Rhapsody

Benihana *

Holsteiner -- im Besitz seit 05/2017 -- Aa EE

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Benihana *
Rhapsody, 23 Aug. 2018
Zaii und sadasha gefällt das.
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      versteckte nachrichten hihihi

      chapter four | 28. Juni 2017
      Benihana
      Unruhig trommelte Idony auf ihren Knien herum. Sie war allein im Stall, nicht einmal die Pferde waren hier, sondern grasten seelenruhig auf der Weide. Bis auf Benihana. Besagte Stute stand auf dem Paddock ihrer Box, sorglos, glücklich. Idony hingegen fühlte sich, als würde sie auf heißen Kohlen anstatt auf dem kühlen Stallboden sitzen. Fünfzehn Uhr, hatte Dr. Harris versprochen. Davor hatte er Patienten, aber fünfzehn Uhr würde er ganz sicher schaffen.

      Mittlerweile war es 15:50 Uhr.

      Zum Ende der letzten Saison war es passiert, im Gelände – wo sonst? Man hatte Idony versichert, dass sie keine Schuld traf, dass es immer mal passieren konnte und all den Kram. Trotzdem hätte sie das Loch im Boden sehen sollen, hätte Billie um es herumlenken können. Dann hätten die beiden die erste gemeinsame Saison ganz gut gemeistert und Billie hätte nicht monatelang wegen einer entzündeten Sehne stehen müssen.

      Seit zwei Wochen durften die beiden wieder auf Ausritte mit – viel Schritt, mäßig Trab und ein bisschen Galopp. Und eigentlich sollte sich heute entscheiden, ob man nun langsam wieder mit dem normalen Training anfangen durfte. Eigentlich.

      Wenn Dr. Harris sich nicht wieder einmal verspäten würde.

      Idony lehnte den Kopf an die hölzerne Boxentür und zog die Knie an sich heran. Als Ausgleich hatte sie, nachdem ihre eigenen Verletzungen halbwegs ausgeheilt waren, die verschiedensten Einsteller geritten und die ein oder andere Schleife mit heimgebracht. Aber das war anders – Pferde von anderen Besitzern waren meist nur ein paar Wochen oder Monate da und dann sah man sie mit viel Glück noch ein, zweimal auf Turnieren. Eine wirkliche Bindung ließ sich da nicht aufbauen. Da war ein „eigenes“ schon anders – auch, wenn Idony und Benihana sich wirklich erst einmal zusammenreißen mussten.

      Benihana war vor zwei Jahren direkt aus Deutschland nach England gekommen. Idony war zu dem Zeitpunkt gerade in ihren A-Levels gewesen, hatte kaum Zeit und Nerven für das Reiten. Ein denkbar schlechter Zeitraum, um sich zum ersten Mal auf eine solche Stute zu setzen. Nach der Schule, als sie dann anfing, auf Sandringham zu arbeiten, wollten die beiden immer noch nicht so recht zusammenpassen. Doch mit jedem Tag, den die beiden zusammenarbeiteten, wurde Billie auch ein Stück weit zutraulicher. Woran es schlussendlich lag, keine Ahnung – irgendwann klappte es einfach. Bis dann halt vor rund einem Jahr.

      Der lange Zeiger auf Idonys Armbanduhr hatte die zwölf schon lange überholt, als sie dann endlich einen Motor hörte, der kurz darauf schon wieder ausgemacht wurde. Autotüren gingen auf, und Idony sprang blitzschnell auf. Wenige Sekunden später lugte Maggie in den Stall hinein. „Fertig soweit?“

      Idony unterdrückte ein Seufzen und schnappte sich Benihanas Halfter. „Moment, ich komme gleich.“

      Billie stand dösend auf ihrem Paddock, ein Bein entlastend. Es gab keine Sonne, die ihr auf den Rücken scheinen konnte, aber es hätte verdammt gut gepasst. Mit geübten Handgriffen legte Idony ihr das Halfter an und führte sie schließlich aus dem Stall und an den Putzplatz. Dr. Harris begrüßte sie mit einem kurzen Handschlag. „Wenn Sie schon dabei sind,“ sagte er und schickte Idony erst einmal den Weg im Schritt und Trab entlang. Er verzog keine Miene, als sie wieder zurückkam, sondern ordnete Billie einfach nur an den Putzplatz. Dort ging er schließlich in die Hocke und begann, die Sehne abzutasten.
      Idony warf einen vorsichtigen Blick zu ihrer Trainerin. Maggie hatte die Arme vor der Brust verschränkt, ihr Gesichtsausdruck war hart, abwartend. Zwischen ihren Augenbrauen hatte sich eine Falte gebildet, die immer rauskam, wenn Maggie nicht ganz zufrieden war.

      Super.

      Mit einem Ächzen richtete sich Dr. Harris wieder auf und klopfte Billie auf die Schulter. „Bis jetzt sieht es eigentlich ganz gut aus.“ Er schob seine runde Brille mit dem Zeigefinger wieder Richtung Nasenbrücke und Idony fiel ein Stein vom Herzen. „Zur Sicherheit schalle ich aber noch kurz. Mrs Graham, wenn Sie mir kurz helfen könnten?“

      Aus dem dunkelblauen SUV des Tierarztes, der neben dem Putzplatz parkte, holten die beiden das Ultraschallgerät. Hier stieg Idony komplett aus – sie sah schwarz, ein paar weiße Flecke aber wie zur Hölle sie die Sehne erkennen sollte, war ihr ein Rätsel. Maggie und Dr. Harris dagegen deuteten auf dem Monitor herum, als hätten sie nie etwas anderes gemacht.

      Nach etwa zehn Minuten packten sie das Gerät wieder ein. Idony putzte das Gel vom Röhrbein und Fesselkopf, und Billie entspannte sich zunehmend. In ihrem Bauch kribbelte es vor Aufregung. Es war zwar unwahrscheinlich, dass sich irgendetwas verschlechtert hatte – immerhin wurde Billie jetzt fast neun Monate geschont – aber die Angst war unbegründet da. Vor allem, weil Maggie jetzt wieder die Arme verschränkt hatte und die Falte wieder da war.

      „Grundsätzlich hat sich die Sehne gut erholt,“ begann Dr. Harris und rieb sich über das bestoppelte Kinn. „Man sieht, dass ein Trauma da war, aber das ist gut verheilt. Es spricht eigentlich nichts dagegen, sie langsam wieder anzutrainieren. Langsam,“ betonte er, als er Idonys breites Grinsen aufflammen sah. „Langsam, damit wir in drei Wochen nicht wieder hier stehen und die Sehne dann ab ist.“

      Es folgten noch mehr Tipps, die Maggie mehr interessierten als Idony. Sie wäre dem Tierarzt am liebsten um den Hals gefallen. Stattdessen strich sie wie eine Verrückte an Billies Nasenbein herum, bis die Stute den Kopf hochriss.

      Nach der obligatorischen Wehe-ich-sehe-dass-ihr-sie-springen-lasst-dann-drehe-ich-euch-den-Hals-um-Rede verabschiedete sich Dr. Harris, Idony löste den Knoten vom Putzplatzring und Maggie klopfte ihr auf die Schulter. „Wir sehen uns dann wohl morgen in aller Frische.“

      Kaum zu glauben, aber Idony hatte das Gefühl, dass ihr Grinsen noch breiter wurde. „Um halb acht bin ich fertig, kein Problem.“

      Maggie erwiderte das Grinsen mit einem schmalen Lächeln, klopfte Billie den Hals und schickte die beiden dann auf die Weide.
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      versteckte nachrichten hihihi

      chapter nine | 11. November 2017
      Ares | Ironic | Painted Blur | Paramour
      Minou | Siana | Benihana | Bucky | Medeia | Cíola
      Dark Royale | Painted Basquiat | Mánas | PFS' Scion d'Or | Dark Innuendo | Painted Taloubet | Doineann | PFS' Gamble Away | Pacco
      -- Leslie --

      Oktober war Leslies Lieblingsmonat. September war immer noch ein bisschen Sommer, und November schon fast Winter; der Oktober war noch nicht ganz bitterkalt, die Blätter waren schön bunt – und es war Jagdzeit.

      Am liebsten hätte sie dieses Jahr ja selbst mitgemacht. Nicht unbedingt mit Gambit, natürlich, aber irgendein Pferd hätte sich schon gefunden. Blöderweise fand dieses Jahr die Jagd auf Sandringham Manor statt – und alle Jocks hatten Teilnahmeverbot gekriegt. Irgendwo verständlich, aber wirklich begeistert war Leslie nicht gewesen.

      Also hatte sie das Nächstbeste getan und sich Hals über Kopf in die Organisation geschickt. Zusammen mit Logan war sie die Strecke mehrmals abgeritten, hatte Pferde vom Flughafen abgeholt, auf die umliegenden Höfe verteilt und fuhr diese täglich ab. Das füllte so ziemlich den ganzen Tag, sodass sie jeden Abend todmüde ins Bett fiel – zum Leidwesen von Bernie und Snafu. Bernie, weil sie selbst dann gezwungen war, sich ab acht Uhr abends so leise wie möglich zu verhalten, und Snafu, weil der jetzt mit Goldie alleine trainieren musste.

      Dementsprechend war Leslie am Tag der Jagd auch schon um halb fünf wach. Auf Zehenspitzen schlich sie ins Bad, wusch sich schnell und tapste dann barfuß über den Gang zu Beau und Snafus Zimmer und klopfte sachte an.

      Fast gleichzeitig drückte sich dann auch schon Beau durch einen Minispalt in der Tür (durch den er gar nicht hätte passen sollen – immerhin war er bestimmt dreimal so breit wie Leslie. Mindestens) und schob sie in Richtung Treppe nach unten.

      Frühstück gab es für die beiden nicht. „Cooper ist eh schon angepisst, dass ich andauernd woanders bin,“ flüsterte Beau und steuerte Leslie an der Küche vorbei direkt an die Haustür. Draußen war es noch dunkel; nur ein leichtes, dunkelgraues Band war schon am Horizont zu erkennen. Der Hof rund um das Mitarbeiterhaus war umhüllt von Nebel und es roch nach Regen. Solange der sich für den restlichen Tag verzogen hatte, war Leslie das ganz recht.

      Wie ein kleines Kind schlappte sie Beau hinterher, der zuerst die Tür in die Sattelkammer des A-Stalles aufsperrte. Als er das Licht anmachte, war Leslie für einen kleinen Moment geblendet, dann ging sie die Spinde der Gastpferde durch. Im A-Stall waren nicht wirklich viele Boxen freigewesen; die Junghengste standen seit ein paar Tagen wieder über Nacht in den Boxen und nahmen dementsprechend Platz weg. Ein Paint Horse aus New Mexico, ein Holsteiner und ein Trakehner aus Deutschland bewohnten seit Anfang der Woche die drei freien Boxen und schienen sich ganz gut mit den Boxennachbarn zu verstehen. Dementsprechend kam Beau auch schnell wieder, nachdem er Leslie in der Sattelkammer zurückgelassen hatte.

      Die Spinde waren immer noch verschlossen, beim kurzen Inventarcheck schien auch nichts zu fehlen. „Gehen wir weiter,“ flüsterte Leslie. Wenn man den Geräuschen der Pferde in der Box trauen konnte, waren die zwar eh schon wach und verlangten auch schon langsam ihr Futter, aber irgendwie wollte sie trotzdem so leise wie möglich reden.

      Im C-Stall war dann der Großteil der fremden Hengste untergebracht. Der stand im Winter meistens eh leer – Esther verfolgte die Philosophie, dass auch Hochleistungssportler mal ein bisschen Pause brauchten und nahm deswegen am Anfang Oktober keine Trainingspferde mehr an – und war somit für die restlichen 9 Gasthengste frei. Auch hier checkte Leslie kurz, ob die Spinde nach wie vor verschlossen waren und ob auch wirklich nichts fehlte. Beau knipste das Licht in der Stallgasse an, guckte kurz in jede Box und zog Leslie dann auch schon wieder quer über den Hof.

      Langsam aber sicher meldete sich dann doch ihr Magen. Um kurz nach 5 schalteten sich immer mehr Lampen in den Ställen und Häusern an, und ihre innere Uhr sagte ihr, dass es jetzt wirklich Zeit fürs Frühstück war. Trotzdem trottete sie hinter Beau her und versuchte, das Magengrummeln einfach zu ignorieren.

      Funktionierte semi-gut. Als die beiden im Stutenstall angekommen waren und Leslie gerade Spind Nummer 3 von 7 aufsperrte, knurrte ihr Magen so laut, dass Moses kurz darauf den Kopf in die Sattelkammer steckte.

      „Ich dachte, hier drin ist ein Bär,“ sagte er grinsend, als er Leslie entdeckte. Die verdrehte nur kurz die Augen; Moses war wirklich einer der einzigen Menschen, die sie kannte, der frühmorgens (um 5 Uhr. 5 Uhr morgens frühmorgens) schon zu Witzen aufgelegt war. Einer der Gründe, warum sie den B-Stall mied, bis sie wirklich wach war.

      Gerettet wurde sie von Beau, der sich an Moses vorbeischlängelte und wortlos die restlichen vier Spinde inspizierte. Dann fiel sein Blick auf die Uhr und unter wildem Fluchen stürmte er aus der Sattelkammer. Leslie konnte ihn gerade noch auf dem Weg zum Parkplatz einholen.

      „Keine Frühstückspause?“ keuchte sie ihm hinterher.

