adoptedfox

♔ Grenzfee

Englisches Vollblut | Stute | Dark Bay | 23P.

♔ Grenzfee
adoptedfox, 27 März 2018
sadasha und Cooper gefällt das.
    • adoptedfox
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      Mio » Weihnachten. Eigentlich mochte ich dieses besinnliche Fest ja, aber dieses Jahr war es irgendwie anders. Ich versuchte mir einzureden, dass es am fehlenden Schnee und den immer noch sommerlichen Temperaturen lag, aber damit probierte ich nur das Offensichtliche zu verbergen: Ich fühlte mich einsam. Die letzten 18 Jahre hatte ich dieses Fest mit meinen Eltern und allen anderen Verwandten gefeiert, welche aus dem ganzen Land gekommen waren. Dieses Jahr, dieses Jahr da war es anders. Natürlich, ich wohnte nun schon seit einigen Monaten in Frankreich und der Weg über die Feiertage nach Norddeutschland war freilich zu weit, vor allem wenn im Stall einige Pferde standen, welche betuddelt (gab es dieses Wort überhaupt?) und versorgt werden wollten. Das größte Problem war auch noch, dass ich vollkommen alleine auf dem Hof war. Abgesehen von unserem kleinen Katzenclan und den Pferden, denn Nico hatte Charly zu seinem Vater nach London mitgenommen und Shadow feierte mit seinem Vater und seiner Schwester. Natürlich hatten sie mich gefragt, ob es mir etwas ausmachte, dass ich alleine sein würde. Und natürlich hatten ich nein geantwortet, denn ich gönnte es meinen Freunden ja von Herzen, dass sie es sich gut tun ließen, aber jetzt, im Nachhinein, fühlte ich mich schon sehr einsam. Ich saß an dem Fenster in meinem Zimmer, hatte die Ellenbogen auf das Fensterbrett gestützt und mein Kinn in die Hände gelegt. Ich stellte mir vor, wie es wäre, wenn vom Himmel kleine weiße Schneeflocken kämen und sich wie weißer Puder über das Gestüt ausbreiten würden. Ja, ein Ausritt im Schnee, das wäre jetzt das Richtige. Leider waren es draußen 15° zu viel und am Himmel sah ich keine einzige Wolke. Ich seufzte tief. So ein tristes Weihnachten hatte ich noch nie gehabt. Capucine, unsere aufgenommene Streunerin, sprang elegant vom Boden auf das Fensterbrett und schmiegte sich dann schnurrend an mich.
      „Na jedenfalls bist du noch da, meine Kleine“, sagte ich leise zu ihr und streichelte sie hinter den Ohren, dort wo sie es am liebsten hatte. Capucine schnurrte noch lauter und ließ sich dann mit einem Mal auf das breite Fensterbrett fallen, wo sie sich genüsslich räkelte. „Ja ich weiß, du hast ja schon Recht“, stimmte ich ihr zu, obwohl sie ja eigentlich gar nichts gesagt hatte. „Ich gehe jetzt nach draußen und reite eine Runde aus. Vielleicht sieht die Welt danach heiler aus.“
      Mühsam stand ich auf, nahm meine Jacke vom Hacken und ging, gefolgt durch meine Kätzin, die Treppen hinunter und dann aus dem Haus. Die Pferde hatte ich schon in aller Frühe nach draußen auf die Koppeln gebracht, der Hauptstall war also leer bis auf die letzte Box. Nur aus der ersten Box rannte eine wilde Horde von grausamen, kleinen und vorallem niedlichen Kätzchen auf mich zu. Die fünf Junge von Capucine. Obwohl sie mittlerweile bereits so groß waren, dass man sie abgeben könnte, hatten wir es immer noch nicht übers Herz gebracht, sie in fremde Hände zu geben und so lebten alle fünf noch bei uns. Ich hatte das Gefühl, dass sie für immer bei uns bleiben würden, denn wir alle hatten die Racker ins Herz geschlossen und könnten uns von keinem von ihnen trennen. Ich nahm mir auch die Zeit, welche heute ausnahmsweise mal reichlich vorhanden war, und spielte ein paar Minuten mit den Fünfen. Diese jedoch entdeckten sogleich etwas anderes, dass ihre Aufmerksamkeit anzog und düsten wie die Wilden davon. Schwerfällig stand ich also wieder auf, lief zur Box von meiner Stute Mon Amie und nahm mir von dort ihr Halfter vom Hacken. Dann verließ ich den großen Stall wieder und wollte mich gerade auf den Weg zur Weide machen, als mich irgendetwas ablenkte. Ich blieb stehen, ließ meinen Blick über den Hof wandern und suchte nach dem Grund, welcher mich immer noch anzog. Erst konnte ich nichts auffälliges entdecken, doch dann dämmerte es mir langsam. Mein Blick blieb am Parkplatz hängen, wo heute nur Charlys alter Lada stand, da sie ja mit Nicos Wagen unterwegs war. Das war jedoch sonderbar, denn ich könnte schwören, dass gestern Abend noch unser Hänger daneben gestanden hatte und dieser war, auf sonderbare Weise, einfach verschwunden. Das war nun wirklich merkwürdig. Blöderweise hatte ich heute morgen nicht danach geschaut und konnte nun nicht sagen, ob er da noch dagestanden hatte. Ich blieb noch einen Moment ratlos stehen, bevor ich mich entschloss, erstmal einen Ausritt zu tätigen und mich dann mit dem Rätsel des verschwundenen Anhängers zu beschäftigen. Jedoch kam es auch dazu nicht. Ich wollte gerade das Gatter zur Weide öffnen, als ich von der Einfahrt her einen Motor brummen höre. Ich hatte schon immer ein Talent dafür, erkennen zu können, welches Auto es war und diesmal war ich mir sicher, dass es der schwere Klang des Benziners von Nico war. Außerdem nahm ich noch war, dass er nicht alleine kam, sondern mit einem schwer beladenen Anhänger und das konnte nur eines bedeuten. Irgendwer in Nicos Auto, brachte gerade ein Pferd auf den Hof. Ich hängte mir das Halfter samt Strick über die Schulter und joggte dann zurück zum Hof, wo mich, wie erwartet, das schwarze Gefährt von Nico und unser weinroter Pferdeanhänger erwartete. Verblüfft was die schon hier wollten, blieb ich mit einem Sicherheitsabstand von einigen Metern vor dem Auto stehen. Wer weiß, vielleicht wartete darin nicht mein Freund Nico, sondern ein Entführer, welcher das gleiche Auto fuhr und dazu noch unseren Anhänger gestohlen hatte. Mein Herz schlug etwas schneller, als sich die Fahrertür öffnete und – ich biss mir ängstlich auf die Lippen (In Gedanken ging ich schon einen Fluchtplan durch, wie ich am schnellsten abhauen könnte (Ich entschied mich dafür, mir meinen Hengst Acapulco zu schnappen und dann so schnell wie möglich zum nächsten Dorf zu reiten)) – und aus dem Wagen stieg zu 100% einer meiner besten Freunde Nico. Nun öffneten sich auch die anderen Türen und siehe da, nicht nur Nico hatte im Auto gesessen, sondern auch Charly und Shadow, welche mir eigentlich gesagt hatten, dass sie Weihnachten keine Zeit für mich haben würden. Meine Schockstarre war nach wenigen Sekunden vorbei und im Stechschritt lief ich auf die drei zu, welche mich alle breit angrinsten.
      „Was -“, fing ich an, ohne zu wissen, was ich eigentlich sagen wollte. „Ich hatte gedacht, ihr feiert alle ohne mich?“, fragte ich verblüfft und erstaunt zugleich.
      „Hatten wir eigentlich auch vor Füchschen“, sagte Nico mit einem breitem Grinsen im Gesicht „Aber dann plagte uns unser schlechtes Gewissen so sehr, dass wir zwei Tage früher aus London wiederkamen.“ Ich verkniff mir einen Kommentar, denn er wusste ganz genau, dass ich es hasste, von ihm Füchschen genannt zu werden, doch heute war ja Weihnachten und da wollte ich es ausnahmsweise mal durchgehen lassen.
      „Und du?“, fragte ich an Shadow gewandt. „Wolltest du nicht eigentlich mit deiner Familie feiern? Es ist immerhin erst -“, ich blickte auf die Uhr, „kurz nach zwei.“
      „Ich habe mit meiner Familie schon heute morgen Bescherung gemacht. Das erste Weihnachten auf Saint Gorge ist da doch viel wichtiger.“
      Mein Herz erwärmte sich bei diesen Worten. Ich musste zugeben, ich war schon stark enttäuscht gewesen, als mir alle meine Freunde abgesagt hatten und nun kamen sie ja doch und – warte mal, sagte mein Kopf, warum hatten sie den Anhänger mitgenommen? Ich zeigte also auf den Anhänger und wollte gerade meinen Mund öffnen um zu fragen, was das denn sollte, da ertönte aus dem Inneren ein herzzerreißendes Wiehern, was mich sofort inne halten ließ. Mit hochgezogenen Augenbrauen blickte ich zu meinen Freunden. Shadows Mund sah nicht ganz so happy aus, so als wäre er sich nicht sicher, ob das eine gute Idee war. Charly lächelte mich mitfühlend an, fast so, als täte es ihr ein bisschen Leid, dass ich so verwirrt war, aber Charly tat fast nie etwas Leid. Und Nico, Nico grinste immer noch breit.
      „Füchschen denkst du etwa, dass wir hier auftauchen ohne ein Geschenk für dich zu haben? Da kennst du uns aber falsch.
      Fröhliche Weihnachten!“, sagte er, machte einen Schritt auf mich zu und drückte mich fest. „Du wirst mit ihr sicherlich viel Freude haben.“ Die Art wie er es sagte, ließ mir das Blut in den Adern gefrieren, denn das klang nicht so, als wäre das Pferd im Innern des Hängers sehr verschmust. Es ertönte wieder ein lautes Wiehern.
      Shadow nickte mir aufmunternd zu, was ich als ein Zeichen sah, die Klappe öffnen zu dürfen. Vorsichtig ging ich um den Anhänger herum, öffnete dann die Scharniere und ließ die Rampe langsam nach unten sinken. Zu erst sah ich: Einen dunklen Hintern. Dann drehte das Pferd, welches ich als Stute erkannte, ihren Kopf in meine Richtung und ich konnte sie sehen. Es war eine Vollblutstute, mit einem hübschen dunklen Braun, was fast schon ins Schwarze ging. Sie war einfach nur wunderschön. Als sie mich sah, wieherte sie ein weiteres Mal und versuchte sich aus ihrem Gefängnis zu befreien, indem sie nach vorne austrat.
      Ich beeilte mich sie aus dem Hänger zu holen, was ich auch sogleich tat. Es schien so, als wusste sie nicht so recht, ob ich nun ihre Rettung oder ihr Untergang war, denn sie schaute mich ängstlich fragend an. Trotzdem ging sie, zwar recht holprig, aus dem Hänger und blickte sich dann um. Ich gab mir viel Mühe, sie ordentlich fest zu halten, jedoch tänzelte sie unruhig um mich herum und warf ihren Kopf immer wieder nach oben.
      „Ihr seid verrückt.“ flüsterte ich. „Verrückt seid ihr alle. Wo habt ihr die denn aufgetrieben?“
      „Original aus England“, sagte Nico stolz, fast so, als würde er mir seine Porzellansammlung zeigen und nicht eine halb wilde Vollblutstute.
      „Bring sie erstmal in den Stall, dann erkläre ich dir mehr“, sagte Charly zu mir und half mir dann die Stute zum Stall zu bringen und dann in eine der hinteren Boxen zu bugsieren. Ich streifte der Stute das Halfter ab und schloss dann vorsichtig die Tür. Ein weiteres, und vielleicht noch viel lauteres, Wiehern erschallte im Stall. Die Stute lief unruhig umher, fand dann den Weg zu dem kleinen Auslauf und war für einige Sekunden verschwunden. Meine drei Freunde und ich lehnten an der Boxentür und warteten darauf, dass die Stute wiederkam, was sie allerdings nicht tat. Ich hoffte inständig, dass sie nicht über die Absperrung springen würde, was ich ihr aber glatt zutraute. Charly nutzte die kurze Pause und fing an mir von der Stute zu erzählen.
      „Ihr Name ist Grenzfee, sie ist ein Englisches Vollblut und fünfeinhalb Jahre alt. Soweit wir wissen, stammt sie aus einer angesehenen Zucht und sollte später eigentlich als Rennpferd dienen, hat jedoch die geforderten Erwartungen nicht erfüllt und wurde dann verkauft, kurz nachdem sie eingeritten wurde. Der Vorbesitzer schien überhaupt keine Ahnung von Pferden zu haben und musste nun, nach mehreren Drohungen von den Nachbarn, welche sonst den Tierschutzverein angerufen hätten, das Pferd verkaufen. Eine Bekannte von Nicos Vater berichtete uns davon und da dachten wir uns, dass das doch das perfekte Weihnachtsgeschenk für dich wäre, denn sie ist so bezaubernd, die konnten wir nicht verrotten lassen. Was sagst du Mio? War das die Richtige Entscheidung?“
      Ich nickte. „Ja, sie ist toll. Einfach nur toll. Ich weiß gerade nicht ganz, was ich sagen soll, aber wenn die Worte wiederkommen, dann bedanke ich mich noch bei euch.
      "Wie habt ihr sie überhaupt hierher bekommen?“
      Diesmal antwortete Nico mir: „Mein Vater hat sich in der Pflicht gefühlt, seinem Sohn einen Gefallen zu tun. Er hat die Stute gekauft und uns die Transportkosten bezahlt. Deswegen sind wir auch schon zwei Tage früher da, war eigentlich nicht so geplant.“
      Die Stute kam wieder herein. Sie schien also doch nicht über den Zaun gesprungen zu sein. Außerdem war sie viel ruhiger und hatte entspannt den Kopf gehoben. Ihre Ohren wirbelten noch nervös von einer Seite zur anderen, aber ansonsten schien sie sich beruhigt zu haben. Mit viel Energie wandte sie sich zum Heusack um und zupfte dort mit aller Kraft ein Bündel Heu aus dem Netz, bevor sie es, schnell kauend, nach hinten schluckte.
      „Die soll nicht gut im Rennsport gewesen sein? Die hat ja mehr Feuer unterm Hinter als viele andere“, sagte ich zweifelnd. „Danke Freunde,“ fügte ich noch hinzu, „dass war echt das beste Weihnachtsgeschenk was ich je erhalten habe!“ Dann fiel ich ihnen in die Arme und wir umarmten uns kräftig.
      Dein Weihnachtsabend verbrachten wir damit, einige viele sinnlose Spiele zu spielen, bei denen Shadow fast alle gewann und Nico fast alle verlor. Charly und ich hielten uns tapfer im Mittelfeld und konnten den ein oder anderen Sieg an uns reißen. Obwohl mein Weihnachtstag sehr aussichtslos begonnen hatte, endete er besser, als je ein Weihnachten geendet hatte. Der Schnee fehlte mir nicht mehr, auch nicht die fehlenden Familienmitglieder. Meine Tiere und meine Freunde waren da fast noch besser. Kurz vor dem zu Bett gehen, zog ich mir nochmal eine Jacke über und machte mich auf den Weg in den Stall. Dort roch es nach frischem Heu und es war das angenehmste Geräusch der Welt, das ruhige Atmen der Pferde mit immer mal wieder einem sachten Schnauben. Grenzfee stand zwar entspannt, aber mit weit geöffneten Augen vor dem Ausgang zu dem kleinen Sandpaddock und verfolgte mich mit ihrem durchdringenden Blick. Wir schauten uns einen Moment stumm an, bevor ich sagte: „Fröhliche Weihnachten Fee und ein besinnliches neues Jahr.“ Dann wandte ich mich ab, verschloss den Stall wieder und schlüpfte in mein gemütliches Bett.
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      06:36 - Noch vollkommen verpennt und müde, betrat ich die gemeinsame Küche, in welcher schon Charly, Nico und Shadow saßen. Die Nacht hatte ich überhaupt nicht gut geschlafen und war bei jedem ungewohnten Geräusch aufgeschreckt. Ich murmelte ein leises „Morgen!“ in die stumme Runde und ließ mich dann auf meinen Stuhl fallen. Ja, mein Stuhl und niemand anderes durfte darauf ohne meiner Erlaubnis Platz nehmen. Charly trällerte ein „Guten Morgen!“ zurück und noch missgestimmter (Wie man nur so früh schon so munter sein konnte!) schaufelte ich mein Müsli in mich hinein. Während des Essens besprachen wir unseren Tagesplan. Da wir heute alle nicht arbeiten mussten, war dieser ganz schön voll.
      „Also“, fing Nico an „Ich finde, wir sollten endlich mal wieder einen gemeinsamen Ausritt machen. Wir hatten in letzter Zeit so viel zu tun, dass der Spaß an der ganzen Sache völlig im Hintergrund war, oder?“
      „Super Idee!“ stimme ihm Charly zu. „Allerdings würde ich das hinten dran hängen, denn es gibt noch ein paar wichtigere Dinge, oder was meinst du Mio?“ fragte mich Charly. Erschrocken hob ich den Blick von meiner Müslischale in die Runde.
      „Was? Ja, gute Idee. Ich würde heute nur gerne auch mit Ocarina ein bisschen in den Roundpen. Sie hat schon länger nicht mehr wirklich gearbeitet und es wird langsam Zeit, sie daran zu gewöhnen. Aber ansonsten hätte ich Zeit.“
      Shadow meldete sich wie in der Schule und als ich ihn auffordernd ansah, gab auch er seine Meinung kund. „Ich hätte da noch ein kleines Anliegen. Und zwar kommt mein Schwesterherz mich heute besuchen. Sie würde ja auch gerne reiten lernen. Könntest du ihr vielleicht eine Reitstunde geben Mio? Das wäre für sie echt der Oberhammer!“
      „Puh...“, Ich überlegte scharf. „Das hatte ich jetzt eigentlich nicht mit eingeplant, aber wenn sie dann im Stall mithilft, sollte das eigentlich funktionieren. Wann kommt sie denn?“
      „Da bin ich überfragt, aber wäre schön, wenn das klappt! Womit fangen wir heute denn an?“, fragte Shadow in die Runde und blickte dabei vorallem mich an.
      „Ich würde gerne einen ersten Versuch wagen und Ocarina und Mutantchen zusammen auf eine Koppel stellen. Dazu bräuchte ich euch alle drei, zur Sicherheit.“
      Alle drei stimmten mir zu und zusammen räumten wir den Tisch ab, zogen unsere Jacken an und gingen hinaus.
      07:04 - Nun doch schon etwas munterer, betrat ich den Hauptstall. Momentan waren die meisten Boxen noch leer und hier standen zur Zeit nur meine Stuten Vaconda, Winterzauber, Mon Amie, Jeanie, Changa, Charelle, Grenzfee, Hryða, wahrscheinlich bis heute noch Flotten von Mutanten und Ocarina und zu Letzt der einzige Wallach Excelsior. Meine Schritte führten mich an den ersten Boxen vorbei und ich warf nur kurz einen Blick hinein, um mich zu versichern, dass es allen meinen Schützlingen gut ging und hielt dann vor der Box von Flotten von Mutanten an. Die Mustangstute stand seit ihrer Ankunft alleine in ihrer Box und seit etwa einer Woche weidete sie, getrennt durch einen Doppelzaun zur Sicherheit, neben Ocarina of Time. Beide waren zwei wildere Stute, mit welchen ich noch viel Arbeit vor mir hatte. Trotzdem liebte ich sie über alles, denn jede war etwas besonderes. Flotte lief aufgeregt in ihrer Box hin und her, ging durch den Vorhang auf das kleine Paddock, was jede der 15 Boxen hatte, und kam dann wieder herein geweht. Ich stellte mich entspannt etwas seitlich vor die Boxentür und blickte der Stute nicht in die Augen. Sie blieb plötzlich ruhig stehen, schnaubte einmal merklich und kam dann mit gesenktem Kopf zur Boxentür. Als sie mich anstupste hob ich meine Hand und kraulte sie. Das klappte nun zum Glück schon fast perfekt und auch beim Führen hatte sie sich merklich verbessert. Da Flotte nun schon seit einer Woche ohne Probleme auf der Koppel neben Ocarina stand, wollten wir heute einen ersten Versuch wagen, die beiden Stuten zusammenzuführen. Ich schob vorsichtig den Riegel der Tür zur Seite, schlüpfte flink in das Innere der Box und lehnte dann die Boxentür nur an. Flotte schnaubte wieder, blieb jedoch stehen und so schaffte ich es ihr, innerhalb von zehn Minuten das leichte Halfter umzulegen. Flotte versuchte sich zwar meiner Hand zu entreißen, ich blieb jedoch standhaft und schaffte es, sie nach draußen zu führen. Vor dem Tor standen schon meine drei Freunde, welche zur Sicherheit draußen gewartet hatten, damit ich mich in Ruhe mit Flotte beschäftigen konnte. Ich übergab den Führstrick weiter an Shadow, welcher einen festen Griff hatte und lief wieder hinein zu der Box von Ocarina. Als ich mit der geschleckten Stute die Stallgasse entlang lief, rief ich Charly zu, dass sie schon mit Flotte vorgehen sollten und ich ihnen mit etwas Abstand folgen würde. In dieser Reihenfolge, Shadow mit Flotte, im Gepäck Nico und Shadow und dann ich hinten dran mit Ocarina, machten wir uns auf den Weg zur größten Koppel die wir hatten, also Athene. Da Ocarina mittlerweile die händelbarere der Beiden war, nahm ich mit ihr den großen Weg um die Koppel herum, um von der anderen Seite auf die Weide zu gelangen. Shadow folgte und öffnete mir dann das Gatter und schloss es hinter uns wieder. Ich sah, wie Nico von der anderen Seite der Koppel winkte und Charly Flotte vom Strick und vom Halfter befreite. Auch ich streifte Oca ihr Halfter ab und entließ sie auf die weitläufige Koppel. Ich hatte lange überlegt, ob ich beide mit Halfter oder ohne das erste Mal aufeinander treffen lassen wollte. Zum Schluss hatte ich mich dagegen entschieden, denn so war die Verletzungsgefahr etwas geringer. Flotte buckelte überdreht auf der anderen Seite der Weide und galoppierte dann wild den kleinen Hügel hinauf in unsere Richtung. Ocarina trabte den Hügel am Zaun entlang herab, hielt auf der Hälfte der Strecke an und hob den Kopf in Richtung Flotte. Auch Flotte schien die andere Stute entdeckt zu haben und wieherte einmal laut. Dann galoppierte sie mit voller Kraft auf die kleinere Ocarina zu, welche sich aber gar nicht beeindrucken ließ, sondern kurz auf die Hinterbeine stieg, als Flotte näher kam. Schlitternd kam die Mustangstute kurz vor Ocarina zum stehen und streckte dann ihren Kopf vorsichtig in ihre Richtung. Von weiten konnte ich erkennen, wie Ocarina es ihr kurz nachmachte, dann aber ruckartig den Kopf zurück zog, nach vorne austrat und wieherte. Flotte drehte auf der Hinterhand und galoppierte dann buckelnd davon. Ocarina galoppierte ihr nach und zusammen rasten sie über die Weide.
      „Sieht das gut aus, oder eher schlecht?“, fragte mich Shadow, welcher mit verschränkten Armen und skeptischem Blick neben mir stand.
      „Ich weiß noch nicht, das wird die Zeit zeigen.“
      08:16 - Nico erklärte sich bereit, bei den Pferden zu bleiben und darauf zu achten, dass sie nicht anfingen sich zu beißen. Shadow wollte ihn später ablösen, doch da wir noch viel zu tun hatten, machten wir anderen uns wieder an die Arbeit. Immerhin standen noch einige mehr Pferde in ihren Boxen, welche dringend nach draußen wollten. Charly ging wie immer zum Hengststall, um die drei Hengste auf ihre gemeinsame Koppel zu bringen. Wir hatten Glück gehabt, dass Happy und Coco so lieb waren und Vad, alias Marid, in ihrer Reihe aufgenommen hatten. Mit Vad hatte ich mich leider noch nicht anfreunden können. Meiner Meinung nach, lag das allerdings nicht an mir, sondern an ihm. Schon vom ersten Augenblick hatte er mich nicht an ihn heran gelassen, obwohl er bei allen anderen nicht so ein Theater veranstaltete. Mittlerweile kam ich damit zurecht, dass er irgendetwas gegen mich hatte, doch es war schon ein Schlag gewesen. Shadow und ich gingen in den Hauptstall, wo die restlichen Pferde standen. Also alle Stuten, sowie mein Wallach Excelsior, welchen ich über alles vergötterte. Shadow und ich teilten gerade auf, wer welche Pferde nach draußen bringen würde, als sein Handy in der Hosentasche einen Gong von sich gab. Ja, es war wirklich ein Gong, so ein chinesischer oder so. Er war davon total Fan, mir ging es auf die Nerven. Er zog es aus seiner Stallhose und blickte auf das leuchtende Display.
      „Meine Schwester schreibt, dass sie gegen halb zehn an der Bushaltestelle ist. Ich würde sie dann abholen, ja?“
      „Klar, mach ruhig. Ich freue mich, endlich deine Schwester kennenzulernen. Wird ja wohl Zeit.“
      „Jap, da hast du Recht.“, stimmte er mir zu. „Erwarte aber nicht zu viel! Sie kann manchmal – ja, du wirst es ja nachher sehen.“
      Ich schmunzelte. „Du machst es aber spannend. Dann lass uns mal die Pferde rausbringen, damit du es pünktlich schaffst.“
      Das taten wir dann auch. Ich schnappte mir zu erst meine beiden Lieblinge Valentines Jeanie und Excelsior, Shadow nahm Changa und die neue Stute Hryða, welche alle auf Hephaistos kamen, wo sie genügend Platz hatten. Dort entließen wir sie in die Freiheit, bevor wir wieder zurück in den Stall gingen um noch vier Stuten nach draußen zu bringen. Shadow legte Mon Amie und Charelle ihre Halfter an und ich nahm mir Vaconda und Winterzauber vor. Die vier würden auf Aphrodite kommen. Die junge Grenzfee, welche erst seit Weihnachten bei uns wohnte, blieb erstmal noch im Stall, bis der Hufschmied und der Tierarzt gekommen waren, denn sie wurde in ihrer Vergangenheit stark vernachlässigt. Wie abgesprochen sah ich von weiten, wie Charly erst Vad und dann Coco und Happy auf Poseidon brachte. Damit waren alle Pferde auf den Koppeln.
      09:03 - Da Shadow als nächstes damit dran war auf der Koppel von Flotte und Oca Wache zu schieben und ich nichts zu tun hatte, entschied ich mich dafür, ihm noch etwas Gesellschaft zu leisten, bis er seine Schwester abholen musste. Wie fast immer schweigend, gingen wir über den sandigen Hof in Richtung Athene. Wir sprachen meist nicht viel miteinander, wer weiß warum, trotzdem verstanden wir uns immer ausgezeichnet. Am Anfang hatte ich gedacht, dass aus uns beiden vielleicht mal mehr werden konnte, doch mittlerweile war es mir schon fast lieber, dass wir einfach nur beste Freunde waren. Ich sah Nico schon von weiten. Er saß auf einem Stein, außerhalb der Koppel und blätterte in einem großen Schmöker. Als wir näher kamen und er unsere Schritte hörte, stand er erleichtert auf.
      „Oh man, da seid ihr ja endlich. Das ist so eine Zeitverschwendung hier. Schaut euch die beiden doch an! Die ganze letzte Stunde haben sie nebeneinander gegrast und sind nur ab und zu mal zusammen über die Koppel gerannt. Die tun ja so, als kennen sie sich schon länger als die Welt existiert!“
      Mein Blick wanderte in Richtung Koppel und der beiden Pferde, welche unter einer kleinen Ansammlung von Kiefern auf dem sandigen Boden standen und genüsslich den Rest Gras fraßen.
      Ich musste lachen. „Mein Gott, was haben wir für ein Glück. Die scheinen sich ja wirklich gut zu verstehen!“
      „Du sagst es“, sagte Nico grimmig. „Und damit vertreibe ich mir meine Zeit. Sinnlos.“ Er schüttelte verärgert den Kopf und Shadow klopfte ihm freundschaftlich auf die Schultern.
      „Komm schon Kumpel, jedenfalls hattest du viel Zeit für dich. Was ließt du da eigentlich für ein Buch? Das habe ich ja noch nicht bei dir gesehen.“ Nico versuchte schnell das dicke Buch unter seiner Jacke zu verstecken, was er aber nicht ganz schaffte.
      „Ach nicht so wichtig!“ Mit diesen Worten stand er auf und lief schnell in Richtung Gutshaus, wo er dann durch die Eingangstür verschwand.
      Shadow und ich schauten uns an und mussten losprusten. Das waren solche Momente, wo wir uns einfach ohne Worte verstanden. Ich blickte auf die Uhr an meinem Handgelenk.
      „Oh, du solltest dich beeilen, es ist schon zehn vor halb und du brauchst mit deiner Schwalbe schon zehn Minuten bis zur Bushaltestelle.
      Ich würde hier warten und das Ganze nochmal mit eigenen Augen beobachten. Sobald du wieder da bist, komme ich aber runter.“
      Er nickte und wir verabschiedeten uns von einander, in dem wir uns drückten. Ich ließ mich auf dem Stein nieder, auf welchem bis gerade eben noch Nico verweilt hatte und beobachtete zwei meiner liebsten Stuten: Ocarina of Time und Flotten von Mutanten. Das Einreiten von Flotte lag noch in weiter Ferne, doch Oca hatte sich in letzter Zeit so gut gemacht, dass wir in einem Jahr vielleicht anfangen konnten. Sobald man sie sicher führen und putzen konnte, hatte ich vor, mit longieren anzufangen. Das würde aber auch frühestens im Frühling passieren. Ich wollte ihr die Zeit geben, die sie brauchte. Die nächsten zwanzig Minuten genoss ich einfach nur den Anblick der genüsslich fressenden Stuten, welche sich schon stark in mein Herz eingebrannt hatten.
      09:44 - Als ich von weitem das laute Rattern von Shadows Schwalbe hörte, riss ich mich von meinen beiden Stuten los und ging den kleinen Hügel hinab zum Parkplatz.
      Shadow stoppte nur wenige Momente später neben mir und schaltete seinen Motor aus. Hinter ihm saß ein junges Mädchen, dessen Gesicht ich wegen des Helmes allerdings noch nicht erkennen konnte. Shadows Schwester. Diese sprang behänd von der alten Schwalbe, zog sich den Helm schwungvoll vom Kopf und schüttelte sich ihre langen Haare aus dem Gesicht. Oh mein Gott! Sie hatte die gleiche Mähne wie ihr Bruder, nur war sie um einiges länger. Rabenschwarz waren sie, unten gerade abgeschnitten und oben ein gerades Pony. Eigentlich gefiel mir dieses nicht so sehr, aber ihr stand es. Vor allem hatte sie eine Figur wie ich sie mir immer gewünscht hatte und ich war vom ersten Augenblick Eifersüchtig. Mittelgroß, schlank, dünn und zart mit hellen grünen Augen. Sie war einfach nur wunderschön!
      „Darf ich vorstellen? Das ist meine Schwester Candida. Candida, das ist Mio. Von ihr habe ich dir erzählt.“, stellte Shadow uns vor.
      Ich wurde von klaren Augen angeschaut, welche recht zweifelnd an mir hinunter und wieder hinauf fuhren und ich fühlte mich gleich noch schlechter, obwohl das Mädel mir gegenüber mindestens zwei Jahre jünger war als ich. Ich überwand meine Gefühle und streckte ihr die Hand entgegen.
      „Hey Candida. Schön dich endlich kennenzulernen!“, fing ich an.
      „Candy.“, sagte sie nur. Ihre Stimme war übrigens genauso zart und rauchig wie sie selbst. Noch ein Grund, sie nicht zu mögen. Es klang einfach zu schön. Verwirrt blickte ich sie an. Sie sagte jedoch nichts weiter und mein Blick wanderte fragend zu Shadow.
      „Sie möchte nicht Candida genannt werden. Einmal kann man den Fehler machen, aber sobald man sie wieder Candida nennt, ist es komplett vorbei.“
      Ich wusste nicht ganz ob er das wirkliche ernst meinte, aber sein Gesicht verzog sich kein Bisschen.
      „Ok, dann Candy. Auch wenn das etwas-“, ich überlegte was ich sagen sollte. „Nicht französisch klingt.“
      „Mio klingt auch nicht gerade weiblich und trotzdem heißt du so.“, gab sie mir es genauso zurück. Ich zuckte die Schulter und wusste nicht ganz was ich sagen sollte. Shadow schaute mich nur mitleidig an und ich denke, ich hatte verstanden, was er mir vorhin sagen wollte.
      „Ok Candy, dann komm mit. Du willst doch reiten lernen, oder?“
      „Ich will nicht nur reiten lernen, sondern das ganze Verhalten von Pferden verstehen. Nur falls du fragen willst: Deswegen habe ich noch nie Reitunterricht genommen, weil es überall nur darum geht, nicht so schnell vom Pferd zu fallen. Keiner schafft es einem zu lehren wie Pferde ticken, was Pferde brauchen und was wir Menschen tun müssen, damit es ihnen gut geht. Denkst du, du kannst mir das zeigen? Wenn nicht, dann kann ich nämlich wieder gehen.“ Wow, ich würde sagen, ich war geflasht und gleichzeitig auch beeindruckt. Das Mädel wusste, was sie wollte und für meine erste Reitschülerin hatte ich mir da einen ganz schönen Brocken ran geholt.
      „Ok Candy“, wiederholte ich. „Dann komm mit. Ich zeige dir, womit wir anfangen.“
      „Ich mache uns einen Kaffee.“, sagte Shadow noch, bevor er im Gutshaus verschwand. Ich winkte Candy zu und schlug dann den Weg zum Hauptstall ein. Sie wollte wissen, was es bedeutet mit Pferden zu arbeiten? Dann konnten wir ja gleich anfangen. Ich stemmte meine Arme in die Hüften und zeigte in den Stall, wo nun 15 leere Boxen standen.
      „So, hier fangen wir an. Du hast Glück, dass zur Zeit nur sieben Boxen belegt sind und du nicht alle ausmisten musst. Dann ab an die Arbeit. Hier kommt der erste Schritt, beim reiten lernen. Denn da gehört, wie du schon selbst sagtest, viel mehr dazu.“
      Mehr als erstaunt sah ich dabei zu, wie sich Candy eine Mistgabel schnappte und die Schubkarre nahm die an der Stallwand stand und ohne zu Murren die Boxentür von Excelsior öffnete und anfing, die Äpfel meines Wallachs aus dem Stroh zu suchen und dann im weiten Bogen in die Karre zu befördern. Etwas baff stand ich noch einen Moment da, bevor auch ich mir die zweite Gabel schnappte und in der nächsten Box, der von Jeanie, anfing auszumisten. Ich war mehr als erstaunt, dass wir innerhalb einer Stunde alle Boxen sauber hatten und die Heusäcke gefüllt waren. Candy hatte die ganze Zeit durchgearbeitet und nur ab und zu mal etwas nachgefragt.
      „Was machen wir jetzt?“, fragte sie mich, als gerade Shadow hereinkam. Drei kalte Tassen Kaffee in der Hand.
      „Na nu? Bist du in der Zeit verschollen?“, fragte ich ihn erstaunt.
      Er winkte ab und hätte dabei fast den ganzen Kaffee verschüttet.
      „Ne, Nico hat mich abgehalten.“
      „Jaja!“, ich lachte und nahm ihm eine Tasse ab.
      „Ihr scheint euch ja gut zu verstehen.“, sprach Candy das Offensichtliche aus.
      „Jaaa.“, sagte ich. „Wir sind auch ziemlich gute Freunde, sonst würden wir nicht zusammen in einem Haus wohnen und uns einen Hof teilen. Oder?“ Candy schüttelte den Kopf, sagte aber nichts weiter.Erst nach etwa einer Minute, als wir alle unseren kalten Kaffee geschlürft hatten, sprach sie weiter.
      „Also, was tun wir jetzt? Du willst mir doch nicht erzählen, dass das das Einzige gewesen war, was ich heute getan habe? Dann hätte ich mir das Busgeld sparen können.“
      Schon wieder dieser abfällige Tonfall. Den würde ich nicht lange durchhalten, ohne durchzudrehen. Da gab es nur zwei Möglichkeiten. Entweder sie vom Hof schicken, was ich Shadow nie antun würde, oder ihr zu zeigen, dass sie mit ihren Annahmen so falsch lag, dass sie das nächstes Mal einfach sein ließ.
      „Nein, noch längst nicht.“, sagte ich und stellte meinen Kaffee vor einer Box ab. Er war sowieso kalt, also konnte ich ihn auch nachher trinken, das ergab keinen Unterschied.
      „Komm mit, ich zeige dir, was wir als nächstes machen!“
      Ich schnappte mir den Halsring von Excelsior, welcher vor seiner Box hing und schlug den Weg zu Hephaistos ein. Candy folgte mir und ich konnte spüren, dass sie sich fragte, was jetzt kommen würde. Bei der Koppel angekommen, drückte ich ihr den Halsring in die Hand und zeigte auf den weit entfernten Excelsior, welcher genüsslich neben seiner Jeanie stand und graste.
      „Siehst du den grauen Wallach dort?“ fragte ich Candy und zeigte auf ihn.
      Candy nickte nur mit dem Kopf. „Deine Aufgabe ist es, ihm den Halsring über den Hals zu streifen und ihn dann, ohne in auch nur zu berühren, hier hinunter zu mir zu führen. Exel folgt nicht jedem, aber wenn du ihm das Vertrauen geben kannst, dann wird er dir folgen.
      "Wenn du hier unten bist und ich das Tor für dich aufmache, führst du ihn, immer noch ohne anzufassen, zur Reithalle. Dann schauen wir weiter.“
      Ohne etwas zu sagen, schlüpfte das Mädchen unter de Zaun hindurch und lief mit gleichmäßigen Schritten zum anderen Ende der Koppel. Mit zusammen gekniffenen Augen, ich hatte schon immer nicht so gut sehen können und war schon immer zu faul gewesen, mir eine Brille anzuschaffen, beobachtete ich sie dabei. Candy begrüßte zu erst alle Pferde und beschäftigte sich dann mit Excelsior, welcher nicht gerade Lust dazu zu haben schien, schon wieder von der Koppel gehen zu müssen. Das Mädchen streifte ihm trotzdem den Halsring über und ich weiß nicht wie sie es machte, aber als sie sich umdrehte und den Weg zurück ging, folgte der eigensinnige Wallach ihr. Mit gesenktem Kopf, den Halsring über dem Hals, lief er hinter ihr her und ließ sich auch nicht davon stören, dass ich das Gatter aufmachte, um die beiden nach draußen zu lassen. Candy lief weiter, Exel auch. Plötzlich drehte er jedoch ab und wollte in Richtung Stall laufen. Candy blieb so ruckartig stehen, dass sich selbst Excelsior erschreckte und verwirrt zu ihr hin blickte. Candy stampfte nochmal bestimmerisch mit den Füßen auf und zeigte dann mit dem Finger auf den Boden vor ihr.
      „Hier her, aber zackig!“, ging sie den Wallach an, bevor sie sich wieder umdrehte und weiter ging, als wäre nichts passiert. Exel schien noch einen Moment verwirrt, bevor er ihr wieder folgte. Erstaunt folgte ich ihr. Auch wenn sie keine Ahnung hatte, sie hatte in diesem Moment genau das Richtige getan. Ohne weitere Probleme führte Candy Excelsior zur Reithalle, an der sie das Tor öffnete und die großzügige Halle betrat. Ich beeilte mich hinterher zu kommen.
      „Das war“, ich nickte leicht mit dem Kopf und wusste in dem Moment nicht, was ich sagen sollte „eine gute Leistung.“
      Candy zog die Augenbrauen hoch und schaute mich erwartend an. Dieses schlaue und selbstbewusste Mädel wusste ganz genau, dass die Aufgabe mehr als gut von ihr gelöst wurden war. „Ich möchte nun, dass du nun hier in der Halle versuchst, weiter mit ihm zu üben. Versuch das gleiche mit ihm zu machen, wie auf den Sattel. Bring ihn dazu, dass zu tun, was du willst und beachte bitte, dass auch er Freude daran haben sollte, sonst ist das alles Kontraproduktiv. Ich musste zugeben, Candy machte alles fantastisch. Selbst das Longieren ohne Longe, im Trab, wie auch im Galopp, meisterte sie hervorragend und nachdem ich das Training mit beiden beendet hatte, schwitzte Excelsior stark und auch Candy stand die Anstrengung ins Gesicht geschrieben. Ha, dachte ich innerlich und konnte mich gleich darauf für diesen fiesen Gedanken feigen, sie ist auch nur ein Mensch und nicht unsterblich.
      „Ok. Das war gut. Möchtest du ihn zur Koppel reiten?“, fragte ich Candy. Diesmal machte sie wirklich große und erstaunte Augen. Ein kleines bisschen Kind steckte also doch noch in ihr.
      „Wirklich? Ja sehr gerne!“
      „Ok, aber dann musst du ohne meine Hilfe auf seinen Rücken kommen. Exel ist zwar ein Deutsches Reitpony, hat die Normalgröße für ein Pony aber längst überschritten.“
      Candy nickte, streichelte den Wallach noch einmal hinter den Ohren, nahm zwei – drei Schritte Anlauf und – schaffte es nicht auf seinen Rücken.
      „Versuche es gleich nochmal, das ist kein Problem.“ ermunterte ich sie. Beim zweiten Mal kletterte sie ohne Probleme auf den schmalen Rücken des dunklen Pferdes und schien stolz auf sich zu sein.
      „Na geht doch!“, reite ihn zur Koppel, nehme ihm den Halsring ab und verschließe wieder alles ordentlich. Ich gehe schonmal zum Gutshaus und setz uns einen Kaffee auf.“
      13:28 - Als ich die Tür zur Küche öffnete, kam mir allerdings der gewohnte Duft des Kaffees entgegen und ich befürchtete schon, was sich kurz darauf bewahrheitete, nämlich, dass ich nicht die erste war. Charly, Nico und Shadow saßen gemütlich an dem kleinen Tisch, tranken aus einer dampfenden Tasse und unterhielten sich.
      „Habt ihr nichts zu tun?“, fragte ich erstaunt in die Runde, denn der Tag war bis jetzt zugeplant gewesen.
      „Wir sind eben schneller gewesen als du und da unsere Chefin, welche uns schon die ganzen letzten Tage von einer Aufgabe zu anderen gescheucht hat, gerade nicht da war, haben wir die Situation genutzt und eine kleine Ruhepause eingelegt.“ Nico schaute mich mit einem breiten Grinsen an.
      „Du Arsch“, murmelte ich und ließ mich dann auf meinem Stammplatz nieder.
      „Wo ist denn Candy?“ Shadow schaute sich fragend um.
      „Die kommt gleich. Sie bringt nur noch Exel weg.“
      Keine Sekunde später wurde die Tür geöffnet und Candy, selbstsicher wie immer, stolzierte herein und ließ sich auf den letzten freien Platz fallen.
      „Hey!“ begrüßte sie Charly. „Du musst demnach wohl Candy sein, oder? Ich habe schon viel von dir gehört, schön dich kennenzulernen.“
      „Danke, ich kenne euch auch schon gut vom Hören. Du musst demnach dann wohl Nico sein, der Typ der total in Charly verschossen ist?“
      Erschrocken schaute Nico, welcher sich sonst eigentlich nicht so schnell aus der Ruhe bringen ließ, zu Shadow, dem die Röte ins Gesicht gestiegen war. Charly hatte die Augenbrauen hoch gezogen und schaute gedankenversunken zu Candy, welche die Situation genoss. Ich hatte ein leichtes Lächeln auf den Lippen, aber alle drei meiner Freunde taten mir Leid. Shadow, weil Nico nun wusste, dass er über so etwas mit seiner Schwester gesprochen hatte, Charly, weil sie genauso in Nico verknallt war, wie er in sie und Nico, weil es für ihn einfach nur peinlich war.
      „Was haltet ihr davon, wenn wir einen Ausritt machen? Wie es scheint, haben wir gerade Zeit und das haben wir schon lange nicht mehr getan.“
      14:01 - Etwas später trafen wir uns vor dem Hauptstall. Jeder hatte das Pferd seiner Wahl von der Koppel geholt und es auf einen Ausritt vorbereitet. Auch Candy durfte mitkommen, ich war mir sicher, dass sie es schaffen würde. Nico und Charly würde unsere beiden Hengste Marid und Acapulco Gold reiten. Marid, welcher von uns nur noch Vad genannt wurde, hatte schon immer eine große Abneigung gegen mich verspürt und so war es auch diesmal, als er mich neben Winterzauber entdeckte, welche ich mir ausgesucht hatte. Er legte die Ohren an und sein Blick sagte deutlich, dass ich ihm ja nicht zu Nahe kommen sollte. Candy hatte ich Vaconda gegeben. Die gutmütige Stute würde niemals jemanden aus dem Sattel werfen, selbst jemanden unerfahrenen wie Candy nicht, welche aufgeregt die dunkle Mähne der Stute sortierte. Shadow hatte sich seine geliebte Charelle von der Koppel geholt und damit würde Mon Amie alleine zurück bleiben, aber ich hoffte, dass sie das nicht stören würde.
      „Ok, dann lasst uns aufsteigen! Ich wäre ja für eine Strecke ins Innenland, da der Wind zur Zeit echt stark am Strand pfeift.“
      Die anderen stimmten mir zu, also schwang ich mich in den älteren Dressursattel von Wizza und nahm die Zügel auf. Wizza war schon immer schwierig im Gelände zu reiten und ich hoffte, dass es besser wurde, je öfters ich das tat. Meist nahm ich ihre Freundin Mon Amie mit, heute war dies jedoch zu viel. Auch Candy kletterte, erstaunlich leichtfüßig in den Sattel. Als auch Charly und Nico in ihren Westernsätteln saßen, gab ich ihnen das Zeichen, dass sie vorreiten sollten. Wir würden mit den Stuten etwas Abstand zu den beiden Hengsten halten. Wir schlugen den Weg in Richtung Berge ein, welchen ich meistens zum Training nutzte. Einige Pferdelängen hinter Charly und Nico ritt ich nebeneinander mit Candy, hinter uns kam dann Shadow auf seiner Nelly.
      „Versuche mal, die Zügel etwas mehr aufzunehmen. Vaconda läuft zwar auch mit hängenden Zügeln gut, aber im Gelände ist man da lieber vorsichtiger.“
      Candy befolgte meine Anweisung zu gleich und für den Anfang machte sie es gut. Trotzdem gab ich ihr immer mal wieder Tipps und bereits nach kurzer Zeit saß sie schon viel sicherer im Sattel.
      „Wenn du noch versuchst dich etwas tiefer in den Sattel zu setzen und wirklich entspannt zu sein, dann sieht es gut aus.“
      Gegenüber Candy versucht ich so entspannt wie möglich auszusehen, allerdings lief Wizza gar nicht entspannt. Immer wieder schmiss sie den Kopf nach oben und riss mir gleich danach fast die Zügel aus den Händen indem sie in nach unten senkte. Obwohl Winterzauber eigentlich sonst ein außergewöhnlich ruhiges Verhalten hatte, war davon jetzt gar nichts mehr zu sehen. Sie tänzelte eher, als das sie Schritt ging und wollte bei jeder ihr gebotenen Möglichkeit zu den beiden Hengsten aufschließen. Nach einiger Zeit taten mir meine Hände bereits von dem stetigen Druck an den Zügeln weh und ich fragte die anderen, ob wir traben wollten. Es ging gerade einen kleinen Berg hinauf und da war die Gelegenheit ganz günstig. Winterzauber hatte nur auf eine Tempoerhöhung gewartet und raste nun vor den anderen weg. Ich hoffte, dass Shadow ein Auge auf Candy haben würde, denn gerade hatte ich mit mir und Winterzauber genug zu tun.
      „Charly!“ rief ich nach einigen Minuten. „Könntet ihr mal kurz anhalten und mich vorbei lassen? Wizza muss sich dringend mal auspowern.“
      Ich gab auch Candy und Shadow das Zeichen, dass sie die Zügel aufnehem sollten und sah aus dem Augenwinkel, wie Shadow zu den Zügeln von Vaconda griff, damit sie nicht hinter Winterzauber her rennen würde. Charly und Nico zügelten ihre Hengste und wichen zur Seite aus. Wizza wusste, dass sie nun freie Bahn hatte und diesmal hinderte ich sie nicht daran, loszugaloppieren. Ich ließ die Zügel lockerer, aber trotzdem so, dass ich noch genügend Verbindung zum Pferdemaul hatte und ließ die Stute nach vorne rasen. Ich hoffte, dass uns niemand entgegen kommen würde, denn die Stute konnte ich nicht so schnell bremsen. Winterzauber galoppierte auch und wie sie galoppierte. Schnell verlor ich meine Freunde hinter mir aus den Augen. Wizza war nicht unbequem, aber durch den holprigen Boden wurde ich an manchen Stellen so durchgeschüttelt, dass ich mich irgendwann in den leichten Sitz begab. Zum Glück schaffte ich es noch knapp, den Weg nach Hause einzuschlagen, sonst wären wir ins Unendliche weiter galoppiert. Winterzauber galoppierte weiter, obwohl ich merkte, wie sie mit der Zeit langsamer und ruhiger wurde und ich es schließlich schaffte, sie in einen flotten Trab durchzuparieren.
      15:44 - Natürlich kam ich viel früher wieder auf unserem Gelände an als die anderen. Ich hatte Wizza bereits abgesattelt, trocken geputzt und ihr eine dicke Decke übergeworfen, als ich Hufgeklapper hörte. Ich warf die Boxentür vielleicht etwas zu stark ins Schloss, denn Grenzfee in der Box neben an wieherte erschrocken auf.
      „Sorry Süße!“, flüsterte ich ihr zu und ging dann nach draußen, wo Shadow und Candy gerade von den beiden Stuten abstiegen.
      „Wo sind denn Nico und Charly?“, fragte ich verwundert in Richtung Shadow, welcher mit aber nicht gleich antwortete und deswegen Candy das Wort ergriff.
      „Die wollten nochmal eine kleine Runde drehen.“, sagte sie vielsagend und mit einem Grinsen auf ihren roten Lippen.
      Ich jedoch beachtete diesen nicht weiter sondern half ihr dann, Vaconda abzusatteln. Auch ihr und Nelly legten wir eine Decke auf, wer weiß, diese Nacht sollten es Minusgrade werden. Dann entließen wir die drei Stuten zurück auf ihre Koppel, wo sie schon freudig von Mon Amie begrüßt wurden.
      „Ich würde gerne, da wir gerade etwas Zeit haben, Ocarina versuchen zu longieren. Dazu brauche ich eure Hilfe aber nicht.“ sagte ich zu Shadow gewandt.
      „Klar, kein Problem. Ich schaue mal, was ich noch tun kann. Wir sehen uns später!“
      Shadow und Candy gingen in Richtung Stall zurück, während ich den Weg zur Koppel einschlug, wo seit heute Ocarina und Flotte zusammen standen.
      Ich nahm gleich das Halfter von Vaconda, welches bis zum Stall schon seine Dienste tun würde.Ich fand die beiden Stuten in dem kleinen Offenstall, welcher unter einer Gruppe von kleinen Pinien stand. Die Situation von heute Morgen hatte sich nicht verändert und beide waren gesund und munter wie je her.
      Flotte wich ängstlich zurück, als ich näher kam. Ocarina blieb jedoch stehen und schaute mich fragend an.
      „Alles gut“, sprach ich leise auf sie ein. „Hier, siehst du, ein Halfter, das kennst du ja schon.“
      Ocarina ließ sich zögerlich das Halfter über den Kopf ziehen und folgte mir, nach mehreren Versuchen, zum Ausgang und die Weide hinab. Flotte schien so verängstigt von dem plötzlichen Versuch, dass sie uns nicht folgte, sondern weiterhin in dem schützenden Offenstall blieb. Da Ocarina viel im Offenstall gelebt hatte, war ihr einiges wieder fremd, als ich sie am Gutshaus und dann am Parkplatz vorbeiführte. Zögerlich und mit gespitzten Ohren folgte sie mir zum Hauptstall, wo ich sie an der Mauer anband und schnell in den Stall schlüpfte um Putzzeug und für später eine Longe und ein Knotenhalfter zu holen. Als ich wieder nach draußen trat, war Ocarina gerade dabei, den Führstrick zu bekämpfen und von einer Seite zur andern zu laufen.
      „Ruhig mein Mädel,“ versucht ich die Stute zu besänftigen „Du kannst dich gleich austoben. Ich beeilte mich, die schreckhafte Jungstute so sauber wie möglich zu bekommen. Ich hatte das noch nicht allzu oft mit ihr geübt, aber wenn wir es nun vor jedem Arbeiten tun würden, würde sie sich sicherlich schnell daran gewöhnen. Nach dem Putzen wechselte ich das normale Halfter gegen ein Knotenhalfter und eine lange Longe und führte meine gescheckte Stute zu unserem überdachten Roundpen. Da es draußen schon dämmerte, schaltete ich das Licht an, welches etwas länger brauchte und dann flackernd der Reihe nach anging. Bei dem grellen Licht zuckte Ocarina zurück, doch ich blieb ruhig und führte sie dann in das kleine Gebäude. Ich fing die Stunde ruhig an, ließ die junge Stute erstmal im Schritt auf der rechten Hand laufen und baute nach einiger Zeit kleine Handwechsel mit ein. Ocarina schien sich mit der Situation abgefunden zu haben und ohne Probleme ging sie wenig später auch in einen langsamen Trab über, welchen sie konstant durchhielt. Dann fing ich etwas mit Stimmkommandos an, welche sie auch schnell begriff. Am Ende ließ ich sie ohne Longe nochmal galoppieren, was sie auch sichtlich auf dem weichen Sand genoss. Für heute würde das reichen, immerhin wurde noch nicht viel mit ihr gemacht und das hübsch gescheckte Fell war jetzt schon durchnässt.
      17:13 - Kurz nachdem ich Ocarina wieder zu ihrer Freundin Flotte gebracht hatte, ging ich zurück zum Hauptstall, um das Halfter sowie das Knotenhalfter und das Putzzeug zu verstauen. Ich wollte nochmal einen Blick in den Hengststall werfen, vielleicht waren Nico und Charly schon wieder da. Ich verließ also den Hauptstall und lief in Richtung Hengststall, welcher etwas abseits stand. Kurz bevor ich ihn erreichte, hörte ich Hufgeklapper und vom Strang kamen mir Nico und Charly entgegen. Sie führten ihre Pferde und sie – Ich schaute ein zweites Mal hin – Sie hielten sich an den Händen. Innerlich jubilierte ich, äußerlich lächelte ich nur leicht. Als Charly mich erblickte, ließ sie schnell die Hand von Nico los und Nico, dem sonst eigentlich gar nichts peinlich war, errötete so stark, dass ich es aus der Ferne erkennen konnte.
