Decke schien um ein vielfaches Spannender. Divine hatte das Interesse an dem kleinen Fellbündel, längst verloren und durchsuchte lieber mich nach weiteren Leckereien. Vermutlich hatte er schon längst gerochen, dass ich heute sogar extra seinen Lieblingssnack bei mir trug, in Form von Pastinakenchips. Das leise Rascheln, welches meine Finger erzeugten, erweckte nicht nur größeres Interesse bei meinem Pferd, sondern auch der Welpe schien interessiert daran, was ich aus meiner Tasche holte. Mit dem ganzen Hinterteil wackelnd blickte er zu mir hoch und stürzte letztlich sogar, die Vorderpfoten an meinem Knie ab und die Schnauze näher an die Quelle der Geräusche zu bringen.
      “Ich glaube ja, nicht, dass du das magst”, sprach ich zu dem Hund, hielt ihm aber dennoch eine der getrockneten Gemüsescheibchen hin. Die dunklen Nasenflügel bebten, bis Fred gierig danach schnappe und sich mit seiner Beute auf die Decke verzog, die ein paar Meter weiter lag. Mein Hengst entgegen, dem es zu lange dauerte, bis er sein Leckerli bekam, strecke mir seine rosafarbene Schnauze ins Gesicht und klappte sanft die Lippen auf und zu. Dieses Verhalten mag zwar äußerst niedlich erscheinen, ist auf Dauer aber ein wenig nervtötend, vor allem, weil Ivy ein Talent dafür besaß, dies in den ungünstigsten Moment zu tun. Sanft schob ich den wuchtigen Kopf beiseite, bevor ich ein Stück des Gemüses zwischen die gierigen Lippen schon. Selbstverständlich bekam Legolas, der die ganze Szene mit aufmerksam gespitzten Ohren beobachte, ebenso ein Leckerli.
      Nachdem nun alle hungrigen Mäuler gestopft waren, konnten wir auch die letzten Meter zu der geräumigen Box beschreiten.
      > Esimerkiksi Lego siinä
      “Wie, Lego auch darein?”, fragte Samu etwas schwer von Begriff als ich ihn deutet seinen Rappen ebenfalls in die Box zu führen, bevor ich dem Freiberger das Halfter auszog.
      > Kyllä, jos katsoisit ympärillesi, huomaat, että kaikki nastat elävät täällä niin. Tällä on myös se etu, että kaksikko voi tottua siihen rauhassa ennen kuin heidät päästetään irti laumasta eivätkä silti ole täysin yksin.
      “Ja”, nickte ich bestätigend, ”wenn du dich hier mal um siehst, würdest du erkennen, dass die Hengste hier alle so wohnen. Außerdem hat das den Vorteil, dass die beiden sich so erst einmal in Ruhe eingewöhnen können, bevor sie auf die Herde losgelassen werden und sind trotzdem nicht ganz allein.” Die Erklärung schien ihm einzuleuchten. Legolas marschierte, kaum war das Halfter runter, direkt nach draußen, um seinen neuen Balkon zu erkunden. Wie nicht anders erwartet, stürzte der Freiberger sich direkt auf den Heuhaufen in der Ecke, bevor er sich mampfend die neue Umgebung ansah. Stundenlang könnte ich hier stehen und Ivy beobachten, doch als Samus Rappe von einer leichten Schneeschicht überzogen, wieder hineintrat, fiel mir ein, dass eine Abschwitzdecke wohl nicht die beste Wahl für freien Paddockgang war. Divine mit seinem dicken Eisbärenpelz würde problemlos ohne Decke auskommen, doch der Hannoveraner, der von Großteilen seines Felles beraubt wurde, würde bei der Kälte noch glatt erfrieren. Seinem Besitzer war offenbar schon der gleiche Gedanke gekommen, denn er verschwand zurück zum Transporter, tauchte allerdings mit leeren Händen wieder auf.
      > Onko teillä jossain vilttiä Legolle? Ilmeisesti unohdin pakata sen.
      “Hättest du zufällig irgendwo eine Decke für Lego? Offenbar habe ich wohl vergessen die einzupacken.” Wow, ein Wunder. Eigentlich war doch Samu der Organisierte von und beiden der doch nie vergaß etwas einzupacken. Natürlich konnte ich nicht widerstehen, als ihn ein wenig damit zu triezen.
      > Oletko tulossa vanhaksi ja unohtelevaksi
      “Wird du etwas langsam alt und vergesslich?”, lachte ich, schlug aber sogleich den Weg zu Sattelkammer ein. In dieser Sammlung von Pferdezubehör würde sich sicher etwas für den Rappen finden lassen.
      > Älä ole niin röyhkeä, nuori nainen
      “Seien sie mal nicht so frech, junge Dame”, sagte er beinahe ernst, nur konnte er das Schmunzel nicht ganz verstecken.
      > En minä
      “Ich doch nicht”, grinste ich ihn an und wich erfolglos seiner Kitzelattacke aus. Dies rief nun auch Fred wieder auf den Plan, der bellend angelaufen kam und mitspielen wollte. Wild sprang der Welpe an uns hoch und wuselte uns durch die Füße, bis Samu ins Straucheln geriet und mich mit sich zu Boden riss. Glücklicherweise hatte er schon immer ein gutes Reaktionsvermögen gehabt, was ihm indessen dabei half den Sturz abzufangen, weshalb ich relativ weich auf seiner muskulösen Brust landete. Begeistert stürzte sich der Hund mit in das Knäuel, zerrte an meinen Zöpfen und kläffte bis er triumphierend auf der Brust des Finnen stand und aussah als hätte er gerade einen Hirsch erlegt.
      “Ich freue mich sehr für euch, dass ihr endlich dazu bereit seid, euch die unbestreitbare Liebe zu gesehen”, ertönte es unverkennbar hinter uns. Die gleichmäßigen kurzen Schritte nacheinander konnten nur von einer Person stammen und die tiefe Stimme dazu – Vriska kam. Von Samus Brust sah ich auf. Breit grinste sie, hielt dabei einen Kaffee in der Hand und wurde von Trymr begleitet, der beim Anblick des kleinen Clowns an Ort und Stelle verweilte.
      “Wisst ihr”, stand sie mittlerweile dicht neben uns, nahm einen kräftigen Schluck aus der schwarzen Tasse und sah nach unten, “ich bin wirklich die Letzte, die euch beide verraten würde, aber ich möchte euch daran erinnern, dass jeder von euch eine Beziehung führt. Also, ich schweige wie ein Grab.” Ich wollte etwas erwiderte, doch einzig ein ziemlich klischeehafter Satz kam mir in den Sinn. Nein, Lina, das würde es nur seltsamer machen.
      „Ähm … Ja“, stammelte ich aus dem Konzept gebracht, „dein Hund … fand uns wohl auf dem Boden hübscher.“ Vollkommen sinnbefreit strich die Falten von Samus Pulli glatt, bevor ich begann mich aufzurappeln. Besagter Kerl äußerte sich nicht zu der Situation, schien sich viel eher über meine Reaktion zu amüsieren.
      „Ihr wisst, dass man jederzeit kostenlos hier heiraten kann? Ich würde euch auch fahren“, fummelte Vriska in der riesigen Tasche der Jogginghose und holte einen klimpernden Schlüsselbund heraus. Triumphierend hielt sie es in der Hand nach oben. Was hatte sie da eigentlich alles daran? Das Ding sah nicht aus, wie ein typischer Bund, nein, da hingen tausende Schlüssel, ein langes Band, diverse Anhänger und ich würde lügen, wenn die beiden Fernbedienung nicht zu einem Auto gehörten.
      „Und was den Hund betrifft“, ging sie schließlich in die Knie, „aktuell gibt es noch kein dein und mein. Es ist der Hund.“ Die vorherige Freunde in der Stimme war wie verraucht. Sie hatte doch entschieden sich erst einmal, um Fred zu kümmern, was konnte sie so schnell umstimmen?
      “Danke, aber ich hatte weder heute noch in näherer Zukunft vor zu heiraten, egal wen”, lehnte ich ihr Angebot dankend ab. So wirklich verstand ich nicht, was immer alle bezüglich Samu und mir wollten. Ich meine ja, wir standen uns sehr nahe, führten auch eine sehr innige Beziehung, aber mit den romantischen Gefühlen, die eher aus einer kindlichen Naivität herrührten, hatte ich schon ziemlich lange abgeschlossen. Mittlerweile hatte auch Samu sich vom Boden erhoben und stand grinsend wie ein Schuljunge neben mir.
      Was den Hund anging, hatte ich auch, ohne dass Vriska etwas dazu sagte, das Gefühl, dass die Besitzverhältnisse nicht wirklich zur Debatte standen.
      “Alles okay, wegen des Hundes? Gestern klangst du noch deutlich erfreuter?”, hakte ich bei Vriska nach, denn ich hatte nicht das Gefühl, dass es nur eine ihrer Launen war, die Auslöser dafür waren.
      “Ich habe mir erst das da angelacht”, sah sie zu dem fressenden Pony hinüber, das nur noch an den Ohren Fell hatte und eine dicke Decke trug, “da kann ich nicht noch so einen Pflegefall aufnehmen, und außerdem.” Es klang, als würde ihre Stimme versagen. Hörbar atmete sie ein und aus, rückte allerdings nicht weiter mit der Sprache heraus. Stattdessen wurden ihre Augen glasig.
      “Außerdem, was?”, fragte ich einfühlsam, blieb aber beharrlich. In einer ermunternden Geste berührte ich sie behutsam und auch Trymr presste sich an ihre Seite.
      “Macht er meine Beziehung kaputt”, flüsterte in den hohen Kragen der Jacke. Daher rührte der Meinungswechsel also. Samu, der die Emotionalität der Lage zu erfassen schien, zog sich pietätvoll zurück.
      “Magst du genauer erklären, warum du das denkst? Gibt es eine Schwierigkeit mit dem Kleinen oder was ist das Problem? ”, versuchte ich näher zu ergründen, was sie bewegte.
      “Er hat nur noch Augen für Hund, als wäre ich Luft. Das ist das Problem”, seufzte sie, sah kurz zu Samu, der missverstanden das Gesicht verzog, aber sich aus dem Gespräch heraushielt. Stattdessen versuchte er sich den beiden Hengsten zuzuwenden, aber an seiner Kopfhaltung erkannt ich sofort, dass er zuhörte und dabei unauffällig wirken wollte.
      “Das wird sich legen. Das ist wie mit einem neuen Spielzeug, die ersten Tage ist es furchtbar spannend und steht im Mittelpunkt und wenn es dann normal ist, dass es da ist, nimmt alles wieder alltägliche Formen an. Außerdem rede mit deinem Freund, ich bin mir sicher er macht das nicht absichtlich”, versuchte ich sie aufzuheiternd, den kleinen Teufel in meinem Kopf ignorierend, der sich darüber beschwerte, dass sie ihren Freund immerhin täglich zu Gesicht bekam.
      “Spielzeug also?”, kam Schritte näher und her. Erik grinste gutmütig, schüttelte den Kopf und begrüßte zu nächst den kleinen Hund, der sich von Samu löste. Je mehr Menschen dazu kamen, umso mehr Freude strahlte das Tier aus, als gäbe es nichts Besseres als unsere Gesellschaft. In Vriskas Gesicht hingegen färbten sich die schmalen Wangen rot. Sie versuchte alles, um ihren Freund nicht anzublicken, schielte jedoch mit den Augen zu ihm, als triebe eine unsichtbare Kraft sie an. Es war ja klar, dass Erik genau dann auftauchen musste, wenn es um ihn ging.
      “Du weißt schon, dass du nicht darum herumkommen wirst ihn heute irgendwann wieder anzusehen?”, flüsterte ich Vriska leise zu, “Alles okay oder sollen wir woanders hingehen?” Im Hintergrund tauchte nun auch wieder Ivys Kopf aus dem Heu auf. Entweder er spürte Vriskas Unsicherheit oder er wollte sich noch ein Leckerli oder wenigstens eine Streicheinheit zu erbitten, wenn schon so viele Menschen auf der Stallgasse herumstanden.
      “Du kannst mit in den Wald kommen, wenn du Lust hast”, schmunzelte sie dann, “wollte mal schauen, was Maxou vom Handpferd Dasein hält.” Der verschneite Wald lud geradezu dazu einen winterlichen Ausritt zu unternehmen, aber dann waren da auch noch Ivy und Samu, die ich Ewigkeiten nicht mehr gesehen hatte. Hin- und hergerissen, betrachtete ich meinen Hengst, der in seiner drolligen Art die beiden Männer belästigte.
      “Das klingt gut, aber Samu ist extra hergekommen”, versuchte ich ihr meine Misere zu erklären, “Ich kann ihm doch dann jetzt nicht einfach so weglaufen?”
      Langsam senkte sie ihren Kopf, warf mir von unten einen direkten Blick die Augen. Dann begann sie wild zu gestikulieren, was die Pony Stute auch aus der Reserve lockte. Neugierig spitzte sie die Ohren, brummte leise, als Erik sich zu ihr bewegte. Natürlich, wie konnte ich das nur übersehen haben, hier waren tausende Pferde.
      “Wir drücken ihm ein Pferd in die Hand und los gehts, warum solltest du weglaufen?”, kramte sie nach dem Handy und schaute vermutlich nach, welche Tiere für den Tag noch zur Verfügung standen.
      Mit der flachen Hand schlug ich mir gegen die Stirn: “Stimmt ja, wir haben ja ausreichend Pferde.” Divine forderte Samu, der zwischenzeitlich aufgehört hatte ihn zu kraulen, stupsend auf damit fortzufahren.
      “Während du da noch schaust, gehe ich Lego mal endlich eine vernünftige Decke holen”, schloss ich an, denn die Flocken, die er mit hineingebracht hatte, waren mittlerweile geschmolzen und hinterließen dunkle Flecken auf dem Stoff. In der Sattelkammer fand ich zwischen den hunderten von Decken, tatsächlich recht schnell ein Modell, welches dem Rappen passen sollte.
      “Da, bitte schön”, drückte ich Samu die gefütterte Decke in die Hand. Leise brummelte Ivy und drückte mir etwas unsanft seinen Kopf gegen die Brust. Sanft strich ich über sein weiches Fell, während Samu seinem Hengst die Abschwitzdecke vom Rücken zog. Darunter kam ein Pferd zum Vorschein, welches ziemlich kahlgeschoren war, einzig in der Sattellage, an den Beinen und am Kopf stand noch etwas von dem plüschigen Winterfell. Gut, dass ich intuitiv zu der dickeren Decke gegriffen hatte.
      “Und welches von den hübschen Tieren hier darf ich gleich mitnehmen?”, fragte der Finne und warf mit einer schwungvollen Bewegung die Decke über den Rücken des Hannoveraners, wobei leise die Verschlüsse aneinander klimperten.
      “Das ist eine ziemlich gute Frage”, entgegnete ich, blickte kurz auf die Stall Gasse, doch Vriska war bereits verschwunden, um ein Pferd zu holen. Somit zog auch ich das Smartphone aus der Jackentasche, um selbst einen Blick in das System zu werfen. Interessiert scrollte ich durch die Pferde, die heute noch bewegt werden mussten und entdeckte dabei auch gleich einen Kandidaten, der mir sehr zusagte.
      “Also ich werde Sturmi nehmen”, verkündete ich schließlich entschlossen, “Möchtest du lieber etwas Ruhiges oder etwas mit ein wenig mehr Temperament?”
      “Es darf gerne etwas Charakterstarkes sein”, antworte Samu und strich dem lackschwarzen Hengst über den Hals, der mit eisblauen Augen neugierig seine Bewegungen beobachtete.
      “Gut, dann ständen Flyma und Alfi zur Verfügung. Letzterer ist recht spritzig und Flyma ein Überraschungspaket, sie ist meisten brav, kann aber auch ziemlich eklig werden”, stellte ich ihm die Auswahl vor. Daraufhin entschied er sich für den Hengst.
      “Na dann holen wir die beiden mal”, entgegnete ich dem Blonden fröhlich gestimmt.
      “Und zu dir komme ich später noch einmal, mein Hübscher”, raunte ich Ivy in die plüschigen, kleinen Ohren und steckte noch einen Snack in die beiden rosafarbenen Schnauzen, die sich mir entgegenstreckten.
      Auf dem Weg nach draußen, um die beiden Tiere zu holen, verfasste ich noch schnell eine Instagram Story mit einem Bild, welches ich beim Ausladen aufgenommen hatte, um zu verkünden, dass der weiße Hengst nun endlich Zuhause angekommen sei. Jedes Mal wieder, wenn ich einen Post über meinen Hengst verfasste, erstaunte es mich wie viele Leute scheinbar Interesse an einem einzigen Pferde zeigten. Okay, während die Challenges des Horse Makeover noch lief, konnte ich das Interesse insofern nachvollziehen, als man die Kandidaten verfolgen wollte, um einen Überblick über die Fortschritte zu erhalten. Vielleicht diente es auch dazu bereits erste Voraussagen zu treffen, wer das Makeover gewinnen könnte oder ob es sich Lohen würde bei der geplanten Auktion am Ende des Events vorbeizuschauen. Aber was jetzt noch an Divines Training interessant sein sollte, leuchtet mir nicht wirklich ein. Bisher erkannte ich kein außergewöhnliches Potenzial bei dem Tier, genauso wenig gab es ein festes Ziel, worauf ich hinarbeite, davon abgesehen, dass Ivys Gesundheit immer im Vordergrund stand. Genau so wenig gab es Turniererfolge zu bewundern und Methoden und Trainingskonzept folgte eher Intuition als festgeschrieben Regel und Philosophien. Dennoch schien es etwas zu geben, was die Menschen anzog, denn entgegen meinen Erwartungen, stiegen die Followerzahlen weiterhin an. Ein Gedanke, so flüchtig wie Reh, welches im gleißenden Scheinwerferschein die Straße kreuzte, schoss mir durch den Kopf und suggerierte mir ein Gefühl, dass Ivy zu mehr bestimmt war, als ein Hund in einem Pferdekörper zu sein. Nur wie und was genau das sein sollte, eröffnete mir dieser Gedanke nicht.
      “Welcher von den Hübschen ist denn meiner?”, fragte Samu und holte mich damit zurück in die Realität und den bevorstehenden Ausritt. Das Handy, welches die Zeit über in meiner Hand geruht hatte, ließ ich wieder meine Tasche zurückgleiten.
      “Der große Schimmel da”, antworte ich ihm und deutete auf Alfi, der am Heu stand. Wenig später kehrten wir, jeder mit einem Hengst am Halfter zurück in den Stall. Vriska war mittlerweile auch wieder aufgetaucht und stand bereits mit Schneesturm, der Mutter des jungen Hengstes, der mir folgte, am Putzplatz. Erst jetzt kam mir der Gedanke, dass die Wahl mit zwei Hengsten vielleicht nicht die aller klügste Entscheidung war, zumal bei Maxou keiner wusste, wie sie reagieren würde.

      Kalmar

      Niklas
      Bino scheute bereits nach wenigen Metern vor der Autobahnbrücke und wollte keinen einzigen weiteren Schritt in diese laute und angsteinflößende Richtung setzen. Unruhig schlug sein Schweif von oben nach unten. Die Ohren lagen eng am Genick und einige Male drohte er mir mit Bissen. Auch, wenn er mich dabei nicht traf, wirkte es nicht nach einer vielversprechenden Idee, ihn noch mehr Stress auszusetzen. Wir ließen die stark befahrende Straße hinter uns und sofort stellten sich Binos Ohren wieder auf. Ruhig schnaubte er ab, noch bevor ich beschloss den Strick lockerer zu lassen, drehte er den Kopf panisch von links nach rechts. Am Gestüt wurde die Geräuschkulisse wieder vordergründig. Neben uns, wenn auch auf sicherer Entfernung, versuchte ein Mitarbeiter den Traktor zu starten, während zwei Pferde auf dem großen Paddock quietschend miteinander spielten. Von vorne kam eine Gruppen Reiter entgegen, unterhielten sich und die Tieren klapperten mit den Eisen auf dem Stein. Das alles sorgte dazu, dass Bino erneut mit dem Schweif schlug und die Hufe vom Boden erhob. Laut schnaufte er.
      “Na, hast du ihn nicht im Griff”, feixte Phina auf ihrem edlen Ross. In ihrem Gesicht zeichnete sich ein schelmisches Grinsen, dass sie sich für meinen Geschmack auch hätte verkneifen können. Stattdessen schwieg ich und sprach ruhig auf den Hengst ein, der noch immer am Strick hampelte. Erst als Truppe hinter uns verschwand, die Gespräche in den Hintergrund rückten, kam Bino zur Ruhe. Sanft strich über den Hals, der mit ungleichmäßig verschwitzten Flecken bedeckt war. Ich konnte mir vorstellen, wie so ein Muster entstehen konnte, wollte mir aber in den kommenden Tage noch ein vollständiges Bild des Hengstes machen. Bewegung war wichtig, deswegen entschied ich, ihn noch für eine gewisse Zeit in die Führanlage zu stellen.
      Überraschenderweise lief bereits ein Pferd darin, eins, das ich zuvor noch nicht am Hof gesehen hatte. Der Rappe trug eine rosafarbene Decke, die rundum am Hals mit Lammfell geschmückt war. Aufmerksam spitzte Bino die Ohre, als er das andere Pferd erblickte und brummte leise. Sein Kopf wippte leicht mit klimperndem Strick am Halfter.
      „Niklas, oder?“, fragte die dunkelhaarige Frau, die gespannt ihren Rappen beobachtete.
      „Ja, und mit wem spreche ich?“, versuchte ich meine Unwissenheit zu befriedigen. Doch sie sah keine Notwendigkeit dafür, stattdessen drehte sich um und blickte mich selbstsicher an. Auf ihren runden Lippen lag ein verschmitztes Lächeln und ihre Augen strahlten wie tausend Sonnen, aber aus welchem Grund? Ebenso beachtlich war ihr Körper. Es gab keinen sinnigen Vergleich für eine Schöpfung der Natur. Passend dazu hatte sie eine wunderschöne lackschwarze Stute, gezeichnet mit einer breiten regelmäßigen Blesse, die sich in Augenhöhe verjüngte und eine Art Stern auf der Stirn bildete.
      Nicht nur ich hatte ein äußerst anregendes Erlebnis mit der neuen Bekanntschaft, sondern auch Bino. Neugierig streckte er sein Hals der Dame entgegen, die sich noch immer nicht vorstellen wollte, aber fröhlich von ihrem Pferd erzählte, das wohl Dixie hieß. Sie war am Abend angekommen nach einer langen Reise aus Frankreich. Was die beiden von so weit weg nach Schweden trieb, konnte ich in der kurzen Unterhaltung nicht erfahren. Freundlich bot sie an Bino zurück in den Stall zu bringen, wenn die Einheit vorbei war.
      Erst die Vibration meines Handys erinnerte mich daran, was ich tun wollte und die Nachricht, dass ich eine Beziehung führte. Lina schickte mir ein Foto von Divine, der offenbar auf dem Hof angekommen war. Für einen Moment sah ich den weißen Hengst auf der verschneiten Weide an, sendete ein Herz und schloss den Chat wieder. Von der Dame verabschiedete ich mich und wie von selbst bewegten sich meine Beine auf dem festen Weg entlang zur Brücke, um dahinter in den endlosen Wald zu gelangen. Dabei fummelte ich aus der engen Hosentasche den kleinen Kasten der Kopfhörer heraus und steckte sie mir nacheinander in die Ohren. Noch während ich durch die Musikbibliothek scrollte und unentschlossen einen Titel nach dem anderen auswählte, um ihn zu überspringen, vibrierte es erneut. Ich klickte auf den Banner und gelangte wieder in den Chat. Lina hatte eine Sprachnachricht gesendet. Neugierig tippte ich darauf und wurde zunächst von der lauten aber fröhlichen Stimme erschreckt. Sie schwärmte davon, ihren Hengst endlich wiederzusehen und wünschte sich, dass nach dem Stall zu ihr käme. So wirklich überzeugt war ich von dem spontanen Entschluss nicht, aber sah darüber hinweg, schließlich hatte sie ihr Pferd ewig nicht gesehen. Ich verstand, dass sie den Moment mit mir teilen wollte. Also stimmte ich zu, aber wusste nicht genau, wann ich da sein würde. Seufzend schloss ich den Chat wieder. In der Bibliothek dauerte es noch viele Meter, bis ich mich für die Sport-Playlist entschloss und mein Handy auf stumm stellte. Es verschwand in der Innentasche der Jacke.
      Erst im Wald war ich mit mir allein. Der Weg erstrahlte in einer weißen Decke aus Schnee und im Unterholz hatte sie die Natur bedeckt. Nur einige Hufabdrücke zeichneten sich in der Oberfläche, die ansonsten unberührt um mich herum lag. Jeder Schritt wurde sanft abgefedert und Schnee knarrte spürbar unter den dünnen Sportschuhen. Egal, wie das Wetter war, Schweden konnte mir immer das Wasser reichen. So ließ ich mich treiben durch die Winterwelt, durchdachte all die nervenaufreibenden Situationen der letzten Tage als wäre ich ein Außenstehender in meinem Leben. Wie würde es mit Smoothie weitergehen? So könnte mein Pferd an einer experimentellen Studie teilnehmen, die eine OP des Knorpels beinhaltet und einer medikamentösen Therapie. Die Ergebnisse waren bisher vielversprechend. Also bestände doch die Möglichkeit, mit ihr die Qualifikation zu bekommen? Und was war mit Form? Sollte die Rappstute mit den leuchtenden blauen Augen bei mir bleiben, in der Dressur gefördert werden und mein aktueller Wegbereiter sein? Zu guter Letzt war da noch Bino, den ich zum jetzigen Zeitpunkt nur schwer einschätzen konnte. Der Hengst war panisch und verspannt, vielleicht hatte er sogar Schmerzen. Ein Tierarzt musste kommen.
      Mit nassen Füßen kehrte ich zurück zum Hof. Es war leerer geworden, nur noch vereinzelt trieben sich Leute an den Ställen auf. In der Umkleide traf ich auf Eskil, der sich, wie der Name schon sagte, umzog.
      > Jag tror att du är på fel ställe.
      „Ich denke, dass du hier falsch bist“, merkte ich abfällig an und zog das verschwitzte Shirt aus, das sogleich im Schrank landete. Er schwieg, aber schielte mit flüchtenden Blicken zu mir, die sekündlich länger wurden, bis ich sie wie Feuer auf meiner Haut brannten, folgend bei jeder Bewegung meines Körpers. Ich fühlte mich wie ein Tier im Zoo, wenn auch die Gitter fehlten, um uns räumlich voneinander zu trennen. Etwas schrie in mir, als wolle es aus der unangenehmen Situation entfliehen, in der wir oberkörperfrei nebeneinanderstanden. Nicht, dass es mir angenehm war, mich mit oder vor anderen auszuziehen, viel mehr war es er als Person, der ein undefiniertes Gefühl auslöste. Peinlich berührt schluckte ich und formte meine lockeren Gesichtszüge wieder in eine gerunzelte Stirn, mit dem Blick in meinen Schrank. Noch bevor die Unannehmlichkeit von mir fiel, spürte ich eine warme und ziemliche weiche Hand auf meine Schulter, klein war sie. Allerdings groß genug, dass ich mich in Sicherheit geborgen fühlte, als wäre es nicht jene, die ich zu verabscheuen vermag.
      > Jag tror inte att.
      “Ich denke nicht”, flüsterte er mir von der Seite ins Ohr. Erneut lief es mir kalt den Rücken herunter, doch anstelle mich endlich selbst davon zu befreien, schwieg nun ich, verkroch mich gedanklich in meinem Kopf. Es war unglaublich still geworden, nur mein Herz schlug wie wild in der Brust. Ich versuchte alle Zeichen meines Körpers zu verstehen, besser auf meine Gefühle zu konzentrieren – Wo waren sie? Kein Hass, kein Ekel und auch keine Abneigung lauerten wie gefräßiges Tier auf mein Opfer, stattdessen genoss ich die Berührungen, wünschte mir für einen kurzen Augenblick, dass sie niemals enden würde. Als hätte Eskil meine Gedanken lesen können, fuhr er langsam an meiner rasierten Brust entlang. Ich spürte jede kleinste Bewegung, wie seine Finger zuckten und meine Haut eine winzige Gänsehaut bildete. Dabei schloss ich langsam die Augen und legte leicht den Kopf in den Nacken, wollte diese zarten Berührungen. Es war mir egal, was er darstellte für mich. Erst jetzt gelang es mir den Kopf freizubekommen. All der Stress der letzten Tage fiel von mir ab und keine Dusche der Welt konnte mir diese Befriedigung geben. Mit einem sanften Druck zog er sich näher an mich heran. Seinen Atem spürte ich immer deutlicher an kühlen Haut am Hals, bis sich schließlich ein feuchtes Gefühl daran ausbreitete, zusammen mit einem Paar Lippen, das langsam zu meinem Kiefer wanderte. Was passierte hier? Gute Frage, kurz erinnerte ich mich, was ich überhaupt in der Umkleide wollte, doch das Kribbeln, das sich vom Hals aus in meinem Körper ausbreitete, holte mich in die Realität zurück. Stoßhaft atmete ich ein und wieder aus, versuchte mich ruhig zu verhalten und keine Aufmerksamkeit zu erregen.
      Kurz öffneten sich meine Augen, schweiften von der linken zur rechten Seite, doch wir standen in der zweiten Reihe der Schränke vor den Duschen und selbst, wenn jemand durch die Tür kommen würde, müsste dieser erst um die vorderste laufen. Damit versank ich wieder, gehalten von seinen kräftigen Armen, in der kleinen Trance. Es fühlte sich nicht real an, als wäre es ein Traum, der mich daran erinnern sollte, das Leben weniger ernst zu nehmen und mit den Füßen auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben, aber jede dieser Berührungen war echt. Das Kribbeln verwandelte sich in ein leichtes Ziehen im Bauch und wechselte zu einem undankbaren Engegefühl in der Hose, was nur für kurze Dauer unbemerkt blieb. Die Lippen an meinem Hals lösten sich, aber ich wollte mehr. Ohne weiter darüber nachzudenken, drehte ich mich um zu ihm. In seinen grauen Augen funkelte die Erregung und im Gesicht breitete sich ein verschmitztes Lächeln aus, das nicht viel mehr sagte als “Wir wussten es beide”. Kurz seufzte ich, aber konnte nicht anders, als mich meiner Lust hinzugeben, mich an ihn zu drücken und auch seine zu verspüren.
      Viele Minuten vergingen, ehe wir mit langem Abstand die Umkleide verließen. Ich hatte mich schließlich doch noch dazu entschieden, unter der Dusche zu verschwinden, nicht nur, den Schweiß von der ausgiebigen Runde abzuwaschen. So klebte sein Geruch überall an mir, krallte sich fest wie eine wütende Katze. Es war befreiend, also nicht nur das Wasser auf meinem Körper, sondern diesen bedauerlichen Druck los zu sein, die Alltagswut, die ich jeden Tag mit mir herumschleppte und nicht mehr in das Gefühl der Losgelassenheit zu kommen. Also, wie sollte ich mit so viel zerstörerischer Energie von einem meiner Pferde verlangen, dieses Gefühl zu erreichen? Ich war frei, lächelte wieder und konnte trotz des beschämenden Gedankens im Kopf, meiner Freundin in alter Frische, wie sie mich kennengelernt hatte, begegnen. Den Wasserhahn schaltete ich aus, stieg aus dem Feuchtgebiet und trocknete mich ab.
      > Vad hände med Eskil?
      “Was ist denn mit Eskil passiert?”, fragte Chris, der überraschend an seinem Spind stand und seine Wertsachen verstaute.
      > Vi kunde lösa våra problem.
      “Wir konnten unsere Probleme klären”, antwortete ich wahrheitsgemäß und trocknete mich vollständig ab. Er nickte nur zufriedenstellend. Man sollte erwähnen, dass er nicht zu den Menschen gehörte, die intensiv Dinge hinterfragte, oder mehr wissen wollte, als nötig war. Die Tatsache stand im Vordergrund und diese bestand daraus, dass der Stress zwischen uns, erst einmal, geklärt war.
      > Kommer du till skogen?
      “Kommst du mit in den Wald”, drehte er sich von dem Schrank weg, das verneinte ich nur und dann verschwand er. Beim Anziehen stellte ich im Spiegel fest, dass sich ein minimaler Fleck an meinem Hals befand, Mist. Wäre es Chris aufgefallen, hätte ich ihm eine Erklärung geschuldet, somit musste ich nur hoffen, dass auch Lina nachher nicht auffallen würde. Mit der frischen Energie zog ich mich an und verließ die Hütte, um die Rappstute aus der Box zu holen.
      Aber wie den kleinen Dämonen auf meiner Schulter, trieb sich eine Frage in meinem Kopf, wie konnte es dazu kommen? Vielleicht spulen wir dafür nicht nur einige Monate zurück, sondern einige Jahre. Joana hatte die Beziehung nach über zehn Jahren beendet, mein Traum einer Frau, nach dem sie mich durch meine ganze Karriere auf den Turnieren Tag ein und Tag aus begleitet hatte. Ich wusste nicht, ob es ein für immer sein würde und noch fast ein Jahr kämpfte ich dafür, sie wiederzubekommen. Sie wusste von dem dunklen Schatten, der mich umgab, verurteilte mich nicht, sondern gab alles dafür, dass ich mich wohlfühlte. Ein Gefühl, das ich an dem Tag der Trennung verlor – Geborgenheit. Der Schmerz saß tief und der bloße Gedanke daran, trieb mir die Tränen in die Augen. Hatte ich seitdem darüber nachgedacht, das ganze Thema über den Haufen zu werfen? Ja, ständig, doch ich hatte auch Angst, wie viele andere Menschen. Ich versuchte mich aus, aber über den eigenen Schatten zu springen, konnte ich bei meiner Sexualität nur selten. Also begnügte ich mich mit dem, was sich in meinen Weg warf. Aus dem Schmerz wurde Wut, die bereits erwähnte Alltagswut, wie ich sie gerne nannte. Chris und Ju wussten davon, auch, wie ich sie wieder loswurde, meistens durch Abenteuer jegliche Art, so gehörte auch Kanada dazu, sowie Lina und vor allem Vriska. Doch, ich war es leid. So schmerzte die Erinnerung daran, alles tauchte mich in ein tiefes Loch. Was hatte ich nur getan?
      Doch weiter im Text, spulen wir wieder ins jetzt, oder besser gesagt zum Turnier in Stockholm. Ich wusste bereits einige Tage vorher, dass wir jemanden Neues ins Team bekommen werden, aber lernte ihn, wie alle anderen, erst bei der Feier kennen. Dass Eskil sich mit allen gut verstand, löste die irrationale Angst aus, von meinem Posten vertrieben zu werden, nicht mehr relevant zu sein. Und auch, meine Freundin wieder zu verlieren, an jemanden, der mehr zu bieten hatte als ich. Ein Grund dafür, dass ich meine Wut an dem Tag im Alkohol versuchte zu ertränkten und Lina gab, was jeder von mir verlangte – Das Gefühl von Zusammengehörigkeit, Liebe und Vertrauen. Auch, wenn ich damit vermutlich einiges fehlinterpretierte. Damit begann es, dass ich nach dem Wochenende mich ins Büro setzte und versuchte, alles über ihn zu erfahren, was man im Staatsdienst finden konnte und sogar Erik mit ins Boot holte. Er fand Eskils dunklen Schatten, eine Informationen, die mich antrieb, ihm das Leben zur Hölle zu machen. Am Hof bekamen es anfangs alle zu spüren, wie ich versuchte auf ekelhafteste Weise ihn zu verscheuchen, ihn aus meinem Gebiet zu verdrängen. Aber es half nichts, er nahm zwar Abstand, doch blieb. Damit stieg mein Interesse, die Lust auf das Boot zu steigen und ein neues Abenteuer auf unbekannten Gewässern zu starten. Und was soll ich sagen? Es fühlte sich gut an, die Reise dorthin war es zwar nicht wert gewesen, so hätte ich freundlicher sein können.
      Liebenswürdig stupste mich die weiche Pferdenase im Gesicht an, erinnerte mich daran, dass ich noch immer am Hof war und in der Box meiner Rappstute stand. Dicht drängte sie sich an mich heran und untersuchte genau, warum ich so sehr strahlte. Meine Hand fuhr über den Stern auf ihrer breiten Stirn entlang, bis zu den Nüstern, die vorsichtig an mir rochen. Dann nahm ich das Halfter vom Haken an der Tür ab, schloss es an der Seite und führte sie hinaus. Lange putzte ich sie, versuchte mich gedanklich an ihr zu halten und mich nicht erneut in Gedanken zu verlieren. Ich konnte mich aber nur schwer von meinem Lächeln trennen, das noch immer auf meinen Lippen lag und scheinbar auf der schwarzen Haut von Form glänzte.
      Unentschlossen betrachtete ich meine kleine Sammlung der Schabracken, die ich, im Gegensatz zu manch anderer hier in der Kammer, an der Hand abzählen konnte. Heute war meine Farbe Senfgelb, ganz klar. Ich nahm sie vom Bügel und griff dazu auch die passenden Bandagen und Glocken, als hätte es eine Bewandtnis, vollkommen durchgestylt in der Halle zu reiten. Es war für mein Selbstgefühl, mehr nicht. Für gewöhnlich würde ich keine Zuschauer haben, doch dass sich das bereits nach dem Warmreiten änderte, wusste ich noch nicht.
      > Vad gör du här?
      “Was machst du denn hier?”, fragte ich überwältigt und bremste meine Stute an der Bande ab. Mich blickte ein vertrautes Paar Augen an. Nur noch selten bekam ich es bei Tageslicht zu sehen und vor allem nicht unter solchen Umständen. Das Grinsen in meinem Gesicht wurde breiter und herzlicher. Einige Tränen kullerten über meine Wange und ich wollte nichts lieber als eine Umarmung.

