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Rhapsody

Balboa

Holsteiner -- im Besitz seit 08/2018 -- von Leitz -- aa Ee nCr

Balboa
Rhapsody, 26 Feb. 2020
Elii, Nuray, Gwen und 2 anderen gefällt das.
    • Rhapsody
      Steenhof, 26. August
      Charon, Bohème, Balboa
      Tierarztbericht, Grundkontrolle und Chippen

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      Mein nächster Weg führte mich auf den Steenhof, dort wo Hannoveraner und Holsteiner zu Hause waren. In Empfang genommen wurde ich direkt von Fritzi Tersteegen, welche mich herzlich begrüßte und mir dann den Weg in den Stall zeigte. Drei Fohlen sollten routinemäßig untersucht und gechippt werden. Und das erste wartete am Putzplatz auch schon auf uns.
      Bohème war ein Holsteinerstutfohlen, was uns direkt etwas zappelig begrüßte. Aufgeregt schnaubte sie, als wir um die Ecke kamen. Aufgrund ihres Alters war sie nicht alleine, sondern neben ihr ruhte entspannt Benihana, die Mutterstute. Während die große Braune am Putzplatz angebunden war, wurde Bohème von Hauke, einem der Pfleger gehalten. Man merkte, dass Bohème das Halfter zwar schon kannte, aber nicht unbedingt begeistert davon war und noch weniger vom Festhalten und Stillstehen, aber für uns war es nun einmal günstiger. "Na dann", murmelte ich, stellte meine Tasche ab und begrüßte vorsichtig das Fohlen.
      Bohème war von Anfang nicht besonders überzeugt von mir, aber da ihre Mutter nicht einmal mit der Wimper zuckte, sprang sie uns zumindest auch nicht im Dreieck herum. Ich begann damit, einen vorsichtigen Blick in Ohren, Augen und Maul zu werfen. Einfach um zu schauen, ob dort alles in Ordnung war. Außerdem hörte ich Herz, Lunge und Darm ab, ehe ich auch noch die Körpertemperatur kontrollierte. Abschließend tastete ich das Fohlen noch vorsichtig ab, was Bohème zwar gar nicht gefiel, aber sie mehr oder minder duldete.
      Danach nickte ich Fritzi zufrieden zu, dem Fohlen ging es nämlich bestens. Also konnte ich die Kleine nun chippen. Zunächst rasierte ich auf der linken Halsseite die besagte Stelle für den Transponder und desinfizierte sie anschließend. Bereits hier hielt Fritzi mit fest, da Bohème nicht unbedingt angetan war von dem Rasieren. Aus meiner Tasche holte ich einen verpackten Applikator und packte ihn vorsichtig aus.
      An der rasierten Stelle zog ich eine Hautfalte auf und setzte dann den Applikator an, um dann den Transponder zu injizieren. Kurz zuckte Bohème zusammen, aber dann war auch schon alles wieder gut. Ich zog die Kanüle heraus, ließ die Hautfalte los und lobte das Fohlen sanft. Dann schnappte ich mir das Chiplesegerät und überprüfte den Transponder. Er wurde mir problemlos angezeigt und Bohème bekam den passenden Aufkleber mit der korrekten Nummer in ihren Pferdepass geklebt.
      "Nummer eins wäre geschafft", meinte ich lächelnd und während ich meine Sachen sortierte und für das nächste Fohlen alles vorbereitete, brachte Hauke die beiden weg. Der nächste stand aber schon in den Startlöchern. "Danke Fiete", meine Fritzi lächelnd und nahm einem jungen Mann die weiße Stute ab, die mir nur allzu bekannt war. Grinsend musterte ich das kleine schwarze Fohlen, welches selbstsicher neben der Mutter herstiefelte.
      Er war mir nicht unbekannt, denn seine Eltern waren durchaus Bekanntheiten und so war dieses Fohlen nicht ohne Erwartungen auf die Welt gekommen. Allerdings zeigte er sich direkt kooperativer als Bohème, denn er war wesentlich neugieriger und ruhiger, was durchaus auch daran lag, dass er sich sehr schnell unterordnete.
      Hauke war zurückgekehrt und war zur Stelle, falls wir einen zweiten Mann benötigten. Auch Charon untersuchte ich erst einmal in aller Ruhe. Erst die Kontrolle der Schleimhäute, dann das Abhören und Abtasten und zuletzt das Messen der Körpertemperatur. Alles war in bester Ordnung und so wurde auch Charon auf der linken Halsseite rasiert. Seine Ohren wippten zwar unruhig hin und her, aber sonst stand er wie eine Statue, während ich die Stelle rasierte und desinfizierte.
      Auch der restliche Verlauf gestaltete sich sehr problemlos. Ich holte den Applikator, suchte mir meine Hautfalte und injizierte in aller Ruhe den Transponder. Charon zuckte nicht einmal mit der Wimper. Ich lobte ihn danach ausgiebig und überprüfte dann den Chip auf seine Richtigkeit. So bekam auch Charon seinen eigenen Aufkleber mit eigener Transpondernummer und durfte danach mit der Mama wieder entschwinden.
      Als letztes war Balboa an der Reihe, mit Abstand die Größte der heutigen drei. Und tatsächlich brummelte sie uns neugierig an, als sie um die Ecke kam und wollte direkt meine Tasche in Beschlag nehmen. "Ok, du bist eindeutig nicht auf den Mund gefallen", meinte ich lachend. Und während die anderen beiden Fohlen mit wenig Begeisterung meine Untersuchung ausgehalten hatten, war Balboa so neugierig, dass sie mich entweder die ganze Zeit beobachtete, irgendwo an mir knabbern wollte oder meine Sachen schnappen wollte.
      So gestaltete sich nach der erfolgreichen Untersuchung das Rasieren bei ihr tatsächlich am schwierigsten, weil sie permanent den Kopf nach hinten drehen wollte, um zu schauen, was wir denn da veranstalteten. Letztendlich wurde aber auch sie erfolgreich gechippt und war dann genauso schnell fertig wie die anderen. Auch ihren Pferdepass vervollständigte ich fix, ehe wir mit allen fertig waren.
      Balboa durfte wieder entschwinden und ich verabschiedete mich von Fritzi, ehe ich mich auf den Weg zum Auto machte, um direkt den nächsten Termin wahrnehmen zu können.

      Geposted am: 26.08.18
      Von: Eddi
    • Rhapsody
      Steenhof, 12. September
      Charon, Bohéme, Balboa, Simplicity of Sophistication, Painted Basquiat, HGT's Saevitia, A Touch of Peace, Calista, Callisto, Andromeda, Ballroom Blitz, Benihana, Ironic, Ares, Bucky, Painted Blur, Calina
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      Die Sonne war gerade erst aufgegangen, als ich mich in einem dicken Hoodie und Stirnband aufs Fahrrad setzte. Am Himmel waren nur einige Wolken zu sehen, aber der Wind pfiff mir um kurz vor halb 7 schon ordentlich um die Nase.

      Dementsprechend eingefroren waren meine Hände, als ich am Laufstall der Stuten vom Sattel rutschte. Ich lehnte es an die Backsteinfassade des Stalls und streckte meine Finger. Es wurde schleunigst Zeit, sie unter eine warme Mähne zu stecken und zu warten, bis sie wieder aufgetaut waren.

      Zum Glück (für meine Finger) war es nachts momentan so kalt, dass ich aus Vorsicht die Fohlen und ihre Mütter in den Laufstall trieb und die großen Schiebetore verschloss. Calista und Andromeda verbrachten die Nacht dann auf der Wiese und Calina, Benihana und Bucky versuchten sich nicht zu zerfleischen – bis es wieder ein bisschen wärmer wurde.

      Durch die Fenster schien schon warmes Licht auf das Pflaster vor dem Laufstall; als ich das Tor aufzog und den Kopf hineinsteckte, war aber kein Pfleger zu sehen. Innen war es fast schon wohlig warm (aber vielleicht machte das auch einfach der Hoodie), also machte ich hinter mir schnell wieder das Tor zu und huschte zur großen Laufbox auf der anderen Seite der Stallgasse und lugte über die weiße Boxenwand.

      Langsam schienen sich die drei Grazien doch zu arrangieren; während sie die letzten Tage jeden Morgen in einer jeweils anderen Ecke standen, den Hintern den anderen beiden Stuten zugewandt, lag Bucky jetzt entspannt auf der Seite im Stroh, nur wenige Meter daneben Benihana und Calina rundete den kleinen Kreis ab, indem sie am Gatter stand und ein Hinterbein entlastete. Die drei Fohlen hatten da weniger Probleme; Balboa und Charon zogen sich bereits gegenseitig an den Mähnen und Bohème, die noch ein bisschen an ihrer Mama hing, lag zwischen den zwei braunen Stuten. Als sie mich erkannte, sprang sie jedoch sofort auf und spitzte die Ohren.

      „Hallo meine Hübschen,“ flüsterte ich – dann merkte ich, dass mich kein Hauke und kein Fiete hören konnte und räusperte mich. „Na, gut geschlafen?“

      Calina, die mir am nähesten war, blinzelte mich nur mit ihren großen braunen Augen an. Gut, heute nicht gesprächig. Dann machte ich mich halt an die Arbeit.

      Zuerst schob ich die Schiebetore der Laufbox auf, sodass die Pferde hinaus konnten. Benihana und Bohème waren die ersten, die sich in die kühle Morgenluft hinaus trauten und auch, wenn sie die Nacht über genug Heu zur Verfügung hatten, steuerte die beiden eine der Heuraufen an. Mit einer runzelnden Stirn beobachtete ich das und nahm mir vor, das später mit Hauke zu besprechen.

      Calina und Bucky machten beide keine Anstalten, sich auch nur irgendwie zu bewegen, also machte ich mich auf den Weg, die anderen beiden Stuten zu suchen. Andromeda und Calista benutzten den Laufstall so, wie ich es mir gewünscht hatte und wie auch die anderen Stuten ihn bis vor einer Woche benutzen durften. Neben der Liegefläche in der Box, in der die Stuten mit Fohlen die Nacht verbrachten, gab es direkt vor den Schiebetoren der Box ein befestigtes Paddock mit verschiedenen Heuraufen und Tränken. Rechts und links vom Paddock gingen die verschiedenen Weiden ab; erst gestern hatte ich die mittlere geöffnet, und da die zwei anderen Stuten nirgendwo zu sehen waren, vermutete ich sie dort.

      Calista war vor einer Woche erst bei uns angekommen, nachdem ich mich sofort in sie verliebt hatte und Jette, die zum Probereiten mitgekommen war, auch noch ihr Okay gegeben hatte. Sie war noch ein bisschen schüchtern und traute mir noch nicht ganz, aber zum Glück hatte ich Geduld. (Zumindest meistens.)

      Glücklicherweise akzeptierte Calista Andromeda vollkommen, sodass ich die beiden zusammengehuddelt in der hintersten Ecke der Koppel entdeckte. Andromeda hob schon den Kopf und brummelte mir entgegen, bewegte sich aber keinen Schritt. Mit einem freundschaftlichen Tätscheln begrüßte ich sie und inspizierte sie dabei gleich. Die Schramme auf der Brust, die Andromeda bei einem der Rangkämpfen die letzten Tage gekriegt hatte, war schon kaum noch zu sehen. Genauso bei Calista; die hatte sich aber recht schnell gegenüber den drei Müttern durchgesetzt und wurde mittlerweile wieder ziemlich in Ruhe gelassen.

      Auf dem Rückweg schloss sich Andromeda mir an, und Calista kam widerwillig ebenfalls mit. Zu meiner großen Überraschung standen die drei Mütter an ein und derselben Heuraufe und mümmelten genüsslich ihr Frühstück; so konnten sich die beiden anderen ohne Probleme an die nächste Raufe stellen und jeder hatte seine Ruhe.

      Hoffentlich. Mit einem Seufzer strich ich noch Balboa und Charon über die kurzen Mähnen (Bohème waren Menschen noch ganz und gar nicht geheuer und brachte mich daher ganz schön in die Bredouille, was das Fohlenbrennen in ein paar Wochen anging) und machte mich auf den Weg zu den nächsten Pferden.

      Die Jungstuten verbrachten von Ende Mai bis Mitte Oktober ihr Leben auf den Weiden in kleinen Herden. Schon seit frühesten Tagen des Steenhofs waren die äußersten Weiden dafür verplant, aber nachdem die sich die Zucht immer wieder verkleinerte, standen nicht nur die Youngsters des Steenhofs darauf. Mittlerweile war es eine bunte Mischung der umliegenden Züchter – Warmblüter, Kaltblüter, das ein oder andere Pony. Vom Steenhof waren momentan vier Jungstuten dabei; Painted Basquiat und Simplicity of Sophistication mit den jüngeren, HGT’s Saevitia und A Touch of Peace mit den etwas älteren, die ihren letzten Sommer auf der Wiese verbrachten.

      Mein Magen grummelte schon ganz schön, als ich die Kleinen erreichte und vom Rad stieg. Das Frühstück gab es traditionell erst, wenn die Pferde versorgt waren und man sich sicher sein konnte, dass es über Nacht keine Zwischenfälle gegeben hatte. Also waren erst die Youngster dran.


      Wie fast jeden Tag war ich wieder eine der letzten, die zum gemeinsamen Frühstück in meine eigene Küche stolperte. „Moin,“ rief ich in die Runde, sogar relativ gut gelaunt, und ließ mir durch die gegrummelte Antwort auch nicht den Morgen verderben. Ich quetschte mich auf die Bank zwischen Hauke und Fiete und krallte mir das letzte Croissant aus dem Brotkorb, bevor es jemand anderes tat.

      Wenn der erste Hunger erstmal bekämpft war, ging es an die Tagesbesprechung. Auch bei den Hengsten, um die sich Malte und Fiete heute morgen gekümmert hatten, war alles gut gewesen in der Nacht – keine Zwischenfälle, so wie man das eben wollte.

      An meinen Füßen quetschte sich eine der Corgis und drückte ihre feuchte Schnauze an das kleine bisschen Haut zwischen Hosensaum und Socken. Ohne dass es Hauke sah nahm ich mir ein bisschen Schinken und ließ diesen stückchenweise nach unten verschwinden, während Hauke und Jette über den heutigen Trainingsplan diskutierten.

      Arbeit delegieren, das überließ ich gerne Hauke. Der hatte einfach eine Art an sich, der man nicht widersprechen konnte. Ich hingegen ließ mich gerne überreden und halste mir am Ende alles auf, was getan werden musste. Also riskierte ich einen unauffälligen Blick nach unten – Jelly sah mich mit großen Augen an und schon verschwand das nächste Stückchen Schinken nach unten – und ignorierte Fietes Stoß zwischen die Rippen, als er mich dabei ertappte.