      „Na ihr beiden? Da habt ihr aber einen Ausflug gemacht. Kommt, ich helfe euch die Pferde abzusatteln.“
      Die beiden, die eigentlich immer am meisten erzählten, schienen verstummt und sagten kein Wort. Auch als ich ihnen vom Longieren mit Ocarina erzählten nickten sie nur und ich verstand irgendwann, dass sie am liebsten alleine sein wollten. Also ging ich schon vor ihnen zurück zum Haupthaus, wo ich, vor dem Fernseher sitzend, Candy und Shadow fand.
      „Was schaut ihr da?“ fragte ich und ließ mich neben Shadow nieder.
      „Herr der Ringe, den dritten Teil.“ antwortete Shadow und strahlte mich dabei wie ein kleines Kind an. Ich lachte und schaute mit.
      18:33 - Da Charly und Nico, Candy hatte es geschafft, keinen blöden Kommentar abzugeben, nach der Rückkehr von ihrem „Ausritt“ zusammen nach Saint-Pierre-La-Mer in eine Bar gefahren waren, mussten wir zu dritt alle Pferde von den Koppeln holen. Die Hengste hatten wir zum Glück gleich drin gelassen, deswegen fehlten nun nur noch die Stuten und mein Wallach Excelsior. Zu dritt brauchten wir etwas länger als gewohnt, aber trotzdem fanden irgendwann alle den Weg zu ihrer Box. Candy stellte sich genauso geschickt beim Pferdeversorgen wie beim Reiten an und ich musste nichts bemängeln, als sie allen Pferden ihre verdiente Mahlzeit gab.
      „Was tun wir jetzt?“ fragte sie mich etwas später, als ich gerade den letzten Heusack in die Box von Excelsior hängte.
      „Jetzt? Jetzt gehe ich nach Hause und setze mich vor meinen Fernseher, der Tag war anstrengend und voll genug.“ sagte vorwurfsvoll. „Du kannst gerne noch die Weiden abäppeln, aber ich gönne mir jetzt einen warmen Tee.“
      Ich schloss die Boxentür und drückte ihr dann den Schlüssel zum Stall in die Hand.
      „Zuschließen nicht vergessen!“ warnte ich sie noch, dann verließ ich das Stallgebäude und ging zum Gutshaus.
      Candida hatte echt Feuern unterm Hintern. Sie musste nur aufpassen, dass sie es nicht zu weit trieb. Heute war es bei mir fast so weit gewesen und so etwas ging einfach nicht. Ich hatte mich heute viel mit ihr beschäftigt und meine Kraft damit verbraucht, ihren Wünschen gerecht zu werden. Irgendwann war auch mal Schluss! Ärgerlich stapfte ich die Treppen hinauf und ließ mich in meinem Zimmer am Fenster nieder. Draußen war es dunkel, dunkler, als es in Deutschland je sein würde. Irgendwo vermisste ich Deutschland, aber ich lebte nun hier in Südfrankreich. Das war mein zu Hause. Ich hörte es gar nicht, als die Tür sich leise öffnete und Shadow herein kam. Erst als er hinter mich trat und mich langsam umdrehte, zuckte ich erschrocken zusammen. Einen kurzen Moment dachte ich, er würde mir eine Standpauke halten, weil ich seine Schwester geschimpft hatte. Aber er nahm nur mein Gesicht in seine Hände und blickte mich an. Jedes Härchen stellte sich von seiner Berührung auf und ich war gebannt von seinem Blick. Ich hatte es immer verdrängt, war immer zu scheu gewesen, den ersten Schritt zu machen, aber ich hatte es schon immer gewusst, vom ersten Augenblick an, genau das was er jetzt sagte.
      „Ich liebe dich!“ flüsterte er und ich sagte ihm das gleiche. Der Kuss setzte mich so unter seinen Bann, dass ich mich im Nachhinein kaum noch an ihn erinnern konnte. Besser gesagt, wusste ich gar nichts mehr, ich war mir sogar nicht mehr sicher, ob es überhaupt passiert war, aber es war passiert. Wir waren die Treppen wieder hinab gegangen, hatten Candy vor dem Fernseher gefunden und hatten den Abend vor einem sinnlosen Film verbracht.
      22:10 - Am späten Abend flüchtete ich mich in mein Bett. Ich schaffte es nicht, Shadow gute Nacht zu sagen und Candy erst recht nicht. Wer weiß, vielleicht hoffte ich, er würde zu mir kommen. Aber er kam nicht. Er war wahrscheinlich verunsichert, denn ich war ohne ein weiteres Wort gegangen. Es war verständlich und in der Situation war ich auch nicht böse auf ihn, nur auf mich, weil ich gefühlt wieder viel falsch gemacht hatte. Auch die Nacht schlief ich schlecht. Immer wieder gingen mir die Ereignisse des Tages durch den Kopf. Die Wendung zum Schluss war so überraschend gewesen, dass sie in meinen Gedanken ein regelrechter Bruch war.rst als es draußen bereits dämmerte, fand ich Ruhe und war selbst überrascht darüber, dass ich bis Mittag durchschlief. Niemand weckte mich, niemand kam in mein Zimmer, niemand durchbrach meine Gedanken und erst als ich von selbst munter wurde, stand ich auf. Meine Schritte lenkten mich als erstes zum Fenster, wo ich meinen Blick über das Gestüt gleiten ließ. Ich war mir sicher, sicherer als ich es je gewesen war.
      „Ich liebe dich, Shadow!“ flüsterte ich.
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      Erst einige Tage nachdem ich von Newk York zurückkehrte kam schon der nächste Auftrag der mich erneut aber nach Europa führte. Meine Auftraggeberin Mio Michalski besaß einen Hof in Süd Frankreich und bat mich nach ihren beiden Pferden zu sehen. Nicht lange nachdem ich den Auftrag gelesen hatte macht ich mich flugbereit und war unterwegs zu ihnen.
      Nach der Ankunft am Flughafen wurde ich persönlich von Mio abgeholt. Nach nettem Begrüßen plauderten wir den ganzen Weg hin, zu ihrem Gestüt. "Schön habt ihr es hier" und lief eindrucksvoll Mio in den Hauptstall hinterher. Sie hatte mir schon einiges über die Pferde erzählt und ich freute mich vor allem darauf Grenzfee kennen zu lernen. Aber zuerst war Hryða dran. Wie ich schon zuvor erfuhr war sie sehr eigensinnig und kann schon ab und an mal zickig sein, was aber bis jetzt noch kein Problem darstellte. Neugierig schnupperte sie an der Karotte die ich ihr zu Begrüßung hin hielt. Nachdem ich ihr Vertrauen hatte fing ich mit der Untersuchung an. Die Prävention A dauerte nicht lange. Ich kontrollierte Augen, den Pupillenreflex, Ohren, Nüstern den Maulbereich plus Zähne, tastete ihren Körper nach Wunden oder anderen Auffälligkeiten ab und kontrollierte die Vitalzeichen, Puls, Atmung und Temperatur. "Alles in Normalbereich, und auch andere Auffälligkeiten habe ich nicht gesehen" sagte ich und lobte die Stute, die Charackterlich sonst etwas schwierig war. Ich frug noch nach ihren Impfpass. "Hm...also die nächste Grundimmunisierung wäre spätestens ende Februar fällig". Nickend und glücklich über den guten Zustand der Isländerstute führte mich Mio zu Grenzfee. "Na du kleine, ich hab mich schon die ganze Zeit auf dich gefreut" sagte ich und näherte mich der dunkelbraunen Stute, die vor der Saint Gorge Zeit, stark vernachlässigt wurde. Wie es schien hatte sie sowieso schon eine wilde Natur, dennoch wurde diese durch die Vernachlässigung in den Vordergrund gedrängt und somit war der Umgang mit ihr schwieriger als wenn man sie von Anfang an gut trainiert und auf sie eingegangen wäre. Nun konnte man ja nicht ändern was schon geschehen war und ich setzte alles Wissen ein das ich hatte um bei ihr die Untersuchung möglich zu machen. Ich fing zunächst an mit dem wichtigsten und kontrollierte wie bei Hryða die Vitalzeichen und auch die Körperteile, was an sich schon sehr schwer war. Als wir die Stute nach dieser Prozedur beruhigt hatten sah ich Mio an. "Wir haben einen akuten Fall einer Hufrehe. Das ist eine Entzündung der Huflederhaut, wo dann sich die Hufkapsel von dieser löst. Die Entzündung ist aseptisch, also nicht durch Infektionserreger entstanden, sondern entstand durch die lange Stehphase und dem harten Boden. Leider, ist nicht nur ein Huf stark betroffen, sondern beide Vorderhufen. Ich werde die sofort Rögntenbilder erstellen um zu sehen wie schlimm es ausgeprägt ist". Mio's Gesicht schien wie eingefallen. Nach tröstenden Worten ging ich mit ihr das kleine mobile Rögntengerät holen und führte sie, zur Sicherheit an an allen Hufen durch. Es war schwierig, denn Fee musste einige Sekunden still stehen, was nicht ihr Ding war. Durch Mio's hervorragende beruhigsungselementen, konnte ich schnell die Rögntenbilder auswerten. "Ich werde ihr Hufpolster Verbände machen um somit die Hufen etwas abzupolstern. Außerdem spitzt ich ihr Entzündungshemmende Medikamente mit Schmerzmittel. Was ihr tun müsst ist, die Box mit ausreichend Einstreu verlegen sodass die Hufen schön gepolstert werden. Außerdem gebe ich euch die Entzündungshemmende Medikamente und die Schmerzmittel als Tablettenform, diese werden dann eine Woche lang jeden Morgen in einem Apfel verabreicht. Zum Glück hast du jetzt einen Tierarzt gerufen, noch einige Tage oder Wochen mehr, dann hätte sie ihr Leben lang mit Hufrehe zu tun. Aber ich bin zuversichtlich dass sie das übersteht" lächelte ich. Wie vorher gesagt, spritze ich Fee die Medikamente, was sich wie erwartet als schwierig erwies. Danach machte ich ihr Hufpolster und zeigte auch Mio wie diese zu wickeln waren, auch die Tabletten verstauten wir in Fee's Putzbox. Ich erstellte einen Boxenzettel:
      ___________________________________________________________________
      Grenzfee
      Akute Krankheit: Hufrehe | Vorderhufen
      Achtung! Pferd nicht unaufgefordert Füttern.
      2 Wochen Weidegang verbot!
      Wenig Bewegung. | 10 Minuten langsamer Schritt am Tag
      Schmerzmittel 1x am Tag
      Entzündungshemmer 1 x am Tag
      Hufpolster 1x am Tag wechseln
      Nässe vermeiden
      Auf viel Einstreu achten.
      Dr.med. Cooper Chattahoochee
      ___________________________________________________________________
      "Jetzt weiß jeder bescheid!". Ich erledigte noch den Rest der Prävention B und auch die Grundimmunisierung hatten wir noch Einbauen können. Nachdem alles geklärt war und ich Mio aus sagte das sie am besten nochmal den Hufschmied zu rate ziehen sollte verabschiedete ich mich und flug mit einem mulmigen Gefühl nach Hause.
      13.174 Zeichen von Canyon
      Mio » Freundlich öffnete ich den beiden die Tür zur „Eingangshalle“, es war ja eher unser unaufgeräumter Eingangsbereich. Aber Eingangshalle klang einfach besser.
      »Ich freue mich auf Morgen!« sagte ich zu ihnen, als wir uns die Hände schüttelten. »Ihr fangt doch morgen schon an, oder?«
      Anouk, eine kleine stämmige Frau, nickte breit lächelnd. »Oh ja klar! Wir können es gar nicht abwarten.« sagte sie und blickte dabei zu ihrem Bruder, welcher nickend zustimmte. »Natürlich, wir wollen die Zeit ja sobald wie möglich nutzen. Danke nochmal, dass sie uns sofort eingestellt haben.« bedankte sich Aimé, der Zwillingsbruder von Anouk, bei mir. Ein letzter Händedruck und die beiden Geschwister, welche von nun an unsere neuen Mitarbeiter, besser gesagt, unsere ersten Mitarbeiter, sein würden, stiegen in ihren alten hellblauen Renault Twingo und fuhren dann im gemächlichem Tempo die Ausfahrt entlang. Ich beobachtete sie noch bis sie die Ausfahrt passiert hatten und wollte mich gerade umdrehen, als von hinten ein »Buh!« mich erschrecken sollte. Ohne zu zucken drehte ich mich um und stand Shadow gegenüber, welcher ganz verärgert schaute, weil ich mich nicht erschreckt hatte.
      »Du Kasper!« sagte ich. Und boxte ihn in die Seite. Er schaute mich jedoch nur kurz an und beugte sie dann zu mir hinunter, um mir einen Kuss zu geben, welchen ich genüsslich erwiderte. Es war noch nicht lange her, dass wir den nächsten Schritt unserer Freundschaft gewagt haben und so war es für uns beide noch neu. Komisch war nur, dass es auch Charly und Nico erwischt hatte und nun alles viel komplizierter war als vorher.
      »Und«, fragte er mich »Waren das unsere neuen Angestellten?«
      »Jap. Und sie passen perfekt. Morgen früh um sieben stehen sie bei uns auf der Matte und begrüßen die drei neuen Pferde.«
      »Wow! Super! Die sahen ja auch ganz nett aus, mal schauen was daraus wird.« sagte er leicht lächelnd und folgte mir dann wieder ins Haupthaus.
      Zum Glück verschlief ich am nächsten Morgen nicht und konnte Anouk und Aimé pünktlich um sieben vor dem Haupthaus begrüßen. Beide hatten sich, im Gegenteil zu gestern, in Arbeitskleidung gehüllt. Sie trugen bequeme Reithosen und feste Arbeitsschuhe, mit welchen man auch ohne Probleme reiten konnte.
      Shadow, Nico und Charly wollten die beiden „Neuen“ auch unbedingt kennenlernen und so schlossen sie sich uns an, als wir in den Hauptstall zu den Pferden gingen. Wie drei neugierige Hühner reihten die drei sich hinter mir und den beiden Zwillingen ein und machten lange Hälse, um ja alles sehen zu können.
      Grimmig blickend verschränkte ich die Arme und blickte zu den dreien.
      »Ab mit euch zum Offenstall und zum Hengststall! Der Hauptstall gehört heute mir.« bestimmte ich und Charly, Shadow und Nico verließen den Stall mit hängenden Köpfen.
      »So«, sagte ich zufrieden »Schön, dass ihr da seid. Ich habe euch ja gestern schonmal kurz die Ställe gezeigt, das würde ich heute nochmal vertiefen.« Anouk und Aimé nickten aufgeregt und wie kleine Kinder versuchten sie alles aufzunehmen. Ich fühlte mich in der Position des Lehrenden, obwohl wir gleich alt waren und das verunsicherte mich etwas. »Also, zu erst stelle ich euch alle Pferde aus dem Hauptstall vor. Die drei aus dem Offenstall und die fünf Hengste zeige ich euch dann im Laufe des Tages, aber ich denke, ihr werdet sowieso erstmal hier arbeiten. Außerdem kommen heute Nachmittag drei neue Pferde an, da können wir eure Hilfe auch gut gebrauchen« sagte ich gekonnt freundlich. Ich ging zur ersten Box, in welcher schon seit jeher mein Wallach Excelsior stand. »Darf ich vorstellen? Das ist mein erstes Pferd: Wallach Excelsior und ich warne euch! Wenn ihr ihm ein Haar krümmt, seid ihr dran!« sagte ich spaßig. Die beiden schienen nicht ganz zu wissen, ob ich das ernst gemeint hatte und schauten mich etwas verunsichert an. »Äh, ja, das war natürlich ein Scherz.« sagte ich und machte dann weiter mit den nächsten Boxen. Anouk schien vorallem einen Narren an Valentines Jeanie gefunden zu haben, welche wie immer gleich die Nähe suchte. Aimé schien sich besonders für meine Isländerstute Hryða zu interessieren, und ich legte mir schon im Kopf die beiden kleinen Stuten für die erste Reitstunde bereit. Als wir die Reihe durch hatten, teilte ich ein, wer wen nehmen würde. Da vier Pferde auf Aphrodite und vier auf Artemis kommen sollten, bekamen Anouk und Aimé bei beiden Durchgängen ein Pferd und ich nahm die anderen beiden. Der erste Durchlauf bestand aus Exel, Jeanie, Hryða und Changa, welche zur Zeit Artemis besetzten. Anouk drückte ich gleich die Fellponystute Jeanie in die Hände, während Aimé Hryða bekam. Ich würde nun die beiden Streithähne Exel und Changa nehmen, was nicht gerade angenehm war. Sie standen zwar schon seit Monaten auf einer Koppel, taten jedoch immer so, als würden sie sich nicht verstehen. Das war einfach nur kindisch und nicht ernst zunehmen, fast könnte man glauben, die beiden sind ineinander verknallt, was natürlich total absurd wäre. Aimé und Anouk zeigten von Anfang an viel Gefühl für die Tiere und als Jeanie ihr restliches Müsli in Anouks Haare spukte, konnte diese nur lachen. Es schien, als seien auch die Tiere zufrieden mit der Wahl, welche ich gestern getroffen hatte. Nachdem die vier auf ihrer Koppel standen, brachten wir noch die anderen vier Stuten auf die benachbarte Weide. Winterzauber, welche in letzter Zeit viel Training erlebt hatte, Mon Amie, die Trainingspartnerin von Wizza, Vaconda und Charelle. Alle vier kamen von der gleichen Vorbesitzerin und da war es nur sinnvoll gewesen, die bestehende Gruppe gleich so zu lassen. Aimé bekam Nelly, während Anouk Vaconda nahm und ich die beiden anderen Stuten Wizza und Amie. Auch diese vier standen schnell auf ihrer weitläufigen Koppel, wo sie sich nach belieben bewegen konnten. Als ich wieder zurück im Stall war, wartete dort bereits Shadow auf mich. Er saß auf einem Heuballen in der Ecke und streichelte die Katzenjunge von Capucine, welche ihn als Klettergerüst benutzten.
      »Sind alle Hengste schon auf der Weide?« fragte ich ihn erstaunt.
      »Nein, nicht ganz. Charly und Nico sind mit Marid und Acapulco Gold in der Halle und danach wollen sie noch Happy longieren. Deswegen suche ich jemanden, der mir beim Ausmisten des Hengststalls hilft und gleich zwei Boxen für die beiden neuen vorbereitet.« Ich blickte zu Aimé, welcher unseren Worten aufmerksam gefolgt war. »Würdest du mit zu Shadow gehen? Dann bleibe ich mit Anouk im Hauptstall und kümmere mich um Grenzfee.«
      Aimé war einverstanden und so machten sich die beiden Jungs auf den Weg zum Hengststall, während ich mit Anouk die Stallgasse entlang zu einer der hinteren Boxen lief, wo meine Hufrehkranke Stute Grenzfee stand. Da Grenzfee von unserer Tierärztin Boxenhaltung auf weichem Untergrund verordnet worden war, hatten wir eine Wand herausgenommen, sodass die kranke Stute nun den doppelten Platz hatte. Ihr schien das immer noch zu wenig, aber da musste sie nun durch. Unruhig spielte sie mit ihren Ohren, als ich die Boxentür öffnete und ihren Putzkasten in die Box stellte. Ich winkte Anouk, welche bis eben noch in der Stallgasse gewartet hatte, zu mir und drückte ihr das Halfter von Fee in die Hand.
      »Legst du es ihr bitte an? Ich muss jetzt Ihre Hufpolster wechseln und das klappt am besten, wenn sie mit Fressen beschäftigt ist und jemand sie festhält.«
      Anouk nickte stumm und kam zu mir in die Box. Geschickt legte sie der großen Stute das helle Halfter an und kraulte sie dann an ihren Lieblingsstellen. So schnell, aber auch so ruhig wie ich konnte, suchte ich alle Medikamente zusammen, die meine Fee mit ins Futter bekam. Ihr schienen diese zu schmecken, denn aufgeregt beobachtete sie mich dabei und machte Anstalten sich vom Strick loszureisen und auf das Futter zu stürmen. Gekonnt vermischte ich alles in einem Eimer mit dem morgendlichen Müsli und hängte es der Stute dann an die Boxentür. Grenzfee war schon immer sehr ängstlich gewesen, was ihre Füße betraf, und das war nun mit den Hufrehen noch schlimmer geworden, was es nicht gerade erleichterte, ihr jeden Tag neue Verbände um die angeschwollenen Füße zu legen.
      Während Anouk die genüsslich fressende Stute, ihr Hunger war zum Glück nicht gesunken und auch die Medikamente nahm sie gerne an, festhielt, hob ich vorsichtig den ersten Huf hoch, sodass ich den Verband abwickeln und einen Neuen anlegen konnte. Anouk sicherte mir dadurch etwas die Lage, dass sie einen Strick in der Hand hielt. Fee war zwar eigentlich eine recht liebe Stute, hatte jedoch viel Kraft und Energie, die sie oft ungünstig einsetzte. Auch dem zweiten Huf hatte ich nach wenigen Versuchen mit viel Geduld den Verband gewechselt, sodass Anouk Grenzfee wieder das Halfter abnehmen konnte. Zu zweit verließen wir die Box. Die Vollbutstute hatte nun alle Ruhe der Welt, ihre Mahlzeit zu sich zu nehmen.
      Als gegen Mittag alle Boxen ausgemistet waren, versammelten wir uns in der Wohnstube des Gutshauses zu einer warmen Tasse Tee und einigen, von Weihnachten übrig gebliebenen, Plätzchen. In wenigen Minuten würde ein Transporter mit drei neuen Pferden aufkreuzen und dafür wollten wir alle Fit sein. Zwei davon würden Hengste sein. Zwei Hengste, welche ich vielleicht später als Zuchthengste vor Augen hatte. Außerdem würde eine Warmblutjungstute auf die große Koppel zu Ocarina of Time und Flotten von Mutanten ziehen, welche großes Potenzial als späteres Turnier- und Zuchtpferd zu haben schien.
      Ich war aufgeregt, immerhin würden es gleich drei Neue sein, um die ich mich kümmern musste. Mit einer kleinen Verspätung von einer viertel Stunde, hörte ich einen großen Wagen die Einfahrt in Richtung unseres Parkplatzes rollen. Hastig sprang ich auf, zog mir meine Jacke über und stürzte nach draußen. Anouk, Aimé und Shadow folgten mir, während Charly und Nico alles langsamer angingen ließen. Ein grauer Pferdetransporter, welcher Platz für drei Pferde bot, parkte gerade auf unserem kleinen Parkplatz. Als der Motor des großen Gefährtes ausging und die Fahrertür aufgestoßen wurde, hatten wir einen kleinen Halbkreis, bestehend aus sechs Personen gebildet. Der Fahrer war noch jung, nicht viel älter als Nico und er schien recht erstaunt darüber, dass wir eine so große Willkommensparty veranstalteten. Er begrüßte uns alle und ging dann an die lange Seite des Wagens, wo er eine große Heckklappe herunter ließ. Er war so lieb und führte die Pferde zu uns nach draußen. Das erste Pferd war die Jungstute, Seattle's Scarlett. Hübsch gescheckt, jetzt schon recht groß, mit einem aufmerksamen Blick. Ich wusste noch nicht ganz, was genau ich mit ihr tun wollte, aber das würde sich ja noch entwickeln. Trakehner waren sehr beliebt, vorallem im Pferdesport.
      Shadow trat vor und nahm dem Fahrer die aufgeregte Stute ab. »Bringst du sie schon in den Stall? Etwas Ruhe würde ihr sicherlich nicht schaden.« sagte ich zu meinem Freund, welcher sich sogleich auf den Weg in Richtung Hauptstall machte, wo Scarlett erst einmal untergebracht werden sollte. Mittlerweile hatte der Fahrer bereits das zweite Pferd aus dem Hänger geführt. Ein Isländer. Rabenschwarz und mit einer Mähne, die ihm sicherlich bei jedem Schönheitswettbewerb Punkte einbringen würde. Das schönste an ihm, war seine große Blässe, welche sich bis zu den Ohren erstreckte. Diesmal griff Aimé zu und Shadow, welcher gerade aus dem Hauptstall zurückkehrte, folgte ihm zum Hengststall. Auf das letzte Pferd freute ich mich besonders. Seine Ankunft war gut geplant und durchdacht wurden, denn es würde ein Mustanghengst sein. Ich wurde nicht enttäuscht, als der Fahrer ein drittes Mal aus dem Hänger kam und diesmal ein geschecktes Pferd hinter sich her zog, welcher den Kopf in den Himmel streckte und sein neues Heim bewunderte. Morrigans Hidalgo hieß er und war ein hübscher Braunschecke. Ich hoffte, dass er vielleicht der erste Hengst in einer eventuellen Mustangzucht sein würde, denn das Potenzial hatte er.
      Nico wollte gerade Anstalten machen, dem Fahrer den Hengst abzunehmen, doch ich war schneller bei ihm und griff nach dem Strick. Hidalgo schien alle Versprechen zu erfüllen. Man merkte ihm die Sturheit eines Mustangs an und genau das brauchte ich. Ein Pferd mit den Genen der Vorfahren. Ich dankte dem Fahrer und drückte ihm etwas Geld in die Hand, dass unsere neuen Pferde die weite Reise so gut überstanden hatten. Das restliche Geld würde heute Abend noch auf seinem Konto landen. Aufgeregt trippelte der Hengst neben mir her, als ich ihn hinter dem Hauptstall entlang zum Hengststall führte. Die letzte Box würde nun belegt sein, auch wenn die Pferde wohl zu wärmeren Zeiten ganztägig auf ihren Koppeln stehen werden. Shadow und Aimé schlossen gerade die Tür zu dem neuen Isländer, Leiðtogi hieß er, als ich mit Hidalgo den Stall betrat. Hilfsbereit öffnete mir Aimé die Tür der letzten Box, in welche ich meinen Hengst führte.
      In der Box neben ihm stürzte sich bereits Togi, wie wir ihn wohl nennen würden, auf sein Willkommensmenü, welches auch Hidalgo bekommen hatte.
      »Guten Appetit euch!« sagte ich noch zu den beiden, bevor ich mit den anderen den Stall wieder verließ. Immerhin wollte ich ja auch nochmal nach Scarlett schauen, ob sie den Umzug genau zu entspannt hingenommen hatte.
      2681 Zeichen von Cooper
      Es war soweit. Ich flog erneut zu Mio nach Süd Frankreich. Ich war sehr gespannt wie sich Grenzfee's Hufen entwickelt hatten und konnte es vor Aufregung gar nicht abwarten. Denn wenn sich nichts verbessert hat, dann wird eine Aussicht auf Heilung sehr schwer, sowie kostenspielig sein.
      Wie das letzte Mal als ich vor Ort war, hatte mich Mio von Flughafen abgeholt. Wir begrüßten uns herzlich und sie erzählte mir von vergangenen Monat. "Ich kann das zwar nicht beurteilen, aber Fee scheint es wirklich etwas besser zu gehen" lächelte sie. "Ohw. Das ist ja schön zu hören. Aber wenn du sagst das es ihr was besser geht, dann muss das auch stimmen. Schließlich hattest du mir ja auch in der Mail geschrieben dass sie wieder etwas besser läuft und auch die Schwellungen was zurück gegangen sind". Wir verweilten nicht lange im Auto und kamen auf Siant Gorge an.
      "Willkommen zurück" sagte Mio auf französisch und lachte. Ich mochte ihren Hof, er hatte irgendwas...besonderes. MIo führte mich dann in den Hauptstall zu Grenzfee. Sie hatten ihre Box etwas vergrößert, damit sie was Platz hatte. "Auch eine gute Idee". Mio lachte erneut und holte anschließend Fee aus der Box. "Hallo kleine" sagte ich sanft und begrüßte sie mit einem Apfel. Es schien ihr wirklich viel besser zu gehen. Zuerst kontrollierte ich ihre Vitalzeichen, das war ein Grundteil meiner Besuche. Dann bückte ich mich um nach ihren Vorderhufen zu schauen. Behutsam löste ich die Verbände. Sie waren weder heiß, noch enorm angeschwollen. "Ich sehe eine 100-fache Verbesserung. Die Schwellung ist wirklich sehr zurück gegangen, zwar ist noch eine Schwellung deutlich zu erkennen, dennoch ist das eine erhebliche Verbesserung zum letzten Mal. Auch die Temperatur sowie die wenige Feuchtigkeit gibt die Tendenz zur Verbesserung. Ich bin sehr zufrieden, das habt ihr gut gemacht". Erleichtert blickte mich Mio an. "Und, wie geht es jetzt weiter?". "Naja, Hufrehe an den Vorderhufen hat sie immer noch, jedoch nur noch in mittelschwerer Form. Wenn ihr alles beibehaltet wie zuvor, wird die Krankheit in 2-3 Wochen vorbei sein und in 4-5 Wochen werden keine bleibenden Schäden vorhanden sein. Jedoch müsstet ihr Hufrehe vorbeugend mit ihr umgehen. Das Weideverbot ist bei trockenem Wetter aufgehoben. Und sie darf wieder Bewegt werden. Ihr dürft da nach Gefühl vorgehen, natürlich aber nicht zu viel. Nässe sollte immer noch vermieden werden und das Einstreu müsste jetz für immer was mehr sein, wie bei den anderen Pferden. Ist eine Prophylaxe Maßnahme" lächelte ich. Glücklich strahlte MIo mich anund stellte Fee zurück in ihre Box. Zufrieden und ohne weitere Bedenken verabschiedete ich mich von Mio und verließ den Hof.
    • adoptedfox
      21.002 Zeichen von Canyon
      Mio » »Wo bleibt Charly den heute?«, fragte ich etwas angespannt. Shadow und ich saßen am Frühstückstisch und warteten auf unsere zwei anderen Mitbewohner, namens Charly und Shadow, welche so langsam mal aufkreuzen sollten.
      »Genauso gut kannst du fragen wo Nico bleibt«, sagte Shadow und schob sich einen großen Löffel Müsli in den Mund. Seine Essmanieren waren noch nie die Besten gewesen.
      »Haben die etwa schon wieder verschlafen?« Nervös tippte ich mit meinen Fingern auf den Tisch. »Die wissen doch ganz genau, dass wir heute richtig viel zu tun haben.«
      »Ach Mio«, nuschelte Shadow mit vollem Mund. »Das machen die sicherlich nicht absichtlich. Wie oft musste ich dich jetzt schon wecken?«
      Bevor ich etwas erwidern konnte, hörte ich Schritte auf der Treppe und einige Momente später kam ein sichtlich missgestimmter Nico in die Küche geschlürft. Erstaunt folgte ich ihm mit meinen Blicken. Was war denn mit dem los? Ich hätte nie gedacht, dass auch ein Nico mal deprimiert sein könnte. Nico ließ sich auf seinen Stammplatz fallen, zog seine Schüssel zu sich heran und ließ einen Schwall Müsli hinein klatschen, sodass ein Großteil entweder auf dem Tisch oder auf dem Boden landete. Auch mit der Milch ging er nicht fürsorglicher um und das ganze krönte er noch, in dem er es schaffte, Shadow mit seinen Essmanieren zu übertrumpfen. Ich schaute ihn die ganze Zeit mit großen Augen an. Was anderes konnte ich in dem Moment gar nicht tun.
      »Was?«, fragte Nico mich aggressiv, als er meinen Blick spürte.
      »Alles gut mit Charly?« fragte ich nur perplex. Shadow hielt sich gekonnt im Hintergrund. Nico senkte den Kopf wieder, schob sich einen weiteren Löffel in den Mund und sagte zwischen einem weiteren Löffel: »Ja, alles okay.«
      Ich blinzelte. Das klang aber nicht so, als wäre wirklich alles in Ordnung. »Habt ihr euch gestritten?« fragte ich deshalb nochmal nach.
      »Hörst du schlecht? Es ist alles OKAY!« giftete mich Nico an, schob seinen letzten Löffel in den Mund und stand dann so schnell wie möglich auf. Kaum konnte ich etwas erwidern, da war er schon in Richtung Bad verschwunden. Ok. Mit offenem Mund starrte ich ihm nach. »Hast du das gesehen?» fragte ich verblüfft Shadow, welcher endlich seinen Kopf hob.
      »Jap, der scheint nicht wirklich gut drauf zu sein. Vielleicht schaust du mal nach Charly, nimm aber vorsichtshalber eine Schutzweste mit. Wenn Nico schon so wütend drauf ist, will ich nicht wissen, wie es Charly geht.«
      Ich musste lachen und boxte ihm in die Seite. Shadow verzog gekonnt schmerzhaft das Gesicht und hielt sich die Stelle (vielleicht etwas zu weit oben), wo ich ihn getroffen hatte. Ich befolgte seinen Rat und entschied mich dafür, nach meiner Freundin zu sehen, entschied mich aber dagegen, eine Schutzweste mitzunehmen.
      Ich fand Charly in ihrem Bett liegend, mit schmerzhaft verzogenen Gesichtsmasen. »He du«, begrüßte ich sie leise und schob mich durch die Tür in ihr Zimmer. »Was ist denn mit dir los?« fragte ich besorgt und kam zu ihrem Bett. Charly schüttelte nur den Kopf und nuschelte etwas in sich hinein.
      »Was ist denn los?« fragte ich sie abermals, als ich keine ordentliche Antwort bekam. »Nico hat dort unten gerade eine Show abgezogen, die mich dazu veranlasst hat, mal nach dir zu schauen.«
      Ich konnte die Worte »Dieses Arschloch« aus Charlys verkrampften Mund hören, bevor sie sagte: »Alles gut, mir geht es nur nicht so gut.«
      »Nicht so gut? Du siehst nicht so aus, als würde es dir nur nicht so gut gehen. Sag an, was hast du und wie kann ich dir behilflich sein?«
      »Ach Mio, ich habe nur etwas Magenkrämpfe und Übelkeitsanfälle, wahrscheinlich irgendeine Erkältung. Mir geht es gut, ich werde heute wohl nur im Bett bleiben. Du solltest vielleicht langsam in den Stall.« Kam es mir nur so vor, oder versuchte sie mich tatsächlich abzuwürgen und wegzuschicken? Ich wollte jedoch ihr Gemüt nicht noch weiter reizen und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn, bevor ich das Zimmer verließ. Als ich wieder in der Küche war, schien Shadow bereits im Stall zu sein. Ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass es dringend Zeit wurde und die Pferde sicherlich schon Radau machten, weil sie verspätet auf die Weiden kommen würden. Schnell warf ich mir eine Jacke über und kontrollierte die Temperatur auf dem Thermometer. Perfekt, wenn es weiterhin den Tag über trocken blieb, konnte ich meine Grenzfee vielleicht auf eine Weide stellen. Ich öffnete die Haustür und machte mich dann auf den Weg zum Hauptstall. Shadow war tatsächlich schon hier und machte bereits die ersten Pferde fertig, in dem er ihnen ein Halfter anlegte und den Strick über den Hals warf.
      »Ah Mio, da bist du ja. Alles gut bei Charly?« begrüßte er mich. Ich schüttelte den Kopf und erzählte ihm von meinem Besuch. Shadow schien nicht sonderlich besorgt und versuchte mich mit ein paar Argumenten davon zu überzeugen, dass es meiner besten Freundin nichts so schlecht ging, dass sie gleich sterben würde. Er überzeugte mich.
      »Nico ist im Hengststall und kümmert sich dort um die Bande. Hättest du Lust, zu Ocarina, Flotte und Scarlett zu gehen? Ich würde hier im Hauptstall anfangen und außerdem sollten Anouk und Aimé auch jeden Moment auftauchen. Ach so und dann kannst du gleich weiter zu den Kleinen gehen? Wenn Bärchen nicht alles aufgefressen hat, sollten die auch noch genügend Heu haben.« erklärte mir Shadow. Ich blickte ihn schmunzelnd an. Niedlich war es schon, dass er mir auf meinem eigenen Hof erklärte, was ich tun sollte. Ich drückte ihm einen Kuss auf den Mund und beeilte mich dann, zu meinen Pferden zu kommen. Ich schnappte mir aus einer Ecke eine Schubkarre, füllte diese mit Heu und machte mich dann auf den Weg zum Offenstall. Im Offenstall standen zur Zeit drei Stuten von mir. Zwei davon waren wild und unhandlich, eine davon war verschmust und anhänglich. Ich war selber extrem überrascht gewesen, dass die beiden großen Stuten die junge Stuten ohne Probleme in ihrer Mitte aufgenommen hatten. Vorallem Ocarina of Time fühlte tat manchmal so, als wäre sie die Mutter der kleinen Scarlett, was natürlich ungeheuer niedlich war. Auch heute war Scarlett wieder die erste, die mir auf die Nerven ging. Die Schubkarre über die hügelige Koppel zu schieben war schon schwer genug und wenn dann auch noch eine junge Stute ständig geknuddelt werden wollte, war es keine Freude. Als die Schubkarre endlich am Offenstall stand, nahm ich mir die Zeit, um die gescheckte Warmblutstute ausreichend zu kraulen. Oca und Flotte beobachteten das ganze aus einigen Metern Entfernung, entschieden sich aber doch schnell dafür, doch zum Heu zu kommen, obwohl ich noch da war. Vor einiger Zeit hätte das noch nicht funktioniert, dessen war ich mir sicher. Beide Stuten waren halb wild zu mir gekommen und es hatte mich einige Stunden Arbeit gekostet, die beiden auf diesen Stand zu bringen. Als Scarlett merkte, dass ihre beiden Freundinnen ihr alles wegfraßen, ließ sie schnell von mir ab und begab sich zur Fressstelle. Ich beobachtete die drei noch einen Moment, bevor ich mich wieder samt Schubkarre auf den Rückweg machte. Zum Glück war der Stall unserer drei Kleinsten näher am Geschehen, sodass ich zu ihnen nicht allzu lange brauchte. Zur Zeit standen hier drei Ponys, welche das Leben als kleine Racker so richtig genossen. Slaughterhorse, Lambardo und Happy lebten zu dritt in unserem zweiten Offenstall. Slaughter war der größte, während Lambardo und unser Bärchen Happy um einiges kleiner waren. Trotzdem hatte ganz klar Lambardo die Herrschaft, welche er ruhig, aber gezielt anführte.
      »Na ihr drei?« begrüßte ich sie und bückte mich zu Happy, welcher mit gerade mal einem Meter recht klein war. Ich hatte vor kurzem angefangen, Happy mit viel Geduld einzufahren und nun, da auch Lambardo dazu gekommen war, konnte ich das mit Beiden zusammen machen. Happy hatte sich gleich viel mehr angestrengt, nachdem der ältere Lambardo dazugekommen war. Bei den drei Pferden ließ ich nur neues Wasser in die Wanne ein und kontrollierte den Heuvorrat, allerdings hatte Shadow recht gehabt und für den Tag war noch genügend da. Zurück im Hauptstall musste ich zu erst den Radiosender wechseln. So ein Gejaule, das war ja kaum zu ertragen. Shadows Kopf kaum aus einer der Boxen hervor und blickte mich gespielt wütend an. »He, lass meine Musik an!«
      »Kannst'e knicken, mit so einer Musik kann ich nicht arbeiten.« sagte ich lächelnd, nahm mir eine Mistgabel und verschwand in der nächsten Box. Zu viert, Anouk und Aimé waren mittlerweile da, waren wir schnell fertig und als wir zur Mittagspause zurück ins Haus gingen, fanden wir Charly auf der Couch im Wohnzimmer sitzen. Sie hatte ihren Laptop auf den Beinen und begrüßte uns mit einem freundlichen Lächeln. »Tut mir echt Leid, dass ich euch nicht helfen konnte! Ich musste mich erstmal so richtig auskotzen, jetzt geht es mir aber besser.«
      »Das wollte ich gar nicht wissen«, meinte Shadow und ließ sich neben Charly aufs Sofa fallen.
      »Mio komm du auch mal her, ich habe etwas für euch.« meinte Charly und winkte uns zu sich heran. »Schaut mal, habe gerade eine Mail von meiner Cousine bekommen, die habe ich echt schon seit Jahren nicht mehr gesehen. Sie lädt mich und auch euch nach Norwegen ein. Sie hat sogar ein paar Bilder mitgeschickt. Schaut mal!«
      Ich quetschte mich noch auf Charlys andere Seite um auch einen Blick auf ihren Laptop erwischen zu können. »Wollen wir damit nicht noch auf Nico warten?« fragte ich zu Charly. »Der hat sicherlich auch Interesse daran zu sehen, wo unser nächster Urlaub hingeht.«
      Charly schüttelte den Kopf. »Die kann ich ihm auch noch später zeigen. Wer weiß, vielleicht möchte er ja gar nicht mit.«
      »Nico und nicht mit wollen? Charly-? Ist wirklich alles in Ordnung bei euch?« fragte ich etwas ängstlich. Es war überhaupt nicht gut, wenn wir uns zerstreiten würden.
      »Jaja, alles gut. Wir hatten nur einen kleinen Meinungsunterschied, aber das wird schon wieder.« Eine kleine Träne rollte aus ihren Augen. Ich merkte, wie sie mit aller Kraft versuchte weitere zurück zu halten, jedoch schaffte sie es nicht und mit einem Mal lag sie mir heulend in den Armen. Hilflos schaute ich zu Shadow, welcher jedoch auch nur mit den Schultern zuckte und mir einen mitleidigen Blick zuwarf. Ich wollte Charly gerade mit irgendwelchen Worten trösten, da kam Nico zur Tür herein. Er blieb stocksteif stehen und schaute zu Charly, welche ihn noch nicht bemerkt zu haben schien.
      »Charly, was ist denn jetzt los? Warum heulst du schon wieder?« fragte er sie genervt. »Das war nicht so gemeint, du weißt, dass ich immer zu dir stehe.«
      Charly schreckte auf und schaute Nico mit verweinten Augen an. »Spinnst du? Du stößt mich von dir und sagst dann, dass du an meiner Seite bist? Du bist ein Lügner und ein Idiot noch mit dazu!«, schrie sie ihn an und brach dann wieder in meinen Armen zusammen. Shadow hatte eine Augenbraue hochgezogen und schaute seinen Freund Nico fragen an. Dieser machte nur ein finsteres Gesicht, sagte aber nichts weiter.
      »Könnte mir mal jemand erklären, was hier los ist?«, fragte ich in die Runde. Nicos Blick wanderte zu mir, bevor er fragte: »Hat sie dir das noch nicht erzählt?«
      Charlys Kopf schnellte wieder hoch. »Bist du bescheuert? Denkst du wirklich, dass ich das ohne dich jemanden erzähle? Wenn du das glaubst, dann kennst du mich wirklich schlecht«, fauchte sie.
      Nico schien wirklich etwas betroffen. »Charly, es tut mir wirklich Leid! Ich war einfach überrumpelt und hatte nicht damit gerechnet. Bitte, lass mir etwas Zeit, nur ein wenig.«
      »Weißt du Nico, jeder normale Mann wäre vor Freude in die Luft gesprungen und du bittest um Zeit? Dann geh! Nimm dir die Zeit, aber wundere dich nicht, wenn ich dann keine Zeit mehr für dich habe.«
      Jetzt standen mir die Tränen in den Augen. Hilflos blickte ich in die Runde. Ein leises, fragendes »Hallo?« kam aus meinem Mund. Geschlagene zwei Minuten herrschte Stille. Charly heulte, ich heulte, Shadow und Nico saßen und standen nur da. Niemand rührte sich. Shadow war der erste der das Schweigen brach. »So wie es scheint, ist hier niemand dazu in der Lage zu reden, also bringt es auch nichts, bei dem schönem Wetter hier drinnen zu sitzen. Ich gehe reiten. Ihr findet mich in der Halle.« So stand Shadow auf, drängelte sich an Nico vorbei und einige Sekunden später fiel die Tür ins Schloss. Ich tätschele Charly den Kopf und folgte Shadow dann eilig. Ich musste auch aus dieser verrückten Bude raus! Mir egal, wenn die beiden da drinnen sich gleich anschreien würden, ich brauchte frische Luft! So wie ich es mir gedacht hatte, fand ich Shadow im Hauptstall, wo er behänd seine Stute Charelle putzte. Sie war sein erstes Pferd gewesen und so waren die Beiden zu einem festen Team zusammen gewachsen. Als Shadow mich kommen sah, hörte er auf zu putzen und nahm mich in den Arm. Ich fühlte mich geborgen und das mochte jetzt etwas komisch klingen, aber mir ging es gleich viel besser.
      »Hast du auch das Gefühl, dass es bei diesem Streit nicht nur um ein geklautes Bonbon ging?« fragte ich ihn, ohne mich aus seiner Umarmung zu lösen. Ich merkte wie er nickte. Auch er war etwas geschockt und verwirrt von dem plötzlichen Streit der Beiden, denn so lange hatten wir mehr oder weniger friedlich beisammen gelebt. Natürlich hatte auch er die Vorstellung im Kopf, um was es ging und ich konnte mir vorstellen, dass wir das gleiche dachten. Trotzdem war es noch nicht so weit, dass wir uns trauten, es laut auszusprechen. Auch ich entschied mich dafür eine Runde zu reiten und Shadow in der Halle Gesellschaft zu leisten. Ich hatte mir in letzter Zeit viel zu selten Zeit genommen, einfach mal gemütlich auf einem Pferd zu sitzen. Heute hatte ich sowieso keinen Nerv für Training. Alle Pferde standen noch auf ihren Weiden, weswegen ich mich auf den Weg zu jener machte, wo unsere kleineren Pferde standen. Dort lehnte ich mich an einen Pfosten und blickte zu den gemütlich grasenden Pferden. Meine Entscheidung viel mir nicht schwer, im Gegenteil, ich hatte es wohl schon vorher gewusst, nur nicht laut gedacht, auf welchen meiner Schützlinge ich mich heute setzen würde. Mein liebster von allem, der mit dem alles begonnen hatte. Excelsior. Fast schien es, als hätte er gespürt, dass ich ihn brauchte und so riss er sich von seinen Weidefreundinnen los und kam langsam zu mir getrottet. Ich musste zugeben, ich hatte ihn echt vernachlässigt in letzter Zeit, Aimé hatte ihn immer bewegt, doch als ich ihm sein Halfter umlegte und mich mit einem Schwung auf seinen Rücken zog, bereute ich das Ganze. Er blieb ruhig stehen, ging erst los, als ich ihn ansprach und obwohl der Weg zum Stall keine Weltumrundung war, genoss ich jeden seiner Schritte. Ich war mir sicher, dass viele Sprichwörter nicht der Wahrheit entsprachen, aber das Glück der Erde lag wirklich auf dem Rücken der Pferde. Hier vergaß man so schnell alle Sorgen, dass man, sobald man den Pferderücken betrat, ein anderer Mensch wurde.
      Ich ritt gemütlich zum Hauptstall, wo Shadow gerade seine Nelly aus dem Gebäude führte. Ich schenkte ihm ein kleines Lächeln und er schien zu verstehen, dass ich gleich nachkommen würde. Vor dem Stall glitt ich von Exels Rücken und band ihn an seiner Box an, welche gleich die erste im Stall war. Leise vor mich hin summend, putzte ich ihm sein dunkleres Fell, sprach ab und zu mal mit ihm und genoss es, endlich wieder einfach mal Zeit für ihn zu haben. Nach dem Putzen nahm ich den Halsring von dem Haken vor seiner Tür, streifte ihn Exel über den Kopf und zog mich wieder auf seinen Rücken. Im gemütlichen Schritt lenkte ich ihn zur Reithalle. Bereits von Weitem konnte ich Shadow erkennen, er saß auf seiner Nelly und galoppierte Runde für Runde in einem gemütlichen Galopp, natürlich passend zum Soundtrack welche im Hintergrund aus den Lautsprechern ertönte. Ich schaute ihm einige Momente zu, bevor ich gekonnt das Tor aufstieß und zu ihm in die Halle kam. Jetzt würde ich erstmal eine Runde reiten, dann sah die Welt schon viel heiler aus, dachte ich bei mir, bevor ich meinen Exel auf die ganze Bahn lenkte und ihn zum Trab antrieb. Als ich zusammen mit Shadow unsere Wohnung wieder betrat, duftete es herrlich nach Waffeln. Ich liebte Waffeln und ich wusste, dass es Shadow, Charly und Nico genauso ging. Wenn wir wollten, könnten wir uns sicherlich nur von Waffeln ernähren, vorallem wenn auf dieser eine dicke Schicht Schokolade ihr Unwesen trieb. Charly und Nico fand ich nebeneinander stehend in der Küche. Die Stimmung schien immer noch gekränkt und etwas frostig zu sein, jedoch hatten sie sich wohl ausgesprochen und konnten sich wieder in die Augen sehen. Ich fühlte mich etwas unwohl, als ich die Küche betrat, denn ich wusste nicht, was jetzt kommen mochte. Shadow folgte mir und spendete mir mit seiner Anwesenheit etwas Trost. Vielleicht hätte ich jetzt so etwas sagen sollen wie: »Oh hier riecht es aber lecker!« oder »Lecker Waffeln! Jetzt habe ich aber Hunger« oder andere sinnlose Sätze. Ich jedoch sagte – nichts. Shadow und ich standen in der Tür und beobachteten die Beiden dabei, wie sie still vor sich hinarbeiteten. Nico und Charly kannten sich verdammt gut, was man bei ihre Handgriffen auch genau sah. Charly schmeckte den Teig ab, schüttelte sacht den Kopf und sofort hielt ihr Nico den Salzstreuer hin. Shadow zeigte stumm zu unserem Küchentisch und als ich nickte, gingen wir beide zu diesem, wo wir uns fallen ließen. Charly und Nico mussten uns mittlerweile bemerkt haben, jedoch schien ihnen irgendwas so peinlich zu sein, dass sie es nicht schafften, sich zu uns umzudrehen. Eine gefühlte Ewigkeit später wendeten beide ihre Aufmerksamkeit zu uns, als sie einen Teller dampfender Waffeln und ein Schokoladenglas auf den Tisch stellten. Nico holte noch vier Messer aus einer Schublade und fertig war unser leckeres Gericht. Nachdem wir Waffel für Waffel alles aufgegessen hatten, lehnte ich mich entspannt und mit vollem Bauch im Stuhl zurück. Nach dieser Stärkung konnte mich, egal was jetzt kommen würde, nichts mehr aus der Ruhe bringen. Eine Zeit lang blickten wir uns stumm an, Charly spielte nervös mit ihrer Unterlippe und Nico saß tatenlos mit verschränkten Armen da. Irgendwann, ich war schon fast dabei, meinen Kopf auf Shadows Schultern zu legen und einfach einzuschlafen, begann Charly zu sprechen. »Es tut uns Leid, dass wir heute so viel Stress gemacht haben. Es war alles etwas kompliziert. Ich hoffe, ihr seid uns nicht böse, aber ich bin schwanger.«
      Natürlich hatte ich mir so etwas gedacht, auch wenn ich es nicht hatte fassen können. Nie hatte ich mir darüber Gedanken gemacht, dass es irgendwann so weit sein könnte, aber nun war es soweit und hoffentlich, hoffentlich würde alles gut enden. Ich stand von meinem Stuhl auf, ging um den Tisch herum zu meiner Freundin und nahm sie fest in den Arm. Ich merkte, wie sie anfing zu schluchzen, doch diesmal war es keine Wut oder Trauer die sie dazu brachte, sondern Dankbarkeit. Als ich mich von Charly löste, stand auch schon Shadow hinter mir und nahm sie fest in den Arm. Außerdem hörte ich Shadow ihr einen Glückwunsch zusprechen und viel Glück wünschen. Auch wenn ich es mit Nico nicht lange alleine aushielt, trotzdem war er mein Freund. Er war manchmal ein riesen Arsch, aber er gehörte zu uns. Auch ihn drückte ich, was ihn anscheinend etwas erschrak, wann hatten wir uns je gedrückt, aber er erwiderte die Umarmung.
      »Nico, du bist der perfekte Freund für Charly, zeige ihr, dass du den Platz an ihrer Seite auch wirklich verdienst. Lass dir etwas einfallen, wie du das Ganze wieder gerade biegen kannst!« flüsterte ich ihm zu, so dass es Charly nicht hören konnte. Der Lockenkopf nickte und ich sah eine Träne in seinen Augen glitzern. Es war die erste Träne, die ich bei ihm sah und ich wusste, dass er alles bereute.Natürlich entschieden wir uns dafür, dies zu feiern und zwar, in dem wir uns alle auf unsere Sofaecke lümmelten und unseren diesjährigen Urlaub planten. Wie Charly uns heute morgen bereits gesagte hatte, Nico fühlte sich etwas überrumpelt, denn er hatte noch nichts davon gewusst, hatte ihre Cousine uns alle nach Norwegen eingeladen. Sie besaß mit ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn eine kleine Hütte in der Nähe der Stadt Sylling und wollte uns alle einmal kennenlernen. Die Bilder waren so bezaubernd, dass wir natürlich gleich eine Mail zurück schrieben. Es würde unser erster gemeinsamer Urlaub sein und ich hoffte, dass wir vier uns nicht so schnell verlieren würden. Am Abend ging ich mit einem unglaublichen Gefühl ins Bett. Meine beste langjährige Freundin Charly bekam ein Kind. Hätte man mich vor einem Jahr gefragt, wer von meinen Freundinnen zu erst ein Kind bekam, Charly hätte ganz am Ende der Liste gestanden. Ich wusste jedoch, dass es Charly und auch Nico gut tun würden, wenn sie endlich mal etwas Verantwortung lernen würden und außerdem war die Wahrscheinlichkeit groß, dass Nico das Rauchen endlich mal aufgeben würde. Natürlich freute ich mich auch riesig auf den Urlaub in Norwegen und wer hätte es erwartet, dass genau dieser bald mein Leben verändern könnte.
      6.795 Zeichen von Canyon
      Mio » Geschafft von der Arbeit des Tages, ließ ich mich in meinem Zimmer auf mein Bett fallen. Trotz zwei Wochen 'Urlaub', waren diese Tage noch stressiger gewesen, als sie eh schon immer waren. Meine Hand bewegt sich zu dem kleinen Schränkchen neben dem Bett. Ich zog eine Schublade auf und holte aus dem verstaubten Fach ein kleines, in Leder eingebundenes Notizbuch heraus. Es war nichts besonderes, ich hatte es vielleicht irgendwann einmal geschenkt bekommen und nun existierte es als ein 'Denkarium', wie ich es gerne nannte, in meinem Schrank. In diesem notierte ich alles, was in letzter Zeit passiert und nun war es mal wieder soweit, die neuesten Geschehnisse zusammen zu fassen. Der Kuli klickt und kaum lag das Buch aufgeschlagen auf meinen Schenkeln, begann ich auch schon damit, mit dem kratzigen Stift über das Papier zu streichen.