      Lindö Dalen Stuteri

      Vriska
      Ausreiten – super Idee, ärgerte ich mich beim Aufsitzen in den braunen Sattel der Schimmelstute. Wieder einmal sprach ich den allerersten Gedanken aus, der mir in den Sinn kam, um mich aus einer unangenehmen Situation zu befreien. Dass Erik mir half, mit Maxou, hatte ich nicht überdenken können. Seufzend wendete ich den Blick vom Tor, vor dem Lina und Samu bereits auf den beiden Hengsten saßen und auf mich warteten, hinter mich. Unruhig trampelte die, beinah cremefarbene, Stute, setzte nur kläglich einen Huf vor den anderen. Sie bevorzugte den Weg nach hinten, anstelle sich der äußerst ausgeglichenen Schnee zu nähren, die aufmerksam mit den Ohren zuckte. Ich war erstaunt, wie behutsam mein Freund, der, ich unterstreiche das gern, wenig mit Pferden zu tun hatte, das Tier führte und ihr Zeit gab, um die Situation zu überblicken. Als Naturtalent konnte man das nicht bezeichnen, viel mehr kam ihm die eigene Besonnenheit zugute.
      Nach endlosen Anfragen, ob das Pony sich nicht doch lieber nach vorn laufen wollte, gelang es Erik sie zu mir zu führen. Interessiert schnupperten sie aneinander, bis Maxou auf quietschte und die Ohren anlegte. Umgehend hielt Schnee den Zwerg nicht für mehr relevant, schüttelte den Kopf und schnaubte ab. Auch sie drehte den Hals von links nach rechts, dabei klammerte die Kette am Halfter, die ich vorher durch das Nasenstück gebunden hatte. Der Tierarzt hatte mir dazu geraten für den Anfang kein Gebiss in ihr Maul zu machen, was ich angesichts der makabren Situation um ihre Gesundheit auch befolgte, obwohl ich es bevorzugt hätte, ihr eine Stange einzulegen. Eine Wahl hatte ich nicht, hoffte darauf, dass ich genügend Erfahrung hatte. Für mich war es die dritte oder vierte Runde mit Handpferd, also weit entfernt von genügend Erfahrung.
      „Bist du noch da, wenn wir wieder kommen?“, versuchte ich den Frieden zwischen Erik und mir zu bewahren.
      „Wer weiß, vielleicht brenne ich auch mit deinem neuen Gefährten durch“, sprach Erik verbissen, aber grinste zu sehr, um eine ernsthafte Antwort zu geben. Langsam nickte ich einmal.
      „Na gut, aber dann möchte ich, dass du weißt, dass ich froh bin, dich zu haben“, stammelte ich peinlich berührt und fummelte mit der Hand in Schnees kurzer Mähne herum.
      „Sei dir da mal nicht so sicher, Madame, außerdem – kann ich dafür nichts“, begann er eine unnötige Diskussion, in der er mir versuchte weiß zu machen, welche Faktoren dafür sorgten, dass wir einander trafen. Genervt rollte ich mit den Augen.
      „Nimm das Kompliment einfach an, davon wirst du nicht viele hören“, prustete ich eingeschnappt. Aber ihm böse sein, funktionierte nicht. Aufgesetzt schob er die Unterlippe vor die obere und schielte mit einem Hundeblick hoch zu mir. Auch, dass er sanft über meinen Oberschenkel strich, halft nicht. Stattdessen drückte ich meine Lippen auf seine, verspürte umgehend wieder das verräterische Ziehen in meinem Unterleib, das sich von dem Kribbeln im Magenbereich nach unten verlagerte. Noch bevor ich ihm das Glück meinerseits zum Teil werden lassen konnte, verließ das warme Gefühle meinen Mund und eine lockere Strähne seines verwüsteten Haars kitzelte meine Nase.
      „Aber ich werde mit dem Kleinen zum Tierarzt fahren“, sagte Erik dann, ohne von meinem Bein abzulassen. Stillschweigend nahm ich die Tatsache wahr, nickte kurz und setzte die Pferde in Bewegung. Samu hatte bereits einige Male in die Gasse geschaut und mir ein Handzeichen gegeben, dass ihre Pferde langsam ungeduldig wurden. Obwohl das Rolltor hoch und breit genug war, um mit zwei Pferden nebeneinander hindurchzureiten, drückte mich der Schimmel gegen die Seite und mein Knie schob sich unsanft am Holz entlang. Auch meine Schulter stieß schmerzhaft dagegen, aber dieses Gefühl konnte ich nicht auskosten, stattdessen stoppte Maxou immer wieder. Mit einem Zupfen an der Kette versuchte ich das sture Pony vorwärtszubekommen, doch sie streckte sich nur, verlagerte dabei das Gewicht immer weiter nach vorn. Vermutlich würden nur Millimeter fehlen und ein Windstoß, dass sie umkippte. Ein Luftzug kam nicht, stattdessen tippte Erik der Stute auf den Po, die erschrocken sich wieder bewegte. Sanft legte ich meine Beine an die Seite von Schnee, um sie in den Schritt zu setzen.
      “Na, ich bin ja mal gespannt, wie weit wir kommen werden”, hörte ich Lina zu Samu sagen, bevor sie an mich gewandt, hinzufügte: “Kann man dir helfen, oder kommst du klar mit deinem Pony?”
      “Geht schon”, antwortete ich abwesend und zupfte erneut am Strick. Nebenbei versuchte ich mehr oder weniger alle Schnüre in meiner Hand zu sortieren, bis ich entschloss, einhändig zu reiten. Schnee ließ sich so schnell nicht aus der Ruhe bringen und folgte den beiden Hengsten, die vorausliefen. Maxou gab mir keinen Moment die verschneite Landschaft zu betrachten, umso stärker zog sie an dem Strick und versuchte sich hinter der Schimmelstute einzuordnen. Auch sie war nicht so ganz überzeugt davon, vermittelte der Begleiterin, mit einigen Schweifschlägen, Abstand zu halten. Allerhand hatte ich zu tun, die beiden in eine wegweisende Richtung zu lenken, dass ich gar nicht mitbekam, dass Lina und Samu plötzlich verschwanden. Die Spuren im Schnee halfen mit ebenfalls nicht, denn offensichtlich hatten auch schon Einsteller eine große Runde durch die Natur gedreht und sogar Rillen eines Sulkys zeichneten den Weg. Hilfesuchend versuchte ich auf Schneesturm zu vertrauen, die zu meiner Enttäuschung auch die anderen nicht mehr sah. Fröhlich wackelten die Ohren meiner beiden Pferde in den gesetzten Schritten durch die Schnee, der zunehmend mehr wurde. Den Weg hatten wir eindeutig verlassen, aber – Maxou kam aus sich heraus. Die kleine Palme auf ihrem Kopf, die Erik ihr aus unerklärlichen Gründen hinter dem Halfter gesetzt hatte und mich an die Achtzigerjahre erinnerte, wippte beinah aufmerksam. Ihr schmaler Hals wirkte leider noch schmaler, je mehr sie ihn von oben nach unten bewegte. Auch wenn Schnee nicht so viel mehr zu bieten hatte, zeigte sich eine klare Oberlinie am Mähnenkamm durch das intensive und vielseitige Training.
      “Prima”, lobte ich Maxou, die ohne stehenzubleiben über einen umgefallenen Baum gestiegen war. Misstrauisch zog sie den Kopf nach oben, wodurch das weiß in ihren Augen hervorkam, aber als sie das Leckerli in meiner Hand sah, öffnete sich die Fressenslucke. Ich traf nicht direkt ihr aufgesperrtes Maul, doch wie ein gefräßiger Hund, schnappte sie den Brick und zerknirschte diesen zwischen den Zähnen. Neugierig spitze auch die Schimmelstute Ohren, sah von der rechten Beinseite zu mir und bekam selbstverständlich auch ein Happen. Sie kauten beide genüsslich, bis sich die Antennen unruhig drehten und zuckten. Aus der Ferne ertönte Hufschlag, der immer lauter wurde. Zwischen dem Unterholz vor uns tauchte Samu auf dem hellen Hengst an, der eine schöne helle Musterung im Fell trug.
      “Hier seid ihr, Lina ist fast verrückt geworden, als ihr plötzlich verschwunden wart”, hauchte er außer Atem. Ich grinste und zuckte mit den Schultern. Bisher hatte ich es auch gut allein überstanden, dennoch folgte ich ihm, weiterhin im Schritt. Ich wusste nicht genau, ob Maxou sich in der Lage dafür fühlte und mit der Decke auf dem Rücken stellte ich es mir auch sehr unbequem vor. Deswegen ritten wir Samu mit Alfi nach und blickten wenig später in Linas erleichtertes Gesicht.
      “Zum Glück bist du wieder da, ich dachte schon es sei was passiert, ohne dass wir es gemerkt hätten”, atmete sie auf, “Ich hätte deinem Freund nur ungern erklärt, die samt Pony verloren zu haben.”
      “Ich wollte euch nur ungern nachrufen, vor allem, wenn ich anhand eurer Worte nicht einmal die Stimmung heraushören konnte”, zuckte ich erneut mit meinen Schultern. Irgendein Problem gab es schon wieder bei mir, eins, dass ich mir nicht genauer erklären konnte. Vielleicht hatte es damit zu tun, dass mir im Unterholz klar wurde, dass Niklas morgen mit mir reden wollte und mit hoher Wahrscheinlichkeit keiner davon wusste. Aber was soll es, ich brauchte ihn nicht mehr, zumindest redete ich mir das jeden Tag ein, wie ein Mantra.
      “Meinst du etwa, ich gehe aus reiner Höflichkeit mit dir ausreiten?”, hinterfragte sie, als verstünde sie nicht, woher mein Gedanke kommen sollte.
      “Offenbar –”, ich wollte gerade zu einer kräftigen Ansage ansetzen, verschluckte doch schon nach dem ersten Wort die restlichen. Maxou zuckte neben mir die Ohren zurück, ja, tut mir leid. Mein Ton war nicht nur unangebracht, sondern auch deutlich zu laut. Kräftig holte ich einen kalten Atemzug durch die Nase und sprach weiter: “Weiß nicht, aber ich verstehe, dass du Samu ewig nicht gesehen hast. Allerdings, um bei euren Gesprächen mitzumischen, scheitert an der Sprache. Ich bin schließlich nicht Erik.” Zum Ende wurde ich leiser, sogar stockend. An meiner Brust vibrierte es, dafür, dass ich versuchte immer zu sagen, dass mir mein Handy nicht wichtig war, vergaß ich in letzter Zeit viel zu oft, es am Stall zu lassen.
      “Oh, das tut mir leid”, entgegnete Lina bestürzt, “Ich vergesse manchmal, dass ich die Sprache wechsle. Warum hast du denn nicht eher was gesagt?” Samu machte derweil den Anschein als wäre sein Gehirn gerade heruntergefahren, denn er strich abwesend durch Alfis kurze Mähne. Meins versuchte sich ebenfalls daran, doch scheiterte schon allein der Vibration wegen, die beinah unaufhörlich meine Brust angriff. Ich schielte zur Jackentasche, aber versuchte mich der Sucht zu widersetzen.
      “Weil du mich schon die ganze Nacht ertragen musst?”, lachte ich und überlegte, ob es vielleicht ganz lustig wäre, am heutigen Abend auf Ivy anzustoßen. Selbstverständlich suchte ich nicht die Flucht in den Alkohol, um immer weiter meine Gedanken und Gefühle zu verdrängen, ich doch nicht. Mittlerweile rutschte ich immer häufiger in eine tiefe Selbstironie, die wohl kaum schlimmer werden konnte.
      “So unerträglich bist du nun auch nicht. Immerhin winselst du nicht die ganze Nacht”, schmunzelte sie.
      “Sagen wir es so”, lachte ich herzlicher, “es ist nicht, dass der Wunsch danach nicht bestünde.” Hätte Samu einen Kaffee in der Hand, würde dieser soeben auf Alfi ergossen sein. Wie von einer Zauberformel hatte ihn eines der Worte oder vielleicht auch die Kombination dieser, aus seinem Delirium erweckt.
      “Möchte ich wissen, worüber ihr sprecht?” Die Irritation deutlich ins Gesicht geschrieben blicke die blonde zwischen uns Hin und Her. Auch ich prüfte ihn, was in einem lauten Gelächter endete, unterstützt mit einem belustigten Kopfschütteln. Das Pony schnappte in die Luft, was eine kurze Verwirrung auslöste.
      “Das Konzept von Bienchen und Blümchen sollte dir etwas sagen”, versuchte ich Lina das Thema näherbringen, dass ihr eigentlich seit dem Grundschulalter bekannt sein sollte.
      “Ja, natürlich!”, entrüste sie sich, “Was glaubst du denn, wie alt ich bin?”
      “Good question –”
      Wusste ich wie jung sie war? Ich dachte einen Augenblick darüber nach, bis ich schließlich den Reißverschluss meiner Jacke öffnete und mein Handy griff. Sofort leuchteten die ganzen Benachrichtigungen auf, die teilweise von Instagram waren und meinem Verehrer. Nach einem kräftigen Atemzug blickte ich fragende Gesichter, aber ignorierte die beiden für einen Augenblick. Wie ich mein Handy halten konnte, wenn ich zur gleichen Zeit noch zwei Pferde hatte? Schnees Zügel hingen kontaktlos auf ihren Hals und links hatte ich noch Maxou in der Hand, die mittlerweile geduldig neben uns lief, als wäre sie ein Profi. Ja, ich war stolz auf das kleine Pony. Nach einander folgten meine Augen seine Nachrichten. Unser Kontakt war etwas eingeschlafen, was mich deprimierte, besonders in an bedacht darauf, dass ich bereits das erste Rätsel gelöst hatte, dass es irgendein Tag im November sein würde. So hoffte ich darauf, dass nicht mit Kiel duellierte. Vor meinen Augen eröffnete sich eine Aufgabe, in der ich nicht nur x errechnen musste, sondern direkt noch y und z, vorgegeben mit anderen Vektordaten. Nichts, was ich schnell auf dem Rücken eines Pferdes lösen wollen würde. Willkürlich schickte ich ihm ein Herz, schloss den Chat und öffnete das Mitarbeiterverzeichnis, um Linas Geburtstag herauszufinden. Auf den Tag genau drei Monate vor mir, im Januar und im selben Jahr. Gerade, als mein Handy in der Jacke verschwinden sollte, trudelte die nächste Benachrichtigung ein.
      “Wie soll ich das bitte deuten?”, schrieb er und erst jetzt wurde ich mir dessen bewusst. Schlagartig setzte mein Herz kurz aus, fing sich wieder und ich tippte mit meinem Daumen eine kleine Entschuldigung, löschte sie wieder und sendete schließlich eine andere Nachricht ab: “Wenn das zu viel war, es tut mir nicht leid. Ich brauche dich mehr als du denkst, also warte nur ab.”
      Mit einem selbstsicheren Lächeln steckte ich es schließlich weg und sah zu Lina, die wieder mit Samu in ein Gespräch vertieft war.
      “Sod off, du bist sogar älter als ich”, unterbrach ich ihr Gespräch.
      “Sehe ich so jung aus, dass man das extra überprüfen muss?”, grinste Lina.
      “Also für mich siehst du immer noch aus wie sechzehn”, trug Samu mir einem schiefen grinsen bei, worauf hin sie nur amüsiert den Kopf schüttelte.
      „Und passt damit perfekt in Niklas Beuteschema“, rutschte mir versehentlich über die Lippen, wodurch ein unangenehmes Schweigen einherging.
      “Vriska, erzähl doch mal was zu deinem Pony. Wo hast du ein Tier in einem solchen Zustand aufgegabelt?”, ergriff Samu die Initiative, das Schweigen zu brechen und sogleich das Thema auf ein anderes Terrain zu lenken. Etwas enttäuscht, dass Lina sich wieder in Gedanken verkroch, dachte ich darüber nach, wie ich es ihm verständlich machen konnte, ohne dabei wie ein radikaler Tierschützer zu klingen.
      “Hat Lina dir etwa nicht berichtet, in was für einem dreckigen Stall das arme Pony stand? Außerdem wollte Erik sie unbedingt ist”, seufzte ich und warf einen Blick zu Maxou, die immer entspannter wurde, ein Glück funkelte auch die große Halle durch die Bäume uns entgegen. Sogar die Sonne kam heraus, so durch den Schnee auf dem Dach hell glitzerte und kleine Lichtflecken durch die Baumkronen warf.
      “Nein, darüber wurde ich bisher nicht in Kenntnis gesetzt”, antworte er, “Sie war noch damit beschäftigt von ihrem eigenen Neuzugang zu berichten und von irgendeinem Fohlen, was ihr fachkundig festgestellte habt.”
      “Okay, also aus mir unbekannten Gründen treffe ich nur noch auf Tiere, die meinen Freund genauso anhimmeln, wie ich es tue. Dazu gehört auch der kleine Welpe, den ich am liebsten wieder loswerden wollen würde”, seufzte ich und merkte dabei Lina mitleidigen Blick. Ich wusste selbst, dass ich Fred, der vermutlich noch einen anderen Namen benötigen würde, behalten sollte, sofern er kein Zuhause hatte. So verhungert wie das Tier war, hatte diesen Gedanken jedoch schnell verworfen.
      “Sonst noch etwas, dass du wissen willst?”, versuchte ich die Konversation aufrechtzuerhalten. Viel lag mir auf der Seele, Dinge, über die kaum einer sprechen wollte, die ich vor allen versteckte und eigentlich nicht im Wald besprechen kann. Wieso ich überhaupt darüber nachdachte mich zu öffnen? Samu gab einem das Gefühl, dass es okay war, wie man empfand. Das ganze Schlechte so viel besser wurde, wenn man es aussprach – Dabei kannten wir uns kaum.
      Kalmar
      In der Reithalle
      Niklas
      Adrenalin schoss durch meine Venen, brachte meinen ganzen Blutkreislauf ins Wallen. Ich schüttelte mich, wischte die Tränen aus meinem Gesicht, die binnen Sekunden, Rinnsale auf meiner Wange bildeten und schließlich in den Kragen des Pullovers endeten. Durch den kleinen Luftzug der offenen Tür kühlte es meine erhitzten Wangen ab, die vermutlich Tomatenrot leuchteten.
      „Papa?“, sprach ich mit zitternder Stimme und hielt mich fest an den launigen Stoppel Haar meiner Stute, das Mähne darstellen sollte. Seine ebenso blauen Augen, wie sie jeder in der Familie hatte, funkelten im warmen Licht der Reithalle, das durch einen Sensor gesteuert wurde, um zu jeder Tageszeit dieselben Lichtverhältnisse zu schaffen. Wie von selbst schwang sich mein linkes Bein über die Kruppe meiner Rappstute, die noch immer mit gespitzten Ohren in Richtung unseres Besuches starrte, als könne sie nicht genau einschätzen, was er hier zu suchen hatte. Zustimmend strich ihr über den feuchten Hals und lief mit schmerzenden Beinen durch den federnden Sand. Für meinen Geschmack war der Boden zu weich, trug nur dazu bei, dass die Bewegung unnatürlich werden. Was soll’s. Meinen neuen Informationen nach würden wir ohnehin nur noch wenige Monate auf dem Gelände verbringen.
      Knarrend öffnete ich das Tor der Reithalle, um meinen Vater vor sein Angesicht zu treten. In der Brust normalisierte sich der Herzschlag, als hätte es gelernt, die süße Bürde mit stolz auf sich zu nehmen. Mit langen und gleichmäßigen Schritten folgte mir Form und stand dicht hinter mir, mit dem Kopf an meiner Schulter, als wäre sie mein Gewissen, das von der Seite zu mir sprechen würde. Aber ich konnte mich noch immer nicht von meiner Verwunderung befreien.
      > Vad gör du här?
      “Was machst du hier?”, versuchte ich das Rätsel zu lösen, das seit Minuten schwer auf der Atmung lag. Unbewusst strich meine Hand die Brust des Pferdes, immer wieder bis zum oberen Teil ihres Beins, ehe sie erneut am Halsübergang ansetzte.
      > Din mor talade till mig.
      “Deine Mutter hat mit mir gesprochen”, begann er zu erklären. Vertraut legt Vater seine Hand auf die Stirn meiner Stute, die kurz zurückschreckte, aber den ungebetenen Gast gewähren ließ. Es klang beinah wie ein Wunder, dass er mit meiner Mutter eine Unterhaltung und selben Atemzug auch mit mir. Der Zwischenfall im August war bereits nach Ewigkeiten ein Gespräch, dass mehr als vier Worte umfasste und nun verspürte ich wieder diesen Druck in meinem Körper, auch kam die Angst, etwas Schlechtes zu Ohren zu bekommen.
      > Hon berättade att du förlorade ett föl från din farfars häst.
      “Sie erzählte, dass du ein Fohlen verloren hast von dem Pferd deines Opas”, aus seinem Mund klangen die Worte so viel ernster und schmerzvoller, als ich es erwartete. Er war der Teufel. Jeder, der meinen Vater schon einmal kennenlernen musste, verspürte sofort eine Kälte, die den eigenen Körper durchzog, eine Gefühl von Hilfslosigkeit und Angst. Worte, die er von sich gibt, hatten Macht und Autorität, sich ihm in den Weg zu stellen, wagten nur die wenigen. Ich stellte ihn oft infrage, ein Punkt, weshalb wir vermutlich nur schwer miteinander klarkamen, zudem – Vater wusste von meinem dunklen Schatten, hätte es zu jedem Zeitpunkt unterbinden können, doch – Der Gedanke verschlug mir den Atem, so sehr schmerzten die brüchigen Erinnerungen an meine Kindheit. Ich schloss die Augen, schob meine Vergangenheit dahin, wo sie hingehörte. Schließlich stand die Zukunft hinter mir, fummelte interessiert mit der Oberlippe an meinem Ohr herum. Mit meiner Hand drückte ich ihr Maul von mir weg.
      > Stoppa.
      “Hör auf”, flüsterte ich. Form streckte sich vor vorn wieder zu meinem Vater aus, der ungewöhnlich lange das Pferd liebkoste, mit Streicheleinheiten.
      > Är det därför du är här?
      “Und deswegen bist du hier?”, hinterfragte ich misstrauisch. Es gab in seinem Leben keine guten Absichten, erst recht nicht, wenn es um mich ging. An den eingefallenen Wangen zuckte es kurz und er legte seine Hand auf meine Schulter.
      > Jag vet att du och jag inte kommer överens, men jag beklagar verkligen ditt husdjur. Jag visste från början att hon betydde mycket för dig.
      “Ich weiß, dass wir beide nicht gut miteinander auskommen, aber es tut mir aufrichtig Leid, mit deinem Tier. Dass sie die viel bedeutet, wusste ich von Anfang an”, tatsächlich wurde aus dem Zucken ein Lächeln. Das Universum schien es mit mir gut zu meinen. Wir unterhielten uns schließlich über Smoothie und Mama hatte ihm sogar von Bino erzählt, den er sich ansehen wollte. Mein Vater wirkte wie ausgewechselte, aber die Zweifel blieben. Vermutlich hatte Mama ihn am Morgen mal wieder herangelassen.
      Ich führte Form wieder auf den Sand, zog den Gurt am Bauch ein Loch enger und schwang mich in den Sattel. Dass ich sie wieder Warmreiten musste, erklärte sich von selbst. Aufmerksam folgte die Rappstute meinen Hilfen, machte sich mit ihrem Namen alle Ehre. Nachdem ich erst gezweifelt hatte, ob das mit uns beiden etwas werden könnte, war ich mir an dem Tag sehr sicher. Es machte Spaß, ohne großen Aufwand das Pferd durch die Lektionen zu führen, sie zu unterstützen, das Beste zu zeigen. Smoothie konnte sie nicht ersetzen, aber einen Gegenpol setzen und mir zeigen, dass auch es verdient hatte, im Spitzsport zu strahlen.
      Wir arbeiteten eine gute Stunde im Sand, schwebten vom ersten Hufschlag durch die Mitte in allen Gängen, schafften sogar eine ordentliche Galoppverstärkung, die ihr sonst sehr schwerfiel. Mein Verstand war klar, befreit. Stolz klopfte ich den verschwitzen Hals, an dem sich weißer Schaum gebildet hatte, durch die Zügel. Dabei streckte sich zufrieden. Erst in dem Moment bemerkte ich den weiteren Gast, der es sich auf der Tribüne bequem gemacht hatte, neben ihm saß Chris, vertieft in ein Gespräch mit meinem Vater. Plötzlich kehrte das heftige Herzklopfen zurück und die Knie am Sattel wackelten unruhig herum. Form drehte die Ohren zu mir nach hinten. Dabei schlug ihr Schweif, bis ich mich wieder unter Kontrolle hatte. Dafür hatte ich meine Füße aus dem Bügel gezogen. Aber im Kopf strahlten die Bilder wieder heller, die bei jedem hinüber sich intensivierten. Da saß er in seinem auffälligen hellblauen Pullover, der sehr engen schwarzen Reithose und sah mir direkt in die Augen. Auf seinen Lippen lag ein selbstsicheres Lächeln, das mich erneut in das Glücksgefühl brachte. Ich holte tief Luft und schluckte, während meine Finger die Mähne der Stute umspielten. Es schien, als würde das laute Gespräch meines Vaters verstummen, in den den Hintergrund geraten und sich meine Augen zu einem Tunnelblick bilden, der zielgerichtet auf Eskils Brust lag. Wie in einem schlechten Liebesfilm fühlte es sich an, als würde sich unser Herzschlag synchronisieren, aber der bloße Gedanken daran, kam mir falsch vor. Also nicht, dass etwas falsch daran wäre, viel mehr machten es die Umstände.
      Im Stall nahm ich den Sattel von ihrem Rücken und rollte die Bandagen fein säuberlich ab, bis nur noch die Unterlagen wie angeklebt am Röhrbein klebten. Lächelnd und voller Energie, die aus unbekannten Gründen nicht weniger wurde, brachte ich mein Zeug in die Sattelkammer. Einige Hölzer waren frei und halfter hingen unordentlich darüber geworfen, während an der Seite Turnschuhe nebeneinanderstanden, zwischen den Stiefeln. Nicht jeder nutzte unseren Umkleiden, sondern lagerte die Straßenkleidung hier drinnen.
      > Kan vi prata med varandra?
      “Können wir kurz miteinander sprechen”, tippte mich auf einmal Eskil von der Seite an. Warum? Alles musste immer besprochen werden, nervig. Ich seufzte, aber nickte.
      > På grund av tidigare? Jag är ledsen. Jag menade inte –
      “Wegen vorhin? Es tut mir leid. Ich wollte nicht –”, aber den Satz ließ er mich nicht beenden. Sein Zeigefinger lag auf meinen Lippen und die Augen kniff er zusammen, noch immer mit der Selbstsicherheit im Gesicht.
      > Det är inte det som är poängen.
      “Darum geht es nicht”, lachte er und nahm den Finger wieder von mir. Meine Augen suchten den Raum ab, aber schielten dabei auch aus dem Fenster. Es schneite wieder und durch das Licht der Wegbeleuchtung erblickte ich Phina, die mich böse angrinste und das Handy senkte. Dann hob sie die Hand, um mir zu winken und folgte dem Weg in den Ponystall.
      “Hallo?”, fragte Eskil erneut und holte mich aus dem kalten Starren heraus.
      > Phina såg oss.
      “Phina hat uns gesehen”, stammelte ich. Er drehte sich sofort zur Seite, doch schon vor Sekunden war die Dunkelhaarige verschwunden, samt der Beweise. Mir schossen abertausende Szenarien durch den Kopf, vor allem, wie Lina darauf reagieren würde. Ich sah an mir herunter, sah, wie meine Brust sich aufbaute und wieder entspannte in einem rasenden Tempo.
      > Och varför är det så dåligt? Hon kan inte ha sett något.
      “Was soll daran so schlimm sein? Sie kann gar nichts gesehen haben”, schüttelte er ungläubig den Kopf, wollte nach meiner Hand greifen, die schnell wegzog. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass es ihm schlagartig nicht mehr interessierte, was ich alles belastendes gesagt hatte. Stattdessen grinste er.
      > Vad ville du ha? Jag har mer att göra.
      “Was wolltest du? Ich habe noch mehr zu tun”, stotterte ich und wechselte das Thema, um die Bilder in meinem Kopf loszuwerden. Ja, ich wollte mehr von dem Freiheitsgefühl, aber nicht so, wie ich es erreicht hatte. Falsch. Verwerflich. Abartig. Böse Stimmen störten die eigentliche Entspannung. Es wurde zu schnell, zu viel.
      > Jag kommer att ha lektionen med Vriska i morgon, men jag ska berätta det för er i förväg så att det inte blir någon diskussion.
      “Ich werde morgen den Unterricht mit Vriska durchführen, aber dir es vorher sagen, damit es keine Diskussion wird”, klärte Eskil mich auf.
      “Okay”, drehte ich mich auf der Stelle um, schnappte mir die bereits gefüllte Futterschüssel und lief hinaus zu Form, die fröhlich mit dem Kopf schlug. Hin- und hergerissen im Meer der Gefühle, versuchte ich das alles hinter eine Tür zu stecken, die nur selten öffnete. Dabei half mir, jede Kaubewegung meines Pferdes beobachten. Leise knirschten die Körper in ihrem Maul, wovon kein einziges auf dem Beton landete. Form war im Vergleich zu vielen anderen Pferde sehr sauber im Umgang mit ihrem Fresschen. Selbst ihre heiß geliebte Rote Bete färbte nur ihr Maul rot.
      Ich erschrak, als sich eine Hand auf meine Schulter legte und fest zudrückte. Vater stand hinter mir. Mit intensiven Blicken versuchte er herauszufinden, aus welchen Grund ich mein Pferd dermaßen intensiv betrachte. Fragte, weshalb meine Augen ihr Maul fokussierten. Eine Antwort darauf fand ich nicht, holte stattdessen die Decke und brachte das Pferd schlussendlich in ihre Paddockbox.
      Ganz am Ende des Stalles hatte Bino seine Box. Er wirkte müde, aber mir war klar, dass er bocken würde, wenn ich ihm das Halfter anlegen würde und hinausführte. Sein Kopf hing locker und die Augen trüb. Es musste eindeutig ein Tierarzt her