      Delegieren war ein gutes Stichwort: Malte lag mit Sommergrippe daheim im Bett, und somit fehlte einfach ein Paar Hände. Hauke legte die Stirn in Falten und starrte auf den Planer, der vor ihm auf dem Tisch lag. „Also – Fiete macht die Hengste alleine –“ Jetzt stieß ich dem Pfleger neben mir den Ellenbogen in die Seite. Fiete war noch nicht lang hier, hatte erst vor wenigen Jahren entdeckt, dass er was mit Pferden anfangen konnte und Hauke behandelte ihn gerne ein bisschen wie ein rohes Ei. Dass er ihm nun die Ehre erwieß, die zweitheiligsten Pferde auf dem Hof alleine auf die Koppel zu stellen und für die Hygiene im Hengststall verantwortlich machte, war ein großer Schritt Richtung Selbstständigkeit für Fiete. Der bekam nur ein bisschen rote Bäckchen und grinste mich schelmisch an. „– Ich mach den Laufstall, Fritzi spielt Babysitter und Jette guckt, dass alle Pferde, die bewegt werden sollen, bewegt werden.“ Mit einem selbstzufriedenen Grinsen steckte Hauke die Kappe auf seinen Fineliner und trommelte auf dem Tisch. „Na dann.“

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      Während Hauke und Fiete also schon mal misteten, zog ich mich für den Vormittag in mein Büro zurück. Wirklich viel Personal hatten wir auf dem Hof nicht, und wenn, dann arbeiteten sie im Stall mit – dementsprechend blieb der Papierkram an mir hängen.

      War ich dafür qualifiziert? Haha, absolut gar nicht. Aber einer musste es ja tun.

      Also nannte ich die nächsten Turniere, telefonierte mit dem Zuchtverband noch einmal wegen dem Fohlenbrennen. Mitten im Telefonat klopfte es plötzlich am Türrahmen, und als ich mich mit meinem Schreibtischstuhl umdrehte, stand Jette mit einem leichten Lächeln im Büro.

      Jette, Hauke und ich hatten eigentlich irgendwie unser ganzes Leben miteinander verbracht und da wir alle drei die Leidenschaft für Pferde teilten, war es für mich auch selbstverständlich gewesen, das Projekt eigener Pferdehof mit den beiden aufzuziehen. Jette als Pferdewirtin mit dem Schwerpunkt Klassische Reitweise hatte deswegen den Reitpart übernommen und mittlerweile eine kleine Schar an Turnierreitern angesammelt, die den Steenhof repräsentierten.

      Immer noch am Telefon hängend schob ich Jette den Zettel mit den genannten Turnieren über den Tisch. Vorwiegend waren es Springen, das ein oder andere Dressurturnier oder ein Geländespringen für Ballroom Blitz war aber auch dabei. Sie studierte den Zettel kurz, nickte und ging dann wieder aus dem Büro, wahrscheinlich, um sich einen eigenen Plan zu machen.

      Das war der Vorteil von dieser Arbeitsteilung – ich konnte mich jetzt ganz allein auf etwas Wichtigeres konzentrieren, mich aber drauf verlassen, dass das trotzdem funktionierte. Zufrieden trug ich den Termin zum Fohlenbrennen in den Kalender ein, legte auf und wählte dann auch schon die nächste Telefonnummer.

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      Nach einem kleinen Mittagessen packte ich mir die beiden Corgis und schwang mich wieder aufs Fahrrad. Mittlerweile waren die Temperaturen wieder auf um die 17 Grad gestiegen und ich vermisste meine Sonnenbrille, als ich den Weg zum Laufstall einschlug. Jelly ließ sich im Körbchen am Lenker die Sonne auf das rotweiße Fell scheinen; Peanut hingegen lief hinter dem Fahrrad her.

      Die Pferde fanden die beiden Corgis größtenteils langweilig und ließen sich von ihnen nicht stören, wenn die beiden Hündinnen sich über die Weide jagten. Andersherum sah das anders aus; Jelly, die ich schon oft bei meinem alten Job dabeigehabt hatte, ignorierte die Pferde, ließ sich von ihnen auch mal beschnuppern, aber Peanut hatte größten Respekt vor den anderen Vierbeinern. Kam ihr einer zu nahe, nahm die Cardiganhündin Reißaus. Als Training für beide legte ich häufig eine alte Pferdedecke auf den Boden des Putzplatzes, auf dem Peanut dann Leckerlis bekam, während ich die Pferde putzte.

      Jetzt, mit den Fohlen, war das wieder nicht ganz so einfach, da vor allem Balboa äußerst neugierig war und sich anguckte, was da auf dem Boden lag. Trotzdem legte ich die Decke neben die Putzkiste und als ich mit Calina und Charon zurückkam, lagen beide Corgis auf dem karierten Stück Stoff.

      Der Fokus lag ganz auf den Fohlen – von Anfang an hatte ich sie an jegliche Berührungen gewöhnt. Dementsprechend ließ sich Charon auch ohne Probleme putzen und nach ein paar Versuchen gab er mir auch die Hufe. Um ihn machte ich mir die wenigsten Probleme; bis jetzt war er Menschen gegenüber immer sehr aufgeschlossen gegenüber gewesen. Bauchschmerzen bereitete mir dagegen Bohème.

      Ich persönlich hatte erwartet, dass Benihanas Fohlen ein bisschen wurde wie sie – so, wie es häufig ist: Mama lebt vor, Baby macht nach. Bei Benihana und Bohème war es eher so, als wäre die Unabhängigkeit der Mutter zu 300% aufs Fohlen übergegangen. Dementsprechend zog sich das Putzen auch; obwohl Bohème genau die gleiche Behandlung wie Balboa und Charon bekommen hatte, ließ sie das Putzen nicht ohne Zwischenfälle beenden. Als ich die beiden zu Calina und Charon auf den kleinen Reitplatz brachte, schickte ich ein kleines Stoßgebet gen Himmel, dass beim Fohlenbrennen nur alles gut gehen sollte.

      Nachdem auch Balboa und Bucky ihre Putzstunde abgeschlossen hatte, klingelte ich kurz Fiete und Hauke an. Fiete, weil er mit aufs Brennen sollte und das Vorstellen üben sollte, und Hauke, um zweites Paar Auge dabei zu haben.

      Mir fiel ein Stein vom Herzen, als Bohème dann doch zeigte, was in ihr steckte. „Schön schwungvoll,“ kommentierte ich, während Fiete mit Benihana um uns herumtrabte und das kleine Stutfohlen hinterher. Hauke antwortete nicht, aber seine Stille nahm ich als Zustimmung. Bohème blieb brav an Mamas Flanke, machte aber große, raumgreifende Schritte.

      „Da brauchen wir hoffentlich nicht mehr viel üben,“ murmelte Hauke und schickte Fiete dann zum nächsten Mama-Baby-Paar.

      Bei den anderen beiden Fohlen war ich mir ihrer Fähigkeiten ziemlich sicher; Charon war meine Hoffnung auf ein Prämienfohlen, bei Balboa sollte man lieber gar nicht erst daran denken. Sie wusste zwar auch, sich zu präsentieren, aber der Elan und Schwung fehlte – auch, als Fiete schon mit hochrotem Kopf noch einen Schritt schneller über die Bahn trabte und Bucky dadurch auch größere Schritte machte, war nicht mehr viel herauszuholen. Trotzdem war ich mir sicher, dass Balboa trotzdem für den Sport gemacht war. Wenn sie nur ein Fünkchen ihrer Eltern hatte, die ja schließlich beide bis in die hohen Klassen gesprungen waren, würde sie uns beim ersten Freispringen komplett vom Hocker hauen.

      „Das reicht, Fiete,“ rief Hauke und drehte sich dann zu mir. Ich zuckte mit den Schultern.

      „Wird schon.“

      Hechelnd kam Fiete in die Mitte zu uns. „Ich hab mir das anders überlegt.“ Er musste eine Pause machen, um nach Luft zu schnappen. „Ich will nicht mit aufs Fohlenbrennen.“

      Sowohl Hauke als auch ich mussten ein Grinsen unterdrücken. Wir waren selbst einmal in Fietes Schuhen gesteckt, und in meinem Fall war das noch gar nicht so lang her.

      „Ach Fiete,“ meinte ich und legte ihm den Arm um die Schultern. „Da wirst du wohl durchmüssen.“

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      Am späten Nachmittag hatte ich dann endlich die Möglichkeit, mich selbst in den Sattel zu schwingen.

      Nach den Babysitter-Pflichten war ich zum Hauptreitplatz auf der anderen Seite geradelt. Jette selbst saß auf Andromeda, schien jedoch schon beim Abreiten zu sein. Nebenbei sah sie Greta zu, einem jungen Mädchen, das fast jeden Tag nach der Schule auf den Steenhof kam. Sie saß im Sattel von Callisto, einem Schimmelhengst, der erst wenige Wochen hier war. Bis jetzt kam das Mädchen mit den Hengsten recht gut zurecht, und glücklicherweise war sie schier geboren für den Springsport. Trotzdem war Dressurarbeit genauso wichtig, weswegen keinerlei Hindernisse aufgebaut waren.

      „Pass auf, dass du dein Bein nicht hochziehst,“ rief Jette, während Andromeda am langen Zügel vor sich hinstiefelte. „Bein lang, Kopf hoch.“

      Dann sah sie mich und hielt die Holsteinerstute auf der anderen Seite des Zauns an. „Sag bloß, du hast nichts mehr zu tun.“

      „Doch doch,“ meinte ich. Zu tun hatte ich immer; das nächste Jahr wollte schließlich durchgeplant werden. „Aber nur langweiligen Papierkram. Außer natürlich –“

      Jette rollte mit den Augen. „Bevor du dich natürlich noch zu Tode langweilst,“ betonte sie, aber mit einem leichten Lächeln auf den Lippen, „dann kannst du natürlich gucken was Barney so macht.“

      Ich lächelte zurück, mit geschlossenem Lippen, den Kopf nach oben zu ihr geneigt. „Danke, dass du dich so sehr um mich sorgst.“

      Jette ließ Andromeda wieder antreten. „Du hast Glück, dass Levi mir eh abgesagt hat.“

      Fröhlich vor mich hinsummend setzte ich mich wieder in den Sattel meines Fahrrads und machte mich auf den Weg zu den Weiden um den Paddockstall der Hengste herum. Bis jetzt hatten wir Glück mit den Hengsten gehabt; keiner musste in Einzelhaft gehalten werden, jeder hatte mindestens einen Weidepartner. So standen Painted Blur und Ares als Deckhengste gemeinsam auf einer großzügigen Weide; Ironic, Callisto und Ballroom Blitz auf der anderen. Die Dreiergruppe funktionierte zwar, trotzdem würde ich jedem möglichen Konflikt aus dem Weg gehen. Bis jetzt fehlte mir aber noch der passende Hengst dazu.

      Ironic und Barney grasten beide in der Ferne; auf meinen Pfiff hoben sie zwar die Köpfe, ließen sich aber nicht zum Herankommen überreden. „Gut, dann eben nicht,“ murmelte ich, legte das Halfter auf die Schulter und kämpfte mich über die Wiese.

      Gemeinsam mit Jelly ging es keine halbe Stunde später den Deich entlang. Rechts die Elbe, links eine Gruppe Bäume, ein paar Weiden mit schwarz-weiß gefleckten Kühen. Barney war schon etliche Male an den Weiden vorbeigelaufen, und trotzdem spitzte er auch heute wieder die Ohren und nahm den Kopf hoch. Trotzdem stapfte er mutig am Zaun entlang. Einige Meter vor uns schnupperte Jelly an einem Grashalm. Eigentlich beließ ich es bei Ausritten, bei denen die Hunde mit dabei waren, beim Schritt; Trab würde theoretisch gehen, doch im Galopp kamen die kleinen Stummelbeine einfach nicht schnell genug hinterher, und vor allem mit Peanut musste man noch daran arbeiten, dass sie nicht ins Hüten kam und womöglich unter die Hufe geriet. Mit Jelly übte ich das Ausreiten jedoch schon seit ich sie hatte; mit einem Pfiff kam sie an die linke Seite von Barney und mir, mit „Bleib“ legte sie sich auf den Bauch und sah uns dann zu, wie wir den Deich entlang davon trabten. Allzu weit ging ich jedoch nicht, immerhin sollte die Hündin mein Rufen noch hören. Im Schritt und am langen Zügel schlug ich dann den Rückweg ein.

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      Sehr viel früher als gewohnt verschwand die Sonne mittlerweile. Als ich Barney zurück auf die Koppel gebracht hatte, war sie schon hinter die Baumkronen des nahen Waldes gekrochen. Gemeinsam mit den zwei Corgis radelte ich zurück zum Haus – jetzt war die ruhige Zeit des Tages angekommen. Ich schmierte mir ein paar Brote, setzte mich damit auf die Couch und ließ mich vom Fernsehen berieseln. Erst gegen acht machte ich mich daran, die Pferde einzusperren.

      Genauso wie es morgen mein kleines Ritual war, zu sehen, ob bei den Pferden alles gut ist, so war es auch am Abend mein Ritual, das Heu und Kraftfutter zu verteilen und die Mütter samt Fohlen in die Laufbox zu bringen. Ein bisschen Überredungskunst brauchte es, aber schließlich waren alle drinnen.

      Die Hengste waren ein wenig mühsam – teilweise einzeln musste ich sie von den Koppeln holen und in die Box bringen. Irgendwie musste man ja auf seine 10.000 Schritte pro Tag kommen, dachte ich während ich Ares, den letzten im Bunde, zu mir rief. Er war der Meister des Tänzelns und hatte mir schon einmal fast die Box zerlegt, als er für wenige Minuten alleine im Stall war – deswegen kam er seitdem als letztes in den Stall. Nachdem dann alle Hengste in ihren warmen Boxen waren und ihr Futter mümmelten, war auch für mich Feierabend. Und ich hörte schon mein Bett rufen – ja, bis in den Hengststall. Musste dringend sein. Ich sollte mich also schnell auf den Weg dahin machen. Konnte ja alles passiert sein.
      Geposted am: 20.10.18
      Von: Rhapsody
    • Rhapsody
      Steenhof, 29. September
      Charon, Bohème, Balboa, HGT's Saevitia, A Touch Of Peace, Benihana, Bucky, Calina
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      Eigentlich war Hauke immer der Morgenmuffel gewesen.

      Nein, das war falsch. Hauke war kein Morgenmuffel, Hauke war ein Muffel.

      Auf jeden Fall war ich immer das komplette Gegenteil gewesen – schon kurz nach dem Aufstehen und auch nach nur ein paar Stunden Schlaf konnte ich vor mich hinplappern, war aktiv und konnte klare Gedanken fassen. Hauke eben nicht. Deswegen blieb ich wie vom Blitz getroffen stehen, als ich ihn um kurz nach sechs (Uhr. Morgens.) pfeifend im Stutenstall traf. Er war in der Sattelkammer, die Spinde von Bucky, Calina und Benihana sperrangelweit offen.

      Als er mich entdeckte, grinste er breit. „Moin!“

      Ich starrte ihn nur ungläubig an. Ihm fiel nach und nach das Grinsen aus dem Gesicht.

      „Ist was passiert?“

      Jelly schlängelte sich an meinen Beinen vorbei und begrüßte Hauke mit Popowackeln (mit dem Schwanz wedeln konnte die Gute ja leider nicht, immerhin war sie ein Pembroke und kein Cardigan) und präsentierte ihm sogleich den Bauch. Hauke, der die Hunde meistens nur tolerierte und solche offenen Zuneigungsgesten gekonnt ignorieren konnte, packte sofort die Bandagen, die er gerade in der Hand hielt, wieder in Buckys Spind und kniete sich hinunter zu Jelly.

      Gut, er packte die Babystimme nicht aus, die ich und so ziemlich jeder normale Mensch hatte, wenn er mit den zwei Corgis konfrontiert wurde (und dann noch so niedlich auf dem Bauch liegend! Wäre ich nicht so in meinen Grundfesten erschüttert worden, hätte ich sofort mein Handy aufgepackt und alles gefilmt), aber er kraulte Jellys Bauch.