      Eintrag vom 21. Mai 2016 – Eine kleine Zusammenfassung
      Kurz nachdem uns unsere Trakehnerstute Winterzauber verlassen hat und zu Bracelet nach Slowenien gezogen war, zog schon wieder ein neues Pferd bei uns ein. Diesmal war jedoch nicht ich die Schuldige, sondern mein Freund Shadow. Schon lange ist er ein großer Tekkenfan und die Rappstute April Rain war da einfach perfekt für ihn und seine Charelle. Es dauerte nicht lange nach Aprils Einzug auf dem Gestüt und die beiden Stuten waren beste Freundinnen. Ich gönne es meinem Freund, dass es so leicht gewesen war, denn ich weiß, wie schwer es ist, wenn es nicht so gewesen wäre. Was für ein verschachtelter Satz! Kurz darauf fiel bei Charly, Nico Shadow und mir die Entscheidung, uns von sechs weiteren Pferden zu trennen, welche wir bestimmt nicht leicht fertig entschieden. Mit jedem Pferd hatten wir eine tiefe Beziehung aufgebaut, hatten allerdings bereits nach kurzer Zeit schon für jedes Pferd einen neuen guten Platz gefunden. Auch Vaconda und Vintage Gold würden Winterzauber nach Slowenien folgen, während Hryða nun doch auf das Isländergestüt nach Dänemark zu meinen beiden Kolegginen Linn und Bella ziehen würde. Auch Changa, GH's Acapulco Gold und EBS Mon Amie hatten ein passendes zu Hause gefunden. Natürlich fiel uns der Abschied von so vielen Pferden schwer, allerdings wird es langsam Zeit, dass wir und auf unser Ziel konzentrieren und spezialisieren. Eine Überraschung war es auch, als ein weitentfernter Bekannter, Sveijn Àlfarsso, seinen Junghengst Braum van Ghosts verkaufen wollte. Ich kannte Braum nur von Erzählungen und Bildern, denn unter uns Pferdebesitzern wurde natürlich viel erzählt und getratscht und so fiel mir die Entscheidung nicht schwer zu sagen, dass ich den Kleinen liebend gerne zu mir nehmen würde. Es dauerte nicht lange und der Mix zog bei mir ein. Mit dem Einzug von Braum veränderte sich auch die Weideaufteilung: Excelsior und Braum würden erstmal zusammen auf eine Weide kommen und vielleicht würde unser kleiner Slaughterhorse noch hinzu stoßen, falls sich das Trio verstehen sollte. Slaughter steht zur Zeit noch zusammen mit den beiden Shettys Lambardo und Happy auf einer Weide, welche jedoch eine viel geringere Größe haben als er. Meine Valentines Jeanie steht zur Zeit leider mit California's Small Caramel Candy allein auf einer kleinen Wiese, was jedoch nicht weiter schlimm war, da wir doch tatsächlich unseren ersten Nachwuchs von Jeanie erwarten! Meine erste Stute würde unser eigenes erste Zuchtfohlen zur Welt bringen, was mich als Züchterin und Besitzerin natürlich sehr stolz machte. Außerdem konnten wir noch damit prahlen, dass die langwierige und schwierige Zusammenführung von Anaba und dem Trio Flotten von Mutanten, Ocarina of Time und Seattle's Scarlett endlich erfolgreich war! Desweiteren ist Anaba endlich bereit für ihre Krönung, dank Charly, und wird demnächst auch von Charly auf einer vorgestellt werden. Der unerwarteste Neuling von allen war mit Sicherheit eine junge Vollblutstute, welche das gleiche Schicksal wie unsere Grenzfee hinter sich hatte. Als Rennpferd geboren, als Rennpferd viel zu früh ausgebildet und als Rennpferd untergegangen, wurde sie wegen zu vielen Krankheiten HOCHTRÄCHTIG an den Schlachter verkauft. Jedoch hatte sie das Glück, dass sie vom gleichen Tierschützer gefunden wurde, welcher auch Grenzfee an uns weiter gegeben hatte. Ein Anruf und wenig später kam die Stute, mit dem bereits geborenen und zum Glück gesunden Hengstfohlen zu uns auf den Hof. Teufelstanz und ihr Fohlen Aspantau sind nun bereits gut angekommen und man merkt, dass es den beiden Tag für Tag besser geht. Auch Grenzfee schien nun endlich das Glück gefunden zu haben, denn sie durfte nun endlich wieder aufs Gras und freundete sich natürlich auf den ersten Blick mit Teufelstanz und ihrem Fohlen an, sodass die drei zur Zeit in einer unserer Offenstallungen leben. Sobald Aspantau alt genug ist, wird das junge Fohlen zu unserer Junghengstbande kommen, in der Hoffnung, dass die sich auch alle vertragen werden, denn ich konnte mir vorstellen, dass sich das eingeschworene Trio aus Sleipnir, Varys und Imagine There's No Heaven dreimal überlegen werden, ob sie ein Vollblut dabei haben wollen. Aber wir werden sehen, was die Zeit so bringen wird. Es ist immer wieder ein Geschenk des Himmels, wenn ein so junges Fohlen wie Aspantau das Licht der Welt erblickt und so unbesorgt und nichts ahnend im hier und jetzt lebt. Unser 'Problem' ist zur Zeit noch Nicos Marid, welcher allein auf einer Wiese steht. Hoffentlich wird Nico dafür bald eine Lösung finden, denn mit Chosposi, Leiðtogi und Morrigans Hidalgo versteht sich der wilde und unausgeglichene Hengst kein bisschen. Für Charly, Nico, Shadow und mich geht es in wenigen Tagen auf nach Norwegen! Endlich mal wieder raus hier und KEINE Pferde um sich, dass kann bestimmt auch mal schön sein, auch wenn ich weiß, dass ich diesen Satz bereits am zweiten Tag bereuen werde. Anouk und Aimé würden sich dann hier um die Bande kümmern und ich bin mir sicher, dass sie das auch schaffen werden. Es geht mir gut, es geht uns allen gut und dafür sollten wir dankbar sein.
      Ich schlug mein Buch zu. Was so ein Eintrag alles bewirken konnte. Während man schreibt, vergisst man alles andere um sich herum und lebt nur in dem Gekritzel auf einem Blatt Papier. Schreiben entspannte mich immer, auch wenn ich, so wie heute extrem gestresst gewesen war. Ich klappte mein Denkarium zu und verstaute es wieder in der Schublade, welche, als ich sie zuschob, eine Staubwolke hinterließ. Ich sollte mal wieder putzen, dachte ich bei mir, heute aber nicht mehr, das mache ich wann anders. Ich schlug die Bettdecke zurück schlüpfte in mein Bett und kaum lag ich, da kam meine treue Freundin Capucine zu mir gesprungen. So ein tolles Tier, dachte ich noch mit einem Lächeln auf den Lippen, bevor ich mit einer schnurrenden Katze an meiner Brust einschlief.
      64.097 Zeichen von Canyon
      Mio » Nevada, USA - 19:37
      Der Tag neigte sich bereits dem Ende zu, als ich von der Red Rock Road auf den Scenic Loop Drive abbog. Trotz des frischen Westwindes von Kalifornien, arbeitete der ältere und von einer dicken Staubschicht bedeckte Jeep unter mir, als würde er jeden Augenblick den Geist aufgeben. An dieses Geräusch hatte ich mich mittlerweile gewöhnt, es war normal, vor allem bei dieser Hitze. Selbst in der Nacht sanken die Temperaturen nie unter 70 Fahrenheit, wie man hier auf diesem Kontinent so schön zu sagen pflegte.
      Links von mir tauchte nun der Pine Creek auf, welcher mich ein kleines Stückchen begleitete, bevor sich unsere Wege trennten. Mittlerweile kannte ich mich hier aus, lange hatte es nicht gedauert. Mit dem Auto oder zu Pferd, ich hatte mich an meine neue Heimat gewöhnt.
      Als sich der Scenic Loop in einem Bogen Richtung Norden wand, bog ich auf die kleinere Rock Gap Road ab. Ich merkte den Einkauf im Kofferraum, als die steinige Straße leicht bergauf ging und ich konnte mich mit all dem Eingekauften schon am verlassenen Straßenrand stehen sehen. Zum Glück würde ich nicht allzu schnell verhungern und erfrieren konnte man hier ja zu dieser Jahreszeit ebenfalls nicht. Da wir maximal einmal pro Woche in die berühmte Großstadt Las Vegas fuhren, um für die nächsten Tage Vorräte einzukaufen, war der Jeep entsprechend voll.
      Kurze Zeit später ging es dann für mich auf die La Madre Spring Road und von da aus waren es nur noch einige Meter bis zu meinem Ziel.
      Addison Moore hatte wenig freie Zeit, davon hatte ich mich in den letzten Monaten selbst überzeugen können, weshalb ich etwas überrascht war, als ich ihn und seinen treuen Gefährten Cerberus auf der Terrasse des Ranchhauses sitzen sah. Ich sah ihn nur kurz, bevor ich den Jeep etwas weiter unter den Bäumen parkte, doch sein Blick ging in die Ferne und verschwand dann in den rötlichen Felsen des Canyons.
      So gekonnt wie ich es mir vor kurzer Zeit noch nicht hatte vorstellen können, parkte ich korrekt ein, bevor ich das stickige Auto verließ.
      Mit schweren Taschen bepackt ging es für mich zum Haus, wo mich nun ein aufgeregt mit dem Schwanz wedelnder Hund begrüßte. Ich nahm mir kurz die Zeit, trotz voller Arme, um den Rüden zu begrüßen. Ich wusste wie übel er es mir nehmen würde, wenn ich es nicht tat. An meinem ersten Tag auf der Ranch hatten mich die eisblauen Augen des interessant gescheckten Louisiana Catahoula Leopard Dog eingeschüchtert, doch mittlerweile hatte ich lernen dürfen, dass Ceb der tollste Hund der Welt war, wenn man Asuka außer Acht ließ und das tat ich in letzter Zeit.
      Addison hatte sich mittlerweile aufgerichtet und mir eine der Taschen von der Schulter genommen und diese nun ins Haus trug. Ich folgte ihm und mir folgte Ceb, welcher den Geruch nach frischem Essen bestimmt schon mehrere Meilen vorher gerochen hatte. Ich hatte mich daran gewöhnt, dass Addi meistens eher stumm blieb, denn ich wusste, wenn es etwas Wichtiges gab, dann konnte auch Addison sprechen. So lange er nicht sprach, war alles gut.
      Aus der Küche wehte mir ein warmer und angenehm riechender Duft entgegen: Nudeln mit Tomatensoße, genauso wie es vor vielen hundert Jahren bei meiner Oma geduftet hatte.
      Als ich mich nach dem Abstellen der Taschen wieder erhob, wurde ich schlagartig und stürmisch von einer jungen Frau umarmt, welche ihre kraftvollen und doch zierlichen Arme um mich schlang.
      „Mio! Eine Woche habe ich dich nicht gesehen und trotzdem so vermisst wie diese Landluft hier. Wie gut du immer noch aussiehst! Der Wahnsinn!“ rief sie mit heller Stimme in mein Ohr, sodass ich dachte gleich taub zu werden.
      „Hey Heather“, sagte ich um ein vielfaches ruhiger. „Ich wusste gar nicht, dass du heute kommen wolltest?“
      Schauspielerisch entrüstet ließ sie von mir los, verschränkte ihre Arme und spitzte die Lippen, dann wandte sie sich von mir ab, nahm ihre Tasche vom Stuhl und wollte mit den Worten: „Dann kochst du eben das Abendbrot!“, den Raum verlassen. Mit einem schnellen Griff am Arm zog ich sie zu mir zurück und schob sie zum Herd. „War doch nicht so gemeint, das weißt du ganz genau!“ sagte ich lachend. „Es ist schön, wenn du da bist und außerdem weißt du, dass ich nicht so ein Kochtalent bin wie du.“ versuchte ich ihr zu schmeicheln. Heather liebte es, wenn man ihr Komplimente machte. Sei es ihr Aussehen, eine neue Bluse oder ihre Kochkünste, sie war ganz vernarrt darauf, Lob zu bekommen.
      Addison hatte sich derweilen gekonnt aus unserer Unterhaltung herausgehalten, machte sich aber nun damit bemerkbar, dass er lautstark die Teller aus dem Schrank holte. „Ich will eure Begrüßungsrituale ja nicht unterbrechen, aber meiner Meinung nach riecht es hier etwas angebrannt.“
      Heather entfuhr ein spitzer und vor allem hoher Schrei und sie drehte sich erschrocken zum Herd um, wo die Tomatensoße gefährlich dampfte.
      „Wo sind eigentlich Chill und Buck?“, fragte ich Addison, da mir gerade erst aufgefallen war, dass die beiden Zwillinge beim Geruch von Essen noch nicht in die Küche gestürzt waren.
      „Bei Jon, sie wollen irgendein „Projekt“ für die Schule machen und da muss man natürlich auch übernachten“ kam Heather ihrem Neffen Addison zuvor. Sie hatte ihren hübschen Mund zu einem ironischen Lächeln verzogen, sah dabei allerdings immer noch so schön aus wie zuvor. Mich wunderte es schon lange, dass die hübsche Frau mit den langen blonden Locken und den grünen Augen noch immer keinen Partner gefunden hatte, obwohl sie in der Blüte des Lebens stand und dazu noch in der Großstadt Las Vegas wohnte. Aber wer weiß, vielleicht wartete sie noch auf den Richtigen.
      „Wann kommen die Beiden denn wieder?“ stellte ich die Frage in den Raum. Diesmal zuckte Heather nur mit den Schultern, während Addison ein „Morgen“ brummte.
      „Ach Ad“, hatte Heather wieder etwas beizutragen „Man denkt du bist schon in Rente und hast einen Bart bis auf den Boden, dabei bist du gerade erst Anfang dreißig. Versuche jedenfalls, deinen Mund etwas weiter aufzumachen, glaube mir, das geht!“ maßregelte Heather Addison, bevor sie sich wieder dem Essen zuwandte. Ich ließ mich gegenüber von Addison, welcher sich am Tisch niedergelassen hatte, auf einen Stuhl gleiten und sah gerade noch, wie der sonst so emotionslose Addison seiner Tante ein belustigtes Lächeln schenkte, was sie natürlich nicht sehen konnte.
      Ich weiß, Charly hörte es nicht gerne, aber Nevada war meine neue Heimat.
      Charly » Buskerud, Norwegen – 12:37
      Ich hätte nie gedacht, dass Kinder in den Schlaf wiegen so lange dauern würde, mittlerweile hatte ich Erfahrung darin, was es bedeutete, die Mittagspause damit zu verbringen. Bartholomäus war von Anfang an ein recht umgängliches Kind gewesen, ich hatte jedoch keine Ahnung, von wem er das haben könnte. Ich war es definitiv nicht gewesen und das was ich von Nico gehört hatte, er auch nicht. Dafür sah der Kleine genauso aus wie sein Vater. Bereits nach zwei Wochen waren ihm die ersten goldenen Löckchen auf dem Kopf gesprossen.
      Erschöpft, obwohl erst die Hälfte des Tages geschafft war, ließ ich mich auf die Couch in unserem Wohnzimmer fallen, welches, selbst einige Monate nach dem Umzug, noch bis oben hin mit Kartons vollgestopft war. Mein Laptop stand noch offen von vorhin da, ich hatte es im Laufe des Tages einfach nicht geschafft ihn zuzuklappen und mittlerweile war der Bildschirm, wie auch die Tastatur, voller Brei. Lecker. Ich konnte noch ganz genau erkennen, welches Glas ich Bartholomäus heute aufgemacht hatte. Das war bestimmt Möhre, Kartoffel und etwas Selleriegeruch, wie mir meine Nase mitteilte.
      Mit einem Ärmel, welcher den Bildschirm erst recht noch dreckiger machte, da dieser auch nicht mehr der Sauberste war, versuchte ich die groben Reste des Mittags vom Laptop zu wischen, bevor ich ihn zu mir auf den Schoß zog.
      Es war bei mir zur Angewohnheit geworden, dass ich jede freie Minute mich vergewisserte, dass ich keine Nachricht bekommen hatte. Der erste Klick ging auf Skype, eine der besten Methoden untereinander zu kommunizieren, wenn einem die Grenzen der Länder voneinander trennten. Mio schien dies aber noch nicht verstanden zu haben, seit Wochen war bei ihr kein grünes Häkchen mehr gewesen. Auch in meinem E-Mail Postfach fand ich wie immer keine ungelesene Mail von ihr. Ich gab es nicht gerne zu, aber ich vermisste sie. Ich vermisste sie so, wie ich Shadow vermisste und vor allem fehlten mir die alten Zeiten.
      Ich wollte meinen Laptop gerade zuklappen, als die Tür aufgestoßen wurde und mein Freund Nicolaus lautstark die Wohnung betrat. Mein Mund war schon halb geöffnet, um ihn ein weiteres Mal zu ermahnen, dass er gefälligst leise sein sollte, wenn sein Sohn schlief, aber er war schneller bei mir. Mir wurde ein Kuss auf die Stirn gedrückt, dann legte seine Hand auf die Meinige, welche noch auf dem Bildschirm ruhte und drückte mit mir zusammen die Klappe nach unten.
      „Charly, du weißt, dass Mio sich erst Sonntagabend melden wird und bis dahin sind es noch zwei volle Tage. Ihr geht es gut.“ Sagte er sanft, was er normalerweise nicht allzu oft tat. Ich zog meine Hand unter seiner weg und drehte mein Gesicht zum Fenster. „Du magst sie doch kaum und wirklich kennen tust du sie auch nicht. Vielleicht ist es einfach deine Schuld, dass sie sich so selten meldet?“ Kurz nachdem ich es gesagt hatte, wusste ich, dass diese Worte Nico hart getroffen hatten. Noch bevor ich die erste Träne in seinen Augen schimmern sah, war ich aufgestanden und hatte ihn umarmt. „Es tut mir leid, es tut mir leid“, versuchte ich das Gesagte wieder gutzumachen, allerdings hatte ich es trotzdem gesagt.
      Nico umarmte mich, allerdings war diese etwas steif. Ich hatte ihn verletzt und obwohl ich wusste, dass er sich selbst große Vorwürfe machte, hatte ich die Schuld auf ihn geschoben.
      Nach einiger Zeit in der Umarmung löste sich Nico von mir und zog mich zu sich aufs Sofa.
      „Charly, ich vermisse mein Füchschen genauso wie du es vermisst und auch wenn du es mir nicht glaubst, Shadow und Mio waren seit langem die beiden einzigen Freunde, die ich je besaß. Shadow werde ich nie wieder sehen und Mio ist auf der anderen Seite der Welt mit der Hälfte unserer Pferde. Fast hätte ich hier alles hingeworfen, weil mir der Gedanke, dass ich versagt habe, einfach nicht aus dem Kopf ging. Doch jetzt habe ich ein neues zu Hause gefunden, habe einen Sohn und ich habe dich. Das ist das Wichtigste.“ Er schloss seine Rede und blickte mir tief in die Augen. Ich hielt seinem Blick stand und wusste, dass er Recht hatte.
      „Du hast Recht. Mio holen wir schon irgendwann wieder zu uns.“
      Ein weiterer Kuss, dann zog mich Nico wieder auf die Beine. „Wann hast du eigentlich deinen letzten Ausritt gemacht?“
      Gute Frage, dachte ich, das war definitiv schon länger her. „Du weißt, dass ich schlecht einen Ausritt machen kann, während Bart schläft, oder?“
      „Teo ist mir noch was schuldig und außerdem muss er sowieso mal ne Pause machen, der steht seit heute Morgen um sieben im Stall.“
      Teodor war die Gutmütigkeit in Person und auch wenn er manchmal grober wirkte als er war, konnte man sich eine Tyrifjord Ranch nicht ohne ihn vorstellen. Obwohl er schon etwas älter war und eigentlich schon längst in Rente hätte gehen müssen, schuftete er Tag für Tag im Stall und das nicht zu knapp. Nico und ich wären ohne ihn schon längst verzweifelt.
      Teo hatte ein Händchen für Kinder und vor allem für Pferde, weswegen es auch nicht allzu lange dauerte, bis mein Nico den alten Herren von einer kleinen Mittagspause in unserer Wohnung überredet hatte.
      Die Tyrifjord Ranch besaß eine ganz andere Aura als Saint Gorge, ließ einem viel mehr Raum und bot natürlich auch den Pferden viel mehr Platz. Nachdem sich auf Saint Gorge so vieles verändert hatte, waren wir froh gewesen, die Möglichkeit eines neuen Gestüts zu bekommen und das war es gewesen. Ein alter kleiner Hof, mit einer neuen Reithalle, einem kleinen Reitplatz, einem Roundpen und natürlich einem Stall, der mehreren dutzend Pferden Platz zum Leben bot.
      Mit dem Kauf der Ranch hatten wir uns allerdings auch dazu verpflichtet, dem alten Bewahrer Teodor Sjöson und seiner blinden Tochter Torun weiterhin ein zu Hause zu bieten, was für uns natürlich kein Problem war. Während wir zu dritt im Haupthaus wohnten, begnügten sich Teo und Torun wie zuvor mit dem alten Bootshaus, welches zu einem kleinen Wohnhaus umgebaut worden war.
      Nachdem ich Teo kurz in seine Aufgaben eingeweiht hatte, welche er brummend hingenommen hatte, machten wir uns auf den Weg zu unserem Hauptstall, welcher am anderen Ende der Ranch stand. Für Nico stand schnell fest, welches der Pferde er auf einen Ausritt mitnehmen würde, ich musste länger überlegen. Ich war lange Zeit zu Recht sauer auf Mio gewesen, weil sie meine allerliebste Stute mit zu ihrer ach-so-tollen-Ranch genommen hatte und ich nun seitdem kein bestimmtes Reitpferd mehr hatte. Normalerweise wäre ich ja nun Grenzfee geritten, welche ich aber, laut Nico, erst wieder reiten durfte, wenn der kleine Bart nicht mehr die ganze Zeit an meiner Brust hing. Zu gefährlich, zu groß, zu wild, hieß es dann immer. Viele Pferde blieben dann ja nicht mehr, sodass ich mich für das einfachste und unkomplizierteste Pferd entschied, welches es auf unserer Ranch gab: Den Norwegerwallach Milosch.
      Nico war davon überzeugt gewesen, dass auf die Ranch ein ordentlicher Norweger gehörte und wir dringend ein Pferd für unseren Sohn brauchten, sodass Milosch der erste Neuankömmling auf unserer Ranch gewesen war. Norwegen - Norweger, wie primitiv. Nicht unbedingt sehr groß, mit dichtem Fell und typischer Stehmähne, ein Kinderpony, welches jedes Herz erweichen ließ. Ich war froh darüber ihn zu haben, denn selbst mit meinem dicken Bauch, welchen ich die letzten Monate mit mir herumgeschleppt hatte, hatte er mich noch ohne Mühe tragen können.
      Nachdem ich Milosch angebunden hatte und Nico seinen Marid, fiel ihm schlagartig ein, dass er einen Toilettengang gebrauchen könnte und verschwand schnell in Richtung Wohnhaus. Ich seufzte theatralisch. Ich verstand einfach nicht, warum ausgerechnet Nico es nicht schaffte, kurz ins Gebüsch zu gehen.
      Ich hatte das warme Fell der Pferde, den Staub aus diesem und den Geruch des Strohs vermisst, schon lange hatte ich mir nicht mehr die Zeit genommen, einfach ein Pferd zu putzen und zu striegeln, es waren einfach zu viele andere Dinge wichtiger gewesen.
      Als ich an das kleine Stutfohlen dachte, welches Jeanie vor kurzem zur Welt gebracht hatte, schwenkten meine Gedanken wieder unabsichtlich zu Mio. Excelsior und Jeanie waren immer ihre Lieblingspferde gewesen, auch sie hatte sie einfach zurückgelassen. Wie konnte sie nur so einen Stimmungswechsel gehabt haben?
      Ich schüttelte mir diesen Gedanken wie eine lästige Fliege aus dem Kopf und konzentrierte mich weiter auf meine Arbeit, denn immerhin wollte ich Teos Nerven nicht allzu lange beanspruchen.
      „Dieser blöde sprechende Papagei! Ich weiß, warum ich mich dafür entschieden habe, mein Leben mit Pferden anstatt mit Vögeln zu verbringen!“ Lautstark kam Nico zurück in den Stall gestapft, um eine Hand eine weiße Binde, durch welche das Blut auf den Stallboden tropfte. „Wie oft habe ich Petyr schon gesagt, dass dieser olle Vogel nicht frei herum fliegen soll, der ist lebensgefährlich! Und vor allem hat er nichts auf der Toilette zu suchen.“ beschwerte er sich, während er auf seinen brav wartenden Marid zulief. Marid, auch Vad genannt, schien der Einzige, welcher wirklich Mitleid mit Nico zu haben schien. Asuka, welcher hinter Nico hinterher getapst kam, Milosch und auch ich, schienen es toll zu finden, dass Nico endlich mal Parole geboten wurde. Normalerweise war Nico immer der Wortführende und der sprechende Papagei Napoleon hatte seine Freude daran gefunden, Nico über all aufzulauern.
      Mitfühlend stupste der sonst so grobe Vad seinen Freund, wie ein Hund sein Herrchen, an und es fehlte nur noch, dass er diesem mit seiner Pferdezunge übers Gesicht leckte. Mich schauderte es bei diesem Gedanken.
      "Der Vogel ist toll und ich habe nichts dagegen, dass er sich frei bewegen darf. Es gibt so selten Papageien, welche nicht in einem Käfig eingesperrt sind." meinte ich hämisch grinsend zu Nico, welcher nur etwas Unmissverständliches brummte und sich dann Vad zuwandte.
      Nachdem die Pferde gesattelt waren (und Nico mich mit Schutzweste, Reithelm und Handschuhen ausgestattet hatte (er fand es kein bisschen übertrieben)) saßen wir vor dem Stall auf und begannen unseren kleinen Ausritt. Irgendwo war es bestimmt süß, dass Nico nicht vor mir reiten wollte, um mich nicht aus dem Blick zu verlieren und ständig darauf achtete, dass es mir gut ging. Allerdings musste ich mich anstrengen, keinen Streit vom Zaun zu brechen. Bevor Nico Vater geworden war, hatte er jeden Scheiß mitgemacht, sich einen Dreck um unsere Sicherheit geschert und mich sogar dazu überredet Dinge zu tun, welche ich nie getan hätte. Ich vermisste die alten Zeiten.
      "Hast du heute Petyr eigentlich schon gesehen?" fragte ich Nico, um mich auf andere Gedanken zu bringen, als die Vergangenheit und den nun überfürsorglichen Nico.
      "Klaro, in aller Frühe im Stall. Er ist allerdings vorhin mit diesem Superhelden Richtung Süden geritten. Der wollte auch einen Ausritt machen, bei diesem Wetter."
      "Der Friese heißt Batman", korrigierte ich.
      "Batman, Superman, Spiderman, das ist doch alles das Gleiche." meinte Nico achselzuckend. Ich verkniff mir einen Kommentar, denn für mich war es nicht dasselbe. Früher hatte ich alle Comics und Filme auswendig gekannt, in welchen ein Superheld drin vorkam.
      Unser Weg führte uns am Ufer des Tyrifjords entlang, ein Stück über sandigen Boden, bevor dieser einem Trampelpfad wich. Der Weg war bereits von vielen Hufen ausgetreten und eben geworden, sodass es ein angenehmes Reiten war. Leider hatte der Fjord auch seine Nachteile. Vor allem im Sommer gab es hier Mücken im Übermaß und viele der empfindlicheren Pferde mussten deswegen auf den Weiden Decken tragen, um nicht völlig zerstochen in die Box zurückzukommen. Mittlerweile hatten wir uns angewöhnt, die Pferde nachts auf die Weiden zu bringen, wenn es nicht mehr so schwül war und der auch des Öfteren der Regen vom Himmel kam.
      Stumm bogen Nico und ich wenig später in den Wald auf der anderen Seite der Landstraße ab, wo ich meinen Freund auch davon überzeugen konnte, etwas zu traben. Milosch war hart im Nehmen und zuckte nur dann zusammen, wenn einje der nervigen Insekten ihn in blöde Stellen stach. Vad allerdings hatte mehr zu kämpfen. Der Shagya-Araber war manchmal richtig verweichlicht, auch wenn er immer wie ein übercooler Macho tat.
      Der Wind der mir entgegen kam verjagte die Mücken von meinen Beinen und ließ mich den Ritt jedenfalls etwas genießen. Als Milosch mir auch noch den Galopp anbot, kam ich ihm die Hilfen und er sprang in den Galopp um. Ich konnte hinter mir Nicos Rufe hören, auf welche ich allerdings nicht achtete, sondern den Wallach einfach weiter vorwärts trieb. Ich hatte dieses Gefühl der Freiheit vermisst. Viel zu sehr hatte ich mich in den letzten Tagen und Wochen auf den kleinen Bartholomäus konzentriert, aber ich wusste jetzt, dass ich mich seinetwegen nicht davon abhalten sollte, mich weiterhin mit Pferden zu beschäftigen.
      Erst kurz vor unseren ersten Weiden parierte ich wieder in den Schritt durch. Nico hatte sich während des Galopps an meine Fersen geheftet und ich sah, wie er erleichtert aufatmete.
      "Das hättest du nicht tun sollen, wer weiß, was alles passiert wäre!" meinte er vorwurfsvoll. Anscheinend hatte mir der Ritt Selbstbewusstsein und meine sonst so schnippische Zunge zurückgegeben, denn ich wehrte mich gegen Nicos Worte.
      "Halte dich gefälligst von nun an daraus! Ich sitze zehn Jahre länger im Sattel als du und noch nie, NIE ist etwas Schlimmeres passiert. Ich verstehe dich, wenn du dir Sorgen machst, aber das ist zu viel! Komme auf den Boden der Tatsachen zurück, sonst denke ich darüber nach, ob ich doch noch zu Mio nach Nevada ziehe, wenn du mir hier das Leben zur Hölle machst." Ich hatte es getan, ich hatte ihm meine Meinung gesagt. All das, was ich in den Hintergrund gedrückt hatte, zum Wohle unserer Beziehung, und was jetzt erst durch den Galopp wieder ans Licht gerückt ist. Ich war stolz auf mich und sah es al mein Recht an. Auch wenn es irgendwo weh tat, denn bis jetzt hatten wir erst einmal einen Streit aushalten müssen, vor knapp neun Monaten, als ich ihm erzählt hatte, dass ich schwanger war.
      Ich wendete Milosch ab und trieb ihn im Galopp zurück zum Stall. Ich preschte an den Weiden vorbei, dann auf der Landstraße entlang, auf welchen laut die Hufeisen von Milosch prallten und dann die Einfahrt zum Stall hinauf. Erst vor dem Stallgebäude bremste ich Milosch ab, welcher wie immer alles getan hatte, was ich von ihm wollte. Das war mal Liebe.
      Ich band Milosch an seiner Box fest und zog dann den neuen Westernsattel von seinem Rücken, welchen wir uns extra für ihn angeschafft hatten. Nach dem Überputzen entließ ich ihn in seine Box, pfiff Asuka zu mir, welcher brav wie immer im Heu gewartet hatte und machte mich zu Fuß auf den Weg zum Wohnhaus. Ich nahm extra den Weg am Ufer des Tyrifjords entlang, um Nico nicht begegnen zu müssen, welchen ich auf der anderen Seite der Weiden erkennen konnte.
      Klar hatte er irgendwo recht, dass ich beim Reiten jetzt nicht mehr nur mein Leben aufs Spiel setzte, sondern auch das unseres Sohnes, aber er musste mich deswegen nicht wie ein rohes Ei behandeln und das musste er lernen.
      Als ich unseren Hof betrat, sah ich Teodor auf der Bank vor dem kleinen Teich sitzen. Bart lag im Kinderwagen und schien immer noch seelenruhig zu schlafen.
      "Schläft er immer noch?" fragte ich flüstern, als ich mich neben Teo auf die Holzbank fallen ließ.
      "Immer noch ist gut, der war vorhin eine halbe Stunde wach und hat mir die Ohren vollgeheult, was bin ich froh, dass ihn die frische Luft wieder zum Schlafen gebracht hat."
      "Oh man, danke Teo, ich bin dir was schuldig! Ich kann ihn jetzt wieder übernehmen." sagte ich schuldbewusst.
      "Du siehst erholt aus, mein Kind", sagte Teo nur. "Hat dir der Ausritt gefallen?"
      "Ja sehr, er hat endlich alle überflüssigen Gedanken aus meinem Kopf befreit, ich fühle mich viel besser." sagte ich wahrheitsgetreu
      "Dann geh´ wieder spielen, ich packe das hier schon. Glaube mir, ich habe alleine ein Kind aufgezogen, welches dazu auch noch blind war, ich werde mit ihm schon zurechtkommen." brummte Teo.
      Ich blickte ihn erstaunt an. Meinte er das wirklich ernst? "Wirklich?" Die Skepsis in meiner Stimme konnte ich wohl etwas schlecht verbergen, denn Teo schien der Tonfall nicht ganz so gefallen zu haben.
      "Ja ja und jetzt hau ab, bevor ich es mir noch anders überlege!" meinte er trocken.
      Ein freier Nachmittag, das hatte ich schon lange nicht mehr gehabt. Ich drückte Teo, welcher sich in meiner Umarmung steif zurückhielt, und wollte gerade wieder in Richtung Stall verschwinden, als Teo mir noch zurief: "Dafür machst du mal einen längeren Ausritt mit Torun!"
      Ich hob meine Hand zur Stirn und machte diese "Ey ey Sir" Geste, oder wie auch immer man die nannte. Dann beeilte ich mich, dass ich zurück zum Stall kam.
      Mio » Nevada, USA – 04:55
      Die Arbeit auf einer Ranch war jeden Tag aufs Neue schweißtreibend und anstrengend, aber es war die beste Arbeit, die ich je getan hatte. Ich hatte schon so einiges gemacht, vom Pizzaliferanten, über Kellnerin bis zur Trainerin, aber noch nie, noch nie habe ich so das Gefühl gehabt, etwas richtig zu machen. Hier war das anders, hier war ich ich, genoss endlich mal das Leben und setzte mich für das ein, was ich schon immer gewollt hatte. Es hatte sich viel geändert, auch, dass ich jetzt des Öfteren mit einer Flasche Wein bis tief in die Nacht auf der Terrasse saß, mir lustige Geschichten von Heather anhörte und es schaffte, ganz tief in dem Ranchleben zu versinken. Trotzdem begann hier der Arbeitstag viel früher und dauerte meist auch bis zum Dunkelwerden. So klingelte auch heute mein Wecker in aller Frühe. Draußen war es noch dunkel, allerdings würde in einer halben Stunde die Sonne aufgehen, genau dann, wenn auf der Ranch die Arbeit begann. Ich hatte im Haupthaus, einem altertümlichen Ranchgebäude, ein kleines Zimmer für mich. Es lag in der hintersten Ecke des Dachbodens und jeder der Dielen kündigte durch lautes Quietschen Besuch an. Aus Südfrankreich hatte nicht viel den Weg hier her gefunden und so war das Zimmer spärlich eingerichtet, was mir allerdings recht so war. In den letzten sechs Monaten hatte ich gelernt auf alles zu verzichten, was ich nicht unbedingt brauchte. Einmal in der Woche war Waschtag, da wurde die Arbeitskleidung der letzten Woche gründlich gereinigt, bevor sie dann wieder eine Woche getragen wurde. So zog ich auch heute meine Jeans, ein Top und darüber, zum Schutz vor der Sonne, ein weites helles Hemd an. Vor allem ich mit meiner hellen europäischen Haut war gerne der erste Angriffspunkt böser Sonnenstrahlen. Es war Samstag und trotzdem saß Addison bereits am Tisch, als ich die Küche betrat, und schlürfte seinen morgendlichen Kaffee. Ich ließ mich ihm gegenüber auf den Stuhl sinken, zog eine Tasse zu mir heran und goss mir die schwarze Brühe in die Tasse, bis nichts mehr reinpasste. Auch das hatte sich verändert. Kaffee war früher nur ein ekliges Getränk gewesen, welches nur mit reichlich Milch und Zucker schmeckte. Jetzt war es das einzige, was mich an manchen heißen Tagen wach hielt und so war es zu meinem stetigen Begleiter geworden.
      "Was steht heute so an?" begann ich mit Addison ein Gespräch, als unserer beider Tassen fast leer waren. Er brauchte länger um zu antworten, schien noch zu überlegen und seine Gedanken zu versammeln, bevor er sagte: "Wichtig ist heute, dass das Wasser auf den Weiden erneuert wird. Die Wannen müssen sowieso mal wieder geschrubbt werden. Ansonsten reite ich heute gegen Mittag gen Norden zu der kleinen Herde, die wir vor wenigen Tagen entdeckt haben. Da kannst du mich begleiten, wenn du möchtest."
      Ich nickte. "Sehr gerne", meinte ich ihm Aufstehen, nahm die beiden Tassen sowie den Krug vom dunklen Holztisch und stellte beides an die Spüle. Das würde ich nachher abwaschen. Unser erster Weg führte uns, so wie jeden Morgen, zu einem kleinen Stallgebäude. Hier wohnten zur Zeit drei Fohlen, welche wir vor kurzem erst aufgenommen hatten. Die Fohlen waren bei Einfangaktionen, sogenannten Round-Ups, zu Tode gekommen und die drei Fohlen, welche dieses recht spät geboren waren, wären verhungert. Zum Glück hatten jedenfalls diese drei den Weg zu uns gefunden und auch wenn ihre Aufzucht die ersten Wochen viel Arbeit bedeutet hatte, so hatten sie sich schnell an Menschenhand gewöhnt und waren ein kleiner verrückter Sternenhaufen geworden. Bis sie an die Herde gewöhnt werden konnten, würden alle drei hier im Offenstall und später auf einer der kleineren Weiden leben. Der Stall hatte etwas Altertümliches, mit seinen verstaubten Holzboxen, den Strohballen in einer Ecke und jeder Menge Sättel und Zubehör, was man auf einer Ranch eben so brauchte. Der eine Teil bestand aus einer großen Box, mit genügend Platz für mehrere Pferde und einer Tür, welcher den Pferden die Möglichkeit bot, das sandige Paddock jeder Zeit zu nutzen. Der jüngste von den Drein war Time In A Bottle. Ein eher zurückhaltender und nachdenklicher Hengst, welcher sich mit der Gefangenschaft nicht ganz so anfreunden konnte. Der Stall war wie ein Gefängnis für ihn und selten ließ er sich drinnen blicken. Trotzdem hatte er schnell Vertrauen zu uns gefasst, was bedeutete, dass er weniger vor den Menschen Angst hatte, als vor der Enge der Box. Er war der kräftigste der Drei und verschlang bereits jetzt das meiste Futter. Im Gegenteil zu ihm, war Dawn eine überaus zutrauliche und anhängliche Stute, welche uns am Anfang jedoch die meisten Probleme gemacht hatte. Wenn sie nicht auf den Hänger wollte, dann wollte sie nicht und wenn sie mehr Milch wollte, dann versuchte sie das auch mit allen Mitteln durchzusetzen. Kämpferisch und engstirnig, antwortete deswegen unsere Devise. Der Letzte im Bunde war unser Sorgenkind gewesen. Durch irgendetwas, hatte Kwatoko bereits in den ersten Lebenstagen das Augenlicht auf der linken Seite verloren und war deswegen äußerst vorsichtig und ängstlich. Schnelle Bewegungen vertrug er gar nicht und bei ihm war es schon immer wichtig gewesen, sein Vertrauen nicht zu brechen, denn dann konnte man es nur schwer wiederbekommen. Addi und ich nahmen uns etwas mehr Zeit bei den Fohlen, putzten sie im trüben Licht des Stalls und holten dann unsere Milcheimer, welche, praktischerweise, einen Saugnippel besaßen und so die Zitzen einer Stute imitierten. Als die Arbeit im Stall beendet war, schickte mich Addison zu dem Geländewagen, mit welchem wir eine große Wasserbox zu den Weiden bringen wollten. Vier Wochen hatte es gedauert und ich hatte meinen Führerschein in der Tasche. Kein sinnloses Wiederholen und viel billiger als es in Europa war, hatte ich ihn mir von meinem letzten Taschengeld geleistet und mittlerweile fuhr ich, als hätte ich jahrelang nichts anderes getan. Täglich war der Jeep gefragt und vor allem die steilen und trockenen Buckelpisten waren die beste Übung für einen Einsteiger. Den Wassertank hatten wir bereits am Vortag mit Wasser aufgefüllt, sodass wir den Anhänger nun nur noch an den Jeep anhängen mussten, worin wir beide bereits genügen Übung besaßen. Vor allem bei den heißen Temperaturen sauften unsere Pferde die 1000l innerhalb von zwei Tagen. Als der Anhänger befestigt war, zog sich Addison, gefolgt von Ceberus dem stillen Begleiter, auf den Beifahrersitz und schlug die Tür des Geländewagens zu. Kaum saß er, gab ich bereits Gas. Ich konnte mir das immer bildlich vorstellen, wie der Jeep die trockene Steinwüste entlang preschte und hinter sich eine große Staubwolke hinterließ. Wie im Film, dachte ich dann manchmal. Wir hatten zwei große Weiden, unsere Stuten und unsere Hengste. Da unkontrollierte Zucht unter den adoptierten Mustangs laut BLM (Bureau of Landmanagement) nicht erlaubt war, musste unsere Hengstherde nun auf einer anderen Weide stehen, als ihre Stuten. Beide Weiden waren in etwa gleich groß, was bei den vielen Hektar allerdings schwer zu sagen war. Die Weiden waren sogar so groß, dass sich in der Gruppe sogar einzelne Herden abgesplittet hatten, auch wenn das richtige Herdenfeeling dank des BMI noch fehlte. Als Erstes führte uns unser Weg zu der Stutenweide. Die Wasserstelle befand sich hier in der Mitte der Koppel an einem etwas geschützten Platz, wo auch bei extremer Hitze das Wasser nicht zu schnell vertrocknete. In zwei großen Wannen schimmerte ein letzter staubiger Rest Wasser, Zeit, dass neues kam. Dank meines guten Auges, konnte ich zwischen einigen Sträuchern ein paar Stuten erkennen, welche schon sehnsüchtig auf neues Wasser warteten.
      "Das ist Quicksilvers Herde", meinte Addison, als er meinem Blick folgte. "Da hinten sind Valhalla und Atius Tirawa." Er deutete auf zwei auffällig gefärbte Stuten im Vordergrund. Kaum hatte er es gesagt, trat auch schon eine dritte Stute aus den Büschen hervor. Quicksilver war eine hübsch geschecktes Pferd mit zweifarbigen Augen und einem lebensfrohen und intelligentem Charakter, welche bereits, kurz nachdem sie auf der Ranch angekommen war, eine der beiden Herden an sich gerissen hatte und diese mit viel Anmut führte. Die Stuten hielten vorsichtig Abstand, während Addi und ich mithilfe einer Bürste die Algen und den Staub aus den Wannen kratzten, bevor wir beide mit neuem Wasser auffüllten. Als Silver und ihre Freundinnen das neue klare Wasser sahen, überwanden sie ihre Vorsicht und standen kurze Zeit später um das Wasser gedrängt. Addi und ich hatten uns etwas zurückgezogen, um die Pferde nicht unruhig zu machen. Auch dieses Mal wartete ich vergebens auf ein Zeichen von zwei Stuten, welche die weite Reise von Europa mit mir zusammen bestanden hatten. Anaba hatte vor wenigen Tagen ein Fohlen von Chosposi zur Welt gebracht und sich seitdem nur kurz zum Trinken blicken lassen. Laut Addison war es normal, dass die Stute die erste Zeit etwas abseits lebte, aber trotzdem machte ich mir Gedanken um eins meiner liebsten Pferde. Auch Flotten von Mutanten hatte die Eingewöhnung in die Gruppe gut überstanden, gehörte aber einer der Pferde an, die sich nur selten blicken ließen und eher die Nacht zum Trinken nutzten. Es war erstaunlich, was Flotte wiedereinmal für eine Veränderung durchgemacht hatte. Erst hier in Nevada war ihr richtiges Ich ans Licht gekommen und auch wenn sie immer noch nicht Reitbar war, hatte sie mittlerweile einen großen Schritt nach vorne gemacht. Als die drei Stuten wieder ihren Weg zurück in die Büsche einschlugen, stiegen auch Addison und ich ins Auto, denn auch die Hengste würden bereits auf frisches Wasser warten. Auch diese Wasserstelle hatten wir so eingerichtet, dass sie sich im Innern der Weiden an einem schattigen Platz befand, wo die Pferde in Ruhe trinken konnten, ohne Angst vor Menschen oder Autos haben zu müssen. Hier herrschte eine ganz andere Stimmung, denn auch wenn die Hengste zusammen auf einer Weide lebten, so machte doch jeder von ihnen eher sein eigenes Ding. Einen Anführer gab es trotzdem: Cloud besaß einen muskulösen, jedoch trotzdem zarten Körper, welcher ihm die Gabe verlieh, schnell und vor allem wendig zu sein. Auch wenn er nicht der Größte war, so hatte er doch das Sagen und die Hengste richteten sich auch nach ihm. Um die Senke hatten sich mehrere Pferde verteilt, geschützt von hohem Gras oder trockenen Büschen, beobachteten sie jeden unserer Schritte und als auch ihre Wasserstelle wieder mit frischem Wasser aufgefüllt war, sah ich ihnen an, dass sie alle großen Hunger hatten. Unruhig spielten sie mit den Ohren, scharrten auf dem trockenen Boden und ließen somit kleinere Staubwolken entstehen, welche von dem Westwind jedoch recht schnell weggetragen wurden. Addison und ich hatten uns bis zu dem Jeep zurückgezogen und warteten nun darauf, dass der Hengst auftauchte, welcher jedes Mal zuerst trank. Lange mussten wir nicht warten, denn einige Minuten später stieg ein schneeweißes Pferd die Senke herab und ließ seinen eleganten Kopf mit der langen Mähne zu den Tränken sinken. Nach und nach kamen nun auch die anderen Pferde hinzu, je nachdem, wie hoch ihr Rang war. Der nächsten war ein vollkommen brauner Hengst namens Silent Bay, welcher durch sein Alter und seiner Ruhe sich mit der Zeit einen Rang knapp unter Cloud erarbeitet hatte. Hinter einem gescheckten Hengst namens Frekur kam dann einer meiner Hengste, Morrigans Hidalgo und ich konnte es nicht verhindern, dass mein Herz einen kleinen Hüpfer machte. Nachdem er getrunken hatte, löste er sich auch aus der Herde und kam auf mich zu getrottet.
      "Hallo Hidalgo", flüsterte ich, als er seinen weißen Kopf gegen mich stieß und um eine Streicheleinheit bettelte. Vor allem bei ihm sah ich den Unterschied, den die Wildnis machte. Auch wenn seine Mähne ein einziger Knoten war, so hatte sein Körper jede Menge Muskulatur aufgebaut und seine Trägheit war vollkommen verschwunden. Hidalgo blieb einige Zeit bei mir stehen. In der Zwischenzeit beobachtete ich die anderen Hengste, welche nach und nach die Wasserstelle wieder verließen und ein paar Nachzügler kamen, um zu trinken. Darunter war eine kleine Junghengstbande, in welcher ich drei weitere Pferde von mir erkennen konnte. Nicht nur Varys und Imagine There´s No Heaven, auch der neuere Triumph, hatte sich perfekt in die Herde eingegliedert und so waren alle drei zu stattlichen Junghengsten geworden, welche ihr Leben in allen Zügen genossen. Als es für uns Zeit wurde aufzubrechen, kraulte ich Hidalgo ein letztes Mal hinter den Ohren, bevor ich wieder hinter das Steuer des Jeeps stieg und vorsichtig das Auto samt Anhänger wendete und zurück zur Ranch fuhr. Mittlerweile war die Sonne vollständig aufgegangen und erwärmte die Erde jede Sekunde mehr. Heute Mittag würde die Sonne die Erde so erhitzt haben, dass man barfuß nicht mehr laufen konnte. Zurück auf der Ranch sah ich als erstes Heather, welche gerade die Tür des Haupthauses hinter sich zuzog und die Verandatreppe herunter hechtete.
      "Guten Morgen Heather!" rief ich aus dem offenen Autofenster, bevor ich es auf dem Parkplatz neben dem Haus abstellte und Addison und ich aus dem Auto stiegen.
      "Ach Gott sei Dank, ich treffe euch noch", war Heather erleichtert. "Ich wollte gerade nach Las Vegas und Chill und Buck abholen, außerdem muss ich gleich darauf zur Arbeit. Ich komme wohl erst nächste Woche wieder und wollte euch noch verabschieden." erzählte sie in solch flottem Tempo, dass selbst ich Probleme hatte hinterher zu kommen. Dann umarmte sie mich kräftig, bevor sie das gleiche auch bei Addison tat. "Wir werden uns nachher wohl nicht sehen, ich schmeiße die Jungs nur raus und fahre gleich wieder. Ich werde sowieso zu spät kommen!"
      Sie rannte zu ihrem kleinen Roten, winkte uns nochmal hektisch zu, bevor sie in einem Affenzahn von der Ranch düste, den man ihr gar nicht zugetraut hätte. Ich grinste ihr hinterher und merkte gar nicht, dass mich Addi von der Seite beobachtete.
      "Du magst sie wirklich, oder?", fragte er und ich nickte nur erstaunt. Solche Gespräche mit Addi waren selten, Gespräche über Gefühle und Vergangenheit. Mir war das meist nur recht, auch ich wollte das Geschehene hinter mir lassen, aber trotzdem vermisste ich es manchmal, mit jemanden darüber reden zu können.
      Addi sprach weiter. "Sie ist wirklich eine Gute. Ich hätte das nie alles ohne sie geschafft und auch wenn sie in Vegas wohnt, so war sie bis jetzt doch immer da, wenn ich sie gebraucht habe." Plötzlich brach Addi ab, fast so, als schien er sich bewusst geworden zu sein, dass das nicht sein Stil war, über so etwas zu sprechen, und wendete sich zum Haupthaus um. "Kommst du? Ein kleines Frühstück wartet auf uns. Ich habe Hunger."
      Charly » Norwegen, Buskerud - 14:49
      Als ich zurück im Stall ankam, hatte er sich in der kurzen Zeit meiner Abwesenheit wesentlich gefüllt. Ich traf nicht nur Nico, welchem ich allerdings keines Blickes würdigte, sondern auch noch die junge Torun, sowie unsere beiden weiteren Hofbewohner Malte und Petyr. Malte und Petyr leiteten zusammen einen Ausbildungsbetrieb und waren so recht viel auf Achse. Wenn sie allerdings auf dem Hof anzutreffen waren, packten sie immer mit an. Auf ihre Hilfe war immer verlass. Petyr sattelte gerade einen großen Friesen ab. Batman gehörte dem jungen Mann und die beiden waren genauso ein Herz und eine Seele wie Marid und Nico. Torun saß in der Mitte der Stallgasse auf einem Heuballen und ließ die Beine schlenkern. Sie schien mit Malte zu erzählen, welcher in eine Schubkarre Stroh auflud. Nicos blonden Schopf konnte ich in der Box von Marid ausfindig machen, um welche ich einen großen Bogen machte. Meiner Meinung nach musste er spüren, dass er übertrieben hatte. Ich grüßte dafür umso ausführlicher die beiden jungen Herren und dann Torun, neben welche ich mich auch niederließ.
      "Ich hoffe, ich störe euer Gespräch nicht?" fragte ich Malte, welcher aber nur abwinkte und meinte: "Ich habe sowieso zu tun, alles gut."
      Als er seine Schubkarre davon geschoben hatte, fragte ich das junge Mädchen neben mir: "Du Tori, was hältst du von einem Ausritt?" Wie ein kleines Mädchen hörte ich mich vermutlich an, allerdings hatte mich der Erkundungswillen wieder gepackt und ich wollte unbedingt noch einen weiteren Ausritt machen. Pferde hatten wir ja genügend, welche etwas Bewegung brauchten. Ohne mich anzuschauen, ich war dies mittlerweile gewöhnt, antwortete mir Torun erfreut. "Wirklich? Wir können zusammen ausreiten?" Ich merkte, wie das Mädchen aufgeregt mit den Beinen zu wippen begann. Ich lachte. "Klaro, und das am besten jetzt sofort! Teo hat bereits zugestimmt, es steht uns also nichts mehr im Wege. Machst du Abs fertig? Dann treffen wir uns in zwanzig Minuten vor dem Stall."
      "Oh ja!" rief Torun wie ein kleines Kind freudig und sprang gekonnt von dem Ballen. Trotz ihrer Blindheit, welche sie durch eine Impfung in jungen Jahren langsam erlangt hatte, bewegte sie sich im Stall genauso sicher wie ein Sehender. Jahrelang hatte sie von ihrem Vater Reitunterricht auf dem großen Wallach Abs bekommen und nicht nur das Mädchen, auch das große Pferd hatten sich auf die Situation eingestellt und bei kaum etwas brauchte Torun nun noch Hilfe. Sie bewies es, in dem sie gezielt eine der hinteren Box anstrebte und dort den Riegel zur Seite schob. Sofort kam eine dunkle Schnauze hervor geschossen, welcher ihr ins Gesicht schnaubte. Ich freute mich für das Mädchen, welches trotz ihrer Behinderung ihr Leben genießen durfte. Ganz unbewusst hatte auch ich mich vor ein Problem gestellt: Welches Pferd sollte ich reiten? Ich sprang vom Ballen herunter und ging dann zu einer der Boxenseiten. Mit einer Hand strich ich an den Boxenwänden entlang, schaute in jede rein und überlegte mir ganz genau, ob ich nicht dieses Pferd reiten wollte. Viele der Pferde gehörten gar nicht uns, sondern Petyr oder Malte, sodass gar nicht mehr ganz so viele übrig blieben. Bei Jeanies Box blieb ich länger stehen, allerdings nur, um die kleine Jelda zu bestaunen, welche auf dem Boxenboden lag und sich genüsslich entspannte. Rechts und links von Jeanie und Jelda standen die beiden kleinen Ponys Excelsior und Braum van Ghosts. Excelsior sah sich als Ersatzvater und der junge Braum schien seit seiner Ankunft vor wenigen Monaten in die Stute verliebt zu sein. Leider sollte er erstmal ein Hengst bleiben, sodass wir ihm nicht die Ehre hatten erweißen können, mit der Stute zusammen auf einer Weide zu stehen. In den nächsten Boxen standen die großen Barockpferde Petyrs. Flame, Ezio, Esmeralda, Fenicio, Wild Cherry, El Montino und die kleine Sacarina. Alles wunderschöne Pferde, aber ganz bestimmt nicht das Temperament, welches mir zusagte. Da gefielen mir die beiden Friesenhengste Xinu und Batman schon viel besser, welche gleich daneben standen. Nach diesen Pferden kamen ein paar Boxen mit Jungtieren. Tysbe, Scion d'Or, Aspantau und Sleipnir. Bei dem etwas langsameren Leiðtogi sagte mein Gefühl auch nein und die beiden Vollblutstuten Grenzfee und Teufelstanz waren auch nichts für einen gemütlichen Ausritt mit Torun. Na super. Entweder war ich zu wählerisch oder wir hatten zur Zeit wirklich kaum Pferde zum Reiten. Ocarina of Time konnte ich zur Zeit auch vergessen und der Rest der Pferde waren kleine Shetlandponys, welche vor allem zum Fahren ausgebildet worden waren. Erst in den letzten beiden wurde ich fündig. Ich hatte mich lange davor gesträubt, eine der beiden Stuten zu reiten, denn nie hatte sich wer anders auf die zarten Tekkiner gesetzt, als Shadow. Er hatte seine Liebe für die orientalischen Distanzpferde entdeckt und so hatten wir es nicht übers Herz gebracht, die beiden Stuten zu verkaufen. Im Gang entdeckte ich eine vereinsamte Putzbox, welche ich mir gleich als mein Eigentum annahm und aus dieser das benötigte Putzzeug für Charelle herausholte. Nelly, wie sie immer Fürsorglich von Shadow genannt worden war, betrachtete mich etwas skeptisch, wahrscheinlich hätte sie nicht erwartet, dass ausgerechnet ich sie reiten wollte. Trotzdem blieb sie ruhig. Sie hatte sehr an Shadow gehangen und vor allem die ersten Wochen waren so für sie überhaupt nicht einfach gewesen. Ich war gerade dabei den linken Vorderhuf von Nelly vom Dreck und Mist zu säubern, als jemand zaghaft gegen die Boxentür klopfte. Ich ließ Nellys Huf fallen, richtete mich etwas ungelenkig auf und wischte mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Zum Friseur musste ich dringend auch mal wieder.