      © Mohikanerin, Wolfszeit // 69.426 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Anfang Oktober 2020}
    • Mohikanerin
      [​IMG]

      kapitel fjorton | 14. April 2022

      Einheitssprache / HMJ Divine / Legolas / Schneesturm / Outer Space / Sturmglokke LDS / Maxou / Dix Mille LDS / Binomialsats / Form Follows Function LDS

      Samu
      Ich beobachte, wie die winzigen Eiskristalle durch die Lichtkegel dir Lampen tanzten, die das moderne Gestüt in ein helles Licht tauchten, denn in der Theorie sollte meine Freundin jeden Augenblick hier eintreffen. Vriska hatte dazu angeregt, ob man nicht auf Ivys und meine Ankunft anstoßen solle und da Lina, noch ihren Freund erwartete, schlug sie sogleich vor, dass ich Enya auch einladen könnte. Ungeduldig schielte ich, auf die silbern glänze Uhr an meinem Handgelenk, denn allmählich kroch mir die Kälte in die Glieder.
      Nur einen Wimpernschlag später tauchte endlich der kleine silberne Wagen auf und kam neben dem Porsche, der Linas Freund zugehörig war, zum Stehen. Mit langen Schritten überquerte ich den gefrorenen Kies.
      “Du bist ja süß, hast du etwa die ganze Zeit hier draußen gewartet?”, grinste Enya als sie mich erblickte. Locker hing ihr ein Mantel über den Schultern, der mir erstaunlich bekannt vorkam und ihre Haare flossen darüber wie flüssiges Gold.
      “Jap, nur für dich mein Engel”, erwiderte ich und legte meine Hände an ihre Hüften. Eine vertraute Mischung aus ihrem blumigen Parfüm und den Gerüchen einer Tierklinik stieg mir in die Nase. Solch kleine, alltägliche Augenblicke waren es, die ich bisher in dieser Beziehung vermisst hatte, weil die Distanz diese verhinderte.
      “Niedlich, aber für mich brauchst du nicht erfrieren”, sprach sie sanft, “Du bist mir deutlich lieber, wenn du kein Eisklotz bist.”
      “Und damit du keiner wirst, klaust du meine Jacken?”, schmunzelte ich und zog sie ein Stück näher an mich heran. Keck grinste sie und fixierte mich mit ihren leuchtenden grinsenden Augen: “Was ist, wenn es so wäre?” Nur noch wenige Zentimeter lagen zwischen unseren Gesichtern und ich konnte ihren warmen Atem auf meiner Haut spüren.
      “Dann wirst du mich wohl wieder auftauen müssen”, raunte ich ihr zu und legte leidenschaftlich meine Lippen auf ihre. Ungestüm erwiderte sie diesen, wurde fordernder und presste ihren schlanken Körper an mich. Ihre warmen, langen Finger in meinem Nacken, reichten aus, damit ihre Wärme auf mich überging und das Feuer in mir anfachten. Auf der Suche nach mehr, wanderten ihre Finger über meinen Körper, doch ich unterbrach diese Entdeckungstour, als sie den Saum meines Pullis erreichten.
      “Nicht hier”, schmunzelte ich und löste ihre sanft ihre Finger von meiner Brust. Schmollend schob Enya ihre Unterlippe nach vor und blickte mich mit großen runden Augen an, zu genau wissend, dass ihrem Hundeblick nur schwerlich Widerstand zu leisten war.
      “Na, komm, die anderen warten sicher schon”, sprach ich sanft und strich eine lose Haarsträhne aus ihrem Gesicht.
      “Na gut”, gab sie nach, verwob die Finger mit den meinen und stahl sich dennoch einen flüchtigen Kuss von meinen Lippen, bevor wir in Richtung des Gebäudes schlenderten.
      “Konntest du Lina eigentlich so überraschen wie du wolltest?”, fragte sie neugierig, als wir in die Stallgasse entraten.
      “Ja, ich denke”, lächelte ich und rief mir Linas strahlendes Gesicht vor Augen, “die Überraschung ist eindeutig gelungen.” Einige Pferdeköpfe reckten sich neugierig über die Boxenwände, darunter auch der helle Kopf des Hengstes, der vordergründig Grund des heutigen Besuchs war.
      “Ist er das?”, fragte meine Freundin und blieb vor der Box des Hengstes stehen, welche sie bisher nur aus Erzählungen und Bildern kannte. Bestätigend nickte ich. Falls das noch möglich war, stellten sich die kleinen Ohren des Freibergers noch mehr auf, als Enya die Hand, die nicht in meiner lag, nach ihm ausstreckte.
      “Das ist aber wirklich ein Süßer und dann auch noch so freundlich”, lächelte sie und strich ihm über den Hals, “Und wenn ich mich so an die Bilder erinnere, scheint ihr ihn wieder gut hinbekommen zu haben, er sieht top gesund aus.”
      “Der Tierarzt in dir schläft wohl nie”, erwiderte ich lachend, ”aber das Lob darfst du nicht mir geben. Lina hat ihn ganz allein aufgepäppelt.” Legolas, der bis eben nicht zu sehen, war, hatte den Trubel vor seiner Box wohl mittlerweile mitbekommen und kam von seinem Paddock hinein getrottet. Aufgeschlossen beschnupperte er meine Freundin, die ihm sogleich auch Aufmerksamkeit zukommen ließ.
      “Und das wird dann wohl dein Legolas sein”, schlussfolgerte sie schließlich. Ivy, der scheinbar noch nicht ausreichend mit Beachtung beschenkt worden war, stupste nun mich an. Ich kam der Bitte des Hengstes nach und begann an seine Lieblingsstelle zu kraulen.
      “Ja, genau das ist er”, bejahte ich, “Wie war eigentlich dein Tag, mein Schatz? Schon das Allheilmittel gefunden?”
      “Ich fürchte, bis das gefunden wird, existieren wir nicht mehr”, erklang ihr wunderschönes Lachen, “dafür habe ich eine andere coole Nachricht.”
      “Die wäre?”, hakte ich nach, als Enya nicht weitersprach und ich nur freudig angrinste.
      “Meine Chefin sagte, ich darf bei der Studie mitarbeiten, die gerade in Planung ist und wenn das klappt, wird man in Zukunft belastungsbedingte Arthrose heilen können”, berichtet sie enthusiastisch und begann Details über das Krankheitsbild und die Studie zu erzählen, von denen ich gerade einmal dreißig Prozent folgen konnte.
      “Das klingt interessant und was genau macht ihr da?”, versuchte ich mehr darüber zu erfahren in einer Sprach, die auch verstand.
      “Das würde ich dir zwar gerne sagen, aber ich darf nicht. Da wirst du warten müssen, bis die Studie veröffentlicht –” Das letzte Wort verschluckte sie und blickte verwundert zu Divine, der den Kopf nach vorne reckte und immer die Oberlippe kräuselte, als ob er flehmen wollte, ohne die allerdings vollständig auszuführen.
      “Was macht er da?”, fragte sie, nachdem sie das Spektakel einen Augenblick beobachte.
      “Er versucht dir und mir mitzuteilen, dass jemand bitte etwas zu fressen in seine Schnauze stecken soll”, schmunzelte ich. Diese eigenartige Art zu betteln hatte der Hengst sich bereits in den ersten Woche angewöhnt, als Lina mit ihm arbeitete.
      “Das ist ja lustig, so eine Eigenart habe ich ja noch nie gesehen”, schmunzelte Enya, “Hast du denn auch was für ihn?” Kurz dachte ich darüber nach, sie daran zu erinnern, dass man ein solches Verhalten nicht fördern sollte, ließ aber davon ab. Schließlich ging Lina im Regelfall selbst auf das Betteln des Hengstes ein. Somit drückte ich meiner Freundin ein Leckerli in die Hand. Beinahe Krokodil artig schnappte der Hengst den Leckerbissen von ihrer Hand hinunter und verschlang ihn zufrieden. Selbstverständlich musste Legolas nicht leer ausgehen und bekam ebenso ein Leckerli.
      “Möchtest du noch weiter die Pferde kuscheln oder gehen wir hoch zu den anderen?”, erkundigte ich mich, als Enya erneut begann den Freiberger zu kraulen.
      “Wir können hochgehen”, lächelte sie und beendete die Streicheleinheit. Als wolle Ivy protestieren, stupste er sie an, doch wurde ignoriert.
      In der Küche wurden wir empfangen von einem köstlichen Geruch, der durch den Raum schwebte und dem Welpen, der sogleich schwanzwedelnd angerannt kam. Der andere Hund hob zwar den Kopf, blieb allerdings an Ort und Stelle liegen.
      “Hallo”, grüßte Enya freundlich in den Raum, bevor sie sich zu dem kleinen Tier hinunterbeugte, um auch diesen zu begrüßen. Freudig hampelte er umher, wedelte mit dem ganzen Hinterteil und wahr mehrfach kurz davor über die eigenen Pfoten zu fallen. Vriska stand am Herd, was der Ursprung des deliziösen Duftes war, während ihr Freund misstrauisch am Tisch saß und die Gewürze musterte. Vorsichtig drehte er sie auf den Kopf, wobei einige Krümel hinausfielen. Seltsamer Kerl. Nur Lina und Niklas schienen sich in Luft aufgelöst zu haben, zumindest waren die beiden im Raum nicht zu entdecken.
      “Wo sind –”
      “Zimmer”, kam es vom Herd direkt eine Antwort, noch bevor ich die Frage überhaupt beendet hatte. Zugegeben, die Frage hätte ich mir auch nahezu selbst beantworten können, denn allzu viel Möglichkeiten bestanden nicht, wo beide hin verschwunden sein konnten.
      “Möchtet ihr auch etwas trinken?”, holte sie eine ungeöffnete Flasche Wein unter der Spüler hervor, nach dem sie eine geöffnete neben sich zu stehen hatte. Wie sagt man so gerne, einen Schluck ins Essen, einen in den Koch?
      „Für mich nicht, ich muss noch fahren“, lehnte meine Freundin höflich ab.
      „Nein, nimm du ruhig einen Wein, ich fahre später“, widersprach ich ihr. Ich fand, mit der Studie hatte sich das redlich verdient und sie möchte das Zeug ohnehin lieber.
      „Na dann, her damit“, revidierte sie ihre Aussage und drückte mir sogleich lächelnd die Autoschlüssel in die Hand, die auch sogleich in meiner Hosentasche verschwanden.
      „Fahren“, schüttelte sie ungläubig den Kopf und füllte ein ziemlich großes Weinglas auf bis zur Hälfte. Ihre Hand zitterte und verschüttete dabei einige Tropfen der kostbaren Flüssigkeit, die natürlich auf der grauen Hose von Erik landeten. Dieser sah skeptisch zu ihr hoch. Still stand er auf, legte für einen kurzen Augenblick seine Hände an ihre wirklich schmale Taille und flüsterte unverständlich in ihr Ohr. Aus ihrem leeren Gesichtsausdruck wurde ein erschrockenes Grinsen mit weit aufgerissenen Augen. Das Glas hatte mittlerweile einen beachtlichen Füllstand erreicht, bei ungefähr zwei Dritteln setzte sie schließlich die Flasche ab. Enya betrachtet ihr Getränk inständig, schien aus Höflichkeit keine Einwände zu haben. Schwankend drehte sich Vriska wieder zum Herd, schnappte die eigene Flasche und stieß mit ihr an. Als wäre es Wasser, setzte sie das Getränk an. Wenn sie so weiter macht, würde das zumindest für sie ein kurzer Abend werden, doch ich verkniff mir jeglichen Kommentar dazu. Schließlich sollte sie alt genug sein, um zu entscheiden, wie mit Alkohol umzugehen sei. Auch von meiner Freundin kam ein vielsagender Blick, der meine Gedanken widerspiegeln zu schien. Heute machten alle scheinbar einen ganz wunderbaren ersten Eindruck. Hoffentlich ließ sie sich davon nicht abschrecken, auch wenn ich sicherlich schon einmal anklingen ließ, dass dieser Kreis von Menschen nicht dem konventionellen Verständnis von normal entsprach, war das gebotene Bild sicher nicht den Erwartungen entsprechend.
      “Ach so”, schlug sich die kleine Blonde urplötzlich an den Kopf, stellte die Flasche zur Seite. Freundlich stellte sie sich zu Enya und gab ihr die Hand: “Ich bin Vriska und Erik ist gerade raus. Dachte, dass wir uns schon bekannt gemacht wurden”, lachte sie.
      “Nein, bisher kam es zu keiner Begegnung. Ich bin Enya, schön auch mal ein Gesicht zu den Erzählungen zu haben”, erwiderte meine Freundin ihrerseits freundlich den Händedruck.
      “Dann bleibt nur zu hoffen, dass du nur Gutes zu hören bekommen hast”, schüttelte Vriska langsam den Kopf, mit den Augen suchend nach einem Fixpunkt. Trymr, der unter dem Fenster lag auf einem Kissen, hob die Ohren an. Leise klopfte der Schwanz auf dem Fußboden.
      “Keine Sorge, Samu erzählt eigentlich immer nur Gutes über seine Freunde”, sprach sie offen und bedachte mich dabei mit einem milden Lächeln. Tatsächlich hatte Enya mit diesem Fakt nicht ganz unrecht, denn ich sah nicht den Mehrwert darin, die negativen Eigenschaften einer Person zu beleuchten, wenn es keine Relevanz hatte. Die Rute des großen Hundes klopfte unaufhörlich weiter.
      “Sind das eigentlich deine Hunde?”, richte Enya interessiert ihre Frage an Vriska und machte einige Schritte auf das Ungetüm zu, dessen Schwanz immer schneller schlug.
      “Genaugenommen, nein”, drehte sie sich von der Pfanne weg und holte den Rüden zu sich, “den Kleinen haben wir im Wald gefunden vor ein paar Tagen und wurde erst einmal als Fundtier gemeldet. Der hier kann sich nur schwer von mir trennen, aber Erik möchte ihn auch nicht loswerden, deswegen –” Es klang danach, als gäbe es sonst nichts zwischen den beiden, was sie aber niemanden erzählen kann. So sehr, wie sie mit den Augen zur Tür schielte und nur auf ihn wartete, lag es wohl kaum an Trymr. Ihr Lächeln unterstrich jedoch, dass es scherzhaft gemeint war.
      “Verstehe, wirklich schöne Tiere, die beiden”, bekomplimentierte Enya die Hunde, wobei indirekt der Wunsch mitschwang, selbst einen zu besitzen. Das Gespräch dazu hatten wir bereits geführt, doch ich war bisher nur wenig dafür zu begeistern gewesen. Zum einen nahmen die beiden Katzen schon ziemlich viel Raum in der Wohnung und vor allem dem Bett ein und zum anderen bestand das Problem darin, dass sie unbedingt einen Welpen wollte. Dabei sah ich das Problem, dass dieser die ersten Monate unter dauerhafter Aufsicht stehen sollte. Enya würde ihn nicht mit zur Arbeit nehmen können und den ganzen Tag im Stall mitzulaufen, würde ihn vermutlich überfordern. Allerdings glaubte ich nicht, dass Enya das Thema damit auf sich beruhen lassen würde, gerade dann, wenn der Fundhund das Gegenteil beweisen sollte.
      “Ich weiß nicht, Trymr ist schon ziemlich”, Vriska verstummte als auch Erik wiederkehrte in einer anderen Hose und sie musterte.
      “So, was ist er denn?”, lachte er und schien heute nur durch seine Anwesenheit jegliche Gespräche zu unterbrechen. Unruhig stammelte sie vor sich hin, bekam kein richtiges Wort mehr zustande. Stattdessen griff sie wieder zu Flasche, als wäre es die einzige Möglichkeit der Peinlichkeit zu entkommen, was ich mich wunderte. Ich hatte sie bisher als ein sehr offenen Menschen kennenlernt, der immer sagte, was im Kopf herumschwirrte, selbst bei schwierigen Themen.
      “Angsteinflößend”, sprach sie schlussendlich noch und holte aus dem Schrank mehrere Schüsseln, “vielleicht sollte einer von euch beiden Lina und Niklas holen. Wir wären bei den Turteltauben eine denkbar schlechte Wahl.” Es war schon ein wenig seltsam, dass Vriska den Hund immer, um sich zu haben schien, obwohl sie ihn beängstigen fand, aber was wusste ich bereits. Möglicherweise diente das einer seltsamen Art der Konfrontationstherapie? Während ich noch darüber nachdachte, kam ich Vriskas Bitte nach und folgte dem Flur bis zum Zimmer, welches die beiden Mädels bewohnten und klopfte sachte an die Tür.
      “Ja, komm rein?”, erklang Lina Stimme aus dem Raum und ich trat ein. Ich erblickte die beiden auf einem der Betten, sie auf seinem Schoß von seinen Armen umschlungen. In den kräftigen Armen ihres Freundes wirkte Lina noch kleiner und zarter, als sie es ohnehin schon war, aber strahlte förmlich von Glückseligkeit. Bis heute hatte ich absolut keine Ahnung, warum sie sich stets solch gegensätzliche Männer aussuchte.
      “Was gibt’s?”, blickte Lina mich erwartungsvoll an, was allerdings nur von kurzer Dauer war. Wie magnetisch wurde ihre Augen von Niklas angezogen, um ihn weiter anzuschmachten.
      “Eure Anwesenheit wird in der Küche verlangt, das Essen, ist gleich fertig”, überbrachte ich die Nachricht, die ich zu überbringen gebeten wurde.
      “Okay, wir kommen”, bestätigte Niklas mit einem Kopfnicken. Da keiner der beiden Anstalten machte, sich zu bewegen, verließ ich den Raum allein. Beim Schließen der Tür nahm ich wahr, dass er etwas zu Lina zu sagen schien, worauf sie lachend antworte.
      In der Küche war der Tisch mittlerweile gedeckt und bis auf Vriska, saßen bereits alle am Tisch. Selbstverständlich nahm ich neben meiner Freundin Platz. Wenig später kündigte der wild umher wuselnde Welpe auch das Eintreffen der Turteltauben an, die uns schließlich auch mit ihrer Anwesenheit beehrten. Während sich Trymr zurück auf die Decke gelegt hatte, um dem Störenfried möglichst aus dem Weg zu gehen. Stattdessen beobachtete er jeden Schritt der Menschen im Raum mit den hellbraun leuchtenden Augen.
      Aber – wie im Kalten Krieg lag ein Eiserner Vorhang zwischen den Parteien, die sich stillschweigend ansahen. Nur zwischen den Damen hingegen, wirkte es harmonisch, vermutlich der Tatsache geschuldet, dass Vriska nur noch Augen für Erik hatte. Und das konnte man wörtlich nehmen. Ständig versuchte sie ihren Freund zu umwerben, als wären alle anderen im Raum nicht existent, er hingegen bewahrte sich in Diskretion.
      Die Weinflasche umfasste nur noch einen letzten Schluck, der womöglich niemanden zufriedenstellen würde. Eine derartige Druckbetankungen konnte weder grundlos noch gesund sein. Auch Enya sendete mir unterschwellige Signale, dass sie es bedenklich fand. Gleichzeitig zuckte Lina nur mit ihren Schultern. Niemanden kümmerte es, wie sehr das Geschöpf in den Alkohol ertränkte, trotz ihrer Vorgeschichte, die bis auf meiner Freundin, jeder im Raum kannte. Dass nicht einmal ihr Partner sich dazu berufen fühlte, sie an einem Montag zu bremsen, überstieg meinen Horizont.
      Freundlich verteilte Vriska eine Portion nach der anderen, von einer Mahlzeit, die sie nicht näher erklärte. Eine Sache stand fest: Es sah nicht gut aus, aber roch umso besser. Mit meiner Gabel stocherte ich in dem grünen und braunen Matsch herum, versuchte einige Bestandteile genaue zu betrachten. Vermutlich waren das Kichererbsen und das, was alles sehr schmierig machte, könnte Spinat sein. Die kleinen hellbraunen Klumpen dazwischen hingegen kannte ich nicht, vielleicht Pastinaken? Entschlossen steckte ich mir den Mix in den Mund. Es schmeckte genauso gut, wie es roch. Als alle glücklich begannen zu essen, stellte Vriska die leere Weinflasche unter die Spüle.
      „Ich brauche Zeit für mich“, verabschiedete sich kurz, nach einem prüfenden Blick zu Erik, der nickte. Sie zupfte ihren zu großen schwarzen Pullover zurecht und schwankte zur Tür hinaus. Trymr folgte ihr sofort mit großen Trabsprüngen. Dann verstummten die Gespräche. Dezent klammerte das Besteck auf den Tellern, untermalt mit leisen Kaugeräuschen und dem leisen Wimmern des Welpens, der unter dem Tischen durch unsere Beine huschte. Die Stimmung schien, als hätte jeder einen guten Tag gehabt. Vielleicht auch der Tatsache geschuldet, dass Vriska den Raum verlassen hatte, fühlte sich die Luft angestaut von positiver Einstellung an.
      “Lina, ich habe vorhin im Stall deinen Hengst gesehen, den hast du ja echt wieder gut hinbekommen”, nahm Enya das Gespräch wieder auf und füllte damit die Stille im Raum.
      “Danke”, lächelte Lina, doch wie so häufig trat auch eine leichte Verlegenheit in ihren Ausdruck, “ich bin selbst ein wenig erstaunt, wie gut er aussieht und so ganz perfekt ist sein Zustand jetzt auch noch nicht.” Seit Jahren versuchte ich bereits ihr beizubringen, ein Kompliment einfach mal anzunehmen und sich darüber zu freuen, anstatt sich selbst klein zuhalten. Doch ihr den Wert ihrer Selbst erkenntlich zu machen, grenzte an einer Sisyphusarbeit, denn die Gründe dafür waren vielseitig und so tief in ihren Gedanken verwurzelt, wie eine Eiche im Boden.
      “Nein wirklich, er sieht fabelhaft aus, gerade wenn man den Ausgangszustand betrachtet, man sieht wie viel Arbeit du invertierst hast. Es wäre wünschenswert, wenn mehr Leute so viel Engagement für ihr Tiere zeigen würden. Aber was mich mal wirklich interessieren würde, wäre der weniger offensichtliche Gesundheitszustand. Wie war da denn die Ausgangslage?”, fragte meine Freundin die Frage, die ich eigentlich bereits früher erwartet hätte, denn sobald da Thema in Richtung Medizin ging war sie Feuer und Flamme. Auch mir hatte sie diese Frage schon gestellt, aber da Divines Gesundheitsmanagement zu hundert Prozent in Linas Händen lag, hatte ich ihr auch nicht mehr sagen können als das, was offensichtlich war.
      “Wie du dir sicher bereits denken kannst, war sein Zustand alles andere als Ideal, da waren die atrophierten Muskeln nur das kleinste aller Problem. Seine Leberwerte waren stark erhöht, dafür waren die Zink- und Selenwerte komplett im Keller inklusiver diverser anderer fehlender Spurenelemente und verwurmt, war der arme Kerl auch noch. Glücklicherweise hatte ich einen kompetenten Tierarzt zur Seite, sodass es ihm schnell wieder besser ging. Das Einzige, was noch nicht wieder ganz in Ordnung ist, sind die Hufe vorne, aber ich denke, das wird auch nicht mehr lange dauern, bis die Hornspalte vollständig rausgewachsen ist ”, erzählte Lina in erstaunlicher Genauigkeit. Es wirkte beinahe als hätte sie diese Informationen auswendig gelernt, was ihr ehrlich gesagt zutrauen würde. Wenn es um Ivy ging, überließ sie nichts dem Zufall.
      “Armes Pferd, gerade mit Leberwerten ist nicht zu spaßen. Da ist es umso schöner zu sehen, wie gut es Divine jetzt geht”, entgegnete Enya, die dem Bericht mit Begeisterung gefolgt war, “Ich möchte dich jetzt nicht nerven, aber eine Frage medizinischer Art hätte ich noch.” Sie hielt kurz inne, um Linas Reaktion abzuwarten, doch als diese interessiert nickte, setzte sie fort: ”Ich habe neulich in einem Fachartikel gelesen, dass Pferde mit Divines Fellfarbe oft schwerwiegende Hautprobleme haben. Hat ihr derlei Probleme?”
      “Als ich ihn bekam, hatten wir ein wenig mit einem Ekzem zu kämpfen. Allerdings meinte der Tierarzt, dass das auch mit den Nährstoffmängeln in Zusammenhang stehen könnte. Ich hoffe ja nicht, dass das wieder auftaucht”, antworte sie zuversichtlich. Ihre Hoffnung war nachzuvollziehen, zwar war ein Ekzem kein Weltuntergang, aber dennoch eine lästige Angelegenheit.
      Erleichtert atmete Erik aus, der zuvor stillschweigend an seinem Handy saß und es in der kleinen Pause zur Seite packte. Die brennende Erwartung in Enyas Augen steckte auch Lina an, als wüssten die beiden bereits, was nun folgen würde.
      “Zugegeben, das erinnert hier ein wenig an das Gespräch, was ich vor einigen Tagen in der Kita hatte, als alle Eltern von den bereits erlebten Krankheiten erzählten ihrer Kinder”, lachte er und nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Glas Wasser, “aber ich bin froh, dass du zumindest ein Auge auf Maxou haben kannst, weil –” dabei sah er kurz zu Niklas, um sich schließlich wieder an Lina zu wenden.
      “Ihr diese Bürde mit dem Fall ans Herz zu legen, finde ich bedenklich. Also ich möchte jetzt nicht ihre Tierliebe oder Fürsorglichkeit infrage stellen, aber ich habe ein ungutes Gefühl mit ihr und dem Pony”, beendete er seine Ansage, ohne dabei die Tür aus dem Blick zu lassen, durch die sie jederzeit hätte schreiten können, oder viel eher wanken.
      “Bisher kümmert sie sich doch gut um Maxou, aber keine Sorge, selbstverständlich werde ich einen Blick auf das Pony behalten”, lächelte Lina entgegenkommend. Bei der Erwähnung des Ponys wurde Enya hellhörig und schloss sogleich neugierig eine Frage an: “Was ist denn mit dem Pony?”
      “Erst einmal wurden nur ihre Zähne gemacht und ein Hautpilz festgestellt, aber so schrecklich wie sie aussieht und vollkommen desinteressiert ist, außer an mir, wird da sicher noch mehr sein”, sagte er besten Gewissens und reichte ihr sein Handy. Auch ich schielte hinüber, schließlich wusste ich nicht einmal, wer Maxou war. Die Bilder zeigten eine helle Stute mit dunkeln Flecken Fell, die keinesfalls alle von der Musterung stammten. Auf einigen waren die Beine angeschwollen, auf anderen hing der Rücken deutlich durch und auf einem anderen, die Augen matt. Die zeitlichen Abstände konnte man nur schwer abschätzen. Gerade als Enya eins der Bilder näher anschauen wollte, kam eine Nachricht. Sofort griff Erik nach seinem Gerät, schob die Mitteilung mit dem orangen Logo am oberen Rand weg und schaltete den Flugzeugmodus ein. Mit zusammengekniffener Stirn blickte Niklas einmal zu Erik und schüttelte verständnislos mit dem Kopf. Dann bekam sie es wieder.
      “Das arme Ding muss ja einiges mitgemacht haben”, murmelte sie, während sie die Bilder eingehend inspizierte, ”An eurer Stelle würde ich das Pony noch mal gründlich durchchecken lassen, das steckt definitiv mehr hinter als nur schlechte Zähne und ein Hautpliz.” Auch wenn meine Freundin es nur wage formulierte, war ich mir beinahe sicher, dass sie schon einige mögliche Diagnosen im Kopf hatte.
      “Selbstverständlich, ich war vorhin mit dem Kleinen in der Klinik und dort habe ich umgehend einen Termin für Maxou gemacht. Nächste Woche wird alles untersucht”, nickte er zustimmend. Es war ziemlich beachtlich, wie viel Mühe sich Erik mit dem Pferd gab, wo er bisher eher auf Abstand ging und anzunehmen war, dass er absolut keine Ahnung aufwies.
      “Dann wünsche ich viel Erfolg bei der Genesung”, lächelte Enya freundlich und schob das Mobilgerät über den Tisch wieder zu seinem Besitzer hinüber.
      “Danke, werde ich der Patientin ausrichten”, grinste Erik höflich zurück und widmete sich schließlich dem Gerät. Während Lina noch etwas mehr über Ivy schwärmte, schien Niklas nicht ganz zufrieden. Sein zuvor sehr entspanntes Gesicht, begann am Kiefer anzuspannen, sah andauernd zur Tür, als würde er auf Vriska warten. Unverständlich für mich. Sein kleiner Finger tippte auf dem Tisch herum, verursachte dabei ein leises, dumpfes Geräusch auf dem Holz. Erst als Lina ihm sanft über den Oberarm strich, ohne dabei die Unterhaltung zu stoppen, entspannte seine Hand.
      “Vielleicht solltest du dich darauf konzentrieren, was du hast”, fauchte er, “und dich dankbar zeigen, dass es überhaupt jemand mit dir aushält.” Erik sah von seinem Handy auf, musterte ihn mit erhobener Augenbraue und stand vom Stuhl auf. Er ließ sich nicht auf das Gespräch ein, schnappte sich stattdessen seine Jacke und verließ den Raum.
      “Was sollte das denn jetzt?”, rügte Lina ihren Freund sogleich, “Kannst du nicht mal einen Abend lang friedlich mit ihm in einem Raum bleiben?”
      “Das ist keine Frage von Können, viel mehr von Wollen. Aber dafür müsste er mehr Respekt zeigen”, flüsterte er, noch laut genug, dass die restlichen Leute in der Küche seine Antipathie mitbekamen. Unter dem Tisch regte sich der Welpe, der verschlafen sich aufrappelte und einige Schritte zur Tür tippelte. Leise winselte das Tier, bis Enya ihn zu sich rief und auf dem Schoß setzte.
      Ob des Frieden willens oder dem Mangel eines schlagkräftigen Gegenarguments, erwiderte Lina nicht, schien viel mehr nach einem Weg zu suchen, die Situation elegant zu übergehen. Suchend glitte ihre Augen durch den Raum, bis sie in dem Regal hinter sich etwas zu entdecken schien, was ihren Ansprüchen einer Ablenkung geeignet schien.
      “Hab ihr Lust auf ein Spiel?”, fragte sie in dem Raum und sprang sie gleichzeitig auf, um zielsicher nach einem Kartendeck zu greifen, welches auf dem mittleren Regalbrett lag. Dass aus der Runde kein Protest kam, schien ihr als Antwort zu genügen.
      “Sind euch allen die Regeln zu Vändti geläufig oder soll ich es erklären?”, erkundigte Lina sich während sie gleichzeitig begann sie Karten zu mischen, allerdings tat sie dies äußerst ungeschickt. Statt dass die Karten sich vermischten, wirkte es mehr als würde sie den Stapel, lediglich neu aufeinanderstapeln. Kurzerhand nahm Niklas ihr das Kartendeck aus den kleinen Händchen und mischte dieses selbst.
      Ich verneinte ihre Frage und auch Enyas Gesichtsausdruck zeuge davon, dass auch sie das Regelwerk nicht kannte.
      “Okay, eigentlich das Spiel simpel”, leitete Lina ihre Erklärung ein, während ihr Freund die Karten austeilte. Das kleine Fellbündel, welches noch immer auf dem Schoß meiner Freundin thronte, schnupperte neugierig an dem buntbedruckten Papier. Als er allerdings darüber schleckte, schien er festzustellen, dass die seltsamen Rechtecke nicht schmeckten und verlor das Interesse daran.
      “Gibt’s noch Fragen oder ist alles klar?”, beendete Lina ihren kurzen Vortag über das Regelwerk. Das Spiel war einfach, denn viele Regeln gab es nicht.
      “Jap, alles klar”, bestätigte ich und sortierte das Blatt in meiner Hand. Als auch meine Freundin bestätigend nickte, eröffnet Lina das Spiel mit einem ersten Zug, der nicht sonderlich spektakulär wirkte. Enya folgte mit einem geschickteren, der mich beinahe in die Bredouille brachte, noch vor dem ersten Zug nachziehen zu müssen, wenn ich nicht eine Zwei auf der Hand gehabt hätte. Niklas legte geschickterweise gleich vier hohe Karten, die nur schwer zu toppen waren.
      Das Spiel nahm seinen Lauf und die ganze Zeit wirkte es als würde Lina diese erste Runde gewinnen, doch kurz vor Ende wendete sich das Blatt durch einen gekonnten Zug von Niklas, mit dem er das Spiel für sich entschied.
      Von Runde zu Runde wurde alle routinierter. Wir lachten. Wir fluchten. Wir lachten noch mehr. Die Stimmung war herzlich und ausgelassen, ein Abend, den man so öfter haben konnte. Natürlich tat es mir auch leid, dass Vriska so schnell verschwand und Niklas noch Erik verscheuchte, der bisher zu dem Zeitpunkt nicht wieder aufgetaucht war. Welpe schlief tief und fest auf Enyas Schoß, bekam von dem ganzen Lärm nichts mit. Gerade, als für die nächste Runde die Karten ausgeteilt wurden, ertönte ein lautes Gerumpel von draußen, das seinen Ursprung im Flur haben wird. Gefolgt von dem Tippen der Hundekrallen auf den Fliesen kam Vriska wieder, von einem zum anderen Ohr grinsend. Die kleine Auszeit hatte ihr womöglich geholfen, neue Lebensenergie zu sammeln. Sie wankte zum Tisch und legte ihre Arme eng um Niklas Hals, der perplex erstarrte und Hilfe suchend durch die Runde blickte. Bei Lina setzte kurzzeitig die Atmung aus und schnappte einmal kräftig nach Luft.
      „Geh lieber deinen Freund suchen, als dir den nächstbesten zu greifen“, fauchte sie. Ihr Brustkorb bebte und ihn ihren Augen brannte neben Verzweiflung und Unbeholfenheit, auch Wut. Vriska grinste bloß, flüsterte etwas in sein Ohr, wodurch seine Augen noch größer wurden. Dann schluckte er einmal und nahm ihre Arme vorsichtig von seinen Schultern.
      “Keine Sorge Lina”, lachte sie freundlich und setzt sich auf den leeren Stuhl neben Enya. Trymr lag wieder auf seiner Decke, den Welpen anvisiert. Dieser hatte die Ankömmlinge nicht einmal bemerkt.
      “Ich habe eine lustigere Idee”, sagte Vriska und lächelte noch mal zu Lina, die noch immer nicht ganz zufrieden mit der Situation war. Aber in den Augen der beiden Mädchen wurde es entspannter, als gäbe es keinen Grund zur Sorgen. Was ihre Aktion jedoch sollte, konnte ich nicht nachvollziehen, besonders im Anblick der Umstände.
      “Ach ja?”, fragte Enya interessiert und lehnte sich zu ihr hinüber, um mehr auf ihrem Bildschirm erkennenzukönnen. Doch ihre Neugier wurde schnell gestillt. Vriska schob den Kartenhaufen vorsichtig zur Seite, damit die Reihenfolge beibehalten werden konnte. Dann legte sie ihr Handy offen auf die Tischplatte mit einem geöffneten Chat. In dem Augenblick kam auch Erik wieder, als hätte er es gerochen.
      „Genau im richtigen Moment“, scherzte Vriska und zog ihm zu sich herunter. Dieser musterte nur kurz den Chat.
      „Muss das wirklich sein?“, tadelte er mit gerümpfter Nase und blickte verräterisch zu Niklas, der nur kurz mit den Schultern zuckte, „du bist betrunken, geh lieber mit mir ins Bett.“
      „Ist doch lustig. Ich möchte endlich wissen, wer sie genauso glücklich macht wie du“, verteidigte Lina Vriskas Idee und nahm das Gerät. Beim Lesen der Nachrichten zeichnete sich eine aussagekräftige Mimik auf ihrem Gesicht ab. Immer wieder öffnete sie geschockt den Mund, lachte dann und hielt sich zwischendrin die Hand an die Nase. Auch Niklas, der zuvor in Verteidigung im Stuhl verweilte, schielte auf das Handy, schloss die Augen langsam und schüttelte den Kopf.
      “Also, ich bin das nicht”, fügte er noch hinzu und holte ebenfalls sein Handy heraus, als würde es Lina beweisen wollen. Diese winkte nur ab.
      “Aber du weißt, wer es ist”, protestierte Vriska. Er nickte.
      “Du kennst ihn gut genug, um dir keine Sorgen machen zu müssen”, musterte Niklas sie erneut, ohne den Blick von Erik abzuwenden, der noch immer verärgert seine Hand an Vriskas Rücken hatte und schließlich ihr Genick hielt.
      “Ich habe eine Vermutung”, legte Lina das Handy zurück in Mitte. Ihr Gesicht grinste vergnügt und noch mehr, als Erik eine Braue nach oben zog. Niklas schüttelte dabei noch intensiver den Kopf.
      “Sag’ es nicht”, flüsterte er kaum hörbar in ihr Ohr. Dann begann lautes Gelächter.
      “Du musst dir wirklich keine Sorgen machen”, untermalte Lina die Aussage ihres Freundes. Noch verwirrter sah Vriska sich um. Auch ich bekam eine Vermutung, ohne dabei genauer zu verstehen, worum es überhaupt ging. Enya erfreute sich an der Unterhaltung, aber wirkte genauso stutzig.
      “Engelchen, können wir nun bitte ins Bett? Mir ist das hier unangenehm”, versuchte Erik sie erneut zu überzeugen, nicht noch weiter aus dem Nähkästchen zu plaudern. Verständlich, mir würde es auch gegen den Strich gehen, wenn offenbar herrschende Missverständnisse vor versammelter Mannschaft aufgeführt werden. Anstelle sich der Bitte zu beugen, rief sie diverse Namen aus dem Gedächtnis ab, um Licht in den Nebel der Unbekanntheit zu bringen. Im Wechsel verneinten Niklas und Lina diese, was auch mich immer mehr auf den richtigen Pfad brachte.
      Erst nach einer geschlagenen halben Stunde beruhigte sich Vriska und widmete sich mehr ihrem Freund, der mit geröteten Wangen am Tisch saß. Seine Hände umspielten nervös die lockeren Strähnen ihres Zopfes. Dass ihr vermeintlicher Liebhaber gar keiner war, konnte sie sich wohl nicht vorstellen. Wir hatten stattdessen wieder die Karten zur Hand genommen und setzten die Runde fort, die ich mit großem Abstand gewann. Niklas fluchte, aber erfreute sich ebenfalls an meinem Erfolg.
      “Vielleicht solltet ihr auch hier schlafen”, wachte Vriska vom Schoß ihres Freundes auf, vollkommen benommen und mit Faltenabdrücken im Gesicht. Müde wischte sie sich Strähnen aus dem Gesicht und hangelte sich an der Schulter Eriks nach oben. Auf seinen Lippen lag ein zufriedenes Lächeln, kein Wunder. Wir alle waren froh darüber, dass sie endlich verstummt war. Nicht, dass ein grundlegendes Problem bei ihr vorlag, viel mehr, war ihre unbedachte und verletzte Art Dinge zu besprechen, die uns zum Mittäter machten. Zumindest fühlte es sich so an.
      “Das wäre toll”, gähnte Enya und sah zu mir, worauf ich ebenfalls nickte. Ein Blick auf die Uhr verriet, dass die Zeiger zu weit vorgeschritten waren, um den entfernten Ort anzufahren. So konnte ich auch mit Lego noch einmal arbeiten.
      “Dann gehe ich mal das Bett beziehen”, torkelte Vriska los und verschwand aus der Tür, wieder verfolgt von dem Riesen.
      “Darf ich auch bleiben?”, tuschelte Niklas, worauf Linas Augen aufleuchteten. Seine Hand lag auf ihrem Bein, massierte sie langsam.
      “Natürlich”, flüsterte sie und drückte ihre Lippen auf seine. Aus der kurzen Berührung wurde ein leidenschaftlicher Kuss. Im Hinblick auf die halb leere Weinflasche, die sich Lina und Enya teilten, wurde ich mir ihrer Offenheit bewusster. Auch ich bekam verführerische Blicke, die ich nur zu gern erwiderte. In der Luft lag eine elektrische Magie, die vermutlich noch mehr von den beiden Turteltauben neben uns ausging. Ich wollte mir nicht vorstellen, wie unangenehm es für Erik gerade sein würde und noch viel mehr, wenn es ins Zimmer hinüberging. Es fühlte sich an, als wären wir alle Protagonisten eines Teenager Film, mit jungen Leuten, die frisch ihre Sexualität entdeckten.
      Zur Erlösung kam auch Vriska wieder, die schwarze Kapuze über den Kopf gezogen und ihr Gesicht müde. Ihre Arme lagen eng am Körper.
      “Das Bett ist bezogen, eins weiter von unserem”, teilte sie emotionslos mit und musterte die beiden neben uns, die noch immer ihre Finger aneinander hatten. Sie rollte mit den Augen.
      “Wehe”, fauchte Vriska, ergriff Eriks Arm und zog vom Stuhl. Erwartungsvoll blickte er sie an, aber wurde stattdessen nur weiter durch den Raum gezerrt. Die Tiere folgten den beiden, auch wenn der Welpe nur ungern vom Schoß herunterwollte.

