adoptedfox

♔ Valentine's Cantastor

Englisches Vollblut | Hengst | Dunkelbrauner | Decktaxe: 290 J.

♔ Valentine's Cantastor
adoptedfox, 19 Juni 2018
    • adoptedfox
      Cantastor an der FS 175 für Vollblüter
      Kühler Herbstwind bließ über die Wiese und ließ mich fösteln. Cantastor bekam bereits sein Teddyfell für den Winter. Wir waren gerade auf den Weg in die Halle in der wir heute unseren zweite Fohlenschau bestreiten würden. Nachdem wir aufgerufen worden waren hatte ich mich sogleich auf den Weg gemacht. In der halle war es angenehm warm auf dem Weg zu X wurde mir schließlich wärmer.Im Schritt nährte ich mich X. Dort hielt ich und versuchte das Cantastor einigermaßen geschlossen zum stehen kam. Schließlich grüßte ich noch freundlich bevor ich mich auf machte in einer kleine Kür die Grundgangarten des Hengstes zu präsentieren. Zunächst wechselte ich auf die Ganze Bahn und trabte an. Gehorsam folgte Cantastor mir. An einem Punkt vollführte ich zusammen mit dem Hengstchen eine zehn Meter-Volte. Elegant bog sich das junge Fohlen in die leichte Kurve. Canastor besaß eine recht gute Beinaktion und warf die Vorderbeine weit nach vorn. Nach der Volte parierte ich zum Schritt machte ein aus der Ecke kehrt und trabte danach erneut an diesmal liefen wir zusammen eine Schlangenlinie mit zwei Bögen, In der Ecke rannte ich nun schneller un es gelang mir gerade so mit den Vollblutfohlen Schritt zu halten. Mir genügte jedoch eine kleine Seite. Cantastor war jedoch anderer Meinung und machte einen kleinen Buckler nach vorn,sodass es mir den Strick ein Stückweit durch die Hand zog. Ich packte fester zu und brachte das Fohlen zum Trab und kurz darauf zum Schritt. Der kleine war frech und testete zuweilen noch sehr aus. Nun hatte ich seine Gangarten präsentiert und es folgte das geforderte Kunststück.Mit dem verspielten und frechen Charakter Cantastors war es nicht einfach gewesen eines auszuwählen was später negativ werden könnte. Doch eines hatte sich gerade Aufgrund seiner Verspieltheit angeboten. Ich machte ihn ab. Erwatungsvoll mit nach vorn gerichteten Ohren blickte er mich an. Ob er wohl ahnte was nun kam? Wie beiläufig lief ich quer durch die Halle und ließ einen meiner Handschuhe fallen. Ich lief einfach weiter und achtete nicht direkt auf Cantastor bis ich einen kleinen Stupser im Rücken verspürte. Dann drehte ich mich um und in dem Mäulchen des Fohlens befand sich mein Handschuh. Ich schob ihm schnell ein Leckerli unter die Nüstern. Um zu zeigen das dies kein Zufall war machte ich dies nun auch noch mit dem Strick mit dem selben Ergebnis. Schließlich machte ich ihn wieder fest und kehrte zu X zurück. Nach dem grüßen der Richter verließ ich mit Cantastor im Trab die Halle. Heute hatte er sich gut angestellt,sodass er sich kuscheleinheiten redlich verdient hatte.

      Cantastor an der FS 178 für Englische Vollblüter
      Heute würde ich das erste Mal mit Cantastor an einer Fohlenschau teilnehmen. Der kleine Hengst war ein wenig hibbelig da ja so viele andere Fohlen hier waren. Doch dennoch gab er sich recht brav. Jedoch knabberte immer wieder an meiner Jacke herum. Manchmal war er echt frech. Nun endlich kam unsere Vorgängerin aus der Halle und prompt kam unser Aufruf: "Magena mit dem Hengstfohlen Valentines Cantastor bitte in die Halle." Entschlossen packte ich den Führstrick fester und Schritt voran in die Halle. Leichten Schrittes folgte das Fohlen mir. Ich hielt bei X an und grüßte mit einem Lächeln auf den Lippen die Richter. Ein freundliches Nicken kam zurück. ehe sie sich erhoben um den Hengst zu untersuchen. Während sie dabei waren seinen Rücken, die Beine und den Kopf zu begutachten stand Cantastor da und blickte neugierig einher. Als einer der Richter an seine Beine kam knabbelte das Hengstchen an dessen Po herum. Mit einem breiten Grinsen zog ich seinen Kopf zurück. Als die Richter schließlich wieder auf ihren Plätzen saßen startete ich zu der kleinen Kür. Zunächst lief ich auf dem Zirkel und trabte an. Cantastor war zwar relativ schnell doch ich konnte gut Schritt halten. Nach einer Runde verblieb ich auf der ganzen Bahn und vollführte an der langen Seite eine einfache Schlangenlinie. Danach parierte ich zum Schritt bei Kar hielt ich an und ließ Cantastor rückwärtstreten. Brav machte er ein paar Schritte rückwärts doch dies langweilte ihn. So griff ich nach dem Panikhaken zog daran und Cantastor war frei. Das Fohlen war ein Englisches Vollblut, eine Rasse die gezüchtet wurde um Rennen zu laufen es war ein Witz zu behaupten dort mitlaufen zu können. Canastor nutzte seine gewonnene Freiheit und lief im leichten Galopp um mich herum. Dann jedoch fand er Gefallen daran zu rennen und schließlich preschte er los. Verspielt warf er immer wieder die Beine in die Luft und vollführte ulkig aussehende Buckler. Ich zeigte beide Seiten einmal den Galopp ehe ich mich leicht hinhockte. Aus einem mir unerklärlichem Phänomen fand er dies immer sehr interessant ,sodass er auf mich zu getrabt kam. Kurz bevor er mich erreichte wechselte er in den Schritt um dann vor mir zu halten. Ich griff nach dem Halfter und machte unter einigen Anstrengungen den Führstrick wieder daran. Nun kehrte ich wieder zurück zu Punkt X. Dies stellte sich jedoch als etwas schwieriger heraus da Cantastor nach seinem Spiel weder stehen wollte noch wollte er sich langsam bewegen. Ihm hatte dieses Rennen offensichtlich sehr viel Spaß gemacht. Während ich also in vollkommener Ruhe die Richter grüßte tänzelte Cantastor spielerisch neben mir. Ich ließ mich nicht beirren und verließ mit einem leicht hibbeligem Pferd die Halle. Offensichtlich war er kein bisschen erschöpft. Dennoch war ich sehr zufrieden mit ihm und in der Box erhielt er eine Möhre von mir.

      Cantastor an der HK 415 für Hengste mit schwarzen Beinen
      Eine kühle Leere umhüllte die Umgebung und ich nahm nur das Atmen meines Hengstes Valentines Cantastor wahr. Ich spürte wie sein und mein Herz aufgeregt pochten und es nahezu zu zerreißen drohte. Ein Windzug war zu spüren, der langsam und ausbreitend an uns herankroch. Die Kühle heute war verdammt unschön und es machte langsam keinen Spaß mehr, in der vornehmen Reitkleidung zu stecken und durchgefroren auf den herbeisehnenden Aufruf zu warten. Als mir ein kühler und kratzender Schauer über den Rücken lief, kam der Aufruf im Nu: ,,Wir bitten nun Tipper mit Valentines Cantastor in die Halle!“, krächzte eine helle Männerstimme aus dem Lautsprecher und verstummte ruckartig. Daraufhin öffneten sich die Hallentore, ein warmer Zug kam uns entgegen geströmt und es schien viel wärmer zu werden. ,,Los Hübscher!“, schmunzelte ich und gab ihm Schenkelhilfen, sodass mein Englisches Vollblut in einen lockeren Trab viel. Seine engelhaften Bewegungen brachten uns gemeinsam zur Mitte der Halle, wo Canti genauso federnd zum stillstand kam. ,,Guten Tag!“, grüßte ich und reckte meinen Reiterhelm kurz hinab und saß ihn wieder auf. Auch die Richter grüßten höflich zurück und ich drehte meinen Hengst auf die kleine Bahnseite und schnalzte. Sofort bewegte sich Cantastor im Schritt vorwärts, wir ritten zum Hufschlag und machten eine Volte, woraufhin wir auf den Zirkel ritten und ich ihm Schenkelhilfen gab, sodass er anfing zu Traben. Mit raumgreifenden Tritten, absolvierte er eine saubere Zirkelrunde und ich tätschelte ihn auch sofort für sein Können. Dann wendete ich ihn zur folgenden Bahnfigur, eine schöne Galopprunde in der Acht. Valentines Ohren waren die ganze Zeit nach hinten gerichtet und das war auch gut so. Er schien gut zu hören, sogar auf mein kleines ,,Los Galopp!“, reagierte er schnell. Es war unsere erste Kür mit Sattel, doch er schien gut mitzuarbeiten, was ich am Anfang bezweifelte. Als wir auf die Acht ritten, machte er saubere Kurven und legte sich ins Zeug, er hatte einen bequemen Galopp. Die Acht ritten wir zweimal und hatten sie sauber abgeschlossen, also lobte ich Valentines wieder und wechselte nun aus der Acht heraus. Währendessen war eine kleine Hürde aufgebaut worden, sofort rutschte mir mein Herz, ich hatte noch nie zuvor ein Hindernis, im Sattel von Valentines Cantastor überwunden und jetzt war es eine der Aufgaben... ,,Das schafft du Tipper!“, redete ich mir ein und lenkte meinen Hengst in die Richtung des Hindernisses. Sofort fiel er in einen vorsichtigen, aber dennoch langsamen Galopp. Unter uns wirbelte der Sand auf und ich lehnte mich sanft nach vorne, der Sprung kam immer näher, ich riss mich zusammen und plötzlich... Ich fühlte es, Cantastor sprang ab und flog in die Höhe, meine zusammengekniffenen Augen ließ ich wieder entspannen und öffnete sie, tatsächlich wir sprangen. Ich staunte und freute mich innerlich. Dann landeten wir und ich hielt mich oben, ich quietschte leise vor Freude und parierte Cantastor wieder durch, zum Schritt und wendete ihn in die Mitte: ,,Valentines Cantastor hat eine ganz eigene Persönlichkeit, er ist einzigartig und wirklich neugierig. Er hat eine außergewöhnliche Farbe, namens Dark Bay. So könnten seine Nachkommen die Farbe erben und weitervererben! Er macht sein eigenes Ding und hält sich nicht an andere, trotzdem kann er wirklich gut mitarbeiten, was man heute sicherlich mitbekommen hat!“, erzählte ich stolz den Richtern und lobte daraufhin meinen Hengst. Lächelnd verabschiedete ich mich und ritt im eleganten Trab aus der Halle. Ich war total glücklich!

      Cantastor an der BHK 421 für Vollblüter
      Heute ging es wieder auf eine Körung. Die meines Hengstes Cantastor. Einige Tage hatten wir nun unsere Kür gut eingeübt. Ich hoffte das der Brechdachs heute nichts falsch machte,weil er die Zuschauer unterhalten wollte. Leise seufzend ging ich noch die ganze Kür durch. Cantastor hatte seine Ohren wieder überall nur wiederum nicht bei mir,als ich ihm was sagte. Das er mal etwas still halten sollte. Ich putze rasch über ihn nochmals drüber,ehe ich ihn bandagierte. Dieses helle Blau passte perfekt zu ihm. Und passend zur hellblauen Satteldecke. Ich sattelte ihn rasch und trenste ihn noch. In der Halle würde gerade der Sprung der letzten vor uns abgebaut. Vielleicht hätte ich auch einen einbauen sollen,nur einen kleinen... Naja nun war es z spät. Ich stieg vorsichtig auf und nahm die Zügel in die Hand. Meine Beine schmiegten sich an den Bauch des jungen Hengstes unter mir und er lief im flüssigen Schritt zur Halle. Tief atmete ich ein,lauschte den Hufen auf dem Teer,ehe die Ansage kam. ,,Dann mal los.'',entfleuchte es mir mit einem kleinem Seufzer hinter her. Ich war sichtlich nervös aber dieses mal schien es Cantastor nicht so auszunutzen. Ich nahm die Zügel auf,trieb Cantastor noch etwas so das er in einem feinem Trab durch die Halle fegte. Ich trieb ihm samt Gewichtslagerung und Schenkelarbeit zu der Mittellinie dann auf X. Dort parierte ich ihn. Ich blickte zu den Zuschauern dann zu den Richtern. Kurz nickte ich diesen zu und schmunzelte dabei. Nahm die Zügel etwas mehr auf und Cantastor senkte seinen Kopf noch etwas mehr,begann auch schon zu kauen. Ich schmunzelte,hoffentlich blieb der so vernünftig. Ich trieb ihn in den Trab und auf den unteren Zirkel. Dort lief er einmal versammelt entlang,bald schon eine Passage. Naja. Dann ging es mit einem Traversale auf den anderen Zirkel nach oben,auch wieder in diesem feinen Trab. Ich wechselte auf den mittleren Zirkel,galoppierte dann Cantastor mit einer feinen Hilfe an. Brav lief er den Zirkel entlang,ehe ich mit ihm durch die ganze Bahn preschte. Kurz buckelte er doch er ließ sich wieder einfangen. Auf einer der langen Seite machte ich eine einfache Schlangenlinie im Galopp,wo er dann auch kurz den fliegenden Galoppwechsel machte. Ich ritt im Galopp auf die Mittellinie,ließ ihn dort eine Pirouette machen. Schließlich ließ ich ihn bis A wieder hin galoppieren ehe ich nach rechts abwandte und ihn zum Schritt durch parierte Nun am längeren Zügel lief ich wieder mit ihm die ganze Bahn entlang,er machte sich schön lang und ich lobte ihn. Kurz sah ich zu den Richtern ehe ich mit ihm durch die ganze Bahn wechselte. Ehe ich dann mit ihm bei X hielt und zu den Richtern sah. ,,Cantastor sollte gekört werden aufgrund der guten Abstammung,sowie den super Gängen,die er sicherlich vererben würde. Der freche Charakter verleiht ihm nochmals extra was.. tolles. Im großen und ganzen ist er ein Top-Pferd,welches auch gut für eine Zucht wäre,dort besteht kein Zweifel!'',lächelte ich,war diesmal knapp mit der Rede,aber mir schickte es. Ich nahm die Zügel wieder auf,ehe ich schnalzte. Kurz zeigte er eine kleine Piaffe ehe ich mit ihm hinaus trabte,als ich mich verabschiedet hatte.

      Cantastor ist wieder im Rennen!
      Nervös trat Cantastor auf der Stelle, Ich hatte mehr Glück als alles andere als Ich die Steigbügel einstellte und mein Jacket richtete. Soviele Menschen auf einem Haufen, das war Cantastor nicht geheuer. Ich lehnte mich nach vorn und kraulte dem Burschen zwischen den Ohren um Ihn etwas zu beruhigen bevor wir in die Halle eintraten wo wir definitiv auf uns allein gestellt sein würden. Nur 6 Augen werden uns verfolgen und jeden kleinen Tritt aufsaugen, Ihn bewerten. Sie werden jeden Fehler sehen, verdammt, jetzt werde auch Ich nervös. Ich atmete tief durch und ritt vor die Halle, deren Tore sich gerade öffneten und unsere Namen durch die Lautsprecher durch die Ränge hallten. Ich parierte Ihn bei X durch in den Stand und begrüßte die Richter mit einem kurzen Wink in Richtung meines Zylinders. Darauf nahm Ich die Zügel wieder auf und galoppierte aus dem Stand an und wechselte auf die ganze Bahn. Auf E wechselten wir im Galopp durch die halbe Bahn und fädelten uns im Uhrzeigersinn auf F ein wo Ich Cantastor durchparierte in den Trab und eine Volte ritt. Auf A ritten wir in Schlangenlinien durch die Ganze Bahn um auf C in den Schritt zu parieren. Das Programm wechselte und wir wurden auf den kleinen Platz bei C gelotst wo ein Stallbursche mit einem Wassereimer angelaufen kam und Ihn Cantastor anbot. Dieser stecke natürlich sofort seine Nase in den Eimer und sog das frische, klare Wasser ein. Ich nahm meinen Zylinder ab und setzte meinen Reithelm auf, verschnallte diesen sicher und beobachte die vielzahl an Männern die Hindernisse im Parcours aufbauten. Ich kannte dies nicht, hatte es aber vorher im Ablaufplan gelesen und konnte uns so optimal vorbereiten. Als die Wagen den Platz verließen öffnete sich unser Tor wieder und wir ritten im Trab in die Halle wo wir schnell in einen Galopp fielen. Ich verschaffte mir einen Überblick, die Sprünge waren alle gleich hoch, aber unterschiedlich aufgebaut. Ich visierte den ersten Sprung an, nahm die Zügel an und trieb Cantastor an. Er sprung etwas zu früh ab, flog jedoch federleicht darüber hinweg und landete sanft. Die doppelten Sprünge waren für Cantastor kein Problem, er sprang rechtzeitig ab, Ich ließ Ihm die Zügel sodass er sich rund machen konnte und wir meisterten alles perfekt. Nun fehlte nur noch 1 Sprung. Ich visierte Ihn an, trieb Cantastor an und da war es, wir sprangen zu früh ab. Ich sah an seinem Körper herab, beobachtete die Stangen. Mein Kopf drehte sich nach hinten und Ich beobachte beinahe in Zeitlupe wie Cantastors Hufe die oberste Stange striffen. "Verdammt!" schoss es mir durch den Kopf und Ich biss mir auf die Unterlippe. Die Stange wippte in der Halterung, blieb aber liegen. Ich jubelte innerlich, parierte Cantastor durch und ritt Ihn vor die Richter wo wir uns verabschiedeten. Als wir die Halle verlassen hatten riss Ich die Arme in die Luft "Hast du das gesehen? Verdammt, das war so knapp!" rief Ich meiner besten Freundin zu die uns begleitete und schwang mich aus dem Sattel.