      "Hey du, möchtest du noch einen Ausritt machen?" Nicolaus stand an der Boxentür angelehnt und beobachtete mich etwas bedrückt, so als würde er es wirklich bereuen.
      Ich nickte. "Ja, etwas dagegen?" Ich machte mich bereits bereit für einen Gegenangriff, doch Nico schüttelte nur stumm den Kopf und griff dann zu meiner Hand. Erst hatte ich das Bedrängnis mich befreien zu müssen, Nico hielt diese jedoch standhaft fest und so gab ich schnell nach.
      "Nein überhaupt nicht. Du hattest Recht, ich habe übertrieben. Das wird nicht wieder vorkommen. Ich lasse dir von nun an deine Freiheit, versprochen!" sagte er und ich sah, wie eine kleine Träne in seinen Augen schimmerte. In diesem Moment überwältigte mich das Gefühl, ihn ganz fest umarmen zu müssen und das tat ich auch. Er schien erstaunt, dass ich ihm so schnell vergab, aber ich brauchte ihn, ich brauchte ihn vor allem jetzt und auch wenn ich vor kurzem noch si getan hätte, als wäre ich taff genug, so hatte ich immer irgendwo gewusst, dass ich ohne ihn nicht konnte.
      Nico erwiderte meine innige Umarmung und schien genauso erleichtert wie ich, dass wir das geklärt hatten. Wahrscheinlich hätten wir hier in der Boxentür auch noch einen weiteren Tag so gestanden, wenn uns nicht ein lautes: "Du hast ja noch gar nicht gesattelt Charly!" abrupt auseinander hätte fahren lassen. Torun stand neben uns, hatte sich wahrscheinlich so langsam angeschlichen, dass weder ich noch Nico diese mitbekommen hatten.
      "Woher weißt du das?" fragte Nico sie etwas erstaunt. Schon immer hatte er sich vieles nicht erklären können, was Torun alles schaffte. Immer wieder hatte er mich am Anfang gefragt, wie sie es schaffte, sich jeden Tag aufs Neue perfekt kombiniert anzuziehen und nicht mit gestreiften Hosen und einem gestreiften Hemd im Stall aufzukreuzen. Torun zuckte mit den Schultern. "Das merke ich", meinte sie nur. "Kommst du etwa auch mit?" ging ihre Frage an Nico. Dieser blickte mich kurz fragend mit großen Augen an und da konnte ich nicht anders, als zu nicken.
      "Ja, komme ich."
      Ein paar Minuten später standen wir zu dritt vor dem Stallgebäude. Nico hatte nicht lange mit sich fackeln lassen uns sich für die andere Stute von Shadow entschieden, April Rain. Torun ritt wie immer ihren Abs, einen großen Mix, welcher fast das größte Pferd im Stall war. Dafür war Abs das perfekte Pferd für Torun. Ruhig, gelassen und voller Verständnis für seine blinde Freundin. Perfekt mit einem bequemen Wanderreitsattel gesattelt stand er da. Torun hielt seine Zügel in der Hand und wartete darauf, dass man ihr in den Sattel half. Der aufmerksame Malte ließ deswegen seine Schubkarre stehen und ging zu Torun, welche seine Hilfe gerne in Anspruch nahm. Malte Tordenværson, ein junger Schwede, welcher bereits in jungen Jahren mit seinem Freund Petyr Holmqvist einen Ausbildungsbetrieb eröffnet hatte und seitdem um die ganze Welt reiste, um Pferde zu trainieren. Malte hatte das Aussehen eines Winkingers, blonde Haare, an den Seiten leicht gestutzt und den Rest mit einem Lederband zusammengebunden. Sein blonder Bart, war das ein Zehntagebart?, war stets gut gestutzt und saß immer perfekt. Wenn er nicht gerade Pferde trainierte, war er mit seinem schwarzen Wolfshund Geri unterwegs, oder kümmerte sich um seine Zackelschafe. Ja, Zackelschafe. Eine gefährdete Rasse, welche vor allem für ihre langen Hörner bekannt waren. Die kleine Herde stand einige Kilometer weiter auf einer Weide und dort durften sie ihr Leben genießen. Auch Nico und ich zogen uns, nachdem Torun sicher saß, in unsere Distanzsättel. Ich dankte Malte mit einem kurzen Nicken, bevor wir uns zu dritt vom Hof bewegten. Auch wenn man es nicht glaubte, auf dem Pferd bewegte sich Torun noch sicherer, von ihrer Blindheit war hier kaum noch etwas zu spüren.
      Mio » Nevada, USA - 10:49
      Nach einem gemütlichen und ausführlichen Frühstück, zogen Addison und ich unsere Stiefel wieder an und liefen zu zwei Weiden, welche etwas versteckt hinter dem Haus lagen. Auf jeder dieser Weiden standen nur zwei Pferde, zwei Hengste und zwei Stuten. Einen der Hengste kannte gut, besser gesagt sehr gut. Mein Chosposi. Cho teilte sich die Weide mit einem hübschen Hengst namens Apokalypse. Die Weiden lagen gleich nebeneinander, waren nicht so groß wie die der anderen Pferde, boten jedoch trotzdem genügend Platz, um sich frei bewegen zu können.
      Auf der anderen Weide standen die beiden Stuten. Beide waren Rappschecken, vom Charakter her aber extrem unterschiedlich. My Canyon war das private Pferd von Addison. Bereits vor vielen Jahren hatte er die verängstigte und verletzte Stute bei sich aufgenommen und mit viel Mühe zu dem Reitpferd gebracht, welches sie jetzt war. Candy, wurde sie zärtlich genannt. Die andere Stute fiel vor allem durch ihr überaus blaues Auge auf, aber auch durch ihren aufdringlichen und anhänglichen Charakter. Battle Cry und Apokalypse waren die beiden Pferde von Addisons Söhnen. Mit ihnen zusammen hatte er die Mustangs gezähmt und man glaubte es kaum, aber Buck und sein Apo und Chill und seine Cry waren so feste Freunde, wie man es wohl nicht ganz so schnell finden würde.
      Alle vier Pferde erwarteten uns bereits, als wir die Halfter von den Pfosten nahmen. Ich öffnete das Gatter zur Hengstweide, Addi das Gatter zu den Stuten. Apo bekam von mir eine ausführliche Begrüßung, bevor ich mich meinem Chosposi zuwandte. Ich hatte ihn mir als Reitpferd ausgesucht, weil ich wusste, dass ich ihm vertrauen konnte. Zärtlich strich ich ihm das Halfter über die Ohren und führte ihn dann von der Weide. Auch Addi hatte seine Candy aufgehalftert und zu zweit führten wir die beiden dann zurück zur Ranch.
      Nachdem beide Pferde gesattelt waren, stiegen wir auf und Addi führte mich von der Ranch hinunter in die verzweigte Landschaft des Red Rock Canyons.
      Erst vor einigen Tagen hatten wir bei einem unserer Rundfahrten eine neue kleine Herde wilder Mustangs entdeckt, welche wohl noch nicht allzu lange bei uns in der Gegend weilte. Addison wollte nun die Pferde zählen, sowie Aufzeichnungen machen, wer sich alles in der kleinen Herde befand.
      Cho und Candy waren mittlerweile ein eingespieltes Team und auch Addi und ich hatten gelernt, zusammenzuarbeiten.
      Als wir das schroffe Gebirge des Canyons verließen und auf dem trockenen Boden der Wüste weiter ritten, war ich froh, mir vorhin nicht nur jede Menge Sonnencreme ins Gesicht geschmiert zu haben, sondern auch den überaus praktischen Cowboyhut auf dem Kopf zu haben.
      Nachdem wir einiger Zeit einem kleinen Trampelpfad gefolgt waren, parierte Addi in den Stand durch und gab auch mir das Zeichen zum Anhalten.
      "Siehst du da vorne?" flüsterte er und reichte mir ein kleines Fernglas. Gut gedeckt von trockenen Büschen, standen drei braune Pferde einige hundert Meter vor uns. Ich nahm das Fernglas entgegen und versuchte die Pferde zu erkennen.
      "Das sind nur drei Junghengste", meinte ich, als ich Addison das Fernglas zurückgab. "Die scheinen zu keiner Herde zu gehören."
      Auch Addison warf einen Blick durch das Fernrohr, bevor er nickte und es wieder zurück in seine Tasche steckte. "Hast recht, das ist nur die kleine Junghengstherde." Einen kleinen Bogen schlagend umritten wir die drei Mustangs, um diese nicht zu stören. Wir hielten uns weiterhin nach Norden und achteten angestrengt Ausschau, nach einer Herde.
      "Vielleicht sind sie bereits weitergezogen", meinte ich Addi, als wir einen der westlichen Ausläufer des Canyons erreichten.
      "Gut möglich, aber es wäre seltsam, wenn sie ihren Weg so schnell fortgesetzt hätten. Wir reiten etwas weiter in den Canyon, vielleicht haben sie dort nach Schutz gesucht."
      Die Mittagssonne prallte auf uns und unsere Pferde und so war es recht angenehm, als die großen Wände und Steinfelsen des Red Rock Canyons uns etwas Schatten spendeten. Die Pferde waren die langen Touren durch den Canyon bereits gewöhnt und trotzdem hatten sie mit der Hitze arg zu kämpfen. Addison schien die Hoffnung schon fast aufgegeben zu haben, dass wir die Herde noch finden würden, als ich einige Bewegungen hinter einigen Steinen vor uns entdeckte. Das Tal, durch welches wir ritten, führte einen kleinen und fast ausgetrockneten Bach mit sich und so war es nicht verwunderlich, dass die Herde sich hier verstecken könnte. Diesmal gab ich Addi das Zeichen zum Stehenbleiben und deutete langsam auf einige Mustangs, welche im Schatten eine Mittagspause eingelegt hatten.
      "Das müssen sie sein." flüsterte Addi, bevor er sich aus dem Sattel von Candy gleiten ließ. Die Stute blieb ruhig stehen und Addi machte sie wie immer nicht die Mühe, seine Stute anzubinden. Schon immer hatte ich das Vertrauen bewundert, welches der Mann in seine Pferde hatte. Auch ich kletterte vorsichtig aus dem Steigbügel, überlegte kurz, was ich mit Cho tun sollte und schenkte ihm dann mein Vertrauen, dass auch er sich nicht aus dem Staub machen würde, bevor ich Addi langsam folgte. Addi bewegte sich still und langsam voran und trotzdem blieb er aufrecht. Die Pferde mussten merken, dass wir uns nicht anschlichen, also nichts Böses wollten. Der Wind wehte auf die Herde zu, ein kleiner Nachteil für uns, sodass die Mustangs uns schon recht früh bemerkten. Das erste Pferd, welches den Kopf hob, war ein hübscher, aber von vielen Narben gekennzeichneter Falbhengst, wahrscheinlich das Alphatier. Es blähte die Nüstern auf und ließ uns nicht aus seinem Blickfeld, machte jedoch keine Anzeichen abzuhauen. Er schien uns zu akzeptieren, solange wir nicht näher an seine Herde kamen. Außer dem Hengst konnte ich noch fünf Stuten erkennen, von welchen drei einen keinen Nachwuchs bei sich trugen. Auch Addison hatte sich mittlerweile auf dem steinigen Boden niedergelassen und machte sich erste Aufzeichnungen über die Herde. Aussehen, Alter und besondere Merkmale, gegliedert nach Rangordnung. Ich versuchte stetig von ihm zu lernen, denn Addison besaß ein besonderes Auge dafür, wie die Herde aufgebaut war und konnte mir genau sagen, wer von den Pferden neben dem Alphatier den höchsten Rang hatte und wer den niedrigsten. Einige Minuten saßen wir schweigend da und beobachteten die Pferde, bevor sich ganz unerwartet ein Jungtier von der Herde löste und auf uns zu getippelt kam. Es war erst wenige Wochen alt, war aber hübsch gescheckt mit blauen Augen, in welchen das Verlangen nach Abenteuer glitzerte. Einige Meter vor uns blieb es stehen, streckten den Kopf nach vorne und schnüffelte an der Hand, die ich ihm hinhielt. Das Fohlen schüttelte den Kopf, sprang ihn die Luft, drehte sich um und flitzte in einem Affenzahn zurück zur Herde, sodass ich laut auflachen musste. Addi warf mir einen warnenden Blick von der Seite zu, lächelte aber trotzdem leicht, als er sich wieder umdrehte.
      "Komm lass uns zurück, ich habe alles Wichtige." meinte Addison, bevor er aufstand und mir die Hand hinhielt. Etwas verblüfft nahm ich seine Hand an und ließ mich von ihm auf die Beine helfen.
      Als wir am späten Nachmittag zurück auf die Ranch geritten kamen, wurden wir von zwei überaus quicklebendigen Jungs begrüßt, welche nichts anderes zu tun hatten, als auf dem Hof Fußball zu spielen. Chill und Buck waren zwei Zwillinge wie aus dem Bilderbuch. Abenteuerlustig, verspielt und beide bauten des Öfteren Mist. Trotzdem waren sie so gut erzogen, wie kaum ein anderer. Sie liebten das Leben auf der Ranch und packten, trotz ihrer knappen zehn Jahre, schon mit an, wenn etwas zu tun war. Dazu konnten sie noch reiten wie ein Weltmeister und ich war mir sicher, dass sie in die Fußstapfen ihres Vaters treten würden, sobald sie alt genug waren. Da sie weit außerhalb wohnten, mussten sie nur dreimal in der Woche zur Schule, um dort in den wichtigsten Fächern wie Englisch und Mathe unterrichtet zu werden. Alles andere mussten sie zuhause in Eigenarbeit lernen. Zum Glück hatte Heather und auch Addison viel Ahnung von den wichtigsten Dingen, sodass beide in der Schule kaum Probleme hatten. Ohne das Addison etwas sagen musste, hörten die beiden auf zu spielen, als wir auf den Hof kamen und machten uns Platz, damit wir die Pferde absatteln konnten.
      "Hey Dad!" rief Chill und beide kamen auf uns zu gerannt. "Habt ihr die Herde gefunden?" Addison nickte nur und wuschelte seinen beiden Jungs durch die Haare. "Ja haben wir, das können wir euch nachher erzählen. Habt ihr Lust die beiden Pferde zurück zur Weide zu bringen? Ich mache euch in der Zwischenzeit einen Kakao, ja?"
      Ganz so begeistert schienen die Beiden nicht zu sein, allerdings nahm mir Buck trotzdem meinen Chosposi ab und Chill schnappte sich My Canyon von Addison und brachten die beiden Richtung Weide. Währenddessen folgte ich Addison ins Haupthaus, wo wir in einem Topf Milch für einen Kakao erhitzten. Auch ich hatte unendlich Durst und konnte es kaum erwarten, meine trockene Kehle mit etwas leckerem wie Kakao zu füllen.
      "Mio?" richtete Addi eine Frage an mich. Ich gab ihm mit einem kleinen "Mhm?" zu verstehen, dass ich ihm zuhörte. "Am Montag ist ein Vereinstreffen, da will ich Heather auch mitnehmen. Kannst du zufällig Chill und Buck zur Schule bringen?"
      Ich seufzte knapp und nickte dann aber. "Ja klar, kein Problem."
      "He", Addi stupste mich an. "Lüge nicht, es ist ein Problem für dich, aber mir fällt gerade keine andere Lösung ein. Du weißt, dass ich Heather als Journalistin brauche."
      Ich nickte. "Jaaa, ich weiß." Natürlich verstand ich ihn, aber vor allem zu dieser Jahreszeit waren die Vereinstreffen immer die spannendsten. Seit einigen Tagen hatten die vom BLM organisierten Round-Ups wieder begonnen, was bedeutete, dass wilde Mustangs mit Hilfe von Hubschraubern zusammengetrieben wurden, um dann in sogenannten Holdingfacilities auf eine Adoption zu hoffen, denn sonst endete ihr Weg wohl oder übel in einer der Schlachtereien in Kanada, Europa oder China, denn dort war es noch erlaubt, Pferden den Kopf abzuhacken. Mittlerweile hatten sich viele Vereine gegründet, welche gegen diese Misshandlung kämpften und natürlich war Addi seit Jahren bei einer solchen im Vorstand. Heather begleitete ihn deswegen des Öfteren, denn die Journalistin arbeitete für eine freie Zeitung, welche immer Interesse daran zeigte, über die Mustangs zu informieren. Natürlich verstand ich, warum ausgerechnet ich nicht mitkonnte.
      Addi strich mir eine Strähne aus dem Gesicht und lächelte mich mitfühlend an. "Beim nächsten Mal Mio, da darfst du wieder mit, versprochen!"
      Charly » Buskerud, Norwegen - 16:29
      Der Ausritt mit Nico und Torun war, im Gegenteil zu heute Morgen, etwas ganz besonderes gewesen. Wir hatten eine andere Strecke gewählt, hatten viel erzählt und gelacht und ich hatte es tatsächlich geschafft, Nico vollends zu vergeben. Nelly schien endlich mal wieder losgelöst und entspannt laufen zu können und auch ihre beste Freundin April, schien den Ritt zu genießen. Abs und Torun waren, wenn der Weg breit genug gewesen war, zwischen uns geritten, um nicht vom Weg abzukommen. Gesund und munter waren wir so nun zurück auf dem Gelände angekommen und wurden auch schon von einem etwas gestressten Teodor und einem breit grinsenden Bartholomäus erwartet, welcher, sobald ich vom Pferd abgestiegen war, seine Hände nach mir ausstreckte. Ich machte mit Teo einen passenden Tausch, nahm ihm den kleinen Bart ab und gab die Zügel von Nelly an ihn weiter. Normalerweise wäre ich jetzt mit Bart zurück zum Haus gegangen, doch ich entschied mich dafür, das Tragetuch aus dem Kinderwagen zu kramen und mir den kleinen Bart recht geschickt auf den Rücken zu binden. So konnte der kleine alles beobachten und ich hatte die Hände für andere Aufgaben frei. Mittlerweile war es später Nachmittag und unsere Pferde traten mit den Hufen gegen die Boxentüren, denn das Verlangen nach den großen Weiden war in ihnen erweckt worden. Malte und Petyr waren auch noch im Stall, sodass wir uns kurz darauf zu einer kleinen Besprechung trafen, bei welcher wir klärten, wer welche Pferde auf die Weiden bringen würde. Zusammen mit Nico sollte es meine Aufgabe sein, unsere kleineren Pferde und die Fohlen rauszubringen, während Petyr sich der Stutenweide vornehmen würde und Malte und Teodor den Hengsten. Nico und ich trafen die Entscheidung, erst Jeanie und die kleine Jelda, zusammen mit California's Small Caramel Candy und der etwas zickigen Ocarina of Time auf die kleine Stutenweide direkt vor dem Stall zu bringen. Jelda wusste ganz genau wo es hinging und versuchte deswegen mit Umwegen die Umgebung zu erkunden, bevor sie ihrer Mutter dann hinterher galoppiert kam. Als die vier auf der Weide standen, nahmen wir uns die anderen vier Ponys vor. Excelsior, Braum, Braddock 'The Parrot' und Slaughterhorse. Auch diese kamen auf eine nicht allzu weit entfernte Weide, von wo aus Exel und Braum die gemeinsame Freundin Jeanie gut im Blick hatten. Als wir gerade zurück im Stall waren, hatte Malte zwei Pferde von Petyr an der Hand. Es waren zwei Hengste, Jupiter und White Face, welche Petyr beide nur als Freizeitpferde besaß. Ich nickte Malte nur kurz zu, bevor dieser mit den beiden Pferden um die Ecke verschwunden war.
      "Und nun?" fragte ich Nico, welcher auch schon zu überlegen schien.
      "Jetzt wären die ganzen Jungpferde an der Reihe, aber das sind so viele, dass wir das wohl nicht alleine schaffen werden. Vielleicht warten wir noch auf die Anderen und füttern in der Zeit unsere Minis." meinte Nico und deutete auf das andere Ende des Stalls, wo wir zwei größere Boxen für die ganz Kleinen unter uns hergerichtet hatten. Irgendwie hatten sich bei uns so einige Shetlandponys angesammelt, aber auch ein kleiner Falabellahengst von Torun war dabei. Lange Zeit hatten der kleine Hengst namens Treebeard und Abs alleine auf einer Weide gestanden. Dieses Bild von dem großen Wallach und dem kleinen gepunkteten Hengst ging mir einfach nicht aus dem Kopf und immer wenn ich daran dachte, musste ich grinsen. Die Minis waren auch hier natürlich in Stuten und Hengste geteilt. Während auf der einen Seite Batida de Coco, Belle und My Hope Nymeria, stand auf der anderen Seite die kleine Hengstbande, bestehend aus dem kleinen Marshmallow, Vipke van de Zandhoven, Treebeard, Lambardo und Happy teilten sich den Platz auf der anderen Seite. Die Kleinen hatten ganztägig Auslauf und lebten sozusagen in einem Offenstall. Während ich Wasser und Heu bei den Damen kontrollierte, tat Nico das Gleiche bei der männlichen Fraktion. Solche kleinen Pferde waren schon überaus niedlich. Genau richtig kamen wir von den Minis zurück, denn auch die anderen hatten sich mittlerweile eingefunden, sodass wir nun fünf Leute waren, die die Jungpferde auf die gemeinsame Weide bringen konnten. Ich schnappte mir zwei Vollblutfohlen, die hübsche Scion und den abenteuerlustigen Aspantau. Leider würde irgendwann die Zeit kommen, wo wir beide trennen mussten. Aspantau sollte ein Hengst bleiben und auch so Leid es mir tat, durfte Scion ab einem gewissen Punkt nicht mehr mit ihrem Freund zusammenleben. Nico schnappte sich die beiden kleineren Sleipnir und Imagine Dragons, während Malte sich Seattle's Scarlett vornahm und Petyr sich seine Tysbe und Sacarina schnappte. Für Teo blieb deswegen nichts übrig, was er aber nicht allzu tragisch fand. Fast hatte ich den kleinen Bart auf meinem Rücken vergessen, welcher das Geschehen mit großen Augen beobachtet hatte und sich nun durch lautes Geräusche machen wieder bemerkbar machte. Ihm schien der Trubel und die Arbeit nichts auszumachen, stellte ich erleichtert fest. Die Jungpferde kamen auf eine der Weiden, welche umringt von Bäumen etwas geschützter auf der anderen Straßenseite lag. Dort entließen wir diese, bevor wir zurück zum Stall schlenderten. Stallarbeit war dann morgen früh angesagt, bevor die Pferde über die Mittagszeit wieder zurück in den Stall kamen.
      "Hast du Lust auf einen Spaziergang?" fragte mich Nico. Er nahm meine Hand und zog mich, ohne auf meine Antwort zu warten, am Stallgebäude vorbei zum Ufer des Tyrifjords. Asuka schloss sich uns an, anscheinend hatte er das Wort "Spaziergang" vernommen und das war eines seiner Lieblingswörter.
      Bart war mittlerweile auf meinem Rücken eingenickt und sein gleichmäßiger Atem pustete mir in den Nacken. Ich ließ meinen Blick über den Tyrifjord hinaus schweifen. Schwach konnte man die andere Uferseite erkennen und fast fühlte es sich so an, als ständen wir am Meer. Eine einsame Möwe kreiste über uns, zu hoch, um sie genau erkennen zu können und ein kleines Fischerboot ratterte wellenschlagend auf dem oberen Ende des Tyrifjords. Asuka patschte schwanzwedelnd durchs Wasser und Nico, Bart und ich schlenderten über den sandigen Boden. So gut es mir in Südfrankreich gefallen hatte, hier hatte ich mein Zuhause gefunden und ich hoffte, dass es Mio in Nevada genauso gehen würde.
    • adoptedfox
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      Mio » Buskerud, Norwegen - 06:56
      "Du siehst aus wie Frankenstein höchstpersönlich!" Verschlafen und mit geschwollenen Augen wurde ich am frühen Morgen von Petyr begrüßt, welcher natürlich putzmunter und fröhlich bereits mit der Stallarbeit begonnen hatte. Träge nahm ich mir eine Mistgabel zur Hand und schlurfte dann weiter zu meinem Freund.
      "Ich hoffe, ich bin noch nicht grün im Gesicht." murmelte ich und stieß die Boxentür neben der von Petyr auf. "Solange mir noch keine Schraube aus dem Kopf schaut und mich die Pferde noch erkennen, ist alles gut."
      Petyr lehnte sich lachend auf seinen Stil der Mistgabel und blickte durch die Gitterstäbe der Box zu mir herüber. "Wenn du schon nicht geschlafen hast, dann musst du mir jedenfalls erzählen, WARUM du nicht geschlafen hast." meinte er und grinste. Wahrscheinlich vermutete er eine geheime Liebesaffäre oder was weiß ich. Leider musste ich ihn jedoch enttäuschen.
      "Geschlafen habe ich, aber anscheinend nicht genug." Abwartend blickte Petyr mich an und ich seufzte. Eigentlich hatte ich noch keine Kraft und Lust jetzt so viel zu erzählen, aber ich kannte meinen Freund, so schnell würde er nicht locker lassen.
      "Julie ist gestern wieder zufrieden in Amsterdam gelandet. Nach einem Jahr ohne feste WLAN-Verbindung haben wir natürlich die Chance ergriffen und geskypet und das, wie du ja bereits mitbekommen hast, bis tief in die Nacht hinein." Ich gähnte.
      "Uuund? Was hat sie erzählt?" harkte Petyr nach.
      "Jaja, kein Stress!" sagte ich leicht genervt, während ich die Arbeit in der Box aufnahm. Dabei musste ich meine Stimme allerdings erhöhen, damit mich Petyr weiterhin verstand. "Sie meinte, sie wäre dunkler als die verbrannten Plätzchen, die ihr Tante Annika zur Begrüßung gebacken hatte und auch wenn das Bild sehr unscharf war, kann ich das nur bezeugen. Leider passt dieser Hautton so gar nicht zu ihren roten Haaren."
      Ich legte die Mistgabel in die Schubkarre und wechselte die Box. Petyr tat es mir gleich und sobald wir wieder in einer Box standen und Mist schaufelten, erzählte ich weiter.
      "Ansonsten schwärmte sie vor allem von Indien, da war sie den letzten Monat, und von der Reise mit dieser Eisenbahn da, die durch ganz Sibirien rollt. Der Name ist mir entfallen, aber auch nicht so wichtig." Ich legte eine kurze Pause ein, in welcher ich kurz verschnaufte und meine Gedanken sammelte. "Sie war überglücklich und hat beständig über beide Ohren gestrahlt. Aber wie wäre es, mein Lieber Petyr, wenn du sie das einfach selbst fragst, wenn sie mich in ein paar Tagen besuchen kommt?"
      Petyrs Kopf erschien vor den Boxengittern. Sein Blick sprach Bände, wie man es so schön sagte. "Sie kommt? Sie hat dich doch schon seit Jahren nicht mehr besucht!" Ich zuckte die Schultern. " Übertreibe nicht, etwas öfter hast du sie schon gesehen, sonst wärst du nicht so vernarrt in sie. Sie will ja sowieso weiter zu unserem Vater nach Östersund, da ist der kleine Umweg hier her ja kein Problem. So und nun lass uns diese Schubkarre zum Mist bringen, so langsam ist sie übervoll!"
      Petyr nickte, schien jedoch ganz woanders in Gedanken zu sein. "Du, Malte, ist sie wirklich noch so eine Schönheit, wie sie es früher schon immer gewesen war, ich meine so mit langen gelockten Haare und strahlenden grünen Augen – ?" verträumt blickte er in den Himmel und ich seufzte theatralisch. "Ich möchte mit dir jetzt NICHT über meine Schwester sprechen, da gibt es jetzt wichtigere Themen. Du weißt was heute für ein Tag ist?" Mit einem kräftigen Stoß stieß ich die Schubkarre den Misthaufen hinauf und entleerte sie, bevor ich sie Petyr wieder in die Hand drückte, er konnte sie schön zurückfahren! Geistesabwesend nahm er sie einfach an.
      "Äh vielleicht dein Geburtstag? Aber der war doch im Winter oder?"
      Ich schüttelte den Kopf. Was für ein toller Freund, der noch nicht mal meinen Geburtstag wusste. "Neeeein, es ist nicht mein Geburtstag!"
      "Tut mir leid, dann weiß ich es nicht Malte." meinte Petyr und zuckte entschuldigend mit den Schultern. Schon wieder seufzte. Heute war wohl so ein Seufztag und das, obwohl ich eigentlich über beide Ohren strahlen sollte. "An was erinnern dich die Worte Kalifornien, pelzig, warm und Isländer?" Petyr schien einen Moment überlegen zu müssen, bevor es ihm eeendlich einfiel. "Deine beiden Pferde kommen heute an?" Ganz entgeistert blickte er mich an "Warum hast du das denn nicht schon früher gesagt!"
      "Da war ich noch zu müde und dann wolltest du ja, dass ich dir alles von Julie erzähle und deswegen bin ich erst jetzt dazu gekommen."
      Freudig wie ein kleines Kind hüpfte Petyr zurück zum Stall und rief mir über die Schulter entgegen: "Na worauf wartest du denn noch? Wir haben noch viel zu tun!"
      Tatsächlich hatten wir viel zu tun. Boxen fertig machen, alle Pferde von den Weiden holen, jeden mit seiner eigenen speziellen Futtermischung füttern und dann ein paar der Pferde noch ihre Medikamente geben. Petyr untersuchte die kleinsten Fohlen Mios Jelda und Aspantau nach Verletzungen, während ich Teufelstanz ihre Medikamente gegen die vielen Beschwerden gab. Sie hatte sich gut geschlagen, die Vollblutstute, aber Nico wollte ihr noch mehr Ruhe gönnen, bevor wir versuchen wollten, sie wieder zu reiten. Nach einer gescheiterten Renn- und Zuchtlaufbahn war sie mit einigen Verletzungen und Krankheiten und einem kleinen ungewollten Fohlen zu uns gekommen und ich war schon stolz darauf, was wir zusammen geschafft hatten.
      "MALTE!" laut schallte Petyrs Stimme durch den Stall. "Komm mal her und hilf mir! Diese verfluchte Jeanie will einfach nicht ihre Schnauze von mir lassen."
      Vorsichtig schloss ich die Box von Teufel, streichelte ihr noch einmal kurz übers Maul und folgte dann Petyrs Hilferuf. Dieser hatte meine Hilfe auch dringend nötig; Er lag fast in der Box, um die zierlichen Hufe der kleinen Jeanie untersuchen zu können und Jeanie hatte nichts anderes zu tun, als immer wieder zu versuchen seine Haare aufzufressen, diese waren ja auch genau auf der richtigen Höhe für so etwas.
      "Himmelherrgottnochmal!" schimpfte Petyr, während er versuchte Jeanie mit einer Hand fernzuhalten und mit der anderen einen Huf von Jelda zu heben. Zum Glück war die kleine Stute noch entspannter als ihre Mutter!
      "Ach Petyr", ich seufzte (schon wieder!), "Lass mal den Chef hier ran." Vom Hacken nahm ich Jeanies Halfter, band sie damit an den Gitterstäben fest und kniete mich neben Petyr ins Stroh. "So und jetzt erzähle mir, was daran so schwer war." Petyr boxte mir nur kurz in den Oberarm und schob mich dann aus der Box. "Mach, dass du wegkommst du Blödi!" schimpfte er und als Gegenschlag streckte ich ihm die Zunge raus. Ja so war er, unser Petyr.
      Obwohl ich es nicht vermutet hätte, war Petyr am Nachmittag aufgeregter als ich und das, obwohl die beiden jungen Isländer seit langem meine ersten Pferde waren, die ich mir kaufte. Petyr war es auch, der alle fünf Minuten aus dem Stall blickte und nach einem Transporter schaute, welcher die beiden zu uns bringen sollte. Es war ein angenehmer Mittwochnachmittag. Die Sonne schaute immer wieder hinter den Wolken hervor und kein Lüftchen wehte, sodass man die 17 Grad doch ganz gut vertragen konnte. Ein perfekter Tag, welcher zwar nicht ganz so gut begonnen hatte, aber das taten die guten Tage doch sonst auch. Die schlechten begannen gut und endeten schlecht, die guten fingen schlecht an und wurden erst später richtig gut. So war es jedenfalls immer bei mir. Ich hatte mich gerade zu einer kleinen Pause auf die Bank vor dem Stall niedergelassen und ein gutes Buch, ein Krimi (Tote, Fingerabdrücke, Blut und so ein spannendes Zeug) in die Hand genommen, als Petyr ganz aufgeregt neben mir auftauchte und meinte: "Da da, so schau doch, sie kommen!"
      "Petyr, du klingst wie eine Prinzessin, die ihren langersehnten Prinzen endlich wiedersehen kann. Ehrlich, du hättest auch Schauspieler werden können." meinte ich und stand mühsam auf. Meine armen Knochen!
      "Und du hast zwei Pferde gekauft und bis lustloser als je zuvor! Das ist auch nicht besser." verteidigte sich Petyr und verschränkte die Arme vor der Brust.
      "Glaube mir, ich freue mich auch, sehr sogar, ich weiß nur noch nicht, ob es wirklich der richtige Weg war. Ich bin immer noch viel unterwegs, auch wenn Evangeline und du mir mittlerweile viel Arbeit abnehmt-" Ich brach ab und blickte dem Transporter entgegen, der die buckelige Straße entlang holperte. Da hinten drinnen, da waren sie. Zwei junge Isländer, der eine erst knapp ein Jahr, der andere perfekte 6 Jahre. Ich wusste immer noch nicht, ob es richtig gewesen war, aber jetzt war es zu spät, sie waren angekommen und ich hoffte, dass die Tyrifjord Ranch für immer ihr zu Hause sein würde. Der Pferdetransporter war Silber und bot Platz für mehrere Pferde, in dem Moment sollten sich darin allerdings nur zwei befinden, zwei, die mein Leben nochmal in eine ganz andere Richtung lenken würden. Das wusste ich jetzt schon. Sie hatten eine weite Reise hinter sich; Erst von Kalifornien mit dem Flugzeug nach Vikersund zum Flughafen und dann von dort mit dem Transporter bis hier her. Sie taten mir verdammt Leid. Der Fahrer schaltete den Motor auf dem Parkplatz vor dem Stall aus, stieß dann seine Tür auf und kletterte heraus. Zu meinem Erstaunen war es kein älterer Mann, welcher sein Leben lang bereits Pferde von einem Ort zum anderen kutschierte, sondern eine junge Frau, vielleicht Ende dreißig, welche ihre langen braunen Haare zu einem Zopf geflochten hatte und nun elegant aus dem Transporter sprang. Sie lächelte uns beide freundlich an und winkte uns dann wie ein kleines Mädchen zu, bevor sie über den Parkplatz rief: "Ist einer von euch beiden Malte?"
      Ich schüttelte meine kurze Ungläubigkeit von mir ab und hob dann die Hand. "Ja ich, warten sie, ich komme."
      Petyr neben mir grinste und blickte mich von der Seite an. "Das ist aber eine Hübsche, pass auf, dass dir deine Augen nicht aus dem Kopf fallen, lieber Malte." Ich sagte nichts, hoffte allerdings das ich nicht allzu rot im Gesicht wurde. Als ich bei der jungen Frau angekommen war, hatte sie bereits die automatische Rampe an der Seite des Transporters heruntergelassen und war zu den beiden Pferden in den Anhänger geklettert. Ich folgte ihr und warf einen allerersten Blick auf meine Pferde. Meine Pferde, wie sich das anhörte, es löste ein ganz neues Gefühl in meinem Magen aus, welches ich schon lange nicht mehr gespürt hatte. Beide waren erschöpft und verschwitzt, waren jedoch genau das, was ich mir schon immer gewünscht hatte: Einfach nur perfekt.
      Ich starrte die beiden noch vollkommen überfordert an, als mir die Frau neben mir die Hand reichte. "Hey, ich bin Halla!"
      Ich wandte meinen Blick von den Pferden ab und ergriff ihre Hand. "Malte."
      Sie lachte und dabei leuchteten ihre Augen noch mehr und an ihren Mundwinkeln erschienen kleine Grübchen. "Ich weiß doch." Ich musste auch lachen. Oh man war ich manchmal peinlich, da machte ich ja sogar Petyr den ersten Platz der Peinlichkeitsrangliste streitig.
      Als ich darauf nichts sagte, meinte Halla etwas eingeschüchtert: "Vielleicht sollten wir die Pferde hier heraus holen, sie waren jetzt lang genug hier drinnen." Ich nickte zustimmend und ging zu dem größeren der Beiden hin.
      Óslogis Fellfarbe war etwas ganz besonderes und ich musste ehrlich zugeben, dass ich so ein Pferd schon lange nicht mehr gesehen hatte. Und ich, ich der einfache Pferdetrainer Malte, ich besaß jetzt diesen schmucken Hengst. Ich band Óslogi los und führte ihn die Rampe hinunter. Hinter mir kam Halla mit dem kleinen Félagi. Beide Pferde standen wohl noch zur Hälfte unter den Narkosemitteln für den Flug, denn beide Isländer stolperten über jeden größeren Stein und schafften es nicht, ihre Hufe höher als Handhoch zu heben. Ich lächelte durchweg, als ich Óslogi in den Stall führte. Die Boxen der Beiden lagen ganz am Anfang und waren natürlich nebeneinander. Ich zeigte Halla, welche sich staunend in dem großzügigen Stall umschaute, Félagis Box, während ich Óslogi in seine brachte. Petyr stand natürlich nur daneben und schaute uns zu, wie wir die Pferde von Transportgamaschen und Decken befreiten. Heu, frisches Wasser und Kraftfutter zur Erholung hatten wir beide natürlich schon vorbereitet, sodass es den Beiden erstmal an nichts mangelte. Halla und ich ließen die Pferde auch so schnell wie möglich in Ruhe und gaben ihnen genügend Zeit anzukommen. "Lust auf einen Kaffee?" fragte ich Halla und ignorierte dabei Petyrs breites Grinsen. Heute konnte ich ihn mal wieder überhaupt nicht ausstehen.
      "Klaro, Kaffee ist immer gut!" meinte sie lächelnd und schon wieder lächelte ich zurück.
      "Machst du uns einen?" Ich schaute Petyr bittend an, welcher laut seufzte und dann in Richtung "Reiterstube" verschwand, welche bei uns lediglich aus einem Abstellraum mit Kaffeemaschine bestand.
      Halla holte aus dem Transporter die Papiere und setzte sich dann neben mich auf die Bank vor dem Stall. Sie schien jedoch Zeit zu haben, denn sie ließ die Mappe noch geschlossen und genoss mit geschlossenen Augen die warmen Sonnenstrahlen. Ich tat es ihr gleich, wurde aber kurz darauf von ihr angesprochen. "Sag mal, ist das eigentlich dein Stall?"
      Ich lachte und schüttelte dann den Kopf. "Nein nein, der gehört einem jungen Paar, die sind gerade nur in Sylling Verwandte besuchen, ich wohne hier nur und bin Pferdetrainer und Angestellter. Einen eigenen Stall, und vor allem nicht so einen großen, könnte ich mir niemals leisten." sagte ich und zuckte mit den Schultern. "Dafür braucht man so einiges an Geld."
      Halla neben mir seufzte und nickte dann. "Jaaa," sagte sie gedehnt, "Diese Erfahrung durfte ich auch schon machen."
      In dem Moment kam Petyr mit drei dampfenden Tassen zurück. Unterm Arm hatte er eine Milchpackung und Zucker stecken. Wie ein Butler reichte er uns beide jeweils eine Tasse und fragte dann stumm nach Zucker und Milch. Halla hob dankend die Hand und auch ich verneinte. Petyr wusste ganz genau, dass ich meinen Kaffee immer schwarz trank. Er selbst quetschte sich noch neben Halla auf die Bank und schüttelte sich gefühlt die halbe Milch- und Zuckerpackung in die Tasse. Dann nahm er mit gespitzten Lippen einen Zug des heißen Gebräus. "Sag mal, Halla richtig? Wie kommt eine junge Frau wie du eigentlich auf die Idee, Fahrerin für ein Transportunternehmen zu werden?"
      Halla schien mit der Frage gerechnet zu haben und ich war mir sicher, dass sie diese nicht zum ersten Mal in ihrem Leben hörte. Deswegen antwortete sie auch dementsprechend resigniert. "Mein Vater leitet unsere Firma. Wir hatten vor einigen Jahren einige Geldprobleme und deswegen bin ich aushilfsweise bei ihm eingestiegen, weggekommen bin ich dort nie und jaaa, auch ich bereue es manchmal - Das musst du mich jetzt nicht noch fragen."
      Ich blickte Petyr böse an. Das hätte er auch etwas besser fragen können, da konnte er sehen, was er angerichtet hatte.
      Ich versuchte das Thema zu wechseln. "Hast du denn eigentliche auch eigene Pferde?"
      Wieder musste Halla eine Antwort geben, die ihr nicht gefiel. "Nein, besser gesagt saß ich noch nie auf einem größeren Pferd als einem Reitpony vom Rummel. Und auch wenn ich Tag für Tag Pferde von einem Ort zum anderen bringe, reiten kann ich nicht." Traurig blickte sie in die Weite und ich sah, wie eine Träne in ihren Augen glitzerte. So hatte ich mich täuschen können. Noch vor wenigen Minuten hatte ich geglaubt, noch nie einen glücklicheren Menschen getroffen zu haben und jetzt saß eine traurige junge Frau mit Tränen in den Augen neben mir. So war die Welt, die Wahrheit blieb einem meistens verborgen.
      Kurz gefasst: Der Tag endete damit, dass ich mit Halla die Nummern ausgetauscht hatte und sie zu uns zum Kaffee eingeladen hatte, mit anschließendem Reiten, verstand sich natürlich von selbst.
      Erst als am späten Nachmittag Petyrs Handy klingelte und Nico am Telefon fragte, ob die Pferde bereits versorgt waren, lösten wir unsere Kaffeerunde auf und jeder ging wieder seines Weges. Auch hatten sich Félagi und Óslogi in der Zeit prächtig erholt und beide blickten nun munter über die Gitterstäbe der Box hinweg. Beide würden die Nacht noch zur Sicherheit in der Box verbringen, morgen Abend würden sie jedoch mit hinaus auf die Weiden dürfen und mit eigenen Augen die prächtigen Weideflächen von Norwegen sehen können. Ich hoffte ja, dass Óslogi sich mit dem junge Leiðtogi anfreunden würde, die beiden Isländer würden sich bestimmt gut verstehen. Auch auf Félagi wartete ein Spielgefährte: Der junge Sleipnir, auch er stammte aus der gleichen Zucht wie Félagi, war nur wenige Monate älter und ich war mir sicher, dass die beiden sich gut verstehen würden. Ich war verliebt und überglücklich und konnte es noch nicht so ganz fassen, dass alles so reibungslos geklappt hatte. Ich hatte lange an mir gezweifelt, auch jetzt natürlich noch, ob es richtig gewesen war. Aber das konnte man vorher nie wissen, das würde die Zeit bringen.
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      Malte » "Ach das wird ein Spaß!" Wie ein Kind klatschte Petyr die Hände zusammen und grinste über beide Ohren. "So etwas wollte ich schon immer mal machen!" Die ganzen letzten Tage hatte ich gefühlt damit verbracht, mit dem Besitzer der Galoppbahn in Sylling zu verhandeln, wann wir für wie lange die Strecke nutzen dürfen. Und heute war es endlich soweit, Nico, Charly, Petyr und ich hatten vier unserer Stuten auserwählt, mit welchen wir ein erstes Galopprenntraining machen wollten. In aller Frühe waren wir nun aufgestanden und hatten all die nötige Ausrüstung und unsere vier Pferde in zwei Anhänger verfrachtet. Petyr fuhr nun mit meinem roten Jeep mit, während Nico und Charly das andere Gefährt bedienten. Nach Sylling war es nicht weit, nichtmal zwanzig Minuten und die ersten Vorstadthäuser tauchten vor uns auf. Die Galoppbahn lag allerdings etwas weiter im Inland, sodass wir irgendwann den Modumveien verließen und auf einer kleinen Huckelstraße nach rechts abbogen. Die Galoppstrecke die einige Meter später vor uns auftauchte, war nicht die modernste, allerdings waren auch wir vier keine ausgebildeten Jockeys, sodass das für unsere Zwecke definitiv reichen würde. Ich parkte meinen Jeep auf dem Parkplatz und Nico tat es mir gleich. Die Pferde waren schnell verladen und auch wenn ich die Aufregung vor allem bei Grenzfee und Teufelstanz merkte, so ging ich trotzdem mit guten Gefühlen an die Sache ran. Außer Fee und Teufel hatten wir noch die ruhige Charelle, sowie eine unserer neuesten Stuten Lady Gweny mitgebracht. Alle vier liefen noch auf E, was uns das gemeinsame Training stark erleichterte. So konnte wir uns zusammen steigern und wenn alles wir geplant klappen würde, dann würden wir von nun an öfter auf die Galoppbahn kommen. Es war schnell geklärt, wer welches Pferd reiten würde. Das war bei uns aber fast immer so.
      Aus Sicherheitsgründen, aber auch weil sie wollte, nahm Charly Nelly, die einzige Tekkenstute in der Runde. Nico würde sich das erste Mal auf Lady setzen, Petyr nahm Teufel und für mich blieb nur noch Fee übrig. Passte also perfekt. Vor allem Teufel und Fee hatten in den letzten Monaten einen großen Schritt nach vorne gemacht. Ich erinnerte mich noch an die Zeit, als ich gerade neu auf dem Hof war, da waren beide fast unberührbar und mittlerweile endlich wieder reitbar. Sie kannten die Galoppbahn, denn beide waren extra dafür gezüchtet und trainiert wurden, doch durch zu schwache Leistungen und mehrere Verletzungen, wurden sie an den Schlachter verkauft. Charly hatte viel Arbeit in beide gesteckt und ihr hatten wir es zu verdanken, dass die beiden nun wieder auf der Rennbahn stehen konnten. Außerdem hatten alle vier nagelneue Ausrüstung und ich war gespannt, wie das Training damit ablaufen würde. Nachdem die Pferde und auch wir fertig ausgerüstet waren, führte wir die Pferde zu einem kleinen Platz, stiegen dort auf und erwährmten die Pferde, bevor es weiter zur Galoppbahn ging.
      Grenzfee war schon immer schwer zu händeln, heute merkte ich jedoch, wie die nahe Galoppbahn sie nervös machte. Selbst im Schritt trippelte sie unruhig hin und her und ich wusste noch nicht, ob das nun ein gutes Zeichen war oder nicht. Auch Petyr kämpfte ganz schön mit Teufelstanz, aber darauf hatten wir uns bereits eingestellt. Unsere Aufgabe war es nun, dass wir die Pferde davon überzeugen konnten, dass eine Galoppbahn nicht immer etwas negatives war, denn genau das hatten sie in ihrer Zeit als Rennpferd gelernt. Für sie bedeutete es Stress und Schmerzen. Ich hoffte nun inständig, dass Petyr und ich die beiden überzeugen konnten, dass das nicht immer der Fall war. Heute stand erst einmal auf dem Plan, dass sich die Pferde an die Startboxen gewöhnen sollten. Wir wagten also einen ersten Versuch die vier in die Startboxen zu reiten. Ich merkte, wie Lady und Nelly noch nicht so ganz verstanden, was sie da drinnen sollten, Fee und Teufel jedoch ohne Probleme und zielsicher die Boxen betraten. Fees Ohren wirbelten nur so von einer Seite zur anderen und als die Klappe aufschwang, wollte sie im Galopp nach vorne stürzen. Im richtigen Moment hielt ich sie jedoch noch zurück, was ihr gar nicht zu gefallen schien. Im langsame Schritt ritt ich sie aus der Box und dann einige Meter gerade aus, bevor ich abwendete und wieder zurückkehrte. Auch Petyr schien alles zu versuchen, die Stute ruhig zu halten, während die sonst ruhige und unerschrockene Nelly die engen Startboxen gar nicht zu mögen schien. Nico und Lady schienen gut zu harmonieren, denn auch wenn Lady stets ängstlich war, schien sie Vertrauen zu Nico gefasst zu haben und folgte jedem seiner Befehle ohne Probleme. Da hatten wir uns ja vier Pferde ausgesucht! Wir beließen es allerdings nicht bei einem Versuch, sondern machten das Ganze nochmal. Je länger wir uns mit den Boxen beschäftigten, desto kreativer wurden wir. Am Ende konnte ich Fee im Galopp in die Box reiten, rückwärts wieder raus und sie auch ohne Reiter hinein schicken. Auch aus der Box heraus liefen alle Pferde in allen Gangarten, sodass wir uns dem nächsten Schritt zuwandten. Immer mit einer Box Abstand stellten wir uns in den Boxen auf und bereiteten unsere Pferde auf den Start vor. Erstmal sollten es nur 800 Meter werden, diese aber so schnell wie nur möglich, logischerweise. Ich merkte, wie Grenzfee unter mir unruhig wurde, als wir auf das Startsignal warteten. Natürlich merkte sie, dass es jetzt wirklich losging, denn die Anspannung lag bei allen in der Luft. Wir waren alle keine ausgebildeten Jockeys, hatten allerdings so viel Ahnung, dass wir unsere Pferde gerecht trainieren konnten. Außerdem wollten wir mit den Vieren ja nicht die Welt erstürmen, sondern nur ab und unsere Energie auf der Galoppbahn rauslassen. Als das Startsignal ertönte, klappten vor uns die Türen auf und dann ging alles viel zu schnell. Ich musste Fee kaum treiben, denn sie verstand von selbst, was zu tun war. Immerhin hatte sie mindestens zwei ihrer Lebensjahre auf der Galoppbahn verbracht und das war schon ganz schön ordentlich. Auch die anderen drei Pferde hatten samt Reiter den Start geschafft und rasten nun über den Rasen. Natürlich lag ich mit meiner Fee vorne, denn diese sprießte nur so vor Motivation und Kraft. Aus dem Augenwinkel erkannte ich Petyr und Teufel knapp hinter mir, aber auch Nelly gewann immer mehr an Schnelligkeit und schloss schon bald zu uns auf. Nico und Lady bleiben stetig hinter uns und egal was Nico tat, Lady wollte einfach nicht überholen. So hatte ich Lady in den letzten Tagen kennengelernt. Stets ordnete sie sich anderen unter, hielt sich von jeglichem Streit und Kampf fern und genügte sich immer mit dem Rest. Na hoffentlich konnten wir ihr das bald abgewöhnen! Jedenfalls auf der Rennbahn war das ein riesen großer Nachteil. Ich war stolz auf Fee und mich, als wir nach 800 Metern ungeschlagen ins Ziel galoppierten. Fee war einfach, trotz ihrer langen kranken Zeit ein wahres Galopppferd. Nelly und Teufel waren beide gleichzeitig im Ziel und nur einige Millisekunden später raste auch Lady über die Linie. Das Training hatten heute alle erfolgreich gemeistert, sodass wir die Pferde noch trocken ritten, dann zurück zu den Autos brachten und zurück zur Ranch fuhren.
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      Charly » „Malte?“ Meine Stimme klang etwas kratzig, als ich nach unserem Mitarbeiter rief, welchen ich gerade zufällig vor seiner Haustür entdeckt hatte. Die Nacht war für mich mehr als kurz gewesen, denn erst in den frühen Morgenstunden hatte Bart Ruhe gefunden und da Nico zur Zeit unterwegs war, hatte ich das diese Nacht alleine schaffen müssen.
      Malte blickte auf, als er meine Stimme vernahm und überquerte dann den Hof, um zu mir zu kommen. Fragend blickte er mich mit seinen kastanienbraunen Augen an und auch wenn ich versuchte mir den Gedanken zu verkneifen, fragte ich mich abermals, warum er, laut seinem Freund Petyr, seit Jahren keine feste Freundin mehr hatte. Diesen Augen konnte sogar ich nicht widerstehen, dabei war ich seit geraumer Zeit glücklich mit Nico zusammen und auch wenn wir beide keine, oder jedenfalls nicht so früh, Kinder haben wollten, hatte unser Bartholomäus unser Leben nochmal ganz schön auf den Kopf gestellt.
      Ich riss mich von seinen Augen los und sammelte meine Gedanken. „Es gibt ein paar wichtige Dinge zu besprechen“, erklärte ich ihm. „Ich würde dich deswegen bitten, und Petyr auch noch zu Bescheid geben, heute Mittag um eins zu kommen. Es wird euch bestimmt interessieren, vor allem dich.“ Ich wartete seine Antwort nicht mehr ab und schloss sachte mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen vor ihm die Tür. Ich kannte ihn mittlerweile recht gut und wusste, dass er kommen würde.
      Teodor und Torun hatte ich gestern bereits Bescheid gegeben und so fehlte jetzt nur noch Nico, welcher jedoch auch bald und hoffentlich pünktlich zurückkommen würde.
      Den restlichen Vormittag blieb mir wohl nichts anderes übrig, als mich mit Bart zu beschäftigen. Auf dem Plan stand also aufräumen und putzen, mit meinem Sohn spielen, dann einen kleinen Spaziergang am Ufer des Tyrifjords und dann Mittagessen kochen. Ich war mehr als erleichtert, als Bart wenig später in seiner Hängematte einschlief und doch tatsächlich nicht mal wach wurde, als ich ihn in den Kinderwagen hiefte und mit ihm das Haus verließ. Die Mittagszeit war meiner Meinung nach die beste Zeit. Jetzt schlief Bart und auch all die anderen Hofbenutzer waren meist in ihren Wohnungen.
      Mit Bart schlug ich den Weg zum Stall ein. Da bei uns die Pferde über Nacht auf den Weiden waren und den Tag in den Boxen dösten, war der Stall mehr als gefüllt. Auch wenn wir bis jetzt noch einige leere Boxen hatten, so war es jetzt schon reichlich Arbeit, all die Pferde zu versorgen.
      Bart ließ ich am Eingang des Stalls stehen. Sollte er aufwachen, würde er sich schon bemerkbar machen.
      Mir fiel auf, dass der junge Óslogi nicht in seiner Box stand und daraus schloss ich, dass Malte, nicht wie erwartet, in seiner Wohnung sein würde, sondern mit seinem Hengst irgendwohin unterwegs war. Das Wetter war dazu ja wirklich perfekt, denn auch wenn die Sonne heute schien, so war es nicht zu warm und ein kleiner Westwind trieb ein kühles Lüftchen vom Atlantik zu uns.
      Meine Schritte lenkten mich weiter zur Box von Braum, allerdings war auch dieser nicht in seiner Box zu finden, weswegen ich, mit meinem überaus klugen Kopf daraus schloss, dass auch Braum mit Óslogi unterwegs war. Entweder als Handpferd, oder auch Petyr hatte sich Malte angeschlossen Das würde ich leider nicht so schnell erfahren, weswegen ich nach einem Plan B suchte.