      „Wer bist du,“ sagte ich langsam, immer noch in der Tür zur Sattelkammer zur Salzsäule erstarrt, „und was hast du mit Hauke gemacht?“

      Hauke sah von Jelly auf, hörte aber nicht auf, die Hundedame zu streicheln. „Was?“

      Ich verengte meine Augen zu Schlitzen. „Du bist mir viel zu gut drauf.“

      Er rollte mit den Augen. „Gewöhn dich nicht dran, das ist eine Ausnahme.“

      „Bitte, wenn du noch mehr redest, fall ich wahrscheinlich in Ohnmacht. Bist du vielleicht krank?“

      Das anfängliche Grinsen fiel endgültig aus seinem Gesicht. „Sag mal, hast du nicht irgendwas zu tun?“ Er hatte mit den Krauleinheiten aufgehört, und Jelly drehte sich mit einem Grunzen wieder auf den Bauch zurück.

      Ich löste mich aus meiner Schockstarre, denn ja, ich hatte tatsächlich etwas zu tun. In ein paar Stunden mussten wir die Fohlen samt Mamas einpacken und nach Elmshorn aufs Fohlenbrennen fahren. Und davor sollte natürlich jegliche Arbeit erledigt sein, die sonst im Laufe des Tages anfallen würde. Ein bisschen Husch Husch machte ich also meine Morgenrunde und nach dem Frühstück auch noch kurz auf den Koppeln der Jungstuten. Viel Zeit würde zumindest Saevitia und Touch of Peace nicht mehr haben, dann ging es aufs Gestüt und langsam aber sicher begann der Ernst des Lebens. Das hatte ich mir als Aufgabe gesetzt – Charon würde dieses Jahr noch in die Hengstaufzucht kommen, die zwei Stutfohlen nächstes Frühjahr, und mir sollte ja nicht langweilig werden. Sobald das Fohlenbrennen vorbei war, würde ich auch damit beginnen, Saevitia und Touch of Peace immer mal wieder für ein, zwei oder drei Stunden von der Koppel zu holen, damit der Bruch am Ende nicht ganz so hart und plötzlich war. Während ich so drüber nachdachte, fiel mir auf, dass da wohl ein ganzer Batzen Arbeit auf mich zukam, bis ich auch nur daran denken konnte, die beiden anzureiten. Vielleicht hatte ich mir da ein bisschen viel vorgenommen.

      (Andererseits war die Turniersaison auch bald vorbei und Jette sollte ja auch nicht langweilig werden.)

      Die Temperatur war morgens nach wie vor frisch, aber sobald die Sonne rauskam, fühlte es sich an, als ob der Sommer gar nicht Lebewohl sagen wollte – selbst bei uns im Norden. Missmutig hatte ich die Arme vor der Brust verschränkt, und während die Jungstuten seelenruhig um mich herum grasten (oder es zumindest versuchten, nachdem eh fast alles unter der Sonne verbrannt war), starrte ich mit finsterer Miene gen Himmel. Erst Hauke, jetzt auch noch das Wetter. Ob das mal keine bösen Omen waren.

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      Gestern Abend hatte ich nur die Fohlen schon einmal eingeflochten. Ich hatte erwartet, dass das um einiges länger dauern würde als das normale Einflechten und die Fohlen hatten mich auch nicht enttäuscht. Zum Glück hatte das Ganze gehalten. Jetzt fehlten nur noch die Damen. Und passenderweise war Hauke unauffindbar. Super. Dafür hatte Fiete das Pech gehabt, gerade in den Laufstall zu kommen, als ich Calina und Charon herausführte, und so wurde er schnell dazu verdammt, Benihana und Bohème zu übernehmen.

      Ich hatte gestern Abend gehofft, dass es mit ein bisschen putzen und einflechten getan war. Calina, ihres Zeichens professionelle Schmutzaufschnüfflerin und -mitganzemkörpereinsatzbekämpferin, bewies mir das Gegenteil. Ich stiefelte also los in den Hengststall, zu Calistos Spind, um den Schimmelstein zu holen. Schlechte Idee, nicht für jeden Schimmel einen angeschafft zu haben, Fritzi. Ganz bescheuerte Idee. Wenigstens Charon war präsentabel und mit ein paar Bürstenstrichen auch schon fertig. Nach viel zu langer Zeit war dann auch seine Mutter fertig und ich konnte mich auf Bucky konzentrieren. In einer Hand führte ich die Stute, in der anderen hatte ich die Fohlenhafter und noch dazu drei Paar Transportgamaschen unter die Achseln geklemmt.

      Als dann alle drei Stuten geputzt, (halbwegs) sauber und eingeflochten waren, schlenderte dann auch Hauke langsam und gemütlich auf den Vorplatz des Stalls, auf dem Fiete und ich uns ausgebreitet haben. Bevor er aber einen dummen Kommentar abgeben konnte, deutete ich zurück auf die Straße. „Transporter holen. Jetzt.“

      Er hob abwehrend die Hände, drehte aber ohne einen Kommentar um und wenige Minuten später stand der Transporter dann auch schon bereit.

      Ein Blick auf die Uhr verriet, dass wir uns auf gar keinen Fall weiter verspäten durften. Hauke und Fiete verluden also dreimal Stute und Fohlen, während ich Trensen, Bandagen und alles, was wir sonst noch brauchten, aus der Sattelkammer holte.

      In weiser Voraussicht, dass wir wohl ein bisschen Zeitprobleme kriegen würden, hatte ich Fiete und Hauke schon letzte Woche freundlich darum gebeten (also gezwungen), die passende Kleidung fürs Brennen im Stall zu deponieren. Wie ein Packesel joggte ich also aus dem Stall, verstaute alles im Transporter und schob Fiete und Hauke dann vor mich her – wir hätten eigentlich vor fünf Minuten losfahren müssen.

      Deswegen waren wir dann auch mit etwa fünf Minuten Verspätung am Turnierplatz. Weil ich natürlich ein so wundervoller Organisator war, hatten wir aber immer noch genug Zeit, um die Pferde so ruhig wie möglich auszuladen – die Fohlen waren vom Transporter nicht so ganz überzeugt und würden am liebsten alle drei sofort von der Rampe springen, sobald sie konnten – und uns selbst ins Brennoutfit zu schmeißen.

      Der Plan war folgender: Fiete würde Charon und Calina vorstellen, weil ich damit rechnete, dass Charon die Juroren absolut verzaubern würde. Hauke machte Benihana und Bohème und ich versuchte, alle von Balboa zu überzeugen. Ich persönlich sah in ihr zwar, dass sie später eine große Karriere im Springsport vor sich hatte – aber ganz ehrlich, der Trab war ausbaufähig und das war ja heute das wichtigste.

      Kurz bevor wir an der Reihe waren, fand Hauke mich mit meiner Unterlippe zwischen den Zähnen und einem starren Blick in die Ferne.

      „Wir sollten uns dann auf die Socken machen,“ sagte er. „Wird schon schief gehen.“

      „Das musst du schon sagen, während du auf Holz klopfst. Sonst bringt das nur Unglück.“

      Er hob die Hand, grinste mich schelmisch an und klopfte mir dann zweimal an die Stirn. Ich funkelte ihn an. „Hast du Glück, dass ich dich nicht vor allen Leuten in den Boden rammen möchte,“ drohte ich ihm.

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      Im Grunde war das Fohlenbrennen keine große Sache. Im Grunde. Auch, wenn man das Aufstellen und das Traben bis zum Vergasen geübt hatte – die Situation war für die Babys komplett ungewohnt. Alle drei unserer Fohlen waren ununterbrochen am Wiehern oder Brummeln. Vor allem Balboa war absolut nicht bei der Sache und raubte mir die letzten Nerven, als sie sich um ein Haar vom Führstrick losreißen konnte. Nur in letzter Sekunde und nur, weil ich Buckys Zügel wegschmiss, blieb die junge Stute bei mir. Als wir uns dann wieder gesammelt hatten, übergab mir Fiete wortlos die Zügel, die er aufgefangen hatte. Anscheinend sah man an meinem finsteren Gesichtsausdruck, dass ein blöder Kommentar in einem möglichen Büschebad enden würde – sogar Hauke biss sich auf die Zunge.

      Wenig später waren wir dann alle nacheinander dran. Hauke machte den Anfang und Bohème stellte sich gar nicht so blöd an, wie ich gedacht hatte. Am Schluss beurteilten die Richter das Fohlen sogar mit einer 7,7 und somit hatte ich schon mal mein erstes Prämienfohlen. Charon zeigte sich genauso souverän wie ich erwartet hatte und wurde mit einer 8,1 bewertet. Ich wäre wirklich allzu gerne ausgerastet, aber als er gemeinsam mit Calina zum Brennen geführt wurde, musste ich mich bereithalten. Bucky war die Ruhe selbst – sie stellte sich sofort ordentlich auf, ignorierte das Getummel um sie herum und zeigte mir, was sie als Zuchtstute ausmachte. Am liebsten hätte ich ihr aus Dank einen Kuss zwischen die Nüstern gedrückt. Buckys ruhige Art übertrug sich ein bisschen auf Balboa; die kleine Stute stand für ein paar Augenblicke sogar artig neben ihrer Mama und sah sich nur mit gespitzten Ohren um. Der Kommentator ratterte nebenbei die Abstammungen der beiden Pferde herunter, dann bekam ich das Zeichen und es ging auf die Dreiecksbahn. Bucky lief ordentlich neben mir her, Balboa – ganz Balboa eben – preschte voraus. Bis ich sie wieder eingeholt hatte, galt es, nochmal alles rauszuholen. Und siehe da – was ich so hinter Bucky sah, sah es sogar ganz ordentlich aus.

      Gerade so reichte es mit einer Note von 7,5 auch noch für eine Prämierung. Später, als die Fohlen alle ihren Brand hatten und wir alle die Ruhe vor dem Sturm genossen, lehnte ich mich zufrieden seufzend an den Transporter. Als weder Hauke noch Fiete etwas sagten, öffnete ich die Augen einen Schlitz und klopfte mir stattdessen selbst auf die Schulter.

      Hauke warf mir einen bösen Blick zu, Fiete sah mich nur verwirrt über die Schulter an, während er Benihana die Transportgamaschen anlegte.

      „Was denn?“ fragte ich und zuckte mit den Schultern. „Wenn’s kein anderer macht.“

      Geposted am: 26.11.18
      Von: Rhapsody
    • Rhapsody
      Steenhof, 10. November
      Charon, Bohéme, Balboa, Simplicity of Sophistication, Painted Basquiat, HGT's Saevitia, A Touch of Peace, Calista, Callisto, Andromeda, Ballroom Blitz, Benihana, Ironic, Ares, Bucky, Painted Blur, Calina
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      Es klopfte an meiner Bürotür. Das bekam ich nur sehr peripher mit; meine gesamte Aufmerksamkeit galt dem Video auf meinem Laptop – bis er mir ohne Vorwarnung einfach zugeklappt wurde. Mit verärgertem Gesicht sah ich auf. „Hey, ich hab hier gearbeitet!“

      Jette stand vor mir, gekleidet in einem beigefarbenen Hoodie und karierten Reithosen. Die blonden Haare hatte sie zu einem ordentlichen Zopf geflochten – und somit sah sie wieder aus, als wäre sie gerade nach einer Stunde wieder aus dem Bad gekommen. Ich wusste besser, dass sie gerade vom Training mit Calista kam und dementsprechend gar nicht so makellos aussehen durfte. Verräterin.

      Jette schmunzelte ein bisschen. „Du arbeitest seit Stunden. Es ist Zeit, dass du dich den schönen Dingen des Lebens widmest.“

      „Das war schöne Arbeit,“ murmelte ich und klappte den Laptop wieder auf. „Guck dir mal die Stute an. Hab ich gerade durch Zufall entdeckt.“

      Neugierig ging Jette um den Schreibtisch herum und beugte sich über mich. Mit einem Mausklick spielte ich das Video wieder ab. Darauf trabte eine junge Stute mit hellem Fell über eine Bahn; laut dem Verkaufstext war sie zweieinhalb Jahre alt und musste noch ein bisschen in ihre langen Beine und den hohen Rücken hineinwachsen.

      Jette war komplett auf das Video fixiert. „Was ist das denn für eine Farbe?“

      „Ein Dunskin,“ sagte ich stolz, als hätte ich das nicht selbst nachgucken müssen. „Ein Buckskin mit Falbgen also. Und: ein Holsteiner.“

      Jette sah mich verblüfft an. „Ein deutsches Warmblut in der Farbe?“ fragte sie ungläubig und nahm die Mouse in die Hand. Sie scrollte über die Seite, auf der Suche nach weiteren Informationen.

      „Ich glaub, sie wurde in den Staaten gezüchtet. Da steht sie momentan auch.“ Jette war beim Pedigree angelangt, und bevor sie es selbst lesen konnte, verkündigte ich: „Sie ist Blurrys Nichte.“

      Meine Freundin pfiff leise durch die Zähne. „Das erklärt so einiges.“ Sie klickte sich durch ein paar Bilder, dann richtete sie sich wieder auf. „Und jetzt? Willst du über den Teich fliegen und sie anschauen?“

      Ich sah mir eins der Bilder in der Anzeige an. Ein Portrait – die Stute hatte einen tollen Ausdruck, und irgendetwas sagte mir, dass sie eine Bereicherung sein würde. Trotzdem zuckte ich mit den Schultern. „Ich werde den Besitzern auf jeden Fall schreiben und sagen, dass ich Interesse hab. Aber ich hab eigentlich keine Zeit, um sie mir anzugucken.“

      „Und Hauke killt dich, wenn du die Katze im Sack kaufst.“ Jette seufzte. „Zwickmühle. Umso mehr ein Grund, warum du jetzt wirklich ein bisschen Spaß haben solltest.“

      „Spaß“, grummelte ich. „Den spaßigen Teil hast du doch schon übernommen.“ Den ganzen Tag war Jette im Sattel gesessen – unter anderem, weil ich Papierkram zu erledigen hatte. Für mich stand nur die Arbeit mit den Fohlen auf dem Tagesplan.

      „Und die Fohlen freuen sich, dich zu sehen,“ antwortete Jette, als ich ihr das mitteilte. Da hatte sie ja irgendwo Recht, und viel Zeit blieb mir mit ihnen nicht mehr. Das Wetter war noch nicht in den üblichen Novembermatsch übergegangen, dementsprechend standen die Jungpferde noch auf den Koppeln. Die Kleinsten wurden jeden Tag größer und größer, und vor allem für Charon lief die Zeit ab; erst heute morgen hatte ich die Bestätigung von der Aufzuchtstation bekommen. In etwa vier Wochen sollte es losgehen, deswegen waren wir schon fleißig am Üben. Mama war mittlerweile nicht mehr ganz so wichtig, jeden Tag ein bisschen weniger. Das Putzen klappte verhältnismäßig gut, das Führen altersentsprechend. Alles in allem war ich wirklich zufrieden mit den drei Kleinen.