      © Mohikanerin, Wolfszeit // 34.983 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Anfang Oktober 2020}
    • Mohikanerin
      Military A zu L | 14. April 2022

      WHC’ Shakoy // Binomialsats

      Im gleißendem Licht der Mittagssonne lief ich, mit zwei Stricken bewaffnet zu den Weiden am Rande des Hofes. Dort standen unsere Berittpferde, auch die beiden Kandidaten, die heute das erste Mal die große Außenstrecke kennenlernen sollten. Shakoy richtete sich auf, drehte neugierig die Ohren und kam zum Tor gelaufen. Bino hingegen verkroch sich in der letzten Ecke, schien nur wenig beeindruckt von meiner Präsenz. Ihn holte ich zuerst, dann folgte der Fuchs. In beiden Händen jeweils ein Pferd ging es zurück auf den Hof. Die eigentliche Besitzerin des hübschen Braunen hatte sich gegen den Ritt auf der Außenstrecke ausgesprochen, weshalb einer der anderen Bereiter mich begleiten würde.
      “Könnte spaßig werden heute”, scherzte ich und übergab ihm den Braunen, der mit garstigen Blick zur Seite schnappte.
      “Ach, ich kenne das doch schon”, nickte er und befestigte die beiden Stricke an der Seite des Halfters. In letzter Zeit saß er öfter auf dem Hengst, korrigierte das hektische Verhalten vor dem Sprung und setzte sich dafür ein, auch das Dressurtalent etwas mehr als Nötig zu schulen. Damit hatten wir bereits den Schritt geschafft, dass Bino zuverlässig am Schenkel lief. Er achtete mehr auf die Hilfen seines Reiters, aber dachte ebenso viel darüber nach, ob es nicht einen einfacheren Weg geben könnte. Shakoy war ein Schatz dagegen. Der Fuchs zeigte sich motiviert in jeder Situation, nur die bunten Fahnen auf einem Turnier machten ihn skeptisch. Immer häufiger luden wir beide Tiere in den Transporter und zeigten ihnen die Atmosphäre auf dem Turnier. Sogar eine Schleife konnte der langbeinige Fuchs ergattern, die triumphierend an einer Schnur vor seiner Box hing.
      Nach dem Putzen sattelten wir die Pferde, legten Beinschutz und Vorzeug an. Ich nahm mir vorsichtshalber auch eine Schutzweste mit. Oliver, unser Bereiter, bevorzugte sich frei auf dem Pferd bewegen zu können. Seine Sache. Vor dem Stall begann der alltägliche Kampf auf den Rücken des Braunen zu kommen. Egal, wie behaglich wir daran arbeiteten, er wollte nicht stehen. Stattdessen riss er seinen Kopf hoch, als wüsste er bereits, dass er die Gerte abbekommen würde – Natürlich bestraften wir die Tiere nicht. Was das kleine Wesen mit ihm tat, konnte ich mir ausmalen, aber wollte es nicht wahrhaben.
      Im Schritt wärmten wir die Pferde auf, entlang des Sandwegs. Mehrmals fragten wir simple Seitengänge ab und ritten die eine oder andere Volte. Unter Oliver wirkte Bino ausgeglichen, für seine Verhältnisse ruhig. Deshalb hatte ich ihn ausgewählt. Er strahlte auch von sich Ruhe aus, mit einer Menge Selbstbewusstsein, ohne überheblich zu sein. Ich war dankbar für seine Mitarbeit am Hof. Nach dem sandigen Weg folgte eine viel befahrene Straße, die wir erst einmal überqueren mussten, bevor kilometerweite Stille vor uns lag und auch die Außenstrecke erste Hindernisse zeigte.
      Locker galoppierten wir hintereinander her. Mit Shakoy hatte ich mich hinter Bino eingeordnet, damit das Vollblut das Tempo vorgeben konnte. Der Fuchs hatte viel Ausdauer, aber an Geschwindigkeit haperte es. Bino vor ihm zog gut an, was auch Shakoy motivierte. Ein Hindernis nach dem anderen absolvierten wir. Jedes Pferd für sich hatte seine Stärken und Schwächen, die wir kannten und nutzten. Bino für seinen Teil wurde vor jedem Sprung schneller, das Oliver mit einer Reihe von halben Paraden ausbremste. Shakoy war das Gegenteil. Schon wenn das Hindernis auftauchte, wurden die Schritte kürzer und mit gutem Zureden musste man ihn ermutigen, etwas mehr Tempo einzulegen. Dennoch sprangen beide Pferde mutig über die befestigten Hindernisse. Zwischendurch parierten wir in den Schritt durch und ließen sie am Wassergraben trinken. An einigen Stellen ließen wir Sprünge aus, die vor allem noch zu Hoch oder zu Weit für den aktuellen Trainingsstand waren, doch im Großen und Ganzen stellte sich die Runde in der Mittagssonne als gelungen heraus.

      © Mohikanerin // 3910 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Frühling 2020}
    • Mohikanerin
      [​IMG]

      kapitel sechston | 28. April 2022

      Binomialsats / Maxou / Otra / Lubumbashi / Satz des Pythagoras / St. Pauli’s Amnesia / WHC' Humanoid Crashtest / Alfred‘s Nobelpreis /
      HMJ Divine / Ready for Life / Einheitssprache / Legolas


      Vriska
      Du schaffst das, schrie die Stimme in meinem Kopf während die Worte kaum hör meinen Mund verließen. Die Hände krampften fest am Waschbeckenrand und meine Augen musterten das verschlafene Ebenbild im Glas. Entdeckten dabei kleine Spritzer von Zähneputzen auf der sonst makellosen Oberfläche, die meinen Puls hochfahren ließen innerhalb weniger Sekunden. Noch bevor diese Kleinigkeit nachhaltig meine Stimmung beeinflusste, schlich mir der so kleine Welpe um die Beine. Einiges an seinem Körper mutete bereits nach einem Hund an, während die Pfoten weiterhin wie Clownsschuhe wirkten. Die letzten Wochen forderten mich zum äußersten, was nicht nur das Training mit Eskil lag, sondern vielmehr der Tatsache geschuldet war, dass ich mit Lina mehr teilte, als unsere neue Hütte. Wir sprachen es nie aus, aber jeder für sich fühlte den Schmerz der Trennung. Niklas setzte kaum noch ein Fuß auf unserem Hof, was sie am Abend verstummen ließ. Ich kannte mittlerweile den Grund dafür, aber behielt Stillschweigen darüber, dass er viel mit seinem neuen Hengst trainierte. Dieser brachte tagtäglich andere Probleme mit sich. So stand er beispielsweise vor einigen Tagen allein in der Halle herum, hatte sich offenbar aus der Box befreit und kleinen Spaziergang über den Hof gemacht. Glücklicherweise waren die Tore verschlossen. So wollte sich niemand ausmalen, was hätte passieren können. Und Erik? Er hatte viel zu tun mit seinem Studium und Fredna zeigte sich noch trotziger, was ich keine Minute aushielt. Also blieb uns nur das abendliche Telefonat. Mit meiner Stute hingegen ging es voran, auch wenn mich noch immer Angst trieb, mich auf sie zu setzen. Hatte ich mir vorgenommen, es heute zu versuchen? Ja, aber würde ich es wagen? Ich wusste es nicht. Also doch, ich wusste es. Bereits bei der Wahl einer Schabracke platzte mir der Kopf. Schwitzig rutschten meine Hände vom Waschbeckenrand ab, ein Zeichen mehr, dass ich endlich zum Stall gehen sollte. Bei einem Blick zur Uhr, die im Flur hing über der Kommode, die Lina liebevoll dekoriert hatte mit ihren Habseligkeiten, vibrierte es noch stärker in meiner Brust.
      Meine Füße setzten sich wie von selbst in mein Zimmer, das noch immer vollgestellt mit den Umzugskartons war, als hätten wir erst gestern die alles hinübergebracht. Nur war dem natürlich nicht so. Das einzig sortierte im Raum war mein Laptop auf dem kleinen Beitisch. Hektisch durchsuchte ich die Kartons, ein Kleidungsstück nach dem anderen landete auf dem Fußboden, bis ich schließlich meinen Lieblingspullover überzog und die graue Thermoreithose. Plötzlich schlug der Hund an. Neugierig streckte ich meinen Kopf durch die Tür und blickte in ein schockiertes Gesicht, das ebenso meins hätte sein können in dem Moment.
      “Du bist wach?”, strauchelte Lina, eher überrascht als bedauert. Abermals wanderten meine Augen zur Uhr. Es war kurz nach elf Uhr, also konnte ich es sogar nachvollziehen. Vor vier traf man mich in letzter Zeit nicht an.
      “Seltsamerweise ja”, nickte ich und prüfte mein Handy. Es gab heute einen Termin, der vermutlich dazu beitrug, dass ich den ersehnten Energieschub bekam, der so lang verschlossen in meinem Inneren lag.
      “Wie kommt’s, hast du dich entschieden wieder unter den Normalsterblichen zu Wandel?”, erkundigte sie sich interessiert.
      “Erik kommt nachher, aber ich wollte es dir nicht früher sagen, weil”, ich stoppte, um ihren Gesichtsausdruck näher unter die Lupe zu nehmen, der aber unverändert blieb, “ich hatte Angst dich damit zu verletzten. Und ich habe meinen Pulli gefunden.” Mit meinen Fingern fummelte ich den unteren Saum zurecht. Ich konnte nicht genau sagen, was es war, doch bisher lief es ziemlich gut, außerdem musste ich nicht zum Training nach Kalmar fahren, weil Eskil seinen Hintern hier herbewegt.
      “Würdest du dein Chaos da mehr unter Kontrolle haben, müsstest du auch nicht suchen”, belehrte sie mich halbherzig, wohl wissend, dass diese Kritik ohnehin nichts verändern wird.
      Wie ein Irrlicht im Nebel schien für den Bruchteil einer Sekunde eine Gefühlsregung in ihren Augen zu flackern, die so schnell wieder verschwand, wie sie gekommen war: “Und Danke für deine Rücksicht, aber ich komm schon klar. Schön, dass Erik kommt.”
      “Wir bleiben aber nicht, also keine Sorge”, lachte ich, um die unangenehme Spannung im Raum zu lösen, die sich eher meinerseits aufgebaut hatte. Aber deutlich interessierter, war ich nun auch an ihrem Erscheinen, denn all die anderen Tage hatte sie nicht einmal versucht, an meine Tür zu klopfen, stattdessen bekam ich das Gefühl, dass sie sich immer mehr in das Hofgeschehen selbst einordnete und den Anschluss fand.
      “Und offenbar wolltest du etwas von mir?”, hakte ich mit gespitzten Lippen nach.
      “Jap, der neue Einsteller ist da”, sprach sie und ein freudiger Ausdruck trat auf ihr Gesicht.
      “Ich hatte am Board gelesen, dass eine neue Stute kommt. Dann hast du die beiden schon gesehen?”, auch in mir kam ein Funkeln auf, schließlich waren neue Pferde immer toll.
      “Nicht nur gesehen, ich habe gerade auch schon mit ihm gesprochen”, grinste sie. Ungewöhnlich, dachte ich. In der Regel gehörte Lina nicht zu den kontaktfreudigen Menschen, die neuen Leuten als Erstes entgegentraten.
      “Ihm? Oh, jetzt wird es interessant. Sieht er gut aus? Dann muss ich mich wohl doch etwas lebendiger zeigen”, entschied ich deutlich entschlossener und verschwand direkt wieder im Badezimmer. Sie folgte mir, beobachtete, wie ich im Handumdrehen meine Schminke auftrug, damit die Augenringe bestmöglich versteckte und schließlich noch den Lidstrich aufzog. Meine Augenbrauen waren bereits vorhin schon gemacht worden.
      “Ja, also hässlich ist er nicht”, sprach sie, “und seine Stute ist auch ziemlich schick.”
      „Dass ich das noch erleben darf. Hübsche Menschen auf dem Gestüt“, kam es lüstern über meine Lippen, als wären alle anderen nicht von Gott gesegnet. Selbst bei dem Gedanken konnte ich nur leicht den Kopf schütteln. Schließlich hatte ich ganz andere Sorgen, doch nun war es Zeit den Herren mit eigenen Augen zu sehen. Ich legte dem Hund sein Geschirr an, schnappte mir die erstbeste Jacke und verließ mit Lina die Hütte. Unverändert lag eine dichte Schneedecke über Schweden, die jeden noch so kleinen Ast unter sich vergrub und augenscheinlich für immer behielt. Natürlich würde spätestens im Frühjahr wieder erwachen, doch bis dahin würde noch einiges an Zeit ins Land ziehen. Mit meinen Augen hielt ich bereits Ausschau nach unserem neuen Freund, entdeckte bis auf Jonina allerdings niemanden. Sie beachtete uns nicht einmal, sondern drehte mit Otra ihre Runden auf der Ovalbahn. Vermutlich sah sie uns nicht, zumindest hoffte ich, dass sie irgendwann zu verstand kommen würde und niedriger die Nase hielt.
      „Also wo ist er?“, versuchte ich mehr Informationen aus Lina zu quetschen, als nur noch wenige Meter vor uns lagen zum Stallgebäude. Auf den Paddocks zu den Boxen beobachteten uns bereits Ivy und Smoothie. Auch Lubi hatte wohl meine Stimme vernommen und wieherte einmal. Höflich winkte ich ihr zu, was im Nachhinein betrachtet, ziemlich dumm war. Aber das Pferd nickte, als hätte sie meine Geste verstanden.
      “Eben war er dabei, sein Zeug in die Sattelkammer zu räumen. Ich nehme an, das wird sich nicht groß geändert haben”, gab Lina nicht mehr Informationen als notwendig, um die Frage zu beantworten.
      „Verstehe“, musterte ich sie intensiv und trat durch das große Tor in die Stallgasse ein. Uns dicht folgte der junge Hund, der so gut wie nie von meiner Seite weichte.
      Als gäbe es einen Anlass zum Feiern, standen dort Harlen und Tyrell. In ihren Gesichtern breitete sich ebenfalls Erstaunen aus, wie zuvor bei Lina.
      „Dass man dich noch mal antrifft“, scherzte mein Bruder, der umgehend einen Schlag an der Schulter kassierte.
      „Ist ja nicht so, als hättest du dich auch blicken lassen können“, rollte ich mit den Augen, aber lief umgehend weiter zur Sattelkammer. Hinter mir tuschelte es, was mich nicht weiter beeindruckte. Ich wollte endlich wissen, was hier so unglaublich geheim war, dass man es nicht aussprach.
      “Vriskaaa, jetzt sei mal nicht so, dein Bruder erfreut sich doch nur deiner Anwesenheit”, brachte Lina ihr Unverständnis hervor, “geh lieber nachsehen.” Sie tippelte, wie ein Kind dem man eine Überraschung versprach neben mir her, als könne sie es kaum Abwarten, meine Reaktion zu sehen. Skeptisch warf ich noch mal einen Blick zu hinüber, bis das Knarren der Dielen unter unseren Füßen ertönte und im nächsten Moment vor der Tür verharrte. In der Sattelkammer klang hektisches Rascheln, Schritte und ich öffnete die wieder Augen. Bevor überhaupt ein Wort über Lippen huschte, musste ich erst einmal tief Luft holen. Damit hatte ich wirklich nicht gerechnet, konnte aber nachvollziehen, warum sie so ein Geheimnis daraus gemacht hatte. Nicht nur, dass er urplötzlich verschwunden war, betraf es vermutlich auch der Tatsache, dass es zwischen uns sehr schnell, sehr unangenehm geworden war. Eigentlich totaler Blödsinn, wenn ich vom aktuellen Standpunkt zurücksah.
      „Du? Was? Warum?“, stammelte ich verwirrt, bekam anstelle einer Antwort eine Umarmung. Auf seinen Lippen lag ein vertrautes Lächeln. War damit alles gut? Unsicher huschten wieder meine Augen zu Lina, die ein wenig, wie ein Schulkind wirkte, das gerade die beste Freundin mit dem Schwarm verkuppelte. Plötzlich schluckte ich. War er? Konnte das sein? Bestimmt nicht, das wäre unmöglich.
      In meinem Kopf kam die Verarbeitung all dieser neuen Informationen verzögert an. Und müde war ich zusätzlich auch noch. Nur eine Frage konnte ich stellen, die so sehr auf den Lippen brannte, wie Kaffee, den ich zu schnell trank. Aber diese musste erst einmal warten.
      „Majvi hat von dir erzählt. Also bist du mit Erik zusammen?“, kam Ju mir mit seiner Frage zu vor. Eigentlich hätte ich mir denken können, dass dies nicht unbeantwortet bleiben konnte.
      „Ja“, schoss es wie eine Patronenhülse aus meinem Mund, obwohl es sie schwerer wurde den Kontakt aufrecht zuhalten. Etwas in mir zögerte bei jedem Anruf, aber ich machte weiter, wie immer, um so etwas wie Alltag zu verspüren.
      „Freut mich“, lächelte er weiterhin zuvorkommend und sortierte währenddessen Dinge aus einer riesigen Tragetasche in den Schrank. Es zeigte sich, dass offenbar jeder mit einem Pferd unglaublich viel Krimskrams besaß und ich kein Einzelfall war. Etwas unschlüssig, was der nächste Schritt sein würde, stand ich mit Lina an der Tür herum. Jeder seiner Handgriffe wurde von uns genaust gemustert, bis Ju sich uns zuwandte.
      “Nun möchte ich das sagenumwobene Pony sehen”, sprach er mit spöttischem Unterton.
      “Spar dir den Spott. Du wirst schon sehen, wie gut die beiden zusammenpassen”, wand Lina sogleich ein.
      „Ist das so?“, verwundert drehte ich mich zu ihr. Bisher fühlte sich Maxou eher wie ein unwilliges Berittpferd an, dass genauso schnell die Lust verlor an der Arbeit. Sie war empfindlich, reagierte auf jede Veränderung mit Ignoranz und zeigte sich ebenso ungeduldig an der Doppellonge wie auch im freien Laufen, eine reine Beschäftigungstherapie als ernsthaftes Training.
      “Ja”, kam die Antwort wie aus der Pistole geschossen, “ihr müsst nur noch richtig zusammenfinden, dann wird das schon.”
      „Hattest du auch so Schwierigkeiten mit Ivy?“, lag es mir schon seit Langem auf der Zunge. Beinah befreiend fühlte es sich an, als es endlich ausgesprochen war. Ich hatte keine Ahnung, zumindest vermittelte man das mir jeden Tag aufs Neue und dann eine Gurke zu kaufen? Wohl nicht die klügste Idee.
      “Das kommt auf die Betrachtungsweise an, würde ich sagen. Aufgrund seines Zustandes und ich vermute, sein junges Alter spielt da auch mit rein, war seine Aufmerksamkeitsspanne, genauer gesagt ist sie noch heute manchmal, extrem kurz und die Ungeduld war gerade zu Anfang auch problematisch. Aber wir haben unseren Weg gefunden damit umzugehen, das hat nur ein wenig Geduld erfordert”, berichte sie bereitwillig über ihren Hengst.
      “Ich hatte ihn gar nicht in so einem schlechten Zustand in Erinnerung”, versuchte ich die Bilder aus dem April wieder vor das innere Auge zu bringen, die ziemlich verschwommen aufblitzten und mich nichts erkennen ließ. Sosehr ich mit zu gekniffenen Lidern mich dazu zwang, Altes wieder hochzuholen, verblieben abgefragte Bilder im tiefen Wasser.
      “Dann muss ich deinem Gedächtnis wohl ein wenig auf die Sprünge helfen”, entgegnete sie, kramte ihr Handy hervor und tippte ein paar Mal gezielt darauf herum, bevor sie mir den Bildschirm zudrehte. Auch Ju warf einen neugierigen Blick auf das Gerät. Außer in der Farbe bestanden nur wenig Ähnlichkeiten, die eindeutig darauf wiesen, dass es sich um das gleiche Pferd handeln sollte. Der Schädel Divines wirkte auf dem dünnen Hals gigantisch, identisch galt auch für die kräftig gebauten Beine, die einen Körper trugen, der maximal die Hälfte der Masse hatte, wie jetzt. Kaum zu glauben, dass das Plüschmonster dieses Tier, mit den wenigen Fusseln, auf dem Foto sein sollte.
      “Oh nein”, zoomte ich noch einmal genauer an das Tier heran, “hast du wirklich gut hinbekommen, den Kleinen. Willst du vielleicht die Gurke haben?”
      “Danke, aber nein. Ich glaube sowohl dein Freund als auch das Pony selbst hätte ein Problem damit”, schmunzelte sie nur.
      “Ach, der ist doch nie da”, konnte ich es mir nicht verkneifen, mich eher selbst mit der Tatsache herunterzuziehen als Außenstehende, “und die mag mich nicht mal, also alles gut.”
      Aufgeregt kam auch Welpi wieder herein, begrüßte Ju mit einer intensiven Geruchsabnahme, ehe der Hund wieder umdrehte und verschwand. Den Schritten zu folgen, kamen noch andere Leute, wodurch auch wir drei zur Box der Ponystute liefen, die nur wenige Schritte von dem Eingang der Sattelkammer lag.
      “Also sie schenkt dir meistens mehr Aufmerksamkeit als Redo mir manchmal. Das ist doch schon mal was”, scherzte Lina und streckte Maxou, die den Kopf über die Boxentür erhob, die Hand mit einem Leckerli hin. Mit abgeklappten Ohren schnappte sie danach und schon war es verschlungen, als würde sie nie etwas bekommen. Leises Brummen ertönte aus der Nachbarbox, aus der auch Lubi die kleine Versammlung musterte. Unentschlossen, welches Tier ich meine Aufmerksamkeit widmete, stand ich zwischen beiden Fronten, wendete den Kopf von einer Stute zur anderen.
      „Dann zeig doch mal was“, schien Ju für meinen Geschmack zu fordernd die Wortwahl zu treffen. Ganz ruhig Vriska, redete ich abermals auf mein Gewissen ein, das rasend den Motor in der Brust antrieb und damit das Blut in den Adern scheuchte.
      „Da gibt es nichts zu zeigen“, zitterte meine Stimme, „ich setze mich nicht rauf.“
      “Entspann dich, Vriska”, sprach Lina und legte mir die Hand auf die Schulter, “du musst doch nicht reiten, wenn du nicht willst. Vor allem nicht so, du machst Maxi sonst ganz nervös.”
      „Mehr oder weniger hatte ich mehr Elan erwartet, wenn man sich ein Pferd kauft“, mischte auch Mann sich wieder ein, reichte dem Tier ebenfalls ein Leckerli. Zack, das Krokodil hatte die Nahrung im Handumdrehen verschlungen.
      „Erwartung erfülle ich eher selten“, lachte ich.
      “Man hätte auch erwartet, dass man sich als erstes Tier nicht freiwillig einen Pflegefall ans Bein bindet und siehe nur, sie tat es trotzdem”, zuckte Lina nur mit den Schultern, stimmte schließlich auch in das Gelächter ein. Von dem ursprünglichen schlechten Zustand war mittlerweile nicht mehr viel übrig. Die Hufe sind geschnitten und vorn beschlagen, die Genickbeule in Behandlung und der Pilz schon besser. Vor der Box hing ihr Halfter, das ich, ohne groß nachzudenken griff und umlegte. Sie giftete auch mich an, worauf ich nicht ein ging. Maxou unternahm bisher keinen Versuch, mich zu verletzen. So schienen die angelegten Ohren eher ein an erlerntes Verhalten zu sein, um die Menschen von sich fernzuhalten. Ich band die Stute in der Putzbucht an und nahm zuallererst ihre Decke vom Rücken. Das schmutzige Ding landete direkt über eine Halterung und dann verschwand in der Sattelkammer, um ihre Putztasche zu holen. Unter den strengen Augen meiner Mitstreiter strich nur einige Male über das saubere Fell und säuberte ihre Beine, die übersät von Matsch waren.
      „Na, warst du heute mal draußen?“, flüsterte ich dem Tier liebevoll zu. Interessiert stellte sie ihre Ohren auf und senkte den Kopf. Ihre Lippe fummelte an meiner Kapuze herum, als gäbe es dort etwas Leckeres zu entdecken. Eine Antwort bekam ich natürlich nicht.
      In der Sattelkammer stand allerdings vor der Frage, ob ich es nicht zumindest versuchen sollte. Vorbereitet war ich auf alles. In der letzten Woche kam ihr Semi-Cavesson an und die Schabracken bereits vor Wochen. Nur über den Sattel war ich unsicher. Intensiv musterte ich mein Modell, das ich ursprünglich für Glymur gekauft hatte. Die Gelpolster sollten sich an kleinste Unebenheiten anpassen und die Länge könnte ebenfalls gleich sein. Bevor der Gedanke überhaupt verarbeitet war, nahm ich den Schoner ab und trug ihn herunter, über die Schulter hatte ich den Zaum. An meinem Ohr klimperte das Metall aufeinander, während die Finger nervös an den Polstern zuckte. Meine Schritte versuchte ich auch über das Leder hinwegzusehen. Heute zu stolpern, wäre ein Reinfall.
      „Nimmt jemand nun doch die Herausforderung an?“, scherzte Ju. Tatsächlich überkam mir ein Schub an Energie durch Linas gutes Zureden, zumindest was meine Motivation des Reitens betraf. Das führte mir auch die Möglichkeit vor Auge, dass ich jederzeit absteigen konnte, sollte die Stimmung nicht passen.
      „Ja“, sagte ich mit geschwellter Brust.
      Maxou musterte zunächst den Sattel, zuckte einmal als ich Schabracke auflegte. Mit jeder Bewegung ging vorsichtig vor, als wäre die Stute eins der verrückten Jungpferde, obwohl das Attribut auch auf sie passte.
      Hoch motiviert verlor ich die anderen beiden aus den Augen, aber vernahm, dass sich auch mein Bruder und Tyrell zu ihnen gestellt hatten. Leise tönten ihre Stimmen im Echo der hohen Decke durch die Halle, als ich mit Maxou erste Übungen zum Warm werden wiederholte. Wie immer begann ich mit dem Übertreten, um den heutigen Aufwand ihrer Flexibilität zu prüfen. Sie war steif, wenn auch fleißig. Mit jedem Schritt, den sie tiefer zum Schwerpunkt setzte, lobte ich Maxou. Gefallen wollte sie, möglich vorausdenken, ohne dabei hektisch zu werden, eine schöne Eigenschaft für ein Tier, aber für mich äußerst schwierig im Training. Mit jeder Lektion forderte sie neues Wissen, als wäre ich ein Lexikon, dass ihr die Welt erklärte. Aber wie sollte ich jemanden eine Welt erklären, die ich nicht einmal verstand.
      Die Stimmung des Pferdes änderte sich. Aus der Mitarbeit wurde Gegenarbeit. Einen Schritt ihr zu erklären, entlockte die entgegensetzte Wirkung. Verhalf ich der Stute, sich mehr zu tragen, kippte sie noch stärker auf die Vorderhand. Ungezügelt schlug sie mit dem Schweif um sich und versuchte dabei in verkürzten Tritten, Raum zwischen uns zu schaffen. Ich gab ihr diesen. Aus der Ferne betrachtete ich, wie sie abwesend durch den Sand trat, weder mir noch den Zuschauern an der Bande ihre Aufmerksamkeit schenkte. Deutlich interessanter wirkte die Bodenbeschaffenheit, die sie intensiv mit den Nüstern abfuhr und schließlich wieder bei mir landete. Verzückt drehten sich die Ohren. Ihren Kopf hielt sie erhoben, als wäre sie ein Erdmännchen auf einem Hügel. Bei den zuckenden Bewegungen wackelte die kleine Palme, die Maxou weiterhin von mir bekam. Niedlich war sie schon.
      Mit einer Hand griff ich nach den, über ihren Hals hängenden, Zügel, um sie herauszuführen. So weit kam ich allerdings nicht. Das Gespräch am Rand der Bande verstummte und noch bevor ich überhaupt das Schiebetor erreichte, wurde ich aufgehalten.
      “Möchtest du es nicht mal probieren, dein Pony zu reiten?”, erklang Linas Stimme, in der ein klitzekleiner Hauch von Enttäuschung mitschwang.
      „Bin ich nicht deutlich zu schwer?“, hegte ich weigere Zweifel an der Idee.
      „Vriska. Ernsthaft? Du wiegst vermutlich weniger als der Sattel“, lachte mein Bruder herzlich und bekam umgehend ein Schulterklopfen von Tyrell, der vermutlich Ähnliches dazu beitragen verspürte. Innerlich änderte das allerdings nichts.
      “Solang du nicht vorhaben solltest Stunden zu reiten, sollte Maxou das Schaffen”, wand nun auch meine Kollegin zuversichtlich ein.
      „Ihr wollt doch nur sehen, wie ich in Sand lande“, rollte ich abfällig mit Augen. Maxou folgte mir weiter zur Aufstiegshilfe, die mit einem Handgriff aus der Bande geklappt. Das Tier musterte das seltsame Holz, das plötzlich neben ihr war. Aufgeregt prusteten die Nüstern Luft heraus, was im Echo der Reithalle noch lauter klang, als neben ihr zu stehen. In der Zeit zog in den Sattelgurt um zwei Löcher fester, dabei stellte sich heraus, dass ich für sie eindeutig einen kürzeren brauchte. Nur noch ein Loch an den Strupfen standen zur Verfügung auf beiden Seiten. Egal, wie sehr ich an jeglichen Riemen am Sattel fummelte und zog, die Stute hatte nur Augen für die Aufstiegshilfe. Wie ein Vogelstrauß regte sie ihren Hals zu ihr und begann zu quietschen, wenn sie es berührte. Seltsames Tier. Tatsächlich gab, dass mir die Möglichkeit aufzusteigen, auch wenn ich lieber die rückenschonende Methode verwendet hatte.
      Im Sattel, eher thronend als sitzend, atmete ich tief durch und tätschelte liebevoll ihren feuchten Hals. Mein Blick lag fest zwischen ihren Ohren, um abschätzen zu können, ob Maxou das böse Brett noch angreifen würde oder im nächsten Moment zur Seite sprang. Nichts dergleichen geschah, als ich sanft die Waden ans Pferd legte. Ihre Ohren drehten sich aufmerksam in meine Richtung und schon setzte sie mit weiten Schritten durch den Sand. Vollkommen Pony untypisch spürte ich jedes Abfußen der Hufe mit einer langen Wischbewegung durch den Sattel. Vor mir wedelte die Palme weiterhin. Nach einer Runde auf der ganzen Bahn, wendete ich wieder zur Mittellinie ab, hatte dabei nicht einmal die Zügel aufgenommen, hielt an und stieg wieder ab. Maxou drehte ihren Kopf zu mir, als wolle sie fragen, was los sei. Wieder tätschelte ich den Hals und flüsterte ihr Lob ins Ohr. Auch ein Leckerli verschlang der Strauß sofort.
      „So, ich saß darauf“, sagte ich zur Truppe am Rand.
      “Siehst du, dein Pony ist ganz brav”, grinste Lina offensichtlich zufriedengestellt, “aber das nächste Mal würde ich gerne mehr als eine Runde sehen.”
      „Nur gut, dass ich keine Aufstiegshilfe bin“, lachte ich. Maxou war abermals daran stehen geblieben, um das Brett zu inspizieren, als hätte sich ihr Zustand verändert. Dieses Mal wurde sie aufdringlicher, stupste mit dem Maul kräftig dagegen, immer wieder und wieder, bis das Holz schließlich sich löste und in den Ausgangszustand zurücksprang. Das Pony erschrak, sprang einige Tritte zur Seite, aber kehrte ohne großen Umweg wieder zu mir. Ihren Kopf legte sie auf meiner Schulter ab, als hätte sie einen großen Dienst an der Gesellschaft verrichtet. Sanft strich ich über ihr Maul.
      „Mausi, du kannst in der Box schlafen“, flüsterte ich mit schielendem Blick zu ihr. Sie hatte die Augen geschlossen und genoss offenbar die kleine Massage an den Nüstern.
      „Ist das immer noch das Pony, welches sich nicht mag?“, scherzte sie kleine Brünette entzückt, „Ihr zwei schaut so niedlich aus.“
      Bevor irgendwer entschloss diese Situation auf irgendeiner Art und Weise zu dokumentieren, zog ich einmal leicht am Zügel, um das Pony vorwärtszukommen. Sie atmete genervt aus, aber folgte mir.
      „Ich glaube, dass sie verstanden hat, dass man sich mit mir verstehen muss, um ein einfaches Leben zu haben“, zuckte ich währenddessen mit den Schultern. Mein Bruder begann zu lachen, so sehr, dass er sich verschluckte und Ju ihm den Rücken klopfte. Männer. Wieder rollte ich mit den Augen. Mir fiel es noch immer schwer, all diesen kleinen Moment zu schätzen, wenn jemand fehlte.
      Hinter dem Tor begrüßte mich mit dem höchsten Einsatz des ganzen Körpers Hundi, der zwar bisher noch Fred genannt wurde, aber aufgrund Eriks Tochter, dringend einen anderen Namen benötigte. Maxou giftete den Hund einmal an, als er auch um ihre Beine herum sprang.
      „Die meint das nicht so“, beruhigte ich ihn. Flüchtend hatte er sich an meine andere Seite gesellt, als müsste ich ein schützendes Schild bilden zu dem Ungeheuer. In der Stallgasse kamen wir zur Ruhe. Unsere Zuschauer hatten sich verflüchtigt.
      “Vriska warte”, stoppte mich Ju, als ich gerade eine andere Decke holen wollte.
      “Was los?”, wandte ich mich ihm zu. Nur für einen Atemzug hielten meine Augen an seinem Gesicht fest. Ich blieb nicht unbemerkt. Ein zartes Lächeln huschte über seine Lippen, während er versuchte, andere Punkte im Raum anzuvisieren. Wir kannten uns kaum, gar nicht, aber ich spürte noch immer die fadendünne Verbindung zwischen uns. Oder war es nur Einbildung?
      „Es tut mir leid“, platzte es mir heraus.
      „Was?“, fragte er mit gerümpfter Nase.
      „Das“, konnte ich nur stammeln, „dass ich dich verletzt habe.“
      Ju lachte.
      Nun war ich verwundert. Ging es nicht darum?
      „Du machst dir aber auch viele Gedanken.“
      „Ja. Nein. Du warst doch plötzlich wie vom Erdboden verschluckt und hast nicht geantwortet“, deutlich empörter, als ich wollte, purzelten die Worte aus meinem Mund.
      “Und du willst mir jetzt sagen, dass das mit dir zu tun hatte?”, seine Hand strich mir eine lockere Strähne aus dem Gesicht. Leicht spürte ich eine Kälte, die von ihm ausging, auf der Wange. Gänsehaut durchzog sich von oben nach unten.
      “Was soll ich sonst denken?”, hauchte ich mit kratziger Kehle. Mir wurde klar, weshalb ich mich all die Tage in der Hütte verschanzt hatte. Jede noch so kleine Berührung eines anderen brachte das Blut in Wallungen, nichts, außer der soziale Entzug konnte sich dem entgegenstellen. Selbst jetzt, in einer noch gewöhnlichen Situation, fand ich keinen klaren Gedanken.
      “Deshalb wollte ich mit dir sprechen”, nahm er endlich die Hand von meiner Wange weg, „ich war mit Amy bei Stockholm. Wir haben an höheren Sprüngen geübt, weil mir das Vertrauen an der Höhe fehlte. Außerdem zieht sie auf dem Platz mehr an als im Gelände, deswegen bin ich auch hier. Turniere bleiben zwar auf der Tagesordnung, aber nicht unter dem Zwang des Teams.”
      Erleichterung kam über mich. Die zittrigen Hände beruhigten sich und kontrollierte meine Atmung wieder. Zunehmend ergab es Sinn, aber ich wusste trotzdem nicht, mit seinem plötzlichen Erscheinen umzugehen.
      “Aber das hättest du doch sagen können”, jammerte ich.
      “Das stimmt, aber ich wusste nicht, was Niklas sagt. Schließlich … du kennst ihn. Er ist eine sehr einnehmende Persönlichkeit”, grinste er weiter.
      “Schon. Aber hier kannst du doch auch nicht springen?”
      “Tyrell meinte, dass in der Halle öfter mal gesprungen wird, ebenso fliege ich morgen Richtung Spanien zum letzten Turnier”, hängte er das Halfter zurück, dass die ganze Zeit in seiner anderen Hand war.
      “Die Arme muss andauernd von A nach B”, schmollte ich, “wann bist du wieder da?”