      Schließlich entschied ich mich dafür, statt Braum mich mit der Jungstute Scion zu beschäftigen. Sie war ein wahres Prachtexemplar und ich war froh, sie vor einiger Zeit aus einer so berühmten Zucht gekauft zu haben. Es zerbrach mir jetzt schon das Herz, dass ich sie bald von ihrem besten Vollblutfreund Aspantau trennen musste. Die beiden waren dickste Freunde, nur leider hatte ich nicht vor, Aspantau zu kastrieren und bevor wir ungewollt Nachwuchs bekamen, mussten wir sie trennen.
      Ich legte der jungen Stute ihr hübsches Halfter um und führte sie dann aus der Box nach draußen ans Tageslicht. Bart schlief natürlich immer noch, nur hatte sich zu ihm noch jemand dazugesellt. Capucine. So sehr ich die alte verfilzte Katze mochte, genauso wenig erfreut war ich, dass sie sich zu Bart in den Kinderwagen gelegt hatte.
      Cap war eine Straßenkatze gewesen, welche wir aus Südfrankreich mit nach Norwegen genommen hatte. Kein Hund, nicht mal die beiden Wolfshunde Gery und Edda konnten ihr Angst einjagen. Sie wusste genau was sie wollte und ließ sich davon dann auch nicht abbringen.
      Ich seufzte tief, klemmte mir dann trotzdem den Führstrick von Scion unter den Arm und hob die dicke Katze aus dem wagen. Hübsch war sie ja, so caramellfarben mit dunkleren Flecken, aber wenn sie einem ihre Krallen zeigte, gab es nichts mehr zu lachen.
      Diesmal fauchte sie jedoch nur kurz, bevor sie mir vom Arm sprang und mit erhobenem Schwanz majestätisch im Stall verschwand.
      Auch Scion fand den Kinderwagen einfach nur interessant und streckte ihre helle Schnauze tief ins Innere.
      Ich musste lächeln, schob jedoch ihren Kopf zurück, bevor ich sie am Kinderwagen anband und mit beiden den Hof verließ.
      Scion liebte Spaziergänge. Jeder Stein, jeder Busch und jede Rose am Wegesrand musste unbedingt von ihr beschnüffelt werden und dafür nahm sie sich auch genügend Zeit.
      Auch ich genoss es, einfach nur dahin zuschlendern, Scion zu beobachten und meinen Gedanken nachzuhängen. Allerdings konnte das natürlich nicht immer so weiter gehen. Kaum war Bart aus seinem tiefen Mittagsschlaf aufgewacht, wurde auch Scion unruhiger. Bart bewegte sich immer wieder, wollte auch etwas sehen und gab lautstark Geräusche von sich, sodass ich unseren gemeinsamen Spaziergang bald abbrach und zurück zum Stall ging.
      Viel Zeit hätte ich sowieso nicht mehr gehabt. Es war kurz vor eins und ich wollte die anderen nicht warten lassen. Auch Braum und Óslogi waren mittlerweile wieder in ihren Boxen, sodass also auch Malte wieder da sein sollte.
      Ich brachte Scion in ihre Box und ging dann den kleinen Uferweg am Tyrifjord zurück zu unserem kleinen Hof.
      Bereits aus der Ferne erkannte ich Nicos schwarzes Auto und auch wenn ich es nur ungerne zugab, so freute ich mich doch, ihn nach nur drei Tagen endlich wiederzusehen. Mal wieder war er mit Asuka und seinem auf einem Lehrgang gewesen und so sehr wie ich ihm das gönnte, genauso öde und anstrengend waren die Tage ohne ihn. Wäre Mio nur noch da, dann wäre das kein Thema gewesen, aber jetzt-.
      Erstaunt stellte ich fest, dass ich wohl die Letzt war, die ankam. Die anderen hatten bereits ein paar Stühle zusammengesucht und bei uns im Garten einen kleinen gemütlichen Kaffeetisch gedeckt.
      Es war mir peinlich, dass ich sie alle einlud und dann noch nicht mal pünktlich war. Allerdings schien das niemanden zu stören. Von allen wurde ich freundlich begrüßt und natürlich auch Bart, welcher gleich nach unserer Ankunft aus dem Wagen gehoben und von allen beknuddelt wurde.
      Laut bellend stürzte sich mein kleiner Schützling Asuka auf mich und es freute mich zu sehen, wie sehr der kleine Whippet mich vermisst hatte. Bevor ich ihn allerdings begrüßte, nahm mich Nico in den Arm und drückte mir sanft einen Kuss auf die Lippen. Auch wenn er manchmal, nein, sehr oft ein großes Ar***loch war, hatte ich ihn mehr als lieb.
      Ich ließ mich neben Teo am Tisch nieder und neben mich setzte sich Nico. Wir waren nun also alle vollzählig. Torun, Petyr und Malte saßen auf der anderen Seite des runden Tischs.
      Während Malte sich entspannt zurück gelehnt hatte und alles mit ausdruckslosem Gesicht beobachtete, hatte Petyr wie immer ein freches Grinsen auf dem Gesicht und schaute mich erwartungsvoll an. Die blinde Torun schien etwas nervös und kaute unablässig auf ihrer Lippe herum, während ihr Vater Teodor sich mit dem kleinen Bart beschäftigte, welcher dem alten Mann im Bart herum spielte. Bei dem Gedanken musste ich mir ein Grinsen verkneifen, denn mein Bart spielte im Bart, eine witzige Vorstellung.
      Jetzt, wo es soweit war, fand ich nicht die Worte, welche ich mir den ganzen Vormittag bereitgelegt hatte und das ärgerte mich extrem. Ich war früher immer sehr wortgewandt gewesen, seitdem das allerdings mit Shadow und Mio gewesen war und all die Verantwortung nun auf meinen Schultern lag, war dieses Talent erheblich geschrumpft.
      »Okay, danke erst mal, dass ihr alle gekommen seid.« fing ich ahnungslos an, ohne zu wissen, was ich als nächstes sagen sollte. »Nico und ich haben in letzter Zeit uns oft darüber Gedanken gemacht, was wir verbessern können und uns fiel auf, dass wir zwar mit unseren Pferden viele erfolgreiche Turniere gehen, aber trotzdem kein Ziel vor Augen haben. Deswegen haben wir uns dazu entschieden, nun auch ganz aktiv in die Zucht einzusteigen.« Ich beobachtete die Reaktionen am Tisch genau. Petyr schien sich zu freuen, denn seine Grübchen wurden noch tiefer und seine Augen noch strahlender als sonst. Malte zog nur eine Augenbraue in die Höhe und Torun hörte auf, auf ihrer Lippe zu kauen. Teo zeigte mit keinem Finger, dass er uns verstanden hatte, sondern beschäftigte sich immer noch mit Bart.
      »Wir haben viel überlegt, viel geplant und trotzdem wurde uns die Entscheidung von jemandem erleichtert. Nico und ich waren letztes Wochenende auf einem Gestüt, wo einige Pferde zum Verkauf standen. Besser gesagt, einige Achal Tekkiner und zwei davon stammen auch noch aus der berühmten Reuthlinie. Die Besitzerin überlegte nicht lange und verschenkte« dieses Wort betonte ich extra stark, »verschenkte drei Stuten und einen Hengst an uns.«
      Hier blickte ich kurz zu Nico, welcher mir zunickte und sich so bereiterklärte, weiterzuerzählen. »Ihr wisst alle, dass Nelly und April unserem alten Freund viel bedeuteten und nun werden wir genau das tun, wovon er immer geträumt hatte. Eine kleine Zucht mit diesen überaus majestätischen und eleganten Geschöpfen. Zwei der Stuten sind bereits erfolgreich geritten wurden, die eine ist fast vier und wird nun so langsam eingeritten. Ich weiß, wenn ich euch jetzt erzähle, dass der Hengst das Spiegelbild von meinem Marid ist, werdet ihr uns für verrückt halten, aber ich bin mir sicher, dass es nicht lange dauern wird, bis auch er vernünftig wird. Ich kenne mich ja so langsam mit solche Pferden aus.« Ein breites angeberisches Grinsen tauchte auf seinen Lippen auf. Gerade hatte ich noch gedacht, dass er es jedenfalls einmal schaffen würde, nicht der große Angeber zu sein, sondern ein ganz normaler Junge. Da hatte ich wohl umsonst gehofft.
      »Schön und gut«, hängte sich nun Malte ins Gespräch, »Aber mit den neuen Pferden haben wir fünf Stuten und einen Hengst, das Verhältnis ist etwas unausgeglichen.«
      »Sechs Stuten, um genau zu ein.« antwortete ich ihm. »Ich habe bereits seit längerem eine weitere Stute im Blickfang und der Verkäufer hat sich gestern nun endlich zurückgemeldet und dem Kauf zugesagt.«
      Zweifelnd blickte Malte mich an. Ich hatte zwar gewusst, dass er etwas kritisch an die ganze Sache heran gehen würde, aber so schwer musste er es mir nun wirklich nicht machen. »Keine Angst Malte. Cascar, die Vorbesitzerin der Tekken, hat drei weitere Hengste bei sich stehen. Diese will sie behalten, möchte mir diese allerdings zur Verfügung stellen, sodass wir erst mal genügend Hengste haben und trotzdem keine weitere Arbeit. Zufrieden?«
      Er nickte leicht mit dem Kopf und ich atmete erleichtert aus. Ich wollte gerade weitererzählen, als ich sah, wie Torun leicht ihren Mund öffnete und so wartete ich ab, bis das zierliche Mädchen auch gesprochen hatte.
      Mit sanfter und verträumter Stimme, welche ich schon immer so toll fand, fragte sie: »Wann kommen diese neuen Pferde denn an?«
      »Aller Wahrscheinlichkeit bereits morgen, wenn nichts dazwischen kommt und sie alle Kontrollen gut überstehen. Cascar wollte sie so schnell wie möglich zu uns bringen, denn ihr fehlt gerade einfach die Zeit, sich um die Tiere zu kümmern.« Antwortete ich ihr.
      »Da werden wir aber einige Decken für den Winter brauchen, wenn wir uns im hohen Norden Vollblüter aus dem tiefen Süden anschaffen«, meinte Petyr und grinste frech in die Runde.
      »Darüber haben wir uns auch schon Gedanken gemacht,« ging Nico auf Petyrs Kommentar ein und auch auf seinen Lippen breitete sich ein Grinsen aus. »Wir werden einen Waschdienst brauchen und dieser hat dann eine Woche die Aufgabe, die Decken zu waschen und aufzuhängen und da haben wir gleich an dich gedacht, lieber Petyr, weil wir wussten, dass du dich darüber freuen wirst.«
      Bevor Petyr zurückschießen konnte, ging ich diplomatisch dazwischen und erzählte weiter. Immerhin wollte ich heute noch so einiges schaffen.
      »Klar wird es mit ihnen anstrengender als mit felligen Pony, aber nichtsdestotrotz werden wir auch dies gemeinsam schaffen.
      Wie ihr wisst, haben wir in letzter Zeit einige Pferde verkauft und so sehr es mich schmerzt, werden auch Leiðtogi und Ocarina uns bald wieder verlassen. Linn hat sich dazu entschlossen, Togi in ihre Zucht aufzunehmen, jetzt wo er kurz vor seiner Kür steht. Oca wird zurück zu Verena auf die Gips Reminder Ranch gehen und sich dort hoffentlich wohler fühlen als hier in Norwegen. Im Gegenzug haben wir ja vor einigen Tagen Bijou und Modjo bekommen. Ich finde, dass in beiden ein großes Talent schlummert und vielleicht werden wir sie ja irgendwann kören lassen können.
      Außerdem wollen wir unsere EV-Zucht wiederbeleben und da wir nun mit Lady Gweny auch hier Stuten im Übermaß haben, habe ich einen perfekten Hengst gefunden, welcher auch in einigen Tagen bei uns eintreffen wird. Bitte habt Verständnis mit ihm und stempelt ihn nicht gleich als böse ab, ja?« Bittend schaute ich in die Runde und außer Nico machten alle ein verwirrtes Gesicht. »Glaubt mir, das werdet ihr schon früh genug erfahren!«
      Genau als ich meinen Satz beendet hatte, kam Bart auf Teos Schoß ein freudiger Schrei aus dem Mund und die ganze Aufmerksamkeit am Tisch richtete sich auf ihn. Darauf schien er nur gewartet zu haben, denn als ihn alle anblickten, grinste er breit und fing an zu lachen.
      In die dadurch entstandene Pause fragte Malte: »Wie wird denn der Hengst heißen?«
      »Cotsworlds Eik«, sagte Nico stolz. Auch er hatte den Hengst von Anfang an toll gefunden und sich genauso gefreut wie ich, dass das mit dem Kauf so gut geklappt hatte.
      »Das klingt irgendwie nach Kotze.« lachte Petyr und konnte kaum noch aufhören. Ich verdrehte nur die Augen. Dieser Kerl! Jedenfalls hatte noch einer etwas Humor.
      Bevor ich weitererzählen konnte, ergriff abermals Nico das Wort. »Und um unseren Plan einer Vollblutzucht noch komplett zu machen, habe ich eine perfekte Stute für meinen Marid gefunden. Und ob ihr es glaubt oder nicht, sie ist bereits gekrönt und dazu noch überaus hübsch.« Stolz blickte Nico in die Runde und ich freute mich, dass er endlich ein weiteres Pferd gefunden hatte, welches ihm etwas bedeutete. Niemand in der Runde schien etwas dagegen zu haben und diesmal war die Atmosphäre um einiges positiver. Eine Stute für Marid, dass war perfekt und das schienen auch alle zu finden.
      »Charly was hast du eigentlich für deinen Geburtstag geplant?« Teo hatte sich einen Moment von Bart losgerissen und blickte mich nun fragend an.
      »Woher weißt du von meinem Geburtstag?« Erstaunt blickte ich Teo an. Mein Geburtstag war nichts besonderes und ich hatte nicht geplant mit allen eine große Feier zu veranstalten.
      »Na steht doch ganz groß am Stallkalender«, brummte Teo und ich sah wie er die Augen verdrehte.
      Ungläubig drehte ich mich zu Nico um und blicke ihn dann wütend an. Dieser zuckte allerdings nur mit den Schultern und schien sich keiner Schuld bewusst zu sein. Na super!
      »Geplant ist nichts, ist sowieso mitten in der Woche, da hat sowieso niemand Zeit.« Bevor das Thema weiter vertieft werden konnte, erzählte ich einfach weiter. »Das nächste wird eich bestimmt sehr interessieren! Da wir nun einige Pferde auf dem Gestüt haben, brauchen wir dringend Hilfe! Ich habe mich also im Internet nach jemandem umgeschaut, der einen Job braucht und tatsächlich! Ich habe den perfekten Mann gefunden. Er kommt ursprünglich aus Namibia und hat bereits sein ganzes Leben mit Pferden zu tun. Er ist vom Beruf her eigentlich Reitlehrer und hat nicht nur von Westernpferden, sondern auch von Vollblütern und Galopprennen jede Menge Ahnung. Er wird erst mal bei uns im Gästezimmer wohnen und sobald dann der Schuppen fertig ausgebaut ist, wird er dort einen Teil bewohnen. Ihr anderen werdet also nicht wirklich davon beeinflusst, außer, dass es endlich zwei weitere helfende Hände im Stall gibt!«
      Alle nickten zustimmend und vor allem Malte, welcher in letzter Zeit sehr viel unterwegs gewesen war und deswegen reichlich gestresst erschien, schien erleichtert.
      »Der letzte Punkt ist, dass wir eine weitere Bewohnerin bekommen und das wird vor allem dich, Malte, interessieren.« Diesmal wandte ich mich genau an ihn. »Ich hoffe es ist für dich in Ordnung, dass ich die noch leere Wohnung neben dir an ein junges Mädchen vermietet habe. Sie hat in Sylling eine Arbeitsstelle gefunden und ich habe sie letztens beim Einkaufen ganz zufällig kennengelernt. Sie wird dir gefallen, glaube mir. So ein besonderes Mädchen hast du wahrscheinlich noch nie gesehen.«
      Malte hatte die Augenbrauen hoch gezogen, seine Mundwinkel hatten sich allerdings nicht bewegt. »Das bedeutet, dass ich meine Küche und mein Klo nun teilen muss?«
      Ich nickte leicht mit dem Kopf. »Ich weiß, ich hätte dich vorher fragen müssen, aber so ein Mädchen, das brauchte ich unbedingt bei uns. So fröhlich, so hübsch und so intelligent, glaube mir, dass wird uns allen gut tun!«
      »Wie heißt sie? Wie alt ist sie? Hat sie einen Freund?« mit leuchtenden Augen hatte sich Petyr vorgebeugt und blickte mich nun fasziniert an. Ich musste bei seinem Anblick lachen und freute mich über die Entscheidung, sie nicht zu Petyr auf den Dachboden einquartiert zu haben.
      »Tjarda Winter, 22 Jahre und das andere musst du sie selbst fragen. Sie will sich uns in den nächsten Tagen vorstellen, da könnt ihr sie kennenlernen.«
      Petyr zog eine Schmolllippe und ließ sich mit verschränkten Armen zurück in den Stuhl sinken.
      »Ich hoffe, ihr seid alle jedenfalls einigermaßen mit den Neuigkeiten zufrieden. Ich freue mich darauf, mit euch allen unsere Ziele zu erreichen! Wir schaffen das und ich bin mir sicher, dass das eine tolle Zeit werden wird!« Ich versuchte alle aufzumuntern, während mein Blick auf Bart fiel und sich mein Herz bestimmt um einige Grad erwärmte. Ich liebte diesen Ort, die Menschen und die Tiere und ich hatte es geschafft, die Trauer um Shadows Ableben und Mios Verschwinden zu überwinden. Jetzt hatte ich alles in der Hand und ich freute mich riesig auf all die Dinge, die ich hier noch erleben würde.
      28.544 Zeichen von Canyon
      Mio » Ich konnte meine Tränen nicht mehr zurückhalten, als ich endlich da war. Wochenlang, nein, Monatelang hatte ich die Tränen verdrückt und versucht meine Entscheidung nicht in Frage zu stellen. Doch nun, nun da ich hier war, schienen all meine Vorhaben und Pläne in Luft aufgelöst zu sein. Wie sehr wünschte ich mir doch, dass noch alles so wie früher wäre, dass wir alle noch zusammen lebten, dass Shadow nicht gestorben wäre. Wie sehr wünschte ich mir, alles rückgängig machen zu können und doch merkte ich, dass ich die letzten Monate nicht gerade unglücklich gewesen war. Ich parkte den gemieteten Wagen auf dem Parkplatz vor einem großen Stallgebäude. Natürlich war ich noch nie hier gewesen, aber das Internet und Google Maps hatten mir genügend Informationen ausgespuckt, um den Weg hier her zu finden. Niemandem hatte ich etwas gesagt, nur Addison hatte ich erzählt, dass ich nicht länger ahnungslos in Nevada sitzen konnte. Einmal, einmal musste ich nochmal meine Freunde sehen, das Baby und natürlich all die Pferde die ich zurückgelassen hatte. Mir schossen die Tränen schon wieder in die Augen, welche ich mit letzter Kraft gerade erst verbannt hatte, als ich die Wagentür öffnete und ohne diese wieder zu schließen, in Richtung Stall stolperte. Es war bereits pure Nacht, die genaue Uhrzeit wusste ich nicht, und der Mond schien über dem Gestüt. Hinter dem Stall konnte ich einen Blick auf ein großes Gewässer erhaschen, bevor ich das Stalltor leise aber hastig aufschob und in den Stall schlich. Er war unbeschreiblich schön, mit genau der Art von Boxen, welche ich mir schon immer gewünscht hatte. Groß, luftig und mit so wenig Gitter wie möglich, es war einfach perfekt. Lange musste ich nicht suchen, wie eh und je, seit Anbeginn der Zeiten, lag Excelsiors Box ganz am Anfang des Stalls auf der linken Seiten. Er war schon immer der Torwächter gewesen, hatte jeden Freund freundlich begrüßt und jeden unerwünschten Besucher mit bösen Blicken davon abgehalten, näher zu treten. Er döste in seiner Box, während er einen Kopf auf der Tür abgelegt hatte. Mein Exel, mein kleiner, unbeschreiblicher Exel. Wie sehr hatte ich ihn vermisst, wie sehr…
      Das Mondlicht fiel durch die vielen Fenster im Dach und beschien genau die lange Stallgasse, sodass ich genügend Licht hatte, um alles gut erkennen zu können. Ich traute mich nicht näher zu treten, aus Angst, dass genau jener Wallach mich nicht wiedererkenne würde oder mir vielleicht sauer war, dass ich ihn allein gelassen hatte. All das verstand ich, ich konnte es selbst nicht fassen, dass ich es getan hatte und trotzdem hatte ich gedacht, dass es für mich die beste Entscheidung gewesen war und die war es auch. Ich hatte gemerkt, was das Leben in Nevada mit mir gemacht hatte, es hatte mich gemacht. Mich, die endlich ihren Schatten übersprungen hatte und zurückgekehrt war. Zwar nur für einen kurzen Moment, aber ich war wiedergekommen und endlich das abzuschließen, wovor ich vor einem dreiviertel Jahr nicht die Möglichkeit gehabt hatte.
      Ich lehnte mich an das Holztor und nahm meine Hand zum Mund. Bereits als Schülerin hatte ich immer den Tick gehabt, mir mit dem Finger gegen die Lippen tippen zu müssen, wenn ich nicht weiter wusste und leider hatten das die Lehrer sehr schnell herausgfunden und mich dann immer extra dran genommen.
      Als auch meine letzte Träne versiegt war, stieß ich mich vom Tor ab und ging mit leisen und langsamen Schritten auf die Box von Excelsior zu. Ich behielt ihn genau im Blick, als dieser jedoch die Augen öffnete und mich ansah, musste ich seinem Blick weichen und schaute wie ein kleines Kind hinab auf meine Schuhe. Ich stand nun so nah vor ihm, dass wir in Reichweite waren und mit angehaltenem Atem wartete ich auf eine erste Reaktion des Pferdes. Des Pferdes, mit welchem alles begonnen hatte, wegen welchem ich jetzt genau an diesem Fleck stand. Nach einer gefühlten Ewigkeit fühlte ich die feuchte Schnauze in meinen Haaren und atmete erleichtert aus. Und wieder einmal kamen mir heute die Tränen, allerdings waren es Freudenstränen, Tränen, die mir zeigten, dass ich nicht alles falsch gemacht hatte. Natürlich war auch Excelsior irgendwo nur ein Pferd, aber für mich war es DAS Pferd und ging sogar hinaus über Chosposi und das musste erst mal jemand schaffen. Nun völlig übermütig schob ich den Riegel der Boxentür zur Seite und fiel dem grauen Pferd um den Hals. Sein Duft hatte sich nicht verändert und auch wenn sein Haar nochmal etwas länger und sein Fell dichter geworden war, so war es eindeutig noch mein Exel, welchen ich vor so vielen Monaten in Südfrankreich zurückgelassen hatte. Ich hatte es nicht gemerkt, dass ich zu Boden gesunken und auch dort eingeschlafen war. Wahrscheinlich war es die Müdigkeit oder die Erschöpfung, oder eben beides gewesen, aber erst als mich kräftige Arme hoch hoben und aus dem Stall trugen, wachte ich so langsam wieder auf. Es war noch immer tiefste Nacht, auch wenn ich hätte schwören können, dass es bereits morgen sein müsste. Mit einem Erschreckensschrei bemerkte ich, dass ich den Mann nicht kannte, welcher mich in seinen Armen hielt und versuchte mich so schnell wie möglich daraus zu befreien. Der Mann schien nichts dagegen zu haben und setzt mich auf dem Boden ab, wo ich dann einige Meter zurück stolperte. Er sagte nichts und ich konnte seinen genauen Gesichtsausdruck in der Dunkelheit nicht erkennen, auch wenn mir mein Gefühl sagte, dass er nichts Böses wollte. Meinem Gefühl vertraute ich jedoch schon lange nicht mehr. Einige Sekunden schauten wir uns stumm an, bevor ich vorsichtig auf englisch fragte: »Wer bist du? Arbeitest du hier?« Ich wusste nicht genau welche Sprache er sprach, immerhin waren wir hier mitten in Norwegen und ich hatte noch nie ein Wort dieser Sprache gesprochen. Er schien mich auf jeden Fall zu verstehen und das war schon mal ein Anfang.
      »Allerdings«, meinte er mit tiefer und ruhiger Stimme, bevor er sich umdrehte und den schmalen Weg entlang vom Stall wegging. »Wenn du nichts dagegen hast, würde ich gerne alles weitere mit dir im Haus besprechen.«
      Ich wusste nicht was ich tun sollte und hätte ich es gewusst, wäre ich ihm wahrscheinlich gefolgt. Ich war schon immer ein Angsthase gewesen und diese Angst hatte sich noch nicht mal gelegt, als ich alleine nach Amerika ausgewandert war. Jeder vermutete von mir, dass ich eine mutige und starke Persönlichkeit war, dabei war ich einfach nur ich. Ich Mio, die vor jedem Angst hatte, den sie nicht kannte. Super. Ich schaffte es dem jungen Mann hinter her zu stolpern und mir einen Weg über den unebenen Pfad zu suchen. Er musste auch auf dem kleinen Hof wohnen, den auch Charly und Nico bewohnten, denn er steuerte zielgerichtet darauf zu. Still, einsam und unbeleuchtet lag das kleine Gut in der Nacht. Die weitläufigen Weiden waren verlassen und das sanfte Rauschen des Fjords vervollständigte das perfekte Bild eines perfekten Platzes. Ich konnte verstehen, warum sie sich genau hier niedergelassen hatten. Es war perfekter als perfekt, wenn man es eben so mochte. Ich könnte mir nie vorstellen, wieder so zu leben. Nicht jetzt, nachdem ich all das in Nevada erlebt hatte. Hier würde ich verrückt werden, in dieser kleinen, perfekten Welt. Der Mann führte mich zu einem kleinen Nebengelass, bei welchem er die Tür aufschloss und mich hinein winkte. Der leere Flur wurde nur spärlich von einer alten und dazu noch flackernden Lampe an der Decke beleuchtet und war für mich persönlich ein Albtraum. Am Ende des Flur gab es zwei Türe. Links und rechts. Während die Rechte nur so von Spinnenweben verhangen war, schien die linke frisch gestrichen zu sein, was ich allerdings in dem Dämmerlicht nur erahnen konnte. Der Mann stieß die Tür grob auf und ich sah noch, wie er einige Briefe und Papiere vom Sofa wischte und in einem Schubfach verschwinden ließ. Die Wohnung, wenn man sie überhaupt so nennen konnte, bestand nur aus einer Wohnküche und einer kleinen Toilette. Ein größeres Bad konnte ich nirgends finden. Es war nicht dreckig oder muffig, aber unaufgeräumt und etwas chaotisch. Zum Glück brachte der brennende Kamin an einer Seite etwas Wärme in das Durcheinander. Vor dem Kamin auf einem alten Teppich lag ein ebenso alter Hund. Oder sollte ich lieber Wolf sagen? Sein Fell war ursprünglich bestimmt schwarz gewesen, doch jetzt mit dem Alter war es mit jeder Menge weißen Strähnen durchzogen. Er schien dazu auch noch taub zu sein, denn er zuckte nicht mal mit den Ohren, als der Mann die Tür hinter mir wieder schloss und auf das Sofa deutete, welches vor dem Kamin stand.
      Jetzt war ich sowieso einmal hier drinnen gefangen, es war also zu spät, weswegen ich mich nicht lange bitten ließ und mich auf diesem niederließ. Der Mann schien sich noch nicht mit mir unterhalten zu wollen, sondern drehte sich einfach nur zu der kleinen Küchenzeile um und setzte Wasser auf. Ich konnte ihn damit endlich von nahen und im Licht betrachten. Er war nicht allzu groß für einen Mann, vielleicht 1,80m, wenn ich schätzen musste. Seine rotblonden Haare waren an den Seiten abrasiert und die restlichen zu einem Zopf auf seinem Kopf zusammen gebunden. Er sah nicht gefährlich aus, jedenfalls nicht auf den ersten Blick, und auch wenn ich damit keine Ahnung hatte, so würde sich ein Vergewaltiger wahrscheinlich als erstes nicht einen Tee kochen, so wie er es gerade tat.
      »Fenchel?« fragte er mich und ich brauchte etwas länger, um zu verstehen was er meinte. Ich sprach mittlerweile so perfekt Englisch, dass mir manche nicht mehr abkaufen wollten, dass ich ursprünglich Deutsche war und erst seit wenigen Monaten in den USA lebte. Aber dieser Mann hier hatte wahrscheinlich nie so gut Englisch sprechen gelernt, weswegen sein Englisch durch den Akzent schwer verständlich war.Ich nickte nur auf seine Frage und wandte meinen Blick dann von ihm ab. In Gedanken versunken schaute ich ins Feuer. Auch wenn ich durch den Schock beim Erwachen meine Erschöpfung vergessen hatte, so kehrte diese nun langsam zu mir zurück. Die wohlige Wärme des Feuers und das bequeme Sofa luden einfach dazu ein. Meine Augen wollten mir gerade zu fallen, als der Mann zwei dampfende Tassen vor uns auf den kleinen Holztisch abstellte und sich dann selber in einen Sessel auf der anderen Seite des Tischs fallen ließ. Jetzt endlich blickte der Hund am Boden auf und seine großen braunen Augen und schauten fragend zu seinem Herrchen hinauf. Dieser kraulte seinen Hund nur kurz, bevor er ihm das Zeichen gab, dass er sich wieder hinlegen konnte. Um nicht noch länger schweigen zu müssen, übernahm ich die Offensive. »Ich bin Mio und es tut mir Leid, dass ich ohne zu fragen den Stall betreten habe.«
      »Ich weiß wer du bist, es hängt ein Bild von dir bei uns im Stall.« sagte der Mann zu mir. »Ich bin Malte. Ich muss dich nur leider enttäuschen, denn Charly unf Nico sind für mehrere Tage verreist.«
      Endlich wusste ich seinen Namen. Malte, das klang nordisch, was ja nicht weiter verwunderlich war, wenn er in Norwegen wohnt. Ich winkte nur ab, es war mir sogar recht, dass sie nicht da waren. Ich wusste selbst, dass es nicht fair ihnen gegenüber war, aber das Leben war nun mal nicht fair und das hatte ich bereits vor langer Zeit gelernt. Aber der Satz von Malte, dass ein Bild von mir im Stall hing, der schallte noch etwas länger in meinem Kopf nach.
      »Danke«, meinte ich dann nur, als mir auffiel, dass ich Malte noch gar nicht geantwortet hatte.
      Auch Malte schien nicht gerade ein Mann großer Worte zu sein. Ihm schienen die Worte genauso ausgegangen zu sein wie mir und deswegen schob er mir einfach eine der beiden Tassen auf dem Tisch zu und fing dann in Gedanken versunken seinen Hund zu seiner rechten zu streicheln. Mein Blick verfing sich wieder im Feuer. Die Flammen flackerten in allen möglichen Farben und es sah so aus, als würde nicht nur der Kamin brennen, sondern auch der Teppich, der Hund und Malte, welche genau davor saßen. Ich fand es komisch, dass es gerade mal Ende September war und hier bereits geheizt werden musste. In Nevada waren es immer noch jeden Tag etwa 70 Fahrenheit und so würde es auch noch eine ganze Zeit lang bleiben. An die Wärme hatte ich mich mittlerweile gewöhnt, weswegen die Kälte hier für mich noch unerträglicher war als ohnehin schon.Ruckartig setzte sich Malte gerade hin, griff mit seiner Hand in seine Hosentasche und zog seinen Autoschlüssel, nein, es war ja meiner, heraus. Dann reichte er ihn mir über den Tisch sagte: »Hätte ich fast vergessen, den habe ich aus deinem Auto geholt und gleich abgeschlossen, das hattest du anscheinend vergessen.«
      Dankend nickte ich ihm zu und nahm ihm die Autoschlüssel ab. Kurz berührte ich seine Hand und ich war erstaunt, wie weich sie sich anfühlte, denn im schwachen Licht sah sie aus, als wäre sie von der täglichen Arbeit rau geworden. Ich steckte den Autoschlüssel in meine Jackentasche und nahm dann die immer noch dampfende Tasse Tee vom Tisch. Tee, auch so etwas, was ich schon lange nicht mehr getrunken hatte.
      »Wie lange hast du vor zu bleiben?« fragte mich Malte, während er aber den Blickkontakt zu mir vermied. Es löste ein seltsames Gefühl in meinem Magen aus, dass wir hier gemeinsam saßen, uns erst einige Minuten kannte und trotzdem keine Themen zum Reden hatten.
      »Weiß nicht, darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Einen Tag, vielleicht auch zwei?« meinte ich achselzuckend. Dabei sah ich zu, wie Malte beide Augenbrauen nach oben zog.
      »So kurz nur? Charly und Nico kommen erst in zwei Tagen wieder.«
      Ich wusste nicht was er von mir halten sollte, aber ich wollte ehrlich sein. »Ich weiß, dass ich Charly damit mal wieder verletze, aber ich werde vor ihrer Ankunft wieder weg sein. Ich bin schon lange nicht mehr die Freundin, die ich einmal war und ich mache es Charly nur noch schwerer, wenn ich wieder gehe. Ich gehe nun meinen eigenen Weg.«Ich konnte nicht erkennen, welche Emotionen Malte nun durchflossen, überhaupt konnte ich keine Reaktion in seinem Gesicht erkennen. Er zuckte nur mit den Schultern und wandte sich dann wieder seinem Tee zu.
      »Du kannst gerne die beide Nächte bei mir schlafen, es sieht so aus, als bräuchtest du dringend mal wieder etwas Schlaf.«
      »Danke, das nehme ich gerne an.« Meinte ich und lächelte wahrscheinlich das erste Mal an diesem Tag.
      Auch wenn das Sofa nicht gerade das größte und bequemste war, so schlief ich doch gut und auch recht lange. Das war ja auch kein Wunder, immerhin hatte ich den ganzen letzten Tag im Flieger gesessen und war dementsprechend ausgelaugt gewesen. Als ich von den Sonnenstrahlen geweckt wurde, welche durch die kleinen Fenster zu mir herein schienen, blieb ich nicht mehr lange liegen, sondern begann den Tag mit neuer Motivation und Freude. Gestern hatte ich nur Augen für Excelsior gehabt, aber es gab ja auch noch einige andere Pferde, welche ich vermisst hatte. Vor allem Jeanie, Ocarina of Time und Happy, aber auch Grenzfee und Teufelstanz, Charelle und April Rain. Ich war gespannt was auch aus Marid dem Idioten geworden war und ob es ihn überhaupt noch gab. Malte konnte ich nirgends finden, weswegen ich davon ausging, dass er bereits unterwegs war. Ein Blick auf die Uhr bestätigte diese Vermutung, denn es war bereits kurz nach zwölf. Als ich das kleine Haus verließ, brauchte ich einen Moment um mich orientieren zu können. Bei Tag sah das Ganze schon etwas anders aus und ich war erstaunt, welch freundliche Aura das Anwesen hatte. Rechts von mir lag eine purpurrote Scheune mit schwarzem Dach, genau vor mir stand ein prächtiges kleines, weiß gestrichenes Gutshaus und links konnte ich zwei weitere Häuser erkennen. Eines davon sah eher nach einem Schuppen und das andere nach einem Fischerhaus aus, aber wahrscheinlich würde auch Maltes Haus nicht sehr stattlich aussehen. Als ich einige Schritte zurücktrat und mir das kleine Häuschen genauer ansah, sah ich auf den ersten Blick nichts als Efeu. Das ganze Haus war davon überwuchert und ich verliebte mich auf den erstes Blick. Ich seufzte. Ich hätte nicht gedacht, dass es mir hier oben im Norden in der Kälte tatsächlich so gut gefallen würde. Den Weg in den Stall fand ich tatsächlich schneller als gedacht, sodass ich wenige Minuten später am großen Haupttor stand und zum ersten Mal den Stall im Licht der Tagessonne sah. Wie mir auch gestern schon aufgefallen war, war es ein überaus stattlicher und von hellem Licht durchfluteter Stall, welcher mich vor allem mit seinen modernen und offenen Boxen überzeugte. Nun waren die Boxen jedoch leer und nur das aufgeregte Zwitschern der Schwalben im Gebälk gaben Geräusche von sich. Ich hatte meinen Blick nach oben gewandt, sodass ich nicht mitbekam, wie der große pelzige Hund von gestern Abend auf mich zu kam. Dementsprechend erschreckte ich mich, als sich die großen dunklen Augen zu mir hinaufwandten und mich zu durchbohren schienen. Wie hieß er nochmal? Ich und mein Namensgedächntnis! Ich streichelte ihn kurz und begab mich dann auf die Suche nach bestimmten Pferdenamen an den Boxentüren.
      »Excelsior, Jeanie - «, murmelte ich vor mich hin und ging Box für Box ab. Nach Jeanie hielt ich kurz inne, denn der Namen an der Boxentür versetzte mir einen kleinen Stich in der Magengegend. Klar hatte mir Charly von Jelda erzählt, Jeanies erstem Fohlen, aber nie hatte sie auch nur erwähnt, dass ihr ganzer Name ‚Mios Jelda‘ hieß. Ich war zu Tränen gerührt und zum ersten Mal seit vielen Monaten fühlte ich wieder diese innige Freundschaft, welche Charly und ich so viele Jahre lang gehabt hatten. Braum van Ghosts kannte ich tatsächlich noch aus den letzten Wochen meiner Zeit auf Saint Gorge, Hendersin, wie auch Braddock 'The Parrot' waren mir unbekannt.
      »So viele unbekannte Pferde«, murmelte ich, als ich auch an Óslogis, Félagis und Dynurs Box vorbeiging. Isländer, dem Namen nach. Aber warum Isländer? Weder Charly noch Nico hatten sich je für diese Gangpferde interessiert!
      »Oh ha!« Sagte ich überrascht, als ich tatsächlich ein Boxenschild mit dem Namen Marid fand. Den gab es also auch noch. Ich blieb einen Moment davor stehen und versank in Gedanken bei dem Tag, an dem ich Marid das erste Mal gesehen hatte, bevor ich mir noch die anderen Boxen ansah. Da gab es eine Rubina und einen Khadir, sowie eine Zanyah und einen Tiramisu. Auch Bijou, Abs und Milosch kannte ich nicht. Besonders freute ich mich, dass es Charelle und April Rain überlebt hatten, immerhin hatten sie ihm gehört. Vor allem Nelly war sein absolutes ein und alles gewesen. Aber gewesen. Nach den beiden folgte eine Reihe Namen, die ich nie und nimmer aussprechen konnte. Worgait war davon noch der normalste, aber wer ließ sich bitteschön Himmawallajugaga, Sysahlreuth und Devrienterreuth einfallen?! Das waren doch keine Namen! Zwischendurch gab es zum Glück etwas einfaches, Raja zum Beispiel. So viele Namen und zu kaum einem Pferd hatte ich ein Bild im Kopf. Ein Stein fiel mir allerdings vom Herzen, als ich an den letzten Boxen die Namen Grenzfee, Teufelstanz und Aspantau und Seattle‘s Scarlett laß. Auch sie hatten es also bis hier her geschafft! Scion d‘Or und Lady Gweny kannte ich jedoch wieder nicht. Schmunzeln musste ich, als ich ganz am Ende, oder eigentlich auch wieder am Anfang der Stallgasse den Namen Cotsworld Eik las. So interessant er war, vor allem mich als gebürtige Deutsche erinnerte er mich extrem an K*tze. Besser hätte es der Zufall nicht planen können, doch kaum hatte ich meinen Rundgang beendet und war mir bewusst geworden, dass weder Happy, noch Leiðtogi oder Sleipnir, noch Ocarina of Time bei den Namen dabei gewesen waren, als ich Malte den Parkplatz überqueren sah. An seiner rechten Seite lief das hübscheste Pony was ich je gesehen hatte und das sagte ich wahrlich nicht oft. Ein hübscher Perlino Splash mit blauen Augen, dicker Mähne und dichtem Fell. Das pure Traumpferd für mich! Wäre es jedoch ein Mustang und kein Isländer, dann wäre es noch perfekter als perfekt gewesen.
      Malte sagte nichts, bis er direkt neben mir anhielt. »Du musstest anscheinend wirklich viel Schlaf nachholen. Hast du jedenfalls auch gut geschlafen?«
      Ich nickte. »Danke, so gut wie lange nicht mehr.« Bedankte ich mich und lächelte kurz. »Ist das dein Pferd?«
      Stolz blickte Malte auf den Hengst hinunter. »Ja, mein kleiner Prinz. Soll ich dir noch die anderen Pferde zeigen? Ich komme zwar gerade erst von den Weiden, aber wenn du mir nachher bei der Stallarbeit hilfst, sollte das kein Problem sein.«
      Ich nickte. »Gerne doch, es gibt einige Pferde, welche ich gerne mal wieder sehen würde.
      Die Weiden in Südfrankreich waren nichts im Vergleich zu denen hier in Norwegen. Geschützt, windsicher und umringt von Bäumen waren sie das pure Paradies für die Pferde. Ich war wirklich erstaunt, welch gutes Konzept und mit welch guter Planung Charly und Nico den Hof führten und versuchten, es jedem Pferd so recht wie möglich zu machen. Ich lernte all die Vollblüter kennen, vor allem Achal Tekinner, aber auch viele Araber und Englische Vollblüter, dufte die Friesen irgendeines Petyrs bestaunen und mich darüber freuen, dass mein Excelsior haufenweise Freunde um sich gescharrt hatte. Was mich jedoch wirklich entzückte waren die Zackelschafe. Sieben Stück und ein kleines Lämmchen, welche auf einer der Weiden lebten. Auch Malte schien von seinen Schafen begeistert und stellte mir gleich jeden mit Namen vor. Alle besaßen Cocktailnamen, das fand ich extrem witzig. Die große Jungpferdeweide befand sich direkt am Ufer. Der Boden war hier um einiges sandiger und auch der Wind kühler, jedoch hatten die sieben Pferde mehrere Unterstellmöglichkeiten, um sich vor der kühlen Seeluft schützen zu können. Meine Jeanie besuchten wir als letztes. Zusammen mit ihrem Fohlen und einer kleinen Shettystute stand sie so Gestütsnah wie nur möglich, da sie hier am sichersten waren. Einen Moment verweilte ich noch am Zaun und beobachtete die kleine Jelda dabei, wie sie immer wieder versuchte, die beiden anderen Stuten zum Spielen zu ermutigen. Jeanie und Belle schienen jedoch die Lust zum Toben verloren zu haben und drehten sich immer wieder weg. Malte musste meinen Blick gesehen haben, denn ein kleines Lächeln erschien auf seinen Lippen. »Keine Angst, es dauert nicht mehr lange und da kann die kleine Jelda mit zu den anderen Jungpferden. Sie scheint nur etwas früh entwickelt zu sein und es kaum abwarten zu können, endlich von ihrer Mutter loszukommen.«
      Ich grinste zurück und zog Malte dann mit zum Stall. »Los komm schon, die Arbeit wartet!«
      Ich hätte nicht gedacht, dass der Stall so viel Arbeit war. Meine anfängliche Motivation war schnell wieder geschrumpft und auch die norwegische Musik im Radio, welche ich als mega witzig eingestuft hatte, wurde schnell nur noch zu einer Qual. Fast schien es, als hätte ich im letzten ¾ Jahr verlernt, was es bedeutete, so viele Boxen sauber machen zu müssen. Malte schien dies jedoch gar nicht zu stören. Die Arbeit im Stall schien sein Leben zu sein, so als könnte er sich nie etwas anderes vorstellen. Erst nach mehreren Stunden hatten wir die fünfzig Boxen von jeglichem Mist befreit, die Stallgase gekehrt und allen Pferden das Heu für den Abend vorbereitet.
      »Kaffee?« fragte mich Malte, als wir beide unseren Besen an die Wand lehnten. Ich nickte und kletterte erschöpft und sehr ungelenkig auf einen Heuballen in der Stallgasse. Daraufhin verschwand Malte in der kleinen Reiterstube und kurz darauf hörte ich das vertraute Geräusch einer Kaffeemaschine. Ja Kaffee, das war wohl eines der wichtigsten Mittel, welche mich jeden Morgen auf den Beinen hielt, wenn ich in aller Frühe mein Bett verlassen musste. Die Zeit nach dem Kaffee verging um einiges schneller. Nachdem die Arbeit im Stall geschafft war, verlief der Tag viel angenehmer. Ich wich Malte nicht von der Seite, beobachtete ihn dabei, wie er eine junge Ponystute von der Weide holte, diese putzte und sattelte und sie dann zur Reithalle führte. Auch diese lag versteckt mitten im Wald und nur ein kleiner Pfad führte dorthin. Staunend beobachtete ich ihn, wie er die Stute mit viel Geduld und vor allem Gefühl an die Lektionen heranführte und wenn etwas nicht klappte, versuchte er es einfach nochmal. Er schien ein richtiges Talent fürs Trainieren zu haben und irgendwo in meiner Magengegend spürte ich einen kleinen Eifersuchtsknoten, welchen ich jedoch erfolgreich wieder verbannen konnte. Auch der restliche Nachmittag war vor allem pure Entspannung. Pferde und Natur, mehr gab es eigentlich nicht, was mich glücklich stimmen konnte. Zusammen mit Malte und seinem großen Hund, machten wir einen Spaziergang mit einigen der Jungpferden. Während Malte seine beiden Isländer Félagi und Dynur nahm, entschied ich mich für Scion und Aspantau. Vor allem Aspantau hatte sich gigantisch entwickelt und ich freute mich, dass es ihm so gut ging. Fast zwei Stunden waren wir unterwegs und als wir zurück zum Gestüt kamen, dämmerte es bereits leicht. Die Pferde putzten wir noch ab und brachten sie dann zurück auf die Weide.
      »Holst du sie heute nicht über Nacht in den Stall?« fragte ich Malte, als dieser gerade das große Tor des Stalls schloss. Er schüttelte nur den Kopf. »Nein, heute nicht. Die Arbeit erspare ich mir. Morgen Nachmittag kommen alle wieder, dann machen wir das zusammen.«
      Ich fragte mich, ob er mit „wir“ auch mit meinte, denn ich hatte bereits etwas anderes geplant.
      Den Abend verbrachten wir, eingehüllt in warme Decken, unten am Strand. Auf Klappstühlen, mit einer heißen Tasse Tee in der Hand und einer flackernden Kerze zu unseren Füßen blickten wir auf den Tyrifjord, über welchem bereits der helle Mond aufgegangen war und sich nun in dessen Oberfläche spiegelte. Ich war erstaunt, als Malte nach einer Zeit des Schweigens anfing, mir von dem Leben auf der Ranch zu erzählen, seinen Freunden und seiner Geschichte. Ich hatte Malte heute als einen überaus stillen und schweigsamen Menschen erlebt und deswegen verwunderte es mich, dass er mir nun so freizügig erzählte. Irgendwann fing auch ich an, ihm vom Leben in der Wüste zu erzählen und es schien ihn ehrlich zu interessieren, so als ob er mich und meine Entscheidung verstand. Ich war ihm überaus dankbar, mit wie wenig Vorurteilen er an mich heran getreten war, obwohl er wusste, dass ich Charly und vielleicht auch Nico enttäuscht hatte. Es war bereits spät nach Mitternacht, als wir unseren schönen Platz aufgaben und zurück zum Hof gingen. Diesmal kam mir der Flur bereits gar nicht mehr so unheimlich vor und auch an das flackernde Licht schien ich mich gewöhnt zu haben. Ohne viel Umschweife zog ich mir meine dreckigen Kleider aus und schlüpfte unter die warme Decke des Sofas. Malte wünschte mir noch eine gute Nacht und bevor er das Licht gelöscht hatte, war ich eingeschlafen.
      Am nächsten Morgen wachte ich in aller Frühe auf. Perfekt, genau zur richtigen Zeit. Malte schlief auch noch und so zog ich mir langsam meine Kleidung wieder an, schnappte mir meine Tasche und wollte die kleine Wohnung verlassen. Kurz bevor ich jedoch die Türklinke nach unten drückte, überlegte ich es mir nochmal anders und kritzelte mit zitternder Hand auf einen kleinen Zettel:
      Danke für alles!
      Vielleicht sehen wir uns ja irgendwann nochmal wieder.
      Mio
      Es tat mir Leid, dass ich ihn ohne ordentliche Verabschiedung wieder verlassen würde und doch war das mein neues ich. Ich war sprunghaft geworden, wollte mich mit keinem anderen Ort mehr verbinden und am besten mich mit keinem anfreunden. Ich lebte nur noch für Nevada, für die Mustangs, für Addison und für mich. Der Mietwagen brauchte etwas länger um zu starten, der Motor schien etwas eingefroren zu sein. Doch als er endlich startete, verließ ich die Ranch ohne einen Blick zurück zu werfen. Hätte ich es getan, so hätte ich bestimmt den jungen Man gesehen, welcher vor seiner Haustür stand und mir mit einem kleinen Lächeln nachlächelte.
      Etliche Stunden später landete der Flieger auf dem Flugplatz in Las Vegas. Es war ein Las Minute Flug gewesen und dementsprechend ramponiert und unbequem war der Flug gewesen. Zum Glück hatte ich so die verlorenen Schlafzeit jedenfalls etwas wieder aufholen können. Vor dem Gebäude, angelehnt an seinen dunklen Jeep, wartete Addison auf mich. Er hatte seinen Hut tief ins Gesicht gezogen und ich konnte sehen, wie er jeden an ihm vorbeikommenden Passanten mit zusammengekniffenen Augen musterte. Ich musste bei seinem Anblick lächeln und als auch er mich erblickte, streifte sein Blick als die Erlebnisse von Norwegen von mir ab. Ich hatte mein Gewissen mit diesem Besuch nun endlich beruhigt und es war Zeit, nun nur noch hier und jetzt zu leben. Ich stieg auf der Beifahrerseite ein und kurz darauf schlängelte sich das brummende Gefährt durch die vollen Straßen von Las Vegas, genau auf den Red Rock Canyon zu.
      8.381 Zeichen von Canyon
      Malte » Ich konnte es selbst kaum begreifen, was diesen Monat alles auf uns zukommen sollte. Wir hatten das Training über den Winter weitestgehend eingestellt, jedoch war der Winter verhältnismäßig recht mild, sodass Charly angeordnet hatte, diesen uns zu nutze zu machen. Ich merkte das viele Reiten jetzt schon in den Knochen. Zum Glück half mir Charly dabei einen guten Plan aufzustellen, an welchen ich mich halten konnte. Vormittags war also meist die Bodenarbeit an der Reihe, weswegen wir dann den Nachmittag für das individuelle Training freihatten. Für zwei Wochen hatte Charly die Rennbahn in Sylling jeden Tag für zwei Stunden gemietet und sie verlangte von uns, dass wir diese auch nutzen sollten. Da Petyr in der ersten Januarwoche noch beruflich unterwegs war, begann ich mit Vuyo zwei unserer jungen Vollbluthengste zu trainieren. Vuyo war früher einige Zeit Jockey gewesen und würde mich so sehr gut bei der Ausbildung der beiden unterstützen. Osgiliath war ein hübscher und ziemlich sportlicher Hengst und da er erst seit zwei Monaten zum Gestüt gehörte, drückte ich ihn Vuyo in die Hände. Mir blieb dann wohl nur noch unser Cotsworlds Eik, dessen Name ich ziemlich scheußlich fand, seinen Charakter jedoch vergötterte. Unser Eiki war eines der schlausten, aber auch gefährlichsten Tiere der Tyrifjord Ranch, kannte man ihn jedoch erstmal richtig, ging es gar nicht anders, als sich in ihn zu verlieben.
      Das Training fand jeden Nachmittag auf der großen Rennbahn statt. Nachdem wir die ersten Tagen vor allem damit verbracht hatten die beiden and die Startbox zu gewöhnen, ging es in den letzten Tagen vor allem dann um die Geschwindigkeit und dafür erhöhten wir die zurennende Strecke jeden Tag um einige Meter. Da Eik noch einige Gleichgewichtsprobleme während des Starts hatte, arbeitete ich mit ihm vor allem daran. Vuyo absolvierte ein umfangreiches Schrecktraining mit Osgiliath, da der junge Hengst ungewohnte Geräusche gar nicht mochte. Am Ende der Wochen hatten wir den ersten Schritt gewagt und aus den beiden unerfahrenen Hengsten junge Rennpferde gemacht.
      In der zweiten Woche ging es dann mit den nächsten Pferden weiter und zum Glück war auch Petyr von seiner Reise zurückgekehrt, da Vuyo und ich dringend seine Unterstützung brauchten. Diesmal waren es drei Pferde, welche trainiert werden sollten und dazu kam noch, dass alle drei bereits auf A liefen. Zum Glück fiel dadurch das Startboxtraining aus und wir konnten uns die ganze Woche auf die Rennbahn konzentrieren. Petyr teilte ich Alysheba zu, welcher bereits recht jung sein erstes Training bekommen hatte und außerdem noch aus einer bekannten Zucht stammte. Charly und Nico hatten bei seinem Kauf große Hoffnungen in ihn gesetzt und bis jetzt waren sie auch nicht enttäuscht wurden. Vuyo würde sich der verrückten Teufelstanz annehmen, welche ihm letzten Jahr einen riesigen Schritt nach vorne gewagt hatte. Für mich blieb dann nur noch des Teufels Schwester und das war natürlich niemand anderes als Grenzfee. Beide Stuten würden wohl nie mehr eine Karriere auf der Rennbahn hinlegen, nachdem sie bereits in jungem Alter kaputt gespielt worden waren, jedoch wollte Charly trotzdem, dass die beiden ihre Angst überwanden. Außerdem brauchten sie Bewegung und in diesem Punkt stimmte ich Charly zu.Auch mit den drei Pferden versuchten wir zu dritt das Training so abwechslungsreich und leerreich wie nur möglich zu gestalten und tatsächlich schien diese Taktik auch zu funktionieren. Bereits nach den ersten Tagen waren vor allem Fee und Teufel viel gelassener geworden und auch Sheba, welcher Stute nicht allzu sehr mochte, hatte sich daran gewöhnt mit den beiden auf der Rennbahn zu stehen. Am Wochenende nahmen wir mit allen drei Pferden an einem Turnier teil und auch wenn es bei uns eher die hinteren Plätze wurden, waren wir trotzdem stolz auf den Fortschritt unserer Vollblüter.
      Zwei Wochen waren bereits geschafft und auch wenn mir das Training viel Freude bereitete, sehnte ich mich nach einer Erholungspause. Zum Glück stand als nächstes ein Distanztraining mit drei Tekken an. Vuyo würde wie immer Raja reiten, während mein Trainingspartner Worgait war. Ich hatte keine Ahnung, was sich Nico dabei gedacht hatte, als er den fast nicht zu reitenden Worgait aufs Gestüt geholt hatte, aber ich konnte Nicos Taten meist sowieso nicht nachvollziehen.