      Ein letzter Blick auf die Verkaufsanzeige, dann folgte ich Jette aus dem Haus. Im Laufstall wurde ich von den Fohlen schon begrüßt – ganz vorne dabei Balboa. Sie war mit Abstand die selbstständigste und schön extrovertiert. Als ich ihr das Halfter überzog, sträubte sie sich nur kurz, folgte mir aber brav nach einem kurzen Zupfen am Führstrick. Auch Bohème und Charon ließen sich aufhalftern und zu viert marschierten wir über den Hof zur Reithalle, wie eine Kindergartengruppe. Was anderes war das auch nicht – für etwa dreißig Minuten durften die drei in der Reithalle spielen, dann ging es wieder zurück zu den Mamas. Abwechselnd wurden einmal die Mütter, einmal die Fohlen herausgenommen. So sahen Bucky, Benihana und Calina einmal etwas anderes und die Fohlen wurden nicht vom Workload überladen. Heute stand deswegen auch nur reines Spielen auf den Plan – und Balboa hatte das sofort verstanden. Wie von der Tarantel gestochen flitzte sie durch die Bahn, hetzte dem Ball hinterher und dabei zufälligerweise auch auf die Plastikplane, die ich auf dem Boden ausgebreitet hatte. Die anderen zwei Fohlen sahen ihrer Freundin erst ein bisschen zaghaft hinterher, dann stieg aber auch Charon ein. Bohème interessierte sich zum Großteil für die Plane, erschrak aber nur kurz und buckelte dann den anderen hinterher. Als ich den dreien so zusah, freute ich mich schon auf die nächsten Jahre mit ihnen – auch, wenn ich vor allem Charon erst mal wirklich vermissen würde. Die Aufzuchtstation gehörte zu dem Gestüt, auf dem auch Callisto herkam, aber die eineinhalb stündige Fahrt war für den Alltag doch ein bisschen viel. Charon würde es da super gehen, so ganz unter Gleichgesinnten – aber mir brach es ein bisschen das Herz, den jungen Hengst abgeben zu müssen. Balboa und Bohème durften noch ein paar Monate länger bleiben – zum Frühjahr kamen sie in eine Herde mit sieben anderen Stuten, zuerst in einen Laufstall, später dann auf eine unserer Weiden. Wenn ich so darüber nachdachte, wurde ich wieder ein bisschen traurig. Erst mit drei Jahren kamen sie dann wirklich zurück, und das war noch so lange hin!

      Mein Handywecker kündigte das Ende der Spielstunde an. Die drei Fohlen hatten sich beruhigt; Balboa hatte sich genüsslich gewälzt während Charon und Bohème sich gegenseitig beknabberten. Ohne Zwischenfälle zog ich ihnen die Halfter auf und brachte sie zurück in den Laufstall.

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      In einem normalen Jahr wäre die Weidesaison schon seit Wochen beendet, weil das Matschwetter angefangen hätte. Der Sommer wollte aber selbst im Oktober noch nicht gehen, weswegen die Weiden erst in den nächsten Tagen geschlossen werden. Für Peace und Saevitia war der Spaß des Lebens mit dem heutigen Nachmittag aber zuende. Während die Zweijähirgen, also Simplicity of Sophistication und Painted Basquiat mit ihrer Herde, demnächst die Reise in ihre Aufzuchtstation machen würde, würde für die drei Großen das schöne Lotterleben vorbei sein.

      Sie hatten die letzten Jahre in ihrer Herde verbracht, mit minimalem Kontakt zu Menschen. Mich kannten sie von den regelmäßigen Check Ups, und natürlich kannten sie auch noch das Fohlen ABC – in Peaces Fall sogar schon die regelmäßige Arbeit mit den Menschen. Trotzdem war es ganz schön Arbeit, beide Stuten einzufangen und von der Herde zu trennen. Herzzerreißendes Wiehern von beiden Seiten begleitete unseren Weg zum Hof, und ich war mir ziemlich sicher, dass ich taub werden würde, wenn Saevitia mir noch einmal ins Ohr schreien würde. Die schöne Buckskinstute schien es am schlimmsten zu treffen – Peace antwortete ihren Kumpels nur einmal, dann war der Schecke still und lief mit gespitzten Ohren neben mir her.

      Der Stutenstall bestand zum einen aus dem Laufstall und zum anderen aus drei großen Boxen. Eigentlich gedacht zum Abfohlen oder für ein krankes Pferd – jetzt aber erst mal als Unterbringung für die zwei jungen Stuten. Dafür hatte ich extra die Boxenwand zwischen den Boxen herausgemacht (oder herausmachen lassen – danke, Hauke!), sodass sie sich gemeinsam an die neue Situation gewöhnen konnten. Nachdem ich die Tür zum Stutenstall hinter mir zugezogen hatte, ließ ich auch beide Führstricke erst einmal los – zum einen, damit sie sich ein bisschen frei im Stall bewegen konnten, zum anderen, weil ich nicht mal versuchen wollte, mit zwei Pferden an den Händen eine Boxentür zu öffnen und besagte Pferde dann hineinzuführen. Das konnte nur schief gehen. Also ließ ich mir alle Zeit der Welt, während Saevitia und Bucky schon einmal erste Bekanntschaft über die Wand der Laufbox machten. Inklusive Gequietsche und Gegen-die-Wand-treten. Diese Zusammenführung würde bestimmt lustig werden.

      Peace lief von allein in die Box, während ich Saevitia von ihrer wirklich wichtigen Diskussion mit der braunen Holsteinerstute wegbringen musste. „Ihr habt noch genug Zeit dafür,“ grummelte ich, als ich endlich den Führstrick zu fassen bekam. Für die zwei jungen Stuten warteten zwei Eimer Mash – Peace hatte sich schon gleich auf einen Eimer gestürzt, und auch für Saevitia gab es kein Halten, als sie den Plastikeimer entdeckte. Jetzt mussten wir nur mal gucken, wie sich die zwei mit ihrer neuen Situation anfreunden würden. Ich wollte sie nicht gleich überfordern – das Training sollte erst beginnen, wenn sie einigermaßen in die große Stutengruppe integriert waren. Bis dahin kamen sie noch gemeinsam auf ein Paddock oder für eine Stunde in die Halle zum Füße vertreten.

      Das klang nach einem guten Plan.

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      Nach meiner Abendrunde schlüpfte ich ungraziös aus meinen Stiefeletten und schubste sie in die Ecke meines Flurs. Morgen früh würde ich sie wieder suchen, aber das war ein Problem für Zukunfts-Fritzi. Auf den Weg ins Wohnzimmer kam ich am Büro vorbei, indem noch eine kleine Tischlampe brannte. Gerade, als ich sie ausknipsen wollte, fiel mein Blick auf den Bildschirmschoner meines Laptops, der fröhlich hin und her sprang. Plötzlich erinnerte ich mich an die schöne Jungstute von heute morgen. Den Tag über hatte ich leider keine Gelegenheit gehabt, um Hauke nach seiner Meinung zu fragen – aber trotzdem setzte ich mich an den Schreibtisch, gab mein Passwort ein. Die Verkaufswebsite war noch geöffnet, also klickte ich schnell auf den Kontakt-Button und schrieb dem Besitzer.

      Geposted am: 28.12.18
      Von: Rhapsody
    • Rhapsody
      Steenhof, 09. Juni
      Charon, Bohème, Balboa, Simplicity of Sophistication, Painted Basquiat, Contia Socks, HGT’s Saevitia, A Touch Of Peace, Calista, Callisto, Andromeda, Ballroom Blitz, Benihana, Ironic, Ares, Bucky, Painted Blur, Calina
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      Der Sommer hatte sich allmählich auch nach Schleswig-Holstein geschlichen. Doch heiße Tage bedeuteten nicht, dass man sich ausruhen konnte. Verletzte Pferde mussten umsorgt werden, was ein bisschen Stillstand in die Ausbildung von Ballroom Blitz und Andromeda brachte. Ich war allerdings guter Dinge, dass sie in zwei Wochen wieder starten konnten. Nebenbei waren auch noch die jungen Stuten langsam an ihr neues Leben als Reitpferd herangeführt worden – Saevitia und auch Peace machten sich vorbildlich unterm Sattel! Die richtigen Youngster, also Bohème, Balboa und Charon, standen jetzt schon in ihren Herden und genossen die warmen Tage auf einer großen Weide mit Gleichaltrigen. Vor allem Balboa war in die Höhe geschossen – bei ihr hoffte ich immer noch auf ein tolles Springpferd. Und während die restlichen Pferde sich die Sonne auf den Bauch scheinen ließen, war ich drauf und dran, die Holsteinerstute aus Amerika nach St. Margarethen zu schiffen. Wenn sowohl Barney als auch Andromeda verletzungsbedingt ausfielen, musste ich schauen, dass ich solchen Papierkram endlich zustande brachte – immerhin hatte ich jetzt keine Ausrede mehr dafür.
      Geposted am: 09.06.19
      Von: Rhapsody
    • Rhapsody
      Steenhof, 17. August
      Charon, Bohème, Balboa, Simplicity of Sophistication, Painted Basquiat, Dante's Wild Lady, Contia Socks, HGT's Saevitia, A Touch of Peace, Calista, Callisto, Andromeda, Ballroom Blitz, Smooth Gravity, Samarra, Benihana, Ironic, Ares, Bucky, Painted Blur, Calina
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      Mittlerweile war es August geworden, und auch, wenn ich es nicht wahrhaben wollte: die Tage wurden kürzer, die Temperaturen fielen und die Bäume, die den Straßenrand zum Steenhof hinauf säumten, hatten schon ein paar bunte Blätter.

      Ich musste mich zusammenreißen, nicht missbilligend zu ihnen hinaufzusehen. Immerhin war das der Lauf der Natur. Und außerdem wäre ich dann wohl gegen den nächsten Baum gefahren und hätte mir auch noch ein neues Fahrrad kaufen müssen. Also versuchte ich einfach, den mir entgegenkommenden Autofahrern keinen Schrecken mit meiner bösen Miene einzujagen und bog in den nächsten Feldweg rechts ab.

      An meinem Fahrrad hing ein kleiner Hänger voll mit Päckchen. August bedeutete nämlich nicht nur, dass der Herbst um die Ecke lauerte, sondern auch Wurmkur. Und nachdem Hauke mit Jette vorgestern in den Urlaub gefahren war, blieb das Ganze dieses Mal an mir hängen.

      Ich hatte heute ja eh nichts vorgehabt.

      Der Feldweg führte zu den Koppeln der jungen Stuten. Die momentane Weide war mit am weitesten entfernt vom Steenhof, gefühlt mitten im Nirgendwo. Als der Feldweg mehr Wiese als Weg war, musste ich wohl oder übel absteigen – mein altes Damenfahrrad mit seinen dünnen Reifen machte da keinen Spaß mehr. In der Ferne sah ich schon ein paar der Stuten und ich schickte ein kleines Stoßgebet gen Himmel, dass wenigstens ein paar der Ladies in laufbarer Nähe standen. Die Weide war nämlich wirklich riesig – Wiese, soweit das Auge reicht, und ein kleiner Wald, der auch noch umzäunt war. Vor allem an den heißen Tagen hatten sich die rund fünfzehn Stuten meist im Wäldchen versteckt – und da mussten sie erst mal gefunden werden.

      Am Gatter angekommen, lehnte ich das Fahrrad ans Tor und begann, die einzelnen Wurmkuren in meine Umhängetasche zu stopfen. Neben meinen eigenen Pferden würde ich nämlich auch die restlichen Stuten gleich mitentwurmen – machte sonst ja auch wenig Sinn. Ein paar der Jungstuten hatten mich schon entdeckt und kamen mir wenigstens ein Stück entgegen, als ich durch den Holz- und Elektrozaun huschte. Die erste konnte gar nicht schnell genug gucken, da hatte ich ihr schon um den Kopf gefasst und ihr die Ladung Wurmkur in den Mund gedrückt. Zur Belohnung gab es danach ein Stück Möhre, und dann war auch schon die nächste dran. So arbeitete ich mich durch die unterschiedlichsten Pferde und Ponys, hatte für jede junge Stute die passende Dosierung im Kopf. (Für irgendwas muss der ja auch gut sein.) Meine Eigenen hatten sich natürlich im Wäldchen versteckt. A Touch of Peace stand noch ziemlich am Waldrand und blieb dort auch, während ich ihr die Paste in den Mund schmierte. Auch sie bekam zur Belohnung ein Leckerli und zermalmte es genüsslich, während ich nach den anderen Ausschau hielt. Simplicity of Sophistication – deren Name übrigens ein komplettes Paradoxon war, an dem Namen war ganz und gar nichts simple – fiel mit ihrem gescheckten Fell schnell auf und kurz darauf war auch die junge Stute versorgt. Painted Basquiat war da schwerer zu finden – im dunklen Wald, mit den eng stehenden Bäumen, war sie perfekt getarnt. Kurz darauf hatte aber auch sie die Wurmkur im Mund und mir fehlten nur noch ein paar wenige Stuten.

      Als ich dann wieder zurück auf dem Hof war, machte ich vor meiner kurzen Mittagspause noch schnell die Hengste. Auch die standen auf den Koppeln, allerdings in Kleingruppen. Ares war wieder aus dem Beritt zurück, sodass er sich wieder seine Weide mit Painted Blur teilte. Blurry war einer der unkompliziertesten Hengste, die ich jemals gesehen hatte – bis jetzt war er in jeder Koppelsituation glücklich und ging Streitereien so gut wie möglich aus dem Weg. Ares war das komplette Gegenteil, hatte aber einen Narren an dem Rappen gefressen.

      Blurry kam mir schon entgegen und nahm die Wurmkur auch tapfer in Kauf, um sich ein paar Streichel- und Krauleinheiten zu verdienen. Ares war da ein bisschen misstrauischer, also schnappte ich mir sein Halfter vom Zaun, um ihn festzuhalten. Auch Callisto und Ironic auf der anderen Koppel waren weniger begeistert – Ballroom Blitz machte dafür bereitwillig das Maul auf und schmatzte auch wohlwollend auf der Paste herum. Mit einem Klapser auf den Hals verabschiedete ich mich von dem großen Dunkelbraunen und lief zurück zu meinem Fahrrad.

      Barney hatte mich in letzter Zeit ein paar Nerven gekostet. Von jetzt auf gleich ging der Hengst lahm – aber wirklich stocklahm. Aber wie der Zufall es wollte, war Dr. Maartens den folgenden Tag eh auf dem Hof und guckte sich den guten Barney als auch gleich noch an. Die Diagnose – Gelenksentzündung – war schnell gefunden, und dadurch, dass sie so plötzlich aufgetreten war, vermuteten wir alle einen kleinen Weideunfall. Das Ende vom Lied war, dass Barney gute zwei Wochen nicht auf die Koppel durfte. Mittlerweile waren wir wieder im Aufbautraining, aber im Gegensatz zu Andromedas Hufgeschwür zog sich so eine Gelenksentzündung doch ganz schön. Zumindest konnte Barney mittlerweile wieder die Weide genießen und hoffentlich in ein paar Wochen dann wieder ins Training.

      Mit einem sanften Klaps auf die Brust verabschiedete ich mich von dem Hengst, bevor er mir noch eine neue Frisur verpassen konnte. Das war seine Lieblingsbeschäftigung und nachdem ich die letzten Wochen immer mal wieder gefühlte Stunden verbringen musste, um mir jegliche Knoten aus den Haaren zu pfriemeln, wollte ich ihm keine Möglichkeit bieten, sich wieder in meinen Haaren verlustigen zu können.

