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Wolfszeit

♛Osgiliath|Englisches Vollblut

In meinem Besitz seit 26.08.2018 | Hengst|Gekört

♛Osgiliath|Englisches Vollblut
Wolfszeit, 7 März 2020
    • Wolfszeit
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      11.12.2016|Canyon
      Alltag kurz vor Weihnachten
      Bo | »Bo!« Die Stimme des alten Mannes krächzte lauthals durch den Stall. Dafür, dass der alte Are schon einige Jahre auf dem Buckel hatte, klang seine raue Stimme noch nach Kraft und Energie, wie man es nicht für möglich halten würde. »Boooo! Hörst du mich?«
      Ein junges Mädchen, vielleicht um die zehn Jahre, streckte ihren Kopf aus einer Box heraus und schaute ihren Großvater erwartungvoll an. »Grandpa?«
      »Ach da bist du ja Süße.« Humpelnd machte sich der alte Mann auf den Weg zu dem jungen Mädchen und blieb dann vor ihr stehen. »Ich würde mal meine alten Knochen für einen Moment eine Pause gönnen und Teodor besuchen, ja? Würdest du hier etwas allein zu recht kommen? Wenn was ist, dann kannst du-«
      »Dann kann ich ja zu Teo kommen. Jaja Grandpa, ich weiß schon, ist doch immer das Selbe.« meint sie und schüttelt gespielt genervt den Kopf. »Jetzt geh‘ schon, du weißt doch, ich bin schon groß!«
      Are drückte ihr einen Schmatzer auf die blonden Haare und verschwand dann durch den Seitenausgang aus dem Stall. Zufrieden wendete sich Bo wieder dem Pferd zu, welches entspannt vor ihr stand. Jeder normale Mensch hätte es für verrückt gehalten, einem jungen Mädchen einen Ponyhengst, sowie eine Jungstute zum Geburtstag zu schenken, aber Are hielt es immer noch für das Beste und kaum einer hätte gedacht, dass der Plan des alten Mannes so gut funktionieren würde. Elliot hieß der hübsche gescheckte Hengst, vor welchem Bo nun stand und welchen sie mit dem fürsorglichsten Blick bedachte, den es nur gab. Sie liebte ihn mehr als alles auf der Welt und vielleicht war es auch für Elliot das erste Mal, dass ihn jemand so liebte. Der Hengst war als schwierig eingegliedert, aber von diesem Makel war schon seit Wochen nichts mehr zu sehen. Auf dem Platz, wie auch im Gelände trug er seine neue Freundin zuverlässiger, als es je ein anderer getan hatte. Leise vor sich hinsummend putzte Bo ihr Pony, flocht ihm die Haare ein und schrubbte die schlammigen Hufe, auch wenn sie genau wusste, dass sie nach dem nächsten Weidegang wieder genauso aussehen würden. Erst als Elliots Box auch sauber war, die Tränke gereinigt und dem Hengst wieder eine Decke übergeworfen war, verließ sie seine Box und machte sich auf den Weg zu der kleinen Stute Nabiri. Geplant war eigentlich nur der Kauf von Elliot gewesen, aber auch Nabiri hatte dringend ein neues Zuhause gesucht und es sah nicht danach aus, als würde sich bald jemand melden. Der alte Are hatte es einfach nicht sein lassen können und hatte auch für Nabiri sein Geld hingeblättert. Mit Nabiri war es jedoch von Anfang an schwerer gewesen. Sie war erst knapp zwei Jahre alt, sehr dominant und leider nicht allzu einfühlsam. Jedoch gaben sich alle Hofbewohner die größte Mühe mit der Kleinen und so langsam sah man Veränderung bei der Stute.
      »Nabiri!« Freundlich rief Bo den Namen der Stute in die Box hinein und hielt dann erst ihre Hand über die Boxentür ins Innere. Als die Stute kurz an der Hand geschnüffelt hatte, trat sie einen Schritt zurück und ließ das Mädchen die Boxentür öffnen. »Na meine Prinzessin?« Gut gelaunt wie eh und je betrat sie die Box, schloss jedoch hinter sich die Boxentür. Bei Nabiri hielt sie sich nicht allzu lange auf. Das braune Fell wurde von jeglichem Dreck befreit, jedoch blieben die Hufe dreckig. Bis jetzt war es ihr noch verboten, die Gegend der Hufe anzufassen und so ließ sie es auch bleiben. Nachdem sie Nabiri noch eine Mohrrübe gegeben hatte, verließ sie die Box wieder. Unentschlossen was sie als nächstes tun sollte, blieb sie in der Stallgasse stehen. Die Hände hatte sie, wie eine junge Frau, in die Seiten gestemmt und blickte von einem Stallende zum anderen. Plötzlich fiel ihr Blick auf den Heu- und Strohberg in der Mitte der Gasse und dort entdeckte sie, fast unter dem Heu begraben, Capucine. Sie liebte die alte Katze und ließ es sich sie nicht nehmen, sich neben diese zu legen und den Kopf der Dame zu streicheln. Schnurrend schloss Cap die Augen und versank leicht lächelnd in einer anderen Welt.

      Nico | Zur gleichen Zeit, nur einige Meter weiter, stand eine kleine Versammlung von Menschen am Eingang einer Weide und beobachtete ein interessantes Schauspiel. Petyr, Nico und Charly mit dem kleinen Bart im Gepäck starren gespannt auf das Geschehen auf der Weide. Während Petyr knapp davor war auf die Wiese zu stürmen und von seinem Halfter Gebrauch zu machen, lehnte Nico entspannt am Pfosten.
      »Das war eine verdammt blöde Idee. Verdammt blöd.« murmelte Petyr vor sich hin und starrte wie gebannt auf die beiden Hengst, welche sich in einer Art Tanz immer wieder umrundeten und mit lautem Schnauben den anderen abtasteten.
      »Mein Gott Petyr, beruhige dich, ist doch alles gut.« meinte Nico herablassend, bevor er sein Handy aus der Tasche holte und zu tippen anfing.
      »Nico, höre endlich auf Petyr ständig so anzugehen. Ich kann das gut nachvollziehen, wenn er sich um die Pferde Sorgen macht, du könntest dir da ruhig eine Scheibe abschneiden!« mischte sich nun auch noch Charly ins Gespräch ein. Jeder wusste, dass sie es hasste, wenn Nico sich mit Worten über andere stellte und kein Gefühl für andere zeigte.
      Petyrs Bedenken waren nicht unbegründet. Die beiden neuen Vollbluthengste auf dem Gestüt waren unterschiedlicher als sie hätten sein können. Osgiliath, der dunkle Schimmel, war zehn Zentimeter größer als der braune Alysheba und auch um einiges aggressiver. Der junge Sheba schien reichlich nervös, unkonzentriert und unwissend, während sich Lia nur so aufplusterte und seine ganze Stärke bewies.
      »Das wird schon«, meinte Nico und hängte das Halfter von Osgiliath an den Pfosten. »Ich mache mich mal auf den Weg zu Malte, ich hörte, dass er meine Hilfe braucht.«

      Malte | Und tatsächlich. Ungeduldig wartete Malte auf dem Parkplatz vor dem dunklen Geländewagen von Nico, welcher eigentlich schon längst hatte hier sein wollen. Wieder warf er einen Blick auf die Uhr auf seinem Handy und ärgerte sich ein weiteres Mal, dass Nico ihm mal wieder nicht antwortete. Er hatte noch nie verstehen können, was Charly an diesem Motzprotzbrocken nur zu fand, aber das war wahrscheinlich auch der Grund, weshalb er sich hier in der Kälte wartend quälte. Charly hatte wohl das interessanteste Geburtsdatum erwischt, was man erwischen konnte. Heiligabend. Er beneidete sie nicht darum, aber genau deswegen war es eben so wichtig, dass sie an diesem Tag gut gelaunt sein würde. Eine viertel Stunde zu spät kreuzte Nico am vereinbarten Treffpunkt auf und machte keine Anstalten, sich bei Malte dafür zu entschuldigen. Malte brauchte viel Willen, um seine aufkeimende Wut zu unterdrücken und sich auf dem Beifahrersitz des protzigen Wagens niederzulassen, welchen Nico von seinem Vater hatte geschenkt bekommen. Im rasanten Tempo kutschierte Nico Malte zu etwas 15 Kilometer weiter zu einem kleinen Hof, auf welchen seit einigen Woche eine junge Stute lebte. Sie war es gewesen, in welche sich Charly vor Wochen verliebt hatte, damals stand sie allerdings nicht zum Verkauf. Das ganze Hofteam hatte nun vor wenigen Wochen das letzte Geld zusammen getragen, um Charly zu Weihnachten dieses Geschenk machen zu können, doch bis es soweit war, lebte die junge Stute nun erst mal hier. Malte besuchte sie so oft wie möglich, aber auch die Hofbesitzer kümmerten sich hervorragend um sie. Nico war, zu Maltes Ärger, nur selten bei der Stute und er fragte sich schon, ob Nico nicht vielleicht noch etwas anderes für Charly hatte, wenn er so wenig Interesse für Striga zeigte. Ja Striga hieß sie, war eine überaus seltene Rasse namens Azteca und hatte dazu noch eine Farbe, bei welcher jeder die Augen weit aufriss und fragte, ob ihr Haar gefärbt worden war. Lang und rot war es, während ihr Körper ein sanftes mausgrau aufwies. Wer diese Stute nicht hübsch fand, dem konnte nicht mehr geholfen werden. Nico parkte seinen Wagen vor dem Tor des Hofes und Malte sprang so schnell wie möglich, so als wollte er nicht noch länger neben Nico sitzen, aus dem Wagen und drückte die kleine Tür zum Hof auf. Striga stand auf einem großzügigen Paddock zusammen mit einer alten Haflingerstute und genoss die letzten Strahlen der Sonne, welche sich allerdings bereits wieder überaus gefährlich der Erde zuwandte.
      »Was muss denn jetzt getan werden? Ich habe gedacht, Striga wird bereits versorgt?« fragte Nico missmutig und warf bereits jetzt genervt einen Blick auf die Uhr.
      Malte zog kurz die Augenbrauen zusammen und schüttelte kaum merklich den Kopf. »Nicht viel. Ich will sie kurz untersuchen und putzen, spazieren gegangen bin ich erst gestern mit ihr. Ansonsten eigentlich nichts, außer du hast noch etwas vor.« Man sah Malte an, wie viel Anstrengung er brauchte, um ruhig und unemotional zu bleiben. Verächtlich zog Nico die Nasenflügel hoch und schnaubte kurz. »Ne, mir fällt nichts ein. Weiß gar nicht, warum ihr so einen Aufstand immer wegen ihr macht. In zwei Wochen ist sie bei uns und dann kann sich Charly jeden Tag um sie kümmern. Eigentlich hat sie es doch gut hier.«
      Malte antwortete ihm nicht mehr, sondern machte sich an die Arbeit. Liebevoll begrüßte er die junge Stute, reichte ihr eine Möhre und begann dann, den Dreck aus ihrem langen Haar zu putzen. Auch der Körper wurde von den gröbsten Dreckresten befreit und nebenbei wurde gleich darauf geachtet, dass sie sich keine Verletzungen zugezogen hatte. Nachdem Malte fertig war, blieb er noch einen Moment überlegend stehen und blickte in Nicos Richtung, welcher schon wieder mit seinem Handy beschäftigt war. Dann grinste Malte kurz fies und schleppte dann das Putzzeug auch noch zu dem Haflinger hinüber. Als Nico mitbekam, dass Malte nun auch noch die Stute, welche ja nicht ihnen gehörte, putzte, wurde es ihm zu viel. »Sag mal Malte, machst du das eigentlich absichtlich? Du weißt ganz genau, dass ich nicht übermäßig viel Zeit habe und ich habe dich schon hierher gefahren. Ausgemacht war, dass du Striga versorgst und nicht gleich jedes Tier, welches hier existiert!«
      Auch Malte reichte es nun. »Du bist echt ein egoistischer und verachtenswerter Typ Nico! Was ich gegen dich habe? So einiges. Du kommst zu spät, entschuldigst dich nicht, sondern siehst es als normal an, dass ich auf dich warte. Anstatt mir dann beim Putzen zu helfen stehst du daneben und meckerst, dass ich so lange brauche und nun willst du auch noch wissen, was ich gegen dich habe? Really dein Ernst? Wenn du das nicht selbst weißt, dann bist du ziemlich dumm mein Guter.« Wütend warf Malte den Striegel zurück in die Box, klappte diese zu und stapfte dann an Nico vorbei. »Kommst du, o du mächtiger Herrscher der Welt? Ich habe gedacht, sie haben es eilig?« rief Malte über seine Schulter hinweg Nico zu und war bereits dabei den Hof zu verlassen. Es war selten, dass Nico perplex war, aber diesmal gab er keine bissige Antwort zurück und vielleicht flackerte in seinen Augen auch kurz die Flamme der Einsicht und des Verstehens, bevor er wieder seinen unzerstörbaren Blick auflegte und Malte folgte.

      Tuva | Tuva kannte die Tyrifjord Ranch erst seit ein paar Wochen. Besser gesagt seit dem Tag, an welchem sie Abraham van Helsing ersteigert hatte und natürlich total unerwartet eine Unterstellmöglichkeit für diesen gesucht hatte. Eigentlich hatte sie mit dem Pferdekauf noch warten wollen, bis sie einen festen Job hatte und genau wusste, dass sie es sich leisten konnte, aber dieser Hengst, dieser war es gewesen. Sie hatte sich dick eingepackt, ihren Abe gesattelt und war dann hinaus in die kühle Winterlandschaft geritten, in welcher jedoch noch immer kein Schnee lag. Anscheinend war es zu kühl dafür, als dass die Flocken vom Himmel kommen wollten und sich langsam und dicht auf die Wiesen und Wälder Norwegens legen würden. Mit einem leichten Lächeln saß sie im Sattel, hatte die Zügel lang auf dem dunklen Pferdehals liegen und genoss die kühle Luft, welche so manche negative Gedanken aus ihrem Kopf pustete. Sie hatte es selbst kaum glauben können, dass sie so schnell ein Gestüt gefunden hatte, welches noch Platz für ihren Hengst gehabt hatte und erst recht nicht so ein großes und schönes, welches alles bot, was sie auch nur brauchen könnte. Die Menschen hier waren ihr noch recht fremd und auch vor dem Gestütsbesitzer Nico hatte sie noch recht viel Respekt, dafür schien jedoch seine Freundin eine sehr liebe zu sein. Auch dieser Malte und auch Petyr schienen nett zu sein, jedenfalls hatten sie viel dafür getan, dass sich Tuva so schnell eingelebt hatte. Der Ausritt heute wurde nur eine kleine Schrittrunde. Es war zu kalt für mehr und sie wollte nicht, dass sich Abraham deswegen erkältete. Nach einer knappen Stunde lenkte sie ihn wieder zurück zum Gestüt, wo eine warme Box auf ihn wartete.

      Charly | Nachdem Petyr und Charly noch eine halbe Stunde lang das Zusammenspiel von Osgiliath und Alysheba beobachtet hatten und dann auch Petyr eingesehen hatte, dass sie sich wohl heute nicht mehr zerfetzen würden, machten sie sich auf den Rückweg zum Gestüt. Eine kleine Pause legten sie einige Meter weiter an einer anderen Weide ein, auf welcher seit einigen Tagen zwei neue Zuchtpferde standen. Beide hatten zusammen die Flammen der Gips Reminder Ranch überlebt und hatten auf der Tyrifjord Ranch ein Zuhause gefunden.
      »Zuckerschock ist wirklich eine Schönheit.« meinte Charly nachdenklich zu Petyr und beobachtete die hübsche Stute dabei, wie sie den Hengst Golden Ebano umwarb, welcher sowieso schon nur noch Augen für sie hatte. Es war eine kurzfristige Entscheidung gewesen, die beiden zusammen auf eine Weide zu stellen und da Zuckerschock sowieso bereits tragend von dem Hengst war, machten die beiden auch keine Probleme. Eher hatte Charly davor Angst was passieren würde, wenn sie die beiden Vollblüter nächsten Frühling trennen musste. Sie liebten sich wie Mann und Frau und es schmerzte sie, auch nur daran zu denken, dass man sie trennen musste. Sie riss sich von dem Anblick ab und ging, gefolgt von Petyr, zurück zur Ranch.

      Malte | Maltes Kopf war glühend rot, als er aus dem Jeep von Nico sprang und in den Stall stapfte. Von ihm hatte er für heute genug und er hoffte, dass er ihn so schnell nicht wieder sehen würde. Er war ein richtiger Blödmann und Malte war sich sicher, dass Charly ohne ihn besser dran wäre, genauso wie er.
      Er blickte auf die Uhr und fluchte lautstark. Schon kurz nach fünf, dabei hätte er bereits vor über eine Stunde Blacky seine Medikamente geben müssen. Der Arzt hatte ihm eingeschärft, so gut wie möglich immer pünktlich die Tabletten dem alten Herrn einzuflößen und nur wenige Tage waren seit der Ankunft des Hengstes vergangen, da versagte er schon.
      Black Lemontree war wohl das letzte Pferd gewesen, welches er sich in nächster Zeit anschaffen würde und er hoffte, dass der alte Herr ihm noch einige Jahre erhalten blieb, denn immerhin waren 25 Jahre schon eine beträchtliche Altershöhe für ein Pferd. So schnell wie er konnte schnappte er sich den Beutel mit den Arzneien und verließ am anderen Ende des Stallgebäudes dieses durch eine Tür. Blacky und Óslogi teilten sich einen Teil der kleinen Weide direkt am Ufer des Tyrifjords. Ohne auf seine Umgebung zu achten, hastete Malte den Pfad neben der Weide entlang, kroch dann, einen Stromschlag riskierend, unter dem Zaun hindurch und hastete zu Black und Óslogi, welche am Offenstall standen und ihm schläfrig entgegenblickten. Bereit im Gehen befüllt er die kleine Spritzte mit Medikamenten und ließ sich kaum Zeit, seine beiden Hengste zu begrüßen, bevor er Blacky die Spritze zwischen die Zähne steckte und den Inhalt in dessen Kehle spritzte. Malte wusste, dass Blacky ihn dafür hasste, aber was blieb ihm anderes übrig. Er liebte den rabenschwarzen und lieben Hengst und wollte so natürlich alles für seine Gesundheit tun.
      »Na da ist aber jemand im Stress«, meinte eine warme und angenehme Stimme hinter Maltes Rücken. Erschrocken fuhr dieser herum und blickte in das zarte Gesicht von Tjarda.
      »Oh hey du«, meinte er leicht rot werden und packte dann die Medikamente wieder zurück in den Beutel. »Etwas vielleicht, ja.« fügte er dann noch hinzu und schaute kurz achselzuckend zu ihr hinauf, bevor er wieder den Blick auf die Tasche wendete.
      »So siehst du auch aus. Kann ich dir vielleicht bei etwas helfen?« meinte Tjarda, während sie mitfühlend auf Malte schaute. Etwas verwirrt richtete er sich auf und blickte Tjarda das erste Mal richtig an. Sie war genauso groß wie er, was ja auch nicht schwer war, bei seiner geringen Größe, und hatte die schönsten Augen, die Malte je gesehen hatte. Er liebte ihr rechtes Auge, welches die Farbe von hellem Bernstein hatte, aber auch das türkise linke hatte es ihm angetan und so wusste er nie, ihn welches von beiden er schauen sollte.
      »Ähm, nein, ich denke nicht. Außer du willst mich noch zu den Jungpferden begleiten?« fragte er sie vorsichtig und kniff sein linkes Auge zusammen.
      »Klar!« locker lächelte sie ihn an und Malte zuckte auch kurz erleichtert mit den Mundwinkeln. Die Jungpferdeweide lag gleich neben der von Logi und Blacky, sodass ihr Weg nicht weit war. Vor allem standen hier zur Zeit die Vollblutfohlen des Gestüts, welche nur tagsüber draußen waren. Sie hatten zu dünnes Fell, als dass sie lange in der Kälte aushalten konnten.
      »Das Fohlen da drüben ist neu, oder?« Fragend blickte Tjarda zu Malte, welcher ihr zunickte.
      »Genau. Die Stute stammt von tollen Eltern ab und Charly hat tatsächlich mehrere Monate darauf gewartet, dass sie endlich zu uns kommt.« erklärte ihr Malte, während er das Gatter zur Weide öffnete und Tjarda hereinwinkte.
      »Wow, sie hat echt eine tolle Farbe! Wie heißt sie denn?« Verliebt blickte die junge Frau zu der jungen Stute, welche nicht weit von ihr entfernt stand und genüsslich einen Grashalm ergriff und an diesem kaute.
      »Eigentlich „I‘ve got a blue Soul“, aber wir nennen sie einfach nur Blue. Das passt zu ihr und ist schön kurz.«
      »Darf ich sie mal streicheln?« fragte Tjarda und blickte Malte wieder mit strahlenden Augen an. Malte streckte den Arm aus und meinte: »Nur zu, keine Scheu, sie ist eine überaus liebe Stute.« Das ließ sich Tjarda nicht zweimal sagen und es dauerte nicht lange, da war Tjarda ganz in das Streicheln von Blue versunken. Lächelnd beobachtete Malte sie dabei und war erstaunt, wie schnell seine ursprüngliche Ruhe zurückgekommen war und nur, weil Tjarda plötzlich aufgetaucht war. Solche Menschen waren etwas besonderes, welche einem immer wieder zurück auf den richtigen Platz halfen. Und mit einem Mal fühlte Malte ein ihm unbekanntes Stechen, tief in seiner Magengegend.

      11. Dezember 2016 | 18.363 Zeichen | Canyon
    • Wolfszeit
      Training
      28.01.2017|Canyon
      Galopprennen E → A
      Malte | Ich konnte es selbst kaum begreifen, was diesen Monat alles auf uns zukommen sollte. Wir hatten das Training über den Winter weitestgehend eingestellt, jedoch war der Winter verhältnismäßig recht mild, sodass Charly angeordnet hatte, diesen uns zu nutze zu machen. Ich merkte das viele Reiten jetzt schon in den Knochen. Zum Glück half mir Charly dabei einen guten Plan aufzustellen, an welchen ich mich halten konnte. Vormittags war also meist die Bodenarbeit an der Reihe, weswegen wir dann den Nachmittag für das individuelle Training freihatten. Für zwei Wochen hatte Charly die Rennbahn in Sylling jeden Tag für zwei Stunden gemietet und sie verlangte von uns, dass wir diese auch nutzen sollten. Da Petyr in der ersten Januarwoche noch beruflich unterwegs war, begann ich mit Vuyo zwei unserer jungen Vollbluthengste zu trainieren. Vuyo war früher einige Zeit Jockey gewesen und würde mich so sehr gut bei der Ausbildung der beiden unterstützen. Osgiliath war ein hübscher und ziemlich sportlicher Hengst und da er erst seit zwei Monaten zum Gestüt gehörte, drückte ich ihn Vuyo in die Hände. Mir blieb dann wohl nur noch unser Cotsworlds Eik, dessen Name ich ziemlich scheußlich fand, seinen Charakter jedoch vergötterte. Unser Eiki war eines der schlausten, aber auch gefährlichsten Tiere der Tyrifjord Ranch, kannte man ihn jedoch erstmal richtig, ging es gar nicht anders, als sich in ihn zu verlieben.
      Das Training fand jeden Nachmittag auf der großen Rennbahn statt. Nachdem wir die ersten Tagen vor allem damit verbracht hatten die beiden and die Startbox zu gewöhnen, ging es in den letzten Tagen vor allem dann um die Geschwindigkeit und dafür erhöhten wir die zurennende Strecke jeden Tag um einige Meter. Da Eik noch einige Gleichgewichtsprobleme während des Starts hatte, arbeitete ich mit ihm vor allem daran. Vuyo absolvierte ein umfangreiches Schrecktraining mit Osgiliath, da der junge Hengst ungewohnte Geräusche gar nicht mochte. Am Ende der Wochen hatten wir den ersten Schritt gewagt und aus den beiden unerfahrenen Hengsten junge Rennpferde gemacht. In der zweiten Woche ging es dann mit den nächsten Pferden weiter und zum Glück war auch Petyr von seiner Reise zurückgekehrt, da Vuyo und ich dringend seine Unterstützung brauchten. Diesmal waren es drei Pferde, welche trainiert werden sollten und dazu kam noch, dass alle drei bereits auf A liefen. Zum Glück fiel dadurch das Startboxtraining aus und wir konnten uns die ganze Woche auf die Rennbahn konzentrieren. Petyr teilte ich Alysheba zu, welcher bereits recht jung sein erstes Training bekommen hatte und außerdem noch aus einer bekannten Zucht stammte. Charly und Nico hatten bei seinem Kauf große Hoffnungen in ihn gesetzt und bis jetzt waren sie auch nicht enttäuscht wurden. Vuyo würde sich der verrückten Teufelstanz annehmen, welche ihm letzten Jahr einen riesigen Schritt nach vorne gewagt hatte. Für mich blieb dann nur noch des Teufels Schwester und das war natürlich niemand anderes als Grenzfee. Beide Stuten würden wohl nie mehr eine Karriere auf der Rennbahn hinlegen, nachdem sie bereits in jungem Alter kaputt gespielt worden waren, jedoch wollte Charly trotzdem, dass die beiden ihre Angst überwanden. Außerdem brauchten sie Bewegung und in diesem Punkt stimmte ich Charly zu.Auch mit den drei Pferden versuchten wir zu dritt das Training so abwechslungsreich und leerreich wie nur möglich zu gestalten und tatsächlich schien diese Taktik auch zu funktionieren. Bereits nach den ersten Tagen waren vor allem Fee und Teufel viel gelassener geworden und auch Sheba, welcher Stute nicht allzu sehr mochte, hatte sich daran gewöhnt mit den beiden auf der Rennbahn zu stehen. Am Wochenende nahmen wir mit allen drei Pferden an einem Turnier teil und auch wenn es bei uns eher die hinteren Plätze wurden, waren wir trotzdem stolz auf den Fortschritt unserer Vollblüter. Zwei Wochen waren bereits geschafft und auch wenn mir das Training viel Freude bereitete, sehnte ich mich nach einer Erholungspause. Zum Glück stand als nächstes ein Distanztraining mit drei Tekken an. Vuyo würde wie immer Raja reiten, während mein Trainingspartner Worgait war. Ich hatte keine Ahnung, was sich Nico dabei gedacht hatte, als er den fast nicht zu reitenden Worgait aufs Gestüt geholt hatte, aber ich konnte Nicos Taten meist sowieso nicht nachvollziehen. Für Petyr blieb dann nur noch die hübsche Himmawallajugaga und so waren alle recht zufrieden mit ihren Trainingspartnern. Die drei Tekken liefen in der Distanz bereits auf A, sodass unser Ziel war, dass alle drei die 45 Kilometer für die L-Distanz schaffen würden. Tag für Tag ging es also hinaus ins matschige Gelände und es war ein Wunder, dass es nicht bereits am ersten Tag Verletzungen gab. Jedoch lag der Vorteil darin, dass sich die Pferde so viel schneller an gefährliches Gelände gewöhnten und das war bei einem Distanzritt natürlich sehr brauchbar. Den ersten Tag begannen wir mit 35 Kilometern, also in etwa der Strecke eines E-Ritts. Die geplante Strecke für die nächsten Tagen wurde dann jedoch immer länger und auch das Tempo erhöhten wir Schritt für Schritt. An den Vormittagen boten wir den Pferden in der Bodenarbeit einen Ausgleich und während ich die Halle für mich und Worgait beanspruchte, nutzen Vuyo und Petyr mit Raja und Walla den Außenplatz. Irgendeinen Vorteil musste das wilde Pferd ja haben, welches Nico angeschleppt hatte. Am Ende der Woche war ich ziemlich geschafft, allerdings hatten wir unser Ziel erreicht und alle drei Pferden liefen am letzten Tag des Trainings erfolgreich mit guten Pulswerten die 45 Kilometerstrecke durch den norwegischen Wald. Als letztes Training für diesen Monat, und das erste Mal in meinem Leben war ich froh darüber, dass das Training in der Halle stattfand, war das Dressurtraining. Leider, ich bedauerte dies sehr, hatte Vuyo andere wichtige Termine, sodass Nico seinen Part übernahm. Hinzu kam noch, dass zwei der Stuten ihm gehörten und er natürlich jeden der auch nur in die Nähe der beiden kam genauestens beobachtete. Ich schaffte es mich aus der ganzen Angelegenheit herauszureden, indem ich mein eigenes Pferd trainieren würde. Ich liebte Óslogi und obwohl er bis jetzt noch nie unter dem Dressursattel gegangen war, wollte ich ihn so vielseitig wie nur möglich ausbilden. Petyr würde Shari reiten, welche bereits letzten Monat unendlich viel Talent in der Dressur gezeigt hatte und Nico würde sich mit seinem neuen Liebling Colore Splash beschäftigen. Für mich und Nico standen also die Lektionen aus der A-Dressur an, ich versuchte jedoch ihm nicht allzu oft über den Weg zu laufen, denn auf sein ständiges Kommandieren hatte ich keine Lust. Wir beide übten nu also Schritt - Galopp Übergänge, Viereck Verkleinerung und natürlich dann gleich auch die Vergrößerung, das Überstreichen im Galopp und zum Schluss dann auch die Kehrtwende auf der Vorhand. Nico beobachtete mein Training mit viel Genugtuung, denn ich wusste genau, dass mein Hengst nicht das gleiche Talent besaß wie seine Stute. Logi brauchte bei den meisten Lektionen etwas Länger, dafür absolvierte ich das Training nicht nur in der Halle, sondern auch im Gelände oder auf der Weide. Hier merkte ich, dass Logis Elan um einiges anstieg und auch meiner war leicht erhöht, was vielleicht auch daran lag, dass ich nicht ständig Nico über den Weg lief. Petyr kämpfte währenddessen mit Shari. Er war nicht der geduldigste und die Stute schien dies auch nicht gerade zu sein. Immer wieder verweigerte den Außengalopp oder die Hinterhandwendung, wenn sie sich jedoch dazu überreden ließ, dann klappte es zu meist sofort perfekt. Das Überstreichen im Trab oder den einfachen Galoppwechsel erlernte sie mit links und so erschien Petyr immer öfter mit einem selbstgefälligen Strahlen auf den Lippen nach einem gelungenen Training im Stall. Alle drei Pferde schafften den Aufstieg bis zum Ende der Woche. Shari zeigte die wenigste Veränderung, da sie vieles bereits konnte, Logi hatte keine Lust mehr auf den Dressursattel und Splash trug ihren Kopf noch ein Stückchen höher als sonst. Aber am meisten war ich auf mich, und natürlich auch auf meine Helfer stolz. Wir hatten das unmögliche geschafft und jedes Pferd erfolgreich trainiert. Am Ende des Monats gönnte ich mir also ein freies Wochenende, bei welchem ich die geniale Natur Norwegens vom Rücken der Pferde aus erkundete, denn das hatte ich mir verdient!