      Für Petyr blieb dann nur noch die hübsche Himmawallajugaga und so waren alle recht zufrieden mit ihren Trainingspartnern. Die drei Tekken liefen in der Distanz bereits auf A, sodass unser Ziel war, dass alle drei die 45 Kilometer für die L-Distanz schaffen würden. Tag für Tag ging es also hinaus ins matschige Gelände und es war ein Wunder, dass es nicht bereits am ersten Tag Verletzungen gab. Jedoch lag der Vorteil darin, dass sich die Pferde so viel schneller an gefährliches Gelände gewöhnten und das war bei einem Distanzritt natürlich sehr brauchbar. Den ersten Tag begannen wir mit 35 Kilometern, also in etwa der Strecke eines E-Ritts. Die geplante Strecke für die nächsten Tagen wurde dann jedoch immer länger und auch das Tempo erhöhten wir Schritt für Schritt. An den Vormittagen boten wir den Pferden in der Bodenarbeit einen Ausgleich und während ich die Halle für mich und Worgait beanspruchte, nutzen Vuyo und Petyr mit Raja und Walla den Außenplatz. Irgendeinen Vorteil musste das wilde Pferd ja haben, welches Nico angeschleppt hatte. Am Ende der Woche war ich ziemlich geschafft, allerdings hatten wir unser Ziel erreicht und alle drei Pferden liefen am letzten Tag des Trainings erfolgreich mit guten Pulswerten die 45 Kilometerstrecke durch den norwegischen Wald. Als letztes Training für diesen Monat, und das erste Mal in meinem Leben war ich froh darüber, dass das Training in der Halle stattfand, war das Dressurtraining. Leider, ich bedauerte dies sehr, hatte Vuyo andere wichtige Termine, sodass Nico seinen Part übernahm. Hinzu kam noch, dass zwei der Stuten ihm gehörten und er natürlich jeden der auch nur in die Nähe der beiden kam genauestens beobachtete. Ich schaffte es mich aus der ganzen Angelegenheit herauszureden, indem ich mein eigenes Pferd trainieren würde. Ich liebte Óslogi und obwohl er bis jetzt noch nie unter dem Dressursattel gegangen war, wollte ich ihn so vielseitig wie nur möglich ausbilden. Petyr würde Shari reiten, welche bereits letzten Monat unendlich viel Talent in der Dressur gezeigt hatte und Nico würde sich mit seinem neuen Liebling Colore Splash beschäftigen. Für mich und Nico standen also die Lektionen aus der A-Dressur an, ich versuchte jedoch ihm nicht allzu oft über den Weg zu laufen, denn auf sein ständiges Kommandieren hatte ich keine Lust. Wir beide übten nu also Schritt - Galopp Übergänge, Viereck Verkleinerung und natürlich dann gleich auch die Vergrößerung, das Überstreichen im Galopp und zum Schluss dann auch die Kehrtwende auf der Vorhand. Nico beobachtete mein Training mit viel Genugtuung, denn ich wusste genau, dass mein Hengst nicht das gleiche Talent besaß wie seine Stute. Logi brauchte bei den meisten Lektionen etwas Länger, dafür absolvierte ich das Training nicht nur in der Halle, sondern auch im Gelände oder auf der Weide. Hier merkte ich, dass Logis Elan um einiges anstieg und auch meiner war leicht erhöht, was vielleicht auch daran lag, dass ich nicht ständig Nico über den Weg lief.
      Petyr kämpfte währenddessen mit Shari. Er war nicht der geduldigste und die Stute schien dies auch nicht gerade zu sein. Immer wieder verweigerte den Außengalopp oder die Hinterhandwendung, wenn sie sich jedoch dazu überreden ließ, dann klappte es zu meist sofort perfekt. Das Überstreichen im Trab oder den einfachen Galoppwechsel erlernte sie mit links und so erschien Petyr immer öfter mit einem selbstgefälligen Strahlen auf den Lippen nach einem gelungenen Training im Stall. Alle drei Pferde schafften den Aufstieg bis zum Ende der Woche. Shari zeigte die wenigste Veränderung, da sie vieles bereits konnte, Logi hatte keine Lust mehr auf den Dressursattel und Splash trug ihren Kopf noch ein Stückchen höher als sonst. Aber am meisten war ich auf mich, und natürlich auch auf meine Helfer stolz. Wir hatten das unmögliche geschafft und jedes Pferd erfolgreich trainiert. Am Ende des Monats gönnte ich mir also ein freies Wochenende, bei welchem ich die geniale Natur Norwegens vom Rücken der Pferde aus erkundete, denn das hatte ich mir verdient!
    • adoptedfox
      8.103 Zeichen von Canyon
      Malte » Völlige Überforderung. Genau dies zeigte Petyrs Blick, als er mich am sah. Es war früher Morgen, wie immer brachte der Nahe Fjord den Nebel mit sich, welcher sich auf die Felder und Wiesen rund um die Ranch ausbreitete. Petyr hatte am Stalltor gelehnt und ziemlich elegant an einem Grashalm gekaut, welchen er immer dann im Mund hatte, wenn er früher eine Zigarette angesteckt hatte. Als ich nah genug vor ihm stand, damit er mich betrachten konnte, hatte er sich überrascht vom Tor abgestoßen und blickte mich nun mit großen Augen an. „Was – ist – das?“ Wollte er wissen und deutete auf meine Haare.
      „Ein geflochtener Zopf, besser gesagt ein „Bun Bread“, wie ich herausfinden konnte. Und ja, ich habe dafür ziemlich lang gebraucht und sehe es nicht ein, dass du mein Kunstwerk nun mit deinem vernichtenden Blick in Frage stellst!“ Gab ich meinem Freund deutlich zu verstehen.
      „Aber das ist ein Zopf! Ich meine, einen Dutt trägst du ja schon immer und den Lederband müsste eigentlich auch längst verfault sein, aber meinst du nicht, dass es etwas gewagt ist, dein komplettes Aussehen so abrupt zu ändern? Ich meine, ein geflochtener ZOPF?“ Petyr hörte gar nicht mehr auf zu reden und mittlerweile wusste ich selbst nicht mehr, ob er das ernst meinte, oder nur gerade wieder in witziger Stimmung war. Klar, ich hatte seit zehn Jahren die gleiche Frisur, aber sich nun darüber aufzuregen, dass ich ausnahmsweise einen Strähne eingeflochten hatte, ne, das war übertrieben.
      „Krieg‘ dich wieder ein, das ist kein Weltuntergang!“
      Während des gesamten Weges zum Gebäude der Schulpferde in südlicher Richtung, merkte ich Petyrs Blick auf mir, oder besser gesagt auf meinem Kopf. Zum Glück schien es weder meinen Gery, noch Edda zu stören, was ich natürlich auch nicht erwartet hätte.
      „Hat dir Tjarda wohl gesagt, dass sie auf Männer mit Zöpfen steht, oder woher kommt dein plötzlicher Sinneswandel?“ Petyr konnte anscheinend nicht locker lassen. Ich seufzte.
      „Nein Petyr, niemand hat mir etwas in der Art gesagt und vor allem nicht Tjarda! Ich habe ein Bild gesehen und gedacht, dass meine Haare gut dazu geeignet sind und es einfach mal ausprobiert und um die ganze Arbeit nicht sofort wieder zu ruinieren, habe ich es drin gelassen. Ok?“
      Petyr schüttelte nur ungläubig den Kopf, schien dann jedoch erstmal den Mund zu halten. Da Vuyo, dieser Faulsack, mal wieder seinen freien Tag hatte, waren Petyr und ich für den Stalldienst bei den Ponys (und einem Großpferd) eingeteilt. Es war zum Glück nicht viel Arbeit, denn mittlerweile beherbergte der Stall nur noch fünf Pferde. Are und Bo hatten vor kurzem unerwartet aber mit schwerem Herzen Elliot und Nabiri an ein Gestüt verkauft, wo sie es hoffentlich gut haben würden. Die nun noch kleinere Herde verbrachte so zusammen den Tag auf der Weide und die Nacht im Stall und schien ihr gemütliches Ponyleben gut zu genießen.
      „Du fütterst Excelsior und Valentines Jeanie, ich kümmere mich um die anderen drei.“ Wies ich Petyr seine Aufgaben zu und wollte mich bereits umdrehen, als von Petyr wieder ein Kommentar zu meinen Haaren kam.
      „Pass auf, dass die drei dich erkennen, du weißt, dass Braum Veränderungen gar nicht mag.“
      „Haha, wie witzig“, lachte ich trocken und seufzte dann genervt. Braum, Milosch und Abs waren schnell versorgt. Wasser kam aus neu angelegten Wasserspendern und frisches Heu war ohne Probleme nachgelegt. Nachdem alle Pferde ihr Müsli gefressen hatten, schnappten wir uns die Halfter und führten die fünf nach draußen auf die gemeinsame Koppel.
      „Ich hatte übrigens Glück“, meinte ich zu Petyr, „Die Pferde haben sich, im Gegenteil zu dir, deutlich zurückgehalten, was ihre Meinung zu MEINER Haarfrisur anging.“
      „Ach, was du nicht sagst.“ Petyr lachte hämisch. „Noch nicht mal Milosch wollte mit dir Reden? Krass Alter!“ Ich boxte Petyr in die Seite und schlug dann den Weg zurück zum Hauptstall ein. Die zwei leuchtenden Augen hinter den lichten Holzbrettern des Stalls, welche mich und Petyr bis wir außer Sichtweite waren, beobachteten, bemerkte ich nicht.
      Den restlichen Tag verbrachte ich wie immer damit, alle Pferde zufrieden zu stellen und zu versuchen, alle wichtigen Dinge auf meiner To-Do-Liste abzuarbeiten. Petyr genoss wie immer sein unbeschwertes Leben und nur Charly, welche ich mittags im Stall antraf, merkte man die viele Arbeit an.
      „Ich brauche dringend mehr Angestellte! Ich schaffe das einfach nicht mehr...“ Sagte sie, bereits zum wiederholten Male zu mir und strich sich eine von ihren mittlerweile wieder schokoladenbraunen Haaren aus dem Gesicht. Sie war ziemlich hübsch und selbst ich musste mich anstrengen, ihr nicht allzu lange hinterher zu blicken. Jedenfalls schien Tuva mein kleines Haarexperiment zu gefallen, als sie am Nachmittag ihren Hengst Abraham van Helsing zu einem Ausritt vorbereitete und ich ihr dabei über den Weg lief. Teodor hielt sich wie immer gekonnt zurück und natürlich merkte es die blinde Torun gar nicht, dass sich bei meinem Aussehen ausnahmsweise etwas verändert hatte. Nur Petyr, welcher sich damit einfach nicht abfinden konnte, kam, nachdem er längere Zeit unauffindbar gewesen war, mit einem Stapel alter Bilder von mir zurück und zeigte mir, wie lange ich bereits schon so aussah, wie ich jetzt aussah und, dass er mich nicht verstehen konnte, wie ich sowas nur tun konnte. Heute war ein Tag, da wurde mir abermals bewusst, dass Petyr ein ganz schön komischer Kauz war. Ich selbst war erstaunt, dass ich das jetzt erst merkte, immerhin kannte ich ihn schon – wie viele Jahre? Auch ich fand kurz vor der Dämmerung Zeit, mich mit einigen meiner Pferde zu beschäftigen. Da Charly und Striga die Halle komplett mit ihren Bodenarbeitszeug belegten und ein mir unbekannter Mann, angeblich irgendein Freund von Nico, mit der schwierigen Ocarina of Time einen Schreckparcours auf dem Platz aufgebaut hatte, blieb mir nichts anderes als das Gelände übrig. Bo, welcher die Tränen nach dem Verkauf ihres Pferdes ganztägig in den Augen standen, freute sich jedenfalls ein bisschen, als sie von mir das Angebot bekam, auf Black Lemontree, dem alten Heeren, mit auf den Ausritt zu kommen, sodass ich mich selber auf Óslogi setzen und den mittlerweile genauso großen Félagi führen konnte. Der gute alte Are erklärte sich bereit, uns zu Fuß zu begleiten und nebenbei gleich Dynur mitzunehmen. Auch Dynur würde wohl bald ins Training müssen, vielleicht war da der nahende Frühling gar kein so schlechter Startpunkt. Nach einer dreiviertel Stunde taten Are seine Füße so weh, dass wir auf dem schnellsten Weg zur Ranch zurückgingen und wir zusammen die Pferde absattelten. Ich versprach der kleinen Bo, dass sie ab nun gerne öfter auf Blacky reiten durfte und das zauberte ihr jedenfalls ein kleines Lächeln ins Gesicht. Als am späten Abend die Halle endlich leer wurde, halfterte ich meinen neuen großen Freund und Begleiter Angus auf und ging, über den Schultern einen Halsring hängend, in die Halle. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, auf einem großen felligen Kaltblut zu sitzen, mit nichts weiter als einem Halsring in der Hand. Bei Angus hatte ich schnell bemerkt, dass er der perfekte Partner dafür war und da Ĺogis harter Gang leider nicht so perfekt dafür war, war ich umso glücklicher, nun endlich Angus dafür zu haben. Am Ende des Tages wartete nur noch ein warmes Bad auf mich und als ich gerade die Lampe neben meinem Bett ausschalten wollte, suchte mein Handy, oder besser gesagt Petyr, nach Aufmerksamkeit.
      „Petyr.“ Fast hätte ich bereits damit rechnen müssen, dass sich mein Freund nochmal bemerkbar machen würde. Meine Haare schienen ihm wirklich zuzusetzen.
      „Ja hey Malte, mein Freund. Sag mal, hast du den Zopf nun eigentlich raus gemacht? Oder lässt du ihn drinne? Drückt das nicht ein bisschen?“
      Ich musste lachen und ich lachte ziemlich selten so laut. Diesmal blickten mich Gerys verwirrte Augen vom Fußende des Bettes doch ziemlich perplex an. „Ja, der Zopf ist draußen, aber weißt du was? Ich habe mir gedacht, dass ich mir morgen früh einfach zwei Zöpfe flechte!“ Ich grinste in die Dunkelheit und stellte mir Petyr aufgerissene Augen bildlich vor. „Was hältst du davon, mein Freund?“
      29.147 Zeichen von Canyon
      Charly » Liebste Mio
      Da du mittlerweile weder per Telefon, noch per Skype oder gar per E-Mail erreichbar bist, muss es nun also über den langen Weg gehen, nämlich per Post. Die Vorstellung ist witzig, dass dieser Brief einen weiteren Weg zurücklegen wird, als ich es je getan habe und das für wenige Euro.
      Seit mittlerweile mehreren Monaten herrscht Funkstille. Was ist nur passiert? Was ist mit der alten Zeit geschehen? All die Jahre, in denen du mir nie von der Seite gewichen bist, verweht vom Winde. Ich konnte dich gut verstehen, aber mittlerweile ist eine lange Zeit seit dem vergangen. Ich will meine beste Freundin nicht verlieren!
      Allerdings will ich dir nicht schreiben, um dich mit Vorwürfen zu bewerfen. Ich brauche dich, dich meine Freundin und ich hoffe, dass du mir die Ehre erweist und diesen Brief nicht ignorierst. Es ist mein letzter Versuch, das Alte zu erhalten und trotzdem neu zu beginnen.
      Bei uns auf der Tyrifjord Ranch hat sich in den letzten Monaten so einiges getan. Wir sind gewachsen und gewachsen, haben unsere Können bewiesen und erste Fohlen gezogen. Die Ranch würde dir gefallen, glaube mir. Ich weiß, dass du in Nevada glücklich bist, aber auch Norwegen ist etwas ganz besonderes.
      Bart kann mittlerweile von einer Box zu nächsten laufen und vor allem die Katzen haben es ihm angetan. Endlich kann er zu ihnen ins Heu krabbeln und sich auf die Kleinen stürzen. Capucine hat sich mittlerweile damit abgefunden, dass auch Asuka einen Platz im Schlafzimmer hat, auch wenn alles auf dem Bett ihr gehört und sie dieses Gebiet agribisch verteidigt.
      Seit Weihnachten habe ich endlich einen Ersatz für meine geliebte Anaba gefunden. Es war ein Geschenk des ganzen Hofes und ich kann mich an kein Weihnachten erinnern, welches so überraschend für mich war. Striga ist noch jung und ziemlich unerfahren, jedoch habe ich endlich wieder ein Pferd gefunden, welches es mit meiner heiß geliebten Anaba aufnehmen kann.
      Auch Nico hat endlich etwas gefunden, was ihn antreibt. Mittlerweile beherbergen wir auf unseren Hof sechs Warmblüter für den Vielseitigkeitssport. Nicos Auswahl: Nur Pferd mit Macke ist Pferd. Vielleicht kennst du Bijou noch. Kurz vor Weihnachten zog seine Freundin Shari ein und kurz darauf auch schon Colour Splash. Beide Stuten sind nicht nur hübsch, sondern auch ziemlich zickig, zeigten jedoch von Anfang an Talent. Die Krönung wollen wir auch nicht mehr lange hinauszögern, nur fehlte uns bis jetzt die Zeit für die Reise. Shari ist mittlerweile trächtig und du glaubst es nicht, aber Nico sprüht nur so vor Vorfreude!
      Seit einigen Tagen kamen dann auch die letzten drei Sportpferde hinzu. Unsere gemeinsame Freundin Bracelet überließ Nico ihren Hengst Deo Volente und wir nutzten die Chance, sie gleich in Schweden zu besuchen. Nicos größtes Heiligtum: Ghostly Phenomenon. Du weißt gar nicht, wie er aus dem Häuschen war, als das Pferd seiner Träume dann endlich in unserem Stall stand. Meine Freude hielt sich etwas in Grenzen, so hübsch er auch ist, es wird eine Menge Arbeit kosten, ihn auszubilden. Über Sweet Prejudice kann ich dir leider noch nicht so viel erzählen, interessant ist das einzige, was mir zu ihr einfällt.
      Ach Mio, wie sehr vermisse ich deine Stimme und wie sehr hoffe ich, dass es dir gut geht! Irgendwann komme ich dich besuchen meine Kleine, irgendwann. Vielleicht nehme ich Malte mit, auch er wollte schon immer einmal Wildpferde sehen. Ich glaube, mit Malte würdest du dich gut verstehen, er ist ein guter Freund.
      Habe ich dir schon erzählt, dass Bella und ihr, mittlerweile Ex-Freund, Robin nach Norwegen gekommen sind? Es gab einige Komplikationen in Dänemark und ich glaube, mittlerweile ist auch Bella mit ihrer Entscheidung zufrieden. Sie hat ziemlich oft nach dir gefragt, sagen konnte ich ihr leider nicht sehr viel.
      Leider gibt es auch schlechte Neuigkeiten. Grenzfees Hufehe haben sich wieder bemerkbar gemacht, sodass sie nun wieder in der Box leben muss. Ich habe so gehofft, dass sie es für immer überstanden hat... Damit sie nicht alleine ist, steht nun auch Teufelstanz wieder im Stall. Ich hoffe jedoch auch, dass wir diesmal früh genug eingegriffen haben und der Tierarzt bis zum Beginn des Frühlings wieder grünes Licht für die Weide gibt.
      Außerdem ist vor wenigen Tagen Nicos Vater gestorben. Ein Autounfall, ich will nicht tiefer ins Detail gehen, es weckt zu viele Erinnerungen. Unerwartet hat Nico den Großteil des Vermögens geerbt und auch wenn noch nicht genau geklärt ist, wie viel es sein wird, kann dies ein weiterer Schritt für uns sein! Du weißt, von Nicos Vater habe ich nie viel gehalten und auch Nicos Verbindung war nie allzu tief, aber er trauert doch ganz schön. Gestern früh habe ich ihn nach Drammen zum Flughafen gebracht, mittlerweile sollte er gut gelandet sein. Er will sich bis zum Abend bei mir melden.
      Ich weiß nicht, was in Zukunft auf uns zukommen wird, aber ich bin mir sicher, dass es ziemlich spannend wird!
      Es tat gut dir zu schreiben, auch wenn ich nicht weiß, wann und wo er dich erreicht. Vielleicht sinkt das Schiff oder das Flugzeug stürzt ab, ich weiß es nicht. Aber eines weiß ich genau: Ich will dich nicht verlieren.
      Von ganzem Herzen,
      Deine Charly
      Mio » Liebe Charly,
      Ich empfing deinen Brief gestern Abend mit großer Verwunderung. Hast du jemals vorher einen Brief geschrieben?
      Du hattest Glück, dass ich ihn noch erhalten habe, denn mittlerweile sollte ich auf dem Weg nach Utah sein. Sei mir also nicht böse, wenn meine Antwort aus Zeitgründen ziemlich knapp ausfällt.
      Ich freue mich sehr von dir, deiner Familie und den Pferden zu hören und sobald ich die Zeit finde, werde auch ich dir berichten, weshalb ich in den letzten Monaten eine so unzuverlässige Freundin gewesen war. Ich hatte wichtige Gründe und ich bin mir sicher, dass du sie verstehen wirst.
      Fühle dich gedrückt,
      Mio
      Charly » Liebste Mio
      Es erwärmte mir dein Herz, das kleine Stück Papier von dir in den Händen halten zu dürfen. Dir geht es also gut, das ermöglicht mir meine erhoffte Erleichterung. Und ja, vor wenigen Jahren schrieb ich einen Brief an meine Großmutter, obwohl ich leider zugeben muss, dass dieser nie ankam.
      Viel verändert hat sich bei uns noch nichts. Noch nicht. Gestern kam Nico ziemlich erschöpft aus London wieder. Ich merkte jedoch sofort, dass ihn etwas anderes beschäftigte, was nicht mit seinem Vater zu tun hatte. Am Abend unterbreitete er mir dann seine Idee: Ein neues Gestüt. Diese Vorstellung passte gerade so überhaupt nicht in mein Leben. Ich bin hier doch glücklich? Unsere kleine verträumte Ranch mitten am See. Aber Nico schwärmte so sehr von einem internationalen Sportgestüt, einer kleinen Zucht und einer eigenen Reitschule, dass ich ihm nicht lange widersprechen konnte. Er meinte, dass wir jetzt das Geld und die Kraft hätten, dies zu tun und wer weiß, wann dies nochmal der Fall sein sollte.
      Ach Mio, so viel Veränderung, schon wieder! Bereits heute morgen ist er in seinen Wagen gestiegen und gen Norden gefahren. Zurückgekommen ist er noch nicht. Ich spüre die Entdeckungslust und die Vorfreude in mir. Es wäre wieder ein Umzug für die Pferde, aber diesmal ein endgültiger, das steht für mich fest!
      Aber was rede ich da. Erst einmal muss ein Ort gefunden werden und das Gestüt muss gebaut werden. Das wird dauern, ziemlich lange dauern.
      Ansonsten hat sich nicht viel geändert. Malte hat sich in den letzten Tagen intensiv mit Prejudice beschäftigt und versucht, die eigenwillige Stute besser kennenzulernen. Ein bisschen mag ich sie mittlerweile ja auch, sie hat etwas besonnenes an sich, vor allem dann, wenn sie auf der Weide ist. Sie scheint das Leben abseits des Stalls zu lieben und plötzlich eine ganz andere zu sein.
      Rubina steht kurz vor der Geburt des Fohlens. Nico leidet darunter, dass er sie und seinen Marid in den nächsten Tagen unbedingt trennen muss, er hat es schon viel zu lang hinausgezögert.
      Weißt du, ich glaube Excelsior und Jeanie vermissen dich immer noch. Ich habe eine gute Reitbeteiligung für beide gefunden und Vuyo tut sein bestes, die beiden zu beschäftigen. Er gibt jetzt hin und wieder Reitunterricht und scheint voll in seinem Element gelandet zu sein. Den Pferden scheint es zu gefallen und auch von den Schülern bekommen wir nur positive Rückmeldungen. In der Hinsicht wäre es gar nicht so schlecht, auch die Reitschule zu erweitern. Allerdings bräuchten wir dazu noch einige weitere Pferde. Nur Abs, Milosch, Jeanie und Exel sind einfach zu wenig. Zum Glück haben wir die Befugnis, auch noch Elliot ab und zu einzusetzen und der junge Braum macht immer größere Schritte in Richtung Schulpferd. Trotz seines unerfahrenen Alters fliegen dem Süßen die Mädchenherzen nur so zu! Er suhlt sich richtig in der Aufmerksamkeit. Aber ich muss wirklich zugeben, dass er ein hübscher Kerl geworden ist.
      Du glaubst es nicht, aber letztens hat Nico tatsächlich nach dem Verkauf eines Pferdes geweint. Das Pferd hieß Eik und auch ich habe den großen Kerl geliebt. Allerdings mussten wir einsehen, dass wir uns etwas überschätzt hatten, was ihn betraf. Er war echt ein guter Kerl, jedoch brauchte viel Aufmerksamkeit und die konnten wir ihm leider nicht geben. Immerhin haben wir mit Worgait, Marid und Co bereits so einige Pferde, welche es nicht scheuen, ihre Meinung offen kundzutun. Aber natürlich gibt es auch andere Kunden. Unsere drei Vollbluthengste Golden Ebano, Valentines Alysheba und Osgiliath haben sich gesucht und gefunden. Die drei bleiben mittlerweile auch über Nacht, wenn die Temperaturen nicht in den Minusbereich sinken, auf der Weide und verstehen sich trotz ihrer Hengstmanieren prächtig. Ach Mio, wie sehr wünschte ich dich zu mir. Bei einem Glas Wein auf der Veranda könnten wir uns unsere Geschichten austauschen, lachen und das Leben genießen. Es fällt mir schwer, ohne eine Freundin wie dich, das Leben vollkommen zu lieben. Klar, mit Tuva verstehe ich mich sehr gut und es hat nicht lang gedauert, bis wir bemerkten, dass wir den selben Alkoholgeschmack teilen, aber sie ist nur eine Freundin.
      Ich will deine Zeit nicht allzu sehr verbrauchen, aber es freut mich, dass wir nun einen Weg gefunden haben, unsere Freundschaft aufrechtzuerhalten.
      Die wärmsten Grüße,
      Deine Charly
      Mio » Liebe Charly,
      Wieder habe ich dich warten lassen. Allerdings sind wir erst vor wenigen Tagen aus Utah zurückgekehrt und wie du dir vorstellen kannst, ist der Weg nach Vegas zum nächsten Briefkasten nicht der kürzeste. Da ich heute morgen jedoch für uns einkaufen war, habe ich gleich die Chance genutzt und den Brief auf die Reise geschickt.
      Irgendwo in deinen Worten versteckt sehe ich noch die alte Ranch, welche wir beide zusammen entstehen lassen. Saint Gorge, wenige Boxen, nur ein alter Reitplatz, dafür das Meer gleich vor den Füßen. Warum ist es euch beiden so wichtig geworden, alles immer größer werden zu lassen? Gibt es nicht bessere Möglichkeiten so viel Geld einzusetzen?
      Es freut mich allerdings zu hören, dass auch meine liebste Bella den Weg zu euch gefunden hat. Richte ihr die liebsten Grüße aus! Vielleicht werde ich mich in den nächsten Tagen mal bei ihr melden. Hast du auch etwas von Linn gehört? Wie geht es ihr auf Island?
      Addison versucht mich ständig dazu zu überreden, dass wir euch mal besuchen kommen. Er möchte dich und natürlich auch die Pferde selbst einmal kennenlernen. Ich bin noch nicht soweit Charly, noch nicht. Lass mir die Zeit, lass mich abschalten, lass mich wer anders sein. Nevada und die Mustangs geben mir all das, was ich so lange gesucht habe. So lang. Ich will es noch nicht hergeben oder teilen, erst wenn ich all das schöne hier in mir aufgesogen habe. Verstehe mich bitte.
      Der kleine Kuckunniwi entwickelt sich prächtig. Endlich hat Anaba ihn freigegeben. Ich merke die Veränderung die er gerade durchlebt, merke, wie er sich und seine Freiheit findet und wie sehr Anaba ihn liebt. Fast schmerzt es mich, dass sie mich nicht an ihn heranlässt, aber wir wollten es ja so. Er sollte so aufwachsen, wie es die Pferde auf den weiten Weiden Amerikas tun sollten.
      Für Hidalgo, Morrigans Hidalgo, und Chosposi tut es mir Leid, dass sie aufgrund ihres Hengststatus nicht mit zu den anderen Pferden dürfen. Dafür haben sie sich beide und die Verbindung zu ihnen hat sich in letzter Zeit um einiges verstärkt.
      Du glaubst es nicht, aber Varys und Imagine There's No Heaven sind mittlerweile, du wirst es nicht glauben, ausgewachsen. Zusammen mit Triumph genießen sie die Jugend, auch wenn Addi vor hat, im Sommer anzufangen sie jedenfalls etwas auszubilden.
      Ach ja, Addi, er ist ein guter Freund für mich geworden. Wir sind uns näher, als ich mich jemals bei einem Menschen gefühlt habe, näher als Shadow mir je gewesen war und doch sind wir kein Paar. Wir sind Gefährten, welche zusammen das tun, was sie für richtig erhalten. Wir wollen die Wildpferde erhalten und die Menschheit davon abhalten, diese wunderbaren Tiere wie Müll zusammenzutreiben, wieder auseinanderzureisen und dann auf dem ganzen Erdball zu verteilen.
      Wenn wir einmal bei diesem Thema sind, so werde ich dir gleich erzählen, was ich in Utah zu suchen hatte. Eine Freundin von Addi rief an. Sie meinte, dass sie ein komisches Paar entdeckt hatte. Ein weißer Hengst und eine junge braune Stute, verletzt. Amy, seine Freundin, erzählte, dass die beiden neu in der Gegend sind und es so schien, als wären sie extra so nah an die Auffangstation gekommen, um Hilfe zu suchen. Anfänglich wusste ich nicht, was Addi so in Aufregung versetzte. Ich sollte ihm vertrauen und da ich das sowieso tat, vertraute ich ihm. Erst im Nachhinein, nachdem Hengst und Stute mithilfe von Addi eingefangen wurden, erzählte er mir die ganze Geschichte. Vielleicht werde ich dir die Geschichte auch irgendwann erzählen können, heute würde der Brief jedoch zu lang werden. Es war ein Abenteuer pur und auch jetzt, nachdem beide Pferde wohlbehalten auf einer Weide bei uns stehen, fühle ich immer noch das Adrenalin der Freiheit in meinen Adern pochen. Für dich wird es unverständlich sein, für mich war es das Beste, was mir je passiert ist. Der Hengst heißt Cloud, während seine hübsche Freundin den Namen Zonta trägt. Ihre Beine schienen von einem Zaun verletzt wurden zu sein, in welchem sie sich verfangen hatte. Obwohl sie viel Blut verloren haben muss, steht sie immer noch sicher auf allen Vieren und lässt sich nichts anmerken. Anbei schicke ich dir ein Bild von den Beiden, damit du die Schönheit verstehen kannst, welche sie ausstrahlen.
      Ich habe dir auch noch nicht erzählt, dass seit einiger Zeit ein Paint Horse bei uns wohnt. Vielleicht hast du schonmal von ihr gehört. Sie stand lange bei Rachel und später bei Verena, welche ja auch... du weißt es ja, ich muss es nicht erwähnen. Raised from Hell steht deswegen zusammen mit Addis My Canyon und Battle Cry auf einer Weide und auch wenn Canyon oft genervt von Raised ist, hat sie sich hier doch ganz gut eingelebt. Ich bin gespannt, wie sie allerdings im Sommer mit den Temperaturen zurecht kommen wird.
      Ansonsten gibt es auch hier nicht allzu viel neues. Chill und Buck sind von der Schule genervt und Heather ist immer noch eine bemerkenswerte Frau. Sie hat es uns ermöglicht nach Utah fahren zu können und hat Tag für Tag alleine die Pferde versorgt. Zum Glück sind unsere drei Jüngsten, Dawn, Time In A Bottle und Kwatoko, mittlerweile soweit, auch einige Tage alleine überleben zu können. Das hätte ich mir nie erträumt. Sie waren unsere Sorgenkinder und mittlerweile benehmen sie sich genauso wie Kuckunniwi.
      Nun bist auch du auf dem neuesten Stand, was die Triple R Ranch angeht. Ich erwarte bereits jetzt deinen nächsten Brief und auch wenn ich es nur ungern zugebe, so hat es doch seinen Reiz, per Brief eine Konversation zu führen.
      Mit aller Liebe,
      Mio
      Charly » Liebste Mio
      Was für eine Geschichte und vielleicht ist es dir ja schon bald möglich, mir die Vollversion davon anzuhören! Clouds und Zontas Bild hat mich tief berührt. Diese Anmut und Wildheit, sie steckt den beiden in allem Knochen. Aber was habt ihr nun mit ihnen vor? Cloud ist ein Wildpferd, Zonta ebenso. Wollt ihr gegen euer Ziel arbeiten und die beiden eingesperrt lassen?
      Da du mir Bilder geschickt hast, muss auch ich dich mit welchen von unseren Pferden erfreuen. Rubina hat vor zwei Tagen erfolgreich ihren zweiten Sohn zur Welt gebracht. Ich hätte Nico filmen müssen, als er ihn das erste Mal gesehen hat! Er war begeistert und begeistert, aber das war ich auch, denn der kleine ähnelt nicht nur stark seiner hübschen Mutter, sondern hat auch interessante Markierungen an Kopf und Flanke, welche auch Marid im Gesicht trägt. Der kleine Mytos ist ein wahrer Prachtkerl geworden und ein guter Start in die Fohlensaison dieses Jahr!
      Auch hat sich wegen des neuen Gestüts einiges ergeben. Sicher war, dass wir am Tyrifjord bleiben wollen. Wir lieben ihn und es wäre sinnlos, diese Heimat bereits aufzugeben. Drei Tage dauerte es nur, bis Nico mit einer faszinierenden Idee zurück kam. Im nördlichen Teil vom Tyrifjord liegt eine recht große Insel namens Sorøya. 1.7qkm groß und nahezu unbewohnt. Nur ein paar wenige Bauernhäuser stehen dort, der Rest ist Wald, Wiese und Feld. Nico schaffte es, genau diese Insel für uns zu gewinnen! Es tut mir fast Leid um dieses Paradies, aber noch mehr freue ich mich darauf, eine eigene kleine Welt nur für uns und unsere Pferde.
      Die Verhandlungsgespräche laufen bereits und ich bin, wie du dir sicherlich vorstellen kannst, ziemlich gespannt, was das betrifft.
      Das Training mit den Pferden läuft nun langsam wieder an. Einen Großteil übernimmt natürlich Malte, da Petyr nun öfter wieder in der Welt unterwegs ist. Ihn zieht es hinaus, während Malte das ruhige und stetige Leben auf dem Gestüt genießt. Ich bin ganz erstaunt, dass Nico mittlerweile ordentlich zupackt und auch wenn sein Fokus nur auf seinen eigenen Pferden liegt, so ist seine Aufenthaltszeit im Stall in den letzten Wochen um einiges gestiegen.
      Am Wochenende war uns meine Schwester besuchen. Sie wohnt, wie du ja weißt, in Oslo und hat leider mit Pferden nichts am Hut. Dafür konnte ich ihren neuen Freund, sowie ihren Adoptivsohn endlich kennenlernen. Etwas enttäuscht bin ich schon, dass Alexandra so lange gebraucht hat, mich hier zu besuchen, der Weg ist ja nicht unendlich weit! Trotzdem ist sie meine Schwester und man liebt seine Schwester. Dimitri schien ganz fasziniert von dem Gestüt, während Alex natürlich nicht begeistert war. Ich kann das gar nicht verstehen, dass es Menschen geben kann, die diese fantastischen Geschöpfe nicht mögen. Wie kann man in einem Pferd nichts weiter sehen als ein Pferd?
      Ansonsten nimmt hier alles seinen gewohnten Lauf. Die Sonne geht auf, und sie geht wieder unter. Genauso wie es immer war.
      Ich vermisse dich!
      Deine Charly
      Mio » Liebe Charly
      Der kleine Mytos berührt mir mein Herz, denn in ihm sehe ich seinen Vater. Auch wenn ich mich nie mit Marid verstanden habe, so ist es doch ein Stück Erinnerung und ein Teil meiner Vergangenheit.
      Wieder habe ich länger gebraucht, um dir zu antworten. Aber bei uns wird die Arbeit wieder mehr, denn die Winterpause ist vorbei und schon bald beginnt wieder die Zeit des Einfangens und da müssen wir bereit sein.
      Cloud und Zonta werden so lange bei uns bleiben, bis Zontas Wunden verheilt sind. Addi hat sich die größte Mühe gegeben und auch wenn es nicht immer einfach war ein Wildpferd zu versorgen, schien auch Zonta mit der Zeit zu bemerken, dass wir nur helfen wollen.
      Addi ist seit Clouds Ankunft anders. Oft liegt er draußen auf der Weide und beobachtet den Hengst. Er scheint tief in Gedanken versunken zu sein und in Erinnerungen zu schwelgen. Er erzählte mir, dass er Cloud bereits kannte. Es verwunderte ihn, wie der Hengst nach Utah kam, da er Cloud hier in Nevada kennengelernt hatte. Er meinte, dass Cloud es gewesen war, welcher ihm nach dem Tod seiner Frau wieder Kraft gegeben hatte. Er selbst konnte es nicht erklären, aber er erzählte mir von dem Bild eines leuchtenden weißen Pferdes, so anmutig und edel, so ehrlich und voller Hoffnung, dass ich nicht daran zweifelte, dass es so gewesen war. Cloud bedeutet für Addi alles und vielleicht ist es ein Zeichen, dass genau dieser Hengst jetzt wieder aufgetaucht ist.
      Natürlich forschten wir weiter, denn Addi hatte Fragen. Wie kam Cloud nach Utah? Wo war seine Herde? Es dauerte nicht lange und wir fanden beim BLM unsere Antwort. Mittlerweile haben wir dort einige Kontakte, mit welchen wir wegen der Mustangs in Verbindung stehen und mit der Hilfe einer Freundin, fanden wir heraus, dass Cloud und eine braune Stute, vermutlich Zonta, die Flucht geschafft hatten, kurz nachdem sie transportiert worden waren.
      Vielleicht hat Addi gar nicht so unrecht. Vielleicht ist dieser Hengst wirklich ein Zeichen der Hoffnung und wahrscheinlich ist es Absicht, dass er bei uns gelandet ist. Cloud scheint sich nicht unwohl zu fühlen, obwohl er von den Zäunen umgeben ist. Trotzdem ist er noch ein freies Pferd und sobald der Zeitpunkt gekommen ist, werden wir uns von ihm verabschieden müssen.
      Allerdings muss ich dir dringend noch etwas erzählen! Heather hat, du glaubst es kaum, ihren Neffen aufgenommen. Das ist nicht irgendein Neffe, nein, dass ist ein entlassener Häftling mit einigen Vorstrafen und hinzu kommt, dass er genauso alt ist wie ich. Problem des Ganzen: Er sieht ziemlich gut aus und ist natürlich ein riesiges Arsch. Heather meint, dass die Ranch die beste Möglichkeit sei, Jacob wieder auf die Bahn zu bringen, auch wenn ich mich frage, ob das bei ihm überhaupt noch möglich ist. Er ist ein Angeber und ein ziemlich fauler Idiot. Chill und Buck freuten sich natürlich über „ihren großen Bruder“ und dank Jacob ist die Aufmüpfigkeit der beiden nochmals gestiegen.
      Addi freute sich gar nicht über den plötzlichen Einzug. Verständlich. Er kennt Jac nicht und hat Angst um seine Pferde. Jedoch konnte er Heather den Gefallen nicht abschlagen, immerhin ist auch Jac sein Neffe und auch wenn Addi lange keinen Kontakt mehr zu seiner zweiten Schwester hatte, sind sie trotzdem miteinander verwandt.
      Ich selbst weiß noch nicht genau, wie ich zu Jac stehe. Bis jetzt hat er mich meist ignoriert und etwas enttäuscht bin ich schon, dass solch nette Menschen wie Addi und Heather solche unhöflichen Verwandte haben.
      Jedenfalls versucht Addi nun, Jac mit in die tägliche Arbeit einzugliedern. Etwas Erfahrung mit Pferden hat er bereits, da auch seine Mutter Pferdebesitzerin gewesen ist. Anscheinend liegt das in der Familie. Bis jetzt hat er sich nur meistens um die Arbeit gedrückt, ob er selbst auch Pferde mag, weiß ich also noch nicht so genau.
      Ich bin gespannt, wie sich das Ganze entwickelt. Immerhin ist Jac der erste Fremde seit meiner Ankunft auf der Ranch und das birgt für uns alle ein Gefahrenrisiko. Jacob Moore, ich bin ziemlich gespannt, ob das gut ausgehen wird.
      Mit den besten Grüßen,
      Mio
      Charly » Liebste Mio!
      Oho! Ein junger, gut aussehender Mann, welcher total unhöflich ist? Na wenn das kein Anfang einer Liebesgeschichte sein kann! Auch ich habe daran nie geglaubt, bis es mir selbst widerfahren ist. Und schau, wo ich jetzt gelandet bin. An meiner Seite ein Mann, der genauso ein Idiot ist wie die Jungs, die mich früher in der Schule immer bloßgestellt haben und mit so einem habe ich auch noch ein Kind. Pass‘ also ja auf dich auf! Aber ich meine das wirklich ernst. Solche Männer sind meist so von sich überzeugt, dass sie nicht auf eventuelle Opfer achten. Die Geschichte mit Cloud, puh, da musste ich mir die Tränen von der Wange wischen. Das Ganze hat sich fast wie ein Film vor meinen Augen abgespielt. Ich stelle mir das wahrhaftig vor, wie ein weißer und reiner Hengst, einem zerstörten jungen Mann wieder ein Ziel zum Leben gibt. Fast könnte ich darüber ein Buch schreiben, oder, warum schreibst du kein Buch darüber? Grüße Addi von mir, ich mag ihn, er scheint ein anständiger Kerl zu sein und er scheint dafür verantwortlich, dass du wieder so lächeln und nach vorne schauen kannst!
      Vuyo hat sich nun auch endlich wieder ein Pferd gekauft und erstaunter hätte ich nicht sein können, als er da mit einer zierlichen Edelhaffi Stute stand, welche auch noch den Namen Curly Lure trägt und als ob das noch nicht genug wäre, ist sie auch noch ziemlich eigensinnig und zickig. Aber er hat vor, sie mit in die Reitschule zu nehmen und sie dort vielleicht zu einem anständigen Reitpferd ausbilden.
      Mittlerweile haben auch die Planungen für das neue Gestüt begonnen. Die Insel ist bereits vermessen und wir machen uns zur Zeit auf die Suche nach Pferdebesitzern, welche mit auf die Insel ziehen wollen und uns so unterstützen. Nico hat einen Freund in der Türkei, welcher mit einer Freundin zusammen ein kleines Arabergestüt leitet. Sie scheint ziemlich still und einzelgängerisch zu sein, jedoch will sie wegen der Unruhen in ein sicheres Land und wird wahrscheinlich zu uns nach Norwegen ziehen. Ihre Forderungen waren jedoch, dass sie ein eigenes und beheiztes Stallgebäude für ihre Araber bekommt, in welchem sie auch wohnen kann. Das wird sie jetzt wohl auch bekommen. Nico meint, dass sie dem Gestüt gut tun wird und ich bin gespannt, wie er das meint.
      Auch kommt Fiona mit ihren Pferden aus den USA zurück zu uns. Petyr freut sich natürlich höllisch auf sie und auch ich bin froh, wieder ein bekanntes Gesicht zu sehen. Wir werden so viel Hilfe wie möglich gebrauchen, wenn es soweit ist.
      Nicos angehende Zucht nimmt zur Zeit krasse Ausmaße an. Anstatt es bei ein paar wenigen Pferden zu belassen, ist die Anzahl seiner Stuten mittlerweile auf sechs gewachsen, wobei jedoch eine weitere bereits gekauft ist. Zum Glück sind es bis jetzt nur drei Hengste und ein Jungpferd, welche tatsächlich auch alle mal recht anständig sind.
      Ich freue mich auf deinen nächsten Brief!
      Deine Charly
      Mio » Liebe Charly,
      Bei uns wird es wieder wärmer und im Sonnenuntergang kann man wunderbare Bilder der Pferde schießen. Ich habe leider nicht viel Zeit, deswegen wird dies ein sehr kurzer Brief. Ich hoffe trotzdem, dass du dich über die Bilder freust!
      Anbei natürlich noch kleine Erklärungen zu den hübschen Pferden, welche du siehst.
      » Varys und Imagine There‘s No Heaven kennst du natürlich noch. Hier endlich mal ein aktuelles Bild von ihnen. Der gefleckte Popo gehört natürlich zu Triumph.
      » Unsere Jüngsten: Time In A Bottle, Dawn und Kwatoko. Seit einigen Tagen dürfen sie mit auf die große Weide, es ist erstaunlich, wie schnell sie sich an ihre Herde gewöhnt haben.
      » Es ist das erste Bild von Anaba und Kuckunniwi, dass ich dieses Jahr schießen konnte. Immer noch hält Anaba Abstand zur Herde und selbst Addi ist so langsam verwundert. Dafür geht es dem kleinen Kucku blendend und so langsam sieht man auch den Vater in ihm.
      » Raised from hell zusammen mit Aquena. Na? Kennst du Raised noch? Sie ist ein tolles Pferd und selbst ich sehe kaum, dass sie eigentlich kein Wildpferd ist. Zusammen mit Flotten von Mutanten erobert sie die Wildnis, wie ich es anfangs nicht für möglich gehalten hatte.
      » Hier eine kleine Hengstherde im Sonnenuntergang. Silent Bay sieht man nur sehr schlecht hinter dem Strauch, dafür steht Imoad, oder eigentlich In the Middle of a Dream gut sichtbar im Vordergrund, wie immer. Daneben siehst du Frekur und etwas weiterhinten Quisquilloso, obwohl du den wahrscheinlich schon von meinen letzten Bildern kennst, er ist ziemlich fotogen.
      » Auf dem letzten Bild sind, von links nach rechts, die drei restlichen Stuten zu sehen. Valhalla, Quicksilver und Atius Tirawa.
      Ich hoffe, du freust dich über die Bilder!
      Mio
      Charly » Liebste aller Mios!
      Die Bilder sind der Hammer! Ich vermisse deine fotografischen Künste auf unserer Ranch, auch wenn Tjarda auch ziemlich gute Bilder schießt, malt sie trotzdem besser.
      Da auch meine Zeit wegen Umzug ziemlich knapp ist, habe ich es dir gleichgetan und in den Umschlag einfach einige Bilder gesteckt, in der Hoffnung, dass sie dir gefallen.
      » Na, erkennst du, wer hier auf der Weide abgebildet ist? Charelle und April Rain müsstest du erkennen, bei den anderen habe ich Nachsehen mit dir. Die Namen sind auch nicht leicht zu merken. Himmawallajugaga, Devrienterreuth, Sysahlreuth, Zuckerschock und Raja, sie bilden unsere Vollblutherde und zeigen auch mit aller Macht, wie viel Energie sie besitzen.
      » Malte. Anfangs wehrte er sich gegen ein Foto, aber als er hörte, dass es für dich ist, konnte ich ihn endlich umstimmen. Das wunderhübsche Tier auf dem er sitzt heißt Angus, ein Suffolk Punch und der neue Liebling aller. Am Strick sind natürlich seine Schätze Félagi und Óslogi. Jeden Sonntag macht er einen Ausritt mit ihnen. Du würdest ihn wirklich mögen.
      » Und schon wieder Malte. Diesmal jedoch heimlich geschossen, wie man an der schlechten Qualität unschwer erkennen kann. Zu seiner rechten siehst du Black Lemontree, während das junge Mädchen, eine Reitschülerin, seinen Junghengst Dynur hält.
      » Hier nochmal unsere Jungpferde Aspantau, Abe‘s Aelfric und Mios Jelda, sowie ein hübsches Portrait von I‘ve got a blue soul.
      » Und zum Schluss nochmal ein unbekanntes und ein bekanntes Gesicht für dich. Einmal Abraham van Helsing, sowie natürlich deine Ocarina of Time, welche bei den Bildern nicht fehlen durfte. Auch sie entwickelt sich so langsam prächtig!
      Ich hoffe, dass wir beide endlich mal wieder mehr Zeit für einander finden!
      Deine Charly!
      Mio » Charly, ich komme! Ich komme zu dir! Ich habe es getan, ein Flugticket ist gekauft, erwarte mich...
      10.251 Zeichen von Canyon
      Malte » "Leute!" Wenn Charly so anfängt, dann hat sie eine Ankündigung zu machen, denke ich und löse meinen Blick von dem Häufchen Pferdeäpfel vor mir, welche Óslogi mir hinterlassen hatte. "Ich habe eine Ankündigung zu machen!" Aha, denke ich, habe ich es doch gewusst. "Ihr wisst ja, dass ich schon seit längerem auf der Suche nach Stallhilfe bin und ich denke, dass ich nun jemanden gefunden habe. Darf ich vorstellen? Eyvind Engh!" Ihre Stimme schallt durch den Stall und an ihrem Grinsen erkenne ich, dass sie wirklich zufrieden ist mit der Wahl. Hinter ihrem Rücken tritt jedoch ein Junge hervor, welchen ich am allerwenigsten einem Stallgebäude zugeordnet hätte. Er schiebt sich die runde schwarze Sonnenbrille auf seinen hellweißen Schopf und blickt die versammelte Stallgenossenschaft mit unverändertem Ausdruck an. Mein Blick tastet ihn vorsichtig ab und auch Petyr, einige Meter neben mir, scheint noch etwas verdutzt. Einen Nasenpiercing, dann noch einige an den Ohren und ziemlich unbequem aussehende Kleidung in schwarz. Sein Gesicht ist zart und weich, seine Augen stechen jedoch wieder hervor wie Zitronen unter einer Herde Erdbeeren. Vuyo ist der sozialste von uns und tritt mit ausgestreckter Hand auf ihn zu. "Vuyo, herzlich willkommen auf der Tyrifjord Ranch!" Das restliche Gespräch verpasse ich, weil Petyr mir in die Rippen boxt und so meine Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Ich stöhne und schlage Petyr aus Rache gegen die Schulter. Er hält nun also seine Schulter mit der einen Hand und ich meine Rippen.
      "Was'n dat für nen Kerl?" Fragt er mich und nickt in Richtung Eyvind. Ich zucke nur mit den Schultern.
      "Keine Ahnung, sieht doch ganz nett aus." Allerdings habe ich mir selbst noch keine wirkliche Meinung gebildet, versuche jedoch so offen wie möglich zu sein.
      Charly kommt nun auf uns zu, oder eher auf mich. Vuyo hat sich wieder seiner Arbeit zugewandt und als ob ich nicht wüsste, was jetzt kommt, stellt Charly die erwartete Frage. "Hey Malte, du, hast du zufällig Lust Eyvind die nächsten Tage etwas einzuarbeiten? Petyr ist ja leider wieder unterwegs und Vuyo hat mit der Reitschule so viel um die Ohren." Praktisch, dachte ich, mir bleibt dann nämlich der komplette Stall plus Eyvind. Ich lächle jedoch und sage: "Klar Charly, mache ich gerne!"
      "Auf dich ist immer Verlass!" Meint sie, klopft mir auf die Schulter und verschwindet dann mit einem kurzen Nicken zu Eyvind in Richtung Ausgang.
      "Dich scheint etwas daran zu stören?" Eyvind blickt mich fragend an. Er scheint wirklich nett, aber auf mein Gefühl verlasse ich mich schon lange nicht mehr. Ich zucke mit den Schultern und weiß noch nicht genau, was ich sagen soll. Er kommt mir jedoch zuvor. "Kann ich verstehen, Charly hat mir schon erzählt, dass du hier als treibendes Rad ständig etwas zu tun hast. Aber ich denke, ich kann dir ganz gut unter die Arme greifen." Beim näheren Hinsehen erkenne ich die dicken Ringe um seine Augen, sehe einige Sorgenfalten in seinem Gesicht und die ungewaschene Kleidung. Ich blinzle.
      "Danke", sage ich nur. Wie viel zu oft habe ich ein Loch im Kopf, wenn es darum geht, die passenden Wörter zu finden.
      "Also, was kann ich tun?" Fragt Eyvind mich und ein Lächelnd erscheint auf seinen Lippen. Er scheint wirklich begeistert von dem Gedanken, hier arbeiten zu können.
      "Äh", sage ich wieder wenig produktiv und stelle die Mistgabel zur Seite. "Du kannst mich zu den Weiden begleiten, ich will das Wasser kontrollieren." Meine ich und zeige in Richtung Ausgang. Eyvind nickt nur. Ich ziehe ihn also mit mir aus dem Stall, nicke im Vorbeigehen Petyr kurz zu und schlage dann den Weg in Richtung Weiden ein. Es ist ein kalter Frühlingstag. Wie gefühlt immer. Der Nebel liegt noch an den Ufern des Fjords und bedeckt die eigentlich schon grünenden Wiesen mit einer Schicht aus grau. Die erste Weide, die wir erreichen, ist die kleine Hengstweide. Unsere vier verbliebenden Vollblüter stehen hier. Vollblüter waren nie mein Spezialgebiet und trotzdem habe ich (fast) alle ins Herz geschlossen. Ich passiere den Zaun geschickt und winke Eyvind dann zu, er solle mir folgen.
      "Osgiliath", sage ich und zeige auf den Hengst, der uns am nächsten steht. "Bei ihm, wie fast bei jedem anderen Pferd welches Nicolaus angeschleppt hat, würde ich etwas Abstand halten. Das gleiche kannst du bei Worgait", ich zeige auf den hellen Tekkiner Hengst, "Und natürlich auch bei Marid beachten." Diesmal nicke ich nur in Richtung Marid, welcher mit gespitzten Ohren am Offenstall steht. Ich spüre seinen Blick auf mir, seinen hinterlistigen Blick. Er weiß genau, dass ich über ihn red. Dann stelle ich ihm noch Valentines Alysheba vor und mache mich an die Arbeit.
      Während ich frisches Wasser nachfülle, fallen mir endlich einige wenige Frage ein. "Sage mal, Eyvind, was ist so deine Vorliebe bei Pferden? Reitest du selbst?"
      "Vorliebe?" Er erscheint einen Moment verwirrt und runzelt die Stirn. "Du meinst, was ich für Rassen mag und so?" Ich nicke. "Ich bin da offen, ich habe keine Vorlieben." Meint er nur. Aha. Denke ich und fühle mich nicht schlauer als zuvor. Das Wasser ist auch fertig und so sehe ich die Möglichkeit, das kleine Gespräch schnellstmöglich zu beenden. Nachdem wir noch Grenzfee und Teufelstanz auf ihren Weiden besucht haben, geht es zurück in den Stall. Ich bin erstaunt Petyr noch anzutreffen, meist verdrückt er sich bei der erstbesten Möglichkeit. Mir zusammengekniffenen Augen verfolgt er jede Bewegung Eyvinds und auch als ich in böse anstarre, lässt er nicht von ihm ab. Ich seufze. Eyvind dreht sich erstaunt zu mir um und blickt mich fragend an. "Alles ok?" Ich nicke schnell und erzwinge mir ein kleines Lächeln. "Ok, wohin geht es als nächstes?"
      "Ich muss eine unserer Stuten versorgen. Sie hat vor zwei Tagen ein Fohlen zur Welt gebracht und ist - etwas eigensinnig seit dem." Was jedoch für mich nicht verwunderlich ist, wenn man einen Besitzer namens Nicolaus du Martin hat, denke ich, spreche es jedoch nicht laut aus.