      Er öffnete die Fahrertür eines dunkelblauen Yaris‘. „Keine Frühstückspause.“

      -- Idony --

      Wenn man monatelang jeden Tag um die gleiche Uhrzeit aufstand, dann war das irgendwann so in einem drin, dass man an jedem Nicht-Arbeitstag um fünf hellwach war. So ging es Idony heute – Training fiel für die nächsten paar Tage aus und Cam war so nett gewesen und hatte ihr freigegeben, damit sie später bei der Jagd konzentriert mitreiten konnte.

      Trotzdem – sie war um Punkt fünf Uhr wach gewesen und nach ein paar Minuten hatte sich herausgestellt, dass sie das mit dem Weiterschlafen vergessen konnte. Also war Idony zwei Stunden später schon mit den meisten Arbeiten fertig. Benihana versorgen, Benihanas neue Boxennachbarin Minou und die Reitponystute Cíola zusammen auf die Weide stellen, Stallgasse fegen und nett zu den Gästen sein.

      Gegenüber von Billies Box stand eine Scheckstute, die jeden Schritt und jedes Atmen im Stall genaustens im Blick hatte. Jedes Mal, wenn Idony kurz zu ihr hinübersah, stand die Stute woanders – mal im Paddock, mal in der Box, mal genau auf der Schwelle. Idony ließ sie kurz mit sich selbst allein und huschte an die Box des Scheckens. Die Stute hatte in etwa die gleiche Größe wie Benihana, wirkte aber zugleich imposanter als auch gebrechlicher als der Holsteiner gegenüber.

      „Schon mal die Konkurrenz begutachten?“ kam plötzlich von hinten. Idony zwang sich, nicht wie ertappt zu gucken, als sie sich umdrehte und eine junge Frau vor ihr stand – mit einem breiten Grinsen.

      Die Frau streckte auch sogleich ihre Hand aus. „Alexandra Cordes. Und das hinter dir ist Possy Pleasure Mainstream.“

      Als hätte sie ihren Namen verstanden, schnaubte die Stute und schlich sich dann sogleich wieder nach draußen auf den Paddock. Idony räusperte sich und nahm die Hand der Frau. „Idony Berqvist – aber ich bin keine Konkurrenz, ich arbeite hier.“

      „Oooh,“ machte Alexandra. „Und da dürft ihr gar nicht mitmachen? Das ist ja auch schade. Da gibt’s sowas mal und ihr werdet ausgeschlossen.“

      Ein bisschen überrumpelt von den vielen Worten in der kurzen Zeit blinzelte Idony Alexandra erst mal an. Dann registrierte sie die Worte erst. „Ach nein, das ist wirklich nicht schlimm – jetzt im Herbst sind hier so viele Jagden, also wer will—“

      „Oooh,“ machte Alexandra wieder. Possy Pleasure Mainstream kam wieder in die Box und reckte den Hals nach ihr. „Ich werde jetzt auch mal gucken, wo die zweite im Team bleibt – allmählich sollten wir ja mal beginnen, die Pferde fertig zu machen.“

      Mit einem Winken verabschiedete sich Alexandra wieder und ging aus dem Stall. Neben den Stallburschen, die die Futtereimer wieder von vor den Boxen einsammelten, war Idony die einzige im Stall. Also nutzte sie die Gunst der Stunde und richtete Benihana schon einmal so weit her, dass sie dieser später nur noch den Sattel auf- und die Trense anlegen musste.

      -- Leslie --

      Treffpunkt der Reiter war um halb elf auf dem Dressurviereck. Bis dahin hatte Leslie Zeit, den Matsch aus Painted Blurs Fell zu bürsten. Pünktlich hatte sich der natürlich in die nächstbeste Matschpfütze geschmissen – und von denen gab es auf den Weiden gerade genug. Soweit wäre es gar nicht gekommen, wären Leslie und Beau zur Stelle gewesen. So wie es war hatte nämlich Cooper Blurry auf die Weide gebracht, der hatte die Chance ergriffen – und jetzt stand Leslie in der Stallgasse des A-Stalls und versuchte, den noch feuchten Matsch so gut wie möglich aus dem Fell zu bekommen.

      Eigentlich wäre das eine Fall für die Waschanlage, dachte sie und schrubbte an einem Fleck an der Flanke des Hengstes. Eigentlich – nur leider war es kurz nach zehn, und wenn man Bernie und Cat glauben konnte, dann waren die ersten Gäste auch schon am Platz versammelt.

      (Beau hatte sich übrigens verkrümelt und frühstückte. Während Leslie nasse Matschflecken ausbürsten durfte, die vermeidbar gewesen wären. Schöner Tag war das heute.)

      10:15 Uhr ließ sie dann die Bürste fallen und schnappte sich Blurrys Sattel. Weg waren die Flecken zwar nicht, aber sollte sich jemand der Gäste drüber beschweren – naja, dann ließ sie Cooper die Sache handeln. Sie hatte gleich erst mal ein Date mit ihrer Müslischale.

      Gerade hatte Leslie Blurry das Gebiss ins Maul geschoben, als auch schon Esther in den Stall kam. Die drei Gäste, deren Pferde im A-Stall untergebracht waren, hatten sich schon längst auf den Weg zum Viereck gemacht – schön rausgeputzt mit Turnierjackett, hellen Hosen und weißen Schabracken. Leslie wusste also, dass sie spät dran war (und das würde Cooper auch noch den ganzen lieben langen Tag hören, ob er es wollte oder nicht). Dass jetzt aber schon die Chefin nach ihr sah, das hätte sie aber nicht gedacht.

      „Schon fertig,“ rief sie Esther entgegen und steckte den Zipfel des Nasenriemens noch schnell unter die dafür vorgesehene Lasche. „So gut wie’s eben ging,“ murmelte sie dann noch vor sich hin, nahm Blurry die Zügel vom Hals und führte ihn die Stallgasse hinab.

      Esther sah sich den Hengst kurz von beiden Seiten an, seufzte und zuckte dann mit den Schultern. „Sauberer wird er jetzt eh nicht mehr,“ sagte sie und klopfte Leslie kurz auf die Schulter. „Wenn du mir noch kurz helfen könntest?“

      Per Räuberleiter schwang sich Esther in den Sattel und nahm die Zügel auf. „Ich kehr‘ noch schnell, dann bin ich sofort da,“ versprach Leslie, aber Esther winkte ab.

      „Der Dreck liegt später auch noch da, wenn wir weg sind. Du solltest dir das jetzt lieber mit ansehen.“

      Gut, das ließ sich wahrscheinlich niemand zweimal sagen. Hinter dem großen Rappen und ihrer Chefin schloss Leslie das Stalltor und folgte den beiden dann in Richtung Viereck.

      -- Idony --

      „Guten Morgen und natürlich herzlich Willkommen auf Sandringham Manor.“

      Das Stimmenwirrwarr auf dem Dressurviereck verstummte augenblicklich. Neben Idony hörten sogar die zwei Geschwister auf, die schon seit sie aufgetaucht waren die Köpfe zusammengesteckt hatten, zu tuscheln. Fast alle Köpfe drehten sich nach vorne in Richtung Eingang. Vor der Kulisse des Herrenhauses saß Esther im Sattel von Blurry, hinter ihr Logan und Frank.

      „Ich freue mich, euch alle hier begrüßen zu dürfen. Das ist die erste Jagd seit fast 13 Jahren, die auf unserem Gestüt stattfindet, und ich bin sehr gespannt, wie es ausgeht.

      Ich möchte auch gar nicht groß um den heißen Brei herumreden, schließlich wollen wir alle so bald wie möglich los. Wir haben eine Strecke von etwa 15 Kilometern vor uns. Nach etwa sieben gibt es für alle eine kleine Pause auf einem benachbarten Hof. Die Pferde dürfen grasen und für uns Menschen gibt es auch ein paar Snacks. Abschließend treffen wir uns auf der Wiese ein, auf der unser Geländetraining startet. Wer besonders aufmerksam ist, wird auf dem Weg dorthin auch etwas ganz Besonderes im Wald entdecken.

      Die Regeln lauten wie bei jeder Jagd. Um einen sicheren Ablauf zu gewähren, bete ich euch alle, euch gleich euren Platz im Feld zu finden und diesen, wenn möglich, nicht zu verlassen. Und, das ist ganz wichtig: reitet nie quer zu den anderen Reitern. Außerdem dürfen die Master, die euer Feld anführen, niemals überholt werden – die kennen die Strecke und sind dafür zuständig, dass alles gut abläuft. Für die Springer sind meine Kollegen Logan Reid und Frank Montgomery zuständig,“ Esther gestikulierte auf die zwei Trainer hinter ihr, „die Nicht-Springer hören auf mein Kommando.“

      Idony sah sich ein bisschen in den Reihen rum. Einige Reiter hatten ein schmales Lächeln auf den Lippen, andere sahen Esther stockernst ins Gesicht.

      „Zu eurer Sicherheit bilden die Schlusslichter die sogenannten Schlusspiköre. Jeder noch so gute Reiter fällt mal vom Pferd – für den Fall sind die Schlusspiköre da. Sie sind auch ein bisschen die Schiedsrichter, die alles sehen.

      Auf der Strecke gibt es 15 Hindernisse, inklusive Bachläufen und feste Naturhindernisse. Sollte euer Pferd vor dem Hindernis verweigern, dann dreht am besten sofort ab und reitet um das Hindernis herum. So kann es keine Staus geben und ihr und eure Pferde werden nicht verletzt.

      Außerdem bitte ich euch grundsätzlich, aufzupassen. Wir haben einige Pferde dabei, die noch recht jung und stürmisch sind. Wenn ihr die Jagd ohne dickes Knie abschließen möchtet, dann reitet nicht zu arg auf – vor allem nicht, wenn das Pferd eine rote Schleife im Schweif trägt.

      Recht viel mehr gibt es auch nicht zu sagen, also fange ich gleich mit den Feldeinteilungen an.“

      Die ersten Reiter zogen die Gurte nach und ließen die Steigbügel herunter. Esther kramte einen Zettel aus ihrer Jacketttasche hervor und räusperte sich.

      „Feld Eins ist das erste springende Feld mit Philipp Gerdes und Daitona, Nicolaus du Martin und Ghostly Phenomenon, Elena Redling und Couleur du Deuil, Leticia Weidner und Ingénue, Octavia Blake und Raspberry, Mio Wild und Raised from Hell, Malte Tordenvaerson und Belmonts Brock und Gwendolyn Campbell und Neelix. Euer Master ist Logan Reid und euer Schlusspikör ist Idony Bergqvist.“

      Während alle, die gerade aufgerufen wurden, sich auf eine Seite des Vierecks verteilten, blätterte Esther um. „Feld zwei als zweites springende Feld mit Occulta Smith mit Co Pilot de la Bryére, Ciaran Duclair und Shenandoah, Eddi Canary und Pajero, Jonas Moser und Diarado, Lisa Zimmermann mit Halluzination, Isa Neyer mit Jonquil, Ikarus Dragomir mit Pitú, Tassilo Greving und Cover the Sun und Charlotte von Eylenstein mit Grenzfee. Euer Master ist Frank Montgomery, der Schlusspikör ist Katharina Karenin.

      Das letzte Feld mit mir als Master besteht aus Addison Moore mit My Canyon, Janina Lohmann mit Nemax, Elliot Hadley mit Vychar, Bellamy Blake mit Gun and Slide, Franziska Ziegler mit Cadeau, Nate Prescott und Dark Chocolate, Alexandria Cordes und Possy Pleasure Mainstream, Tamara Meyrohe mit Walking in the Air, Marie Wortkötter mit Macaruja, Vuyo Ndour mit Aspantau und Artemis Fortounis mit Bahar. Euer Schlusspikör ist Bree Price.“

      Ein paar Sekunden gab Esther den Leuten, um sich aufzuteilen, dann steckte sie den Zettel wieder in ihre Tasche. „Ihr könnt jetzt aufsitzen. Feld 1 macht sich in wenigen Minuten auf den Weg, ein paar Minuten später Feld 2 und dann Feld 3. Ich wünsche euch eine schöne und angenehme Jagd und natürlich viel Glück.“

      -- Leslie --

      Gemeinsam mit Bernie und Snafu hatte Leslie Esthers kleiner Ansprache vom Rande des Dressurvierecks gelauscht. Als das letzte Feld mit Blurry an der Spitze und Siana als Schlusslicht vom Platz ritt, seufzte Leslie erst einmal laut. Passend dazu grummelte ihr Magen.

      Wie auf Knopfdruck drehten sich Bernie und Snafu zu ihr um. „Schon wieder Hunger?“ scherzte Bernie.

      „Immer noch,“ grummelte Leslie. „Aber ich werd mich jetzt umdrehen und auf schnellstem Weg ins Haus gehen und schön und lange frühstücken.“

      Snafu grinste sie kurz an, dann schweifte sein Blick über ihre Schulter ab. Seine Augen wurden für einen Moment weich – und Leslie wusste genau, was sie erwartete. Mit einem lauten Stöhnen schlug sie sich die Hände vor die Augen.

      „Leslie, fertig soweit?“ kam es von hinter ihr in einer allzu familiären, tiefen Stimme. „Die Millers haben gerade angerufen, wir sollen gleichkommen – hab ich was verpasst?“

      Als sie die Hände von den Augen nahm, sah sie, dass Snafu schon antworten wollte, also ergriff sie lieber selber die Initiative.