      28. Januar 2017 | 8.381 Zeichen | Canyon
    • Wolfszeit
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      18.05.217|Canyon
      Ein Brief an Dich
      Charly | Liebste Mio
      Da du mittlerweile weder per Telefon, noch per Skype oder gar per E-Mail erreichbar bist, muss es nun also über den langen Weg gehen, nämlich per Post. Die Vorstellung ist witzig, dass dieser Brief einen weiteren Weg zurücklegen wird, als ich es je getan habe und das für wenige Euro.
      Seit mittlerweile mehreren Monaten herrscht Funkstille. Was ist nur passiert? Was ist mit der alten Zeit geschehen? All die Jahre, in denen du mir nie von der Seite gewichen bist, verweht vom Winde. Ich konnte dich gut verstehen, aber mittlerweile ist eine lange Zeit seit dem vergangen. Ich will meine beste Freundin nicht verlieren!
      Allerdings will ich dir nicht schreiben, um dich mit Vorwürfen zu bewerfen. Ich brauche dich, dich meine Freundin und ich hoffe, dass du mir die Ehre erweist und diesen Brief nicht ignorierst. Es ist mein letzter Versuch, das Alte zu erhalten und trotzdem neu zu beginnen.
      Bei uns auf der Tyrifjord Ranch hat sich in den letzten Monaten so einiges getan. Wir sind gewachsen und gewachsen, haben unsere Können bewiesen und erste Fohlen gezogen. Die Ranch würde dir gefallen, glaube mir. Ich weiß, dass du in Nevada glücklich bist, aber auch Norwegen ist etwas ganz besonderes.
      Bart kann mittlerweile von einer Box zu nächsten laufen und vor allem die Katzen haben es ihm angetan. Endlich kann er zu ihnen ins Heu krabbeln und sich auf die Kleinen stürzen. Capucine hat sich mittlerweile damit abgefunden, dass auch Asuka einen Platz im Schlafzimmer hat, auch wenn alles auf dem Bett ihr gehört und sie dieses Gebiet agribisch verteidigt.
      Seit Weihnachten habe ich endlich einen Ersatz für meine geliebte Anaba gefunden. Es war ein Geschenk des ganzen Hofes und ich kann mich an kein Weihnachten erinnern, welches so überraschend für mich war. Striga ist noch jung und ziemlich unerfahren, jedoch habe ich endlich wieder ein Pferd gefunden, welches es mit meiner heiß geliebten Anaba aufnehmen kann.
      Auch Nico hat endlich etwas gefunden, was ihn antreibt. Mittlerweile beherbergen wir auf unseren Hof sechs Warmblüter für den Vielseitigkeitssport. Nicos Auswahl: Nur Pferd mit Macke ist Pferd. Vielleicht kennst du Bijou noch. Kurz vor Weihnachten zog seine Freundin Shari ein und kurz darauf auch schon Colour Splash. Beide Stuten sind nicht nur hübsch, sondern auch ziemlich zickig, zeigten jedoch von Anfang an Talent. Die Krönung wollen wir auch nicht mehr lange hinauszögern, nur fehlte uns bis jetzt die Zeit für die Reise. Shari ist mittlerweile trächtig und du glaubst es nicht, aber Nico sprüht nur so vor Vorfreude!
      Seit einigen Tagen kamen dann auch die letzten drei Sportpferde hinzu. Unsere gemeinsame Freundin Bracelet überließ Nico ihren Hengst Deo Volente und wir nutzten die Chance, sie gleich in Schweden zu besuchen. Nicos größtes Heiligtum: Ghostly Phenomenon. Du weißt gar nicht, wie er aus dem Häuschen war, als das Pferd seiner Träume dann endlich in unserem Stall stand. Meine Freude hielt sich etwas in Grenzen, so hübsch er auch ist, es wird eine Menge Arbeit kosten, ihn auszubilden. Über Sweet Prejudice kann ich dir leider noch nicht so viel erzählen, interessant ist das einzige, was mir zu ihr einfällt.
      Ach Mio, wie sehr vermisse ich deine Stimme und wie sehr hoffe ich, dass es dir gut geht! Irgendwann komme ich dich besuchen meine Kleine, irgendwann. Vielleicht nehme ich Malte mit, auch er wollte schon immer einmal Wildpferde sehen. Ich glaube, mit Malte würdest du dich gut verstehen, er ist ein guter Freund.
      Habe ich dir schon erzählt, dass Bella und ihr, mittlerweile Ex-Freund, Robin nach Norwegen gekommen sind? Es gab einige Komplikationen in Dänemark und ich glaube, mittlerweile ist auch Bella mit ihrer Entscheidung zufrieden. Sie hat ziemlich oft nach dir gefragt, sagen konnte ich ihr leider nicht sehr viel.
      Leider gibt es auch schlechte Neuigkeiten. Grenzfees Hufehe haben sich wieder bemerkbar gemacht, sodass sie nun wieder in der Box leben muss. Ich habe so gehofft, dass sie es für immer überstanden hat... Damit sie nicht alleine ist, steht nun auch Teufelstanz wieder im Stall. Ich hoffe jedoch auch, dass wir diesmal früh genug eingegriffen haben und der Tierarzt bis zum Beginn des Frühlings wieder grünes Licht für die Weide gibt.
      Außerdem ist vor wenigen Tagen Nicos Vater gestorben. Ein Autounfall, ich will nicht tiefer ins Detail gehen, es weckt zu viele Erinnerungen. Unerwartet hat Nico den Großteil des Vermögens geerbt und auch wenn noch nicht genau geklärt ist, wie viel es sein wird, kann dies ein weiterer Schritt für uns sein! Du weißt, von Nicos Vater habe ich nie viel gehalten und auch Nicos Verbindung war nie allzu tief, aber er trauert doch ganz schön. Gestern früh habe ich ihn nach Drammen zum Flughafen gebracht, mittlerweile sollte er gut gelandet sein. Er will sich bis zum Abend bei mir melden.
      Ich weiß nicht, was in Zukunft auf uns zukommen wird, aber ich bin mir sicher, dass es ziemlich spannend wird!
      Es tat gut dir zu schreiben, auch wenn ich nicht weiß, wann und wo er dich erreicht. Vielleicht sinkt das Schiff oder das Flugzeug stürzt ab, ich weiß es nicht. Aber eines weiß ich genau: Ich will dich nicht verlieren.
      Von ganzem Herzen,
      Deine Charly

      Mio | Liebe Charly,
      Ich empfing deinen Brief gestern Abend mit großer Verwunderung. Hast du jemals vorher einen Brief geschrieben?
      Du hattest Glück, dass ich ihn noch erhalten habe, denn mittlerweile sollte ich auf dem Weg nach Utah sein. Sei mir also nicht böse, wenn meine Antwort aus Zeitgründen ziemlich knapp ausfällt.
      Ich freue mich sehr von dir, deiner Familie und den Pferden zu hören und sobald ich die Zeit finde, werde auch ich dir berichten, weshalb ich in den letzten Monaten eine so unzuverlässige Freundin gewesen war. Ich hatte wichtige Gründe und ich bin mir sicher, dass du sie verstehen wirst.
      Fühle dich gedrückt,
      Mio

      Charly | Liebste Mio
      Es erwärmte mir dein Herz, das kleine Stück Papier von dir in den Händen halten zu dürfen. Dir geht es also gut, das ermöglicht mir meine erhoffte Erleichterung. Und ja, vor wenigen Jahren schrieb ich einen Brief an meine Großmutter, obwohl ich leider zugeben muss, dass dieser nie ankam.
      Viel verändert hat sich bei uns noch nichts. Noch nicht. Gestern kam Nico ziemlich erschöpft aus London wieder. Ich merkte jedoch sofort, dass ihn etwas anderes beschäftigte, was nicht mit seinem Vater zu tun hatte. Am Abend unterbreitete er mir dann seine Idee: Ein neues Gestüt. Diese Vorstellung passte gerade so überhaupt nicht in mein Leben. Ich bin hier doch glücklich? Unsere kleine verträumte Ranch mitten am See. Aber Nico schwärmte so sehr von einem internationalen Sportgestüt, einer kleinen Zucht und einer eigenen Reitschule, dass ich ihm nicht lange widersprechen konnte. Er meinte, dass wir jetzt das Geld und die Kraft hätten, dies zu tun und wer weiß, wann dies nochmal der Fall sein sollte.
      Ach Mio, so viel Veränderung, schon wieder! Bereits heute morgen ist er in seinen Wagen gestiegen und gen Norden gefahren. Zurückgekommen ist er noch nicht. Ich spüre die Entdeckungslust und die Vorfreude in mir. Es wäre wieder ein Umzug für die Pferde, aber diesmal ein endgültiger, das steht für mich fest!
      Aber was rede ich da. Erst einmal muss ein Ort gefunden werden und das Gestüt muss gebaut werden. Das wird dauern, ziemlich lange dauern.
      Ansonsten hat sich nicht viel geändert. Malte hat sich in den letzten Tagen intensiv mit Prejudice beschäftigt und versucht, die eigenwillige Stute besser kennenzulernen. Ein bisschen mag ich sie mittlerweile ja auch, sie hat etwas besonnenes an sich, vor allem dann, wenn sie auf der Weide ist. Sie scheint das Leben abseits des Stalls zu lieben und plötzlich eine ganz andere zu sein.
      Rubina steht kurz vor der Geburt des Fohlens. Nico leidet darunter, dass er sie und seinen Marid in den nächsten Tagen unbedingt trennen muss, er hat es schon viel zu lang hinausgezögert.
      Weißt du, ich glaube Excelsior und Jeanie vermissen dich immer noch. Ich habe eine gute Reitbeteiligung für beide gefunden und Vuyo tut sein bestes, die beiden zu beschäftigen. Er gibt jetzt hin und wieder Reitunterricht und scheint voll in seinem Element gelandet zu sein. Den Pferden scheint es zu gefallen und auch von den Schülern bekommen wir nur positive Rückmeldungen. In der Hinsicht wäre es gar nicht so schlecht, auch die Reitschule zu erweitern. Allerdings bräuchten wir dazu noch einige weitere Pferde. Nur Abs, Milosch, Jeanie und Exel sind einfach zu wenig. Zum Glück haben wir die Befugnis, auch noch Elliot ab und zu einzusetzen und der junge Braum macht immer größere Schritte in Richtung Schulpferd. Trotz seines unerfahrenen Alters fliegen dem Süßen die Mädchenherzen nur so zu! Er suhlt sich richtig in der Aufmerksamkeit. Aber ich muss wirklich zugeben, dass er ein hübscher Kerl geworden ist.
      Du glaubst es nicht, aber letztens hat Nico tatsächlich nach dem Verkauf eines Pferdes geweint. Das Pferd hieß Eik und auch ich habe den großen Kerl geliebt. Allerdings mussten wir einsehen, dass wir uns etwas überschätzt hatten, was ihn betraf. Er war echt ein guter Kerl, jedoch brauchte viel Aufmerksamkeit und die konnten wir ihm leider nicht geben. Immerhin haben wir mit Worgait, Marid und Co bereits so einige Pferde, welche es nicht scheuen, ihre Meinung offen kundzutun. Aber natürlich gibt es auch andere Kunden. Unsere drei Vollbluthengste Golden Ebano, Valentines Alysheba und Osgiliath haben sich gesucht und gefunden. Die drei bleiben mittlerweile auch über Nacht, wenn die Temperaturen nicht in den Minusbereich sinken, auf der Weide und verstehen sich trotz ihrer Hengstmanieren prächtig. Ach Mio, wie sehr wünschte ich dich zu mir. Bei einem Glas Wein auf der Veranda könnten wir uns unsere Geschichten austauschen, lachen und das Leben genießen. Es fällt mir schwer, ohne eine Freundin wie dich, das Leben vollkommen zu lieben. Klar, mit Tuva verstehe ich mich sehr gut und es hat nicht lang gedauert, bis wir bemerkten, dass wir den selben Alkoholgeschmack teilen, aber sie ist nur eine Freundin.
      Ich will deine Zeit nicht allzu sehr verbrauchen, aber es freut mich, dass wir nun einen Weg gefunden haben, unsere Freundschaft aufrechtzuerhalten.
      Die wärmsten Grüße,
      Deine Charly

      Mio | Liebe Charly,
      Wieder habe ich dich warten lassen. Allerdings sind wir erst vor wenigen Tagen aus Utah zurückgekehrt und wie du dir vorstellen kannst, ist der Weg nach Vegas zum nächsten Briefkasten nicht der kürzeste. Da ich heute morgen jedoch für uns einkaufen war, habe ich gleich die Chance genutzt und den Brief auf die Reise geschickt.
      Irgendwo in deinen Worten versteckt sehe ich noch die alte Ranch, welche wir beide zusammen entstehen lassen. Saint Gorge, wenige Boxen, nur ein alter Reitplatz, dafür das Meer gleich vor den Füßen. Warum ist es euch beiden so wichtig geworden, alles immer größer werden zu lassen? Gibt es nicht bessere Möglichkeiten so viel Geld einzusetzen?
      Es freut mich allerdings zu hören, dass auch meine liebste Bella den Weg zu euch gefunden hat. Richte ihr die liebsten Grüße aus! Vielleicht werde ich mich in den nächsten Tagen mal bei ihr melden. Hast du auch etwas von Linn gehört? Wie geht es ihr auf Island?
      Addison versucht mich ständig dazu zu überreden, dass wir euch mal besuchen kommen. Er möchte dich und natürlich auch die Pferde selbst einmal kennenlernen. Ich bin noch nicht soweit Charly, noch nicht. Lass mir die Zeit, lass mich abschalten, lass mich wer anders sein. Nevada und die Mustangs geben mir all das, was ich so lange gesucht habe. So lang. Ich will es noch nicht hergeben oder teilen, erst wenn ich all das schöne hier in mir aufgesogen habe. Verstehe mich bitte.
      Der kleine Kuckunniwi entwickelt sich prächtig. Endlich hat Anaba ihn freigegeben. Ich merke die Veränderung die er gerade durchlebt, merke, wie er sich und seine Freiheit findet und wie sehr Anaba ihn liebt. Fast schmerzt es mich, dass sie mich nicht an ihn heranlässt, aber wir wollten es ja so. Er sollte so aufwachsen, wie es die Pferde auf den weiten Weiden Amerikas tun sollten.
      Für Hidalgo, Morrigans Hidalgo, und Chosposi tut es mir Leid, dass sie aufgrund ihres Hengststatus nicht mit zu den anderen Pferden dürfen. Dafür haben sie sich beide und die Verbindung zu ihnen hat sich in letzter Zeit um einiges verstärkt.
      Du glaubst es nicht, aber Varys und Imagine There's No Heaven sind mittlerweile, du wirst es nicht glauben, ausgewachsen. Zusammen mit Triumph genießen sie die Jugend, auch wenn Addi vor hat, im Sommer anzufangen sie jedenfalls etwas auszubilden.
      Ach ja, Addi, er ist ein guter Freund für mich geworden. Wir sind uns näher, als ich mich jemals bei einem Menschen gefühlt habe, näher als Shadow mir je gewesen war und doch sind wir kein Paar. Wir sind Gefährten, welche zusammen das tun, was sie für richtig erhalten. Wir wollen die Wildpferde erhalten und die Menschheit davon abhalten, diese wunderbaren Tiere wie Müll zusammenzutreiben, wieder auseinanderzureisen und dann auf dem ganzen Erdball zu verteilen.
      Wenn wir einmal bei diesem Thema sind, so werde ich dir gleich erzählen, was ich in Utah zu suchen hatte. Eine Freundin von Addi rief an. Sie meinte, dass sie ein komisches Paar entdeckt hatte. Ein weißer Hengst und eine junge braune Stute, verletzt. Amy, seine Freundin, erzählte, dass die beiden neu in der Gegend sind und es so schien, als wären sie extra so nah an die Auffangstation gekommen, um Hilfe zu suchen. Anfänglich wusste ich nicht, was Addi so in Aufregung versetzte. Ich sollte ihm vertrauen und da ich das sowieso tat, vertraute ich ihm. Erst im Nachhinein, nachdem Hengst und Stute mithilfe von Addi eingefangen wurden, erzählte er mir die ganze Geschichte. Vielleicht werde ich dir die Geschichte auch irgendwann erzählen können, heute würde der Brief jedoch zu lang werden. Es war ein Abenteuer pur und auch jetzt, nachdem beide Pferde wohlbehalten auf einer Weide bei uns stehen, fühle ich immer noch das Adrenalin der Freiheit in meinen Adern pochen. Für dich wird es unverständlich sein, für mich war es das Beste, was mir je passiert ist. Der Hengst heißt Cloud, während seine hübsche Freundin den Namen Zonta trägt. Ihre Beine schienen von einem Zaun verletzt wurden zu sein, in welchem sie sich verfangen hatte. Obwohl sie viel Blut verloren haben muss, steht sie immer noch sicher auf allen Vieren und lässt sich nichts anmerken. Anbei schicke ich dir ein Bild von den Beiden, damit du die Schönheit verstehen kannst, welche sie ausstrahlen.
      Ich habe dir auch noch nicht erzählt, dass seit einiger Zeit ein Paint Horse bei uns wohnt. Vielleicht hast du schonmal von ihr gehört. Sie stand lange bei Rachel und später bei Verena, welche ja auch... du weißt es ja, ich muss es nicht erwähnen. Raised from Hell steht deswegen zusammen mit Addis My Canyon und Battle Cry auf einer Weide und auch wenn Canyon oft genervt von Raised ist, hat sie sich hier doch ganz gut eingelebt. Ich bin gespannt, wie sie allerdings im Sommer mit den Temperaturen zurecht kommen wird.
      Ansonsten gibt es auch hier nicht allzu viel neues. Chill und Buck sind von der Schule genervt und Heather ist immer noch eine bemerkenswerte Frau. Sie hat es uns ermöglicht nach Utah fahren zu können und hat Tag für Tag alleine die Pferde versorgt. Zum Glück sind unsere drei Jüngsten, Dawn, Time In A Bottle und Kwatoko, mittlerweile soweit, auch einige Tage alleine überleben zu können. Das hätte ich mir nie erträumt. Sie waren unsere Sorgenkinder und mittlerweile benehmen sie sich genauso wie Kuckunniwi.
      Nun bist auch du auf dem neuesten Stand, was die Triple R Ranch angeht. Ich erwarte bereits jetzt deinen nächsten Brief und auch wenn ich es nur ungern zugebe, so hat es doch seinen Reiz, per Brief eine Konversation zu führen.
      Mit aller Liebe,
      Mio

      Charly | Liebste Mio
      Was für eine Geschichte und vielleicht ist es dir ja schon bald möglich, mir die Vollversion davon anzuhören! Clouds und Zontas Bild hat mich tief berührt. Diese Anmut und Wildheit, sie steckt den beiden in allem Knochen. Aber was habt ihr nun mit ihnen vor? Cloud ist ein Wildpferd, Zonta ebenso. Wollt ihr gegen euer Ziel arbeiten und die beiden eingesperrt lassen?
      Da du mir Bilder geschickt hast, muss auch ich dich mit welchen von unseren Pferden erfreuen. Rubina hat vor zwei Tagen erfolgreich ihren zweiten Sohn zur Welt gebracht. Ich hätte Nico filmen müssen, als er ihn das erste Mal gesehen hat! Er war begeistert und begeistert, aber das war ich auch, denn der kleine ähnelt nicht nur stark seiner hübschen Mutter, sondern hat auch interessante Markierungen an Kopf und Flanke, welche auch Marid im Gesicht trägt. Der kleine Mytos ist ein wahrer Prachtkerl geworden und ein guter Start in die Fohlensaison dieses Jahr!
      Auch hat sich wegen des neuen Gestüts einiges ergeben. Sicher war, dass wir am Tyrifjord bleiben wollen. Wir lieben ihn und es wäre sinnlos, diese Heimat bereits aufzugeben. Drei Tage dauerte es nur, bis Nico mit einer faszinierenden Idee zurück kam. Im nördlichen Teil vom Tyrifjord liegt eine recht große Insel namens Sorøya. 1.7qkm groß und nahezu unbewohnt. Nur ein paar wenige Bauernhäuser stehen dort, der Rest ist Wald, Wiese und Feld. Nico schaffte es, genau diese Insel für uns zu gewinnen! Es tut mir fast Leid um dieses Paradies, aber noch mehr freue ich mich darauf, eine eigene kleine Welt nur für uns und unsere Pferde.
      Die Verhandlungsgespräche laufen bereits und ich bin, wie du dir sicherlich vorstellen kannst, ziemlich gespannt, was das betrifft.
      Das Training mit den Pferden läuft nun langsam wieder an. Einen Großteil übernimmt natürlich Malte, da Petyr nun öfter wieder in der Welt unterwegs ist. Ihn zieht es hinaus, während Malte das ruhige und stetige Leben auf dem Gestüt genießt. Ich bin ganz erstaunt, dass Nico mittlerweile ordentlich zupackt und auch wenn sein Fokus nur auf seinen eigenen Pferden liegt, so ist seine Aufenthaltszeit im Stall in den letzten Wochen um einiges gestiegen.
      Am Wochenende war uns meine Schwester besuchen. Sie wohnt, wie du ja weißt, in Oslo und hat leider mit Pferden nichts am Hut. Dafür konnte ich ihren neuen Freund, sowie ihren Adoptivsohn endlich kennenlernen. Etwas enttäuscht bin ich schon, dass Alexandra so lange gebraucht hat, mich hier zu besuchen, der Weg ist ja nicht unendlich weit! Trotzdem ist sie meine Schwester und man liebt seine Schwester. Dimitri schien ganz fasziniert von dem Gestüt, während Alex natürlich nicht begeistert war. Ich kann das gar nicht verstehen, dass es Menschen geben kann, die diese fantastischen Geschöpfe nicht mögen. Wie kann man in einem Pferd nichts weiter sehen als ein Pferd?
      Ansonsten nimmt hier alles seinen gewohnten Lauf. Die Sonne geht auf, und sie geht wieder unter. Genauso wie es immer war.
      Ich vermisse dich!
      Deine Charly

      Mio | Liebe Charly
      Der kleine Mytos berührt mir mein Herz, denn in ihm sehe ich seinen Vater. Auch wenn ich mich nie mit Marid verstanden habe, so ist es doch ein Stück Erinnerung und ein Teil meiner Vergangenheit.
      Wieder habe ich länger gebraucht, um dir zu antworten. Aber bei uns wird die Arbeit wieder mehr, denn die Winterpause ist vorbei und schon bald beginnt wieder die Zeit des Einfangens und da müssen wir bereit sein.
      Cloud und Zonta werden so lange bei uns bleiben, bis Zontas Wunden verheilt sind. Addi hat sich die größte Mühe gegeben und auch wenn es nicht immer einfach war ein Wildpferd zu versorgen, schien auch Zonta mit der Zeit zu bemerken, dass wir nur helfen wollen.
      Addi ist seit Clouds Ankunft anders. Oft liegt er draußen auf der Weide und beobachtet den Hengst. Er scheint tief in Gedanken versunken zu sein und in Erinnerungen zu schwelgen. Er erzählte mir, dass er Cloud bereits kannte. Es verwunderte ihn, wie der Hengst nach Utah kam, da er Cloud hier in Nevada kennengelernt hatte. Er meinte, dass Cloud es gewesen war, welcher ihm nach dem Tod seiner Frau wieder Kraft gegeben hatte. Er selbst konnte es nicht erklären, aber er erzählte mir von dem Bild eines leuchtenden weißen Pferdes, so anmutig und edel, so ehrlich und voller Hoffnung, dass ich nicht daran zweifelte, dass es so gewesen war. Cloud bedeutet für Addi alles und vielleicht ist es ein Zeichen, dass genau dieser Hengst jetzt wieder aufgetaucht ist.
      Natürlich forschten wir weiter, denn Addi hatte Fragen. Wie kam Cloud nach Utah? Wo war seine Herde? Es dauerte nicht lange und wir fanden beim BLM unsere Antwort. Mittlerweile haben wir dort einige Kontakte, mit welchen wir wegen der Mustangs in Verbindung stehen und mit der Hilfe einer Freundin, fanden wir heraus, dass Cloud und eine braune Stute, vermutlich Zonta, die Flucht geschafft hatten, kurz nachdem sie transportiert worden waren.
      Vielleicht hat Addi gar nicht so unrecht. Vielleicht ist dieser Hengst wirklich ein Zeichen der Hoffnung und wahrscheinlich ist es Absicht, dass er bei uns gelandet ist. Cloud scheint sich nicht unwohl zu fühlen, obwohl er von den Zäunen umgeben ist. Trotzdem ist er noch ein freies Pferd und sobald der Zeitpunkt gekommen ist, werden wir uns von ihm verabschieden müssen.
      Allerdings muss ich dir dringend noch etwas erzählen! Heather hat, du glaubst es kaum, ihren Neffen aufgenommen. Das ist nicht irgendein Neffe, nein, dass ist ein entlassener Häftling mit einigen Vorstrafen und hinzu kommt, dass er genauso alt ist wie ich. Problem des Ganzen: Er sieht ziemlich gut aus und ist natürlich ein riesiges Arsch. Heather meint, dass die Ranch die beste Möglichkeit sei, Jacob wieder auf die Bahn zu bringen, auch wenn ich mich frage, ob das bei ihm überhaupt noch möglich ist. Er ist ein Angeber und ein ziemlich fauler Idiot. Chill und Buck freuten sich natürlich über „ihren großen Bruder“ und dank Jacob ist die Aufmüpfigkeit der beiden nochmals gestiegen.
      Addi freute sich gar nicht über den plötzlichen Einzug. Verständlich. Er kennt Jac nicht und hat Angst um seine Pferde. Jedoch konnte er Heather den Gefallen nicht abschlagen, immerhin ist auch Jac sein Neffe und auch wenn Addi lange keinen Kontakt mehr zu seiner zweiten Schwester hatte, sind sie trotzdem miteinander verwandt.
      Ich selbst weiß noch nicht genau, wie ich zu Jac stehe. Bis jetzt hat er mich meist ignoriert und etwas enttäuscht bin ich schon, dass solch nette Menschen wie Addi und Heather solche unhöflichen Verwandte haben.
      Jedenfalls versucht Addi nun, Jac mit in die tägliche Arbeit einzugliedern. Etwas Erfahrung mit Pferden hat er bereits, da auch seine Mutter Pferdebesitzerin gewesen ist. Anscheinend liegt das in der Familie. Bis jetzt hat er sich nur meistens um die Arbeit gedrückt, ob er selbst auch Pferde mag, weiß ich also noch nicht so genau.
      Ich bin gespannt, wie sich das Ganze entwickelt. Immerhin ist Jac der erste Fremde seit meiner Ankunft auf der Ranch und das birgt für uns alle ein Gefahrenrisiko. Jacob Moore, ich bin ziemlich gespannt, ob das gut ausgehen wird.
      Mit den besten Grüßen,
      Mio

      Charly | Liebste Mio!
      Oho! Ein junger, gut aussehender Mann, welcher total unhöflich ist? Na wenn das kein Anfang einer Liebesgeschichte sein kann! Auch ich habe daran nie geglaubt, bis es mir selbst widerfahren ist. Und schau, wo ich jetzt gelandet bin. An meiner Seite ein Mann, der genauso ein Idiot ist wie die Jungs, die mich früher in der Schule immer bloßgestellt haben und mit so einem habe ich auch noch ein Kind. Pass‘ also ja auf dich auf! Aber ich meine das wirklich ernst. Solche Männer sind meist so von sich überzeugt, dass sie nicht auf eventuelle Opfer achten. Die Geschichte mit Cloud, puh, da musste ich mir die Tränen von der Wange wischen. Das Ganze hat sich fast wie ein Film vor meinen Augen abgespielt. Ich stelle mir das wahrhaftig vor, wie ein weißer und reiner Hengst, einem zerstörten jungen Mann wieder ein Ziel zum Leben gibt. Fast könnte ich darüber ein Buch schreiben, oder, warum schreibst du kein Buch darüber? Grüße Addi von mir, ich mag ihn, er scheint ein anständiger Kerl zu sein und er scheint dafür verantwortlich, dass du wieder so lächeln und nach vorne schauen kannst!
      Vuyo hat sich nun auch endlich wieder ein Pferd gekauft und erstaunter hätte ich nicht sein können, als er da mit einer zierlichen Edelhaffi Stute stand, welche auch noch den Namen Curly Lure trägt und als ob das noch nicht genug wäre, ist sie auch noch ziemlich eigensinnig und zickig. Aber er hat vor, sie mit in die Reitschule zu nehmen und sie dort vielleicht zu einem anständigen Reitpferd ausbilden.
      Mittlerweile haben auch die Planungen für das neue Gestüt begonnen. Die Insel ist bereits vermessen und wir machen uns zur Zeit auf die Suche nach Pferdebesitzern, welche mit auf die Insel ziehen wollen und uns so unterstützen. Nico hat einen Freund in der Türkei, welcher mit einer Freundin zusammen ein kleines Arabergestüt leitet. Sie scheint ziemlich still und einzelgängerisch zu sein, jedoch will sie wegen der Unruhen in ein sicheres Land und wird wahrscheinlich zu uns nach Norwegen ziehen. Ihre Forderungen waren jedoch, dass sie ein eigenes und beheiztes Stallgebäude für ihre Araber bekommt, in welchem sie auch wohnen kann. Das wird sie jetzt wohl auch bekommen. Nico meint, dass sie dem Gestüt gut tun wird und ich bin gespannt, wie er das meint.
      Auch kommt Fiona mit ihren Pferden aus den USA zurück zu uns. Petyr freut sich natürlich höllisch auf sie und auch ich bin froh, wieder ein bekanntes Gesicht zu sehen. Wir werden so viel Hilfe wie möglich gebrauchen, wenn es soweit ist.
      Nicos angehende Zucht nimmt zur Zeit krasse Ausmaße an. Anstatt es bei ein paar wenigen Pferden zu belassen, ist die Anzahl seiner Stuten mittlerweile auf sechs gewachsen, wobei jedoch eine weitere bereits gekauft ist. Zum Glück sind es bis jetzt nur drei Hengste und ein Jungpferd, welche tatsächlich auch alle mal recht anständig sind.
      Ich freue mich auf deinen nächsten Brief!
      Deine Charly

      Mio | Liebe Charly,
      Bei uns wird es wieder wärmer und im Sonnenuntergang kann man wunderbare Bilder der Pferde schießen. Ich habe leider nicht viel Zeit, deswegen wird dies ein sehr kurzer Brief. Ich hoffe trotzdem, dass du dich über die Bilder freust!
      Anbei natürlich noch kleine Erklärungen zu den hübschen Pferden, welche du siehst.
      » Varys und Imagine There‘s No Heaven kennst du natürlich noch. Hier endlich mal ein aktuelles Bild von ihnen. Der gefleckte Popo gehört natürlich zu Triumph.
      » Unsere Jüngsten: Time In A Bottle, Dawn und Kwatoko. Seit einigen Tagen dürfen sie mit auf die große Weide, es ist erstaunlich, wie schnell sie sich an ihre Herde gewöhnt haben.
      » Es ist das erste Bild von Anaba und Kuckunniwi, dass ich dieses Jahr schießen konnte. Immer noch hält Anaba Abstand zur Herde und selbst Addi ist so langsam verwundert. Dafür geht es dem kleinen Kucku blendend und so langsam sieht man auch den Vater in ihm.
      » Raised from hell zusammen mit Aquena. Na? Kennst du Raised noch? Sie ist ein tolles Pferd und selbst ich sehe kaum, dass sie eigentlich kein Wildpferd ist. Zusammen mit Flotten von Mutanten erobert sie die Wildnis, wie ich es anfangs nicht für möglich gehalten hatte.
      » Hier eine kleine Hengstherde im Sonnenuntergang. Silent Bay sieht man nur sehr schlecht hinter dem Strauch, dafür steht Imoad, oder eigentlich In the Middle of a Dream gut sichtbar im Vordergrund, wie immer. Daneben siehst du Frekur und etwas weiterhinten Quisquilloso, obwohl du den wahrscheinlich schon von meinen letzten Bildern kennst, er ist ziemlich fotogen.
      » Auf dem letzten Bild sind, von links nach rechts, die drei restlichen Stuten zu sehen. Valhalla, Quicksilver und Atius Tirawa.
      Ich hoffe, du freust dich über die Bilder!
      Mio

      Charly | Liebste aller Mios!
      Die Bilder sind der Hammer! Ich vermisse deine fotografischen Künste auf unserer Ranch, auch wenn Tjarda auch ziemlich gute Bilder schießt, malt sie trotzdem besser.
      Da auch meine Zeit wegen Umzug ziemlich knapp ist, habe ich es dir gleichgetan und in den Umschlag einfach einige Bilder gesteckt, in der Hoffnung, dass sie dir gefallen.
      » Na, erkennst du, wer hier auf der Weide abgebildet ist? Charelle und April Rain müsstest du erkennen, bei den anderen habe ich Nachsehen mit dir. Die Namen sind auch nicht leicht zu merken. Himmawallajugaga, Devrienterreuth, Sysahlreuth, Zuckerschock und Raja, sie bilden unsere Vollblutherde und zeigen auch mit aller Macht, wie viel Energie sie besitzen.
      » Malte. Anfangs wehrte er sich gegen ein Foto, aber als er hörte, dass es für dich ist, konnte ich ihn endlich umstimmen. Das wunderhübsche Tier auf dem er sitzt heißt Angus, ein Suffolk Punch und der neue Liebling aller. Am Strick sind natürlich seine Schätze Félagi und Óslogi. Jeden Sonntag macht er einen Ausritt mit ihnen. Du würdest ihn wirklich mögen.
      » Und schon wieder Malte. Diesmal jedoch heimlich geschossen, wie man an der schlechten Qualität unschwer erkennen kann. Zu seiner rechten siehst du Black Lemontree, während das junge Mädchen, eine Reitschülerin, seinen Junghengst Dynur hält.
      » Hier nochmal unsere Jungpferde Aspantau, Abe‘s Aelfric und Mios Jelda, sowie ein hübsches Portrait von I‘ve got a blue soul.
      » Und zum Schluss nochmal ein unbekanntes und ein bekanntes Gesicht für dich. Einmal Abraham van Helsing, sowie natürlich deine Ocarina of Time, welche bei den Bildern nicht fehlen durfte. Auch sie entwickelt sich so langsam prächtig!
      Ich hoffe, dass wir beide endlich mal wieder mehr Zeit für einander finden!
      Deine Charly!