      Colour Splash steht mit angelegten Ohren in ihrer großzügigen Box. Nicht nur das, wir haben ihr sogar eine Trennwand entfernen lassen, sodass die beiden Stuten genügend Platz haben. Zu ihren Füßen liegt der neue Stern des Gestüts und bereits am Namen kann man die Spuren Nicos erkennen. "Simplicity of Sophistical, oder einfach nur Simple." Sage ich zu Eyvind gewandt und etwas kann ich den Stolz in meiner Stimme nicht verstecken. Auch ich bin froh, dass Splash es endlich geschafft hat. "Ihre Mutter heißt Colour Splash." Ich deute auf Splash, welche die Ohren nach hinten legt und mit einem Huf scharrt.
      "Sie scheint unruhig." Meint Eyvind und betrachtet die Stute fasziniert. "Ist sie immer so?"
      Ich schüttle den Kopf. "Nein, nicht immer. Aber sie mag das Boxenleben nicht." Ich nicke in Richtung Nachbarbox. "Seit dem wir jedoch halbtags ihre Freundin Shari drinnen lassen, geht es schon besser."
      Ich bin recht froh, als ich wenig später Eyvind eine Mistgabel in die Hand drücke, mit der Aufgabe, in den Offenställen der Jungpferde etwas Ordnung zu machen. Ich atme erleichtert auf, als sich eine Hand auf meine Schulter legt. Erschrocken fahr eich herum und blicke in das Gesicht Petyrs. "Gott!" Rufe ich und funkle diesen böse an. "Du sollst das lassen!"
      Petyr grinst. Dass ich ihn Gott genannt hatte, schien ihm zu gefallen. "He Malte, du, sag' mal, wie ist denn dieser Eyvind so? Is' er nett?"
      "Petyr, weißt du, dass du durchgängig die Endungen von Wörtern verschluckst?" Sage ich nur und greife nach meiner Mistgabel.
      "Jaja, weiß ich. Aber los sag' mal, ich muss doch wissen, wer hier so auf dem Hof unterwegs ist." Er lässt wie immer nicht locker.
      "Da habe ich eine Idee." Sage ich und drücke Petyr die Gabel in die Hand. "Hilf ihm doch einfach bei den Offenställen." Ich grinse ihn an und als er sich nicht von der Stelle rührt, nicke ich mit meinem Kopf in Richtung Ausgang. "Los, du Faulpelz!"
      Er sieht ein, dass er aus mir nichts rausbekommt und funkelt mich böse an, macht sich aber trotzdem auf den Weg zu Eyvind. Mein Weg führt mich jedoch in die andere Richtung zu unseren Paddocks. Seit einigen Tagen steht hier zur Eingewöhnung Sawanna. Ihre Reise hier her ist lang und anstrengend gewesen und ich sehe ihr an, dass sie erschöpft ist. Hinzu kamen ihre Vertrauensprobleme und auch wenn Nico und auch ich tagtäglich mit ihr arbeiten, ist es noch nicht viel besser geworden. Ich nehme das Halfter vom Hacken, stehe jedoch noch einige Minuten unbeteiligt hinterm Zaun, bevor ich mich auf ihr Territorium getraue. Sawanna wird ihrem Namen ziemlich gerecht. Nicht nur der hübsche helle Fuchston, auch der hitzige und stürmische Charakter passten dazu. Ziel war es, sie innerhalb der nächsten Tage an Shyvana und Samarra zu gewöhnen und so wie Petyr es letztens deutlich erwähnt hatte, passten die jungen Stuten nicht nur vom Namen zusammen. Während ich schließlich mit Sawanna den Weg in Richtung Wald einschlage, versuche ich krampfhaft einen Spitznamen für sie zu finden. Samarra hat von mir bereits den Namen Sammy erhalten und Shyvana heißt meist nur Shyva. Es muss also etwas genauso schönes her. Obwohl Sawanna schreckhaft ist, scheinen sie die Hengstweiden nicht zu stören. Weder Bijou, noch Volente oder Phenomenon schenkt sie einen Blick und auch den neuen Brego, welcher genauso wie sie noch einzeln gehalten wird, beachtet sie nicht. Auch von mir hält sie durchgängig einen gewissen Abstand, scheint sich jedoch jedenfalls ein bisschen an mich gewöhnt zu haben. Das Ziel von Sawanna und mir ist eine kleine Weide in der Nähe der Zackelschafe und Bellas Pferden. Auch sie habe ich schon länger nicht gesehen, sodass ich die Chance ergreife und meine Schritte zu den Isländern lenke, nachdem ich Sawanna auf ihre Weide entlassen habe.
      In der Hoffnung, Bella bei ihren Pferden zu entdecken, schlage ich mich durch die rasant gewachsenen grünen Äste, rechts und links des Weges.
      Bellas Weiden lagen etwas abseits. Ihre Isländer standen durchgängig auf der Weide und so verwundert es mich nicht, dass ich auch dieses Mal die versammelte Mannschaft erblicke. Den jungen Fafnir am Zaun erkenne ich sofort und das niedliche Jungpferd daneben enttarne ich als Litfari. Von Bella ist jedoch keine Spur zu sehen. so gebe ich mich geschlagen und mache mich zurück auf dem Weg zum Hof.
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      Mio » Zwei Jahre später stand ich an einem Punkt in meinem Leben, wo ich mir nie hätte denken können zu stehen. Die Zweifel plagten mich, Nächte lag ich wach und blickte in das stets friedlich ruhende Gesicht von Jacob. Die Mondstrahlen spiegelten sich auf seiner Haut wider und brachten seine dunklen Locken zum teuflischen Glänzen. Ich lag im tiefen Schatten.
      Als die ersten Sonnenstrahlen einige unruhige Stunden später den Weg durch die Vorhänge suchten, war ich längst munter. Ich stand im T-Shirt in der Küche und rührte in einem Topf umher, welcher eigentlich so etwas wie Schokopudding enthalten sollte. Es sah jedoch eher nach aufgeweichten Pferdeäpfeln aus. Der Schneebesen in meiner Hand wollte einfach nicht verstehen, dass ich keine Klumpen in meinem Essen haben wollte. Ich biss die Zähne zusammen, um für Jacob jedenfalls so etwas ähnliches wie ein Frühstück auf die Beine zu stellen. Mein Blick fiel auf den Garten hinter dem Fenster. Jacob hatte sich wunderbar darum gekümmert und fast konnte ich mit Stolz sagen, dass unsere blühenden Blumen die prächtigsten waren. Hinter dem Garten erstreckte sich die trübe See. Dunkles Wasser schwappte immer wieder gegen die Brandung und hielt das Geschehen in Bewegung. Es war so anders, so vollkommen anders und doch fühlte ich mich wohl.
      Mein Gedanke fiel auf Addi. Er war nicht glücklich gewesen, aber er hatte es getan. Er hatte es für mich getan. Aber sein Leben war nun gezielter geworden. Er lebte nicht nur noch von Spenden, sondern verdiente sich mit seiner Arbeit viel Geld. Er hatte seine Prinzipien geändert, hatte sie den meinen angepasst und da waren wir nun. Familie Moore und Mio mitten auf einer Insel im norwegischen Fjord.
      Ich hatte gerade die Schokoklumpensoße in eine Schüssel gefüllt und auf den Tisch gestellt, als Jacob unsere Küche betrat. Er gähnte ausgiebig und schlurfte dann zu seinem Stuhl, wo er sich erschöpft niedersinken ließ.
      "Guten Morgen, Jac." Meinte ich liebevoll und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn. Dieser brummte nur zustimmend, schnappte sich seinen Löffel und begann wild zu essen. Nach den ersten Bissen hielt er jedoch inne und blickte zu mir hoch, denn ich stand immer noch neben ihm.
      "Willst du denn nichts essen?"
      Ich schüttelte den Kopf. "Mag keinen Schokopudding."
      "Mio", meinte er warnend, "du isst zu wenig."
      "Tue ich nicht!" Wehrte ich mich. "Und außerdem mag ich wirklich keinen Schokopudding." Ich setzte mich gegenüber von ihm nieder. Jac zuckte nur kurz mit den Schultern und begann dann weiterzuessen.
      Addison » "He Chill! Das ist mein T-Shirt!" Erfolglos versuchte Buck seinem Bruder das Badmanshirt aus den Händen zu reisen.
      "Das stimmt nicht! Das ist meins!" Chill stemmte beide Füße in den Boden, um seinem Bruder standzuhalten.
      "Daaad! Chill will mir nicht mein T-Shirt wiedergeben!" Rief Buck laut.
      Addison steckte den Kopf durch die Tür. Er war in den letzten Monaten stark gealtert. Seine Augen lagen tief in ihren Höhlen und die Haare hatten erste graue Strähnen. Er schien kraftlos, als er beschwichtigend nach dem T-Shirt griff, trotzdem zog er es seinen Kindern ohne Probleme aus den Händen. Er suchte den kleinen Zettel im Nacken heraus, laß den Namen und gab es dann Buck. "Dein Bruder hat Recht, Chill, das T-Shirt gehört Buck. Schaue mal in deinem Schrank, wo sich deins versteckt haben könnte." Meinte er liebevoll und klopfte Chill aufmunternd auf die Schulter. "Beeilt ihr euch bitte? Ich will nicht, dass ihr den Bus verpasst."
      Charly » "Warum schreit Bart denn schon wieder?" Mit grimmigen Gesicht steckte Nico seinen Kopf durch die Küchentür und versuchte verschlafen etwas zu erkennen.
      "Guten Morgen, Nico. Gut, dass du dich auch endlich dazu bereit erklärt hast, aufzustehen." Gestresst blickte Charly über die Schulter zu ihm hin.
      "Was ist denn jetzt schon wieder los?" Meinte dieser genervt und betrat den Raum.
      "Ach nichts!" Lachte Charly hölzern und warf sich dann ihr wildes Haar über die Schulter. "Es ist ja nur Montagmorgen, die Arbeit wartet und dein Sohn wehrt sich krampfhaft gegen alles, was ich ihm aufs Brot schmiere und was kein Lolligeschmack hat, also gegen alles!" Wütend ließ sie das Messer fallen, drehte Barts Stuhl zu sich herum und hob den immer noch schreienden und nun auch strampelnden Jungen heraus. "Dann geht er heute ohne Frühstück in den Kindergarten!"
      "Charly, hey", Nico war an sie heran getreten und legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter. "Komm', gib ihn mir."
      Grob reichte Charly ihren Sohn an Nico weiter, welcher sich von ihr abwendete und versuchte sein Kind zu beruhigen. Charly ließ sich erschöpft aufs Sofa fallen und verbarg ihr Gesicht hinter ihren Händen.
      Zwei Minuten später hatte Bartholomäus sich beruhigt und Nico setzte sich neben Charly, auf seinem Schoß Bart sitzend. "He Charly," meinte er sanft. "Du bist ganz schön fertig. Ich kümmere mich heute um Bart, mache du mal einen ruhigen, das hast du dir verdient."
      Als Charly nicht antwortete, stand Nico auf und verließ mit Bart den Raum.
      Malte » Mittlerweile hatte ich mich daran gewöhnt, nicht allzu hastig aufstehen zu können. Die Decke meines kleinen Zuhauses war nur wenige Zentimeter über meinem Kopf. Langsam rollte ich mich deswegen aus dem großen Bett und lief leicht gebückt bis zur Holzleiter. Gery nahm es mir übel, dass er alleine unten schlafen musste, dafür hatte er auch in unserem neuen Zuhause seinen geliebten Kamin bekommen. Obwohl dieser nicht brannte, schlief der große Rüde jede Nacht davor, als würde dieser ihm die Wärme geben, die er zu brauchen glaubte. Der schwerhörige alte Hund hob erst den Kopf, als ich auf den Knopf meines Radios drückte und dieses mit einigen Startproblemen ansprang. Er murrte jedoch nur kurz und ließ seinem Kopf dann wieder zurück auf die Pfoten sinken. Ich betrachtete den alten Herren einige Sekunden, während aus dem Radio "Keep on the sunny side" erklang. Gute Einstellung, dachte ich, während ich im Takt den Abwasch der letzten Tage machte. Leise summte ich die Melodie mit, richtete meinen Blick aus dem Fenster und betrachtete die Natur vor meiner Haustür. Ich hatte den hübschesten Platz erwischt. Der Wald um mich herum bot mir jede Menge Schutz vor der Sonne und vorm Wind, welcher an manchen Tag recht frisch vom Fjord zu uns herüber wehte.
      Nachdem der Abwasch erledigt war, zog ich mich an und machte mich auf den Weg zum Stall. Gery ließ ich im Haus zurück. Seit ein paar Wochen schon, begleitete er mich nicht mehr täglich, seine Kraft schien zu schwinden. Ich hatte damit gerechnet und es war in Ordnung, so wie es war.
      Mio » Ich stand pünktlich wie immer am Weidezaun, den Hut trotz der fehlenden Sonnenstrahlen auf meinem Kopf und eine dicke Jacke über mein helles Hemd gezogen. Auch die Pferde hatten ihre Zeit gebraucht, um sich von vierzig Grad täglich auf eine Durchschnittstemperatur von 17 Grad umzugewöhnen. Im Gegenteil zu Addison, welcher sich komplett den Klimaverhältnissen angepasst hatte, hielt ich meinen Stil aus vergangenen Zeiten so gut wie möglich bei. So schnell würde ich nicht alles aufgeben.
      Addison kam wie immer zu spät. Chill und Buck forderten, seitdem wir in Norwegen wohnten, durchgängig seine Aufmerksamkeit. Heather half ihm so sehr wie möglich bei der Erziehung der Zwillinge, jedoch hatte auch sie noch ihr eigenes Leben.
      Abgehetzt und mit grimmigem Blick, kam Addi auf mich zu, er nickte mir kurz zu, ich nickte zurück und gemeinsam machten wir uns an die tägliche Arbeit. Unsere Mustangs hatten einen schönen Platz bekommen. Sie hatten ihren eigenen Teil der Insel. Zwei weitläufige Weiden, mit Bäumen, Sträuchern und kleinen Hügeln waren so natürlich angelegt wie nur möglich und viele der Pferde hatten sich schnell daran gewöhnt.
      Während wir zusammen neues Heu schleppten, merkte ich, wie Addi mir immer wieder Blicke zuwarf. Er schien mich zu begutachten und seine Skepsis war nicht zu übersehen. "Mio", er legte einen Arm auf meine Hand, als ich gerade einen Wassereimer anheben wollte, "Mio, seit wann hast du schon nichts mehr gegessen?"
      Ich ließ den Eimer los und richtete mich auf. "Seit wann, macht sich jeder darum Gedanken, dass ich zu wenig esse?! Ich bin erwachsen und kann selbst gut genug einschätzen, wann und was ich esse!" Ich zog meine Hand aus seinem Griff und blickte Addi in die Augen. Ich sah den Schmerz in ihnen, den Verlust, die Angst. Ich sah seine grauen und mageren Haare, die Falten auf seiner Stirn und die knorrigen Hände. "Du solltest lieber selbst einmal in den Spiegel schauen, du siehst nicht besser aus." Meinte ich schwach und hob den Eimer ein weiteres Mal. "Warum machst du dir zu erst um mich Sorgen, anstatt um dich selbst?" Sagte ich, bevor ich mich von ihm abwendete.
      "Das weißt du Mio." Flüsterte Addi zerschlagen. "Du wärst dumm, wenn du es nicht sehen würdest."
      Petyr » "Saga Glasberg, was soll bitte dieses eklige Gummiband auf meinem Schreibtisch?" Grinsend hob Petyr ein breites Band in die Höhe und hielt es seiner Freundin vor die Augen. "Bitte nicht schon wieder ein neues Hobby!"
      "Ach quatsch!" Saga riss ihm das himmelblaue Band aus der Hand. "Das ist mein neues Stretchband. Das haben seit neuestem alle in meiner Balettgruppe und ich finde es auch ziemlich hilfreich!"
      Petyr verzog angeekelt den Mund und ließ das Band fallen. Bevor es auf dem Boden aufkam, hatte Saga es aufgefangen und sich mit einem dramatischen Nebeneffekt in die Arme von Petyr geworfen. Dieser hielt sie fest umschlungen und drückte ihr dann einen Kuss auf den Mund. Als sie sich wieder von einander lösten, lag auf beiden Gesichtern ein rötlicher Schleier und sie lächelten verliebt.
      "Malte wartet bestimmt schon im Stall auf mich. Du weißt, dass er es nicht leiden kann, wenn ich zu spät komme."
      "Jaja, renne nur zu deinem Malte." Saga dreht sich eingeschnappt und mit verschränkten Armen um, sodass Petyr sie noch einmal zu sich ziehen musste und sie innig küsste. Dann schnappte er sich eilig seine Jacke und verließ die Dachbodenwohnung, ohne noch einmal zurückzublicken.
      Eyvind » Während alle anderen noch schliefen, war Eyvind wie immer der erste im Stall. Ihn trieb nichts anderes an, als die Pferde. Die tägliche Arbeit, beginnend beim Morgengrauen, hielt ihn in Bewegung. Er brauchte den Ausgleich zu den Stunden in der Nacht, die er im Bett verbrachte und selbst diese wurden in manchen Nächten von Spaziergängen durchbrochen. Er war der stille Nachtwächter, welcher mit seinem wachen Auge jede Regung genau auffasste. Er war so unauffällig, wie sonst keiner auf dem Gestüt. Jeder hatte seine Probleme zu tragen und jeder trug dies offensichtlich als Rucksack. Nur Eyvind schien seine Sorgen in dem Platz vor den Zehen in den Schuhen zu verstauen und hatte sogar noch Freiraum für die seiner Freunde.
      Die Pferde waren bereits gefüttert, als Malte und Petyr zu ihm hinzu stießen. Die letzten kauten friedlich an den restlichen Körnern. Der Hauptstall war riesig, mit neuester Technik ausgestattet und perfekt an die Wünsche der Sportpferde angepasst, welche hier ihr Zuhause gefunden hatten. Die Boxen besaßen allesamt ein kleines Paddock, welches die Pferde ganztägig benutzen durften.
      "Wie du nur immer so früh wach sein kannst..." Petyr gähnte ausgiebig und blieb vor Eyvind stehen.
      Malte währenddessen klopfte Eyvind auf die Schulter. "Danke man, was würden wir nur ohne dich tun." Dankbar schaute er seinem Freund an und lächelte. Es hatte seine Zeit gedauert, bis die drei sich als Team verstanden hatten, denn vor allem Malte war es schwer gefallen, einen weiteren Arbeiter zwischen ihm und seinem langjährigen Freund Petyr zu akzeptieren.
      Die drei Männer wollten sich gerade an die Arbeit machen, als Heather in den Stall gehetzt kam. Die junge und auffällige Frau mit den blonden Locken hatte keine Probleme gehabt, sich in der Stallgesellschaft einzufinden. Sie war offen, warmherzig und stets voller Energie.
      "Leute!" Trällerte sie lauthals und hastete auf die kleine Versammlung zu. "Los, los! Ihr habt eine Minute Zeit mir zu sagen, was ihr aus der Stadt braucht!" Sie kramte einen Notizblock samt Stift aus ihrer Tasche und schaute die drei Männer erwartungsvoll an.
      Malte schüttelte bloß den Kopf. "Danke, ich brauche nichts."
      Heathers Blick schwankte weiter zu Petyr. "Und was ist mit dir, du Faulpelz?"
      "Öh", überfordert zuckte Petyr mit den Schultern. "Kein Plan. Ruf' aber mal Saga an, die hat bestimmt was für dich."
      Auch Eyvind lehnte dankend Heathers Angebot ab, sodass diese ihren Stift einsteckte und seufzte. "Ich bin jetzt extra wegen euch zum Stall gerannt. Den Weg hätte ich mir ja dann auch sparen können." Sie boxte Eyvind gegen die Schulter und zwinkerte Malte kurz zu. "So bis dänne, ihr Pappnasen!" Rief sie, als sie sich bereits wieder umgedreht und mit großen Schritten den Stall verließ.
      Tjarda » Tjarda liebte diesen hochgewachsenen Mann mit dem kantigen und doch so weichen Gesicht und viel mehr liebte sie jedoch die hellen Augen, welche sich so von seinem dunklen Körper abhoben. Es war ihre liebste Zeit, wenn sie nebeneinander im Bett lagen, er noch schlief und sie am frühen Morgen die Erste war, die in diese Augen blicken durfte. Vuyo schlief jede Nacht friedlich, während Tjarda oft stundenlang wach lag. Es war diese Gegenteiligkeit, an welcher beide Gefallen gefunden hatten.
      Als Tjarda wenig später das gemeinsame Haus verließ und sich auf den Weg zum Haupthaus machte, stieß sie auf Heather. Stürmisch umarmte diese ihre Freundin, erzählte ihr dann von dem geplanten Einkauf und bot Tjarda an, sie in die Stadt mitzunehmen.
      Die Wälder und Berge, Seen und kleine Dörfer zogen nun an ihr vorbei, während sie verträumt aus dem Fenster blickte. Heather am Steuer erzählte ununterbrochen, lachte über ihre eigenen Witze und fand zu jedem Thema ein weiteres Thema, welches damit in Verbindung stand. Heather erzählte immer. Egal ob es ihr gut ging oder nicht. Tjarda mochte diese offene Art, sie selbst war eher das Gegenteil. Verschlossen und ruhig. Sie wollte nicht hoch hinaus, der ihr angebotene Modeljob hätte das erbracht, sondern ihr reichte das stille Kunstmuseum in der Innenstadt. Menschen zu beobachten und zu zeichnen war ihre große Stärke und seit einigen Jahren war sie mit dem bisschen Einkommen schon zufrieden.
      Heather parkte ihren kleinen Flitzer genau im Parkverbot vor dem Museum, schaffte es, ihre Freundin schwungvoll im Auto zu umarmen und sie mit reichlich Worten zu verabschieden. Tjarda winkte ihr noch lächelnd zu, bevor Heather Gas gab und um die nächste Ecke brauste. Lächelnd betrat Tjarda die schmuckvolle Eingangshalle und begann ihren Arbeitstag.
      Mio » Ich schaffte es, Addi die nächsten Stunden aus dem Weg zu gehen. Erst kurz nach Mittag traf ich in der kleinen Reithalle auf ihn. Quisquilloso lief erst seit einigen Wochen unter dem Sattel und so musste ich einen Moment bewundert stehen bleiben, als ich Addi mit dem Hengst arbeiten sah. Quisquis Start war nicht einfach gewesen. Er hatte immer wieder Rückenprobleme und leichte Verletzungen gehabt, obwohl er sein Bestes tat sich schnell anzupassen. In Gedanken versunken lehnte ich an der halboffenen Tür. Addis Arbeit begeisterte mich immer wieder und obwohl ich seit drei Jahren Tag für Tag mit ihm verbrachte, hatte ich mir noch längst nicht alles abschauen können. Hinzu kam, dass die Beziehung zwischen uns schon seit längerer Zeit abgekühlt war, seit genau dem Tag, an dem ich Jacob lieben gelernt hatte. Addison mochte seinen Cousin nicht.
      Ich war so in Gedanken versunken, dass ich nicht merkte, wie Addi vor mir zum Stehen kam, leichtfüßig aus dem Sattel rutschte und dann vor mir landete. Er hatte geweint, ich erkannte einen leichten roten Rand um seine Augen und mittlerweile kannte ich ihn so gut, dass ich wusste, dass es ihm nicht gut ging.
      "Hallo Mio."
      Malte » "Was sind das denn für fette Brocken?" Sagas tiefe Lache schallte durch die Stallgasse, als sie die beiden Irish Draughts sah. Ich schaute sie wütend an. Man merkte, dass sie von Pferden nicht allzu viel Ahnung hatte, denn ihre Lautstärke schaffte sie nicht zu zügeln.
      "Der eine davon heißt sogar Brock." Flüsterte ihr Petyr ins Ohr und sie brach wieder in Gelächter aus.
      "Petyr, musste das sein?" Mein wütender Blick galt nun Petyr, welcher sich kindisch hinter Saga versteckte und so tat, als wäre er dort sicher vor mir. Ich hatte mir immer erhofft, dass er in einer Beziehung endlich seine reife Seite finden würde, aber genau das Gegenteil war geschehen. "Saga, was machst du eigentlich hier? Musst du nicht arbeiten?"
      "Nö, erst heute Nachmittag." Sie grinste. "Aber Malte, jetzt mal ehrlich, die beiden kenne ich noch nicht, oder? An den Namen Brock würde ich mich sonst erinnern." Vergnügt gluckste sie und stieß Petyr an.
      Ich ließ Saga mit einer Antwort warten, bis ich erst Belmonts Brock und dann Belmonts Beo in ihre Boxen gebracht und beide Türen verschlossen hatte. "Beo und Brock. Nein kennst du noch nicht, sind erst seit ein paar Tagen hier und es wird hoffentlich auch nur eine Übergangslösung." Antwortete ich ihr knapp, während ich meine stets verdreckten Hände an meiner Hose abzuwischen versuchte. "Noch mehr Pferde und ich erwarte von Charly eine Gehaltserhöhung."
      Charly » Unruhig stieß Charly immer wieder mit dem Bleistift auf den Tisch. Hunderte von kleinen Einkerbungen hatten sich bereits angesammelt, diese schien sie jedoch nicht zu merken. Der helle Bildschirm zeigte Dokumente, Tabellen und Internetseiten, mehrere leere Kaffeetassen standen neben ihr und Briefe aller Art stapelten sich auf dem ganzen Tisch. Charly hatte Nico seit heute Morgen nicht mehr gesehen, aber auch das schien sie verdrängt zu haben. Auch Charly hatte schon bessere Zeiten gesehen. Sie hatte zugenommen und ihre sonst so makellose Haut sah unrein aus. Auch der Konsum an Zigaretten war wieder gestiegen und das, obwohl sie genau wusste, dass sie das Geld nicht hatten. Viele Jahre lang hatte sie drauf verzichtet, aber mit ihren entstandenen Problemen war sie wieder in alte Gefilde gefallen.
      Es klopfte. Es klopfte selten jemand an ihre Tür, die meisten spazierten herein wie sie wollten und es erstaunte sie noch mehr, als Nico den Kopf zur Tür herein steckte. "Charly?"
      Sie drehte sich zu ihm um, wusste einen Moment nicht, was sie sagen sollte und meinte dann: "Ja? Alles gut?"
      Nico nickte und trat ganz ein. "Hast du kurz Zeit? Ich würde dir gerne jemanden vorstellen." Aufgewühlt blickte Charly zu ihm auf. Nico verwirrte sie. Er schien fast unsicher in seiner Art, als wüsste er selbst nicht so genau, was er gerade tat. Es versetzte ihr einen Stich, ihn leiden zu sehen. Sie hatten sich mal geliebt und vielleicht liebten sie sich immer noch.
      "Nico?"
      "Ja?"
      "Wirklich alles in Ordnung? Geht es Bart gut?"
      Nico nickte hastig. Charly stand auf und ging durch die offene Tür, welche Nico ihr aufhielt.
      "Was ist das?" Erschrocken blieb Charly stehen, als sie einen Transportkorb im Wohnzimmer stehen sah. "Nico!"
      "Bitte sei mir nicht böse!" Flehentlich presste er die Hände zusammen. "Bitte, gib ihr eine Chance."
      "Wem eine Chance?" Charly blieb ruhig, ihre Augen funkelten jedoch. "Nico, wem soll ich eine Chance geben?"
      Nico zögerte, dann ging er zum Transportkorb, öffnete ihn und drehte sich dann zu Charly um. Auf seinem Arm saß ein kleiner Welpe, einige Wochen alt. Nur ein Fleck am Ohr, ein blaues und ein braunes Auge.
      "Nico was soll das?! Ich habe dafür keine Zeit!" Charly hielt sich die Hand an die Stirn. "Nico..."
      "Charly, es tut mir Leid, bitte, ich wollte dir einen Gefallen tun. Wir können uns zusammen um sie kümmern, als Familie. Du weißt, wie sehr Bart Hunde mag."
      "Sind wir überhaupt noch eine Familie, Nico?"
      "Charly", schmerzhaft verzog Nico das Gesicht. Er trat einen Schritt auf sie zu, den ängstlich schauenden Welpen immer noch auf dem Arm. "Sage so etwas nicht, ich liebe dich. Ich liebe dich so sehr, du hast mich verzaubert und ich sehe nun, dass ich so viele Fehler begangen habe. Bitte, gib mich nicht auf!"
      "Woher weiß ich, dass du dich wirklich verändert hast? Warum sollte ich dir glauben, dass du nun wahrhaftig auf meiner Seite bist? Es ist so viel passiert."
      "Ich liebe dich", verzweifelt flüsterte Nico die magischen Worte. "Ich liebe dich." Seine Stimme versagte.
      "Ich liebe dich doch auch." Charly flüsterte ebenfalls und trat einen Schritt auf ihn zu. Zärtlich streichelte sie den weichen Kopf des Hundes und blickte dann ins Nicos Gesicht. Er lächelte vorsichtig, zog eine Hand unter dem Bauch des Hundes hervor und strich sanft eine dunkle Strähne aus Charlys Gesicht.
      "Also gut." Charly seufzte und trat einen Schritt zurück. "Wie soll unsere neue Mitbewohnerin denn heißen?"
      Mio » Addison schwang die Zügel über den Kopf des Pferdes und trat dann noch einen Schritt auf mich zu. "Schön dich zu sehen." Ich blinzelte. Wie meinte er das? Er verhielt sich komisch. Ich hatte plötzlich das Gefühl, als ragte Addison bedrohlich vor mir auf und mit einem Mal spürte ich so etwas wie Angst vor ihm. Seine hochgewachsene Gestalt drängte mich zurück, doch konnte ich nicht weichen, nur wenige Zentimeter hinter fühlte ich das schwere Tor. Er streckte eine Hand nach mir aus, legte sie an meine Hüfte und zog sich zu mir heran.
      "Addi," mein Atem stockte. "Addison!" keuchte ich und versuchte ihn von mir wegzuschieben. "Addison, was soll das?"
      "Mio, ich kann nicht mehr, du kannst mir das nicht mehr antun." Er beugte seinen Kopf zu mir herunter, kam meinen Lippen bedrohlich nahe, während ich mit aller Macht versuchte, mich seinen starken Armen zu entwinden. "Vielleicht muss ich dich dazu zwingen, damit du siehst, was du verpasst." Die Zeit schien still zu stehen. Ich presste meinen Mund zusammen, doch Addison legte den seinen erstaunlich sanft auf den meinen, um dann mit jeder Menge Energie seinen Mund mit meinem zu verbinden.
      Mit einem befreienden Stoß stieß jemand das Tor auf und drückte Addisons Körper von mir weg. Helles Licht flutete ihn die Halle und erleuchtete Eyvind, welcher sich schützend vor mir aufgebaut hatte. Addison stolperte zurück, ich sah den Schock und die Verständnislosigkeit in seinen Augen, bevor er sich auf Quisquilloso stürzte und mit dem erschrockenen Hengst im Galopp die Halle verließ.
      Ich stand unter Schock. Die Tränen flossen, ich merkte sie kaum. Nur Eyvinds Arme, welche sich um mich schlossen und an sich zogen. Stumm weinte ich, während die ruhige Stimme von Eyvind ein Lied summte. Er hielt mich fest, bewahrte mich davor zu versinken und auch ich krallte mich an ihn, verkrampfte mich, während immer wieder Schüttelanfälle über mich hereinbrachen.
      Ich sah Addison nicht mehr. Nicht an diesem Tag und auch am nächsten nicht. Ich trocknete meine Tränen, Eyvind brachte mich zu meinem Haus und nachdem ich ihm versichert hatte, dass alles gut war, ließ er mich alleine. Jacob erzählte ich nichts. Er merkte, dass es mir nicht gut ging, hackte jedoch nicht weiter nach. Ich versank am Abend in seinen Armen und tauchte ab in einen unruhigen Schlaf.
      Eyvind » Nachdem Addison spurlos verschwunden war und nur Eyvind und Mio die Geschichte wussten, zog Heather für eine Nacht zu Chill und Buck ins Haus. Beide waren verwirrt, erwarteten eine klare Antwort von ihrer Tante und erfuhren jedoch nur noch mehr neblige Ausreden.
      Als Addi kurz nach um zehn noch immer samt Quisquilloso verschwunden war, stiegen Nico und Vuyo, sowie Malte und Tjarda in ihre Autos und machten sich auf dem Festland auf die Suche nach dem verschwundenen Addison. Als auch nach Mitternacht noch keine Spur von ihm zu finden war, gaben die vier es auf und kehrten zurück auf die Insel. Nach einer kurzen Besprechung im Haupthaus, verteilten sich alle auf der Insel und wenig später lag diese von einem stummen Tuch umhüllt, unruhig schlafend da. Nur ein Schatten, wachend, schlich am südlichen Ufer entlang. Seinen wachen Blick über dunkle Wasser in die Ferne gerichtet
      "Rakkaus ja epätoivo." Flüsterte Eyvind in seiner Sprache und wendete seinen Blick dann zum Himmel. "Wer braucht das schon?"
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      Malte » Noch am gleichen Tag wie die Araber, kamen auch die Vollblüter auf die Rennbahn. Die vier hatten diese in den letzten Wochen ausgiebig nutzen dürfen, sodass es heute wie die letzte Zeit auch schon, nur ein Routinetraining werden würde. Charly hatte uns die vier bereits gründlich vorbereitet, als wir den Stall betraten, sodass sich jeder nur noch sein Pferd nehmen brauchte, aufsteigen musste und dann wieder zurück zur Rennbahn ritt. Charly wünschte uns wie immer viel Glück und beobachtete uns, bis sie uns aus den Augen verlor. Ich hatte mir heute den begabten Junghengst Valentines Alysheba geschnappt, während Vuyo, der beste Jockey den ich kannte, sich mit dem noch etwas weniger gut trainierten Osgilath beschäftigen würde. Petyr ritt seine Teufelstanz und Eyvind hatte das Vergnügen mit Teufel 2 - Unserer Grenzfee. Jeder schien ganz zufrieden mit seiner Wahl, auch wenn Eyvind einige Sorgenfalten auf der Stirn hatte, als die unruhige Stute nervös vorneweg tänzelte. Der Ritt zur Bahn war der erste Teil des Warmlaufens, sodass wir sofort mit dem Trab starten konnte, als wir angekommen waren. Unsere Bahn war nicht die Größte und modernste, aber das brauchten wir auch nicht. Für unsere Zwecke war sie vollkommen zufriedenstellend. Eine große Runde ging es gemeinsam im Trab über die Bahn hinweg und ich, der mit Alysheba einige Meter vor den anderen lag, dachte ein weiteres Mal, dass Sheba auch ein guter Trabhengst sein könnte, so viel Kraft wie er auch in den Trab steckte. Nach dem Aufwärmen gab es einen kurzen Aufgalopp, bevor wir uns zu einem kleinen Wettkampf am Start einfanden und auf mein Zeichen in einem Kopf-an-Kopf-Rennen die Galoppbahn entlang flogen. Trotz Grenzfees Alter und Osgiliaths wenigem Training, lagen die beiden bis zur Hälfte ein Stück vor mir und Petyr. Sheba ließ sich dies jedoch nicht gefallen und zog auf den letzten Metern nochmal um einiges an. Teufelstanz kam knapp hinter ihrer Freundin Grenzfee ins Ziel und auch Lia, dessen Kräfte zum Schluss nachgelassen hatten, schaffte es knapp hinter den drei anderen ins Ziel. Vuyo nahm sich die Freiheit und korrigierte einige kleine Fehler von uns Jockeys und gab uns Tipps fürs nächste Mal, bevor wir die Pferde austraben ließen. Dann sattelten wir die vier gemeinschaftlich ab und brachten sie routinemäßig in die Führmaschine.
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      Malte » »Warum erzählst du mir sowas immer erst, wenn es bereits zu spät ist?» Eingeschnappt blickt Petyr auf mich herab. Locker fallen ihm seine blonden Haare ins Gesicht und umranden seine weichen Zügen ziemlich vorteilhaft. Mittlerweile sieht er viel jünger aus, als er wirklich ist, während ich, trotz meiner geringen Größe, in den letzten Jahren immer mehr gealtert bin.
      »Nichts ist zu spät. Du hast noch genau zwölf Stunden Zeit, dich mit diesem Gedanken anzufreunden.«
      »Super, und wie lange weißt du es schon?«
      »Zwei Monate.«
      »DAS hättest du mir jetzt nicht auch noch aufbinden müssen!«
      »Du wolltest es doch wissen?«
      »Argh!» Petyr rauft sich die Haare. Ich schließe die Augen und lasse die Mittagssonne mein Gesicht erwärmen. Als sich etwas Dunkles vor meine Augen schiebt, öffne ich sie blinzelnd und schaue in das stets freundliche Gesicht von Logi.
      »Hey du«, flüstere ich. »Du freust dich auf die beiden Neuen, stimmt‘s?« Logi schnaubt und wuschelt mit seinem Maul auf meinem Kopf herum.
      »Jaja, stelle du dich auch nur auf seine Seite, war ja klar Logi.« Meint Petyr eingeschnappt und aus den Augenwinkeln sehe ich, wie er leicht angepisst Modjos gelocktes Haar aus der Bürste zieht. Ich lächle zufrieden. Der Tag ist schön, denke ich, hebe dann meine Hand und wuschle Óslogi durch die dicke Mähne. »Die beiden passen zu euch.«
      »Das ist die erste Stute, die du dir je in deinem Leben anschaffst, bist du dir sicher, dass du dafür bereit bist?« Wieder hört Petyr mit seiner Arbeit auf und blickt auf mich herab.
      »Selbst wenn mir jetzt einfallen würde, dass ich doch keine Stute haben will, wäre es zu spät.«
      »Malte, das sollte ein Scherz sein.«
      »Oh, achso, wusste ich nicht.« Ich richte mich auf, löse das Band aus meinem Haar und mache mir dann, da Logi ihn zerstört hatte, einen neuen Zopf. Logi dreht sich währenddessen von mir weg und läuft, nein schlurft zurück zu den anderen.
      »Irgendwas stimmt mit deinem Ironiedetektor nicht.«
      Umständlich stehe ich auf und klopfe mir das Gras von der Hose. »Wie meinst du das?«
      »Du bist der einzige, der nie meine Witze versteht.«
      »Vielleicht sind sie ja nicht witzig?«
      »Den Gedanken hatte ich auch schon und habe versucht, diese Theorie anhand und Eyvind zu belegen.« Petyr verstummt und räumt die Bürste zurück in die Tasche.
      »Und?« Erwartungsvoll blicke ich ihn an.
      »Hat nicht geklappt.«
      »Und daraus schließt du, dass es an mir legen muss?«
      »Viel andere Möglichkeiten bleiben ja nicht mehr.« Ich belasse es dabei, greife auch zu einer Bürste und mache mich auf den Weg zum Offenstall. Félagi und Dynur dösen im kühlen Schatten, richten sich jedoch beide auf, als ich näher komme. Es tut gut zu sehen dass die beiden zufrieden
      schienen. Der einzige der mir von meiner Bande Sorgen bereitet, ist Logi. Er versteckt es gut, jedoch merke ich ihm an, dass er sein Blackys Tod nur noch spärlich den Kontakt zu anderen sucht. Acapulco Gold, Dynur und Félagi machen es ihm jedoch nicht allzu leicht und obwohl Angus stets versucht von Kontakt aufzubauen, schüchtert er Logi mit seiner Größe, Kraft und Ungeschicktheit ein.
      Dynur und Félagi werden von mir kurz begrüßt, bevor ich aus den Tiefen meiner Hosentaschen einen Hufauskratzer zaubere. »Huf-Time!« Sage ich und kraule beiden nochmal den Kopf. Félagi hat keine Lust. Er versucht sich abzuwenden, jedoch komme ich ihm zu vor und stelle mich in seinen Weg. »So nicht Dicker. Das ist eine gute Übung, auch unangebunden stehen zu können.« Meine ich und bringe ihn wieder zu seinem alten Platz. Felli schnaubt und versucht sich mit flinken Bewegungen unter meinem ausgestreckten Arm hindurch zuwinden. Nach weiteren fünf Minuten haben wir beide es ausdiskutiert. Félagi steht. Dynur hält sich natürlich gekonnt heraus. Warte nur, bis du dran bist, denke ich und beginne damit, Félagi die Hufe auszukratzen. Dynur hat jedoch Glück, ich komme nicht mehr dazu. Mein Telefon klingelt. Umständlich versuche ich mir es, noch in der einen Hand Félagis Huf haltend, es zwischen Schulter und Ohr zu klemmen, erkenne jedoch bereits nach wenigen Sekunden, dass das wohl nichts mehr wird.
      »Tordenværson.« Sage ich leicht genervt.
      »Ebenfalls, schön, dich mal wieder zu hören!« Sagt die mir sehr gut bekannte Stimme einer Frau.
      »Schwesterchen! Wie komme ich zu dieser Ehre?« Erfreut richte ich mich auf und lasse dabei Félagis Huf los. Dieser nutzt die ihm gegebene Freiheit schamlos aus, zwickt seinem Freund Dynur kurz ins Ohr und macht sich mit buckelnden Galoppsprüngen aus dem Staub. Ich versuche ein Stöhnen zu unterdrücken, ich stöhne in letzter Zeit viel zu oft.
      »Ich dachte, ich melde mich mal wieder, vor allem da ich vorhabe, dich besuchen zu kommen. Hast du gerade Zeit?« Dringt es aus dem Telefon.
      »Jetzt schon.« Sage ich und entferne mich schlendernd noch ein Stückchen weiter von Petyr, welcher nun gerade auch Brock putzt. »Du willst mich besuchen kommen? Wann denn?«
      »Das klingt ja nicht so, als würdest du dich sehr freuen.« Sie klingt enttäuscht.
      »Doch! Natürlich freue ich mich! Es gibt nur viel Arbeit und ich habe Angst, zu wenig Zeit für dich zu haben.« Ich bleibe am Weidezaun stehen. Vor mir liegt das Wäldchen, dahinter erstreckt sich das Wasser des Fjords. »Bitte komme. Es wäre wunderbar, dich endlich mal wieder zu
      sehen.«
      Juli lacht. »Ich wäre sowieso gekommen. Ich brauche nämlich dringend eine Unterkunft und selbst ein Hostel ist mir bei euch viel zu teuer.«
      »Du bist nur auf Durchreise? Wohin geht‘s?«
      »Ich muss auflegen.« Sage ich wenig später. Petyr kommt auf mich zu, an seine Fersen hat sich Saga geheftet. Sie grinst, wie immer.
      »Klar kein Problem, Brüderchen. Pass‘ auf dich auf!« Sie legt auf. Mir fällt ein, dass ich immer noch nicht weiß, wann sie kommen wird. Ich schreibe es mir auf meine To-Know-Liste.
      »He Malte!« Ruft Petyr mir zu. »Wer ist denn dein heimlicher Anrufer?«
      »Juli, sie will mich besuchen kommen.«
      »Juli?« Petyr lässt Sagas Hand los. »Die habe ich aber schon lange nicht mehr gesehen.«
      Ich werfe einen kurzen Blick zu Saga. Sie beobachtet Petyr. Ich wähle meine Worte gut, bevor ich antworte. »Sie ist nur auf Durchreise. Sie freut sich auch, alle wieder zu sehen. Ich soll dir auch schöne Grüße ausrichten.«
      »Danke. Weißt du schon, wann-« Saga fällt Petyr ins Wort.
      »Also eigentlich sind wir nur gekommen, um dich zu fragen, ob du Lust auf einen Ausritt hast.« Auf ihrem Gesicht erscheint ein erzwungenes Grinsen.
      Ich schüttle erleichtert den Kopf. »Danke, aber die Arbeit wartet.«
      »Schade«, Saga zuckt mit den Schultern. »Kommst du, Petyr?« Mit einem eisigen Lächeln wendet sie sich zu Petyr, welcher wohl auch begriffen hatte, dass es nicht der beste Zeitpunkt war, sich über Juli zu erkundigen. Saga winkt mir kurz zu und macht sich dann mit Petyr im Schlepptau auf den Weg zu den Pferden.
      Ich bin wieder allein. Seit Petyr und Saga mit Modjo und Brock zu einem Ausritt aufgebrochen sind, habe ich niemanden mehr gesehen. Die Boxen sind sauber und zwei weitere vorbereitet. Wieder einmal schleicht die Zeit und während alle anderen in dieser kurzen freien Zeit etwas mit
      ihren Liebsten unternehmen oder anderweitigen Hobbys nachgehen, sitze ich, Malte, alleine vor dem Stallgebäude, esse eine Banane und beobachte Chlochard dabei, wie er sich einen Kampf mit einem Blatt liefert. Er ist ein hübscher Kater. Seine Scheckung ist bunt und abwechslungsreich, aber vor allem seine hellblauen Augen ziehen die Blicke auf ihn. Capucine und ihr Wurf gehören auf den Hof und auch wenn sie nur ein kleiner Teil des Ganzen sind, wäre das Leben hier ohne sie noch ein bisschen trister. Dabei vermute ich, dass nicht einmal die Hälfte der Hofbewohner jeden Namen kann. Clochard, Voleur, Ciel, Fleur und Déchiré.
      Ich sehe niemanden. Bis ich am Abend in meinen Wagen steige, den Hofanhänger ankuppel und die Insel verlasse, verbringe ich meine Zeit mit den Tieren. Ich fühle mich so einsam wie noch nie zuvor. Ich dachte immer, ich bin gerne allein. Mittlerweile lernte ich jedoch den Unterschied zwischen allein und einsam zu sehen und ich begreife nun, dass nur eines der Dinge mich unglücklich macht. Der Wagen brummt. Das alte Gefährt arbeitet kräftig unter der Last des Hängers, dabei war er noch nicht einmal beladen. Ich schalte das Radio an und lasse mich von der Musik beschallen, die daraus hervor dringt.
      Trotz des langsamen Tempos erreiche ich eine Stunde zu früh den Flughafen. Mich stört es nicht, ich suche mir einen stillen Platz und beobachte sie, die Menschen. Eine halbe Stunde vor der Ankunft stehe ich schließlich auf und mache mich auf den Weg zu der großen Anzeige über
      den Köpfen der hektischen Menschen. Bei meinem gesuchten Flug stoppe ich abprupt. Hinter dem Flugzeugsnamen ist eine Info eingeblendet: Auf Grund technischer Probleme kommt es zu Verzögerungen. Super, denke ich. Ich hätte es nicht anders erwarten sollen. An der anderen Seite des Flughafens finde ich die Information. Bei einer jungen Frau erkundige ich mich, wie viel Verspätung der Flug haben würde. »Es sind zwei Pferde für mich an Bord.«
      Sie tippt in ihrem Computer, blickt kurz zu mir und fragt dann: »Ihr Name, bitte?«
      »Tordenværson, Malte.« Sage ich und versuche einen Blick auf den Bildschirm zu erfassen.
      Sie tippt wieder. »Sie sollten eigentlich eine Nachricht erhalten haben.«
      »Ok», sage ich. »Habe ich noch nicht gesehen. Können sie mir trotzdem sagen, wie lange es ungefähr noch dauert?«
      »Das Flugzeug musste leider in Amsterdam zwischenlanden. Der Weiterflug ist für morgen früh um acht angesetzt.«»Um acht?!« Ich bin entsetzt. »Die Pferde werden die ganze NACHT im Flugzeug verbringen?!«
      »Es tut mir Leid, aber Sicherheit geht vor. Es werden genügend Experten an Bord sein, die sich um die Pferde kümmern. Seien Sie unbesorgt, ich versichere Ihnen, dass beide gesund und munter ankommen werden. Haben sie ansonsten noch Fragen?«
      »Nein«, knurre ich und wende mich vom Infopult. »Zwölf Stunden später!« Das erste Mal in meinem Leben ärgere ich mich, mein Handy als angenehmer im ausgeschalteten Zustand zu erachten.
      Anstatt wieder nach Hause zu fahren, wende ich in Richtung Stadt ab. Oslo ist voll um diese Jahreszeit und das gute Wetter lockt natürlich all jene an, die noch nicht mit Fotoapparat und Sonnenhut durch die breiten Gassen laufen. Ich bin nicht gerne hier. Der Trubel der Stadt
      stört meine Gedankengänge, aber vielleicht suche ich genau heute nach einer Auszeit, ohne die wilden Sprünge und Ideen. Eine Bar am Hafen soll ganz gut sein, meint Charly. Ich folge ihrer Einschätzung und betrete wenig später eben jene.
      Jora » Sie haben mich mitgeschleift, mir blieb keine andere Möglichkeit, ist die Ausrede zu mir selbst, als ich den vollen Pub am Hafen betrete. Halla und Emma brauchen nicht lange und sitzen kurz darauf mitten im Trubel an der Bar. Es ist kurz vor Mitternacht. Normalerweise liege ich um diese Zeit im Bett und genau dort würde ich jetzt auch gerne sein. Ein Schauder läuft mir über den Rücken, als ich meinen Blick über die vielen Menschen werfe.
      »Jora!« Schallt es von der Bar. »Wenn du noch länger am Eingang stehen bleibst, bildet sich hinter dir eine Schlange.«
      Ich wage einen weiteren Schritt, nichts passiert. Der Weg bis zum Barhocker ist unendlich weit oder fühlt sich jedenfalls so an. Ungekonnt hieve ich mich schließlich neben Halla und Emma, welche bereits wieder in ein Gespräch vertieft sind.
      »Auch was zu trinken?« Grölt der Typ mich hinter der Bar an. Stumm schüttle ich den Kopf und lächle kurz. Nach zehn Minuten ist mein Hals von der stickigen und verrauchten Luft jedoch so trocken, dass ich doch noch ein Glas Wasser bestelle. Der Barmann scheint mich jedoch falsch verstanden zu haben, vielleicht ist es auch Absicht, aber er stellt mir ein Glas Whisky vor die Nase. Ich will mich natürlich beschweren, als Halla mir beschwichtigend eine Hand auf den Arm legte.
      »Los Süße, ein Glas trinkst du mit uns!« Brüllt sie gegen den Lärm an. Entschlossen schüttle ich den Kopf, jedoch lässt sie nicht locker, sodass ich schließlich doch einen Schluck nehme. Es ist genauso scheußlich wie erwartet. Ich versuche mir nichts anmerken zu lassen, lächle und zeige Halla den Daumen. Jedoch weiß ich zu genau, dass heute Abend kein weiterer Tropfen davon über meine Lippen kommen wird.
      »Gehe mal auf Toilette!« Brülle ich.
      »Was?« Trinkt es durch den Lärm zu mir zurück.
      »Toilette!« Schreie ich nochmal und zeige auf das erleuchtete Schild über den Köpfen der Besucher. Halla scheint mich verstanden zu haben, jedenfalls nickt sie.
      Die Toilette ist jedoch auch kein Ort der Erholung und ich beeile mich, jedenfalls eines meiner Bedrängnisse zu stillen. Als ich den vollen Ort wieder betrete, bleibt mir die Luft weg. Ich will raus hier, denke ich und beginne damit, mir hektisch einen Weg in Richtung Ausgang zu bahnen.
      Die frische Luft tut gut. Ich schließe die Augen, versuche den Gestank des Rauchs an meinen Kleidern zu ignorieren und mich nur auf den Klang der Wellen zu konzentrieren, welche gleichmäßig gegen den Beton des Hafens schlagen.
      Ich bin ruhiger, als ich den Pub abermals betrete. Ich weiß, was auf mich zukommt und es überrollt mich nicht wie noch beim ersten Mal. Entschlossen will ich den Weg zurück zur Bar einschlagen, als mir ein junger Mann ins Auge fällt. Zusammengesackt lehnt er über dem Tresen,
      vor ihm stapeln sich einige leere Flaschen. Ich bleibe stehen. Selbst ich kann nicht sagen, was mich in diesem Moment innehalten ließ. Ein Gefühl sagte mir, dass er nicht der typische Gast ist. Seine alte Jeans Hose und das karierte dunkle Hemd, sowie die rötlichen Haar und das Lederband mit der Glaskugel gefallen mir. Ich will mich davon abhalten, jedoch zieht es mich zu ihm hin. Ich bin es nicht selbst, die mich abhält, sondern die kräftige Hand Emmas. Sie zieht mich energisch zurück und grinst. »Falsche Richtung Jora, hier sind.«
      Ich schüttle mich kurz und reise mich dann von dem Typen los und blicke zu Emma. Die kräftige Frau ist bereits betrunken, wie stark, das kann ich nicht einschätzen. Ich seufze. »Der Typ da drüben«, sage ich und zeige in Richtung der Bar. »Der hat schon ziemlich viel getrunken.«
      »Tja, nich jeder is bereits scho erwachschen wie wir.« Keilt Emma laut lachend und nimmt noch einen Schluck aus ihrer Flasche. Ich will gar nicht wissen, was da drinnen ist. »Wir wischen wanns jut is, stimmt‘s?«
      Ich nicke spöttisch. »Das sehe ich.« Emma lacht wieder und dreht sich dann in die andere Richtung.
      »Looos, komm Jora, dahinten jibts hübsche Männer!« Ich beobachte sie noch, wie sie durch die Menge zurück zur Bar stolpert und wende mich dann wieder dem Mann an der Bar zu. Er sitzt immer noch am gleichen Fleck. Langsam drücke ich mich zwischen den tanzenden Köpern hindurch, irgnoriere die vielen Berührungen von schweißnasser Haut an mir und lande schließlich an der Bar. Der Hocker neben ihm ist noch frei. Ich lasse mich darauf nieder und betrachte ihn von der Seite. Jetzt wo ich einmal hier bin, weiß ich nicht mehr weiter. Alle Ansprechmethoden erscheinen mir kindisch und ich weiß selbst nicht mehr, was ich von ihm will. Ihn nach Hause fahren etwa? Am besten noch mit meinem Fahrrad, denke ich und wende für einen Moment den Blick von ihm.
      »Hey«, sagt plötzlich eine Stimme. Erschrocken wende ich mich um. Er hat sich aufgerichtet, schwankt jedoch erheblich.
      »Hey.« Sage auch ich.
      »Willste was?« Fragt er und schiebt mir eine volle Flasche mit irgendetwas alkoholischem zu.
      »Nein danke, ich trinke nicht.« Wehre ich dankend ab und frage mich wieder, was für Hirngespinste mich hier her gelockt haben. Der Typ scheint nicht nur besoffen, er ist es auch.
      »Gut so, ich auch nicht.« Sagt er niedergeschlagen und gießt sich selbst noch ein Glas ein.
      Meine Augenbraue zieht sich nach oben. »Ähm, doch, gerade trinkst du und das anscheinend nicht zu knapp.« Ich deute auf die leeren Flaschen. Er hält in seiner Bewegung inne, schwenkt seinen Kopf leicht von einer Seite zur anderen und zuckt dann die Schultern. »Egal, alles egal.«
      Er tut mir Leid. Mir tun oft Menschen leid, aber ich sehe, dass er es nicht verdient hat. »Soll ich dich nach Hause bringen?« Frage ich deshalb nervös.
      Er blickt kurz auf. Ich mag seine grünen Augen, auch wenn sie nun vor Schmerz verzogen sind. »Ist das eine billige Anmache? Danke ich komme gut alleine zurecht!« Meint er abweisend und nimmt noch einen Schluck.