      Vorbereitungen für die nassen Monate
      Der Nebel zog noch sanft über die Weiden, der Tau benetzte die hölzernen Zäune und die ersten Sonnenstrahlen des Tages drangen durch die dicke Wolkenwand als ich mit dem alten, muffigen Jeep meines Vaters durch das Tor unserer Stalleinfahrt fuhr. Heute stand einiges auf dem Tagesplan, weswegen ich schon vor den Stallburschen im Stall auftauchen wollte. Als ich das Auto abgestellt hatte öffnete ich die großen Stalltore und sofort drang ein wiehern durch die kalte Anlage. ''Mensch, da hat mich aber jemand vermisst!'' sagte ich und konnte ein lächeln nicht unterdrücken. Ich schaltete das Licht ein, legte meine Jacke auf einem der Strohballen ab und verschwand in der Futterkammer. Vor kurzem kaufte mein Vater einen Futterwagen, der einer großen, kantigen Schubkarre glich in welchem man 3 verschiedene Futtermischungen einfüllen konnte und einer Halterung für Eimer und Schippen. Ich liebte diesen Wagen, er erleichterte unsere Arbeit enorm. Ich schob den Futterwagen durch die Tür in die Stallgasse und verschwand noch kurz im Stallstübchen um den Sack Äpfel zu holen den ich am Tag zuvor noch gekauft hatte. Bestechungsmittel. Ich ging von Box zu Box, füllte einen Eimer nach dem anderen, gab ein paar Äpfel hinzu und kontrollierte, nachdem ich den Futterwagen weggebracht hatte, welcher der Stallburschen heute erschien und ob Reitstunden gebucht waren. Während ich die Reitpferde einplante ließ ich einen Kaffee durchlaufen. 3 junge Mädchen hatten heute Reitunterricht, ich entschied mich Applejack, Zuckerwatte und Vychahr einzuteilen. Es dauerte nicht lange da kamen Daniel und Markus, unsere Stallburschen in's Büro. ''Guten Morgen, nanu, Markus hast du heute nicht frei?'' fragte ich, stellte den Kaffee beiseite und sah im Kalender nach. ''Ja, aber ich habe erst für heute Abend etwas geplant und dachte das ich euch etwas unter die Arme greifen kann.'' stammelte er und strich sich nervös die Haare am Hinterkopf glatt. ''Dieses Mal kriegst du es aber bezahlt! Ich habe schon ein schlechtes Gewissen das du soviele unbezahlte Überstunden machst!'' sagte ich lächelnd und bot den beiden an sich doch auch einen Kaffee zu machen bevor wir loslegten. Ein paar der älteren Mädchen, mein Vater und Ich spekulierten schon länger ob Markus sich nicht in Daniel verguckt hätte. Während des Kaffeetrinkens plauderten wir über unsere Wochenendpläne, was sich privat in unseren Leben tat und über die Welt. ''Tagesplanung: Ich möchte das die Weiden abgelaufen werden um Gefahrenquellen zu beseitigen und notfalls morsche Zaunstellen zu erneuern, was hoffentlich nicht der Fall sein wird. Die Unterstände sollten alle intakt sein, die Weiden abgekoppelt. Die Wassertränken müssen wir mal kontrollieren das sie auch wirklich Frostfrei sind, die Halle heute nach den Reitstunden einmal durchfahren um den Sand zu lockern. Im Hallendach ist übrigens eine undichte Stelle die sollten wir mal reparieren und sonst... der Hufschmied kommt heute noch vorbei, wann weiß ich aber noch nicht. Ich würde fast sagen wir schauen uns zusammen erstmal das Dach an und dann kümmert ihr beiden euch um die Weiden, ich mache die Pferde fertig und dann schauen wir weiter, oder?" sorgfältig ging ich die Tagespunkte ab. Sowohl Daniel als auch Markus waren einverstanden mit dem Plan sodass wir uns gleich ans Werk machen konnten. In der Halle angekommen suchte ich den sandigen Hallenboden ab, bis ich gefunden habe was ich suchte. ''Hier oben muss irgendwo ein Riss sein, durchaus möglich das ein Dachziegel verrutscht ist, deswegen würde ich sagen einer steigt rauf und sieht sich das ganze an. Sollte nichts erkennbar sein rufe ich einen Service an'' sagte ich und zeigte nach oben. Markus holte einen Eimer und stellte ihn an die nasse Stelle damit wir sie nach der Reitstunde auch wiederfinden würden. "Ich würde sagen wir machen uns dann mal an die Arbeit, ich werde mein Handy dabeihaben falls etwas sein sollte." sagte Daniel, Markus nickte zustimmend und so begaben wir uns an die Arbeit. Nacheinander holte ich die Pferde aus den Boxen und verteilte sie in den 4 großen Paddocks, damit ich in Ruhe die Boxen ausmisten und neu bestreuen konnte. Ich begann mit den Fohlen und Jungpferden Ilviny, Before the dawn, Quicky, Noomie und Love is on Fire, die alle auf einer Koppel landeten. Danach stellte ich die Hengste Cantastor, Vychahr, Chiccory und Zuckerwatte raus, die Stuten Indiana, Applejack, Cassinis Girl und der Hengst Cloudbreaker kam auf den Paddock neben den Hengsten, vorerst allein. Wir integrierten unsere Hengste miteinander damit der Umgang und die einstallung leichter fiel, doch Cloudbreaker war noch neu im Stall und wir wollten keine Rangkämpfe herausfordern. Nachdem ich alle Boxen ausgemistet und neu bestreut hatte, füllte ich die Heunetze auf, legte jedem 2 trockene Brötchen in den Trog und säuberte die Tränken. Gerade als ich fertig war kamen nacheinander die Reitschulkinder an. Ich zog mein Handy aus der Tasche und rief Stefanie an, unsere mobile Reitlehrerin, um ihr Bescheid zu geben das die Mädchen nun da wären. Ich begrüßte die 3 Mädchen herzlich und ging mit ihnen zu den Paddocks um die Pferde zu holen. Lilli, eines der Mädchen, entschied sich für Applejack, sodass wir sie zuerst holten. Bei den Hengsten musste ich den Mädchen helfen, ein junges Mädchen in die Hengstkoppel zu schicken wäre zu gefährlich. Während Lilli mit Applejack am Stick in den Stall ging holte ich Vychahr und Zuckerwatte aus der Koppel und führte sie zusammen mit den anderen beiden Mädchen ebenfalls in den Stall. Zusammen banden wir die Pferde an und putzten sie. Fast gleichzeitig trafen Stefanie, Daniel und Markus am Stall ein. Stefanie holte die 3 Mädchen zu sich und zusammen gingen sie in die Sattelkammer. Stefanie war eine sehr liebenswerte Reitlehrerin, die stets Fragen und Spielchen einbaute um die Reitschüler bei Laune zu halten. "Die Weiden sind alle in Ordnung, die Zäune stabil, keine Gefahrenquellen... es ist alles gut." sagte Daniel und lehnte sich gegen eine der Boxen. "Super, das freut mich. Ich hab mir übrigens überlegt das ich keinen von euch auf das Dach lasse und einfach einen Fachmann hole, das erspart uns arbeit und wir setzen uns keiner Gefahr aus. Der Hufschmied hat mir vorhin eine SMS gesendet das er bald kommt. Ich würde sonst sagen wir helfen ihm noch bei den Pferden, Markus du machst dann Feierabend und Daniel wir machen dann später noch die Halle fertig?" fragte ich und überlegte nebenbei welche Pferde einen Hufschmiedbesuch bräuchten. "Ich denke das geht okay" bestätigten beide fast synchron. "Spitze. Ich würde meinen das... Indiana dringend zum Schmied müsste. Cantastor würde es auch nicht schaden und Cloudbreaker sowieso, der hat sich letztens ein Eisen abgetreten, die können meiner Meinung nach alle runter..." überlegte ich laut und ging zu den Koppeln um die 3 Übeltäter zu holen. Indiana, mein absoluter Liebling, lief brav mit in den Stall. Sie kannte die ganze Prozedur und ließ alles brav über sich ergehen. Cantastor und Cloudbreaker schienen allerdings einen schlechten Tag erwischt zu haben und gifteten sich ständig an, weswegen ich die beiden außeinander stellte beim Schmiedbesuch. Während der Schmied den Pferden die Hufe verschönerte sah ich Stefanie und den Mädchen bei der Reitstunde zu. Als der Hufschmied fertig war rief ich ihn zu mir ins Büro und sagte zu Daniel er könne die beiden Hengste rausschaffen, Indiana möge aber direkt im Stall bleiben. Ich bezahlte den Hufschmied, sprach mit ihm über die 3 Pferde und machte einen neuen Termin aus. Danach verabschiedete ich ihn. "Und, wie liefs?" fragte ich die Mädchen die gerade ihre Pferde aus der Halle führten. Fast gleichzeitig riefen alle 3 laut "Super!". "Das freut mich aber!" sagte ich und fügte hinzu "...Lilli? Du machst dich, du wirst immer besser! Wenn du möchtest kannst du die nächste Reitstunde auf eines der größeren Pferde gehen." und schaute das Mädchen an, deren Augen zu leuchten begannen. "Das wäre Spitzenklasse! Wen dürfte ich denn aussuchen?" fragte sie ganz aufgeregt. "Ich weiß nicht, mit Cantastor gäbst du sicher ein tolles Team ab. Cassi wäre aber auch sicher was für dich, brauchst auch keine Angst haben das ist eine ganz liebe!" sagte ich grinsend und half einem anderen Mädchen dabei den Sattelgurt von Vychahr zu lösen. "Ohja Cantastor! Den mag ich soo gern!" frief Lilli vor Freude aus und sprang in die Luft. "Na dann schreib ich mir das direkt auf das du die nächste Stunde den großen nehmen darfst." sagte ich noch während ich in die Sattelkammer ging um 3 Abschwitzdecken für die Pferde zu holen. Während die Mädchen die Reitstunden bezahlten indem sie das Geld in das Sparschwein in der Sattelkammer steckten und sich von Stefanie verabschiedeten, legte ich den 3 Pferden Abschwitzdecken über und führte sie in die Boxen wo sie sich gierig über Heu und Brötchen hermachten. Stefanie und Ich entschieden uns und auf den Hof zu setzen und eine zu rauchen. Daniel fuhr mit dem Traktor an uns vorbei auf dem Weg in die Halle, Markus verabschiedete sich in den Feierabend und das einzige was ich heute noch vor hatte war Indiana Mähne und Schweif zu schneiden und die Pferde zurück in den Stall zu bringen. So konnte der Herbst seine schlechten Tage zeigen, der Stall war in einems ehr guten Zustand, die Pferde sind zufrieden... könnte es besser laufen?
      14.12.2013 Hufschmiedbesuch bei Vychar & Cantastor
      Mein nächster Auftrag führte mich mal wieder zu den Fairfield Stables, die Fuchls gehörten. Da ich sie wie immer sehr beschäftigt war machte ich mich auf dem Hof auf die Suche nach einem der beiden Stallburschen und wurde schnell fündig. Daniel, einer der Stallburschen, kam mir schon lächelnd entgegen und begrüßte mich. Dann führte er mich in die Stallgasse wo die zwei Hengste, die ich heute behandeln sollte schon warteten. Es waren Vychar, ein Brauner außerordentlich hübscher Trakehner und Cantastor, ein Englisches Vollblut den ich schon lange für seine Anmut bewunderte. Die Zucht englischer Vollblüter reizte mich schon lange, jedoch hatte ich bis jetzt nicht die richtigen Zuchttiere gefunden. Ich beschloss mit Vychar anzufangen und holte mein Werkzeug aus meiner mobilen Schmiede. Dann machte ich mich mit ihm bekannt und untersuchte seinen Hufzustand. Die Hufe waren bereits von Daniel ausgekratzt und so hatte ich freien Blick. Alle vier Hufe hatten festes gesundes Horn, das nicht ausgebrochen war jedoch war am linken Vorderhuf der Strahl etwas matschig. Nun fing ich an den ersten Huf zu bearbeiten. Ich nahm mir mein Hufrinnmesser und schnitt damit den Strahl sowie die Stahlfurchen aus und entfernte mit der Hufzange und der Hauklinge das überschüssige Horn. Danach rapselte ich mit Hilfe des Hufbocks das Horn rund und eben in die richtige Form. So ging ich bei allen Hufen vor und Vychar benahm sich anstandslos, weswegen ich ihn lobte als wir fertig waren. Daraufhin balsamierte ich die Hufe des Braunen mit einem Lorbeerextraktbalm von innen und außen ein, nur den linken Vorderhuf ließ ich von Innen aus und sprühte stattdessen eine desinfizierende Lösung auf seinen Strahl sowie den Hufballen. Danach brachte Daniel ihn in seine Box zurück und ich widmete mich Cantastor. Der geschorene Braune hatte eine eigenwillige Farbe und beäugte mich skeptisch. Ich beruhigte ihn ersteinmal mit ein paar Streicheleinheiten und begutachtete dann auch seine Hufe ausgiebig. An einigen wenigen Stellen waren sie etwas ausgebrochen, was man dem gefrorenem Boden und dem eisigen Wetter momentan zuschreiben konnte. Also fing ich auch hier an seine Hufe zu bearbeiten. Beim Ausschneiden und Korrigieren stand der Hengst brav und ließ alles über sich ergehen, jedoch fand er das Raspeln unangenehm, da er seine Hufe dabei auf dem Bock lassen musste und er das nicht sonderlich mochte. Mit etwas Geduld bekamen wir aber auch das hin und seine Hufe waren wieder in einwandfreiem Zustand. Um dem erneuten Ausbrechen der Hufe vorzubeugen pinselte ich auch Cantastors Hufe mit dem Hufbalsam ein und lobte den Dunkelbraunen dann. Daniel brachte auch ihn zurück in seine Box und ich räumte mein Werkzeug ordentlich zurück in die mobile Schmiede. Dann fegte ich noch schnell den Dreck zusammen, als Daniel jedoch zurück kam nahm er mir die Arbeit ab und ich bedankte mich bei ihm. Die Rechnung würde ich wie gewohnt zuschicken, also verabschiedte ich mich von dem netten Stallburschen und machte mich auf zu meinem nächsten Kunde.
      Ankunft einiger Neulinge
      In letzter Zeit war es aussergewöhnlich still auf dem Hof gewesen. Seit der Schnee nun wirklich seinen Siegeszug angetreten hatte und die Felder rund um den Hof unberührt und weiss dalagen, waren auch die Geräusche der Natur verstummt und das einzige Hörbare an diesem nebligen grauen Morgen waren meine Schritte durch die ebenmässige weisse Fläche. Der Schnee kam mir schon hier auf dem Hof fast bis zu den Knien. Ich war aber zum Glück warm eingepackt in meine Skihosen und die blaue Winterjacke. Besorgt warf ich einen Blick auf die Uhr. Schon 8! Es war noch ziemlich dunkel, deshalb musste ich zweimal auf die Uhr sehen um die Zeit lesen zu können. Ich seufzte und lief zum Hauptstall. Dort war es zwar auch bitter kalt, aber nicht ganz so kalt wie draussen, denn die warmen Pferdekörper heizten unablässig. Winter und Stromer röchelten mir von den vordersten zwei Boxen des Hengstbereichs zu und ich kraulte beide kurz durch die Gitterstäbe. Wir hatten letztens eine neue Boxenordnung ausgearbeitet sodass nun alle Hengste im nördlichen und alle Stuten im südlichen Bereich des Hauptstalls waren. Wir hatten dabei auch auf die Pfleger gehört, die die sensiblen Vollblüter natürlich sehr gut kannten und wussten, wer sich neben wem am wohlsten fühlte. Ich lief weiter zu Quick. Wir hatten die Boxen nummeriert, sodass die inneren Boxen die ungeraden und die Äusseren die geraden Zahlen waren. Quick war in Box Nummer 4. Ich begutachtete das neue, grau-blaue Boxenschild und kontrollierte kurz die Futterangaben. Es war vom Design her ähnlich wie diejenigen, die an den Spinden angebracht waren. Zufrieden öffnete ich die Boxentür und liess Quick den Kopf rausstrecken. Interessiert sah er sich um, blieb aber in der Box. Ich kraulte ihn liebevoll zwischen den Ohren und an der Stirn. In seinen treuen braunen Augen spiegelte sich die Deckenbeleuchtung. Ich prüfte kurz, ob er unter der dicken Decke geschwitzt hatte. Aber das hatte er nicht, er war ja auch geschoren. Ich schob ihn zurück und schloss die Tür wieder, ehe ich weiterging. Im Vorbeilaufen beobachtete ich die Pferde, die mir entweder erwartungsvoll entgegenblickten oder mit dem Fressen beschäftigt waren. Manche sahen auch gerade aus dem Fenster. Bei der Box Nr. 9 blieb ich abermals stehen und prüfte die frische Einstreu, denn hier würde heute Cantastor einziehen. Im ganzen kamen heute 5 neue Pferde an! Lila Wolken von meiner Kollegin Steini, Circus Dancer von Calypso, Vychahr und Cantastor von Fuchsl und mein absoluter Traum in schwarz: Indiana, ebenfalls von Fuchsl. Ich hatte die Stute schon einige Male besucht und auch geritten und nun war der Tag endlich gekommen, an dem ich sie aus dem Transporter führen durfte. Ich hätte noch vor einigen Wochen nicht im Traum daran gedacht, dass sie jemals hier hinkommen würde. Als ich den Anruf bekommen hatte war ich wohl so aus dem Häuschen gewesen, dass mein Mann relativ genervt frische Luft schnappen gegangen war. Manchmal ähnelte ich eben doch Lisa, die mit ihrem ungezügelten Verhalten beinahe alle in den Wahnsinn trieb. Heute Morgen aber, hatte er selber zugegeben, dass er sich sehr auf die Stute freue. Ich lief derweilen weiter im Hauptstall, denn ich wollte Coulee ein wenig putzen. Ausreiten war bei dem Schnee keine Option und zum Reiten in der Halle hatte ich gerade zu wenig Zeit, denn es blieb nur eine halbe Stunde bis die ersten Pferde ankommen würden. Ich schnappte mir ihr Halfter und streifte es der vorsichtigen Stute langsam über die Ohren. Sie Beobachtete mich genau in zuckte bei schnellen Bewegungen rasch zusammen. Ich wusste nicht genau, was bei ihrer Vorbesitzerin vorgefallen war, aber die Stute war nicht mehr dieselbe wie damals, als ich sie frisch eingeritten hatte. Sie schien nun viel misstrauischer und brauchte lange, um zu jemandem Vertrauen aufzubauen. Dabei war sie anfangs so eine verschmuste, freche Stute gewesen. Ich führte sie in die Stallgasse, band sie an und zog ihr die Decke aus, dann nahm ich die Bürste aus ihrer Putzbox und begann, den Staub aus ihrem Fell zu bürsten. Sie genoss die Massage am Wiederrist und spitzte entspannt die Oberlippe. Dabei streckte sie den Kopf in die Höhe. „Du bist wohl doch eine Giraffe und kein Pferd, hmm?“ Lachend putzte ich weiter bis der meiste Staub raus war. Anschliessend schnappte ich mir einen Lammfellhandschuh und wischte ihr damit über das Fell. Bald glänzte sie trotz teils geschorenem Fell und die ungeschorenen Stellen fühlten sich samtig weich an. Putzte auch den Kopf sorgfältig, wobei sie sogar still hielt. Aber bei den Ohren zog sie rückwärts. Nachdem auch die Hufe eingefettet und schön sauber waren, brachte ich sie wieder zum Futter, denn gleich würde das erste Pferd ankommen. Ich lief also zum Parkplatz wo gerade ein Anhänger angefahren kam. „Perfektes Timing!“, grinste ich, als der Fahrer ausstieg. Es war Hans, der freundliche Bauer. Wir unterhielten uns kurz und besprachen die ebenfalls durchgeplante Ankunft der anderen Pferde, dann öffnete ich die Klappe und begutachtete den ersten Ankömmling: Circus Dancer. „Hi my beauty!“ Flüsterte ich entzückt über seine gewellte, lange Mähne und die lustigen Fleckchen an seinem Maul und an den Augen. Die Augen – die waren wundervoll schwarz mit einem deutlichen weissen Rand. Kaum war er aus dem Hänger gestiegen, da durchsuchte er auch schon meine Taschen nach Leckerlies. „Du Frechdachs, dein Futter wartet in der Box!“ Nachdem ich mich nochmals bei Hans bedankt hatte, führte ich ihn in den Nebenstall. Er fühlte sich auf anhieb wohl und genoss sein Heu. Ich machte mich daran, den Pflegern beim Misten zu helfen, denn langsam herrschte reges Treiben auf dem Gestüt. Es war nun schon heller, aber immer noch genau so kalt. Um halb elf kam dann auch schon die nächste an, Lila. Die Isistute hatte ich als Kollegin für Slaufa erworben und so hoffte ich natürlich, dass sie sich verstehen würden. Aber zuerst würde Slaufa ohnehin noch wachsen müssen. Bis dahin wollte ich Lila vollkommen im Griff haben. Die Mausfalbschecke sah so toll aus wie auf dem Foto und schien auch einen unkomplizierten Charakter zu haben. Auch sie kam in den Nebenstall. Danach ritt ich Moon und Burggraf, ehe pünktlich um zwölf die letzten drei ankamen. Ich war ganz hibbelig als ich die Klappe des Transporters öffnete. Dies war der grosse Moment! Vorsichtig löste ich den Strick mit dem sie angebunden war und führte sie rückwärts raus. Klapp klapp klapp, und schon berührte ihr Huf den Gestütsboden. Ich strahlte vor Freude und streichelte die schwarze Stute. Lewis half Cantastor auszuladen und Lisa nahm Filou entgegen, den man rückwärts hatte verladen müssen weil er anders nicht hineingegangen wäre. Das mussten wir wohl nochmal in aller Ruhe üben. Cantastor’s Fell glänzte wundervoll im Licht der, nun am höchsten stehenden, Wintersonne. Und Vychahr’s Mähne war wild und wuschelig, was ihn wie ein Wildpferd aussehen liess. Mir gefiel das äusserst gut. Die Pferde bezogen ihre neuen Boxen und wir gingen essen. Am Nachmittag liessen wir die Pferde dann zum ersten Mal gemeinsam raus auf die Weide, natürlich erstmal in kleinen Gruppen.
      Osterschnitzeljagd
      Donut röchelte mir schon entgegen, als ich den Hauptstall betrat. Ich musste mich jedoch erst noch durch die Stallgasse kämpfen, in der gerade Hochbetrieb herrschte. Die Pfleger waren am füttern und man hörte ungeduldiges Hufscharren und Gewieher. Ich schlängelte mich an den Schubkarren vorbei und wich Empires weicher Schnauze aus, der gerade geputzt wurde und mich im vorbeigehen an stupsen wollte. Endlich war ich bei Donuts Box angelangt und stellte die Putzkiste ab. „Na mein kleiner schicker?“ begrüsste ich ihn, wie ich es immer tat. Trotz dem ich so viele Pferde zu betreuen hatte nahm ich es mir nicht, bei jedem Einzelnen gewisse Rituale einzubauen und ihnen allen so Sicherheit zu vermitteln. Ausserdem ritt ich alle Pferde mindestens zweimal pro Woche selber, den Rest übernahmen jeweils die Pfleger, die schliesslich auch gefördert werden mussten. Ausserdem hatten die Pferde alle einmal in der Woche frei, nämlich immer sonntags. Dann durften sie in Gruppen auf die grossen Weiden und das Pferdeleben geniessen. Ich schnappte mir einen Striegel und warf einen Blick auf die Uhr. „Schon halb eins, Jonas du bist spät dran.“, murmelte ich erbarmungslos, denn der Pfleger war gerade in Baccardis Box geschlichen. „T’schuldigung, ich musste noch Telefonieren….“, antwortete er hastig und kam nochmal raus, um sich ebenfalls einen Striegel zu angeln. Als er aufsah trafen sich unsere Blicke. „Etwas Wichtiges?“ „Jain, meine Tante ist letzte Woche verstorben, die Vorbereitungen für die Beerdigung sind schon in vollem Gange.“ „Das hast du mir ja gar nicht erzählt, tut mir schrecklich leid…“ „Ach ich mochte sie nie besonders, wir redeten seit Jahren nicht mehr zusammen.“ Er erklärte mir während dem Putzen, dass seine Tante mit seiner neuen Berufswahl als Pferdepfleger nicht einverstanden gewesen sei. Sie sei immer schon der Meinung gewesen, dass Pferde gefährlich seien und stinken würden. Ich hörte gespannt zu und entwirrte Donuts Mähne. Jonas unterbrach seine Rede, weil er konzentriert versuchte, Baccardis Mähne zu einem französischen Zopf zu flechten. Ich musste lachen bei dem Anblick und wechselte die Box um ihm zu helfen. Ich übernahm die Haarsträhnen und schob ihn sanft zur Seite. Doch er hielt leicht gegen und legte plötzlich seine Arme um mich. Ich sah ihn verwundert an und stupste ihm in den Bauch, da liess er auch schon wieder los und stupste zurück. Ich beschloss, nicht weiter darauf einzugehen, da es vermutlich wieder nur eine Spielerei seinerseits gewesen war. Ich flocht sie Mähne ruckzuck zu einem ordentlichen Zopf, da ich darin viel Übung hatte. Er sah mir dabei ganz genau auf die Finger, beeindruckt von meiner Geschicktheit. „Naja, manche Dinge werd ich wohl nie beherrschen.“, grinste er als ich fertig war. „Sag niemals nie.“, meinte ich und lächelte verschwörerisch. Wir sattelten endlich und führten die Pferde in den Innenhof. Dort stiegen wir auf und ritten anschliessend zum Dressurviereck, wo wir die beiden erstmal gründlich aufwärmten. Nach einer Weile trabte ich an und begann, Volten und Schlangenlinien zu reiten. Donut löste sich schon nach wenigen Runden und lief locker durch’s Genick. Wenn er versuchte, mit dem Kopf auf und ab zu wackeln, gab ich ihm eine leichte Parade am inneren Zügel. Wir hatten das Headshaking dank der vielen Longenstunden gut in den Griff bekommen, aber ab und zu zeigte er noch Rückfälle. Baccardi schien heute etwas aufgezogen zu sein, er trabte recht zügig und glotze ab und zu wieder das Gebüsch an, als ob dort etwas Gefährliches drin schlummern würde. Als ich an derselben Stelle vorbei kam, fuhr Donut plötzlich zusammen und bockte daraufhin los. Ich war völlig unvorbereitet und plumpste schon nach wenigen Sekunden in den weichen Sand. Donut rannte mir gehobenem Schweif und gespitzten Ohren in Richtung Ausgang, doch Jonas konnte ihm gerade noch den Weg versperren. Da Donut angehalten hatte, konnte er ihn nun leicht am Zügel fassen und mit zu mir führen. „Alles okay?“, fragte er besorgt und stieg ab. Ich stand noch etwas benebelt auf und richtete meinen Helm gerade. „Ja, nix passiert. Irgendwas muss da im Gebüsch sein!“, meinte ich, und lief auf die Stelle zu. Mit triumphierendem Blick richtete ich mich kurz darauf wieder auf und drehte mich zu ihm um. In der Hand hatte ich einen kleinen Korb mit bunten Ostereiern. „Da war jemand fleissig. Ich wette, das war Lisa. Die hat immer solchen Unsinn im Kopf.“ Wir lachten herzhaft und versteckten den Korb wieder, ehe wir weiter ritten. Nach knapp einer Stunde intensiver Arbeit mit den beiden Ponyhengsten stiegen wir zufrieden ab und brachten die beiden in ihre Boxen zurück. Nach dem Absatteln und Bürsten spielte ich noch etwas mit Donut: Ich zeigte ihm ein Handzeichen und sagte ruhig und deutlich: „Lachen“. Daraufhin streckte er seine Oberlippe nach oben und flehmte. Ich lobte ihn und gab ihm Karottenstückchen. Als ich keine mehr hatte kam er mit seinem Maul und fummelte mir an der Stirn herum. Ich stiess ihn lachend zur Seite als es mir zu bunt wurde, um zu Baci zu wechseln und ihn noch etwas zu streicheln. Die Blesse die sich über sein Gesicht zog war elegant den Augen angepasst und liess ihn frech und neugierig wirken. Die kräftigen Hengstpony-Backen und die kurzen Ohren unterstützten dieses Bild. Alles in allem war der Hengst wie Donut einfach ein Traum von einem Pony. Ich wuschelte ihm noch etwas mit der Hand durch die Mähne, und weil Jonas mit seinen dunklen, kurzen Locken gerade daneben stand, ihm ebenfalls.
      Am späteren Nachmittag trommelten uns Lisa und Rosie zusammen. Gespannt hörte ich zu, was die beiden wieder ausgeheckt hatten: Eine Ostereier-Schnitzeljagd. Sie hatte mich zuvor gefragt, ob die Pfleger heute mit den Pferden ins Gelände dürften. Ich schlug vor, dass sie gleich die Vollblüter nehmen sollten, die noch nicht bewegt waren. So suchte sich jeder ein Pferd aus und machte es hübsch für die Jagd nach den Eiern. Lewis nahm Sunday, Quinn nahm Paint, Ich nahm Gray, Jack nahm Fly, Rosie nahm Stromer, Jonas nahm Light, Lisa nahm Empire, Oliver nahm Indiana, Lily nahm Chiccory, Ajith nahm Felicita und Elliot nahm Campina. Die anderen, Smarty, Sumerian, Winter, Spot, Kierka, Crack, Blüteund Cantastor waren schon am Morgen auf der Bahn trainiert oder longiert worden. Gray war artig beim Aufsteigen und blieb schön stehen, während Campina neben uns die ganze Zeit wegen der vielen Pferde zappelte. Immerhin waren wir 11 Reiter! Lisa gab uns den Tipp, wo der erste Posten versteckt war und hielt sich dann zusammen mit Rosie im Hintergrund, denn die beiden kannten die Verstecke ja. Jonas und ich erkannten den ersten Posten auch gleich wieder, denn der Tipp lautete: ‚Der Start beginnt, wo der Schüler im Sommer stunden nimmt.‘ Die anderen berieten sich kurz, ehe die Gruppe auf den Platz ritt und das erste Nest suchte. Es dauerte auch nicht lange, bis Lewis es entdeckt hatte. Darin war ein Zettel, der mir vorher gar nicht aufgefallen war: ‚Wo der Fisch schwimmt, dort die Suche erst recht beginnt.‘ Die Zettel waren auf Deutsch, was mir erst jetzt in den Sinn kam. Ich fragte Rosie deswegen und sie meinte, dass es so spannender für die englisch sprechenden sei, da sie erst noch übersetzten mussten. Wir ritten also zum Fluss, der vermutlich gemeint war. In einer Hecke am Ufer war der zweite Korb aufgehängt, diesmal bekam ihn Jack. Auf dem Zettel stand: ‚Zögert nicht und reitet zum dritten, dort wo sich einst Räuber stritten.‘ Ich wusste sofort, was damit gemeint war. Es gab eine alte Bauern Legende, dass im nahen Pinienwald auf der grossen Lichtung einmal eine Banditenfestung gewesen sei. Sie soll ganz aus Holz gewesen sein. Einmal seien die Räuber jedoch erfolglos von einem Beutezug heimgekehrt und hätten sich aus ärger gegenseitig so lange beschimpft, bis einer die Festung in Brand gesetzt hatte. In ihrer Wut hätten sie nicht bemerkt, wie die Rauchfahne ihren Standort verriet und die wütenden Dorfbewohner anlockte. Die Festung sei komplett ausgebrannt und durch die Flammen sei der Wald um sie herum auch noch fast kreisrund gerodet worden, dies war die heutige Lichtung der Legende nach. Wir ritten also auf meinen Aufruf hin zur Waldlichtung. Tatsächlich fanden wir dort hinter einem Steinhaufen versteckt das dritte Körbchen. Rein aus Neugier sah ich mich ausserdem diesmal genauer auf der Lichtung um. Ich ritt in die Mitte, konnte jedoch auf dem Boden nichts Ungewöhnliches entdecken. Enttäuscht trieb ich Gray wieder zur Gruppe zurück. Was hatte ich überhaupt erwartet? Es war ja nur eine Legende und selbst wenn nicht, musste diese Geschichte schon laaange zurück liegen und es würde keine Spuren mehr geben. Ich schob diese Gedanken beiseite und genoss den Ritt. In meiner Abwesenheit hatte ich den neuen Rätselspruch gar nicht mitbekommen. Ich machte mir jedoch auch keine Mühe, ihn noch herauszufinden. Wir ritten zur Galoppwiese, auf der mitten im Feld ein weiterer Korb versteckt war. Wir mussten uns alle aufteilen, um ihn zu finden. Und so jagten auf der ganzen Wiese Pferde im Galopp durchs saftige Gras, auf der Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Als wir sie nach einer Viertelstunde immer noch nicht gefunden hatten, wurde Lisa um Hilfe gefragt. Zu allem Überfluss wusste sie jedoch nicht mal mehr, wo genau sie den Korb hingelegt hatte. Gerade als wir aufgeben wollten hüpfte Elliot triumphierend vom Pferd. Auf dem Zettel stand: ‚Den zweitletzten Schatz hältst du beinahe schon in der Hand. Um ihn zu finden halte dich am Waldesrand.‘ Wir wunderten uns ein wenig über die Einfachheit dieses Hinweises, doch sagten nichts und ritten weiter. Die suche war schliesslich doch nicht so leicht wie gedacht, denn der Korb hängte am Ende an einem Ast über unseren Köpfen. Quinn musste auf Paints Rücken stehen um ihn zu erreichen. Die Stute hielt zum Glück schön still, weil Ajith sie hielt. ‚Das Ende ist nah und doch noch fern, du findest es im Kern.‘ Im Kern? – Ich hatte keine Ahnung, was damit gemeint war. „Ist das Nest etwa in einem Apfel?“, scherzte Jonas und die Gruppe brach die Stille mit herzhaftem Gelächter. Lisa schüttelte weise lächelnd den Kopf. „Eigentlich ist es ganz leicht.“, stellte sie fest. Auch Rosie nickte eifrig. Wir beschlossen, erstmal zurück zum Hof zu reiten, denn wir vermuteten, dass das Körbchen dort irgendwo versteckt sein musste. Ich schnalzte und trieb Gray in den Galopp, denn wir waren auf einem der sandigen Galoppwege im Wald angelangt und die Reiter vor uns waren ebenfalls angaloppiert. Ich hielt die Zügel gespannt und schnappte mir ein Büschel Mähne, um Gray besser zu stützen. Wir sprangen den Weg entlang, das dumpfe Geräusch aufschlagender Hufe im Sand klang rhythmisch und vor mir wehten die Schweife. Am Ende der Strecke musste ich Gray in ihrem Eifer stark bremsen, denn wir wären fast in Light reingerasselt. Dieser war zum Glück gerade abgelenkt mit einer Wurzel, über die er halb drüber stolperte. Wenige Augenblicke später hatten wir die kurze Schrittpassage überquert (dort durfte man nur im Schritt durch, da ab und an ein Fussgänger durchlief) und die Vordersten sausten bereits wieder los. Ich trieb Gray auch wieder an. Der Wind zerzauste mir die Haare und Gray nahm gewaltige Sprünge, um einen kleinen Rückstand zu den Vorderen Pferden aufzuholen. Wir galoppierten die ganze Strecke bis zum Waldrand. Erst als wir wieder auf freiem Feld waren, parierten wir die Pferde in den Trab durch und ritten so den restlichen Weg zum Stall zurück. Es war herrlich; Die späte Nachmittagssonne und die angenehm aufgewärmte Luft unterstützten die ausgelassene Stimmung perfekt. Wir plauderten und lachten auf dem ganzen Weg und Lewis erzählte immer wieder Witze. Wir durchquerten die Galoppbahn mit ihren grossen Tannen, wobei wir uns leicht unter einem tief hängenden Ast ducken mussten. Als wir an den Weiden vorbei kamen, kamen die beiden Mini Hengstchen aufgeregt angetrabt und begleiteten uns. Die Stuten schienen sich nicht für uns zu interessieren. Nun ging die Sucherei los: Wir teilten uns auf und durchkämmten das Hofgelände nach dem fehlenden Korb. Ich wollte gerade zu Jack reiten, als Jonas an meine Seite kam. Daher bildeten wir beide gleich ein Team. Er schlug vor, dass wir zuerst auf dem Geländeparcours suchen sollten, schliesslich war dieser der ‚Kern‘ der Galoppbahn. Ich fand dies eine gute Idee und wendete Gray in die richtige Richtung. Ich nutzte die Gelegenheit, um Light etwas zu beobachten. Der sensible Hengst mochte keine harte Hand, doch bei Jonas schien er locker und zufrieden. Er war zwar feurig, wie immer, doch Gray hielt gut mit (sie war ebenfalls recht fleissig) und er trat schön ans Gebiss. Ich blieb stumm und wnedete meinen Blick wieder von dem schwarzen Hengst ab, um nach dem Vogel zu suchen, der sein Lied über unseren Köpfen trällerte. Wir überquerten die Galoppbahn und gelangten schliesslich zur Geländestrecke. Zuerst ritt ich zu der vordersten Baum-Insel und suchte das Bodengestrüpp ab. An den Stellen, an denen der Boden kahl war, wuchs nur spärlich Gras und die Erde war hart getreten von den vielen Hufen, die hier durchgekommen waren. Dennoch sahen die mit Schatten und einzelnen Lichtstrahlen überzogenen Flächen harmonisch und geheimnisvoll aus. Da ich nichts entdecken konnte, trieb ich Gray weiter zur nächsten kleinen Baumgruppe. Ich suchte auch in den Ästen über mir, doch selbst dort befand sich kein Korb. Als nächstes sah ich beim kleinen Grabenhindernis, beim Gebüsch-Sprung, beim Baumstamm und beim Hügelchen. Doch nirgends war etwas zu finden. Auch Jonas schien erfolglos geblieben, deshalb ritten wir zurück zu den anderen. Die hatten sich gerade um Elliot versammelt, der soeben den letzten Korb im Innenhof des Hauptstalls gefunden hatte. „Na klar, der Kern ist der Hauptstall mit unseren Engländern!“, Lachte ich und gratulierte ihm. Dann bedankte ich mich formell bei Lisa und Rosie für die hervorragende Durchführung dieser Eier-Jagd und lud alle Teilnehmer zu einem heissen Tee im Garten des Haupthauses ein. Zuerst wurden jedoch natürlich noch die Pferde versorgt. Sie genossen den Sonnenuntergang in Gruppen auf der Weide.
      Life goes on
      Mir wurde ganz schwindlig, als sie Jack auf die Trage legten und wegbrachten. Auf einmal kam der ganze Schock, die Verzweiflung, Angst und Trauer über mich wie eine gewaltige Flutwelle, die mich beinahe zu Boden riss. Jonas, der ebenfalls in den Krankenwagen getragen wurde, beobachtete mich mit sorgenvollen Augen. Ich stützte mich gegen Rosie, die mir eine Umarmung anbot und schluchzte ungehalten in ihre Schulter. Alles um mich herum kam mir so unwirklich vor und ich hörte die Stimmen wie durch eine unsichtbare Wand. Alles, was ich von diesem Abend noch mitbekam war, dass Lisa, Rosie und Quinn mich ins Haus brachten und mit einen Tee kochten. Am nächsten Morgen wachte ich auf und fühlte mich wie ein Stein. Mir steckte die Trauer augenblicklich wie ein Kloss im Hals, als ich mich an den vergangenen Tag erinnerte. Am Morgen war ich noch so sorglos gewesen und dann war alles zerbrochen. Ich versuchte mich abzulenken und sah auf die Uhr. Es war erst fünf und draussen ging gerade die Sonne auf. Seufzend richtete ich mich auf und zog meine Reitsachen an. Die Pferde würden mich jetzt am besten trösten können, besonders meine und Jacks geliebte Vollblüter. Als ich durch die Küche lief sprang Jacky von ihrer Decke auf und folgte mir, jedoch schien sie auf seltsame Weise nicht so energievoll wie sonst. Ich machte mich ohne etwas zu frühstücken auf zum Hauptstall und holte die Putzsachen von Winter aus der Sattelkammer. Als ich die Box des schneeweissen Hengstes betrat, streckte er mir mitfühlend seine rosarote Schnauze entgegen, als wüsste er genau, was in mir vorging. Ich krallte mich in dem weichen Fell fest und legte die Wange an seinen Hals. Seinen warmen Puls zu fühlen, jedes Zucken der Muskeln, tat mir gut. Schliesslich angelte ich mir den Striegel und putzte meinen Liebling. Als ich fertig war, sattelte ich ihn mit seinem kleinen Rennsattel und hängte das Vorgeschirr ein. Ich führte ihn wie in Trance nach draussen und stieg auf. Ich ritt zunächst eine Runde Schritt auf der Galoppbahn und trabte anschliessend eine weitere Runde auf die andere Seite. Dann ritt ich zur Rennbahn und liess ihn laufen. Beim 500m-Pfosten sah ich auf die Armbanduhr und stoppte in der nächsten Runde an derselben Stelle. Mein grosser hatte eine gute Geschwindigkeit drauf und war ordentlich fit, deshalb beschloss ich, gleich noch eine Runde zu trainieren, aber diesmal mit Startbox. Prüfend sah ich mich nach den Pflegern um, schliesslich brauchte ich jemanden der die Boxen öffnete. Gerade als ich zurückreiten wollte um jemanden zu rufen, entdeckte ich Quinn, Lily und Oliver mit Spot, Iskierka und Light, die auf uns zu ritten. Winter spitzte die Ohren und hob den Kopf, um seine Stallgenossen zu begrüssen. Ich freute mich wahnsinnig, meine alten Freunde so anzutreffen, hielt dieses Glücksgefühl aber noch versteckt. Ich ritt ihn in eine der mittleren Boxen und wartete konzentriert auf den Start. Die anderen reihten sich ebenfalls ein und Ajith kam herbeigeeilt um die Boxen zu öffnen. Dann donnerten die Vollblüter auch schon los. Ich hielt mich bei Winters Absprung etwas an seiner Mähne, um von der Wucht nicht gleich aus dem Sattel zu gleiten. Es war ein wundervolles Gefühl, die schnaufenden Pferdeköpfe links und rechts von mir zu sehen und unter mir den gewaltigen Körper des Hengstes zu fühlen. Das rhythmische Aufschlagen der Hufe liess mich all den Schmerz vergessen und holte mich zurück in die Welt, in die ich gehörte; das hier und jetzt. Light gewann zwar das Trainingsrennen knapp vor Winter und mir, doch das war mir schnuppe. Ich hatte einen Entschluss gefasst während dem Galoppieren: Das Leben musste weitergehen. Ich tätschelte Winters Hals und plauderte begeistert mit den anderen über das Training. Anschliessend arbeiteten die restlichen Jockeys noch etwas weiter mit ihren Pferden, während ich Winter austraben liess. Er schnaubte schön ab und streckte den Hals tief zu Boden. Schliesslich brachte ich ihn zurück in die Box und versorgte ihn gründlich, ehe ich mich Stromer widmete. Mit dem cremefarbenen Hengst hatte damals alles angefangen – er war mein allererstes Vollblut gewesen. Nun war er schon ganze sechs Jahre alt und hatte sich prächtig entwickelt. Aus dem einst so zerbrechlichen dreijährigen mit der schlechten Vergangenheit war ein top bemuskelter, aufmerksamer und freundlicher Hengst mit wundervollen Gängen geworden. Jetzt im Sommer schimmerte seine rosafarbene Haut stark durch das Fell, was ihm deutlich mehr Farbe verlieh als im Winter, wenn er mit dem dichteren Fell fast weiss wurde. Ich putzte auch ihn sorgfältig und ritt anschliessend wie schon mit Winter in voller Rennmontur zur Bahn, wo ich ihn zunächst aufwärmte. Er hatte viel mehr Erfahrung als Winter und konnte seine Kräfte gut einteilen. Ausserdem hörte er sehr fein auf meine Hilfen und wurde nicht so heftig wie die jüngeren Genossen. Wenig später hatten auch die drei Jockeys ihre Pferde ausgetauscht; sie ritten nun Pina, Sunday und Felicita. Wiederum lieferten wir uns ein Spassrennen und arbeiteten dann noch etwas für uns auf der Bahn, was aber mit den tollen Pferden genauso viel Spass machte. Ich bewegte an diesem Morgen noch Gray, Crack und Indiana, während Quinn Chiccory und Fly, Oliver Paint und Empire und Lily Blüte und Cantastor übernahmen. Besonders bei Crack musste ich wieder mit den Tränen kämpfen, denn ich hatte sie damals von Jack zum Geburtstag geschenkt bekommen und mich so sehr über sie gefreut. Die Erinnerungen kamen wieder in mir hoch und ich musste daran denken, wie ich ihn so voller liebe umarmt hatte. Und doch war ich zuletzt wütend auf ihn und habe ihn mit eben diesem Gefühl angesehen… Dieser Gedanke schmerzte am meisten von allen. Als ich Diana versorgt hatte bemerkte ich ein grummeln und stellte fest, dass ich durch das ganze Arbeiten doch noch Hunger bekommen hatte. Aber alleine zu kochen würde bestimmt schrecklich werden. Ich schlenderte lustlos in Richtung Haus und bemerkte nicht, wie Lisa sich von hinten anschlich. Sie tippte mir auf die Schulter und rief laut „Buh!“, während Quinn und Ajith, die sich an die kühle Wand des Hauptstalls gelehnt hatten die Augen rollten. Ich vergab Lisa diese Taktlosigkeit angesichts meiner Trauer und sah sie bloss fragend an. „Ich… äehm… Ich meine Quinn, Ajith, Lily und ich wollten dich fragen, ob du vielleicht mit uns in die Stadt kommen willst. Wir dachten, wir gehen Jonas im Krankenhaus besuchen und essen unterwegs zu Mittag…“ Mein Herz machte einen Hüpfer. Jonas! Er lebt ja noch… Beschämt, dass ich meinen treuen Freund in der Not ganz vergessen hatte, willigte ich rasch ein und folgte den Pflegern auf den Parkplatz. Wir fuhren mit Lilys kleinem Toyota, in den wir uns allerdings ziemlich reinquetschen mussten. Wir bestellten wie geplant auf dem Weg zum Hospital ein Falafel für mich und sonstigen Schnellimbiss-Kram für die anderen. Als ich den langen Gang zu Jonas‘ Zimmer entlanglief, wurde mir etwas schwindelig. Wie hatte ich nur nicht an ihn denken können? Immerhin war er genauso wie Jack in Lebensgefahr gewesen und hätte genauso gut auch tot sein können! Langsam öffnete ich die Tür und trat ein. Es war vollkommen Still in dem hellen Raum. Die anderen Patienten schienen zu schlafen und auch Jonas hatte die Augen geschlossen. Die Pfleger folgten mir leise und schlossen die Tür hinter sich. Vorsichtig kniete ich mich neben sein Bett und betrachtete die üblen Verbrennungen, die sich über seine Oberarme zogen. Wie durch ein Wunder war das Gesicht beinahe unversehrt geblieben. Er muss es rechtzeitig mit den armen geschützt haben, überlegte ich und begann, seine Nase zu kitzeln. Seine Augenlieder zuckten, dann musste er niesen und wachte auf. „Occu… und ihr! Ich bin so froh, dass ihr gekommen seid.“ Ich lächelte verlegen, immerhin wäre ich ohne die anderen nicht hier. Zögernd fragte ich: „Wie fühlst du dich?“ „Den Umständen entsprechend, aber eigentlich nicht allzu schlecht. Bloss mein Rücken tut ziemlich weh. Aber die Ärzte meinten, es sei nichts ernstes, bloss eine Prellung. Wie geht es Jack?“ Ich zuckte zusammen und sah betreten zu Boden. Er weiss es also noch nicht… Quinn fasste Mut und antwortete leise auf die Frage. „Er hat nicht überlebt…“ Ich beobachtete, wie sich seine Pupillen weiteten und er den Mund öffnete, um etwas zu sagen, ihn dann aber ohne einen Mucks wieder schloss und ins Leere starrte. „Tot? D das ist schrecklich. Es tut mir so leid Occulta…“ Ich nickte nur und biss mir auf die Oberlippe, um die Fassung nicht wieder zu verlieren. Ich war froh, als er das Thema wechselte. „Wie geht es den Pferden? Haben sie sich sehr erschreckt als das Flugzeug abstürzte?“ „Nein, ich denke nicht. Heute Morgen liefen die Vollblüter im Training jedenfalls top“, antwortete ich. Er nickte mit einem Lächeln und ich fragte ihn, was denn so amüsant sei. „Ich finde es faszinierend, wie glücklich du wieder wirkst, sobald wir über Pferde reden.“ Nun lächelte ich ebenfalls und stupste ihn zur Strafe in die Seite, worauf er sofort aufschrie. „Au au, pass doch auf!“ „tut mir leid, ich hab gar nicht…“, stammelte ich erschrocken, doch schon grinste er mich wieder breit an und ich erriet, dass er nur mit mir gespielt hatte. Böse sein konnte ich ihm allerdings nicht. Wir plauderten noch etwas, dann machten die Pfleger und ich uns auf den Rückweg zum Stall. Er sah uns gequält hinterher, als wir einer nach dem anderen zur Tür hinausgingen, besonders mir, so kam es mir jedenfalls vor.
      Zuhause half ich Quinn, die mit dem Einreiten von Sumerian und Frame weitermachte. Die beiden waren noch ganz am Anfang ihrer Ausbildung, machten sich aber alles andere als schlecht. Fröhlich beobachtete ich die Fortschritte von Frame, der Monate zuvor noch so erbärmlich ausgesehen hatte, mit all seinen Wunden und Schrammen. Nun ging er nicht mehr lahm und nur eine Narbe zierte den Hals dort, wo der Pfosten einst ein so grosses Loch hinterlassen hatte. Meine Tierärztin hatte hervorragende Arbeit geleistet. Gegen Abend kam dann noch eine Überraschung auf dem Hof an. Ein Transporter fuhr auf den Parkplatz, beladen mit zwei neuen Vollblütern. Als ich mich fragend an den Fahrer wandte erfuhr ich, dass die beiden von Eddy stammten und Jack sie wenige Wochen zuvor abgekauft hatte, da Eddy ihren Bestand etwas reduzieren wollte. Auch ein Fohlen würde in den nächsten Tagen noch ankommen. Ich ignorierte das Stechen, das sich bei Jacks Namen wieder bemerkbar machen wollte und bewunderte den Hengst, Muskat. Er war bereits gekört und würde sicherlich ein wunderbarer Zuchthengst werden. Die Stute, Cassiopeia, hatte ich auch schon ein paarmal an Rennen gesehen, sie war Jack damals besonders aufgefallen. Ich führte beide in den Hauptstall und half anschliessend den Pflegern beim Füttern. Um halb zehn lief ich endlich müde zum Haus, zögerte aber davor und wandte mich stattdessen im halbdunkeln dem Hof zu. Es kehrte Ruhe ein auf Pineforest Stable, nach all der Aufregung schienen sogar die Pferde erledigt. Die Gebäude lagen still im Zirpen der Insekten da und erste Sterne tauchten am Himmel auf. Ich erinnerte mich daran, wie ich einmal mit Jonas im Gras hinter dem Dressurviereck gelegen und an den dunklen Tannen vorbei die Sternbilder betrachtet hatte. Augenblicklich breitete sich eine Art entspannende Wärme in mir aus und zum ersten Mal am heutigen Tage war ich wirklich glücklich. Glücklich hier zu sein, glücklich, dass Jonas lebte und glücklich, dass noch so viel vor mir lag. Ich murmelte sanft, an die Sterne gewandt: „Auf wiedersehen Jack.“ Dann drehte ich mich um und verschwand im Haus.
    • adoptedfox
      Nachts fürchten die Mäuse den Jäger...
      Ich wachte nach einer unruhigen, mehr oder minder schlaflosen Nacht früh auf und begab mich zum Kühlschrank. Während ich nach einem geeigneten Joghurt kramte, plante ich den Morgen. Es würde alles etwas durcheinandergeraten nach meinem 'announcement', da war ich mir sicher. Doch verängstigte Mitarbeiter zu beruhigen war immer noch angenehmer, als Leichen zu entsorgen. Wenn es denn so weit käme... Vielleicht halste ich mir auch nur zu viele Sorgen auf. Als ich fertig gelöffelt hatte, schmiss ich das leere Gefäss in den Müll und öffnete mit wetterfesten Kleidern die Tür. Es Regnete und war neblig - was konnte es an so einem Morgen sonst sein. Ich seufzte kaum hörbar, aber reichlich genervt und machte mich auf zum Hauptstall. Es war noch finster und die Pferde dösten vor sich hin, als ich vorsichtig das Tor aufschob und eintrat. Winter, in einer der beiden vordersten Boxen, lag mit eingeklappten Beinen im Stroh und sah auf, sobald ich mich näherte. Er blieb jedoch liegen, als ich die Box öffnete und auf ihn zuschritt. Er röchelte sogar leise, und ich kniete neben ihn, um ihn zu kraulen. Es war unheimlich beruhigend, seine dunklen, verschlafenen Augen zu begutachten und seine Lippen entzückt zittern zu sehen. Nach einer Weile öffnete sich das Tor erneut; Quinn und Ajith tauchen in der Öffnung auf. Einen Moment sahen sie sich verwirrt um, dann hörten sie meine Stimme und kamen zur Box. "I woke up earlier. You weren't expecting murderer inside here, were you?" Ajith zeigte sich bestürzt. "What?? No, why?" "Because there's a murderer spraying around in our forests." "No way! And what are we going to do?" Ich schwieg einen Moment. "We inform the others as soon as possible, but then we go on as normally and hope thqt the policemen do their work." Die beiden nickten und ich stand auf, um den besorgten Gesichtern ebenbürtig zu sein. Ich klopfte Winter zum Abschied auf den Hals und verliess seine Box. Wir holten die Schubkarre und füllten sie mit Heu, während nach und nach auch die anderen Pfleger auftauchten. Bald war der Stall erfüllt von munterem Geplapper und dem Scharren und Schnauben der Pferde. Dann hielt ich meine kleine Rede. Und schon war die fröhliche Stimmung ersetzt durch sorgenvolles Schweigen. Keine lustig pfeifenden, witzelnden Pfleger mehr, nur stille Arbeiter. Ich beschloss neutral zu bleiben und lief zu Paints Box - es war Zeit fürs morgendliche Training. Oliver hatte die Pferde ihren Reitern schon am Vorabend zugeteilt, es änderte sich aber kaum etwas im Vergleich zum Wochenplan. Die schwarze Stute begrüsste mich mit ihrer weichen, rosa Schnauze. Ich streichelte das samtige Fell an ihrem Hals und kraulte sie liebevoll hinter dem Ohr, bevor ich ihr das Halfter überzog. Anschliessend band ich sie in der Stallgasse an. Ich öffnete die Schnallen ihrer Fleece Decke und zog sie nach hinten, liess sie jedoch halb auf der Kruppe liegen, denn die Stute war geschoren und um halb sechs war es bekanntlich noch ziemlich frisch, draussen und in der Stallgasse. Ich bürstete das kurze, stoppelige Fell gründlich und entwirrte ihren Schweif. Dann sah ich mir die Hufe an, prüfte ob die Eisen noch hielten und entfernte den Schmutz der Nacht. Weiter vorne in der Gasse richtete Oliver Blüte her, Iskierka wurde gegenüber von mir von Ajith betreut. Auch Gray, Cold, Mikke, Sumerian, Campina, Felicita, Indiana und Cassy wurden geputzt, heute Morgen trainierten wir nämlich alle Stuten zuerst. Diana sah mit ihrem neuen Zaumzeug extrem schick aus. Die Stute nahm zwar aufgrund ihres Alters nicht mehr an grossen Rennen Teil, diente den jüngeren Vollblütern aber als Vorbild und wurde in erster Linie mittrainiert, um sie für's Military fit zu halten. Als alle fertig waren und ihre Pferde nach draussen zum Aufsteigen führten, löste auch ich den Strick von Paint und ging mit der Stute ins Freie. Vor uns hob und senkte sich das muskulöse Hinterteil von Cassy. Ich beobachtete entzückt, wie ihr seidiger, weisser Schweif im Takt dazu Tanzte. Ich war unheimlich froh, die Stute übernommen zu haben, denn sie musterte sich mehr und mehr zu einem talentierten Galopper. Bei ihrer Abstammung war das ja auch kein Wunder. Ich zog den Reissverschluss meiner Fleecejacke höher, trotzdem zitterte ich noch vor Kälte. Bald nicht mehr, dachte ich schmunzelnd. Auch Paint war zappelig, sie kreiste um mich als ich mich in die Reihe stellte um von Oliver auf's Pferd geschmissen zu werden. Mit den kurzen Steigbügeln war es schwer, ohne Hilfe hochzukommen und der kleine Hocker, der bis anhin diese Hilfe geleistet hatte, hatte vor drei Tagen den Geist aufgegeben, sehr zum Pech von Quinn, die danach erschrocken halb am Pferd hing. Ich massregelte Paint und hielt sie einigermassen ruhig, bis ich endlich oben war, dann liess ich sie zügig den anderen zur Galoppbahn folgen. Wir ritten im Gänsemarsch eine Runde schritt, dann trabte die ganze Reihe auf Kommando an. Paint ging schwungvoll und locker, trotz der Temperaturen, aber Grey vor mir zog den Schweif ein wenig ein. Nach einer weiteren Runde wurde es besser. Wir wechselten die Seite und galoppierten schliesslich nach ein wenig linksseitigem Trab an. Nach einem Umlauf verliessen wir die Bahn über den sauber gewischten Kiesweg und ritten zu den Startboxen. Natürlich hatten nur acht Pferde in den acht Boxen Platz, weshalb wir zwei Gruppen bildeten. Per Handzeichen wurde bestimmt, dass Caprice, Felicita, Blüte, Iskierka und Paint zur ersten Gruppe zählten. Ich entschied mich für die dritte Box und trieb Paint hinein, doch sie ging sowieso freiwillig da sie wusste, dass sie gleich rennen durfte. Ich spannte die Zügel, hielt sie kurz, nahm die Startposition ein, um beim Absprung nicht aus dem Gleichgewicht zu kommen. Endlich waren alle drin und Ajith, der als "Bodenpersonal" dabei war, rief uns die Kommandos zum fertig machen zu. Dann sprangen die Türen auf und Paint beförderte uns kraftvoll von Anfang an an die Spitze. Ich hielt mich ein wenig an der Mähne der grossen, schwarzen Stute und war froh um meine Schutzbrille, denn die Morgenluft schlug mir eisig ins Gesicht. Ich wagte beim 500-Meter-Pfosten einen Blick über die Schulter und sah, dass Blüte aufholte. Ich liess sie passieren, denn ich wollte Paints Energie für den geplanten Kopf-an-Kopf Schluss sparen. Auch Felicita kam neben uns und hielt diese Position bis zum 1000m-Pfosten. Nun ging es nochmals in die Kurve, danach folgte die Zielgerade. Alle Pferde schlossen zueinander auf und Blüte und Felicita teilten sich die Spitze. Ich gab Paint etwas Zügel frei, sodass wir auch vorne mitmischen konnten. Kierka hängte sich links an Paints Flanke, nur Capri blieb verschollen. Ich drehte mich nochmals kurz und sah die Fuchsstute in einer Pferdelänge Abstand folgen, Tendenz steigend. Die Stute war noch immer nicht wieder 100%ig fit, da erstaunte dieses Schwächeln auf der Bahn nicht. Ich gab Paint nochmals etwas Zügel frei, sodass sie sich streckte und wir mit einer Nasenlänge gewannen. Ich tätschelte ihren Hals, während ich mich aufrichtete und sie auslaufen liess. Als sie in den Trab, und schliesslich in den Schritt fielen, sammelten sich die Pferde und Reiter wieder und ritten gemeinsam zurück zur Startmaschine. Oliver kam auf Aerith angetrabt. Die Stute wurde mittlerweile als Trackpony ausgebildet und eingesetzt, neben den Westernturnieren, die sie regelmässig lief. Oliver wollte später mit Iskierka und Campina das vom-Pony-aus-geführt-werden trainieren. Doch zunächst war die zweite Gruppe auf der Bahn. Ich reihte Paint und mich neben Caprice ein und wir beobachteten das Schauspiel vom Bahnrand aus. Die Türen flogen auf und alle sechs Pferde schossen aus dem Metallgeflecht hervor. Indiana teilte sich sogleich die Spitze mit Gray. Die erfahrene Stute hatte Tendenzen zum Sprinter, Gray jedoch war ganz klar Steher und sollte am Anfang eher im Mittelfeld bleiben, da sie zu wenig ausdauernd war, um das Tempo durchgehend zu halten. Oliver rief die Anweisung, die mir auf der Zunge lag: David solle sie doch endlich zurücknehmen. Unser Trainer hatte wie immer ein Auge für Feinheiten und war unterdessen zu uns getrabt, um diese Details zu besprechen. "Occu, let her go at approximately 900 meters next time. She is old enough to start early." Ich nickte als Zeichen der Kenntnisnahme und kraulte Paint stolz am Widerrist. In der Bemerkung war nämlich ein verstecktes Lob für ihre raschen Fortschritte gewesen. Campina hatte mittlerweile Gray an der zweiten Position abgelöst und Cassy folgte dicht neben der dunkelgrauen Stute. Zu dicht. "Stay away from Gray, or do you want to trap over her legs!", schrie Oliver in gereiztem Tonfall über die Bahn zu Darren. "I told him last time already, but je won't change a bit until the horse has a broken leg!", meinte er an uns gewandt. Ich schwieg und verfolgte das Training. Der 1000m-Pfosten war passiert, nun wurde es erst richtig heiss. Indiana wurde von Cassy überholt, Sumerian tauchte aus dem Nichts auf und zog an Gray vorbei, Crack schob sich vor Campina. Sumerian konnte das Tempo mangels Ausdauer allerdings nicht lange halten und fiel rasch wieder zurück. Indiana entwickelte zwar guten Schub, konnte mit den leichten Jünglingen jedoch nur schwer mithalten. Gray lieferte sich auf den folgenden Metern einen spannenden Kampf mit Crack, die schliesslich richtig zulegte und sich sogar vor Cassy schob, allerdings nicht lange. Die Palominostute mit den grossen Abzeichen verteidigte die Spitze bis zum Schluss. Wir jubelten den heftig atmenden Körpern von Reiter und Pferden über die Bahn zu, ehe wir selbst auf die Bahn zurückkehrten um ein paar fliegende Starts zu üben. Der Nebel hing immer noch erdrückend über unseren Köpfen, doch immerhin hatte es aufgehört zu regnen. Paint lief etwas zögerlich, vielleicht war sie noch erschöpft vom Rennen. Meine Sorge stieg jedoch, als sie auch nach vier Starts noch nicht gut wegkam. Normalerweise hatte sie mit dem Starten kaum Probleme. Ich rief Oliver, damit er sie sich ansah und tatsächlich: nach einer kurzen Demonstration schüttelte er den Kopf und winkte uns zu sich. "I think there's something wrong with her right foreleg. I'll call the vet." Solche Nachrichten waren in einem Rennstall sehr ungern gesehen, ich hoffte aber natürlich das Beste. Ich liess mich hinuntergleiten und führte die Stute, sorgsam beobachtend, in den Hauptstall zurück. Dort versorgte ich sie mit allem was sie brauchte, schmierte etwas Kühl Gel auf das betroffene Bein und zog ihr die blaue Fleece-Decke an. "Good girl, you'll be back in few days, I'm sure", flüsterte ich, etwas bedrückt. Ich schloss die Boxentür und holte Sheela und Jacky aus dem Haus. Auch die anderen Jockeys waren mittlerweile fertig und versorgten ihre Pferde, ehe sie sich versammelten, um die Hengste aufzuteilen. Ich wählte Sunday, denn ich hatte ihn die ganze letzte Woche Quinn überlassen. Nun wollte ich die Feinheit und Kraft des Hengstes selbst wieder geniessen. Wir trainierten wie zuvor, doch nach den Übungsrennen wurden Gruppen gebildet, um das Abteilungsreiten zu fördern. Die Pferde mussten bei ihrer Gruppe bleiben, selbst im rasenden Galopp. Sie mussten geduldig sein und auf die Hilfen ihres Reiters hören. Ich hängte mich an die Gruppe mit Stromer, Muskat, Winter und Chiccory. Die andere Gruppe bestand aus Fly, Light, Cantastor, Spot und Empire. Was für ein Gefühl das ist, mit fünf bebenden Hochleistungssportlern in einer Reihe über die Bahn zu jagen! Besonders wenn ein Pferd wie mein Sunday so fein mitmacht. Ich beobachtete ausserdem die anderen Pferde mit scharfem Auge, sodass ich mir fast wie Oliver vorkam. Frame war noch immer nicht beim Training dabei. Er war zwar schon mehrfach auf dem Platz kurz von mir geritten worden, doch ich wollte zuerst sicherstellen, dass er gut ausgebildet war und nicht überfordert wurde, ehe ich ihn mit zum Konditionstraining nehmen würde. Auch Oliver hatte mir dabei zugestimmt. Ich musste lachen, als Chiccory sich nach dem letzten Galopp schüttelte, als hätte er Fliegen in den Ohren. Dabei hatte Lisa ihm nur kurz ein Strohstück vom Ohr wischen wollen.
      Nachdem auch diese Trainingseinheit zu Ende war, gab es erst einmal eine Kaffee Pause. Selbstverständlich erst, als die wertvollen Tiere zufrieden in ihrer Box raschelten. Ich hatte Sundays Hufe eingefettet, damit sie nicht brüchig wurden. Dies war eines unserer Rituale, wie das tägliche Bürsten und das Abduschen nach harter Arbeit. Die Stimmung in der Sattelkammer liess nicht den geringsten Zweifel an der Sorglosigkeit der Pfleger zu, sie waren gute Schauspieler. Sie mussten immerhin regelmässig vor Publikum so tun, als ob alles im Griff sei. Schwäche zeigen wollte auf der Rennbahn keiner, es ging den meisten nicht nur um Geld, sondern auch um die Ehre. Die Pferde funkelnd, das Sattelzeug gepflegt und wie neu. Und ein nahtloser Ablauf, ohne sichtbare Kommandos oder Anweisungen. Jeder wusste, was zu tun war. So auch heute, zuhause. Keiner verlor ein Wort über meine Ansprache vor dem Training, alle lächelten. Ich kam mir seltsam verloren vor, in dieser Maskierten Welt. Wem konnte man trauen, wenn das Leben das reinste Gaukelspiel war? Plötzlich ertönte ein lauter Knall, augenblicklich flutete eine erschrockene Stille den Raum. Ein Jäger? Ein Knallen eines Motors? Ich malte mir einige Szenarien aus, während ich mit Ajith und Lewis nach draussen hastete. Stille - wie im Raum zuvor. Dann ein zweiter Schuss, Hilfeschreie. "What the - " Ich stürzte um die Ecke und erblickte unseren Nachbaren, einen sonst so friedvollen, älteren Herren, mit seinem Jagdgewehr in der Hand. Er gestikulierte wild umher und deutete auf einen parkierten Ford, hinter dem jemand kauerte. Lewis und Ajith umstellten den Wagen und packten die Person, ich beruhigte den Bauern. "It is him, he is it! The murderer! I know it!" Der verängstigte junge Bursche stotterte einige unbedeutende Worte, ehe seine Stimme versiegte. Nie und nimmer ist er ein Mörder. Wir klärten das Ganze auf dem Parkplatz, und schon nach einigen Sätzen wusste ich, was tatsächlich vorgefallen war. Der Junge hatte am Morgen wie gewohnt die Arbeit auf dem Lehrbetrieb aufnehmen wollen, doch das Tor war noch verschlossen gewesen, vermutlich als Vorsichtsmassnahme gegen Killer. Daraufhin hatte sich der Junge als Kletterkünstler erwiesen, denn er war kurzerhand auf den Baum neben dem Bauernhaus geklettert, um über den Zaun zu kommen. Der Bauer hatte kaum das raschelnde Laub, die kräftigen Arme und die dunkle Hose des Burschen erblickt, als er schon zur Flinte griff und hinausstürmte. Der Junge, erschrocken über die Reaktion des Bauern, empfand es als klüger, das Weite zu suchen. Dadurch sah sich wiederum der Bauer bestätigt in seiner Annahme und nahm die Verfolgung auf. Ich schüttelte lachend den Kopf, als die Story geklärt war. Die beiden gaben sich noch immer misstrauisch die Hand zur Versöhnung, dann kehrten sie nach einem Beruhigungstee zurück auf ihr Land. Lewis, Ajith und ich sahen uns vor Erleichterung grinsend an. Doch in meinem Kopf sortierte ich die wilden Gedanken der Sorge. Wenn nun schon unser Nachbar so durchdrehte, wie konnten wir dann entspannt hier warten und uns in Sicherheit wägen?
      Alle hatten die Arbeit wieder aufgenommen, einer lag ruhig im Stroh. Lisas Schreie liefen mir kalt den Rücken hinunter. Ich raste mit Jonas zum Schauplatz und bemerkte, wie es ihm fast den Magen umkehrte. Vor uns lag der Elektriker, mit einem verheissungsvollen roten Flecken auf der Brust und im friedlichen, ewigen Schlaf. Ich habe schon schlimmeres gesehen, zum Beispiel zerstückelte Ehemänner, dachte ich bitter. Jonas betreute Lisa, während ich die Polizei rief. Jetzt musste alles schnell gehen - vielleicht waren Spuren auf der Leiche. Etliche Stunden später war klar; der Täter war kein Amateur. Er hatte nicht den geringsten Tipp hinterlassen. Sie jagen ein Phantom, welches uns alle jagt...
      Ich biss mir auf der Unterlippe herum, während ich den Stall der Ministuten ausmistete. Ständig horchte ich auf, in der Erwartung, einen weiteren Schrei zu hören. Doch es blieb still. Totenstill. Nicht einmal die Pferde waren in der Lage, diese erdrückende Stille zu durchbrechen. Sie schnaubten lediglich hin und wieder leise. Als ich mit den Minis fertig war, befasste ich mich mit den dreijährigen Ponys. Sie waren mittlerweile alt genug um eingeritten zu werden. Zwar standen alle drei noch auf der Fohlenweide, doch wir hatten bereits mit Longentraining und Sattelgewöhnung begonnen. Obwohl alle drei etwa gleichzeitig mit dem Training begonnen hatten, waren erhebliche Unterschiede zu erkennen. Lychee machte fast täglich grosse Fortschritte und arbeitete eifrig mit, manchmal fast zu eifrig. Sweets hingegen war etwas zurückhaltender und brauchte länger, um den Gurt zu akzeptieren. Bluebell war unkompliziert und lernfreudig, mochte es aber überhaupt nicht, angebunden zu werden. Ich fasste eines der schwarzen Standardhalfter und streifte es Sweets über die kurzen Ohren. Sie kam brav mit, als ich mit ihr die Strecke zur Halle lief, bloss hin und wieder drehte sie den Kopf und wieherte. Ein Wohlklang in der Einsamkeit an diesem Nachmittag - dachte ich schmunzelnd. Ich schritt zügig voran und schob das Hallentor auf. Drinnen wärmte Rosie gerade Ocean auf, wie vereinbart. Auch Jockeys mussten ab und zu ein wenig Dressur reiten, um nicht aus der Übung zu kommen, und so konnte ich auch gleich die erfahrene Stute als Lehrmeister für Sweets einsetzen. Kaum erblickte sie Ocean, da wurde Sweets auch schon deutlich ruhiger und konzentrierter. Ich hängte zunächst die Longe ein und liess sie im Schritt um mich herum gehen. Sie tat dies nun zum vierten Mal und wusste bereits, dass sie auf der Kreisbahn bleiben musste. Nur die Biegung konnte noch verbessert werden. Nach vier Runden rief ich deutlich "Trot" und machte etwas Druck mit der Longiergerte, sodass sie beides verknüpfen konnte. Die junge Stute lief schwungvoll - sehr schwungvoll, ich musste sie in ihrem Eifer bremsen. Beim angaloppieren kamen dann die berüchtigten Freudensprünge, doch ich hatte damit gerechnet und vorsorglich Handschuhe angezogen. Nun war es an der Zeit, den Gurt und den Sattel zu holen. Sie wirkte auf den Longiergurt wie zuvor skeptisch, blieb aber still stehen und liess mich ohne zu zicken anziehen. Ich lobte sie einige Male, während ich den Gurt löste und wieder anzog. Als ich das Gefühl hatte, dass sie entspannter sei, holte ich den Sattel und den richtigen Gurt. Ohne zu zögern schwang ich ihn auf Sweets' Rücken und zog den Gurt an, ehe ich ihn wieder löste und das ganze Spiel wiederholte. Später ging ich einen Schritt weiter und longierte sie mit Sattel. Zum Schluss führte ich Sweets noch ein wenig durch die Halle und machte Gehorsamkeitstraining. Danach brachte ich sie in den Nebenstall, wo bereits drei Boxen hergerichtet worden waren. Ja, es war Zeit die Terrorherrschaft der drei Ponys über die anderen Fohlen zu beenden. Sweets zögerte etwas, als ich sie in die hinterste Box führte, sie schien zu ahnen, dass ihr leichtes, sorgloses Dasein auf der grünen Wiese vorbei war. Doch sie wird bald herausfinden, dass es gegen ein anstrengendes, aber spannendes Leben eingetauscht wird, dachte ich schmunzelnd und stellte mir einen herrlichen Wintergalopp mit Sweets vor. Ich liess die kleine Stute in der Box zurück, was ihr so gar nicht passte. Sie lief im Kreis und wieherte nach ihren Kollegen. Den frischen Heuhaufen zu ihren Hufen beachtete sie nicht. Aus einiger Entfernung kam eine gedämpfte Antwort, offenbar wurden Lychee und Blue gerade von Jonas und Rosie geholt. Alles verlief reibungslos: auch die beiden wurden in ihre neuen Boxen gebracht. Blue beschnupperte Sweets prüfend durch das Gitter, dann entspannten sich alle sichtlich und Lychee begann zu fressen. Bald senkte sich auch der letzte Kopf dem Heu entgegen und Ruhe kehrte im Nebenstall ein. Jonas nahm mich spielerisch in den Arm, doch ich war nicht in der Stimmung für Flausen; noch immer horchte ich ständig nach Ungewohntem. Ich kam mir vor wie in einem Krimi. Wir schlenderten zum Hauptstall und ich half beim Wischen.
      Die Dunkelheit schlich sich langsam über den Horizont auf die Britischen Inseln zu und mit ihr die Angst. In der Nacht hatte der Killer bisher gejagt, das war auch überaus vernünftig gewesen. Ich sah zumindest die Logik darin, auch wenn das meine und der Pfleger Situation nicht sonderlich zu bessern vermochte. Ich hatte mich überreden lassen, mit Quinn, Rosie, Lily und Lisa im "Pflegeheim", wie es scherzhaft genannt wurde, zu übernachten. Ich musste zugeben, dass mich der Gedanke an mein einsames, dunkles Zimmer nicht gerade gelockt hatte, doch alles war besser als mit Lisa in einem Raum zu nächtigen - was mir leider viel zu spät klar wurde. Sie plapperte den ganzen Abend mit ihrer schrillen Stimme, als wäre dies eine spassige Pyjamaparty, und spätestens mit ihren etwas taktlosen Horrorszenarien über den Tod des Elektrikers verlor sie den letzten Zuhörer. Ich meinerseits litt bereits an Kopfschmerzen und floh in den Gang hinaus. Im Aufenthaltsraum brannte Licht, Lewis, Darren und Jonas sassen auf den Sofas und unterhielten sich gedämpft. Ich setzte mich wortlos auf den erstbesten Platz der mir einfiel: die Armlehne neben Jonas. Er blickte mich einen Moment geheimnisvoll an, dann wandte er sich wieder den anderen beiden zu. "Do you think they'll catch him soon?" "Nay, he seems to be very clever and of course our dear officers are too lazy, they have not had anything like this since they work here", meinte Lewis. Er fuhr sich gähnend mit den Fingern durch die hellrote Mähne, dann grinste er verheissungsvoll. "I'll go to bed now, or I'll be dead tomorrow." Ich lächelte halbherzig und sah Darren und Jonas an, mit der Erwartung, dass sie ebenfalls aufstehen würden. Doch sie fuhren fort mit dem Gespräch. "They must certainly have found something, or at least they will, 'cause nobody is perfect. He'll make mistakes, like people do" brummte Darren. Jonas konterte: "Jack the Ripper blieb auch verschollen." Darren wollte etwas entgegnen, schloss den Mund jedoch, stumm. Jonas sah mir wieder in die Augen, als wollte er meine Meinung hören. Ich überlegte, dann antwortete ich: "Mir war es egal, wann und wie sie ihn fassen. Solange er einen grossen Bogen um Pineforest Stable machte. Aber das hat er nicht getan, also hoffe ich, dass sie ihn schnappen und er in der Hölle schmort." "Woher weisst du, dass es ein 'er' ist?", wollte Darren wissen. "Ich glaube kaum, dass eine Frau genug Kraft gehabt hätte, um den Elektriker niederzuringen... Abgesehen davon wäre eine Frau geschickter vorgegangen und hätte die Leiche gleich verschwinden lassen." Jonas sah mich gespielt böse an und stupste mir in die Seite, ich musste lachen, da ich schon immer zu den eher Kitzligen gehört hatte. Dann schlang er plötzlich seinen Arm um mich, zog mich von meinem Platz auf seinen Schoss und fasste meine Hand. Ich lachte noch immer, versuchte meine Verwirrung zu verbergen. Darren stand auf und murmelte etwas von wegen "Gute Nacht ihr Turteltäubchen" auf Englisch, ehe er grinsend in einem der Zimmer verschwand. Ich protestierte, in der Hoffnung, dass er es noch hören würde. Mir war bewusst, wonach dieses Szenario aussehen musste, doch ich wusste auch, dass Jonas es nicht ernst meinte (das tat er ja anscheinend nie) und ich wollte keine falschen Gerüchte über uns im Umlauf haben. Besonders Lisa fände solch eine Geschichte bestimmt spannend. Ich schauderte bei dem Gedanken. Jonas wollte mich nun hinlegen, indem er mich hochhob. Ich sperrte mich im ersten Augenblick, doch dann gab ich nach. Mein Herz klopfte, trotz all der Zweifel - ich liess mich fallen. Er legte sich ebenfalls hin, Ende des Spiels war, dass wir beide auf dem Sofa ausgestreckt waren, ich an ihn gekuschelt. Ich hatte mich damit abgefunden, mehr noch; ich begann es zu geniessen. Trotzdem da die übliche Vernunftsstimme in meinem Kopf hallte, "Du weisst, das das nichts ernstes ist". Er fragte leise: "Bequem?" Ich nickte. Ich musste zugeben: es war schon warm und angenehm, wie er den Arm um mich legte. Und das sanfte streicheln seiner Finger über meine Hand jagte mir ein Kribbeln quer durch Körper. Wir lagen dort bestimmt eine halbe Stunde, in der zunächst ich ständig prüfend zur Tür starrte, fest entschlossen bei einer Bewegung sofort aufzuspringen. Ich kann das hier jederzeit beenden, und ich werde ihm auch nicht wieder hinterher trauern. Doch auch nach fünfzehn Minuten war kein Lebenszeichen der Tür zu erkennen, also entspannte ich mich vollends. Und dann war der Spuk auch schon vorbei. Aus einem der vorderen Zimmer rief jemand: "Jonas come here, we want to sleep. If you do not, you have to stay outside!" Er zuckte zusammen und ich stand auf, damit er sich aufrichten konnte. Ein letztes Mal durchwuschelte ich seine dunklen Locken, dann liefen wir gemeinsam zum Gang und trennten uns. Etwas wehmütig war ich schon, denn ich hatte es insgeheim sehr genossen, mit dem Ohr auf seinem Brustkorb dem Herzschlag zu lauschen, oder seinen warmen Atem zu fühlen. Doch ich legte mich in eines der leeren Betten, die anderen schliefen bereits, und leerte meinen Kopf von allen Geschehnissen des Tages, ehe ich in einen kurzen, aber tiefen Schlaf sank.
      Tierarztbericht für Cantastor
      Als nächstes war Cantastor an der Reihe, den ich recht gut kannte, weil er Vater von Caipirinha war – und diese war in meinem Besitz.
      Ich begrüßte den frechen Hengst, der ein imposantes Erscheinungsbild besaß, indem ich ihm den Hals klopfte. Seine Ohren schnellten nach vorn und er beobachtete mich ganz genau.
      Routiniert zog ich die Spritzen auf, dann impfte ich den Zuchthengst gegen Influenza, Tetanus und Herpes.
      Er machte es gut, am interessantesten fand er wohl den Alkoholtupfer, wegen dessen Geruch er zu flehmen begann. Ich lachte – das hatte bisher noch kein Pferd gemacht!
      Bei der Wurmkur biss er zunächst stoisch die Zähne aufeinander, ließ sich dann aber überreden und nahm sie recht willig.
      Dann durfte er auch schon wieder in den Stall.
      White Storm
      Sonnenstrahlen wärmten meinen Rücken, als ich mit Lila den Feldweg entlang töltete. Es war Sonntag, kurz nach dem Weihnachtsball. Ein Blick auf die Armbanduhr unterrichtete mich von der Tageszeit – zehn nach zwei Uhr. Es war ein vollgepackter Morgen gewesen. Zwei neue Pferde hatte ich begrüssen dürfen, und morgen würde nochmals eines folgen. Um fünf Uhr war ich aufgestanden, um beim Füttern zu helfen und anschliessend mit den Rennpferden und Jockeys ins Training zu gehen. Kaum war Cantastor wieder abgesattelt und versorgt gewesen, hatte ich Gini auf dem verschneiten Platz bewegt. Es waren sogar immer noch ein paar Flöckchen gefallen, während ich mit ihr Slaloms, Stops und Seitwärtsgänge geübt hatte. Richtig hübsch hatten die weissen Fetzen sich ihren Weg durch den nebligen Himmel getanzt. Danach hatte ich Amor Casdove vom Flughafen abgeholt. Der Pintoaraber hatte wohl einen echten Kulturschock gehabt, als er vom warmen Australien ins verschneite England verfrachtet worden war. Er hatte sich auch entsprechend verhalten und war trotz seiner Winterdecke extrem zappelig gewesen, als hätte es ihm an die Beine gefroren. Ich nahm es dem temperamentvollen Jungspund nicht allzu übel. Er hatte sich in der Box einige Male gedreht und gewiehert, danach war aber auch schon Ruhe eingekehrt. Ich hatte anschliessend Anubis bewegt, der zum Glück einiges ruhiger gewesen war. Nachdem ausserdem auch Donut und Hallu bewegt gewesen waren, hatte ich mich auf den Weg in den Süden gemacht, um meine neue Paint Stute abzuholen. Sie war ein interessantes Projekt, da sie vollkommen militärisch ausgebildet worden war. Ich hatte zwar gute zwei Stunden bis Bristol gehabt, doch die Fahrt hatte sich gelohnt: Echo war bereits mit einigen anderen Pferden angebunden auf dem Parkplatz gestanden, denn sie war nicht das einzige Pferd gewesen, das heute abgeholt worden war. Der alte Bauer, der aufgrund seiner Demenz seine Hobbyzucht aufgeben musste, war etwas verwirrt in Begleitung seiner Tochterzwischen den Pferden und Anhängern hindurch gewuselt und es war ihm sichtlich schwer gefallen zu verstehen, warum seine Pferde weg mussten. Als ich Echo endlich hatte die Rampe hochführen dürfen, hatte ich ihm versichern müssen, dass ich sie weiterhin kavallerietauglich ausbilden würde. Er hatte mir ihr Zaumzeug geschenkt, da sie dieses in der Ausbildung so gut angenommen hatte. Ich hatte beschlossen, ihm diesen Wunsch zu erfüllen und es für mich als Challenge zu betrachten. Nun war die Stute in ihrer neuen Box und lebte sich ein, während ich auf dem Ausritt mit Lila war.
      Mein Mopho summte, ich bremste die Islandstute. "Hey, bist du noch lange weg?", stand auf dem Display, darüber fand ich das Profilbild von Jonas. Ich verneinte und fragte warum, konzentrierte mich dann aber wieder auf Lila. Mein Pferdchen war fleissig heute: kaum nahm ich die Zügel wieder auf, spurtete sie auch schon im Trab los. Die wollige Mähne tanzte dabei im Takt auf und ab. Überhaupt war alles an ihr wollig. Ich hatte sie noch nicht geschoren, da es so schnell so kalt geworden war, doch nun schien es langsam Zeit zu werden. Sie wird sich sonst zu Tode schwitzen, wenn sie so Gas gibt. Der Schnee war bereits wieder am Schmelzen, doch er stand noch immer knöchelhoch. Und für die nächste Woche war ein Schneesturm angekündigt worden. Ich mochte den Schnee, sehr sogar. Und ich mochte es, gemütlich im warmen Wohnzimmer zu sitzen, während draussen der Wind heulte und der Schnee wirbelte. Alles um mich herum lag still und weiss da, nur hin und wieder lösten sich das schmelzende Pulver von einem Ast und hinterliess einen glitzernden Nebel aus Eiskristallen in der Luft. Irgendwo in der Ferne rief eine Krähe, als ich den Weg beim Flussufer erreichte. An einer steil abfallenden Stelle beim Ufer, dort wo Schmelzwasser in den Fluss lief, entdeckte ich einige wunderschöne Eiszapfen. Ich hielt Lila und liess mich zu Boden gleiten, um einen abzubrechen. Den muss ich unbedingt Lewis zeigen! Er behauptet immer noch, dass 'seiner' bei der Reithalle der grösste sei. Ich sah nochmal auf das Display meines Mophos, ehe ich wieder aufstieg. "Wir wollen Schlitteln gehen. Keine Angst - die Pferde sind schon alle versorgt." Ich lächelte kopfschüttelnd und lenkte mein Pferdchen auf den Heimweg.
      Vor dem Nebenstall stieg ich ab und führte Lila unter das Vordach zum Anbinden. Sie stützte entspannt den Huf auf, während ich den Sattel von ihrem Rücken nahm und das lange Winterfell kurz durchbürstete. Ich schäre sie später gegen Abend. Schon kamen Lewis und Jonas um die Ecke. "Ah, you're back! Okay, let's groom Lila and then go, while it's still sunny", rief Lewis freudig. Ich nickte und die beiden halfen mir kurz beim Hufe Auskratzen und Beine Bürsten. Dann brachten wir Lila rein und holten meinen Holzschlitten aus dem Keller. Rosie, Lisa, Elliot, Darren und Oliver standen schon bereit; Quinn war nicht dabei weil sie sich eine Grippe eingefangen hatte. Ajith fehlte ebenfalls, da er keinen Schlitten hatte und sich nicht so geeignet für den Schneesport fand. Die anderen hatten versucht, ihn zu überreden, doch Ajith bleibt hart Granit wenn er sich einmal entschieden hat. Wir liefen los in Richtung Galoppwiese, dann ein wenig südöstlich. Dort gab es, weit vom Hof entfernt, einen grossen Hügel, den ich letztens mit Numair hochgaloppiert war, um dessen Kondition zu verbessern. Es war mühsam, durch den bereits schmelzenden Schnee zu stapfen. Der Weg auf den Hügel kam mir ewig vor. Doch die Mühe lohnte sich: trotz des klebrigen Schnees fuhren die Schlitten schnell. Dumm nur, dass mein Schlitten bei der zweiten Abfahrt einige Meter neben der Piste eine unliebsame Begegnung mit ein paar Felsen erlitt, die hinterhältig unter der Schneedecke schlummerten. Ich landete unsanft im Tiefschnee und der Schlitten sah mitleidserregend aus. Ich sammelte die linke Kufe und das restliche Holzgestell ein und lief damit die Piste hinunter, wo die anderen halb besorgt, halb lachend warteten. Jonas bot mir an, auf seinem Schlitten mitzufahren, was ich nach einigem Zögern auch annahm. Dankbar hastete ich neben ihm den Hügel hinauf, während er den Schlitten zog. Ich setzte mich vorne hin, er sich hinten, da er so besser lenken konnte. Die Abfahrt war turbulent aber lief gut, bis Lewis uns hinauswarf, indem er den Schlitten hinten packte und herumriss. Wir machten ständig solche Spiele beim Schlittenfahren - das machte es um einiges spannender. Ich lag lachend neben dem Gefährt im Schnee und sah zu Jonas, der sich ärgerlich die Mütze ausschüttelte. Schon entdeckte ich das typische, herausfordernde Glitzern in seinen Augen und wir erklimmten den Hügel erneut. Noch einige Male landeten wir im Schnee, und oft revanchierten wir uns an diesem Nachmittag. Ich genoss es in vollen Zügen und das Beste war, dass Jonas und ich ein hervorragendes Team bildeten. Als der Spass schliesslich zu Ende ging, da es bereits dunkel wurde, liefen wir fröhlich lachend und schnatternd zurück zum Stall. Im Pflegerheim liess ich mich erschöpft aber glücklich mit einem warmen Punsch in der Hand auf die blaue Couch fallen. Jonas setze sich neben mich. Wir redeten eine Weile, ehe wir beschlossen, einen Film zu schauen. Doch zuerst mussten die Pferde versorgt werden. Ich trank aus und zog mich wetterfest an. Es war sechs Uhr und dunkel draussen, ausserdem kam ein starker Wind auf, der eisig durch meine Jacke zog.
      Ich stampfte durch den bloss noch knöchelhohen Schnee zu den Weiden, wo ich Pina und Indiana auf halfterte. Die beiden liefen zügig und aufgeregt schnaubend neben mir den Weg hinauf, offenbar spürten sie den herannahenden Sturm. Ich liess, im Hauptstall angekommen, Diana los, damit sie selber in ihre Box laufen konnte. Währenddessen brachte ich Pina in die ihrige. Auch Jonas kam gerade mit Caprice und Crackangelaufen. Beim Zurückgehen schob ich auch Dianas Tür zu und warf einen Blick in die Box von Cassy, die bereits nass, aber zufrieden am Heu knabberte, dann lief ich erneut los um zwei weitere Stuten zu holen. Beim Eingang wich ich Ajith aus, der Kierka und Blüte hineinführte. Auf dem Weg zu den Weiden hielt mich Lisa auf um zu fragen, wann die Pfleger füttern sollten. Sie schaffte es kaum, Paint und Gray ruhig zu halten. Paint stand breitbeinig da, den Kopf hoch erhoben, und sog hin und wieder geräuschvoll Luft ein. Gray stand mit gespitzten Ohren daneben. Ich beschloss, dass wir das Füttern und Misten gleich erledigen sollten und anschliessend um neun nochmals Heu geben und Kontrolle machen würden. Lewis hatte inzwischen auch Sumerian geholt. Ich kümmerte mich also noch um die letzten beiden, Shio und Pointless. Doch auf dem Weg schüttelte Point die ganze Zeit heftig den Kopf und riss am Strick. Ich massregelte sie mehrfach, Wirkung zeigte es bei der sensiblen Stute kaum. Im Gegenteil: kurz vor dem Hauptstall nahm sie einen gewaltigen Satz in meine Richtung und warf mich beinahe um, sodass ich sie loslassen musste, um nicht überrannt zu werden. Knapp gelang es mir, Shio zu halten. Die gepunktete Stute hingegen raste im gestreckten Galopp zurück in Richtung Weiden. "Spinnvieh!" Ich fluchte vor mich hin und brachte Shio schleunigst in die Box, um gleich darauf ein paar Pfleger zusammenzutrommeln und Pointless zu suchen. Mittlerweile stürmte es fast schon, und es schneite. "Na toll, sie haben den Sturm doch erst für Montag angesagt!", beschwerte sich Lisa. Ich beachtete sie nicht und kniff die Augen zusammen, damit keine Schneeflocke hineingeweht wurde. Ich lief zielstrebig in Richtung Fohlenweide, denn dort vermutete ich die ausgerissene Stute. Die anderen folgten mir. Tatsächlich stand Pointless beim Zaun und sah uns entgegen, doch als wir zu nahe kamen, drehte sie ab und bewegte sich im Stechtrab weiter den Weg hinab. "No chance, she'll run to the field if we try to chase her. We have to block the way down there", rief ich durch den Wind und deutete auf das Ende des Weges zwischen den letzten beiden Weiden. Lewis und ich rannten in einem Bogen über die Weiden nach unten, indem wir uns unter den massiven Holzzäunen hindurch zwängten. Point beobachtete uns hin und wieder misstrauisch, dann wiederum sah sie zu Lisa und Ajith hoch. Als wir unten ankamen, streckten Lewis und ich die Arme aus und blockierten den Weg, von Zaun zu Zaun. Dann trieben wir die aufgewühlte Stute langsam nach oben zu Ajith. Er schaffte es schliesslich, ihr noch immer am Halfter baumelndes Seil zu fassen und ihr zusätzlich einen Strick um den Hals zu legen. Gemeinsam führten wir Pointless in den Stall, was diesmal bis auf einige grunzende Seufzer ihrerseits ereignislos verlief. Als sie endlich in der Box war, atmete ich auf. Wir waren alle vier Total durchnässt und zerzaust vom Wind, der draussen gerade erst seine volle Kraft zu entwickeln schien.
      Wir fütterten die ungeduldig schnaubenden Pferde rasch und säuberten die Boxen, danach machten wir uns gemeinsam auf den Weg zum Pflegerheim. Kaum waren wir da, legte der Sturm richtig los. Es flitzten eine Menge weisser Flocken am Fenster vorbei und der Wind heulte durch die Spalten des Hauses. Drinnen war es dafür umso gemütlicher: die Heizung lief auf Hochtouren und es wurden bereits Decken und heisser Tee verteilt. Ich zog die Jacke aus und stellte fest, dass nicht nur meine Haare, sondern auch meine Hosen durchnässt waren. Ich wickelte mich daher rasch auf dem Sofa in eine der Decken ein und liebäugelte mit einer blauen Tasse auf dem Tisch vor mir. Mit einem federnden Aufschlag liess sich Jonas neben mich fallen, wie ich es mir insgeheim erhofft hatte. Wir starteten den Film und verdunkelten den Raum. Es dauerte nicht lange, da fühlte ich eine Hand sich um meine Schulter legen, und eine sanfte Kraft zog mich weiter nach links. Ich liess es zu, bis ich mit dem Kopf an seine Schulter gelehnt war und wagte es nicht, aufzusehen. Als ich es doch tat, sah er mich mit solch einer Herzlichkeit an, dass ich mir ein glückliches Lächeln unmöglich hätte verkneifen können. Ich liebte seine tiefgründigen Augen, seine feinen und doch kantigen Gesichtszüge und das wollene Haar - alles an ihm war in diesem Moment wundervoll und ich vergass die schmerzenden Monate der Kälte und Nüchternheit. It's so silly, sagte ich zu mir selbst, but if this was a dream, I would never want to wake up. Die Zeit ging viel zu schnell vorüber. Und so kam das unweigerliche Ende der zärtlichen Liebkosungen. Still hatten wir unser Glück für ein paar Stunden gehabt, und ebenso schnell war es wieder vorüber. Das Licht ging an, unsere Wege trennten sich bei den Schlafzimmertüren. Ich lag noch lange wach, während draussen der Sturm an den Schindeln zerrte und alles in Dunkelheit tauchte. Wie wird es wohl morgen sein? Harmonischer Sonnenschein, oder Verwüstung?
      Welcome back, Sister!
      Heute schien die Sonne unbeirrt auf die saftigen Weiden von Pineforest Stable. Es schien, als wollte der Sommer sich bereits im voraus ankünden. Es war auch richtig heiss, sodass das Vollblütertraining so früh wie noch nie dieses Jahr am Morgen stattgefunden hatte. Nun war es bereits kurz nach Mittag und ich lag zusammen mit Quinn und Lily im Schatten hinter der Halle. Das kühle Gras kitzelte meine Beine, aber ich war zu beschäftigt mit dem leckeren Eis in meiner Hand, um mich davon ablenken zu lassen. Wir beobachteten, wie die Stuten auf den Weiden sich ebenfalls vorzugsweise im Schatten der Bäume bewegten. Als wir fertig gegessen hatten, lief ich mit Lily zum Hauptstall, Quinn hingegen gesellte sich zu Lewis und Elliot zu den Tischen im Zuschauerraum der Reithalle. Lily und ich holten Cantastor aus seiner Box und putzten ihn gemeinsam. Der kleine Stern auf seiner Stirn erinnerte mich sehr an den von Fly, nur dass dieser dazu noch eine Schnippe besass. Aber auch sonst waren die beiden Hengste sehr unterschiedlich, denn Canto war ein cooler, ruhiger Typ, während Fly sich im Moment eher hektisch und schreckhaft verhielt. Natürlich war Canto auch schon etwas erfahrener. Nach dem Hübschmachen führten Lily und ich den Dunkelbraunen zur Hengstfohlenweide. Wir wollten ihn nicht etwa wieder zu den Junggesellen schicken, nein. Aber wir wollten ihn mit Alysheba bekannt machen, der aus dem gleichen Gestüt stammte wie er. Auch Dublin war ein Valentine’s-Fohlen, aber es war praktischer, einen Spaziergang mit den beiden Jungs zu machen. Wir wollten nämlich auch gleich ein wenig Führtraining mit Aly machen und erhofften uns, dass er von Canto etwas lernen konnte. Zu diesem Zweck hatte ich ein kleines Lederhalfter mitgebracht, das ich in die richtige Grösse verstellte und dem Jährling über streifte. Er liess es sich ohne zu zicken gefallen - war ja nicht das erste mal. Es gab ein kleines Gewieher, als ich den braunen Jungspund weg von seinen Kollegen führte, doch auch das hatte ich schon mehrere Male gemacht, weshalb die anderen bloss ein wenig nach ihm riefen, danach aber gleich wieder weitergrasten. Aly seinerseits war neugierig auf den grossen Hengst vor ihm und vergass die anderen Rabauken schnell. Die beiden beschnupperten sich und Aly kaute unterwürfig, um sich keinen Ärger einzufangen. Ich lachte bei dem Anblick, war der kleine Mann doch sonst immer sehr mutig und frech im Umgang mit den anderen. Wir sprachen kurz ab, welchen Weg wir gehen würden, dann liefen wir los in Richtung Fluss. Bei solchem Wetter war eine Abkühlung genau das Richtige, und Aly konnte das Wasser kennenlernen. Unser Plan funktionierte: Der Kleine beobachtete Canto, wie er ohne zu zögern einige Schritte in den Fluss lief und zu trinken begann. Ich zog mir die Schuhe aus und die Hosen hoch, wie es auch Lily schon getan hatte, und führte Aly zum Ufer. Er zögerte kurz, dann folgte er mir in die kühle Flüssigkeit. Das Wasser umspülte seine Beine und führte hie und da ein kleines Blatt oder einen Ast mit sich. Nach ein paar Sekunden begann er übermütig mit dem Vorderhuf zu scharren und mich nass zu spritzen. Ich stand etwas zur Seite, indem ich das Seil länger liess. „Good boy!“, lobte ich dieses spielerische Verhalten, denn er sollte ruhig auf den Geschmack kommen. Schliesslich würde er später immer wieder mit dieser Substanz zu tun haben. Canto stand da und sah zu, einfach nur die Kühle geniessend. Nach einer Weile zogen wir weiter. Wir kamen auf dem Spaziergang an einer Kuhweide, einem Traktor und einem Fahrrad vorbei. Besonders die Kühe jagten dem Jährling Angst ein, aber auch den Trakor fand er etwas furchteinflössend. Obwohl wir in einigem Abstand im Feld standen, als er uns kreuzte, sog Aly laut hörbar Luft ein und sah im mit grossen Telleraugen nach. Ansonsten verlief der Ausflug entspannt. Ich war froh, in Canto einen so tollen Lehrmeister zu haben und stolz auf meinen kleinen Nachwuchsathleten, der heute wieder viel gesehen und hoffentlich auch gelernt hatte. Jetzt durfte er aber erstmal zurück zu seinen Kumpels, die ihn eifrig begrüssten. Als ich Merino sah, fiel mir ein, dass heute ja Primo ankommen würde. Die kleine Vollschwester des dunkelbraunen Fohlens war ebenfalls auf Pineforest Stable zur Welt gekommen, danach aber aufgrund ihrer Schwäche als Flaschenaufzucht an eine gute Freundin von mir übergeben worden. Ich sah auf die Uhr und stellte erleichtert fest, dass noch genug Zeit übrig war, um alles vorzubereiten.
      Um vier Uhr fuhr der Transporter mit der kleinen Stute auf den Hof. Gespannt öffnete ich die Klappe und begrüsste die Kleine sanft. Klein war wohl nicht der richtige Ausdruck, denn sie hatte sich dank der ausgezeichneten Pflege wunderbar entwickelt und war wie Merino zu einem kräftigen Jährling herangewachsen. Ich erkannte amüsiert die kleinen weissen Flecken auf ihrem Fell wieder, die sich auch bei Merino und ihrem Vater Ikarus finden liessen. Ob Blüte sie wohl wiedererkennt?, fragte ich mich schmunzelnd, und führte die Stute zum Hauptstall, um die beiden sich beschnuppern zu lassen. Blütenzauber zeigte sich interessiert an der kleinen Stute, wandte sich dann jedoch nach wenigen Augenblicken wieder ihrem Heu zu. Etwas anderes hatte ich aber auch nicht erwartet, schliesslich hatte sie ihre kleine Tochter schon sehr lange nicht mehr gesehen und wohl bereits vergessen. Der nächste Halt war die Stutfohlenweide. Auch dort herrschte reges Interesse an Primo, doch zu meiner Überraschung war es Merino, der sich am aufgeregtesten zeigte. Kann es wirklich sein, dass er seine Schwester wiedererkennt? Jedenfalls schnüffelten die beiden durch den massiven Holzzaun aneinander und beknabberten sich gegenseitig die Backen. Primo wurde kurz danach von allen Seiten umstellt und beschnuppert. Dublin, die im Moment die Ranghöchste in der Gruppe war, nahm es besonders genau und quietschte einige male, um der Neuen Eindruck zu machen. Ich blieb dabei, bis sich die Situation entspannte, denn ich wollte keine Verletzungen riskieren. Primo ordnete sich der Scheckstute kommentarlos unter, etwas anderes blieb ihr auch gar nicht übrig, denn Dublin war älter und kräftiger.
      Als es dunkel wurde, sattelte ich Sumerian. Die Stute war am Morgen nicht mit den anderen im Training gewesen, da sie vor kurzem geimpft worden war. Ich wollte es deshalb mit ihr etwas ruhiger angehen lassen und hatte einen gemütlichen Mondscheinausritt geplant. Ich stieg im Dunkeln auf und ritt nach Osten über die Drücke. Der Mond schien sehr hell über die hohen Felder und in der Ferne schuhuhte ein Käuzchen. Nach der Hitze des Tages war die frische, nächtliche Brise, die snaft Sumerians Mähne hob, sehr angenehm. Nach einigen Trabstrecken fühlte ich mich plötzlich unglaublich müde und ausgelaugt und beschloss deshalb, langsam aber sicher zurückzureiten, bevor ich noch einschlafen würde. Ich nahm es beinahe als selbstverständlich hin, dass die kaum dreijährige Stute im Dunkeln mutig und zügig voranschritt. Dennoch linste sie beim Vorbeireiten an Gebüschen manchmal etwas zu Seite, als erwartete sie, dass ein Monster daraus hervorbrechen würde. Ich nahm es ihr aber nicht allzu übel, denn mir war die Nacht auch nicht mehr ganz geheuer, seit ich im Wald vermutlich dem Killer begegnet war. Davor hatte ich mich nun nicht mehr zu fürchten: Sie hatten ihn vergangene Woche endlich geschnappt, nachdem er in ein Bauernhaus eingebrochen war. Alle waren unglaublich erleichtert gewesen, denn seine Präsenz hatte wie ein dunkles Wolkendach über dem Hof gelegen. Sumerian und ich schritten jedenfalls unbeirrt und sorgenfrei den Kiesweg zum Hauptstall zurück.
      Der Herbst kommt…
      Die ersten Blätter wehten Shades of Gray und mir um die Ohren, als wir im Laubwald unterwegs waren. Ein starker Wind war aufgezogen – ein richtiger kleiner Herbststurm. Ich fand es herrlich. Die kurze Mähne der Vollblutstute wurde mit jedem Windstoss von neuem zerzaust, sodass sie ungebändigt über ihren schmalen Hals fiel, der seinerseits einen hübschen Bogen machte. Noch waren nicht viele Blätter auf dem feuchten Waldboden, doch der Herbst brach an allen Enden und Ecken ins Land herein und lange würde es nicht mehr dauern, bis ich wieder zwischen feurigen Ahornbäumen Galoppieren konnte. Ausserdem hatte Lisa versprochen, heute Abend die erste Kürbissuppe für uns alle zu kochen; eines meiner Lieblingsgerichte. Der Herbst war eine seltsame Jahreszeit für mich, denn er weckte in mir Erinnerungen an das vergehende Jahr, als läge es bereits lange zurück. Es lag eine seltsame, gemütliche und zugleich bedrückende Stimmung in der Luft, die vom goldenen Schein der untergehenden Sonne noch verstärkt wurde.
      Ich schnalzte und trieb Gray in den Trab. Wir trotteten den Schotterweg entlang, bis der Pinienwald wieder in Sicht kam. Der Übergang zwischen den beiden Wäldern verlief nahtlos, sodass grün-bunt angehauchte Blätter in olivgrüne verflossen, wie zwei Flüssigkeiten. Hier lagen die Stämme weiter auseinander und der Waldboden war kaum bewachsen. Nur hin und wieder besetzte ein mächtiges Gebüsch den Nadelboden. Auch der Weg hatte sich verändert: Aus gelblichen Steinchen war feiner Sand geworden, aus dem die Parkwege in diesem Bereich gemacht waren. Ich liebte die Abwechslung, die der grosse Park bot und war immer wieder froh, dass er für die Reiter frei zugänglich war. Gray verlor unterwegs eine Streifkappe, sodass ich absteigen und sie aufheben musste. Wenigstens hab ich’s bemerkt, dachte ich schulterzuckend. Als ich mich bückte, sah ich ganz in meiner Nähe ein heruntergestürztes Vogelnest. Es war leer und verlassen. Ich hob es auf und betrachtete bewundernd die kunstvoll geflochtenen Äste. Ich beschloss, es mitzunehmen und steckte es, soweit es Platz hatte, in die Tasche meiner Fleece Jacke. Dann setzten Gray und ich unseren Ausritt fort und verzichteten auch nicht auf einen letzten Galopp am Waldrand. Die Stute war wie immer feurig, doch blieb stets kontrollierbar, sodass die Ausritte mit ihr richtig Spass machten. Zurück auf dem Hof versorgte ich sie und stellte das Nest auf das Fensterbrett in der Küche. Ich beschloss, es später etwas zu verzieren. Doch erstmal kümmerte ich mich um Mikke. Da es jetzt kühl genug war, spielte es keine Rolle mehr, wann genau die Vollblüter trainiert wurden. Im Winter wurde ebenfalls trainiert, allerdings vor allem Dressur und Springen in der Halle. Mit der Fuchsstute wollte ich heute etwas an der Steuerbarkeit arbeiten, da sie mit ihrem eher sturen Charakter nicht gerade angenehm zu lenken war. Dazu sattelte ich sie und ritt zur Grasbahn. Ich liess sie nach dem Einwärmen immer wieder kurze Strecken zulegen und zügelte sie dann wieder. Ausserdem steuerte ich sie mal nach innen, mal auf die äussere Bahn. Dabei musste ich stets konsequent bleiben. Der Effekt war, dass sie lockerer im Hals wurde und nach einigen Wiederholungen schneller nachgab, wenn ich die Spur wechseln wollte. Zufrieden liess ich sie nach zwanzig Minuten austraben und ritt sie anschliessend im Schritt auf der Galoppbahn trocken. Nun war es dunkel und ich konnte unter den Tannen kaum noch etwas erkennen, doch auf dem Feld nebenan schien der Mond hell durch die Wolken. Capri schüttelte sich entspannt, als ich sie absattelte. Dann gähnte sie demonstrativ. Ich lächelte und streichelte der feuerroten Stute über die weisse Stirn, die sie als Reaktion an meinem Bauch rieb. „Ist ja gut du hübsche, gleich bist du erlöst.“ Ich führte sie in die Box und zog ihr das schwarze Lederhalfter ab, um es wieder an seinen Platz an der Boxentür zu hängen. Danach schlenderte ich zur Halle, um zu sehen, ob die Hindernisse für die nachfolgende Reitstunde schon bereitstanden. Elliot und Darren bauten sie gerade auf. Als wir den kleinen Parcours fertig hatten, gingen wir gemeinsam zurück zum Hauptstall und holten die Pferde für die Stunde raus. Rosie und David kamen etwas später, also putzten wir ihre beiden Pferde gleich mit. Ich hatte mich für Blütenzauber entschieden, da Parányi, die ich diesen Monat eigentlich betreute, noch kaum eingeritten war und Lisa, die eigentlich für Blüte zuständig war, eh gerade die Suppe verkochte. Nebenbei putzte ich Cassy für Rosie. Die beiden Vollblüter vertrugen sich einwandfrei, sodass ich sie direkt nebeneinander anbinden konnte. Ich wechselte beim Putzen immer hin und her, während ich zu ‚Waiting for Love‘, das gerade aus dem Radio neben der Reiterstube hervortönte, mitsummte. Der freundliche Elektriker hatte vor einem halben Jahr, bevor er ermordet worden war, auf meinen Wunsch hin bei allen Stallgebäuden Radios installiert, damit die Pfleger während der Arbeit Musik hören konnten. In der Halle war sowieso von Anfang an beim Eingangstor eine grössere Musikanlage mit verteilten Lautsprechern an den Hallenwänden eingebaut worden. Beim Hufeauskratzen bemerkte ich, dass Cassy’s Hufe hinten schon wieder etwas lang waren. Ich überprüfte am Infobrett, wann sie den letzten Hufschmiedetermin gehabt hatte und schrieb sie gleich für den nächsten ein. Dann widmete ich mich dem Satteln der beiden. Rosie kam kurze Zeit später hinzu und übernahm das Verschliessen der restlichen Schnallen des Zaumzeugs. Mit Blüte war ich schon fertig. Wir warteten noch kurz auf die anderen, damit wir gemeinsam zur Halle laufen konnten. Elliot stand in der Mitte bereit, er würde uns heute Coachen. Ich wärmte Blüte wie die anderen im Trab und im Galopp auf, was mit der Musik im Hintergrund echt Spass machte. Ausserdem war die Stimmung sehr ausgelassen und wir bekamen alle fast einen Lachkrampf, als Darren, beim Versuch, seine Jacke an einem Hindernispfosten aufzuhängen, fast das Gleichgewicht verlor und seitlich am Pferd hing. Cantastor war das Gezappel zu blöd, also lief er im Schritt weiter, trabte dann sogar an und machte schliesslich, als Darren ihn zu sehr mit dem Fuss am Bauch kitzelte, einen einzigen gezielten Buckler, der ihm den Rest gab. Er plumpste in den Hallensand. Der Hengst blieb stehen und sah ihn ‚lächelnd‘ an (seine zuvor ausgeprägten Falten bei den Nüstern waren verschwunden und die Ohren nach vorne gerichtet). Darren klopfte sich den Sand von den Reithosen und stieg wieder auf, leicht rötlich anlaufend – was ganz bestimmt nicht von der Kälte stammte, die mit dem Einbruch der Dunkelheit angekrochen gekommen war. Elliot unterbrach das Gekicher und begann die Stunde, um von Darren abzulenken, der dankbar jede Anweisung aufsog. Wir begannen mit einer Gymnastikreihe bestehend aus Kreuzchen, In-Outs und niedrigen Steilsprüngen. Blüte war heute etwas faul, denn ich musste sie mit der kurzen Springgerte motivieren, die Beine zu heben. Wir räumten in dieser Stunde schon zu Beginn ein paar Stangen ab, sodass ich aufpassen musste, dass ich mir am Ende der Stunde nicht den berüchtigten Titel des ‚Pole-Knockers‘ verdiente (Ich mochte auch den Begriff ‚Stangen Narr‘). Den Titel hatten wir eingeführt, nachdem Jonas es einmal geschafft hatte, in einer einzigen Stunde 12 Stangen abzuräumen, weil er jedes Mal zu schräg angeritten war und runter geschaut hatte. Das war aber noch am Anfang seiner Reitkarriere auf Pineforest Stable gewesen und längst Vergangenheit. Heutzutage wurde ‚Pole-Knocker’, wer mindestens 10 Stangen zum Fall brachte. Derjenige oder diejenige musste am Ende der Stunde allen anderen Reitschülern ein Bier spendieren.
      Wir wechselten zu den Cavaletti, die in einem Viereck aufgestellt waren und die Beingeschicklichkeit förderten. Darüber war ich froh, denn so musste Blüte etwas aufwachen, um nicht darüber zu stolpern. Ich galoppierte auf der linken Hand an, wendete die Stute auf der langen Seite nach innen in Richtung des Vierecks und übersprang die ersten beiden Cavaletti. Dann musste ich vor der Wand rechts abbiegen und bei A auf die Mittellinie reiten, alles im Galopp. Hier musste ich Blüte gut zusammenhalten, damit der Abstand stimmte und sie auch diese beiden Cavaletti problemlos überwinden konnte. Sie schlug beim zweiten etwas mit den Hinterbeinen an, also wiederholte ich das Ganze gleich nochmal. Es war tricky, weil die Wendungen über die Breite der Bahn sehr eng waren und man extrem auf die Länge der Galoppsprünge achten musste. Doch auch die Pferde waren trotz der geringen Höhe gefordert, denn sie mussten unpassende Abstände auskorrigieren indem sie früher bzw. später abdrückten und danach gleich wieder bremsen um auch sauber über das zweite Cavaletti zu kommen. Caspian grunzte jedesmal, wenn er aus der engen Wendung übers Cavaletti hüpfte. Er sprang aber auch übertrieben hoch darüber. Nach den Hindernissen zog er den Kopf jeweils in die Tiefe um sich zu strecken, sodass er David erfolgreich etwas Zügel klaute. Elliot wies ihn darauf hin, und David gab fortan eine halbe Parade, wenn der Hengst den Trick versuchte. Mit Erfolg: Er versammelte sich schön und blieb aufgerichtet. Darren und Canto hatten schon mehr Mühe. Canto zog immer vor den Hindernissen an, weil Darren zu früh mitging. Elliot zeigte ihm, dass er bis kurz vor dem Sprung aufgerichtet bleiben musste, wenn er den Hengst ruhig halten wolle. Es klappte gegen Ende der Stunde schon viel besser, doch er musste immer noch ruhiger werden. Ich hatte Verständnis für die Mühe des Pflegers, denn im Winter waren die sonst schon fleissigen Vollblüter nochmal eine Stufe fitter und feuriger unterwegs. Besonders wenn draussen der erste Schnee lag, was zum Glück noch nicht der Fall war.
      Wir beendeten die Stunde nachdem wir die verschiedenen Hindernisse aneinandergehängt und so einen kleinen Parcours geritten hatten. Danach liessen wir die Pferde austraben und versorgten sie nach gründlicher Pflege wieder in ihre sauberen Strohboxen. Caspian liess sich gerade in sein weiches Bett plumpsen, als ich neben seiner Box vorbeiging. Später am Abend wollte ich nochmal kontrollieren, ob alles gut versorgt war, doch erstmal gönnte ich mir mit den anderen Pflegern eine Tasse Tee.
    • adoptedfox
      Im tiefsten Winter
      Grosse Schneeflocken wehten Campina und mir um die Ohren, als wir im Laubwald unterwegs waren. Ein starker Wind war aufgezogen – ein richtiger kleiner Blizzard. Ich fand es herrlich. Die kurze Mähne der Vollblutstute wurde mit jedem Windstoss von neuem zerzaust, sodass sie ungebändigt über ihren schmalen Hals fiel, der seinerseits einen hübschen Bogen machte. Der Gedanke an einen guten Film und einen Becher heisse Schokolade erfüllte mich mit Wärme. Ausserdem hatte Lisa versprochen, heute Abend eine letzte Kürbissuppe für uns alle zu kochen; eines meiner Lieblingsgerichte. Das konnte ich gut vertragen, jetzt wo Lily wieder zuhause bei ihrer Mutter war. Ich vermisste das kleine Mädchen meiner Cousine mehr als mir lieb war, und auch sie schien Pineforest Stable zu vermissen, jedenfalls schickte sie dauernd wieder Briefe mit Bildern der Pferde (besonders von White Dream). Ich hängte sie jeweils am Kühlschrank auf. Der Winter war eine seltsame Jahreszeit für mich, denn er weckte in mir Erinnerungen an das vergehende Jahr, als läge es bereits lange zurück. Besonders abends lag eine seltsame, gemütliche und zugleich bedrückende Stimmung in der Luft, die von der unglaublichen Stille, die der dämpfende Schnee bewirkte, noch verstärkt wurde.
      Ich schnalzte und trieb Pina in den Trab. Wir trotteten den Schotterweg entlang, bis der Pinienwald wieder in Sicht kam. Der Übergang zwischen den beiden Wäldern verlief nahtlos und liess sich normalerweise nicht genau festlegen, doch der Wechsel von kargen Ästen zu den immergrünen Nadeln liess ihn abrupt erscheinen. Hier lagen die Stämme weiter auseinander und der Waldboden war kaum bewachsen. Nur hin und wieder besetzte ein mächtiges Gebüsch den Nadelboden. Auch der Weg hatte sich verändert: Aus gelblichen Steinchen war feiner Sand geworden, aus dem die Parkwege in diesem Bereich gemacht waren. Ich liebte die Abwechslung, die der grosse Park bot und war immer wieder froh, dass er für die Reiter frei zugänglich war. Campina verlor unterwegs eine Streifkappe, sodass ich absteigen und sie aufheben musste. Wenigstens hab ich’s bemerkt, dachte ich schulterzuckend. Als ich mich bückte, sah ich ganz in meiner Nähe ein heruntergestürztes, halb eingefrorenes Vogelnest. Es war leer und verlassen. Ich hob auf und betrachtete bewundernd die kunstvoll geflochtenen Äste mit den Eisstückchen daran. Ich beschloss, es mitzunehmen und steckte es, nachdem ich das Eis etwas entfernt hatte, soweit es Platz hatte in die Tasche meiner Fleece Jacke. Dann setzten Pina und ich unseren Ausritt fort und verzichteten auch nicht auf einen letzten Galopp am Waldrand. Die Stute war wie immer feurig, doch blieb stets kontrollierbar, sodass die Ausritte mit ihr richtig Spass machten. Ich war froh, dass ich meine Handschuhe und den dicken Schal trug, die meine Haut vor dem eisigen Wind schützten.
      Zurück auf dem Hof versorgte ich Campina und stellte das Nest auf das Fensterbrett in der Küche. Ich beschloss, es später etwas zu verzieren. Doch erstmal kümmerte ich mich um Winter. Da es jetzt kühl genug war, spielte es keine Rolle mehr, wann genau die Vollblüter trainiert wurden. Auch im Winter wurden die Vollblüter von Pineforest Stable trainiert, allerdings vor allem in Dressur und Springen in der Halle. Mit Winter wollte ich heute etwas an der Steuerbarkeit arbeiten. Dazu sattelte ich ihn und ritt zur Grasbahn. Zum Glück war er nicht so matschig gewesen wie in den vergangenen Wochen. Ich liess den weissen Hengst nach dem Einwärmen immer wieder kurze Strecken zulegen und zügelte ihn dann wieder. Ausserdem steuerte ich ihn mal nach innen, mal auf die äussere Bahn. Der Effekt war, dass er lockerer im Hals wurde und nach einigen Wiederholungen schneller nachgab, wenn ich die Spur wechseln wollte. Wir kämpften gegen den Wind an, der seit meinem Ausritt nicht nachgelassen hatte. Winter hielt die Ohren meist nach hinten gedreht, damit keine Schneeflocken hinein wehten, doch ansonsten lief er freudig und sehr anständig. Zufrieden liess ich ihn nach zwanzig Minuten austraben und ritt ihn anschliessend im Schritt auf der Galoppbahn trocken. Nun war es ganz dunkel und ich konnte unter den Tannen kaum noch etwas erkennen. Wenigstens waren wir hier etwas besser vor dem Wind geschützt. Winter schüttelte sich entspannt den Schnee von der Kruppe, als ich ihn absattelte. Dann gähnte er demonstrativ. Ich lächelte und streichelte dem Hengst über die weisse Stirn, die er als Reaktion an meinem Bauch rieb. „Ist ja gut du Schmusetier, gleich bist du erlöst.“ Ich führte ihn in die Box und zog ihm das schwarze Lederhalfter ab, um es wieder an seinen Platz an der Boxentür zu hängen. Danach schlenderte ich zur Halle, um zu sehen, ob die Hindernisse für die nachfolgende Reitstunde schon bereitstanden. Elliot und Darren bauten sie gerade auf. Als wir den kleinen Parcours fertig hatten, gingen wir gemeinsam zum Hauptstall und holten die Pferde für die Stunde raus. Rosie und David kamen etwas später, also putzten wir ihre beiden Pferde gleich mit. Ich hatte mich für Frame entschieden, den ich heute noch nicht bewegt hatte. Nebenbei putzte ich Cantastor für Rosie. Die beiden Vollblüter vertrugen sich einwandfrei, sodass ich sie direkt nebeneinander anbinden konnte. Ich wechselte beim Putzen immer hin und her, während ich zu ‚Waiting for Love‘, das gerade aus dem Radio unter dem Dach des Stalls hervortönte, mitsummte. Der freundliche Elektriker hatte vor einem halben Jahr, bevor er ermordet worden war, auf meinen Wunsch hin bei allen Stallgebäuden Radios installiert, damit die Pfleger während der Arbeit Musik hören konnten. In der Halle war sowieso von Anfang an beim Eingangstor eine grössere Musikanlage mit verteilten Lautsprechern an den Hallenwänden eingebaut worden. Beim Hufeauskratzen bemerkte ich, dass Frame’s Hufe hinten schon wieder etwas lang waren. Ich überprüfte am Infobrett, wann er den letzten Hufschmiedetermin gehabt hatte und schrieb ihn gleich für den nächsten ein. Dann widmete ich mich dem Satteln der beiden Hengste. Rosie kam kurze Zeit später hinzu und übernahm das Verschliessen der restlichen Schnallen des Zaumzeugs. Mit Frame war ich schon fertig. Wir warteten noch kurz auf die anderen, damit wir gemeinsam zur Halle laufen konnten. Elliot stand in der Mitte bereit, er würde uns heute Coachen. Ich wärmte Frame wie die anderen im Trab und im Galopp auf, was mit der Musik im Hintergrund echt Spass machte. Ausserdem war die Stimmung sehr ausgelassen und wir bekamen alle fast einen Lachkrampf, als Darren, beim Versuch, seine Jacke an einem Hindernispfosten aufzuhängen, fast das Gleichgewicht verlor und seitlich am Pferd hing. Sunday war das Gezappel zu blöd, also lief er im Schritt weiter, trabte dann sogar an und machte schliesslich, als Darren ihn zu sehr mit dem Fuss am Bauch kitzelte, einen einzigen gezielten Buckler, der ihm den Rest gab. Er plumpste in den Hallensand. Der Hengst blieb stehen und sah ihn ‚lächelnd‘ an (seine zuvor ausgeprägten Falten bei den Nüstern waren verschwunden und die Ohren nach vorne gerichtet). Darren klopfte sich den Sand von den Reithosen und stieg wieder auf, leicht rötlich anlaufend – was ganz bestimmt nicht von der Kälte stammte, die mit dem Einbruch der Dunkelheit angekrochen gekommen war. Elliot unterbrach das Gekicher und begann die Stunde, um von Darren abzulenken, der dankbar jede Anweisung aufsog. Wir begannen mit einer Gymnastikreihe bestehend aus Kreuzchen, In-Outs und niedrigen Steilsprüngen. Frame war heute etwas faul, denn ich musste ihn mit der kurzen Springgerte motivieren, die Beine zu heben. Wir räumten in dieser Stunde schon zu Beginn ein paar Stangen ab, sodass ich aufpassen musste, dass ich mir am Ende der Stunde nicht den berüchtigten Titel des ‚Pole-Knockers‘ verdiente (Ich mochte auch den Begriff ‚Stangen Narr‘). Den Titel hatten wir eingeführt, nachdem Jonas es einmal geschafft hatte, in einer einzigen Stunde 12 Stangen abzuräumen, weil er jedes Mal zu schräg angeritten war und runter geschaut hatte. Das war aber noch am Anfang seiner Reitkarriere auf Pineforest Stable gewesen und längst Vergangenheit. Heutzutage wurde ‚Pole-Knocker’, wer mindestens 10 Stangen zum Fall brachte. Derjenige oder diejenige musste am Ende der Stunde allen anderen Reitschülern ein Bier spendieren.
      Wir wechselten zu den Cavaletti, die in einem Viereck aufgestellt waren und die Beingeschicklichkeit förderten. Darüber war ich froh, denn so musste Frame etwas aufwachen, um nicht darüber zu stolpern. Ich galoppierte auf der linken Hand an, wendete den Schecken auf der langen Seite nach innen in Richtung des Vierecks und übersprang die ersten beiden Cavaletti. Dann musste ich vor der Wand rechts abbiegen und bei A auf die Mittellinie reiten, alles im Galopp. Hier musste ich Frame gut zusammenhalten, damit der Abstand stimmte und er auch diese beiden Cavaletti problemlos überwinden konnte. Er schlug beim Zweiten etwas mit den Hinterbeinen an, also wiederholte ich das Ganze gleich nochmal. Es war tricky, weil die Wendungen über die Breite der Bahn sehr eng waren und man extrem auf die Länge der Galoppsprünge achten musste. Doch auch die Pferde waren trotz der geringen Höhe gefordert, denn sie mussten unpassende Abstände auskorrigieren indem sie früher bzw. später abdrückten und danach gleich wieder bremsen um auch sauber über das zweite Cavaletti zu kommen. Coolcat grunzte jedesmal, wenn er aus der engen Wendung übers Cavaletti hüpfte. Er sprang aber auch übertrieben hoch darüber. Zugegebenermassen hatte er noch ziemlich viel Luft nach oben. Es kam mir langsam mit einem Grinsen der Gedanke, dass ich vielleicht doch nicht das schlechteste Pferd ausgesucht hatte. Nach den Hindernissen zog er den Kopf jeweils in die Tiefe um sich zu strecken, sodass er David erfolgreich etwas Zügel klaute. Elliot wies ihn darauf hin, und David gab fortan eine halbe Parade, wenn der Hengst den Trick versuchte. Mit Erfolg: Er versammelte sich schön und blieb aufgerichtet. Darren und Sunday hatten schon mehr Mühe. Sunday zog immer vor den Hindernissen an, weil Darren zu früh mitging. Elliot zeigte ihm, dass er bis kurz vor dem Sprung aufgerichtet bleiben musste, wenn er den Hengst ruhig halten wolle. Nachdem wir auch noch ein paar höhere Hindernisse aneinandergehängt hatten, machten Rosie und ich uns noch einen Spass daraus, gleichzeitig über ein extra auseinandergezogenes Kreuz zu springen. Dabei wachte Frame endlich richtig auf und gab nochmal kurz vor Ende der Stunde richtig Gas. Wir ritten gemeinsam auf den Sprung zu, dann hüpften die beiden Pferde Mühelos darüber und Cantastor liess sich sofort wieder versammeln, während Frame rummaulte und mit dem Kopf schlug. Ich beruhigte den Hengst augenrollend und versuchte es nochmal, bis er endlich neben Canto blieb. Dann lobte ich ihn ausgiebig und liess ihn strecken.
      Wir versorgten die Pferde und packten sie mit den warmen Decken ein, ausserdem schlossen wir alle noch offenen Fensterläden beim Hauptstall, sodass es nirgends mehr Durchzug gab. Nun war es schön gemütlich im Hauptstall. Man hörte überall das Rascheln der Pferde und manche lagen sogar schon auf ihren dicken Strohbetten. Bei Chiccory musste ich noch die Decke wechseln, denn er trug noch immer die dünne Abschwitzdecke vom Training. Der Hengst lag aber ebenfalls schon, als ich die Box betrat. Er machte auch keine Anstalten, aufzustehen, als ich näher zu ihm hinging, sondern gähnte demonstrativ. Er sah mich trotzig an und knabberte an meinem Reissverschluss, als ich mich zu ihm hinunterkniete. Ich kraulte ihn ein wenig an der Stirn, doch dann zupfte ich am Halfter um ihn auf die Beine zu bekommen. „Come on boy, this will be much more comfortable“, murmelte ich beschwichtigend, als er mit einem lauten Seufzen aufstand und sich schüttelte. Ich wechselte die Decke und gab ihm als Entschädigung das letzte Karottenstück, das sich noch in meiner Jackentasche befand. Dann verliess ich mit den anderen Pflegern das Gebäude und löschte das Licht.
      [​IMG] E-A
      Heute wollte ich mit den Zweijährigen zum zweiten Mal auf die Bahn. Sie waren am Dienstag das erste Mal auf den Geschmack gebracht worden, und nun galt es, eine erste Grundkondition aufzubauen. Während sechs Monaten waren die vier Jungspunde sorgfältig darauf vorbereitet worden; anfangs nur durch Longieren, nach dem Anreiten durch viel Trabarbeit und Ausreiten. Ich hatte diesen Monat die Verantwortung für meine Ciela übernommen, da ich meinem kleinen Liebling die Grundlagen selbst zeigen wollte. Quinn ritt Kaythara, Lily hatte Dublin, und Alysheba wurde von Thomas übernommen. Ausserdem begleiteten uns die erfahrenen Rennpferde Chiccory, Stromer, Painting Shadows, Empire State of Mind und Cantastor, geritten von Rosie, April, Rita, Charly und Oliver höchst persönlich. Die fünf ‚alten Hasen‘ waren schon am Vortag richtig gearbeitet worden und dienten heute nur als Lehrmeister für die jungen Nachwuchstalente. Ich führte Ciela nach draussen, als ich fertig war. Charly stand mit Empire bereits da und redete mit seiner Schwester Robin. Die beiden neuen Pfleger waren noch etwas zurückhaltend und blieben gerne unter sich, aber besonders Charly wurde von Tag zu Tag offener. Seine Schwester war etwas stiller. Ich erwischte sie dabei, wie sie wieder mal mit geheimnisvoller Miene zu mir schielte. Sie tat das häufig, ausserdem mied sie meine Anwesenheit und ich glaubte langsam, dass sie mich nicht sonderlich mochte. Ich zuckte mit den Schultern über meine eigenen Gedanken und löste die Steigbügel zum Aufsteigen. Zum Einwärmen hatte ich sie noch lang, besonders bei diesen jungen, unerfahrenen Pferden. So hatte ich mehr Kontrolle und Einwirkung. Mit einem lauten, schlitternden Hufgetrappel kündigte sich Stromer an, der sich vor einer umfallenden Heugabel erschreckt hatte. April beruhigte den Cremello geschickt und führte ihn weiter. Er lief zwar noch mit aufgeregt gehobenen Kopf, liess die Reiterin aber brav aufsteigen. Charly, geweckt von dem Geräusch, stieg ebenfalls auf; seine Schwester verschwand in Richtung Nordstall. Als alle draussen waren, ritten wir zum Aufwärmen auf die Galoppbahn. Kaythara, die direkt hinter mir und Ciela lief, war ganz beschäftigt mit den vielen Hengsten um sie herum, denen sie bei jeder Gelegenheit ihre Abneigung demonstrieren musste. Zum Glück liefen wir auf der Galoppbahn in einer Einerreihe, sodass sie sich etwas abregen konnte. Captured in Time war sowieso wiedermal ein Engelchen auf vier Hufen. Beim Antraben versuchte Alysheba, sich vor Chiccory zu drängen, was Thomas zu spät bemerkte. „Ey Cooper, watch it!“, schimpfte Oliver sofort. Mit dem strengen Trainer war während der Arbeit nicht zu spassen. Er hatte seine Jockeys und Pferde allesamt fest im Griff, seinen Adleraugen entging nichts. Ich hörte Tom zu Rosie „sorry“ murmeln. Sie lächelte nur und trieb Chiccory weiter vorwärts. Ich war froh, dass die Pfleger eigentlich alle gut miteinander auskamen. Das erleichterte vieles in der täglichen Arbeit. Wir bogen schliesslich auf die Rennbahn und teilten uns auf. Ciela und ich gesellten uns zu Oliver und Canto, damit der Trainer und ich uns gut unterhalten konnten. Kaythara musste neben Paint laufen, damit sie ruhig blieb. Dublin bekam gleich von zwei Seiten Unterstützung, nämlich von Chiccory und Empire. Und auch Stromer und Alysheba stellten sich auf. Dann galoppierten wir alle in leichtem Canter bis zur ersten Kurve. Die Jungen Athleten orientierten sich wie erhofft an ihren älteren Genossen und glichen ihr Tempo an. Dublin senkte sogar den Kopf und lief beinahe am Zügel, was man von Empire nicht behaupten konnte. Oliver wies Charly darauf hin, den Hengst etwas mehr zusammenzuhalten, damit er über den Rücken lief. Der junge Jockey setzte die Anweisung sofort um. Captured in Time sprang in regelmässigem Rhythmus voran und liess sich nicht beirren, wenn Canto ihr etwas nahe kam weil Oliver damit beschäftigt war, jemanden zu korrigieren. Painting Shadows und Kaythara kamen gut miteinander aus, also konnten wir diese beiden auch in Zukunft miteinander trainieren lassen. Wir machten eine Viertelstunde lang leichte Galopparbeit. Dabei legten wir auch einmal über 200 Meter etwas zu, aber das war auch schon alles in Sachen Tempo. Wie erwartet schwitzten die Jungen Pferde und blähten ihre Nüstern; eindeutige Zeichen der mangelnden Kondition. Aber sie hatten sich gut geschlagen und das heutige Trainingsziel erfüllt. Auch die Erfahrenen Pferde hatten heute wieder ein Stückchen mehr Gehorsam auf der Bahn gelernt, was in ihrem Stadium ebenso wichtig wie Muskelarbeit war.
      Geschäftiger Dienstag
      Der Wecker klingelte, und ich schaltete ihn murrend aus, doch drehte mich danach nochmal um. Fünf Minuten, nur fünf Minuten… Wenn Lily mich nicht geweckt hätte, wäre ich wohl eine ganze Stunde zu spät aufgestanden. Zum Glück kam sie aber wie jeden Morgen polternd mit den Hunden durch die Tür gestürmt. Ich zog mich an und machte uns und den Hunden Frühstück. Als ich die Haustür öffnete, war es zwar noch immer dunkel, aber immerhin sah man die Sterne – es war kein Wölkchen zu sehen. Zira hüpfte fröhlich raus und verschwand in den Büschen hinter dem Haus, um ein paar schlafende Spatzen aufzuscheuchen. Sheela und Jacky blieben neben mir stehen und sahen mich erwartungsvoll an. Ich streichelte die beiden und nahm sie mit zum Hauptstall. Lily ging zu Dream und Skydive, das tat sie jeden Morgen zuallererst. Ich hingegen sah bei meinem Liebling Winter vorbei, der ja in der Box gleich neben dem Eingang stand. Er war kein bisschen verschlafen, sondern wirkte voller Elan, hungrig und motiviert, sein morgendliches Galopptraining zu absolvieren. Ich kraulte ihn durch die Gitterstäbe, musste dann aber weiter zu Cool Cat, den ich diesen Monat auf der Liste hatte. Ich war noch immer nicht ganz überzeugt von dem Hengst und hatte die Zuteilung dementsprechend missmutig gemacht, aber ich konnte mich nicht immer davor drücken, ihn zu reiten. Tatsächlich war dies das erste Mal, dass ich persönlich mit ihm arbeitete, seit ich ihn vor ein paar Monaten gekauft hatte. Ich schlurfte also zur Sattelkammer und holte seine Putzsachen, den Sattel und das Zaumzeug schon mal zur Box. Dann holte ich den Hengst raus und band ihn zum Putzen an. Ich begann damit, den schwarzen Hals zu striegeln. Der Hengst hatte schön definierte Muskellinien – die Jockeys hatten bisher gut mit ihm gearbeitet. Sein Fell war weich und seidig, auch an den Stellen, an denen er nicht geschoren worden war. Seine wilde, lange Mähne machte es nicht gerade leicht, den Hals zu bearbeiten. Ich warf sie deshalb auf die andere Seite, doch er schüttelte sich kurze Zeit später und verteilte das rabenschwarze Haar wieder auf beide Halsseiten. „Thanks a lot“, murmelte ich grimmig. Beim Bauch wollte er einfach nicht stillstehen, offenbar war er kitzlig. Ausserdem begann er zu scharren, als ich nicht aufhörte. Ich ignorierte es und entfernte stur jedes kleinste Erdspritzerchen, das noch vom gestrigen Weidegang zu finden war. Mittlerweile herrschte geschäftiges Trieben im Hauptstall. Die Pfleger waren nun alle am Vorbereiten der restlichen Vollblüter für die erste Gruppe und ich war schon etwas hintendrein. Ich beeilte mich deshalb etwas mehr und kratzte nach dem Bürsten direkt die Hufe aus, ehe ich den Sattel auflegte. Als ich schliesslich fertig gesattelt und gezäumt hatte, kämmte ich das widerspenstige Langhaar dann doch noch rasch ein paar Mal durch. Einmal mehr überlegte ich, einfach die Schere zu holen und die Lange Mähne zu kürzen. Doch Rosie hätte mich wohl lebendig begraben, denn sie vergötterte die eher an ein Wildpferd erinnernde Frisur. Ich ignorierte gekonnt ein paar der Knoten im Schweif und schmiss die Bürste zurück in die Kiste. Dann führte ich Cool Cat nach draussen und stieg mit Hilfe von Ajith auf. Es musste alles schnell gehen, denn die jungen Athleten waren ungeduldig und wollten kaum stillhalten. Wir verschwendeten keine Energie damit, sie zum Warten zu erziehen, sondern ritten direkt in einer Reihe zur Bahn. In diesem Alter bestanden wir, anders als bei den Warmblütern, noch nicht auf jede Kleinigkeit im täglichen Umgang, sondern handelten vor allem praktisch; einerseits, um Zeit zu sparen, und andererseits um die Geduld der jungen Pferde nicht unnötig zu strapazieren. Sie sollten sich in erster Linie auf das Rennen konzentrieren, alles andere lernten sie nebenbei. Heute trainierten wir die Zwei- und Dreijährigen mit Startmaschine, doch zunächst mussten alle Pferde warm geritten werden. Danach stellten wir uns hinter den mobilen Startboxen auf und wurden einer nach dem anderen von Oliver und Ajith hineingeführt. Ganz aussen waren Quinn und Dublin, dann folgten Rita und Caligari, Rosie und Ciela, April und Alysheba, Lily und Sumerian, Charly mit Frame und Thomas mit Kaythara. Auch hinter mir und Cool Cat wurden die Tore geschlossen. Der Hengst war ein wenig nervös und ich machte mich bereit, auf ein allfälliges Steigen zu reagieren. Doch er blieb am Boden und trampelte nur ein wenig auf der Stelle. Ich kraulte ihn am Widerrist, nahm meine Schutzbrille runter und fasste die Mähne, bereit für den Start. Dann klirrte die Glocke und die Türen flogen auf. Sofort schossen alle Pferde raus und das Feld formte sich. Ein Blick über die Schulter sagte mir, dass alle sauber weggekommen waren. Zufrieden richtete ich mich wieder nach vorne und fasste die Zügel ein wenig nach. Ich hatte vorhin beim Aufwärmen bereits die Steuerung von Cool Cat ausprobiert und ihn ausreichend kennengelernt, sodass ich ihn nun optimal lenken konnte. Der Rappe machte geschmeidige, raumgreifende Bewegungen und gewann immer mehr Boden. So weit, so gut, dachte ich anerkennend. Aber die Konkurrenz war hart; besonders die anderen Dreijährigen Caligari und Sumerian lagen noch voraus und hielten ein hohes Grundtempo. Im hinteren Teil des Feldes hingegen, hatte Charly sichtlich Mühe mit Frame klarzukommen. Der Schecke blieb nicht auf seiner Spur und schwankte, weil er den Kopf nicht ruhig hielt. Schliesslich musste Charly enttäuscht abbrechen. Ich hatte diesen Ausgang schon vermutet, ohne pessimistisch sein zu wollen, aber Frame lief bei keinem der Pfleger so gut wie bei mir. Er vertraute ihnen einfach nicht genug. Dublin war direkt hinter mir und Cool Cat, Ciela lag etwas weiter zurück und Alysheba war direkt neben ihr. Kaythara war ganz aussen ein wenig vor uns, sodass ich sie gut beobachten konnte. Auf den letzten 300 Metern trennte sich das Feld deutlich auf. Die Zweijährigen blieben zurück, während die Dreijährigen nochmal alles gaben und auf ihre Höchstgeschwindigkeit kamen. Auch Cool Cat zog an. Wir arbeiteten uns an Caligari vorbei, deren Kondition bereits bröckelte und schlossen zu Sumerian auf, die wie ein Motor beständig voransprang. Kurz vor dem Ziel hatten wir die Stute beinahe geschlagen, doch dann feuerte Lily sie nochmal an und konnte so eine ganze Kopflänge Vorsprung ergattern. Trotzdem war ich beeindruckt vom Vermögen Cool Cats und legte die letzten Zweifel an seinem Potential beiseite. Er hatte sich souverän bis ins Ziel dirigieren lassen und bis zum Schluss gekämpft, wie es sein soll. Ich streichelte stolz seinen Hals und liess ihn austraben. Von den Zweijährigen hatte diesmal wieder Kaythara die Nase vorn gehabt, was niemanden sonderlich überraschte. Die Stute hatte ausgezeichnetes Blut und schon jetzt viel Ausdauer.
      Wenig später brachten wir die Vollblüter zum Absatteln, während Ajith und Oliver bereits die zweite Gruppe bereit machten. Die Jockeys von vorhin ritten auch in dieser Runde alle wieder mit, nur ich nicht, also übernahmen Ajith und ich alle Pferde der ersten Gruppe zum Versorgen. Ich nahm Alyshebas Sattel vom Rücken des Hengstes und legte ihn auf Flys. So tauschten wir einer nach dem anderen alle Sättel. Ein Vorteil an den kleinen Rennsätteln war, dass sie praktisch auf jedes Pferd passten, also brauchten wir nicht für jeden ein eigenes Modell. Als Fly, Sympathy, Light, Caspian, Spot, Winter, Campina und Gray allesamt gesattelt waren, übernahmen die Jockeys sie der Liste entsprechend und ich wünschte allen viel Spass. Ich warf, zurück in der Stallgasse, die Abschwitzdecke über Frames Rücken und brachte den Hengst nach dem Hufeauskratzen in seine Box. Dasselbe taten Ajith und ich mit den anderen. Als Belohnung bekamen die Pferde immer nach dem Reiten ein paar Karotten oder einen Apfel.
      Während die zweite Gruppe am Trainieren war, misteten Ajith und ich schonmal die meisten Boxen. Danach half ich beim Versorgen der Pferde aus der zweiten und beim Satteln jener aus der dritten Gruppe. Es handelte sich um die letzte Gruppe für heute, mit Iskierka, Sunday, Stromer, Empire, Chiccory, Cantastor und Muskat. Die tragenden Stuten brachten wir gleich anschliessend auf die Weide, damit wir auch deren Boxen noch misten konnten, wobei uns diesmal Thomas und April noch halfen. April hängte die Zaunbänder um, damit der Weg zu den grossen Weiden seitlich begrenzt war. Als sie rief, öffnete ich die Boxen von Paint, Indiana und Caprice. Alle drei trabten die Stallgasse entlang raus auf den Schotterweg. Auch Pointless und Cassy drehten schon ungeduldig in der Box. Nur Blütenzauber schien irgendwie nicht mitbekommen zu haben, dass sie raus durfte. Sie durchwühlte weiterhin ihr Stroh nach letzten Heuhalmen, bis ich schliesslich schwungvoll die Tür aufschob und die Schwarzbraune rausschickte. Dann trabte auch sie den anderen hinterher. Wir verbrachten den restlichen Morgen mit Misten, Aufräumen und Füttern. Am Nachmittag waren dann die Pferde dran, um die sich die Neben-, Nord- und Offenstallpfleger noch nicht gekümmert hatten.
      Viele viele bunte…
      „Occu, Blütenzauber bekommt ihr Fohlen!“, rief Lisa mir vom Hauptstall entgegen. Ich hastete dorthin um nach dem Rechten zu sehen. Im selben Moment rief Lily hysterisch vom Nebenstall: „Ich glaube Skydive hat gehustet, Tante Occu! Komm schau ob er krank ist!“ So ging das nun schon seit Wochen; ein Fohlen nach dem anderen kam zur Welt. Naja, eigentlich war ja auch absichtlich geplant gewesen, dass die Fohlen fast alle März kommen sollten. Ich rollte die Augen und drehte um. Ich wusste schliesslich genau, dass mir meine kleine Nichte keine Ruhe lassen würde, bis ich mich um ‚ihr‘ Fohlen kümmerte. Wie erwartet hatte sich Skydive aber nur beim Trinken verschluckt, sonst fehlte ihm absolut nichts. Das Hengstchen war kräftig und verspielt, und manchmal überlegte ich skeptisch, ob er nicht schon fast etwas zu moppelig war. Als Lily mich endlich gehen liess, lag Blütenzaubers Fohlen schon als feuchtes Bündel neben ihr im frischen Stroh. Ich betrachtete die beiden liebevoll und versuchte zu erkennen, welches Geschlecht das Tierchen hatte. „Eine Stute!“ Über einen Namen würde ich mir später Gedanken machen. Das Fohlen war das erste von Spot und dementsprechend neugierig war ich auf seine Qualitäten. Ich sah ein paar Boxen weiter nach Caprice und ihrem wolligen braunen Hengstchen, das Gestern in der Frühe geboren worden war. Die Fuchsstute war entspannt und kümmerte sich liebevoll um ihr Erstgeborenes. Sogar noch besser war es vor zwei Wochen mit Pointless gelaufen. Das gepunktete Monster hatte uns alle überrascht und sich als hervorragende Mutter entpuppt. Ausserdem war ihr Fohlen eine unglaublich hübsche, dominant weisse Stute mit ganz feinen, braunen Fleckchen auf dem ganzen Körper. An der Schnauze und um die Augen hatte sie ebenfalls dunkle Flächen, die aufgrund des dort feineren, weissen Fells noch etwas deutlicher zu sehen waren. Auch sie hatte noch keinen Namen, aber ich spielte mit der Idee ‚A Winter’s Tale‘. Ausserdem hatte ich bereits beschlossen, sie definitiv zu behalten, denn ich war neugierig, wie sie sich entwickeln würde. Ich wusste noch nicht genau, welche Fohlen dieses Jahrgangs wir sonst noch zur Ausbildung hier behalten würden; das wollte ich in den kommenden Tagen zusammen mit Oliver bestimmen. Ausser den drei bereits erwähnten Babys hatten noch ein Welsh von Noir, ein Mini von Alu und ein Criollo Fohlen von Gini das Licht der Welt erblickt. Ja, nun war der Frühling definitiv gekommen. Ich freute mich schon auf die letzten Geburten, die noch bevorstanden. Bei Indiana und Islah konnte es jetzt auch jeden Tag so weit sein. Doch nicht nur solch junge Neuankömmlinge hatten wir in letzter Zeit begrüssen dürfen; auch sonst hatte sich viel verändert. Zum Beispiel stand nun in Box Nummer 14 der wunderschöne Fajir El Assuad, ein knapp sechsjähriger Halbbruder von Kaythara. Ich erhoffte mir, ihn später erfolgreich als Zuchthengst einsetzen zu können, denn seine Abstammung war ausgezeichnet. Der einzige Haken daran war, dass er sozusagen keine Rennleistung hatte. Er war früh aus den Rennen zurückgezogen und stattdessen in Dressur oder Springreiten trainiert worden, sodass ich nicht mit Sicherheit sagen konnte, wie gut seine Nachkommen auf der Bahn sein würden. Vom Körperbau her schien er aber alle Voraussetzungen für einen guten Galopper zu erfüllen. Ausser Fajir waren noch Shattered Glass, eine Paint Horse Stute, und Dante, ein Holsteinerhengst übergangsweise hier. Ich hatte die Beiden von einem Rettungshof übernommen und bereits neue Besitzer gefunden, doch solange der Papierkrieg um die Ausfuhr noch andauerte, blieben sie hier. Auch Álaedis hatte den Weg zurück nach Pineforest Stable gefunden: ich hatte die Stute zurückgekauft, weil sie vernachlässigt worden war. Nun überlegte ich, ob ich sie vielleicht als zukünftige Zuchtstute behalten wollte, doch es hatten sich auch für sie schon wieder Interessenten gemeldet, also würde ich sie wohl weiterziehen lassen. Der letzte Neuling, der heute ankommen sollte, war ein prächtiger Andalusierhengst, den ich im Frühsommer zusammen mit den meisten Fohlen dieses Jahrgangs versteigern wollte. Ich hatte ihn ebenfalls von einem Schutzhof freigekauft und wollte ihn nun aufpäppeln. Er war laut den Tierschützern in Spanien bereits Gekört worden und hörte auf den Namen Negresco. Seine Ankunft war für fünf Uhr geplant, also hatte ich noch etwas Zeit, mich um die Minis zu kümmern.
      Es war drei Uhr, die Sonne schien und die Vögel wollten gar nicht mehr ihren Schnabel halten. Ich schlenderte Barfuss und mit hochgekrempelten Hosen durch das saftige Gras am Wegrand zu den Weiden. Nur im Schatten der Tannen war es noch etwas zu kalt, sodass ich leichte Gänsehaut bekam. Ich hüpfte über den Schotterweg zum Weidetor und betrat das Reich der Stuten. Meine Hornhaut ist auch nicht mehr das, was sie mal war, stellte ich angesichts meiner nun etwas schmerzenden Füsse fest. Aber das wird sich bald wieder ändern. Chip, Daki und Allegra kamen angetrabt, die restlichen glotzten mich nur von weitem an, weil sie genau wussten, dass es nicht Futterzeit war. Ich wich Dakis Hufen geschickt aus, als sie mir fast auf die Füsse trampelte, mit dem Resultat, dass ich fast über Allegra stolperte. Der winzige Fellball versteckte sich erschrocken hinter ihrer Mutter, nachdem sie mir einen warnenden Tritt verpasst hatte. Na zum Glück ist sie noch so klein und schwächlich, dachte ich augenrollend, und rieb mir die Wade wo sie mich getroffen hatte. Ich konnte ihr aber nicht wirklich böse sein, weil es ja meine Schuld gewesen war. „Stupid humans shouldn’t come here barefoot, right?“, rief ich lachend. „That’s probably right“, rief eine Stimme hinter mir zurück. Lewis stand mit der Mistgabel beim Offenstall; ich hatte ihn zuvor gar nicht bemerkt. Er grinste und machte sich wieder an die Arbeit. Ich lief zu den restlichen Stuten, die in der Nähe der Bäume grasten. Alu und ihr kleines Anhängsel wurden von Papillon beschützt, die sehr Herdenorientiert war und sich anscheinend dazu verpflichtet fühlte. Ich machte mir aber ein wenig Sorgen, dass Papillon das Kleine vielleicht stehlen könnte. Daher bat ich Lewis später ‚to keep a close eye‘ was die beiden anging. Bei den Minis musste nur noch Rapunzel abfohlen. Sie war ein richtiges Fass auf zwei Beinen und ich fragte mich, wie lange sie noch brauchen würde. Eigentlich war der errechnete Termin schon vor über einer Woche gewesen. Andererseits hatte die Stute bei ihrem letzten Fohlen auch etwas länger gebraucht, und am Ende war trotzdem alles gut gegangen. Wo wir schon vom Teufelchen sprachen - Kicks-a-Lot und Tigrotto lieferten sich gerade dem Zaun entlang ein Wettrennen, mit anschliessendem Gerangel. Tic-Tac sah ihnen bloss verschlafen zu, denn sie lag zusammen mit Lady und Rose im Schatten. Ein wenig Training würde ihnen wiedermal guttun, beschloss ich bei Kiwis pummeligem Anblick. Ich hatte in letzter Zeit mehr mit den ausgewachsenen Minis trainiert und die Halbstarken etwas vernachlässigt. Dafür war Lady Diva was das Country Pleasure Fahren betraf nun in die höchste Turnierklasse aufgestiegen.
      Bevor ich wieder zum Nebenstall schlenderte, sah ich kurz bei den Hengstchen rein. Die Langweiler dösten alle im Offenstall, anstatt das tolle Wetter draussen zu geniessen. Ich ging nicht näher heran, um Arco, Caress und Caillean nicht zu stören. In einer Ecke des Stalls lag Becks, den ich vor ein paar Tagen gekauft hatte. Er brachte frisches Blut in meine Zucht und war bereits ein erfahrenes Showpferd. Rapunzel hatte sogar schon einmal Bekanntschaft mit ihm gemacht – das Fohlen von den beiden war damals aber an einer Krankheit gestorben. Immer noch barfuss begab ich mich zu Dreams Box, weil ich Lily suchte. Doch sie war ausnahmsweise nicht hier. Erstaunt sah ich mich um und rief nach den Hunden, die jeweils auch ein gutes Indiz für den Aufenthaltsort meiner Nichte waren. Sheela und Zira kamen hinter der Halle hervorgeschossen, Jacky folgte ihnen humpelnd. Sie war letztens ziemlich übel gestolpert und hatte sich die Pfote dabei verstaucht; nichts Ernstes, aber es würde noch ein/zwei Wochen dauern, bis sie wieder ganz normal lief. Ich lobte die drei für ihr rasches Auftauchen und lief dann, von ihnen verfolgt, auf dem Schotterweg zur Ovalbahn. In der Ferne sah ich Ajith und Quinn beim Osteingang zum Hof stehen. „What’s going on?“, fragte ich, sobald ich bei ihnen war. „Muskat broke free from Charly, when he was trying to get him and Cantastor back to the barn. At first he was able to hold back Canto, but then he fell and Canto got away too. They both ran in this direction; Lily and Charly are following them. We’re standing here in case they manage to chase them back.” Ich entgegnete wütend: “What was he thinking by taking them both at once? He must have known It’s springtime and the horses are all very jumpy!” Ajith zuckte mit den Schultern und Quinn schüttelte den Kopf. Ich nahm Quinn mit zum Nordstall, wo wir Calico und Dod sattelten, um die Ausbrecher einfangen zu gehen. Ich konnte nicht gut mit einem Lasso umgehen, weshalb ich darauf hoffte, nahe genug an die beiden heranzukommen, um die Führstricke zu fassen, die noch immer an den Halftern hängen mussten. Quinn und ich ritten an Ajith vorbei raus und trabten schon nach einer kurzen Einwärmzeit an, um die Verfolgung aufzunehmen. Zunächst mussten wir Charly und Lily finden. Nach langem Rufen begegneten wir ihnen weiter oben am Flussufer. „Where are they?“, fragte ich hoffnungsvoll. „We last saw them somewhere over there, but they’re hidden behind the bushes now.“ Charly deutete zu den Büschen weiter oben. Wir teilten uns auf und ritten, beziehungsweise liefen um das Gebiet herum, sodass wir die Pferde von Norden her einfangen konnten. Mit dieser Strategie wollte ich verhindern, dass sie noch weiter weg liefen. Vorsichtig streiften wir an den Büschen vorbei, bis ich Cantastor entdeckte. Der Dunkelbraune sah mich und Dod mit gespitzten Ohren an. Er blieb zum Glück ruhig stehen, sodass ich mich nähern konnte und sein Seil zu fassen bekam. Ich lobte ihn erleichtert und band sein Seil am Sattelhorn fest. Dann trabte ich weiter auf der Suche nach Muskat. Die anderen hatten ihn inzwischen aufgespürt und umkreisten ihn, doch er suchte bereits nach einer Lücke zum entwischen. Als Quinn auf ihn zuritt, drehte er ab und bretterte mit Fahnenschweif in Richtung Pineforest Stable zurück. Canto tänzelte etwas und rief seinem Kumpel lautstark, versuchte aber nicht, sich wieder loszureissen. Ich befahl Charly, sich auf Cantos Rücken zu schwingen und an der Mähne zu halten, während die kleine Lily bei Quinn vorne mit aufstieg. Wir trieben Muskat in die Richtige Richtung, sodass Ajith einen entscheidenden Versuch hatte, ihn zu fassen zu bekommen. Der dunkelhäutige Pfleger warf die Arme hoch und liess Muskat abbremsen, dann schnappte er sich zielsicher den Strick des Hengstes. Wir jubelten ihm zu brachten dann die beiden Vollblüter gemeinsam zurück zum Hauptstall. Quinn meinte lachend zu Ajith: „That was not bad, he had no chance!“ Er winkte ab, grinste aber übers ganze Gesicht. Charly hatte seine Lektion gelernt und versprach, in Zukunft zumindest die Hengste einzeln zu führen. Kurz darauf kam Negresco an und wurde von Jonas in seine vorläufige Box im Nordstall gebracht. Der Braune hatte einen wunderschönen Kopf und ich konnte mich nur schwer davon abhalten, mit dem Gedanken zu spielen, ihn hier zu behalten.
      Am Abend sassen wir alle auf Gartenstühlen und Bänken unter den drei Bäumen zwischen dem Pflegerheim und dem Haupthaus. Nur Elliot, Lisa und Oliver waren noch unterwegs, um ausserhalb von Pineforest Stable Reitstunden zu geben. Es gab Tee und Kekse, was nach dem langen Arbeitstag eine verdiente Wohltat war. Wir überlegten uns Namen für die Fohlen, war gar nicht so leicht war. Sie mussten nicht nur gut klingen, sondern auch zu den Namen der Eltern passen und später von den Sprechern bei Rennen oder Turnieren gut genannt werden können. Für Pointless‘ Fohlen setzte sich ‚A Winter’s Tale‘ durch, denn uns fiel ausser ‚Surely no Spots‘ und ‚Snowbutt‘ nichts mehr ein (Lewis machte einen Schmollmund, als ‚Snowbutt‘ einstimmig abgelehnt wurde). Blütes Fohlen wurde dank Rosie vorläufig ‚Savory Blossom‘ genannt. ‚Gamble Away‘ wurde es für Mikkes Fohlen. Das kleine Welsh-Tier nannte ich ‚Daydream of Money‘, als Anspielung auf Noir’s französischen Namen. Ginis Fohlen hiess fortan ‚Dreams of Revenge‘ und das Mini-Fohlen von Alu ‚Arctic Alinghi‘. Bei der anschliessenden Stallkontrolle entdeckten wir ausserdem, dass bei Indiana die Wehen eingesetzt hatten. Die Geburt verlief Problemlos und ohne unser Eingreifen. So stand eine Stunde später auch Spots zweites Fohlen, ‚Stop Making Sense‘, zum ersten Mal auf wackeligen Beinen. Ich mochte dieses Kerlchen schon jetzt ganz besonders, weil es fast dieselben wilden Sprenkel wie sein Vater trug. Ausserdem hatte es einen Bildschönen Kopf.
      [​IMG] A-L
      Ich stand im Hauptstall und versorgte gerade das Sattelzeug von Coulee, als Quinn und Lewis angeschlendert kamen. „Coffee break?“, fragten beide im Chor, und lachten danach herzhaft. „Ihr seid kindisch. But of course“, gab ich zurück und folgte ihnen, sobald ich fertig war. Wir setzten uns in die Reiterstube in der Halle und machten Tee. Oliver stand an die Wand gelehnt neben der Vitrine mit den Pokalen und war vertieft in ein Fotoalbum. „What are you looking at?“, fragte ich neugierig, und schlicht mich an. Es war das Album von 2014. „Ahh, Winter. He looks gorgeous on that Pic”, bemerkte ich schwärmend. Ich hatte das Album gar nie richtig angeschaut, nur einmal überflogen. Rachel hatte es gemacht, mit den Fotos, die sie bei den zahlreichen Rennen geschossen hatte, an denen sie uns zugesehen hatte. Ich zog Oliver zum Tisch und wir legten das Album in die Mitte, damit die anderen es auch ansehen konnten. „Do you remember that one? It was so muddy, I’ve never had a race like that ever since!“, rief Quinn aufgeregt, auf ein Foto von Stromer deutend. Tatsächlich war der Hengst auf dem Bild kaum noch zu erkennen – er war vom Cremello zum Grauschimmel geworden. Doch Quinn jubelte auf dem Bild mit hochgestrecktem Arm und hatte ein breites Grinsen im Gesicht. „You won that race, right?“, wollte Ajith wissen. „No, we came in second, I think. But It was my first race with him and I was so happy because you know how difficult he used to be.” “Oh yes, I remember very well. Once he jumped into the rail because of a Bird”, bemerkte Oliver augenrollend. “But remarkable speed, once he was focused. And look at him now – he is just incredible for his lineage. His parents weren’t really that much of a promising combination, but he really surprised me.” Ich warf ein: “Just as Winter did. Remember? Your words were ‘that silly foal is never going to be something extraordinary’” “Who would have thought that? I only saw the colour and knew: that colt is more of a toy than a racehorse.” “Well, seems like your opinion changed quite a bit over these past few years”, lachte Quinn. “Yea… I have to admit that they seem to have kind of a talent.” Quinn stocherte nach. “And who was the one who desperately wanted to buy Sumerian? Don’t tell me she has none of that ‘toy like colour’!” Wir lachten alle und Oliver gab sich geschlagen. Dann blätterten wir weiter. „Oh look, these are from the autumn training on our old track!“, rief Rosie aus. “That was with Cantastor, Chiccory, Stromer, Paint and Blütenzauber, right?” “Yep. Pity we don’t race Canto anymore. He was always a pleasure to ride.” “Well now he’s comin’ up in eventing, so I’m not too sad about it. But I like to think back at these times. That was when they made huge progress at home and later succeeded in the annual Brighton Festival, right?” “Jup, except for Blüte, who had a bad start.” Wir diskutierten noch eine Weile weiter. Irgendwann fragte ich nachdenklich: “Today Spot managed to win against Light and Winter, with a nice distance between them. He was always quite fast, but since when does he have so much stamina?” “I guess it’s thanks to Olivers interval training. They did that yesterday again, while you were out with Anubis. Fly also stayed always very close to these three, I think they are pretty much on the same level now.” “That’s great. I can assume then that they are ready for Ascot next month?” “Yes, they should do fine. We will do even more intense training in the next few days and then give them a break after the race.” Ich nickte zufrieden und klatschte übermütig in die Hände. “I can’t wait to see them win!”
    • adoptedfox
      Hengstparade
      Heute war mal wieder viel los auf Pineforest Stable. Wir waren am Nachmittag zu einem Züchtertreffen in London eingeladen, bei dem wir auch ein paar unserer Hengste vorstellen durften. Dazu mussten die Jungs aber erstmal schick gemacht werden. Ich hatte vergangene Nacht erfolgreich gebetet, dass es keinen Regen geben würde, sodass wir die Gruppe am Morgen ohne Bedenken – und ohne Schlammmonster zu züchten - auf die Weide stellen konnten. Wir holten die ganze Bande also kurz vor Mittag wieder rein und begannen mit dem Putzen der ausgewählten Vertreter unseres Gestüts. Ich kümmerte mich darum, den Staub aus Donuts eigentlich schwarzem Fell zu bekommen. Jonas übernahm Baccardi und Skyrimwurde von Lisa umsorgt. Ausserdem waren Darren und David beauftragt Vychahr und Diarado herauszuputzen. Zu guter Letzt waren noch Sorrowund Dod, um die wir uns zuletzt alle gemeinsam kümmerten. Ich glaube Sorrow gefiel es, von so vielen Leuten umsorgt zu werden. Dod hingegen wirkte etwas ‚grumpy‘. Wir sprühten das Langhaar ein und kämmten alle Knoten vorsichtig raus, ohne die Haare auszuzupfen. Auch beim Fell wurde mit etwas Glanzspray und Lammfellhandschuhen nachgeholfen. Ich putzte Donuts Kopf besonders sorgfältig. Wir stutzten noch den Fesselbehang wo nötig und flochten bei Donut, Diarado und Vychahr die Mähnen. Dann zogen wir allen die frisch gefetteten Lederhalfter an und führten sie in Transportgamaschen zum Camion. Mittagessen gab es für die Pfleger und mich unterwegs; dazu stoppten wir kurz bei einem Asian-Take-Away. Ich mochte zwar Fastfood normalerweise nicht, aber die Gemüsenudeln die ich bekam waren gar nicht so schlecht wie erwartet. Die Pferde nibbelten unterdessen relaxt an ihren Heunetzen. In London angekommen, sahen wir uns zunächst etwas auf dem Veranstaltungsplatz um. Ich traf einige bekannte Züchter und plapperte ein wenig, war aber froh, als wir uns so langsam Richtung Camion zurückbegeben konnten, um die Pferde zu holen. Wie auch manch andere Züchter stellten wir unsere sieben Hengste kurz vor und zeigten sie im Freispringen und Vortraben dem Publikum. Alles in allem war der Nachmittag ein voller Erfolg und bescherte uns ein paar neue zukünftige Interessenten.
      Wieder zuhause ging dann alles seinen gewohnten Gang: Misten, füttern, Pferde bewegen. Ich verblieb gleich bei den Hengsten im Nordstall und kümmerte mich als nächstes um Circus Dancer. Mein eifriger Barockschüler zeigte nun Ansätze zu einer sehr korrekten Passage und lief unter dem Sattel im Allgemeinen wie ein Uhrwerk. Heute waren Galopppirouetten an der Reihe, die ich nun schon seit zwei Wochen immer wieder etwas einbaute. Ich schrubbte die Mistflecken so gut es ging aus dem weissen Fell und kämmte die lange, gewellte Mähne, bis sie wieder ordentlich auf einer Seite des Halses lag. Dann erlas ich den Schweif und kratzte die Hufe aus. Nun holte ich den Sattel und legte ihn vorne auf den Widerrist, um ihn anschliessend etwas nach hinten zu ziehen, damit das Fell unter der Schabracke schön glatt war. Ich zog den Gurt an, wobei Bubi etwas mit dem Vorderbein scharrte („Ist schon gut Bubi, ich zieh noch nicht fest an.“) und zäumte das Pippi-Langstrumpf-Pferd, dem die Punkte fehlten. Jonas huschte unter der Anbindekette durch zurück zu Calico. „Viereck?“, rief ich ihm zu. „Jap, Trail.“ Ich überlegte, dass ich Bubi eigentlich auch eine kleine Abwechslung bieten könnte, wo Jonas doch bestimmt schon einen spannenden Stangenparcours vorbereitet hatte. Ich teilte dem Pfleger meinen Gedankengang mit und er grinste, als hätte er es bereits im Voraus geahnt. Just in diesem Moment klingelte mein Handy. Ich nahm ab und erkannte erstaunt Verena O’Connors Stimme. Sie erklärte, dass sie bald umziehen werde und daher eine Vielzahl ihrer Pferde loswerden müsse, da das ganze sonst zu einem finanziell unmöglichen Unterfangen ausarten würde. Mein Herz machte bereits einen Hüpfer und ich fiel ihr ins Wort. „Du möchtest Lovely Summertime verkaufen?“ Am anderen Ende der Leitung wurde es kurz still, dann kam ein trauriges „Ja“. Es war witzig, da ich gerade am Vortag noch an die Stute gedacht hatte, weil ja Flint vor einer Weile ebenfalls nach Pineforest zurückgekehrt war. Somit würde mein ursprüngliches Westerntrio tatsächlich wieder komplett werden. Wir verhandelten kurz über den Preis, wobei ich feststellen musste, dass Summer durch das viele Training ganz schön an Wert zugelegt hatte. Sogar gekrönt war mittlerweile! Umso mehr freute ich mich darauf, die fein ausgebildete Stute zu reiten. Jonas hörte die ganze Zeit über still mit und meinte, sobald ich aufgelegt hatte: „Ich hab mich schon gefragt, wann du Summer auch zurückholst. Echt toll, dass die drei wieder zusammenkommen!“ „Ich hatte gar nie damit gerechnet, dass sie nochmal hierher zurückkehren werden – aber offenbar soll es einfach so sein“, antwortete ich glücklich.
      Nach dieser guten Nachricht wärmten wir motiviert Calico und Bubi auf. Anschliessend ritten wir durch den Stangenparcours, wobei es zum Teil rückwärts durch enge Labyrinthe und seitwärts den Stangen entlang ging – beides hervorragende Übungen für ein Dressurpferd wie Bubi. Das gerade Rückwärtsrichten und die Seitwärtsgänge waren bisher nicht gerade seine Stärken gewesen. Calico hatte noch deutlich mehr Mühe mit den Aufgaben, obwohl er das eigentliche Westernpferd auf Platz war. Aber mit seinen zarten vier Jahren war er auch noch nicht hundertprozentig ausbalanciert und konnte sich nicht allzu lange konzentrieren. Wir beendeten das Training daher gemeinsam nach einer intensiven halben Stunde; aufgrund der Nachmittagshitze wollte ich Bubi (und mir selbst) ebenfalls nicht mehr zumuten.
      Ljóski und Herkir hatten morgen beide ein wichtiges Turnier, wobei Loki in einer Fünfgangprüfung startete und Herkir in einem Passrennen. Wir hatten mit Herkir in letzter Zeit viel dafür trainiert, da ihm der Pass zunächst schwergefallen war. Aber seine grosse Liebe für die Geschwindigkeit hielt ihn motiviert, denn er entdeckte schnell, dass er in dieser Gangart „die Sau rauslassen“ durfte. Die beiden wurden wegen des anstehenden Turniers heute nur kurz auf der Ovalbahn vorbereitet, ohne sie grossartig zum Schwitzen zu bringen.
      Burggraf, Artemis, Numair und Anubis durften mit Jonas, Elliot, Jason und Anne ins Gelände auf ein paar ausgiebige Galopps. Ich wäre zu gerne mitgegangen, aber ich musste mit Empire heute mal wieder etwas Dressurarbeit machen. Ich konnte dem Ex-Rennpferd nicht dauernd freigeben und wie die letzten drei Tage ausreiten gehen; etwas Gymnastik musste doch noch sein. Immerhin war ich nicht alleine auf dem Platz: Alan longierte den Jungspund Caruso über ein paar Stangen und Linda ritt Cantastor. Caruso wollten wir jetzt schon ein wenig an die Ausrüstung gewöhnen und dann sobald er dreijährig war schonend einreiten. Er erinnerte mich daran, wie schnell die Zeit verging – es kam mir so vor, als wäre er erst letzte Woche ausgezogen, dabei waren schon zwei Jahre vergangen. Ich hatte ihn so früh von den anderen Jungpferden getrennt, weil er sich nicht mehr richtig in die Herde hatte einleben können. Ich wollte aber weiterhin versuchen, ihn bis dreijährig wieder mit den Fohlen auf die Weide zu bringen.
      Eigentlich wollte ich heute Fajirs Freispring-Künste testen, aber Quinn und Parker hatten ihn und Muskat auf einen langen Abendausritt entführt, und so musste ich meinen Plan vertagen. Selber schuld, wenn du verpennst deine Mitarbeiter zu informieren, stellte ich fest. Ich seufzte und machte einen raschen Stallrundgang, um zu sehen ob nach dem Misten noch alle Pferde genug Stroh in ihrer Box hatten. Die Pfleger hatten ihren Job gewissenhaft erledigt, denn ich fand keinen Makel. Zufrieden verzog och mich in mein Arbeitszimmer und erledigte etwas Papierkram: Nennungen für kommende Turniere und Rennen, Deckanfragen, Finanzielles und die Einfuhrbewilligung von Summertime. Ich musste ziemlich viel herumtelefonieren, bis der Transport geregelt war, aber das war ich mir mittlerweile gewohnt. Schliesslich zog die Stute aus dem sonnigen Kanada hierher, was nicht gerade ein Katzensprung war. Ich überprüfte, als ich mit dem Rest fertig war, gleich noch die Eintragungen über die Turniersiege meiner Pferde. Ein Lächeln huschte über mein Gesicht, als ich nochmal Parányis bisher kurze, aber deftige Erfolgsliste sah. Zweimal hatten wir an einem Springturnier teilgenommen, und beide Male hatte die Jungstute gewonnen! Klar, es war noch nicht allzu hoch gewesen, bloss bis 80 Zentimeter, aber ihre gute Abstammung kam ganz klar zum Vorschein. Auch Calico hatte letztens einen Durchbruch geschafft: der Vierjährige war bisher, egal in welchem Turnier er gestartet war, immer höchstens auf dem dritten Platz gelandet. Aber dieses Wochenende hatte er sich zum ersten Mal auf den zweiten Platz kämpfen können, und das in einem komplizierten Trail Parcours. Er nimmt’s eben gemütlich mit den Erfolgen, dachte ich schmunzelnd. Zum Schmunzeln brachte mich diese Tage auch Adrenaline. Die Stute wurde nicht nur immer hübscher, seit sie wieder anständige Muskeln und genug Futter hatte, sondern auch immer besser. Angefangen mit einem dritten Platz im Synchronspringen hatte sie es in kürzester Zeit noch in einem Amateur-Distanzturnier und erneut im Springen aufs Treppchen geschafft, und als Tüpfelchen auf dem i auch noch ein Barrel-Race gewonnen. Die letzten paar Erfolge hatte sie unter der hervorragenden Betreuung von Petyr Holmqvist geholt, der sie im Moment immer wieder etwas betreute, wenn er gerade in England war. Ebenfalls erwähnenswert war Satine, die kurz nach unserem intensiven Militarytraining in einer Distanzprüfung knapp den Sieg verpasst hatte. Das Turnier war ähnlich aufgebaut wie eine Jagd gewesen, und der Stute hatte es grossen Spass bereitet – jedenfalls ihrem Tempo nach zu urteilen.
      Ich streckte mich und stand auf, um wieder zu den Pferden zu gehen. Es war noch lange nicht neun Uhr und es gab noch einiges zu tun, wie immer auf solch einem grossen Gestüt wie Pineforest es war.
      Heisse Gemüter
      Es waren zwei Wochen vergangen, seit Rosie die ‚Wilkinson Ranch‘, wie sie nun alle nannten, übernommen hatte. Rosie hatte sich eigentlich zuerst gegen den Namen gewehrt, doch am Ende siegte der Gruppendruck, indem die Pfleger etwas Geld für ein grosses Holzschild mit dem entsprechenden Schriftzug zusammengelegt hatten. Sie hatten die Nachricht von dem gelüfteten Geheimnis um Rosies Herkunft gar nicht so erstaunt wahrgenommen. Lisa hatte sogar steif und fest behauptet, sie habe die ganze Zeit über so etwas vermutet – was ihr natürlich keiner glaubte. Jedenfalls war Rosie mittlerweile täglich auf ihrer Ranch und schuftete ebenso viel wie die Arbeiter, die sie bestellt hatte. Auf Pineforest vermisste man sie inzwischen schon etwas. So erwischte ich zum Beispiel Oliver beim organisieren des Morgentrainings, ausnahmsweise auf Deutsch: „Quinn reitet statt Cool Cat Spotted Timeout, ich weiss nicht welche Idiot das wieder falsch eingetragen hat. Rosie kann Cat stattdessen übernehmen.“ „Ehmm Boss, Rosie is, ehh…“, meldete sich Thomas scheu. „Yes yes, fine. Ich kann mir auch nicht alles merken hier. Na gut, dann nimmt eben April Cool Cat.“ „But I already ride Caspian!“ „All of you – you drive me nuts! And just because of a certain lady that thinks that she can quit and leave all of a sudden – and a certain boss here doesn’t even stop her!“, rief Oliver aufgebracht aus. Alle schwiegen, bis er sich beruhigt hatte und fortfuhr. Ich wusste ganz genau, dass er es in Wirklichkeit einfach sehr bedauerte, dass Rosie nun nicht mehr 100% für Pineforest zur Verfügung stand. Aber geschäftsorientiert wie er war, versuchte er einfach darüber hinwegzusehen und weiterzumachen. „However. Rita, if I remember it correctly, you have no horse to ride in the first group, have you?“, fragte Oliver mit sarkastischer Stimme. Rita nickte unsicher. “Good. Then go get Cool Cat. All of you – move! Before I make you!” Ich sah ihn streng an, doch wenn er schlechte Laune hatte (was heute mehr als offensichtlich der Fall war) liess man ihn am besten einfach in Ruhe seinen Job machen. Ich begab mich zu Sundays Box. Viel zu lange hatte ich den Braunen nicht mehr im Training geritten, weil ich immer andere Pferde auf der Liste gehabt hatte. Doch diesen Monat waren wir endlich wieder zusammengewürfelt worden. Ich führte den braunen Hengst in die Stallgasse und stellte ihn zwischen Gleam of Light und Spotted Timeout. Dann begann ich wie immer damit, sein Fell gründlich durchzustriegeln. Heute wollte er anscheinend nicht besonders gekrault werden, denn er verzog weder die Lippe, noch legte er den Kopf schief, wie er es sonst so oft tat, wenn ich beim Widerrist angelangte. Ich zuckte mit den Schultern und machte weiter. Das Fell des Braunen war kurz und schimmerte schon nach wenigen Bürstenstrichen wieder wie frisch ein gesprayt. Auch der Schweif liess sich ohne grossen Widerstand kämmen. Ich sortierte ein paar Strohhalme aus dem ordentlich geschnittenen, schwarzen Langhaar heraus, dann ging ich zu den Hufen über. „Occu, can you have a quick look? Sumerian has a scratch…“, rief Thomas um die Ecke. Ich liess den Hufkratzer liegen und ging nachsehen, was er meinte. Innerlich betete ich: bitte nicht noch ein Pferd das verletzt ist! Es reicht schon, dass Winter und Iskierka den ganzen letzten Monat ausgefallen sind! Doch meine Sorge wurde gelockert als ich sah, dass es sich tatsächlich nur um eine oberflächliche Blessur am Sprunggelenk handelte. Vermutlich hatten die Stuten auf der Weide wieder miteinander gezickt. Trotzdem besprühte ich die Wunde mit etwas Silberspray, um die Fliegen und den Dreck fernzuhalten. Dann widmete ich mich wieder Sunday, der bereits ungeduldig scharrte. „Du kriegst nix, Kumpel. Erst nach der Arbeit“, stellte ich mit gehobenem Finger klar, aber natürlich nützte das nichts. Ich stupste ihn an und sagte deutlich „stop it“, woraufhin er tatsächlich aufhörte. Nun konnte ich bereits Satteln und zäumen. Die Anderen waren ähnlich weit, sodass wir alle etwa gleichzeitig das Gebäude verliessen und die Pferde zum Aufwärmen auf die Galoppbahn ritten. Hier blieben wir erstmal fünf Minuten im Schritt, danach folgte zehn Minuten lockerer Trab und schliesslich begaben wir uns zur Rennbahn. Einer nach dem anderen wurde in die Startboxen geführt. Bei dieser Gruppe fand das Training eigentlich bloss noch zur Erhaltung, nicht mehr zum Neuaufbau von Muskeln statt. Diese Pferde waren schon so gut ausgebildet und durchtrainiert, dass man gar nicht mehr viel steigern konnte. Deshalb erlaubten wir uns mit ihnen auch öfter spassige Ausritte anstelle anstrengenden Trainings. Während den ausgiebigen Galopps im Gelände oder dem Schwimmen im Bach wurden die Muskeln schliesslich auch fit gehalten. Trotz des zum Teil jahrelangen Trainings hatte aber immer noch der ein oder andere unangenehme Macken, an denen wir wohl doch noch bis zum Ende der Rennkarriere feilen mussten. Beispielsweise zeigte sich mein Sunday wieder von seiner besten Seite: Ajith wollte ihn wohl für seinen Geschmack etwas zu hastig in die Startmaschine führen, sodass der Versuch damit endete, dass der Hengst stieg und sich beinahe den Kopf anstiess. „Dass du immer gleich Männchen-machen musst, sobald dir etwas nicht passt“, tadelte ich laut, zum Vergnügen der anderen Jockeys. Beim zweiten Versuch klappte es, indem Ajith dem Hengst genug Zeit gab, sich alles anzusehen. Als hätte er es nicht schon 1000 mal gesehen… Aber auch Sumerian hatte mal wieder nen Zickenanfall, und das ausgerechnet beim Start. Anstatt anständig abzudrücken, schoss sie aus der Box und keifte Campina an, die prompt erschrak und einen Seitensprung gegen Cool Cat machte, der durch den Zusammenprall wiederum beinahe stürzte. Wir brachen ab und bremsten die Pferde. Oliver schüttelte genervt den Kopf. „Thomas, what was that? Weren’t you supposed to control your horse? Instead you are dreaming again! I saw that coming since you entered the box!” Und warum hast du dann nichts gesagt? Diese Frage stand Tom förmlich ins Gesicht geschrieben, doch er wollte nicht noch mehr Ärger provozieren und murmelte bloss „sorry Oliver“. Ich war froh, dass er sich unter Kontrolle behielt, denn er zählte normalerweise auch zu den eher heisseren Gemütern auf dem Hof. Eine Meinungsverschiedenheit zwischen den beiden wollte ich nicht erleben.
      Beim zweiten Anlauf klappte es: Sumerian musste ganz aussen Starten und Tom hielt die Zügel straff genug, dass er sofort reagieren konnte, falls die Stute erneut den Kopf drehen wollte. Die Klappen flogen auf und die Pferde sprangen los. Ich krallte mich in Sundays Mähne fest, als der Hengst mit ein paar gewaltigen Galoppsprüngen beschleunigte. Zu sehr liess ich ihn aber noch nicht vor, denn die Kraft musste er sich für den Finish sparen. In jedem Trainingsrennen achteten wir auf dieselben Spielregeln wie bei einem richtigen Rennen, damit sich die Pferde an den Ablauf gewöhnten und später besser kontrollierbar waren, wenn es mal drauf ankam. Wir blieben alle dicht beieinander bis wir eine ganze Runde um die Bahn durchritten hatten, dann folgte die letzte Gerade. Aus der Kurve heraus liess ich Sunday ziehen. Dicht neben mir gab auch Parker Light den Kopf frei. Ich konzentrierte mich so sehr auf diese Seite der Bahn, dass ich nicht bemerkte, wie Cool Cat auf der anderen überholte. Als ich wieder nach vorne sah, sah ich seinen Schweif direkt vor uns wehen und erkannte, dass Rita uns blockieren wollte. Ich zog Sunday auf eine Bahn weiter aussen und duckte mich tief in seine Mähne, doch den Abstand konnte ich in der kurzen Zeit bis zur Zielmarkierung nicht mehr wettmachen. Light konnte sich noch etwas weiter vorschieben, also kamen wir als dritte ins Ziel. „Not bad Rita, it was clever to block Occu and Sunday. But if you try this over a longer distance you probably won’t come away so easily. They were already catching up again and Cat lost all his power during that sprint”, wertete Oliver kurz darauf beim Abkühlen aus. “Sumerian and Spot have to start the final run earlier; they have enough strength to do that. And Campina plus Caspian need a little bit more condition.”
      Wir brachten die erste Gruppe in den Freilauftrainer, damit sie noch etwas länger Schritt laufen konnten. Dann holten wir die nächsten sechs Kandidaten: Chiccory, Winter, Iskierka, Painting Shadows, Sympathy und Shades of Gray. Mein Liebling Winter und Zicke Iskierka liefen wegen besagtem Trainingsrückstand hier mit. Winter hatte sich auf der Koppel bei einem Gerangel mit Neuankömmling Rosenprinz eine üble Schramme am Vorderbein zugezogen, durch die er einige Tage etwas unsauber lief. Ich gab ihm daraufhin gleich einen ganzen Monat Pause, denn Beinverletzungen waren bei den Rennpferden immer heikel. Iskierka hingegen hatte erhöhte Temperatur und Nasenausfluss gehabt, vermutlich eine leichte Grippe, die sie sich bei einem Handicap in London eingefangen hatte. Ärgerlich – aber jetzt ging es ihr dank der führsorglichen Pflege von Ajith wieder gut. Sie hatte uns allen richtig Sorgen gemacht, denn sie war so aussergewöhnlich lieb und ruhig gewesen. Ich musste jetzt noch schmunzeln, obwohl es ja eigentlich nicht lustig gewesen war. Sympathy wurde wie versprochen vorsichtig wieder hochtrainiert, jetzt da ihr Fohlen entwöhnt war. Sie machte sich besser als ich gedacht hatte und kam langsam aber sicher zu ihrer alten Form zurück. Trotzdem war es mit dem ganzen Trainingsverlust und in ihrem Alter nicht mehr ganz so einfach, mit den jungen Fliegengewichten mitzuhalten, die jetzt immer mehr aufstiegen. Paint war schlicht und ergreifend in dieser Gruppe dabei, damit überall etwa gleich viele Pferde liefen. Das Trainingsrennen entschied Gray für sich, und bewies mir damit, dass sie reif für die geplanten Einsätze am Wochenende war.
      Die letzte Gruppe bestand aus den Jungspunden Caligari, Kaythara, Ciela, Cassiopeia, Pointless und Framed in History. Wir bereiteten sie vor, während die vorherige Gruppe in die Führanlage kam; ausser Iskierka – die durfte unter’s Solarium, was sie sichtlich genoss. Cassy war bei weitem noch die pummeligste, denn sie hatte ja auch als eine der letzten abgefohlt. Auch ihre Kondition liess etwas zu wünschen übrig, sodass sie heute als abgeschlagene Letzte ins Ziel bretterte. Kaythara hingegen hatte ein absolutes Formhoch und gewann mit unglaublichen vier Längen Vorsprung und einem neuen persönlichen Bahnrekord. Und dann war da noch Pointless. Sie ging nicht zuletzt durchs Ziel, aber ihre Leistung war nicht gerade schön anzusehen gewesen. Schon bei der Startbox hatte das Gezanke wieder angefangen, und die darauffolgenden 500 Meter waren für mich, die sie abgesehen von Oliver als einzige reiten durfte, ein unangenehmer Kampf gewesen. Doch danach hatte die Stute der Ehrgeiz gepackt; anders konnte ich es mir nicht erklären. Sie hatte die Ohren nach hinten geklappt und sich plötzlich gestreckt, als würde sie verfolgt werden. So waren wir mit dem für ihren Trainings(rück)stand unglaublichen vierten Platz durchgekommen. Doch kaum wollte ich sie bremsen, war alles wieder beim alten: sie schüttelte den Kopf, schlug unwillig mit dem Schweif und stampfte unzufrieden, sobald ich sie in den Schritt gebremst hatte. Oliver war erstaunlich zuversichtlich: „I think it was much better than last time. The foal-break was definitely the right thing to do with her.” Ich nickte nur und dachte insgeheim: das lässt sich leicht sagen, wenn man nicht selber oben sitzt. Wir versorgten auch diese Gruppe. Es wurde jetzt langsam warm, denn es war bereits acht Uhr morgens.
      Am Abend schickte ich dann Coulee zusammen mit Rosenprinz auf die Bahn. Quinn und Parker ritten die beiden. Ich hatte das Gefühl, dass Coulee durch Quicks Anwesenheit viel ruhiger und selbstbewusster war. Die beiden waren quasi zusammen aufgewachsen und hatten sich anscheinend furchtbar vermisst. Jedenfalls grunzte Coulee dem hübschen Falben bei jeder Gelegenheit zu, und meist bekam sie auch eine Antwort. Coulee war auch auf der Bahn wie ausgewechselt, seit Quick mit ihr trainierte. Sie hatte wieder mehr Ehrgeiz, mehr noch, als nach meinen unzähligen Motivierungsversuchen. Ich war sichtig glücklich, wenn ich den beiden zusah. Das einzige, was meine Stimmung noch immer trübte, war die ehemalige Box von Stromer. Caspian stand jetzt darin – überhaupt hatten wir die Boxenordnung etwas umgestellt, weil in Zukunft Cantastor, Empire, Fly Fast, Fajir und Muskat bei Rosie untergebracht werden würden. Sie gehörten noch immer mir, aber sie durften aus praktischen Gründen dorthin ziehen. Fly ging auf Wunsch von Rosie mit, denn er war immer schon ihr Liebling gewesen.
      Ich sah noch rasch nach Mikke und Indiana. Die beiden waren ausgeritten worden und machten einen zufriedenen Eindruck. Den ‚Verlust‘ ihrer Fohlen hatten sie wohl einigermassen überstanden. Auch Dublin war heute nicht mitgelaufen, wie schon die letzten paar Wochen. Grund dafür war, dass sie ein Fohlen von Sacramento erwartete und ich ihr das Training langsam nicht mehr zumuten wollte. Zufrieden löschte ich das Licht um zehn Uhr und verschwand ins Haus.
      [​IMG]E-A
      Drei Springstunden an einem Tag – das klang nach viel, war aber nichts Besonderes für Lisa. Die anerkannte Reitlehrerin gab so wie Elliot oft Dressur- und Springstunden auf Pineforest, sowohl für unser Personal, als auch für auswärtige. Heute fand zuerst um drei Uhr eine öffentliche Springstunde statt, danach um fünf Uhr eine interne und um sieben Uhr nochmals eine öffentliche. Ich sah nur rasch vorbei bei der ersten Stunde, denn ich hatte anderes vor, wenn auch mit ähnlichem Grundgedanken. Die Stunde wurde auf dem Platz gehalten, sodass ich mein Vorhaben in die Halle verlegte. Ich wollte nämlich mit den Miniature Horses eine kleine Trainingseinheit wagen, um ihre Geschicklichkeit am Sprung etwas zu verbessern. Dazu trommelte ich Lewis, Lily, Jason und Linda zusammen. Jeder von uns nahm ein Pony ans Führseil und brachte es zur Halle. Ich schnappte mir meine geliebte Dakota, die noch ziemlich unerfahren mit dem Springen an der Hand war. Chocolate Chip, Lady Diva from the Sky, Silhouette of a Rose und Papillon d’Obscurité hatten hingegen allesamt schon einige Trainingsparcours hinter sich. Lily diskutierte mit Lady Diva, die auf dem Weg zur Halle lieber Gras knabbern wollte, als mitzulaufen. Ich liess meine kleine Nichte das selbst regeln, denn sie wäre mir sowieso wieder nur böse geworden, wenn ich eingegriffen hätte. Wir liessen die Ponys rasch freilaufen, während wir die Hindernisse aufstellten. Bevor wir begannen, wärmten wir die fünf im Trab an der Hand auf und machten ein paar Gehorsamkeitsübungen. Dann wurde eine halbe Stunde lang intensiv trainiert. Wir führten die Ponys auch mal schräg an die Sprünge heran, damit sie lernen mussten, den Absprung besser abzuschätzen. Das Training war auch für uns Zweibeiner ziemlich anstrengend, denn anders als bei den Grosspferden mussten wir hier ja nebenher rennen. Die Hindernisse hatten unterschiedliche Höhen, weil auch die Ponys unterschiedlich weit im Training waren. So war Papillon zum Beispiel bereits auf Klasse L Niveau, während Daki erst die Grundhöhe kennenlernte. Daki war am Anfang ziemlich zögerlich und verweigerte auch ein paarmal, beziehungsweise lief nebendurch, aber wir schafften auch ein paar hübsche Sprünge und beliessen es am Ende dabei. Wir brachten die Minis rasch zurück auf die Weide, abkühlen konnten sie auf dem Weg nach unten. Dann gingen wir unseren Stallarbeiten nach, bis es halb fünf war. Ich begab mich in den Hauptstall um Mikke zu putzen. Die heutige interne Stunde war eine absolute Anfängerstunde, denn Caspian of the Moonlightvalley, Cantastor, Mikke, Muskat und Empire State of Mind kannten kaum mehr als ein paar Cavalettisprünge. Ich schämte mich schon etwas, dass meine Zuchthengste in dieser Sparte noch nicht mehr auf dem Kasten hatten, aber das sollte sich ja jetzt ändern. Lisa hatte kein Mitleid mit den hart arbeitenden Pflegern: sie liess uns dieselben Hindernisse immer und immer wieder Springen, bis alles stimmte. Damit den Pferden nicht langweilig wurde, machten wir dazwischen lockernde Dressurübungen wie Schulterherein oder Schlangenlinien. Caprice wurde richtig heiss und schlug unwillig mit dem Schweif, wenn ich sie bremsen musste. Die temperamentvolle Stute gab mir eine ganze Hand voll zu tun, und die Anwesenheit des zappeligen Muskat machte es auch nicht gerade leichter. Der Braune liess sich von Quinn kaum im Schritt halten, wenn er gerade nicht an der Reihe war. Einmal kamen die beiden daher Caspian und Parker in die Quere, als die beiden auf den kleinen, blauen Steilsprung zureiten wollten. Es passierte zum Glück nichts, weil Parker rechtzeitig reagierte. Am Ende dieser turbulenten Stunde liessen wir die Vollblüter austraben und brachten sie danach zurück in ihre Boxen. Ich kontrollierte, dass alle Pferde gut versorgt wurden und keiner mehr Schweissflecken hatte. Dann begab ich mich in die Mitte des Stutentrakts zu Campinas Box und holte das Scheckenvieh in die Stallgasse zum Putzen. Ich liebte die ausdrucksstarken Augen der Stute, die immer mal wieder frech zu mir nach hinten sahen und förmlich nach einer Karotte bettelten. Ihr Schweif liess noch etwas zu wünschen übrig, daher kämmte ich ihn nur ganz vorsichtig, ohne auch nur ein einziges Haar auszuzupfen. Beim Satteln wartete die Stute geduldig und auch die Trense nahm sie bereitwillig an. Ich führte sie in die Halle, hinter mir folgten Jonas mit Donut und Lily mit White Dream. Meine Nichte strahlte übers ganze Gesicht, weil sie ihre Lieblingsstute reiten durfte. Ausser uns waren noch eine Frau mit ihrem Rappen, eine Teenagerin mit einem Tinker und ein junger Mann mit einer Warmblutstute dabei. Wir wärmten alle Pferde gründlich auf, wobei Lily mit der Tinkerreiterin plauderte. Die Springstunde war abwechslungsreicher als die vorherige, weil auf dieser Stufe auch schon diverse Kombinationen und Oxer verlangt wurden. Campina machte ihre Sache gut und war fleissig dabei, hörte aber trotzdem sehr genau auf meine Hilfen. Lily und White Dream machten natürlich keine perfekte Figur über dem Sprung, aber man konnte es durchaus zählen lassen. Lisa wies sie mehrfach darauf hin, das Bein ruhig zu halten, sodass am Ende auch eine Verbesserung sichtbar war. Nach der Stunde ritten wir im Schritt auf dem Galoppweg trocken, den herbstlichen Sonnenuntergang geniessend.
      Ein langer Tag
      Es war ein sonniger Spätsommermorgen und die Natur schien verschlafen zu haben. Es lag viel Tau auf dem Gras, die Luft roch frisch und sauber. Das Gewitter vom Vortag hatte den ganzen Staub von den vergangenen heissen Tagen weggewaschen. Ich streckte mich genüsslich und genoss einen Moment die frühen Sonnenstrahlen auf meiner Haut. Vom morgendlichen Vollbluttraining herkommend befand ich mich gerade auf dem Weg zum Nordstall. Drinnen war es schön kühl. Die Pferde raschelten fleissig in ihrer Frühstücks-Heuportion und ich entdeckte ein paar Mäuse, die gerade den Boxenwänden entlang flüchteten. Jackie spitzte sofort aufgeregt die Ohren und flitzte hinterher, aber natürlich erwischte sie keine. „Wo sind diese verlausten Katzenviecher wenn man sie mal braucht?“, stellte ich sarkastisch an mein Hündin gewandt fest. Sie musterte mich Schwanzwedelnd und erwartungsvoll. „Heh sweetie? No treats until you catch one.“ Ich stellte mich vor Donuts Box und rief seinen Namen. Der Ponyhengst hob den Kopf, spitzte die Ohren und brummelte. Ich schmunzelte, weil seine Stimme wie immer höher als die eines Grosspferdes war und das Geräusch dadurch umso witziger klang. Geputzt und gesattelt hatte ich ihn schnell, denn er war noch sauber von gestern. Das Langhaar bearbeitete ich nochmal mit etwas Glanzspray, damit der Schweif schön fluffig und voluminös war. Dann führte ich Donut auf den Reitplatz, denn was gab es besseres, als die noch kühle Morgenstimmung für eine Dressurstunde zu nutzen? Ich wärmte Donut auf und trabte ihn dann erstmal in Dehnungshaltung auf mehreren Volten. Nach einer Weile nahm ich die Zügel auf und begann, den Hengst mit lockeren Seitengängen zu gymnastizieren. Er war heute fleissig und energiegeladen, was ich sehr mochte. Trotzdem entschleunigte ich ihn anschliessend mit ein paar kleinen Volten, damit er nicht auf die Vorhand kippte. Im Schritt versuchte er immer wieder anzutraben, wie ein ungeduldiges Kind. Doch ich nahm es gelassen und schätzte seinen Eifer. Ich beschloss, jetzt erstmal ein wenig Galopparbeit zu machen, bevor ich mich noch an Travers Lektionen wagte. Er galoppierte schwungvoll und in korrekter Haltung, leicht vor der Senkrechten und schön bergauf. Wie toll es doch war, einen so fein ausgebildeten Hengst zu reiten! Ich versammelte den Galopp und liess ihn auf der langen Seite wieder zulegen, dann wechselte ich durch die Diagonale und machte einen Galoppwechsel bei X. Kein Problem für Donut – als erfahrenes Springpony gehörte das zu seinen Spezialitäten. Nach dem versprochenen Travers machte ich noch ein wenig Schulterherein, dann liess ich es für heute gut sein und brachte Donut zurück in den Nordstall. Ich sattelte ab, bürstete das Fell glatt und kratzte die Hufe aus. Als ich fertig war, entliess ich ihn in seine Box und gab ihm drei Karotten, die er hastig runterschlang. Ich kraulte zum Abschied seinen Hals und den weissen Nasenrücken, wobei er genüsslich den Mund verzog. Er wollte mich gar nicht weggehen lassen, sondern sich gleich hinter mir wieder durch die Boxentür zwängen, was ihm natürlich nicht gelang. Enttäuscht brummelte er mir hinterher und ich bekam beinahe ein schlechtes Gewissen, einfach so davonzulaufen. Aber sein eigentlicher Beweggrund, so war ich mir fast sicher, war die vierte Karotte, die ich noch immer in der Hand hielt um sie nun Ljóski hinzustrecken. Herkir, der in derselben, besonders grossen Box stand, versuchte eifersüchtig seinen Kumpel wegzuekeln. Ich führte Loki in die Stallgasse und putzte ihn ausgiebig. An seinem wolligen Langhaar hatte ich besonders lange. Der Hengst war kitzlig und zuckte die ganze Zeit mit dem Widerrist, als ich mit der weichen Bürste nochmals über seinen Körper strich. Besonders am Bauch mochte er es gar nicht, sodass er vor und zurück zappelte. Ausserdem drehte er mehrfach den Kopf um sich mit der Schnauze an seiner Schulter zu kratzen. Das hibbelige Getue ging auch beim Aufsteigen weiter und ich fragte mich langsam, ob Herkir und er Persönlichkeiten getauscht hatten, denn normalerweise war der Fuchsschecke eher wie ein Sack voller Flöhe. Ich ging mit dem vor Energie überlaufenden Loki ins Gelände und machte ein paar gesunde Galopps, sodass ich ihn am Ende zufrieden und ausgepowert am langen Zügel nachhause reiten konnte. Als nächstes stand Longieren mit Moon Kiddy auf dem Programm, als Abwechslung für sie und mich. Nachdem sie am Sonntag an einem anspruchsvollen Gymkhana mit Darren gestartet war, hatte sie sich eine Pause verdient. Deshalb arbeitete ich mit ihr eine halbe Stunde lang locker im Roundpen, wobei ich nicht mehr als Übergänge und Seitenwechsel verlangte, um ihre Reaktion auf meine Körpersprache weiter zu schulen. Sie war sehr aufmerksam und liess sich gänzlich auf mich ein, was das Training sehr einfach machte. Andererseits kannten wir uns nun auch schon so lange, dass ich alles andere als bedenklich gewertet hätte. Meine hübsche Criollostute mit der mächtigen, schwarzen Mähne, ihr Markenzeichen, kam am Ende des Trainings zu mir in die Roundpen Mitte und holte sich ihre Karottenstückchen ab. Ausserdem wischte sie liebevoll mit der Oberlippe auf meinem Unterarm hin und her, als wollte sie mich kraulen. Ich tat es ihr gleich und massierte ihren Widerrist, dann führte ich sie am Halfter zurück in den Nebenstall. Inzwischen waren die Hengste alle auf die Weiden gelassen worden; die Stuten kamen am Nachmittag raus.
      Ich bekam pünktlich um zehn Uhr einen Anruf, dass mein neues Hengstfohlen, LMR Royal Champion, gesund und munter im Flughafen von Birmingham angekommen war. Der Jährling stammte von der Lake Mountain Ranch, einem noch eher unbekanntes Gestüt, doch seine Abstammung gefiel mir und sein Exterieur hatte mich überzeugt. Er war ein Mix, daher überlegte ich, ihn kastrieren zu lassen, doch das hatte noch Zeit. Erstmal holte ich ihn nun ab und brachte ihn zu seinen neuen Kumpels auf die Hengstfohlenweide. Es gab ein paar Rangeleien, wie das eben war, wenn ein Neuling in die Gruppe stiess. Ich beobachtete das Ganze, bereit, jederzeit mit schwingendem Führstrick einzugreifen. Doch es war wie erwartet nicht nötig: Royal wurde von allen Seiten neugierig beschnuppert und ein bisschen ‚angenagt‘, dann war die Rangfolge fürs erste geklärt und er wurde in Ruhe gelassen. Dass er sich so rasch in das soziale Gefüge eingelebt hatte, sprach für die Haltung des Züchters. Zufrieden widmete ich mich wieder den anderen Stallarbeiten.
      Lily war noch in der Schule, also traute ich mich nicht, etwas mit Thairu, unserem gestreiften ‚Pony‘ zu unternehmen. Sie wollte immer dabei sein wenn ich mit dem Zebra arbeitete, was leider im Moment nicht allzu oft geschah. Andererseits hatte ich das Gefühl, dass es auch besser für Thairu war, wenn sie nicht zu viel Trainiert wurde. Schliesslich war so intensiver Kontakt zu Menschen noch immer recht viel Stress für sie und ich wollte sie nicht überfordern. Ich beschloss, mir heute Abend eine Stunde für das Zebra freizuhalten.
      Es war nun 11 Uhr und mittlerweile ziemlich warm geworden, sodass ich nur noch im Trägertop rumlief. Zira und Sheela waren treu an meiner Seite, Jackie hingegen hatte sich aus dem Staub gemacht als ich aufgebrochen war um Royal abzuholen. Vermutlich überwachte sie mal wieder gewissenhaft ihr Territorium oder döste irgendwo im Schatten. Ich liess es mir nicht nehmen, rasch mit den beiden Hündinnen zu spielen, als ich unterwegs zur Stutenweide einen nahezu perfekten Stock dafür fand. Er wies schon ein paar Nagespuren auf, also hatten ihn die Hunde wohl von irgendwoher angeschleppt. Ich warf ihn soweit wie meine eher spährliche Armmuskulatur es erlaubte und sah dann belustigt zu, wie sich Sheela und Zira dynamisch darauf stürzten. Sheela, die ja ein wenig älter und deutlich massiger war als die schlaksige Zira, brauchte bloss einmal warnend zu knurren um ihrer jungen Spielgefährtin klarzumachen, dass sie alleine den Stock tragen durfte. Sie brachte ihn mit stolz aufgerichtetem Gang zu mir zurück. Zira trottete hinterher, wie eine hungrige Wölfin die auf eine Gelegenheit wartete, ihrer Rudelgenossin die Beute abzunehmen. Ich lobte beide und warf den Stock nochmal, dann lief ich zum Weidetor. Ich wollte vor dem Mittag noch mit Islah arbeiten. Die Araberstute hatte ihren Babybauch durch die ständige Bewegung auf der Weide und das Training unter dem Sattel vollständig abtrainiert und erfreute sich wieder bester Fitness, was bei ihrem Charakter nicht immer von Vorteil war. Ich mochte es aber, dass sie dieses feurige Temperament zeigte, das man oft als typisch für Araber empfand. Ich brachte sie zum Nebenstall und band sie dort ans Holzgestänge. Dann begann ich, ihr kurzes Fell zu striegeln. Noch während ich dabei war, kamen Ajith, Oliver und Jonas vorbei. „Hey Boss“, grüsste Jonas. „Ajith had an idea“, begann Oliver. „Since some of the thoroughbred stallions now live at Rosie’s farm, we could put the Arabians into the empty stalls inside the Hauptstall.” Ich verstand, worauf er hinauswollte; der Platz im Nordstall war begrenzt, hingegen im Hauptstall gab es eine ganze Reihe unbesetzter Gastboxen. Trotzdem war ich nicht so richtig zufrieden mit dem Vorschlag. Stattdessen überlegte ich laut: „What about we ask Rosie if she wants to take the Arabs in an give us our beloved English Tbs back?“ Ajiths Augen leuteten begeistert – er hing einfach an all seinen Pfleglingen und war ziemlich enttäuscht gewesen, dass die paar Hengste auf der Wilkinson Farm von anderen Pflegern versorgt werden würden. Oliver schien auch nicht abgeneigt von der Idee, nur Jonas war etwas zerknirscht, weil er dadurch künftig Numair und Anubis nicht mehr so oft sehen würde. Ich fragte ihn, ob es sehr schlimm sei, doch er verneinte glücklicherweise. „Solange du mir meinen Herkir dalässt, ist alles gut.“ Ich schmunzelte und schloss: „Dann rede ich nachher mit Rosie, ich wollte ihr sowieso einen Besuch abstatten.“ Die drei zogen zufrieden weiter und ich widmete mich wieder ganz meiner Islah. Ich arbeitete auf dem Sandviereck mit ihr, auf dem noch Stangen von Lisas Trail Training mit Shadow ausgelegt waren. Dies nutzte ich gleich, um die Stute zu gymnastizieren. Über den Stangen und Cavaletti musste sie ihre Beine heben und den Rücken wölben, ausserdem erforderte die Arbeit ein erhöhtes Mass an Konzentration, was bei ihrem Temperament gerade recht kam. Zu lange ritt ich sie aber so nicht, denn die Lektionen waren anspruchsvoll und führten im Übermass zu Muskelkater. Ich liess sie nach etwas mehr als einer intensiven halben Stunde ausgiebig austraben und brachte sie dann zurück auf die Weide.
      Nun meldete sich mein Magen zu Wort und erinnerte mich daran, dass es Mittag war. Lily kam aus der Schule zurück und half mir beim Kochen, verzog sich am Ende aber doch ins Wohnzimmer um mit den Hunden zu spielen. Ich war ihr nicht böse, denn das heutige Menü war nicht aufwendig – Spaghetti mit Tomatensauce und Salat. Ich fragte meine Nichte, ob sie Lust hatte am Abend mit Thairu zu trainieren. „Und das fragst du noch?“, kam die empörte Antwort. Ich grinste zufrieden und konzentrierte mich auf meine Spaghetti, um keine Tomatensauce zu verspritzen. Lily hatte am Nachmittag Schulfrei, also lud ich sie ein, Rosie mit mir zu besuchen. Nach dem Essen und wegräumen begaben wir uns also abermals zur Stutenweide. Ich fing mir Argenté Noir ein, Lily durfte Feline nehmen. Wir putzten die beiden Stuten direkt auf der Weide, indem wir sie an den Zaun banden und das Sattelzeug den ganzen Weg rüber trugen. Unter dem Zaumzeug liessen wir die Knotenhalfter, damit wir die beiden später auch anbinden konnten. Ich war schon ein Weilchen nicht mehr auf dem Welsh Pony gesessen, aber gewöhnte mich rasch wieder an Noirs Bewegungen. Wir ritten zusammen zur Ranch, machten aber einen Umweg durch den Fluss. Bei der Mittagshitze war es eine willkommene Abkühlung, als Feline verspielt im Wasser scharrte und uns beide nass spritzte. Noir zog wenig begeistert ihren Kopf weg und klappte ihre Ohren nach hinten, damit sie kein Wasser abbekamen. Wir wateten ans andere Ufer und trabten dem Waldrand entlang zur Ranch. Der einladende Schotterweg mit dem Kreis erinnerte mich an die Zufahrt zu einem noblen Schloss. Die Gebäude waren neu gestrichen und alles sauber aufgeräumt – von einer Baustelle war beinahe nichts mehr zu sehen. Auch die Zäune standen nun alle; sie waren hübsch weiss und ergänzten das ländliche aber zugleich edle Bild. Von weitem sah ich Cantastor und Muskat auf der Weide grasen. Sie wehrten friedlich mit den Schweifen Insekten ab und schüttelten ab und sahen auf, als sie uns entdeckten. Lily und ich stiegen ab und banden die Pferde an, dann begaben wir uns auf die Suche nach Rosie. Wir fanden sie im Wohnhaus, wo sie gerade Staubsaugte. Sie begrüsste uns herzlich und machte Tee, während Lily freiwillig fertig staubsaugte. Wir plauderten eine Weile bei Tee und Keksen, bevor ich wie versprochen die Idee mit den Arabern ansprach. „That’s funny“, meinte Rosie als ich fertig war, „I bought two Arabians recently, from a place named Fearie Hills. It’s a mare and a stallion, both precious breeding stock, but Fearie Hills is being closed and so their horses are all for sale. I was afraid that those two could end up with some dubious traders, so I kinda rescued them.” “That’s cool, I can’t wait to see them!”, rief Lily begeistert. Rosie meinte lachend: “You don’t have to – they’re arriving today.” “When exactly?”, wollte ich wissen. “I will pick them up at the airport in about an hour.” “So we’re gonna swap? You okay with that?”, hakte ich nach. Rosie überlegte kurz und nickte dann. “Though I’ll miss my little Fly around here, I think I would like to start breeding Arabs.“ Ich nickte zufrieden und wir schüttelten Hände – damit stand der Entschluss fest, dass meine drei Araber hierher ausgelagert werden würden und künftig in Rosies Zucht zum Einsatz kamen. Lily und ich beschlossen unseren Ausritt fortzusetzen und anschliessend gemeinsam mit den Pflegern den Pferdetausch zu vollziehen. Wir galoppierten über die beliebten alten Holzrücker Wege im Wald und waren wohl insgesamt über eine Stunde lang unterwegs. Noir liess ich am Ende am langen Zügel nachhause schlendern; die Stute war ausgepowert und wackelte zufrieden im Takt mit den Ohren. Wir brachten sie und Feline zurück auf die Weide und trommelten Jonas und Lisa als Helfer zusammen. Ich war zwar nicht gerade begeistert davon, mit beiden gleichzeitig zu tun zu haben, aber sie waren gerade als einzige zur Verfügung. Wir holten die drei Araber und sattelten sie. Islah verstand die Welt nicht mehr, als ich sie abermals von der Weide holte und ihr den Sattel auf den Rücken legte. „Don’t worry girl, you won’t have to work again“, murmelte ich liebevoll. Jonas schwang sich auf Numairs Rücken, Lisa übernahm Anubis und nahm Lily vorne mit drauf. Wir hatten auch noch zwei Führstricke dabei, weil drüben auf der Ranch fünf Pferde auf uns warteten. Die Putzsachen von den drei Arabern wollte ich später noch per Auto vorbeibringen.
      Rosie war längst losgefahren, um ihre zwei Neulinge abzuholen. Wir besprachen die Boxenordnung daher mit ihrem Chefpfleger, einem stämmigen, dunkelhaarigen Typen namens Lucas Gordon. Die Araber durften die frisch ausgemisteten Boxen beziehen. Dann holten wir die Englischen Vollblüter direkt von der Weide und sattelten Empire, Muskat und Canto. Fly und Fajir mussten als Handpferde mitkommen, weil ich meiner kleinen Nichte den Umgang mit den temperamentvollen Hengsten noch nicht ganz zutraute. Doch bevor wir loszogen bestand Lily darauf, auf Rosie und die neuen Araber zu warten. Ich willigte ein, weil ich selber auch gespannt auf die beiden war. Zwanzig Minuten Später fuhr der Selbstfahrer auf den Hof und wir halfen Rosie beim Ausladen. Als ich die Klappe mit Jonas zusammen öffnete, sah ich als erstes einen hübschen braunen Hengst, der uns misstrauisch entgegenschielte. Wir lösten die Trennwand und führten ihn ans Tageslicht. Er war nicht besonders gross, Araber eben, aber hatte einen ausdrucksstarken Körperbau mit einem äusserst hübschen Hechtkopf und kräftigem braunem Fell. Seine Beine waren ganz schwarz und er hatte am restlichen Körper zum Teil dunkle Stellen und leichte Dapples. Die lange schwarze Mähne fiel eher wild über seinen gebogenen Hals und den Schweif trug er aufgeregt erhoben. Er blähte die Nüstern und sah sich um. Dann wieherte er stolz, um anschliessend mit gespitzten Ohren auf eine Antwort zu warten. Die kam auch – vermutlich von einem der Hengste im Stall drüben. Bintu Al-Bahri schnaubte neben Lisa lautstark und scharrte ungeduldig auf dem Schotter, während Jonas und ich die Trennwände lösten, die den Weg zwischen ihm und dem zweiten Pferd gesichert hatten. Die Stute war ganz vorne angebunden, damit es keinen Ärger während der Fahrt hatte geben können. Schon jetzt erkannte ich, dass sie eine hübsche Rappstute war, die eine klar definierte, schneeweisse Blesse trug. Sie folgte mir zögernd die Rampe runter und sah sich ebenfalls um. Im besseren Licht erkannte ich, dass sie nicht gerade gut bemuskelt schien und ihre bisherige Zeit als Zuchtstute nicht spurenlos an ihr vorübergezogen war. Rosie bemerkte meinen skeptischen Blick. „She is 10 years old and had already 7 foals. I guess you can tell.” Mitleidig schaute ich in die dunklen, freundlichen Augen und streichelte die Nüstern der Stute. „Her name’s Farasha, it means butterfly. I’m not quite sure, but I even think that she’ll have another foal in spring. I will let the vet check her carefully.” Betroffen nickte ich. Rosie las die unausgesprochene Frage von meinem Gesicht ab und versprach: „I won’t breed her again. If she has another foal, then it will be her last, if not I’d say even better.“ Ich stimmte ihr nickend zu und war froh, dass meine ehemalige Pflegerin sich in erster Linie um das Wohlergehen von Farasha sorgte. „But doesn’t that mean that you still don’t have your own broodmare?” “That does not matter right now; I’m still building everything up.”
      Farasha und Bintu wurden von Rosie und Lucas in ihr neues Zuhause geführt und wir machten uns mitsamt Pferden auf den Heimweg. Canto schien zu spüren, dass es nachhause ging, denn er hatte einen zügigen Schritt drauf und wollte Empire die ganze Zeit überholen. Ich bremste ihn aber auch nicht zu sehr, sondern nahm die Zügel lediglich auf, wenn er antraben wollte. Auch Fly tänzelte ungeduldig nebenher, wobei er seinen Hals schön wölbte und richtig edel aussah. Wir waren um drei Uhr zurück auf dem Hof und brachten die fünf bei ihren alten Kumpels unter, dann ging alles seinen gewohnten Gang. Eigentlich hatte ich meine für diesen Monat zugeteilten Pferde nun schon alle bewegt, aber wie meistens übernahm ich für den restlichen Tag noch ein paar weitere. Die Pfleger konnten sich so den anderen Stallarbeiten widmen und ich hatte nichts dagegen, den ganzen Tag im Sattel zu sitzen – schliesslich waren es meine Pferde, und ich wollte jedem einzelnen von ihnen so viel Aufmerksamkeit schenken wie nur möglich. Ich überlegte rasch, dann suchte ich April und fragte sie, ob Rosenprinz schon bewegt worden war. „Yes Madam, I rode him in Training with Coulee this morning. As you requested in order to keep him fit for cross country.” Ich nickte zufrieden und suchte weiter. Auf dem Weg zum Nordstall begegnete ich Lewis. „Ahh Lewis! Did you already work with Unbroken Soul of a Rebel?“ “Yes Boss, all done. I practised for the horsemanship show on saturday.” “Is that so… Very well”, antwortete ich etwas enttäuscht, lief dann aber fröhlich weiter. Ich entdeckte Lisa beim Dressurviereck – sie räumte gerade die Stangen vom Morgen weg. „Hey Lisa, did you ride Piroschka?“ „Yes, Jonas and I took her and Adrenalineout for a ride today. Sorry, should I have waited until now?” Natürlich, die beiden waren wieder zusammen unterwegs – da hätt ich auch selbst drauf kommen können, stellte ich bitter fest. “Ahh… no, never mind.” Ich wollte schon davonhuschen, als sie mir hinterherrief: „Wait Occu, you could take Summertime! I would be glad, because I… Well I would like to spend some more time with Jonas…“ Ich hielt an ballte die Fäuste, aber nach kurzem Zögern seufzte ich leise, drehte mich dann lächelnd zu ihr um und meinte: „Sure. I’ll take her out for a ride as well.“
      Ich schlurfte zur Stutenweide und schnappte mir Summers Halfter vom Haken an der Wand des Offenstalls. Crap… I hate them both, dachte ich ärgerlich, das Bild von Lisas unschuldigem Grinsen im Kopf. Ich wanderte zu den Bäumen, wo die Paint-Stute stand und streifte ihr das Halfter über. Andererseits habe ich Ajith versprochen, dass ich mir Mühe gebe und sie nicht anders als vorher behandle. Das ist doch sowieso alles kindisch, ich sollte Jonas einfach vergessen und mich auf meine Tiere konzentrieren. Ich führte Summer zum Weidetor, zögerte dann aber und band sie an den Zaun. Ich wollte sie lieber in Ruhe hier unten putzen und ein Weilchen alleine sein. Ihre Ausrüstung musste ich trotzdem noch holen. Jonas war ebenfalls in der Sattelkammer. „Danke Occu, Lisa hat mir vorhin begeistert erzählt, dass du für die Summer bewegst.“ Ich nickte nur und nahm mir kommentarlos was ich brauchte. Du machst es nicht besser. Wenigstens hatte ich meinen Frieden bei den Pferden. Summer stand brav still und verscheuchte entspannt die Fliegen, wann immer sie ihr zu nervig wurden. Ich kratzte ihre Hufe gründlich aus, wobei ich bemerkte, dass sie ganz wenig Fäulnis hinten links hatte. Ich säuberte die Stelle gründlich und beschloss, nach dem Reiten ein Mittel dagegen aufzutragen. Ich sattelte sie und zog ihr das Bosal an, weil ich sie zum Ausreiten lieber damit zäumte. Dann führte ich sie aus der Weide und stieg auf. Gerade als ich durch die Tannen der Ostpassage reiten wollte, hörte ich eine Stimme. „Warte auf uns!“, rief meine kleine Nichte mit ihrem Tinker Areion. Sie schlossen im Trab zu uns auf. „Ich will mitkommen, ich hab den Teddy heute noch nicht bewegt!“ Ich lachte über den passenden Spitznamen des wolligen Tinkers und wir setzten uns in Bewegung. Areion hatte sich gut eingelebt und wurde täglich von Lily ‚bespasst‘, sodass die beiden schon in dieser kurzen Zeit ein Team geworden waren. Zwar hatten sie ab und zu noch Meinungsverschiedenheiten; so zum Beispiel bei der Holzbrücke, wo sich Lily durchsetzen musste, weil der Tinker einfach davor stehen blieb. Aber meine Nichte fand trotz ihres Flohgewichts immer wieder einen Weg ihr Ziel zu erreichen, denn was ihr an Kraft fehlte, machte sie mit austricksen wett. „Hey, du hast dem Teddy ja ein Zöpfchen gemacht! Das hab ich vorher gar nicht gesehen.“ Sie hatte den Zopf mitten in der Mähne gemacht, sodass er zeitweise von den umliegenden Haaren überdeckt wurde. Das muss sie noch etwas üben, dachte ich schmunzelnd, aber das sagte ich ihr natürlich nicht, um ihr Selbstvertrauen nicht zu verletzen. Sie grinste stolz und meinte: „Er ist ja auch das perfekte Übungsobjekt!“ Wir ritten weiter Richtung Osten und nahmen dann die Südlich gelegenen Wege für den Heimweg. Das Highlight war die Galoppwiese, über die wir nochmal ordentlich drüber bretterten, bis fast zum Hofgelände. Summer und Areion waren beide ziemlich verschwitzt als wir zurückkamen, besonders der arme Tinker hatte natürlich mit seiner mächtigen Mähne einen grossen Nachteil bei der Hitze. Wir duschten die beiden daher rasch ab und führten sie dann trocken, wobei sie auch grasen durften.
      Es war nun fast fünf Uhr und begann zu spüren, dass ich wieder den ganzen Tag unterwegs gewesen war. „Tea time!“, rief ich durch den Hauptstall und schlenderte anschliessend zur Reiterstube in der Halle. Die ersten Pfleger folgten mir bereits eifrig, während einige noch die restlichen zusammentrommelten. Wenn wir eine solche ‚Tee Pause‘ machten, besprachen wir auch jeweils was es noch zu tun gab, beziehungsweise was bisher alles gemacht wurde. Ich legte grossen Wert darauf, dass meine Angestellten ehrlich waren und es mir mitteilten, wenn sie in irgendeiner Weise unzufrieden waren. Nur so gelang es dem Team von Pineforest Stable so eng zusammenzuarbeiten. Auch lockerten wir das Arbeitsklima regelmässig mit Grillabenden oder gemeinsamen Ausflügen auf. Bisher hatte ich jedenfalls durchwegs positive Rückmeldungen erhalten was die Zufriedenheit der Mitarbeiter anging. Und gerade weil sie sich hier so wohl fühlten, setzten sie sich so dafür ein, dass auf Pineforest Stable alles reibungslos klappte. Schliesslich hatten wir auch einen Ruf zu verteidigen, und es gehörte ein gewisser Stolz dazu, wenn man hier arbeitete. Als ich fragte, ob noch jemand ein Pferd an mich abtreten wollte, meldete sich David mit einem Räuspern. „I’d be glad if you take Ice Coffee today, because then I could quickly go to town later.” Ich nickte zufrieden und beschloss, etwas Pleasure mit der Stute zu üben. Doch vorher war wie versprochen das Zebra dran. Wir tranken fertig, danach kontrollierte ich rasch die Mini- und Fohlenweiden, ehe ich mich zu Thairu und Dante begab. Für den Esel wollte ich noch einen anderen Namen finden, da mir Dante so gar nicht gefiel. Ich suchte etwas Afrikanisches, aber hatte bisher noch nichts Passendes gefunden. Als ich zum Weidetor lief, spitzte Thairu ihre grossen, runden Ohren. Sie kam sogar auf mich und Lily zu (die mir hinterhergespurtet war) und stellte sich erwartungsvoll vor uns hin. Ihr Schwanz war stets in Bewegung – ein gutes Zeichen in Zebra Sprache. Ich zog ihr vorsichtig ihr breites Lederhalfter über die Ohren und befestigte den Führstrick daran. Sie hielt brav still und folgte mir dann ins Innere der Ovalbahn. Lily schnappte sich Dante und führte ihn hinter uns her. Das gab dem Zebratier zusätzlich Sicherheit. Wir banden die beiden an den Rails an und begannen, sie mit den mitgebrachten bürsten zu putzen. Dante genoss die Prozedur am Kopf besonders. Er verzog genüsslich die Lippe und legte den ganzen Schädel schief. Hufegeben wollte er hingegen erst nach eindringlicher Aufforderung meinerseits – Lily schaffte es nicht den sturen temporär-Wallach zu beeindrucken. Zebra gab ihre Hufe sogar ziemlich vorbildlich, worüber ich positiv überrascht war. Sonst war das mit ihr oft sehr mühsam, weil sie sich durch das auf drei Beinen stehen den Menschen auf eine gewisse Weise hilflos aussetzen musste. Aus ihrer Sicht war es wohl ein Risiko, vergleichbar damit einen festen Standpunkt aufzugeben und so leichter angreifbar zu sein. Ich kämmte die Stehmähne und das Büschel am Ende ihres Schwanzes, dann war ich fertig. Lily musste auf die beiden aufpassen, während ich den Sattel von Thairu holte. Wir hatten bis vor ein paar Wochen oft mit einem Pad und einem Longiergurt trainiert, aber dann war der Sattler gekommen um die Sättel von Bluebell und Sweets zu kontrollieren und ich hatte bei der Gelegenheit gleich noch einen alten Ponysattel aufpolstern lassen. Den legte ich nun entschlossen auf Thairus Rücken und gurtete sanft ins zweite Loch. Ganz angezogen war er so noch nicht, aber genug, dass der Sattel nicht gleich bei der ersten Bewegung verrutschte. So ein Zebrarücken war ziemlich suboptimal für Sättel: kein Widerrist und ziemlich rund, sodass fast kein Übergang zur Kruppe sichtbar war. Thairu hatte deshalb auch einen Schweifriemen und ein elastisches Vorgeschirr, die ich beide gewissenhaft befestigte. Das Zaumzeug war eher simpel gehalten – klassisch englisch ohne Sperrriemen. Es war jedes Mal wieder ein Abenteuer, es über die grossen Ohren zu bekommen. Nun waren wir startklar. Zuerst führte ich das gestreifte Tier warm, dann zog ich den Gurt etwas nach und half Lily hoch. Sie trug zur Sicherheit einen Rückenpanzer, da Thairu doch noch ab und zu etwas wild wurde. Doch ich hatte das Gefühl, dass unser Muskelaufbautraining besser mit Lily funktionierte, weil ihr Gewicht schonender für den Rücken der Zebras war als meines. Eingeritten hatte ich das Tier selbst, aber seit sie einigermassen brav lief war nur noch Lily oben gesessen. Erst sobald Thairu genug Muskeln hatte, wollte ich selber auch wieder auf ihr reiten. Ich liess die Zügel los, Lily ritt nun also frei. Wir übten auf der Ovalbahn Übergänge; die Basics des Gehorsams, damit das Zebra sicherer wurde. Es war auch eine gute Übung für Lily, denn ich gab ihr Unterricht und sie perfektionierte die korrekten Hilfen. Schritt-Trab Übergänge klappten zufriedenstellend, aber galoppiert waren wir noch fast gar nicht und anhalten liess sich das Zebra noch nicht wirklich gut. Genau das übten wir nun eine halbe Stunde lang intensiv; immer und immer wieder. Gegen Ende klappte es schon deutlich besser, jetzt konnte Lily sie immerhin nach spätestens fünf Schritten zum Stillstehen bringen. Wir arbeiteten fleissig mit Lob und Karottenstückchen um Thairu bei Laune zu halten. Denn wir wussten beide – es gab nichts Schlimmeres als ein ‚grumpy zebra‘. Bevor wir für heute Schluss machten, wollten wir noch etwas wagen: eine Runde im Galopp auf rechter Hand. Ich schloss mit Lily spielerisch eine Wette ab, um ihren Ehrgeiz zu entfachen, was bestens funktionierte. „Ich wette du schaffst keine ganze Runde.“ „Just you watch me!“ Sie trabte zuerst und bereitete Thairu sorgfältig vor, wie ich es ihr beigebracht hatte. Dann gab sie die Galopphilfen und trieb, bis das Zebra einsprang. Okay, falscher Galopp – aber immerhin, dachte ich vergnügt. Die beiden galoppierten um die Kurve, da drohte das Zebra bereits wieder durchzufallen. Doch Lily blieb hartnäckig und trieb es mit allem was sie hatte an. Thairu machte einen leichten Bocksprung, sodass Lily den einen Bügel verlor, blieb aber im Galopp und drückte nun ordentlich aufs Gas. Die beiden rasten im Hoppelgalopp an mir vorbei (es sah so witzig aus, wenn das Zebra galoppierte) und absolvierten tatsächlich eine ganze Runde. Lily klammerte sich tapfer am Sattel fest – ich konnte mir gut vorstellen wie schwierig es war, sich so auf dem Zebrarücken zu halten. Thairu bremste schliesslich von selber wieder in den Trab, sodass Lily wieder die Kontrolle übernehmen konnte und zu mir zurück ritt. Wir lobten das Zebra ausgiebig und sattelten sie ab.
      Nachdem Thairu und Dante wieder in Ruhe auf ihrer Weide standen, kümmerte ich mich um Coffee und Lily zog davon um mit Skydive zu spielen. Ich ritt die Paint Stute in der Halle und hörte dazu Musik aus den Lautsprechern. Draussen wurde es zunehmend dunkler und stiller, aber ich war zu konzentriert um viel aus der Fensterwand zu schauen. Das Pleasure Training war für uns beide anspruchsvoll, denn es erforderte Präzision und feines Zusammenspiel. Ich schickte Coffee mal in langsamem Lope, mal in zügigem Canter vorwärts, und parierte sie aus allen möglichen Gangarten und Geschwindigkeiten in den Schritt durch. So konnte ich sie lösen, bis sie vollkommen locker aber in Versammlung über den Rücken lief. Zufrieden beendete ich das Training um halb acht Uhr und versorgte die Stute. Ich verbrachte noch etwas Zeit bei den Miniature Horses, wobei ich dank der hellen Lampe im Offenstall genug Licht hatte um die kleinen Ponys zu putzen. Sie waren zwar schon von Lewis geputzt worden, aber ich tat das auch nicht um sie sauber zu bekommen, sondern um meine Beziehung zu ihnen aufrecht zu erhalten. Das Licht und die Motten, die darum kreisten sorgten für eine romantische Stimmung, während ich im sauberen Stroh zwischen der liegenden Chocolate Chip und Dakota sass. Gedankenversunken liess ich mich nach hinten fallen und lag eine Weile einfach so da, an die Balken der Decke starrend. „Wie soll es weitergehen?“, fragte ich mich leise. „Ich wäre ja gerne glücklich für die beiden, aber ich kann es nicht. Ich bin zu egoistisch…“ Ich seufzte. „Wenn er nur nicht so verdammt gut aussehen würde! Und seine humorvolle, aufgeweckte Art… So spannend und abenteuerlich. Dann wiederum seine ruhigen Momente, in denen er jede Faser meines Körpers zu verstehen scheint, jeden unausgesprochenen Gedanken hört. Wenn er nur nicht zwischendurch so ein Idiot wäre. Aber Lisa scheint das nichts auszumachen…“ Ich kam mir vor wie eine Figur in einem ziemlich komplizierten Film, unsicher, ob ich hier im Stroh auf der Stelle alles hinter mir lassen und glücklich sterben, oder doch eher melancholisch leben würde, bis ich alt und grau war. Vielleicht gab es ja doch eine goldene Mitte? Eine gefühlte Ewigkeit genoss ich mit geschlossenen Augen das Kitzeln des Strohs und stellte mir in meinem Kopf allerlei Zukunftsszenarien vor. Irgendwann schreckte ich hoch und stand auf, weil ich sonst wohl noch eingeschlafen wäre. Ich streckte mich und löschte das Licht, als ich den Offenstall verliess um ins Haus zurückzukehren. Lily sass vor dem Fernseher; ich gesellte mich zu ihr. Sie sah sich ‚der König der Löwen‘ an. Plötzlich meinte sie zu mir: „Occu, ich finde den Namen Zazou cool.“ „Ja, der ist hübsch.“ „Nein, ich meine für Dante! Das würde doch passen, oder?“ Ich überlegte laut: „Du hast recht, das wäre in der Tat hübsch für ihn.“ So war es also beschlossen. „Was würde ich nur ohne meine kleine Nichte machen?“, flüsterte ich liebevoll, als ich ihr einen Gutenachtkuss gab.
      Moonlight Shadows
      Draussen war alles noch dunkel und still. Nebel lag bedrückend dicht über den Feldern und um die Gebäude von Pineforest Stable. Doch ich mochte diese Stimmung, sehr sogar. Es war als loyale Teil-Engländerin wohl mein ideales Klima. Ich hatte mich nie irgendwo mehr zuhause gefühlt als hier, auf diesem Hof mit meinen Pferden. Ein bisschen fröstelte es mich dann aber doch, als ich zum Hauptstall lief. Ich versteckte mein Gesicht in meinem Schal und rieb mir die Hände, bevor ich nach dem kalten Tor griff und es aufschob. Ich betätigte den Lichtschalter und lief zuallererst mit prüfendem Blick durch den Stall, um abzuchecken, ob die Pferde munter waren. Dabei hatte ich ein besonderes Ziel: Dublins Box. In ihr wartete nebst der Scheckstute eine wackelige, schwarze Gestalt, die gerade gierig nach der Milchbar suchte. Daedra war erst wenige Tage alt und trug eine warme Fohlendecke, damit sie einen Schutz gegen die Kälte hatte. Ihr kurzes, flauschiges Fohlenfell war da nämlich noch nicht besonders hilfreich. Liebevoll betrachtete ich die gekrümmten Tasthaare an ihrer Schnauze und die grossen Ohren. Die kleine stammte von Sacramento ab, wodurch sie zwei tolle Blutlinien vereinte. Sie hatte sicherlich eine grosse Zukunft vor sich. Ich lief weiter an den nächsten Pferden vorbei. Bei Pointless‘ leerer Box blieb ich abermals stehen. Sie fehlt mir sehr. Trotz allem Ärger den sie mir bereitet hat, haben wir doch viel zusammen erlebt und ich wollte ihr eine Chance geben. Ich bin gescheitert… Ich unterdrückte den Kloss, der sich in meinem Hals zu bilden drohte und setzte meinen Rundgang fort. Bisher hatte ich es nicht über mich gebracht, die Box von Pointless neu zu besetzen, doch das würde sich heute ändern. Denn heute wollten wir die zweijährigen Nachwuchsrennpferde in den Hauptstall bringen. Sechs Stück waren es, die von diesem Tag an den Ernst des Lebens kennenlernen mussten. Doch erstmal verlangten die bereits durchtrainierten Vollblüter meine Aufmerksamkeit. Die ersten Pfleger trudelten im Hauptstall ein und wir begannen mit den Stallarbeiten. Die erste Gruppe fürs Training machte sich bereit, bestehend aus Campina, Fly Fast, Sunday Morning, Spotted Timeout, Shades of Gray, Gleam of Light und Caspian. Wir hatten die Gruppenzusammensetzung erst gestern wieder den momentanen Rennleistungen der einzelnen Pferde angepasst und diskutiert, wer wo mitlaufen musste. Sympathy for the Devil, Iskierka, Coulee, Chiccory, A Winter’s Day, Painting Shadows und Cassiopeia bildeten die zweite Gruppe. Die Dreijährigen folgten in der dritten Gruppe, bestehend aus Sumerian, Framed in History, One Cool Cat, Cabinet of Caligari, Kaythara und Captured in Time. Nachdem alle drei Gruppen durch waren (ich selbst durfte immernoch nicht mitmachen, wegen meiner Rippen), war es endlich soweit. Ich liess es mir nicht nehmen, den nicht mehr ganz so kleinen Merino selbst hinauf in seine neue Box zu führen. Auf dem Weg zu den Weiden wechselte ich einen Blick mit Jonas, der im Nebenstall Heu verteilte. „Guten Morgen, Occu“, murmelte er lächelnd, und ich wusste genau, was ihn beschäftigte. Ich hatte ihm noch immer keine Antwort gegeben. Ich zögerte es seit Tagen hinaus und ging ihm aus dem Weg, weil ich mir immer noch nicht sicher war. Ich erwiderte seinen Gruss und stolperte dann rasch weiter, um den Anschluss zu den Pflegern nicht zu verpassen. Ajith schnappte sich Miss Moneypenny, Quinn übernahm Primo Viktoria und Parker fing Riven ein. Bevor die Jungstuten wussten, wie ihnen geschah, wurden sie aus der Weide geführt. Sie kannten die Prozedur, denn wir waren oft genug mit einzelnen Jungpferden aus der Gruppe spazieren gegangen. Trotzdem wieherte Dolly aufgeregt, während Shira, Thalia und Counterfire ihren Kolleginnen aufgeregt neben dem Zaun folgten. Ich beobachtete die Fohlen wie in Trance, dann konzentrierte ich mich wieder auf meine eigene Aufgabe – Merino. Die Junghengste hatten die Aufregung natürlich mitbekommen und waren nun ebenfalls etwas aufgewühlt. Sie bewegten sich dynamisch, sodass ich mir einen Moment lang Sorgen um klein Mambomachte, der als jüngstes Gruppenmitglied oftmals rücksichtslos angerempelt wurde. Wir beeilten uns mit dem Einfangen. Ich ging mit Merino voraus; hinter uns folgten April mit Simba Twist und Charly mit Bring me to Life. Die sechs bezogen ihre neuen Boxen und brauchten erstmal einen Moment um zur Ruhe zu kommen als sie realisierten, dass dies kein Spaziergang war.
      Ich kümmerte mich inzwischen um den ersten Neuzugang, der heute ankam. Es handelte sich um eine Vollblutstute namens Amira, die ich von Verena O’Connor gekauft hatte. Eigentlich hätte sie schon früher zusammen mit Yoomee ankommen sollen, doch sie wurde, warum auch immer, länger in der Quarantäne gehalten. Jetzt hatte sie jedenfalls endlich grünes Licht bekommen und stürmte aus dem Transporter auf den sicheren Boden. Offenbar hatte sie den langen Flug und den Transport bis hierher nicht sonderlich gemocht. Ich prüfte ihre Beine auf Verletzungen und bedankte mich bei Hans, der die kleine vom Flughafen her zu uns gebracht hatte. Die immer noch aufgeregten Stutfohlen waren natürlich gleich wieder voller Bewegung, als ich ihnen den Neuankömmling brachte. Ich beobachtete die Gruppe eine Weile, für den Fall, dass es Schwierigkeiten gab, doch wie immer beliessen die Zicken es bei ein paar Quietschern und Drohgebärden. Amira hatte jedenfalls keine Probleme sich unterzuordnen und so blieb die Atmosphäre friedlich. Ich seufzte erleichtert und begab mich zurück zum Hauptstall. Es war Zeit, mit Empire State of Mind rauszugehen. Ich hatte mir vorgenommen, mit dem Schimmelhengst heute einen ausgiebigen Herbstwald-Galopp zu machen. Also holte ich ihn raus und putzte ihn gründlich. Er mutierte langsam zu einem Teddybär, doch noch war es zu früh für eine Schur. Ausnahmsweise hatte das Schimmeltier mal keinen gelben Fleck, was mich sehr freute. Ich nahm mir Zeit beim Kämmen des gelblichen Schweifes und nahm mir vor, diesen bald einmal zu waschen, damit er wieder etwas weisser wurde. Ich sattelte und zäumte den Hengst, dann machten wir uns auf den Weg. Wenige Minuten vor uns war eine Gruppe mit Mikke, Indiana, Cantastor und Rosenprinz aufgebrochen, doch ich hatte nicht unnötig stressen wollen und ging deshalb gerne alleine. Ganz alleine bin ich ja sowieso nicht, dachte ich schmunzelnd und klopfte Empire liebevoll auf den Hals. Die Blätter raschelten bei jedem von Empires Schritten im Laubwald hinter der Wilkinson Farm. Ich hatte Rosie auf dem Farmgelände nicht gesehen, war mir aber sicher, dass sie um diese Zeit auch irgendwo im Gelände unterwegs sein musste. Und tatsächlich: wenig später trafen wir auf sie und Bintu. Der feurige Araber tänzelte herausfordernd, als er Empire sah. Ich achtete stets auf das Ohrenspiel meines Schimmels, als ich mich den beiden näherte. „Hi Rosie! It’s been a while.“ „Yes, sure has. Everyone’s doing fine at Pineforest?“ “Except for Pointless… yep.” “Ahh… I heard of it. I’m very sorry.” “It’s alright, ‘the show must go on’, haha. Are you busy working with Farasha?” “I am currently only lunging her to get her some new muscles. I don’t think it would be wise to ride her already, would you agree?” “Absolutely. Give her enough time and she will be just fine.” “Oh, and there’s something else - she’s gained a bit of weight, so I will let the vet check her again soon…” “You think she was already pregnant again when you bought her?” “It’s very likely. Tough it’s strange that nobody mentioned it to me – maybe it was an accident and they didn’t even know.” “Or maybe you’re just over-feeding her?”, schlug ich grinsend vor. “No, but seriously – checking her sure is a good thing.” Empire wurde langsam ungeduldig, und auch Bintu konnte kaum stillstehen. Also verabschiedeten wir uns und führten unsere Wege fort. Nach den versprochenen Galopps kehrte ich mit Empire zurück auf meinen eigenen Hof und sattelte ihn ab. Er hatte ein wenig geschwitzt, also bürstete ich ihn gut durch und ging sicher, dass er trocken war, bevor ich ihn ganz wegräumte.
      Gegen Mittag begrüsste ich mein neues Criollo Fohlen, ein Dunkelfuchs namens el Alba Ardiente. Er war ein interessanter zukünftiger Hengstanwärter, denn er hatte gute Abstammung und einen korrekten Körperbau. Besonders seine Beinstellung war makellos und vielversprechend. Nachdem ich ihn mit den anderen Hengstfohlen bekanntgemacht hatte, kümmerte ich mich um die Minis. Miss Mini Dakota und Chocolate Chip sahen sofort auf, als ich die Weide betrat. Seit Alufolie weg war, hatte Daki wieder die Herdenführung übernommen, und Chip war ihr dauernd auf den Fersen, um ihr den Posten streitig zu machen. Ich streichelte die beiden zur Begrüssung, ehe ich von sämtlichen Ponys umzingelt wurde. In solchen Momenten fragte ich mich, ob wir in Zukunft nicht doch lieber ganz auf das Müsli zum reinlocken am Abend verzichten sollten. Die Ponys wussten jedenfalls ganz klar, dass Ich einer der bediensteten Futterspender war. Ich hörte ein Bellen, dann rief meine kleine Nichte nach mir. „Ach ja, es ist ja schon Mittag!“, rief ich überrascht und verstrubbelte Jackys Fell. Die Hündin war zusammen mit Sheela den ganzen Weg vorausgeeilt, während Zira brav bei Lily blieb. Ein Wunder, dass die sonst so Kinderscheue Hündin Lily vertraut, stellte ich zufrieden fest. Aber ich schätze sie hat sich mittlerweile einfach an sie gewöhnt. Wir verschwanden im Haus und machten uns je ein Sandwich, welches wir auf Lilys Vorschlag hin mit zu den Minis nahmen und unterwegs verspeisten. „Du musst es gegessen haben, bevor du die Weide betrittst! Sonst wirst du totgetrampelt“, warte mich das Mädchen. Ich lachte amüsiert und genoss jeden Bissen. Nach dem Essen half mir Lily bei der Fellpflege der neuen Shetty-Stute Snottles Peppermint. Das Shetty hatte mir einfach auf den ersten Blick gefallen, und das obwohl ich eigentlich kein Shetty-Fan war. Zum Glück stach sie unter den Minis nicht allzu sehr hervor. Aber ihre zottelige Mähne war nur schwer zu bezwingen, besonders mit all dem getrockneten Schlamm, der sich darin verfangen hatte. Andererseits sahen Rapunzel und Tigrotto auch nicht gerade wie Engel aus. Um die beiden kümmerten wir uns im Anschluss. Tic-Tac und Kicks-a-Lot konnten es nicht lassen, immer wieder zu uns hinzukommen um an unseren Jacken herumzuziehen. Zu allem Überfluss beobachtete Dressy Miss Allegra das Spiel der beiden Halbstarken aufmerksam, und ich sah es förmlich in ihrem Kopf rattern. Bestimmt würde sie die beiden früher oder später nachahmen. Die Jungen Pferdchen hatten eben nichts als Flausen im Kopf. „Genau wie du“, tadelte ich Lily künstlich. Sie lachte und warf mir ein paar Blätter an. „Bald ist Halloween! Verkleiden wir eines der Ponys? Biiiitteee!“ Ich stimmte seufzend zu und versuchte mir Papillon d’Obscurité als Zombiepferd vorzustellen. Der Gedanke war äusserst witzig, wenn man bedachte, dass die Stute solchen Spielereien eher nüchtern gegenüberstand, besonders wenn Kinder involviert waren. Silhouette of a Rose passte da schon viel besser, wobei ich sie aber eher als Barbiepferd vor meinem inneren Auge sah, genau wie Lady Diva. „Aus Daki lässt sich bestimmt ein tolles Geisterpony machen“, überlegte Lily laut. Wir schmiedeten noch etwas weiter Verkleidungspläne, ehe wir zu den Mini-Hengstchen wechselten. Beck’s Experience, Glenns Caress, Arctic Blue und Nachtfalke kannten keine Scham wenn es darum ging sich einzusauen. Einzig Rumpelstielzchen, der wohl noch nicht lange genug dabei war um angesteckt zu werden, war gnädig mit Lily und mir gewesen. Die anderen mussten wir insgesamt über eine Stunde lang sauber bürsten. Irgendwann legte ich den Striegel beiseite und sagte zu Lily: „Wir lassen es für heute gut sein, morgen sehen die eh wieder genau gleich aus. Ausserdem reicht es sonst nicht mehr um mit dem Zebra zu arbeiten.“ Lily liess sich das nicht zweimal sagen und sprang sofort auf. „Ich geh schon mal voraus, räum du das Putzzeug weg!“ „Danke“, stiess ich empört aus, aber sie war bereits auf dem Weg, gefolgt von Sheela und Jacky. Zira blieb diesmal mir treu. „Du bist wohl immer da, wo die anderen zwei gerade fehlen, hmm?“, murmelte ich belustigt.
      Die Arbeit mit Thairu war heute unspektakulär, denn wir machten nur einen Spaziergang mit ihr. „Siehst du, wie grumpy sie ist? Da willst du dich im Moment nicht draufsetzen, glaub mir“, erklärte ich der enttäuschten Lily während dem Laufen. Ich betrachtete das Zebra, während es neben mir her schlurfte. Bist du krank, oder was ist los? Etwas Sorgen bereitete sie mir schon, andererseits waren keine Krankheitssymptome sichtbar. Vermutlich hat sie einfach einen schlechten Tag, überlegte ich schulterzuckend. Wir waren in zügigem Tempo unterwegs, denn ich musste gleich im Anschluss nochmals zwei Jährlinge abholen gehen. Das Besondere dabei war, dass beide Abkömmlinge meines geliebten Stromers waren. Bisher hatte ich tatsächlich keinen seiner Nachkommen selbst behalten, denn wer hätte gedacht, dass ich ihn schon nach so kurzer Zeit verlieren würde? Nun sah alles anders aus, und ich freute mich darauf, die beiden Jungpferde auszubilden. Ob sie ihrem Vater ähnlich sein werden? Ich hoffte es sehr. Es handelte sich um eine Stute und einen Hengst, die gegensätzlicher nicht hätten sein können. Blossom Magic, die eher schreckhaft und abweisend war, wohingegen Snap in Style vorwitzig und verspielt schien. Die beiden waren übrigens bisher die einzigen Vertreter für den Jahrgang 2015 auf Pineforest Stable, doch ein weiterer Zuwachs war bereits geplant, nämlich ein Jährling von Caprice, den ich auf einer auswärtigen Fohlenweide platziert hatte. Ein Kumpel von mir besass nämlich zwei Vollblutfohlen, für die er einen weiteren Spielpartner gesucht hatte.
      Später arbeitete ich mit Estragon Sky aka Artemis in der Halle. Der weisse Achal Tekkiner taute langsam etwas auf, wenn ich mich mit ihm beschäftigte. Am Anfang war er total unzugänglich gewesen, doch mittlerweile genoss er Streicheleinheiten und arbeitete deutlich williger mit. Trotzdem gab es auch heute wieder etwas Ärger, sobald wir am Fenster der Reiterstube vorbeikamen, denn dahinter versteckten sich die schrecklichsten Monster. Ich versteifte mich nicht zu sehr auf seine Mätzchen und lockerte ihn stattdessen mit vielen Übergängen. Als ich fertig war, und den Hengst wieder zum Nordstall führte, entdeckte ich Jonas vor Halluzinations Box. Er hatte die Stute offenbar kurz zuvor geritten und kümmerte sich nun noch etwas um sie. Er hatte mich noch nicht bemerkt. Ich blieb stehen und dachte nach, dann öffnete ich verlegen den Mund. „Hast du Lust, nachher mit Diarado und mir rauszukommen? Du musst Circus Dancer eh noch bewegen.“ „Als ob ich nein sagen könnte…“, murmelte er lächelnd und nickte. Ich erwiderte das Lächelnd erleichtert und versorgte Artemis. Wir holten Diarado und Dancer gleichzeitig raus und begannen sie zu putzen. „Sollte nicht eigentlich ich den Rappen reiten? Ich meine, ich bin doch hier der Bösewicht, der dich in Verlegenheit bringt“, scherzte Jonas nach einer Weile des peinlichen Schweigens. Ich konterte: „Ich dachte, du wolltest der Prinz auf dem weissen Pferd sein?“ Er grinste breit. Überhaupt schien er ziemlich fröhlich und lebhaft. Das steigerte mein schlechtes Gewissen, denn ich dachte wieder daran, dass jetzt so lange hatte zappeln lassen. Andererseits hast du doch auch Jahre lang mit mir gespielt, ist das nicht mehr als fair? Ich entwirrte Diarados Schweif und kratzte seine Hufe aus, dann war er bereit zum Satteln. Ich holte wie immer seinen Springsattel, denn ich ritt am allerliebsten damit. Dressursättel waren nicht so meins. Als wir beide fertig waren, ritten wir vom Hof weg in Richtung Galoppwiese. Wir redeten viel unterwegs; so viel wie schon lange nicht mehr. Die Themen waren für mich zweitrangig, mir tat es vor allem gut, seine Stimme zu hören und von Zeit zu Zeit einen Blick auf diese wunderschönen Augen zu erhaschen. Es wurde schon dunkel, und so langsam kroch der Nebel wieder vom Fluss her über die Landschaft. Wir galoppierten auf Jonas‘ Lieblingsstrecke am Waldrand und bogen dann Richtung Fluss ab. Ein Stück des Weges führte durch den Pinienwald, dessen Boden zwischen den rauen Stämmen nur spärlich bewachsen war. Hier gab es kaum Blätter, nur eine dicke Schicht von Piniennadeln, die das ganze Jahr über den Waldboden bedeckte. Jonas und ich alberten ein wenig herum, sodass ich am Ende im Damensitz auf Diarados Sattel sass, während Jonas wie ein Cowboy einhändig auf Dancer um uns herum trabte. „So Schluss jetzt, du machst Dancer ganz hibbelig!“, rief ich lachend. „Very well milady, then follow me to the old castle”, erwiderte er geheimnisvoll. Wir ritten Seite an Seite zur berüchtigten, kreisrunden Lichtung im Pinienwald mit dem Steinhaufen in der Mitte. „Weisst du, was mich an der Legende immer schon gestört hat? Der Pinienwald steht erst seit siebzehnhundertirgendwas hier, und gehörte damals einem reichen Lord. Ich bezweifle, dass sich Banditen hier einnisten konnten.“ Jonas stieg ab und verknotete Dancers Zügel, damit sie nicht über den Hals rutschen konnten. Währenddessen antwortete er auf meine Bemerkung: „Vielleicht wollte auch einfach jemand etwas Besonderes aus dieser Lichtung machen, um jemand anderen zu beeindrucken. Oftmals ist es romantischer, wenn geheimnisvolle Plätze wie dieser eine interessante Geschichte haben.“ „Da könntest du recht haben“, meinte ich, und liess mich ebenfalls von Diarados Rücken gleiten. Wir setzten uns ins kühle Gras, wobei ich förmlich spürte, wie mein Po dreckig wurde, weil der Boden unter dem Gras feucht war. „Du kannst auch auf meinen Schoss sitzen, wenn dir das lieber ist.“ Crap, bin ich so durchschaubar? Ich zögerte einen Moment, dann folgte ich seiner Einladung tatsächlich. Zum Glück war es dunkel, denn meine Ohren fühlten sich heiss an und ich war mir sicher, dass sie rot angelaufen sein mussten. Wir sassen eine Weile schweigend da und sahen den Pferden beim Grasen zu. Der Mond schien sehr hell, sodass man beinahe die Grashalme zählen konnte. Die Schatten der Pferde waren ebenfalls deutlich zu erkennen. Irgendwann bemerkte Jonas: „Und was war der wahre Grund, dass du mich hier raus entführt hast?“ „Ich schulde dir noch eine Antwort, nicht?“, meinte ich zögernd. Er umarmte mich zärtlich und flüsterte mir ins Ohr. „Dann erlöst du mich endlich?“ Ich spürte meinen Herzschlag laut und deutlich, sodass ich mich beinahe fragte, ob er ihn nicht auch hören konnte. Dann überkam mich ein seltsames Gefühl, wie eine Stimme, die mich dazu aufrief, alle scheu abzulegen und für einmal die hartnäckige Vernunft in mir auszuschalten. Als Resultat drehte ich den Kopf und küsste ihn rasch. Er sah mich überrascht, dann mit einem breiten Lächeln an und bevor ich etwas anderes tun konnte, erwiderte er meine Geste mit einem weiteren, leidenschaftlicheren Kuss. „Tut mir leid, ich schätze, ich bin etwas ausser Übung…“, murmelte ich, als meine Lippen wieder frei waren. „Dann wird es Zeit, diese Übung wieder aufzunehmen.“ Ich genoss jede Sekunde mit ihm. Aber ganz konnte ich meine Vernunft dann doch nicht ausschalten. „Es wird spät, wir sollten zurückgehen, bevor jemand uns vermisst.“ Er setzte einen Hundeblick auf, doch ich strich ihm mit der Hand übers Gesicht und begab mich zu Diarado. Wir ritten zurück zum Hof. Es war mittlerweile fast acht Uhr, aber offenbar hatte sich niemand Sorgen um uns gemacht. Wir versorgten die beiden Hengste und ich gab Diarado zur Belohnung ein paar Karotten. Der Hengst hatte schön warm mit seiner Fleecedecke, die er trug, damit er nicht zu viel Winterfell produzierte. Jonas schlich sich zu mir und legte sein Kinn auf meine Schulter. „Na gut, von mir aus“, lachte ich, denn ich hatte seine Gedanken durchschaut, bevor er etwas sagen konnte. Er grinste zufrieden und folgte mir nach dem Stallrundgang ins Haus. Als wir reinkamen, sah uns Lily vorwurfsvoll vom Sofa aus entgegen, meinte dann aber „wurde auch Zeit“ und „es läuft Harry Potter im Fernsehen“. So landeten wir am Ende wie eine Familie auf dem Sofa und sahen fern. Was für eine Patchwork-Familie, dachte ich schmunzelnd, und lehnte mich liebevoll an Jonas‘ Schulter.
    • adoptedfox
      [​IMG]A-L
      An einem Tag wie dem heutigen konnte man beinahe das Gefühl bekommen, dass der Herbst schon bald seine Koffer packen wollte. Der Himmel war zwar perfekt blau und wolkenlos, doch es war bitterkalt und am Morgen war so viel Reif auf den Feldern gelegen, dass ich zuerst an Schnee gedacht hatte. Zum Glück hatte ich warme Handschuhe, welche die Arbeit hier auf dem Sandplatz gleich viel angenehmer machten. Jetzt bräuchte ich nur noch einen anständigen Schal, denn unser Fahrtwind ist echt brutal… Ich trabte Cantastor gerade warm. Wir drehten ein paar Volten und machen viele Seitenwechsel, damit der Hengst locker wurde. Auf dem Viereck herrschte Abreitplatz-Stimmung, denn ausser uns waren auch noch Lisa, Quinn und Charly mit Mikke, Caspian und Empire da. Wir wärmten uns alle für die bevorstehende Springstunde auf, die uns diesmal Elliot unterrichtete. Der erfahrene Reitlehrer hatte ein scharfes Auge für allerlei kleine Fehlerchen, die sich bei uns einschlichen. Zum Beispiel war es mir ganz schön peinlich, als er mich unbarmherzig laut darauf hinwies, dass ich wiedermal die Schultern eindrehte. „Occu sit straight. You’re not a potato bag.“ Ein kleiner Trost war, dass die anderen genauso strikt gemassregelt wurden. Canto lief schwungvoll vorwärts und blieb konstant in der Dehnungshaltung, während wir unsere Runden drehten. Es hatte lange gedauert, dem Hengst diese Losgelassenheit und Konstanz anzutrainieren. Als er vor zwei Jahren zu uns zog, war er zwar bereits ein erfahrenes Reitpferd gewesen, aber er hatte sich ein paar Tricks angewöhnt, um der Arbeit zu entkommen und manchmal unter dem Sattel wegzurennen. Ich merkte relativ schnell, wenn er wieder versuchte, die Hinterhand abzuhängen. Wenn er es versuchte, motivierte ich ihn jeweils mit der Gerte und versuchte, den Schwung zu erhalten, ohne das Tempo zu sehr zu steigern. Doch um die Dressur ging es heute eigentlich gar nicht: Es war ein Springtraining, das wir anstrebten. Passende Hindernisse auf geringer Höhe standen noch vom Vortag bereit, also konnten wir gleich loslegen, sobald alle warm waren. Es ging heute darum, Sprünge aus Wendungen anzureiten und mehrere Hindernisse flüssig nacheinander zu überwinden. Canto wurde ziemlich heiss und ich war damit beschäftigt, ihn in einem anständigen Tempo zu halten, während Empire etwas mehr Schwung hätte vertragen können. Mikke und Caspian waren gleichermassen unkompliziert und konzentriert bei der Sache. Nur einmal verschätzte sich Caspian und machte einen seltsamen Hüpfer, der eher an ein erschrockenes Schaf erinnerte.
      Nach dem wir alle Elliot zufriedengestellt hatten, liessen wir die vier Pferde austraben und ritten noch etwas Schritt, während die nächsten bereits auf den Platz kamen. Es handelte sich dabei um Campina, Rosenprinz, Donut und White Dream, die alle bereits etwas höhere Hindernisse meistern mussten. Ich sah ihnen beim aufwärmen zu, folgte danach aber den anderen, die beschlossen hatten, noch eine Runde im Schatten der Tannen auf dem Galoppweg zu drehen. Danach versorgten wir die Vollblüter und ich begab mich gemächlich zu den Weiden. Die Miniature Horses waren heute ebenfalls mit Springtraining dran, war natürlich nicht mit demjenigen der grossen Pferde vergleichbar war. Bei diesen kurzbeinigeren Rasenmähern ging es vielmehr um den Spassfaktor als um Perfektion. Lewis und Lisa halfen mir dabei, die Stuten zu putzen. Daki, Chip, Diva, Rose und Papillon nahmen wir nach dem Putzen mit zum Sandviereck. Wir mussten noch rasch Geduld haben, bis Dream, Quick, Pina und Donut fertig waren. Ich konnte gerade noch zusehen, wie Pina ihre Runde absolvierte. Die Stute war zwar noch etwas hastig unterwegs, aber sie liess sich von April dirigieren und sprang auch ohne zu Zögern, sofern sie genug geradegerichtet war.
      Nun kam der Part der Minis. Während die anderen austrabten, joggte ich ein paar Runden mit Chip. Lisa tat dasselbe mit Rose und Lewis mit Papillon. Die anderen beiden Ponys mussten noch bei Elliot warten. Papillon hatte von den anwesenden Stütchen am meisten Erfahrung und bewies dies auch. Sie folgte Lewis‘ Handzeichen und liess sich über die Hindernisse führen, als wären sie eine Selbstverständlichkeit. Etwas später bei Diva sah das anders aus, denn die kleine Dame mit dem Fuchsfell wich lieber mal aus, wenn man ihr nicht klare Signale gab. Chip und Daki waren beide noch etwas zögerlich, aber auf dem richtigen Weg. Rose machte Fortschritte was die Entschlossenheit anging, streifte die Stangen aber manchmal noch. Ich war zufrieden mit den Minis und erklärte das heutige Training für erfolgreich beendet.
      Stille Nacht
      Es war der Morgen des 24. Dezembers – und noch immer kein Schnee in Sicht. Enttäuscht wandte ich meinen Blick vom Fenster ab und zog mich an. Jonas lag noch immer zusammengekugelt unter der Decke. Ich stupste ihn unsanft und drängte „aufstehen, du Siebenschläfer!“ „Wenn es wenigstens schon sieben Uhr wäre…“, grummelte er und drehte sich um. Ich lächelte verständnisvoll und ging schonmal voraus in die Küche. Lily liessen wir wie immer noch etwas länger schlafen. Ich machte Frühstück für Jonas und mich, in Form einer Tasse Breakfast Tea und einer Schüssel Müsli. Für ein wärmes Frühstück war ich zu faul; vielleicht am nächsten Morgen. Ich hörte Schritte auf der Treppe, offenbar hatte es Jonas auch aus dem Bett geschafft. Wir tranken unseren Tee und hörten leise Radio, um Lily nicht zu wecken. Ich fütterte noch die Hunde, dann begaben wir uns nach draussen zu den Ställen. Als erstes machte ich meine Morgenrunde im Hauptstall, während Jonas den Nordstall übernahm. Ich warf in jede Box einen Blick und stellte sicher, dass alle Pferde in Ordnung waren. Auch draussen bei Phantom sah ich vorbei. Für ihn begann heute ein neuer Alltag. Ich wollte endlich mit seinem Training anfangen, dass ich seit meiner Heimkehr vor zwei Tagen noch nicht in Angriff genommen hatte. Eigentlich hatte ich schon viel früher beginnen wollen, bevor er sich zu sehr eingewöhnen und in Sicherheit wägen konnte. Doch nun hatte es sich eben so ergeben. Noch ahnte er nichts und spitzte wie immer alarmiert die Ohren, als ich durchlief. Die Pfleger begannen mit dem Heufüttern und ich half bei den Offenställen mit. Auch hier warf ich ein prüfendes Auge auf sämtliche Vierbeiner. Die Hengstfohlen stürmten freudig nach draussen, als Lewis und ich das Tor aufschoben. Royal Champion schwebte dabei beinahe über die Wiese. Ich bewunderte die tollen Bewegungen des halbstarken in letzter Zeit immer mehr, denn er wuchs ja auch immer weiter und bekam mehr Ausdruck. Im Moment war er noch sehr schlaksig und hatte einen dünnen Hals, aber seine Beine sahen elegant und lang gefesselt aus, was mit seinem Gangbild zusammenpasste. Auch Skydive bewegte sich schön, ähnlich wie sein Vater. Nur hatte er nicht so viel Knieaktion wie Royal. Stop Making Sense hatte kaum Winterfell entwickelt, ganz anders als El Alba Ardienté, der im Moment einem Alpaka glich. Bei den Stuten gab es wiederum auch kaum Wolle, denn Counterfire, Subyndromal Symptomatic Depression, Sarabi, A Winter’s Tale und Shadows of the Past waren allesamt ziemlich heissblütig. Blossom Magic und Snap in Style würden uns bald wieder verlassen, denn ihre alten Besitzer hatten einen neuen Hof gefunden und konnte sie daher beide zurücknehmen. Daedra war noch immer bei ihrer Mama, wie es sich gehörte. Sarabi wurde gerade von Snowflake getrieben, die sich mit geplätteten Ohren zwischen sie und Fire schob. Die Rangfolge war offenbar noch immer nicht ganz geklärt, denn Sarabi war ja noch relativ neu in der Gruppe. Das hell cremefarbene Stutfohlen trottete missmutig ein paar Meter weiter in Richtung Bäume. Shira war im Moment das unangefochtene Leittier, obwohl Sarabi die Ponystute jetzt schon überragte. „Do you think the new Pony will fit in?“, fragte plötzlich Lewis. “New… Ah yes, Ljóski’s Daughter. Of course she will. She is already a bit older, so she will most likely not be bullied.” Die kleine rappfarbene Isländerstute hiess Ljúfa, passend zu ihrem bisherigen Charakter, der sich schon als Fohlen in Richtung brav und gut händelbar entwickelt hatte. Sie würde erst nach Weihnachten ankommen, aber ich freute mich schon unheimlich darauf. Sie war bisher mit anderen Isländern auf einer Weide gestanden.
      Während das Raufutter noch verzehrt wurde, folgte für die Sportpferde bereits eine kleine Portion Kraftfutter, über die sie sich gierig hermachten. Danach wurden die ersten Pferde aus ihren Boxen geholt. Training fand heute erst gegen Mittag statt, bis dahin durften die Pferde in Gruppen auf die Weiden. Zuerst kamen nur alle Stuten raus, damit es keine Probleme mit den Hengsten gab. Sie waren aufgeteilt in eine Gruppe Vollblutstuten, die Nebenstallstuten und diejenigen von der Stutenweide. Letztere durften ab und zu auch raus auf die grosse Weide, um das Gras auf der Stutenweide etwas zu schohnen. Oft liessen wir aber auch einfach eine der drei grossen Weiden übrig, sodass dort wieder Gras wachsen konnte. Ich durfte beim Raustreiben feststellen, dass unsere Strategie funktionierte und die Weiden grün und gesund aussahen. Die letzte Gruppe, die Nebenstallpferde, galoppierten freudig den abgezäunten Weg entlang und durch das Tor der Weide. Sie bewegten sich noch weiter bis zum Pinienwaldrand, sammelten sich dort und begannen zu fressen. Diese Gruppe war im Moment ziemlich einheitlich, anders als bei den Vollblütern und den Stutenweidepferden. Dort bildeten sich immer wieder kleinere Grüppchen, weil sich nicht alle Pferde verstanden und sie sich auf der grossen Weide aus dem Weg gehen konnten. In letzter Zeit hatte sich herauskristallisiert, dass zum Beispiel Mikke eine sehr dominante Leitstute war. Coulee, Cabinet of Caligari und Indiana hatten sich ihr angeschlossen und genossen die Sicherheit, die von der erfahrenen Fuchsstute ausging. Auch Cassiopeia beobachtete ich ab und zu in dieser Gruppe, meistens war sie jedoch alleine mit Primo Victoria unterwegs. Iskierkahatte ihre Halbschwester Shades of Gray auf ihre Seite gezogen, oder eher Gray hatte entschieden, nicht von der Seite ihrer Zickigen Schwester zu weichen. Die beiden hatten eine seltsame Beziehnung, die mich immer wieder zum Schmunzeln brachte. Einerseits war Kierka sehr abweisend und legte missmutig die Ohren platt, wenn Gray ihr zu nahe kam oder sie ärgerte, andererseits liess sie sich von ihr kraulen und röchelte ihr manchmal sehnsüchtig zu, wenn sie von einem Ausflug zurückkam. Ihr hatten sich auch noch Painting Shadows und deren Tochter Captured in Timeangehängt. Paint war quasi der ruhige Gegenpol zu Kierka und Ciela eine pure Mitläuferin. Dann blieb noch die Gruppe von Sympathy of the Devil. Sie hatte Sumerian, Campina, Kaythara und Miss Moneypenny um sich geschahrt, wobei letztere zwei unzertrennlich waren und fast immer beieinander standen. Es machte mir Spass, die Gruppendynamik der Pferde zu beobachten. Es erinnerte mich immer daran, dass die natürlichen Instinkte eben doch noch vorhanden waren und auch gelebt wurden, wenn es die Möglichkeit dazu gab. So extrem wie bei den Wildpferden, die ich in den USA beobachtet hatte, war es aber bei weitem nicht. Meine domestizierten Vierbeiner waren verweichlichter und auf eine gewisse Weise gleichgültiger – die Herden waren eher lose zusammengewürfelt und die einzelnen Pferde hatten nicht gleich Todesangst, wenn sich die Gruppe ohne sie fortbewegte. Es gab immer wieder Nachzügler beim Reintreiben, oder Einzeltiere, die sich von den Gruppen absonderten und alleine in einer Ecke der Weide frassen. Aber eine gewisse Rangfolge und Zugehörigkeit war nicht abzustreiten. Ich war gespannt, ob Phantom etwas Bewegung in die Herde der Stutenweide bringen würde, denn ich plante, ihn dort dazuzustellen. Ich hielt es für geschickter, da er durch seine Wildinstinkte vielleicht eher Ärger mit den anderen Hengsten bekommen würde. Vielleicht würde ich aber bei diesem Unterfangen auch gleich die Stutenweidengruppe etwas verkleinern und die Painthorses in den Nebenstall wechseln, damit die restlichen etwas mehr Platz hatten.
      Wie auch immer; als nächstes stand ein Ausritt mit Burggraf und Artemis auf dem Plan. Ich überliess Artemis diesmal Robin, denn ich schuldete es Muffin, ihn wiedermal selbst auszureiten, nachdem ich so lange mit seinem Stallgenossen unterwegs gewesen war. Ich war gespannt auf den Ausritt, denn ich war noch nie alleine mit Robin unterwegs gewesen. Sie war noch nicht lange Pflegerin und meistens sehr still. Anfangs hatte ich sogar das Gefühl gehabt, dass sie mich nicht mochte, aber mittlerweile hatte mir Charly erklärt, dass sie einfach schüchtern war. Wir putzten und sattelten die beiden Achal Tekkiner. Für Muffin nahm ich den bequemen Stocksattel, den ich auch immer für’s Distanzreiten benutzte. Anstatt dem Biotan Zaum legte ich ihm aber diesmal Flints Bosal an, das ungefähr passte. Er kannte das gebisslose Reiten schon und reagierte brav auf die Hilfen, aber er war ja auch ohnehin unkompliziert und leichtrittig. Robin nahm gleich Artemis‘ ganze Distanzausrüstung. Die neue dunkel-beerenfarbene Satteldecke sah an ihm so schick aus, ich starrte immer wieder verliebt zu ihm rüber. Als wir beide fertig waren, stiegen wir draussen auf und ritten los in Richtung Galoppwiese. Zira begleitete uns und hüpfte durch das mit Reif bedeckte Gras. Es war zwar ausnahmsweise nicht neblig, dafür bitterkalt. Ich war einmal mehr froh um meinen Schal und meine Handschuhe. Robin schien ebenfalls etwas steif auf ihrem Schimmel zu sitzen. Wir ritten eine Weile wortlos, dann versuchte ich, ein Gespräch aufzubauen. Es war gar nicht so leicht, denn meistens gab die junge Pflegerin nur knappe Antworten und sah sich dann wieder in der Gegend um. Irgendwann gab ich auf und genoss das rascheln der trockenen Blätter am Boden. Burggraf lief freudig voran, er schien die Kälte trotz seines feinen Fells nicht zu spüren. Wir trabten über ein paar Feldwege und galoppierten auf einem Wanderweg durch den Wald, dann kehrten wir langsam in Richtung Hof zurück. Endlich machte Robin von selbst den Mund auf. „I think Artemis has a stone in his hoof…“ Tatsächlich lief der Hengst etwas lustig. Wir hielten und Robin stieg ab, um die Hufe zu checken. Sie fand den Stein und löste ihn heraus, dann kletterte sie wieder auf den Schimmelrücken. „Everything alright?“ Sie nickte, und fügte nach kurzem Zögern hinzu: „My old pony, Merlin, once had a stone in his hoof, too. But I didn’t know, and I was afraid that he got somehow seriously injured. It was ridiculus, but I was so relieved, when Charly showed me the stone.” “You two really rely on eachother”, bemerkte ich. “Yes, I don’t know what I would do without him.” “I think it’s amazing that you have such a good relationship. I wish Lily had a brother or a sister to rely on…” “I think she has a very big family on Pineforest Stable. I’m sure she is very happy.” “I hope so… After all she went through…” Robin lächelte zuversichtlich und ich konnte nicht anders, als miteinzustimmen. Wir brauchten den restlichen Weg hindurch nicht mehr zu reden, denn es lag eine seltsam beruhigte Stimmung in der Luft, als wäre alles bereits gesagt. Nur Zira konnte es nicht lassen, eine freche Krähe am Waldrand anzubellen.
      Bis um neun Uhr longierte ich Cantastor im Roundpen, weil die Halle und der Reitplatz bereits besetzt waren. Der edle dunkelbraune Zuchthengst machte elastische und fleissige Bewegungen, wozu auch ein paar Bocksprünge zählten. Ich nahm es ihm nicht übel, denn das lockerte auf eine gewisse Weise auch den Rücken – dachte ich jedenfalls. Canto war etwas pummelig geworden. Während Ajith von harmlosem Winterspeck redete, wollte Oliver den Braunen schon auf Diät setzen… Ich sah das ähnlich wie Ajith – spätestens im Frühling, wenn die Pferdchen richtig lebendig wurden, würde sich das von selbst auflösen. Zufrieden mit Cantos Arbeit lobte ich ihn und brachte ihn anschliessend zurück in seine Box. Damit er mit seiner Schur nicht kalt hatte, legte ich ihm seine Fleecedecke über. Nachts kam dann die dickere Stalldecke drauf, aber tagsüber reichte diese. Ich klopfte ihm lächelnd auf die Kruppe und verliess sein Residium.
      Nun stand Dressur auf dem Plan, und zwar mit Diarado und Circus Dancer. Jonas und ich wollten eine Art Pas-De-Deux machen – „hach wie romatisch!“ Natürlich war das ein Kommentar, der von Augenrollen meinerseits begleitet wurde. Wir scherzten und lachten während dem Putzen. Ich genoss einfach jede Sekunde, die ich mit Jonas und den Pferden verbringen konnte. Im Moment schien mein Leben seit langem wiedermal vollkommen perfekt zu sein. Liebevoll kämmte ich Dancers lange Mähne und zupfte Strohstückchen daraus hervor. „Soll ich ihm ein Zöpfchen machen?“ „Warum nicht“, meinte Jonas, und fügte dazu: „Würdest du mir auch eines machen, wenn meine Haare lang genug wären?“ „Denk nichtmal dran, ich sorge persönlich dafür, dass die kurz bleiben!“ „Warte, von welchen Haaren reden wir?“ „Jonas!“ Wir brachen wieder in Lachen aus und beschlossen, das Thema lieber nicht weiter zu ziehen. Ich holte Dancers Dressursattel und legte ihn vorsichtig auf den Rücken des Hengstes. Dann gurtete ich ins zweite Loch, sodass der Sattel zwar nicht gleich verrutschte, aber trotzdem noch relativ locker drauf lag. Auch Dancer und Diarado waren geschoren, weshalb wir die Fleecedecken vorläufig auf den Popos der beiden liessen. Wir brachten sie in die Halle und wärmten sie zuerst zehn Minuten im Schritt auf, dann begannen wir mit der Trabarbeit. Wir nutzten dazu Cavaletti und Stangen, um den Raumgriff und den Schwung zu fördern. Dann folgte das eigentliche Pas-De-Deux, bei dem wir synchron höhere Lektionen abfragten. Die beiden Hengste waren ziemlich weit in Dressur und es war einfach toll sie zu reiten. Dancer war besonders in der Piaffe angenehm und leicht zu dirigieren. Die Musik, die dazu im Radio lief, schien ihn weiter anzuspornen. Auch Diarado machte geschmeidige Bewegungen, trotz dem er eher ein Springpferd war. Er kannte noch nicht so viele Lektionen wie Dancer, aber er war sehr intelligent und eifrig, sodass er schon nach wenigen Widerholungen neue Bewegungen verinnerlicht hatte. Genau diese Intelligenz kam ihm auch im Parcours zu Hilfe, und ich hoffte, dass er sie auch an seine Nachkommen weitergab. Natürlich brachte es nicht nur Vorteile, ein solch aktiv denkendes Exemplar von Pferd unter sich zu haben; denn so schnell wie Diarado lernte, so nachtragend war er auch bei reiterlichen Fehlern. Er hatte durchaus einen gewissen Stolz und brauchte daher eine sichere, konsequente Führung, sonst tanzte er seinem Reiter ganz schön auf der Nase herum. Er konnte sehr rasch erkennen, wie sein Reiter tickte und ob er sich Spässchen erlauben durfte. Trotzdem mochte ich diese Art von Pferd sehr und genoss das fordernde, aber erfolgreiche Training.
      Um halb Elf waren wir mit den beiden fertig und ich konnte weiter zu Dod und Calico. Mit den zwei Jungs stand wieder ein Ausritt an, wobei ich Calico als Handpferd mitnehmen wollte. Auch die drei Hunde nahm ich diesmal mit, damit sie am Abend schön ausgepowert waren. Ich putzte und sattelte Dod, dann bürstete ich den zweiten im Bunde ebenfalls gründlich durch. Die beiden Hengste waren in den letzten paar Monaten ziemlich zusammengewachsen und auf der Weide immer gemeinsam unterwegs. Vermutlich hatte das damit zu tun, dass wir sie auch meistens zusammen trainierten. Jedenfalls hielt diese Freundschaft so sehr, dass Calico Dod zuverlässig folgte. So konnte ich es manchmal auf Ausritten wagen, den Schimmel frei neben uns laufen zu lassen – jedenfalls solange wir fern von Stuten waren. Wenn uns andere Reiter begegneten nahm ich ihn jeweils frühzeitig wieder ans Seil, um ganz sicher zu gehen. Das tat ich nun auch zu beginn des Ausritts, bis wir ein Stück vom Hof weg waren. Denn ich hatte das Gefühl, dass der Schimmel sonst einfach in die Futterkammer abgebogen wäre. Auf der Galoppwiese löste ich schliesslich den Haken und wir trabten ein Stück auf einem schmalen Trampelpfad. Calico hielt sich natürlich nicht so brav an den Weg und lief stattdessen neben uns durchs Feld. Manchmal ging er auch voraus und machte Schabernack, sehr zum Ärger von Dod, der eigentlich ranghöher war. Ich spürte förmlich, wie der erfahrenere Hengst unter mir brodelte, weil er den Jungspund während der Arbeit nicht korrigieren durfte. Calico nutzte das voll aus und streunerte um uns herum. Für den Fall, dass ich ihn nicht mehr zu fassen bekam, hatte ich übrigens noch ein Lasso am Westernsattel befestigt; auch wenn meine Wurfkünste bisher noch bescheiden waren und ich längst nicht jedesmal traf. Aber meistens war Calico sowieso gut abrufbar, weil er stets eine Belohnung erwartete. Fast besser als Sheela, die immer mal wieder zwischen den Büschen verschwand, wenn ich nicht aufpasste. Ich machte mir diesbezüglich Sorgen, weil es im Park auch immer wieder Wild gab und die Labrador Hündin einen ausgeprägten Jagdtrieb hatte. Daher behielt ich sie stets im Auge, bereit um sie bei einer Begegnung mit Wild rechtzeitig zurückzurufen. Ein kalter Wind stach unbarmherzig durch meine Handschuhe und ich hatte das Gefühl, dass mehr Wolken am Himmel waren als zuvor. Schnee?, überlegte ich hoffnungsvoll. Doch als ich mittags mit den beiden zurück auf dem Hof war, fiel noch immer kein einziges Flöckchen. Lily kam gerade von der Schule, als ich Dod versorgt hatte.
      Wir assen zu Mittag, dann war es endlich so weit. Nachdem die Hunde gefüttert waren, zog ich mich wieder warm an und holte aus der Sattelkammer ein stabiles, langes Führseil. Ich zog mir ein paar gute Handschuhe an, mit denen ich warm hatte und gleichzeitig genügend Grip. Ausserdem überlegte ich rasch, ob ich einen Rückenpanzer anziehen sollte, entschied mich dann aber dagegen, weil er mich womöglich in meiner Beweglichkeit eingeschränkt hätte. Ich nahm noch eine Hand voll Heu mit zu Phantom’s ‚Gehege‘, um mich ein wenig attraktiver zu machen. Zunächst betrat ich den Innenbereich der Führanlage und lehnte mich an die Wand, um zu beobachten, wie die Stimmung des Mustangs war. Er hatte bereits etwas Abstand zwischen uns gebracht und stand nun wie angewurzelt auf der gegenüberliegenden Seite, mich stets im Auge behaltend. Bisher waren hier nur Pfleger reingekommen, um ihm Futter zu bringen, weshalb er Zuversichtlich genug war, nach einigen Sekunden zögerlich ein paar Schritte näher zu kommen und abzuchecken, ob sich das Risiko für die Hand voll Heu lohnte. Ganz vorsichtig machte ich einen Schritt auf ihn zu. Er wandte den Kopf ab, bereit um abzudrehen, hielt aber inne, als ich mich nicht weiter bewegte. Ich drehte die Schulter ein, um mich möglichst einladend und harmlos aussehen zu lassen. Nach einer Weile tastete ich mich weiter vor, doch es wurde ihm rasch zu viel, also zog er sich einige Schritte zurück und trabte der Wand entlang. Ich schnitt ihm den Weg ab und liess ihn die Seite wechseln, bis er mich direkt ansah. In diesem Moment machte ich einen Schritt zurück und kreierte so einen draw. Er leckte sich die Lippen, bewegte sich aber nicht von der Stelle. Also ging ich wieder ein wenig auf ihn zu, bis er sich erneut in Bewegung versetzte. Gleiches Spiel – sobald er sich mir zuwandte, machte ich einen Schritt zurück und gab ihm release. Er begriff schnell, dass es angenehmer war, sich mir zuzuwenden und sich mit mir zu beschäftigen, als wegzulaufen. Nach wenigen Minuten konnte ich auf ihn zugehen, und er machte sogar ein, zwei Schritte in meine Richtung. Schliesslich war ich nahe genug und berührte ich in vorsichtig einige Male, jeweils sofort wieder den Druck wegnehmend. Sein ganzer Körper war angespannt, jeder Muskel bereit, im Zweifelsfall eine Flucht einzuleiten. Er atmete auch etwas schwerer als zuvor und machte einen misstrauisch gebogenen Hals, aber seine Ohren und Augen drückten eine gewisse Neugier aus. Ich streckte ihm das Bisschen Heu hin, das ich dabeihatte. Er zupfte ein paar Halme daraus hervor und wurde sofort etwas zutraulicher und entspannter durch das Kauen. Ich nutzte den Moment, um das Führseil durch die Schlaufe seines Knotenhalfters zu ziehen. Er machte einige Ausweichschritte, aber ich hatte es bereits geschafft. Nun Begann ich, ihn am Hals zu kraulen. Ich arbeitete mich Stück für Stück weiter nach hinten, stets nach einer Stelle suchend, die er besonders mochte. Wenn es ihm zu viel wurde und er Anstalten machte sich zu bewegen, nahm ich den Druck etwas zurück und verschob meine Hand wieder Richtung Widerrist. Nach ein paar Sekunden machte ich einige Schritte rückwärts und zupfte am Seil. Sobald er einen Schritt auf mich zu machte, beendete ich den Zug. Immer wieder ging ich zu ihm hin, kraulte ihn, ging seitlich von ihm zurück und liess ihn sich zu mir drehen oder einen Schritt machen. Man merkte, dass er der Sache immer noch nicht ganz traute, aber er wurde immer mutiger und zuckte immer weniger zusammen, wenn ich ihn berührte. Ab und zu schickte ich ihn wieder etwas um mich herum, denn Bewegung half auch, Stress abzubauen. Ich machte Richtungswechsel mit ihm, indem ich mich vor seine Schulter verschob und liess ihn mit seiner Hinterhand weichen, wenn ich neben ihm stand. Immer wieder dazwischen beruhigte ich ihn mit Kraulen. Er begann langsam, es zu geniessen und die Oberlippe zu spitzen. Das ging so weit, dass er mich fragend ansah, wenn ich aufhörte. Ich redete beiläufig mit ihm, um ihn an meine Stimme zu gewöhnen. Nun wagte ich schon etwas mehr: Ich tastete mich an seine Beine heran, gab ihm sofort Lob und release wenn er sie hob und gewöhnte ihn an etwas schnellere Bewegungen meinerseits. Ich hüpfte etwas auf und ab, bückte mich oder klopfte ihm auf den Hals, sodass er sich an das Geräusch gewöhnen konnte. Das reichte mir auch schon für heute. Er hatte mit seinem dichten Winterfell bereits ein klein wenig geschwitzt und seine Konzentration liess etwas nach, ausserdem wollte ich es beim ersten Mal nicht gleich übertreiben. Also löste ich das Führseil und verliess den Roundpen, wobei er mir sogar noch einige Schritte folgte. Ich brachte ihm noch mehr Heu, damit er das soeben gelernte mit dem Futter zusammen verdauen konnte.
      Es war nun halb zwei Uhr und ich hatte noch eine Menge vor. Zum Beispiel eine Springstunde mit Halluzination. Auch Anne war mit dabei, sie ritt auf Vychahr. Wir sattelten die beiden Pferde und trafen uns in der Halle, wo Lisa bereits wartete. Weiberreitstunde also, stellte ich schmunzelnd fest. Schon beim Aufwärmen stellte ich fest, dass Hallu fit war und mich heute wohl etwas fordern würde. Auch Vilou schien etwas guckig und hatte mehr Tempo drauf als sonst. Anne liess sich davon aber nicht aus der Ruhe bringen und befolgte Lisas Anweisungen. Wir machten viele Wendungen und Übergänge, ausserdem ein paar Biegeübungen in Form von Schulterherein und Traversalverschiebungen. Als beide Pferde schön locker und gelöst waren, begannen wir mit Gymnastiklinien. Hallu, die erfahrene S***-Springstute, machte es Youngster Vychahr vor. Sie konnte so leicht nichts mehr beeindrucken, daher übten wir auch nur ab und zu ein paar Hindernisse zur Aufrechterhaltung der Muskeln und der Gewohnheit. Sie wurde tatsächlich in letzter Zeit viel mehr Dressur geritten. Vychahr hingegen musste noch viel lernen und war noch am Anfang seiner Karriere. Er nahm daher regelmässig an Springstunden teil um Erfahrung zu sammeln. Die Theorie bestätigte sich kurz darauf wiedermal bei einem offenbar etwas unheimlich aussehenden Oxer. Ich entdeckte die Anzeichen schon, als Anna in die Kurve bog und auf das Hindernis zuritt: Sie hatte die Beine zu wenig dran und sah auf den Sprung hinab. Es kam wie es kommen musste; Vilou parkierte vor dem Hindernis und Anne flog prompt über seinen Hals nach vorne. Sie landete auf den Stangen, blieb aber dank dem Rückenpanzer bis auf ein paar blaue Flecken unversehrt. Vilou drehte sich unsicher vom Hindernis weg und trabte ein paar Meter, dann liess er sich von Lisa einfangen. Anne stieg wieder auf und musste den Oxer erneut anreiten. Diesmal warnte Lisa sie vor und erklärte, dass sie Vilou gut einramen musste und nicht zu viel Schwung verlieren durfte. Anne machte im entscheidenden Moment nochmal etwas mehr Durck und es klappte. Sie lobte den Fuchs ausgiebig und wir beendeten die Stunde mit Austraben. Beim Trockenreiten diskutierte ich mit ihr über Stürze und meine eigenen Erfahrungen, während die Pferde am langen Zügel durch die Bahn schlenderten. Wir redeten auch über das kommende Neujahrsturnier auf dem Gestüt Wolfsgrund, für das wir schon eifrig trainierten. Da würde auch Hallu starten, diesmal unter Jonas.
      Nun kümmerte ich mich um Yoomee, die sich ganz schön eingelebt hatte. Mit ihr wollte ich am kommenden Glühweinritt teilnehmen, darauf musste ich sie natürlich zuerst vorbereiten. Wir übten deshalb heute im Gymkhana Stil über Blachen zu laufen, Slaloms zu machen oder Dinge hinterherzuziehen. Ich hatte Dosen an einem Seil befestigt und gewöhnte Yoomee zunächst an das Klappern, bevor ich sie hinter ihr her über den Boden zog. Am Anfang klappte sie etwas nervös die Ohren zurück und klemmte den Schweif zwischen die Pobacken, aber schon nach kurzer Zeit senkte sie den Kopf und merkte, dass ihr nichts böses passierte. Am Schluss konnten wir die schäppernden Dinger sogar im Galopp hinter uns herziehen. Auch die Blache hob ich auf und legte sie über ihre Kruppe. Sie streiffte beim Laufen über den Boden, aber das schien Yoomee nichts mehr auszumachen. Ich beschloss, die Übung zu beenden und belohnte die Connemarastute ausgiebig. „Wenn du dich so benimmst, dann wird das null problemo.“ Ich versorgte sie und brachte ihr ein paar Karotten.
      Ich sah auf die weisse Tafel in der Reiterstube. Ich hatte schon fast alles hinter mir, was ich heute geplant hatte, also wollte ich rasch nachsehen, was die Pfleger noch machen mussten. Heute wollten schliesslich alle rechtzeitig fertig sein, damit sie nach Hause zu ihren Familien konnten. Tja, Pferde kannten eben kein Weihnachten, und wollten genaugleich umsorgt werden, wie auch auch sonst immer. Ich beschloss, rasch beim Training von Coulee und Rosenprinz zuzusehen. Die beiden waren mit Quinn und Charly auf der Rennbahn, wobei eigentlich-Militarypferd-Rosenprinz genauso gefordert wurde wie Coulee. Beim Geländespringen war Geschwindigkeit schliesslich auch eintscheidend. Da er aber nicht jeden Tag auf der Bahn laufen musste, konnte er mit der Stute natürlich nicht wirklich mithalten. Zufrieden verfolgte ich das Training und genoss die Pause, bevor der eigentliche Weihnachtsstress anfing. Denn kurz darauf hiess es nochmal gründlich misten und alle Pferde füttern, damit für heute Abend ausgesorgt war. Die ersten Pfleger verabschiedeten sich um sechs Uhr, die die näher am Hof wohnten blieben noch etwas länger. Zuletzt waren nur noch Ajith, Quinn und Lisa da. Letztere zwei blieben heute Abend hier, weil sie nicht extra für einen Abend nach Irland und in Lisas Fall die Schweiz reisen wollten. Sie hatten dafür nächstens ein verlängertes Wochenende frei, während die anderen anpacken mussten. Die Pfleger hatten durch das Jahr hindurch ihre Ferien so aufteilen müssen, dass immer genug Leute auf dem Hof waren. An besonderen Tagen wie heute, mussten wir einfach sichergehen, dass die grösste Arbeit erledigt war, bevor alle verschwanden – für den Rest waren dann noch Jonas und ich zuständig. An Silvester würde es nochmals dasselbe Theater werden, aber ich machte mir deswegen keine Sorgen. Ajith blieb noch, weil er sowieso gleich im Nachbardorf wohnte und jeweils gar nicht im ‚Pflegeheim‘ schlief, sondern jeden Morgen mit dem Fahrrad hierherkam. Und natürlich, weil er Quinn noch etwas Gesellschaft leisten möchte, vermutete ich im Stillen. Ich hatte Quinn vor meinem Trip in die USA tatsächlich endlich gefragt, was denn nun mit ihrer Schwimmbad-Affäre lief. Sie hatte mir erklärt, dass das nie etwas Ernstes gewesen sei und auch nie etwas werden würde – tatsächlich sei der Typ bereits wieder in Schottland bei seinen Verwandten. Auch hatte ich sie gefragt, was sie denn von Ajith halte. Ihre Antwort war ausweichend gewesen und sie hatte versucht, darum herumzureden, aber ich war mir sicher, dass sie schon darüber nachgedacht hatte. Seit ich Ajith davon erzählt hatte, wie versprochen, hatte er wieder neuen Mut gefasst und bemühte sich darum, möglichst oft mit Quinn zu reden. Ich war gespannt, wie sich das ganze entwickelte und hoffte insgeheim, dass Ajith heute, an Weihnachten, einen ersten Schritt wagen würde. Wir sassen in der Reiterstube und wärmten uns mit einer Tasse Tee auf. Jonas und Lisa gingen sich noch immer eher aus dem Weg, was gut verständlich war. Ich versuchte daher immer, Lisa möglichst in die Gespräche zu involvieren, dass sie nicht den Eindruck bekam, irgendwie fehl am Platz zu sein. Es polterte und Lily kam die Stufen zur Reiterstube hoch, in Begleitung von Sheela. Jacky und Zira lagen bereits zu meinen Füssen und hoben bloss müde den Kopf, als die Labradorhündin sich dazu gesellte. „Occu wann fangen wir mit dem Kochen an?“, fragte meine Nichte ungeduldig. Wir wollten zusammen ein etwas aufwändigeres Weihnachtsmenu zubereiten. „Gleich, ich trinke noch meinen Tee fertig. Du kannst aber schonmal den Tisch decken gehen.“ „Nö, ich warte auf dich“, meinte sie nur, setzte sich auf den Platz neben mir und lehnte sich an mich. „Du hast ja ganz kalte Finger. Gewöhn dir endlich an, Handschuhe anzuziehen“, stellte ich fest, als ich ihre Finger prüfend knetete. Sie grummelte nur etwas und ich hatte den Eindruck, dass sie, gleich wie die Hunde, ganz schön müde war. Sie war ja auch den ganzen Tag unterwegs gewesen; Schule, dann reiten, Ponys beschäftigen und nochmals reiten. An Bewegung mangelte es ihr jedenfalls nicht. Als ich endlich aufstand und vor die Halle trat, bemerkte ich ein paar feine, weisse Flöckchen, die den dunklen Himmel runter segelten und im gedämpften Licht der kleinen Lampe über dem Hallentor den Boden erreichten. Sofort war Lily wieder wach und hopserhüpfte begeistert zum Haus. Sie hatte wie ich die ganze Zeit auf den Schnee gewartet und gehofft, dass er noch vor Weihnachten kommen würde. Nun fühlte es sich richtig festlich an. Wir bereiteten alles für das Essen vor und schoben den Braten in den Ofen. Dann schmiss ich mich auf die Couch und legte mich ein wenig hin, denn nun packte die Müdigkeit auch mich. Lily spielte unterdessen in ihrem Zimmer. Jonas kam kurze Zeit später auch rein, mit ein paar Schneeflocken im Haar. „Schneit es schon so stark?“ „Schau aus dem Fenster“, meinte er und zog den Vorhang beiseite, dass ich es besser sehen konnte. Tatsächlich rieselte eine Flocke nach der anderen runter, und es wurden immer mehr. „Lily wird sich freuen. Das Essen ist bald fertig.“ Er legte sich spielerisch über mich und gab mir einen Kuss. „Oi, du bist schwer“, rief ich lachend aus. „Willst du damit sagen, dass ich dick bin?!“, antwortete er empört und rollte zur Seite, sodass er knapp nicht herunterfiel. Wir kuschelten, bis der Backofentimer zu piepsen begann. Unser Weihnachten vierlief ruhig und gemütlich. Wir sassen alle zusammen auf dem Sofa und schauten einen der alten Star Wars Filme. Ich genoss jede Sekunde.
      Stets auf der Suche
      Ein Bellen weckte mich. „Morgen Occu. Hast du überhaupt ein Auge zugetan?“ Jonas vertraute Stimme drang durch das Tor des Offenstalls. Ich blinzelte verschlafen, richtete mich auf und zupfte etwas Heu aus meinem Schlafsack. Ich hatte die Nacht auf dem Heuboden des Stutenstalls verbracht, weil ich die Geburt von Moon Kiddys Fohlen unbedingt mitverfolgen wollte. „Ein hübscher kleiner Kerl ist das geworden, glaubst du er hat das Splash Gen von Dod?“ Sofort war ich hellwach. „Wie? Was?! Ist er etwa schon da??!“ „Ach du hast es also doch verpasst? Komm schau“, lachte Jonas. Meine Labrador Hündin Sheela stand an seiner Seite und wedelte auch schon fleissig mit dem Schwanz, um mich runterzulocken. „Das gibt es doch nicht! Ich war bis um drei Uhr wach, und sie hat überhaupt keine Anstalten gemacht!“ „Sie hat sicher extra gewartet bis du schläfst“, schmunzelte er. Ich befreite mich aus dem Schlafsack und schielte vorsichtig nach unten, bis zum letzten Moment gespannt, was mich erwartete. Ich war ganz entzückt, als ich das braune Fohlen erblickte. Es hatte auf den ersten Blick grosse Ähnlichkeit mit seiner Mutter, nur das auffällige Kopfabzeichen und zwei weisse Fesseln hinten wich von diesem Eindruck ab. „Täuscht mich meine Sicht oder ist das linke Auge blau?“ „Jup, ist es. Und schau dir die hübsch geschwungenen Ohren an.“ Ich kletterte die Leiter runter und ging zu Moon hin. Ich streichelte sie liebevoll und checkte rasch, ob mit ihr alles in Ordnung war. Dann wandte ich mich dem Hengstfohlen zu und untersuchte es mit prüfendem Blick. Es musterte mich skeptisch, aber da seine Mutter keine Versuche unternahm, sich zwischen uns zu stellen, kam es nach kurzer Zeit neugierig einen Schritt näher gewackelt. Es war noch sehr unsicher auf den langen Stelzen, die sich Beine nannten, aber es machte einen wachen, fitten Eindruck. „Es hat jetzt schon mehr Langhaar als alle bisherigen Fohlen“, bemerkte ich augenrollend, mit einem Seitenblick auf Moons lange Locken. „Was hast du erwartet?“ Spielerisch frustriert steckte ich meine Hände in die Hosentaschen. „Dass ich dabei sein darf, das hab ich erwartet!“ Jonas gluckste amüsiert. Mein Handy fiel mir fast aus der Tasche, also gab ich es Jonas, bevor es noch im Stroh landete. Ich warf einen Blick zu Felineund deren Fohlen, das schon seit zehn Tagen durch die Welt stakste. Es handelte sich ebenfalls um ein Hengstchen, einen wunderschönen, angehenden Schimmel, der das Splash Gen von Papa Drømmer om Død höchstwahrscheinlich bekommen hatte – jedenfalls hatte er viermal hochweiss und eine breite Blesse, was schonmal dafür sprach. Ich hatte bei seiner Geburt beschlossen, dass er einer der Kandidaten sein würde, die ich behalten wollte. Einen passenden Namen hatte der kleine Kerl auch schon: Disparo de Fiasco. Daran hatte ich ganz schön lange herumüberlegt. Feline liess mich wie immer freundlich an ihr Fohlen heran und wartete in respektvollem Abstand, beobachtete uns aber genau. Ich war froh, dass sich die Stute schon bei ihrem ersten Fohlen als zuverlässige, unkomplizierte Mutter herausgestellt hatte. Ich streichelte sie nochmal zum Zeichen, dass ich sie jetzt in Ruhe liess und verliess den Offenstall, Jonas folgend. „Das war wohl vorläufig das letzte, was? Die nächsten Fohlen kommen erst später.“ „Noch mehr von den Dingern?“, scherzte Jonas mit vorgetäuschter Überraschung. „Also auf das von Moonrise Shadows bist du ja wohl auch noch gespannt, oder etwa nicht?“ „Klar. Ich hoffe es wird ein Rappe.“ „Nähh, das wär ja langweilig! Ich hoffe es wird ein Fuchs, schliesslich haben wir noch keinen Paint Horse Fuchs.“ „Bestimmt nicht. Ist das bei den Eltern überhaupt möglich? Ich glaube nicht. Und wenn dann ist die Wahrscheinlichkeit seeehr gering. Ich sage das wird nix mit deinem Fuchs - black for the win.“ „Pfft.“ Er zwinkerte mir zu und ich streckte ihm die Zunge raus, dann bog ich in den Hauptstall ab. Sechs Vollblutfohlen hatte es dieses Jahr für Pineforest gegeben – jedoch war keines davon im Hauptstall zu finden. Die ‚Mütter‘ Campina, Iskierka, Shades of Gray, Sympathy for the Devil, Captured in Time und Cassiopeia mümmelten unbekümmert an ihrer morgendlichen Heuration. Wie das möglich war? Embryotransfer. Ich hatte letztes Jahr passend zur Zuchtsaison ein vergünstigtes Angebot von einem meiner Tierärzte bekommen, und nach Rücksprache mit Oliver hatten wir beschlossen, gleich den kompletten Jahrgang so heranzuziehen. Das hatte den grossen Vorteil, dass wir bereits Fohlen von den Stuten bekommen konnten, die noch aktiv Rennen liefen; ohne deren Karriere zu opfern. Die Fohlen wuchsen auf dem Gestüt auf, auf dem auch die Leihmütter zuhause waren. Im Absetzalter wollten wir die Truppe dann nach Pineforest auf die eigene Fohlenweide holen. In der Vergangenheit hatten wir dasselbe Prozedere auch schon mit Painting Shadows gemacht, und bisher nur positive Erfahrungen gesammelt. Ich prüfte, ob das morgendliche Vollbluttraining voranging, dann setzte ich meinen Rundgang in Richtung Weiden fort. Unterwegs fiel mir auf, dass sich mein Handy nicht mehr in der Hosentasche befand, wo ich es platziert hatte. Also lief ich nochmal zurück zum Offenstall, fest davon überzeugt, es im Heu zu finden. Doch auch nach zehn Minuten Suche blieb es verschollen. „Es muss doch irgendwo sein“, murmelte ich verärgert vor mich hin. Von unten beobachtete mich Lovely Summertime erwartungsvoll mit ihren freundlichen, dunklen Augen. Hinter ihr versteckten sich zwei paar züsätzliche Beine, die jedoch schon ziemlich kräftig aussahen. Immerhin war das dazugehörige Hengstfohlen namens Unclouded Summer Skies auch schon über zwei Wochen alt, doch am ältesten war das Fohlen von Ice Coffee. Die kleine Icy Rebel Soul war am zweiten April zur Welt gekommen, als erstes Fohlen dieses Jahrgangs. Entsprechend mutig und verspielt war sie bereits. Beide Fohlen waren übrigens von Unbroken Soul of a Rebel und hatten von ihm wie erhofft viel Farbe mitbekommen. Ich hoffte, dass er auch ebensoviel von seinem Talent mitgegeben hatte.
      Ich gab die Suche vorläufig auf und überlegte, ob ich das Handy auch irgendwo anders hätte verlieren können. Doch auch auf dem Weg zum Hauptstall war es nirgens zu finden. Ich beschloss, später nochmal mit Jonas zusammen zu suchen, und machte mich nun definitiv auf, um nach den Miniature Horses zu sehen. Auch dort hatte es gleich dreifach Nachwuchs gegegben. Und wie durch ein Wunder waren auch noch alle drei Fohlen am selben Tag geboren worden! Dakotas Fohlen Beck’s Daisy Orchid hatte schon um zwei Uhr morgens auf wackeligen Beinchen gestanden. Wie unschwer zu erraten, war es eine hübsche, erdfarbene Tochter von Beck’s Experience. Auch das zweite Fohlen war vom selben Vater. Es hörte (noch nicht) auf den Namen Beck’s Little Diva und war das erste Fohlen von meiner leuchtend fuchsfarbenen Stute Lady Diva from the Sky. Das Fuchsfell hatte sie von beiden Elternteilen übernommen, wie es anders auch gar nicht möglich gewesen wäre. In einem grauen Kleid präsentierte sich der letzte Fellkäuel, der neben Tigrotto im Stroh lag und erst spät in der Nacht vom 23. zur Welt gekommen war. Offenbar hatte Tigrotto beschlossen, dass sie den kleinen Arctic Tiger nun ebenfalls genug lange mit sich herumgetragen hatte und war deshalb kurzerhand dem Beispiel der anderen beiden Stuten gefolgt. Ich war jedenfalls sehr froh, dass alles so gut vonstatten gegangen war. Auch Chocolate Chip erwartete noch ein Fohlen, allerdings erst später im Jahr. Allegra, die mittlerweile ja zu einem stattlichen Jährling geworden war, freute sich über die neuen Spielkameraden. Auch wenn diese im Moment noch nicht so wild waren wie sie selbst und erstmal vor allem an zwei Dinge dachten: Trinken und Schlafen. Miss Mini Daki hielt Allegra seit Daisys Geburt etwas auf Abstand, aber ich war sicher, dass sich die kleine Familie bald organisiert haben würde. Übrigens war von klein Daisy gerade keine Spur zu entdecken. Ich traute meinen Augen nicht und sah mich gründlich um, doch das Fohlen war weder bei seiner Mutter, noch sonst wo zu entdecken. Alarmiert ging ich zum Stalltor zurück und sah mich draussen um. Das kann doch nicht sein – ist sie unter dem Zaun durch? Fieberhaft suchte ich nach der kleinen. Ich rief Lewis, der bei den Fohlenweiden ausmistete rüber. „Are you sure? She was still there wehen I came to feed them half an hour ago“, meinte er stirnrunzelnd. Wir betraten den Offenstall und ich zeigte ihm, was ich meinte. Doch der Pfleger schüttelte nur amüsiert den Kopf und meinte: „Theres she is. You sure that you’re awake, Occu?“ Tatsächlich, Daisy lag neben Daki im Stroh. Offenbar hatte ich sie zwischen den Halmen glatt übersehen. Beschämt liess ich ihn wieder seiner Arbeit nachgehen und kniete mich neben Daki, um Daisy anzulocken. Stattdessen wurde ich natürlich sofort von Allegra beknabbert, die meine Aufmerksamkeit auf sich lenken wollte. Ich ignorierte sie und streckte die Hand aus, damit Daisy daran schnuppern konnte. Die Miniatur-Fohlenschnauze berührte unsicher zuckend meine Finger, die anschliessend natürlich erstmal zwischen den weichen Lippen verschwanden. Zähne hatte das Tierchen zum Glück noch keine. Ich konnte mich kaum loslösen von dieser Niedlichkeit, besonders, als Tiger sich doch noch aufraffte und an ein paar Bocksprüngen versuchte, stattdessen aber ungelenk durch das Stroh stolperte. Als ich mich doch zum Gehen überwinden konnte, sah ich noch rasch bei den Hengsten vorbei. Arctic Blue und Glenns Caress dösten, der eine jeweils mit dem Kopf zum Popo des anderen. Das war eine Art natürlicher Instinkt, der es ihnen ermöglichte, potentielle Gefahren von allen Seiten her frühzeitig zu entdecken. So blieb auch ich nicht lange unentdeckt; Arco hob aufmerksam den Kopf und brummelte mir zu. Die Motivation zum Zaun zu kommen hatte er dann aber doch nicht. Nachtfalke hingegen kam rüber und prüfte, ob ich nicht vielleicht etwas hartes Brot oder eine Karotte dabei hatte. ‚Red‘, wie ich Becks gerne nannte, bediente sich weiter entfernt noch immer an dem Heuhaufen, den Lewis gebracht hatte.
      Mir fiel auf, dass ich Jacky und Zira diesen Morgen noch nicht gesehen hatte. Wo sie wohl stecken? Ich hielt die Augen offen und Pfiff, machte mir aber nicht die Mühe, nach den beiden zu suchen. Sheela hatte meinen Pfiff gehört und kam im galopp angerannt. Ich lobte sie und machte mich auf zum Nebenstall. Zwei Fohlen warteten noch auf mich: Cranberry und Cloony. Die beiden waren von Halluzination und Satine, Väter waren mein Liebling Co Pilot und dessen Halbbruder Costa de la Bryére. Ich hatte förmlich Freudensprünge gemacht, als ich die Deckanzeige von Costa gesehen hatte – schliesslich hatte ich den Hengst für kurze Zeit auch bei mir im Stall gehabt und er führte dieselben wertvollen Blutlinien weiter wie Pilot. Deshalb wollte ich beide Fohlen auch auf alle Fälle behalten. Registriert waren sie beide als British Warmblood, das hatte ich schon im Voraus so geplant. Als ich so mit verliebtem Blick über die Tür von Hallus Box lehnte, kam gerade eine Gruppe Vollblüter vom Training zurück. Normalerweise ritt ich ja selbst auch sehr gerne mit, aber in den letzten Tagen war ich durch das ständige Wachbleiben und Aufpassen so gerädert gewesen, dass ich freiwillig verzichtet hatte. Meistens hatte ich das Training sowieso verschlafen. Ich lächelte stolz, als ich Coulee beobachtete, die von April geritten den anderen folgte. Die Stute sah grossartig aus. Sie hatte ihre alte Form zurück und war auch psychisch wieder beinahe normal – das hatte sie letztens beim Handicap mit dem 3. Platz und einer hervorragenden Zeit bewiesen. Jetzt konnte ihr Comeback also so richtig losgehen. Auch wenn es immernoch Problemzonen mit der Stute gab; wenn man ihr genug Sicherheit vermitteln konnte, gab sie sich wirklich Mühe. Ebenfalls zu erwähnen war, dass Miss Moneypenny am selben Tag in einem anderen Rennen überlegen gewonnen hatte.
      Doch nicht alles lief so toll: mein Sorgenkind hiess Areion. Ich traf ihn und Lily wie immer am Nachmittag im Nordstall an. Eigentlich waren die beiden ein Herz und eine Seele, doch in letzter Zeit verhielt sich der Tinker zunehmend rüpelig und hengstig – offenbar spürte er den Frühling. Meine zehnjährige Nichte hatte einfach nicht genug Kraft, um gegen das grosse Plüschtier anzukommen, weshalb ihn im Moment meist Lisa ritt. Bei ihr lief er natürlich toll, aber letztendlich war er Lilys Pony. Ich zerbrach mir deswegen aber schon seit Wochen den Kopf, denn so konnte es einfach nicht weitergehen. Beide, er und Lily, waren frustriert und unglücklich mit der Situation. Als einzige rasche und zugleich nachhaltige Lösung sah ich eine Kastration. Doch wir alle taten uns etwas schwer mit dieser radikalen Massnahme. Leise seufzend machte ich mich daran, Lily beim Putzen zu helfen. Sie war auch heute etwas missmutig und bestrafte Areion schon für kleinste Fehltritte. Ich redete ihr ins Gewissen, dass Areion ja nichts dafür könne und nicht absichtlich so unartig war. „Er weiss es einfach nicht besser, und da du eben noch etwas zu wenig Kraft hast, um ihm den richtigen Weg zu zeigen…“ „Er soll aber auch auf mich hören, wenn ich nicht so viel Kraft einsetze! Du sagst schliesslich auch immer, dass ich ihm feine Kommandos geben soll!“ „Ja, aber manchmal reicht das eben doch nicht ganz – manchmal muss man zuerst etwas deutlich sein und kann erst danach wieder sanft werden, dafür dann umso besser.“ „Und du meinst, es wäre wirklich besser, wenn er kein Hengst mehr wäre?“, fragte sie halb murmelnd. „Ja. Dann könnte er sich nämlich wieder auf dich konzentrieren, und müsste nicht all den hübschen Frauen nachsehen.“ Sie schwieg nachdenklich, denn sie war eigentlich bis anhin absolut dagegen gewesen, ihn kastrieren zu lassen. Ich vermutete, dass sie einfach nicht wollte, dass der Tierarzt an ihrem Pony herumschnipselte, wenn es nicht lebenswichtig war. Doch der richtige Beweggrund für ihr Zögern offenbarte sich in ihrer nächsten Frage: „Glaubst du, dass Teddy nach dem Ka…strieren? irgendwie anders sein wird als vorher? Ich habe Angst, dass er dann ganz faul und verfressen wird…“ Ich konnte mir ein Kichern nicht verkneifen. „Wer hat dir das erzählt? Janine?“ Sie nickte. „Janine hat gesagt, dass ihr altes Pony nach dem… du weisst schon, ganz anders war als vorher und sie es deshalb nicht mehr haben wollte. Ich behalte Teddy auf jeden Fall! Aber ich will auch nicht, dass er sich verändert…“ „Keine Angst, er wird höchstens etwas ruhiger und braver werden. Ich mein, sieh dir mal Phantom an – ist der etwa faul und verfressen?“ Wir lachten beide bei der Erinnerung an den letzten Ausritt, auf dem er mir beinahe durchgebrannt war. Sein Training ging stets voran, wenn auch nicht mehr in ganz so grossen Schritten wie zu Beginn, aber trotzdem gab es immer wieder Rückschläge und Momente, in denen er wieder auf seine Instinkte zurückgriff und mich ausblendete. Es war eben nicht leicht, vier Jahre Wildnis und Überlebenskampf zu überspielen.
      Lily und ich einigten uns darauf, das ganze beim Abendessen zusammen mit Jonas nochmal durchzudenken und jetzt erstmal auf einen Spaziergang mit Areion zu gehen. Ich begleitete die beiden mit Ljóski, der nach dem gestrigen Tölt-Training auswärts eine wohlverdiente Pause bekam. Der kleine Ausflug verlief relativ entspannt, jedenfalls sobald wir vom Hof weg waren und Areion sich auf Lily konzentrieren konnte. Loki hatte bereits beinahe vollständig sein Fell gewechselt und sah prächtig aus. Mit dem kurzen Fell sah man seine Muskeln viel besser, und auch die Scheckung kam besser zur Geltung. Areion war noch etwas plüschiger, aber auch er hatte schon ganz schön viel Fell verloren. Doof nur, dass es in den letzten paar Tagen wieder ganz schön kalt geworden war. Die meisten Pferde froren trotzdem nicht, und den Geschorenen legten wir eben die Decken vorsichtshalber nochmal an. Als wir fast wieder Zuhause waren, fing es tatsächlich ein wenig zu schneien an, auch wenn es eher Schneeregen war. Wir retteten uns in den Nordstall und rubbelten die Rücken der beiden Jungs rasch mit Tüchern trocken, dann brachten wir sie in ihre Boxen und gaben ihnen je eine Karotte, wobei Herkir natürlich auch eifersüchtig an meinem Ärmel nippte. „Du kommst später dran, ich hab gehört Jonas plant einen anstrengenden Ausritt im Schneeregen“, sagte ich übertrieben laut, damit Jonas, der gerade hinter mir zu Circus Dancers Box schlenderte, hörte. Empört rümpfte er die Nase und antwortete: „Wer hat denn sowas behauptet? Als ob ich bei dem Hundewetter rausgehen würde…“ „Schön-Wetter-Reiter.“ „Und wie!“ Lily lachte beim Verlassen des Nordstalls über unseren Dialog und verschwand dann in Richtung Nebenstall – ich wusste auch genau, was sie dort vorhatte. White Dream war nämlich heute noch nicht bewegt worden, und Lisa hatte mir am Morgen verraten, dass sie wiedermal mit meiner Nichte abgetauscht hatte. Ich schmunzelte bei dem Gedanken und fand es schön, dass Lily die Ponystute so liebhatte.
      Ich selbst musste nun erstmal weiter zu Empire State of Mind. Auf den Schimmel wartete eine Dressurstunde, in der ich an den Seitengängen feilen wollte, um ihn zu lockern. Ich betrat seine Box und er streckte mir bereits freundlich seine graue Schnauze entgegen. Sein Halfter hing leider nicht wie üblich an seiner Boxentür, und ich hatte keinen Schimmer, wer es entfürt haben könnte. Aber ich wollte es eigentlich schon an seinem rechtmässigen Platz sehen, denn ich mochte es überhaupt nicht, wenn durch Unachtsamkeit Zubehör verloren ging. Also machte ich mich auf die Suche danach. Schliesslich wurde ich in der Führmaschine fündig, wo Cantastor es fälschlicherweise trug. Ich tauschte die Halfter aus und ging zurück zu Empire, um ihn aufzuhalftern und zu einer der Anbindestellen zu führen, wo ich mit dem Putzen begann – oder beginnen wollte, denn die Putzbox war auch weg. „Ajith! Where ist hat damn…“ Ich unterbrach mich selbst, als ich Anne entdeckte, die in der Sattelkammer drüben stöberte. „What are you looking for?“, fragte ich sie verwundert. „Darren told me to help him with the retired thoroughbreds today. I was so excited! I sat on Catastor for the first time!”, berichtete sie stolz.” “Now I’m just looking for some leg wraps.” “Why does he need leg wraps? You didn’t sprint a marathon, did you?“ „No…“ „So he doesn’t need any. Thoroughbreds are not that sensible, don’t worry.“ Daraufhin verschwand sie, um den dunkelbraunen Hengst aus der Führmaschine zu holen und in seine Box zu bringen. Als sie vor mir um die Ecke bog, bemerkte sie stirnrunzelnd „Just now I thought he had a yellow halter on… How strange.“ Ich schmunzelte kopfschüttelnd und erkannte, was los war. „I swaped them ‘cause you took Empire’s halter.” „Oh, I’m sorry, I didn’t know…“ „No problem.“ Mir war es zwar ein Rätsel, wie sie sie hatte vertauschen können, wo doch die Halfter aller Pferde an den jeweiligen Boxentüren hingen, doch ich sagte nichts weiter und kümmerte mich um Empires Putzbox. Nach einigem Suchen fand ich sie neben Sunday’s Spind. Leicht verärgert schnappte ich sie mir und putzte mit ihrem Inhalt meinen mittlerweile etwas ungeduldigen Schimmel. Da seine Beine etwas schlammig waren, stellte ich ihn vor dem Aufsteigen noch beim Waschplatz hin, um sie rasch abzuspritzen. Mir fiel auf, dass seine Vorderhufe schon wieder ein wenig ausbrachen, also beschloss ich, sie nach dem Reiten noch rasch zu feilen, denn natürlich fand ich heute auch die Feile nicht an ihrem angestammten Platz vor. Der Hengst war barhuf, denn er lief ja keine Rennen mehr und war momentan auch nicht im sonstigen Spitzensport tätig. Wir hatten uns mit ihm bisher auf Grundlagen beschränkt, damit er diese nach seinem Karriereende in aller Ruhe hatte erlernen können. Ausserdem waren wir mit ihm immer viel im Gelände gewesen, sodass er mittlerweile äusserst verlässlich geworden war. Also eigentlich hatte er bisher einfach sein Leben nach der Rennbahn geniessen dürfen und war langsam und schonend umgeschult worden. Wie gut er die Grundlagen in der Dressur mittlerweile beherrschte, zeigte sich auch heute. Fleissig und bemüht, alles richtig zu machen, kreuzte er die Beine. Nur das Tempo war noch ein wenig zu hoch. Ich versuchte schon seit einem Weilchen ihn immer mehr zu versammeln und die Lektionen ruhiger zu reiten, aber es dauerte bei ihm halt etwas länger, da er doch eine ordentliche Portion Temperament hatte. Ich war aber ganz schön zufrieden mit unseren heutigen Anstrengungen und lobte ihn entsprechend ausgiebig beim Trockenreiten. Als ich zum Fenster raus sah, entdeckte ich zufällig die beiden seit dem Morgen vermissten Hunde, die auf der Ovalbahn mit einem Ball von Lily spielten.
      Um vier Uhr hatte ich Empire versorgt und putzte bereits den nächsten Kandidaten, nämlich Ronja Räubertochter. Auch für sie stand gewöhnliche, langweilige Grundlagen Dressur auf dem Plan, was einzig dazu diente, sie zu beschäftigen und an Feinheiten zu feilen. Sie war heute etwas stur und aufmüpfig, vermutlich wegen des frischen Wetters. Trotzdem schafften wir eine halbwegs produktive Dreiviertelstunde. Beim Versorgen tastete ich noch ihren Rücken ab, um zu sehen, ob sie irgendwo verspannt war. Im Rücken fand ich nichts, aber bei der Schulter zeigte sie mir mit Scharren ein wenig Unwohlsein. Ich massierte die betroffene Stelle und dehnte die Vorderbeine durch ausstrecken. Sie gähnte vor Entspannung und schüttelte sich, als wäre sie gerade im Staub gelegen. Ich lachte über den treudoofen Blick, den sie danach aufsetzte und dessen Bedeutung ich längst kannte: „Darf ich jetzt bitte meine Karotten haben?“ Ich streckte sie ihr selbstverständlich hin, sobald ich ihr in der Box das Halfter ausgezogen hatte. Linda kam auf mich zu und fragte mich, ob ich ihr helfen könne Darren zu finden. Ich antwortete etwas gereizt, dass ich heute am liebsten nichts und niemanden mehr suchen wollte, gab ihr aber den Tipp, im Strohlager nachzusehen.
      Es war nun fast halb sechs und ich nutzte die Zeit vor dem Abendessen noch, um ein wenig Schrecktraining mit Phantom zu machen. Mir gingen langsam die Ideen aus, weil ich schon so viel mit dem ehemaligen Mustang gemacht hatte und er extrem schnell lernte. Das hing wohl damit zusammen, dass in der Wildnis rasches Anpassungsvermögen überlebenswichtig war. Mit ihm und seinen ausgeprägten Instinkten war es ganz anders zu arbeiten als mit einem Jungpferd das in Menschlicher Obhut aufgewachsen war. Weder einfacher noch schwieriger – einfach anders. Einerseits fiel uns die Kommunikation leicht, weil er ausgezeichnet auf meine Körpersprache reagierte; andererseits wurde alles erschwert durch sein Misstrauen gegenüber neuen Dingen. Aber mit Menschen an sich hatte er mittlerweile keine Probleme mehr. Mittlerweile stand Phantom ja im Offenstall mit den Criollo und Paint Horse Stuten (mit denen er sich übrigens bestens verstand). Als ich auf den Zaun zukam, spitzte er die Ohren und kam einige Schritte auf mich zu. Auch machte er keine Anstalten mehr auszuweichen, wenn ich ihn unerwartet anfassen wollte. Im Moment hatten die Fohlen eine Art Beschützerinstinkt in ihm geweckt, sodass er besonders aggressiv den Hunden gegenüber war. Er mochte sie auch sonst nicht, aber jetzt war es besonders schlimm. Sheela traute sich schon gar nicht mehr auf die Weide, und die anderen beiden blieben einfach in gesundem Abstand zu dem Rappen. Er war zwar nun schon seit Monaten Kastriert, aber sein Hengstverhalten hatte er dennoch nicht ganz verloren. Zum Beispiel erwischte ich ihn manchmal dabei, wie er die Stuten mit der typisch tiefen Kopfhaltung umhertrieb oder sich gegen einen Wallach auf der Nachbarsweide aufspielte. Den Damen schien das zu gefallen, jedenfalls wurde er von ‚seiner Herde‘ immer gleich begrüsst, wenn er vom Arbeiten zurückkam. Wenn ich ihn so beobachtete, hatte ich den Eindruck, dass er sich hier ganz wohl fühlte und sich immer mehr mit seinem neuen Leben anfreunden konnte. Trotzdem sah ich mir manchmal nachdenklich die Fotos an, die ich im Internet von ihm gefunden hatte. Ich fragte mich, was mit all den anderen Pferden darauf geschehen war, oder wie Phantoms Leben ausgesehen hätte, wenn er nicht eingefangen worden wäre. Herausfinden würde ich es nie.
      Jonas hatte bereits angefangen, das Gemüse für unser Abendessen zu rüsten, als ich ins Haus zurückkam. Wir assen meist am Mittag ein Sandwich oder sonst etwas Schnelles, dafür gab es am Abend eine anständige, warme Malzeit. Beim Essen erzählten wir uns von den heutigen Erlebnissen. „Ach ja, ich habe am Morgen mein Handy irgendwo verloren und finde es nicht mehr… Ich muss nachher nochmal suchen gehen, bevor es dunkel wird“, fiel mir wieder ein. Jonas setzte plötzlich ein breites Grinsen auf. „Meinst du das hier?“ Er fasste sich in die Hosentasche und zog auf wundersame Weise besagtes Gerät daraus hervor. „Warum…?“ „Du hast es mir heute Morgen in die Finger gedrückt, weisst du nicht mehr?“ Ich schlug mir symbolisch mit der Hand an die Stirn und lachte ungläubig. „Manchmal ist mein Gehirn einfach ein Löcherbecken…“ Wir schmunzelten und plauderten weiter. Irgendwann kamen wir wieder auf das leidige Thema Areion zurück. „Irgendwas müssen wir machen. Lily, wäre es wirklich so schlimm ihn zu Kastrieren?“ „Ja wäre es!“, rief Jonas empört. „Schon mal den Dicken selbst gefragt, was er davon hält?“ „Still, sonst lasse ich den Tierarzt nächstes Mal wegen dir kommen.“ „Das willst du nicht wirklich…“, murmelte er verheissungsvoll. Ich streckte ihm die Zunge raus und meinte: „Unterschätz mich nicht.“ Lily mischte sich mit einem Räuspern ein. „Wenn du versprichst, dass Teddy danach immernoch derselbe ist…“ „Das kann ich leider nicht versprechen, aber meiner Erfahrung gemäss verändert sich nicht wahnsinnig viel. Denk auch an ihn; er darf danach endlich mit seinen geliebten Mädels auf die Weide und wird nicht mehr von den anderen Hengsten gemobbt.“ Sie zögerte, dann nickte sie. „Na gut. Wenn ihn das wirklich glücklicher macht.“ Jonas verschränkte gespielt trotzig die Arme. Lily und ich mussten bei dem Anblick loslachen, und beim Wegräumen stichelten wir ihn immer wieder zum Spass.
      „Was machst du jetzt noch?“, fragte Jonas, während er sich schon wieder die Jacke anzog. „Ich fahr schnell rüber nach Shatterford und sehe nach unseren Vollblutfohlen.“ „Wann bist du zurück? Wir wollten doch Rosie noch einen Besuch abstatten, weil wir die nächsten Tage keine Zeit dazu haben werden.“ „Ich weiss, ich schaue, dass ich spätestens um neun Uhr zurück bin. Die Fahrt dauert ja zum Glück nur 20 Minuten, und ich nehme an, dass Ella mich nicht lange aufhalten wird, weil sie selbst noch genug zu tun hat.“ Ella Yorke war die Besitzerin des Hofs, auf dem unsere diesjährigen Nachwuchsrenner geboren worden waren. Ich wollte meine Autoschlüssel von der Kommode schnappen, doch sie waren weg. Verärgert rief ich aus: „Das gibt’s doch nicht, vorhin hatte ich sie doch noch in den Fingern!“ Jonas meinte im Gehen gerade noch: „Hast du in deiner Jacke nachgesehen?“ „In meiner Jacke? Das hätte ich gespürt.“ Doch tatsächlich, da waren sie, brav in meiner rechten Tasche. Augenrollend lief ich zum Parkplatz. Wie abgemacht beeilte ich mich und trödelte nicht lange herum, als ich auf dem kleinen Gestüt ankam. Ich klingelte an der Haustüre und wurde von Ellas Mann Steve in Empfang genommen. Er erklärte, dass Ella bereits im Stall hinten sei und führte mich zu ihr, damit ich sie nicht auch noch suchen musste. Wir sahen uns zusammen die sechs Vollblutfohlen an. Ich nahm jedes einzelne genau unter die Lupe und stellte zufrieden fest, dass sie alle vom Exterieur her den Erwartungen entsprachen. Allerdings fiel mir auf, dass eines der dominant weissen Fohlen ein wenig schlapp wirkte und selbst als wir den Offenstall betraten mit aufgestütztem Kopf im Stroh liegen blieb. Ella klärte mich sogleich auf: „Die kleine hatte eine schwierige Geburt, das ist die, von der ich dir auch schon am Telefon erzählt hatte. Sie ist auch etwas kleiner als die anderen und trinkt leider nicht ganz so viel, weshalb wir ihr zusätzlich zweimal am Tag etwas mit der Flasche anbieten.“ „Das das genetische Fohlen von Ciela… Denkst du, es liegt vielleicht daran, dass Ciela selbst noch so jung ist?“ „Gut möglich; es wäre jedenfalls schön wenn es nur das ist.“ Ich nickte zustimmend und sah das beinahe ganz weisse Fohlen nachdenklich an. Sie sah hübsch aus, mit den braunen Ohren und ihren dunklen Augen. Aber eben diese wirkten ungewöhnlich müde und lustlos, was mich wirklich besorgte. „Der Tierarzt war schon da?“ „Nein, kommt demnächst. Ich habe aber schon mit ihm telefoniert und er meinte, wir sollen so fortfahren wie bisher und die kleine gut beobachten.“
      Den ganzen Heimweg über zerbrach ich mir den Kopf, was das weisse Fohlen wohl plagte. Schliesslich wurde ich von meinen Sorgen abgelenkt, als wir auf der Wilkinson Farm von Rosie begrüsst wurden. Jonas und Lily liefen bereits voller Erwartung zum Stall, denn sie waren genau wie ich wahnsinnig gespannt auf Islahs und Farashas Fohlen. „Awww! Es ist ja ganz schwarz!“, kam wenig später der Ausruf von Lily. „Nicht ganz“, ergänzte Rosie, „Sieh dir die hell umrandeten Augen an – es wird ein Schimmel wie sein Vater.“ Entzückt betrachtete ich das Tierchen mit dem edlen Hechtkopf. Die krause Fohlenmähne war etwas dürftig im Vergleich zu der meiner Criollo Fohlen, aber das verlieh ihr schon jetzt ein elegantes Gesamtbild. Die grossen, hübsch geschwungenen Ohren waren neugierig nach vorne gerichtet, als es sich näher zu Lily hin traute und an ihrer Hand schnupperte. Kurz darauf erschreckte sich das Fohlen aber, weil Lily sich zu schnell zu uns umdrehte. Es machte einen übermütigen Seitensprung und verschwand im staksenden Trab hinter Farasha. Wir lachten über die kleine Show und gingen weiter zu Islah. Die kleine Isis, wie ich sie genannt hatte, sah aufgeweckt und munter aus. Sie war eine Schecke, wie ihre Mutter – allerdings hatte sie eine seltsame, grau gestichelte Stelle an der Flanke. Daher fragte ich mich, ob sie nicht doch noch ausschimmeln würde. Eine Schimmelbrille wie Farashas Fohlen hat sie zwar nicht, aber vielleicht ist das ja irgendein Sonderfall, überlegte ich. Jonas fragte Rosie: „Wie hast du nun eigentlich das schwarze Fohlen genannt?“ „First Chant, weil sie das erste Fohlen ist, das auf meiner eigenen Farm auf die Welt kam.“ „Ein toller Name“, bemerkte ich schwärmerisch. „Sie wird zum Verkauf stehen Occu, also wenn du Interesse hast…“, lachte die rothaarige, junge Frau. „Ich überleg’s mir, okay? Ich muss sowieso noch planen, welche unserer eigenen Fohlen ich behalten will. Das wird echt nicht leicht…“ „Doch eigentlich schon“, bemerkte Jonas verheissungsvoll. „Es wird damit enden, dass du alle behälst weil du keines loslassen kannst – und falls doch wirst du wieder jeden Tag hoffen, dass sie aus irgendeinem Grund zurückgegeben werden.“ „Du weisst genau, dass das nicht geht, auch wenn es toll wäre. Dafür haben wir einfach zu wenig Platz.“ Lily sah ich förmlich an, dass sie etwas dazu sagen wollte, aber sie hielt sich zurück und beobachtete nur nachdenklich Isis. Ich ahnte, was in ihr vorgehen musste. Sie konnte sich genau wie ich nicht entscheiden, welches der Fohlen sie am liebsten hatte.
      Wir verabschiedeten uns von Rosie, nachdem wir auch bei Anubis, Numair und Bintu Al-Bahri reingesehen hatten. Es war schon spät und wir mussten morgen wieder früh aufstehen, deshalb hatte es auch nicht für einen Tee bei Rosie gereicht. Den gönnten Jonas und ich uns dafür zuhause noch rasch, während Lily bereits ins Bett kriechen musste. Ich sass auf dem Sofa, streichelte Jacky und starrte nachdenklich an die Wand. Plötzlich überlegte ich laut: „Also bei den Criollos wäre es ja naheliegend, wenn wir Fiasco behalten würden. Er wird später sicher interessant für die Farbzucht.“ „Aber ich sehe dir an der Nasenspitze an, dass du trotzdem lieber Moon’s Fohlen hättest. Oder liege ich da falsch?“, meinte Jonas zwinkernd. Ich seufzte und nickte langsam. „Dann behälst du eben den. Wir haben eh schon Dod für die Farbe, also spielt es keine Rolle.“ „Meinst du wirklich? Also gut, dann bleibt Moon’s Fohlen. Wir brauchen aber noch einen guten Namen für ihn.“ „Dod’s Daydream?“ „Nähh, ich finde etwas Spanisches wie bei Fiasco würde einfach besser passen…“ „Uff… Sueño del Muerte oder sowas? Ich kann kein Spanisch…” “Ich auch nicht wirklich, aber zum Glück gibt es das Internet.” Ich gab in diversen Wörterbüchern Vorschläge ein, die etwas mit der Bedeutung von Dods Namen zu tun hatten. Irgendwann stiess ich zufällig auf das Wort ‚solas‘, so viel wie „alleine“ bedeutend. Ich fand den Klang davon toll, und überlegte, womit man es kombinieren konnte, damit es passte. „Etwas mit träumen wär schon nicht schlecht“, meinte Jonas, „denn sonst hätte es ja doch keinen Zusammenhang mit Dod.“ So wurde es „Soñando Solas“ – ‚alleine träumend‘. Ich war zufrieden mit dem Klang, auch wenn die Bedeutung etwas fragwürdig war. Wir verräumten unsere Tassen und gingen die Treppe hoch ins Schlafzimmer, denn mittlerweile veranstalteten wir fast schon ein Wettgähnen. Als ich mich unter die Decke gekuschelt hatte, konnte ich es doch nicht lassen, weiter über die Fohlen nachzudenken. Ich stellte fest: „Ich glaube ich kann nicht schlafen, bis ich mich entschieden habe…“ „Welches von den Minis gefällt dir am besten?“, fragte Jonas leise. „Ich glaube Orchid. Wir haben ja noch kein buckskin Mini, und ich kann doch keine Tochter von Daki weggeben…“ „Siehst du? Und schon bist du wieder etwas weiter. Was ist mit den Warmblutfohlen?“ „Die behalten wir!“, meinte ich sofort, wie ein trotziges Kind. „Dieser Meinung bin ich auch!“, kam eine Mädchenstimme aus dem Zimmer nebenan. „Horchst du etwa? Ab ins Bett jetzt! Du musst morgen in die Schule.“ „Aber du behälst die beiden definitiv, ja?“ „Ja.“ „Gute Nacht.“ Daraufhin blieb es definitiv still aus dieser Richtung. „…Vollblüter?“, murmelte Jonas. „Cupid. Cupid bleibt, der hat Potential. Er hat sogar schon Oliver auf seiner Seite. Und Simply Priceless gefällt mir einfach wahnsinnig gut, ich möchte sehen, was aus ihm wird.“ „Ich finde Call it Karma süss. Die hat was besonderes, mit ihrem gutmütigen Blick und dem hübschen Bauchfleck.“ „Die beiden Schimmelfohlen von Iskierka und Shades of Gray sind auch vielversprechend… Wir können aber einfach nicht alle behalten…“ „Was ist mit dem zweiten dominant weissen?“ „Challenging Time heisst es, von Ciela. Ich weiss nicht… Es wirkt so schwächlich und lustlos. Ich mache mir ernsthaft Sorgen, dass es nicht durchkommt…“ „…Aber wenn doch würdest du es auch behalten wollen?“ „Es hat eine tolle Farbe, aber ich weiss nicht, ob es überhaupt zum Rennen geeignet sein wird, wenn es so schwach ist…“ „Naja, verkaufen kannst du es sowieso nicht, wenn es nicht fit ist. Also bleibt dir fast nichts anderes übrig als es zu behalten.“ „Aber zwei müssen definitiv weg. Vier behalten wäre okay, aber alle sechs sind zu viele.“ „Wenn du meine Meinung hören willst: Ich finde, du solltest die beiden Schimmel Snap Cat und Storm Cat abtreten. Ich weiss, du wolltest besonders das Fohlen von Iskierka aufwachsen sehen und trainieren, aber mein Gefühl sagt mir, dass wir die anderen vier behalten sollten, und nicht diese beiden.“ „Ich hoffe dein Gefühl ist verlässlicher als meines damals beim Kauf von Cool Cat. Er war ja ursprünglich nur meine zweite Wahl gewesen, aber er hat sich zu einem echten Glückstreffer gemausert. Glaub mir, die Pferde aus dieser Blutlinie sind vielleicht am Anfang unscheinbar, aber entwickeln sich später zu unerwarteten Talenten.“ „Tja, du musst dich entscheiden. Du hast dir das vier-Vollblüter-Limit selbst gesetzt, nun musst du damit umgehen.“ „Ich weiss… Na gut. Die Schimmel gehen. Aber wehe das war die falsche Entscheidung!“ „So so, das ist natürlich bequem, im Falle eines Falles mir die Schuld zuzuschieben. Aber okay, ich übernehme die Verantwortung.“ Ich gab ihm glücklich einen Kuss und legte meinen Kopf an seine Schulter. Ich murmelte: „Hunter Crowley hat auch schon Interesse an den beiden gezeigt. Wenn er tatsächlich eines davon nimmt, wären sie wenigstens noch in der Nähe von uns.“ „Ich bin sicher, dass er bei den süssen Ohren nicht wiederstehen kann“, gluckste Jonas. „Bleiben noch die Paint Fohlen. Behalten oder weggeben?“ „Unclouded ist schon ein richtiger Pachtskerl…“, meinte Jonas zögernd. „Wirklich. Aber irgendwie… Hach ich weiss nicht, wenn wir Shadows Fohlen dann auch noch behalten wollen… Ich habe das Gefühl, dass ich mich gerade noch so von den beiden trennen könnte.“ „Da stimme ich dir zu.“ Ich horchte noch eine Weile seinem ruhigen Atem, dann fielen mit die Augen zu. Endlich fand ich auch den Schlaf, jetzt wo alles beschlossen war.
      Ausritt in goldenem Glanz
      Vai Alida, Rosenprinz, Empire State of Mind, Khiara El Assuad, Mikke, Valentine's Cantastor, Stromer’s Painting Gold
      Langsam wurde die Hitze etwas erträglicher und ein Lüftchen kam auf. Sehnsüchtig fächerte ich es mit meinen Händen zusätzlich zu mir hin, während Quinn sich die Stirn abwischte. Wir Standen im Inneren des Roundpens, um uns herum kreiste Rosenprinz. „That’s right, keep him on this side. If he wants to change the lead, send him back out and forward – make yourself big, shoulders straight. You are the one who decides speed and direction.” Ich gab Quinn gerade ‘Unterricht’, den sie wollte lernen, ihre Körpersprache klarer einzusetzen. Sie machte es nicht schlecht, aber manchmal war sie noch etwas unsicher und neigte dazu, kommandos nur halbherzig zu geben. Quick war der perfekte Lehrmeister, denn der Hengst nutzte jede Unachtsamkeit, um seine Konzentration zu den in der Abendsonne grasenden Stuten hinter den Tannen der Galoppbahn schweifen zu lassen. „If you don’t mean what you say, why should he work for you? He’d rather go and eat that grass at the fence, anytime. But you keep him here, and keep him interested. That’s why – put some energy in your movement and make yourself exciting. Suddenly he’ll be all ears.” Sie nahm sich meine Worte zu Herzen und bewegte den sandfarbenen Hengst nochmal etwas dynamischer, ohne ihn dabei zu jagen. Er leckte und kaute, drehte ein Ohr zu ihr und blendete seine Umgebung für einmal fast vollständig aus. Nun waren beide aber müde und verschwitzt, also liessen wir es gut sein und brachten Quick zum Waschplatz beim Hauptstall. Quinn duschte ihn vollständig ab (und mich, die den Hengst festhielt gleich mit). Wir trockneten seinen Kopf mit einem Handtuch, was er sichtlich genoss. Er rieb seine Stirn daran und machte es dadurch etwas schwieriger für uns, aber am Ende war sein Gesicht schon fast wieder trocken. Ich nahm das Handtuch beim Waschen gerne zuhilfe, um die Region um die Augen zu trocknen, damit kein Wasser mehr reinlief. Pferde mochten es schliesslich als Fluchttiere überhaupt nicht, eine durch das Wasser verschwommene Sicht zu haben. Durch dieses Ritual liessen sich die meisten meiner Vierbeiner das Waschen des Kopfes gut gefallen und hielten brav still. Sie hatten gelernt, dass der Wasserstrahl nicht schlimm war und nur kurz andauerte, wenn sie den Kopf schön gesenkt hielten.
      Wir führten Quick zurück in seine Box und liessen ihn in Ruhe sein Heu fressen. Ajith würde ihn später, wenn er trocken war, nochmal gründlich durchbürsten. Unsere Pferde erhielten nunmal fünfsterne-Pflege und waren beinahe rund um die Uhr betreut, weil immer jemand im Stall war. „Don’t you think they get pampered a bit too much?”, hatte ich Oliver einmal scherzhaft gefragt, worauf hin er zu meiner Überraschung in vollem Ernst meinte, dass die anderen Pferde ihn nichts angingen, aber ‚seine‘ Vollblüter nunmal Top-Athleten seien und entsprechend behandelt werden müssten. „And they know that, too. I mean, look at how they shine from within – they just know they’re the stars of the barn and enjoy every bit of attention.” Ich schmunzelte, als ich mich an seine Worte erinnerte. “What’s so funny?”, fragte Quinn prompt. „Ahh, nothing really“, meinte ich grinsend. “You wanna try out the new one? April, Charly, Parker and Thomas take the ten-year-olds for a ride”, fragte ich sie zwinkernd. Zuerst stand sie etwas auf dem Schlauch und runzelte die Stirn, dann verstand sie, was ich meinte und nickte eifrig. Wir liefen zum Tack-Room und holten die Putzsachen der Pferde. Ich stellte mich vor Vai Alidas Box, die Hände erwartungsvoll auf meinen Hüften aufgestützt. „Come here little girl, we wanna go for a stroll outside“, rief ich die rotbraune Stute, die mich, zu einer Statue erstarrt, ratlos anschaute. Sie beschloss, zur Tür zu kommen und bekam von mir zur Begrüssung ein Stück Karotte. Sie war eben immernoch nicht ganz so aufgeschlossen wie die anderen Pferde, die einem jeweils sofort brummelnd den Kopf entgegen streckten. Ich halfterte sie und stellte sie in die Stallgasse zum putzen. Ihr kurzes, blutrot schimmerndes Fell war rasch entstaubt und geglättet. Auch die gerade, schwarze Mähne und der Schweif waren pflegeleicht, denn erstere war sportlich kurz und der ‚Fliegenwedel‘ nicht besonders dicht. Ich kratzte auch die Hufe aus, dann konnte ich auch schon guten Gewissens satteln. Auch Thomas sattelte sein Reittier; er übernam heute Caprice. Khiara war sogar schon gezäumt und stand mit April bereit zum loslaufen. „‘You finished yet?“, rief Parker vom Hengst-Trakt her fragend. „Yeah yeah, we hurry.“ Ich zäumte Alida und führte sie, den anderen folgend, nach draussen. Empire und Canto standen schon mit Reiter dort. Als alle oben waren, führte Parker mit Empire die Gruppe an und ritt voraus zum westlichen Durchgang der Galoppbahn. Quinn ritt auf der ihr noch völlig ungewohnten, jungen Stute mit, die erst seit kurzem bei uns auf dem Hof war. „How does she feel?“, fragte ich erwartungsvoll. „Nice. I can tell from just the walk that she’s a lot like her daddy.” Meine Augen strahlten bei dieser Aussage – das war es, was ich zu hören gehofft hatte. Es war noch niemand auf der kleinen geritten, seit sie hier war, denn ich hatte sie zuerst eingewöhnen lassen. Cantastor lief zügig voran und machte Empire die Position ganz vorne streitig, fast als wäre auch dies ein Rennen. Er mochte es nunmal nicht, die zweite Geige zu spielen. Charly erinnerte ihn hin und wieder daran, dass er auch noch da war und den Ritt entspannt hinter sich bringen wollte. Caprice und Khiara liefen brav nebeneinander, auch wenn Khiara ab und zu wieder ein wenig die Ohren nach hinten klappte und der Fuchsstute ihre Leitposition streitig machen wollte. Auf der Weide war Caprice nämlich immernoch die Chefin über ihre kleine, vierköpfige Herde, zu der Khiara ebenfalls gehörte.
      Die Sonne verabschiedete sich langsam, jedoch nicht, ohne die Felder und den Wald nochmals in goldenes Licht zu tauchen. Die Stimmung war wie in einem kitschigen Film, als wir so gemütlich dahinritten, oder aber im flotten Galopp über eine Wiese fegten. Alida war voll in ihrem Element und lief in einem aufgeregten Tänzel-Schritt, den nächsten Galoppweg kaum erwartend. Ich nahm’s gelassen und blieb ruhig – etwas anderes blieb mir ohnehin nicht übrig, denn es hatte keinen Sinn, sich heute mit ihr auf eine Diskussion einzulassen. Viel lieber genoss ich das schöne Wetter und die kühle Brise, die meiner Stute sanft die Mähne zerzauste. Das mit weissen Flecken durchzogene Fell von Quinns Reittier schimmerte noch goldiger in diesem Licht, und als ich die freundlich nach vorne gerichteten Ohren und das ‚lachende‘ Gesicht der Stute sah, verstand ich mit einem Mal die volle Bedeutung ihres Namens. Stromer’s Painting Gold, oder einfach nur Goldy...
    • adoptedfox
      Herbstbeginn, oder: es gibt Ärger auf Pineforest Stable, Teil II
      Beck’s Experience, Rapunzel, Glenns Caress, Lady Diva from the Sky, Arctic Blue, Silhouette of a Rose, Papillon d’Obscurité, Tigrotto, Snottles Peppermint, Tic Tac, PFS’ Kicks-a-Lot, PFS’ Shadows of the Past, PFS’ Sarabi, PFS’ Skydive, PFS’ A Winter’s Tale, PFS’ Stop Making Sense, Subsyndromal Symptomatic Depression, PFS’ Counterfire, Daedra, PFS’ Soñando Solas, PFS’ First Chant, PFS’ Cloony, PFS’ Cranberry, PFS’ Cupid, PFS’ Challenging Time, PFS’ Simply Priceless, PFS’ Call it Karma, PFS’ Whirlwind, Mikke, Khiara El Assuad, Vai Alida, Rosenprinz, Valentine’s Cantastor, Empire State of Mind, Areion, Satine, Moon Kiddy, PFS’ Ljúfa, Feline, Numair, Anubis, Bintu Al-Bahri, Farasha, PFS‘ First Chant