      Mio | Charly, ich komme! Ich komme zu dir! Ich habe es getan, ein Flugticket ist gekauft, erwarte mich...
      Inselwind
      Malte | "Leute!" Wenn Charly so anfängt, dann hat sie eine Ankündigung zu machen, denke ich und löse meinen Blick von dem Häufchen Pferdeäpfel vor mir, welche Óslogi mir hinterlassen hatte. "Ich habe eine Ankündigung zu machen!" Aha, denke ich, habe ich es doch gewusst. "Ihr wisst ja, dass ich schon seit längerem auf der Suche nach Stallhilfe bin und ich denke, dass ich nun jemanden gefunden habe. Darf ich vorstellen? Eyvind Engh!" Ihre Stimme schallt durch den Stall und an ihrem Grinsen erkenne ich, dass sie wirklich zufrieden ist mit der Wahl. Hinter ihrem Rücken tritt jedoch ein Junge hervor, welchen ich am allerwenigsten einem Stallgebäude zugeordnet hätte. Er schiebt sich die runde schwarze Sonnenbrille auf seinen hellweißen Schopf und blickt die versammelte Stallgenossenschaft mit unverändertem Ausdruck an. Mein Blick tastet ihn vorsichtig ab und auch Petyr, einige Meter neben mir, scheint noch etwas verdutzt. Einen Nasenpiercing, dann noch einige an den Ohren und ziemlich unbequem aussehende Kleidung in schwarz. Sein Gesicht ist zart und weich, seine Augen stechen jedoch wieder hervor wie Zitronen unter einer Herde Erdbeeren. Vuyo ist der sozialste von uns und tritt mit ausgestreckter Hand auf ihn zu. "Vuyo, herzlich willkommen auf der Tyrifjord Ranch!" Das restliche Gespräch verpasse ich, weil Petyr mir in die Rippen boxt und so meine Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Ich stöhne und schlage Petyr aus Rache gegen die Schulter. Er hält nun also seine Schulter mit der einen Hand und ich meine Rippen.
      "Was'n dat für nen Kerl?" Fragt er mich und nickt in Richtung Eyvind. Ich zucke nur mit den Schultern.
      "Keine Ahnung, sieht doch ganz nett aus." Allerdings habe ich mir selbst noch keine wirkliche Meinung gebildet, versuche jedoch so offen wie möglich zu sein.
      Charly kommt nun auf uns zu, oder eher auf mich. Vuyo hat sich wieder seiner Arbeit zugewandt und als ob ich nicht wüsste, was jetzt kommt, stellt Charly die erwartete Frage. "Hey Malte, du, hast du zufällig Lust Eyvind die nächsten Tage etwas einzuarbeiten? Petyr ist ja leider wieder unterwegs und Vuyo hat mit der Reitschule so viel um die Ohren." Praktisch, dachte ich, mir bleibt dann nämlich der komplette Stall plus Eyvind. Ich lächle jedoch und sage: "Klar Charly, mache ich gerne!"
      "Auf dich ist immer Verlass!" Meint sie, klopft mir auf die Schulter und verschwindet dann mit einem kurzen Nicken zu Eyvind in Richtung Ausgang.
      "Dich scheint etwas daran zu stören?" Eyvind blickt mich fragend an. Er scheint wirklich nett, aber auf mein Gefühl verlasse ich mich schon lange nicht mehr. Ich zucke mit den Schultern und weiß noch nicht genau, was ich sagen soll. Er kommt mir jedoch zuvor. "Kann ich verstehen, Charly hat mir schon erzählt, dass du hier als treibendes Rad ständig etwas zu tun hast. Aber ich denke, ich kann dir ganz gut unter die Arme greifen." Beim näheren Hinsehen erkenne ich die dicken Ringe um seine Augen, sehe einige Sorgenfalten in seinem Gesicht und die ungewaschene Kleidung. Ich blinzle.
      "Danke", sage ich nur. Wie viel zu oft habe ich ein Loch im Kopf, wenn es darum geht, die passenden Wörter zu finden.
      "Also, was kann ich tun?" Fragt Eyvind mich und ein Lächelnd erscheint auf seinen Lippen. Er scheint wirklich begeistert von dem Gedanken, hier arbeiten zu können.
      "Äh", sage ich wieder wenig produktiv und stelle die Mistgabel zur Seite. "Du kannst mich zu den Weiden begleiten, ich will das Wasser kontrollieren." Meine ich und zeige in Richtung Ausgang. Eyvind nickt nur. Ich ziehe ihn also mit mir aus dem Stall, nicke im Vorbeigehen Petyr kurz zu und schlage dann den Weg in Richtung Weiden ein. Es ist ein kalter Frühlingstag. Wie gefühlt immer. Der Nebel liegt noch an den Ufern des Fjords und bedeckt die eigentlich schon grünenden Wiesen mit einer Schicht aus grau. Die erste Weide, die wir erreichen, ist die kleine Hengstweide. Unsere vier verbliebenden Vollblüter stehen hier. Vollblüter waren nie mein Spezialgebiet und trotzdem habe ich (fast) alle ins Herz geschlossen. Ich passiere den Zaun geschickt und winke Eyvind dann zu, er solle mir folgen.
      "Osgiliath", sage ich und zeige auf den Hengst, der uns am nächsten steht. "Bei ihm, wie fast bei jedem anderen Pferd welches Nicolaus angeschleppt hat, würde ich etwas Abstand halten. Das gleiche kannst du bei Worgait", ich zeige auf den hellen Tekkiner Hengst, "Und natürlich auch bei Marid beachten." Diesmal nicke ich nur in Richtung Marid, welcher mit gespitzten Ohren am Offenstall steht. Ich spüre seinen Blick auf mir, seinen hinterlistigen Blick. Er weiß genau, dass ich über ihn red. Dann stelle ich ihm noch Valentines Alysheba vor und mache mich an die Arbeit. Während ich frisches Wasser nachfülle, fallen mir endlich einige wenige Frage ein. "Sage mal, Eyvind, was ist so deine Vorliebe bei Pferden? Reitest du selbst?"
      "Vorliebe?" Er erscheint einen Moment verwirrt und runzelt die Stirn. "Du meinst, was ich für Rassen mag und so?" Ich nicke. "Ich bin da offen, ich habe keine Vorlieben." Meint er nur. Aha. Denke ich und fühle mich nicht schlauer als zuvor. Das Wasser ist auch fertig und so sehe ich die Möglichkeit, das kleine Gespräch schnellstmöglich zu beenden. Nachdem wir noch Grenzfee und Teufelstanz auf ihren Weiden besucht haben, geht es zurück in den Stall. Ich bin erstaunt Petyr noch anzutreffen, meist verdrückt er sich bei der erstbesten Möglichkeit. Mir zusammengekniffenen Augen verfolgt er jede Bewegung Eyvinds und auch als ich in böse anstarre, lässt er nicht von ihm ab. Ich seufze. Eyvind dreht sich erstaunt zu mir um und blickt mich fragend an. "Alles ok?" Ich nicke schnell und erzwinge mir ein kleines Lächeln. "Ok, wohin geht es als nächstes?"
      "Ich muss eine unserer Stuten versorgen. Sie hat vor zwei Tagen ein Fohlen zur Welt gebracht und ist - etwas eigensinnig seit dem." Was jedoch für mich nicht verwunderlich ist, wenn man einen Besitzer namens Nicolaus du Martin hat, denke ich, spreche es jedoch nicht laut aus. Colour Splash steht mit angelegten Ohren in ihrer großzügigen Box. Nicht nur das, wir haben ihr sogar eine Trennwand entfernen lassen, sodass die beiden Stuten genügend Platz haben. Zu ihren Füßen liegt der neue Stern des Gestüts und bereits am Namen kann man die Spuren Nicos erkennen. "Simplicity of Sophistical, oder einfach nur Simple." Sage ich zu Eyvind gewandt und etwas kann ich den Stolz in meiner Stimme nicht verstecken. Auch ich bin froh, dass Splash es endlich geschafft hat. "Ihre Mutter heißt Colour Splash." Ich deute auf Splash, welche die Ohren nach hinten legt und mit einem Huf scharrt.
      "Sie scheint unruhig." Meint Eyvind und betrachtet die Stute fasziniert. "Ist sie immer so?"
      Ich schüttle den Kopf. "Nein, nicht immer. Aber sie mag das Boxenleben nicht." Ich nicke in Richtung Nachbarbox. "Seit dem wir jedoch halbtags ihre Freundin Shari drinnen lassen, geht es schon besser."
      Ich bin recht froh, als ich wenig später Eyvind eine Mistgabel in die Hand drücke, mit der Aufgabe, in den Offenställen der Jungpferde etwas Ordnung zu machen. Ich atme erleichtert auf, als sich eine Hand auf meine Schulter legt. Erschrocken fahr eich herum und blicke in das Gesicht Petyrs. "Gott!" Rufe ich und funkle diesen böse an. "Du sollst das lassen!"
      Petyr grinst. Dass ich ihn Gott genannt hatte, schien ihm zu gefallen. "He Malte, du, sag' mal, wie ist denn dieser Eyvind so? Is' er nett?"
      "Petyr, weißt du, dass du durchgängig die Endungen von Wörtern verschluckst?" Sage ich nur und greife nach meiner Mistgabel.
      "Jaja, weiß ich. Aber los sag' mal, ich muss doch wissen, wer hier so auf dem Hof unterwegs ist." Er lässt wie immer nicht locker.
      "Da habe ich eine Idee." Sage ich und drücke Petyr die Gabel in die Hand. "Hilf ihm doch einfach bei den Offenställen." Ich grinse ihn an und als er sich nicht von der Stelle rührt, nicke ich mit meinem Kopf in Richtung Ausgang. "Los, du Faulpelz!"
      Er sieht ein, dass er aus mir nichts rausbekommt und funkelt mich böse an, macht sich aber trotzdem auf den Weg zu Eyvind. Mein Weg führt mich jedoch in die andere Richtung zu unseren Paddocks. Seit einigen Tagen steht hier zur Eingewöhnung Sawanna. Ihre Reise hier her ist lang und anstrengend gewesen und ich sehe ihr an, dass sie erschöpft ist. Hinzu kamen ihre Vertrauensprobleme und auch wenn Nico und auch ich tagtäglich mit ihr arbeiten, ist es noch nicht viel besser geworden. Ich nehme das Halfter vom Hacken, stehe jedoch noch einige Minuten unbeteiligt hinterm Zaun, bevor ich mich auf ihr Territorium getraue. Sawanna wird ihrem Namen ziemlich gerecht. Nicht nur der hübsche helle Fuchston, auch der hitzige und stürmische Charakter passten dazu. Ziel war es, sie innerhalb der nächsten Tage an Shyvana und Samarra zu gewöhnen und so wie Petyr es letztens deutlich erwähnt hatte, passten die jungen Stuten nicht nur vom Namen zusammen. Während ich schließlich mit Sawanna den Weg in Richtung Wald einschlage, versuche ich krampfhaft einen Spitznamen für sie zu finden. Samarra hat von mir bereits den Namen Sammy erhalten und Shyvana heißt meist nur Shyva. Es muss also etwas genauso schönes her. Obwohl Sawanna schreckhaft ist, scheinen sie die Hengstweiden nicht zu stören. Weder Bijou, noch Volente oder Phenomenon schenkt sie einen Blick und auch den neuen Brego, welcher genauso wie sie noch einzeln gehalten wird, beachtet sie nicht. Auch von mir hält sie durchgängig einen gewissen Abstand, scheint sich jedoch jedenfalls ein bisschen an mich gewöhnt zu haben. Das Ziel von Sawanna und mir ist eine kleine Weide in der Nähe der Zackelschafe und Bellas Pferden. Auch sie habe ich schon länger nicht gesehen, sodass ich die Chance ergreife und meine Schritte zu den Isländern lenke, nachdem ich Sawanna auf ihre Weide entlassen habe. In der Hoffnung, Bella bei ihren Pferden zu entdecken, schlage ich mich durch die rasant gewachsenen grünen Äste, rechts und links des Weges. Bellas Weiden lagen etwas abseits. Ihre Isländer standen durchgängig auf der Weide und so verwundert es mich nicht, dass ich auch dieses Mal die versammelte Mannschaft erblicke. Den jungen Fafnir am Zaun erkenne ich sofort und das niedliche Jungpferd daneben enttarne ich als Litfari. Von Bella ist jedoch keine Spur zu sehen. so gebe ich mich geschlagen und mache mich zurück auf dem Weg zum Hof.
    • Wolfszeit
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      08.06.2017|Canyon
      Rakkaus Ja Epätoivo
      Mio | Zwei Jahre später stand ich an einem Punkt in meinem Leben, wo ich mir nie hätte denken können zu stehen. Die Zweifel plagten mich, Nächte lag ich wach und blickte in das stets friedlich ruhende Gesicht von Jacob. Die Mondstrahlen spiegelten sich auf seiner Haut wider und brachten seine dunklen Locken zum teuflischen Glänzen. Ich lag im tiefen Schatten.
      Als die ersten Sonnenstrahlen einige unruhige Stunden später den Weg durch die Vorhänge suchten, war ich längst munter. Ich stand im T-Shirt in der Küche und rührte in einem Topf umher, welcher eigentlich so etwas wie Schokopudding enthalten sollte. Es sah jedoch eher nach aufgeweichten Pferdeäpfeln aus. Der Schneebesen in meiner Hand wollte einfach nicht verstehen, dass ich keine Klumpen in meinem Essen haben wollte. Ich biss die Zähne zusammen, um für Jacob jedenfalls so etwas ähnliches wie ein Frühstück auf die Beine zu stellen. Mein Blick fiel auf den Garten hinter dem Fenster. Jacob hatte sich wunderbar darum gekümmert und fast konnte ich mit Stolz sagen, dass unsere blühenden Blumen die prächtigsten waren. Hinter dem Garten erstreckte sich die trübe See. Dunkles Wasser schwappte immer wieder gegen die Brandung und hielt das Geschehen in Bewegung. Es war so anders, so vollkommen anders und doch fühlte ich mich wohl.
      Mein Gedanke fiel auf Addi. Er war nicht glücklich gewesen, aber er hatte es getan. Er hatte es für mich getan. Aber sein Leben war nun gezielter geworden. Er lebte nicht nur noch von Spenden, sondern verdiente sich mit seiner Arbeit viel Geld. Er hatte seine Prinzipien geändert, hatte sie den meinen angepasst und da waren wir nun. Familie Moore und Mio mitten auf einer Insel im norwegischen Fjord.
      Ich hatte gerade die Schokoklumpensoße in eine Schüssel gefüllt und auf den Tisch gestellt, als Jacob unsere Küche betrat. Er gähnte ausgiebig und schlurfte dann zu seinem Stuhl, wo er sich erschöpft niedersinken ließ.
      "Guten Morgen, Jac." Meinte ich liebevoll und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn. Dieser brummte nur zustimmend, schnappte sich seinen Löffel und begann wild zu essen. Nach den ersten Bissen hielt er jedoch inne und blickte zu mir hoch, denn ich stand immer noch neben ihm.
      "Willst du denn nichts essen?"
      Ich schüttelte den Kopf. "Mag keinen Schokopudding."
      "Mio", meinte er warnend, "du isst zu wenig."
      "Tue ich nicht!" Wehrte ich mich. "Und außerdem mag ich wirklich keinen Schokopudding." Ich setzte mich gegenüber von ihm nieder. Jac zuckte nur kurz mit den Schultern und begann dann weiterzuessen.

      Addison | "He Chill! Das ist mein T-Shirt!" Erfolglos versuchte Buck seinem Bruder das Badmanshirt aus den Händen zu reisen.
      "Das stimmt nicht! Das ist meins!" Chill stemmte beide Füße in den Boden, um seinem Bruder standzuhalten.
      "Daaad! Chill will mir nicht mein T-Shirt wiedergeben!" Rief Buck laut.
      Addison steckte den Kopf durch die Tür. Er war in den letzten Monaten stark gealtert. Seine Augen lagen tief in ihren Höhlen und die Haare hatten erste graue Strähnen. Er schien kraftlos, als er beschwichtigend nach dem T-Shirt griff, trotzdem zog er es seinen Kindern ohne Probleme aus den Händen. Er suchte den kleinen Zettel im Nacken heraus, laß den Namen und gab es dann Buck. "Dein Bruder hat Recht, Chill, das T-Shirt gehört Buck. Schaue mal in deinem Schrank, wo sich deins versteckt haben könnte." Meinte er liebevoll und klopfte Chill aufmunternd auf die Schulter. "Beeilt ihr euch bitte? Ich will nicht, dass ihr den Bus verpasst."

      Charly | "Warum schreit Bart denn schon wieder?" Mit grimmigen Gesicht steckte Nico seinen Kopf durch die Küchentür und versuchte verschlafen etwas zu erkennen.
      "Guten Morgen, Nico. Gut, dass du dich auch endlich dazu bereit erklärt hast, aufzustehen." Gestresst blickte Charly über die Schulter zu ihm hin.
      "Was ist denn jetzt schon wieder los?" Meinte dieser genervt und betrat den Raum.
      "Ach nichts!" Lachte Charly hölzern und warf sich dann ihr wildes Haar über die Schulter. "Es ist ja nur Montagmorgen, die Arbeit wartet und dein Sohn wehrt sich krampfhaft gegen alles, was ich ihm aufs Brot schmiere und was kein Lolligeschmack hat, also gegen alles!" Wütend ließ sie das Messer fallen, drehte Barts Stuhl zu sich herum und hob den immer noch schreienden und nun auch strampelnden Jungen heraus. "Dann geht er heute ohne Frühstück in den Kindergarten!"
      "Charly, hey", Nico war an sie heran getreten und legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter. "Komm', gib ihn mir."
      Grob reichte Charly ihren Sohn an Nico weiter, welcher sich von ihr abwendete und versuchte sein Kind zu beruhigen. Charly ließ sich erschöpft aufs Sofa fallen und verbarg ihr Gesicht hinter ihren Händen.
      Zwei Minuten später hatte Bartholomäus sich beruhigt und Nico setzte sich neben Charly, auf seinem Schoß Bart sitzend. "He Charly," meinte er sanft. "Du bist ganz schön fertig. Ich kümmere mich heute um Bart, mache du mal einen ruhigen, das hast du dir verdient."
      Als Charly nicht antwortete, stand Nico auf und verließ mit Bart den Raum.

      Malte | Mittlerweile hatte ich mich daran gewöhnt, nicht allzu hastig aufstehen zu können. Die Decke meines kleinen Zuhauses war nur wenige Zentimeter über meinem Kopf. Langsam rollte ich mich deswegen aus dem großen Bett und lief leicht gebückt bis zur Holzleiter. Gery nahm es mir übel, dass er alleine unten schlafen musste, dafür hatte er auch in unserem neuen Zuhause seinen geliebten Kamin bekommen. Obwohl dieser nicht brannte, schlief der große Rüde jede Nacht davor, als würde dieser ihm die Wärme geben, die er zu brauchen glaubte. Der schwerhörige alte Hund hob erst den Kopf, als ich auf den Knopf meines Radios drückte und dieses mit einigen Startproblemen ansprang. Er murrte jedoch nur kurz und ließ seinem Kopf dann wieder zurück auf die Pfoten sinken. Ich betrachtete den alten Herren einige Sekunden, während aus dem Radio "Keep on the sunny side" erklang. Gute Einstellung, dachte ich, während ich im Takt den Abwasch der letzten Tage machte. Leise summte ich die Melodie mit, richtete meinen Blick aus dem Fenster und betrachtete die Natur vor meiner Haustür. Ich hatte den hübschesten Platz erwischt. Der Wald um mich herum bot mir jede Menge Schutz vor der Sonne und vorm Wind, welcher an manchen Tag recht frisch vom Fjord zu uns herüber wehte.
      Nachdem der Abwasch erledigt war, zog ich mich an und machte mich auf den Weg zum Stall. Gery ließ ich im Haus zurück. Seit ein paar Wochen schon, begleitete er mich nicht mehr täglich, seine Kraft schien zu schwinden. Ich hatte damit gerechnet und es war in Ordnung, so wie es war.

      Mio | Ich stand pünktlich wie immer am Weidezaun, den Hut trotz der fehlenden Sonnenstrahlen auf meinem Kopf und eine dicke Jacke über mein helles Hemd gezogen. Auch die Pferde hatten ihre Zeit gebraucht, um sich von vierzig Grad täglich auf eine Durchschnittstemperatur von 17 Grad umzugewöhnen. Im Gegenteil zu Addison, welcher sich komplett den Klimaverhältnissen angepasst hatte, hielt ich meinen Stil aus vergangenen Zeiten so gut wie möglich bei. So schnell würde ich nicht alles aufgeben.
      Addison kam wie immer zu spät. Chill und Buck forderten, seitdem wir in Norwegen wohnten, durchgängig seine Aufmerksamkeit. Heather half ihm so sehr wie möglich bei der Erziehung der Zwillinge, jedoch hatte auch sie noch ihr eigenes Leben.
      Abgehetzt und mit grimmigem Blick, kam Addi auf mich zu, er nickte mir kurz zu, ich nickte zurück und gemeinsam machten wir uns an die tägliche Arbeit. Unsere Mustangs hatten einen schönen Platz bekommen. Sie hatten ihren eigenen Teil der Insel. Zwei weitläufige Weiden, mit Bäumen, Sträuchern und kleinen Hügeln waren so natürlich angelegt wie nur möglich und viele der Pferde hatten sich schnell daran gewöhnt.
      Während wir zusammen neues Heu schleppten, merkte ich, wie Addi mir immer wieder Blicke zuwarf. Er schien mich zu begutachten und seine Skepsis war nicht zu übersehen. "Mio", er legte einen Arm auf meine Hand, als ich gerade einen Wassereimer anheben wollte, "Mio, seit wann hast du schon nichts mehr gegessen?"
      Ich ließ den Eimer los und richtete mich auf. "Seit wann, macht sich jeder darum Gedanken, dass ich zu wenig esse?! Ich bin erwachsen und kann selbst gut genug einschätzen, wann und was ich esse!" Ich zog meine Hand aus seinem Griff und blickte Addi in die Augen. Ich sah den Schmerz in ihnen, den Verlust, die Angst. Ich sah seine grauen und mageren Haare, die Falten auf seiner Stirn und die knorrigen Hände. "Du solltest lieber selbst einmal in den Spiegel schauen, du siehst nicht besser aus." Meinte ich schwach und hob den Eimer ein weiteres Mal. "Warum machst du dir zu erst um mich Sorgen, anstatt um dich selbst?" Sagte ich, bevor ich mich von ihm abwendete.
      "Das weißt du Mio." Flüsterte Addi zerschlagen. "Du wärst dumm, wenn du es nicht sehen würdest."

      Petyr | "Saga Glasberg, was soll bitte dieses eklige Gummiband auf meinem Schreibtisch?" Grinsend hob Petyr ein breites Band in die Höhe und hielt es seiner Freundin vor die Augen. "Bitte nicht schon wieder ein neues Hobby!"
      "Ach quatsch!" Saga riss ihm das himmelblaue Band aus der Hand. "Das ist mein neues Stretchband. Das haben seit neuestem alle in meiner Balettgruppe und ich finde es auch ziemlich hilfreich!"
      Petyr verzog angeekelt den Mund und ließ das Band fallen. Bevor es auf dem Boden aufkam, hatte Saga es aufgefangen und sich mit einem dramatischen Nebeneffekt in die Arme von Petyr geworfen. Dieser hielt sie fest umschlungen und drückte ihr dann einen Kuss auf den Mund. Als sie sich wieder von einander lösten, lag auf beiden Gesichtern ein rötlicher Schleier und sie lächelten verliebt.
      "Malte wartet bestimmt schon im Stall auf mich. Du weißt, dass er es nicht leiden kann, wenn ich zu spät komme."
      "Jaja, renne nur zu deinem Malte." Saga dreht sich eingeschnappt und mit verschränkten Armen um, sodass Petyr sie noch einmal zu sich ziehen musste und sie innig küsste. Dann schnappte er sich eilig seine Jacke und verließ die Dachbodenwohnung, ohne noch einmal zurückzublicken.

      Eyvind | Während alle anderen noch schliefen, war Eyvind wie immer der erste im Stall. Ihn trieb nichts anderes an, als die Pferde. Die tägliche Arbeit, beginnend beim Morgengrauen, hielt ihn in Bewegung. Er brauchte den Ausgleich zu den Stunden in der Nacht, die er im Bett verbrachte und selbst diese wurden in manchen Nächten von Spaziergängen durchbrochen. Er war der stille Nachtwächter, welcher mit seinem wachen Auge jede Regung genau auffasste. Er war so unauffällig, wie sonst keiner auf dem Gestüt. Jeder hatte seine Probleme zu tragen und jeder trug dies offensichtlich als Rucksack. Nur Eyvind schien seine Sorgen in dem Platz vor den Zehen in den Schuhen zu verstauen und hatte sogar noch Freiraum für die seiner Freunde.
      Die Pferde waren bereits gefüttert, als Malte und Petyr zu ihm hinzu stießen. Die letzten kauten friedlich an den restlichen Körnern. Der Hauptstall war riesig, mit neuester Technik ausgestattet und perfekt an die Wünsche der Sportpferde angepasst, welche hier ihr Zuhause gefunden hatten. Die Boxen besaßen allesamt ein kleines Paddock, welches die Pferde ganztägig benutzen durften.
      "Wie du nur immer so früh wach sein kannst..." Petyr gähnte ausgiebig und blieb vor Eyvind stehen.
      Malte währenddessen klopfte Eyvind auf die Schulter. "Danke man, was würden wir nur ohne dich tun." Dankbar schaute er seinem Freund an und lächelte. Es hatte seine Zeit gedauert, bis die drei sich als Team verstanden hatten, denn vor allem Malte war es schwer gefallen, einen weiteren Arbeiter zwischen ihm und seinem langjährigen Freund Petyr zu akzeptieren.
      Die drei Männer wollten sich gerade an die Arbeit machen, als Heather in den Stall gehetzt kam. Die junge und auffällige Frau mit den blonden Locken hatte keine Probleme gehabt, sich in der Stallgesellschaft einzufinden. Sie war offen, warmherzig und stets voller Energie.
      "Leute!" Trällerte sie lauthals und hastete auf die kleine Versammlung zu. "Los, los! Ihr habt eine Minute Zeit mir zu sagen, was ihr aus der Stadt braucht!" Sie kramte einen Notizblock samt Stift aus ihrer Tasche und schaute die drei Männer erwartungsvoll an.
      Malte schüttelte bloß den Kopf. "Danke, ich brauche nichts."
      Heathers Blick schwankte weiter zu Petyr. "Und was ist mit dir, du Faulpelz?"
      "Öh", überfordert zuckte Petyr mit den Schultern. "Kein Plan. Ruf' aber mal Saga an, die hat bestimmt was für dich."
      Auch Eyvind lehnte dankend Heathers Angebot ab, sodass diese ihren Stift einsteckte und seufzte. "Ich bin jetzt extra wegen euch zum Stall gerannt. Den Weg hätte ich mir ja dann auch sparen können." Sie boxte Eyvind gegen die Schulter und zwinkerte Malte kurz zu. "So bis dänne, ihr Pappnasen!" Rief sie, als sie sich bereits wieder umgedreht und mit großen Schritten den Stall verließ.