      Einige Stunden später

      Eskil
      Im Schnee versunken blitzten die dunklen Dächer unter der weißen Decke bereits aus der Ferne auf. Nur noch wenige Meter fehlten zur Einfahrt, dann knirschte der Schotter unter den Reifen meines Autos. Entlang der Baustelle stellte ich es ab und setzte die Füße durch den Schnee. Mit einem Atemzug kitzelte jede Nuance in der Nase. Lieblich vernahm ich die Gerüche der Pferde, die Feuchtigkeit des morschen Holzes aus dem Wald und Öl der Maschinen. All das zeichnete den Moment.
      “Hej”, wedelte Harlen vom Eingang der Reithalle zu mir mit seiner Hand.
      “Lang nicht gesehen”, grinste ich. Wüsste ich nicht, dass er meine Nachrichten ignorierte, hätte ich mich mehr über diese Begegnung gefreut.
      „Stimmt“, nickte er, „Du trainierst mit meiner Schwester, sagt man sich?“
      „Das ist richtig.“
      „Sie wartet schon mit Lina auf dich“, erklärte er. Zusammen liefen wir den langen und äußersten hellen Gang neben der Reithalle entlang. Überall her ertönte Hufschlag und zwischendurch hörte man auch Pferde schnauben, sowie leise Kaugeräusche. So heimisch ich auch versuchte mich zu fühlen, raubte mir die kleine Stalltour den Atem. Es fühlte sich genauso unangenehm an, wie die Fragen meines Vaters vor Jahren, wann ich als richtiger Mann endlich eine Freundin vorstellen würde. Er wusste, dass vom anderen Ufer war, aber tat es bis heute als eine Phase ab. Seitdem mied ich nicht nur Unterhaltung jeder Art, sondern auch den Kontakt.
      “Möchtest du etwas zum Trinken? Einen Kaffee?”, fragte Harlen, als ich schwieg.
      “Ja, gern”, lächelte ich, um weitere Unannehmlichkeiten zu überspielen. Es funktionierte besser als ich dachte, denn sein ernster Gesichtsausdruck lockerte sich wieder und er verschwand die Treppe hinauf zu einem der schwarzen Häuschen in diesem riesigen Gebäude. Obwohl Vriska schon einiges erzählt hatte und ich Jonina mehrmalig hier absetzte, konnte ich mir nicht ausmalen, wie gigantisch das Gebäude von innen war. Mein Blick folgte ihm, bis er im Türrahmen verschwand und ich wie angewurzelt an der Bande stand. Dann bemerktem mich die beiden Mädels.
      “Da bist du endlich”, warf sich Vriska wagemutig um meinen Hals. Ungewöhnlich fest drückte sie sich an mich. Es schien ihr eine Ehre zu sein, mich auf dem Gestüt willkommen zu heißen. Aber gleichermaßen fühlte es sich an, wie das, was Jonina und ich seit Jahren hatten und woran der Zahn der Zeit nagte. Leise schnaufte ich.
      “Wer von euch beiden hat geputzt?”, musterte ich Lubi in der Putzgasse. Ihre Beine waren am Kronenrand noch voll mit Matsch, da wollte ich mir nicht vorstellen, wie schmutzig es unter den Bandagen sein könnte.
      “Der Jemand, der sein Pferd eigentlich immer nur zu zwanzig Prozent putzt”, entgegnet die kleine Brünette und schien damit die Schuld von sich zu weisen.
      “Was heißt hier immer”, echauffierte sich Vriska umgehend und verschränkte die Arme. Lubi öffnete aus dem Halbschlaf die Augen, bekam dabei beinah die Hände ab, hätte ich die Blonde nicht vom Pferd weggezogen.
      “Es sind mindestens siebzig”, fügte sie noch hinzu.
      “Naja, Zahlen sind ja nicht so meine Freunde, aber siebzig sind es sicher, nur wenn man die eindeutig sichtbaren Bereiche nimmt”, entgegnete Lina vorwitzig.
      „Also, wenn wir bedenken, dass ihr Kopf ungefähr so lang ist wie ihr Schulter und“, dann stoppte ich Vriska in ihrem Redefluss.
      „Es reicht, wir wissen alle, dass du zumindest in dem Punkt klüger bist als wir.“
      Nickend nahm die Tatsache hin und holte aus dem Putzkasten noch mal eine Bürste, um die zumindest noch freien Stellen vom verbleibenden Staub zu entfernen. Im seichten Licht der indirekten Leuchten schwebten die Partikel durch die Luft und schienen uns ein Ballettstück aufzuführen. Bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, wurde mir mein Kaffee gereicht, der genauso ein Kunststück aufführte.
      „Danke“, sagte ich grinsend und wärmte mir die Hände. Es war kälter als ich dachte.
      Schließlich hatte Vriska ausreichend das Pferd geputzt und führte sie auf den Platz in der Halle. Ich setzte mich zusammen mit Lina an den Rand, um zuallererst das Aufwärmen zu beobachten.
      “Wie kommt es eigentlich, dass du heute hier bist und Vriska nicht wie sonst mit Lubi rüberfährt?”, fragte sie interessiert und versuchte so ein Gespräch zu starten.
      “Erik hatte mich darum gebeten, weil die beiden heute noch irgendwo hinfahren und es sehr spät werden würde. So genau drückte er sich nicht aus, aber es macht mir auch keine Umstände und meine Schwester ist ebenfalls froh”, erklärte ich ihr und nippte an der Kaffeetasse. Die warme, bittere Flüssigkeit hatte an Temperatur verloren, wodurch es trinkbar wurde. Im Augenwinkel behielt ich Lubi, die gehorsam wie immer im Schritt lief.
      “Stimmt ja, die beiden wollten ja noch weg”, wiederholte sie die Information mehr für sich selbst, “aber cool, dann habe ich mal die exklusive Gelegenheit, mitzuerleben, wovon Vriska immer erzählt.”
      „Könnte aber etwas grob werden. Du kennst sie ja, immer schwierig.“
      Beim Vorbeireiten vernahm sie die Worte, wollte gerade ansetzen sich zu beschweren, aber mit einem einfachen Handzeichen, sorgte ich für Ruhe. Mich beeindruckte ihre übertriebene kindliche Art nicht, zu viel Zeit verbrachte ich mit meiner Schwester am Telefon, die aus wirklich jeder Mücke einen Elefanten zu pflegen schien.
      “Was du nicht sagst, wo Vriska ist, ist ein Hauch von Dramatik auch nicht weit”, lachte die Brünette, “aber dann wird es hier immerhin nicht so schnell langweilig.” Ein leichter Windzug brachten etwas von der kalten Luft in das Gebäude, woraufhin Lina den Reißverschluss ihrer Jacke ein Stück höher zog und im gleichen Zug den Schal hineinstopfte.
      „Willst du meine Jacke?“, sagte ich, drauf und dran den Windbreaker über den Kopf zu ziehen.
      “Äh, und du erfrierst dann nicht?”, beäugte sie mich argwöhnisch, schlug das Angebot aber auch nicht ab. Im Handumdrehen hatte ich den wärmenden Stoff von mir entfernt und ihr gestülpt. Tatsächlich fror ich schon, aber würde jederzeit bei Vriska mit laufen können und dann genügend Wärme verspüren.
      Wir unterhielten uns eine Weile über Linas Hengst, der sogar beim erlauschen seines Namens sich meldete. Zumindest sagte sie dies, als eins der Pferde ertönte. Eine geballte Welle an Wissen traf mich. Sie kannte ihr Pferd und beinah seine vollständige Lebensgeschichte. Hätte ich mir ausmalen können, dass Divine derartig Vieles erlebt hatte, wären meine Fragen andere gewesen. Doch schien es nun, als kannte ich die Rasse Freiberger in allen Facetten. Umso spannender wurde es, als sie von Redo und Rambi, ihren anderen Errungenschaften, erzählte. Die Worte weise gewählt, ohne dabei überschwänglich oder überheblich zu klingen. Bei ihr fühlte man sich weniger schlecht, wenn man etwas nicht wusste. Ich hegte eine Sympathie für die Brünette, konnte zu gleichen Teilen spüren, was Niklas an ihr fand. Natürlich verlor ich immer mehr den Blick für Vriska, die allerdings auf dem Reitplatz ein solch herrliches Bild auf der größten Stute zeigte, dass es mich mit Wehmut überkam, sie nicht in Stockholm begrüßen zu dürfen.
      „Und das ist dein Werk?“, kam Harlen von der Seite dazu, mit einem dampfenden Tee in der Hand, einem, dem Geruch zufolge, Früchtetee.
      „Nicht alles“, grinste ich ergeben und setzte mich dabei etwas gerade hin, auch meine Arme, die ich zuvor noch verschränkt vor meinem Oberkörper hielt, fielen locker auf meine Schenkel.
      „Aber war das gut? Ich sehe sie öfter mit dem Pferd auf dem Platz, aber dieses hüpfen kannte ich nicht.“
      Zugleich lachten Lina und ich. Besagtes Hüpfen war eine hohe Kunst in der Kontrolle und Einheit mit dem Tier – Einer-Wechsel.
      „Du hast überhaupt keine Ahnung, oder?“, fragte lieber noch einmal nach, um den Fettnäpfchen auszuweichen.
      „So würde ich das nicht sagen. Beispielsweise ist mir bekannt, dass Lubi ein Dressurpferd darstellt und sehr weit ausgebildet ist. Vorrangig aus dem Vergleich zu Tyrells Tieren, die im Vergleich sehr schwerfällig wirken und ein Rennpferd ist sie auch nicht. Ach, und das andere von meiner Schwester ist ein Pony, ein wilder Mix“, drehte er sich zu uns und präsentierte mit hektischen Gesten sein Wissen. Immerhin, das Notwendigste schien ihm bekannt.
      „Darauf kann man doch aufbauen und wenn man deine Schwester so anschaut, könnte aus dir sicher auch ein Traummann“, da musste ich schlucken, ehe ich weiter sprach: „Ich meinte, natürlich traumhafter Reiter werden.“
      “Sicher, dass du nur das meintest, das eine schließt das andere nicht aus”, lachte Lina.
      „Lina“, sagte ich flüsternd und empört zu ihr, stieß ihr vorsichtig mit dem Ellenbogen in die Seite.
      “Okay, hab verstanden, sensibles Thema. Bin schon still”, entgegnete sie friedfertig.
      „Ein anderes Mal“, gab ich ihr nickend zu verstehen. Besagter Herr bekam davon nur wenig mit, zu sehr hing er an seiner Schwester, die noch am lockeren Zügel einige Übergänge im Trab abfragte.
      „Also, wann setzt du dich mal auf ein Pferd?“, hakte ich gespannt nach.
      „Schätzungsweise“, Harlen schaute auf seine Finger, bewegte einen nach dem anderen, „gar nicht.“
      Sprache wirkungsvoll einzusetzen, lag der Familie offenbar im Blut.
      “Wenn du glaubst, du könntest auf einem Pferdehof leben, ohne jemals auf einem gesessen zu haben, irrst du dich. Das hat mein Bruder nämlich auch immer behauptet ”, entgegnete Lina amüsiert.
      „Oh, cool, ist er auch Geschäftsführer? Das wäre ein grandioser Zufall! Wo hat er studiert?“, das Leuchten trat in seine hellen Augen und eine Wucht an Fragen traf auf Lina, die überfordert von der Euphorie wirkte.
      “Ich fürchte, da muss ich dich enttäuschen. Jyrki arbeitet im Kommunikationsmanagement beim finnischen Reitsportverband und studiert hat er in Helsinki”, beantwortete sie seine Fragen dennoch.
      „Ah, aber immer noch mit Pferden unterwegs. Ich staune, dass deine Schwester nichts erzählt hatte, wo sie so schwärmte von dir und deinem Hengst“, sprach Harlen ohne den Blick von ihr zu lösen.
      „Vriska, das reicht doch langsam“, unterbrach ich das Gespräch, als ich die Kleine bemerkte, die erneut das verschwitzte Pferd angaloppierte. Sofort parierte sie durch, aber schielte verärgert zu mir. Linas Blick wendete sich kurz zu der Sandfläche, bevor sie das Gespräch nahtlos fortsetzte: “Ja, Juli ist manchmal ein wenig verplant und wie sie ihre Prioritäten setzt, ist nicht immer ganz nachvollziehbar, nicht mal für mich. Aber was ihr bei unserem Bruder fehlt, ist, denke ich, das eigene Pferd.”
      „Wir hätten da sicher etwas“, schaute sich Harlen um, als würde er das passende Pferd suchen – Ohne den Herren zu kennen, noch eins der Tiere.
      „Harlen, hör auf. Ich glaube nicht, dass Linas Bruder ein Rennpferd sucht“, mischte nun auch Vriska ein, die eine Volte vor uns drehte.
      „Wer hat die denn heute kaputt gemacht?“, lachte ihr Bruder und tat abermals ihrer Aussage als unnötig ab. Mehr konnte auch nicht dazu beitragen, so verschwand sie so schnell, wie sie kam.
      „Ich schätze, dass es an mir liegt, aber ich kann damit umgehen. Morgen kommt sie ohnehin wieder an, wenn was ist“, zuckte ich mit den Schultern, mit dem Gedanken, dass Vriska immer sehr launisch war. Der Fakt, dass sie ihren Freund laut eigenen Erzählungen kaum noch gesehen hatte, und auch an seiner Treue zweifelte, verstärkten das alles noch.
      Ich seufzte. Die Mädels machten es sich aber auch nicht leicht bei ihrer Partnerwahl. Meine Augen huschten unbewusst zu Harlen, aber als sich die Blicke trafen, wand ich mich wieder zu Lina. Ihrem Gesichtsausdruck zu urteilen, war ihr dies nicht entgangen, ließ es aber freundlicherweise unkommentiert und schwenkte zurück auf das ursprüngliche Gespräch.
      “Ich muss deiner Schwester wohl zustimmen, ein Rennpferd sucht er sicher nicht und bedauerlicherweise sucht er aktuell gar kein Pferd. Ich habe es schon oft genug versucht, jedes Mal hat er einen neuen Grund, warum es gerade nicht passt ”, sprach sie schulterzuckend.
      “Dann hat er aber nicht viel gemeinsam”, stellte ich mit Bedauern fest.
      “Ja, das war schon immer so, was sieben Jahre Altersunterschied halt so ausmachen”, sagte sich nahezu gleichgültig, als käme ihrem Bruder ohnehin keine große Bedeutung zu. Im Inneren verspürte ich ein kratziges Gefühl. Schleichend, aber fest entschlossen umklammerte es die Organe, strich auf dem Weg nach oben die Kehle entlang, um mir den Atem abzuschnüren. Mit leicht zittrigen Fingern malte ich mein Tattoo am Unterarm nach, verspürte, dass wieder Sauerstoff meine Lungen spülte. Ich wollte keinesfalls unsägliche Gefühle ihrerseits auslösen, doch trat immer wieder in Fettnäpfchen.
      “Bleibst du noch, oder musst du gleich los?”, holte mich Harlen vollständig aus der Trance heraus.
      “Ich weiß nicht”, stammelte ich und sah fragend zu Lina, als wüsste sie eine Antwort darauf.
      “Ich würde dir ja gerne weiterhelfen, aber ich kenne deine Tagesplanung nicht”, entschuldigte sie sich, “aber vielleicht siehst du mal in deinem Handy nach.”
      “Zeit ist nicht das Problem”, flüsterte ich und schluckte, um endlich das Kratzen zu verlieren, vergeblich.
      “Verstehe”, wisperte sie und nickte, “ich habe noch ein wenig Zeit, also bleib ruhig noch.” Ein herzensguter Ausdruck lag in ihren Augen, als sie ermutigend lächelte. Der Klumpen löste sich endlich. Durch den Mund nahm ich einen kräftigen Atemzug.
      > Jag tycker att han är bra, men jag vet att han har något på gång med min syster. Båda håller tyst om det, men hon är en dålig lögnare.
      “Ich finde ihn gut, aber ich weiß, dass er was mit meiner Schwester hat”, ich seufzte und blickte in die großen Augen meiner Gegenüber, “Die Beiden verschweigen es, aber sie ist eine schlechte Lügnerin.” Um weniger verletzt zu wirken, zuckte ich mit den Schultern. Eigentlich sprach ich ungern über das Thema, aber ich wusste nicht, wem ich es hätte sonst erzählen können. Lina fasste es gut auf, fummelte bei der Erzählung an ihren lockeren Strähnen herum, schwenkte den Blick immer wieder von Harlen zu mir.
      > Åh jag är ledsen. Men ge inte upp, jag har en känsla av att det fortfarande kan hända.
      “Oh, das tut mir leid”, brachte sie ihr Mitgefühl zum Ausdruck, bevor sie versuchte ein paar aufmunternde Worte zu finden, “aber gibt nicht auf, ich habe da so ein Gefühl, dass das noch werden kann.”
      > Tror du att jag är hans typ?
      „Denkst du, ich bin sein Typ?“, konnte ich nicht anders als zu fragen. Leider kam Vriska mit einem ernsten Blick dazu. Hatte sie unser Gespräch belauscht?
      Bevor mir weiter darüber nachdachte, stelle Harlen noch einmal seine Frage, dieses Mal mit mehr Nachhall, als hätten wir ihm nicht zugehört. Dem war natürlich nicht so, also stand ich auf, um ihn zu folgen. Lina kam uns auch nach, aber bog dann ab, um Vriska mit dem Pferd zu helfen. Ob sie Räuberleiter machten, um den Sattel abzunehmen? Allein die Vorstellung vergnügte mich.
      “Wollen wir nicht bei den Mädels bleiben?”, fragte ich Harlen, der gerade zur Treppe hinauf wollte.
      “Ich dachte, dass wir erst einmal kurz sprechen. Allein.”
      Willkommen zurück, kratzige und trockne Kehle, wie du mir gefehlt hattest.