      Das Telefon klingelte, und ich hechtete förmlich darauf zu, nur um gleich darauf enttäuscht die Stimme meiner Mutter zu hören. „Ja Mum, ich hab es nicht vergessen... Selbstverständlich könnt ihr an Halloween zu uns rüberkommen… Ja klar, ihr schlaft wie immer im Gästezimmer… Bye.“ Der Anruf, den ich eigentlich erwartete, war von der Polizei; mit Neuigkeiten über meine und Rosies gestohlene Pferde. Doch der blieb auch an diesem Morgen aus. Ich wurde zunehmend besorgter über den Verbleib von Numair, Anubis, Bintu, Farasha und besonders klein First Chant. Ich hoffte einfach, dass sie bald gefunden wurden und unversehrt zurückkehren konnten. Derweilen konnte ich immernoch nicht glauben, wie dreist der Dieb gewesen war. Unser Vertrauen auszunutzen, um sich zuerst ein Bild von der Anlage und den Pferden zu machen – das wahr ja wohl das Letzte. Und das allerschlimmste ist, dass ich davon nichts gemerkt habe! Auch nicht, als er so grosses Interesse an den Arabischen Vollblütern gezeigt hat. Dabei hätte mir seine gezielte Frage, ob ich denn auch Araber besitze, bereits fischig vorkommen müssen. Er wusste schon vorher von den Pferden, das ist sicher, und hat sich auf diesem Weg nur einen ersten Zugang zum Stall verschafft, um sich umzusehen. Doch sich darüber ärgern half jetzt auch nicht mehr. Alles, was ich tun konnte, war abwarten und Tee trinken – Schwarztee, um genau zu sein. Es war einmal mehr halb sechs Uhr, Frühstückszeit. Jonas, mir gegenüber, sah so aus, als würde er gleich mit dem Gesicht in der Müslischüssel einschlafen. Ich gab ein unterdrückt-amüsiertes Glucksen von mir, woraufhin er ausgiebig gähnte. Die Hunde mampften ihr Futter und Lily lag noch bis halb Acht unter ihrer warmen Bettdecke. Kurz darauf zog ich mir meine schwarze Fleecejacke an und verliess das Haus. Es war ein nebliger Morgen in England (wer hätte es gedacht) und noch versteckte sich die Sonne unter dem Horizont. Brrr, kalt und unheimlich. Ich lief etwas zügiger und machte meine morgentliche Stallrunde. Ich liess das Licht im Hauptstall an, woraufhin die meisten Pferde aufmerksam ihre Köpfe hoben und durch die Boxenfenster in die Stallgasse schauten. Ein paar grunzten hungrig, ein paar waren noch ein wenig verschlafen und liessen die Unterlippe hängen. Ich streichelte im vorbeigehen Rosenprinz‘ Nase. Auch Canto und Empire streckten mir erwartungsvoll ihre Köpfe entgegen. „Be patient, boys - your hay is coming.“ Ich hörte nämlich in diesem Moment Stimmen vom Eingang des Stallgebäudes herkommend, die verdächtig nach Ajith und Quinn klangen. „…you know nothing! You have no idea what kind of person he is, and yet you judge him?” “Quinn, I’m just worried about you…” “Oh please, save your breath. It’s none of your business, so stay out of it.” Das Gespräch brach ab und ich vermutete, dass Quinn davongelaufen war. Stirnrunzelnd begab ich mich in Richtung Eingang, um nach Ajith zu sehen. Der Pfleger stand an die Boxenwand gelehnt und sah ziemlich müde aus. „What was that?“, fragte ich vorsichtig. „You heard? Ahhh… Luck isn’t on my side today, huh…“ „Come on, you know I’ll always listen when you have something on your mind.“ Der Pfleger seufzte leise. “It’s about Quinn’s father. Apparently he has a drinking problem… He depends on her beause he has no work and he is apparently violent when he’s drunk; she had some bruises when she returned from visiting him in Ireland. She pretended to have bumped into something, but I don’t believe her. And now she’s angry with me for trying to help.” “I did know that her father is a difficult person, but I had no idea that it was so bad… Maybe I should try talk to her?” Er zuckte mit den Schultern und sah weg. Offenbar glaubte er, dass es ohnehin nichts bringen würde. Ich legte ihm meine Hand beruhigend auf die Schulter und setzte dann meine Runde durch den Hauptstall fort. Bei den Stuten sah ich, dass Khiaras Box etwas wenig Stroh hatte und rief daher in Richtung Ajith, dass sie heute Nachschub brauchte. Die Stute hatte ein seidiges Winterfell entwickelt, dass zwar nicht besonders lang war, sie aber dennoch schön warm zu halten schien. Sie sah mir freundlich entgegen und beschnupperte interessiert meine Hand. Ich streichelte sie rasch, mit einem liebevollen Lächeln im Gesicht. Zira entdeckte weiter vorne eine Maus und verschwand um die Ecke, während ich einen Blick in die restlichen Boxen warf. Alidas sonst so blutrotes Fell war im Moment eher gräulich, weil sie frisch geschoren war. Es hatte mir fast wehgetan, die schöne rote Wolle wegzurasieren, wo sie doch so zum Herbst passte. Aber die Stute hatte auch im Winter anstrengendes Training vor sich, bei dem sie sonst zu viel schwitzen würde. Dafür hatte Caprice ihren Pelz noch, der in leuchtendem Orange schimmerte. Ich sah sie gerade nur von hinten, denn sie sah zum Fenster raus. Mir fiel auf, wie dicht ihr Schweif geworden war, seit sie auf Pineforest Stable angekommen war. Mit dem dunkleren Streifen Haare in der Mitte und den feinen Löckchen an den kurzen, äusseren Haaren sah es richtig edel aus. Caprice bemerkte mich und drehte ihren Kopf nach hinten; aber ging weiter um sie nicht zu stören, denn ich hatte gerade sowieso nichts in der Tasche und sie wurde erst am Nachmittag von Charly bewegt.
      Dafür kümmerte ich mich um ein anderes orangenfarbiges Tier. Naja, sie war schon eher blutorangenfarbig, denn ihr Fuchsfell war jetzt im Winter besonders dunkel. Ich begrüsste Satine mit einer Karotte, die ich zuvor aus der Futterkammer stibitzt hatte. An ihrem grün gestreiften Halfter führte ich sie aus der Box und band sie beim Holzgitter unter dem Nebenstalldach an. Sie beobachtete mit ihren wachen, eisblauen Augen die vorbeilaufenden Pfleger und Pferde. Langsam wurde es nämlich lebendig auf dem Hof und die erste Gruppe von Rennpferden wurde auf die Bahn geritten. Ab nächster Woche wollten wir das Training wieder auf eine spätere Morgenstunde verschieben, da es jetzt ja nicht mehr so warm war und wir so wieder Tageslicht hatten. Ich bürstete Satine ausgiebig durch, bis nur noch ein bisschen Staub vom letzten Weidegang in ihrem Fell übrig war. Auch die Hufe kratzte ich sauber aus. Jonas führte Feline auf dem Kiesweg vor uns an uns vorbei zum Sandplatz. Ich beeilte mich mit Satteln und wir stiessen zu ihnen. Wir ritten die beiden Stuten nebeneinander warm, arbeiteten danach aber einzeln mit ihnen. Jonas machte mit der Criollostute Dressurarbeit, während ich mit Satine ebenfalls an Takt und konstanter Anlehnung arbeitete. Die beiden waren ähnlich weit in der Dressur – solide ausgebildet, aber nicht hauptsächlich darin gefördert worden. Satine war vor allem im Springen top, während Feline ein vielseitiges Freizeitpferd darstellte. Die Arbeit mit Satine machte heute richtig Spass, da die Stute konzentriert mitarbeitete und sich auch nicht von dem bunten Treiben um uns herum ablenken liess. Nur einmal zuckte sie zusammen, als Jacky sich geräuschvoll durch das Gebüsch, das den Sandplatz zierte, hindurchzwängte. Ich schickte die Jack-Russel Hündin zu Zira, die brav im Gras lag und wartete. Jacky setzte sich eher träge neben ihre jüngere Gefährtin und kam umso freudiger angehüpft, als ich sie nach dem Reiten wieder zu mir rief. Ich zerwuschelte das Fell der beiden Hunde zur Belohnung und führte dann Satine zurück zum Absatteln. Jonas war mit Feline schon vorausgegangen und brachte mir kurze Zeit später Moon Kiddy mit, die ich als nächstes Reiten wollte. Er hatte auch Ljúfa im Schlepptau, denn wir wollten gemeinsam mit Robin Lancaster ausreiten gehen. Die Isländerstute war noch ziemlich jung und früh eingeritten für eine Vertreterin ihrer Rasse. Wir hatten aber bisher nur leichte Arbeit mit ihr gemacht, vorallem Ausreiten im Gelände und ein paar leichte Qualifikationsshows. Galoppiert war sie noch nicht unter dem Sattel, nur Schritt, Trab und Tölt geradeaus. Ausserdem ritten sie nur die leichtesten der Pfleger, damit sie nicht übermässig belastet wurde. Deshalb übergab Jonas Ljúfa auch Robin, die gerade angelaufen kam. Jonas selbst holte hingegen Shira mit dem Knotenhalfter aus ihrer Box und band sie neben mir und Moon an. Die dreijährige Stute wurde gerade eingeritten und war erst einmal richtig unter dem Sattel gelaufen. Wir wollten heute nur eine kleine Runde mit den drei Stuten drehen, wobei Moon als erfahrenes Lehrpferd diente. Die Hunde warteten geduldig, bis wir gesattelt hatten. Sheela war nun auch dabei, denn sie war wiedermal bei Jonas geblieben. Beim Satteln war ‚Prinzesschen‘ noch ein bisschen unruhig, obwohl wir schon einige male geübt hatten. Ich liess die bereits mit dem Bosal gezäumte Moon rasch stehen und vertraute darauf, dass sie nirgens hinging, denn ich wollte Jonas noch bei Shira helfen. Wir zäumten die Ponystute über dem Knotenhalfter und ich nahm sie später beim Aufsteigen zunächst zusätzlich als Handpferd an den Strick. Als alle oben waren, ritten wir eine Runde zur Galoppwiese und dem Waldrand entlang. Zum Glück konnte ich mich so gut auf Moon verlassen, denn die Stute liess sich ausgezeichnet von mir dirigieren und zickte auch nicht, wenn wir Jonas mit Shira helfen mussten. Einmal wollte die unerfahrene Ponystute zum Beispiel nicht an einem Holzhaufen vorbei, sodass ich Moon kurzerhand nutzte, um sie vorwärts zu treiben. Auch mit den frischen Vollblütern war Moon jeweils Gold wert als Trackpony. Ich kraulte sie dankbar durch die dichte Mähne am Hals, als wir das Hindernis geschafft hatten.
      Den ganzen Morgen über ritt oder longierte ich verschiedene Pferde, kurz vor dem Mittag musste ich aber auch noch etwas Buchhaltung für Pineforest erledigen und mich daher in mein Schreibzimmer begeben. Danach hiess es Mittagessen kochen. Lily erzählte uns von nervigen Lehrern und Mitschülern, das Übliche. Sie schien froh, dass sie am Nachmittag keine Schule hatte und zu den Pferden konnte. Sie erklärte stolz, dass sie mit Areion heute Geländesprünge üben wollte. Ich hielt das allerdings für keine gute Idee angesichts des nassen Bodens und weil ich heute keine Zeit hatte sie dabei zu coachen. Es war mir einfach doch noch etwas zu riskant die beiden alleine an den teils massiven Hindernissen üben zu lassen, auch wenn sie nicht hoch eingestellt waren. Lily war natürlich enttäuscht, aber ich munterte sie auf indem ich ihr anbot, dass wir später zusammen mit den Fohlen spielen konnten und überzeugte sie, stattdessen mit Areion heute Abend zu Elliot in die öffentliche Dressurstunde zu gehen. Nach dem Essen nahm ich die Hunde mit zu den Miniature Horses. Die kleinen Pferdchen wollten schliesslich auch gepflegt werden und hatten sich schonmal schön schlammig gemacht, damit sie auch nicht zu kurz kamen. Während die Hunde durch das halbhohe Gras streunerten, begann ich Arco zu putzen. Der silbergraue Hengst hatte jetzt mit dem Winterfell deutlichere Dapples als im Sommer – früher war es manchmal noch fast umgekehrt gewesen. Seine fast ganz weisse Mähne war mit ein paar Dreck-Rastas versehen, welche sich aber gut entfernen liessen. Das wollige Winterfell striegelte und bürstete ich ausgiebig, aber die beine waren nicht gerade einfach sauber zu bekommen, so feucht wie sie waren. Ich putzte sie so gut es ging, verschwendete aber auch nicht zu viel Energie daran, denn er würde ohnehin bald wieder für Shows geschoren werden. Dasselbe war es auch mit Lenny und Becks. Wobei ‚Red’ schon vor dem Putzen von allen noch am besten ausgesehen hatte. Bei den Stuten war Lewis mittlerweile mit dem Misten fertig und bürstete nun ebenfalls fleissig die dichte Wolle der Vierbeiner. Er war mit Rose schon fertig und kümmerte sich gerade um Tigrotto. Ich schlüpfte unter dem Zaun durch und fing Lady ein. Die Fuchsstute folgte mir willig zum Zaun und liess sich genüsslich von mir massieren. Sie sah so edel aus, trotz des Winterfells, wenn sie ihren Hals vor Wohlsein rund machte. Mit den beiden Youngsters, Kiwi und Tiki, wollte ich einen kleinen Spaziergang machen. Lewis nahm bei der Gelegenheit auch gleich Queenie und Papillonmit. Die beiden hatten heute frei (sie waren gestern auf einer längeren Trainingsfahrt gewesen) und so ein Spaziergang war bestimmt lockernd für die beanspruchten Muskeln. Wir gingen mit den vier Ponys zum Fluss und über die Feldwege um Pineforest herum. Auf dem Heimweg begegneten wir Lily, die mit Peppy ohne Sattel und mit dem Stallhalfter unterwegs war. Ich rief ihr nach, dass sie bei der Strasse vorsichtig sein solle und erntete nur ein klangvoll ausgerufenes „Ich we-iss“. Lewis grinste nur belustigt und wir plauderten weiter über die kommenden Fahrturniere.
      Während Lily noch im Gelände herumdümpelte, ging ich schonmal zu Thairu, dem Zebra. Sie und Zazou, den wir ab und zu aus Gewohnheit immernoch Dante nannten, standen Popo-an-Kopf nebeneinander unter dem geschützten Unterstand, den wir für sie gebaut hatten. Beide hatten kaum Winterfell aufgrund ihrer Art, vertrugen die Kälte im Winter aber trotzdem ziemlich gut, solange sie einen Rückzugsort hatten. Ich trainierte im Moment nicht mehr so oft mit Thairu, weil mir die Zeit dazu schlichtweg fehlte. Ich hatte aber nicht das Gefühl, dass ihr das schadete. Im Gegenteil; sie vergass kaum etwas zwischen den Trainingseinheiten und war jeweils entspannt, wenn wir wiedermal mit ihr arbeiteten. Ich putzte sie heute nur gründlich durch, ebenso wie den Wildesel neben ihr. Thairu mochte es besonders an ihrem Unterhals gestreigelt zu werden. Aber auch Zazou hatte eine Lieblingsstelle, nämlich hinter seinenen langen Löffeln. Ich klopfte dem Zebra beim Gehen auf den Po und begab mich in Richtung Fohlenweiden. Lily hatte Peppy versorgt und kam angerannt, als sie mich sah. „Was wollen wir mit ihnen üben?“, fragte ich meine Nichte, sobald sie in Hörweite war. „Blachen! Und den Gymnastikball, und vielleicht Flattervorhang?“ „Ich glaube Ball und Blachen reichen für heute, aber wir können noch ein paar Kegel aufstellen und Führtraining machen.“ „Ja!“ Sie lief voraus zur Halle, denn im Bereich vor der Reiterstube hatten wir einen Lagerraum für das ganze Bodenarbeitsmaterial. Ich folgte und gemeinsam trugen wir die Übungsgegenstände zu den Weiden. Die Hunde waren wie immer mit dabei, und bei der Halle waren wir dem Kater Kafka begegnet, der uns von der Treppe zur Tribüne aus scharfäugig beobachtete hatte. Als erstes wurden wir bei den Weiden von Skyrim begrüsst, der Lily sofort seine rosa Schnauze ins Gesicht streckte. Das erstaunte mich nicht sonderlich, so viel, wie sich meine kleine Nichte mit dem Reitpony beschäftigte. Auch die anderen Hengstfohlen kamen neugierig näher, während wir den ‚Parcours‘ aufstellten. Cupid begann sogar frech an der Blache herumzuzupfen und sie mit dem Huf zu bearbeiten. Simply blieb erstmal auf Abstand, traute sich dann aber doch neben Cupid an der blauen Blache zu schnuppern. Übrigens waren die Vollblutfohlen mittlerweile abgesetzt worden und nach Pineforest umgezogen. Das Verladen der halbjährigen war natürlich ein riesen Ereignis gewesen, mit viel Gequietsche und grossen Augen. Aber am Ende hatte alles ohne Zwischenfälle geklappt und die Fohlen waren gut angekommen. Als wir alles bereitgestellt hatten, holte ich zwei Halfter und Stricke damit wir das Führtraining machen konnten. Selbstverständlich behielt ich Lily die ganze Zeit im Auge, während sie zuerst Skyrim und danach Clooney durch die Pylonen führte. Sie hatte die Anweisung den Strick einfach loszulassen, falls sich einer der Halbstarken erschrecken sollte. Ich selbst führte Mambo an den Gymnastikball heran, bis er ihn mit den Vorderbeinen wegschubste. Er erschreckte sich leicht, liess sich aber erneut auf mich ein und war bei den weiteren Versuchen schon viel mutiger. Solas kam natürlich auch dran und zeigte bei den Blachen bereits jetzt Nervenstärke. Ich war sicher, dass er einmal ein hervorragendes Trailpferd werden würde.
      Bei den Stuten lief es ähnlich ab; die meisten waren ziemlich neugierig und untersuchten die Mitbringsel. Besonders die älteren wie Sarabi, Daedra, Snowflake, Fire und Dolly hatten schon einige solcher Spieleinheiten hinter sich und kannten die Gegenstände. Aber auch Cranberrytraute sich sofort heran und bearbeitete den Ball mit ihren Fohlenzähnen. Ich war froh, dass Chime jetzt auch auf Pineforest war und ich sie jeden Tag im Blick hatte. Ella hatte zwar gute Arbeit geleistet und sich ausreichend um das schwächliche Stutfohlen gekümmert, aber mir war trotzdem wohler, wenn ich mich selber um sie kümmern konnte. Sie war und blieb ziemlich schmal, man sah auch ihre Rippen recht gut. Aber laut dem Tierarzt war sie soweit über dem Berg und mit genügend Futterzusätzen würde sie auch gross werden. Es war natürlich eine aufwändige Zukunft, die da vor uns lag, doch für das hübsche Stutfohlen wollte ich keine Mühen scheuen. Sie war mir schon so ans Herz gewachsen, dass ich sie keinesfalls loslassen könnte, auch wenn Oliver skeptisch war, ob die kleine jemals eine Zukunft als Rennpferd haben oder überhaupt gesund bleiben würde. Ich wollte es wenigstens versuchen und ihr diese Chance geben. Weniger dramatisch stand es um die dratige, grobknochige Karma. Sie war ein richtiger Brocken, und ich schätzte, dass sie wohl ein ordentliches Stockmass erreichen würde. Wegen ihrer langen Beine sah es lustig aus, wenn sie grasen wollte. Sie stand dann jeweils vorne ganz breit auseinander. Nun fehlte nur noch Indy, die immernoch bei Ella stand, weil sie ungefähr zwei Monate jünger als die anderen Fohlen war. Ich freute mich schon darauf, endlich alle Fohlen auf dem Hof zu haben. Lily und ich versorgten alles wieder in der Halle, sobald wir fertig waren. Danach gingen wir erstmal ins Haus um uns mit einer Tasse Tee aufzuwärmen, denn es war bereits am Vormittag eine kühle Bise aufgezogen, die sich hartnäckig gehalten hatte. Immerhin war der Himmer klar und blau. Lily ging später wie beschlossen in die Dressurstunde und ich kümmerte mich um zwei neue Pensionäre – denn ich hatte beschlossen, die leeren Boxen auf Pineforest zu vermieten. Im Moment standen schon zwei auswärtige Pferde im Stall, und eines davon war unser alter Freund Fajir. Der Besitzer war sofort mit ihm zurück hierhergezogen, als er von den freien Boxen erfahren hatte. Er war ohnehin seit er den Cremello besass zu uns in die Reitstunden gekommen, und nun konnte der begeisterte junge Herr auch von der restlichen Infrastruktur von Pineforest profitieren. Heute waren nun noch ein weiteres mir unbekanntes Pferd, und Majandro angekommen, den ich ebenfalls vor einer ganzen Weile verkauft hatte. Ich war sicher, dass auch noch weitere der Pferde folgen würden, die ich in unsere Nachbarschaft abgegeben hatte.
      Gegen halb Zehn Uhr klingelte das Telefon bei uns erneut. Ich liess Jonas rangehen, da ich gerade Wäsche bügelte, weil unsere Putzfrau (jawoll, so faul war ich seit Jahren) mit Grippe im Bett lag. Ich lauschte mit einem Ohr dem Gespräch und mein Puls schlug schneller, als ich mir zusammenreimte, worum es ging. „Sie haben sie gefunden?“, hauchte ich zu Jonas, der mir grinsend einen Daumen hoch als Antwort gab, während er dem Beamten zuhörte. Ich machte förmlich einen Freudensprung und konnte es kaum erwarten, die Details zu hören. „… Okay, we’ll pick them up right tomorrow, if that is possible. Yeah sure. Thank you so very much.“ Er legte auf und ich umarmte ihn erstmal vor Erleichterung. “Sie wurden in der Nähe von Southampton in einem Schuppen gefunden. Offenbar wollten die Diebe sie demnächst bei einer Nacht und Nebel Aktion per Schiff nach Frankreich und von dort aus mit gefälschten Papieren weiter transportieren. Die Polizei hat die Dokumente beschlagnahmt, es war offenbar alles schon vorbereitet. Wir hatten Glück, denn es wäre schwierig geworden, sie im Ausland aufzuspüren. Wir können sie morgen holen gehen – ach ja, und sie seien in einem recht guten Zustand, also ist ihnen nichts weiter passiert.“ Mir kamen beinahe Freudentränen, was mich erstaunte, weil ich normalerweise nicht so nah am Wasser gebaut war. Vielleicht werde ich doch langsam zu einem normalen Menschen wie alle anderen, überlegte ich im Stillen. Falls ja, liegt das definitiv an dem guten Einfluss meiner grossen Familie hier.
      Military E-A
      Mikke, Indiana, Vai Alida, Empire State of Mind, Valentine’s Cantastor, Rosenprinz, Khiara El Assuad