      „Nein, gar nichts. Gehen wir.“ Schwungvoll drehte sich Leslie um, packte Beau beim Oberarm und zog ihn hinter sich her in Richtung Parkplatz.

      Schon wieder.

      -- Idony --

      Billie gefiel das Hinterhergetrotte ganz und gar nicht. Während der ersten Trabstrecke hätte die langbeinige Stute gleich mal versucht, einen wuchtigen Draught-Hengst und eine zierliche Buckskinstute zu überholen – also hatte Idony sie auf eine Volte abgewendet und sich tief in den Sattel eingesessen. Sowohl der Mann auf dem Draught als auch die junge Frau auf der Stute schienen ihr das aber nicht übel zu nehmen. Immer wieder versuchte die Holsteinerstute, irgendwie an der Gruppe vorbeizuziehen – bis sie sich dann nach dem ersten Galopp anscheinend damit abgefunden hatte. Ungeduldig kauend, aber wenigstens ein Schritt in die richtige Richtung.

      Idony selbst kam auch dann erst richtig in den Genuss – bis dahin hatte so gut wie jeder seinen Platz in der Gruppe gefunden. Im Schritt unterhielten sich die meisten, lachten miteinander. Wenn Logan das Handzeichen für den Trab oder Galopp gab, verstummten jedoch alle und vor den Hindernissen wurde eine schöne Reihe gebildet. Pferd nach Pferd hüpfte über die Zäune, kletterte einen Wall hinunter und watete durch einen Bachlauf.

      Die Reiter schätzte Idony als ziemlich erfahren ein; keiner kam über den Hindernissen ins Straucheln. Eine Rappstute weiter vorne im Feld schlug den ein oder anderen Haken zur Seite, aber die Reiterin schien sich dadurch nicht aus dem Konzept zu bringen zu lassen. Trotzdem stoppte bei jedem Seitensprung kurz Idonys Herz und sie nahm Billie vorsichtshalber gleich ein bisschen zurück – sollte die Reiterin den Halt verlieren und stürzen, war es immerhin ihre Aufgabe, alle wieder einzusammeln.

      Trotz hakenschlagender Stute erreichten alle Reiter als erstes die Zwischenstation auf dem Bauernhof der Familie Wright ohne Zwischenfälle. Von einem kleinen Wäldchen ging es direkt an den Schaf- und Kuhweiden vorbei, direkt auf den kleinen Platz vor dem Guthaus. Ein paar Stallburschen von Sandringham Manor wuselten schon umher; auf ein paar Aufstelltischen standen Gläser und Wasserflaschen, auf anderen eingewickelte Sandwiches.

      Nachdem den Pferden die Zaumzeuge abgenommen und die Sattelgurte gelockert wurden, gab es für die Reiter dann das verdiente Lunch. Die alte Mrs Wright füllte Wassereimer für die Pferde auf und die Stallburschen verteilten sie schließlich. Nach und nach kamen auch Frank und Esthers Felder an, als allerletzte Cat auf Ironic. Im Gegensatz zu ihrer Gruppe sah sie ein bisschen abgekämpft aus, also machte sich Idony kurzerhand auf den Weg zu ihr.

      Ironic blubberte freundlich, als er Billie entdeckte. Als die ihm aber keinerlei Beachtung schenkte, sondern lieber ein paar vertrocknete Grashalme abrupfte, bekam er sich auch schnell wieder ein und spielte lieber mit dem Wassereimer, dem ihn ein Stallbursche hinhielt.

      Cat lächelte Idony müde an. „Du siehst ja richtig frisch aus.“

      „Kann ich von dir nicht wirklich behaupten,“ sagte Idony. „Schwere Gruppe?“

      „Die Gruppe nicht unbedingt,“ Cat nahm ihren Reithelm ab und fuhr sich durch die Haare. „Eine Stute, ich glaub ein Vollblut. Rote Schleife im Schweif, also sollte ich nicht so überrascht sein, aber im Schritt schien sie noch besser drauf zu sein.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich musste noch keinen retten, aber wir haben ja noch ein paar Kilometer vor uns.“

      „Dann solltest du ganz schnell irgendwo Holz finden und drauf klopfen.“

      „Bietest du mir deinen Kopf an?“

      Idony rollte mit den Augen, dann streckte sie die Hand nach Ironics Zügeln aus. „Los, hol dir noch was zum Essen bevor nichts mehr da ist.“

      -- Leslie --

      Ja gut, vielleicht hatte Leslie den Aufwand einer solchen Jagdorganisation ein bisschen unterschätzt. Mittlerweile war es nach 12 Uhr mittags und bis auf ein paar Gurken bei der Essensvorbereitung hatte sie immer noch nichts zwischen die Zähne bekommen. Wenn sie nicht Essen ausgab, dann schleppte sie Getränkekisten, Wassereimer oder was auch immer die alte Wright sie auch machen ließ.

      „Wenn das hier rum ist,“ sagte sie leise und bedrohlich, als Beau ihr noch eine Wasserkiste in die Brust stieß, „dann schuldest du mir ein drei Gänge Menü. Selbst gekocht. Alles andere akzeptiere ich nicht als Entschuldigung.“

      Beau, der sonst eigentlich sehr gefestigt wirkte, bekam seine kleine Sorgenfalte zwischen den Augenbrauen. Jackpot. „Irgendwie sowas sollte ich hinkriegen.“

      „Das hoffe ich für dich.“

      -- Idony --

      Der zweite und letzte Abschnitt begann ein bisschen ruhiger als der erste – zumindest für Idony. Im Schritt ging es wieder zurück in das kleine Wäldchen, an einer Abzweigung jedoch geradeaus statt rechts.

      Wie als hätten die Pferde nie etwas anderes gemacht, kletterten sie einen Wall hinab, galoppierten dann geschlossen und ruhig an und nahmen die ersten paar Hindernisse des letzten Streckenabschnitts mit Leichtigkeit. Erst kurz vor der letzten Galoppstrecke verweigerte eine große Rappstute weiter vorne im Feld. Ihr Reiter fing sich gerade noch über dem Hals hängend. Die Stute ging zwei Schritte mit hochgerissenem Kopf rückwärts. Idony nahm schon Billies Zügel an, kurz davor, einzugreifen – immerhin kamen schon die nächsten Pferde, die auch über das Hindernis springen wollten, und so ein Stau konnte ziemlich blöd hinausgehen – doch dann trieb der Reiter die Stute schon seitlich und machte einen großen Bogen um den Zaun und kurz darauf nahmen beide wieder ihren Platz im Feld ein.

      Als von Logan an der Spitze das Kommando zum Suchen kam, saßen plötzlich alle aufrechter im Sattel. Alle nahmen ihre Pferde zurück, ließen die Galoppsprünge verkürzen, und sahen sich links und rechts im Gebüsch des Waldes um. Wo genau der Fuchsschwanz versteckt war, wusste Idony auch nicht; sie selbst verließ sich also darauf, dass Billie sich mit dem hintersten Platz im Feld abgefunden hatte, stellte sich in die Bügel und reckte selbst den Hals, um besser sehen zu können. Bis auf ein paar orangefarbene Blätter fand sie aber nichts, und auch die Teilnehmer gingen leer aus. Ein wenig enttäuscht setzte sich Idony wieder in den Sattel ein. Billie spielte kurz mit den Ohren, erwartete eine Parade, galoppierte aber dann letzten Endes ruhig weiter.

      Wenige Meter voraus endete der Wald schon; dann waren sie eigentlich schon wieder mitten auf dem Gestüt. An den leeren Paddocks vorbei, um das Haupthaus herum, dann tauchte auch schon das Dressurviereck vor dem Feld auf, mit dem aufgebauten Sprung. Einer nach dem anderen, wie in den letzten Stunden, sprangen die Pferde darüber. Als Idony und Billie auf dem anderen Ende des Hindernisses ankamen, waren die ersten Reiter schon abgestiegen.

      Wenige Minuten, nachdem ein paar Jocks die ersten Eichenbrüche verteilten, kam auch das zweite Feld an – ebenfalls erfolglos, wie sich schnell herausstellte. Trotzdem schien die Stimmung heiter zu sein; die Reiterin mit der nervösen Stute aus Idonys Feld erzählte im größten Detail und mit ausladenden Armbewegungen jedem im Umkreis von fünf Metern, wie sie sich dreimal schon fast am Boden liegen sah.

      Erst, als dann zwanzig Minuten nach dem ersten Feld Esther und ihre Gruppe auf dem Platz eintrafen, schwenkte jemand ein orangefarbenes Stück Pelz hin und her. Als die Gruppe sich dann auch langsam lichtete, bekam Idony einen ersten Blick auf den Gewinner: die Reiterin war noch jung und saß auf einer hellen, schweren Buckskinstute. Sie grinste, umklammerte den Fuchsschwanz eisern und unterhielt sich angeregt mit der Frau, die Idony heute Morgen im Stall getroffen hatte. Auch das Pferd kam Idony bekannt vor – da musste sie später gleich mal gucken, ob die Stute nicht sogar neben Minou einquartiert wurde.

      Esther platzierte sich wieder in die Mitte des Vierecks. Als jeder Teilnehmer seinen Eichenbruch in der Hand hielt, verkündete sie die Siegerin – Tamara Meyrohe aus Deutschland, deren Stute tatsächlich nur ein paar Boxen neben Benihana stand – und bedankte sich bei allen, die irgendwie geholfen hatten. „Und zur Feier des Tages lade ich Euch alle herzlich zum Jagdgericht ein – nachdem die Pferde versorgt wurden, versteht sich.“

      Ein wirkliches Jagdgericht im klassischen Sinn war es nicht – Idony hatte sich noch nicht mit Bree und Cat unterhalten können, ob es in deren Feldern irgendwelche Vergehen gab, aber das konnte sie sich kaum vorstellen – sondern eher ein Dinner im Herrenhaus. Die Piköre waren ebenfalls eingeladen – trotzdem ließ sich Idony viel Zeit im Stall, stopfte Billie Stroh unter die Abschwitzdecke und weichte die Kühlgamaschen in aller Ruhe ein.

      Ein bisschen verspätet und mit eiskalten Fingern kam Idony dann im Speisesaal an. Cat hatte ihr einen Platz freigehalten, direkt vor dem Teller mit Hühnchen. Um sie herum hatten die anderen schon mit dem Essen begonnen, also lud sie sich sofort ein bisschen Fleisch, Gemüse und Brot auf, ohne noch groß nachzudenken. Der Hunger war erst gekommen, als sie vor dem Speisesaal gestanden war und das Essen gerochen hatte. Komisch, wie man einfach vergessen konnte, hungrig zu sein.

      -- Leslie --

      Leslie, auf Cats anderer Seite, lud sich ihren Teller dreimal mit allem Möglichen auf, probierte jedes der drei verschiedenen Desserts und schnappte sich anschließend noch das übrige Mousse au Chocolat von Beaus Teller. Das schuldete er ihr ja schließlich.
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      chapter ten | 26. Dezember 2017
      Benihana | Minou | Painted Basquiat | Simplicity of Sophistication
      Kurz vor Weihnachten war Sandringham Manor fast wie leergefegt. Auch Idonys Koffer standen fertig gepackt vor ihrem Bett. Über Weihnachten und Neujahr flog sie nach Hause nach Schweden, schlug sich dort bei Oma und Tanten den Bauch voll und half im Stall ihres Vaters mit.

      Das Abschiedstraining fand in der überfüllten Reithalle statt; es schien, als wolle nochmal jeder so viel wie möglich schaffen, ehe es in den Weihnachtsurlaub ging. Idony beschloss also, dass sie sich kurzhalten würde – nur lockere Arbeit, um Billie auch eine kleine Pause zu gönnen.

      Idony und Cat waren vor ein paar Wochen auf dem ein oder anderen Hallenturnier gestartet. Für Cat und Ironic waren diese Turniere sogar ganz erfolgreich, für Idony und Billie nicht unbedingt. Nach der Pause schien es, als wäre die ganze Atmosphäre komplett neu für die Stute. Frank, der die vier begleitet hatte, hatte das ganze nur mit zusammengepressten Lippen kommentiert – was so ziemlich alles heißen konnte, aber vor allem, dass es im neuen Jahr anstrengend werden würde.

      Billie hatte sich also eine kleine Pause verdient. Nach etwa einer halben Stunde mit vielen Übergängen und Volten zur Lockerung stellte Idony die Holsteinerstute in der Mitte der Halle auf, ließ sich aus dem Sattel gleiten und schlug die Steigbügel hoch.

      ***

      Der Hof lag schon komplett im Dunkeln, als die beiden sich Richtung B-Stall aufmachten. Am Wegrand standen vereinzelt ein paar kleine Lampen, die aber auch nur halfen, den Weg zu zeigen. Der Wind peitschte Idony ins Gesicht und wieder einmal verfluchte sie ihre Bequemlichkeit, als ihr die Haare in Mund und Augen flogen. Zumindest kein Regen, dachte sie sich, und: hoffentlich bleibt mir Regen in Schweden erspart.

      Im B-Stall herrschte reges Treiben; wirklich viele Pferde standen den Winter über nicht darin. Die Ponystute neben Benihana mümmelte schon auf ihrem Heu, und auch die zwei Stutfohlen gegenüber ihrer Box hatten schon das Abendessen bekommen. Lynn kam gerade aus Billies Box, ein leerer Eimer in der Hand und ein flüchtiges Lächeln auf den Lippen.