      Vriska
      Nachdem Eskil ohne Verabschiedung verschwunden war, standen Lina und ich noch eine Weile in der Stallgasse. Harlen hatte Essen gemacht, was mir die Entscheidung für heute abnahm. Zunehmend wurde es ruhiger. Keiner sah dem anderen in die Augen, nur Tyrell erzählte fröhlich von den Pferden.
      „Möchtest du nicht heute mal Crash kennenlernen? Ich habe sie vor ein paar Tagen hochgeholt“, bot er mir eins der Nachwuchspferde an. Auf Crash war ich seitdem kennenlernen scharf. Die Stute strahlte Persönlichkeit aus, zog einem, nicht nur dem Aussehen geschuldet, in den Bann. Lina wirkte nicht so, als würde sie verstehen, um welches Pferd es ginge, aber das würde sie noch erfahren. Meinen Teller stellte ich auf der Spüle ab und stürmte den Flur entlang. Einen kurzen Augenblick dauerte es, bis ich Linas eilige Schritte wahrnahm, die mir zu folgen schienen.
      “Warte, ich will auch das Pferdchen sehen”, rief sie mir nach, ”das muss ja ziemlich spannend sein, bei deiner Reaktion.”
      Ich stoppte.
      Sie holte auf.
      „Du wirst schon sehen. Die Stute sieht nicht nur extrem gut aus, sondern läuft auch noch vorzüglich. Ihre Erziehung ist nur so, semi, aber sie ist auch erst fünf und war sehr lange auf der Weide, also darf sie das“, ich kam gar nicht aus dem Schwärmen heraus. Griff mir beim Vorbeilaufen nur Maxous Lammfellhalfter. Dieses stellte ich beim Laufen ein und schnappte immer wieder nach Luft, um nicht zu ersticken.
      „Und Tyrell hat immer gesagt, niemand darf an das Pferd ran. Deswegen“, ich stoppte.
      Der Clown stand am Zaun, blickte und beide mit ihren verträumten Augen an. Hatte ich schon erwähnt, dass ich so was wie verliebt war? Verkaufen wollte er sie nicht, aber irgendwann, das schwöre ich, werde ich mir das Pferd krallen!
      „Da, das“, zeigte ich Lina die graue Stute.
      „Wow, sie ist wunderschön, mit ihrer außergewöhnlichen Scheckung“, seufzte sie entzückt.
      „Sie hat sogar ein Herzchen am Widerrist.“
      Mit den Worten taucht ich durch Stromzaun und legte der Stute das Halfter um. Sie trug ihren Kopf hoch, den Hals leicht gewölbt. Das Fell war struppig, einige lockere Haare wirbelten durch die Luft, als ein kleiner Windzug kam. Ihre Mähne war auf der rechten Seite und ziemlich mitgenommen.
      „Ich glaube, da müssen wir gleich mit der Schere ran“, murmelte ich leise. Lina nickte zustimmend, obwohl es nicht einmal an sie gerichtet war. Doch auch ihr Blick wich dem Tier keine Sekunde aus. Sie öffnete uns das Tor. Nur in Schlangenlinien durchquerten wir es, wovon auch der Weg zur Halle geprägt war. Grummelnd begrüßte ein Pferdekopf nach dem anderen sie und besonders Ivys Boxenpartner, Lego, fand gefallen an der Stute. Aus dem Grummeln wurde ein Wiehern, bei dem auch Nobel mit einsetzte. Sie interessierte sich nur wenig für die Annäherungsversuche. Ihren Ohren drehten sich bei jedem Geräusch, aber bewegte nicht einmal ihren Kopf.
      “Ich glaube, Lego findet sie auch überaus toll”, grinste Lina, wollte den Hengst kurz über den hellen Kopf streicheln, doch dieser entzog sich ihr genervt, um sich wieder seinem Flirt zu widmen. Der Warmblüter wölbte seinen Hals imposant auf, brummelte und lief, sofern es der Platz in der Box erlaubte, vor uns auf und ab. Ich war mir nicht ganz sicher, ob die Verwunderung in Linas Gesicht von der Stute herrührte, die noch immer kein Interesse zeigte, oder vom Verhalten des Hengstes.
      „Vielleicht mag sie keiner Männer, wofür ich Verständnis hätte“, lachte ich und klopfte ihren Hals. Eine große Staubwolke schwebte über ihr, die zusammen mit einzelnen Haaren zu Boden ging.
      “Immerhin interessieren sich welche ernsthaft für sie”, nuschelte sie gedämpft, ”Ich habe selten so viel Einsatz von dem Herrn da gesehen.”
      „Ach Lina“, sah ich mit überzogenem Schmollmund zu ihr herüber, „Niklas wird schon demnächst vorbeikommen. Ich meine, lass doch nicht so mit dir umgehen. Erkläre ihm, dass du extra hergekommen bist für ihn und wenn ihr komplett ungestört sein wollt, dann gehe ich zu Harlen oder Tyrell.“
      Lina schien sich nur marginal für meine Hilfe zu interessieren, stattdessen versuchte sie erneut den Rapphengst zu streicheln, der wie ein Tiger am Gitter hin und her lief. Dann kann ich auch nicht helfen.
      Ich führte Crash noch die letzten Meter zur Putzbucht und befestigte langsam die beiden Stricke an der Seite des Halfters. Kritisch beäugte sie diese, schnappte einmal nach ihnen, aber stand ansonsten ruhig da. Das Putzen stellte kein Spektakel dar.
      „Das sagt sich immer so leicht, aber mal sehen“, bekam ich schließlich doch noch eine verhaltene Reaktion. Nachdem Legolas sogar das angebotene Leckerli verschmäht hatte, kam sie zu Putzplatz nach, stecke das getrocknete Obst stattdessen in Cash Schnauze, die es gierig verschlang.
      Sie schnappte sich dann auch eine Bürste, um das lockere Sommerfell zu entfernen. Der Wechsel war kaum erkennbar, wenn ich es mit dem Plüschbären im Nebenstall verglich. Sogar Ivy platzte aus allen Nähten. Aber was sollte schon an Fell nachgeschoben werden bei einem Mix aus Trakehner und Lusitano?
      Immer mit dem Blick auf mein Handy, für die Uhrzeit, sah ich mich im Stall um. Eigentlich sollte jeden Moment Erik eintreffen und einen richtigen Plan für die Stute lag auch nicht vor. Longieren konnte ich nicht, denn die Halle war voll und der Platz voll geschneit. Gerade als Lina einige Vorschläge machte, trat mein Wunsch in Erfüllung. Wie ein Propeller kreiste der Schwanz des Ungetüms, als es ungezügelt auf uns zu rannte. Crash hob erschrocken den Kopf und trat dabei einige Schritte zurück, so weit wie es die Schnüre ihr ermöglichten. Jaulend toste der Rüde um uns, wollte so gern an mir hochspringen und auch Lina ein Küsschen geben, doch seine gute Erziehung verbot es. Stattdessen saß Trymr vor uns, tippelte mit den Vorderpfoten auf dem Boden und der Schwanz wischte die losen grauen Haare der Stute von links nach rechts. Ich kniete mich zu ihm runter. Er drückte seine Schnauze in mein Gesicht, rieb sich an mir. Kalte Eiskristalle zerflossen an der Haut und das kleine Rinnsal verkroch sich in meinem hohen Kragen.
      “Das reicht”, flüsterte ich dem Hund zu, der immer mehr die Feuchtigkeit an mir verteilte. Stattdessen drehte er sich auf den Rücken und mit weiten, kreisenden Bewegungen kraulte ich seinen Bauch durch. So sehr, dass ich für einen Augenblick das große Ganze verlor.
      „Dann kann ich wohl wieder gehen“, sagte eine wohlbekannte Stimme zu mir und tippte mich an der Schulter an. Langsam hob ich meinen Blick.
      “Also, wenn du das so sagst. Klar, danke, dass du Trymr vorbeigebracht hast”, feixte ich, ohne die Hände vom Hundebauch zu lösen.
      “Freut mich, dann, Lina, dir auch noch einen schönen Tag”, grinste Erik zu ihr. Ich hatte ihr die Aufgabe überreicht, die Mähne ordentlich zu machen. Meine zitternden Hände hätten es vermutlich nur noch schlimmer gemacht. Auf der anderen Seite flocht sie die losen Strähnen zu einem niedlichen Zopf, die dem Hals der Stute noch mehr schmeichelten.
      “Ne, den Hund darfst du da lassen, aber deine Freundin, musst du mitnehmen, sonst verkriecht sich das Wesen der Nacht wieder in seiner Höhle”, protestierte sie, was bei dem amüsierten Lächeln, allerdings nicht allzu ernst zu nehmen war.
      “Warte?”, drehte er sich verwundert aus seinem provokanten Weggehen wieder zu uns um, “wo hat sie sich verkrochen?”
      Ich zog meine Brauen nach oben und signalisierte Lina mit einer Handbewegung in Höhe des Halses, dass sie nicht weiter sprechen sollte. Kurz blickte sie mich verwundert an, aber schien das Signal nicht ganz so deuten zu können. Deshalb schloss ich meine Augen, um die Standpauke mit Fassung zu tragen.
      “Naja, … Vriska hat sich die letzten Wochen nicht so häufig außerhalb ihres Zimmers blicken lassen”, erläuterte sie zögerlich.
      Ich wollte im Boden versinken. Erik wusste nicht davon und jedes Mal, wenn er mich nach meinem Arbeitstag fragte, dachte ich mir eine neue Geschichte aus. Es gab Dinge, die ihm wichtig waren, wozu leider ein geregelter Arbeitstag zählte und, dass ich nachts einige Pferde arbeitete, würde nichts daran ändern. Viel mehr galt sein Grundsatz, dass ich mich in jeder sozialen Interaktion mit einbringen sollte. Aber ich war nicht in der Stimmung dafür, nicht einmal heute.
      “Unglaublich, das kann nicht sein”, sagte er verärgert und trat, den Schritten zufolge, die mit jedem lauter wurden, näher an mich heran. Langsam öffnete ich die Augen. Mit verschränkten Armen stand er vor mir, sah mit seinem ernsten Blick zu mir herunter. Er seufzte, als ich nicht auf ihn reagierte und schüttelte dabei mit dem Kopf.
      “Fräulein, wieso?”, tadelte Erik.
      “Was, wieso?”, fauchte ich.
      „Ich denke, das reicht jetzt, steh auf, so kannst du nicht mitkommen“, rollte er mit den Augen und reichte mir die Hand. Natürlich kannte ich ihn mehr oder weniger ausreichend, dass ich aus seinen Augen den aktuellen Gemütszustand ablesen konnte. Er war sauer auf mich, versuchte es aber durch eine gewisse Höflichkeit zu überspielen. Außerdem schien er für den Tag mehr geplant zu haben und ich wollte mich nicht ihm streiten, also nahm ich das Angebot dankend an.
      “Du kennst du Regeln”, flüsterte er in mein Ohr.
      Ich nickte und zog mich aus dem Aufstehen an ihn heran.
      “Es tut mir leid, wie kann ich es wieder gut machen?”, funkelte ich mit verführerischem Blick zu ihm hoch. Sein Gesicht wandelte sich zu einem Grinsen, dass ebenfalls davon überzeugt war, das Angebot anzunehmen.
      “Später”, gab er mir einen Kuss auf die Stirn und nahm die Hand von meinem Rücken weg.
      Lina hatte sich wieder dem Pferd zugewandt. Mir lag auch für sie eine Entschuldigung auf der Zunge, aber es würde nichts nutzen. Aber ich schwieg.
      “Lina, willst du noch mit Crash was machen?”, fragte ich alibimäßig im Gedanken daran, dass die Halle ohnehin überfüllt war.
      “Ähm, ich denke, wir würden in der Halle nur stören, also nein”, ließ sie mich an ihrem Gedankengang teilhaben. Unsicher huschten ihre Augen zwischen ihm und mir Hin und Her. Es war wieder diese eine Sache.
      “Dann lass uns die Stute wegbringen”, lächelte ich und bewunderte das Werk, was vorrangig sie an dem Pferd verrichtet hatte.
      “Hast du eindeutig toll hinbekommen”, lobte ich Linas Arbeit auf dem Weg zum Paddock. Der kalte Wind kam wieder auf. Am Horizont verschwand die Sonne hinter den Kronen der Bäume und zauberte ein seichtes rotes Licht über den Hof, selbst der Schnee leuchtete fabelhaft. Augenblicklich verlor ich mich in der Märchenatmosphäre. Mich überkam eine unersichtliche Melancholie. Sie sehr ich mich woanders hin wünschte, vordergründig in eine andere Zeit, in der ich ehrlich im Gegenüber war, mich selbst kontrollieren konnte und keinen unnötigen Gedanken an unfassbare Menschen verlor. Niklas war einer davon. Immer wieder erwischte ich mich dabei, an ihn zu denken und mir vorzustellen, wie eine Beziehung mit ihm aussehe. Was ich anderes machen würde, an Linas Stelle, was unfair war.
      “Das meiste war doch schon vorher da, aber danke”, trat wieder diese eigenartig herabstufende Haltung bei ihr ein, wie es so häufig der Fall war, wenn es um ihre erbrachten Leistungen ging.
      “Ach, hör doch auf, dich immer schlechter zu machen, als du es bist”, seufzte ich, manchmal nervten mich solche Aussagen, besonders von Menschen, die mir etwas bedeuteten. Sie konnte es sich vermutlich nicht vorstellen, aber sie war nach langem wieder so etwas wie eine richtige Freundin, auch wenn ich, durch mein eigenes Verhalten, nicht über alles sprechen konnte.
      Sie nahm der Stute das Halfter auf dem Paddock ab. Crash hatte nichts anderes vor, also in den Unterstall zu laufen und dann Kopf in das Heu zu strecken zum Fressen. Für einen Augenblick standen wir am Zaun, aber der kalte Windzug machte es beinah unfähig länger, als eine Minute hier zu stehen. Selbst in Eskils Windbreaker zitterten ihre zarten Knie.
      “Man, du klingst schon wie Samu”, entgegnet sie augenrollend, “aber ich werde versuchen daran zu arbeiten. Könnten wir das allerdings irgendwo klären, wo ich nicht erfriere?” Hoffnungsvoll blickte sie den Weg, entlang den wir kamen, als wolle sie ihr Anliegen noch unterstreichen.
      „Dann scheint wohl etwas Wahres darin zu liegen“, sagte ich mit voller Übersetzung und setzte mich mit knirschenden Schritten in Bewegung. Noch bevor wir überhaupt am Rolltor zum Stall ankamen, fing uns Erik ab.
      „Wir gehen zur Hütte“, sprach dieser und zog mich zur Seite. Er wusste nicht einmal, wo diese lag, aber schien ein Ziel vor Augen zu haben. Verunsichert blickt mich Lina an, aber ich hatte genauso wenig Ahnung davon, was der Herr vorhatte. Bei jedem anderen hätte ich wohl äußerst schändliche Gedanken gehabt, aber was ihn betraf, war ich mir sicher, dass ich von anderen nichts mitbekommen würde. Ja, ich zweifelte weiter daran, dass es ihm mit mir ernst war, obwohl er es schon oft genug zu Beweis gestellt hatte, dass es Erik wichtig war, mit mir zusammen zu sein.
      Angekommen in der Hütte steuerten mich meine Beine automatisch zur Kaffeemaschine, während meine Finger gierig das Gerät einschalteten. Für Lina, die noch immer wie ein Eisblock auf der Couch kauerte, setzte ich einen Tee an.
      „Erik, möchtest du etwas zum Trinken?“, bot ich ihm an, was er allerdings verneinte. Stattdessen trocknete er die Hunde ab. Trymr war dem Junghund weiterhin skeptisch gegenüber und suchte lieber die Nähe zu mir, während der gefleckte an Lina hing.
      Kurze Zeit verschwand meine Mitbewohnerin in ihrem Zimmer und kehrte mit bequemerer Kleidung zurück. Nur ich stand noch in meiner dicken Reithose im Raum und wartete sehnsüchtig darauf, dass das Getränk eine angenehmere Temperatur bekam. Wie bestellt und nicht abgeholt, lehnte Erik an der Wand.
      „Setz dich bitte, du machst mich nervös“, ermahnte ich ihn.
      „Gut so, dann ziehst du vielleicht um“, schien er nur wenig Verständnis für mein Leid zu haben.
      „Ich weiß doch noch nicht mal, wo du mit mir hin willst, also scheine ich, alle Zeit der Welt zu haben“, wollte ich seine Anwesenheit nicht ganz so sehr akzeptieren, wie es ein Teil meiner Gedankenwelt verlangte.
      „Wir sind zu einem Geburtstag eingeladen“, erklärte Erik grob.
      „Ach ja? Welchen?“, kam mir seine Antwort zu allgemein vor.
      „Vater.“
      Ich musste schlucken. Ihn wiederzusehen, war einer meiner nächtlichen Gedanken, die mir den Schlaf raubten. Nur schwer konnte ich mir vorstellen, wie ich Vidar vor die Augen treten sollte. Zu sehr … nein, das wäre falsch. Ich konnte nicht einmal den Gedanken näher beleuchten, ohne eine Gänsehaut zu bekommen.
      “Dein Vater hat Geburtstag?”, schaltete Lina sich ziemlich irritiert in das Gespräch ein.
      „Offensichtlich scheint Niklas dich nicht eingeladen zu haben“, murmelte Erik mitleidig. Er wirkte enttäuscht über dieser Tatsache, noch deutlicher, als es in ihrer Stimme hauchte. Wie konnte ihr Kerl nur so abweisend sein? Abartig.
      „Können wir sie nicht mitnehmen, schließlich …“
      Erik ließ mich nicht einmal aussprechen, sagte stattdessen: „auf jeden Fall kommt sie mit. Wenn ich jetzt schon immer dahin fahre, obwohl ich vorher kaum integriert wurde, sollte Lina dort mehr als Willkommen sein.“
      “Ihr … ähm … Ihr müsst mich nicht aus Mitleid mitnehmen”, stammelte sie überfordert, “Ich möchte mich nicht aufdrängen.” Die Enttäuschung in ihrem Blick war unverhüllt, als sie uns wie ein scheues Reh anblickte.
      „Sag’ nicht so was. Du bist schließlich kein Hund. Also, zieh‘ dich hübsch an und los geht’s“, sprühte er nur so vor Tatendrang, wohingegen ich noch immer in dem Gedanken gefangen war, dass wir Vidars Geburtstag feierten. Seit mehr als einer Woche sprach er mit mir darüber, dass heute etwas Besonderes auf der Tagesordnung stand, doch wollte mir nie mehr mitteilen als „wirst schon noch merken“.
      „Babe, du auch“, zog er mich leichten Ruck am Arm aus meiner Position heraus. Da Lina in einem der Zimmer verschwand, ergab es sich, dass das andere nur meins sein konnte und dort führte er mich in meiner leichten Trance. Wir trafen auf mein Chaos, kein sortiertes, vielmehr standen wir vor den halb ausgepackten Kartons, über die einige getragene und ungetragene Kleidungsstücke thronten. Irgendwo lag auch sein Mantel.
      „Es reicht, wenn du keine Reitsachen anziehst“, erklärte Erik, als er einen leichten Überblick über die Unordnung hatte. Ich zog währenddessen meine Jacke aus, die ich noch immer anhatte.
      „Und nicht diesen Pullover“, musterte er mich als Nächstes. Es war nicht in meinem Sinne, dieses Kleidungsstück anzubehalten, dennoch interessierte mich, was genau sein Problem darstellte.
      „Wieso?“, fragte ich kurz und hob den schwarzen Stoff über meinen Kopf, dabei löste sich der Zopf und meine Haare fielen durcheinander über die Schultern, lose verblieben im Inneren hängen. Mit einem Schritt trat er an mich heran und schob in Zeitlupe eine Strähne zur Seite, die über meinen Augen hing. Seine Hände fühlten sich unglaublich warm an. Wohlwollend verteilte sich dieses Gefühl in meinem Körper, machte es mir unmöglich, dem verträumten Blick seiner Augen zu entweichen. Schon die kleinste Zärtlichkeit raubte mir den Atem, unglaublich, dass nach der vergangenen Zeit noch immer anfühlte wie beim ersten Treffen.
      “Bekomme ich eigentlich keine respektable Begrüßung?”, flüsterte er. Seine Augen schielten langsam zur Tür, die noch weit offen stand und seinen Plänen im Weg.
      “Ach, ich dachte, ich sollte mich umziehen? Und Lina ist bestimmt auch gleich so weit”, grinste ich überheblich und wollte gerade nach ihr fragen, als er die Tür schloss. Die Andere hielt mir den Mund zu und stemmte mich gegen jenes Holz. Am Rücken spürte ich die leichten Erhebungen der Ornamente und biss mir, nach einem Kuss lüsternen, auf die Lippe. Nur Millimeter trennten seine von meinen. Der warme Atem aus seiner Nase kitzelte die winzigen Haare in meinem Gesicht, verriet mir im Rhythmus, dass auch er vollkommen unter Strom stand.
      “Der ist neu, oder?”, lenkte ich vom Thema ab, fuhr mit immer wieder mit meinen Augen von seinem wohlgeformten Gesicht zu seinen Schuhen hinunter und hoch.
      “Wer?”, zog er vor Verwunderung die Brauen hoch,
      “Dein Anzug”, merkte ich an und legte die Hände an seiner schmalen Hüfte ab, um ihn etwas näher an mich heranzuziehen. Ich wollte mehr von seiner Verbundenheit spüren, die Wärme, die noch immer von ihm ausging. Doch kam eher nicht zu mir heran, sondern verharrte an Ort und Stelle.
      “Es überrascht mich, dass es dir auffällt”, merkte Erik mit einem leichten Lächeln an und blickte zu meinen Fingern, die weiterhin oberflächlich den Stoff umspielten. Immer wieder verhakten sich die Spitzen in den Gürtelschlaufen am Bund. Er hinderte mich daran, das eingesteckte Hemd herauszuziehen.
      “Mittlerweile kenne ich deine Auswahl und Rot hattest du bisher nie gezeigt, sehr gewagt.”
      Wirklich rot war der Stoff nicht, vielleicht minimal. Es könnte ein Weinrot sein, mit sehr viel dunkeln Fasern, dass man nur aus der Nähe die Rotpigmente erkannt. Im richtigen Winkel sah man, metallisches Glitzern hindurchblitzen.
      “Gefällt er dir nicht?”
      “Alles an dir sieht aus, aber noch besser, wenn du nichts trägst”, sprach ich leise, mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen. Aber Erik schien noch immer etwas zu verstecken.
      “Dann warte mal”, stoppte er, um näher an mein Ohr zu kommen, “darunter habe ich auch Neues.”
      Ich schluckte.
      “Vielleicht sollten wir langsam fertig werden, schließlich.” Für wohl eins der ersten Male fand ich keine Ausrede. Lina würde sich ohnehin vor dem Umziehen noch frisch machen und vielleicht sogar Schminke auftragen, denn es war ihr erster Besuch bei der Familie. Da musste man einen guten Eindruck hinterlassen, zumindest lief es so in ihrem Leben – das anständige, nette Mädchen vom Dorf.
      “Deine Augen sagen anderes”, schmunzelte er, strich mir abermals eine Strähne aus dem Gesicht, die sich hinter meinem Ohr gelöst hatte.
      “Was sagen sie denn?”, erkundigte ich mich.
      “Vieles, aber nicht, dass du gehen möchtest.”
      Eine gefühlte Ewigkeit verging, ehe er mich aus dem liebevollen Gefängnis entließ, weiterhin ungeküsst, als gäbe einen Schwur, den wir damit brechen würden. Aus einem der Kartons zog ich mein einziges Kleid heraus, das nicht wie ein Vorhang an mir herunter hing und mich noch dünner wirken ließ, als ich es ohnehin schon wohl. Am liebsten hätte ich mich ein Pullover übergezogen, um meine herausstechenden Knochen an der Schulter und Halspartie zu verstecken, doch Erik hielt mich von diesem Vorhaben ab. Mit seinen Fingerspitzen umspielte er mein Dekolleté.
      „Du siehst wunderschön aus, mein Engel“, flüsterte er und gab mir einen sanften Kuss auf den Hals. Danach folgten weitere. Zwischen all seiner Liebkosen entfachte sich weiter die Flamme in mir. Aus meinem raschen Atmen wurde ein Stöhnen und bevor Lina die Geräusche hätte hören können, neigte Erik seinen Kopf und erlöste mich mit einem leidenschaftlichen Kuss auf den Lippen. Meine kalten Finger huschten zum Bund seiner Hose, zogen das Hemd heraus und berührten die glühende Haut darunter. Er zuckte zusammen, stöhnte beinah schmerzerfüllt, aber löste sich nicht von mir. Lang fuhr ich an seinem Becken herum, um immer weiter zwischen Haut und Hose zu gelangen, aber dann klopfte es an der Tür. Sofort löste ich mich von ihm. Erik steckte in einer wahnsinnigen Geschwindigkeit das Hemd zurück in die Hose und richtete seinen Schritt. Dann öffnete ich die Tür.
      “Also meinetwegen können wir dann los”, verkündete sie. Ihr zarter Körper steckte in einem zartblauen, hochgeschlossen Pullover, kombiniert mit einem dunklen, in Falten gelegten Rock, der vorteilhaft ihre Figur umspielte. Eine Sache, die bei Lina natürlich nicht fehlen durfte, waren die kleinen geflochten Details in ihrer Frisur, die einen idealen Gegensatz zu dem schlichten Outfit bildeten.
      “Wow”, stieß Erik nur vor lauter Überwältigung heraus und bekam von mir den Ellenbogen in die Rippen. Nun stöhnte er vor Schmerz, verdient.
      “Aber ich muss ihm zu stimmen”, stammelte ich eingeschüchtert. Meine Finger fummelten an dem fallenden Stoff herum, der nicht ansatzweise so schön saß, wie an ihr. Ich sah an mir herunter, stellte fest, dass nichts dieses Outfit retten könnte. Von den Schultern abwärts begann mein Körper zu beben, als würde mich eine Lawine treffen. Es ging nicht darum, dass sie Konkurrenz darstellte, sondern viel mehr, dass ich ihr nicht das Wasser reichte. Alles an ihr leuchtete, strahlte eine gewaltige Macht aus.
      “Ich bleibe hier”, schwafelte ich verloren und versuchte mit meinen Händen den Reißverschluss am Rücken zu finden, vergeblich. Je länger die Finger nach dem Zipper fischten, umso verzweifeltere Geräusche gab ich von mir.
      “Engelchen”, sagte Erik zu mir und griff nach meinen Armen, um mich vom Rücken fernzuhalten, “es ist alles okay. Du siehst wunderschön aus. Verstehst du das? Niemand wird euch beide vergleichen, wenn das deine Sorge ist. Ich liebe dich, hörst du mich?”
      Tränen drangen aus meinen Augen heraus. Lina verschwand kurz aus dem Türrahmen und hielt eine Packung Taschentücher in den Händen als sie zurückkehrte.
      “Tut mit leid … ?”, sprach sie behutsam, reichte mir eines der Tücher, “Aber dein Mann hat recht, du siehst gut aus.”
      “Ich sehe aus, wie ein nasser Sack”, stotterte ich verhalten, aber wollte auch keine Diskussion anfangen. Komplimente nutzen ohnehin nichts, um meine Meinung zu ändern. Dankend nahm ich das Tuch entgegen und tupfte langsam unter meinen Augen, um die Schminke nicht noch weiter zu verwischen.

      © Mohikanerin, Wolfszeit // 65.017 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Ende Oktober 2020}
    • Mohikanerin
      Military L zu M | 26. Mai 2022

      WHC’ Shakoy // Binomialsats

      Ein letztes Training stand für die beiden Hengste an, die seit Monaten bei uns standen. Über tausend Ecken erfuhr ich, dass Bino wohl bald in besseren Händen war, zumindest hoffte ich dies. Jeder würde ihn schätzen, sofern es nicht das verzogene Kind war. Mittlerweile begrüßte er einem auf dem Paddock und kam interessiert zum Zaun gelaufen. Auch mit anderen Pferden vertrug er sich zunehmend besser.
      Mit einem Halfter bewaffnet, holte ich den Braunen von seinem Wohnort hinaus, um ihn im Stall fertig zu machen und hinaus, zur Geländestrecke zu reiten. Vor einigen Tagen bekam Bino seinen Winterbeschlag, so lag in dem rutschigen Unterfangen keine Gefahr mehr. Großen Schritten folgten gelassene Sprünge, als ich nach einer langen Aufwärmphase den Hengst zum ersten Mal angaloppierte. Wir umkreisten die Sprünge am Beginn der Strecke, bevor wir die Baumstämme nahmen. Er stellte seinen Schweif auf und kam hatte auch er das Hindernis bemerkt, zog er an. Nur mit Mühe konnte ich Bino in ein gemäßigtes Tempo zurückholen und damit die entsprechenden Galoppsprünge vor dem Abheben zählen. Die Beine hoben ab, dann landeten wir mit einem kurzen Rutschen, noch immer besser, als mit glattem Beschlag. Nach wie vor, zickte er und diskutierte, wenn er seinen Willen nicht bekam. Diesem gab ich nach, damit er nicht seine Lust und Motivation verlor. Eine Stunde später lenkten wir den Weg zum Hof zurück.
      Im langen Gang des Stalls hatte man mir bereits Shakoy vorbereitet, der auch in wenigen Tagen das Gestüt verlassen würde. Dem Bereiter drückte ich den Braunen in die Hand, um auf den Rücken des Fuchses zu steigen. Mit ihm legte ich dieselbe Strecke ein, aber konnte deutlich angenehmer mitschwingen. Seine Schritte waren federn und eher untypisch für ein Springpferd. Dennoch genoss ich jeden Augenblick mit ihm. Ich setzte Shakoy in den Galopp und startete die Ausdauerrunde mit ihm. Weniger motiviert, aber dafür entspannt, sprang der Fuchs ein Hindernis nach dem anderen und legte damit sogar eine bessere Zeit ein, als sein Kollege.

      © Mohikanerin // 2038 Zeichen
      zeitliche Einordnung {Herbst 2020}
    • Mohikanerin
      [​IMG]

      kapitel tjugotre | 12. Juli 2022

      Glimsy / Just a Bear / Anthrax Survivor LDS / Osvominae / Maxou / HMJ Divine / Legolas / Binominalsats / Satz des Pythagoras / Caja

      Vriska
      Mit dröhnendem Kopf öffnete ich die Augen. Nicht nur ein Hund lag auf meinen Beinen am Bettende, sondern auch ein kräftiger Arm auf der Brust. Nur schwammig erinnerte ich mich an die Nacht, was wohl weniger an den zwei leeren Weinflaschen neben dem Bett lag und diversen Bieren am Feuer, viel mehr, war es die Trance, in der mich befand. Vollkommen übermüdet huschten einzelne Bilder durch den Kopf, die von Lars über mir gebeugt, dominiert wurden. Sagen wir es: Wir mochten uns.
      Durch die nur halb zugezogenen Vorhänge, bemerkte ich das Chaos im Raum. Überall lagen unsere Kleidungsstücke und dazwischen sehr viele benutzte Kondome, die wir wohl sehr ungeschickt zum Müll schafften. In meinem Magen zog es sich beängstigend zusammen, denn so erinnerte ich mich wieder, dass irgendwann mein Karton aus dem Schrank leer war. Das erklärte zumindest das feuchte Bett. Vorsichtig hob Lars an, der müde den Kopf hob.
      „Wie spät ist es“, wisperte er heiser.
      „Kurz nach Elf“, stellte ich mit erschrecken fest. Leise brummte er und zog sich die Decke über den Kopf. Aber bei der Unordnung konnte ich mich nicht wieder umdrehen.
      „Wo willst du hin?“, jammerte er, als ich den ersten Fuß aus dem Bett setzte und direkt etwas Schleimiges zwischen den Zehen spürte. Das fehlte mir noch! Ich zuckte zurück und setzte ihn woanders ab.
      „Aufräumen“, erklärte ich und erhob mich. Lars verharrte unter Decke, aber meinetwegen konnte er noch weiterschlafen. In der Schublade des Schreibtisches waren Mülltüten. Leise riss ich eine ab und sammelte die Gummis auf. Dann sortiere ich noch unsere Kleidung und öffnete das Fenster. Mein Zimmer war zu einem Tiergehege mutiert.
      Zu meinem Entsetzten roch es hinter der Tür nicht besser. Ein säuerlicher Geruch kroch an meinem Schleimwänden hinauf und hielt sich fest wie ein Parasit. Erst nach weiteren Schritten ins Wohnzimmer erblickte ich das dortige Chaos. Auf dem Tisch standen unzählige leere Weinflaschen, Biere und sogar Schnaps. Lange musste die Truppe noch dort gesessen haben. Selbst Teller mit Essensresten begrüßten mich. Flink trugen mich meine Füße ins Badezimmer, wo ich mich Lars Shirt entledigte und unter die Dusche sprang. Ich versuchte geschehenes Revue passieren zu lassen, aber immer wieder schwebte Lars vor und entflammte damit selbiges Feuer vom Abend. Alles an ihm war perfekt, ohne auf jede seiner Einzelheiten einzugehen, denn ich wollte ihn nicht auf sein Aussehen reduzieren, obwohl es bei Gott kein Geheimnis war.
      Gerade als ich den Duschvorhang zog, öffnete sich die Badezimmertür. Nackt stand plötzlich Niklas im Rahmen und schluckte nervös, als auch sein Blick auf mich fiel. Mit dem feuchten Stoff bedeckte ich mir, nur er verharrte wie eingefroren.
      „Du hast ein neues Tattoo“, bemerkte ich, um die Situation erträglicher zu machen.
      „Ja“, murmelte er rau. Ihm schien jedoch alles egal und lief einfach weiter zum Porzellanthron. Für mich war die Sache klar. Gerade als ich den Vorhang wieder schließen wollte, verfingen sich die kleinen Rollen der Duschvorhanghalterungen und nichts bewegte sich mehr.
      „Das wird nichts, lass es einfach“, fühlte sich Niklas durch das Kratzen des Metalls gestört. Ich schwieg und nahm mir ein Handtuch zumindest. Warum musste das alles am ersten Feiertag so furchtbar beginnen?
      Während mir die Situation mit jedem Atemzug unangenehmer wurde und frischen Schweiß auf den Rücken trieb, kümmerte ihn das seltsame Aufeinandertreffen gar nicht, nein, viel mehr schien er den Raum gar nicht mehr verlassen zu wollen. Er stand entspannt am Waschbecken, das Wasser bereits ausgeschalten, und starrte mich erwartungsvoll an. Sein Blick auf den meinen gerichtet, der immer wieder über seine Brust und Arme wandert. Zögerlich klopfte mein Herz, während im Kopf Altes an die Oberfläche drang. Von einem auf den anderen Moment verspürte ich Verlangen nach ihm, das, was mich in der Gegenwart von Erik antrieb und nicht loskommen wollte. In der Therapie wurde das Gefühl als ‘normal’ betitelt, aber so fühlte es sich nicht an.
      “Warum bist du wieder da? Hättest du nicht bleiben können, wo du warst?”, Niklas Stimmenfarbe klang noch immer rau und nun verärgert.
      “Tatsächlich dachte ich, dass es dir angenehmer ist, mich wiederzusehen. Aber gut, ich suche mir was anderes”, gab ich umgehend nach. Ihn als Feind wollte ich nicht und umzuziehen könnte auch dabei helfen, ihm aus dem Weg zu gehen.
      “Du bist seltsam”, merkte er an und hielt mich auf, den Raum zu verlassen. Etwas wollte er klären, aber ich konnte mir nur schwer vorstellen, was. Eine Weile standen wir noch im Badezimmer herum, das durch die Fußbodenheizung eine angenehme Temperatur hatte. Zu meiner Dankbarkeit legte sich Niklas ein Handtuch um die Hüfte und setzte sich auf den Deckel der Toilette. Ohne große Umschweife erzählte ich ihm, was in der Heimat passierte, von meiner Wiederaufnahme der Therapie, dass ich entschied meine Tabletten zu nehmen und auch mehr auf mich zu achten. Geduldig hörte er zu und stellte seine Fragen erst in Sprechpausen.
      “Und mit Erik hast du alles geklärt?”, kam Niklas auf das einzig Schwierige zurück.
      “Ich weiß es nicht genau. Ehrlich gesagt, vermisse ich ihn sehr, aber er hat es sich selbst zuzuschreiben und ich warte auch nicht. Worauf auch? Dass er sich spontan dazu entscheidet, dass glückliche Familie spielen, doch ziemlich doof für ein Kind ist?”, erhob ich die Stimme, was den Hund aus dem Schlafzimmer an die Tagesordnung brachte. An der Holztür kratzte es sanft, aber ich schickte ihn wieder weg. Das Klappern der Krallen auf dem Holzboden verstummte wieder.
      “Von mir wirst du keinen Tipp bekommen, schließlich sagte ich von Anfang an, dass der nichts für dich ist”, zuckte Niklas mit den Schultern und erhob sich schließlich von dem Porzellan.
      “Danke, sehr reizend”, ich wollte mit den Augen und drehte mich auch zur Tür.
      “Auch wenn ich den Kerl in deinem Bett nicht mag, wird der sicher nicht spontan zu seiner Ex zurückrennen, wenn es ihm gerade passt”, setzte er seine Ansprache fort, als gäbe es einen Anlass dafür, “dann hält er sich wenigstens von Lina fern.”
      Verblüfft sah ich Niklas nach, der zurück ins Zimmer lief und die Tür schloss. Lina und Lars? Wirklich? War da etwas gelaufen? Zumindest würde es einiges Erklären, aber ich konnte es mir kaum vorstellen, denn sie war blind vor Liebe und könnte ihrem Freund nie etwas antun. Erst recht nicht, mit einem anderen zu flirten.