      Man merkte, dass der Herbst angebrochen war. Ich befand mich vor der Führanlage und zitterte ungewollt ein wenig, als ein kühler Wind durch die Passage zum Innenhof des Hauptstalls fegte, meine hellroten Haare zerzausend. «Willst du nicht was Wärmeres anziehen?», fragte Jonas abermals. Er selbst war bereits in einen kuscheligen Faserpelz eingepackt, während ich im Pulli dastand. «Aber beim Reiten hab ich nachher wieder zu warm.» «Du reitest ja erst, wenn wir dort sind. Bis dahin dauert es noch etwas.» Da musste ich ihm rechtgeben. Seufzend beschloss ich, nachher auch noch schnell eine Fleecejacke zu holen. Ein Rumpeln ertönte aus dem Inneren der Führmaschine. Wir waren gerade dabei, Goldy daran zu gewöhnen, brav mitzulaufen – doch die Stute hatte andere Pläne und wurde jedes Mal unruhig, wenn es einen Richtungswechsel gab. «Whoa, it’s all right girl» Ich lief rasch ein wenig aussen mit ihr mit, bis sie sich beruhigt hatte. «Much better already», bemerkte Jonas. So langsam merkte die Stute, dass alles was sie zu tun hatte Geradeauslaufen und manchmal Umkehren war, nicht wie am Anfang die Wand vor ihr zu schieben, oder mit dem Hinterteil die hintere Wand zu malträtieren. Ich überliess Ajith die restliche Aufsicht und begleitete Jonas ins Innere des Hauptstalls, um die Pferde vorzubereiten. Immerhin wollten wir an ein Militaryturnier, und das mit ganzen 7 Pferden. Jonas holte Caprice und Alida aus ihren Boxen, Ich band Quick, Cantastor und Empire in der Stallgasse an. Quinn stiess ebenfalls dazu und kümmerte sich um die letzten beiden; Khiaraund Indiana. Es handelte sich zwar nur um ein Übungsturnier zum Erfahrung sammeln, aber wir wollten trotzdem einen guten Eindruck hinterlassen und mit sauberen, gepflegten Pferden erscheinen. Zum Glück waren die Vollblüter so früh morgens noch nicht schmutzig, weil sie noch nicht auf der Weide gewesen waren. Ich wischte mit der Staubbürste über Empires Rücken, wobei sich schon ein paar weisse Haare lösten. Er hatte längst mit dem Fellwechsel begonnen und war schon ziemlich wollig im Vergleich zu seiner Sommer-Figur. Darren tauchte hinter Canto auf und und half mir mit den drei Hengsten; er kam ebenfalls mit. Ich kratzte Quicks Hufe aus. Er hatte einen kleinen Stein unter der Kante seines Hufeisens eingeklemmt, den ich erst nach einigem Herumwerkeln herausbekam. Normalerweise hatte ich es ja mittlerweile lieber, wenn meine Pferde barhuf waren. Ich hatte mich diesbezüglich immer wieder weitergebildet und einige interessante wissenschaftliche Ansichten gelesen. Doch im Military, das vorwiegend auf Gras stattfand, zum Teil hohes Tempo verlangte und auch ohne rutschende Hufe schon gefährlich genug war, ging ich den Kompromiss mit gestollten Hufeisen ein. Was die restlichen Pferde betraf waren die meisten Ponys barhuf und auch sämtliche Criollos, Westernpferde, Distanzpferde und sogar ein paar der jungen Vollblüter. Die Warmblüter hatten während der Turniersaison Eisen, damit sie in höheren Springklassen auch auf Gras starten konnten. Jedenfalls waren wir langsam fertig mit Putzen und konnten mit dem Verladen beginnen. Alida und Khiara zickten beim Einsteigen, aber wir brachten sie mit ein wenig Geduld auch hinein, und die anderen stiegen alle relativ unkompliziert zu. Die Fahrt dauerte eine Dreiviertelstunde, dann kamen wir auf dem Turniergelände an. Wir öffneten die Klappen, luden alle Pferde aus, banden sie an den Anhängern fest und sattelten. Ich war mit Indiana angemeldet, die heute vor Energie nur so strotzte. Sie war schon beim Aufsteigen ungeduldig, sodass ich sie zuerst ein paarmal rückwärts schicken musste, bis ich anständig auf ihren Rücken kam. Ich war daher die letzte, die oben sass. Wir ritten zum Startpunkt und warteten auf unseren Aufruf. Es gab verschiedene Hindernisse, je nach Trainingslevel, die meistens nebeneinanderstanden, sodass man beim Durchreiten einfach die richtige Strecke erwischen musste. Mit Indiana waren wir für das novice-Turnier gemeldet, ihr erstes in dieser Schwierigkeitsstufe. Wir hatten dafür ausgiebig trainiert und wollten nun überprüfen, ob sie mit den Hindernissen auch auf einem Turnier klarkam. Es war nicht besonders schwierig aufgebaut, soweit ich beim Ablaufen der Strecke feststellen konnte, also würde es sicher machbar sein für die Stute. Als ich mich beim Start aufstellte, war Indiana erstaunlich ruhig und wartete konzentriert auf das Startsignal. Das Personal gab mir ein Handzeichen, ich nickte und galoppierte an. Das erste Hindernis stand ziemlich nahe am Start und war eine Art dreieckiger Holzkasten, ein Standardhindernis. Indiana galoppierte mutig darauf zu und übersprang es ohne Mühe. Wir galoppierten flüssig weiter und folgten den Spuren unserer Vorreiter im Gras. Der zweite Sprung war mit Rundhölzern und blauen Blumen verziert, was ganz hübsch aussah. Ausserdem war er sehr einladend weit. Ich ritt ihn in einem leichten Winkel an, was Indiana gut meisterte. Wir mussten einen Schotterweg überqueren und durch die Lücke der ihn säumenden Büsche bzw. Bäume reiten. Danach ging es einem Zaun entlang, hinter dem der Fussgängerweg lag. Es dauerte einen Moment, bis wir das nächste Hindernis erreichten. Diesmal eine rote ‘Hundehütte’ mit grauem Dach und gelbroten Blumen davor. Dieses Kastenhindernis war schon etwas weniger weit, aber noch immer ziemlich einfach zu überspringen. Indiana bremste ein wenig ab und drehte ein Ohr aufmerksam zu mir, dann hopste sie wie ein Gummiball darüber. Wir mussten zwischen ein paar Sprüngen hindurchgaloppieren, wobei Indiana etwas zögerte. Vielleicht war sie sich nicht sicher, ob sie über einen der Sprunge drüber musste? Jedenfalls schien sie wieder fokussierter, als wir das richtige Hindernis, einen Baumstamm, passierten. Wir bogen leicht nach rechts und überquerten die Wiese bis zu einer lichten Baumgruppe. Dort lag abermals ein Baumstamm bereit, jedoch schmaler als der vorherige. Ausserdem war dieser Sprung eindrucksvoller, weil Indiana in den Schatten der Bäume springen musste. Wir bleiben in dem Wäldchen und folgten der Grasstrecke an weiteren Hindernissen der intermediate-Klasse vorbei, ohne ein einziges zu überspringen. Die Strecke war unglaublich schön und man vergass fast ein bisschen, dass man mitten in einem Turnier war. Ich wurde jedenfalls daran erinnert, als wir den Schatten verliessen und endlich wieder ein Hindernis kam. Es lag zusammen mit einem weiteren Hindernis unter einem einzelnen Baum und ich musste einen Moment lang überlegen, welches das richtige war. Dann sah ich zum Glück rechtzeitig die Markierung und wählte das linke der beiden treppenartigen Hindernisse. Wir galoppierten über eine noch immer von Baumgruppen gesäumte Grasfläche und kamen zu einem hübsch aussehenden ‘Haus’, vor dem Indiana sich ein wenig fürchtete. Ich schnalzte und trieb sie durch ihr Zögern, bis sie es einigermassen flüssig aber etwas übertrieben hoch übersprang. Ich lobte sie mit meiner Stimme und klopfte ihr rasch auf den Hals. Abermals folgte eine eher schmale Strecke im Wald, von der wir nach einer Weile durch das lichte Baumwerk abbiegen und über einen Kasten mit Baumstamm springen mussten. Dahinter erkannte ich wieder das Zentrum des Turniergeländes mit dem Festzelt und den Parkplätzen, wir hatten also einen Bogen gemacht. Es ging scharf links auf eine Gruppe von Wasserhindernissen zu. Wir mussten hier lediglich durch das Wasser reiten, keinen der Sprünge überwinden. Dafür folgte kurz nach dem Wasserausstieg eine einigermassen schmale Ecke, die mit Baumstämmen verziert war, und nach der es erneut auf eine schmale Waldstrecke ging. Als wir wieder ins Freie kamen, galoppierten Indiana und ich einen Hügel hinunter, wobei ich die Rapp-Stute etwas bremsen musste, weil sie zu übermütig wurde. Aber zugegeben; es machte auch mir ganz schön Spass, die offene Wiese hinunter zu brettern. Das folgende Baumstammhindernis übersprangen wir mühelos und flüssig. Beim direkt dahinter folgenden graben zögerte sie jedoch wieder einen Moment lang, was ich ihr nicht verübeln konnte, denn mit Gräben hatte sie noch kaum Erfahrung – auch wenn dieser hier nicht besonders breit oder tief war. Wir ritten durch eine Baumlücke und übersprangen eine Hecke am Waldrand, worauf eine sanfte Linkskurve mit einer ausgiebig langen Galoppstrecke folgte. Dann setzten wir über einen kleinen Tisch und kamen zu einer weiteren Wasseraufgabe, die eine ziemlich genaue Wiederholung der vorherigen war. Bei dem darauffolgenden Baumstamm, der etwas erhöht und ohne unterbau platziert war, verlor ich ein wenig die Balance und musste mich wiederaufrichten. Langsam wurde ich wohl selbst etwas müde. Ich lobte Indiana, dass sie so zuverlässig gesprungen war, obwohl ich ihr nicht wirklich hatte helfen können. Wir passierten erneut in einem rassigen Galopp den Kiesweg und folgten dem Waldrand auf einer langen Galoppstrecke zu einer Kastenkombination. Die beiden Hindernisse lagen fünf Galoppsprünge auseinander und ich zählte leise mit, damit wir auch wirklich passend kamen. Nach einer weiteren Galoppdistanz folgte ein letzter Kasten, der aus simplen Brettern aufgebaut war. Ich gab nochmal alles; Indiana schien ebenfalls die Ziellinie im Blick zu haben. Wir überwanden das Hindernis, ehe ich der Rappstute den Kopf freigab und sie bis zur Zeitmessung nochmal anfeuerte. Danach kraulte ich sie lobend am Hals und liess sie in den Trab fallen. Oliver empfing uns, zusammen mit Jonas und Quinn. Sie übernahmen Indiana und Jonas reichte mir eine Flasche Wasser. Indiana wurde abgesattelt und trockengeführt, während Oliver und ich uns den Durchgang von Empire anschauten. Der Schimmel war flott unterwegs, patzte aber leider beim zweitletzten Hindernis, weil er zu flach wurde. Passiert war ihm dabei zum Glück nichts. Auch bei Caprice lief nicht ganz alles nach Plan; sie verweigerte zuerst vor dem Wasser, weil es wohl zu sehr spiegelte. «Schade, dabei haben wir das so oft geübt...», bemerkte ich an Jonas gewandt, der Indiana inzwischen zum Heufressen in den Anhänger gestellt hatte. Quicks Runde hingegen war ein wahrer Augenschmaus. Er flog mühelos über die Hindernisse hinweg und zögerte dabei kaum, nicht einmal beim schwierigen Wassereinsprung oder beim sogenannten Eulenloch. Er war zweifellos überqualifiziert für diese Stufe und Oliver wagte zu behaupten, dass er mittlerweile auf vier-Sterne-Niveau sein könnte. Das würde bedeuten, dass er international zur Höchstklasse gehörte, was mich unheimlich stolz machte.
      Nach dem Turnier liessen wir die letzten Pferde grasen, bis sie ausgekühlt waren. Dann ging es ab nach Hause, wo bereits eine warme Dusche, Solarium und das wohlverdiente Abendessen auf die Vierbeiner warteten.
      Aftermath
      Satine, Dancing Moonrise Shadows, Ronja Räubertochter, PFS’ Dancin’ to Jazz, Moon Kiddy, Phantom, Fake xx, PFS’ Ljúfa, Estragon Sky, Areion, Co Pilot de la Bryére, Vychahr, Flintstone, tc Herkir, PFS’ Ljóski, Drømmer om Død, Circus Dancer, Feline, Unbreaking Soul of a Rebel, PFS’ Navy Sniper, PFS’ Bacardi Limited, Lovely Summertime, Burggraf, Cantastor, Chiccory ox, Sunday Morning, Rosenprinz, Empire State of Mind, Gleam of Light, Caspian of the Moonlightvalley, A Winter’s Day, Spotted Timeout, Framed in History, One Cool Cat, PFS’ Merino, Simba Twist, PFS‘ Cryptic Spots, Mikke, Khiara El Assuad, Indiana, Vai Alida, Sympathy of the Devil, Campina, Sumerian, Cabinet of Caligari, PFS’ Captured in Time, Kaythara El Assuad, Nosferatu, PFS’ Sarabi, PFS’ A Winter’s Tale, PFS’ Stop Making Sense, Subsyndromal Symptomatic Depression, PFS’ Counterfire