      Tjarda | Tjarda liebte diesen hochgewachsenen Mann mit dem kantigen und doch so weichen Gesicht und viel mehr liebte sie jedoch die hellen Augen, welche sich so von seinem dunklen Körper abhoben. Es war ihre liebste Zeit, wenn sie nebeneinander im Bett lagen, er noch schlief und sie am frühen Morgen die Erste war, die in diese Augen blicken durfte. Vuyo schlief jede Nacht friedlich, während Tjarda oft stundenlang wach lag. Es war diese Gegenteiligkeit, an welcher beide Gefallen gefunden hatten.
      Als Tjarda wenig später das gemeinsame Haus verließ und sich auf den Weg zum Haupthaus machte, stieß sie auf Heather. Stürmisch umarmte diese ihre Freundin, erzählte ihr dann von dem geplanten Einkauf und bot Tjarda an, sie in die Stadt mitzunehmen.
      Die Wälder und Berge, Seen und kleine Dörfer zogen nun an ihr vorbei, während sie verträumt aus dem Fenster blickte. Heather am Steuer erzählte ununterbrochen, lachte über ihre eigenen Witze und fand zu jedem Thema ein weiteres Thema, welches damit in Verbindung stand. Heather erzählte immer. Egal ob es ihr gut ging oder nicht. Tjarda mochte diese offene Art, sie selbst war eher das Gegenteil. Verschlossen und ruhig. Sie wollte nicht hoch hinaus, der ihr angebotene Modeljob hätte das erbracht, sondern ihr reichte das stille Kunstmuseum in der Innenstadt. Menschen zu beobachten und zu zeichnen war ihre große Stärke und seit einigen Jahren war sie mit dem bisschen Einkommen schon zufrieden.
      Heather parkte ihren kleinen Flitzer genau im Parkverbot vor dem Museum, schaffte es, ihre Freundin schwungvoll im Auto zu umarmen und sie mit reichlich Worten zu verabschieden. Tjarda winkte ihr noch lächelnd zu, bevor Heather Gas gab und um die nächste Ecke brauste. Lächelnd betrat Tjarda die schmuckvolle Eingangshalle und begann ihren Arbeitstag.

      Mio | Ich schaffte es, Addi die nächsten Stunden aus dem Weg zu gehen. Erst kurz nach Mittag traf ich in der kleinen Reithalle auf ihn. Quisquilloso lief erst seit einigen Wochen unter dem Sattel und so musste ich einen Moment bewundert stehen bleiben, als ich Addi mit dem Hengst arbeiten sah. Quisquis Start war nicht einfach gewesen. Er hatte immer wieder Rückenprobleme und leichte Verletzungen gehabt, obwohl er sein Bestes tat sich schnell anzupassen. In Gedanken versunken lehnte ich an der halboffenen Tür. Addis Arbeit begeisterte mich immer wieder und obwohl ich seit drei Jahren Tag für Tag mit ihm verbrachte, hatte ich mir noch längst nicht alles abschauen können. Hinzu kam, dass die Beziehung zwischen uns schon seit längerer Zeit abgekühlt war, seit genau dem Tag, an dem ich Jacob lieben gelernt hatte. Addison mochte seinen Cousin nicht.
      Ich war so in Gedanken versunken, dass ich nicht merkte, wie Addi vor mir zum Stehen kam, leichtfüßig aus dem Sattel rutschte und dann vor mir landete. Er hatte geweint, ich erkannte einen leichten roten Rand um seine Augen und mittlerweile kannte ich ihn so gut, dass ich wusste, dass es ihm nicht gut ging.
      "Hallo Mio."

      Malte | "Was sind das denn für fette Brocken?" Sagas tiefe Lache schallte durch die Stallgasse, als sie die beiden Irish Draughts sah. Ich schaute sie wütend an. Man merkte, dass sie von Pferden nicht allzu viel Ahnung hatte, denn ihre Lautstärke schaffte sie nicht zu zügeln.
      "Der eine davon heißt sogar Brock." Flüsterte ihr Petyr ins Ohr und sie brach wieder in Gelächter aus.
      "Petyr, musste das sein?" Mein wütender Blick galt nun Petyr, welcher sich kindisch hinter Saga versteckte und so tat, als wäre er dort sicher vor mir. Ich hatte mir immer erhofft, dass er in einer Beziehung endlich seine reife Seite finden würde, aber genau das Gegenteil war geschehen. "Saga, was machst du eigentlich hier? Musst du nicht arbeiten?"
      "Nö, erst heute Nachmittag." Sie grinste. "Aber Malte, jetzt mal ehrlich, die beiden kenne ich noch nicht, oder? An den Namen Brock würde ich mich sonst erinnern." Vergnügt gluckste sie und stieß Petyr an.
      Ich ließ Saga mit einer Antwort warten, bis ich erst Belmonts Brock und dann Belmonts Beo in ihre Boxen gebracht und beide Türen verschlossen hatte. "Beo und Brock. Nein kennst du noch nicht, sind erst seit ein paar Tagen hier und es wird hoffentlich auch nur eine Übergangslösung." Antwortete ich ihr knapp, während ich meine stets verdreckten Hände an meiner Hose abzuwischen versuchte. "Noch mehr Pferde und ich erwarte von Charly eine Gehaltserhöhung."

      Charly | Unruhig stieß Charly immer wieder mit dem Bleistift auf den Tisch. Hunderte von kleinen Einkerbungen hatten sich bereits angesammelt, diese schien sie jedoch nicht zu merken. Der helle Bildschirm zeigte Dokumente, Tabellen und Internetseiten, mehrere leere Kaffeetassen standen neben ihr und Briefe aller Art stapelten sich auf dem ganzen Tisch. Charly hatte Nico seit heute Morgen nicht mehr gesehen, aber auch das schien sie verdrängt zu haben. Auch Charly hatte schon bessere Zeiten gesehen. Sie hatte zugenommen und ihre sonst so makellose Haut sah unrein aus. Auch der Konsum an Zigaretten war wieder gestiegen und das, obwohl sie genau wusste, dass sie das Geld nicht hatten. Viele Jahre lang hatte sie drauf verzichtet, aber mit ihren entstandenen Problemen war sie wieder in alte Gefilde gefallen.
      Es klopfte. Es klopfte selten jemand an ihre Tür, die meisten spazierten herein wie sie wollten und es erstaunte sie noch mehr, als Nico den Kopf zur Tür herein steckte. "Charly?"
      Sie drehte sich zu ihm um, wusste einen Moment nicht, was sie sagen sollte und meinte dann: "Ja? Alles gut?"
      Nico nickte und trat ganz ein. "Hast du kurz Zeit? Ich würde dir gerne jemanden vorstellen." Aufgewühlt blickte Charly zu ihm auf. Nico verwirrte sie. Er schien fast unsicher in seiner Art, als wüsste er selbst nicht so genau, was er gerade tat. Es versetzte ihr einen Stich, ihn leiden zu sehen. Sie hatten sich mal geliebt und vielleicht liebten sie sich immer noch.
      "Nico?"
      "Ja?"
      "Wirklich alles in Ordnung? Geht es Bart gut?"
      Nico nickte hastig. Charly stand auf und ging durch die offene Tür, welche Nico ihr aufhielt.
      "Was ist das?" Erschrocken blieb Charly stehen, als sie einen Transportkorb im Wohnzimmer stehen sah. "Nico!"
      "Bitte sei mir nicht böse!" Flehentlich presste er die Hände zusammen. "Bitte, gib ihr eine Chance."
      "Wem eine Chance?" Charly blieb ruhig, ihre Augen funkelten jedoch. "Nico, wem soll ich eine Chance geben?"
      Nico zögerte, dann ging er zum Transportkorb, öffnete ihn und drehte sich dann zu Charly um. Auf seinem Arm saß ein kleiner Welpe, einige Wochen alt. Nur ein Fleck am Ohr, ein blaues und ein braunes Auge.
      "Nico was soll das?! Ich habe dafür keine Zeit!" Charly hielt sich die Hand an die Stirn. "Nico..."
      "Charly, es tut mir Leid, bitte, ich wollte dir einen Gefallen tun. Wir können uns zusammen um sie kümmern, als Familie. Du weißt, wie sehr Bart Hunde mag."
      "Sind wir überhaupt noch eine Familie, Nico?"
      "Charly", schmerzhaft verzog Nico das Gesicht. Er trat einen Schritt auf sie zu, den ängstlich schauenden Welpen immer noch auf dem Arm. "Sage so etwas nicht, ich liebe dich. Ich liebe dich so sehr, du hast mich verzaubert und ich sehe nun, dass ich so viele Fehler begangen habe. Bitte, gib mich nicht auf!"
      "Woher weiß ich, dass du dich wirklich verändert hast? Warum sollte ich dir glauben, dass du nun wahrhaftig auf meiner Seite bist? Es ist so viel passiert."
      "Ich liebe dich", verzweifelt flüsterte Nico die magischen Worte. "Ich liebe dich." Seine Stimme versagte.
      "Ich liebe dich doch auch." Charly flüsterte ebenfalls und trat einen Schritt auf ihn zu. Zärtlich streichelte sie den weichen Kopf des Hundes und blickte dann ins Nicos Gesicht. Er lächelte vorsichtig, zog eine Hand unter dem Bauch des Hundes hervor und strich sanft eine dunkle Strähne aus Charlys Gesicht.
      "Also gut." Charly seufzte und trat einen Schritt zurück. "Wie soll unsere neue Mitbewohnerin denn heißen?"

      Mio | Addison schwang die Zügel über den Kopf des Pferdes und trat dann noch einen Schritt auf mich zu. "Schön dich zu sehen." Ich blinzelte. Wie meinte er das? Er verhielt sich komisch. Ich hatte plötzlich das Gefühl, als ragte Addison bedrohlich vor mir auf und mit einem Mal spürte ich so etwas wie Angst vor ihm. Seine hochgewachsene Gestalt drängte mich zurück, doch konnte ich nicht weichen, nur wenige Zentimeter hinter fühlte ich das schwere Tor. Er streckte eine Hand nach mir aus, legte sie an meine Hüfte und zog sich zu mir heran.
      "Addi," mein Atem stockte. "Addison!" keuchte ich und versuchte ihn von mir wegzuschieben. "Addison, was soll das?"
      "Mio, ich kann nicht mehr, du kannst mir das nicht mehr antun." Er beugte seinen Kopf zu mir herunter, kam meinen Lippen bedrohlich nahe, während ich mit aller Macht versuchte, mich seinen starken Armen zu entwinden. "Vielleicht muss ich dich dazu zwingen, damit du siehst, was du verpasst." Die Zeit schien still zu stehen. Ich presste meinen Mund zusammen, doch Addison legte den seinen erstaunlich sanft auf den meinen, um dann mit jeder Menge Energie seinen Mund mit meinem zu verbinden.
      Mit einem befreienden Stoß stieß jemand das Tor auf und drückte Addisons Körper von mir weg. Helles Licht flutete ihn die Halle und erleuchtete Eyvind, welcher sich schützend vor mir aufgebaut hatte. Addison stolperte zurück, ich sah den Schock und die Verständnislosigkeit in seinen Augen, bevor er sich auf Quisquilloso stürzte und mit dem erschrockenen Hengst im Galopp die Halle verließ.
      Ich stand unter Schock. Die Tränen flossen, ich merkte sie kaum. Nur Eyvinds Arme, welche sich um mich schlossen und an sich zogen. Stumm weinte ich, während die ruhige Stimme von Eyvind ein Lied summte. Er hielt mich fest, bewahrte mich davor zu versinken und auch ich krallte mich an ihn, verkrampfte mich, während immer wieder Schüttelanfälle über mich hereinbrachen.
      Ich sah Addison nicht mehr. Nicht an diesem Tag und auch am nächsten nicht. Ich trocknete meine Tränen, Eyvind brachte mich zu meinem Haus und nachdem ich ihm versichert hatte, dass alles gut war, ließ er mich alleine. Jacob erzählte ich nichts. Er merkte, dass es mir nicht gut ging, hackte jedoch nicht weiter nach. Ich versank am Abend in seinen Armen und tauchte ab in einen unruhigen Schlaf.

      Eyvind | Nachdem Addison spurlos verschwunden war und nur Eyvind und Mio die Geschichte wussten, zog Heather für eine Nacht zu Chill und Buck ins Haus. Beide waren verwirrt, erwarteten eine klare Antwort von ihrer Tante und erfuhren jedoch nur noch mehr neblige Ausreden.
      Als Addi kurz nach um zehn noch immer samt Quisquilloso verschwunden war, stiegen Nico und Vuyo, sowie Malte und Tjarda in ihre Autos und machten sich auf dem Festland auf die Suche nach dem verschwundenen Addison. Als auch nach Mitternacht noch keine Spur von ihm zu finden war, gaben die vier es auf und kehrten zurück auf die Insel. Nach einer kurzen Besprechung im Haupthaus, verteilten sich alle auf der Insel und wenig später lag diese von einem stummen Tuch umhüllt, unruhig schlafend da. Nur ein Schatten, wachend, schlich am südlichen Ufer entlang. Seinen wachen Blick über dunkle Wasser in die Ferne gerichtet
      "Rakkaus ja epätoivo." Flüsterte Eyvind in seiner Sprache und wendete seinen Blick dann zum Himmel. "Wer braucht das schon?"
    • Wolfszeit
      Training
      30.06.2017
      Galopprennen A → L
      Malte | Noch am gleichen Tag wie die Araber, kamen auch die Vollblüter auf die Rennbahn. Die vier hatten diese in den letzten Wochen ausgiebig nutzen dürfen, sodass es heute wie die letzte Zeit auch schon, nur ein Routinetraining werden würde. Charly hatte uns die vier bereits gründlich vorbereitet, als wir den Stall betraten, sodass sich jeder nur noch sein Pferd nehmen brauchte, aufsteigen musste und dann wieder zurück zur Rennbahn ritt. Charly wünschte uns wie immer viel Glück und beobachtete uns, bis sie uns aus den Augen verlor. Ich hatte mir heute den begabten Junghengst Valentines Alysheba geschnappt, während Vuyo, der beste Jockey den ich kannte, sich mit dem noch etwas weniger gut trainierten Osgilath beschäftigen würde. Petyr ritt seine Teufelstanz und Eyvind hatte das Vergnügen mit Teufel 2 - Unserer Grenzfee. Jeder schien ganz zufrieden mit seiner Wahl, auch wenn Eyvind einige Sorgenfalten auf der Stirn hatte, als die unruhige Stute nervös vorneweg tänzelte. Der Ritt zur Bahn war der erste Teil des Warmlaufens, sodass wir sofort mit dem Trab starten konnte, als wir angekommen waren. Unsere Bahn war nicht die Größte und modernste, aber das brauchten wir auch nicht. Für unsere Zwecke war sie vollkommen zufriedenstellend. Eine große Runde ging es gemeinsam im Trab über die Bahn hinweg und ich, der mit Alysheba einige Meter vor den anderen lag, dachte ein weiteres Mal, dass Sheba auch ein guter Trabhengst sein könnte, so viel Kraft wie er auch in den Trab steckte. Nach dem Aufwärmen gab es einen kurzen Aufgalopp, bevor wir uns zu einem kleinen Wettkampf am Start einfanden und auf mein Zeichen in einem Kopf-an-Kopf-Rennen die Galoppbahn entlang flogen. Trotz Grenzfees Alter und Osgiliaths wenigem Training, lagen die beiden bis zur Hälfte ein Stück vor mir und Petyr. Sheba ließ sich dies jedoch nicht gefallen und zog auf den letzten Metern nochmal um einiges an. Teufelstanz kam knapp hinter ihrer Freundin Grenzfee ins Ziel und auch Lia, dessen Kräfte zum Schluss nachgelassen hatten, schaffte es knapp hinter den drei anderen ins Ziel. Vuyo nahm sich die Freiheit und korrigierte einige kleine Fehler von uns Jockeys und gab uns Tipps fürs nächste Mal, bevor wir die Pferde austraben ließen. Dann sattelten wir die vier gemeinschaftlich ab und brachten sie routinemäßig in die Führmaschine.
    • Wolfszeit
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      Tyrifjord Ranch
      Göttliches Eintreffen
      09.08.2017|Canyon
      Malte | »Warum erzählst du mir sowas immer erst, wenn es bereits zu spät ist?» Eingeschnappt blickt Petyr auf mich herab. Locker fallen ihm seine blonden Haare ins Gesicht und umranden seine weichen Zügen ziemlich vorteilhaft. Mittlerweile sieht er viel jünger aus, als er wirklich ist, während ich, trotz meiner geringen Größe, in den letzten Jahren immer mehr gealtert bin.
      »Nichts ist zu spät. Du hast noch genau zwölf Stunden Zeit, dich mit diesem Gedanken anzufreunden.«
      »Super, und wie lange weißt du es schon?«
      »Zwei Monate.«
      »DAS hättest du mir jetzt nicht auch noch aufbinden müssen!«
      »Du wolltest es doch wissen?«
      »Argh!» Petyr rauft sich die Haare. Ich schließe die Augen und lasse die Mittagssonne mein Gesicht erwärmen. Als sich etwas Dunkles vor meine Augen schiebt, öffne ich sie blinzelnd und schaue in das stets freundliche Gesicht von Logi.
      »Hey du«, flüstere ich. »Du freust dich auf die beiden Neuen, stimmt‘s?« Logi schnaubt und wuschelt mit seinem Maul auf meinem Kopf herum.
      »Jaja, stelle du dich auch nur auf seine Seite, war ja klar Logi.« Meint Petyr eingeschnappt und aus den Augenwinkeln sehe ich, wie er leicht angepisst Modjos gelocktes Haar aus der Bürste zieht. Ich lächle zufrieden. Der Tag ist schön, denke ich, hebe dann meine Hand und wuschle Óslogi durch die dicke Mähne. »Die beiden passen zu euch.«
      »Das ist die erste Stute, die du dir je in deinem Leben anschaffst, bist du dir sicher, dass du dafür bereit bist?« Wieder hört Petyr mit seiner Arbeit auf und blickt auf mich herab.
      »Selbst wenn mir jetzt einfallen würde, dass ich doch keine Stute haben will, wäre es zu spät.«
      »Malte, das sollte ein Scherz sein.«
      »Oh, achso, wusste ich nicht.« Ich richte mich auf, löse das Band aus meinem Haar und mache mir dann, da Logi ihn zerstört hatte, einen neuen Zopf. Logi dreht sich währenddessen von mir weg und läuft, nein schlurft zurück zu den anderen.
      »Irgendwas stimmt mit deinem Ironiedetektor nicht.«
      Umständlich stehe ich auf und klopfe mir das Gras von der Hose. »Wie meinst du das?«
      »Du bist der einzige, der nie meine Witze versteht.«
      »Vielleicht sind sie ja nicht witzig?«
      »Den Gedanken hatte ich auch schon und habe versucht, diese Theorie anhand und Eycǘind zu belegen.« Petyr verstummt und räumt die Bürste zurück in die Tasche.
      »Und?« Erwartungsvoll blicke ich ihn an.
      »Hat nicht geklappt.«
      »Und daraus schließt du, dass es an mir legen muss?«
      »Viel andere Möglichkeiten bleiben ja nicht mehr.« Ich belasse es dabei, greife auch zu einer Bürste und mache mich auf den Weg zum Offenstall. Félagi und Dynur dösen im kühlen Schatten, richten sich jedoch beide auf, als ich näher komme. Es tut gut zu sehen dass die beiden zufrieden
      schienen. Der einzige der mir von meiner Bande Sorgen bereitet, ist Logi. Er versteckt es gut, jedoch merke ich ihm an, dass er sein Blackys Tod nur noch spärlich den Kontakt zu anderen sucht. Acapulco Gold, Dynur und Félagi machen es ihm jedoch nicht allzu leicht und obwohl Angus stets versucht von Kontakt aufzubauen, schüchtert er Logi mit seiner Größe, Kraft und Ungeschicktheit ein.
      Dynur und Félagi werden von mir kurz begrüßt, bevor ich aus den Tiefen meiner Hosentaschen einen Hufauskratzer zaubere. »Huf-Time!« Sage ich und kraule beiden nochmal den Kopf. Félagi hat keine Lust. Er versucht sich abzuwenden, jedoch komme ich ihm zu vor und stelle mich in seinen Weg. »So nicht Dicker. Das ist eine gute Übung, auch unangebunden stehen zu können.« Meine ich und bringe ihn wieder zu seinem alten Platz. Felli schnaubt und versucht sich mit flinken Bewegungen unter meinem ausgestreckten Arm hindurch zuwinden. Nach weiteren fünf Minuten haben wir beide es ausdiskutiert. Félagi steht. Dynur hält sich natürlich gekonnt heraus. Warte nur, bis du dran bist, denke ich und beginne damit, Félagi die Hufe auszukratzen. Dynur hat jedoch Glück, ich komme nicht mehr dazu. Mein Telefon klingelt. Umständlich versuche ich mir es, noch in der einen Hand Félagis Huf haltend, es zwischen Schulter und Ohr zu klemmen, erkenne jedoch bereits nach wenigen Sekunden, dass das wohl nichts mehr wird.
      »Tordenværson.« Sage ich leicht genervt.
      »Ebenfalls, schön, dich mal wieder zu hören!« Sagt die mir sehr gut bekannte Stimme einer Frau.
      »Schwesterchen! Wie komme ich zu dieser Ehre?« Erfreut richte ich mich auf und lasse dabei Félagis Huf los. Dieser nutzt die ihm gegebene Freiheit schamlos aus, zwickt seinem Freund Dynur kurz ins Ohr und macht sich mit buckelnden Galoppsprüngen aus dem Staub. Ich versuche ein Stöhnen zu unterdrücken, ich stöhne in letzter Zeit viel zu oft.
      »Ich dachte, ich melde mich mal wieder, vor allem da ich vorhabe, dich besuchen zu kommen. Hast du gerade Zeit?« Dringt es aus dem Telefon.
      »Jetzt schon.« Sage ich und entferne mich schlendernd noch ein Stückchen weiter von Petyr, welcher nun gerade auch Brock putzt. »Du willst mich besuchen kommen? Wann denn?«
      »Das klingt ja nicht so, als würdest du dich sehr freuen.« Sie klingt enttäuscht.
      »Doch! Natürlich freue ich mich! Es gibt nur viel Arbeit und ich habe Angst, zu wenig Zeit für dich zu haben.« Ich bleibe am Weidezaun stehen. Vor mir liegt das Wäldchen, dahinter erstreckt sich das Wasser des Fjords. »Bitte komme. Es wäre wunderbar, dich endlich mal wieder zu
      sehen.«
      Juli lacht. »Ich wäre sowieso gekommen. Ich brauche nämlich dringend eine Unterkunft und selbst ein Hostel ist mir bei euch viel zu teuer.«
      »Du bist nur auf Durchreise? Wohin geht‘s?«

      »Ich muss auflegen.« Sage ich wenig später. Petyr kommt auf mich zu, an seine Fersen hat sich Saga geheftet. Sie grinst, wie immer.
      »Klar kein Problem, Brüderchen. Pass‘ auf dich auf!« Sie legt auf. Mir fällt ein, dass ich immer noch nicht weiß, wann sie kommen wird. Ich schreibe es mir auf meine To-Know-Liste.
      »He Malte!« Ruft Petyr mir zu. »Wer ist denn dein heimlicher Anrufer?«
      »Juli, sie will mich besuchen kommen.«
      »Juli?« Petyr lässt Sagas Hand los. »Die habe ich aber schon lange nicht mehr gesehen.«
      Ich werfe einen kurzen Blick zu Saga. Sie beobachtet Petyr. Ich wähle meine Worte gut, bevor ich antworte. »Sie ist nur auf Durchreise. Sie freut sich auch, alle wieder zu sehen. Ich soll dir auch schöne Grüße ausrichten.«
      »Danke. Weißt du schon, wann-« Saga fällt Petyr ins Wort.
      »Also eigentlich sind wir nur gekommen, um dich zu fragen, ob du Lust auf einen Ausritt hast.« Auf ihrem Gesicht erscheint ein erzwungenes Grinsen.
      Ich schüttle erleichtert den Kopf. »Danke, aber die Arbeit wartet.«
      »Schade«, Saga zuckt mit den Schultern. »Kommst du, Petyr?« Mit einem eisigen Lächeln wendet sie sich zu Petyr, welcher wohl auch begriffen hatte, dass es nicht der beste Zeitpunkt war, sich über Juli zu erkundigen. Saga winkt mir kurz zu und macht sich dann mit Petyr im Schlepptau auf den Weg zu den Pferden.

      Ich bin wieder allein. Seit Petyr und Saga mit Modjo und Brock zu einem Ausritt aufgebrochen sind, habe ich niemanden mehr gesehen. Die Boxen sind sauber und zwei weitere vorbereitet. Wieder einmal schleicht die Zeit und während alle anderen in dieser kurzen freien Zeit etwas mit
      ihren Liebsten unternehmen oder anderweitigen Hobbys nachgehen, sitze ich, Malte, alleine vor dem Stallgebäude, esse eine Banane und beobachte Chlochard dabei, wie er sich einen Kampf mit einem Blatt liefert. Er ist ein hübscher Kater. Seine Scheckung ist bunt und abwechslungsreich, aber vor allem seine hellblauen Augen ziehen die Blicke auf ihn. Capucine und ihr Wurf gehören auf den Hof und auch wenn sie nur ein kleiner Teil des Ganzen sind, wäre das Leben hier ohne sie noch ein bisschen trister. Dabei vermute ich, dass nicht einmal die Hälfte der Hofbewohner jeden Namen kann. Clochard, Voleur, Ciel, Fleur und Déchiré.

      Ich sehe niemanden. Bis ich am Abend in meinen Wagen steige, den Hofanhänger ankuppel und die Insel verlasse, verbringe ich meine Zeit mit den Tieren. Ich fühle mich so einsam wie noch nie zuvor. Ich dachte immer, ich bin gerne allein. Mittlerweile lernte ich jedoch den Unterschied zwischen allein und einsam zu sehen und ich begreife nun, dass nur eines der Dinge mich unglücklich macht. Der Wagen brummt. Das alte Gefährt arbeitet kräftig unter der Last des Hängers, dabei war er noch nicht einmal beladen. Ich schalte das Radio an und lasse mich von der Musik beschallen, die daraus hervor dringt.
      Trotz des langsamen Tempos erreiche ich eine Stunde zu früh den Flughafen. Mich stört es nicht, ich suche mir einen stillen Platz und beobachte sie, die Menschen. Eine halbe Stunde vor der Ankunft stehe ich schließlich auf und mache mich auf den Weg zu der großen Anzeige über
      den Köpfen der hektischen Menschen. Bei meinem gesuchten Flug stoppe ich abprupt. Hinter dem Flugzeugsnamen ist eine Info eingeblendet: Auf Grund technischer Probleme kommt es zu Verzögerungen. Super, denke ich. Ich hätte es nicht anders erwarten sollen. An der anderen Seite des Flughafens finde ich die Information. Bei einer jungen Frau erkundige ich mich, wie viel Verspätung der Flug haben würde. »Es sind zwei Pferde für mich an Bord.«
      Sie tippt in ihrem Computer, blickt kurz zu mir und fragt dann: »Ihr Name, bitte?«
      »Tordenværson, Malte.« Sage ich und versuche einen Blick auf den Bildschirm zu erfassen.
      Sie tippt wieder. »Sie sollten eigentlich eine Nachricht erhalten haben.«
      »Ok», sage ich. »Habe ich noch nicht gesehen. Können sie mir trotzdem sagen, wie lange es ungefähr noch dauert?«
      »Das Flugzeug musste leider in Amsterdam zwischenlanden. Der Weiterflug ist für morgen früh um acht angesetzt.«»Um acht?!« Ich bin entsetzt. »Die Pferde werden die ganze NACHT im Flugzeug verbringen?!«
      »Es tut mir Leid, aber Sicherheit geht vor. Es werden genügend Experten an Bord sein, die sich um die Pferde kümmern. Seien Sie unbesorgt, ich versichere Ihnen, dass beide gesund und munter ankommen werden. Haben sie ansonsten noch Fragen?«
      »Nein«, knurre ich und wende mich vom Infopult. »Zwölf Stunden später!« Das erste Mal in meinem Leben ärgere ich mich, mein Handy als angenehmer im ausgeschalteten Zustand zu erachten.
      Anstatt wieder nach Hause zu fahren, wende ich in Richtung Stadt ab. Oslo ist voll um diese Jahreszeit und das gute Wetter lockt natürlich all jene an, die noch nicht mit Fotoapparat und Sonnenhut durch die breiten Gassen laufen. Ich bin nicht gerne hier. Der Trubel der Stadt
      stört meine Gedankengänge, aber vielleicht suche ich genau heute nach einer Auszeit, ohne die wilden Sprünge und Ideen. Eine Bar am Hafen soll ganz gut sein, meint Charly. Ich folge ihrer Einschätzung und betrete wenig später eben jene.