      Lars schlief noch immer tief und fest, als ich mich umzog. Die Decke lag neben ihm und nur ein kleines Stück davon, bedeckte seinen sonst freien Körper. Vorsichtig nahm ich den Stoff, um ihn zu wärmen. Aber er bemerkte meine grobmotorischen Züge und drehte sich auf den Rücken.
      “Möchtest du nicht wieder ins Bett kommen?”, lächelte Lars schief und griff liebevoll nach meiner Hand.
      “Doch, aber ich muss erst mal Ordnung machen”, erklärte ich, aber er gab mir keine Chance, es weiter zu erläutern. Stattdessen löste er das Handtuch von meiner Brust und zog mich geschickt auf seine Hüfte. Kaum saß ich, breitete sich wohlige Wärme in mir aus, die nur von leichten Schmerzen durchbrochen wurde. Meine Hände waren überall, strichen über seine breiten Schultern und Rücken, ohne dass sich unsere Lippen voneinander lösten. Wir drehten und wendeten uns im Bett, bis ich die offene Tür bemerkte.
      „Gibt es ein Problem oder haben wir seltsame Vorlieben?“, fauchte ich Niklas an, der sich mittlerweile eine Hose übergezogen hatte und im Rahmen lehnte.
      „Ich wollte noch mal mit dir Reden, aber du scheinst beschäftigt“, lachte er.
      „Jetzt nicht mehr.“ Ich war genervt und meine Lust vergangen. Lars grinste nur belustigt, als gäbe keinen Grund für meinen Ärger. Die Decke legte er sich fein säuberlich über die Hüfte und kreuzte die Arme über den Kopf.
      „Jetzt hau ab, ich bin gleich im Wohnzimmer“, meckerte ich und warf ihm ein Kissen entgegen. Endlich drehte er sich weg.
      „Das fängt schon gut an“, sprach zu Lars und rollte mit den Augen.
      Er lachte.
      „Ach, ist doch alles gut. Wir machen später weiter.“ Er erhob sich und haben ihm ein flüchtigen Kuss. Kurz überlegte ich, ob es überhaupt vernünftig war, ihn zu küssen, als wären wir ein Paar, aber sein höfliches und zufriedenes Lächeln vertrieb diesen.
      „Geduld gehört wohl nicht zu deinen Stärken“, bemerkte ich beiläufig und reicht ihm sein Shirt, als mir ein frisches aus dem Schrank nahm.
      „Worauf sollte ich denn warten?“, fragte er.
      Ich zuckte mit den Schultern und verließ das Zimmer.
      Eigentlich wollte ich nach dem Aufräumen noch etwas schreiben, denn erst um vierzehn Uhr sollte ich die Boxenpferde füttern und im Anschluss hatte ich geplant, Bruce im Ponystall zu besuchen. Allerdings stellte sich das Chaos als noch größer heraus, nun auf den zweiten Blick. Niklas hatte es sich auf der Couch bequem gemacht, starrte auf sein Handy und lachte zwischendrin. War das seine Definition von ‘noch einmal reden’? Zumindest schwieg er und ich begann die leeren Gläser und Flaschen zu verräumen, möglichst leise, um Lina nicht zu wecken. Glücklicherweise kam mir unserer Spülmaschine entgegen, die jegliches dreckiges Geschirr schluckte.
      „Was sitzt du hier eigentlich so nutzlos herum? Hast du nicht irgendwas zu tun?“, fragte ich Niklas, der mich mittlerweile durch seine reine Anwesenheit nervte.
      „Doch schon, aber ich warte auf Lina“, antwortete er nüchtern ohne sich vom Bildschirm zu lösen. Entschieden warf den feuchten Lappen über seine Schulter und dieser landete sogar auf dem Gerät. Ich lachte leise.
      Er setzte gerade an, sich zu beschweren, als Lars den Raum betrat.
      „Kleines, ich helfe dir.“ Selbstsicher huschte ein Lächeln über seine Lippen. Ich schnappte mir wieder den Lappen und überreichte ihn. „Du kannst den Tisch abwischen.“
      Er nickte und begann sofort. Im nächsten Augenblick waren wir sogar wie fertig. Neben der Haustür stellte ich noch das letzte leere Konservenglas ab und damit sah das Wohnzimmer inklusive Küche aus wie neu.
      „Frühstücken wir noch, bevor wir reiten?“, bewusst legte er den Schwerpunkt auf das Satzende. Mit seinen Händen packte Lars an meine Hüfte und zog sich näher an mich heran. Instinktiv drehte ich mich. Sanft zog sich die Mundwinkel in seinem Gesicht nach oben und in seinen Augen trat wieder das Funkeln auf, das mir erneut den Atem raubte. In meinem Bauch wollte das Kribbeln nicht aufhören und drückte meine Lippen auf seine. Es fühlte sich verdammt gut mit ihm an, erst recht, weil es vollkommen ungezwungen war.
      „Ihhhh“, ertönte es von der Seite, als wäre Niklas ein Kleinkind.
      „Geh du mal deine Freundin holen, oder wollt ihr allein Essen?“, wechselte ich das Thema.
      Er zuckte mit den Schultern und setzte sich provokativ auf einen Stuhl am Tisch. Genervt stöhnte ich. Offenbar hatte ich ziemlich viel verpasst, denn so seltsames Verhalten von Niklas, war mir neu. Also stampfte allein zu Linas Tür und klopfte vorsichtig. Sie stand ohnehin einen Spalt offen, der reichte, um meinen Kopf durchzustecken. Dahinter bewegte es sich nicht nur, nein, sie stand sogar schon unentschlossen vor ihrer Kommode.
      “Wie komme ich zur Ehre deiner Anwesenheit?”, fragte sie, ohne nennenswert den Kopf zu wenden. Stattdessen zog sie eine andere Schublade auf, um scheinbar willkürlich hineinzugreifen.
      “Guten Morgen”, sagte ich zunächst, “ich wollte fragen, ob du mit frühstücken möchtest oder lieber allein mit Niklas. Dein Kerl zeigt nur wenig Interesse, mir zu antworten.”
      “Lügnerin!”, ertönte es sogleich aus dem Hintergrund von Besagtem.
      “Ihr Frühstück gleich? Dann frühstücken wir mit euch”, entschloss sie kurzerhand und griff sich weitere Kleidungsstücke aus der Schublade. “Oder hast du andere Pläne, Niki?”, beteiligte sie ihren Freund doch noch an der Entscheidung.
      „Eigentlich würde ich lieber dich frühstücken, dafür brauchen wir die anderen nicht“, gab er mit ernster Tonlage zu verstehen. Dennoch konnte ich mir mein Lachen nicht verkneifen, angesichts der Umstände, dass Niklas meins unterbrach.
      „Ich glaube, das wird nicht passieren“, sprach sie befangen, die Wangen Schweinchenrosa angelaufen und wühlte hastig in der Schublade herum.
      „Du glaubst?“, setzte der Kerl seine Mission fort, „wir sind doch nicht in der Kirche.“
      „Schätzungsweise hat er keine Lust auf Lars und mich“, zuckte ich mit den Schultern. „Aber es kann nicht immer nach ihm laufen. Also, willst du oder nicht?“
      „Ich will“, sprach sie rasch, aber wühlte weiterhin wie ein Eichhörnchen beim Nestbau in ihrem Klamotten herum, „Also mit euch Frühstücken."
      “Geheiratet hätte ich dich auch”, scherzte ich. Nun kam auch der Andere im Wohnzimmer auf wahnwitzige Idee.
      “Ein Traum, zwei hübsche Damen”, noch bevor er seine innigsten Wünsche mit uns teilte, unterbrach ich ihn: “Das wollen wir gar nicht wissen, was du dir nachts im Bett vorstellst.”
      Selbst Niklas lachte kurz auf.
      Glücklicherweise fand meine Mitbewohnerin endlich ein Ende in ihrer Schublade und hatte sich Stoff übergeworfen. Dieser schmeichelte er ihr sehr. Der hellblaue Wollpullover bildete nicht nur einen hell-dunkel Kontrast zu den, noch offenen, dunklen Haaren, sondern untermalte ihre leuchtenden Augen. Zudem konnte sie mit ihrem Körper einfach alles tragen und wirkte wie jeden Tag perfekt durchgestylt. Oft war ich neidisch und fühlte mich wie die hässliche Freundin, aber verbog die böse Stimme in meinem Kopf hinter einer stählernen Pforte.
      Zusammen liefen wir die fehlenden Meter zum Tisch, der in einem klösterlichen Schweigen gehüllt war. Niklas hatte wieder sein Handy zwischen den Fingern, sodass er seiner Freundin keinerlei Beachtung schenkte, obwohl sie neben ihm stand und ein Guten-Morgen-Kuss erwartete.
      „Ehrlich gesagt, raubst du mir meinen Schlaf“, sagte Lars mit tickenden Gesichtszügen. In seinem lieblichen Worten fühlte ich mich Zuhause, wie nie zuvor. Ich konnte mir nicht erklären, was ihn so sehr an mir lag. Am liebsten wäre ich im Bett geblieben, nur er, ich und die Decke. Allerdings gab es noch Dog, der auf der Couch ruhte.
      „Ihr seid doch eklig“, fauchte Niklas, als hätten wir unbeschreibliches gesagt oder getan. Langsam wurde ich mir sicher, dass seine Andeutung im Bad ernst gemeint war, dass ich verschwinden sollte. Meine eigentlicher Arbeitskollege erhob sich, sah abfällig zu Hulk, bevor wir uns zusammen dem Frühstück widmeten. Während er Zwiebeln schälte und Schnitt, holte ich oder viel mehr, wollte ich meinen Haferjogurt aus dem Kühlschrank holen. Da wurde mir bewusst, dass überhaupt nichts für mich gab. Lina konnte nicht wissen, dass ich kommen würde und bei unserer Ankunft hatten alle Geschäfte geschlossen.
      „Was suchst du?“, fragte Lars und das Haken auf dem Brettchen verstummte.
      „Etwas Essbares für mich“, antwortete ich niedergeschlagen und stellte fest, dass selbst mein Lager an Zutaten aufgebraucht war.
      „Aber da war ganz viel?“
      „Ja, alles mit Tier.“
      Bedauerlich nickte er.
      „Dann lass uns Brunch bestellen. Da finden wir sicherlich für dich das Richtige“, schlug er vor und gab mir im selben Atemzug einen Kuss auf die Stirn.
      „Das kannst du dir gar nicht leisten“, mischte sich auf einmal Niklas ein, als gäbe es keine anderen Sorgen, „dein Vater muss schließlich noch Glimsy abbezahlen. Oder du gibst dein hässliches Vieh ab, damit ihr Überleben könnt?“
      Wovon auch immer der hochnäsige Typ sprach, das ging zu weit.
      „Du kannst dich nicht immer in das Leben anderer einmischen, nur weil du in Geld schwimmst“, tadelte ich Niklas.
      „Natürlich kann ich das, siehst du doch. Außerdem sei du doch mal ganz ruhig. Du bumst meinen Vater und lässt dich von deinen für deine Jungfräulichkeit versteigern“, preschte er in volle Wucht mit seinen Worten auf mich zu. Vom letzten Fakt wusste niemand etwas, nicht einmal meine Mutter. Gerade, als ich ihn fragen wollte, woher er das wusste, fiel es mir wie Schuppen von den Augen – Erik. Doch auch ihm hatte ich nichts davon erzählt. Getränkt in Scham, kullerten die ersten Tränen über meine Wangen, die ihn zum Grinsen brachten, aber Lars zu noch mehr Fürsorglichkeit. Aggressiv richtete er sich gegen Niklas, der das alles nur als einen schlechten Scherz auffasste. Was sie genau sprachen, konnte ich nicht mehr hören, zu stark drängten sich all die alten Gefühle und Bilder an die Oberfläche und verstopften den Gehörgang.
      „Kleines, wir gehen ins Zimmer. Du brauchst Abstand zu dem“, sagte Lars klar zu mir und zog mich mit. Der Hund sprang von der Couch auf, folgte uns ebenso. Lina konnte ich es nicht übelnehmen, dass sie schwieg. Für sie war es sicher zu viel und ihr fehlten die Worte, außerdem konnte ich sie nicht, für die Taten ihres Freundes verantwortlich machen.
      Lange saß ich nehmen Lars auf der Bettkante und weinte in seine Schulter. Dabei strich er mir beruhigend über den Rücken, sang dabei ein schwedisches Volkslied. Aber verstummte schließlich.
      „Okay, genug Selbstmitleid. Zumindest eine Tatsache geschah aus freien Stücken, oder nicht?“, zur Aufmerksamkeit tippte Lars mich an, damit ich ihn ansah. In mich gekehrt, nickte ich.
      „Na siehst du, also was ist schlimm daran?“, versuchte er mir Mut zuzusprechen.
      „Das er es weiß und es als Vorwurf formuliert hat“, schluchzte ich heiser.
      „Der ist nur ein verwöhntes, reiches Kind. Wie soll der sonst durchs Leben kommen, als anderen ihres schwerzumachen und Taten vorzuwerfen?“
      „Er hat es auch nicht leicht“, versuchte ich trotzdem Niklas in Schutz zu nehmen, wofür es keinen Grund gab.
      „Kleines, entweder du sprichst mit mir darüber, um einzusehen, dass es nichts gibt, wofür du dich schlecht fühlen sollst oder ich gehe jetzt zu den Pferden, damit du weiter dich im Bett herumrollst und weinst“, zuckte Lars mit den Schultern, als wäre er genervt. Dass seine Hand weiter auf meinem Oberschenkel lag und meine Finger umspielte, zeigte mir allerdings das komplette Gegenteil.
      Ich seufzte.
      „Dass ich was mit seinem Vater hatte, stört mich nicht, denn es hat Spaß gemacht, aber das sollte nie an die Öffentlichkeit kommen, weil es in Form einer geschäftlichen Abmachung entstand. Und …“, es schauerte mir überhaupt die Worte in den Mund zu nehmen, aber ich musste, wenn ich mich verändern wollte, „es waren andere Zeiten. Ich hatte mit verschieden Umständen zu kämpfen und da kam die Angelegenheit gut, also es war aus freien Stücken.“
      „Beruhigend, dass wir nicht zur Polizei gehen sollten.“ Ein höfliches Lächeln huschte über seine Lippen. „Aber, was für Umstände?“
      „Du gibst auch keine Ruhe, oder?“, kam nun auch ein Lachen von mir.
      „Ich möchte mein Gegenüber kennen und du gefällst mir, also muss ich wissen, mit was für Absurditäten Niklas noch ankommen wird.“
      Von meinem Stuhl nahm die Jacke, in der noch eine Schachtel Zigaretten steckte, lief zur kleinen Terrassentür, die zum Zimmer gehörte. Daran stellte ich mich, dass Lars mich weitersehen konnte. Zu meiner Überraschung erhob er sich und nahm ebenfalls eine heraus. Noch hielt inne, bevor es wie ein Wasserfall aus mir heraussprudelte. Ich erzählte ihm von den Drogen, meiner ersten Liebe und wie alles zerbrach. Auch Erik erwähnte ich. Zwischendrin stellte Lars Fragen, die ich ihm geduldig beantwortete.
      „So, und jetzt? Das ist alles Vergangenheit. Es liegt hinter dir. Natürlich sind es keine schönen Dinge, auch traurig, wie wenig deine Familie dich in den Schutz nahm, aber an deinen Aufgaben wächst du. Wenn auch nicht mehr körperlich“, ich lachte bei seinen Worten. Aber Lars hatte vollkommen recht und gab mir das erste Mal das Gefühl, dass meine Geschichte angesprochen werden musste.
      „Danke, dass du für mich da bist“, schmiegte ich mich eng an ihn und er legte die Arme um meinen Rücken.
      „Selbstverständlich, du brauchst mich.“
      Wieder im Zimmer, schloss die Tür hinter uns und Lars reichte mir den kleinen Schieber mit den Wochentagen, in dem meine Medikamente waren. Am Bett stand, wider Erwarten, eine Wasserflasche und schon, hatte ich die größte Herausforderung am Morgen gemeistert, obwohl es mittlerweile bereits Mittag war.
      „Fühlst du dich bereit für Osvo?“, kam es aus heiterem Himmel. Kurz dachte ich nach.
      „Noch nie bereiter“, sagte ich voller Tatendrang, nahm seine Hand und stolzierte durchs Wohnzimmer mit ihm. Die beiden aßen, ohne uns. Wer weiß, wie lang wir im Zimmer gesessen hatten, aber mir war der Hunger vergangen.
      „Lina“, sprach ich bewusst nur sie an, „Lars und ich machen jetzt Osvo fertig, also wenn es dich interessiert, kannst du in einer halben Stunde zur Halle kommen.“ Eilig nickte sie. Als Niklas sich dazu äußern wollte, reichte ein böser Blick ihrerseits, dass Hulk verstummte.
      Dog folgte uns unauffällig, als wir durch die Tür traten, in die Kälte. Am Himmel stand die Sonne und brachte die oberste Schicht des Schnees zum Schmelzen, dennoch so schwach, dass es sofort wieder gefror. Ein rutschiges Unterfangen begrüßte uns, aber mit den Händen ineinandergeschlungen, kamen wir heil am größten Stallgebäude an. Lautes Gewieher begrüßte uns und besonders laut, musste sich Anti Gehör verschaffen, der seine bisherige Lebenszeit auf der Weide verbrachte. Zunächst stand er allein, bis der richtige Partner gefunden wurde. Ich ging auf ihn zu. Neugierig hob Anti den Kopf, beschnupperte die seltsame Sache, die wir im Volksmund als Hand bezeichneten. Mit aufgeblähten Nüstern wieherte er mir schrill ins Ohr, bevor er eine kleine Runde durch die Box drehte. Den Paddock dahinter, beachtete er gar nicht.
      Obwohl die vorletzte Box im Gang schon am Tag zuvor mit einer hellen Stute belegt war, verspürte ich erst jetzt einen stechenden Druck im Herzen. Lubi würde ich wohl nur noch auf dem Turnier sehen, im Stall von jemand anderes. Vermutlich brauchte ich einen Augenblick, bis dieser Umständen wirklich in meinem Kopf ankam, besonders, wo ich nun Klarheit empfand. Seufzend legte ich meine Hand an die Gitter. Das Stütchen, dass sonst bei den Einstellern stand, kam interessiert zu meiner Hand, um daran zu lecken. Von der anderen Seite streckte mir Maxou ihren Kopf entgegen, doch ihr Hals war nicht ansatzweise lang genug, um mich zu erreichen. Stattdessen wählte sie den Nächstmöglichen und fummelte mit der Oberlippe an Lars‘ Kapuze.
      “Dein Pony hat mich gehasst, bis du plötzlich da warst”, erwähnte er dann aus dem Nichts.
      “Ich glaube kaum, dass ein Tier solch starke Emotionen empfinden kann”, sprach ich ungläubig, auch wenn ich mir vorstellen konnte, was er meinte, schließlich wollte Maxou auch am Anfang nichts mit mir zu tun haben.
      “Doch, deinem Pferd traue ich das zu”, Lars trat näher an mich heran, “sie ist auf mich losgegangen, wenn ich ihr die Decke wechseln wollte.”
      “Das tut mir leid.”
      Kaum hatte ich Maxou begrüßte und ausgiebig an ihrer Lieblingsstelle am Hals gekratzt, kam ein Sulky in den Stall gefahren, mit Nour im Bock. Sie trug ihr dunkles Haar offen über den Schultern, das Gesicht vollkommen verdreckt, aber sie strahlte. Angespannt war ein sehr kräftig anmutendes Pferd, deutlich schmaler als ein Freiberger, wie Lina sie immer mehr anschleppte, aber breiter als unsere Traber.
      „Wer ist das?“, flüsterte ich Lars ins Ohr und zupfte an seiner Jacke.
      „Das Pferd? Glimsy“, erklärte er, bevor seine Schwester bei uns hielt.
      „Ach, der Herr hat auch den Weg zum Stall gefunden“, scherzte Nour. Sie nahm die Leinen in eine Hand, um mit der anderen sich die Brille abzunehmen und das Gesicht abzuwischen. Jetzt bei Tageslicht mutete sie genauso elegant an, wie ihr Bruder, auch wenn ich Lina deutlich attraktiver fand.
      „Natürlich“, nickte Lars, „dennoch musste ich zunächst andere Angelegenheiten klären.“ Dabei schaute er schief zu mir.
      “Angelegenheiten also. So, so. Ich verstehe. Dann mein Glückwunsch, du durftest einen Lars haben, aber gewöhne dich nicht daran”, schmunzelte sie. Normalerweise reagierte ich schnell, doch für den Augenblick erschien mir mein Kopf begriffsstutzig. Ihre Worte konnte ich nur schwer einordnen. Die Rappstute tänzelte derweil gelangweilt auf der Stelle und versuchte Maxou zu begrüßen, die nicht einmal mit der Wimper zuckte.
      “Was meint sie?”, richtete ich meine Frage zu Lars, der verärgert seine Schwester anblickte.
      “Kleines, darüber sprechen wir noch, aber nicht jetzt”, versuchte er abzulenken, aber ich wollte das Thema nicht im Sand verlaufen lassen. Entschlossen legte ich die Arme auf seinen Schultern ab, gekreuzte hinter seinem Kopf und suchte innigen Augenkontakt. Zunächst wich der große Mann aus, bis die Situation unausweichlich wurde.
      “Tut mir leid Brüderchen, aber ich möchte nicht das nächste nette Mädchen zugrunde gehen sehen, weil du ihr das Herz brichst”, lehnte sich Nour zu ihm, bevor sie das verschwitzte Pferd in Bewegung setzte. Obwohl ich genau hörte, was sie ihm sagte, ignorierte ich es.
      “Vivi, ich mache mir nur nicht viel aus festen Beziehungen“, erklärte er mit bestimmten Unterton, gerade als ich meine Arme lösen, fügte er noch hinzu: „Aber du darfst natürlich trotzdem bei mir bleiben.“
      “Vielleicht will ich das gar nicht”, nuschelte ich, ohne den Blick von seinen Augen zu lösen. Lars gab sich besonders viel Mühe dabei, seine Stimmung hinter einem Vorhang aus Starrheit zu verstecken, doch je länger ich ihn musterte, umso weiter wurden die Pupillen. Ebenso spannte es an meiner Hüfte.
      “Nun, dann muss ich mir wohl jemanden anderes suchen, der mit mir in der Sattelkammer verschwindet”, scherzte er.
      “Musst du wohl.”
      Zu beschreiben, was zwischen uns knisterte, konnte ich nicht. Stattdessen verfiel ich ihm komplett und das lag eher weniger, an der erfreulichen Nacht. Lars hörte zu und schob mich nicht in eine Schublade, denn auf mich war ohnehin keine zugeschnitten. Sein Lächeln verzauberte mich in jedem Moment, den wir teilten und löste dabei eine Flut von Gefühlen aus, die meine Sehnsucht nach Erik wegspülten und vergruben. Manchmal tauchte ein Bild zwischen den Trümmern auf, aber es war nicht mehr, als eine schöne Erinnerung an alte Zeiten, die Zukunft stand vor mir.
      Immerhin konnten wir unsere Lust zügeln, denn Osvo wartete uns, obwohl es mir leichten Druck in den Magen setzte, in seiner Anwesenheit auf einem Pferd zu sitzen. Und wenn dann noch Zuschauer da sein würden – Nein, Vriska, du schaffst das, versuchte ich mir weiß zu machen. Und als ich dann von ihm ein Halfter in die Hand gedrückt bekam, setzte ich vollkommen aus. Stumm folgte ich ihm nur und auf dem Paddock hinter dem Roundpen strahlte mich besagte Rappstute an. Auf dem Nasenrücken trug sie eine große Blesse und an den Beinen drei äußerst niedliche Socken. Kaum bemerke Osvo uns, lief sie mit gespitzten Ohren den Zaun entlang. Das Tor öffnete er und etwas überfordert, hielt ich das Halfter in die Luft. An der Schulter stupste mich ein weiteres Pferd an, eine braune Stute, die allerdings zügig das Interesse verlor.
      „Einfach über die Ohren ziehen, oder hast du gar keine Ahnung?“, schmunzelte Lars.
      “Würde ich dir näherkommen, wenn ich keine Ahnung habe?”, versuchte ich den Funken aufrechtzuhalten, aber er schüttelte nur den Kopf mit unverständlichen Worten in den hohen Kragen seiner Jacke zu brabbeln. Vorsichtig zog ich das über ihr Maul und drückte die Ohren nach unten. Osvo schenkte dem Ganzen keine Aufmerksamkeit, sondern wartete, bis ich fertig war. Auf dem Weg zurück in den Stall erklärte Lars die Feinheiten der Stute. In den Ecken kürzte sie gern ab, wenn man den Schenkel nicht rechtzeitig anlegte und über den Sitz die Tritte verkürzte. Am Maul war sie empfindlich und bevorzugte eine konstante Haltung mit wenigen Paraden, eine Sache, die schwierig für mich werden konnte.
      In der Gasse putzte ich das dunkle Fell ausgiebig, bis der Großteil des Drecks auch auf dem Boden verteilte. Osvo hatte eins ihrer Hinterbeine angewinkelt und lehnte entspannt in den beiden Stricken. Dann kam auch Lars wieder, mit einem Sattel im Arm und einer Trense über der Schulter.
      „Könnte ich Gebisslos reiten?“, fragte ich unsicher.
      „Du kannst es versuchen, klar“, nickte er und übernahm das Satteln. Ich huschte unter dem Strick hindurch, um die Treppe auf die Tribüne zu nehmen. Von da aus kam ich am schnellsten in die Sattelkammer, in der mein Schrank stand. Schon aus der Ferne lächelte mich die Neon-Pinke Hackemore an. Erst, als ich danach griff, bemerkte ich eine Karte neben meinem Helm. Ungewöhnlich trocken wurde meine Kehle, als ich das handgemalte Motiv sah, das nur von einem Kleinkind stammen konnte. Langsam fasste ich nach hier und starrte eine Weile auf die Vorderseite. Obwohl die Zeichnung eher einer Schmiererei glich, erkannt ich sofort mein Pferd darin. Maxou hatte ihre lustige Kappe auf, die zum Schutz und Polstern des Genicks war, wenn sie ein Halfter trug. Meine Finger zitterten, während alles in mir schrie, die Klappkarte nicht zu öffnen. Aber die Neugier übertönte das alles. Sie war von Erik, der mir nur das Beste wünschte. Er wählte seine Worte wie immer sehr bewusst und versuchte von den Umständen abzulenken, die uns trennten. Stattdessen vermittelte er mir das Gefühl, noch immer nah in meinem Leben zu stehen und noch bevor ich überhaupt alles gelesen hatte, legte ich sie zurück. Wieder flossen Tränen, über meine Wangen, die ich mit einem Blick zur Decke versuchte aufzuhalten. Nichts in der Welt würde ihn aus meinem Leben verbannen können, auch wenn ich ihn nicht mehr an meiner Seite haben wollte, für den Augenblick.
      “Irgendwann”, murmelte ich in mich gekehrt und trampelte aufgewühlt aus dem Raum. Kaum war ich von den Treppen herunter getreten, sah ich Lina neben Osvo stehen mit einem zufriedenen Grinsen von einem Ohr zum anderen. Der Herr hatte bestimmt seinen Willen noch bekommen, nach dem mir meiner verwehrt wurde. Unfair. Würde ich fragen, käme keine spezifische Antwort, deswegen schwieg ich, auch, dass ich die Karte im Schrank fand. Sie sprach ohnehin mit Lars über einen der Hengste, den sie wohl in letzter Zeit arbeitete. Also wandte ich mich ab, um der Stute den gebisslose Zaum anzulegen. Beinah automatisch öffnete sie das Maul und sie schaute nicht schlecht, als kein Metall in ihrem Maul landete.
      Im Augenwinkel sah ich Nour auf der Tribüne, die sich ein Brot in den Mund stopfte und Samu mit seiner Freundin. Die beiden hingen eng aneinander, bestimmt froh, mal etwas Zeit füreinander zu haben. Am Abend, wenn es im Zimmer etwas ruhiger wurde, konnte ich Gespräche belauschen, die problemlos durch die Tür hallten. Zudem war die Runde alles andere als leise.
      „Was ist denn? Möchtest du nicht aufsteigen?“ Lars stand schon auf der anderen Seite des Pferdes und hielt den Steigbügel gegen, aber ich haderte mit mir, ob ich wirklich so weit war, aufzusteigen.
      „Ich weiß nicht“, sprach ich meine Zweifel an.
      „Du schaffst das, schließlich bist du gestern sogar gefahren. Keiner verlangt von dir, Pirouetten zu drehen, aber etwas Schritt und Trab sollte im Rahmen deiner Möglichkeiten sein“, dann lehnte er sich über den Sattel zu mir und sprach etwas leiser: „Außerdem haben wir doch schon geübt, vielleicht stellst du dir das einfach vor.“
      „Ein ziemlich absurder Gedanke“, warf ich ihm vor, aber er zuckte belustigt mit den Schultern.
      „Aber los, sonst schläfst du heute Nacht allein“, noch bevor das letzte Wort über seine schmalen Lippen wirbelte, hatten meine Hände flink den Gurt um ein Loch fester gezurrt und ich schwang mich auf das Pferd. Osvo war kaum größer als ich, also eine Leichtigkeit für mich.
      „Na bitte. Offenbar bist du bestechlich.“ Lars lief die ersten paar Runden noch mit, einerseits um mir Tipps zu geben, andererseits um mir Sicherheit zu schenken. Wie ein Anfänger versuchte ich die richtige Position im Sattel zu finden, setzte mich andauernd um. Lars hielt den Arm vor Osvos Kopf, wodurch sie abbremste.
      „Etwas weiter nach vorn und Beine lockerer im Bügel“, wies er mich an. Mit einem tiefen Atemzug durch die Lungen versuchte ich meinen Puls wieder zu normalisieren, aber in der Brust trommelte es wie bei afrikanischen Urvölkern.
      „Nicht so“, lachte Lars und legte selbst Hand an. Bestimmt legte er mein Bein zurecht, schaute sich auch, das andere an, das ich selbst platzierte. „Viel besser und so bleiben. Denk an den Wassereimer in der Hüfte, der darf nicht überlaufen.“
      Durch leichten Druck am Bein setzte sich Osvo in Bewegung. Sofort verspürte ich einen Unterschied. Gleichmäßig schob ich mich durch den Sattel und meine Begleitung kletterte gekonnte die Bande hoch, um sich oben auf den Rand zu setzen. Allein der Schritt war eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Zu viele Emotionen prasselten auf mich ein, um es genauer benennen zu können und als ich prüfend noch einen Blick zur Tribüne warf, wurde mir bewusst, dass es immer mehr Leute dazu kam. Der Druck kam wieder, Druck wie bei meiner Abfahrt. Es gab keinen Grund dafür, zumindest redete ich mir das ein. Selbst meine Schwester und Mutter tauchten aus heiterem Himmel auf, auch wenn die kleinste nur Augen für Niklas hatte. Dass er nach Lina noch kam, löste vermutlich das Zittern meiner Hände aus. Auf einer großen Volte versuchte wieder ein Gefühl für das Pferd zu bekommen und mich von der Massenansammlung abzulenken. Ich schloss die Augen, um tief Luft zu holen. Auch Osvo schnaubte in dem Moment ab. Meine Hand klopfte ihr sanft den Hals.
      „Bei A auf den Zirkel und antraben“, rief mir Lars zu. Ohne weiteres Versagen zu schnüren und damit eventuell auf Widerstand zu stoßen, trabte ich die dunkle Stute. Locker ließ sie den Hals fallen. In ihrem Sattel fühlte ich mich ganz anderes, im Vergleich zu Lubi. Ihre Schritte waren kürzer, aber ebenso gefedert und weich. Obwohl wir nur auf dem Zirkel blieben, schwebte ich auf Wolke sieben, in meinem Kopf, jeden Sieg ergattern zu können. Nach einem Handwechsel holte ich Osvo wieder zurück in den Schritt und kam langsam auf meinen Ausgangspunkt. Meine Zuschauer waren wie gelöscht, sodass ich im Sattel sicherer wurde. Lars korrigierte noch einige Male meinen Sitz, durch freundliche Zurufe und sorgte dafür, dass Osvo nicht nur aktiver vorwärts trat, sondern auch die Balance fand. Volten fielen ihr schwer. Erst in der Versammlung im Schritt setzten sich ihre Hinterbeine mehr in den Schwerpunkt und jede Wendung auf der kleinen Kreislinie, unterstützte sie. Zum Ende galoppierte ich sogar noch und wurde mit einem ungefragten fliegenden Wechsel überrascht.
      Vollkommen durchgeschwitzt glänzte das blau-schwarze Fell in der Deckenbeleuchtung und an den hellen Abzeichen zeichnete sich die Farbe des Sandes ab. Wie Grisu, der kleine Drache, traten Dampfwölckchen aus ihren Nüstern und die Abschwitzdecke erfüllte ihren Zweck, als Lars sie in den weichen, dunkelblauen Stoff hüllte. Breddlopp - Daley Lovin 2018 stand in großen Buchstaben an der Seite aufgedruckt.
      „Ihr habt das Potenzial füreinander“, stellte er begeistert fest.
      „Hat wirklich Spaß gemacht, danke.“
      Mir fehlten die Worte, einzig ein leuchtendes Grinsen schmückte meine Lippen. Auf der rechten Seite lief Osvo vollkommen entspannt und augenscheinlich ebenso glücklich, auf linken Lars. Im Augenwinkel bemerkte ich seine prüfenden Blick. Ihn so plötzlich nah zu haben, bedeutete mir unbeschreiblich viel.
      „Ich wusste gar nicht, dass du so gut reiten kannst“, merkte Mama an, als ich an ihr vorbeikam.
      „Okay.“ Mein Lächeln erlosch. So wie ich diese Frau kannte, interessierte sie sich ohnehin nicht viel für meine Leistungen. Selbst als wir mit dem Cheerleader Team bei der Landesmeisterschaft waren, schenkte sie mir keinen Augenblick, viel wichtiger war der Zoobesuch mit meiner kleinen Schwester.
      Durch das Tor verließ ich die Reitbahn und sattelte mit Lars’ Hilfe die Stute ab. Sie fraß genüsslich den Inhalt ihrer Schüssel, verteilte mehr als die Hälfte auf dem Beton. Eine kleine Sauerei lag unter dem Maul.
      „Also, darf ich sie öfter reiten?“, beugte ich mich zu Lars hinüber, der gerade die Trense im Eimer reinigte.
      „Mh?“, brummte er zwischen dem Geklapper.
      „Ob das Angebot steht?“, spezifizierte ich.
      „Papa muss noch zustimmen, aber meinerseits steht dem nichts im Weg“, er hob sich und legte seine Arme an meine Hüfte, „ihr saht super aus und denk daran, nie dein Lächeln zu verlieren.“
      “Da muss ich Lars zustimmen”, trat Lina freudestrahlend von der Halle her ran, “Schön, dich wieder auf dem Pferd zusehen.”
      „Stimmt schon, aber ich halte mich erstmal zurück“, stellte ich klar, damit sie nicht von mir erwartete, eins der schwierigen zu nehmen.
      “Alle gut, ich erwarte nicht, dass du dich gleich an eines der Monster wagst”, beschwichtigte sie augenblicklich, “außer vielleicht an das, was sich als süßes kleines Pony tarnt.”
      „Maxou ist kein Monster“, protestierte ich umgehend, die sofort den Kopf aus der Box streckte.
      „Hör nicht zu, die sind blöd zu dir“, flüsterte ich in das kleine helle Ohr, das sich interessiert in meine Richtung drehte.
      „Du hättest sie mal die vergangenen Monate erleben sollen, dein Pony war an Wechsellaunigkeit kaum zu übertreffen. Du musst irgendwelche Zauberwirkung auf sie haben“, begründete Lina ihre Aussage, „Sie hat es einem wirklich nicht immer leicht gemacht.“
      “Na, wenn du das sagst”, knurrte ich beleidigt. Aus der Jackentasche wühlte ich nach einem der Leckerlis, die ich für gewöhnlich in jeder fand, so natürlich auch in dem Augenblick. Gierig fummelte sie ihre Belohnung von der Handfläche wie eine Schnapsschildkröte.
      “Immerhin versucht sie nicht, dich loszuwerden”, fügte ich schulterzuckend hinzu. Lars schielte mir zu, mit tiefer Stirn, als hätte er Wind von dem Gespräch bekommen mit Niklas. Für einige Sekunden schien sie irritiert, wirkte fast so als läge ihr bereits ein Kommentar auf der Zunge, doch augenscheinlich fügten sich die Puzzlestücke schnell zusammen. Postwendend wurde ihre Ausstrahlung zurückhaltender.
      „Tut mir leid, dass Niklas vorhin so eklig zu dir war“, sagte sie kleinlaut. Kurz kam mir in den Sinn, vom Zwischenfall zu sprechen, doch wollte ihr nicht den Tag versauen. Die Worte rutschten wie ein hartes und trockenes Brot meine Kehle herunter.
      “Schätzungsweise wäre es ihm lieber, wenn ich wieder gehe”, versteckte ich seine Aussage hinter einer Vermutung. Da mischte sich auch Lars wieder ein: “Dann kommst du halt zu mir, ich freu mich.”
      “Hättest du wohl gern.”
      „Ich weiß nicht, was los ist mit ihm, aber natürlich bleibst du, wo du bist, schließlich ist es auch dein Haus“, sprach sie zu mir.
      „Er möchte sicher bei dir sein und ich störe dann halt, erst recht, wenn“, der Klumpen kehrte im Hals wieder, denn ich ging davon aus, dass es mit Lars mehr werden würde. Diesen Zahn zog mir seine Schwester allerdings.
      „Wenn was?“, kam er zu Wort, als würde Lars genau wissen, was in meinem Kopf herumschwebte.
      „Wenn du mehr Zeit mit mir verbringst“, stammelte ich unsicher, wie es bei meinem Gegenüber ankommen würde. Aber Lars lachte.
      “Aber das ist doch nicht dein Problem, wenn er oder wir uns an dir stören”, versuchte Lina offenbar noch den Grund zu verstehen, “Nein, nein, du bleibst schön, wo du bist, sofern du dich nicht aktiv anders entscheidest.”
      „Dass es für mich okay wäre, eins der anderen Häuser zu nehmen, bist du dir bewusst?“, merkte ich noch an, dann wurde Osvo dringlicher mit ihrem Scharren auf dem Boden. Noch immer tropfte Schweiß förmlich aus dem Fell, deshalb löste ich die Stricke, schaltete die roten Lampen an und stellte sie ohne Decke darunter. Skeptisch hob sie den Kopf, bemerkte allerdings in der nächsten Sekunde, wie wohltuend das Licht war.
      “Mmm, ja …”, überlegte sie kurz, “aber ich möchte nicht, dass du dich vertreiben fühlst.”
      “Du treibst sie nur in meine Arme und damit kann wohl jeder leben”, zuckte Lars mit den Schultern. Langsam nervte mich seine selbstverliebte Art, die mich bei Niklas in den Wahnsinn trieb. Kaum zischte dieser Gedanke durch Kopf, musste dieser natürlich auch erscheinen, mit einem nervigen Anhängsel namens Madly. In seinem Blick sah man deutlich die Verzweiflung und einfach, war meine Schwester nicht loszuwerden.
      „Jetzt sage es doch“, jammerte sie, aber ohne Kontext, wusste ich nicht, was sie von ihm wollte.
      „Kannst du die Erwachsenen kurz allein lassen?“, bat ich Madly.
      „Nö“, kam es aus der Pistole geschossen.
      “Bring das mal bitte in die Sattelkammer”, intervenierte Lina und drückte ihr kurzerhand den durchnässten Fleecehaufen in die Hand, der vor Kurzem noch auf dem Rücken der Stute verweilt hatte. Diese sprang mit einem panischen Schrei zurück, um den Geruch zu entfliehen.
      “Ihr werdet schon noch sehen, was ihr davon habt”, rief sie übermütig zu uns, aber verschwand zur schützenden Tribüne, auf der gerade jemand anderes auf einem Pferd beobachtet wurde.
      “Was werden wir sehen? Dass es ohne sie nervenschonender ist?”, scherzte Lina mit gesenkter Stimme, sich wohl bewusst, dass die fehlenden Wände, den Raum ziemlich hellhörig machten.
      “Weiß nicht”, zuckte ich mit den Schultern. Lars hatte sich wie in Luft aufgelöst, auf einmal stand ich zwischen Lina und Niklas, der mich genauso böse anblickte, wie meine Schwester zu vor.
      „Ich bringe das Pferd weg, offensichtlich bin nicht erwünscht“, entschloss ich dann kurzerhand.
      „Du hast es erfasst“, grinste Niklas unverfroren. Eine Frechheit!
      “Niklas!”, tadelte Lina ihn sofort, “Sie hat doch gar nichts getan.”
      “Doch”, er verschränkte die Arme und sah zu mir. Ich versuchte das Gespräch der Beiden zu ignorieren, aber zu sehr interessierte es mir, was sein Problem war. Erst recht, nachdem wir eigentlich ein sehr freundliches Gespräch im Badezimmer gehabt hatten.
      “Ihr versteht es nicht, aber ich kann nicht mit ihr und dir in einem Raum sein, also entscheid dich”, stellte er ihr ein Ultimatum.
      “Du willst ernsthaft, dass ich mich zwischen euch entscheide?”, fragte sie entsetzt, als könne sie seine Worte nicht begreifen.
      “Engel, ich möchte nur mit dir allein sein, aus Gründen. Wir können das gern besprechen, aber versprich mir, dass wir erst einmal Zeit füreinander haben”, hallte es durch die Halle, zwischendurch durchbrochen von Hufschlag.
      “Okay, ja”, willigte sie nach einem kurzen Moment der Stille in die Worte ihres Freundes ein, eine diffuse Gefühlslage in ihrer Stimme mitschwingend.