      Das Ende meiner Wurmkur-Runde waren die Stuten. Und hier meinte ich auch wirklich ausschließlich Stuten, ohne Babys oder sonstigen Anhängseln. Charon, Bohème und Balboa waren in ihren respektablen Aufzuchtställen – die zwei Stuten bei einem befreundeten Züchter in der Nähe, Charon dafür ein bisschen weiter weg aber dafür in einer tollen Herden mit Gleichaltrigen. Mindestens einmal in der Woche setzte ich mich in mein Auto und klapperte die zwei Höfe ab, um nach den Babys zu schauen.

      Im Stall der Stuten hatte sich in letzter Zeit auch viel getan. Drei neue Stuten waren in den letzten Wochen angekommen, die nach und nach in die Gruppe integriert werden sollten. Eine stand immer noch mehr oder weniger in Einzelhaft; Dante’s Wild Lady, die wunderschöne Dun-Stute, die ich in Amerika gefunden hatte, war erst wenige Tage auf dem Hof und sollte sich erst einmal einleben, bevor ich sie zu den restlichen Jungstuten auf die Koppel brachte. Dreijährig war sie definitiv noch Kandidatin für das leichte Leben auf der Koppel – erst nächstes Jahr sollte sie langsam unter den Sattel kommen, je nachdem, wie sie sich machte. Dante hatte das Glück, dass sie ihre Wurmkur schon vor der Reise nach Deutschland bekommen hatte – ich strich ihr also nur kurz über die Nüstern und kletterte dann mit den Spritzen bewaffnet in den Laufstall.

      Auch hier warteten zwei neue Stütchen auf mich; Smooth Gravity und Samarra. Gravity war eine stolze Vollblutstute, Galopper und gar nicht daran interessiert, auf Biegen und Brechen zu gefallen. Das mochte ich dafür umso mehr – weswegen ich sie letztendlich auch gekauft hatte. Ihre ehemalige Besitzerin hatte sich intensiv mit der Schimmelstute beschäftigt und sie vielseitig ausgebildet, und ich konnte es kaum erwarten, mich selbst nochmal in ihren Sattel schwingen zu können. Mittlerweile legte sie nicht mehr grundsätzlich die Ohren an, wenn man auf sie zuging – die Wurmkur, die ich ihr schnell ins Maul drückte, fand sie trotzdem nicht so klasse und verzog sich schnell wieder Richtung Koppel. Mein nächstes Opfer fand ich in Bucky, die gerade am Heu stand und auf ein paar Halmen rumkaute. Sie guckte mich nur ein bisschen verwirrt an, wandte sich dann aber lieber wieder ihrem Heu zu – war ja auch spannender, das musste ich ihr schon lassen. Die dritte Stute, die im Paddock stand und nicht auf der Weide graste, war Saevitia. Diese erwartete schon ungeduldig die Belohnungsmöhre und kaute zufrieden auf ihr herum, während ich mich auf den Weg zu den restlichen Stuten machte.

      Saevitia war seit Frühjahr offiziell unterm Sattel, und es machte unheimlich Spaß, die Stute auszubilden. Sie war ein recht neugieriges und lehrbegeistert, was die Ausbildung natürlich um einiges vereinfachte. Trotzdem gaben wir ihr Zeit, sich in die Rolle des Reitpferds hineinzufinden – das Konzentrieren fiel ihr häufig schwer, aber bis sie ihre ersten Turniere startete, sollte das hoffentlich besser werden. Mir war nur wichtig, dass sie noch ihre Ruhetage bekam, so wie heute.

      Weiter hinten im Laufstall, auf der Grasfläche, traf ich dann die restlichen Stuten an. Calista nahm Reißaus, als sie die Spritze in meiner Hand sah – also kamen zuerst Calina und Andromeda ihre Ladungen ab. Dann hatte ich die Fuchsstute auch schnell geschnappt und ihr auch schnell die Paste in den Mund gedrückt. Und nach Benihana war nur noch die letzte Neue dran: Samarra. Auch sie kam aus Amerika, mit deutlicher Luft nach oben. Sammy hatte eine sehr vielseitige Ausbildung genossen, war eingefahren und auch auf einigen Trail-Wettbewerben erfolgreich vorgestellt worden. Dank ihrer Abstammung hatte die Stute aber noch enormes Potenzial im Springen, was ich noch unbedingt fördern wollte. Für die nächsten Wochen bekam sie aber noch eine Schonfrist, um sich ordentlich einzuleben.

      Sammy nahm mir die Wurmkur zum Glück nicht allzu schwer und ließ sich danach noch ein bisschen kraulen. Das bedeute natürlich, dass ich bald von Stuten umzingelt war, die alle ihre Streicheleinheiten einforderten – und leider hatte ich an diesem Tag noch andere Aufgaben. Sie bekamen also alle noch eine kleine Möhre zugesteckt, dann lief ich zurück, kletterte aus dem Laufstall und setzte mich wieder auf mein Rad.

      Auf dem Weg zurück zum Gutshaus blickte ich nochmal zu den Blättern der Bäume hinauf. In diesem Augenblick fegte eine frische Brise über die Straße und ließ mich frösteln. Auch, wenn es mir nicht passte – langsam war er da, der Herbst.

      Geposted am: 27.09.19
      Von: Rhapsody
    • Rhapsody
      Steenhof, 15. Dezember
      Charon, Bohème, Balboa, Simplicity of Sophistication, Painted Basquiat, Dante's Wild Lady, Painted Taloubet, A Touch Of Peace, Contia Socks, HGT's Saevitia, Dark Royale, Equinox II, Callisto, Calista, Ballroom Blitz, Quarterback, Andromeda, Smooth Gravity, Samarra, Benihana, Ironic, Ares, Bucky, Painted Blur, Calina
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      Keinen Plan wie, aber irgendwann hatte sich der Winter eingeschlichen. Gefühlt plötzlich dauerte es morgens ewig, bis es hell war – und diese Realisation hatte ich auch erst, als Hauke mich darauf aufmerksam gemacht hatte.

      Während ich schwer damit beschäftigt war, den Hengsten allen ihr Frühstück zu bringen – wobei mich der gute Hauke eigentlich unterstützen sollte, stattdessen guckte er mit grimmiger Miene aus dem Stalltor. Er guckte auf seine Armbanduhr, dann wieder zu dem blassblauen Streifen, den man zwischen den Bäumen gegenüber dem Tor erkennen konnte.

      „Was stört dich denn heute wieder?“ fragte ich, eher im Vorbeilaufen auf dem Weg zu Ironics Box. Der Hengst wartete schon sehnsüchtig auf sein Mineralfutter; konnte ja auch wirklich nicht angehen, dass er da länger als zwei Minuten drauf warten sollte.

      „Es ist halb acht,“ sagte Hauke und richtete seinen grimmigen Blick jetzt auf mich.

      Ich schüttete das Futter in den kleinen Trog und Ironic stürzte sich darauf – als hätte ich mir das Heu, das ich ihm gestern Abend in die Box geschaufelt hatte, nur eingebildet. „Und?“

      „Halb acht und die Sonne ist noch nicht einmal aufgegangen.“

      Das ließ mich innehalten – aber er hatte Recht. Auch meine Armbanduhr zeigte brav die korrekte Uhrzeit an: 07:21 Uhr und ja, das Licht draußen konnte man kaum als mehr als Dämmerung benennen. „Wow,“ sagte ich. „Wann sind die Tage so kurz geworden?“

      „Irgendwann in den letzten eineinhalb Monaten,“ grummelte Hauke. Rhetorische Fragen waren nie seine Forte gewesen. Und während er noch ein paar Minuten grimmig nach außen schaute, hatte ich die Hengste auch schon fast durch. Nur seine eigenen Hengste – Quarterback und Dark Royale – ließ ich ihm übrig.

      Ein bisschen überrascht guckte er schon, als ich ihm die Kelle in die Hand drückte. Auf mich warteten noch andere Pferde.

      Aber im Laufe des Tages fielen mir immer mehr Sachen auf, die ich in den letzten Wochen einfach ausgeblendet hatte. Als die Hengste am Vormittag auf die Paddocks durften, fiel mir plötzlich Barneys veränderte Fellfarbe aus; das Schwarz schien dunkler, während die braunen Stellen am Maul, der Flanke und am Hintern im Gegensatz dazu noch viel heller wirkten. Und ab da konnte ich es nicht mehr ungesehen machen: auch Calista war plötzlich mehrere Schattierungen dunkler; fast schon feuerrot. Ähnlich bei Samarra – und die Schimmel, also Smooth Gravity, Calina und Callisto, wirkten als hätte sie jemand mit Bleiche gewaschen.

      Naja. Abgesehen von den Mistflecken, die bei Schimmeln einfach unvermeidbar waren.

      Diese andauernden Erinnerungen daran, dass es jetzt wirklich Winter war, warfen meinen ganzen Tagesablauf durcheinander. Das Springtraining mit Blurry hatte ich viel früher angesetzt – und dann hatte ich das Gefühl, dem Hengst machte es so Spaß, dass ich auch noch gleich eine viertel Stunde länger machte, als ich eigentlich wollte. Aber Blurry blühte so richtig auf; für ein Platz am Treppchen reichte es zwar nicht, dazu fehlte die nötige Eleganz überm Sprung – man konnte ja auch nicht alles haben – aber solange der Hengst mit gespitzten Ohren auf die Hindernisse zuritt, sollte ich die letzte sein, die ihm diesen Spaß nehmen sollte. Dementsprechend war ich dann aber auch ein paar Minuten zu spät, um die Ankunft unseres neuen Prachtstücks zu sein.

      Der Hengststall füllte sich nämlich stetig. Nach Jettes zwei Jungs war noch ein vielversprechender Youngster eingezogen, der auf den melodischen Namen Painted Taloubet hörte. Und wie der Name schon verriet, war auch er ein Nachkomme meines eigenen Painted Blurs; seine Mutter war allerdings ein ziemlich erfolgreicher Springer gewesen und so wie es aussah, hatte sie das auch an ihren Sohn weitervererbt. Noch sollte der Junghengst seine Zeit auf den Paddocks und Koppeln genießen, bis er dann nächstes Jahr unter den Sattel kam; aber ich war schon gespannt, ob sich meine Hoffnungen in ihn bestätigten.
      Und nach Jitterbug, wie ich Taloubet wenige Tage nach seiner Ankunft getauft hatte, hatte mich dann ein Smoky Cream Hengst komplett verzaubert. Mit außergewöhnlichen Farben war es immer so eine Sache; die meisten Pferde, die nicht in Standard-Braunschwarzrotbraun kamen, waren spezifisch auf diese Farbe gezüchtet – die sportliche Leistung war zweitrangig. Zum Glück galt aber auch hier: Ausnahmen bestätigen die Regel – Jettes Quarterback, der ja jetzt auch eine etwas ausgefallenere Färbung hatte, war mehr als nur ein hübsches Pferd, und so erging es mir auch mit Equinox, dem Smoky Cream. Aufgefallen war er mir natürlich wegen der Farbe – als ich dann aber Videos in Action sah, blieb mir fast die Spucke weg. Als Trakehner war er gezogen für die Vielseitigkeit und schien darin auch wirklich aufzugehen. Ein paar Testritte – einmal ich, einmal Jette und einmal Levi – und alle waren begeistert. Natürlich gab es irgendwo Abstriche, aber seien wir mal ehrlich: das perfekte Pferd wurde eben noch nicht erfunden. Oder gezüchtet. Denn wenn es gerade nicht darum ging, eine Schleife heimzuholen, konnte Equinox fast schon faul sein. Sein Springvermögen hatte mich dann aber letztendlich doch überzeugt, den Kaufvertrag zu unterschreiben; man musste es eben nur aus ihm herauskitzeln. Und wenn ich mich in dieser Einschätzung irren sollte, war er dank seines reinerbig dominanten Cream-Gens für die Zucht trotzdem nicht ganz uninteressant. Win-Win-Situation.

      Als ich am Hengststall ankam, hatte Hauke Equinox schon ausgeladen und ließ ihn gerade seine neue Heimat beschnüffeln. Trotz Trakehnerblutes schien er mir recht entspannt; kein hysterisches Wiehern nach den anderen Pferden, kein aufgeregtes Getänzel. „Auf der Fahrt war er auch echt ruhig,“ bestätigte Hauke, als ich die Beobachtung mit ihm teilte. „Kein Mucks, kein Gestampfe. Kann mir fast nicht vorstellen, dass der im Gelände so abgehen soll.“

      „Wart’s bloß ab,“ riet ich ihm und ließ Equinox dann noch meine Hände beschnüffeln. Die waren schnell uninteressant; er schnoberte mit seiner pinken Schnauze lieber an meiner Jackentasche, wo zufälligerweise ein paar Leckerlis versteckt waren. „Dumm ist er auf jeden Fall nicht.“

      Fürs erste sollte Equinox heute auch in der Box bleiben – auch wenn er so tiefenentspannt wirkte, wollte ich den Bogen nicht gleich überspannen. Und dank Paddockbox konnte er auch ein bisschen Frischluft schnappen. Auf mich warteten noch ein paar Stuten; Dante’s Wild Lady und A Touch of Peace, um genau zu sein.

      Peace war, bevor sie zu mir kam, ja bereits im Sport aktiv gewesen. Nach einer Fissur im Karpalgelenk sollte sie sich erst einmal komplett auskurieren, damit sie danach gestärkt wieder eingesetzt werden konnte. Nach dem letzten Kontrolltermin im Herbst hatte ich grünes Licht vom Tierarzt bekommen und arbeitete mit ihr jetzt am Muskelaufbau. An der Longe lief sie wie eine Eins, streckte sich schön nach unten und lief fleißig vorwärts.

      Im Gegensatz dazu stand Dante. Als Dreijährige musste sie ja noch nicht viel leisten und sollte auf jeden Fall im Sommer noch mal auf die Weide kommen. Trotzdem begann ich schon einmal, sie langsam an die Arbeit heranzuführen. Erst begleitete sie mich als Handpferd auf Ausritten und hatte dabei schnell gelernt, ruhig und gesittet neben einem anderen Pferd zu laufen und auf ein paar Grundkommandos zu hören. Die Freiarbeit, die ich danach anstrebte, klappte auch super; Dante stellte sich als sehr aufmerksame junge Stute mit einem großen Will to please heraus.

      Das Problem lag dann aber beim Longieren. Viele Jungpferde taten sich am Anfang erst einmal schwer, die Linie zu halten – viele klebten dann regelrecht am Longenführer. Dagegen hatte ich eigentlich mit der Freiarbeit begonnen, aber trotzdem blieb Dante höchstens zwei Schritte auf der Kreislinie, bis sie wieder zu mir in die Mitte rannte. Deswegen zog ich mir kurzerhand Jette zu Rate; die hatte eigentlich genug mit den anderen Pferden zu tun, nahm sich aber doch die Zeit, mir zu helfen. Denn natürlich lag das Problem bei mir: die Frei- und Bodenarbeit hatte zwar einen guten Grundstein gelegt, um erfolgreich zum Longieren überzugehen, fehlten aber noch ein paar Übungen – vor allem eben, das Pferd auf Abstand zu halten. Dazu ging ich auch noch gar nicht auf eine wirkliche Zirkellinie, sondern benutzte die ganze Longierhalle dazu. Natürlich bekam Dante auch immer wieder Pausen eingeteilt – wir hatten keinen Zeitdruck, also machten wir uns auch keinen. Also war es erst an diesem (für mich ersten) Wintertag soweit, dass sie die ersten Runden im Kreis um mich herum ging. Nur ein paar, dann schickte ich sie wieder auf die ganze Bahn und stiefelte ihr hinterher. Immer abwechselnd lenkte ich sie zurück auf den Zirkel und marschierte dann geradeaus, immer in einem Abstand etwa zweieinhalb Metern.