      In der Box stürzte sich Billie sofort auf ihr Futter. Während die Stute also zufrieden ihren Hafer fraß, nahm Idony ihr mit geübten Griffen die Ausrüstung ab. Als sie aus der Sattelkammer zurückkam, fiel ihr Blick auf die zwei Stutfohlen. Anfang Dezember kam das wahrscheinlich letzte neue Pferd des Jahres an – eine Freundin für den Rappen, den Idony bis dahin nur zweimal gesehen hatte und dessen Namen sie sich nie gemerkt hatte. Die Neue hieß Simplicity of Sophistication oder das komplette Gegenteil ihres Namens: Simple. Und auch das komplette Gegenteil der Rappstute – die sah Idony sogar nach Wochen noch mit Skepsis entgegen und lief lieber hinaus in den Paddock. Simple hingegen schob ihren Kopf über die Boxenwand, ihr Heu komplett vergessen, und mümmelte stattdessen an Idonys Jacke. Mit einem leichten Grinsen zog sie den Ärmel aus den Zähnen des Jährlings und kraulte ihr kurz die Stirnlocke. Lange machte Simple das nicht mit; sobald sie merkte, dass sie nicht mehr von Idony bekommen würde, war das Heu dann doch interessanter. Und als Idony dann wieder das Tor zu Billies Box öffnete, hörte sie auch wieder Hufschritte und Strohgeraschel.

      Billie war voll und ganz in ihr Abendessen vertieft, also müsste Idony sich wohl morgen früh von ihr verabschieden. Trotzdem kraulte sie die Braune nochmal hinter den Ohren und klopfte ihr den Hals. Kein einziges Mal hob die Stute den Kopf; erst, als Idony die Stalltür schließen wollte, guckte sie ihr kurz entgegen. Keine Sekunde später war die Nase aber wieder im Trog. Grinsend zog Idony die Tür hinter sich zu. Das letzte Abendessen in England wartete auf sie.
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      chapter fifteen | 21. April 2018
      Minou | PFS' Scion d'Or | Benihana | Cíola
      Siana | Bucky | Medeia | Calina
      Paramour
      A Touch Of Peace | Seavitia | Simplicity of Sophistication | Painted Basquiat | Dark Innuendo | Pacco
      Vorsichtig schob Sophia das Tor des B-Stalls auf. Hinter ihr drängelte schon ungeduldig Siana. Gemeinsam mit ihrer Mum und Frank hatte Sophia das wunderschöne Frühlingswetter genutzt und war mit ihnen im Gelände gewesen. Entspannt war es nicht gewesen – das war es nie wenn man mit zwei professionellen Trainern unterwegs war – aber trotzdem fühlte sich Sophia gut. In letzter Zeit durfte sie vor allem Medeia und Siana reiten; beides Zuchtstuten, die den Großteil ihrer Zeit auf der Weide verbrachten oder, in Sianas Fall, Kindergärtner spielten. Ein bisschen vermisste Sophia den guten alten Paramour; dieser bekam seine täglichen Streicheleinheiten von Henry und, wenn sich dieser mal auf dem Hof blicken ließ, auch von Henrys jüngerem Bruder Luke. Theoretisch wurde Paramour da gut versorgt. Und trotzdem warteten in ihrer Tasche zwei Karotten für den Lewitzer.

      Mit flinken Händen nahm Sophia Siana den Sattel und das Zaumzeug ab und band sie an der großen Box an, um die Hufe auszukratzen und noch einmal über das Fell zu bürsten. Sie waren alleine im Stall; die zwei Fohlen, Painted Basquiat und Simplicity of Sophistication, standen schon auf einer Koppel, Benihana, Saevitia, Dark Innuendo und Scion d’Or zusammen mit dem Neuzugang A Touch of Peace auf einem Paddock und Minou und Cíola waren wohl gerade mit Eve und Trixie beim Training. Frank und Mum hatten sich natürlich sofort bequatschen lassen, sobald das Trio wieder am Hof angekommen war; aber so konnte Sophia Siana in Ruhe fertig machen und schließlich noch eine Runde grasen gehen. Sie stellte sich einen Wecker auf fünfzehn Minuten, suchte sich einen Platz im Gras neben dem Stall, der nicht nass war, und streckte das Gesicht zur Sonne hin. Siana machte sich gleich über das frische Gras her und rupfte gierig die Halme ab.

      Nur wenige Minuten, bevor die viertel Stunde um war, hörte Sophia Huftritte auf dem Schotterweg. Sie öffnete ein Auge – Frank kam, mit einem leichten Lächeln auf den Lippen, um die Kurve, hinter ihm seine Stute Calina. Er schien richtig zufrieden mit seinem Kauf; so zufrieden, dass auch Sophias Mutter mit dem Gedanken spielte, sich wieder ein Pferd zu kaufen.

      Sobald das Thema aufkam, schüttelte Mum jedoch mit dem Kopf und lachte darüber, dass sie viel mehr zu tun hatte als Frank – immerhin brauchten die Jocks extreme Unterstützung in der Dressur. Da war keine Zeit für ein Pferd.

      Sophia erkannte den Bluff, hielt aber die Klappe. Ihrer Mutter hing es immer noch nach, dass sie ihr letztes Pferd durch einen Weideunfall verloren hatte; das war weit vor Sophias Geburt gewesen, aber auch ihr waren die Fotos von einem langbeinigen Braunen natürlich nicht entgangen, die im gesamten Haus auftauchten – neben dem Hochzeitsbild ihrer Eltern und einem Bild von Sophias Einschulung unter anderem auch auf dem Nachttisch ihrer Mutter.

      Insgeheim war sich Sophia sicher, dass es ihrer Mum gut tun würde, wenn sie wieder etwas eigenes hätte. Und Sophia selbst würde natürlich auch davon profitieren. Doch genau wie sie war ihre Mutter dickköpfig und stur und ließ sich nicht von ihren Überzeugungen abbringen. Also blieb es bei den sporadischen Ausritten für ihre Mutter und bei der Ausbildung der Ponys für Sophia.

      Apropos Ponys. Zwei Sekunden, bevor der Wecker losging, setzte sich Sophia auf und schnalzte mit der Zunge. Siana zuckte nicht einmal mit den Ohren. Also kämpfte sich Sophia zurück auf ihre zwei Füße und zog Siana vom Gras. Auf dem Weg zum Paddock begegnete sie Lynn, die jeweils ein Fohlen an beiden Händen von der Weide führte. Siana, Bowie und Simple kamen zusammen auf den Paddock – auch wenn die zwei Jährlinge die Ponystute in ein paar Monaten überragen würden, wusste die Ponystute sich zu beweisen. Sie musste nur die Ohren anlegen und wurde von den wild spielenden Fohlen schon in Ruhe gelassen.

      Mit einem liebevollem Halsklopfen verabschiedete sich Sophia von Siana, stapfte zurück zum B-Stall und von dort aus zu Paramours Paddock. Diesen teilte er sich mit Ironic und Pacco – allerdings bekam nur der Braunschecke die Karotten, und bevor die beiden anderen Hengste überhaupt am Zaun angekommen waren, waren die Karotten auch schon verputzt.

      Mit ihrer Tasche auf dem Rücken schlenderte Sophia schließlich Richtung Außenboxen; ihre Mum war heute mit Bucky unterwegs gewesen, also vermutete Sophia sie noch dort. Und tatsächlich stand die große braune Holsteinerstute vor ihrer Box angebunden, mit ihrer Mutter und der Pflegerin Chelsea Duncan um sie herumwuselnd. Als ihre Mutter Sophia entdeckte, legte sie Chelsea kurz die Hand auf die Schulter, dann strich sie Bucky über den Rücken. „Bist du schon soweit?“

      „Schon ewig,“ meinte Sophia, grinste dabei aber. Währenddessen führte Chelsea Bucky in Richtung Weide. „Gab’s ein Problem?“

      Ihre Mutter schüttelte nur müde den Kopf. „Ich hol nur noch schnell meine Tasche, dann können wir heim.“
      Mit schnellen Schritten ging ihre Mutter in die Sattelkammer und kam mit ihrer Tasche wieder heraus. In der Hand hielt sie schon den Schlüssel für ihren Mercedes – aber sie hielt ihn schließlich Sophia unter die Nase.
      Die war erstmal ein wenig verwirrt. Der Mercedes war das Baby ihrer Mutter, und auch wenn Sophia schon mehrere Monate fahren durfte – nicht im Mercedes ihrer Mutter. „Sicher?“ fragte sie daher vorsichtshalber.
      „Mich hat der Ausritt so geschlaucht,“ sagte ihre Mutter dramatisch. „Ich weiß nicht, ob ich da noch fahren kann.“

      Das ließ sich Sophia natürlich nicht zweimal sagen und schnappte sich den Schlüssel, den ihre Mutter verführerisch vor ihrer Nase baumeln ließ. „Na wenn das so ist, darfst du natürlich nicht mehr fahren. Ich will die Fahrt ja überleben.“
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      Military A-L | 30. April 2018
      Benihana
      An diesem Morgen war Idony schon mit einem breiten Grinsen aufgestanden. Nach wochenlangem Aufbautraining, Springstunden und Gymnastik ging es für sie und Benihana heute zum ersten Mal für dieses Jahr auf die Geländestrecke. Im Winter waren sie gemeinsam mit Frank und Logan zu einem großen Hallengeländetraining gefahren, aber weder Idony noch Benihana hatte das wirklich Spaß gemacht. Zum Saisonstart hatte Benihana wieder Probleme mit ihrem Bein gehabt und erst vor wenigen Tagen hatte Dr. Harris das Go gegeben.
      Nach einer ziemlich kurzen Nacht schlüpfte sie als um halb acht in den B-Stall und machte die braune Stute fertig. Sie selbst schlüpfte in eine Sicherheitsweste, flocht ihre Haare in einen französischen Zopf und mit Schmetterlingen im Bauch ging es zum Aufwärmen auf den Reitplatz. Erst im Schritt, dann im Trab ließ sie die Stute munter ihre Runden drehen, prüfte die Durchlässigkeit und galoppierte schließlich an.
      Kurz vor halb neun machte sie sich dann auf den Weg zur Geländestrecke. In ein paar Metern Entfernung sah sie eine Gruppe Jocks, die die Gunst der frühen Stunde nutzten, um einen entspannten Ausritt zu unternehmen. Das würde in ein paar Tagen wieder anstehen – weniger um Spaß zu haben, mehr um Benihanas Kondition für die anstehenden Vielseitigkeitsprüfungen zu trainieren.
      Etwa zehn Minuten war sie unterwegs, dann öffnete sich vor Idony der Wald und sie sah schon die ersten Hindernisse – und Logan, der mittendrin mit einem Klemmbrett stand. Idony ließ Benihana die letzten Meter antraben, bis der Trainer sie erkannte und eine Hand im Gruß hob.
      „Bereit?“ rief er ihr entgegen, sobald Idony in Hörweite war, und kritzelte dann etwas auf dem Klemmbrett herum.
      Idony konnte sich das Grinsen nicht verkneifen. „Auf jeden Fall,“ antwortete sie, dann zügelte sie die Stute und sah sich erst einmal um. Die Luft roch noch nicht ganz nach Sommer, aber frisch, satt. Die Bäume hatten ein tiefgrün, das Gras nur eine Spur heller, und die letzten Tage waren anhaltend schön und trocken gewesen, sodass die Spur zwischen den Hindernissen ein helles Braun hatte. Plötzlich kribbelte es Idony in den Fingern; sie würde am liebsten sofort den ganzen Parcours springen, aber zum Aufwärmen standen erst einmal ein paar Hindernisse um Logan herum, etwa auf E-Klass-Größe. Auf Logans Kommando ließ Idony Benihana angaloppieren und nahm dann routiniert ein Hindernis nach dem anderen. Nach dem zweiten Hindernis, einem Gatter, merkte Idony jedoch, dass die Stute kräftig anzog; mit einer halben Parade versammelte sie Benihana wieder unter sich und konnte so geschmeidig über das nächste Hindernis springen.
      Nach der kurzen Einführungsrunde blickte Logan dann wieder angestrengt auf sein Klemmbrett. „Welche Klasse?“
      Idony überlegte kurz. „A – bis jetzt aber mehr schlecht als recht.“
      Logan hmmte und kratzte sich den Hinterkopf, ohne die Augen von seinem Klemmbrett abzuwenden. „Also brauchen wir da erst Sicherheit, bis wir weitermachen können.“
      Und genau das stand dann auch auf dem Plan. Auf der Geländestrecke befanden sich eine Reihe von Hindernissen verschiedener Größen; meistens drei nebeneinander, von leicht zu schwer von links nach rechts. Das höchste Hindernis war L-Größe; alles darüber musste auswärts gelernt werden. An diesem Vormittag konzentrierte sich Idony also an die mittlere Route, und nach einer Verweigerung ganz am Anfang klappte es dann auch ganz gut. Benihana hatte Spaß am Sprung, traf aber ganz gerne selbst die Entscheidungen. Mit Logans Tipps klappte es letzten Endes gut – der Sprung ins Wasser kam noch etwas zaghaft, und auch vor dem Wall zögerte Benihana noch deutlich.
      Die nächsten Tage waren mit Geländetraining gefüllt, und glücklicherweise machte das Wetter weiterhin mit. Eine Woche nach dem ersten Training durfte Idony dann über die L-Sprünge – der erste Durchgang war ein bisschen holprig, aber Übung macht den Meister. Aber schließlich klappten auch die L-Sprünge sehr gut. Mit einem leichten Lächeln kritzelte Logan nach einer besonders guten Runde auf seinem Klemmbrett herum.
      „War das gut?“ fragte Idony als sie Benihana durchparierte. Sowohl sie als auch die Stute waren außer Atem, aber beide schienen zufrieden.
      „Sehr gut,“ bestätigte Logan. „Ich sprech das noch mit Maggie und Frank ab, aber vielleicht könnt ihr nächsten Monat euer erstes L-Geländespringen gehen.“
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      chapter eighteen | 03. August 2018
      Benihana
      Mit konzentrierter Miene schwang sich Idony in den Sattel. Benihana war ganz der Turnierprofi; das Tohuwabohu um sie herum interessierte sie herzlich wenig, und ebenso entspannt ging sie eine halbe Stunde später auch vom Abreiteplatz Richtung Viereck. Idony hingegen hatte Schmetterlinge im Bauch; Springen war ihr lieber als eine Dressurkür. Aber die Leistungsprüfung war wichtig, schon alleine, damit Idony später ihre eigene kleine Benihana haben konnte. Also presste sie die Lippen aufeinander, ließ Benihana antraben und ritt in das Viereck ein. Nach dem Grüßen der Richter ging es weiter im Trab. Benihana war weniger der Typ zur Selbstinszenierung, deswegen hatte Idony in der Dressur häufig mehr Arbeit, die Stute richtig zu präsentieren; so auch heute. Im Galopp hingegen, der kurz darauf folgte, hatte sie Händel, die Stute zu versammeln. So gesetzt wie möglich gingen die beiden auf den Zirkel, um kurz danach, wieder im Trab, durch die Bahn zu wechseln. Idony spürte, wie ihre Wangen langsam heiß wurden und sie zu schwitzen begann – da sollte nochmal jemand sagen, Reiten wäre nicht anstrengend. Auf der anderen Hand ließ sie Benihana wieder angaloppieren, diesmal im starken Galopp, und nahm sie an der folgenden kurzen Seite wieder zurück in den Trab und schließlich in den Schritt. Das Zügel aus der Hand kauen lassen klappte gut – sonst gab es da immer besonders Probleme. Stattdessen schnaubte die Stute zufrieden und war auch wieder bei der Sache, als Idony die Zügel wieder aufnahm und die Hilfe zum Galopp gab. Jetzt wurde es tricky; zwar war Benihana mittlerweile M**-platziert, trotzdem war jede Galoppvolte eine neue Herausforderung. Doch auch dieses Mal klappte es gut, sodass Idony mit neuer Zuversicht in die letzten Sekunden der Prüfung ging. Mit einer ganzen Parade parierte sie Idony in den Schritt durch und wechselte noch einmal die Hand durch einen Zirkel. Dann trabte das Duo wieder an, ritt eine halbe Bahn und bog wieder auf die Mittellinie ab. Beim Grüßen konnte Idony ihr Grinsen kaum noch verbergen, und als Benihana so entspannt schnaubend aus der Bahn lief, konnte Idony gar nicht anders als ihr um den Hals zu fallen.
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      Steenhof, 12. September
      Charon, Bohéme, Balboa, Simplicity of Sophistication, Painted Basquiat, HGT's Saevitia, A Touch of Peace, Calista, Callisto, Andromeda, Ballroom Blitz, Benihana, Ironic, Ares, Bucky, Painted Blur, Calina