      Jora | Sie haben mich mitgeschleift, mir blieb keine andere Möglichkeit, ist die Ausrede zu mir selbst, als ich den vollen Pub am Hafen betrete. Halla und Emma brauchen nicht lange und sitzen kurz darauf mitten im Trubel an der Bar. Es ist kurz vor Mitternacht. Normalerweise liege ich um diese Zeit im Bett und genau dort würde ich jetzt auch gerne sein. Ein Schauder läuft mir über den Rücken, als ich meinen Blick über die vielen Menschen werfe.
      »Jora!« Schallt es von der Bar. »Wenn du noch länger am Eingang stehen bleibst, bildet sich hinter dir eine Schlange.«
      Ich wage einen weiteren Schritt, nichts passiert. Der Weg bis zum Barhocker ist unendlich weit oder fühlt sich jedenfalls so an. Ungekonnt hieve ich mich schließlich neben Halla und Emma, welche bereits wieder in ein Gespräch vertieft sind.
      »Auch was zu trinken?« Grölt der Typ mich hinter der Bar an. Stumm schüttle ich den Kopf und lächle kurz. Nach zehn Minuten ist mein Hals von der stickigen und verrauchten Luft jedoch so trocken, dass ich doch noch ein Glas Wasser bestelle. Der Barmann scheint mich jedoch falsch verstanden zu haben, vielleicht ist es auch Absicht, aber er stellt mir ein Glas Whisky vor die Nase. Ich will mich natürlich beschweren, als Halla mir beschwichtigend eine Hand auf den Arm legte.
      »Los Süße, ein Glas trinkst du mit uns!« Brüllt sie gegen den Lärm an. Entschlossen schüttle ich den Kopf, jedoch lässt sie nicht locker, sodass ich schließlich doch einen Schluck nehme. Es ist genauso scheußlich wie erwartet. Ich versuche mir nichts anmerken zu lassen, lächle und zeige Halla den Daumen. Jedoch weiß ich zu genau, dass heute Abend kein weiterer Tropfen davon über meine Lippen kommen wird.
      »Gehe mal auf Toilette!« Brülle ich.
      »Was?« Trinkt es durch den Lärm zu mir zurück.
      »Toilette!« Schreie ich nochmal und zeige auf das erleuchtete Schild über den Köpfen der Besucher. Halla scheint mich verstanden zu haben, jedenfalls nickt sie.
      Die Toilette ist jedoch auch kein Ort der Erholung und ich beeile mich, jedenfalls eines meiner Bedrängnisse zu stillen. Als ich den vollen Ort wieder betrete, bleibt mir die Luft weg. Ich will raus hier, denke ich und beginne damit, mir hektisch einen Weg in Richtung Ausgang zu bahnen.
      Die frische Luft tut gut. Ich schließe die Augen, versuche den Gestank des Rauchs an meinen Kleidern zu ignorieren und mich nur auf den Klang der Wellen zu konzentrieren, welche gleichmäßig gegen den Beton des Hafens schlagen.

      Ich bin ruhiger, als ich den Pub abermals betrete. Ich weiß, was auf mich zukommt und es überrollt mich nicht wie noch beim ersten Mal. Entschlossen will ich den Weg zurück zur Bar einschlagen, als mir ein junger Mann ins Auge fällt. Zusammengesackt lehnt er über dem Tresen,
      vor ihm stapeln sich einige leere Flaschen. Ich bleibe stehen. Selbst ich kann nicht sagen, was mich in diesem Moment innehalten ließ. Ein Gefühl sagte mir, dass er nicht der typische Gast ist. Seine alte Jeans Hose und das karierte dunkle Hemd, sowie die rötlichen Haar und das Lederband mit der Glaskugel gefallen mir. Ich will mich davon abhalten, jedoch zieht es mich zu ihm hin. Ich bin es nicht selbst, die mich abhält, sondern die kräftige Hand Emmas. Sie zieht mich energisch zurück und grinst. »Falsche Richtung Jora, hier sind.«
      Ich schüttle mich kurz und reise mich dann von dem Typen los und blicke zu Emma. Die kräftige Frau ist bereits betrunken, wie stark, das kann ich nicht einschätzen. Ich seufze. »Der Typ da drüben«, sage ich und zeige in Richtung der Bar. »Der hat schon ziemlich viel getrunken.«
      »Tja, nich jeder is bereits scho erwachschen wie wir.« Keilt Emma laut lachend und nimmt noch einen Schluck aus ihrer Flasche. Ich will gar nicht wissen, was da drinnen ist. »Wir wischen wanns jut is, stimmt‘s?«
      Ich nicke spöttisch. »Das sehe ich.« Emma lacht wieder und dreht sich dann in die andere Richtung.
      »Looos, komm Jora, dahinten jibts hübsche Männer!« Ich beobachte sie noch, wie sie durch die Menge zurück zur Bar stolpert und wende mich dann wieder dem Mann an der Bar zu. Er sitzt immer noch am gleichen Fleck. Langsam drücke ich mich zwischen den tanzenden Köpern hindurch, irgnoriere die vielen Berührungen von schweißnasser Haut an mir und lande schließlich an der Bar. Der Hocker neben ihm ist noch frei. Ich lasse mich darauf nieder und betrachte ihn von der Seite. Jetzt wo ich einmal hier bin, weiß ich nicht mehr weiter. Alle Ansprechmethoden erscheinen mir kindisch und ich weiß selbst nicht mehr, was ich von ihm will. Ihn nach Hause fahren etwa? Am besten noch mit meinem Fahrrad, denke ich und wende für einen Moment den Blick von ihm.
      »Hey«, sagt plötzlich eine Stimme. Erschrocken wende ich mich um. Er hat sich aufgerichtet, schwankt jedoch erheblich.
      »Hey.« Sage auch ich.
      »Willste was?« Fragt er und schiebt mir eine volle Flasche mit irgendetwas alkoholischem zu.
      »Nein danke, ich trinke nicht.« Wehre ich dankend ab und frage mich wieder, was für Hirngespinste mich hier her gelockt haben. Der Typ scheint nicht nur besoffen, er ist es auch.
      »Gut so, ich auch nicht.« Sagt er niedergeschlagen und gießt sich selbst noch ein Glas ein.
      Meine Augenbraue zieht sich nach oben. »Ähm, doch, gerade trinkst du und das anscheinend nicht zu knapp.« Ich deute auf die leeren Flaschen. Er hält in seiner Bewegung inne, schwenkt seinen Kopf leicht von einer Seite zur anderen und zuckt dann die Schultern. »Egal, alles egal.«
      Er tut mir Leid. Mir tun oft Menschen leid, aber ich sehe, dass er es nicht verdient hat. »Soll ich dich nach Hause bringen?« Frage ich deshalb nervös.
      Er blickt kurz auf. Ich mag seine grünen Augen, auch wenn sie nun vor Schmerz verzogen sind. »Ist das eine billige Anmache? Danke ich komme gut alleine zurecht!« Meint er abweisend und nimmt noch einen Schluck.
      »Nein, ich dachte nur-«
      »Dann dachtest du eben falsch. Lasse mich gefälligst in Ruhe!«
      Ich sage nichts mehr. Ich hätte wissen müssen, dass es eine dumme Idee ist, hilfsbereit in einer Bar zu sein, das sollte ich mir fürs Altenheim aufheben. Ich rutsche vom Hocker und ohne noch etwas zu sagen mache ich mich zurück auf den Weg zu meinen beiden Begleiterinnen. Er hat mich verletzt und das schadet meinem sowieso schon geringen Selbstbewusstsein. Ich versuche mir jedoch nichts anmerken zu lassen und setze mich wieder neben Halla und Emma.
      »Wo warst du denn solange?« Erleichtert stelle ich fest, dass jedenfalls Halla noch ordentlich sprechen kann.
      »Ich habe versucht einem Typen da vorne zu helfen, der kippt gleich vom Hocker. Dieser unfreundliche Typ wollte sich jedoch nicht helfen lassen.«
      »Du konntest es mal wieder nicht sein lassen, wa?« Halla boxte mir an die Schulter. »Wer war‘s denn? Sah er jedenfalls gut aus?«
      »Ganz vorne an der Bar.« Unauffällig auffällig hängt sich Halla weit über den Tresen der Bar und
      versucht an den vielen Köpfen vorbei zu schauen. »Ich glaube, ich sehe ihn. Witzig.«
      »Was ist daran denn witzig. Siehst du nicht, wie besoffen der aussieht?« Verärgert lehne ich mich ein Stück zurück.
      »Jetzt sei mal nicht so pingelig, das meinte ich gar nicht. Ich kenne den Typen.«
      »Was? Du kennst ihn?« Erstaunt wende ich mich wieder zu ihr um.
      »Ja, ist aber schon ewig her. Verwundert mich, ihn hier anzutreffen.«
      »Sag‘ schon, woher kennst du ihn?«
      »Sei nicht so ungeduldig, ich habe schon eine Menge getrunken, mein
      Gehirn arbeitet da langsamer.« Meint Halla und lächelt schief. »Ich habe ihm mal zwei Pferde bringen müssen. Vor drei Jahren, oder so? Der ist irgendwie Trainer oder so.«
      »Trainer? Weißt du denn noch, wie er heißt?« Versuchte ich Halla die Informationen zu entlocken.
      Sie lässt sich Zeit. »Mhm.« Sie überlegte. »Irgendwas mit M. Mario, Mattes, Matheo. Kein Plan, frage mich morgen nochmal.«
      Das reicht mir nicht. »War er denn nett?«
      »Nett? Was ist das denn für eine Frage. Ja, glaube schon, wir haben zusammen einen Kaffee getrunken.« Halla steht auf. »So Süße, ich suche mir mal ein paar betrunkenere Leute als dich. Ich bin schließlich hier um Spaß zu haben.« Meint sie und schwankt ziemlich elegant zu in die Masse. Ich drehe mich wieder zur Bar. In Gedanken versunken blicke ich auf das Glas vor mir, in welchem sich die tanzenden und bunten Lichter sammelten.
      »‘Tschuldigung, darf ich mich setzen?« Erschrocken fahre ich um. Neben mir steht der Mann. Trotz des vielen Alkoholkonsums steht er fest auf beiden Beinen. Einige Haare haben sich aus seinem Zopf gelöst und fallen ihm nun ins Gesicht. Er weicht meinem Blick aus.
      »Klar«, sage ich trocken und wende mich wieder von ihm ab. Das wäre jetzt ein schlechter Zeitpunkt, um hilfsbereit und freundlich zu sein.
      Er setzte sich. »Tut mir wirklich Leid, dass ich dich gerade so angefahren habe. Das war ziemlich unfair.« Ich blicke zu ihm. Diesmal wendet er seinen Blick nicht ab. Oh Gott, lasse dich nicht von deinen Gefühlen leiten! Er sieht ziemlich gut aus, ich kann es nicht verleugnen.
      »Kein Problem,« sage ich leise. Irgendetwas steckt mir in der Kehle und nimmt mir die Luft.
      »Doch ist es, deswegen tut es mir auch sehr Leid, dich das nun zu fragen. Aber du hattest Recht.« Erwartungsvoll und ziemlich verängstigt blicke ich ihn an. »Kannst du mich nach Hause fahren? Ich habe auch ein Auto.«
      Mir verschlägt es nun ganz die Stimme. Das hatte ich nicht erwartet. Mir ist es nicht möglich geplante Bewegungen auszuführen, deswegen zucke ich mit den Schultern und nicke schließlich. »Natürlich, dass hatte ich dir ja angeboten.«
      »So natürlich ist es nicht, nach meiner Abfuhr.« Er schwankt. »Soll Alkohol nicht glücklich machen? Ich fühle mich so dreckig wie noch nie.«
      Ich lächle leicht. »Ich suche schnell meine Freundinnen und sage ihnen Bescheid, dann komme ich zurück, ja?« Er nickt dankbar. Ich lasse mich vom Hocker gleiten, schnörkle mich durch die Menge, bis ich schließlich auf Emma und Halla treffe. Sie sind nicht schwer zu übersehen; Emma
      benötigt um ihren schwingenden Körper jede Menge Platz und Halla hat alle freien Jungs aus ihrem Umkreis angelockt. Verwundert mich nicht, bei ihrem Haar und ihrem Gesicht.
      Ich bahne mir einen Weg zu ihr hindurch. Sie hört auf zu tanzen, als sie mich sieht und folgt mir netterweise aus dem Treiben heraus.
      »Ich fahre den Typen jetzt doch nach Hause!« Sage ich laut.
      »Was?« Brüllt Halla.
      »Ich fahre den-« Wollte ich wiederholen.
      »Ich habe dich schon verstanden, ich wollte eher wissen, ob du jetzt vollkommen gaga bist?«
      »Warum?«
      »Weil der Typ höchst besoffen ist, du ihn nicht kennst und alles mögliche passieren könnte!« Sagt Halla eindringlich. »Bist du dir da wirklich sicher?»
      „Er braucht meine Hilfe!“ Rechtfertige ich mich.
      Halla schnaubt verächtlich. „Und du würdest wohl auch einem Vergewaltiger oder Terroristen die Hand reichen, wenn er sie braucht? Das ist doch Unfug. Lass den Typen alleine mit seinen Problemen zurecht kommen und amüsiere dich lieber noch ein bisschen!“
      Ich merke, wie ihre Worte mich zum Nachdenken bringen. Sie hat Recht, die Gefahr ist ziemlich groß, dass etwas passiert. »Ich bin selten leichtsinnig-«, fange ich an, werde jedoch abermals unterbrochen.
      »Dann solltest du es auch jetzt nicht sein!« Sagt Halla eindringlich.
      »-aber diesmal werde ich es sein. Ich sehe das Risiko und werde es bewusst eingehen.«
      Halla schnaubt wieder und winkt dann ab. »Ich sehe schon, ich kann dich nicht überzeugen. Dann mach halt, aber komme nicht im Nachhinein heulend zu mir zurück. Von der Polizei oder aus dem Krankenhaus will ich dich auch nicht abholen müssen.« Dann dreht sie sich um und verschwindet zurück in der Masse. Ich stehe alleine vor der Tür zur Toilette, aus welcher in diesem Moment eine kreischende Gruppe von Mädchen gestolpert kommt. Halb fasziniert, halb angeekelt sehe ich zu, wie eine betrunkener als die andere anfängt, sich auf der Tanzfläche gegen den Takt zu bewegen. Tanzen würde ich es nicht nennen. Ich muss hier raus, denke ich und suche mir den Weg zurück zur Bar.

      Er sitzt immer noch hier. Unruhig schweift sein Blick über die Menge, entspannt sich jedoch, als er mich erblickt.
      »Sorry«, keuche ich. »Hat leider etwas länger gedauert.«
      »Ich äh-« Er wischt sich den Schweiß von der Stirn. »Kein Problem.«
      Ich bin kurz verwirrt und stehe etwas unschlüssig vor ihm. »Wollen wir dann gehen?«
      Er nickt und rutscht ungeschickt vom Hocker, knickt auf seinen Beinen ein, die ihn nicht mehr zu tragen vermögen. Meine Hand ist schnell bei ihm, greift ihn am Arm und versucht ihn zu stützen. Er keucht. Gebückt bleibt er stehen. »Alles, alles dreht sich.« Sagt er schwach. Alkohol scheint auf ihn eine andere Wirkung zu haben, wie bei allen anderen, denke ich. Langsam richtet er sich auf, nickt mir kurz zu und zusammen machen wir uns auf den Weg durch die undurchringliche Menschenmasse, welche sich lachend, wirbelnd und ungeschickt ständig uns in den Weg stellt. Ich bin froh, nichts getrunken zu haben. Ich sehe es ihm an, dass sie ihn noch mehr verstören.
      Umso dankbarer sind wir über die klare, salzige Luft. Sie erfüllt meine Kehle mit neuem Leben und gibt auch dem Kerl, der immer noch an meinem Arm klammert, neue Kraft. Er atmet tief ein und richtet sich dann ein Stückchen auf.
      »Mein Auto, es steht gleich da vorne.« Meint er und deutet auf einen spärlich beleuchteten Parkplatz. »Der Volvo, grün.«
      Ich nicke wieder und ziehe ihn fast hinter mir her, als ich mich auf den Weg zum Parkplatz mache. Den Volvo erkenne ich schnell, jedoch sehe ich noch mehr, als nur das alte Gefährt.
      Ich keuche. »Da ist ein Pferdehänger hinten dran!«
      Er blickt auf. »Was? Ja, nein, alles gut.«
      »Da ist aber kein, du weißt schon, da ist nichts drinnen oder?« Frage ich ängstlich.
      Er schüttelt den Kopf. »Nein nein.«
      Ich bin nicht befriedigt. Seine Antwort klingt zu unsicher, vielleicht weiß er es selber nicht mehr genau. »Hast du deinen Autoschlüssel?«
      »Autoschlüssel.« Nuschelte er und kramte ungeplant in seiner Tasche. »Ja hier irgendwo-«
      Ich komme nicht herum, trotzdem noch einen kurzen Blick in den Hänger zu werfen, nachdem ich ihn auf den Beifahrersitz gesetzt habe. Zu meiner großen Erleichterung, finde ich nichts weiter im Hänger, als frisches Heu und Stroh in beiden Boxen. Als ich mich wieder zu ihm in den Wagen setze, hat er seinen Kopf gegen das Fenster gelehnt und die Augen geschlossen. Es bereitet mir Sorgen, dass er sich so komisch verhält. Trotzdem stecke ich den Schlüssel ins Auto und starte den lauten, kränklich klingenden Motor. Ich bin selten mit einem Hänger gefahren und die Furcht wächst, als ich merke, dass der Volvo das Gewicht des Hängers nicht ohne Probleme ziehen kann. Trotzdem will ich mich nun nicht zurückziehen. Ich weiß, dass Halla eine um vielfach sichere Fahrerin solch großer Gespanne ist, weiß aber auch, dass ich es schaffen kann.
      Ich verlasse den Parkplatz und setze den Blinker, um auf die Hauptstraße abzubiegen. Es raschelt. Erschrocken blicke ich zu dem Mann hinüber. Mit ungeschickten Handbewegungen sucht er im Handschuhfach nach etwas. Ich merke, wie meine Hände zittern. Nein, nicht nur meine Hände, mein ganzer Körper scheint zu beben. Jedoch fühle ich nichts. Keine Angst, keine Scheu, keine Furcht.
      Es dauert lange, bis er das gefunden hat, was er zu suchen scheint. Er hält es mir unsicher hin. »Kannst du mich hier hin bringen?«
      Ich nehme ihm die Karte ab. Es ist eine Visitenkarte, wie ich nun erleichtert erkenne. Im flackernden Licht der Straßenlampen versuche ich diese zu entziffern. »Tyrifjord Horse Training«, murmle ich. »Malte Tordenværson.« Außer seinem Namen, finde ich noch seine Adresse. »Du
      wohnst auf einer Insel?«
      Malte nickt. »Das Gestüt meiner Arbeitgeber steht dort.«
      »Ist in Ordnung. Ich bringe dich hin.« Sage ich freundlich. Ich habe Glück, ich kenne die Insel. Der Tyrifjord ist der größte Fjord bei Oslo und Storøya seine größte Insel.
      Wir sprechen nicht mehr. Malte scheint eingeschlafen zu sein oder tut zumindest so. Erst als die Lichter Oslos schon weit hinter uns liegen, macht er sich bemerkbar. Ich denke erst, er murmelt etwas im Schlaf, bis ich einen Blick zur Seite werfe und sehe, dass eine Träne über seine Wange läuft. Er schluchzt leise. Ich bin überfordert mit der Situation, weiß nicht, was ich tun, oder ob ich ihn trösten soll. Ich entschließe mich dazu, vor allem weil ich zu unsicher bin, das falsche zu tun, einfach nichts zu tun. Es bewegt mich jedoch, ihn so zu sehen. Solange hatte ich schon keinen Mann mehr weinen sehen. Es scheint unmodern zu sein, seine Gefühle zu zeigen.
      Nach ein paar Minuten hört das Schluchzen auf. Wieder blicke ich zur Seite. Diesmal bin ich mir sicher, dass er eingeschlafen ist. Eine Träne hängt noch in seinem Augenwinkel.
      Die Landstraße führt mich direkt am Tyrifjord entlang. Rechts sitzen einige Häuser, umgeben von den typischen Birken und Fichten Norwegens, links erstreckt sich das dunkle Wasser, welches in der Dunkelheit endet. Mit dem Anhänger brauche ich etwas länger, bis ich kurz vor der Ortschaft Sundvollen auf die Brücke abbiegen. Es macht mir Angst, im Dunkeln mit einem so wackligen Gefährt umgeben von Wasser fahren zu müssen. Mein Puls steigt, sodass ich sogar überlege, auszusteigen und den Rest zu laufen. Ich bleibe sitzen und schaffe die Überfahrt. Malte schläft immer noch. Ich will ihn nicht wecken. Im Dunkeln erkenne ich viele Weiden und als die ersten Häuser am Straßenrand auftauchen, parke ich etwas abseits auf einem kleinen Parkplatz und steige aus. Ich habe Angst davor, an einer der Türen zu klingeln, sodass ich untätig am Wagen stehen bleibe.
      »Hey.« Ertönt es hinter mir. Erschrocken fahre ich herum und blicke in ein sacht lächelndes Gesicht. Seine helle Haut schimmert fast im seichten Licht der Mondstrahlen. Ich weiß nicht, ob es an der Dunkelheit liegt, aber seine Augen erscheinen mir grau. Kein trauriges Grau, es
      ist ein helles, freundliches Grau, welches in mir sofort das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit hervorruft.
      »Hey«, sage auch ich. Gleichzeitig mache ich mich auf eine Sturmflut von Fragen bereit, die jeden Moment über mich hereinbrechen müsste. Ich bin jedoch ein weiteres Mal an diesem Abend überrascht.
      »Komm, ich bringe dich zu seinem Haus.« Sagt er und steigt unhörbar leise wie selbstverständlich auf den Fahrersitz. Ich hadere noch einen Moment mit mir, nehme dann aber hinter ihm Platz.
      »Ich bin übrigens Eyvind.« Sagt er, während er den Motor langsam in Bewegung bringt.
      »Jora«, sage ich und lehne mich ein Stück zwischen den Sitzen vor, um besser sehen zu können, wohin die Fahrt gehen würde. Sie dauert nicht lange an. Zwei Minuten später parkt Eyvind den Wagen an einer Lichtung im Wald. Im Dunklen erkenne ich nur ein kleines Haus oder eher eine Hütte. Wie alles in dieser Gegend ist auch dieses mit einem warmen, aber sehr intensiven Rot angestrichen. Eyvind parkt den Wagen direkt vor der Haustür. Wir steigen im gleichen Moment aus. Über das Problem, wie ich jetzt wieder nach Hause komme, hatte ich mir noch keine Gedanken gemacht.
      Fast zärtlich weckt Eyvind auf. Er flüstert ihm etwas zu, schnallt ihn mit geschickten Griffen ab und hilft dem total erschöpften Malte aus dem Wagen. Ich biete ihm meine Hilfe erst gar nicht an, ich wäre nur im Weg. Eyvind schafft es, Malte alleine zur Veranda zu bringen. Ich folge den beiden jedoch. Die Erstaunung überfällt mich, als ich das kleine Haus betrete. Es ist modern und hell eingerichtet, auch wenn der wenige Platz nicht viel Spielraum übrig lässt. Ich erkenne im Dunkeln einen Kamin, eine weiße Küche mit Kochinsel, ein bequemes braunes Sofa und viele Bücherregale bis zur Decke. Eyvind hievt Malte auf eben jenes Sofa und versucht ihn so bequem wie möglich auszurichten. Malte hatte wieder angefangen zu weinen und kauert sich erbärmlich trostlos auf seinem heimischen Sofa zusammen. Es dauert jedoch wieder keine zwei Minuten und Malte fällt in einen tiefen, aber unruhigen Schlaf.
      »Ich bleibe die Nacht wohl lieber hier. Ihm geht es wirklich nicht gut.« Sagt Eyvind mit ruhiger Stimme. »Kannst du mir noch einen Gefallen tun?« Fragt er und wendet sich an mich.
      Ich nicke hektisch und sage dann mit brüchiger Stimme: »Klar!«
      »Danke. Ich muss noch einmal zum Haupthaus und etwas Wichtiges klären. Könntest du solange hier bleiben und ein Auge auf ihn haben?«
      Wieder nicke ich. Jedoch kommt mir der Gedanke, dass er das im Dunkeln nicht genau erkennt und so gebe ich ihm noch eine mündliche Bestätigung.
      »Ich bin in zehn Minuten wieder da«, sagt er noch, bevor er die Eingangstür hinter sich zuzieht. »Tee ist im ersten Schubfach von links.« Ich beobachte ihn noch durchs Fenster, wie er fast schwebend den Waldweg zurück geht, nehme dann sein Angebot an und koche mir einen Pfefferminztee. Malte muss eben so sehr ein Teefanatiker sein, wie ich einer bin, denke ich und setze Wasser auf. Aber wahrscheinlich gibt es nicht viel anderes, was einen Gestütsarbeiter im Winter warm halten kann, außer eine Flasche mit duftendem, warmen Tee. Der Tee schmeckt gut. Der Geruch der von ihm ausgeht erinnert mich an Zuhause. Der kleine Hof mit den vielen bunten Sträuchern, dem wilden Salbei und der unaufhörlich wuchernden Melisse. Meine Mutter hatte mir früher immer Tee aus all den verschiedenen Pflanzen gekocht, der dampfende Pfefferminztee war jedoch stets mein Liebster. Ich fühle mich wohl. Eine innere Ruhe hat mich ergriffen. Entspannt lasse ich mich auf einem Sessel nieder, ziehe die Beine an und beobachte mit der warmen Tasse den schlafenden Malte. Die Frage lässt mich nicht aus ihrem Griff und so frage ich mich wieder, was der Grund für Maltes nächtlichen Ausflug in den Pub gewesen ist. Ich kenne die Antwort nicht und so entscheide ich mich dafür, dem Bad einen Besuch abzustatten, bevor Eyvind wiederkommt.
      Mein Spiegelbild schreit mir ins Gesicht, was ich bereits befürchtet habe. Meine Haare stehen ab, die Schminke ist verlaufen und mein T-Shirt ist mit etwas Klebrigem bekleckert. Ich will gar nicht erst wissen, um was es sich handelt. Ich versuche in dem ganzen Chaos etwas Ordnung zu schaffen, erziele jedoch nur kleinste Erfolge.
      Pünktlich zehn Minuten später öffnet Eyvind wieder sacht die Haustür. Unterm Arm trägt er eine dicke Decke, die er gleich auf der Lehne eines Stuhls ablegt. Dann verschwindet er, ohne noch ein weiteres Wort zu sagen, im Bad hinter der Küche. Für einen Mann braucht er erstaunlich lange. Erst fünf Minuten später kommt er wieder und winkt mich bestimmend in die Küche.
      »Weißt du genaueres, was passiert ist?« Fragt er mich mit seiner tiefen und so weichen Stimme.
      Ich schüttle wieder den Kopf. »Nichts, nein. War er schonmal so betrunken?«
      Eyvind überlegt kurz. Sein Blick schweift durch die Küche zu Malte. »Nein, seit ich ihn kenne nicht. Ihm geht es zur Zeit nicht so gut, ich hatte Angst davor, dass dann noch etwas Schlimmeres passiert. Danke, du warst wie ein Engel zur richtigen Zeit am richtigen Ort.«
      Ich werde rot. Beste Lösung: Noch einen Schluck Tee nehmen und darauf hoffen, dass mein Gegenüber nichts bemerkt. Ich lerne Eyvind allerdings gerade als einen jungen Mann kennen, welcher alles zu wissen schien, ohne je danach gefragt zu haben. Unter seinem Blick fühle ich mich wie eine nackte Gurke, erkenne ich mit einem leichten Lächeln.
      »Möchtest du die Nacht auf dem Hof übernachten oder soll ich dir ein Taxi rufen?«
      »Ein Taxi wäre super,« sage ich hastig und lächle flüchtig. »Ich bin ziemlich müde und möchte in mein Bett.«
      Sein Blick geht zur Uhr über der Tür. »Bist du dir sicher? Es ist mittlerweile kurz vor drei.«
      Ich nicke selbstsicher. »Ja, bin ich.« Eyvind zuckt kurz mit den Schultern und holt sein Handy hervor.

      Malte | »So eine Scheiße!« Rufe ich wütend und schleudere ein weiteres Kissen vom Sofa auf den Boden. »So eine verdammte SCHEIẞE!« Ich halte mir die Stirn. Ich bin glühend heiß. Ich schließe die Augen als sich mein eigenes Wohnzimmer vor meinen Augen auf den Kopf stellt. Erschöpft lasse ich mich wieder aufs Sofa fallen und schließe die Augen. »Eyvind, was läuft bei mir zur Zeit nicht richtig? Was soll ich hier noch? Macht das Leben überhaupt Sinn?«
      Eyvind ist wie immer die Ruhe selbst. Genüsslich trinkt er einen dampfenden Tee, während er es sich auf dem Sessel seitlich von mir bequem gemacht hat. »Malte, lerne aus deinen vergangenen Fehlern und mache die gleichen nicht erneut. Gestern das war ein kleiner Ausrutscher, der ein gutes Ende genommen hat.«
      »Ich bin so ein Idiot!« Schimpfe ich wieder. »Mein Leben lang habe ich vom Alkohol Abstand gehalten, was war nur mit mir los? Was sagtest du? Ich habe geheult? Was bin ich nur für ein verdammter Mann, ohne Ehre und Stolz.«
      »Du bist ein sehr angenehmer Betrunkener.«
      »Weil ich heule?« Böse blicke ich zu Eyvind. »Würdest du gerne vor einem jungen Mädchen weinen, die dich gerade nach Hause fährt? Sie wird wahrscheinlich sonst was gedacht haben. Weißt du was das Schlimmste ist? Ich weiß noch nicht mal ihren Namen, geschweigedenn wie sie aussah!« Ich vergrabe mein Gesicht in der kühlen Sofawand. »Was ist nur aus mir geworden«, jammere ich wieder.
      »Jora hieß sie. Ein sehr schöner Name, wie ich finde.« Sagt Eyvind. Ich blicke zu ihm auf. Erwartungsvoll blickt er mich an und nimmt noch einen Schluck aus seiner Tasse.
      »Jetzt brauchst du mir nur noch zu sagen, dass sie sehr hübsch war und mein Leben ist zerstört.«
      »Sie sah aus wie ein Engel und ich denke, sie hat sich gestern auch genauso verhalten. Ohne sie lägest du bestimmt in irgendeinem Straßengraben, mit einem kaputten Auto und einem geschrotteten Anhänger.«
      Ich fahre auf. Der Anhänger. Die Pferde. Der Flughafen. Wieder schreie ich laut eine unnennbare Beschimpfung, dass sogar Eyvind kurz innehielt mit Teeschlürfen. »Scheiße Eys, die Pferde! Wie spät ist es?!«
      »Kurz vor halb eins.«
      »Was? Nein, nein, das kann nicht sein.« Ich hechte aus dem Bett, taumle jedoch und kann mich gerade noch so an der Lehne von Eyvinds Sessel festhalten. »Meine Sachen«, murmle ich. »Eyvind, wo sind meine Sachen?« Sage ich diesmal lauter.
      »Malte, beruhige dich«, sagt Eyvind und klingt leicht ärgerlich. »Du benimmst dich, als wärst du immer noch besoffen.«
      »Du verstehst nicht, die Pferde!« Schluchze ich und versuche nun am Sofa entlang zu krabbeln.
      »Doch, ich verstehe sehr wohl. Denn wenn du kurz die Ruhe bewahrst und mir zuhörst, kann ich dir sagen, dass Vuyo und Tjarda heute morgen losgefahren sind und beide Pferde am Flughafen gesund und munter abgeholt haben.«
      »Was?« Mir stockt es den Atem. »Aber woher sollten sie wissen, dass-«, Eyvind unterbricht mich.
      »Dass sie heute morgen um zehn ankommen würden?« Eyvind steht auf und hilft mir vom Boden vor dem Sofa zurück auf das Sofa, wo ich kraftlos zusammenbreche. »Malte, ich weiß, dass du im neuen Jahrhundert noch nicht ganz angekommen bist, aber es gibt so etwas das nennt Internet. Ich habe gleich heute Nacht geforscht und schnell gefunden, wonach ich gesucht habe.«
      »Und die beiden sind jetzt wo?« Frage ich schwach.
      »Im Stall. Die Boxen hattest du ja bereits vorbereitet.«
      Ich nicke schwach und lasse mich dann nach hinten gleiten. »Danke«, schaffe ich noch zu sagen, bevor mich der Schlaf überrollt.