      Das Gute an Dante: sie zeigte deutlich, wenn sie nicht mehr aufnahmefähig war. Dann erinnerte sie an einen tollpatschigen Welpen, der seine Pfoten noch nicht ganz unter Kontrolle hatte. Dann war es Zeit, sie noch einmal sich wälzen zu lassen und zurück in den Laufstall zu bringen.

      Nachdem die Weiden über den Winter gesperrt waren, verbrachten Stuten eines jeden Alters den Winter im Laufstall. Die Zusammenführung war manchmal gar keine so leichte Aufgabe – immerhin hatten wir meisten zwei Gruppen, die sich gegenseitig kaum kannten. Deswegen wurde der Laufstall für die ersten Wochen geteilt – so konnten sie sich erst einmal beschnuppern und aneinander gewöhnen, bevor man sie aufeinander los ließ. Und auch dieses Jahr hatte es gut geklappt – die besten Freundinnen waren jungen und älteren Stuten zwar noch nicht geworden, aber keiner wurde durch die Gegend gescheucht.

      Am späten Nachmittag – es war schon wieder fast dunkel, vielen Dank, Winter – konnte ich mich dann kurz losreißen und ins Auto setzen. Meine Fohlen des letzten Jahres waren jetzt schon gut ein Jahr in ihren jeweiligen Aufzuchtställen und wurden dort regelmäßig besucht. Ein bisschen lästig fand ich das Rumgefahre selber – Bohème und Balboa standen glücklicherweise in der Nähe, aber zu Charon war es eine Strecke von etwa 50 Kilometern einfachem Weg. Dort hatte er aber den besten Stall, den man sich vorstellen konnte; gemeinsam mit zehn anderen Hengsten in seinem Alter konnte er im Sommer über eine riesige Koppel rennen, den Winter verbrachte er mit dieser Gruppe in einem Offenstall. Es gab eine gesunde Mischung zwischen in Ruhe lassen und an den Menschen gewöhnen; so konnten die Junghengste ganz normal Kind sein, ohne später keinen Respekt vor Menschen zu haben.

      Die Traube an Jährlingen kam deswegen auch neugierig an den Zaun des Offenstalls, als ich mich daran lehnte. Ein paar Nasen suchten nach ein paar leckeren Äpfeln, ein paar wollten mich nur beschnuppern. Während ich also Nüstern streichelte, versuchte ich im harschen Licht der Baustrahler meinen Hengst zu finden – was sich leichter anhörte, als es tatsächlich war. Schließlich war ich mir aber sicher, dass dieser Rappschimmel vor mir Charon war – diesen treudoofen Blick hatte nur er. Kurzerhand schnappte ich mir einen Strick und holte ihn aus dem Offenstall. Vor ein paar Monaten war das noch der absolute Horror für ihn gewesen. Von der Herde wegführen? Keine Chance. Mit ein wenig Geduld und vielen Leckerlis lernte er dann aber, dass er ja wieder zurückkommen würde. Er lauschte zwar noch jedem Wiehern, das von den anderen Jungs kam, aber sobald wir um den Offenstall herum waren und ich ihn am überdachten Putzplatz anband, war alles vergessen.

      Bis auf die Grundlagen des Fohlen ABCs sollte Charon aber noch gar nicht so viel können. Putzen war im Grunde kein Problem, das hatte ich schon angefangen, als er noch zuhause auf dem Steenhof war. Eigentlich war das Anbinden bis vor kurzem auch kein Problem gewesen; seit wenigen Wochen war er dann aber nur noch am Zappeln und hin und her rennen. Manchmal war es gar nicht so leicht, dann die Geduld zu behalten – vor allem, wenn es schon einmal so gut geklappt hatte. Betont ruhig korrigierte ich ihn also immer wieder und belohnte es, wenn er dann doch mal stehen blieb und sich seine Umgebung ruhig anguckte. Charon war mittlerweile fast so groß wie ich, und auch, wenn er die Masse eines normalen Pferdes noch nicht hatte, brachte ich ihm lieber gleich bei, dass er auf seine Umgebung aufzupassen hatte und nicht einfach Rumtänzeln konnte, wie es ihm gerade beliebte. Ich beließ es an diesem Tag allerdings beim Putzen; über die Anlage fegte ein eisiger Wind, der mir trotz dickem Schal den Rücken hinunter krabbelte. Nachdem ich die Hufe ausgekratzt hatte und Charon noch einmal belohnte, weil er sie dieses Mal artig gegeben hatte, brachte ich ihn zurück zu seinen Kumpels. Ohne sich noch einmal herumzudrehen stapfte er wieder davon und schmiss sich als allererstes in die nächstbeste Matschpfütze. Ich seufzte. Wenn ihn das glücklich machte, dann sollte er sich doch in jedes bisschen Matsch schmeißen.

      Zum Schluss machte ich mich noch auf zu Balboa und Bohème. Wie schon erwähnt standen sie momentan nur rund fünf Minuten vom Steenhof entfernt, bei einem befreundeten Bauern. Die Gruppe an Jungstuten war etwa doppelt so groß wie Charons Bande, genauso wie er standen sie aber auch auf einer Koppel oder, jetzt im Winter, in einem großen Offenstall. Aufgrund der unmittelbaren Nähe war ich hier ein bisschen öfters als bei Charon – ich beließ es also bei einer kurzen Begrüßung mit Leckerlis und ein paar Streicheleinheiten. Auffallend war, dass vor allem Bohème das sichtlich genoss, war sie doch sonst das eher reservierte Fohlen gewesen. Für Balboa war der Mensch am Zaun nach dem ersten Apfelstück uninteressant gewesen, sie hatte sich lieber wieder dem Heu zugewandt. Bohème allerdings schnoberte an meiner Jacke herum, stupste immer wieder meine Hand an, wenn ich es wagte, auch einer anderen Stute Aufmerksamkeit zu geben. Ich hatte das Gefühl, dass sie schon einen ganz schönen Entwicklungssprung gemacht hatte, den ich bei Balboa noch nicht so ganz sah. Ehrlich gesagt hatte ich ein bisschen Angst gehabt, dass Bohème auf ewig so distanziert blieb – durchaus keine Charakterschwäche, aber ein menschenbezogenes Pferd machte das Heranführen an den Job Reitpferd natürlich um einiges leichter. Doch anscheinend hatte Bohème noch ein paar Überraschungen in petto; mal sehen, was aus der Stute einmal werden würde.

      Wie aber schon angekündigt machte ich mich kurz darauf wieder auf den Weg zurück zum Steenhof. Die Abendfütterung würden Malte und Fiete heute übernehmen, und bis zu meiner letzten Runde durch die Ställe war noch genug Zeit für meine allerallerallerallerliebste Lieblingsbeschäftigung: Papierkram. Auf Jettes Bitten hin hatte ich mich in letzter Zeit wirklich nach Verstärkung umgesehen und jetzt galt es, die Bewerber auszusortieren. Sollte der Hof in den nächsten Jahren wachsen, was ich stark hoffte, brauchten wir auf jeden Fall jemand Geschulten, der den ganzen Bürokram machen konnte. Außerdem noch den ein oder anderen Pfleger dazu, damit Hauke und ich uns guten Gewissens um andere Dinge kümmern konnten. Und wovon man nie genug haben konnte: ein paar qualifizierte Reiter, die die Pferde auch auf Turnieren vorstellen würden. Diese Arbeit gab ich aber nur allzu gerne an Jette selbst ab – ihr Team musste sie selbst aufstellen.

      Geposted am: 01.01.2020
      Von: Rhapsody
    • Rhapsody
      Steenhof, 17. Februar
      Charon, Bohème, Balboa, Simplicity of Sophistication, Painted Basquiat, Dante's Wild Lady, Painted Taloubet, Dark Innuendo, Contia Socks, A Touch of Peace, HGT's Saevitia, Dark Royale, Cassiopeia Z, Mania, Seattle Slew, Hallelujah, Equinox II, Callisto, Calista, Ballroom Blitz, Quarterback, Andromeda, Smooth Gravity, Samarra, Benihana, Ironic, Ares, Bucky, Painted Blur, Calina
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      Während Jette alle Hände voll mit ihrem Ausbildungsbetrieb zu tun hatte – vier Pferde waren zur dauerhaften Ausbildung hier, zwischendurch immer mal wieder kurzfristige Aufträge und dann wollten ja auch die eigenen Pferde ordentlich ausgebildet werden – hatte ich Arbeit über Arbeit mit den Stuten. Während auf anderen Höfen die Fohlensaison schon im vollen Gang war, dauerte es auf dem Steenhof immer noch ein paar Wochen. Trotzdem saß ich wie auf heißen Kohlen – ich hatte das Gefühl, es waren noch Tonnen an Arbeit zu tun. Die Kameras im und am Laufstall mussten installiert werden, es mussten noch ein paar Geburtshelfer besorgt werden, ich wollte mich schon mal auf ein paar Namen beschränken, damit die Fohlen so schnell wie möglich registriert werden konnten, wenn sie dann mal da waren.

      Zusätzlich zu meinen eigenen Stuten hatte ich dieses Jahr auch noch ein paar Stuten von befreundeten Züchtern im Stall stehen. Die vier neuen Warmblutstuten hatten sich mehr oder minder schnell in die Gruppe integriert. Vor allem Colored Belle hatte den anderen Pferden schnell gezeigt, wie viel sie von ihnen hielt (nicht viel) – sobald ihr eine Stute zu nah kam, die sie gerade nicht dudelte, wurde der Stute das deutlich zu verstehen gegeben. Auch das menschliche Personal hatte schnell gemerkt, dass mit der dunklen Schönheit vorsichtig umgegangen werden musste – mittlerweile war ich die einzige, die die Stute kontrollierte und auch mal putzte. Am Anfang hatte es ihr auch nicht gepasst, jetzt zum Ende der Trächtigkeit ließ sie es mit angelegten Ohren über sich ergehen. Ich hoffte nur, dass das Fohlen nicht ganz nach ihr kam – trotzdem weigerte ich mich, an der Anpaarung aus Barney und Belle zu zweifeln. Barney war ja auch nicht der Ausgeglichenste und es bestand die Möglichkeit, dass ich da Dynamit gezüchtet hatte – aber Alfred Nobel war ja auch sehr erfolgreich gewesen.
      Glücklicherweise war es mit den anderen Stuten – Dark Rubin, Golden Lights und Minstrel – weniger nervenaufreibend gewesen.

      Es war zwar noch ein paar Wochen hin, aber trotzdem wollte ich heute schon einmal die Abfohlboxen vorbereiten. Nach meinen Morgenrunden um den Hof ging es also ans Putzen; der Stutenstall verfügte neben dem Laufstall, in dem alle Stuten noch vor sich hin kugelten, über eine Handvoll normaler Boxen. Zwei davon waren ein paar Quadratmeter größer und eigneten sich deswegen gut zum Abfohlen. Nachdem die meisten Stuten das Jahr über auch im Laufstall blieben, brauchten die Boxen ein bisschen Liebe, bevor ich hier die neuen Mitbewohner des Steenhofs begrüßen wollte. Und während ich die Tröge auswischte und die Boxen zusammenkehrte – das Stroh würde erst ein paar Tage vor der Geburt reinkommen, wenn dann auch die werdende Mama hier wohnte – freute ich mich fast schon ein bisschen auf die schlaflosen Nächte. Vielleicht bekam ich mit diesem Jahrgang auch eine schöne Herde zusammen und konnte die Aufzucht dann selbst übernehmen. Balboa und Bohéme waren zwar in der näheren Umgebung, aber die Fahrt zu Charons Aufzucht nahm dann doch viel Zeit in Anspruch, die man auch anders nutzen könnte.

      Denn die Arbeit ließ nicht nach. Jette hatte, wie schon gesagt, genug Arbeit mit ihren Berittpferden: ein wunderschöner Palominohengst namens Hallelujah, eine Schimmelstute namens Cassiopeia, einem Fuchs der auf den Namen Mania hörte und einem Halbblut, das den weiten Weg aus Kanada angetreten hatte. Prias Colourful Soul war erst seit kurzem unterm Sattel und brauchte noch viel Sicherheit von ihrem Reiter, sodass sie wohl ein paar Monate auf dem Steenhof verbringen würde. Hallelujah und Cassiopeia waren beide schon einen Ticken erfahrener, aber dadurch nicht unbedingt leichter händelbar; was ich von der Stute so gesehen hatte, erfüllte sie jegliche Stutenklischees, und der Hengst war auch ziemlich blütig. Bis jetzt hatte ich mich aus dem Training raushalten können und alles nur peripher mitgekriegt. Levi, der nach etwas Murren ein weiteres Pferd neben Barney angenommen hatte, hörte man öfters Mal aus der Reithalle fluchen. Aber Barney war auch nicht immer das leichteste Pferd gewesen – wenn er sich mit dem Palomino zusammengerauft hatte, würde das auch noch funktionieren.

      Und dann gab es noch ein paar Neuzugänge – auch, wenn Hauke es anders behauptete, handelte es sich dabei um keine Impulskäufe. Mit Dark Innuendo hatte ich mir noch eine Jungstute geholt – und noch eine, die am liebsten den lieben langen Tag alles hinterfragte. Schlau war sie, das war nicht zu leugnen – aber das konnte auch schnell nervig werden. Sobald sie sich eingelebt hatte, hatte ich das erste Longentraining übernommen. Mit fünf Jahren durfte man langsam ans Einreiten denken, und auch psychisch machte sie einen ziemlich gefestigten Eindruck. Ich hatte eigentlich gehofft, dass sie alles aufsaugen würde wie ein Schwamm – stattdessen war sie häufig das Äquivalent zu einem Kind, das jede Handlung mit einem „Aber warum?“ hinterfragte. Ich war nicht dafür bekannt, gut mit Kindern umgehen zu können; dementsprechend musste ich so einige Male mit den Augen rollen, wenn ich mit Uno zusammenarbeitete. Jette war aber ganz angetan von der Stute – sie war eine Bucky-Tochter und ihr Vater, Dark Intention, hatte zahlreiche Preise eingeheimst. Uno war außerdem eine Halbschwester zu Dark Rubin, und die hatte mich in der kurzen Zeit, die sie hier war, schon überzeugt.

      Der zweite Neuzugang war ein echtes englisches Vollblut. Seattle Slew war auch recht erfolgreich auf der Rennbahn gewesen – glücklicherweise aber schon komplett auf Reitpferdmodus umgestellt, sodass er nach seiner Eingewöhnungsphase eigentlich sofort ins Training einsteigen konnte. Außerdem war er zum Glück ziemlich sozialisiert; schon wenige Tage nach seiner Ankunft hatte Hauke ihn mit Ironic aufs Paddock gebracht und es hatte auch nicht lange gedauert, bis die beiden Jungs sich gegenseitig den Mähnenkamm beknabbert hatten.