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      Die Sonne war gerade erst aufgegangen, als ich mich in einem dicken Hoodie und Stirnband aufs Fahrrad setzte. Am Himmel waren nur einige Wolken zu sehen, aber der Wind pfiff mir um kurz vor halb 7 schon ordentlich um die Nase.

      Dementsprechend eingefroren waren meine Hände, als ich am Laufstall der Stuten vom Sattel rutschte. Ich lehnte es an die Backsteinfassade des Stalls und streckte meine Finger. Es wurde schleunigst Zeit, sie unter eine warme Mähne zu stecken und zu warten, bis sie wieder aufgetaut waren.

      Zum Glück (für meine Finger) war es nachts momentan so kalt, dass ich aus Vorsicht die Fohlen und ihre Mütter in den Laufstall trieb und die großen Schiebetore verschloss. Calista und Andromeda verbrachten die Nacht dann auf der Wiese und Calina, Benihana und Bucky versuchten sich nicht zu zerfleischen – bis es wieder ein bisschen wärmer wurde.

      Durch die Fenster schien schon warmes Licht auf das Pflaster vor dem Laufstall; als ich das Tor aufzog und den Kopf hineinsteckte, war aber kein Pfleger zu sehen. Innen war es fast schon wohlig warm (aber vielleicht machte das auch einfach der Hoodie), also machte ich hinter mir schnell wieder das Tor zu und huschte zur großen Laufbox auf der anderen Seite der Stallgasse und lugte über die weiße Boxenwand.

      Langsam schienen sich die drei Grazien doch zu arrangieren; während sie die letzten Tage jeden Morgen in einer jeweils anderen Ecke standen, den Hintern den anderen beiden Stuten zugewandt, lag Bucky jetzt entspannt auf der Seite im Stroh, nur wenige Meter daneben Benihana und Calina rundete den kleinen Kreis ab, indem sie am Gatter stand und ein Hinterbein entlastete. Die drei Fohlen hatten da weniger Probleme; Balboa und Charon zogen sich bereits gegenseitig an den Mähnen und Bohème, die noch ein bisschen an ihrer Mama hing, lag zwischen den zwei braunen Stuten. Als sie mich erkannte, sprang sie jedoch sofort auf und spitzte die Ohren.

      „Hallo meine Hübschen,“ flüsterte ich – dann merkte ich, dass mich kein Hauke und kein Fiete hören konnte und räusperte mich. „Na, gut geschlafen?“

      Calina, die mir am nähesten war, blinzelte mich nur mit ihren großen braunen Augen an. Gut, heute nicht gesprächig. Dann machte ich mich halt an die Arbeit.

      Zuerst schob ich die Schiebetore der Laufbox auf, sodass die Pferde hinaus konnten. Benihana und Bohème waren die ersten, die sich in die kühle Morgenluft hinaus trauten und auch, wenn sie die Nacht über genug Heu zur Verfügung hatten, steuerte die beiden eine der Heuraufen an. Mit einer runzelnden Stirn beobachtete ich das und nahm mir vor, das später mit Hauke zu besprechen.

      Calina und Bucky machten beide keine Anstalten, sich auch nur irgendwie zu bewegen, also machte ich mich auf den Weg, die anderen beiden Stuten zu suchen. Andromeda und Calista benutzten den Laufstall so, wie ich es mir gewünscht hatte und wie auch die anderen Stuten ihn bis vor einer Woche benutzen durften. Neben der Liegefläche in der Box, in der die Stuten mit Fohlen die Nacht verbrachten, gab es direkt vor den Schiebetoren der Box ein befestigtes Paddock mit verschiedenen Heuraufen und Tränken. Rechts und links vom Paddock gingen die verschiedenen Weiden ab; erst gestern hatte ich die mittlere geöffnet, und da die zwei anderen Stuten nirgendwo zu sehen waren, vermutete ich sie dort.

      Calista war vor einer Woche erst bei uns angekommen, nachdem ich mich sofort in sie verliebt hatte und Jette, die zum Probereiten mitgekommen war, auch noch ihr Okay gegeben hatte. Sie war noch ein bisschen schüchtern und traute mir noch nicht ganz, aber zum Glück hatte ich Geduld. (Zumindest meistens.)

      Glücklicherweise akzeptierte Calista Andromeda vollkommen, sodass ich die beiden zusammengehuddelt in der hintersten Ecke der Koppel entdeckte. Andromeda hob schon den Kopf und brummelte mir entgegen, bewegte sich aber keinen Schritt. Mit einem freundschaftlichen Tätscheln begrüßte ich sie und inspizierte sie dabei gleich. Die Schramme auf der Brust, die Andromeda bei einem der Rangkämpfen die letzten Tage gekriegt hatte, war schon kaum noch zu sehen. Genauso bei Calista; die hatte sich aber recht schnell gegenüber den drei Müttern durchgesetzt und wurde mittlerweile wieder ziemlich in Ruhe gelassen.

      Auf dem Rückweg schloss sich Andromeda mir an, und Calista kam widerwillig ebenfalls mit. Zu meiner großen Überraschung standen die drei Mütter an ein und derselben Heuraufe und mümmelten genüsslich ihr Frühstück; so konnten sich die beiden anderen ohne Probleme an die nächste Raufe stellen und jeder hatte seine Ruhe.

      Hoffentlich. Mit einem Seufzer strich ich noch Balboa und Charon über die kurzen Mähnen (Bohème waren Menschen noch ganz und gar nicht geheuer und brachte mich daher ganz schön in die Bredouille, was das Fohlenbrennen in ein paar Wochen anging) und machte mich auf den Weg zu den nächsten Pferden.

      Die Jungstuten verbrachten von Ende Mai bis Mitte Oktober ihr Leben auf den Weiden in kleinen Herden. Schon seit frühesten Tagen des Steenhofs waren die äußersten Weiden dafür verplant, aber nachdem die sich die Zucht immer wieder verkleinerte, standen nicht nur die Youngsters des Steenhofs darauf. Mittlerweile war es eine bunte Mischung der umliegenden Züchter – Warmblüter, Kaltblüter, das ein oder andere Pony. Vom Steenhof waren momentan vier Jungstuten dabei; Painted Basquiat und Simplicity of Sophistication mit den jüngeren, HGT’s Saevitia und A Touch of Peace mit den etwas älteren, die ihren letzten Sommer auf der Wiese verbrachten.

      Mein Magen grummelte schon ganz schön, als ich die Kleinen erreichte und vom Rad stieg. Das Frühstück gab es traditionell erst, wenn die Pferde versorgt waren und man sich sicher sein konnte, dass es über Nacht keine Zwischenfälle gegeben hatte. Also waren erst die Youngster dran.

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      Wie fast jeden Tag war ich wieder eine der letzten, die zum gemeinsamen Frühstück in meine eigene Küche stolperte. „Moin,“ rief ich in die Runde, sogar relativ gut gelaunt, und ließ mir durch die gegrummelte Antwort auch nicht den Morgen verderben. Ich quetschte mich auf die Bank zwischen Hauke und Fiete und krallte mir das letzte Croissant aus dem Brotkorb, bevor es jemand anderes tat.

      Wenn der erste Hunger erstmal bekämpft war, ging es an die Tagesbesprechung. Auch bei den Hengsten, um die sich Malte und Fiete heute morgen gekümmert hatten, war alles gut gewesen in der Nacht – keine Zwischenfälle, so wie man das eben wollte.

      An meinen Füßen quetschte sich eine der Corgis und drückte ihre feuchte Schnauze an das kleine bisschen Haut zwischen Hosensaum und Socken. Ohne dass es Hauke sah nahm ich mir ein bisschen Schinken und ließ diesen stückchenweise nach unten verschwinden, während Hauke und Jette über den heutigen Trainingsplan diskutierten.

      Arbeit delegieren, das überließ ich gerne Hauke. Der hatte einfach eine Art an sich, der man nicht widersprechen konnte. Ich hingegen ließ mich gerne überreden und halste mir am Ende alles auf, was getan werden musste. Also riskierte ich einen unauffälligen Blick nach unten – Jelly sah mich mit großen Augen an und schon verschwand das nächste Stückchen Schinken nach unten – und ignorierte Fietes Stoß zwischen die Rippen, als er mich dabei ertappte.

      Delegieren war ein gutes Stichwort: Malte lag mit Sommergrippe daheim im Bett, und somit fehlte einfach ein Paar Hände. Hauke legte die Stirn in Falten und starrte auf den Planer, der vor ihm auf dem Tisch lag. „Also – Fiete macht die Hengste alleine –“ Jetzt stieß ich dem Pfleger neben mir den Ellenbogen in die Seite. Fiete war noch nicht lang hier, hatte erst vor wenigen Jahren entdeckt, dass er was mit Pferden anfangen konnte und Hauke behandelte ihn gerne ein bisschen wie ein rohes Ei. Dass er ihm nun die Ehre erwieß, die zweitheiligsten Pferde auf dem Hof alleine auf die Koppel zu stellen und für die Hygiene im Hengststall verantwortlich machte, war ein großer Schritt Richtung Selbstständigkeit für Fiete. Der bekam nur ein bisschen rote Bäckchen und grinste mich schelmisch an. „– Ich mach den Laufstall, Fritzi spielt Babysitter und Jette guckt, dass alle Pferde, die bewegt werden sollen, bewegt werden.“ Mit einem selbstzufriedenen Grinsen steckte Hauke die Kappe auf seinen Fineliner und trommelte auf dem Tisch. „Na dann.“

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      Während Hauke und Fiete also schon mal misteten, zog ich mich für den Vormittag in mein Büro zurück. Wirklich viel Personal hatten wir auf dem Hof nicht, und wenn, dann arbeiteten sie im Stall mit – dementsprechend blieb der Papierkram an mir hängen.

      War ich dafür qualifiziert? Haha, absolut gar nicht. Aber einer musste es ja tun.