      Am Abend in der Reithalle

      Lina
      Vor einer viertel Stunde war die Luft erfüllt von Frohsinn, von Musik bis in die Herzen der Leute getragen. Auch ich war erfüllt von Glück und Stolz. Bereits beim Aufwärmen, merkte ich, dass Ivy heute in Höchstform war und vor den Zuschauen schien er noch mal eine Schippe daraufzulegen. Er wirkte nahezu, als sei der junge Freiberger dafür geschaffen worden, unter den Blicken der Zuschauer über den Sand zu schweben. Divines Bühnenpräsenz übertrug sich auch auf mich. Das erste Mal fühlte ich mich annähernd wohl unter den Blicken des Publikums. Enya und Lego hatten selbstverständlich auch geglänzt. Es war schade, dass sie nur so selten auf dem Pferd saß, sie hatte ein Händchen für die Tiere, sicher einer der Gründe, weshalb sie so gut in ihrem Beruf war.
      Mittlerweile saß anstelle der blonden Schwedin, allerdings Samu im Sattel seines Hengstes, denn seine Freundin wurde zu einem Notfall in die Klinik gerufen. Anstelle der fröhlichen Musik war die Halle nun erfüllt von einem nüchternen Viertakt von den Hufen, die gleichmäßig im Sand aufsetzen.
      Abwesend starrte ich auf die aufmerksam nach hinten gerichtet weißen Ohren, die in meinem Blickfeld aufragten. In mir herrschte ein Chaos aus Empfindungen, die unter dem schwinden Adrenalin, an die Oberfläche schwappten. Die Schutzschilde nach außen hin waren hochgefahren, doch der sensible Hengst unter mir spürte es dennoch. Behutsam setzte er die Hufe in den Sand, bei jedem Schritt nachspürend, ob sich etwas veränderte. Noch immer hing mir das Gespräch mit Niklas beziehungsweise eher ein Monolog seinerseits im Kopf. Nur langsam konnte ich all die Bruchstücke zu einem Gesamtbild zusammenfügen, die Verbindungen herstellen und all die Zusammenhänge erkennen.
      > Haluatko kertoa minulle, mitä sinulla on mielessäsi?
      “Möchtest du mir erzählen, was dich beschäftigt?”, durchbrach Samus sanfte Stimme die Stille in der großen Halle. Ich seufzte, es war alles zu viel auf einmal, um den Berg an Informationen allein bewältigen zu können.
      So begann ich also all das wiederzugeben, was Niklas mir offenbarte. Angefangen bei dem Grund, der seine Zeit fraß, Binomialsats. Ein Hengst, der von seiner geliebten Schimmelstute abstammte und seinen Erzählungen nach, ähnlich aufbrausend und Verhaltens-kreativ war. Noch am selben Tag, wie der Tierarzt bestätigte, dass Smoothie nicht aufgenommen hatte, war Niklas wohl den Schritt gegangen, den Hengst zu kaufen. An sich sprach nicht dagegen. Zu gut konnte ich nachvollziehen, dass mein Freund etwas haben wollte, was seine Stute überdauern würde, sollte sie eines Tages mal nicht mehr, sein, auch wenn sie mit ihren gerade einmal zehn Jahren noch weit entfernt davon war. Sicher würde ich einiges geben, um etwas mehr als Erinnerungen an meinen kleinen Vili zu haben, aber bei einem Wallach gestaltete sich das schwierig. Nein, der Grund für das lange Schweigen war nicht das Tier an sich, es war die Art, wie er zu dem Pferd kam. Bino hatte nicht zum Verkauf gestanden, aber wie er so war, hatte er mit den bunten Scheinchen gewedelt, um seinen Willen zu bekommen. Für mich war es nicht vorstellbar, wie es zu rechtfertigen, war einem jungen Menschen sein Pferd wegzunehmen. Es betrübte mich, dass mein Freund so handelte, aber Menschen sind nun mal nicht unfehlbar, erst recht nicht, wenn sie von Emotionen getrieben werden.
      Als sei dies noch nicht genug gewesen, hatte Niklas noch mehr zu beichten gehabt, Vriska betreffend. Tief in meinem Inneren hatte ich bereits eine Vorahnung gehabt, dass zwischen den beiden noch eine gewisse Anziehung herrschte, doch es so deutlich zu hören tat weh, auch wenn ich mittlerweile wusste. Gleichzeitig wusste ich nicht, damit umzugehen. Vriska war zu diesem Zeitpunkt nicht ganz sie selbst gewesen, aber wer war denn die wirkliche Vriska? Sie nicht wirklich abgewiesen zu haben, begründete Niklas damit, dass er schon lange Kenntnis davon gehabt hatte, was sich zwischen Erik und Moa anbahnte und er sie somit nicht verletzen wollte.
      > Sinulle tapahtui taas jotain, vai mitä?
      “Da ist ja wieder einiges passiert bei dir, hm?”, stellte Samu am Ende der Erzählung fest.
      Ich seufzte, mir all das von der Seele zu reden half, das wirbelnde Durcheinander in mir ein wenig abzubremsen, aber es wurde nicht klarer, was ich fühlte.
      > Kyllä ja nyt... En tiedä
      “Ja und jetzt weiß ich nicht …”, murmelte ich und strich durch das lange Fell, welches seidig zwischen meinem Finger entlang glitt.
      > Mitä mieltä olet Vriskasta ja miten edetä
      “Wie du zu Vriska stehst und wie es weitergehen soll”, beendete er meinen Satz, als hätte er meine Gedanken gelesen. Volltreffer, bezüglich des verlorenen Schäfchens tat sich ein gigantischer Zwiespalt in mir auf. Auf der einen Seite hatte sich, trotz des holprigen Starts, eine Freundschaft zwischen uns entwickelt, auf der anderen fühlte sich mit den neuen Fakten an, als sei es nicht aufrichtig gewesen.
      > Sinun pitäisi puhua hänelle, mutta olen varma, että tiedät sen.
      “Du solltest mit ihr reden, aber das weißt du sicher”, fügte er hinzu, nach einem Moment der Stille hinzu.
      > Ei tänään, en voi
      “Nicht heute, das kann ich nicht”, wisperte ich und nickte langsam mit dem Kopf. Eine ganze Stunde war mittlerweile vergangen und die beiden Pferde mehr als trocken und runtergekühlt. Tiefenentspannt schnaubte Ivy, als ich mittels einer winzigen Gewichtsverlagerung auf die Mittellinie lenkte, wo ich hielt. Die letzten zehn Minuten war er bereits mit hängendem Kopf herum getrottet und schlief beinahe dabei ein. Verständlich, für gewöhnlich saß ich nicht länger als eineinhalb bis zwei Stunden im Sattel, Warm- und Abreiten inklusive. Dieses Limit war mittlerweile bei Weitem erreicht.
      > Oletko jäämässä?
      “Wie lange bleibst du noch”, fragte ich meinen besten Freund, als ich aus dem Sattel glitt. Obwohl ich mich innerlich zurückzog, war menschliche Nähe ein Anker, den ich jetzt benötigte, um nicht den Bezug zu Realität zu verlieren.
      > Niin kauan kuin tarvitset minua, pikkuinen, mutta etkö olisi mieluummin ystäväsi kanssa?
      “So lang wie du mich brauchst, Kleines”, sprach er sanftmütig, “aber willst du nicht lieber bei deinem Freund sein?” Mit den Augen folgte ich seiner angedeuteten Kopfbewegung in Richtung der Tribüne, von denen sich nach dem kleinen Ritt das Publikum schnell verstreute. Nur ein Beobachter war verblieben, Niklas. Saß er tatsächlich die ganze Zeit dort, anstatt sich eine sinnvolle Beschäftigung oder zumindest einen gemütlicheren Ort zu suchen? Wow, beeindruckendes Durchhaltevermögen. Aus dem konfusen Mischmasch schien sich bei seinem Anblick ein schwaches Gefühl heraus zu kristallisieren, welches sich wie Nebel einschlich und alles weiter in den Hintergrund rücken ließ. Mein Gesichtsausdruck schien offenbar eindeutig, denn der Finne begann Legos Sattelgurt zu locker und die Steigbügel hochzuschlagen.
      “Na, dann komm Lina, bevor dein Pony noch einschläft”, lachte er schließlich und setzte den großen Rappen in Bewegung. Divine hatte tatsächlich die dunklen Augen geschlossen und döste erschöpft. Auf das leichte zupfen am Zügel, reagierte er nicht. Erst als ich ihn ansprach, hob sich der Kopf und die helle Statur erwachte langsam wieder zum Leben. Wäre es nach dem Hengst gegangen, hätte ich ihn wohl auch einfach an Ort und Stelle stehen lassen können.
      “Du sahst wundervoll aus mit Ivy. Du solltest ihn öfter vor Publikum zeigen ”, lächelte Niklas, der von seinem Platz aus hinzukam. Geschmeichelt lächelte ich, verspürte doch eine leichte Unsicherheit, ob der kräftige Warmblüter tatsächlich so ansehnlich war.
      „Das sagtest du jetzt nicht nur, weil du mein Freund bist?“, brachte ich meinen Zweifel zum Ausdruck. Immerhin war Ivy ein kleiner Trampel, was er auch sogleich bewies, indem sein Huf in der Bewegung unangenehm mit meinem Knöchel kollidierte. Ein leichter Schmerz schoss wie ein Blitz durch den Knochen und ließ mich leise fluchen.
      “Alles in Ordnung?“, fragte Niklas, von den mehr als eindeutig ausfälligen Worten in Besorgnis versetzt.
      „Ja“, presste ich zwischen den Zähnen hervor, „geht schon wieder.“ Ebenso schnell, wie es gekommen war, ebbte das Stechen ab, ließ nur ein schwaches Pochen zurück. Das würde, trotz der dicken Winterstiefel, ein hübsches Andenken geben. Leicht lädiert setzte ich die letzten Meter zum Putzplatz fort, wobei Ivy ein wenig besser darauf achtete, was seine Füße taten.
      „Du bist dir sicher, dass ich mir den Fuß nicht anschauen soll?“, hakte mein Freund nach und nahm, noch bevor ich überhaupt die Gelegenheit dazu hatte, den Sattel von Divines Rücken und hängte ihn auf einen der Halter.
      “Ja, ich werde es knapp überleben”, nickte ich und löste das Leder vom Kopf des Pferdes.
      “Da habe ich aber Glück gehabt”, schmunzelte Niklas und legte seine Hände an meine Taille. Unter seiner zärtlichen Geste verdichte sich der wabernde Nebel in meinem Inneren und verdeckte all die Sorgen, die wie kleinen Dämonen mit ihren glühenden Augen am Rande lauerten.
      “Und ich kann mich glücklich schätzen, dass du mir jetzt sicher verraten willst, ob du das ernst meintest, was du eben über Ivy sagtest”, blickte ich ihn fragend an. Meine Hände machten sich derweil selbstständig auf den Weg über seine Brust, die er mal wieder mit kaum mehr verhüllte als mit einem Shirt und einer leichten Jacke darüber.
      “Natürlich, Engelchen”, sprach er und zog mich noch ein Stück weiter an ihn heran, “Von dem, was ich bisher gesehen habe, schätze ich dein Kleiner bringt L bis M Potenzial mit, vielleicht auch mehr. Und was dich angeht, du solltest dich öfter aus deiner Komfortzone hervorwagen und der Welt deine Fähigkeiten zeigen. Versteckt dich nicht, nur weil dir keiner deine Fähigkeiten auf einem Blatt Papier bescheinigt hat.” Es erfüllte mich mit Stolz, wie er über mein Pferd sprach, auch wenn ich kein Stück weit zu seiner Veranlagung beigetragen hatte. Noch viel mehr wurde mein Herz erwärmt von seinen letzten Worten. Nur selten sprach jemand so deutlich aus, dass er an mich glaubte.
      “Du meinst also, ich sollte auf Turnieren reiten?”, blickte ich fragend zu ihm hoch.
      “Oder du musst mehr Weihnachtsfeiern organisieren”, feixte er und ein Funkeln trat in seine strahlenden Augen.
      “Hör auf mich auf den Arm nehmen zu wollen“, beschwerte ich mich und wollte ihn von mir schieben, doch das ließ ihn unbeeindruckt. Stattdessen grinste er frech, beteuerte seine Unschuld und machte nicht mal Anstalten seinen Griff zu lockern.
      “Ich will euch zwei Schnukis ja nicht den Spaß verderben, aber Lina, dein Pferd hat noch Bandagen daran und sicherlich möchte er auch die Zöpfchen loswerden”, unterbrach Samu just in dem Augenblick. Meine Augen schielten zu Lego, der brummelte und die Nase bereits nach den Plastikschüsseln in den Händen des Finnen ausgestreckte. Bandagen trug der Rappe nicht mehr, aber bezüglich der Frisur war er auch noch nicht weiter. Allerdings zeugte die Schere, die aus seiner Gesäßtasche ragte, davon, dass er das nun ändern wollte. Beiden Hengste stellte er eine Schüssel mit Futter vor die Nase, die auch augenblicklich inspiziert wurde.
      “Na gut, seist du freigesprochen”, säuselte ich an meinem Freund gewandt, “aber nur weil das Einhörnchen ins Bett möchte.”

      Etwas später in der Hütte

      Der Moment, wenn man die Dusche ausstellte und die vergleichsweise kühle Luft einem über die Haut strich, war ausnahmslos der unangenehmste Teil dieses Prozesses. So ergriff ich unverzüglich eines der Handtücher von der Halterung neben der Dusche und hüllte meinem Körper in den weichen Stoff. Angenehm warm empfing der Boden meine Füße und ich tapste hinüber zu dem beschlagenem Spiegel, griff nach der Bürste und begann das wirr war auf meinem Kopf zu ordnen.
      “Ich dachte, du wirst da drinnen noch zum Fisch”, feixte Niklas, als ich zwanzig Minuten später die Tür zum Wohnzimmer öffnete. Seine Worte wurden begleitet von einem gleichmäßigen Klackern, was ich im ersten Moment nicht ganz einzuordnen wusste.
      “Ein Fisch in der Dusche? Das wäre aber unpraktisch, ist doch viel zu wenig Wasser drin”, lachte ich und trat um die Ecke herum. Der Herr stand an der kleinen Küchenzeile und schnippelte geschäftig etwas.
      “Dann ist es ja gut, dass du dich nicht verwandelt hast”, grinste er, zerschnippelte weiter die Tomaten auf seinem Schneidebrett. In einer Pfanne auf dem Herd brutzelte bereits etwas vor sich hin, was ich als Omelett identifizierte. Ungeduldig, wie ich war, wollte etwas von dem Gemüse aus der Schüssel stibitzen, da hatte er schon mein Handgelenk umfasst. Warum musste er denn auch so hervorragende Reflexe haben?
      “Nicht so ungeduldig, Madame, hier wird nichts geklaut”, mahnte er mich.
      “Aber das sieht so lecker aus”, jammerte ich und befreite meinen Arm aus seinem Griff, ” und ich habe Hunger.”
      “Es ist doch gleich fertig, Engelchen”, schmunzelte er vollkommen ungerührt von meinem Einwand. Stattdessen widmete er sich seiner Pfanne, wendete den Inhalt und holte schließlich sogar ein weiteres der metallen Behälter aus dem Schrank.
      “Ich hoffe doch stark, mit gleich meinst du nicht erst in zwanzig Minuten, denn bis dahin bin ich bestimmt verhungert”, hielt ich ihm vor, verzog mich aber dennoch auf die Couch. Huch, was war denn das dort? Auf dem kleinen Tischchen, neben dem Sitzmöbel, stand ein rechteckiger Karton, sorgfältig eingeschlagen in blaues Geschenkpapier, welches mit bunten Sternchen und kleinen Einhörnern mit grüner Mähne bedruckt war. Doch das Auffälligste daran war die große pinke Schleife, die obendrauf thronte. Neugierig inspizierte ich das Geschenk. In der linken oberen Ecke klebte ein kleines Schild, worauf unverkennbar in Vriskas Handschrift mein Name stand. Aber wie war es hier nur plötzlich hingekommen? Auf dem Weg ins Bad war ich dort, doch bereits vorbeigekommen und ich hätte schwören können, es wäre noch nicht dort gewesen.
      “Schatz, stand das hier schon die ganz Zeit?”, fragte ich voller Verwunderung meinen Freund.
      “Ja, hast du es vorhin nicht bemerkt?”, stellte er eine eher rhetorische Gegenfrage und widmete sich wieder dem Herd. Den Indizien nach konnte der Karton nur von meiner Mitbewohnerin stammen. Mit Neugierde, die weiterhin anstieg, kamen allerdings auch die Gefühle wieder hervor, die an den Rand gedrängt worden waren. Unentschlossen starrte ich das Päckchen an. Angesicht der Lage konnte ich nicht einordnen, ob dies ein Geschenk aus Höflichkeit sei oder ob eine ernsthafte Motivation dahintersteckte. Ebenso war die Gefühlslage Vriska betreffend noch immer ungeklärt. Mir fielen ungefähr ähnlich viel pro wie kontra Argumente ein, doch letzten Endes siegte die Neugierde. Wissbegierig hob ich den Karton an und schüttelte leicht. Kein Mucks drang daraus, auch war er von geringem Gewicht, was dafürsprach, dass sich etwas Weiches darin befinden musste. Zaghaft zupfte ich am Ende der Schleife, die sich daraufhin löste und auseinander glitt. Sorgsam löste ich den Klebefilm an den Seiten, wickelte den Karton aus. Heller, blau-grauer Stoff kam unter der Pappe zum Vorschein. Eingefasst war die Schabracke in einem zarten Grün, doch der wirkliche Hingucker, war der Aufdruck. Im rechten Drittel prangte ein stilisiertes weißes Einhorn mit einem Regenbogen, als Hula-Hoop-Reifen. Neben der Schabracke lag auch eine kleine Karte in dem Karton. Neben ein paar freundlichen Weihnachtsgrüßen waren nur wenige Worte darauf geschrieben, aber aus diesen konnte ich entnehmen, dass die Schabracke ein wahres Unikat war. Beeindruckt strich ich über den gesteppten Stoff, dass Vriska Trensen bastelte, war mir bereits bekannt, aber dass sie ebenso wunderschöne Schabracken zustande brachte, war etwas Neues. Sie hatte wahrhaftig ein Talent für das Gestalten und herstellen solcher Dinge. Es war ein wundervolles Geschenk, doch es änderte nur geringfügig etwas an meine Gefühlslage. Samu sagte bereits, dass es wohl eine Weile benötige, bis die negative Assoziation verschwinden würde. Doch im gleichen Zug ermutigte er mich dazu, Vriska die Chance zu lassen, zu zeigen, dass dies Vergangenheit war und bleiben würde. Glücklicherweise akzeptierte sie, dass ich vorübergehend etwas Freiraum benötigte und verschwand zu Lars.
      “Lina, kommst du, Essen ist fertig”, forderte mich Niklas auf und stellte zwei Teller auf den Tisch. Ich ließ den Deckel wieder auf die Schachtel sinken und lief hinüber zum Esstisch.
      “Das sieht wie immer hervorragend aus”, sprach ich ein Lob aus und nahm den bunten Teller genauer in Augenschein. Auf einem Omelett breite sich eine Vielfalt an Gemüse aus, mit einigen leicht angeschmolzenen Stücken Feta durchmischt.
      “Von wem war nun das wundersame Päckchen?”, fragte mein Freund interessiert nach.
      “Vriska, eine Schabracke”, antworte ich nur knapp. Dies war kein Thema, was ich heute weiter ausweiten wollte. Er nickte nur und steckte sich einen großen Bissen in den Mund. Ich tat es ihm gleich, verbrannte mir beinahe die Zunge an einer heißen Tomate, aber abgesehen davon, schmeckte es so lecker, wie es aussah.
      “Anderes Thema”, fing ich an, “wie ist dein wundersamer Hengst, ist er auch so temperamentvoll wie Smoothie?” Es interessierte mich ernsthaft, ob die Andersartigkeit in den Genen lag oder womöglich doch etwas war, was ein Alleinstellungsmerkmal der Schimmelstute war.
      “Ähnlich auf jeden Fall, aber ziemlich verzogen”, umschrieb ihn knapp. Ein wenig mehr Informationen hatte ich mir schon erhofft, aber offensichtlich war es kein Gesprächsthema, welches ihm recht war.
      “Klingt nach einer Herausforderung”, lächelte ich freundlich, hielt mich aber mit weiteren Fragen zurück. Der weitere Verlauf des Gespräches handelte eher von alltäglichen Dingen, wie beispielsweise, dass Caja mich früher oder später noch in den Wahnsinn trieb. Mal hatte die ängstliche Stute einen guten Tag und machte riesige Fortschritte und dann folgten meist viele Tage, in denen das Training rückläufig war. So hatte ich aufgehört, die blauen Flecken zu zählen, wenn sie mit ihren Zähnen mal wieder schneller war als ich.
      Nach Beendigung der Mahlzeit sammelte ich das Geschirr ein, brachte es direkt zur Spüle und ließ sogar Wasser hinein. Schließlich konnte ich nicht immer so ein Chaos wie am geistigen Abend hinterlassen. Niklas war dabei nur wenig hilfreich, denn anstatt abzutrocknen begnügte er sich damit mich zu beobachten.
      “Wartest du noch auf eine schriftliche Einladung?”, versuchte ich es mit einer letzten Aufforderung, die allerdings eher wirkungslos schien.
      “Nein”, grinste er verschmitzt und trat heran, um mir die Arme um den Körper zu schlingen, “eher auf den Nachtisch.” Zärtlich strichen seine Hände über meinen Körper, erweckten das schlummernde Feuer in meinem Inneren.
      “Nicht so eilig”, sprach ich bestimmt und löste seine Hände von mir, “ich habe vorher noch etwas anderes für dich.” Interessiert blickte er mich an: “Wirklich, was denn?”
      “Na, wir haben Weihnachten. Hast du das schon vergessen?”, scherzte ich und lief zu meinem Zimmer.
      “Natürlich nicht”, hörte ich Niklas noch sagen, bevor ich in den Raum trat. Zielstrebig lief ich zu dem Regal, wo ich den Umschlag hinter ein paar Bücher versteckt hatte und holte selbigen hervor. Golden schimmerten die Verzierungen, mit denen ich zumindest versucht hatte, den eher weniger hübschen Umschlag ansehnlich zu gestalten. Mit einem breiten Grinsen kehrte ich ins Wohnzimmer zurück, wo Niklas es sich auf der Couch bequem gemacht hatte. Ich tat es ihm gleich und überreichte ihm den Umschlag erfreut: “Frohe Weihnachten, Niklas.” Begierig beobachtete ich, wie er den Umschlag geschickt öffnete und einen ersten Blick hineinwarf.
      “Was genau soll ich mit einem Haufen Papier?”, fragte er irritiert und zog die Blätter hervor.
      “Das ist nicht nur Papier”, begann ich zu erklären, “Das ist die Einwilligungserklärung und die nötigen Informationen zu einer Studie zu einer neuartigen, aber sehr Erfolg versprechenden Therapiemethode bei belastungsbedingter Arthrose und Spat. Du müsstest nur noch unterschreiben und dann könnte Smoothie ein Teil der Studie sein, sie ist eine perfekte Kandidatin.”

      © Mohikanerin, Wolfszeit // 61.743 Zeichen
      zeitliche Einordnung {25. Dezember 2020}
    Keine Kommentare zum Anzeigen.
  • Album:
    kalmar.
    Hochgeladen von:
    Mohikanerin
    Datum:
    9 Dez. 2021
    Klicks:
    431
    Kommentare:
    10

    EXIF Data

    File Size:
    53,9 KB
    Mime Type:
    image/jpeg
    Width:
    960px
    Height:
    640px
     

    Note: EXIF data is stored on valid file types when a photo is uploaded. The photo may have been manipulated since upload (rotated, flipped, cropped etc).


  • Rufname: Bino
    Alter: 5 Jahre / geboren: Mai 2015

    Aktueller Standort: Kalmar Stuteri, Kalmar [SWE]
    Unterbringung: großes Stallgebäude; Box [9h], Paddock [15h]

    –––––––––––––– a b s t a m m u n g

    Aus: Satz des Pythagoras

    MMM: Unbekannt ––––– MM: Bree ––––– MMV: Unbekannt
    MVM: Unbekannt ––––– MV: Osgiliath ––––– MVV: Unbekannt


    Von: Damon's Dynamo (Damon`s Dynamo)
    VMM: Unbekannt ––––– VM: Unbekannt ––––– VMV: Unbekannt
    VVM: Unbekannt ––––– VV: Unbekannt ––––– VVV: Unbekannt


    –––––––––––––– b e s c h r e i b u n g

    Geschlecht: Hengst
    Rasse: Standardbred (25% VB) [STB]
    Farbe: Brauner
    Abzeichen: Laterne, Kronenrand (Vorne Links & Rechts)
    Stockmaß: 169 cm

    Charakter:
    Hitzköpfig, ausdauernd, leistungsbereit, sprunghaft, gelenkig, intelligent,
    hengstig, von den Hormonen getrieben

    Eingefahren mit 2,5 Jahren; ein Jahr als Military Pferd gelaufen

    * Bananen Waffeln mit Himbeeren
    *alles Fresser
    * Geritten mit Springkandare
    * Buckelt

    –––––––––––––– g e s u n d h e i t

    Gesamteindruck: gesund, etwas dünn
    Krankheiten: keine
    Beschlag: Falzeisen [Stahl], Voll

    –––––––––––––– z u c h t

    Stand: 28.01.2022

    [​IMG]

    Gencode: Ee A+a
    Herkunft: Olofsson Stuteri, Stockholm [LDS]
    Züchter: Olofsson

    Zuchtzulassung: Nein
    Leihmutterschaft: Nein [-]

    Gesamtnote: -
    Breeders Crown: -
    Anzahl der Gänge: 4

    Nachkommen:
    0 / 8

    Schleife
    Veranstaltung

    –––––––––––––– l e i s t u n g

    [​IMG] [​IMG] [​IMG]

    Dressur A [S+]
    –––––
    Starts 0
    Platzierung 0/0/0


    Springen E [M]
    –––––
    Starts 0
    Platzierung 0/0/0


    Military L [M]
    –––––
    Starts 0
    Platzierung 0/0/0


    Fahren E [M] – Rennen E ['S] – Western E [L] – Distanz E [M] – Gangreiten E ['S]

    Juni 2022
    SW 549

    Juli 2022
    2. Platz, 678. Springturnier
    1. Platz, 398. Synchronspringen

    August 2022
    3. Platz, 399. Synchronspringen
    1. Platz, 680. Springturnier
    1. Auslosung
    1. Platz, 680. Springturnier
    2. Auslosung

    –––––

    Gewinnsumme: Unbekannt
    Niveau: National

    –––––––––––––– s o n s t i g e s

    Ersteller: Mohikanerin
    VKR: Mohikanerin
    Bezugsperson: Niklas
    Besitzer: Niklas Olofsson
    Letzte Pflege: -

    Punkte: 14

    Abstammung [4] – Trainingsberichte [4] – Schleifen [6] – RS-Schleifen [0] – TA [0] – HS [0] – Zubehör [0]

    –––––


    Passwort zur Website lautet: joelle
    Website – Spind – Hintergrund