      Jora | Obwohl ich tot müde war, habe ich die ganze Nacht nicht geschlafen. Ich lag in meinem Bett, den Blick auf die Decke über mir gerichtet und in Gedanken versunken. Ich dachte an Malte, das Gestüt und natürlich mein Leben. Erst als die Sonnenstrahlen durch die Vorhängen schienen, fand ich endlich etwas Schlaf. Jetzt sitze ich am Küchentisch, eine Tasse Kaffee zwischen meinen Händen und blicke betrübt ins Nichts. In Gedanken stelle ich mein gesamtes Leben in Frage, bereue jede Entscheidung, die ich je getroffen habe und frage mich, in welche Richtung es nun gehen sollte und das alles nur wegen meinen gestrigen Erlebnissen. Ich frage mich, wie es Malte gerade geht und was er wohl gerade tut, ob er sich noch an mich erinnert und ärgere mich gleichzeitig, dass ich meine Nummer nicht hinterlassen habe. Jetzt würde ich wohl nie erfahren, was ihn aus der Bahn geworfen hatte.
      Ich holte meinen Laptop, klappte ihn auf und google nach dem Gestüt. Einige Verkaufsanzeigen und Artikel über Turniergewinne springen mir ins Gesicht, aber auch die Website der Ranch. Ich weiß selbst nicht warum, aber ich schreibe mir Maltes E-Mail Adresse und die Telefonnummer der Gestütsleitung auf. Vielleicht würde ich sie doch irgendwann einmal gebrauchen. Dann lasse ich mich lustlos auf mein Bett fallen und ziehe ein Fotoalbum zu mir heran. ich hatte es gestern aus einer der viele Kisten gesucht, jedoch noch nicht die Kraft gehabt, es mit anzuschauen.
      Die Bilde rmeiner Vergangenheit springen mich förmlich an, als ich die erste Seite aufschlage. Ich sehe meine Eltern, meine Geschwister und natürlich das, was meine Kindheit so Maßgebend bestimmt hat. Pferde. Pferde, die Natur, unser altes Gestüt und jede Menge Tiere. Ich habe es geliebt, mein altes Leben. Mit seinen Höhen und seinen Tiefen, denn ich wusste, dass es irgendwann wieder bergauf geht. Jetzt war ich mir da nicht so sicher. Dann ändere es, suche deinen Weg, versucht mich mein eigenes Gehirn zu überreden. Ich schüttle den Kopf. Nein, das Kapitel in meinem Leben habe ich abgeschlossen.

      Am späten Nachmittag mache ich es doch. Ich gebe die Telefonnummer von Frau von Eylenstein in mein Handy ein und drücke auf das grüne Symbol. Es ist ja nicht verboten, sich zu erkundigen.
      Sie ist nett, klingt jedoch etwas gestresst. Ich kann mir vorstellen wie schwer es ist, den Überblick bei einem so großen Gestüt zu behalten. Sie freut sich darüber, dass ich ihr meine Hilfe anbiete und eventuell auch eine Reitbeteiligung suche. Sie fragt mich, ob ich heute noch kommen kann und obwohl es draußen bereits dämmert, steige ich in meinen Wagen und nehme den Weg ein weiteres Mal auf mich. Ich habe Angst. Nicht vor Frau von Eylstein oder dem Gestüt, sondern davor, Malte über den Weg zu laufen. Ich weiß nicht, wie er auf mich reagiert oder ob er mich überhaupt erkennt, aber ich versuche selbstsicher auszuzehen, als ich meinen Wagen auf dem Parkplatz abstelle. Ich frage mich unwillkürlich, warum ich das Gestüt immer nur im Dunklen zu Gesicht bekommen.
      Frau von Eylstein hat mir ihre Adresse genannt und ich mache das schicke Herrenhaus in Weiß auch schnell ausfündig. Einen Moment bleibe ich verdutzt stehen, als ich lautes Geschrei aus dem Innern höre, drücke dann aber trotzdem auf die Klingel. Keine zwei Sekunden später wird die Tür aufgerissen und ich stehe einer jungen Frau mit einem schreienden Kleinkind auf dem Arm gegenüber. Sie hat dunkle, schulterlange Haare und wilde grüne Augen, aber auch tiefe Augenringe und ein gestresster Ausdruck liegt in ihrem weichen Gesicht.
      »Jora Cederblom?« Fragt sie mich und als ich vorsichtig nicke dreht sie sich um und ruft mit lauter Stimme: »Nico!« Und als niemand antwortet, schreit sie das zweite Mal noch ein Bisschen lauter. Ich bin leicht eingeschüchtert und als das Kind auf ihrem Arm abermals zu schreien anfängt und immer noch keine Antwort aus dem Haus dringt, dreht die Frau sich wieder um und verschwindet in der Wohnung. Ich stehe noch in der offenen Wohnungstür und frage mich verzweifelt, ob ich hier richtig bin. Aus dem Haus tönen laute Gespräche und ich habe für einen Moment das Bedrängnis, mich umzudrehen und zurück in mein Auto zu steigen. Die Frau kommt allerdings in diesem Moment zurück, zieht schroff die Tür hinter sich zu und bleibt seufzend stehen. Aller Ärger und Stress weicht ihr aus dem Gesicht und zurück bleibt nur die Erschöpfung.
      »Es tut mir unheimlich Leid«, sagt sie und reicht mir ihre Hand. »Charly, ich freue mich sehr, dass du dich gemeldet hast.« Sie lächelt kurz.
      Ich ergreife die Hand. »Ich kann auch wann anders wiederkommen«, sage ich und deute mit einem Nicken aufs Haus. »Wenn es heute unpassend ist.«
      »Ach quatsch«, lacht Charly gequält. »Es ist alles gut, wirklich! Komm, ich bringe dich zum Stall.«
      Ich sage nichts weiter und hoffe inständig, dass es wirklich in Ordnung ist, aber immerhin wares ihr Wunsch, dass ich heute noch komme. Auf dem Weg zum Stall stellt mir Charly einige Fragen und erkundigt sich danach, was ich bereits für Erfahrungen habe. Ich versuche nichts allzu überheblich zu klingen, erzähle ihr aber trotzdem von dem Gestüt, auf dem ich früher gewohnt habe, aber auch, dass ich nun seit längerer Zeit aus persönlichen Gründen den Kontakt zu Pferden abgebrochen habe. Sie fragt nicht genauer nach, denn sie scheint zu merken, dass ich nicht darüber reden will. Noch nicht.
      »Ich freue mich sehr, dass du aushelfen willst. Gerade heute hat sich einer meiner Mitarbeiter für längere Zeit frei genommen und es ist sowieso schon genügend Arbeit auf dem Hof.« Wir betreten den Stall. Ich liebe das Geräusch von kauenden Mäulern, gleichmäßigen Atmen und raschelnden Stroh noch genauso wie vor vielen Jahren und doch erinnert es mich an all die Dinge, die damit zusammen hängen, die ich versuche zu verdängen.
      »Wenn du sagst, du bist früher viel geritten, in welche Richtung denn? Eher klassisch Turnier oder doch etwas anderes?« Fragt sie mich.
      Ich bin einen Moment hin und her gerissen und würde gerne wissen, was sie für eine Antwort haben möchte. »Eher Freizeit«, sage ich dann. »Mein Vater war eher der Turnierreiter. Er hat mit seiner Stute einige Plätze in der Dressur geholt. Meine Mutter und ich haben uns mit schwierigen Pferden beschäftigt. Aber ich kann im Dressursattel genauso gut sitzen wie im Westernsattel, denn das war immer mein Ziel, so weitgreifend wie möglich zu arbeiten und nicht nur eines zu erlernen und alles andere zu verachten, wie es oft der Fall ist.« Füge ich hinzu.
      »Mit schwierigen Pferden sagst du?« Fragt mich Charly und kneift die Augen zusammen.
      Ich nicke vorsichtig. »Ja, aber wie gesagt, es ist schon lange her und ich weiß nicht, wie sicher ich noch im Umgang mit Pferden bin.«
      »Dann finden wir das mal heraus«, murmelt Charly und geht zu einer der Boxen weiter hinten. »Wir haben hier einige schwierigere Pferde und wie du vielleicht auch schon weißt, auch ein breites Feld an allen möglichen Pferden, welche vor allem für den Freizeitsport, aber auch den leichten Turniersport gedacht sind. Die einzige Zucht bei eins besteht aus den Sportpferden, welche wir allroundermäßig ausbilden und im mittleren Sport auf die Bühnen schicken. Ich würde mich freuen, wenn du uns bei der täglichen Arbeit unterstützt, aber genauso wichtig ist es auch, dass die Pferde reichlich Bewegung bekommen.« Sie öffnet das Tor und ein tragisches Wiehern erscheint, das mich kurz zusammenzucken lässt. »Komm her!« Meint Charly und winkt mich lächelnd zu sich. »Das ist unsere Grenzfee«, sagt sie und streichelt einer großen Stute in dunkelbraun den breiten Kopf. Unruhig spielen ihre Ohren hin und her und die Nüster bläht sich immer wieder auf. Ich weiche einen Schritt zurück als sie aggressiv mit dem Schweif peitscht, Charly redet jedoch beruhigend auf sie ein, sodass sich die Stute schnell beruhigt. »Unsere Grenzfee. Sie hat schon einen langen Leidensweg und ist nun seit einigen Jahren bei uns. Vielleicht findet ihr beide ja zusammen.« Als sie mein unsicheres Gesicht sieht, fügt sie hinzu: »Du brauchst keine Angst zu haben, du bist neu und das lässt Fee vorsichtig sein. Ich bin mir aber sicher, dass sie dich schnell akzeptiert.«
      Ich schaue Fee in die klaren, braunen Augen und sehe den weichen Schimmer und diese Gutmütigkeit in ihrem Blick. »Sie hat bestimmt viel Schlimmes erlebt«, flüstere ich und gehe mit ausgestreckter Hand einen Schritt nach vorne.
      Charly nickt und will etwas sagen, jedoch kommt ihr die Stimme einer anderen Frau dazwischen. »Charly, was soll das? Du weißt, dass das auch nach hinten losgehen kann.« Wütend kommt eine weitere Frau auf uns zu. Auch sie ist etwa im gleichen Alter wie wir, rote Locken umspielen ihr gebräuntes Gesicht und die leuchtenden Augen. Charlys Blick verhärtet sich, als die Frau sich an uns vorbeidrängelt und vor uns die Boxentür schließt.
      »Was soll das Mio?« Fragt Charly und hält die junge Frau am Arm fest. Diese entwindet sich jedoch barsch und faucht zurück. »Grenzfee ist meins! Meins allein und nur weil du auf sie aufgepasst hast, heißt das nicht, dass du alles mit ihr machen kannst, was du willst!«
      Erschrocken weiche ich einen Schritt zurück und lehne mich an die Boxentür. Wo bin ich hier gelandet? Warum ist hier jeder sauer auf den anderen? Ich hasse Streit, Arroganz und Feindschaft, die nicht begraben werden kann. Schon mein ganzes Leben stoße ich immer wieder auf diese unzufriedenen Menschen, die meinen, ihren Ärger und ihre Wut an anderen auszulassen, die nur versuchen ihnen zu helfen. Mio schmeißt Charly noch eine Beschimpfung an den Kopf, welche ich jedoch nicht mehr hören kann, weil ich mir meine Finger in die Ohren gesteckt habe. Ich schließe meine Augen und versuche all den Zoff und die unschönen Dinge aus dieser Welt zu verbannen. Ich will das nicht hören, ich wollte das nicht wieder ertragen müssen.
      Eine Hand legt sich auf meinen Unterarm. Ich versuche sie abzuschütteln, ich will den Kontakt zu solchen Personen nicht, ich brauche Abstand von solchen Gefühlen.
      »Jora», sagt eine Stimme an meinem Ohr. »Alles ist gut, komm mit mir.« Ich kenne diese Stimme und ein Gefühl von Vertrauen durchfließt mich. Blind folge ich ihm, verliere die Zeit und den Ort aus den Augen und komme erst wieder zu Bewusstsein, als mir eine warme Tasse Tee hingehalten wird.

      Malte | Ich habe Charly gesagt, dass ich Urlaub brauche. Nicht nur drei Tage, länger. Ich bin mir nie sicherer bei etwas gewesen, als ich vor ihrer Tür stand und ihr klar und deutlich erklärte, dass ich Ruhe brauchte. Ich fühle mich seit langer Zeit endlich mal wieder frei und kann atmen wie schon lange nicht mehr. Ich besuche meine neuen Pferde erst nachdem ich mit Charly geredet habe und die Entscheidung erscheint mir unheimlich schlau. Mit einer neuen mir schon unbekannten inneren Ruhe betrete ich den kleinen Nebenstall und stecke aufgeregt wie ein kleines Kind meine Hand über die Box hinweg, um sie endlich anschauen, anfassen, greifen zu können. Es ist schon recht lange her, dass ich mir Angus gekauft habe und nun kamen noch diese beiden dazu. Ginnungagap schaute mich aus seinen aufmerksamen braunen Augen an und ich wusste, dass er so schnell nicht wieder gehen würde. Sein Fell glänzte seiden, bestimmt hatte Vuyo es heute Morgen geputzt. Es ist schwarz, aber kein gefährliches, einsames Schwarz, sondern tiefgründig und warmherzig. Ginnus Beschreibung im Internet war nicht die einfachste, aber das gefiel mir. Ginnu schaut mich an und ich blicke zurück, fast wie ein stummes Gespräch zwischen zwei Wesen, die sich darauf einigten zusammenzuleben. Ich hatte überlegt, ihn kastrieren zu lassen, doch dann fiel mein Blick auf Ursel und ich wusste, dass ich das nicht übers Herz bringen würde.
      In meinem Kopf höre ich bereits Petyr, wie er sich über den Namen von Ursel lustigmachen wird. Er findet solche Pferdenamen albern, doch ich werde mich diesmal nicht provozieren lassen, denn vor mir sehe ich das ehrliche und freundliche Bild meiner kleinen Bärengöttin, denn genau das bedeutet der Name für mich. Ursel ist die erste Stute in meinem Besitz. Mit seidenem rötlichen Fell, einer langen wehenden Mähne und den hochbeinigen weißen Abzeichen. Eyvind hatten sie gefallen und auch Vuyo hatte mir vor wenigen Stunden einen Besuch abgestattet und mir zu diesen beiden Pferden beglückwünscht.
      Als Ginnu unruhig wird, bringe ich erst ihn, dann auch Ursel auf eine Weide nahe des Stalls. Es ist mir lieb, die beiden etwas im Auge behalten zu können und doch will ich sie nicht alleine im Stall zurücklassen. Ich bin mir selbst noch nicht sicher, zu wem die beiden auf die Weide kommen sollen, will jedoch am Abend ein erstes Kennenlernen ausprobieren. Bis kurz vor sechs ziehe ich mich deswegen in meinen kleinen Wagen im Wald zurück und schaue das erste Mal seit langer Zeit wieder etwas Fernsehen. Ich brauche Ablenkung. Auch koche ich mir mit den Resten aus meinem Kühlschrank einen Auflauf und lasse mir diesen auf meinem Sofa schmecken.
      Am Abend gehe ich erneut zum Offenstall. Logi begrüßt mich wie immer mit einem sanften Stupsen, während Félagi noch eingeschnappt ist, dass ich ihn heute Morgen geärgert habe. Ich lächele kurz und wuschle ihm dann durch seine dichte Mähne, während Dynur sich hinter ihm zurückhält. Dynur werde ich erst einmal zurücklassen. Sollte Félagi der Verpaarung zustimmen, wird auch Dynur nichts mehr dagegen haben. Zusammen mit Félagi verlasse ich die Weide und machte mich auf den Weg zu Ginnungagap. Dieser hört uns schon von Weiten und stößt ein lautes Wiehern aus. Wie erwartet bleibt Feli stehen, spitzt die Ohren und bläht die Nüstern. So sieht er noch viel hübscher aus, wenn er so aufrecht steht. Dann wird er unruhig, tänzelt leicht auf der Stelle und stupst mich an. Er weiß selbst noch nicht, ob er das Pferd kennenlernen möchte und ich merke wieder, dass er noch sehr jung und unerfahren ist, was das angeht. Das stört mich nicht, ich will ihm sowieso noch Zeit lassen, bis ich ihn unter den Sattel zwinge. Er liebt seine Freiheit und das versteh ich nur zu gut.
      Am Zaun von Ginnu angekommen wird Feli wieder ruhig. Ginnu steht an der anderen Seite des Zauns und beobachtet uns. Ich hätte gedacht, dass er offensiver vorgehen wird. Doch kaum kam mir dieser Gedanke, schüttelt der Rappe seinen muskulösen Kopf und kommt auf uns zugeprescht. Erschrocken weicht Feli einen Schritt zurück und versteckt sich leicht hinter mir. »Alles gut!« Sage ich liebevoll und ziehe aus meiner Hosentasche eine kleine Möhre. Das lässt sich Feli nicht entgehen, schnappt zu und hat mit wenigen Bissen das Leckerli hinuntergeschluckt. Auch Ginnu bekommt ein Stück, dich kaum ist es verschwunden, wiehert er wieder laut und trabt elegant den Zaun auf und ab. Feli hat nun doch die Scheu gepackt und er versucht mich zurück in Richtung Stall zu ziehen. Auch wenn ich sehe, dass es viel Arbeit mit den beiden werden wird, so sehe ich doch das Potenzial. Es wäre ein Traum, meine jungen Hengste zusammen halten zu können und vielleicht endlich eine Grenze zwischen den Kaltblütern und den Ponys ziehen zu können, welche nun noch auf einer Weide stehen.

      Jora | Ich öffne die Augen und blicke in das Gesicht von Eyvind. Er lächelt. Ich habe das Gefühl, dass er immer lächelt. Diesmal bin ich mir jedoch nicht sicher, ob er sich über mich lustig macht. »Tut mir Leid«, murmle ich beschämt und richte mich auf dem Sofa etwas auf. »Es war einfach nur zu viel für mich.«
      Er nickt und reicht mir eine Tasse Tee und ein Stück Schokolade. »Hier, iss. Das hilft bestimmt.« Vorsichtig nehme ich es ihm ab, beiße jedoch noch nicht hinein.
      »Wer war das?« Frage ich. »Das rothaarige Mädchen?«
      »Mio«, meint er und steht seufzend auf. »Komm, iss, wenn es etwas gibt, was dir nun helfen kann, ist ein Tee und eine Schokolade.« Er geht in die Küche der kleinen Wohnung und stellt sich ans Fenster. Ich beiße einmal ab und merke, wie sich der süße Geschmack der Schokolade in meinem Mund und meinem Magen ausbreitet. Er hat Recht, es hilft wirklich. Meine Frage hat er trotzdem noch nicht beantwortet. Bevor ich jedoch dazukomme, unterbricht er mich. »Mio hat es zur Zeit auch nicht leicht. Früher hat sie zusammen mit Charly ein Gestüt geleitet, bevor sie nach dem tragischen Tod ihres Freundes in die USA geflohen ist. Der Kontakt brach fast vollständig ab und erst zwei Jahre später lernten sie sich wieder kennen. Mittlerweile ist Mio wieder hier. Sie hat ihre neuen Freunde und einen Haufen Pferde mitgebracht. Sie vermisst es, Nevada. Sie vermisst die Wildnis, die Wüste, die wilden Pferde.« Er seufzt. »Nimm es ihr nicht übel. Sie hat sich oft schwere Vorwürfe gemacht, dass sie so viele Pferde zurückgelassen hat und Grenzfee ist eines von ihnen.«
      Ich nehme einen Schluck Tee. Ich schmecke den süßen Honig und die Melisse und ich glaube auch einen Schuss Orange erkennen zu können. »Ich wollte nicht, dass sie sich streiten.«
      »Das glaube ich dir.« Eyvind wendet sich wieder vom Fenster ab. »Du hast schon schlechte Erfahrungen gemacht, was Streit angeht?« Ich nicke nur. Mein Hals ist trocken und ich nehme noch einen Schluck. Eyvind möchte jedoch gar nicht mehr wissen.
      »Ich habe dir ein Bett vorbereitet, du bleibst heute bei mir. Morgen schauen wir uns zusammen das Gestüt bei Tageslicht an und ich zeige dir all die schönen Seiten.«
      Ich bin einverstanden, er hätte mich sowieso nicht gehen lassen und ich vertraute ihm. Bevor ich ins Bett gehe, frage ich noch: »Eyvind, wie geht es Malte?«
      Er lächelt mich kurz an, meint dann aber ernst: »Besser. Er hat sich Urlaub genommen und ich glaube, das braucht er jetzt auch. Wenn du willst, gehen wir ihn morgen gemeinsam besuchen.« Ich zucke nur kurz mit den Schultern und ich glaube, er versteht, dass ich mir nicht sicher bin, ob das eine gute Idee ist.

      Malte | Der nächste Morgen beginnt für mich in aller Frühe. Kurz nach Sonnenaufgang kann ich mich nicht länger im Bett halten und gehe hinaus in den Stall. Ich setzte mich einige Minuten auf die grüne Bank davor, genieße die Sonnenstrahlen und denke an gestern Abend. Ich hatte Vuyos und Charlys Vorschlag angenommen und versucht, meine Ursel mit zu den Ponystuten und Excelsior zu stellen. Jeanie mit Anhängsel Jelda hatte jedoch deutlich gezeigt, dass sie keinen weiteren akzeptieren will, denn anscheinend gehen ihr Vuyos beiden Stuten Nayela und Blazing Flame schon genug auf den Geist. Eine Stunde habe ich versucht, dass die Stuten sich näher kommen, war jedoch nur auf eine Mauer aus Beton gestoßen. Mit einem kurzen weiteren Gespräch mit Charly hatte ich mir jedoch eine vollkommen neue Konstellation überlegt. Ursel, zusammen mit der jungen Striga und meinem geliebten Óslogi. Ich hatte es nicht geglaubt, aber Logi und Ursel verstanden sich von Anfang an und auch Striga schien Freude an den beiden viel kleineren Pferden gefunden zu haben. Schon nach kurzer Zeit hatte sie ihre neue Freundin über den Zaun hinweg die Mähne gekrault und gezeigt, dass sie bereit dafür war.
      Gegen Mittag habe ich mich mit Charly verabredet. Sie will gerne dabei sein, wenn ich ihren Liebling und meine beiden Pferde zusammenführe.
      Im Stall miste ich das erste Mal in meinem Leben nur die Boxen der Pferde aus, die mir gehören. Ginnu, Ursel, Logi, Dynur, Feli und Angus. Ich brauche nicht lange, meine geübte Hand fidend im Handumdrehen die Dreckstellen, entfernt diese und streut neues Heu auf die Stellen. Bevor die anderen den Stall betreten, bin ich längst fertig mit meiner Arbeit und mache mich auf den Weg nach Hause.

      Jora | Am Morgen werde ich sanft von Eyvind geweckt. Er hat bereits den Tisch fürs Frühstück gedeckt und ich frage mich, ob er immer so lecker isst, oder das nur für mich tut. Wir sprechen nicht viel und es ist auch eine stumme nächste Stunde, bis wir den Stall betreten.
      »Das ist der Nebenstall«, erklärt mir Eyvind. »Die meisten der Pferde stehen im Sommer ganztägig auf den Weiden.« Der Stall ist hell und geräumig und anscheinend erst vor kurzem erbaut wurden. Nicht nur Sattelkammer und die kleine Küche sind modern, sondern auch die Tränken und der weiche Gummibelag in den Boxen. Es wurde kein Geld gespart, um den Pferde eine helle und freundliche Atmosphäre bieten zu können.
      Am anderen Ende der Stallgasse erscheint ein junger Mann. Rechts und links führt er zwei große Vollblüter. Das eine braun, das andere von einem hübschen und leicht geappelten Grau. Der Mann selbst hat dunkle Haut, kurze Haare und leuchtende Augen. Als er vor uns zum Stehen kommt, nimmt er beide Stricke in eine Hand und reicht mir die andere. Er blickt kurz grinsend zwischen Eyvind und mir hin und her und ich merke wie ich Rot werde. Eyvind reagiert jedoch gar nicht darauf und stellt mich vor. »Das ist Jora, sie möchte hier wahrscheinlich etwas aushelfen. Jora, das ist Vuyo. Er ist vor allem für die Vollblüter da, aber natürlich auch für jegliche andere Arbeit, die hier anfällt. So wie wir alle.« Ich ergreife nun Vuyos Hand und lächle kurz.
      Vuyo deutet auf die beiden artig wartenden Hengste. »Das ist Valentines Alysheba und sein Freund Osgiliath.« Er zeigt auf den Helleren. »Sehen wir uns heute zum Mittagessen Eys?« Fragt er an Eyvind gewandt. Eys, auf den Spitznamen wäre ich nie gekommen.
      »Ich weiß noch nicht, mal schauen.« Sagt Eyvind nur. Vuyo winkt uns noch kurz zu und macht sich pfeifend mit den beiden auf dem Weg aus dem Stall. Ich mache mich auf den Weg zu Grenzfees Box. Sie steht noch drinnen und blickt mich nachdenklich an. »Grenzfee hast du gestern ja bereits kennengelernt.« Ich blicke auf. Eyvind steht wieder neben mir. »Da neben dir in der Box, das ist Teufelstanz. Du kannst die beiden glücklich machen, in dem sie einfach immer in Sehweite bleiben dürfen. Sie lieben sich, wie man es nicht für möglich halten kann.« Erklärt mir Eyvind begeistert.
      »Gehen sie nicht auf die Weide?«
      »Doch doch, Vuyo wird sie gleich holen. Sie stehen auf einer Magerweide am See. Beide Stuten hatten schwere Hufrehe und ich bin froh zu sehen, wie gut sie sich entwickelt haben. Mittlerweile sind sie wieder reitbar, aber weder im Turniersport, noch auf der Rennbahn. Vuyo hat sich trotzdem zum Ziel gesetzt, die beiden im Rennen fitter zu bekommen und übt mit ihnen mehrmals auf unserer kleinen Bahn.« Er machte eine kurze Pause. »Hilfst du mir die restlichen Pferde auf die Weiden zu bringen?«
      »Klar«, sage ich und wende mich von Grenzfee ab. Eyvind zeit mir die fünf verbliebenen Pferde im Stall und gibt mir schließlich die Aufgabe, mich um zwei Trakehner Wallache zu kümmern. »Die gehören zwei Verwandten von Charly, eigentlich haben wir nur wenige Einsteller, aber die beiden haben sich uns nahezu aufgedrängt. Tibor und La Paz heißen die beiden.« Eyvind nahm zwei Stuten und ein dunkles Fohlen, das zu einer grauen Stute gehörte. Artig tippelte es ihr hinterher und ich lachte laut auf, als es über eine Bürste stolperte und erschrocken in die Luft sprang. »Ja, der kleine Mytos, der hat leider die Eleganz von seiner Mutter noch nicht geerbt.« Lacht auch Eyvind und blickt mir in die Augen. Ich wende meinen Blick ab und achte darauf, dass meine beiden Pferde nicht auch stolpern. Als Raja, Rubina, Mytos, Pas und Tibor auf ihrer Weide stehen, lädt mich Ey dazu ein, Malte zu besuchen. Ich zögere, stimme dann jedoch zu.
      »Hast du eigentlich auch Pferde?« Frage ich interessiert, als wir den Waldweg zu Maltes Haus gehen. Eyvind schüttelt jedoch nur den Kopf und sagt nichts dazu. Auch er hat also Dinge, über die er nicht reden möchte.