      Also nannte ich die nächsten Turniere, telefonierte mit dem Zuchtverband noch einmal wegen dem Fohlenbrennen. Mitten im Telefonat klopfte es plötzlich am Türrahmen, und als ich mich mit meinem Schreibtischstuhl umdrehte, stand Jette mit einem leichten Lächeln im Büro.

      Jette, Hauke und ich hatten eigentlich irgendwie unser ganzes Leben miteinander verbracht und da wir alle drei die Leidenschaft für Pferde teilten, war es für mich auch selbstverständlich gewesen, das Projekt eigener Pferdehof mit den beiden aufzuziehen. Jette als Pferdewirtin mit dem Schwerpunkt Klassische Reitweise hatte deswegen den Reitpart übernommen und mittlerweile eine kleine Schar an Turnierreitern angesammelt, die den Steenhof repräsentierten.

      Immer noch am Telefon hängend schob ich Jette den Zettel mit den genannten Turnieren über den Tisch. Vorwiegend waren es Springen, das ein oder andere Dressurturnier oder ein Geländespringen für Ballroom Blitz war aber auch dabei. Sie studierte den Zettel kurz, nickte und ging dann wieder aus dem Büro, wahrscheinlich, um sich einen eigenen Plan zu machen.

      Das war der Vorteil von dieser Arbeitsteilung – ich konnte mich jetzt ganz allein auf etwas Wichtigeres konzentrieren, mich aber drauf verlassen, dass das trotzdem funktionierte. Zufrieden trug ich den Termin zum Fohlenbrennen in den Kalender ein, legte auf und wählte dann auch schon die nächste Telefonnummer.

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      Nach einem kleinen Mittagessen packte ich mir die beiden Corgis und schwang mich wieder aufs Fahrrad. Mittlerweile waren die Temperaturen wieder auf um die 17 Grad gestiegen und ich vermisste meine Sonnenbrille, als ich den Weg zum Laufstall einschlug. Jelly ließ sich im Körbchen am Lenker die Sonne auf das rotweiße Fell scheinen; Peanut hingegen lief hinter dem Fahrrad her.

      Die Pferde fanden die beiden Corgis größtenteils langweilig und ließen sich von ihnen nicht stören, wenn die beiden Hündinnen sich über die Weide jagten. Andersherum sah das anders aus; Jelly, die ich schon oft bei meinem alten Job dabeigehabt hatte, ignorierte die Pferde, ließ sich von ihnen auch mal beschnuppern, aber Peanut hatte größten Respekt vor den anderen Vierbeinern. Kam ihr einer zu nahe, nahm die Cardiganhündin Reißaus. Als Training für beide legte ich häufig eine alte Pferdedecke auf den Boden des Putzplatzes, auf dem Peanut dann Leckerlis bekam, während ich die Pferde putzte.

      Jetzt, mit den Fohlen, war das wieder nicht ganz so einfach, da vor allem Balboa äußerst neugierig war und sich anguckte, was da auf dem Boden lag. Trotzdem legte ich die Decke neben die Putzkiste und als ich mit Calina und Charon zurückkam, lagen beide Corgis auf dem karierten Stück Stoff.

      Der Fokus lag ganz auf den Fohlen – von Anfang an hatte ich sie an jegliche Berührungen gewöhnt. Dementsprechend ließ sich Charon auch ohne Probleme putzen und nach ein paar Versuchen gab er mir auch die Hufe. Um ihn machte ich mir die wenigsten Probleme; bis jetzt war er Menschen gegenüber immer sehr aufgeschlossen gegenüber gewesen. Bauchschmerzen bereitete mir dagegen Bohème.

      Ich persönlich hatte erwartet, dass Benihanas Fohlen ein bisschen wurde wie sie – so, wie es häufig ist: Mama lebt vor, Baby macht nach. Bei Benihana und Bohème war es eher so, als wäre die Unabhängigkeit der Mutter zu 300% aufs Fohlen übergegangen. Dementsprechend zog sich das Putzen auch; obwohl Bohème genau die gleiche Behandlung wie Balboa und Charon bekommen hatte, ließ sie das Putzen nicht ohne Zwischenfälle beenden. Als ich die beiden zu Calina und Charon auf den kleinen Reitplatz brachte, schickte ich ein kleines Stoßgebet gen Himmel, dass beim Fohlenbrennen nur alles gut gehen sollte.

      Nachdem auch Balboa und Bucky ihre Putzstunde abgeschlossen hatte, klingelte ich kurz Fiete und Hauke an. Fiete, weil er mit aufs Brennen sollte und das Vorstellen üben sollte, und Hauke, um zweites Paar Auge dabei zu haben.

      Mir fiel ein Stein vom Herzen, als Bohème dann doch zeigte, was in ihr steckte. „Schön schwungvoll,“ kommentierte ich, während Fiete mit Benihana um uns herumtrabte und das kleine Stutfohlen hinterher. Hauke antwortete nicht, aber seine Stille nahm ich als Zustimmung. Bohème blieb brav an Mamas Flanke, machte aber große, raumgreifende Schritte.

      „Da brauchen wir hoffentlich nicht mehr viel üben,“ murmelte Hauke und schickte Fiete dann zum nächsten Mama-Baby-Paar.

      Bei den anderen beiden Fohlen war ich mir ihrer Fähigkeiten ziemlich sicher; Charon war meine Hoffnung auf ein Prämienfohlen, bei Balboa sollte man lieber gar nicht erst daran denken. Sie wusste zwar auch, sich zu präsentieren, aber der Elan und Schwung fehlte – auch, als Fiete schon mit hochrotem Kopf noch einen Schritt schneller über die Bahn trabte und Bucky dadurch auch größere Schritte machte, war nicht mehr viel herauszuholen. Trotzdem war ich mir sicher, dass Balboa trotzdem für den Sport gemacht war. Wenn sie nur ein Fünkchen ihrer Eltern hatte, die ja schließlich beide bis in die hohen Klassen gesprungen waren, würde sie uns beim ersten Freispringen komplett vom Hocker hauen.

      „Das reicht, Fiete,“ rief Hauke und drehte sich dann zu mir. Ich zuckte mit den Schultern.

      „Wird schon.“

      Hechelnd kam Fiete in die Mitte zu uns. „Ich hab mir das anders überlegt.“ Er musste eine Pause machen, um nach Luft zu schnappen. „Ich will nicht mit aufs Fohlenbrennen.“

      Sowohl Hauke als auch ich mussten ein Grinsen unterdrücken. Wir waren selbst einmal in Fietes Schuhen gesteckt, und in meinem Fall war das noch gar nicht so lang her.

      „Ach Fiete,“ meinte ich und legte ihm den Arm um die Schultern. „Da wirst du wohl durchmüssen.“

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      Am späten Nachmittag hatte ich dann endlich die Möglichkeit, mich selbst in den Sattel zu schwingen.

      Nach den Babysitter-Pflichten war ich zum Hauptreitplatz auf der anderen Seite geradelt. Jette selbst saß auf Andromeda, schien jedoch schon beim Abreiten zu sein. Nebenbei sah sie Greta zu, einem jungen Mädchen, das fast jeden Tag nach der Schule auf den Steenhof kam. Sie saß im Sattel von Callisto, einem Schimmelhengst, der erst wenige Wochen hier war. Bis jetzt kam das Mädchen mit den Hengsten recht gut zurecht, und glücklicherweise war sie schier geboren für den Springsport. Trotzdem war Dressurarbeit genauso wichtig, weswegen keinerlei Hindernisse aufgebaut waren.

      „Pass auf, dass du dein Bein nicht hochziehst,“ rief Jette, während Andromeda am langen Zügel vor sich hinstiefelte. „Bein lang, Kopf hoch.“

      Dann sah sie mich und hielt die Holsteinerstute auf der anderen Seite des Zauns an. „Sag bloß, du hast nichts mehr zu tun.“

      „Doch doch,“ meinte ich. Zu tun hatte ich immer; das nächste Jahr wollte schließlich durchgeplant werden. „Aber nur langweiligen Papierkram. Außer natürlich –“

      Jette rollte mit den Augen. „Bevor du dich natürlich noch zu Tode langweilst,“ betonte sie, aber mit einem leichten Lächeln auf den Lippen, „dann kannst du natürlich gucken was Barney so macht.“

      Ich lächelte zurück, mit geschlossenem Lippen, den Kopf nach oben zu ihr geneigt. „Danke, dass du dich so sehr um mich sorgst.“

      Jette ließ Andromeda wieder antreten. „Du hast Glück, dass Levi mir eh abgesagt hat.“

      Fröhlich vor mich hinsummend setzte ich mich wieder in den Sattel meines Fahrrads und machte mich auf den Weg zu den Weiden um den Paddockstall der Hengste herum. Bis jetzt hatten wir Glück mit den Hengsten gehabt; keiner musste in Einzelhaft gehalten werden, jeder hatte mindestens einen Weidepartner. So standen Painted Blur und Ares als Deckhengste gemeinsam auf einer großzügigen Weide; Ironic, Callisto und Ballroom Blitz auf der anderen. Die Dreiergruppe funktionierte zwar, trotzdem würde ich jedem möglichen Konflikt aus dem Weg gehen. Bis jetzt fehlte mir aber noch der passende Hengst dazu.

      Ironic und Barney grasten beide in der Ferne; auf meinen Pfiff hoben sie zwar die Köpfe, ließen sich aber nicht zum Herankommen überreden. „Gut, dann eben nicht,“ murmelte ich, legte das Halfter auf die Schulter und kämpfte mich über die Wiese.

      Gemeinsam mit Jelly ging es keine halbe Stunde später den Deich entlang. Rechts die Elbe, links eine Gruppe Bäume, ein paar Weiden mit schwarz-weiß gefleckten Kühen. Barney war schon etliche Male an den Weiden vorbeigelaufen, und trotzdem spitzte er auch heute wieder die Ohren und nahm den Kopf hoch. Trotzdem stapfte er mutig am Zaun entlang. Einige Meter vor uns schnupperte Jelly an einem Grashalm. Eigentlich beließ ich es bei Ausritten, bei denen die Hunde mit dabei waren, beim Schritt; Trab würde theoretisch gehen, doch im Galopp kamen die kleinen Stummelbeine einfach nicht schnell genug hinterher, und vor allem mit Peanut musste man noch daran arbeiten, dass sie nicht ins Hüten kam und womöglich unter die Hufe geriet. Mit Jelly übte ich das Ausreiten jedoch schon seit ich sie hatte; mit einem Pfiff kam sie an die linke Seite von Barney und mir, mit „Bleib“ legte sie sich auf den Bauch und sah uns dann zu, wie wir den Deich entlang davon trabten. Allzu weit ging ich jedoch nicht, immerhin sollte die Hündin mein Rufen noch hören. Im Schritt und am langen Zügel schlug ich dann den Rückweg ein.

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      Sehr viel früher als gewohnt verschwand die Sonne mittlerweile. Als ich Barney zurück auf die Koppel gebracht hatte, war sie schon hinter die Baumkronen des nahen Waldes gekrochen. Gemeinsam mit den zwei Corgis radelte ich zurück zum Haus – jetzt war die ruhige Zeit des Tages angekommen. Ich schmierte mir ein paar Brote, setzte mich damit auf die Couch und ließ mich vom Fernsehen berieseln. Erst gegen acht machte ich mich daran, die Pferde einzusperren.

      Genauso wie es morgen mein kleines Ritual war, zu sehen, ob bei den Pferden alles gut ist, so war es auch am Abend mein Ritual, das Heu und Kraftfutter zu verteilen und die Mütter samt Fohlen in die Laufbox zu bringen. Ein bisschen Überredungskunst brauchte es, aber schließlich waren alle drinnen.

      Die Hengste waren ein wenig mühsam – teilweise einzeln musste ich sie von den Koppeln holen und in die Box bringen. Irgendwie musste man ja auf seine 10.000 Schritte pro Tag kommen, dachte ich während ich Ares, den letzten im Bunde, zu mir rief. Er war der Meister des Tänzelns und hatte mir schon einmal fast die Box zerlegt, als er für wenige Minuten alleine im Stall war – deswegen kam er seitdem als letztes in den Stall. Nachdem dann alle Hengste in ihren warmen Boxen waren und ihr Futter mümmelten, war auch für mich Feierabend. Und ich hörte schon mein Bett rufen – ja, bis in den Hengststall. Musste dringend sein. Ich sollte mich also schnell auf den Weg dahin machen. Konnte ja alles passiert sein.
      Geposted: 20.10.18
      Von: Rhapsody
    • Rhapsody
      Steenhof, 29. September
      Charon, Bohème, Balboa, HGT's Saevitia, A Touch Of Peace, Benihana, Bucky, Calina
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      Eigentlich war Hauke immer der Morgenmuffel gewesen.

      Nein, das war falsch. Hauke war kein Morgenmuffel, Hauke war ein Muffel.

      Auf jeden Fall war ich immer das komplette Gegenteil gewesen – schon kurz nach dem Aufstehen und auch nach nur ein paar Stunden Schlaf konnte ich vor mich hinplappern, war aktiv und konnte klare Gedanken fassen. Hauke eben nicht.
      Deswegen blieb ich wie vom Blitz getroffen stehen, als ich ihn um kurz nach sechs (Uhr. Morgens.) pfeifend im Stutenstall traf. Er war in der Sattelkammer, die Spinde von Bucky, Calina und Benihana sperrangelweit offen.

      Als er mich entdeckte, grinste er breit. „Moin!“

      Ich starrte ihn nur ungläubig an. Ihm fiel nach und nach das Grinsen aus dem Gesicht.