      Der Tag nach dem Sturm war von Aufräumarbeiten geprägt. Der Forstwart kam gegen Nachmittag vorbei, um die gefallenen Tannen einzusammeln, aber abgebrochene Äste mussten wir selber wegräumen. Damit waren wir den ganzen Morgen beschäftigt, denn es gab reichlich davon. Auch die Zäune mussten kontrolliert werden, bevor wir die Pferde wieder auf die Weiden lassen konnten; dazu schickte ich April los. Jonas, Ajith, Quinn, Oliver, Parker, Lisa und ich liefen die Galoppbahn ab und luden das Geäst in Schubkarren. Hier lag zum Glück nicht so viel Schnee (wenn im Moment auch mehr als sonst), sodass wir gut vorankamen. Insgesamt waren vier Tannen dem Wind zum Opfer gefallen. Sonst hatte es zum Glück aber kaum Schäden gegeben. Gegen Mittag waren wir soweit, dass wir die ersten Gruppen wieder rauslassen konnten. Wir zäunten alle Fluchtwege ab und liessen die Stuten aus dem Nebenstall auf die unterste, lange Weide laufen. Sie mussten nicht zweimal aufgefordert werden: alle trabten oder galoppierten sogar zwischen den anderen Weiden hindurch in Richtung der schneebedeckten Wiese. Satine trottete zuhinterst den anderen nach, offenbar nicht sonderlich bemüht, jemanden einzuholen. Die Stuten aus dem Offenstall kamen wie immer an den Zaun, um ihre Kolleginnen zu begrüssen. Shadow und Ronja steckten die Schnauzen zusammen, aber gingen kurz darauf quietschend wieder auseinander. Jazz beobachtete die beiden interessiert, bevor sie von Moon mit einem warnenden Ohrenspiel verscheucht wurde, weil diese ebenfalls zum Zaun wollte. Besonders Phantom hatte die Nase zuvorderst und schien erfreut über den Besuch. Nach dem Begrüssungsritual begannen die Stuten im Schnee zu scharren, um sich zu rollen, oder unter der weissen Decke nach müden Grashalmen zu suchen, während die Offenstallherde sich wieder unter die Bäume bewegte. Nur Fake und Ljúfa blieben beim Zaun, um miteinander zu spielen. Phantom behielt die schwarze Isländerstute vom Schatten der Bäume aus im Auge, machte sich aber nicht die Mühe, sie zu den anderen zu treiben. Er hatte noch immer ausgeprägtes Herdenverhalten, dass er wohl bis ans Ende seiner Tage behalten würde, doch inzwischen hatte er auch begriffen, dass ‘seine’ Stuten nirgends hinkonnten, weil der Zaun sie eingrenzte. Dadurch war er trotz seiner grossen Herde sichtlich entspannter geworden. Jonas und ich grenzten den unteren Teil des Weges ab und leiteten Mikke, Khiara, Indiana, Vai Alida, Sympathy, Campina, Sumerian, Caligari, Ciela und Kaythara auf die untere der beiden Weiden neben den Miniature Horse und Fohlen Offenställen. Anschliessend durften die übrigen Vollblutstuten auf die Weide daneben. Die Hengste teilten wir ebenfalls auf zwei der grossen Weiden ausserhalb des Hofes auf, auch die aus dem Nordstall. Normalerweise kamen nicht alle Pferde gleichzeitig raus, aber da heute Morgen der Weidegang wegen der Aufräumarbeiten ja ausgefallen war, konnten wir so die Zeit wieder wettmachen und inzwischen nochmal alle Boxen Misten, das Futter vorbereiten, oder die Stallgassen wischen. Das taten wir auch – zumindest bis Ajith mich darüber informierte, dass die meisten der Hengste auf der Weide neben dem Pinienwald verschwunden waren. Verdutzt und ungläubig sah ich ihn an. «U sure they aren’t just under the trees or somethin?» Er schüttelte grimmig den Kopf. Anscheinend waren Artemis, Areion, Donut und Baccardi (Senior) noch dort, aber die restlichen fehlten. «Aaaapril…», rief ich genervt durch den Hauptstall. Die Pflegerin tauchte hinter der nächsten Ecke auf und liess ein unschuldiges «hmm?» hören. «You said you checked ALL the fences, right?» «Well…» «Well what?» «I didn’t walk all the way ‘round of course, I mean, it would have taken me forever. But the parts that I checked looked all real good, so the rest should be fine, too.» «Doesn’t quite seem like it.», konterte ich ungeduldig und schickte Ajith los, um Oliver zu holen. Wir trommelten die verfügbaren Pfleger zusammen und planten die Suche rasch, danach schwärmten alle aus, um entweder per Auto oder per Pferd nach der ausgebüxten Herde zu suchen. Meine Vermutung war, dass die Pferde irgendwo im Pinienwald herumstreunten, oder aber hinter dem Wald auf einer Wiese – allerdings glaubte ich nicht, dass sie sich allzu weit von ihrem Zuhause entfernt hatten. Bevor wir überhaupt mit der Suche anfangen konnten, kam plötzlich Co Pilot, gefolgt von Vychahr, Ljóski, Flint, Herkir und Dancer seelenruhig von den Weiden her über den Kiesweg geschlendert. Unterwegs hielten sie immer mal wieder an, um Grashalme am Wegrand zu zupfen, oder mit den Miniature Horses die Schnauze zusammenzustecken. Ich hörte Lewis, der bereits in diese Richtung unterwegs gewesen war, laut lachen und beobachtete, wie er auf Pilot zuging, um ihn an seinem Halfter zu greifen und ihn zu streicheln, während ich mich selbst zügigen Schrittes auf den Weg dorthin machte. Grinsend stellte ich fest «That’s a fine boy. Brought your buddies home, didn’t ya?» Ich klopfte ihm stolz auf den Hals und nahm dann Ljóski und Herkir am Halfter, während Lewis Pilot und Vychahr führte, sodass die letzten beiden uns einfach folgten. Wir brachten alle zurück in ihre Boxen, wo die (eigentlich) Abendportion Heu auf sie wartete, sodass sie gewissermassen eine Belohnung für ihre freiwillige Heimkehr hatten. Herkir kniff Loki eifersüchtig ins Hinterteil, als dieser vor ihm reindurfte. Vilou wartete geduldig, bis Lewis Pilots Box geschlossen hatte. Dancer lief bereits selbstständig vor seine Boxentür und wartete dort, bis jemand für ihn öffnete, während Flint draussen blieb und neben dem Vorplatz graste, bis ich ihn abholte. Danach schlossen Lewis und ich uns der Suche nach den restlichen Pferden an. Zuerst hatte ich die Idee im Kopf, mit dem Fahrrad zu gehen – das konnte ich aber natürlich gleich wieder abhaken, angesichts des vielen Schnees. Also Rannten Lewis und ich kurzerhand zum Offenstall, schnappten uns Moon und Feline, schwangen Westernsättel über ihre Rücken und ritten im Halfter los. Zira, Sheela und Jacky rannten freudig nebenher, als wir den Weg am Waldrand runtertrabten. Lisa, Elliot und Jonas waren bereits vor Ort, als wir die ersten Pferde fanden. Jonas hatte Rebel an den Führstrick genommen. Er war mit Hilfe von Shadow problemlos an den Hengst rangekommen. Ich war einmal mehr froh, dass wir unsere Hengste so rigoros trainierten und erzogen, damit sie in jeder Situation händelbar und respektvoll blieben, ansonsten wäre die Fangaktion auf diese Weise undenkbar gewesen. Einen Haken gab es: die Neulinge, Sniper und Bacardi, hatten ebendiese Erziehung natürlich noch nicht erfahren. Daher waren sie recht aufdringlich, als wir mit den vielen Stuten in die Nähe kamen. Dennoch schafften wir es, die Gruppe hinter Jonas, Shadow und Rebel zurück zum Hof zu treiben. Sogar Dod lief brav mit, obwohl er ja manchmal recht eigenwillig sein konnte. Wann immer Sniper und Bacardi unseren Reittieren zu nahekamen, legten diese zuverlässig die Ohren platt und wiesen die Jungspunde zurecht. Besonders Moon war im ‘Cutting Modus’ und verstand keinen Spass mit aus der Reihe tanzenden Individuen. Sie machte ihren Hals rund, plusterte sich tänzelnd auf und schlug ab und zu mit dem Schweif, um ihre Gesten zu verdeutlichen. Als wir endlich alle Pferde wieder in ihre Boxen versorgt hatten, war es bereits vier Uhr. «Phew, alright. Thank you guys, let’s go back to work.» Unter zustimmendem Gemurmel zerstreuten sich die Pfleger wieder und Normalität kehrte ein. April schien sich ihren Fehler zwar immer noch nicht so recht einzugestehen, wischte aber gründlicher als sonst. Ich schüttelte den Kopf über dieses Verhalten, beschwichtigte mich selbst aber mit dem Gedanken, dass sie wenigstens sonst gut mitarbeitete.
      Ich sattelte Summertime und führte sie zum Sandplatz. Die Paint Stute hatte beim Striegeln schon ein paar erste Haare verloren, der restliche Plüsch war aber noch voll ausgebildet und glänzte seidig in der Wintersonne. Ich stieg auf und ritt sie ausgiebig warm, dann machte ich ein paar Reiningübungen. Wir arbeiteten am Stop aus verschiedenen Galoppgeschwindigkeiten. Sie beherrschte die Lektion zwar längst; ich wollte sie aber noch weiter verfeinern, sodass es auch auf kleinste Hilfen klappte. Im Schnee machte das echt Spass, weil es richtig schön spritzte, wenn sie gekonnt darauf herumrutschte. Der Schnee hatte genau die richtige Konsistenz dafür, denn er war schön pulvrig und leicht. Auch die Seitwärtsgänge nahm ich mir vor, damit die Stute schön weich am Schenkel wurde und sich auch gut biegen liess. Sie war voll bei der Sache und galoppierte sofort aus dem Schritt an, wenn ich das äussere Bein entsprechend zurücknahm. Manchmal war sie fast etwas zu eifrig und nahm mir die Hilfen vorweg. Dann bremste ich sie jeweils nochmal und versuchte es erneut, bis es zu meiner Zufriedenheit klappte. Während ich mit Summer meine Runden drehte, kam Lisa mit Burggraf dazu und ritt ihn in Dressur. Nach dem Ausbruch-Abenteuer schien der Hengst etwas geladen zu sein; er bockte ein paarmal kräftig, als Lisa Galoppwechsel üben wollte. Ich schmunzelte bei dem Anblick. Aristo war eben ‘voll im Saft’ und spürte wie die anderen Pferde den Schnee – oder den kommenden Frühling – oder den Vollmond - oder was auch immer gerade Grund zum herumhüpfen bot. Summer war inzwischen richtig toll vor dem Bein und galoppierte, wohl auch etwas angesteckt durch Aristo, bereits an, wenn ich nur daran dachte. Ich liess sie schliesslich austraben, wobei sie schön streckte und ihr Rücken mitsamt Popo locker durchschwang. «That’s a good girl». Ich versorgte sie nach dem Trockenführen (mit Winterfell schwitzte man eben doch etwas mehr als sonst, auch wenn der Bauch und die Brust geschoren waren), und machte schonmal alles bereit für’s Jungpferdetraining, doch bevor ich damit loslegen konnte, mussten wir zuerst noch die Pferde von der Weide holen. Also lief das ganze Spiel rückwärts: Wir zäunten alles ab, öffneten die erste der drei grossen Weiden und liessen Cantastor, Chiccory, Sunday, Quick, Empire, Light, Caspian, Winter, Spot, Frame, Cool Cat, Merino, Simba, Cryptic und Mambo, der unterwürfig zuhinterst mitlief, zurück in den Offenstall laufen. Bei so vielen Pferden auf einmal dauerte es einen Moment, bis alle drin waren. Die Pferde aus dem Nordstall hingegen waren ja bereits im Stall; Ajith und Parker hatten auch die restlichen schon reingeholt, damit sie nicht auch noch hatten entwischen können.
      Sobald auch die letzten, die Nebenstall Stuten, wieder in ihren Boxen standen, kümmerte ich mich um die zukünftigen Rennpferde. Sie wurden nun seit zwei Monaten ‘Trainiert’; das hatte bis anhin beinhaltet, dass sie an der Longe und Doppellonge Muskelaufbautraining mit vielen Übergängen erhalten hatten, und an die Ausrüstung gewöhnt worden waren – alles noch ohne Reiter. Das hatte mehrere Vorteile: zum einen kannten sie nun Stimmkommandos als Hilfe, zum anderen hatten sie bereits ein Startkapital an Muskeln, die ihnen halfen, den Reiter schadlos zu tragen. Heute wollten wir zum ersten Mal versuchen, jemanden auf den Rücken der Jungspunde zu setzen. Ich lief zu Counterfires Box und Streichelte sie zur Begrüssung. Sie musterte mich mit ihren frech, aber freundlich wirkenden Augen und zupfte an meinem Ärmel. Ich schob die Tür auf und streifte ihr das Halfter über, dann band ich sie in der Stallgasse an. Sie spielte mit der Kette, während ich sie striegelte, und brummelte, als Dolly von Quinn ebenfalls in die Stallgasse geführt wurde. Beim noch nicht straff trainierten Bauch fand ich eine Stelle, an der es sie wohl gerade juckte. Sie drehte den Kopf zu mir und spitzte die Lippe, als wollte sie mithelfen. Belustigt gluckste ich und schrubbte kräftiger. Nach dem Putzen zog ich ihr ein Knotenhalfter an und wartete noch kurz, bis die anderen auch fertig waren. Ausserdem holte ich zur Sicherheit eine Sturzweste aus der Sattelkammer. Während dem Warten zupfte Fire an der Regendecke vor ihrer Box herum, untersuchte den Stallboden, untersuchte Jacky, die nicht so recht wusste, was sie davon halten sollte und jeweils hilfesuchend zu mir hochschaute; versuchte Dolly zu nerven, oder scharrte ungeduldig. Ich war es längst gewohnt, dass es für junge Vollblüter, oder überhaupt junge Pferde, einfach nicht schnell genug gehen konnte. Thomas kam mit Mambo um die Ecke und winkte uns, zum Zeichen, dass er fertig war. Wir führten die Vierbeiner, gefolgt von Oliver und Ajith, durch die Stalltüren raus in den Innenhof und an der Führanlage vorbei in Richtung Halle. Es wurde nun immer dunkler draussen, aber in der Halle brannte glücklicherweise schon Licht. Als wir reinkamen, erblickte ich überrascht Lily und Suri, die mit Nosferatu spielten. Suri sass gerade auf Nossis blankem Rücken und wurde von Lily herumgeführt. «Hey girls. I see, you have fun, but would you mind to go out for a bit? We’d like to train the youngsters for a bit, and it would be safer for you not to be around…» «Jup, no probs Occu. C’mon Suri, we go for a walk outside!» Das dunkelhäutige Mädchen nickte und Lily zupfte am Stallhalfter, um Nossi wieder in Bewegung zu versetzen. Wir begannen unterdessen, die Vollblüter warmzuführen und am langen Führstrick ein wenig im Kreis zu schicken. Als ich das Gefühl hatte, dass Counterfire bereit war, zog ich mir die Sturzweste und den Helm an. Dann begann ich, neben der Stute auf und ab zu hüpfen, während ich mich leicht mit einer Hand auf den Widerrist stützte. Ich übte das von beiden Seiten. Als nächstes legte ich meinen Arm über ihren Rücken und klopfte ihr ausgiebig mit der Hand auf die gegenüberliegende Flanke, als Desensibilisierung. Ajith und Oliver stellten unterdessen in der Halle Cavalettis auf, als Aufstieghilfen. Zu solch einem führte ich Fire nun, und stellte mich darauf. Ich beobachtete ihr Ohrenspiel und ihre Körpersprache ganz genau, während ich mich über ihren Rücken lehnte, immer noch auf ihre Flanke klopfend. Ich wollte sie auf keinen Fall überrumpeln, deshalb nahm ich mir viel Zeit und stellte immer sicher, dass sie sich auf mich konzentrierte. Als ich mein Bein über ihren Rücken legte, kamen ihre Ohren zurück und sie drehte ihr Hinterteil vom Cavaletti weg. Ich blieb ruhig und richtete sie neu aus, dann versuchte ich es erneut. Ich liess mich langsam auf ihren Rücken gleiten und lobte sie ausgiebig mit Kraulen, dann stellte ich mich wieder auf das Cavaletti. Ich hatte soeben das erste Mal richtig auf ihrem Rücken gesessen! Total happy wartete ich einen Moment, bevor ich es ein zweites Mal versuchte, wieder erfolgreich. Diesmal blieb ich etwas länger oben und bewegte meine Beine ein wenig. Ich wiederholte das Spiel, bis es für Fire nichts Besonderes mehr war und sie sich vollkommen entspannte. Dann sass ich einfach oben und beobachtete eine Weile die anderen Jockeys. Sarabi hatte demonstrativ das Hinterbein angewinkelt, wobei ich mir nicht sicher war, ob es eine entspannte, oder eine drohende Geste war. Sie hielt aber brav still, während Parker auf ihr herumturnte. Bei den anderen sah es ähnlich aus; Thalia und Mambo untersuchten die Beine ihrer Reiter neugierig. Es sah ein Bisschen so aus, als wollten sie zu verstehen versuchen, was da auf ihrem Rücken vor sich ging. Es war gut, wenn sie sich damit auseinandersetzten, denn das bedeutete, dass sie auch wirklich etwas dabei lernen konnten. Nur Dolly schien nicht so begeistert von der Idee. Sie hatte einen eingeklemmten Schweif und zuckte immer wieder zusammen, wenn Quinn sich unerwartet bewegte. Sie seufzte tief und senkte den Kopf, aber ich sah ihr an, dass sie sich unwohl fühlte. Manche brauchen eben ein bisschen länger, sagte ich mir. Plötzlich bewegte sich Fire unter mir, sodass ich aus meinen Gedanken gerissen wurde. Die Stute hatte offenbar eine interessante Stelle im Sand entdeckt, die sie nun untersuchen wollte. Sie begann zu scharren, und ich dachte mir nichts dabei – bis sie auf einmal vorne in die Knie gehen wollte. «Woa, stop that girl!» ich zupfte am Knotenhalfter, denn ich wollte auf keinen Fall, dass sie schon beim ersten Reitversuch lernte, sich mit dem Reiter hinzulegen. Sie hielt inne und bog auf mein Zupfen hin brav ihren Kopf nach hinten. Ich liess mich von ihrem Rücken gleiten; jetzt durfte sie von mir aus Wälzen. Tat sie auch: wenig später begann sie wieder zu scharren und legte sich genüsslich grunzend in den Sand. Selbst Oliver konnte sich bei dem Anblick ein Lachen nicht verkneifen. Dolly glotzte zu uns rüber und vergass offenbar einen Moment lang Quinn auf ihrem Rücken, nur um dann wieder zusammenzuzucken, als diese abstieg. Als ich zur Glasscheibe des Reiterstübchens hinüberschaute, bemerkte ich belustigt, dass Lily und Suri das Welshpony verräumt hatten, um uns zuzusehen. Ich Winkte ihnen zu und führte Counterfire noch ein Weilchen herum, bis alle fertig waren und wir die Pferde zurück in den Hauptstall bringen konnten. In den nächsten paar Tagen wollten wir das spielerische Aufsitzen wiederholen und bereits ein wenig im Schritt herumreiten, danach erst würden die anderen Gangarten folgen; vor allem aber viel Trabarbeit. Ich war zuversichtlich, dass alles gut gehen würde. Der Tierarzt hatte die Pferde vor kurzem untersucht und als kerngesund befunden, was mir zusätzliche Sicherheit gab. Jacky und Zira waren froh, dass sie mich wieder begleiten durften. Ich hatte sie nicht mit in die Halle gelassen, damit sie die Jungpferde nicht hatten ablenken können. Jonas kam mir mit dem Wegräumen zu Hilfe und fragte mich darüber aus, wie es gelaufen war. «Also gelaufen ist noch nix, aber gestanden, wie ein Musterschüler», scherzte ich. «Klingt toll. Ich hab übrigens vorhin den schwarzen Flohpelz wieder gesehen.» «Flohpelz? Moya?» «Jup. Ist durch die Sattelkammer geschlichen. Da hat’s wohl Mäuse.» Als er wieder davonlief, lief ich ‘zufällig’ an besagter Sattelkammer vorbei. Zuerst entdeckte ich keine Katze, aber dann sah ich einen buschigen Schwanz hinter einer der Putzboxen hervorschauen. Ich schlich mich an und griff zielsicher zu. Meine Hand erwischte tatsächlich Fell, und ich konnte das schwarze Tier triumphierend hochhalten. «Hab ich dich!» Ich hielt sie auf meinem Arm fest; alles Zappeln nützte nichts. Sie hatte plattgelegte Ohren und geweitete Augen, ausserdem schluckte sie entsetzt. Ich streichelte und knetete das rauchschwarze, lange Fell. Es war seidig und weich wie Kaninchenpelz, obwohl es noch nie gebürstet worden war. Andererseits sah man schon die ein- oder andere verfilzte Stelle. Solches Fell war eben eigentlich nicht für Streuner gedacht, sondern für verwöhnte Wohnungskatzen, sodass Moya es so alleine nicht gründlich genug pflegen konnte. Ich trug das Raubtier, das sich inzwischen erstaunlich ruhig hielt (sie hatte wohl aufgegeben) in Richtung Haus. Lisa führte gerade Aristo vom Viereck runter, als sie mich, selbst im Dunkeln, mit der Katze entdeckte. «Waaas?! Ist das Moya? Du hast es echt geschafft sie anzufassen?» Naja, über meine Methoden wollen wir jetzt mal lieber nicht sprechen, aber «Ja, so könnte man es nennen», antwortete ich halb gedacht, halb gesprochen. Mit ihrem typisch faszinierten Gesichtsausdruck kam sie näher und streichelte den Kopf der Katze, die prompt einen neuen Fluchtversuch unternahm - natürlich erfolglos. «Was machst du jetzt mit ihr? Wenn du sie loslässt, ist sie gleich wieder weg, und wird in Zukunft vermutlich noch viel vorsichtiger sein…» «Ich nehme sie ins Haus und sperre sie für’s erste im Badezimmer ein. Du wolltest sie ja schon lange einmal vom Tierarzt impfen und durchchecken lassen. Danach schaue ich weiter.» Lisa nickte begeistert. Die anderen Katzen liess sie, seit sie alt genug dazu waren, regelmässig entwurmen und was auch immer dazugehörte, aber Moya war seit sie selbstständig geworden war praktisch nicht mehr angefasst worden. Ich hatte, wenn ich sie so ansah, auch einen regen Verdacht auf Flöhe oder Haarlinge – aber zu sehr wollte ich darüber jetzt wirklich nicht nachdenken. Ich konnte Lisa, die die entsetzte Katze noch immer mit ihren Händen malträtierte, abschütteln und durch die Haustür schlüpfen. Erst, als wir im Badezimmer waren und ich die Tür fest verschlossen hatte, liess ich das Tier los. Sie stürzte sofort in die hinterste Ecke des Badezimmers, unter die Toilette, und kauerte sich fauchend hin. «Ja ja, du wirst mir schon noch dankbar sein», murmelte ich schulterzuckend und huschte raus, bevor sie entwischen konnte. Ich holte im Pflegerheim eine Schüssel Katzenfutter von Lisa, wobei ich gleich noch ein wenig mit Africa und Blue herumalberte. Die beiden Graupapageien hatten eine Tonne Spielzeug in ihrer Voliere, aber verpassten trotzdem keine Chance auf Beschäftigung und Zuwendung. Ich öffnete die Voliere und kraulte Blues Kopf mit dem Zeigefinger, wobei er genüsslich die Federn aufstellte. Africa versuchte mich eifersüchtig in die Hand zu zwicken, sodass ich das Katzenfutter absetzen und beide gleichzeitig streicheln musste. Africa wollte mir schon auf die Schulter klettern, als sie genug vom Streicheln hatte – aber ich wusste, dass sie dann nur wieder mit meinen Haaren spielen würde (was nicht besonders angenehm war), also zog ich mich zurück und kümmerte mich wieder um die inzwischen jämmerlich miauende Katze im Badezimmer. Ich fand eine alte Haarbürste, welche ich opfern konnte, und ein Anti-Flohmittel für den Nacken, das ich auch für die Hunde benutzte. Der Futterschale wurde während meiner Anwesenheit kaum Beachtung geschenkt. Ich sass eine Weile an die Wand gelehnt und versuchte, Moya anzulocken, aber sie machte keine Anstalten es sich auch nur zu überlegen. Also schnappte ich sie mir wieder, was mir vor allem dank der rutschigen Badewanne gelang, und hielt sie auf meinem Schoss fest, während ich ihr Fell zu kämmen begann. Am Anfang wehrte sie sich wieder mit allem was sie hatte, aber ich hatte vorsorglich Gartenhandschuhe montiert und den langen Pullover anbehalten, weshalb ich gut geschützt war. Nach einer Weile wurde sie ruhiger und ich konnte vorsichtig alle Knoten lösen. Sobald ich fertig war und sie losliess, huschte sie wieder unter ihren Toilettenplatz und funkelte mir böse entgegen. Ich liess sie in Ruhe, denn es war inzwischen acht Uhr und ich hatte noch ein paar Dinge im Stall zu erledigen.
      Spaziergang bei frühlingshaftem Wetter
      Phantom, Matinée, Nosferatu, tc Herkir, Ljóski, Empire State of Mind, Mikke, Indiana, Valentine's Cantastor, PFS' Bacardi Limited, PFS' Shadows of the Past, Circus Dancer