      Nachdem die Arbeit im Stutenstall getan war und ich mir ein kleines Mittagessen gegönnt hatte, stand noch Arbeit mit den Jungpferden auf dem Plan. Nach Dantes Anlongieren war ich der selbsternannte Longierprofi und Contia Socks hatte das gleich einmal am eigenen Leib erfahren dürfen. Sie entpuppte sich aber als schneller Lerner und war schnell auch auf Dantes Niveau; Taloubet tat sich da ein bisschen schwerer. Spätestens im Sommer sollten aber dann alle mehr oder weniger unterm Sattel sein. Und auch für Simply und Bowie waren die entspannten Jahre auf der Koppel Geschichte, sobald alle Fohlen gesund und munter auf der Welt waren und ich mich dem intensiv widmen konnte.
      Contia, Dante und auch Taloubet machten ihre Sache heute gut und hatten sich danach eine Auszeit auf den Paddocks verdient. Und auch auf meinem Plan stand nur noch eine kurze Runde durch die Ställe, mit dem Laufstall als Letztes. Noch einen kurzen Besuch bei den werdenden Mamas – noch zeigte keine irgendwelche Anzeichen, dass es in nächster Zeit losgehen könnte, und darüber war ich froh. Alle Stuten hatten bis zum erwarteten Termin noch gut Zeit; würde jetzt schon ein Fohlen kommen, wäre das wohl ein Todesurteil.

      Meine Runde endete bei Bucky. Sie war zwar nicht die erste Stute, die Termin hatte, aber ich hatte das Gefühl, dass sie nochmal einen ganzen Ticken runder war als die anderen Damen. „Du lässt dir besonders Zeit,“ flüsterte ich ihr ins Ohr, während sie die Krauleinheiten mit halb geschlossenen Augen genoss. Wenn dieses Fohlen nach Buckys anderen Nachzuchten kam, dann brütete sie gerade einen kleinen Champion aus – und der sollte natürlich so gesund wie nur irgendwie möglich auf die Welt kommen. Mit einem Klaps auf den Hals verabschiedete ich mich dann auch von der braunen Stute, kletterte aus dem Laufstall und löschte das Licht.

      Geposted am: 17.02.2020
      Von: Rhapsody
    • Rhapsody
      Steenhof, 15. Juli
      Quintessenz, Blitzkrieg Bop, Quantensprung, Dark Necessities, Antares, Painted Gold, Amalthea, Kobik, Charon, Bohème, Balboa, Simplicity of Sophistication, Painted Basquiat, PFS' Gamble Away, Dante's Wild Lady, Painted Taloubet, Dark Innuendo, Contia Socks, A Touch Of Peace, HGT's Saevitia, Dark Royale, Cover the Stars, Cobain, Buchanan, Cobie, Rosewood, Cassiopeia Z, Mania, Shotgun, Seattle Slew, Hallelujah, Equinox II, Callisto, Calista, Ballroom Blitz, Quarterback, Andromeda, Smooth Gravity, Samarra, Benihana, Ironic, Ares, Bucky, Painted Blur, Calina
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      Als Besitzer eines Reitstalls verbrachte man leider viel zu wenig Zeit bei den Pferden – vor allem im ersten Halbjahr. War die Decksaison erst einmal abgeschlossen, konnte ich es schon eher mal vertreten, mir einen halben Zeit Büroauszeit zu nehmen. Und selbst dann warteten unzählige Arbeiten auf mich, die ich aber wesentlich lieber machte, als von früh bis spät am Laptop zu sitzen.

      Neben Vorbereitungen auf Fohlenschauen, Turnieren und dem ganz normalen Trainingsalltag gab es auch ein paar Neuzuwächse. Während ich mit Manias Besitzerin immer noch am Überlegen war, wie wir die Stute am besten dauerhaft auf dem Steenhof behalten konnten, war Cassiopeia Z schon so gut wie in meinem Besitz – es fehlten lediglich noch die Formalien. Dazu kamen dann noch Jettes neue Trainingspferde, zwei braune Vollblüter aus England. Cobain und Gambit – eigentlich Gamble Away aber wer hatte schon Zeit für den kompletten Namen? Ich ganz sicherlich nicht – sollten in Deutschland als Reitpferde verkauft werden und von Jette jetzt zu genau dem gemacht werden; beides waren Ex-Galopper, die aber eine fundierte Grundausbildung genossen hatten. Beide gefielen mir aber so gut, dass ich überlegte, ob wir sie nicht selbst behalten sollten.

      Zu diesen beiden Herren gesellte sich auch noch ein dritter: ein Sohn von Bucky aus einem wundervollen Dominant-White-Hengst. Ein Palomino names Buchanan, der wundervoll in der Sonne glänzte und hoffentlich ganz viele Schleifen in der gleichen Farbe wie sein Fell mit heimbringen würde. Sechsjährig kannte er schon die Grundlagen – jetzt würden wir ihm beibringen, wie er auch toll übers Hindernis kam. Die Veranlagung dafür war auf jeden Fall da.

      Und damit ich irgendwann nicht nur noch Hengste hatte, würden auch drei neue Stuten einziehen dürfen: zwei Trakehner und ein Holsteiner. Neben einer noch recht unerfahrenen Schimmelstute names Rosewood kam auch die Tochter eines bekannten Trakehnervererbers dazu; Rosewood und Cover the Stars würden später hoffentlich mal die kleine Trakehnerzucht bereichern. Rosewood musste sich da noch mehr unter Beweis stellen; bis jetzt war die Stute nur auf wenigen Turnieren vorgestellt worden, was Jette und ich aber ändern wollten. Und Cover the Venus, die Zweite im Bunde, war noch frisch unterm Sattel. Die dritte Stute, ebenfalls ein Schimmel, hatte schon Einiges mehr an Erfahrung. Cobie hatte ich schon selbst im Parcours erleben können - dementsprechend fackelte ich gar nicht lange, als ich ihre Verkaufsanzeige fand.

      Und apropos Zucht: drei unserer Hengste waren auch langsam für ihre Leistungsprüfung bereit. Seattle Slew unter Marieke hatte sich toll auf dem Hof gemacht und das auch auf den Turnieren gezeigt. Ebenso wie Equinox – während Seattle vor allem in Vielseitigkeiten glänzte, war Equinox Springer durch und durch. Ich freute mich also schon auf die ersten Fohlen aus dem schicken Smoky Cream – die würden dann mit Farbe und Können auftrumpfen. Auch Jette und Shotgun hatten die Saison die ein oder andere Springschleife mitgebracht. Auch bei der Stute träumte ich schon von den kleinen Flugzeugen, die mal von ihr abstammen sollten – Jette war mit ihr auch in der schweren Klasse erfolgreich gewesen, und Shotgun sprang über die 1,60m hohen Stangen, als wäre es das leichteste auf der Welt.

      Insgeheim freute ich mich auf den restlichen Sommer und den Rest des Jahres – jetzt würde es wieder ein bisschen entspannter werden. Ich konnte mich mit Hingabe um die neuen Pferde kümmern, Jette wieder mehr beim Training unterstützen und auch die Jungpferde in der Aufzucht mehr besuchen – das kam in den letzten Wochen leider ein bisschen zu kurz.

      Geposted am: 06.07.2020
      Von: Rhapsody
    • Rhapsody
      Steenhof, 10. November
      Молотов, Quintessenz, Blitzkrieg Bop, Quantensprung, Dark Necessities, Antares, Painted Gold, Amalthea, Kobik, Charon, Bohème, Balboa, Simplicity of Sophistication, Painted Basquiat, PFS' Gamble Away, Dante's Wild Lady, Painted Taloubet, Dark Innuendo, Contia Socks, A Touch of Peace, Cover the Venus, HGT's Saevitia, Dark Royale, Cobain, Buchanan, Cobie, Rosewood, Cassiopeia Z, Mania, Shotgun, Seattle Slew, Hallelujah, Equinox II, Callisto, Calista, Ballroom Blitz, Quarterback, Andromeda, Smooth Gravity, Samarra, Benihana, Ironic, Ares, Bucky, Painted Blur, Calina
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      Irgendwann war auch leider die schönste Weidezeit vorbei. Die Hengste tummelten sich in Kleingruppen auf den Paddocks und veranstalteten Wettbewerbe, wer sich am schnellsten und effektivsten dreckig machen konnte; die Stuten hingegen wurde noch ein kleines Stück Gras gegönnt. Das Winterfell war fleißig am Wachsen, die ersten Pferde wurden geschert, die Ställe hingen wieder voll Abschwitz- und, nach dem Mistwetter der letzten Tage, auch Regendecken.

      In diesem grauen und regnerischen Novemberwetter fiel das Absetzen der Fohlen. Ein halbes Jahr oder mehr hatten sie mit ihren Müttern in der großen Gemeinschaft verbracht, jetzt ging es in das erste eigene Abenteuer. Und dieses Jahr würde ich sogar teilweise die Aufzucht übernehmen; mit fünf Stutfohlen hatte ich eine schöne kleine Gruppe beisammen. Die drei Hengstfohlen Quantensprung, Antares und Blitzkrieg Bop, hatte ich in der gleichen Aufzucht untergebracht, in der auch schon Charon vor zwei Jahren einen Platz gefunden hatte.

      Die größeren Fohlen, also Kobik, Painted Gold und auch Amalthea, hatten sich schon länger ein bisschen von den Müttern abgekapselt; sie waren sieben, fast acht Monate alt und gingen größtenteils ihren eigenen Weg. Mit ihnen hatte ich das allein bleiben auch schon intensiver geübt, sodass sie kaum noch mit der Wimper zuckten, als ich Bucky, Andromeda oder Golden Lights aus dem Stall führte. Als ich also Anfang November die drei Fohlen aufhalfterte und zum Übergang in eine umgebaute Box im Ausbildungsstall führte, war da wenig Abschiedsschmerz; die Fohlen folgten mir gespannt über den Hof, die Mütter riefen einmal kurz nach ihnen, aber dann war das Ganze auch schon vorbei.

      Bei anderen Fohlen lief das schon ein bisschen anders ab. Benihana, die ja eigentlich schon eine mehr oder weniger erfahrene Zuchtstute war und nicht zum ersten Mal durch das ganze Absetzen ging, stellte sich als wahre Glucke heraus. Das bedeutete, dass auch Antares das alles nicht so mitmachte, wie ich es mir erhoff hatte – im Endeffekt gab es dann nur viel Aufregung im Offenstall, weil sich natürlich alle anderen Stuten davon anstecken ließen und wie kopflose Hühner über den Paddock rannten. Da war also besondere Vorsicht geboten; Antares war eigentlich ein sehr neugieriges und aufgeschlossenes Fohlen, was wir uns zu Nutze machen konnten. Während Benihana am Putzplatz blieb und dort von Jette oder Cat betüddelt wurde, lenkten Hauke und ich Antares so gut wie möglich ab, damit er gar nicht größer mitbekam, wenn seine Mutter wieder in den Stall verschwand. Mit viel Übung wurde dann die Zeit, die er alleine verbrachte, immer länger, und auch an diesem Novembermorgen gab es nur ein kurzes Abschiedskonzert, ehe die Neugierde überwog und er mir mehr oder weniger freudig in die Box im Ausbildungsstall folgte. Quantensprung und auch Bobby folgten kurz darauf; die Hengstgruppe war also schon einmal fertig zusammengestellt. Alle drei würden heute Nachmittag dann zum Aufzuchtstall gefahren werden – erst, wenn das passiert war, würde ich entspannen können.

      Zu den Stutfohlen gesellten sich dann auch noch Quintessenz und Dark Necessities mit mehr oder weniger Problemen; kurz darauf ging es dann – noch am Halfter, damit kein Fohlen noch schnell auf Weltreise ging – Richtung Weide. Die Stutfohlen würden eine der Weiden beziehen, die an der Auffahrt zum Steenhof lag; dort war genug Platz für die fünf zum Rennen und Toben, bei komplettem Mistwetter konnten sie sich unterstellen und Heu würde auch zu gefüttert werden. Ein kleines Paradies für Jungspunde. Ein paar herzzerreißende Wieherer gingen noch in Richtung Hof; nach einer halben Stunde hatten sich dann aber alle Stutfohlen mit der neuen Situation angefreundet; immerhin kannten sie sich ja untereinander schon und hörten dort auf, wo sie vor einer Stunde im Laufstall aufgehört hatten.

      Ich beschloss, dass ich mir eine kleine Mittagspause verdient hatte. Und nach dem Lärmpegel, der mir bei Betreten meines Hauses entgegenschlug, zu urteilen, hatten sich auch die anderen eine kleine Auszeit gegönnt. In der Küche saßen Cat, Jette, Hauke und Levi, in der Mitte vom Tisch lagen Pizzaschachteln; vier davon bereits aufgeklappt und halb leer, einer noch komplett unangetastet – zielstrebig schnappte ich ihn mir, ließ mich auf einen leeren Stuhl fallen und inhalierte das erste Stück.

      Die anderen diskutierten über das letzte Geländetraining des Jahres, das vor zwei Wochen stattgefunden hatte, und welche Pferde vielleicht von Indoor-Training profitieren könnte – denn natürlich blieb in der Mittagspause das Trainings-Thema nicht aus. Ich klinkte mich da ein bisschen aus und konzentrierte mich lieber auf die Pizza; immerhin musste ich schauen, wie ich ohne großen Schaden drei übermütige Hengstfohlen transportieren sollte. Hänger fahren hatten wir natürlich bereits den ganzen Sommer über geübt, allerdings hatte das nur einwandfrei geklappt, wenn die Muttis dabei waren.

      Während ich noch abwägte, ob ich lieber drei Fahrten machen sollte oder im großen Hänger alle drei Fohlen packen konnte, ohne dass sie sich auf der Fahrt zerfleischten, merkte ich gar nicht, wie die Konversation am Tisch verstummte. Erst, als mir Hauke aufs Schienbein kickte, merkte ich, wie mich vier Gesichter hoffnungsvoll anstarrten.

      „Äh. Was?“

      Cat räusperte sich und blickte mich unsicher an. „Ich hab gerade von meinem Bruder erzählt. Und dass er sich ein Fohlen gekauft hat.“

      „Oh,“ machte ich. Cats Bruder … da klingelte etwas. „Der, der dich hergebracht hat? Mit dem großen Hund? Meintest du nicht, dass er absolut nichts mit Pferden am Hut hat?“

      „Bis vor ein paar Jahren zumindest,“ gab sie zu.

      „Hat ihn nicht davon abgehalten, sich mal eben ein Pferd zu holen,“ kommentierte Levi mit hochgezogenen Augenbrauen, was von Cat mit einem Blick quittiert wurde, der soviel wie „Ich stimme dir zwar zu aber sag bloß nichts Böses mehr über meinen Bruder sonst knallt’s“ sagte. Das schien bei Levi auch soweit anzukommen; er hob beschwichtigend beide Hände in die Höhe.

      „Auf jeden Fall hat Lesja jetzt dieses Hengstfohlen in Mecklenburg stehen, aber er sucht noch einen Aufzuchtsplatz.“ Cat machte eine kleine Pause, sah mich mit großen, runden Augen an. „Und da dachte ich sofort an dich, Fritzi.“


      Ich blinzelte ein paar Mal. „Mich? Ich fahr meine Hengstfohlen doch selber später weg zur Aufzucht.“

      „Und da wäre kein Platz mehr frei?“ bohrte Cat nach.

      „Äh, ich kann höchstens mal anrufen…?“

      Jetzt hatte Hauke die Stirn gerunzelt. „Hast du nicht noch ‘ne Weide frei? Im Wald hinter den Hengsten?“

      „…Theoretisch. Auf was wollt ihr hinaus?“ fragte ich schließlich; langsam beschlich mich das Gefühl, dass da noch mehr dahintersteckte. Hauke schlug sich daraufhin die flache Hand auf die Stirn, Cat und Jette lachten nervös.