      „Ist was passiert?“

      Jelly schlängelte sich an meinen Beinen vorbei und begrüßte Hauke mit Popowackeln (mit dem Schwanz wedeln konnte die Gute ja leider nicht, immerhin war sie ein Pembroke und kein Cardigan) und präsentierte ihm sogleich den Bauch.
      Hauke, der die Hunde meistens nur tolerierte und solche offenen Zuneigungsgesten gekonnt ignorieren konnte, packte sofort die Bandagen, die er gerade in der Hand hielt, wieder in Buckys Spind und kniete sich hinunter zu Jelly.

      Gut, er packte die Babystimme nicht aus, die ich und so ziemlich jeder normale Mensch hatte, wenn er mit den zwei Corgis konfrontiert wurde (und dann noch so niedlich auf dem Bauch liegend! Wäre ich nicht so in meinen Grundfesten erschüttert worden, hätte ich sofort mein Handy aufgepackt und alles gefilmt), aber er kraulte Jellys Bauch.

      „Wer bist du,“ sagte ich langsam, immer noch in der Tür zur Sattelkammer zur Salzsäule erstarrt, „und was hast du mit Hauke gemacht?“

      Hauke sah von Jelly auf, hörte aber nicht auf, die Hundedame zu streicheln. „Was?“

      Ich verengte meine Augen zu Schlitzen. „Du bist mir viel zu gut drauf.“

      Er rollte mit den Augen. „Gewöhn dich nicht dran, das ist eine Ausnahme.“

      „Bitte, wenn du noch mehr redest, fall ich wahrscheinlich in Ohnmacht. Bist du vielleicht krank?“

      Das anfängliche Grinsen fiel endgültig aus seinem Gesicht. „Sag mal, hast du nicht irgendwas zu tun?“ Er hatte mit den Krauleinheiten aufgehört, und Jelly drehte sich mit einem Grunzen wieder auf den Bauch zurück.

      Ich löste mich aus meiner Schockstarre, denn ja, ich hatte tatsächlich etwas zu tun. In ein paar Stunden mussten wir die Fohlen samt Mamas einpacken und nach Elmshorn aufs Fohlenbrennen fahren. Und davor sollte natürlich jegliche Arbeit erledigt sein, die sonst im Laufe des Tages anfallen würde.
      Ein bisschen Husch Husch machte ich also meine Morgenrunde und nach dem Frühstück auch noch kurz auf den Koppeln der Jungstuten. Viel Zeit würde zumindest Saevitia und Touch of Peace nicht mehr haben, dann ging es aufs Gestüt und langsam aber sicher begann der Ernst des Lebens. Das hatte ich mir als Aufgabe gesetzt – Charon würde dieses Jahr noch in die Hengstaufzucht kommen, die zwei Stutfohlen nächstes Frühjahr, und mir sollte ja nicht langweilig werden. Sobald das Fohlenbrennen vorbei war, würde ich auch damit beginnen, Saevitia und Touch of Peace immer mal wieder für ein, zwei oder drei Stunden von der Koppel zu holen, damit der Bruch am Ende nicht ganz so hart und plötzlich war. Während ich so drüber nachdachte, fiel mir auf, dass da wohl ein ganzer Batzen Arbeit auf mich zukam, bis ich auch nur daran denken konnte, die beiden anzureiten. Vielleicht hatte ich mir da ein bisschen viel vorgenommen.

      (Andererseits war die Turniersaison auch bald vorbei und Jette sollte ja auch nicht langweilig werden.)

      Die Temperatur war morgens nach wie vor frisch, aber sobald die Sonne rauskam, fühlte es sich an, als ob der Sommer gar nicht Lebewohl sagen wollte – selbst bei uns im Norden. Missmutig hatte ich die Arme vor der Brust verschränkt, und während die Jungstuten seelenruhig um mich herum grasten (oder es zumindest versuchten, nachdem eh fast alles unter der Sonne verbrannt war), starrte ich mit finsterer Miene gen Himmel.
      Erst Hauke, jetzt auch noch das Wetter. Ob das mal keine bösen Omen waren.

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      Gestern Abend hatte ich nur die Fohlen schon einmal eingeflochten. Ich hatte erwartet, dass das um einiges länger dauern würde als das normale Einflechten und die Fohlen hatten mich auch nicht enttäuscht. Zum Glück hatte das Ganze gehalten. Jetzt fehlten nur noch die Damen. Und passenderweise war Hauke unauffindbar. Super. Dafür hatte Fiete das Pech gehabt, gerade in den Laufstall zu kommen, als ich Calina und Charon herausführte, und so wurde er schnell dazu verdammt, Benihana und Bohème zu übernehmen.

      Ich hatte gestern Abend gehofft, dass es mit ein bisschen putzen und einflechten getan war. Calina, ihres Zeichens professionelle Schmutzaufschnüfflerin und -mitganzemkörpereinsatzbekämpferin, bewies mir das Gegenteil. Ich stiefelte also los in den Hengststall, zu Calistos Spind, um den Schimmelstein zu holen. Schlechte Idee, nicht für jeden Schimmel einen angeschafft zu haben, Fritzi. Ganz bescheuerte Idee.
      Wenigstens Charon war präsentabel und mit ein paar Bürstenstrichen auch schon fertig. Nach viel zu langer Zeit war dann auch seine Mutter fertig und ich konnte mich auf Bucky konzentrieren. In einer Hand führte ich die Stute, in der anderen hatte ich die Fohlenhafter und noch dazu drei Paar Transportgamaschen unter die Achseln geklemmt.

      Als dann alle drei Stuten geputzt, (halbwegs) sauber und eingeflochten waren, schlenderte dann auch Hauke langsam und gemütlich auf den Vorplatz des Stalls, auf dem Fiete und ich uns ausgebreitet haben. Bevor er aber einen dummen Kommentar abgeben konnte, deutete ich zurück auf die Straße. „Transporter holen. Jetzt.“

      Er hob abwehrend die Hände, drehte aber ohne einen Kommentar um und wenige Minuten später stand der Transporter dann auch schon bereit.

      Ein Blick auf die Uhr verriet, dass wir uns auf gar keinen Fall weiter verspäten durften. Hauke und Fiete verluden also dreimal Stute und Fohlen, während ich Trensen, Bandagen und alles, was wir sonst noch brauchten, aus der Sattelkammer holte.

      In weiser Voraussicht, dass wir wohl ein bisschen Zeitprobleme kriegen würden, hatte ich Fiete und Hauke schon letzte Woche freundlich darum gebeten (also gezwungen), die passende Kleidung fürs Brennen im Stall zu deponieren. Wie ein Packesel joggte ich also aus dem Stall, verstaute alles im Transporter und schob Fiete und Hauke dann vor mich her – wir hätten eigentlich vor fünf Minuten losfahren müssen.

      Deswegen waren wir dann auch mit etwa fünf Minuten Verspätung am Turnierplatz. Weil ich natürlich ein so wundervoller Organisator war, hatten wir aber immer noch genug Zeit, um die Pferde so ruhig wie möglich auszuladen – die Fohlen waren vom Transporter nicht so ganz überzeugt und würden am liebsten alle drei sofort von der Rampe springen, sobald sie konnten – und uns selbst ins Brennoutfit zu schmeißen.

      Der Plan war folgender: Fiete würde Charon und Calina vorstellen, weil ich damit rechnete, dass Charon die Juroren absolut verzaubern würde. Hauke machte Benihana und Bohème und ich versuchte, alle von Balboa zu überzeugen. Ich persönlich sah in ihr zwar, dass sie später eine große Karriere im Springsport vor sich hatte – aber ganz ehrlich, der Trab war ausbaufähig und das war ja heute das wichtigste.

      Kurz bevor wir an der Reihe waren, fand Hauke mich mit meiner Unterlippe zwischen den Zähnen und einem starren Blick in die Ferne.

      „Wir sollten uns dann auf die Socken machen,“ sagte er. „Wird schon schief gehen.“

      „Das musst du schon sagen, während du auf Holz klopfst. Sonst bringt das nur Unglück.“

      Er hob die Hand, grinste mich schelmisch an und klopfte mir dann zweimal an die Stirn. Ich funkelte ihn an. „Hast du Glück, dass ich dich nicht vor allen Leuten in den Boden rammen möchte,“ drohte ich ihm.

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      Im Grunde war das Fohlenbrennen keine große Sache. Im Grunde. Auch, wenn man das Aufstellen und das Traben bis zum Vergasen geübt hatte – die Situation war für die Babys komplett ungewohnt. Alle drei unserer Fohlen waren ununterbrochen am Wiehern oder Brummeln. Vor allem Balboa war absolut nicht bei der Sache und raubte mir die letzten Nerven, als sie sich um ein Haar vom Führstrick losreißen konnte. Nur in letzter Sekunde und nur, weil ich Buckys Zügel wegschmiss, blieb die junge Stute bei mir. Als wir uns dann wieder gesammelt hatten, übergab mir Fiete wortlos die Zügel, die er aufgefangen hatte. Anscheinend sah man an meinem finsteren Gesichtsausdruck, dass ein blöder Kommentar in einem möglichen Büschebad enden würde – sogar Hauke biss sich auf die Zunge.

      Wenig später waren wir dann alle nacheinander dran. Hauke machte den Anfang und Bohème stellte sich gar nicht so blöd an, wie ich gedacht hatte. Am Schluss beurteilten die Richter das Fohlen sogar mit einer 7,7 und somit hatte ich schon mal mein erstes Prämienfohlen. Charon zeigte sich genauso souverän wie ich erwartet hatte und wurde mit einer 8,1 bewertet. Ich wäre wirklich allzu gerne ausgerastet, aber als er gemeinsam mit Calina zum Brennen geführt wurde, musste ich mich bereithalten. Bucky war die Ruhe selbst – sie stellte sich sofort ordentlich auf, ignorierte das Getummel um sie herum und zeigte mir, was sie als Zuchtstute ausmachte. Am liebsten hätte ich ihr aus Dank einen Kuss zwischen die Nüstern gedrückt. Buckys ruhige Art übertrug sich ein bisschen auf Balboa; die kleine Stute stand für ein paar Augenblicke sogar artig neben ihrer Mama und sah sich nur mit gespitzten Ohren um. Der Kommentator ratterte nebenbei die Abstammungen der beiden Pferde herunter, dann bekam ich das Zeichen und es ging auf die Dreiecksbahn. Bucky lief ordentlich neben mir her, Balboa – ganz Balboa eben – preschte voraus. Bis ich sie wieder eingeholt hatte, galt es, nochmal alles rauszuholen. Und siehe da – was ich so hinter Bucky sah, sah es sogar ganz ordentlich aus.

      Gerade so reichte es mit einer Note von 7,5 auch noch für eine Prämierung. Später, als die Fohlen alle ihren Brand hatten und wir alle die Ruhe vor dem Sturm genossen, lehnte ich mich zufrieden seufzend an den Transporter. Als weder Hauke noch Fiete etwas sagten, öffnete ich die Augen einen Schlitz und klopfte mir stattdessen selbst auf die Schulter.

      Hauke warf mir einen bösen Blick zu, Fiete sah mich nur verwirrt über die Schulter an, während er Benihana die Transportgamaschen anlegte.

      „Was denn?“ fragte ich und zuckte mit den Schultern. „Wenn’s kein anderer macht.“
      Geposted: 26.11.18
      Von: Rhapsody
    • Rhapsody
      Steenhof, 10. November
      Charon, Bohéme, Balboa, Simplicity of Sophistication, Painted Basquiat, HGT's Saevitia, A Touch of Peace, Calista, Callisto, Andromeda, Ballroom Blitz, Benihana, Ironic, Ares, Bucky, Painted Blur, Calina

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      Es klopfte an meiner Bürotür. Das bekam ich nur sehr peripher mit; meine gesamte Aufmerksamkeit galt dem Video auf meinem Laptop – bis er mir ohne Vorwarnung einfach zugeklappt wurde. Mit verärgertem Gesicht sah ich auf. „Hey, ich hab hier gearbeitet!“

      Jette stand vor mir, gekleidet in einem beigefarbenen Hoodie und karierten Reithosen. Die blonden Haare hatte sie zu einem ordentlichen Zopf geflochten – und somit sah sie wieder aus, als wäre sie gerade nach einer Stunde wieder aus dem Bad gekommen. Ich wusste besser, dass sie gerade vom Training mit Calista kam und dementsprechend gar nicht so makellos aussehen durfte. Verräterin.

      Jette schmunzelte ein bisschen. „Du arbeitest seit Stunden. Es ist Zeit, dass du dich den schönen Dingen des Lebens widmest.“

      „Das war schöne Arbeit,“ murmelte ich und klappte den Laptop wieder auf. „Guck dir mal die Stute an. Hab ich gerade durch Zufall entdeckt.“

      Neugierig ging Jette um den Schreibtisch herum und beugte sich über mich. Mit einem Mausklick spielte ich das Video wieder ab. Darauf trabte eine junge Stute mit hellem Fell über eine Bahn; laut dem Verkaufstext war sie zweieinhalb Jahre alt und musste noch ein bisschen in ihre langen Beine und den hohen Rücken hineinwachsen.

      Jette war komplett auf das Video fixiert. „Was ist das denn für eine Farbe?“

      „Ein Dunskin,“ sagte ich stolz, als hätte ich das nicht selbst nachgucken müssen. „Ein Buckskin mit Falbgen also. Und: ein Holsteiner.“

      Jette sah mich verblüfft an. „Ein deutsches Warmblut in der Farbe?“ fragte sie ungläubig und nahm die Mouse in die Hand. Sie scrollte über die Seite, auf der Suche nach weiteren Informationen.