      «Das Wetter ist viel zu schade, um in die Halle zu gehen!», rief ich Elliot empört hinterher, als er Circus Dancer in die Halle führte. «Ich weiss, aber er war gestern schon draussen und ich möchte ein paar Hindernisse mit ihm springen, dafür ist es bei den Naturhindernissen noch zu nass», war seine schuldbewusste Antwort. «Selber schuld», meinte ich Schulterzuckend, und machte mich mit Lily zusammen auf die Suche nach Jonas und den anderen. Es war kurz nach Mittag und dank der intensiven Sonnenstrahlen der wärmste Tag seit langem. Wir stiessen im Hauptstall auf Quinn, Parker und Thomas, die gerade ausgelassen über Polo-News diskutierten. “Since when do you care about Polo?” “It’s sometimes fun to watch”, erklärte Parker. “We watched a bit on TV yesterday”, fügte Quinn hinzu. “Anyway. You’re comin’ too now, right?” “Yup” “Did you see Jonas?” Thomas meldete sich zu Wort. “He’s messing around with Lewis. Saw them behind the house.” Die drei Pfleger begannen, ihre Pferde zu putzen, während Lily und ich wieder rausgingen. «Ich geh auch schonmal Nossi putzen, sie ist schlammig», meinte Lily. Ich nickte und holte die beiden Witzbolde, die sich eine Rakete aus einer Cola-Flasche gebaut hatten. «Achtung Occu, Lewis startet sie gleich», warnte mich Jonas mit freudig aufgeregter Stimme. Ich rollte die Augen und beobachtete das Spektakel. Lewis schraubte irgendwas an der Flasche herum, dann schüttelte er sie, warf sie auf und rannte zu uns. Die Flasche schlug auf den Boden auf, sodass der Deckel weggespickt wurde und sich der schäumende Inhalt in alle Richtungen verteilte, während die Rakete eine kurze Strecke schräg aufflog. Lewis wurde, trotz Fluchtversuch, ein wenig mit Cola angenässt. «Gah, I thought I was fast enough!», lachte er, sich die Arme ausschüttelnd. «It’s so sticky!» Jonas und ich lachten bei dem Anblick herzhaft, und ich riet ihm «Go get another shirt, unless you wanna stay sticky during the hack» Er verabschiedete sich mit einem Handzeichen in Richtung Pflegerheim joggend. «Bacardi Limited oder Herkir?», fragte Jonas, als wir die Flasche einsammelten und auf die Veranda stellten. «Nimm Herkir, dann können wir später Shira und Limited zusammen trainieren.» Er nickte und bog zum Nordstall ab. Ich begab mich zur Stutenweide, mein Opfer war Matinée. Zwar waren wir noch weit davon entfernt, dass ich sie reiten, geschweige denn Ausreiten konnte; aber als Handpferd mit Phantom zusammen mahlte ich mir keine grösseren Probleme aus. Und es würde ihr guttun, ein wenig von der Umgebung zu sehen. Sie war wiedermal total begeistert von meinem Anblick – so begeistert, dass sie mir gleich den Popo zukehrte und davonlief. Immerhin machte sie sich nicht mehr die Mühe, in den Trab überzugehen. In den vergangenen Tagen hatten wir Schrecktraining und Stangenlaufen gemacht, sodass mich die Stute nun bereits etwas besser kannte und wusste, dass ich nicht so schnell aufgab. Daher bremste sie beim Zaun auch ab und liess sich mürrisch aufhalftern. Ihre Ohren wechselten in eine freundlichere Stellung, als ich mit ihr zusammen auf Phantom zulief und den Rappen ebenfalls halfterte (was bei ihm Musterbeispielhaft klappte). Ich führte beide Pferde zu den Anbinderingen beim Offenstall und begann, mit dem Striegel den Staub aus ihren Fellen zu lösen. Bei Phantom sah man jedes Staubpartikel im Pelz und es wurde durch meine kreisenden Bewegungen eher noch schlimmer. Aber wenigstens löste ich auch heute wieder einen grossen Teil seines Winterfells, sodass es in Flocken zu Boden fiel. Bei Matinée war das noch etwas extremer, weil ich sie bisher noch nicht so ausgiebig gebürstet hatte. Weil die anderen vermutlich schon fast bereit zum Abmarsch waren, verschob ich ihr sich noch immer im Originalzustand befindliches Langhaar auf später und sattelte stattdessen bereits Phantom. Er steckte bereitwillig den Kopf in sein Bosal und ich schloss den dünnen Kinnriemen, der verhinderte, dass das Kopfstück zu nahe am Auge lag. Dann wickelte ich den überschüssigen Teil der Mecate um das Sattelhorn und brachte die beiden auf den Kiesweg, wo die anderen Ausreitfreudigen bereits fröhlich plaudernd warteten. «Hast du nicht zu warm mit der Jacke?», fragte ich Lily, die Nossis noch etwas staubigen Hals streichelte. «Doch» ich half ihr beim Ausziehen und band ihr die Jacke um ihre Hüfte. Dann wickelte ich Matinées Führstrick ebenfalls um Phantoms Sattelhorn und schwang mich auf den Rücken des Rappen. Lewis war der letzte, der noch zu uns stiess – er sass ausnahmsweise auf Indianas Rücken. Er ritt die Vollblüter des Hauptstalls nicht oft, denn er hatte meistens genug zu tun mit den Pferden aus den Offenställen oder Nord- und Nebenstall. Offenbar hatte Parker ihn aber überredet, die Rappstute heute für sie zu bewegen, und im Gegenzug wollte sie später am Nachmittag einmal mit Ljóski tölten. Wir setzten uns in Bewegung, wobei sich Lily auf der freien Seite neben Phantom und mir einreihte. Matinée lief mit entspannt gesenktem Kopf auf der anderen Seite. In der Gruppe fühlte sie sich wohl, das war von Anfang an so gewesen. Jedenfalls solange sie nicht selber einen Zweibeiner auf ihrem Rücken tragen musste. Wir verliessen den Hof und passierten die Holzbrücke, die Matinée etwas misstrauisch beäugte. Aber mit Phantom an ihrer Seite traute sie sich nach kurzem Zögern trotzdem darüber. Danach ritten wir auf einem schier endlosen Feldweg mit breitem Grasstreifen. Wir trabten auch ein wenig. «Lewis and Indiana seem to get along just finde, huh?», bemerkte Parker. Jonas meinte daraufhin «He should become a jockey, too. I’m sure he would win the Tripple Crown with Cool Cat.” “Nah, thanks. I’d have to go on a looong diet to do that. Besides, I’m also too tall, and probably too good looking. I’d definitely steal Thomas the show and get all the fame, that wouldn’t be good, right?» Thom stiess ein trockenes «Ha ha» aus und wir lachten herzhaft. Es war richtig warm und Lily stellte fest, dass sie froh war, die Jacke ausgezogen zu haben. Sie und Nossi hielten gut mit, obwohl das Welsh Pony etwa doppelt so viele Schritte machen musste wie die Grosspferde. Es war herrlich und fühlte sich richtig frühlingshaft an. «Occu, ich kann Nossi nicht mehr bremsen!!», rief Lily plötzlich. «April April!», grinste sie jedoch kurz darauf. Solche Scherzversuche musste ich mir nun schon den ganzen Tag anhören, deshalb hatte ich auch nicht wirklich reagiert und lächelte nur belustigt. Jonas war da schon eher ein richtiger Scherz gelungen, als er am Morgen mit etwas Pelzigem im Arm in die Küche gekommen war und meinte «Ich glaube, deine Katze hat vor lauter Stress den Löffel abgegeben.» Einen Moment lang hatte ich das dunkle Fell betrachtet und war ernsthaft geschockt gewesen, dann hatte ich sein verräterisches Grinsen bemerkt und sogleich die Fasnachts-Perücke angeworfen bekommen, die er gehalten hatte. «Über so was macht man keine Scherze!», hatte ich lachend ausgerufen, und er nur geantwortet «Aber erwischt hab ich dich trotzdem.» Ich schmunzelte auch jetzt noch bei dem Gedanken. Und Moya war ja zum Glück nichts passiert. Sie schlief vermutlich in diesem Moment zusammengerollt in meinem Büro auf dem Teppich und hatte vorhin beim Mittagessen jedenfalls noch ganz schön lebendig ausgesehen. Sie liess sich jetzt von mir streicheln und bürsten, allerdings nicht besonders lange und nur zu ausgewählten Tageszeiten. Von Jonas und Lily hielt sie hingegen gar nichts. Ich wollte bald versuchen, sie in der ganzen Wohnung laufen zu lassen, wobei ich aber noch ein wenig Bedenken wegen der Hunde hatte. Andererseits waren alle drei an Katzen gewöhnt und jagten ihnen auch draussen nie nach, daher würde das wohl auch klappen. Wir warteten auf Parker und Cantastor, der an den Wegrand äppeln musste, ehe wir in den Wald abbogen. Ich hörte schon von weitem ein knattern, und meine Vermutung bestätigte sich kurz darauf. Zwei Dirt-Bike Fahrer kamen mit hohem Tempo auf uns zu, bremsten aber zum Glück rechtzeitig ab, als sie uns sahen. Wir hatten die Pferde vorsorglich ein Stück vom Weg gebracht, aber Matinée war natürlich sichtlich unwohl beim Anblick der lauten Motorräder. Sie fuhren langsam an uns vorbei, gaben jedoch hinter uns viel zu schnell wieder Gas, sodass einige der Pferde nervös zusammenzuckten oder sogar einen Satz machten. Wir sammelten uns, leicht verärgert, und setzten unseren Ritt fort. «It will get even worse from now on», stellte Thomas fest. “Now that it gets warmer… And I heard they expect more tourists than ever this year.” “Well, most of them are nice tough and even shut down their engines when they see a horse passing by. It’s only some airheads that won’t get it”, meinte Jonas. Ich fügte an “so stay careful guys, especially when you’re out with the youngsters. We don’t want to provoke any accidents, and we don’t want to challenge those bikers since that could lead to restrictions and bans for us, even when we’re in the right.” Die Pfleger nickten zustimmend und wir setzten den Ausritt fort. Für heute begegneten wir keinen Fahrern mehr, nur Spaziergängern mit oder ohne Hunde. Matinée verdaute die unheimliche Begegnung rasch und lief wieder entspannt mit, Nossi hatte gar nie ein Problem gehabt, denn die Welsh Stute war sowieso ein furchtloses Verlasspony und Herkir war zwar auf Zack, lief aber schön am Zügel. Mikke forderte Quinn etwas heraus; sie war aufmüpfig und verwarf ungeduldig den Kopf, wenn wir für ihren Geschmack zu langsam unterwegs waren. Quinn nahm’s aber gelassen und sass einfach schön gerade obendrauf. Sie war sich ja von den vielen Rennpferden im Training nichts anderes gewöhnt. Mikke lief zwar schon lange nicht mehr aktiv Rennen, wurde aber intensiv für’s Military trainiert und war ein entsprechend heisser Ofen. Ihr hellrotes Fell schimmerte in den Lichtflecken, die durch das Blätterdach über uns geformt wurden und ihren Schweif trug die Stute stolz leicht angehoben. Empire und Canto spürten wohl auch den Frühling, denn sie waren ebenfalls zügig unterwegs. Zira trottete übrigens schon die ganze Zeit mit uns mit – sie war wiedermal ein stiller Begleiter der Gruppe und überprüfte ihr Territorium auf neue Duftspuren.
      Wir kamen zurück nach Pineforest und stiegen von unseren Reittieren ab. Ich entliess Matinée schonmal zurück auf die Weide und bürstete Phantom noch rasch durch, weil er ein bisschen geschwitzt hatte. Dann durfte auch er sich wieder seinen Stuten anschliessen. Im Anschluss trainierte ich wie versprochen zusammen mit Jonas die beiden jungen Reitponys, Shira und Limited, auf dem Reitplatz, während wir uns über Parker und Loki’s erste gemeinsame Töltversuche auf der Ovalbahn lustig machten.
    • adoptedfox
      [​IMG]
      Pflegebericht für alle Pferde des von Landsberg Gestüt's | 8141 Zeichen von adoptedfox
      Käthe | “Time flies! Morgen ist der sechste September. Kannst du das glauben?” stieß Erin überrascht aus, als sie einen Blick auf den Kalender an der Stallwand warf. Ich lachte auf, doch sie hatte Recht. Die Zeit verging wie im Flug und an manchen Tagen fragte ich mich, wie wir all die Arbeit bewältigen konnten. “Langsam wird es ernst. Vergiss nicht, nächste Woche kommt die erste Lieferung Heu.” sagte ich und sah sie nachdenklich an. Die anhaltende Dürre im Sommer hatte den Bauern in der Region zugesetzt und so organisierte ich 3 LKW-Lieferungen Heu aus Deutschland, um den Bedarf für den Winter decken zu können. “Schon längst notiert.” lachte sie auf und ging in die Sattelkammer, von wo sie keine Minute später mit Hibana’s Halfter in der Hand wieder kam. Ich seufzte und folgte ihr zu den Weiden. Hibana stand mit Grenzfee und For an Angel auf einer Weide, die beide ein Fohlen bei Fuß hatten. Missing Misty und Granada waren die ersten Fohlen, die auf dem Gestüt das Licht der Welt erblickten und beide entwickelten sich prächtig. Ich hielt Erin und ihrer Stute das Tor auf und achtete darauf, dass keines der beiden Fohlen folgte. “Das hab ich mir schon gedacht.” lachte ich und streckte den Arm hinter Hibana aus um Granada den Weg zu versperren. Erin reagierte ebenfalls und schloss das Tor. Ich streichelte der dunkelbraunen Stute den Hals, bevor ich mich von ihr trennte und zurück in den Hof ging. Sympathy of the Devil stand auf der kleinen Weide neben der unteren Stallanlage und sah kurz auf, als ich zu ihr an den Zaun trat und sie für eine Weile beobachtete. Sie, Ases Maskwamozi und Bear Brooks Denahi waren Neuzugänge auf dem Gestüt und genossen derzeit ihre Eingewöhnung, bevor sie in die Trainingseinheiten eingebunden wurden. Ich lächelte, als ich daran dachte, wie lang ich auf Hunter eingeredet hatte mir die Stute zu verkaufen, da sie doch so gut zu Smarty Jones passte und immer wieder blockte er ab, wechselte das Thema oder verließ, mit den Augen rollend, den Raum. Ich ging durch die Stallgasse und holte das Halfter von Echo’s Maiden, welches an ihrer Boxentür hing, um sie von der Weide zu holen. Die dunkle Stute sah auf, als ich das Tor zur Weide öffnete und stieß ein schrilles Wiehern aus, bevor sie mir entgegen galoppierte und nur wenige Meter vor mir zum stehen kam. Ich begrüßte Echo’s Maiden und zog ihr das Halfter an um sie in die Stallgasse zu führen, wo ich sie festband und aus der Sattelkammer meine Putzbox holte. Man sagt, dass dunkle Pferde weniger schnell schmutzig würden, doch auf meine Pferde traf das nicht im geringsten zu. Ich suchte 2 Striegel in meiner Putzbox und nahm einen in jede Hand um die getrockneten Verkrustungen aus dem Fell der Stute zu bekommen, die sich anscheinend im Matsch gewälzt hatte. Es dauerte eine Stunde bis ich fertig war. Ich ließ die Stute für einen Moment allein und ging in den Hof um die Striegel auf dem Boden auszuklopfen, bevor ich wieder zurück ging und die Putzutensilien in die Putzbox räumte. Da ich sie später noch brauchen würde schob ich sie etwas beiseite und ging dann wieder in die Sattelkammer um eine Longe, einen Kappzaum und eine Longierpeitsche zu holen. Ich öffnete das Halfter von Echo’s Maiden und zog es ihr auf den Hals, damit sie mir nicht entwischen konnte, während ich ihr den Kappzaum anzog und seinen Sitz überprüfte. Ich hatte den Kappzaum im Internet bestellt und von meinem Sattler anpassen lassen, da er, trotz der richtigen Größe, viel zu groß für meine Pferde gewesen war. Jetzt passte er perfekt. Ich hängte die Longe in einen der äußeren Ringe ein und löste das Halfter. Da Erin mit Hibana in der Reithalle war und ich die beiden nicht stören wollte, ging ich mit meiner Stute auf den großen Platz hinter der Halle und dem anschließenden großen Stalltrakt. Echo’s Maiden zeigte beim Training immer großen Arbeitswillen und ließ sich auch heute ohne große Diskussionen auf den Zirkel schicken, wo sie im Schritt ihre Runden zog. Ich sortierte die Longe in meiner Hand und blieb mit der Longierpeitsche hinter ihr. Die Stute reagierte fein auf die Hilfen die ich ihr gab und ließ sich in allen 3 Gangarten gut handeln. Schritt-Galopp, Galopp-Trab, Trab-Schritt. Im Kopf legte ich mir die geforderten Aufgaben für das Training vom Boden zurecht und rief sie von Echo’s Maiden ab, die sehr konzentriert bei der Sache war. Unter dem Sattel machte die Stute Fortschritte, doch ich wollte sie auch vom Boden aus fördern und gymnastizieren. Nach knapp einer Stunde erklärte ich das Training für beendet und holte die Stute zu mir. “Gutes Mädchen!” lobte ich sie und streichelte ihren Hals. Ich führte die Stute zurück auf die Weide und nahm ihr dort den Kappzaum ab um sie in den wohlverdienten Feierabend zu schicken. Erin hatte zwischenzeitlich Amistad bewegt und kam nun mit Compliment von den Weiden zurück. “Der sieht aber nicht begeistert aus.” rief ich ihr lachend zu und zeigte auf den Hengst, der ihr nur widerwillig folgte. “Da muss er leider durch.” antwortete sie und zupfte am Strick in der Hoffnung, dass der Hengst sein Tempo beschleunigen würde. Ohne Erfolg. Ich schüttelte lachend den Kopf und ging auf die Weide zu Smarty Jones um nach dem Wohlbefinden des Hengstes zu schauen. Vor zwei Wochen hatte ich ihn auf einer Hengstkörung vorgestellt und sah seitdem täglich im Internet nach, ob die Ergebnisse schon bekannt waren. “Na, gehts dir schon etwas besser?” fragte ich den Hengst und kraulte ihn an der Brust, was er gut leiden konnte. Seit ein paar Tagen hustete Smarty Jones, weswegen er auf einem abgesteckten kleinen Areal allein stand. Wir bewegten ihn täglich vom Boden im Schritt und Trab um die Verschleimung zu lösen und fütterten ihm Hustenkräuter, was bisher auch ganz gut funktionierte. Trotzdem würde am Abend ein Tierarzt nach ihm schauen. Sicher ist sicher. Nachdem ich mit Bearing Spot’s im Roundpen war, wartete Erin bereits im Stall auf mich. Wir hatten zwischenzeitlich kurz miteinander gesprochen und uns dazu entschlossen mit den beiden Pferden Valentine’s Cantastor und Smooth Gravity auszureiten. Die beiden harmonierten miteinander und da sich auch das Wetter beruhigt hatte, wollten wir den Spätnachmittag natürlich noch genießen. Erin hatte beide Pferde bereits geputzt und gesattelt. Ich brachte Bearing Spot’s zurück auf die Weide und ging in die Sattelkammer um meinen Helm zu holen, bevor ich Erin die Zügel von Cantastor abnahm und die Steigbügel auf meine Länge einstellte. Wir ritten an den Weiden vorbei und schlugen an einer Gabelung den Weg in den Wald ein, vorbei an Feldern und einer alten, von Moos überzogenen Holzhütte die seit jahrzehnten verlassen war. Am Tag war diese Hütte ein wunderschöner Anblick, nachts würde ich, aus Angst, jedoch keinen Schritt in ihre Nähe wagen. Den Ausritt hatte ich wirklich gebraucht. Das Geräusch der Hufe auf dem Waldboden, der Duft von nassem Holz und das Licht, welches die untergehende Sonne warf, waren entspannend und aufregend zugleich. Wir nutzten die Galoppstrecken aus und hielten am Fischerweiher an um die Pferde trinken zu lassen, bevor wir uns in der Dämmerung wieder auf den Heimweg machten. Auf dem Hof angekommen sattelten wir die Pferde ab und kontrollierten ihre Hufe. “Ach man…” seufzte ich und stellte den Huf von Cantastor wieder ab. “Was ist denn?” fragte Erin, die um den Hengst herum lief um zu sehen was denn los war. Der Hengst musste im Wald auf eine Wurzel oder einen Stein getreten sein, denn ein Stück seiner Hufwand war ausgebrochen. “Das muss Hunter sich anschauen, so kann ich das nicht lassen.” sagte ich und kontrollierte die anderen Hufe, die in Ordnung waren. “Ruf ihn am besten gleich an.” riet Erin und brachte die beiden Pferde auf die Weiden, während ich ins Haus ging und die Nummer von Hunter auf meinem Telefon wählte. Glücklicherweise war der Huf nicht stark beschädigt, sodass meine Stimmung nicht allzu sehr gedämpft wurde. “Bear Brook Farrier, Crowley how may i help you?” klang es am anderen Ende der Leitung und ich lächelte. “von Landsberg hier. Ich brauche ihre Hilfe.” sagte ich und versuchte Hunter am Telefon zu erklären was passiert war. Er seufzte. “Ich schau es mir an.”
    • adoptedfox
      [​IMG]
      Storybericht inkl. Pflege von Hibana, Schneemann, Maeyr, Uschi, Delmara, Essence of Life, Buck or Two
      24.581 Zeichen von adoptedfox und sadasha