      Malte | Charly ist mir zum Glück nicht sauer, dass ich Hals über Kopf freigenommen habe. Besser gesagt dankt sie mir sogar, für meine jahrelange treue Arbeit und umarmt mich ein weiteres Mal. Es verwundert mich nicht, das auch das Zusammenführen unserer Pferde so gut funktioniert wie gedacht und nach nur einer halben Stunde stehen Striga, Logi und Ursel glücklich auf der Weide vor meinem Haus. Es ist mein Wunsch gewesen, dass die Pferde so nah wie möglich bei mir stehen und Charly hat nichts dagegen gehabt, dass ich ihre Striga etwas im Auge behielt. Die Vögel zwitschern über unseren Köpfen und im seichten Wind wanken die Bäume hin und her, als ein lautes Wiehern aus dem Wald erdringt. Während ich auffahre, bleibt Charly ruhig. »Das ist Marid, kein Zweifel.« Und tatsächlich. Wenige Sekunden später taucht Nico auf, unter ihm der wilde Hengst. Striga, Ursel und Logi preschen an die andere Seite des Zauns und es freut mich zu sehen, dass nicht nur Logi den Hengst nicht ausstehen kann.
      Nico bremst vor uns seinen Hengst ab und lässt sich von dessen Rücken gleiten. Ich muss zugeben, dass ich ihn für seine Reitkunst bewundere und auch, dass Nico eher nach Gefühl, als nach Regeln reitet. Trotzdem mag ich ihn nicht. Seine arrogante und herablassende Art stört mein Selbstvertrauen jede Mal aufs Neue. Er kommt jedoch kaum dazu etwas zu sagen, als zwei weitere Gestalten aus dem Wald auf uns zukommen. Marid hört sie als erste und so wenden auch wir drei den Kopf in die Richtung. Eyvind ist mit seinen weißen, kurzen Haaren und der Sonnenbrille nicht schwer zu verwechseln und das Mädchen neben ihm, wie mir bewusst wird, ist sie. Elend lange Engelslocken, einen zierlichen Sidecut und weiche Gesichtszüge. Neben Eys sieht sie erstaunlich klein aus, neben mir würde es genau passen.
      »Jora«, sagt Eyvind, als sie neben uns zum Stehen kommen. »Charly kennst du ja bereits und Malte auch. Das ist Nico.« Überheblich verbeugt sich Nico, ergreift dann Joras Hand und meint: »Zu euren Diensten, junge Frau.« Jora wird Rot und lächelt peinlich berührt, zieht die Hand jedoch nicht aus Nicos Griff. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie Charly sich wütend auf die Lippe beißt, sagt jedoch nichts dazu. Ich weiche Joras Blick aus, nicke nur kurz freundlich. Anscheinend sind nun alle verstummt und zu fünft stehen wir am Zaun der Weide und blicken auf Ursel, Striga und Logi, während jeder seinen eigenen Gedanken nachhängt.
      Leben ist Erfahrung von Wirklichkeit und wer lebt, tauscht Zeit gegen Erfahrung aus, denke ich, bevor ich mich Jora zuwende. »Hast du Lust auf einen kleinen Spaziergang?«
    • Wolfszeit
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      29.12.2017|Canyon
      Wenn der Phönix singt
      „Flieg, Flugzeug flieg, flieg hinauf in die Wolken und fliiieg!“
      „Kommt das nur mir komisch vor, oder warum spielt mein Sohn in einem Flugzeug mit einem Flugzeug?“, sagte ich zu mir selbst, während ich Bart beobachtete, wie er sein kleines Flugzeug immer wieder in die Höhe hob und mit Spucktropfen die Motorengeräusche nachmachte.
      „Ihr Sohn?“ Ich drehte meinen Kopf zur Seite und blickte in die freundlichen Augen einer jungen Frau. Sie war groß und schlank, hatte eine gebräunte Hautfarbe und naturbraunes Haar.
      Ich nickte. „Bart“, sagte ich und deutete auf meinen Sohn.
      „Was ist mit mir?“ Bart blickte fragend auf, während sein Flugzeug unsanft auf seinem Schoß abstürzte. „Ich habe nichts getan!“, verteidigte er sich, ohne zu wissen, worum es ging. Die Frau lachte wohlwollend auf und um ihre Augen bildeten sich Lachfalten.
      „Nico“, sagte ich und reichte ihr in der Enge der Sitze die Hand.
      „Vicky, Vicky Riley“, sagte sie und griff nach meiner Hand.
      „Wie das Hustenbonbon?“
      „Nein, nicht ganz, das heißt mit Nachname nicht Riley“, sagte sie und lachte schon wieder. „Sie sind ja ein Scherzkeks!“
      Ich nahm das als Lob und schenkte ihr auch ein Lächeln. „Erzählen Sie, wie sind Sie in diesen Flieger gekommen, der so hoch über dem weiten Ozean in die Unendlichkeit flieht?“
      „Ich bin auf dem Weg nach Hause, ich war beruflich unterwegs“, sagte sie. „Und Sie?“
      „Ich weiß noch nicht“, antwortete ich wahrheitsgetreu und blicke zu Bart. „Vielleicht fliege ich gerade in meine neue Heimat.“
      „Sie wollen nach Kalifornien ziehen?“, fragte sie mich erstaunt. „Sie kommen wohl nicht aus den Staaten?“
      Ich schüttelte den Kopf. „Nein, zur Zeit wohne ich noch in Norwegen, ursprünglich komme ich jedoch aus Frankreich.“
      Sie lachte wieder. „So viel haben Sie schon hinter sich, in ihrem Alter?“
      „So jung bin ich nicht“, verteidigte ich mich. „Das macht nur die Antiagecreme, Sie wissen schon, früh genug an die Zukunft denken.“
      Sie lachte wieder und wir blickten uns einen Moment intensiv in die Augen, bevor Bart an meiner Jacke zog und meine Aufmerksamkeit wieder zu ihm lenkte. „Papa“, meckerte er. „Wann sind wir endlich da?“
      „Bald“, sagte ich und wandte meinen Blick abwesend aus dem Fenster. „Die neue Heimat ist nicht mehr weit.“
      Ich beobachtete Bart beim Spielen und als ich mich wieder der jungen Frau neben mir zuwenden wollte, sah ich, dass sie mit Kopfhörern in den Ohren die Augen geschlossen hatte.

      Viele Stunden später war ich froh endlich das Flugzeug verlassen zu können. Bart hatte sich vollkommen mit den Resten des Essens eingeschmiert und zwischen seinen Beinen klebte der Rest der geschmolzenen Schokolade, die er sich aufheben wollte. Trotz der paar Stunden Schlaf war er unausgeglichen und auch mein Feingefühl reichte nach der Anstrengung nicht aus, um seine Laune über Wasser zu halten.
      Doch Bart musste sich daran gewöhnen. Charly würde sich nicht damit zufrieden geben, wenn sie unseren Sohn nicht regelmäßig sehen würde. Sie würde nicht kommen wollen, das hatte sie zu oft gesagt, und Charly hielt sich an ihre Versprechen.
      Nach dem Check Out und dem Warten auf unser Gepäck, standen Bart und ich endlich am Hauptausgang des riesigen Flughafens. Bart hatte sich trotzig auf seinen Kinderkoffer gesetzt, während ich hektisch versuchte, die Telefonnummer für die nächste Taxistation zu finden.
      Wie hatte ich sie vermisst, diese Wärme und die Sonne weit über mir, die mir an diesem Tag besonders nah erschien. Es war Zeit geworden, endlich die Kälte Norwegens nach einer so langen Zeit zu verlassen. Doch musste ich zugeben, dass es auch hier nicht warm war. Es war früher Morgen, der Himmel war leicht bewölkt, doch zumindest war keine dunkle Regenwolke zu sehen. 4 Grad waren nicht viel und ich fror mit meinen dünnen Turnschuhen und dem einfachen Pullover. Ich würde wohl einkaufen fahren müssen, denn auch Bart hatte seine winterliche Kleidung in Norwegen gelassen.
      Im richtigen Moment nörgelte Bart neben mir und ich blickte von meinem Handy auf. „Mir ist kalt“, sagte er trotzig und verschränkte die Arme vor der mit Erdnussbutter beschmierten Brust.
      „Ich bin doch schon auf der Suche nach einem Taxi“, murmelte ich genervt.
      „Soll ich Sie und Ihren Sohn vielleicht ein Stück mitnehmen?“ Die junge Frau aus dem Flugzeug stand wieder neben mir. Auch sie hatte ihren zierlichen Koffer gefunden und sich zum Schutz gegen die Kälte einen dicken Mantel um die Schultern gelegt.
      „Vielen Dank“, sagte ich. „Aber diese Umstände müssen Sie sich nicht machen. Ich bestelle uns einfach ein Taxi.“
      „Blödsinn“, lachte sie. „Los, sagen Sie, wo müssen Sie hin?“
      Ich gebe mich geschlagen. „Modoc National Forest, kurz vor der Grenze zu Oregon“, sagte ich. „Bestimmt die komplett andere Richtung.“

      ... später, genau um ...., wie das Navi preisgab, winkte ich Vicky hinterher. Sie hatte uns auf dem Parkplatz, meinem Parkplatz, abgesetzt. Bart war während der Fahrt eingeschlafen und von mir nun unsanft aus dem Schlaf gerissen worden, als ich ihn aus dem Auto ziehen musste. „Sind wir da?“, hatte er verschlafen gefragt, während ich Vicky noch ein paar Euro als Dankeschön in die Hand drückte. Das war das mindeste gewesen, dass ich für sie tun konnte.
      Auf der Fahrt hatte ich mir einen ersten Eindruck von Kalifornien machen können, doch hätte ich nie gedacht, dass einer der berühmtesten und beliebtesten Staaten der USA so trostlos erscheinen konnte. Trockener Boden, viele vereinzelte Bäume und elend lange, benummerte Highways, die kein Ende zu nehmen schienen. Der Norden Kaliforniens war etwas anderes, als der dicht besiedelte Süden.
      Ich blickte auf den Zettel in meinen Händen. „Falls du Hilfe brauchst, ruf meinen Bruder an“, hatte Vicky mir zum Abschied geraten. „Du würdest mit ihm bestimmt zurecht kommen.“ Mir kam der Gedanke, dass sie mir die Nummer nur gegeben hatte, damit ich sie erreichen konnte. Wofür sonst, sollte ich ihren Bruder brauchen? Ich würde das schon schaffen.
      „Daaad“, nörgelte Bart neben mir. „Können wir jetzt endlich ins Haus?“
      Auf den ersten Blick erkannte ich das Gestüt nicht wieder - ich sah ein großes Gebäude mit rotem Dach, ein paar Bäume und einen übersehbaren Zaun, der mir erst zum Schluss ins Auge fiel.
      „Komm Bart“, sagte ich, hob unser beider Gepäck auf und marschierte selbstsicher auf das Gebäude zu. Das Gelände war weitläufiger als erwartet. Die Bilder im Internet hatten vor allem die einzelnen Gebäude gezeigt und nun sah ich, dass die Reithalle ein gutes Stück entfernt von meinem Wohnhaus und auch vom Hauptstall lag. Den Hauptstall konnte ich erst erkennen, als ich einen kleine Bauminsel umrundet hatte und nun auch die andere Hälfte des Gestüts sah.
      Ich blieb einen Moment stehen, um das Gestüt auf mich wirken zu lassen. Ich sah den hellen Boden und die kahlen Bäume, das rote Dach des Stalls und die geschwungenen und weißen Bögen des Mauerwerks, die mich an meine Heimat erinnerten. Und dann sah ich die verwelkten Blumen rund um den von Moos bedeckten Reitplatz, ein paar durchnässte Heuballen daneben und die kaputten Ziegel des Wohnhauses, durch deren Lücken Wasser tropfen musste.
      „Daaad“, sagte Bart wieder. „Ich bin müde, ich will in mein Bett.“
      „Gleich“, murmelte ich und ließ meinen Blick noch einmal über die romantische Baustelle schweifen. Als Bart ungeduldig an meiner Jacke zerrte, drehte ich mich schlussendlich doch zu ihm um und folgte ihm in Richtung Wohnhaus.

      Nachdem ich für Bart im Wohnzimmer das Sofa hergerichtet hatte, er sich zusammenrollte und erschöpft die Augen schloss, zog ich Jacke und Schuhe wieder an und verließ das Wohnhaus. Auch davon hatte ich nur wenig gesehen, doch hatten mich auch hier die weißen Wände der Fassade getäuscht. Ich wusste, dass hier vorher zwei Brüder gewohnt hatten und so verwunderte es mich nicht, dass die kurz besichtigte Küche und das kleine Bad, sowie das Zimmer für Bart nicht im besten Zustand waren. Aber es reichte, es musste reichen. Genauso wie der kahle Boden für die Pferde, ohne dem fehlenden Gras. Doch hatte ich Glück, der Großteil der Pferde war die Trockenheit aus Frankreich gewöhnt und der Rest hatte sich nun in Norwegen daran anpassen müssen. Auch dort bestand das Weideland vorrangig aus Stein und von der Kälte erfrorenem Boden.
      Bis zum Abend erkundete ich auch den Rest des Geländes. Zwischendurch sah ich nach Bart, der jedoch bis zum frühen Abend schlief. Zwölf Stunden Flugzeug und viele zu überwindenden Zeitzonen waren nicht einfach. Auch ich spürte die Müdigkeit in meinen Beinen, doch die Angst vor dem leeren Bett mit der kalten Bettdecke hielt mich auf.

      Nach vier Tagen wählte ich die Nummer auf dem zerknitternden Zettel in meiner Hosentasche. Ich hatte es versucht, doch die Gartenarbeit machte mich mehr fertig, als dass sie mir den Kopf freimachte. Die Farbe für den Zaun, neue Ziegel für das Dach und neuer Sand für den Reitplatz waren bestellt, doch würde ich die Arbeit nicht alleine schaffen.
      Hinzu kam noch Bart. Am Tag folgte er mir auf Schritt und Tritt und auch wenn die nervige und ständige Anwesenheit sich nach ein paar Tagen in Freude gewandelt hatte, es tat gut, jemanden zum Unterhalten zu haben, konnte ich ihm nicht die Aufmerksamkeit schenken, die er verdiente.
      Mein Telefon klingelte lange, es schien keinen Anrufbeantworter zu haben, bis sich eine verschlafene Stimme meldete. „Riley?“
      „Nicolaus du Martin“, sagte ich steif und fragte mich, ob das wirklich eine gute Idee war. „Ihre Schwester hat mir Ihre Nummer gegeben.“
      „Der gesprächige und charmante Franzose mit den goldenen Locken, die ihm bei Schlafen in den Mund fallen — meine Schwester meinte bereits, dass Sie anrufen werden.“
      Ich blieb einen Moment still und doch begann ich zu verstehen, warum Vicky gemeint hatte, ich würde mit ihm zurecht kommen. „Wollen Sie einen Arbeitsplatz oder wollen sie sich diese Chance auch wieder entgehen lassen?“
      „Ich will jetzt nicht sagen, dass es mir Leid tut, aber das Jobangebot würde ich trotzdem gerne annehmen. Wie viel bekomme ich?“, fragte Riley.
      „So viel, wie Ihre Arbeit wert ist“, sagte ich. „Wann kommen Sie vorbei?“
      „Gerade feile ich mir noch meine Fußnägel und heute Abend habe ich ein heißes Date, mit der ich danach hoffentlich im Bett landen werde. Die verzögerte Aufstehreaktion durch die nächtlichen Aktivitäten mit einberechnet, wäre ich morgen gegen Mittag fit genug, um in meinen Wagen zu steigen und zu Ihrer Bruchbude zu fahren.“
      „Machen Sie das“, sagte ich nur. „Ich werde Sie erwarten.“
      „Ach so“, sagte er noch vor dem Auflegen. „Ich habe kein Interesse daran, als Babysitter zu arbeiten.“

      Ich hatte nie vor etwas Angst. Das Schlimmste war die Furcht, die in mir hochkroch, wenn ich an den plötzlichen Tod in der Mitte des Lebens dachte. Vor allem vor meinem eigenen, der kommen konnte, bevor ich leben würde. Ich hatte zu viel verloren und mit jedem Verlust war auch ein Stück von mir abgebrochen. Der Schmerz verging und mit ihm auch wieder ein Teil des Ichs, der ich einmal war.
      Der leere Stall rief in in mir ein ähnliches Gefühl hervor. Nicht so stark und nicht so vernichtend, jedoch zumindest annähernd so ergreifend. Es war, als hätte ich alles verloren. Jedes Zuhause, jede Heimat und jeden Freund.
      Doch war der Stall schön. Geschwungene, weiße Bögen, mit leichtem Gold verzierte Boxen und ein Fenster in jeder. Ich hatte das flackernde Licht bereits repariert, das alte Stroh aus den Boxen geholt und die Spinnenweben entfernt. Für einen Moment kam mir der Gedanke, dass der Stall geputzt noch trostloser erschien. Verlassen und vergessen, genau wie ich.
      Mein Telefon klingelte und für einen Moment war ich erstaunt, dass ich anscheinend doch nicht der einzige Mensch auf Erden war. Ich war zu langsam. Als ich das klingelnde Smartphone aus meiner Innentasche gekramt hatte, war es bereits wieder verstummt. Zwei Anrufe in Abwesenheit, den erste hatte ich bereits verpasst. Hinzukam noch, dass die beiden Anrufe von den zwei Frauen auf der Welt waren, denen ich gerade jetzt nicht ins Auge sehen, oder besser gesagt, ins Ohr sprechen wollte; meiner Exfreundin und meiner Mutter. Ich steckte das Handy wieder ein und verdrängte den Gedanken, dass ich mich schon längst bei beiden hätte melden müssen.
      Noch am gleichen Tag bekam ich die Nachricht, dass er unterwegs war. Endlich. Er würde kommen. Meine am Boden liegende Welt würde auferstehen, erst wankend und dann immer kräftiger - ich wäre nicht mehr allein, ich würde es nie wieder sein wollen.
      Marid war mein Freund, der einzige, der je zu mir gehalten hatte. Sie sagten, sie würden Pferde verstehen, aber nur ich verstand Marid.
      Als Marid ankam, stellte ich ihn in die Box gleich am Haus. Des Nachts hörte ich seine Schritte und das laute Schnauben. Auch rief er mir zu und gab erst in den frühen Morgenstunden Ruhe. Ich hatte ihm Unrecht getan, ihn alleine nach Amerika verschiffen zu lassen. Ihm ging es nun wie mir, nur waren wir ab sofort nicht mehr allein. „Nie wieder“, versprach ich ihm jedes Mal aufs Neue.
      Genau zur gleichen Zeit wie Marid ankam, lernte ich auch Eli Riley kennen. Er war in meinem Alter, sportlicher als ich, aber mindestens genauso gut aussehend. Seine dunklen Locken glichen den meinen, nur waren sie um einiges kürzer und braun. Er war nett und hilfsbereit und vor allem hatte er ein schönes Lächeln. Sein größtes Problem war jedoch der ständige Zwang, seine Gedanken laut auszusprechen und somit jeder Zeit die Wahrheit zu sagen. Ich nahm mir gleich beim ersten Treffen vor, ihm nicht meine Geheimnisse anzuvertrauen, sie würden nicht lange sicher sein.
      Er beschwerte sich nicht über die ihm aufgetragenen Aufgaben, doch als er am zweiten Tag den Stall weihnachtlich mit Lichterketten und Sternen schmückte, merkte ich, dass es ihm nicht schwer fiel, seine eigenen Ideen ohne meine Zustimmung in die Tat umzusetzen. Auch kam er gut mit Marid aus und da war er wohl einer der ersten.
      Am dritten Tag nahm Riley mich und Bart mit in die Stadt. Ich hatte noch kein Auto, der Grund dafür war wohl das fehlende Geld und ein Stück vielleicht auch meine hohen Ansprüche.
      Canby war genauso verlassen, wie die restliche Gegend. Viele kleine und verstaubte Häuser, umgeben von den leeren Ebenen, über die der kalte Wind pfiff. Die Stadt war nicht weit, doch außer einer Tankstelle und einem Supermarkt gab es nicht viel und das trübte meine Aussicht auf etwas Zivilisation. Die ältere Generation saß zumeist zu zweit auf den weißen Plastestühlen vor ihren Flachbauten in hellem gelb und sobald wir an ihnen vorbeifuhren, blickten sie kritisch dem Transporter von Riley hinterher. Früher mochte er wohl rot gewesen sein, nun war er ausgeblichen und mit rostenden Stellen bedeckt.
      Ein Junge, ein paar Jahre älter als Bart, hielt mit seinem klapprigen Rad am Straßenrand an und blickte uns auch noch hinterher, als wir bereits am Horizont verschwanden. Ansonsten sahen wir niemanden.
      Bart saß auf der Rückbank und drückte sein Gesicht an der verstaubten Scheibe platt. Er war die letzten Tage ungewöhnlich stumm gewesen. Charly hatte einmal zu mir gemeint, dass Bart mehr von mir hatte, als von ihr. Dass er sogar mein Ebenbild war und wenn ich schwieg, schwieg auch er.
      Riley hingegen war locker wie immer. Er hatte das Radio aufgedreht und summte über die Nachrichten hinweg eine Melodie. Wir hatten uns stillschweigend darauf geeinigt, dass die Vergangenheit kein Redethema sein sollte. Er fragte nicht und ich fragte nicht.
      Der Vorteil an Rileys Wagen, war die große Ladefläche hintendrauf. Wir kauften gemeinsam für die nächsten Wochen ein, einigten uns auf das Essen und das, obwohl Riley deutlich sagte, was er gerne aß. Auch ich hatte meine Vorstellungen, sodass wir unsere Ausbeute schlussendlich auf nur wenige verschiedene Gerichte festlegten.
      „Sieben verschiedene Gerichte müssten reichen — nur einmal die Woche das gleiche“, sagte Riley gutgelaunt, während er einen weiterem Sack Kartoffeln in den Einkaufswagen legte. „Das sichert zumindest unser Überleben.“
      Auf der Rückfahrt hielten wir am Kindergarten in Canby an. Ich hatte Angst davor, auch Bart von mir wegzuschicken. Er war, von den Pferden abgesehen, das Einzige, das ich aus Norwegen mit in meine neue Heimat nehmen wollte. Der Kindergarten jedoch war ein einfaches Gebäude mit Papierblumen an den Fenstern und einem vergilbten Namen über der Tür. Die Fassade war verstaubt und das Dach reparaturbedürftig und ich nahm mir vor, Bart so lange wie möglich bei mir zu behalten.
      „Gründen Sie doch einfach ihren eigenen Kindergarten“, sagte Riley herausfordernd.
      „Wenn Sie der Kindergärtner werden, Riley“, sagte ich wenig erfreut. Daraufhin lachte er nur, wir stiegen wieder ein und fuhren zurück nach Phoenix Valley.

      Phoenix Valley war ein prachtvoller Name für solch einen entlegenen und einsamen Ort. Und doch wurde mir bewusst, dass er passte, als wir an dem Findling mit dem eingemeißeltem Namen an der Einfahrt vorbeifuhren. Bart war mittlerweile eingeschlafen und auch die Nachmittagssonne hing gewohnt träge am Rand des Himmels.
      „Ich versorge noch schnell Marid, ich komme gleich nach“, sagte ich und verließ das Auto. Riley parkte seinen Laster vor dem Wohnhaus und fing an, die ersten Taschen auszuräumen.
      Marid stand den Tag über auf einer der Weiden. Selbst im Vergleich zu Norwegen war es auch hier nicht besonders einfach für die Pferde, auf dem kargen Weideland ihre Bedürfnisse zu stillen. Der Heubedarf würde im Winter sehr hoch ausfallen und im Kopf zählte ich bereits das Geld, dass noch übrig bleiben würde, wenn dieser vorbei war.
      Marid wartete bereits am Zaun auf mich. Er hatte gelassen den Kopf gesenkt und spitzte die Ohren als ich näher trat. Ich bückte mich unter dem einfachen Zaun hindurch und legte ihm, das Halfter um. Er knabberte sacht an meiner Jacke und meine Hand streichelte ihm beruhigend den Hals. Ich musste nichts sagen, Marid wusste, dass es mir ähnlich ging wie ihm.
      Nachdem ich Marid in die Box am Haus gebracht hatte, ging ich ins geheizte Wohnhaus. Die Wärme schlug mir entgegen und so erdrückend wie sie im ersten Moment war, genauso genoss ich das Gefühl eines Zuhauses.
      Riley hatte bereits die Einkaufstaschen in die Küche gestellt und Bart fand ich in seinem Bett friedlich schlafend. Riley selbst stand im Wohnzimmer vor dem altertümlichen Kamin, den ich die letzten Tage häufiger entfacht hatte. Er tippte auf seinem Handy und blickte auch nicht auf, als ich den Raum betrat.
      „Willst du nicht langsam gehen?“, fragte ich und ging weiter in die Küche.
      „Ich wollte erst noch auf das ‚Danke‘ warten“, rief er mir hinterher. „Aber ich schätze, dass ich da lange bleiben könnte, oder?“
      „Hau einfach ab“, murmelte ich erschöpft und stellte die Kaffeemaschine an, bevor ich mich auf dem Küchenstuhl niederließ.
      Als ich wenig später wieder das Wohnzimmer betrat, war Riley tatsächlich verschwunden und für einen Moment wünschte ich mir, dass er nicht gegangen wäre.

      Zwei Tage später kamen auch die anderen Pferde auf dem Gestüt an. Sie waren allesamt vollkommen erschöpft und ausgelaugt und auch wenn ich eines der teuersten Transportunternehmen angeheuert hatte, steckte bei einigen die pure Anstrengung noch tief in ihren Körpern. Marid war nie ein Herdentier und doch wieherte er den Neuankömmlingen etliche Begrüßungen zu und galoppierte am Zaun auf und ab. Doch nicht nur bei Marid, auch auf dem restlichen Gelände war endlich Bewegung eingekehrt. Ich hatte sie vermisst, fast so sehr, dass ich bei der Ankunft zu weinen begann. Die Anspannung der letzten Tage würde sich nun endgültig legen. Ich hatte mich dafür entschieden, dass nur die Stuten in den Hauptstall ziehen und die Hengste den etwas kleineren Nebenstall bewohnen würden. Wenn der Winter mit all seiner Macht einzog und auch die großzügigen Paddockboxen von Wind und Schnee durchweht wurden, dann würde auch für die Hengste noch genügend Platz im Hauptstall sein. Durch die Trennung erhoffte ich mir jedoch eine möglichst ausgeglichene Atmosphäre.
      Ich hatte Mytos verkauft. Kurz vor unserem Umzug war er ausgezogen, auf ein anderes Gestüt, wo er seinen Fähigkeiten entsprechend versorgt und trainiert werden würde. Ich hatte Marid nichts angemerkt und auch wenn es sein Sohn gewesen war, so schien er ihn nicht zu vermissen. Ich vergöttere ihn dafür, ich hätte Bart nicht weggeben können. Dafür war Rubina geblieben. Sie würde einen Platz ganz vorne im Stall bekommen. Sie liebte die frische Luft und der Trubel am Stalltor störte sie nicht im geringsten. Ja, ich hatte darüber nachgedacht, Marid seiner Manneskraft zu berauben, um ihn und Rubina für immer zusammenhalten zu können, aber ich hatte den Gedanken erstmal verschoben. Es gab wichtigeres.
      Neben Rubina zogen die restlichen Stuten ein. Lady Gweny, Grenzfee, Teufelstanz, Sawanna, Oak‘s Lake Mountain, Raja und auch Fanny Mae, die wir lange versucht hatten zu verkaufen. Nun würde ich ihr doch noch eine Chance geben.
      Auch die Jungpferde würden den Winter über in den Hauptstall ziehen. Sobald der Frühling in Kalifornien einzog, würde ein neuer Offenstall ihr Zuhause sein. Picturesque Diova, Weltfriede und auch LMR Royal Champion, ein mittlerweile fast ausgewachsener Hengst, der im nächsten Sommer eingeritten werden konnte. Den Winter durfte er das Fohlenleben noch genießen.
      Der Nebenstall hatte viel weniger Bewohner. Zusammen mit Marid hatten wir gerade mal sechs Hengste; ZM‘s Zanaro, Osgiliath, Valentines Alysheba, Aspantau und Ghostly Phenomenon. Eine sehr ausgeglichene Herde, wenn auch wohl verantwortlich für Sieg oder Niederlage.
      Mein Geld würde mich bis zum Frühling über Wasser halten, danach waren es die Pferde, die über Shows und Turniere die Einnahmen hochhalten mussten. Würden sie verlieren, dann würde ich es auch. Ich wollte mir diese Niederlage nicht eingestehen müssen, ich wollte nicht als Niemand im Abspann eines Films untergehen. Ich wollte mehr.

      Nach ein paar Tagen wurde ich krank. Riley meinte, dass das psychisch bedingt sei, ich schob es auf das unveränderte Wetter und die eintönige Arbeit im Stall. Ich wollte das Riley nicht sagen, aber ich war es nicht gewöhnt. Riley hatte die letzten Tage häufiger gesagt, dass ich Hilfe brauchte. „Ich habe doch mich und dich“, hatte ich geantwortet. „Reicht das nicht?“
      „Sie werden schon sehen.“ Ja, genau das sah ich jetzt. Ich war krank und ich wusste selbst gut genug, dass der Verantwortliche nicht nur das Wetter war.
      Am Nachmittag kam Riley in mein Zimmer. Er klopfte zwar, öffnete jedoch nach wenigen Sekunden die Tür, sodass ich mich gezwungen fühlte, ihn wieder die Treppen hinabzuschicken. Vollkommen erschöpft, mit tropfender Nase und einer kalten Tasse Tee in der Hand schlürfte ich wenig später zu ihm und Bart herab, der schon den ganzen Tag fernsehen schaute. Charly würde mich eigenhändig in die Hölle schleppen, wüsste sie das.
      „Ich habe hier einen Artikel über ein Turnier gefunden. Sie wollen ja immer nur die Besten hier im Stall — dort werden Sie bestimmt den Besten finden“, begann Riley, sobald ich die letzte Treppenstufe erklommen hatte.
      „Riley, sehen Sie nicht, dass ich krank bin?“
      „Ja, warum?“, fragte er scheinheilig und blickte von der Zeitung auf.
      „Dann sprechen Sie nicht in Rätseln, Sie Idiot“, sagte ich und nahm ihm die Zeitung aus der Hand. „Ich brauche kein neues Pferd.“
      „Nein, nein — Sir“, fügte er noch hinzu. „Kein Pferd, davon gibt es hier wirklich genug. Ein weiterer Helfer. Ich sage Ihnen, ich habe Ahnung von Leuten, die von dem Turnierquatsch die Nase voll haben und bestimmt nicht ablehnen würden.“
      „Sie wollen fremde Leute anquatschen, ob sie für mich arbeiten würden?“, fragte ich zweifelnd. „Sind Sie nun vollkommen übergeschnappt? Woher soll ich denn wissen, ob die wirklich so gut sind?“
      „Sie unterschätzen mich“, sagte er und nahm mir die Zeitung wieder aus der Hand. „Warten Sie nur ab, wenn wir am Wochenende dorthin fahren, werde ich Ihnen die besten Reiter Kaliforniens vorführen und mindestens einer von denen wird für Sie arbeiten wollen. Nur an Ihrer verwelkten Charme müssen Sie noch arbeiten, Kalifornien scheint Ihnen noch nicht so gut zu tun.“
      Riley faltete die Zeitung, wuschelte Bart durch die Haare und verließ die Tür. „He, warten Sie! Riley!“, brüllte ich ihm mit kratziger Stimme hinterher, er antwortete jedoch nicht und ließ mich kopfschüttelnd zurück.
      „Was meint Eli mit verwelkter Scham, Dad?“, fragte Bart und schaute mich mit großen Augen an.

      Ich fuhr am nächsten Wochenende wirklich mit Bart und Riley zu dem Turnier. Das einzige gute daran war, dass auch Vicky uns begleitete. Sie hatte wie immer gute Laune, auch wenn sie es diesmal nicht schaffte, mir meine zu retten. Ich war immer noch krank. Weniger als vor wenigen Tagen, aber in dem Maße, dass ich eigentlich zu Hause im Bett bleiben würde. Riley hatte jedoch kein Mitleid.
      Das Turnier fand in Richtung Küste statt. Es war windig, doch zumindest brach die Sonne hin und wieder die dunkle Wolkendecke auf. „Haben wir zumindest überdeckte Plätze?“, fragte ich während der Fahrt. Riley lachte jedoch nur und meinte, dass wir das nicht brauchen werden, unsere Beute lauert davor. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, gab mich schlussendlich jedoch mit meinem Schicksal zufrieden und versuchte nur noch, den Tag hinter mich zu bringen.
      Rileys Plan war auf den ersten Blick unverständlich und sinnlos. Nachdem wir auf dem viel zu überfüllten Parkplatz angekommen waren und uns in der Masse einen freien Platz gesucht hatten, standen wir zu viert am Eingang des Bereiches für die Reiter und ihre Pferde. Meine Hände waren kalt und selbst wenn ich sie tief in der Jackentasche vergrub, wurde es nicht besser. Bart versuchte eine Laterne hinaufzuklettern und Vicky telefonierte einen Meter weiter. Ich warf Riley einen wütenden Blick zu, er ignorierte mich jedoch seit einer gewissen Zeit und beobachtete angestrengt das Treiben auf dem Platz dahinter.
      „Riley“, sagte ich warnend, erntete jedoch nur eine unwirsche Geste von Riley. „Eli Riley!“, sagte ich nochmals und versuchte bedrohlich zu klingen, was jedoch aufgrund der klappernden Zähne nicht gelang.
      „Ich arbeite“, sagte Riley, ohne mich anzuschauen.
      „Das sehe ich nicht.“
      „Das habe ich nicht erwartet“, murmelte er. Ich wollte gerade etwas erwidern, als er sagte: „Die da, die ist es. Die ist nicht nur unheimlich scharf sondern auch talentiert.“ ich wollte ihn davon abhalten, er streckte jedoch seinen Arm über die Absperrung hinweg, pfiff einmal laut und schrie dann: „He du junges Mädchen mit den schokobraunen Haaren und dem ausgeprägten Gesäß! Ich will mit dir sprechen!“
      „Der ist nicht gefährlich!“, rief Vicky hinterher, die nun aufgehört hatte zu telefonieren. Ich schlug nur mit der Hand gegen die Stirn und hielt mich im Hintergrund. Wie konnte ich nur an diese Menschen geraten.