      „Was?“ meinte ich, etwas indigniert. „Was habt ihr da schon wieder ausgemacht?“

      Hauke lehnte sich nach vorne und sah mich an, als wäre ich ein kleines Kind, dem er gerade erklären musste, warum man keinen Dreck essen sollte. „Du hast Platz. Du hast vier Hengstfohlen.“

      Jetzt runzelte ich die Stirn. „Ihr wollt, dass ich mich selber um die Aufzucht kümmere?“

      Jette zuckte mit den Schultern. „Warum nicht? Dann sind sie trotzdem unter deinem wachsamen Auge, du bist sofort da, falls was ist, die Babys haben genug Spielkameraden,“ Jette breitete die Arme in einer Voilà-Geste aus. „Es wäre dumm, wenn du es nicht machen würdest.“

      Das musste ich jetzt erst einmal gründlichst überlegen. Klar, Platz war da, und ich hatte selbst die Hand über die weitere Erziehung meiner Hengste; allerdings war mir bei Hengsten vor allem die Sozialisation in einer großen Gruppe wichtig, damit aus den Fohlen später einmal normal funktionierende Pferde würden. Vier waren zumindest schon einmal mehr als drei (wow, Mathegenie coming through!), aber im Aufzuchtstall waren etwa acht bis zehn Fohlen in einer Herde.

      Nach dem Mittagessen gingen alle wieder an ihre Arbeit zurück; für mich bedeutete das erst einmal ein bisschen rumtelefonieren. Zum einen mit dem Besitzer des Stalls, in den ich meine drei Fohlen fahren wollte; der konnte das Fohlen von Cats Bruder definitv nicht noch mit aufnehmen. Und weil ich eine so soziale Person war, setzte ich mich an den Laptop und postete eine Anzeige in diversen Facebookgruppen und Foren, dass ich ein paar Plätze zur Fohlenaufzucht frei hatte.

      Toll. Jetzt durfte ich mich auch noch mit anderen Pferdebesitzern rumschlagen. Danke dafür, Team.

      Als ich Cat davon erzählte, fiel sie mir quietschend um den Hals und rannte dann zurück ins Haus, um sofort ihren Bruder anzurufen. Ich hingegen machte mich auf die Suche nach Hauke; immerhin hatten wir eine Weide auf Vordermann zu bringen.

      Quantensprung, Antares und Bobby kamen für die nächsten Tage doch noch einmal zurück zu den Stuten, bis alles fertig war. Auf die Anzeige meldeten sich tatsächlich eine ganze Handvoll Leute, sodass gegen Ende der Woche sowohl die Stut- als auch die Hengstfohlen auf eine Gruppe von jeweils rund zehn Fohlen angewachsen war. Für die ich jetzt alle die Verantwortung trug. Na klasse.

      Der Tag der Tage kam am Wochenende; Hauke und Cat fuhren früh samt Hänger los, um das Fohlen ihres Bruders in Mecklenburg abzuholen. Jette wäre gerne mit Quarterback ausreiten gegangen, wurde von mir aber dafür verdonnert, mir bei der Ankunft der restlichen Fohlen zu helfen. Ein zweites Mal wurden die drei restlichen Hengstfohlen aus dem Laufstall geholt; dieses Mal ging es sofort auf die Weide. Ich hoffte ja nur, dass sie auch noch so kleine Engel waren, wenn auch die restlichen Fohlen dazu stoßen würden.

      Gegen Nachmittag waren dann auch fast alle Neuzugänge verräumt; gegen 15 Uhr rollten dann auch Hauke und Cat samt vollem Transporter auf den Hof. Sie hatten auch Cats Bruder gleich mitgebracht, der motiviert aus seinem eigenen Auto sprang, sobald dieses hinter dem Hänger zum Stillstand kam. Nach ihm kletterte auch ein langbeiniger Hund mit zotteligem Fell und langer, schmaler Nase hinterher; er blieb jedoch am Wagen stehen und beobachtete sein Herrchen mit einem fast schon entnervten Blick.

      Cat half ihrem Bruder beim Ausladen eines feuerroten Fohlens, das sich neugierig auf dem Hof umguckte und gleich einmal laut alles zusammenschrie; Antwort kam aus dem Laufstall und dem Ausbildungsstall, und auch von dort nicht zu leise.

      Cats Bruder hatte mich entdeckt und stellte sich wie ein Riese vor einem Zwerg vor mich hin. „Hi, du musst Fritzi sein? Vielen Dank nochmal für die schnelle Hilfe.“ Dabei schüttelte er mir die Hand so stürmisch, dass ich fast das Gleichgewicht verlor.

      „Da kannst du deiner Schwester danken,“ meinte ich. „Dank ihr bin ich jetzt Kindergärtnerin.“

      Cats Bruder runzelte die Stirn, aber Cat, die meine mit Sarkasmus und Desinteresse maskierte Nervösität schon von Anfang an als solche erkannt hatte, winkte ab. „Hör nicht auf sie, sie liebt es. Und sie wird den kleinen Molotov genauso mögen.“

      „…Molotov?“ hakte ich nach, das Grinsen stark zurückhaltend. „Wirklich? Molotov?“

      „Passt zumindest von der Farbe gut,“ meinte Hauke, der jetzt dazu gekommen war, ebenfalls mit einem leichten Schmunzeln.

      Cats Bruder ignorierte das entweder oder bekam es gar nicht mit; stolz zeigte er auf das Hengstfohlen, das sich an Cats Hand vor allem schon einmal mit dem Gras am Wegrand bekannt machte, dann auf den langbeinigen Hund, der mittlerweile zu seinen Füßen lag, und anschließend auf sich selbst: „Molotov, Misha, Jelisej. Die rote Gefahr.“

      „Gott, du bist ungefähr genauso ein Jelisej wie ich eine Jekaterina. Fritzi, Hauke, das ist Lesja,“ schaltete sich schließlich Cat ein, mit einem leicht entnervten Tonfall. „Lesja, das sind Fritzi und Hauke.“

      „Freut mich dich kennenzulernen,“ meinte ich trocken. „Sollen wir noch länger hier dumm rumstehen oder wollen wir dein Fohlen aufräumen?“

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      Molotov etablierte sich schnell als Anführer der kleinen Truppe, auch wenn sich Bobby davon erst noch ein bisschen überzeugen lassen musste. Auf dieser Weide, die halb im Wald lag, hatten die acht Hengstfohlen viel Platz zum Spielen und konnten sich auch einmal aus dem Weg gehen. Zum Unterstellen hatten Hauke und ich noch schnell in den letzten Tagen einen kleinen Unterschlupf zusammengezimmert, sodass die Hengstfohlen auch bei Wind und Wetter trocken bleiben konnten.

      Während Cat ihrem Bruder noch den restlichen Hof zeigte und Hauke neugierig hinterherschlappte, machte ich mich noch auf den Weg zur kleinen Stutenherde. Auch hier war die größte Aufregung der Neuzugänge mittlerweile abgeebbt. Auf der großen Weide konnte ich vom Zaun aus nur ein paar der Fohlen in der Distanz erkennen, die nebeneinander grasten; zwei erkannte ich noch an der kleinen Hütte. Kurzerhand kletterte ich unter dem Zaun hindurch und machte einen kleinen Rundgang, um mir sicher zu sein, dass alle Stutfohlen auch noch da waren, wo sie hingehörten. Neben meinen eigenen fünf Fohlen hatten sich noch fünf weitere junge Stuten dazugesellt; drei Warmblüter, ein Reitpony und eine junge Schleswigerstute. Viele der neuen Fohlen waren mir gegenüber noch ein bisschen skeptisch, aber die würden schon auch noch herausfinden, wer die Möhrchen verteilte.
      Nach meiner kurzen Zählrunde – alle Stutfohlen waren an Ort und Stelle – fand ich Hauke, Cat und ihren Bruder Lesja an der Reithalle, in der Jette gerade mit Hallelujah trainierte. Cat gestikulierte wild, während Lesja anscheinend aufmerksam zuhörte. Hauke hingegen war der erste, der mich entdeckte und mir entgegenkam.

      „Cat hat gerade vorgeschlagen, dass wir alle noch eine kleine Runde um den Hof machen. Damit ihr Bruder alles nochmal besser kennenlernt. Bist du dabei?“

      Ich guckte auf die Uhr, dann kritisch zum Himmel hinauf. Noch keine Anzeichen von aufsteigender Dunkelheit, aber die Tage wurden immer kürzer. „‘ne kurze Runde bin ich dabei. Jette auch?“

      Hauke sah kurz in die Halle hinein, in der Jette gerade Galoppwechsel übte. Hallelujah, der für ein Warmblut ziemlich gut Winterfell geschoben hatte, war bestimmt schon ziemlich nassgeschwitzt. „Wenn wir noch kurz warten, ist Jette bestimmt zum abreiten dabei.“

      „Na dann los,“ sagte ich.

      Für Cats großen Bruder ein passendes Pferd zu finden, war gar nicht so leicht. Kurzerhand setzten wir ihn – mit Jettes Einverständnis – auf Shotgun. Recht viel größer ging es nicht, und im Gegensatz zu Cassiopeia war Shotgun durchaus verlässlicher. Hauke sattelte sich Dark Royale, Cat wartete mit Saevitia schon auf dem Hof; sie würde Shotgun locker als Handpferd nehmen, für alle Fälle. Lesja hatte nach eigenen Angaben zwar schon die ein oder andere Reitstunde genommen (was Cat wie ein Honigkuchenpferd grinsen ließ vor lauter Stolz), aber sicher war sicher.

      Ich selbst hatte mich für Contia Socks entschieden; die junge Stute hatte tolle Fortschritte gemacht. Mittlerweile konnte man sie schon in der großen Halle reiten und erste leichte Trainingseinheiten üben. Im Gelände war sie noch etwas schreckhaft, aber das wurde von Mal zu Mal besser.

      Nach dem Ausritt beanspruchte Cat noch einen gemeinsamen Filmabend mit Burger und Horrorfilmen. Da zeigte sich, dass sie ihren Bruder komplett um den Finger gewickelt hatte; während Jette und Hauke sich durchaus für die Idee aussprachen, sah man Lesja deutlich an, dass er sich eigentlich auf den Weg machen sollte.

      Kurzerhand schritt ich ein. „Ich glaub, der Tag war aufregend genug. Und Lesja muss ja auch noch heimfahren.“ Über Cats Kopf warf mir Lesja einen dankbaren Blick zu. „Das holen wir wann anders nach.“

      Kurz schob Cat ihre Unterlippe vor und war auch kurz davor, die kleine-Schwester-Karte auszuspielen; dann seufzte sie aber und zuckte mit den Schultern. „Ja, Fritzi hat Recht. Ich bring dich noch zum Auto.“

      Wir verabschiedeten uns kurz, ich versicherte Lesja nochmals, dass ich mich um seinen Molotov kümmern würde wie um meine eigenen und er natürlich so oft zum Besuch kommen durfte, wie er wollte (was Cat dann noch einmal unterstrich, indem sie ihm anordnete, innerhalb der nächsten zwei Wochen wieder aufzukreuzen). Während Cat ihren Bruder also zum Auto begleitete, gingen Hauke, Jette und ich zurück zu den Ställen; für Jette standen noch mindestens zwei Pferde auf dem Plan für heute, Hauke war dafür zuständig, die Pferde auf den Paddocks langsam einzusammeln und ich wollte noch mit Dark Innuendo eine kleine Trainingseinheit starten. Ähnlich wie Contia wurde auch Uno immer sicherer unter dem Sattel und wir arbeiteten schon fleißig an der Losgelassenheit. Wenn das noch etwas mehr gefestigt war, dann sollte auch die ersten kleineren Cavaletti-Sprünge mal dazu genommen werden.

      Nach dem Reiten mit Uno, dem Füttern der Pferde und dann dem Füttern der Menschen (wir holten uns doch noch Burger und machten einen Mini-Filmabend, sorry Lesja), machte ich mich nachts noch einmal zu einer letzten Runde über den Hof auf. Jelly war mir bereitwillig aus dem Haus gefolgt; bei der Abendrunde konnte ich Peanut nur selten dazu überreden, mit rauszukommen; Jelly hingegen schien jetzt erst richtig wach zu werden. Die Nase fest auf den Boden gedrückt, rannte sie gute zehn Meter vor mir umher, einmal in die Büsche, dann wieder zurück zu mir. Gemeinsam gingen wir kurz durch den Ausbildungsstall, Laufstall und den Hengststall, deckten das ein oder andere Pferd noch ein und kontrollierten, ob auch alles in Ordnung war. Auf dem Weg zur Waldweide blieb Jelly dicht bei mir; das war ihr auch nicht so ganz geheuer. Der Weg war nicht ausgeleuchtet, die Bäume wurden immer größer und blockten den Großteil des Mondlichts ab. Mit der Handytaschenlampe kletterte ich durch den Zaun und machte eine mentale Notiz, Hauke morgen mit der Beleuchtung der Weiden zu beauftragen. Das Licht der Taschenlampe reichte nicht weit, also ging es noch einmal quer über die Weide – aber alle Hengstfohlen, die hier sein sollten, waren es auch. Kurz kontrollierte ich noch einmal, ob sie noch genug Heu hatten und ob die Tränken auch funktionierten, dann ging es wieder zurück Richtung Hof, am Haupthaus vorbei, zu den Stutfohlen. Auch hier war alles ruhig und die Fohlen vollständig; das ließ sich schnell zählen, weil sie sich alle schon in die kleine Hütte in einen Kreis gestellt hatten. Auch hier war es nicht besonders hell, auch wenn vom Straßenrand ein kleines bisschen an Straßenlicht ankam. Mentale Notiz Nummer 2: auch hier wegen Beleuchtung anfragen.

      Langsam stieg Nebel auf und umhüllte den Hof. Ich zog meine Jacke enger um mich herum, ignorierte meinen sichtbaren Atem und pfiff nach Jelly, die auch schon kurz darauf angerannt kam. Dann ging es zurück ins Haus – Schluss für heute.

      Geposted am: 07.11.2020
      Von: Rhapsody
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    3 | Steenhof
    Hochgeladen von:
    Rhapsody
    Datum:
    26 Feb. 2020
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    Balboa
    benannt nach einer Kinofigur


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    von: Leitz

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    EXTERIEUR & INTERIEUR

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    Stute
    Holsteiner
    3 Jahre

    169 cm
    Smoky Black

    Neugieriges, mutiges Fohlen, dem Menschen gegenüber aufgeschlossen.


    TRAINING

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    Fohlen ABC

    Dressur
    E A L M* M** S* S** S**

    Springen

    E A L M* M** S* S** S**

    Military

    E A L M* M** S* S** S***


    ERFOLGE

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    Dressur: -, Springen: -, Military: -


    Turniere


    Andere


    ZUCHTINFORMATIONEN

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    HK/SK Schleife
    HK-/SK-Gewinnerthema


    Leihmutterschaft:
    Genotyp: aa Ee nCr
    Aus der Zucht: Steenhof (St. Margarethen, DE)
    Nachkommen:


    GESUNDHEITSZUSTAND

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    Letzter Tierarztbesuch:
    26.08.18 – Pferdepraxis Sapala – Grundkontrolle + Chippen

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    Beschlagen:
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