      Hunter | Jills Beerdigung lag nun drei Jahre zurück und dennoch fühlte es sich an, als sei es gestern gewesen als wir zusammen auf dem Weidezaun saßen und die Gegenwart der Pferde genossen. Pläne schmiedeten einen gemeinsamen Zuchtstall aufzubauen. Doch meine Cousine hatte leider nicht die Chance bekommen. Ein Gutes hatte ihre Beerdigung jedoch: Es führte die Familie zusammen. Wenngleich davon nun, drei Jahre später, nichts mehr zu spüren war. Ich saß alleine in der Kneipe mit einem Glas Scotch vor mir, dessen Bewegung im Glas ich nachdenklich beobachtete, während ich es mit beiden Händen auf dem Bodenrand kreisen ließ. Mein Telefon hatte ich heute stummgeschaltet, Pitch konnte auf dem Hof bleiben. Es gab heute Nichts, was mich erreichen sollte. Nur Isaac wusste wohin ich gegangen war und das auch nur, weil er mich mittlerweile lange genug kannte um meine Gewohnheiten zu kennen. Nicht mal Käthe wusste dass ich heute Trübsal blasen würde. Einmal im Jahr erlaubte ich mir das. Nach diesem Glas würde ich mir die unauffälligste Ecke des Ladens suchen, mich dort mit meinem Skizzenbuch hinsetzen und Erinnerungen aufzeichnen. Stunden später, ich wollte gerade nach Hause fahren und beendete deshalb den Ruhemodus meines Telefons, sah ich dass Erin mir geschrieben hatte. Käthe hatte einen Unfall und ist im Krankenhaus. Der Schock traf mich und ich rief gleich zurück. Doch Erin nahm nicht ab. Normalerweise hätte ich mir ein Taxi gerufen, das Motorrad später abgeholt, doch der Alkohol hatte den Nebeneffekt, dass das Hirn nicht mehr recht funktionierte. Ohne nachzudenken fuhr ich los in Richtung Nottingham. Ich fuhr Landwege und hatte Glück dass kein Verkehr auf diesen Straßen war. Dann stand plötzlich ein Reh auf der Straße. Ich hätte schwören können eine Sekunde zuvor war der Weg noch frei. Aus Reflex bremste ich. In meinem Kopf rief eine Stimme "Draufhalten!" aber hätte ich das getan wäre das für uns beide nicht gut ausgegangen. Trotzdem lenkte ich leicht ein, dann spürte ich wie mir das Rad wegrutschte und ich am nun wegspringenden Reh vorbeischlitterte. Als ich letztendlich den Lenker los ließ schlug ich unsanft auf den Boden auf. Erst als ich nicht liegen blieb sondern ohne mein Zutun weiterrutschte spürte ich dass mein Bein unter der Maschine fest hing. Im Straßengraben kam das Motorrad zum Stillstand und ich mit ihm. Mit der Kraft die ich noch aufbringen konnte versuchte ich mich darunter wegzuziehen, doch ich kam nicht weit. Ich versuchte mein Telefon zu erreichen, das in meiner Hosentasche war. Doch die Schmerzen waren zu stark. Es dauerte ewig, bis jemand vorbei kam und es war mein Glück, dass der Wagen ein paar Meter weiter anhielt und jemand zu mir kam. Die Schmerzen waren mittlerweile so stark, dass es mir alles drehte. Vermutlich trug der Alkohol auch seinen Teil dazu bei. Die Person aus dem Wagen kam zu mir und sprach mich mit zittriger Stimme an, doch so wirklich konnte ich das nicht wahrnehmen. Ich erzählte deshalb so gut ich konnte was passiert war und dass mein Bein eingeklemmt war, doch bevor ich zu Ende sprechen konnte dimmte ich weg und verlor das Bewusstsein. Als ich wieder aufwachte befand ich mich schon im Krankenwagen. Ich sah in ein fremdes Gesicht und registrierte jetzt, dass ich auf dem Weg ins Krankenhaus war. "In welches Krankenhaus fahren wir?" wollte ich wissen. Der Notarzt runzelte die Stirn bei dieser Frage. "Lincoln County Hospital" antwortete er. "Das geht nicht." murmelte ich. "Ich muss nach Nottingham." Verzweifelt richtete ich mich auf, versuchte es zumindest, denn weit kam ich nicht da ich fixiert wurde. "Wieso müssen Sie nach Nottingham?" fragte der Notarzt und versuchte mich wieder zu beruhigen. Er bombardierte mich regelrecht mit Fragen, bis ich schließlich nachgab. Man nahm meine Daten auf und fragte nach einer Kontaktperson. Ich bat darum meine Eltern und Isaac zu informieren. Wenn Käthe sowieso selbst im Krankenhaus lag war sie vermutlich nicht erreichbar. Im Krankenhaus brachte man mich von hier nach dort und kam schließlich zu dem Schluss, dass mein Bein ziemlich kaputt war um es einfach auszudrücken. Als ich endlich auf die Station gebracht wurde und ruhig im Zimmer lag schlief ich vor Erschöpfung ein ohne weiter nachdenken zu können.