      Wenig später war Weihnachten. Wir hatten die Kerzen angezündet und saßen nach der Stallarbeit zum gemeinsamen Abendessen beisammen. Die Tagen waren stressig, aber Eli hatte recht behalten und Mary Ann war schnell unersetzbar geworden. Sie war selbstsicher und talentiert und wohnte die Woche über auf dem Hof, während sie die Wochenenden an der Küste bei ihrer Familie verbrachte. Sie war gekommen, einfach so, weil Riley sie gefragt hatte. Erst nicht, doch zwei Tage später hatte ein Taxi sie auf dem Hof abgesetzt und sie war nicht wieder gegangen.
      Im Hintergrund lief amerikanische Weihnachtsmusik aus dem Radio, das einzige, woran ich mich niemals gewöhnen würde. Der Weihnachtsbaum bestand aus einem Stück Holz mit Nägeln und daran hängenden verblassten Christbaumkugeln, doch hatte Bart das sonderbare Stück nicht weniger enthusiastisch geschmückt als die riesige Tanne vom letzten Jahr. Die Kerzen auf dem Tisch hüllten den Raum in einen heterotopischen Ort und es war das erste Mal, dass ich Weihnachten wirklich fühlte. Ich spürte die Sehnsucht, die das vergangene und das kommende Jahr versprach und all die Emotionen, die die Zeit gebracht hatte. Vielleicht lag es ein bisschen daran, dass vor wenigen Tagen ein Paket gekommen war. Der Absender stammte aus Deutschland, doch die Handschrift der aufgeklebten Notiz kam nicht von Charly, sondern von Malte. Wie gefordert hatte ich das Paket erst heute morgen geöffnet. Die Sonne war gerade aufgegangen, Bart ließ ich noch schlafen und zu einer Zigarette am Küchenfenster hatte ich das unscheinbare Paket erst länger betrachtet, bevor ich es zu mir holte. Ich wollte es nicht öffnen. Ich wollte alles hinter mir lassen und egal was es war, es bereitete mir Angst. Schließlich griff ich nach dem Messer in meiner Hosentasche und stach in die Pappe. Ich besiegte meine Angst, indem ich mehrere tiefe Schnitte in die braune Hülle stach, bis die Verpackung vollkommen zerstört vor mir lag. Nun blieb mir keine andere Chance mehr, der Inhalt lang unverpackt da, die Hülle war zerstört und meine Angst gebrochen. Jetzt war sowieso alles egal.
      Es war ein Fotoalbum, mit schwarzem Umschlag und schmucklosen Seiten. Dafür jedoch gefüllt mit bunten Bildern deren Flut und Lebendigkeit mich wahrlich überrollte. Ich schloss das Buch einige Sekunde und erst als ich wieder Luft den Raum betrat, öffnete ich es ein weiteres Mal. Diesmal jedoch vorsichtiger. Malte hatte viele Bilder gemacht. Vor allem von den Pferden, von der Natur und den Menschen, meinen Freunden. Ich sah Charly, Bart wuchs von Bild zu Bild, neue Pferde, neue Freunde, neuer Schritt.
      Die zweite Hälfte des Albums war leer. Ein Zettel klebte in einem der Fächer: „Für das Kommende, wenn die Vergangenheit später deine Stütze sein muss.“
      Eli betrat das Zimmer so eilig, dass ich das Album aus Reflex zuklappte und unter dem Sofa verstaute. „Sie kommt“, hatte er gesagt und ich war ihm nach draußen gefolgt.
      „Weinst du etwa?“ Eli holte mich ruckartig zurück in die Gegenwart.
      „Ich habe Vergangenheit ins Auge bekommen“, brummte ich und wandte mich wieder dem Teller zu. Die Musik drang mit einem Schlag wieder in mein Bewusstsein ein und es fiel mir schwer, entspannt zu bleiben. Als Eli den Blick von mir abwandte, wischte ich mir mit einer schnellen Bewegung über die Augen. Ich hatte nie geweint.

      „Du hast früher nicht geraucht, stimmt‘s?“ Eli hatte sich neben mich gestellt, doch mein Blick war auf die Einöde vor mir gerichtet gewesen, während ich tief den umnebelnden Rauch eingezogen hatte.
      „Möglich“, sagte ich, ohne Eli zu beachten, der sich neben mich auf den Stein mit dem Namen des Gestüts setzte.
      „Das ist ein falscher Weg“, sagte er tonlos und ich merkte, dass er gar nicht versuchen wollte, mich vom Gegenteil zu überzeugen.
      „Egal, Charly ist nicht mehr da.“
      „Liebe ist schon etwas kompliziertes“, sagte er und seufzte.
      Mein Kopf zuckte in seine Richtung. „Ich liebe sie nicht mehr“, sagte ich.
      Eli schüttelte jedoch den Kopf und grinste mich breit an. „Doch das tust du und je mehr du versuchst es dir auszureden, desto schlimmer wird es.“
      Mein Kopf wurde heiß. Die Zigarette landete vor mir auf dem steinigen Boden, wo sie auch liegen blieb. „Wolltest du irgendwas? Wenn nicht, dann lass mich einfach in Ruhe und mach deine Arbeit. Für etwas anderes bezahle ich dich nicht.“ Ich stand und ging mit großen Schritten zurück zum Gestüt.
      „Du liebst sie! Heute — morgen, egal wann, dein Leben lang. Ich weiß wovon ich spreche.“
      Ich blieb ruckartig stehen. „Lügner!“, brüllte ich zurück. „Du weißt gar nichts, GAR NICHTS!“ Meine Finger vibrierten und meine Gedanken setzten aus. Nur die angesammelte Wut sprach aus mir. Nicht die Wut über die Welt, sondern über mich. Ich wusste, dass ich niemanden hassen konnte, so sehr wie ich es versuchte, ich hasste nicht sie, sondern mich. Mich, einen niemand. Ich hasste niemand.
      Ein Lied erklang. Es tönte aus dem Stall, durchdrang das alte Bauwerk; den Stein und das Holz. Das Gestüt war gefangen im Klang der Melodie, die sich verzaubernd über es breitete und alles je gesehene mit ihrer zarten Kraft umhüllend, beschützend um sich schloss. Der Hof versank in diesem Lied und es wurde Frieden. Nur für einen Moment, aber dieser genügte, damit auch ich Frieden schließen konnte. Es war das Lied der friedlichen Weihnacht. Das unbekannte bekam seinen Namen, erhielt doch einen Platz in meiner neuen Welt und ich taufte sie „Song of Peace“, in der Hoffnung, dass sie es mir auf ewig spielen würde. In Gedanken klebte ich das erste Foto auf die erste leere Seite und es war das Bild des Weihnachtspferdes, das Frieden mit sich brachte.
      Als Barts singende Stimme die Melodie übertönte, wurde ich jäh aus meinem Gedanken gerissen und für einen Moment war ich fassungslos, wie sehr mich dieses Lied ergriffen hatte. Das Gefühl war verschwunden, der Gedanke des Friedens mit mir selbst verblasst und die Macht des Schicksals prasselte wieder auf mich ein. Doch eines sollte bleiben. Ich drehte mich zu Eli um, der noch immer einige Schritte hinter mir stand. „Das neue Pferd wird „Song of Peace“ heißen!“, rief ich bestimmend. Dann drehte ich mich um und lief in Richtung Haupthaus, weg von der Musik, weg von Erinnerung und Streit.

      Eli hatte das Pferd ausfindig gemacht gehabt. Als Teil einer Weihnachtsverlosung eines Jahrmarktes zwei Städte weiter, war es an einen unqualifizierten Mann mittleren Alter mit sichtbaren Alkoholproblemen gekommen. Sie war ungestüm und ihre nächsten Schritte nicht vorherzusehen. Eli hatte nachgeforscht und herausgefunden, dass die Stute keine Hengste an sich heranließ, jedoch nur zu diesem Zweck gekauft wurde. Es war ein ewiger Teufelskreis und diese Stute war versank immer mehr in der Rolle eines Problempferdes.
      Ich hatte es erst nicht haben wollen, der neue Besitzer verlangte einen unanständigen Preis, aber nachdem ich mit dem Tierschutz drohte, bekam ich das Pferd für läppische 500$. Es hatte keinen Namen, keine Abstammung, keinen Ausweis und keine Tierarztkontrolle. Wenige Stunden später war es bei uns und noch am selben Tag hatte ich einen Tierarzt gefunden, der sie untersuchte, impfte und uns sagte, dass alles in Ordnung sei. »Mit etwas Glück und Geduld kann sie vielleicht später auch zur Zuchtstute werden, aber ich will nichts versprechen«, sagte der in die Jahre gekommene Mann, während er sich ächzend vom Boden erhob. »Ein hübsches Pferd haben sie da.«
      Ich war an diesem Tag nicht fair zu Eli gewesen. Ich rang ihm das Versprechen ab, alle Kosten, die nicht geplant waren, für das Pferd bezahlen zu müssen und ließ ihn am Abend noch lange den Stall aufräumen. Ein Stück weit bereute ich die Entscheidung zu diesem Zeitpunkt und Eli war wieder das Opfer, das meine Launen aushalten musste.
      Als ich jedoch am Abend eigenständig noch einmal nach dem gemeinsamen Essen in den Stall ging und in die Augen des "Christmas Horse", wie sie Bart zu nennen pflegte, blickte, wusste ich, dass sie hier glücklich werden würde und einen Moment dachte ich auch das gleiche von mir.

      Die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr war eine sehr entspannte Zeit. Ich hatte mich damit abgefunden. Es würde zu Ende gehen, egal was ich tun würde und damit meinte ich nicht nur das Jahr. Doch danach, danach würde ein neues beginnen. So wie jedes Mal und ich würde wieder versuchen aufzublicken und nicht im Augenblick zu verweilen.
      »Lust auf einen letzten Ausritt dieses Jahr?«
      Ich blickte von dem Kalender mit der gesamten Planung für das nächste Jahr auf. Ich stand im Hauptstall und hatte mir bis eben Notizen gemacht, welche Dinge verändert werden mussten und wann das geschehen konnte. Mary Ann stand nun vor mir. Sie war um einiges kleiner als ich und mit ihrer offenen Art sofort zu allen zugänglich. Sie ließ sich von nichts einschüchtern, weder von mir, noch von der vielen Arbeit, die im neuen Jahr auf sie warten würden.
      Ich zuckte mit den Schultern. »Ich habe zu tun«, sagte ich.
      »Das können Sie auch auch noch danach tun«, sagte sie und griff meinen Arm. »Nun los! Das schöne Wetter wird nicht auf uns warten und Eli wartet schon.«
      Ich ließ mich widerstandslos mitziehen. Ich war müde und erschöpft und das seit vielen Tagen und Wochen. Immer nur müde. Ich konnte nicht mehr, die Last der richtigen und falschen Entscheidung lag festgebunden auf mir und ich bereute das vergangene und hatte Angst vor dem Kommenden. Ich fühlte mich in die Enge gedrängt; von mir, der Zeit und den Fehlern, die immer wieder vor meinem Auge auftauchten.
      »Was ist mit Bart?«, fragte ich Mary Ann. Sie hatte mich mittlerweile losgelassen und ich lief ihr nun freiwillig hinterher.
      »Der putzt gerade mit Eli Gweny.«
      »Und die soll er wohl alleine reiten, oder was?«, fragte ich und zog die Augenbrauen hoch.
      »Nein, Sie dummerchen!«, lachte Mary Ann und boxte mir gegen die Schulter. »Ich reite sie natürlich mit ihm zusammen!« Sie grinste mich breit an und drückte mir dann ein Halfter in die Hand. »So und nun los, holen Sie sich ein Pferd. In einer viertel Stunde soll es losgehen.«
      Sie winkte mir zu, verschnellerte ihre Schritte und verschwand zwischen den kahlen Bäumen, hinter denen der Nebenstall lag. Ich blieb einen Moment unentschlossen stehen und blickte auf das Halfter in meinen Händen.
      Eine viertel Stunde später stand ich mit der geputzten und getrensten Grenzfee vor dem Nebenstall. Mary Ann hob gerade Bart in den Sattel von Gweny, während Eli - Grenzfee wich erschrocken einen Schritt zurück, als ich sie mit zwei großen Schritten bis zu Eli zog und ihm die Trense aus der Hand schlug. »Spinnst du?«, schrie ich ihn an. »Nimm gefälligst ein anderes Pferd.«
      »He, Nico!«, sagte Eli abwehrend, schob mich ein Stück von sich weg und hob die Trense wieder auf. »Diese Stute ist zwar neu, aber nicht blöd.« Vollkommen entspannt versuchte er den Staub von dem Leder zu wischen, eine Spur blieb jedoch zurück.
      »Bring das Pferd zurück und hole dir eins, was deinem Niveau entspricht, Eli«, knurrte ich.
      Die Bemerkung traf ihn und ich merkte, wie er ein Stück von seiner hohen Position herabkletterte.
      »Ich kann das genau so gut!«, verteidigte er sich und trenste die Stute demonstrativ auf.
      Ich wollte gerade erneut anfangen Eli zurechtzuweisen, als Mary Ann dazwischen kam. »Nun ist aber gut Nico. Eli schafft das, er hat die letzen Tage fleißig mit Song gearbeitet und mir zugeschaut. Vertrauen Sie ihm.«, sagte sie und drückte mir mit einem letzten Blick einen Helm in die Hand.
      »Den brauche ich nicht!«, rief ich. »Ich kann reiten.«
      »Das weiß ich, trotzdem setzten Sie ihn auf!«, rief Mary Ann zurück und kletterte hinter Bart auf den Sattel.
      Ich knurrte und blickte dann wieder Eli an. »Das ist die einzige Chance, die ich dir gebe«, sagte ich und stieg dann selbst in den Sattel.
      Eli war in meinen Augen kein geschickter Reiter. Er übte viel und versuchte sein Bestes, aber Mary Ann war einfach ein Naturtalent und das musste er endlich einsehen. Sie war jung und einfühlend, mit dem richtigen Maß an Schärfe, dass bei den schwierigen Pferden auf dem Hof von Nutzen war. Sie konnte es einfach, lernte ohne es zu wollen und erzielte die besten Erfolge auf dem Rücken der Pferde.
      Der Ausritt blieb trotzdem gemütlich. Eli hatte die hübsche Wunderstute Song of Peace mit der ständigen Hilfe von Mary Ann gut im Griff. Immer wieder sah ich, wie Mary Ann versuchte, Eli Tipps zu geben und immer wieder verstohlene Blicke zu mir warf. Ich ließ mich etwas zurücktreiben und Grenzfee unter mir genoss den langsamen Spaziergang sichtlich. Entspannt hatte sie den Kopf gesenkt und roch links und rechts immer wieder an Baum und Strauch. Bart lachte laut auf und auch Eli und Mary Ann stimmten mit ein. Grenzfee zuckte nur kurz mit den Ohren, doch Song machte einen Ausweichschritt zur Seite und blieb mit überkreuzten Beinen am Wegesrand stehen. Das Lachen hörte schlagartig auf, Eli warf einen Blick zu mir und brachte die Stute dann jedoch wieder zurück auf den Pfad. Von da an ließ auch er sich etwas zurückfallen und konzentrierte sich mehr aufs Pferd, als auf die Geschichten, die Mary Ann Bart zu erzählen wusste.
      Wenig später hatte sich die Konstellation geändert. Ich hatte mit Grenzfee zu Mary Ann, Bart und Gweny aufgeholt, während Eli und Song hinter uns ritten. »Ich werde wohl nach ein paar guten Reitbeteiligungen Ausschau halten müssen. Die Pferde brauchen mehr Bewegung«, sagte ich zu Mary Ann.
      Sie nickte zustimmen. »Wenn ich über das Wochenende nach Hause fahre, kann ich mich dort mal umhören. Ich kenne noch ein paar Freunde von früher, vielleicht haben die Interesse.«
      »Ich möchte nur die besten«, sagte ich. »Ich vertraue dir.«
      »Natürlich«, sagte Mary Ann. Bart begann zu kichern und wir schauten beide auf ihn herab. »Was ist denn daran so witzig?«, fragte Mary Ann lachend.
      »Du klingst wie der Auftraggeber Dad und Mary wie ein Auftragskiller!«, wieder lachte er und Mary Ann musste ihn festhalten, damit er nicht vom Pferd fiel.

      Als es Abend wurde, Mary Ann war bereits nach Hause gefahren, auch Eli würde das Wochenende bei seiner Schwester verbringen und Bart lag im Bett, ließ ich mich erschöpft in den Sessel fallen. Ich schloss meine Augen und dachte an das vergangene Jahr.
      Als ich die Augen jedoch wieder öffnete, fiel mein Blick auf den leuchtende n Knopf des Festnetztelefon, das in dieser Einöde nötig war, da hier ansonsten kaum Möglichkeiten von Empfang bestanden. Ich streckte meinen Arm aus, drückte eine Taste und ließ mich wieder in den Sessel gleiten. »Sie haben eine neue Nachricht«, sagte das Gerät, dann piepte es einmal laut und eine mir bekannte Stimme sagte: »Hey Nico. Ich konnte dich vorhin leider nicht erreichen, aber rufe mich doch einfach mal zurück. Viele Grüße und schonmal ein schönes neues Jahr, falls wir uns nicht nochmal hören.«
    • Wolfszeit
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      01.02.2018|Calypso
      Kontrolle
      Ich war mal wieder in den Staaten unterwegs und klapperte dort alle Termine ab die ich hatte. Zuerst ging es nach Nord Kalifornien zu Nicolaus du Martin und seinem Vollblut Hengst Osgiliath. Ich war gespannt was mich erwartete, denn es stand seit langem mal wieder eine Zahnbehandlung auf dem Programm. Gegen Mittag fuhr ich auf das Gelände und parkte in Stall Nähe. Zuerst kam alles sehr verlassen rüber, vermutlich machten sie Mittagspause, aber da kam ein doch sehr stattlicher Mann aus den Stallungen und stellte sich mir als Nicolaus du Martin vor. Ich nahm seine Hand zur Begrüßung und ließ mir von ihm den heutigen Patienten zeigen. Ein sehr schönes Tier aber man konnte ihm jetzt schon ansehen das er nicht sonderlich erfreut war mich zu sehen. Nicolaus erzählte mir kurz wie man Osgiliath händeln müsste und es nicht ganz einfach werden würde. Ich war noch voller Zuversicht und winkte schnell ab „Bis jetzt hat noch jedes Pferd mit mir kooperiert.“, aber ich würde wohl schnell vom Gegenteil überzeugt werden. Er holte sein Pferd raus und ich konnte mir schon mal einen ersten Eindruck verschaffen. Osgiliath sah sehr gut aus, bemuskelt, schlank, trainiert, glänzendes Fell. Als ich ihn abtastete hielt Nicolaus ihn direkt am Halfter fest, sodass er mit seinem Kopf nicht in meine Nähe kam. Der Gute hatte nämlich schon versucht nach mir zu schnappen. „Ich weiß du kennst mich nicht und alles ist in deinen Augen jetzt doof, aber wir werden uns jetzt kennenlernen müssen.“ so redete ich leise mit dem Pferd während ich ihn untersuchte. Als ich ihn mit dem Stethoskop abhörte hielt er endlich mal still und es schien so als hätte er sich seinem Schicksal ergeben. „Lauf mit ihm bitte mal im Schritt und Trab den Weg entlang.“ bat ich Nicolaus und sah mir den Bewegungsapparat von Osgiliath genau an. Man sah sofort das er auf der Rennbahn Zuhause war. Als ich alles gesehen hatte was ich brauchte, winkte ich die beiden wieder zu mir und bereitete die Impfungen vor. Jetzt begann ein Prozedere das ich so noch nicht erlebt hatte. Ich war noch nicht mal an ihn heran getreten da legte er die Ohren an, riss die Augen weit auf und zog wie wild am Strick. Nicolaus hatte alle Hände zu tun und ich versuchte ihn zu tätscheln und zu beruhigen. Kurz bevor ich die Nadel ansetzte stieg er doch tatsächlich und Nicolaus ruckte am Strick und ließ ein lautes „Hey“ ertönen. Ich nutzte meine Chance als der Hengst wieder am Boden war und stach schnell zu. Gut das war jetzt auch geschafft.

      Ich machte mir Gedanken wie ich jetzt weiter fortfahren würde. Osgiliath hatte sich als nicht sehr kooperativ heraus gestellt und um ihm und mir auch Stress zu vermeiden, hielt ich eine Sedation für sinnvoll. Ich teilte dem Pferdebesitzer meine Pläne mit und klärte ihn darüber auf was eine Sedation bedeutete. Osgiliath würde nicht richtig schlafen, nur etwas ruhig gestellt sodass er weniger von allem mitkriegt. Nicolaus war einverstanden und so bereitete ich alles vor. Den Hengst zu sedieren gelang erstaunlich schnell und nach wenigen Minuten sank sein Kopf schon etwas und die Augen sahen müder aus. Ich legte ihm mein Dentalhalfter an und befestigte das Seil über einen Balken, so konnten wir seinen Kopf in richtiger Position halten, das übernahm Nicolaus. Zuerst verschaffte ich mir einen Eindruck über die Schneidezähne und sah mir alles ohne Hilfsmittel an. Dann brauchte ich aber doch das Maulgatter um zu den hinteren Backenzähnen sehen zu können. Es war jetzt so viel angenehmer zu arbeiten ohne großartig aufzupassen wann die nächste Attacke vom Pferd los ging. Im großen und ganzen sah das Gebiss einwandfrei aus, hier und da ein paar Stellen wo die Backenzähne nicht gleichmäßig abgenutzt waren aber das war normal. Hier konnte ich in Ruhe mit der Handraspel ans Werk gehen. Fast eine Stunde hatten wir gebraucht und ich befreite meinen Patienten von den lästigen Halftern. Noch etwas neben der Spur stand er da aber so langsam sollte die Wirkung nachlassen. Ich erklärte Nicolaus nochmal das Osgiliath noch ca. 2 Stunden etwas unter Beobachtung sein sollte, bis die Wirkung komplett nachgelassen hat, und es sein kann das er vielleicht noch nicht normal frisst aber sich das geben sollte. Wenn nicht einfach mich nochmal kontaktieren. Mit einem Handschlag verabschiedeten wir uns voneinander und ich nutzte die Gunst der Stunde den Hengst nochmal zu streicheln, ohne das er versuchen würde mich zu verscheuchen.
    • Wolfszeit
      Hufschmiedbesuch
      01.02.2018|ceres
      Ausschneiden & Kontrollieren
      Der Weg heute war nicht weit, das Gelände unbekannt und der Auftraggeber doch ein alter Bekannter. Nicolaus du Martin hatte zu meinen ersten Auftraggebern in der Ferne gehört und nun ein neues Gestüt in der Nähe des Modoc National Forest gekauft. Im Vergleich zum Alten war es weniger gut erhalten, besaß jedoch alles grundlegende, um der neuen Vollblutzucht gerecht werden zu können.
      Es war früher Morgen und Nicolaus sah nicht besonders erfreut darüber aus. Einer seiner Helfer hatte dafür schon die drei Pferde geputzt und vor dem Stallgebäude festgebunden, sodass mir nun nur noch die Qual der Wahl blieb, mit welchem ich beginnen würde.
      Ich entschied mich für einen unruhigen Schimmel namens Osgiliath. Er stand etwas abseits und ich merkte, dass seine Geduld nicht gerade groß war. Ich machte ihm die Freude und bat Nicolaus, ihn abzubinden und mir vorzuführen. Seine Hufe waren trotz des weichen Bodens stark abgenutzt und Nicolaus erklärte mir, dass dieser vor allem im Winter schnell zu einer Schicht aus purem Stein werden kann, wenn der Frost sich festsetzt. Ich versuche mein bestes, um die Hufe wieder hinzubekommen, rate dem Besitzer aber auch, über einen Beschlag nachzudenken.
      Ich schneide die Hufe aus und zurechtzufeilen und sie wieder zu ihrem alten Glanz zurückzuhelfen. Zum Schluss gebe ich noch etwas Huffett zur Stabilisierung an Nicolaus weiter und bitte ihn, dieses regelmäßig auf seine Hufe zu geben.
      Dann wende ich mich dem nächsten Pferd zu, während Nicolaus Helfer Osgiliath zurück in seine Box bringt.
    • Wolfszeit
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      30.09.2018| Wolfszeit
      Colin| Heute sollte ein neues Pferd kommen. Es war ein super toller Vollblut Hengst. Doch er ist leider in einem sehr schlechten Zustand. Ich hatte ihn im Internet entdeck. Eigentlich war ich auf der Suche nach ein, zwei Wanderreitpferden die auch etwas schwerere Reiter. Dabei war ich per Zufall auf Osgiliath gestoßen. In der Anzeige war mir gleich aufgefallen, dass er in sehr schlechter Haltung war. Ich informierte sofort den Tierschutz. Genau dieser würde heute den Hengst bringen. Also machte ich mich auf in den Torstall um die Box herzurichten. Damit er sich in Ruhe einleben kann bekommt er die Einzelbox im linken Torstall. Danach bereitete ich die zweite Koppel vor und stellte Sasancho, Carry On My Wayward Son, Captain Morgan, All Hope Is Gone, Nabuko und PFS Caruso auf die Koppel. Als ich damit fertig war, war auch schon der Hänger mit dem Schimmel da. Zusammen mit dem Mitarbeiter des Tierschutzes lud ich den Hengst aus er war sehr nervös. Ich ließ den Hengst erst einmal sich etwas beruhigen bevor ich ihn kurz um den Hof führte. Schon jetzt konnte man unter der Decke sehen wie abgemagert der Hengst war. Sein Fell war stumpf und unter den Transportgamaschen ließ sich auch der miserable Zustand der Hufe erahnen. Nach dem der Hengst sich ein wenig entspannt hatte ließ ich ihn erstmals auf die Koppel.
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  • Album:
    Stàballan Madadh-Allaidh
    Hochgeladen von:
    Wolfszeit
    Datum:
    7 März 2020
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    Height:
    640px
     

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  • OSGILIATH
    Stad in Mittelerde
    Portrait folgt

    EXTERIEUR
    Geschlecht: Hengst
    Geburtstag: 00.00.2007/7 Jahre
    Geburtsort: Unbekannt

    Rasse: Englisches Vollblut
    Stockmaß: 175 cm
    Gewicht: 689 Kg
    Deck-|Langhaar: Rappschimmel | Schwarz
    Abzeichen| Scheckung: v.l;h.l. Socke, h.r. Weißer Kronrand
    Gencode:EeaaGg

    STAMMBAUM

    von: Obcession
    von: Oberon | aus der: Qualité
    von: Unbekannt| aus der: Unbekannt| von: Unbekannt | aus der: Unbekannt

    aus der: Kahyla
    von: Pageno | aus der: Kandela
    von: Unbekannt | aus der: Unbekannt | von: Unbekannt | aus der: Unbekannt

    INTERIEUR | BESCHREIBUNG

    Rufname:Ossy

    aggressiv, aufmerksam , vertrauensvoll

    Osgiliath ist ein sehr unangenehmer Gefährte, dann, wenn man ihm seinen Freiraum nicht lässt. Das wichtigste ist, ihm zu vertrauen. Er bemerkt alles, keine Bewegung bleibt ihm verborgen und so sollte man sich in seiner Gegenwart nie unerwartet bewegen. Er ist nicht schreckhaft, aber allem was er nicht versteht, begegnet er mit Aggressivität.
    Auf der Weide, aber auch unter dem Sattel beweist er gerne seine Stärke und liebt Herausforderungen, vor allem dann, wenn er gewinnt

    Wir haben den Hengst in einer Anzeige bei einem Händler entdeckt. Er war in schlechte Körperlicher Verfassung. Wir haben ihn zusammen mit dem Tierschutz gerettet.

    Weide/Weidepartner: Avicii, Liliada, Rosendaler, Black Lady & Mas'uda
    Unterbringung: Box 8, Hauptstall
    Einstreu: Stroh

    Letzter Tierarztbesuch:00.00.0000
    Chipnummer: folgt

    Gesamteindruck: Gesund
    Akute Krankheit/en: periodische Augenentzündung
    Chronische Krankheit/en: keine
    Erbkrankheit/en: Keine


    Letzter Hufschmiedbesuch:00.00.0000
    Ausgeschnitten/Korrigiert: nie
    Hufbeschaffenheit: Gut
    Hufkrankheit/en: Keine
    Beschlag: Barhuf


    AUSBILDUNG & QUALIFIKATIONEN
    Eignungen: Springen|Galopp

    Springen: L
    Military: E
    Dressur: E
    Distanzrennen: E
    Western: E
    Galopprennen: S*
    Fahren: E


    TRAININGS - INFOS
    Fohlen ABC
    Jungpferdeausbildung
    Bodenarbeit ✔


    ERFOLGE

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    375. Galopprennen | 376. Galopprennen | 381. Galopprennen | 222. Synchronspringen | 463. Dressurturnier

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    463. Springturnier | 345. Militaryturnier | 464. Springturnier | 465. Springturnier
    PFERDEPASS

    Gekört: Ja
    Schleife:
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    Gewinnerthema: HK 494
    Eingetragene Zucht: Whitehorse Creek Stud
    Decktaxe: 0 Joellen
    Körnote: 7.6
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    Herkunft | Züchter: Wolfszeit

    Nachzucht: 1/10
    PV Gräfin - *2015 (aus der Grenzfee)

    Satz des Phytahgoras - *2010 aus der Bree
    BESITZERLEGENDE
    Besitzer/Besitzerin: Wolfszeit
    Vorbesitzer/Vorbesitzerin: Canyon
    Verkaufsrecht/Ersteller: Wolfszeit
    Reitbeteiligung/Trainer:

    zu Verkaufen : in frühstens 1 Monat
    Kaufpreis: 400 J.

    Spind/PNG/Puzzle PNG