      „Ich glaub, sie wurde in den Staaten gezüchtet. Da steht sie momentan auch.“ Jette war beim Pedigree angelangt, und bevor sie es selbst lesen konnte, verkündigte ich: „Sie ist Blurrys Nichte.“

      Meine Freundin pfiff leise durch die Zähne. „Das erklärt so einiges.“ Sie klickte sich durch ein paar Bilder, dann richtete sie sich wieder auf. „Und jetzt? Willst du über den Teich fliegen und sie anschauen?“

      Ich sah mir eins der Bilder in der Anzeige an. Ein Portrait – die Stute hatte einen tollen Ausdruck, und irgendetwas sagte mir, dass sie eine Bereicherung sein würde. Trotzdem zuckte ich mit den Schultern. „Ich werde den Besitzern auf jeden Fall schreiben und sagen, dass ich Interesse hab. Aber ich hab eigentlich keine Zeit, um sie mir anzugucken.“

      „Und Hauke killt dich, wenn du die Katze im Sack kaufst.“ Jette seufzte. „Zwickmühle. Umso mehr ein Grund, warum du jetzt wirklich ein bisschen Spaß haben solltest.“

      „Spaß“, grummelte ich. „Den spaßigen Teil hast du doch schon übernommen.“ Den ganzen Tag war Jette im Sattel gesessen – unter anderem, weil ich Papierkram zu erledigen hatte. Für mich stand nur die Arbeit mit den Fohlen auf dem Tagesplan.

      „Und die Fohlen freuen sich, dich zu sehen,“ antwortete Jette, als ich ihr das mitteilte. Da hatte sie ja irgendwo Recht, und viel Zeit blieb mir mit ihnen nicht mehr. Das Wetter war noch nicht in den üblichen Novembermatsch übergegangen, dementsprechend standen die Jungpferde noch auf den Koppeln. Die Kleinsten wurden jeden Tag größer und größer, und vor allem für Charon lief die Zeit ab; erst heute morgen hatte ich die Bestätigung von der Aufzuchtstation bekommen. In etwa vier Wochen sollte es losgehen, deswegen waren wir schon fleißig am Üben. Mama war mittlerweile nicht mehr ganz so wichtig, jeden Tag ein bisschen weniger. Das Putzen klappte verhältnismäßig gut, das Führen altersentsprechend. Alles in allem war ich wirklich zufrieden mit den drei Kleinen.

      Ein letzter Blick auf die Verkaufsanzeige, dann folgte ich Jette aus dem Haus. Im Laufstall wurde ich von den Fohlen schon begrüßt – ganz vorne dabei Balboa. Sie war mit Abstand die selbstständigste und schön extrovertiert. Als ich ihr das Halfter überzog, sträubte sie sich nur kurz, folgte mir aber brav nach einem kurzen Zupfen am Führstrick. Auch Bohème und Charon ließen sich aufhalftern und zu viert marschierten wir über den Hof zur Reithalle, wie eine Kindergartengruppe. Was anderes war das auch nicht – für etwa dreißig Minuten durften die drei in der Reithalle spielen, dann ging es wieder zurück zu den Mamas. Abwechselnd wurden einmal die Mütter, einmal die Fohlen herausgenommen. So sahen Bucky, Benihana und Calina einmal etwas anderes und die Fohlen wurden nicht vom Workload überladen. Heute stand deswegen auch nur reines Spielen auf den Plan – und Balboa hatte das sofort verstanden. Wie von der Tarantel gestochen flitzte sie durch die Bahn, hetzte dem Ball hinterher und dabei zufälligerweise auch auf die Plastikplane, die ich auf dem Boden ausgebreitet hatte. Die anderen zwei Fohlen sahen ihrer Freundin erst ein bisschen zaghaft hinterher, dann stieg aber auch Charon ein. Bohème interessierte sich zum Großteil für die Plane, erschrak aber nur kurz und buckelte dann den anderen hinterher. Als ich den dreien so zusah, freute ich mich schon auf die nächsten Jahre mit ihnen – auch, wenn ich vor allem Charon erst mal wirklich vermissen würde. Die Aufzuchtstation gehörte zu dem Gestüt, auf dem auch Callisto herkam, aber die eineinhalb stündige Fahrt war für den Alltag doch ein bisschen viel. Charon würde es da super gehen, so ganz unter Gleichgesinnten – aber mir brach es ein bisschen das Herz, den jungen Hengst abgeben zu müssen. Balboa und Bohème durften noch ein paar Monate länger bleiben – zum Frühjahr kamen sie in eine Herde mit sieben anderen Stuten, zuerst in einen Laufstall, später dann auf eine unserer Weiden. Wenn ich so darüber nachdachte, wurde ich wieder ein bisschen traurig. Erst mit drei Jahren kamen sie dann wirklich zurück, und das war noch so lange hin!

      Mein Handywecker kündigte das Ende der Spielstunde an. Die drei Fohlen hatten sich beruhigt; Balboa hatte sich genüsslich gewälzt während Charon und Bohème sich gegenseitig beknabberten. Ohne Zwischenfälle zog ich ihnen die Halfter auf und brachte sie zurück in den Laufstall.

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      In einem normalen Jahr wäre die Weidesaison schon seit Wochen beendet, weil das Matschwetter angefangen hätte. Der Sommer wollte aber selbst im Oktober noch nicht gehen, weswegen die Weiden erst in den nächsten Tagen geschlossen werden. Für Peace und Saevitia war der Spaß des Lebens mit dem heutigen Nachmittag aber zuende. Während die Zweijähirgen, also Simplicity of Sophistication und Painted Basquiat mit ihrer Herde, demnächst die Reise in ihre Aufzuchtstation machen würde, würde für die drei Großen das schöne Lotterleben vorbei sein.

      Sie hatten die letzten Jahre in ihrer Herde verbracht, mit minimalem Kontakt zu Menschen. Mich kannten sie von den regelmäßigen Check Ups, und natürlich kannten sie auch noch das Fohlen ABC – in Peaces Fall sogar schon die regelmäßige Arbeit mit den Menschen. Trotzdem war es ganz schön Arbeit, beide Stuten einzufangen und von der Herde zu trennen. Herzzerreißendes Wiehern von beiden Seiten begleitete unseren Weg zum Hof, und ich war mir ziemlich sicher, dass ich taub werden würde, wenn Saevitia mir noch einmal ins Ohr schreien würde. Die schöne Buckskinstute schien es am schlimmsten zu treffen – Peace antwortete ihren Kumpels nur einmal, dann war der Schecke still und lief mit gespitzten Ohren neben mir her.

      Der Stutenstall bestand zum einen aus dem Laufstall und zum anderen aus drei großen Boxen. Eigentlich gedacht zum Abfohlen oder für ein krankes Pferd – jetzt aber erst mal als Unterbringung für die zwei jungen Stuten. Dafür hatte ich extra die Boxenwand zwischen den Boxen herausgemacht (oder herausmachen lassen – danke, Hauke!), sodass sie sich gemeinsam an die neue Situation gewöhnen konnten. Nachdem ich die Tür zum Stutenstall hinter mir zugezogen hatte, ließ ich auch beide Führstricke erst einmal los – zum einen, damit sie sich ein bisschen frei im Stall bewegen konnten, zum anderen, weil ich nicht mal versuchen wollte, mit zwei Pferden an den Händen eine Boxentür zu öffnen und besagte Pferde dann hineinzuführen. Das konnte nur schief gehen. Also ließ ich mir alle Zeit der Welt, während Saevitia und Bucky schon einmal erste Bekanntschaft über die Wand der Laufbox machten. Inklusive Gequietsche und Gegen-die-Wand-treten. Diese Zusammenführung würde bestimmt lustig werden.

      Peace lief von allein in die Box, während ich Saevitia von ihrer wirklich wichtigen Diskussion mit der braunen Holsteinerstute wegbringen musste. „Ihr habt noch genug Zeit dafür,“ grummelte ich, als ich endlich den Führstrick zu fassen bekam. Für die zwei jungen Stuten warteten zwei Eimer Mash – Peace hatte sich schon gleich auf einen Eimer gestürzt, und auch für Saevitia gab es kein Halten, als sie den Plastikeimer entdeckte. Jetzt mussten wir nur mal gucken, wie sich die zwei mit ihrer neuen Situation anfreunden würden. Ich wollte sie nicht gleich überfordern – das Training sollte erst beginnen, wenn sie einigermaßen in die große Stutengruppe integriert waren. Bis dahin kamen sie noch gemeinsam auf ein Paddock oder für eine Stunde in die Halle zum Füße vertreten.

      Das klang nach einem guten Plan.

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      Nach meiner Abendrunde schlüpfte ich ungraziös aus meinen Stiefeletten und schubste sie in die Ecke meines Flurs. Morgen früh würde ich sie wieder suchen, aber das war ein Problem für Zukunfts-Fritzi. Auf den Weg ins Wohnzimmer kam ich am Büro vorbei, indem noch eine kleine Tischlampe brannte. Gerade, als ich sie ausknipsen wollte, fiel mein Blick auf den Bildschirmschoner meines Laptops, der fröhlich hin und her sprang. Plötzlich erinnerte ich mich an die schöne Jungstute von heute morgen. Den Tag über hatte ich leider keine Gelegenheit gehabt, um Hauke nach seiner Meinung zu fragen – aber trotzdem setzte ich mich an den Schreibtisch, gab mein Passwort ein. Die Verkaufswebsite war noch geöffnet, also klickte ich schnell auf den Kontakt-Button und schrieb dem Besitzer.
      Geposted: 28.12.18
      Von: Rhapsody

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  • Album:
    3 | Steenhof
    Hochgeladen von:
    Rhapsody
    Datum:
    23 Aug. 2018
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  • [​IMG]
    Benihana
    Billie
    Skateboard-Trick

    PEDIGREE
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    von: CM Babadook

    von: Bartello xx
    von: Brazilio xx
    aus der: Gamma xx

    aus der: CM Coretta
    von: Cortez
    aus der: Hains Love Buzz


    aus der: MH Wanda

    von: Warlock
    von: Weltreise xx
    aus der: MH Elisabeth


    aus der: MH Astrid
    von: Alibaba
    aus der: Saline PD xx


    EXTERIEUR & INTERIEUR
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    Stute
    Holsteiner
    10 Jahre

    164 cm
    Brauner
    breite Blesse

    Benihana ist eine recht ehrgeizige Stute, die es ihrem Reiter nicht immer leicht macht. Übermütig könnte man sie auch beschreiben: sieht sie ein Hindernis, rennt sie kopflos darauf zu. Zumindest bringt sie ein gewisses Maß an Springfreude mit, mit der man durchaus arbeiten kann. Doch zuerst muss man ihr klar machen, wer die Entscheidungen trifft.
    Auf der Weide ist sie zurückhaltend und fast schon schüchtern gegenüber den Höherrangigen. Trotzdem lässt sie sich nicht alles gefallen und wehrt sich, wenn sie sich eingeengt fühlt. Das zeigt sich auch unterm Sattel. Drängt man sie zu etwas, das sie nicht möchte, wehrt sie sich mit Arbeitsverweigerung - und hört man dann nicht auf, auch gerne mal mit Buckeln. Lässt man ihr genug Zeit für Lektionen und gönnt ihr auch einmal einen Ruhetag, so ist die Stute im restlichen Training brav wie ein Lamm. Trotzdem hat sie von ihrem Vater nicht nur das Talent am Sprung geerbt, sondern auch das Temperament. Sie erschrickt sich leicht und macht dann aus einer Maus einen Elefanten.

    TRAINING
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    Fohlen ABC | Eingeritten
    Englisch geritten

    Dressur

    E A L M* M** S* S**

    Springen

    E A L M* M** S*

    Military

    E A L M* M** S*

    ERFOLGE
    [​IMG]
    Dressur: 1x M**-Platziert, Springen: 1x E-Platziert, Military: 1x A-Platziert

    Turniere

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    467. Dressurturnier - 468. Dressurturnier - 469. Dressurturnier - 492. Dressurturnier - 493. Dressurturnier - 500. Dressurturnier

    [​IMG][​IMG][​IMG][​IMG][​IMG][​IMG][​IMG][​IMG][​IMG]
    225. Synchronspringen - 467. Springturnier - 470. Springturnier - 228. Synchronspringen - 243. Synchronspringen - 244. Synchronspringen - 245. Synchronspringen - 500. Springturnier - 510. Springturnier

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    357. Militaryturnier


    Andere
    -

    ZUCHTINFORMATIONEN
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    SK 458 - Alle Stuten

    Decktaxe: -
    Genotyp: Aa EE
    Aus der Zucht: Mönchshof (Mayen, DE)
    Nachkommen:
    Bohème (v. Ironic)

    GESUNDHEITSZUSTAND

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    276 4 20 377778636
    Chronische Krankheiten: -
    Letzter Tierarztbesuch:
    28. Juni 2017 – Dr. Alastair Harris – Nachkontrolle

    Fehlstellungen: -
    Beschlagen: -
    Letzter Hufschmiedbesuch: -

    STALLINTERN

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    Besitzer: Rhapsody
    Ersteller: Canyon
    VKR: Canyon

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    Offizieller Hintergrund