      Käthe | “Diese hier nehmen sie 3 Mal am Tag. Morgens, Mittags und Abends je eine Tablette. Sollten sie wider Erwarten ein Gefühl von Schwindel bekommen rufen sie uns bitte an.” erklärte mir die Krankenschwester und legte eine Packung Tabletten auf den Tisch neben meinem Bett. “In diesem Umschlag ist der Bericht für ihren Hausarzt. Haben sie jemanden der sie abholt oder sollen wir ein Taxi rufen?” fügte sie hinzu und sah mich fragend an. Ich überlegte einen Moment, bevor ich antwortete. “Darf ich telefonieren? Dann könnte ich das abklären.” Die Krankenschwester nickte und verließ mein Zimmer. Wenige Minuten später kam sie mit einem Telefon zurück und reichte es mir. Ich wählte Erin’s Nummer und hoffte, dass sie bereits wach war und ans Telefon gehen würde.
      “Guten Morgen, ich habe schon auf deinen Anruf gewartet. Wie geht es Dir? Was sagen die Ärzte?”
      Sie hatte das Gespräch kaum angenommen, da überschlugen sich schon ihre Worte.
      “Guten Morgen. Die Ärzte sagen ich bin glimpflich davon gekommen. Ich habe 2 geprellte Rippen und ein paar blaue Flecken. Kannst du mich abholen?” fragte ich sie, doch anstatt zu antworten folgte Stille. “Ist...Hunter nicht bei Dir?
      “Nein. Nicht das ich wüsste. Warte mal…” sagte ich und nahm das Telefon von meinem Ohr weg um mit der Krankenschwester sprechen zu können. Als sie auf meine Frage, ob Besuch für mich da gewesen wäre, verneinend den Kopf schüttelte, nahm ich das Telefonat wieder auf. “Nein, war er nicht.” Ich hörte, wie Erin vor sich hin murmelte bevor sie mir zusicherte in einer halben Stunde da zu sein. Wir verabschiedeten uns voneinander und ich gab der Krankenschwester das Telefon dankend zurück. Da ich von meinem gestrigen Unfall noch leicht benommen war, half sie mir meine Sachen in eine Tasche zu packen und brachte mich nach unten in die Empfangshalle, wo Erin bereits auf mich wartete. Sie nahm mir meine Tasche ab und hielt mir die Tür auf, damit ich in ihren Wagen einsteigen konnte. Während der Fahrt unterhielten wir uns wenig. Gedankenverloren fuhr Erin an der Abfahrt vorbei, die uns nach West Bridgford brachte. “Wo fahren wir denn hin?” fragte ich leise und sah zu ihr hinüber. “Nach Lincolnshire. Ich habe, bevor ich gefahren bin um dich abzuholen, auf dem Bear Brook EC angerufen. Hunter hatte einen Unfall mit dem Motorrad und liegt im Krankenhaus.” gab sie zu und warf mir einen kurzen Blick zu, bevor sie weitersprach: “Wir fahren ihn besuchen. Besser gesagt Du. Ich werde vor dem Zimmer warten.” Tausende Gedanken schossen durch meinen Kopf. Was war passiert? Nach einer knappen Stunde Fahrt - ich war zwischenzeitlich eingeschlafen - erreichten wir das Lincoln County Hospital. Nachdem wir an der Information nach der Zimmernummer gefragt hatten, standen wir nun vor der Tür des Zimmers in dem Hunter sich befand. “Willst du sicher nicht mit rein gehen?” fragte ich Erin, doch sie schüttelte den Kopf. “Ich warte vor der Tür.” Ich atmete tief durch und klopfte an die Zimmertür, bevor ich sie öffnete und in den Raum trat. Das Bein komplett eingegipst, lag er da und schlief. Ich trat näher an sein Bett und strich mit meinem Handrücken über seine Wange. Er verzog das Gesicht und öffnete die Augen blinzelnd. “Käthe?” fragte er ungläubig und setzte sich auf. Noch bevor ich antworten konnte beugte er sich nach vorn und umarmte mich. “Hunter…” stöhne ich schmerzerfüllt als der Druck seiner Oberarme gegen meine geprellten Rippen stärker wurde.

      Hunter | Ich ließ von ihr ab und musterte sie fragend. "Erzähl mir von deinem Unfall gestern." sagte ich und lehnte mich wieder in die Kissen. Käthe seufzte und atmete einmal tief durch, ehe sie begann von ihrem Tag zu berichten: "Ich war in Nottingham um das bestellte Futter für die Pferde abzuholen und als ich auf dem Heimweg war, hat mir jemand die Vorfahrt genommen und ist ungebremst in meinen Wagen gefahren. Der Arzt sagt, ich sei glimpflich davon gekommen mit meinen geprellten Rippen und den blauen Flecken.” Sie nahm meine Hand und sah mich eindringlich an. “Was ist mit dir passiert?” Einen Moment lang dachte ich noch über ihre Geschichte nach. "Ich hoffe den Idioten hat es mindestens genauso erwischt wie dich!" Sie zog ihre Augenbrauen hoch und sah mich mit mahnendem Blick an. “Sowas sagt man nicht Hunter.” Ich schnaubte verächtlich. "Ich lieg eh schon hier, was soll mir schon noch passieren?" - “Und warum liegst du hier?” - "Weil ich nicht in ein Reh reinfahren wollte." erklärte ich knapp und sah an mir runter. Mir wurde erst jetzt so richtig bewusst, dass ich wohl die nächsten Wochen ausfiel. An arbeiten konnte ich nicht denken, ans Reiten auch nicht. Ich würde nicht mal ordentlich mit Pitch gehen können. Geknickt schlug ich die Lider nieder und seufzte. “Wann ist das denn passiert?” fragte sie und ich tat erst so als hätte ich sie nicht gehört, gab dann aber nach, denn so wie ich Käthe kannte, würde sie nicht locker lassen. "Auf dem Weg ins Krankenhaus. Ich wollte nach dir sehen, als ich Erins Nachricht gelesen hatte." gab ich zurück und musterte sie besorgt. “Wir hatten gestern wohl beide kein Glück.” sagte sie und lächelte sanft. "Mhmm…" brummte ich zustimmend. "Das werden ein paar sehr, sehr langweilige Wochen…" ergänzte ich.
      Sobald ich mit Krücken laufen konnte entließ man mich nach Hause. Als Pitch mich sah freute er sich so sehr, dass er unter sich machte. Isaac und der Rest vom Team freuten sich zwar auch mich wieder auf dem Hof zu sehen, sahen aber doch recht abgekämpft aus. "Danke, dass du dich um Pitch gekümmert hast." sagte ich Isaac, der sich eines der Gästezimmer eingerichtet hatte, während ich weg war. Er nickte und half mir ins Haus, auch wenn ich das mit meinen Krücken schon gut im Griff hatte. Wir setzten uns ins Wohnzimmer und er berichtete mir, was auf dem Hof alles passiert war. Ich kramte im Anschluss mein Telefon hervor und versicherte mich, dass bei Käthe alles in Ordnung war. Kurz darauf rief mich Rin an. Sie klang verzweifelt. Sie war mittlerweile allein auf dem Hof und die vielen Pferde schaffte sie schlichtweg nicht. Sie wollte die Pferde aber auch nicht irgendwem überlassen. Sie hatte schon eine andere Kollegin gefragt ob sie ein paar Tiere übernehmen könnte, doch der Großteil stand noch immer bei ihr. Wir redeten lange und diskutierten Möglichkeiten aus. Bis wir zu dem Schluss kamen, dass ich die Pferde übernehmen würde, die ich auch so gekauft hätte, hätten ich sie zuerst entdeckt. Da sie schon genug Sorgen hatte ließ ich sie über meine Verletzung im Unklaren. Die Pferde würden dann in den nächsten Tagen eintreffen. Besonders auf Schneemann freute ich mich, da ich mich in den Hengst verliebt hatte noch bevor ich ihn auf seiner Hengstkörung ritt. Maeyr, Uschi und Delmara setzten ihm nur eine Sahnehaube auf. Nachdem ich aufgelegt hatte packte ich das Telefon weg und hievte mich vom Sofa um in den Stall zu gehen. Während ich weg war zog Essence of Life ein. Die Vollblutstute hatte ich per Zufall entdeckt und gekauft, sie aber aufgrund des Unfalls noch nicht ansehen können.

      Käthe | Ein paar Tage vergingen und langsam aber sicher konnte ich behaupten, dass es mir besser ging. Erst gestern waren Erin und ich gemütlich im Gelände unterwegs und genossen die Ruhe, die der Wald uns bot. Ebenfalls gestern wurde mein Wagen abgeholt, der nach dem Unfall zwar repariert werden konnte, ich mich aber dazu entschloss ihn zu verkaufen, weil es sich wirtschaftlich nicht gelohnt hätte. Da ich im Stall keine große Hilfe war räumte ich im Haus auf und probierte mich am Backen. Chocolat Chip Muffins sollten es werden. Ich hielt das Bild auf dem Tablet neben mein Ergebnis und stellte fest, dass sie gar nicht so schlecht aussahen wie ich im ersten Moment dachte. Ich öffnete das Küchenfenster und rief nach Erin, die ihre Stute Hibana gerade aus der Stallgasse führte.
      “Hast du Lust mit nach Lincolnshire zu fahren?” fragte ich sie und schien dabei so erwartungsvoll auszusehen, dass sie ohne zu zögern zusagte. Während sie ihr Pferd auf die Weide brachte, sortierte ich die Muffins auf ein Tablett und zog mir ein geblümtes Sommerkleid an. Erin, die schon im Wagen wartete, öffnete mir die Tür und musterte das Tablett in meiner Hand, dessen Inhalt durch eine Folie geschützt war. “Ich dachte ich bringe etwas kleines mit.” sagte ich und sah in ihr fragendes Gesicht. “Es sind Muffins.” fügte ich hinzu und schnallte mich an. “Hoffentlich bekomme ich einen ab!” sagte sie lachend und setzte den Wagen in Bewegung. Während der Fahrt unterhielten wir uns wenig, was an der Musik und den geöffneten Fenstern lag. Als wir das Bear Brook EC erreichten stellte Erin den Wagen auf dem Parkplatz ab und half mir dabei auszusteigen. Erin und Ich gingen zum Haus und klingelten. Mrs. Clayton öffnete die Tür und bat uns hinein. “Ich habe Muffins mitgebracht.” sagte ich stolz und stellte das Tablett auf den Tisch. “Die riechen ja großartig! Lange werden die hier nicht stehen.” sagte sie lachend und nahm die Folie ab. Ich nahm zwei Muffins heraus und ging in Richtung der Tür, als Mrs. Clayton mich darauf hinwies, dass Hunter sich in der Schmiede befinde. Ich bedankte mich und lief über den Hof um nach ihm zu sehen. “Darf ich reinkommen?” fragte ich und blieb im ohnehin geöffneten Tor stehen. Als Hunter aufsah und erkannte, wer da stand strahlte er mich an und bat mich rein. “Was machst du denn hier?” fragte ich ihn und hielt ihm einen der beiden Muffins hin. Er nahm ihn glücklich entgegen und sah dann auf die Werkbank vor ihm, auf der Hufnägel und Eisen wild durcheinander flogen. "Ich sortiere hier etwas um…" erklärte er. “Kann ich dir helfen?” bot ich ihm fragend an und nahm einen Bissen von meinem Muffin. Wow, die schmecken echt gut dachte ich und sah Hunter an. Er warf nochmal einen Blick die Arbeit und antwortete dann. "Nein. Aber ich kann das später weiter machen." Er biss vom Muffin ab und sah mich zufrieden kauend an. "Du hast da was." Ich wischte mit dem Handrücken über die Stelle die er mir gezeigt hatte und sah ihn an. “Besser?” fragte ich und nickte in Richtung seines Beins. “Wie lange bist du außer Gefecht?” - "Nur noch ein paar Wochen." erklärte er und fügte hinzu, dass es schon viel besser geworden sei. Nachdem ich meinen Muffin aufgegessen hatte beobachtete ich ihn eine Weile und sah dann nach draußen in den Hof. Hunter nahm seine Krücken und stand auf. "Gibt es noch mehr von denen?" er hielt mir das leere Papier vom Muffin vor die Nase. "Wenn dein Team noch welche übrig gelassen hat." meinte ich schulterzuckend. Gemeinsam schlichen wir über den Hof. "Falls nicht. Heute Abend grillen wir hier auf dem Innenhof. Magst du Erin anrufen und fragen ob sie auch kommen möchte?" überlegte er laut. “Du kannst sie selbst fragen, sie hat mich hergefahren.” sagte ich und ging vor, um die Tür zum Haus zu öffnen. Wie erwartet hatte es sich schnell herumgesprochen dass es im Haus eine Kleinigkeit gab und so fanden wir das gesamte Team des Bear Brook EC in der Küche vor. “Ältere Frauen backen immer noch am besten. Die Erfahrung macht es einfach aus.” sagte Isaac voller Überzeugung und biss von seinem Muffin ab. Mrs. Clayton und ich riefen gleichzeitig empört “Ältere Frauen?” auf und mussten dann lachen. Hunter schmunzelte nur und beobachte das Schauspiel. "Was brauchen wir noch für's Grillen?" fragte er an Mrs. Clayton gerichtet, die ihm prompt einen Einkaufszettel entgegen streckte. "Kommst du mit Käthe? Ich kann leider nicht fahren." meinte er grinsend. “Ich darf dein Auto fahren?” fragte ich ungläubig und drehte mich zu ihm um. "Unter diesen Umständen… Ja." sagte er und humpelte in den Flur um mir seinen Autoschlüssel rauszusuchen. "Kommst du?" rief er, als er ihn gefunden hatte. Ich zuckte mit den Schultern und grinste Erin an. “Fahr vorsichtig!” rief sie mir nach, doch die Tür fiel bereits ins Schloss. “Soll ich dir helfen?” fragte ich Hunter der die Beifahrertür schon geöffnet hatte. Er überhörte diese Frage und krackselte sich irgendwie selbst ins Auto, was zwar klappte, aber sehr unbeholfen aussah. Als er endlich saß und sich angeschnallt hatte grinste er mich an. Ich schüttelte den Kopf und ging um das Auto herum um selbst einzusteigen. Wir fuhren nach Lincoln um die Sachen zu besorgen, die Mrs. Clayton aufgeschrieben hatte und nahmen zusätzlich Bier und eine Flasche Wein mit. Zurück auf dem Bear Brook EC herrschte bereits reges Treiben. Alle halfen dabei den Grillabend vorzubereiten und Mrs. Clayton, die schon sehnsüchtig auf uns zu warten schien, lief uns entgegen um uns beim Ausladen zu helfen. Hunter wurde zu Isaac gerufen und gab mir einen flüchtigen Kuss, bevor er in Richtung der Stallungen verschwand. “Erin kommt übrigens gleich zurück. Sie fährt schnell und bringt die Pferde in die Boxen.” sagte Mrs. Clayton als sie meinen suchenden Blick bemerkte.

      Hunter | Wir hatten einen tollen Grillabend und auch die nächsten Tage liefen verhältnismäßig ruhig. Viel konnte ich sowieso nicht machen. Wenigstens war ich den Gips mittlerweile los und trug nur noch eine Bandage. Reiten durfte ich damit noch immer nicht, aber ich fuhr heute trotzdem mit Pitch zu einem alten Bekannten, den mein Vater noch aus seiner Zeit kannte. Sein Sohn hatte einen Tinkerhengst zum Verkauf stehen, den er selbst nie mehr reiten könnte. Es wäre aber wohl zu schade ihn im Stall versauern zu lassen, also soll er wieder in fördernde Hände. Interessant für mich, weil meine Tinker eher für den Fahrsport gebaut waren. Buck or Two sei aber ein Vielseitigkeitspferd. Pitch verfrachtet, setzte ich mich selbst ins Auto, kramte aber zuerst nach meinem Telefon um Käthe anzurufen. "Ich fahr nach Spilsby, ein Pferd ansehen. Hast du Zeit und Lust mitzukommen? Richtung Meer? Wenn wir da fertig sind, können wir ja einen Abstecher nach Skegness machen.", schlug ich vor und holte Käthe einige Minuten später ab. "Geht das mit deinem Bein?", fragte sie, als sie auf der Beifahrerseite einstieg. Ich lachte. "Was meinst du wie ich hergekommen bin?" Sie sah mich tadelnd an. "Du weißt wie ich das meine, Hunter!" Immer noch lächelnd setzte ich rückwärts um mich auf dem Hof zu drehen und dann rauszufahren. "Hast du Alles dabei? Schwimmsachen?", fragte ich, als wir auf dem Highway waren. Käthe nickte. "Warst du überhaupt schon mal in Skegness?" - "Nein! Aber ich hab es gegoogelt und das will ich mir nicht entgehen lassen." Aufgeregt lächelte sie mich an. "Ich möchte dann auch an die Greifautomaten gehen.", meinte sie. Ich lachte. "Das ist Betrug, das ist dir bewusst oder?" Ich warf einen kurzen Blick zu ihr rüber. Sie schüttelte den Kopf. "Wenn ich ohne ein Plüschtier wieder heim muss, bin ich traurig." Ich seufzte. Vermutlich würden wir heute zig Pfund in ein Plüschtier stecken, welches wir in jedem Spielzeugladen für ein paar Penny hätten kaufen können. Doch bevor wir zum Strand fuhren, machten wir einen Stop in Spilsby. Der Hof war klein und es gab hier so gut wie nur Tinker. Die Boxenschilder verrieten jedoch, dass es alles Einstaller waren. Alle, bis auf Buck or Two. Der Hengst war jedoch nicht in seiner Box, also gingen wir weiter über den Hof bis wir einem älteren Herren in die Arme liefen. "Sie müssen Mr. Crowley sein! Und das ist sicher Mrs Crowley. Hallo." grüßte er freundlich und ich sah Käthe schmunzelnd an, die erstmal klarstellte, dass wir nicht verheiratet waren. Der Herr nahm uns mit zu den Weiden und Paddocks. Auf einem kleinen Paddock stand Bucks schon parat und wartete nur darauf, dass man ihn mitnahm. "Er ist wirklich ein braves Pferd." erklärte der Mann, während er Bucks aufhalfterte und vom Paddock holte. Er band ihn an einer Stange vor dem Reitplatz an. "Ich hole eben seine Sachen." entschuldigte er sich und verschwand im Stall, während ich Bucks streichelte. Der dunkle Hengst streckte sich sofort lang und verzog die Schnute, als ich eine besonders gute Stelle am Mähnenansatz gefunden hatte. Pitch hatte sich neben mich gelegt und döste vor sich hin. Als der Mann mit Putzkiste und Trense zurückkam warf ich einen etwas unsicheren Blick zu Käthe, die den Kopf langsam schüttelte. Ihr war natürlich klar, dass ich eigentlich noch nicht reiten sollte. Ich legte die Leine ab und nahm mir eine der Bürsten aus der Box um dem Mann mit Bucks zu helfen. Käthe hatte inzwischen die Leine von Pitch aufgenommen und lehnte sich gegen die Stange. Bucks zog neugierig zu ihr rüber und stupste sie vorsichtig an, bis sie sich endlich ergab und ihn streichelte. Einige Minuten später stand der Rappe geputzt und gesattelt vor uns. Pitch war gänzlich eingeschlafen und Käthe kraulte immer noch Bucks Hals. Der Mann prüfte kurz den Platz und bat mich dann mit Bucks einzutreten, während er das Tor aufhielt. "Das fällt leider wieder zu, wenn man es nicht festhält.", erklärte er. "Also wenn sie wollen, er wurde die letzten Tage ein paar mal von anderen Einstallern bewegt. Ich kann Ihnen auch einen Sprung aufbauen, während sie ihn warm reiten." Während er das sagte ging er bereits zur kurzen Seite des Platzes wo die Sprünge in Teilen lagen. "Nein, kein Sprung.", sagte ich eilig und merkte erst im Nachhinein, dass ich das wohl ein wenig zu panisch gesagt haben musste. "Ich bin noch im Schongang, nach einer Verletzung.", entschuldigte ich mich sofort und stellte dann die Steigbügel am VS-Sattel auf meine Länge ein.

      Käthe | “Der wird sich wohl nie ändern, hm?” fragte ich Pitch und kraulte ihn am Hals, nachdem wir uns ein schattiges Plätzchen am Rande des Platzes gesucht und es uns in der Wiese bequem gemacht hatten. Hunter hatte mittlerweile im Sattel Platz genommen und zog abwechselnd im Schritt und Trab seine Runden. Der Hengst machte eine gute Figur unter dem Sattel und lief fleißig vorwärts. Auch als Hunter ihm die Galopphilfen gab reagierte er sofort und Hunter’s Gesichtsausdruck verriet mir, dass er sich gut aussitzen ließ. Nach zirka einer halben Stunde parierte er durch und blieb vor mir am Zaun stehen. “Was sagst du?” fragte er mit erwartungsvollem Blick und klopfte den Hals von Buck or Two. Ich zögerte. “Er ist sicher nicht verkehrt. Auch von der Ausbildung her.” sagte ich und lächelte besänftigend um ihm die Frage nach dem Aber abzuwehren. “Gib mir ein paar Minuten.” sagte er, stieg ab und führte den Hengst zum Tor, welches der Mann bereits geöffnet hatte. Ich sah, dass die beiden sich angeregt unterhielten und ahnte, dass der Hengst so gut wie gekauft war. Hunter bemerkte meinen Blick und winkte mich herbei. “Ich organisiere alles und melde mich die Tage.” sagte der Mann und reichte mir die Hand um mich zu verabschieden. Als auch Hunter und er sich die Hand gegeben hatten legte er seinen Arm um meine Hüfte und ging mit mir zurück zum Wagen. Auf einmal stieß er die Faust seines freien Arms hoch und jubelte. "Auf nach Skegness!" Bevor ich reagieren konnte drückte er mir einen Kuss auf die Lippen und öffnete die Beifahrertür um mich Platz nehmen zu lassen. "Du wirst Skegness lieben.", sagte er, als er sich hinter das Steuer setzte und den Wagen startete um loszufahren.
      Die Stadt am Meer war wirklich großartig. Wir starteten mit einem Bummel durch die Gassen und betrachteten dabei die schönen Fassaden der alten Häuser. Im Anschluss gingen wir an den Strand und nutzen hier Alles was Skegness zu bieten hatte: Einen Mini Freizeitpark, die Spielhalle, den weitläufigen Strand und natürlich das Meer. Es war ein wundervoller Tagesabschluss vom Restaurant aus den Sonnenuntergang zu beobachten. Es tat fast schon weh als Hunter diese ruhige Atmosphäre unterbrach um aufzustehen. "Es ist schon spät.", sagt er wehmütig und hielt mir seine Hand hin. Seufzend ergriff ich sie und ließ mich wie ein nasser Sack aus dem Stuhl ziehen. "Ich möchte bleiben.", klagte ich und folgte ihm schmollend.

      Zwei Tage später stand ich zusammen mit Hunter auf dem Parkplatz des Bear Brook EC und winkte den alten Herren mit Buck or Two auf den Innenhof. Der dunkle Hengst wurde erstmal in aller Ruhe mit der neuen Umgebung bekannt gemacht. Hunter hatte den Vormittag damit verbracht seine Box vorzubereiten. Auch den Futterplan von Buck hatte er etwas überarbeitet. Nach der Besichtigung konnte sich der Tinker erstmal in seiner Box ausruhen. Die Fahrt war zwar nicht allzu aufregend für ihn, doch er sollte sich erst einmal einleben, ehe er gearbeitet würde. Sobald ich sicher war, dass Alles um Buck herum geklärt war verabschiedete ich mich von Hunter und fuhr zurück nach Nottingham um mich um meinen eigenen Hof zu kümmern.
    • sadasha
      [​IMG]
      Hufschmiedbericht |
      4384 Zeichen von sadasha
      Gleich nach dem Anruf von Käthe ging ich runter in die Schmiede um mein Zeug zusammenzusuchen. "Ich sollte um festes mobiles Werkzeug aufrüsten, damit ich nicht jedes Mal Umräumen muss.", murmelte ich, während ich die Tasche packte. Pitch stand mir dabei regelmäßig im Weg und einmal stolperte ich über ihn, weil ich ihn auf dem dunklen Boden nicht gesehen hatte. "Verflucht nochmal!" Pitch verkroch sich, den Schwanz einklemmend unter der Werkbank. Seufzend entspannte ich mich wieder. "Komm her, du Gauner." Immer noch eingeschüchtert kam Pitch zurück und ließ sich von mir streicheln. Es kam wirklich selten vor, dass er mir so sehr im Weg stand, den Ärger hatte er also nicht verdient. Ich überprüfte nochmal, ob ich alles dabei hatte und meldete mich dann bei meinem Team für ein paar Stunden ab um nach Nottingham zu fahren. Pitch nahm ich dabei mit und ich plante auf dem Rückweg einen Stopp ein um ihm beim Futterhaus eine Kleinigkeit als Entschuldigung zu kaufen.

      Auf dem von Landsberg Gestüt kam mir Käthe mit besorgter Miene entgegen und umarmte mich kurz, ehe sie mich zu Valentine's Cantastor brachte. An seinem linken Vorderhuf sah ich gleich was passiert war. "Ich hab den Huf gründlich abgespült, wie du gesagt hast.", erklärte Käthe, während ich mir den Huf genauer ansah. Die Kluft war nicht tief, da hatte der Hengst Glück gehabt. "Läuft er normal?", fragte ich und tastete die Stelle vorsichtig ab. "Kommt auf den Untergrund an. Auf den Schotterwegen lief er fühlig." Als Cantastor mir den Huf aus den Händen ziehen wollte konnte ich mir vorstellen wieso er bei unebenen Böden mit Geröll fühlig lief. Doch es war nicht ganz durchgebrochen, sodass mein Fixkit, das ich dabei hatte ausreichen würde um die Verletzung zu versiegeln. Ich machte Fotos von dem Huf, damit in Zukunft überwacht werden konnte ob sich an dem Bruch etwas zum Negativen veränderte. Dann reinigte ich den Huf selbst noch einmal gründlich. Cantastor gefiel das nicht so gut und Käthe hatte viel Arbeit damit ihn halbwegs ruhig zu halten. Ich desinfizierte den Huf gründlich und formte dann die Modelliermasse grob vor um sie besser einarbeiten zu können. Es dauerte einige Minuten, bis sie fest in alle Ecken und Kanten eingedrückt war und wieder in der natürlichen Form des Hufes abschloss. "Das Schlimmste hat er jetzt überstanden.", erklärte ich Käthe und bereitete den abschließenden Gips-Verbandsfetzen vor. Ich legte ihn etwas größer an, als der Spalt groß war und strich ihn dann mit Wasser fest. Mit Folie fixierte ich Alles. "Das muss jetzt ein paar Minuten durchziehen, ehe wir die Folie abnehmen können. Er kann solange in seine Box zurück." Ich begleitete Käthe und beobachtete Cantastors Aufhufen. "Ein Kaffee wäre jetzt super." Ich drückte Käthe einen Kuss auf und ging mit ihr ins Haus, wo wir uns zusammensetzten. Ich erklärte ihr, dass der Huf sich recht schnell erholen würde und Cantastor zur Vorsicht lieber nur auf ebenen Böden geritten werden sollte. Am besten sind da tatsächlich die Sandplätze geeignet. Ich schickte ihr die Fotos rüber, die ich über die Behandlung hinweg geschossen hatte. "Halte ein Auge darauf ob und wie sich der Spalt entwickelt. Eventuell müssen wir in zwei, drei Wochen schon wieder ran, wenn die Masse rauszufallen droht. Aber eigentlich sollte Alles halten und ein bisschen mit dem Wachstum mitgehen." Käthe nickte und sah sich die Fotos an. Als wir unseren Kaffee ausgetrunken hatten gingen wir zurück zu Cantastor und ich nahm die Folie ab. Alles blieb wie vorgesehen an Ort und Stelle. "Achja. Er sollte nicht nass stehen, sonst löst sich der Gips. Wenn er sich löst ruf an. Lieber einmal den Gips erneuern, als die ganze Behandlung wiederholen zu müssen." Ich zerknüllte die Folie und legte Käthe meinen Arm um. "Sag nicht das ist dein erster Hufwandbruch.", meinte ich grinsend. Käthe wandte sich aus meiner Umarmung und sah mich unzufrieden an. "Doch und jetzt hör auf zu grinsen! Das ist nicht witzig." Sie tat als würde sie mich schlagen und schob mich dann aus der Box. Im Vorbeigehen warf ich die Folie in den Mülleimer bei der Sattelkammer. "Hör auf dir so viele Sorgen zu machen.", sagte ich während ich Pitch in den Wagen springen ließ. Ich küsste Käthe zum Abschied und machte mich dann auf den Heimweg. In ein paar Wochen würde Cantastors Huf wieder vollkommen normal aussehen, da der Bruch dann einfach rausgewachsen sein wird.

      adoptedfox gefällt das.
    • adoptedfox
      [​IMG]
      Pflegebericht für alle Pferde des von Landsberg TC | 4978 Zeichen von adoptedfox
      Käthe | “Du gehörst ins Bett, my Dear.” ermahnte mich Erin, als ich den Stall betrat und meine Thermoskanne auf der Futterkiste abstellte. Ich seufzte. “...aber mir fällt die Decke auf den Kopf.” sagte ich mit erstickter Stimme und folgte ihr in die Sattelkammer. “Wie läuft es mit Funny Sugar?” fragte ich sie und nahm mir einen Führstrick. “Sehr gut! Die letzten Tage habe ich mit ihr vermehrt Bodenarbeit gemacht und unsere Verbindung wird immer besser!” erzählte sie euphorisch und ich freute mich darauf, die Entwicklung der beiden miterleben zu dürfen. Erin hatte die junge Stute im Oktober letzten Jahres gekauft um sie selbst ausbilden zu können und ich versprach ihr zu helfen, sollte sie meine Unterstützung benötigen. Sie öffnete den Spind von Hibana und nahm den Sattel, ein paar Gamaschen und die Putzkiste heraus. “Was möchtest du heute machen?” fragte sie mich auf dem Weg zu ihrer Box und ich überlegte einen Moment. “Ich denke ich striegel die Pferde nur ab, bringe sie auf die Weiden und vielleicht gehe ich eine gemütliche Runde ins Gelände.” antwortete ich und Erin nickte zustimmend. Wir unterhielten uns noch einen Moment, bevor ich mich auf den Weg machte und mich um die Pferde kümmerte. Nachdem sich die Fohlen Granada, Ivy’s Rhapsody und Missing Misty auf der Weide neben dem unteren Stallgebäude befanden und um die Wette galoppierten, ging ich zur Box von Lorelei. Lorelei war seit einer Woche auf dem Hof und stach, als Kaltblut, deutlich zwischen den Vollblütern hervor. “Na meine Große, wie geht es dir heute?” fragte ich sie und ging in die Box um ihr grobe Verschmutzungen und Streu, die sich im Fell verfangen hat, abzubürsten. Tiefenentspannt, stand sie mit ihrem dichten Winterfell vor mir und genoss die massierenden Bewegungen der Bürste.
      Da sie noch in der Eingewöhnung war, brachte ich sie auf die Koppel neben dem Haus, die wir abgetrennt hatten damit auch Westatlanta ihren Freigang genießen konnte. Ases Maskwamozi, Echo’s Maiden und Smooth Gravity brachte ich zusammen auf eine der großen Weiden und Bearing Spot's, Bear Brooks Denahi, Grenzfee und Sympathy of the Devil auf eine anschließende Weide, damit die Stuten untereinander trotz der Litze Kontakt halten konnten. For an Angel brachte ich zu den Fohlen auf die Weide. Als auch Amistad, Compliment und Valentine’s Cantastor auf den Weiden waren, kontrollierte ich noch einmal dass alle Tore fest verschlossen waren und ging in den Stall um Smarty Jones für den Ausritt fertig zu machen. Der Hengst war das Verlasspferd schlechthin und ich vertraute ihm in jeder Situation. Da ich angeschlagen war hielt ich es für besser, ihn für einen Ausritt zu wählen. Ich holte den Hengst aus der Box und band ihn in der Stallgasse an um ihn gründlich zu putzen. Nachdem ich seine Hufe ausgekratzt hatte ging ich in die Sattelkammer und holte ein paar Gamaschen, seinen Sattel und die Trense. Mit einer Grippe war es ein Kraftakt, den schweren Westernsattel auf den Rücken des Hengstes zu bekommen, doch ich nahm alle Kraft zusammen und legte ihn mit Schwung auf. Der Hengst schnaubte und wandte mir seinen Kopf zu als wolle er fragen, ob alles okay sei. Ich streichelte über seine Stirn und lachte. “Womit hab ich dich nur verdient, hm?” fragte ich ihn und er rieb sein zartes Maul an meinem Oberschenkel. Ich holte eine Abschwitzdecke aus seinem Schrank und legte sie ihn über die Kruppe. Wir hatten zwar keine Minusgrade, doch der Wind fühlte sich eisig kalt an. Ich trenste den Hengst und führte ihn auf den Hof zur kleinen Bank um aufzusteigen. “Nimm das mit, zur Sicherheit.” sagte Erin und drückte mir mein Smartphone in die Hand. Dankbar steckte ich es in meine Jackentasche und trieb den Hengst vorwärts. Als wir an den Weiden vorbeigeritten waren, schlugen wir den Weg entlang der Felder ein. Im Schritt ritten wir auf einem kleinen Pfad zwischen Waldrand und frisch gepflügtem Feld bis es zu nieseln begann und wir in den Wald abbogen. “Wir sollten viel öfter ausreiten, meinst du nicht auch?” fragte ich Smarty Jones und streichelte den Hals unter seiner nachgewachsenen Mähne. Als würde er mir zustimmen, stieß er ein kurzes Schnauben aus und richtete ein Ohr nach hinten. Auch wenn es mich fröstelte, genoss ich die Auszeit im Wald auf dem Rücken meines Lieblings. Die vergangenen Wochen waren nervenaufreibend gewesen. Beginnend mit der Heunot durch den heißen Sommer, über die Vorbereitungen für den Winter, bis hin zum Jahreswechsel hatten wir alle Hände voll zu tun und sogar Hunter, der ebenfalls nicht zu wenig Arbeit hatte, half wo es nur möglich war. Mit dem ersten Tag im neuen Jahr fiel alle Last von unseren Schultern und wir hofften auf ein besseres Jahr. Nach knapp 3 Stunden erreichten wir wieder den Hof. Ich sattelte den Hengst ab und brachte ihn mit einer Abschwitzdecke auf die Koppel zu Valentine’s Cantastor, mit dem er sich sehr gut verstand. Sichtlich am Ende räumte ich den Stall noch auf, bevor ich mich ins Haus zurück zog und mir ein Erkältungsbad einließ.
    Keine Kommentare zum Anzeigen.
  • Album:
    von Landsberg Hengste
    Hochgeladen von:
    adoptedfox
    Datum:
    19 Juni 2018
    Klicks:
    469
    Kommentare:
    10

    EXIF Data

    File Size:
    350,7 KB
    Mime Type:
    image/jpeg
    Width:
    960px
    Height:
    640px
     

    Note: EXIF data is stored on valid file types when a photo is uploaded. The photo may have been manipulated since upload (rotated, flipped, cropped etc).

  • [​IMG]
    Hengst
    Valentine's Cantastor | Englisches Vollblut | 28. Juni 2007
    Stockmaß: 1.68cm
    Gewicht: 459.00kg
    Fellfarbe: Dunkelbrauner



    • Abstammung •
    Von Cataract
    Von Shirocco XX Aus der Nushin

    Aus der Belinda
    Von Cleef Aus der Bessy



    • Charakter •
    flink | neugierig | intelligent | frech

    Cantastor ist ein schwungvoller Hengst der oft ein gewisses Temperament zeigt, jedoch stets brav ist.
    Früher war Cantastor eine ganz eigene Persönlichkeit.
    Er war sehr aufmüpfig und versuchte, allen Händen zu entkommen.
    Der Hengst machte immer sein eigenes Ding und hatte sogar noch Freude daran.

    Cantastor stammt aus dem berühmten Zuchtgestüt Burnin' Valentine und wird nun das von Landsberg Trainings-Center bereichern.




    • Qualifizierungen & Erfolge •
    Fohlen ABC ✔ | Eingeritten ✔ | Eingefahren x

    ● Schleifenaufstieg
    Trainingsaufstieg Potential
    Springen E A L M S S* S** S***
    Stilspringen & Zeitspringen: E A A* A** L M M* M** S S* S** S*** S**** S*****

    Galopprennen E A L M S S* S** S***
    Ausgleichsrennen|Hindernisrennen: AIV AIII AII AI | AU AM AG

    Distanz E A L M S S* S** S***
    Distanzritte: EL EVG1 EVG2 EVG3 EVG4 CEN* CEN** CEN***


    Offiziell
    -
    Inoffiziell
    -
    Zuchtverband
    [​IMG]
    [​IMG]
    GHP - Prüfungen + Reiterspiele
    -

    Abstammung: 4
    Schleifen: 0
    HS: 2
    TA:
    0
    Trainer: 5
    Zubehör: 0

    Gesamt: 11



    Zuchtinformationen
    Zur Zucht zugelassen: Ja

    Eingetragene Zucht: von Landsberg
    Züchter/Herkunft: Zuchtgestüt Burnin' Valentine


    Nachkommen
    12/15
    Caipirinha, Compliment, Millennium Falcon,
    PFS' Phaeleh, PFS' Bring me to Life, PFS' Cupid, PFS' Call it Karma,
    Sarabi, Sympathy of the Devil, Sunday Morning, Granada
    NWS Checkmate


    Besitzer: adoptedfox (Käthe von Landsberg)
    VKR/Ersteller:
    Ivi.Kiwi



    • Gesundheitszustand •
    Letzter Tierarztbesuch: -
    Chronische Krankheit/en: -
    Erbkrankheit/en: -


    Letzter Hufschmiedbesuch: 25. Oktober 2018
    Hufkrankheit/en: keine
    Sonstige Unterlagen
    PNG
    Puzzle-PNG