      »Nein, ich dachte nur-«
      »Dann dachtest du eben falsch. Lasse mich gefälligst in Ruhe!«
      Ich sage nichts mehr. Ich hätte wissen müssen, dass es eine dumme Idee ist, hilfsbereit in einer Bar zu sein, das sollte ich mir fürs Altenheim aufheben. Ich rutsche vom Hocker und ohne noch etwas zu sagen mache ich mich zurück auf den Weg zu meinen beiden Begleiterinnen. Er hat mich verletzt und das schadet meinem sowieso schon geringen Selbstbewusstsein. Ich versuche mir jedoch nichts anmerken zu lassen und setze mich wieder neben Halla und Emma.
      »Wo warst du denn solange?« Erleichtert stelle ich fest, dass jedenfalls Halla noch ordentlich sprechen kann.
      »Ich habe versucht einem Typen da vorne zu helfen, der kippt gleich vom Hocker. Dieser unfreundliche Typ wollte sich jedoch nicht helfen lassen.«
      »Du konntest es mal wieder nicht sein lassen, wa?« Halla boxte mir an die Schulter. »Wer war‘s denn? Sah er jedenfalls gut aus?«
      »Ganz vorne an der Bar.« Unauffällig auffällig hängt sich Halla weit über den Tresen der Bar und
      versucht an den vielen Köpfen vorbei zu schauen. »Ich glaube, ich sehe ihn. Witzig.«
      »Was ist daran denn witzig. Siehst du nicht, wie besoffen der aussieht?« Verärgert lehne ich mich ein Stück zurück.
      »Jetzt sei mal nicht so pingelig, das meinte ich gar nicht. Ich kenne den Typen.«
      »Was? Du kennst ihn?« Erstaunt wende ich mich wieder zu ihr um.
      »Ja, ist aber schon ewig her. Verwundert mich, ihn hier anzutreffen.«
      »Sag‘ schon, woher kennst du ihn?«
      »Sei nicht so ungeduldig, ich habe schon eine Menge getrunken, mein
      Gehirn arbeitet da langsamer.« Meint Halla und lächelt schief. »Ich habe ihm mal zwei Pferde bringen müssen. Vor drei Jahren, oder so? Der ist irgendwie Trainer oder so.«
      »Trainer? Weißt du denn noch, wie er heißt?« Versuchte ich Halla die Informationen zu entlocken.
      Sie lässt sich Zeit. »Mhm.« Sie überlegte. »Irgendwas mit M. Mario, Mattes, Matheo. Kein Plan, frage mich morgen nochmal.«
      Das reicht mir nicht. »War er denn nett?«
      »Nett? Was ist das denn für eine Frage. Ja, glaube schon, wir haben zusammen einen Kaffee getrunken.« Halla steht auf. »So Süße, ich suche mir mal ein paar betrunkenere Leute als dich. Ich bin schließlich hier um Spaß zu haben.« Meint sie und schwankt ziemlich elegant zu in die Masse. Ich drehe mich wieder zur Bar. In Gedanken versunken blicke ich auf das Glas vor mir, in welchem sich die tanzenden und bunten Lichter sammelten.
      »‘Tschuldigung, darf ich mich setzen?« Erschrocken fahre ich um. Neben mir steht der Mann. Trotz des vielen Alkoholkonsums steht er fest auf beiden Beinen. Einige Haare haben sich aus seinem Zopf gelöst und fallen ihm nun ins Gesicht. Er weicht meinem Blick aus.
      »Klar«, sage ich trocken und wende mich wieder von ihm ab. Das wäre jetzt ein schlechter Zeitpunkt, um hilfsbereit und freundlich zu sein.
      Er setzte sich. »Tut mir wirklich Leid, dass ich dich gerade so angefahren habe. Das war ziemlich unfair.« Ich blicke zu ihm. Diesmal wendet er seinen Blick nicht ab. Oh Gott, lasse dich nicht von deinen Gefühlen leiten! Er sieht ziemlich gut aus, ich kann es nicht verleugnen.
      »Kein Problem,« sage ich leise. Irgendetwas steckt mir in der Kehle und nimmt mir die Luft.
      »Doch ist es, deswegen tut es mir auch sehr Leid, dich das nun zu fragen. Aber du hattest Recht.« Erwartungsvoll und ziemlich verängstigt blicke ich ihn an. »Kannst du mich nach Hause fahren? Ich habe auch ein Auto.«
      Mir verschlägt es nun ganz die Stimme. Das hatte ich nicht erwartet. Mir ist es nicht möglich geplante Bewegungen auszuführen, deswegen zucke ich mit den Schultern und nicke schließlich. »Natürlich, dass hatte ich dir ja angeboten.«
      »So natürlich ist es nicht, nach meiner Abfuhr.« Er schwankt. »Soll Alkohol nicht glücklich machen? Ich fühle mich so dreckig wie noch nie.«
      Ich lächle leicht. »Ich suche schnell meine Freundinnen und sage ihnen Bescheid, dann komme ich zurück, ja?« Er nickt dankbar. Ich lasse mich vom Hocker gleiten, schnörkle mich durch die Menge, bis ich schließlich auf Emma und Halla treffe. Sie sind nicht schwer zu übersehen; Emma
      benötigt um ihren schwingenden Körper jede Menge Platz und Halla hat alle freien Jungs aus ihrem Umkreis angelockt. Verwundert mich nicht, bei ihrem Haar und ihrem Gesicht.
      Ich bahne mir einen Weg zu ihr hindurch. Sie hört auf zu tanzen, als sie mich sieht und folgt mir netterweise aus dem Treiben heraus.
      »Ich fahre den Typen jetzt doch nach Hause!« Sage ich laut.
      »Was?« Brüllt Halla.
      »Ich fahre den-« Wollte ich wiederholen.
      »Ich habe dich schon verstanden, ich wollte eher wissen, ob du jetzt vollkommen gaga bist?«
      »Warum?«
      »Weil der Typ höchst besoffen ist, du ihn nicht kennst und alles mögliche passieren könnte!« Sagt Halla eindringlich. »Bist du dir da wirklich sicher?»
      „Er braucht meine Hilfe!“ Rechtfertige ich mich.
      Halla schnaubt verächtlich. „Und du würdest wohl auch einem Vergewaltiger oder Terroristen die Hand reichen, wenn er sie braucht? Das ist doch Unfug. Lass den Typen alleine mit seinen Problemen zurecht kommen und amüsiere dich lieber noch ein bisschen!“
      Ich merke, wie ihre Worte mich zum Nachdenken bringen. Sie hat Recht, die Gefahr ist ziemlich groß, dass etwas passiert. »Ich bin selten leichtsinnig-«, fange ich an, werde jedoch abermals unterbrochen.
      »Dann solltest du es auch jetzt nicht sein!« Sagt Halla eindringlich.
      »-aber diesmal werde ich es sein. Ich sehe das Risiko und werde es bewusst eingehen.«
      Halla schnaubt wieder und winkt dann ab. »Ich sehe schon, ich kann dich nicht überzeugen. Dann mach halt, aber komme nicht im Nachhinein heulend zu mir zurück. Von der Polizei oder aus dem Krankenhaus will ich dich auch nicht abholen müssen.« Dann dreht sie sich um und verschwindet zurück in der Masse. Ich stehe alleine vor der Tür zur Toilette, aus welcher in diesem Moment eine kreischende Gruppe von Mädchen gestolpert kommt. Halb fasziniert, halb angeekelt sehe ich zu, wie eine betrunkener als die andere anfängt, sich auf der Tanzfläche gegen den Takt zu bewegen. Tanzen würde ich es nicht nennen. Ich muss hier raus, denke ich und suche mir den Weg zurück zur Bar.
      Er sitzt immer noch hier. Unruhig schweift sein Blick über die Menge, entspannt sich jedoch, als er mich erblickt.
      »Sorry«, keuche ich. »Hat leider etwas länger gedauert.«
      »Ich äh-« Er wischt sich den Schweiß von der Stirn. »Kein Problem.«
      Ich bin kurz verwirrt und stehe etwas unschlüssig vor ihm. »Wollen wir dann gehen?«
      Er nickt und rutscht ungeschickt vom Hocker, knickt auf seinen Beinen ein, die ihn nicht mehr zu tragen vermögen. Meine Hand ist schnell bei ihm, greift ihn am Arm und versucht ihn zu stützen. Er keucht. Gebückt bleibt er stehen. »Alles, alles dreht sich.« Sagt er schwach. Alkohol scheint auf ihn eine andere Wirkung zu haben, wie bei allen anderen, denke ich. Langsam richtet er sich auf, nickt mir kurz zu und zusammen machen wir uns auf den Weg durch die undurchringliche Menschenmasse, welche sich lachend, wirbelnd und ungeschickt ständig uns in den Weg stellt. Ich bin froh, nichts getrunken zu haben. Ich sehe es ihm an, dass sie ihn noch mehr verstören.
      Umso dankbarer sind wir über die klare, salzige Luft. Sie erfüllt meine Kehle mit neuem Leben und gibt auch dem Kerl, der immer noch an meinem Arm klammert, neue Kraft. Er atmet tief ein und richtet sich dann ein Stückchen auf.
      »Mein Auto, es steht gleich da vorne.« Meint er und deutet auf einen spärlich beleuchteten Parkplatz. »Der Volvo, grün.«
      Ich nicke wieder und ziehe ihn fast hinter mir her, als ich mich auf den Weg zum Parkplatz mache. Den Volvo erkenne ich schnell, jedoch sehe ich noch mehr, als nur das alte Gefährt.
      Ich keuche. »Da ist ein Pferdehänger hinten dran!«
      Er blickt auf. »Was? Ja, nein, alles gut.«
      »Da ist aber kein, du weißt schon, da ist nichts drinnen oder?« Frage ich ängstlich.
      Er schüttelt den Kopf. »Nein nein.«
      Ich bin nicht befriedigt. Seine Antwort klingt zu unsicher, vielleicht weiß er es selber nicht mehr genau. »Hast du deinen Autoschlüssel?«
      »Autoschlüssel.« Nuschelte er und kramte ungeplant in seiner Tasche. »Ja hier irgendwo-«
      Ich komme nicht herum, trotzdem noch einen kurzen Blick in den Hänger zu werfen, nachdem ich ihn auf den Beifahrersitz gesetzt habe. Zu meiner großen Erleichterung, finde ich nichts weiter im Hänger, als frisches Heu und Stroh in beiden Boxen. Als ich mich wieder zu ihm in den Wagen setze, hat er seinen Kopf gegen das Fenster gelehnt und die Augen geschlossen. Es bereitet mir Sorgen, dass er sich so komisch verhält. Trotzdem stecke ich den Schlüssel ins Auto und starte den lauten, kränklich klingenden Motor. Ich bin selten mit einem Hänger gefahren und die Furcht wächst, als ich merke, dass der Volvo das Gewicht des Hängers nicht ohne Probleme ziehen kann. Trotzdem will ich mich nun nicht zurückziehen. Ich weiß, dass Halla eine um vielfach sichere Fahrerin solch großer Gespanne ist, weiß aber auch, dass ich es schaffen kann.
      Ich verlasse den Parkplatz und setze den Blinker, um auf die Hauptstraße abzubiegen. Es raschelt. Erschrocken blicke ich zu dem Mann hinüber. Mit ungeschickten Handbewegungen sucht er im Handschuhfach nach etwas. Ich merke, wie meine Hände zittern. Nein, nicht nur meine Hände, mein ganzer Körper scheint zu beben. Jedoch fühle ich nichts. Keine Angst, keine Scheu, keine Furcht.
      Es dauert lange, bis er das gefunden hat, was er zu suchen scheint. Er hält es mir unsicher hin. »Kannst du mich hier hin bringen?«
      Ich nehme ihm die Karte ab. Es ist eine Visitenkarte, wie ich nun erleichtert erkenne. Im flackernden Licht der Straßenlampen versuche ich diese zu entziffern. »Tyrifjord Horse Training«, murmle ich. »Malte Tordenværson.« Außer seinem Namen, finde ich noch seine Adresse. »Du
      wohnst auf einer Insel?«
      Malte nickt. »Das Gestüt meiner Arbeitgeber steht dort.«
      »Ist in Ordnung. Ich bringe dich hin.« Sage ich freundlich. Ich habe Glück, ich kenne die Insel. Der Tyrifjord ist der größte Fjord bei Oslo und Storøya seine größte Insel.
      Wir sprechen nicht mehr. Malte scheint eingeschlafen zu sein oder tut zumindest so. Erst als die Lichter Oslos schon weit hinter uns liegen, macht er sich bemerkbar. Ich denke erst, er murmelt etwas im Schlaf, bis ich einen Blick zur Seite werfe und sehe, dass eine Träne über seine Wange läuft. Er schluchzt leise. Ich bin überfordert mit der Situation, weiß nicht, was ich tun, oder ob ich ihn trösten soll. Ich entschließe mich dazu, vor allem weil ich zu unsicher bin, das falsche zu tun, einfach nichts zu tun. Es bewegt mich jedoch, ihn so zu sehen. Solange hatte ich schon keinen Mann mehr weinen sehen. Es scheint unmodern zu sein, seine Gefühle zu zeigen.
      Nach ein paar Minuten hört das Schluchzen auf. Wieder blicke ich zur Seite. Diesmal bin ich mir sicher, dass er eingeschlafen ist. Eine Träne hängt noch in seinem Augenwinkel.
      Die Landstraße führt mich direkt am Tyrifjord entlang. Rechts sitzen einige Häuser, umgeben von den typischen Birken und Fichten Norwegens, links erstreckt sich das dunkle Wasser, welches in der Dunkelheit endet. Mit dem Anhänger brauche ich etwas länger, bis ich kurz vor der Ortschaft Sundvollen auf die Brücke abbiegen. Es macht mir Angst, im Dunkeln mit einem so wackligen Gefährt umgeben von Wasser fahren zu müssen. Mein Puls steigt, sodass ich sogar überlege, auszusteigen und den Rest zu laufen. Ich bleibe sitzen und schaffe die Überfahrt. Malte schläft immer noch. Ich will ihn nicht wecken. Im Dunkeln erkenne ich viele Weiden und als die ersten Häuser am Straßenrand auftauchen, parke ich etwas abseits auf einem kleinen Parkplatz und steige aus. Ich habe Angst davor, an einer der Türen zu klingeln, sodass ich untätig am Wagen stehen bleibe.
      »Hey.« Ertönt es hinter mir. Erschrocken fahre ich herum und blicke in ein sacht lächelndes Gesicht. Seine helle Haut schimmert fast im seichten Licht der Mondstrahlen. Ich weiß nicht, ob es an der Dunkelheit liegt, aber seine Augen erscheinen mir grau. Kein trauriges Grau, es
      ist ein helles, freundliches Grau, welches in mir sofort das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit hervorruft.
      »Hey«, sage auch ich. Gleichzeitig mache ich mich auf eine Sturmflut von Fragen bereit, die jeden Moment über mich hereinbrechen müsste. Ich bin jedoch ein weiteres Mal an diesem Abend überrascht.
      »Komm, ich bringe dich zu seinem Haus.« Sagt er und steigt unhörbar leise wie selbstverständlich auf den Fahrersitz. Ich hadere noch einen Moment mit mir, nehme dann aber hinter ihm Platz.
      »Ich bin übrigens Eyvind.« Sagt er, während er den Motor langsam in Bewegung bringt.
      »Jora«, sage ich und lehne mich ein Stück zwischen den Sitzen vor, um besser sehen zu können, wohin die Fahrt gehen würde. Sie dauert nicht lange an. Zwei Minuten später parkt Eyvind den Wagen an einer Lichtung im Wald. Im Dunklen erkenne ich nur ein kleines Haus oder eher eine Hütte. Wie alles in dieser Gegend ist auch dieses mit einem warmen, aber sehr intensiven Rot angestrichen. Eyvind parkt den Wagen direkt vor der Haustür. Wir steigen im gleichen Moment aus. Über das Problem, wie ich jetzt wieder nach Hause komme, hatte ich mir noch keine Gedanken gemacht.
      Fast zärtlich weckt Eyvind auf. Er flüstert ihm etwas zu, schnallt ihn mit geschickten Griffen ab und hilft dem total erschöpften Malte aus dem Wagen. Ich biete ihm meine Hilfe erst gar nicht an, ich wäre nur im Weg. Eyvind schafft es, Malte alleine zur Veranda zu bringen. Ich folge den beiden jedoch. Die Erstaunung überfällt mich, als ich das kleine Haus betrete. Es ist modern und hell eingerichtet, auch wenn der wenige Platz nicht viel Spielraum übrig lässt. Ich erkenne im Dunkeln einen Kamin, eine weiße Küche mit Kochinsel, ein bequemes braunes Sofa und viele Bücherregale bis zur Decke. Eyvind hievt Malte auf eben jenes Sofa und versucht ihn so bequem wie möglich auszurichten. Malte hatte wieder angefangen zu weinen und kauert sich erbärmlich trostlos auf seinem heimischen Sofa zusammen. Es dauert jedoch wieder keine zwei Minuten und Malte fällt in einen tiefen, aber unruhigen Schlaf.
      »Ich bleibe die Nacht wohl lieber hier. Ihm geht es wirklich nicht gut.« Sagt Eyvind mit ruhiger Stimme. »Kannst du mir noch einen Gefallen tun?« Fragt er und wendet sich an mich.
      Ich nicke hektisch und sage dann mit brüchiger Stimme: »Klar!«
      »Danke. Ich muss noch einmal zum Haupthaus und etwas Wichtiges klären. Könntest du solange hier bleiben und ein Auge auf ihn haben?«
      Wieder nicke ich. Jedoch kommt mir der Gedanke, dass er das im Dunkeln nicht genau erkennt und so gebe ich ihm noch eine mündliche Bestätigung.
      »Ich bin in zehn Minuten wieder da«, sagt er noch, bevor er die Eingangstür hinter sich zuzieht. »Tee ist im ersten Schubfach von links.« Ich beobachte ihn noch durchs Fenster, wie er fast schwebend den Waldweg zurück geht, nehme dann sein Angebot an und koche mir einen Pfefferminztee. Malte muss eben so sehr ein Teefanatiker sein, wie ich einer bin, denke ich und setze Wasser auf. Aber wahrscheinlich gibt es nicht viel anderes, was einen Gestütsarbeiter im Winter warm halten kann, außer eine Flasche mit duftendem, warmen Tee. Der Tee schmeckt gut. Der Geruch der von ihm ausgeht erinnert mich an Zuhause. Der kleine Hof mit den vielen bunten Sträuchern, dem wilden Salbei und der unaufhörlich wuchernden Melisse. Meine Mutter hatte mir früher immer Tee aus all den verschiedenen Pflanzen gekocht, der dampfende Pfefferminztee war jedoch stets mein Liebster. Ich fühle mich wohl. Eine innere Ruhe hat mich ergriffen. Entspannt lasse ich mich auf einem Sessel nieder, ziehe die Beine an und beobachte mit der warmen Tasse den schlafenden Malte. Die Frage lässt mich nicht aus ihrem Griff und so frage ich mich wieder, was der Grund für Maltes nächtlichen Ausflug in den Pub gewesen ist. Ich kenne die Antwort nicht und so entscheide ich mich dafür, dem Bad einen Besuch abzustatten, bevor Eyvind wiederkommt.
      Mein Spiegelbild schreit mir ins Gesicht, was ich bereits befürchtet habe. Meine Haare stehen ab, die Schminke ist verlaufen und mein T-Shirt ist mit etwas Klebrigem bekleckert. Ich will gar nicht erst wissen, um was es sich handelt. Ich versuche in dem ganzen Chaos etwas Ordnung zu schaffen, erziele jedoch nur kleinste Erfolge.
      Pünktlich zehn Minuten später öffnet Eyvind wieder sacht die Haustür. Unterm Arm trägt er eine dicke Decke, die er gleich auf der Lehne eines Stuhls ablegt. Dann verschwindet er, ohne noch ein weiteres Wort zu sagen, im Bad hinter der Küche. Für einen Mann braucht er erstaunlich lange. Erst fünf Minuten später kommt er wieder und winkt mich bestimmend in die Küche.
      »Weißt du genaueres, was passiert ist?« Fragt er mich mit seiner tiefen und so weichen Stimme.
      Ich schüttle wieder den Kopf. »Nichts, nein. War er schonmal so betrunken?«
      Eyvind überlegt kurz. Sein Blick schweift durch die Küche zu Malte. »Nein, seit ich ihn kenne nicht. Ihm geht es zur Zeit nicht so gut, ich hatte Angst davor, dass dann noch etwas Schlimmeres passiert. Danke, du warst wie ein Engel zur richtigen Zeit am richtigen Ort.«
      Ich werde rot. Beste Lösung: Noch einen Schluck Tee nehmen und darauf hoffen, dass mein Gegenüber nichts bemerkt. Ich lerne Eyvind allerdings gerade als einen jungen Mann kennen, welcher alles zu wissen schien, ohne je danach gefragt zu haben. Unter seinem Blick fühle ich mich wie eine nackte Gurke, erkenne ich mit einem leichten Lächeln.
      »Möchtest du die Nacht auf dem Hof übernachten oder soll ich dir ein Taxi rufen?«
      »Ein Taxi wäre super,« sage ich hastig und lächle flüchtig. »Ich bin ziemlich müde und möchte in mein Bett.«
      Sein Blick geht zur Uhr über der Tür. »Bist du dir sicher? Es ist mittlerweile kurz vor drei.«
      Ich nicke selbstsicher. »Ja, bin ich.« Eyvind zuckt kurz mit den Schultern und holt sein Handy hervor.
      Malte » »So eine Scheiße!« Rufe ich wütend und schleudere ein weiteres Kissen vom Sofa auf den Boden. »So eine verdammte SCHEIßE!« Ich halte mir die Stirn. Ich bin glühend heiß. Ich schließe die Augen als sich mein eigenes Wohnzimmer vor meinen Augen auf den Kopf stellt. Erschöpft lasse ich mich wieder aufs Sofa fallen und schließe die Augen. »Eyvind, was läuft bei mir zur Zeit nicht richtig? Was soll ich hier noch? Macht das Leben überhaupt Sinn?«
      Eyvind ist wie immer die Ruhe selbst. Genüsslich trinkt er einen dampfenden Tee, während er es sich auf dem Sessel seitlich von mir bequem gemacht hat. »Malte, lerne aus deinen vergangenen Fehlern und mache die gleichen nicht erneut. Gestern das war ein kleiner Ausrutscher, der ein gutes Ende genommen hat.«
      »Ich bin so ein Idiot!« Schimpfe ich wieder. »Mein Leben lang habe ich vom Alkohol Abstand gehalten, was war nur mit mir los? Was sagtest du? Ich habe geheult? Was bin ich nur für ein verdammter Mann, ohne Ehre und Stolz.«
      »Du bist ein sehr angenehmer Betrunkener.«
      »Weil ich heule?« Böse blicke ich zu Eyvind. »Würdest du gerne vor einem jungen Mädchen weinen, die dich gerade nach Hause fährt? Sie wird wahrscheinlich sonst was gedacht haben. Weißt du was das Schlimmste ist? Ich weiß noch nicht mal ihren Namen, geschweigedenn wie sie aussah!« Ich vergrabe mein Gesicht in der kühlen Sofawand. »Was ist nur aus mir geworden«, jammere ich wieder.
      »Jora hieß sie. Ein sehr schöner Name, wie ich finde.« Sagt Eyvind. Ich blicke zu ihm auf. Erwartungsvoll blickt er mich an und nimmt noch einen Schluck aus seiner Tasse.
      »Jetzt brauchst du mir nur noch zu sagen, dass sie sehr hübsch war und mein Leben ist zerstört.«
      »Sie sah aus wie ein Engel und ich denke, sie hat sich gestern auch genauso verhalten. Ohne sie lägest du bestimmt in irgendeinem Straßengraben, mit einem kaputten Auto und einem geschrotteten Anhänger.«
      Ich fahre auf. Der Anhänger. Die Pferde. Der Flughafen. Wieder schreie ich laut eine unnennbare Beschimpfung, dass sogar Eyvind kurz innehielt mit Teeschlürfen. »Scheiße Eys, die Pferde! Wie spät ist es?!«
      »Kurz vor halb eins.«
      »Was? Nein, nein, das kann nicht sein.« Ich hechte aus dem Bett, taumle jedoch und kann mich gerade noch so an der Lehne von Eyvinds Sessel festhalten. »Meine Sachen«, murmle ich. »Eyvind, wo sind meine Sachen?« Sage ich diesmal lauter.
      »Malte, beruhige dich«, sagt Eyvind und klingt leicht ärgerlich. »Du benimmst dich, als wärst du immer noch besoffen.«
      »Du verstehst nicht, die Pferde!« Schluchze ich und versuche nun am Sofa entlang zu krabbeln.
      »Doch, ich verstehe sehr wohl. Denn wenn du kurz die Ruhe bewahrst und mir zuhörst, kann ich dir sagen, dass Vuyo und Tjarda heute morgen losgefahren sind und beide Pferde am Flughafen gesund und munter abgeholt haben.«
      »Was?« Mir stockt es den Atem. »Aber woher sollten sie wissen, dass-«, Eyvind unterbricht mich.
      »Dass sie heute morgen um zehn ankommen würden?« Eyvind steht auf und hilft mir vom Boden vor dem Sofa zurück auf das Sofa, wo ich kraftlos zusammenbreche. »Malte, ich weiß, dass du im neuen Jahrhundert noch nicht ganz angekommen bist, aber es gibt so etwas das nennt Internet. Ich habe gleich heute Nacht geforscht und schnell gefunden, wonach ich gesucht habe.«
      »Und die beiden sind jetzt wo?« Frage ich schwach.
      »Im Stall. Die Boxen hattest du ja bereits vorbereitet.«
      Ich nicke schwach und lasse mich dann nach hinten gleiten. »Danke«, schaffe ich noch zu sagen, bevor mich der Schlaf überrollt.
      Jora » Obwohl ich tot müde war, habe ich die ganze Nacht nicht geschlafen. Ich lag in meinem Bett, den Blick auf die Decke über mir gerichtet und in Gedanken versunken. Ich dachte an Malte, das Gestüt und natürlich mein Leben. Erst als die Sonnenstrahlen durch die Vorhängen schienen, fand ich endlich etwas Schlaf. Jetzt sitze ich am Küchentisch, eine Tasse Kaffee zwischen meinen Händen und blicke betrübt ins Nichts. In Gedanken stelle ich mein gesamtes Leben in Frage, bereue jede Entscheidung, die ich je getroffen habe und frage mich, in welche Richtung es nun gehen sollte und das alles nur wegen meinen gestrigen Erlebnissen. Ich frage mich, wie es Malte gerade geht und was er wohl gerade tut, ob er sich noch an mich erinnert und ärgere mich gleichzeitig, dass ich meine Nummer nicht hinterlassen habe. Jetzt würde ich wohl nie erfahren, was ihn aus der Bahn geworfen hatte.
      Ich holte meinen Laptop, klappte ihn auf und google nach dem Gestüt. Einige Verkaufsanzeigen und Artikel über Turniergewinne springen mir ins Gesicht, aber auch die Website der Ranch. Ich weiß selbst nicht warum, aber ich schreibe mir Maltes E-Mail Adresse und die Telefonnummer der Gestütsleitung auf. Vielleicht würde ich sie doch irgendwann einmal gebrauchen. Dann lasse ich mich lustlos auf mein Bett fallen und ziehe ein Fotoalbum zu mir heran. ich hatte es gestern aus einer der viele Kisten gesucht, jedoch noch nicht die Kraft gehabt, es mit anzuschauen.
      Die Bilde rmeiner Vergangenheit springen mich förmlich an, als ich die erste Seite aufschlage. Ich sehe meine Eltern, meine Geschwister und natürlich das, was meine Kindheit so Maßgebend bestimmt hat. Pferde. Pferde, die Natur, unser altes Gestüt und jede Menge Tiere. Ich habe es geliebt, mein altes Leben. Mit seinen Höhen und seinen Tiefen, denn ich wusste, dass es irgendwann wieder bergauf geht. Jetzt war ich mir da nicht so sicher. Dann ändere es, suche deinen Weg, versucht mich mein eigenes Gehirn zu überreden. Ich schüttle den Kopf. Nein, das Kapitel in meinem Leben habe ich abgeschlossen.
      Am späten Nachmittag mache ich es doch. Ich gebe die Telefonnummer von Frau von Eylenstein in mein Handy ein und drücke auf das grüne Symbol. Es ist ja nicht verboten, sich zu erkundigen.
      Sie ist nett, klingt jedoch etwas gestresst. Ich kann mir vorstellen wie schwer es ist, den Überblick bei einem so großen Gestüt zu behalten. Sie freut sich darüber, dass ich ihr meine Hilfe anbiete und eventuell auch eine Reitbeteiligung suche. Sie fragt mich, ob ich heute noch kommen kann und obwohl es draußen bereits dämmert, steige ich in meinen Wagen und nehme den Weg ein weiteres Mal auf mich. Ich habe Angst. Nicht vor Frau von Eylstein oder dem Gestüt, sondern davor, Malte über den Weg zu laufen. Ich weiß nicht, wie er auf mich reagiert oder ob er mich überhaupt erkennt, aber ich versuche selbstsicher auszuzehen, als ich meinen Wagen auf dem Parkplatz abstelle. Ich frage mich unwillkürlich, warum ich das Gestüt immer nur im Dunklen zu Gesicht bekommen.
      Frau von Eylstein hat mir ihre Adresse genannt und ich mache das schicke Herrenhaus in Weiß auch schnell ausfündig. Einen Moment bleibe ich verdutzt stehen, als ich lautes Geschrei aus dem Innern höre, drücke dann aber trotzdem auf die Klingel. Keine zwei Sekunden später wird die Tür aufgerissen und ich stehe einer jungen Frau mit einem schreienden Kleinkind auf dem Arm gegenüber. Sie hat dunkle, schulterlange Haare und wilde grüne Augen, aber auch tiefe Augenringe und ein gestresster Ausdruck liegt in ihrem weichen Gesicht.
      »Jora Cederblom?« Fragt sie mich und als ich vorsichtig nicke dreht sie sich um und ruft mit lauter Stimme: »Nico!« Und als niemand antwortet, schreit sie das zweite Mal noch ein Bisschen lauter. Ich bin leicht eingeschüchtert und als das Kind auf ihrem Arm abermals zu schreien anfängt und immer noch keine Antwort aus dem Haus dringt, dreht die Frau sich wieder um und verschwindet in der Wohnung. Ich stehe noch in der offenen Wohnungstür und frage mich verzweifelt, ob ich hier richtig bin. Aus dem Haus tönen laute Gespräche und ich habe für einen Moment das Bedrängnis, mich umzudrehen und zurück in mein Auto zu steigen. Die Frau kommt allerdings in diesem Moment zurück, zieht schroff die Tür hinter sich zu und bleibt seufzend stehen. Aller Ärger und Stress weicht ihr aus dem Gesicht und zurück bleibt nur die Erschöpfung.
      »Es tut mir unheimlich Leid«, sagt sie und reicht mir ihre Hand. »Charly, ich freue mich sehr, dass du dich gemeldet hast.« Sie lächelt kurz.
      Ich ergreife die Hand. »Ich kann auch wann anders wiederkommen«, sage ich und deute mit einem Nicken aufs Haus. »Wenn es heute unpassend ist.«
      »Ach quatsch«, lacht Charly gequält. »Es ist alles gut, wirklich! Komm, ich bringe dich zum Stall.«
      Ich sage nichts weiter und hoffe inständig, dass es wirklich in Ordnung ist, aber immerhin wares ihr Wunsch, dass ich heute noch komme. Auf dem Weg zum Stall stellt mir Charly einige Fragen und erkundigt sich danach, was ich bereits für Erfahrungen habe. Ich versuche nichts allzu überheblich zu klingen, erzähle ihr aber trotzdem von dem Gestüt, auf dem ich früher gewohnt habe, aber auch, dass ich nun seit längerer Zeit aus persönlichen Gründen den Kontakt zu Pferden abgebrochen habe. Sie fragt nicht genauer nach, denn sie scheint zu merken, dass ich nicht darüber reden will. Noch nicht.
      »Ich freue mich sehr, dass du aushelfen willst. Gerade heute hat sich einer meiner Mitarbeiter für längere Zeit frei genommen und es ist sowieso schon genügend Arbeit auf dem Hof.« Wir betreten den Stall. Ich liebe das Geräusch von kauenden Mäulern, gleichmäßigen Atmen und raschelnden Stroh noch genauso wie vor vielen Jahren und doch erinnert es mich an all die Dinge, die damit zusammen hängen, die ich versuche zu verdängen.
      »Wenn du sagst, du bist früher viel geritten, in welche Richtung denn? Eher klassisch Turnier oder doch etwas anderes?« Fragt sie mich.
      Ich bin einen Moment hin und her gerissen und würde gerne wissen, was sie für eine Antwort haben möchte. »Eher Freizeit«, sage ich dann. »Mein Vater war eher der Turnierreiter. Er hat mit seiner Stute einige Plätze in der Dressur geholt. Meine Mutter und ich haben uns mit schwierigen Pferden beschäftigt. Aber ich kann im Dressursattel genauso gut sitzen wie im Westernsattel, denn das war immer mein Ziel, so weitgreifend wie möglich zu arbeiten und nicht nur eines zu erlernen und alles andere zu verachten, wie es oft der Fall ist.« Füge ich hinzu.
      »Mit schwierigen Pferden sagst du?« Fragt mich Charly und kneift die Augen zusammen.
      Ich nicke vorsichtig. »Ja, aber wie gesagt, es ist schon lange her und ich weiß nicht, wie sicher ich noch im Umgang mit Pferden bin.«
      »Dann finden wir das mal heraus«, murmelt Charly und geht zu einer der Boxen weiter hinten. »Wir haben hier einige schwierigere Pferde und wie du vielleicht auch schon weißt, auch ein breites Feld an allen möglichen Pferden, welche vor allem für den Freizeitsport, aber auch den leichten Turniersport gedacht sind. Die einzige Zucht bei eins besteht aus den Sportpferden, welche wir allroundermäßig ausbilden und im mittleren Sport auf die Bühnen schicken. Ich würde mich freuen, wenn du uns bei der täglichen Arbeit unterstützt, aber genauso wichtig ist es auch, dass die Pferde reichlich Bewegung bekommen.« Sie öffnet das Tor und ein tragisches Wiehern erscheint, das mich kurz zusammenzucken lässt. »Komm her!« Meint Charly und winkt mich lächelnd zu sich. »Das ist unsere Grenzfee«, sagt sie und streichelt einer großen Stute in dunkelbraun den breiten Kopf. Unruhig spielen ihre Ohren hin und her und die Nüster bläht sich immer wieder auf. Ich weiche einen Schritt zurück als sie aggressiv mit dem Schweif peitscht, Charly redet jedoch beruhigend auf sie ein, sodass sich die Stute schnell beruhigt. »Unsere Grenzfee. Sie hat schon einen langen Leidensweg und ist nun seit einigen Jahren bei uns. Vielleicht findet ihr beide ja zusammen.« Als sie mein unsicheres Gesicht sieht, fügt sie hinzu: »Du brauchst keine Angst zu haben, du bist neu und das lässt Fee vorsichtig sein. Ich bin mir aber sicher, dass sie dich schnell akzeptiert.«
      Ich schaue Fee in die klaren, braunen Augen und sehe den weichen Schimmer und diese Gutmütigkeit in ihrem Blick. »Sie hat bestimmt viel Schlimmes erlebt«, flüstere ich und gehe mit ausgestreckter Hand einen Schritt nach vorne.
      Charly nickt und will etwas sagen, jedoch kommt ihr die Stimme einer anderen Frau dazwischen. »Charly, was soll das? Du weißt, dass das auch nach hinten losgehen kann.« Wütend kommt eine weitere Frau auf uns zu. Auch sie ist etwa im gleichen Alter wie wir, rote Locken umspielen ihr gebräuntes Gesicht und die leuchtenden Augen. Charlys Blick verhärtet sich, als die Frau sich an uns vorbeidrängelt und vor uns die Boxentür schließt.
      »Was soll das Mio?« Fragt Charly und hält die junge Frau am Arm fest. Diese entwindet sich jedoch barsch und faucht zurück. »Grenzfee ist meins! Meins allein und nur weil du auf sie aufgepasst hast, heißt das nicht, dass du alles mit ihr machen kannst, was du willst!«
      Erschrocken weiche ich einen Schritt zurück und lehne mich an die Boxentür. Wo bin ich hier gelandet? Warum ist hier jeder sauer auf den anderen? Ich hasse Streit, Arroganz und Feindschaft, die nicht begraben werden kann. Schon mein ganzes Leben stoße ich immer wieder auf diese unzufriedenen Menschen, die meinen, ihren Ärger und ihre Wut an anderen auszulassen, die nur versuchen ihnen zu helfen. Mio schmeißt Charly noch eine Beschimpfung an den Kopf, welche ich jedoch nicht mehr hören kann, weil ich mir meine Finger in die Ohren gesteckt habe. Ich schließe meine Augen und versuche all den Zoff und die unschönen Dinge aus dieser Welt zu verbannen. Ich will das nicht hören, ich wollte das nicht wieder ertragen müssen.
      Eine Hand legt sich auf meinen Unterarm. Ich versuche sie abzuschütteln, ich will den Kontakt zu solchen Personen nicht, ich brauche Abstand von solchen Gefühlen.
      »Jora», sagt eine Stimme an meinem Ohr. »Alles ist gut, komm mit mir.« Ich kenne diese Stimme und ein Gefühl von Vertrauen durchfließt mich. Blind folge ich ihm, verliere die Zeit und den Ort aus den Augen und komme erst wieder zu Bewusstsein, als mir eine warme Tasse Tee hingehalten wird.
      Malte » Ich habe Charly gesagt, dass ich Urlaub brauche. Nicht nur drei Tage, länger. Ich bin mir nie sicherer bei etwas gewesen, als ich vor ihrer Tür stand und ihr klar und deutlich erklärte, dass ich Ruhe brauchte. Ich fühle mich seit langer Zeit endlich mal wieder frei und kann atmen wie schon lange nicht mehr. Ich besuche meine neuen Pferde erst nachdem ich mit Charly geredet habe und die Entscheidung erscheint mir unheimlich schlau. Mit einer neuen mir schon unbekannten inneren Ruhe betrete ich den kleinen Nebenstall und stecke aufgeregt wie ein kleines Kind meine Hand über die Box hinweg, um sie endlich anschauen, anfassen, greifen zu können. Es ist schon recht lange her, dass ich mir Angus gekauft habe und nun kamen noch diese beiden dazu. Ginnungagap schaute mich aus seinen aufmerksamen braunen Augen an und ich wusste, dass er so schnell nicht wieder gehen würde. Sein Fell glänzte seiden, bestimmt hatte Vuyo es heute Morgen geputzt. Es ist schwarz, aber kein gefährliches, einsames Schwarz, sondern tiefgründig und warmherzig. Ginnus Beschreibung im Internet war nicht die einfachste, aber das gefiel mir. Ginnu schaut mich an und ich blicke zurück, fast wie ein stummes Gespräch zwischen zwei Wesen, die sich darauf einigten zusammenzuleben. Ich hatte überlegt, ihn kastrieren zu lassen, doch dann fiel mein Blick auf Ursel und ich wusste, dass ich das nicht übers Herz bringen würde.
      In meinem Kopf höre ich bereits Petyr, wie er sich über den Namen von Ursel lustigmachen wird. Er findet solche Pferdenamen albern, doch ich werde mich diesmal nicht provozieren lassen, denn vor mir sehe ich das ehrliche und freundliche Bild meiner kleinen Bärengöttin, denn genau das bedeutet der Name für mich. Ursel ist die erste Stute in meinem Besitz. Mit seidenem rötlichen Fell, einer langen wehenden Mähne und den hochbeinigen weißen Abzeichen. Eyvind hatten sie gefallen und auch Vuyo hatte mir vor wenigen Stunden einen Besuch abgestattet und mir zu diesen beiden Pferden beglückwünscht.
      Als Ginnu unruhig wird, bringe ich erst ihn, dann auch Ursel auf eine Weide nahe des Stalls. Es ist mir lieb, die beiden etwas im Auge behalten zu können und doch will ich sie nicht alleine im Stall zurücklassen. Ich bin mir selbst noch nicht sicher, zu wem die beiden auf die Weide kommen sollen, will jedoch am Abend ein erstes Kennenlernen ausprobieren. Bis kurz vor sechs ziehe ich mich deswegen in meinen kleinen Wagen im Wald zurück und schaue das erste Mal seit langer Zeit wieder etwas Fernsehen. Ich brauche Ablenkung. Auch koche ich mir mit den Resten aus meinem Kühlschrank einen Auflauf und lasse mir diesen auf meinem Sofa schmecken.
      Am Abend gehe ich erneut zum Offenstall. Logi begrüßt mich wie immer mit einem sanften Stupsen, während Félagi noch eingeschnappt ist, dass ich ihn heute Morgen geärgert habe. Ich lächele kurz und wuschle ihm dann durch seine dichte Mähne, während Dynur sich hinter ihm zurückhält. Dynur werde ich erst einmal zurücklassen. Sollte Félagi der Verpaarung zustimmen, wird auch Dynur nichts mehr dagegen haben. Zusammen mit Félagi verlasse ich die Weide und machte mich auf den Weg zu Ginnungagap. Dieser hört uns schon von Weiten und stößt ein lautes Wiehern aus. Wie erwartet bleibt Feli stehen, spitzt die Ohren und bläht die Nüstern. So sieht er noch viel hübscher aus, wenn er so aufrecht steht. Dann wird er unruhig, tänzelt leicht auf der Stelle und stupst mich an. Er weiß selbst noch nicht, ob er das Pferd kennenlernen möchte und ich merke wieder, dass er noch sehr jung und unerfahren ist, was das angeht. Das stört mich nicht, ich will ihm sowieso noch Zeit lassen, bis ich ihn unter den Sattel zwinge. Er liebt seine Freiheit und das versteh ich nur zu gut.
      Am Zaun von Ginnu angekommen wird Feli wieder ruhig. Ginnu steht an der anderen Seite des Zauns und beobachtet uns. Ich hätte gedacht, dass er offensiver vorgehen wird. Doch kaum kam mir dieser Gedanke, schüttelt der Rappe seinen muskulösen Kopf und kommt auf uns zugeprescht. Erschrocken weicht Feli einen Schritt zurück und versteckt sich leicht hinter mir. »Alles gut!« Sage ich liebevoll und ziehe aus meiner Hosentasche eine kleine Möhre. Das lässt sich Feli nicht entgehen, schnappt zu und hat mit wenigen Bissen das Leckerli hinuntergeschluckt. Auch Ginnu bekommt ein Stück, dich kaum ist es verschwunden, wiehert er wieder laut und trabt elegant den Zaun auf und ab. Feli hat nun doch die Scheu gepackt und er versucht mich zurück in Richtung Stall zu ziehen. Auch wenn ich sehe, dass es viel Arbeit mit den beiden werden wird, so sehe ich doch das Potenzial. Es wäre ein Traum, meine jungen Hengste zusammen halten zu können und vielleicht endlich eine Grenze zwischen den Kaltblütern und den Ponys ziehen zu können, welche nun noch auf einer Weide stehen.
      Jora » Ich öffne die Augen und blicke in das Gesicht von Eyvind. Er lächelt. Ich habe das Gefühl, dass er immer lächelt. Diesmal bin ich mir jedoch nicht sicher, ob er sich über mich lustig macht. »Tut mir Leid«, murmle ich beschämt und richte mich auf dem Sofa etwas auf. »Es war einfach nur zu viel für mich.«
      Er nickt und reicht mir eine Tasse Tee und ein Stück Schokolade. »Hier, iss. Das hilft bestimmt.« Vorsichtig nehme ich es ihm ab, beiße jedoch noch nicht hinein.
      »Wer war das?« Frage ich. »Das rothaarige Mädchen?«
      »Mio«, meint er und steht seufzend auf. »Komm, iss, wenn es etwas gibt, was dir nun helfen kann, ist ein Tee und eine Schokolade.« Er geht in die Küche der kleinen Wohnung und stellt sich ans Fenster. Ich beiße einmal ab und merke, wie sich der süße Geschmack der Schokolade in meinem Mund und meinem Magen ausbreitet. Er hat Recht, es hilft wirklich. Meine Frage hat er trotzdem noch nicht beantwortet. Bevor ich jedoch dazukomme, unterbricht er mich. »Mio hat es zur Zeit auch nicht leicht. Früher hat sie zusammen mit Charly ein Gestüt geleitet, bevor sie nach dem tragischen Tod ihres Freundes in die USA geflohen ist. Der Kontakt brach fast vollständig ab und erst zwei Jahre später lernten sie sich wieder kennen. Mittlerweile ist Mio wieder hier. Sie hat ihre neuen Freunde und einen Haufen Pferde mitgebracht. Sie vermisst es, Nevada. Sie vermisst die Wildnis, die Wüste, die wilden Pferde.« Er seufzt. »Nimm es ihr nicht übel. Sie hat sich oft schwere Vorwürfe gemacht, dass sie so viele Pferde zurückgelassen hat und Grenzfee ist eines von ihnen.«
      Ich nehme einen Schluck Tee. Ich schmecke den süßen Honig und die Melisse und ich glaube auch einen Schuss Orange erkennen zu können. »Ich wollte nicht, dass sie sich streiten.«
      »Das glaube ich dir.« Eyvind wendet sich wieder vom Fenster ab. »Du hast schon schlechte Erfahrungen gemacht, was Streit angeht?« Ich nicke nur. Mein Hals ist trocken und ich nehme noch einen Schluck. Eyvind möchte jedoch gar nicht mehr wissen.
      »Ich habe dir ein Bett vorbereitet, du bleibst heute bei mir. Morgen schauen wir uns zusammen das Gestüt bei Tageslicht an und ich zeige dir all die schönen Seiten.«
      Ich bin einverstanden, er hätte mich sowieso nicht gehen lassen und ich vertraute ihm. Bevor ich ins Bett gehe, frage ich noch: »Eyvind, wie geht es Malte?«
      Er lächelt mich kurz an, meint dann aber ernst: »Besser. Er hat sich Urlaub genommen und ich glaube, das braucht er jetzt auch. Wenn du willst, gehen wir ihn morgen gemeinsam besuchen.« Ich zucke nur kurz mit den Schultern und ich glaube, er versteht, dass ich mir nicht sicher bin, ob das eine gute Idee ist.
      Malte » Der nächste Morgen beginnt für mich in aller Frühe. Kurz nach Sonnenaufgang kann ich mich nicht länger im Bett halten und gehe hinaus in den Stall. Ich setzte mich einige Minuten auf die grüne Bank davor, genieße die Sonnenstrahlen und denke an gestern Abend. Ich hatte Vuyos und Charlys Vorschlag angenommen und versucht, meine Ursel mit zu den Ponystuten und Excelsior zu stellen. Jeanie mit Anhängsel Jelda hatte jedoch deutlich gezeigt, dass sie keinen weiteren akzeptieren will, denn anscheinend gehen ihr Vuyos beiden Stuten Nayela und Blazing Flame schon genug auf den Geist. Eine Stunde habe ich versucht, dass die Stuten sich näher kommen, war jedoch nur auf eine Mauer aus Beton gestoßen. Mit einem kurzen weiteren Gespräch mit Charly hatte ich mir jedoch eine vollkommen neue Konstellation überlegt. Ursel, zusammen mit der jungen Striga und meinem geliebten Óslogi. Ich hatte es nicht geglaubt, aber Logi und Ursel verstanden sich von Anfang an und auch Striga schien Freude an den beiden viel kleineren Pferden gefunden zu haben. Schon nach kurzer Zeit hatte sie ihre neue Freundin über den Zaun hinweg die Mähne gekrault und gezeigt, dass sie bereit dafür war.
      Gegen Mittag habe ich mich mit Charly verabredet. Sie will gerne dabei sein, wenn ich ihren Liebling und meine beiden Pferde zusammenführe.
      Im Stall miste ich das erste Mal in meinem Leben nur die Boxen der Pferde aus, die mir gehören. Ginnu, Ursel, Logi, Dynur, Feli und Angus. Ich brauche nicht lange, meine geübte Hand fidend im Handumdrehen die Dreckstellen, entfernt diese und streut neues Heu auf die Stellen. Bevor die anderen den Stall betreten, bin ich längst fertig mit meiner Arbeit und mache mich auf den Weg nach Hause.
      Jora » Am Morgen werde ich sanft von Eyvind geweckt. Er hat bereits den Tisch fürs Frühstück gedeckt und ich frage mich, ob er immer so lecker isst, oder das nur für mich tut. Wir sprechen nicht viel und es ist auch eine stumme nächste Stunde, bis wir den Stall betreten.
      »Das ist der Nebenstall«, erklärt mir Eyvind. »Die meisten der Pferde stehen im Sommer ganztägig auf den Weiden.« Der Stall ist hell und geräumig und anscheinend erst vor kurzem erbaut wurden. Nicht nur Sattelkammer und die kleine Küche sind modern, sondern auch die Tränken und der weiche Gummibelag in den Boxen. Es wurde kein Geld gespart, um den Pferde eine helle und freundliche Atmosphäre bieten zu können.
      Am anderen Ende der Stallgasse erscheint ein junger Mann. Rechts und links führt er zwei große Vollblüter. Das eine braun, das andere von einem hübschen und leicht geappelten Grau. Der Mann selbst hat dunkle Haut, kurze Haare und leuchtende Augen. Als er vor uns zum Stehen kommt, nimmt er beide Stricke in eine Hand und reicht mir die andere. Er blickt kurz grinsend zwischen Eyvind und mir hin und her und ich merke wie ich Rot werde. Eyvind reagiert jedoch gar nicht darauf und stellt mich vor. »Das ist Jora, sie möchte hier wahrscheinlich etwas aushelfen. Jora, das ist Vuyo. Er ist vor allem für die Vollblüter da, aber natürlich auch für jegliche andere Arbeit, die hier anfällt. So wie wir alle.« Ich ergreife nun Vuyos Hand und lächle kurz.
      Vuyo deutet auf die beiden artig wartenden Hengste. »Das ist Valentines Alysheba und sein Freund Osgiliath.« Er zeigt auf den Helleren. »Sehen wir uns heute zum Mittagessen Eys?« Fragt er an Eyvind gewandt. Eys, auf den Spitznamen wäre ich nie gekommen.
      »Ich weiß noch nicht, mal schauen.« Sagt Eyvind nur. Vuyo winkt uns noch kurz zu und macht sich pfeifend mit den beiden auf dem Weg aus dem Stall. Ich mache mich auf den Weg zu Grenzfees Box. Sie steht noch drinnen und blickt mich nachdenklich an. »Grenzfee hast du gestern ja bereits kennengelernt.« Ich blicke auf. Eyvind steht wieder neben mir. »Da neben dir in der Box, das ist Teufelstanz. Du kannst die beiden glücklich machen, in dem sie einfach immer in Sehweite bleiben dürfen. Sie lieben sich, wie man es nicht für möglich halten kann.« Erklärt mir Eyvind begeistert.
      »Gehen sie nicht auf die Weide?«
      »Doch doch, Vuyo wird sie gleich holen. Sie stehen auf einer Magerweide am See. Beide Stuten hatten schwere Hufrehe und ich bin froh zu sehen, wie gut sie sich entwickelt haben. Mittlerweile sind sie wieder reitbar, aber weder im Turniersport, noch auf der Rennbahn. Vuyo hat sich trotzdem zum Ziel gesetzt, die beiden im Rennen fitter zu bekommen und übt mit ihnen mehrmals auf unserer kleinen Bahn.« Er machte eine kurze Pause. »Hilfst du mir die restlichen Pferde auf die Weiden zu bringen?«
      »Klar«, sage ich und wende mich von Grenzfee ab. Eyvind zeit mir die fünf verbliebenen Pferde im Stall und gibt mir schließlich die Aufgabe, mich um zwei Trakehner Wallache zu kümmern. »Die gehören zwei Verwandten von Charly, eigentlich haben wir nur wenige Einsteller, aber die beiden haben sich uns nahezu aufgedrängt. Tibor und La Paz heißen die beiden.« Eyvind nahm zwei Stuten und ein dunkles Fohlen, das zu einer grauen Stute gehörte. Artig tippelte es ihr hinterher und ich lachte laut auf, als es über eine Bürste stolperte und erschrocken in die Luft sprang. »Ja, der kleine Mytos, der hat leider die Eleganz von seiner Mutter noch nicht geerbt.« Lacht auch Eyvind und blickt mir in die Augen. Ich wende meinen Blick ab und achte darauf, dass meine beiden Pferde nicht auch stolpern. Als Raja, Rubina, Mytos, Pas und Tibor auf ihrer Weide stehen, lädt mich Ey dazu ein, Malte zu besuchen. Ich zögere, stimme dann jedoch zu.
      »Hast du eigentlich auch Pferde?« Frage ich interessiert, als wir den Waldweg zu Maltes Haus gehen. Eyvind schüttelt jedoch nur den Kopf und sagt nichts dazu. Auch er hat also Dinge, über die er nicht reden möchte.
      Malte » Charly ist mir zum Glück nicht sauer, dass ich Hals über Kopf freigenommen habe. Besser gesagt dankt sie mir sogar, für meine jahrelange treue Arbeit und umarmt mich ein weiteres Mal. Es verwundert mich nicht, das auch das Zusammenführen unserer Pferde so gut funktioniert wie gedacht und nach nur einer halben Stunde stehen Striga, Logi und Ursel glücklich auf der Weide vor meinem Haus. Es ist mein Wunsch gewesen, dass die Pferde so nah wie möglich bei mir stehen und Charly hat nichts dagegen gehabt, dass ich ihre Striga etwas im Auge behielt. Die Vögel zwitschern über unseren Köpfen und im seichten Wind wanken die Bäume hin und her, als ein lautes Wiehern aus dem Wald erdringt. Während ich auffahre, bleibt Charly ruhig. »Das ist Marid, kein Zweifel.« Und tatsächlich. Wenige Sekunden später taucht Nico auf, unter ihm der wilde Hengst. Striga, Ursel und Logi preschen an die andere Seite des Zauns und es freut mich zu sehen, dass nicht nur Logi den Hengst nicht ausstehen kann.
      Nico bremst vor uns seinen Hengst ab und lässt sich von dessen Rücken gleiten. Ich muss zugeben, dass ich ihn für seine Reitkunst bewundere und auch, dass Nico eher nach Gefühl, als nach Regeln reitet. Trotzdem mag ich ihn nicht. Seine arrogante und herablassende Art stört mein Selbstvertrauen jede Mal aufs Neue. Er kommt jedoch kaum dazu etwas zu sagen, als zwei weitere Gestalten aus dem Wald auf uns zukommen. Marid hört sie als erste und so wenden auch wir drei den Kopf in die Richtung. Eyvind ist mit seinen weißen, kurzen Haaren und der Sonnenbrille nicht schwer zu verwechseln und das Mädchen neben ihm, wie mir bewusst wird, ist sie. Elend lange Engelslocken, einen zierlichen Sidecut und weiche Gesichtszüge. Neben Eys sieht sie erstaunlich klein aus, neben mir würde es genau passen.
      »Jora«, sagt Eyvind, als sie neben uns zum Stehen kommen. »Charly kennst du ja bereits und Malte auch. Das ist Nico.« Überheblich verbeugt sich Nico, ergreift dann Joras Hand und meint: »Zu euren Diensten, junge Frau.« Jora wird Rot und lächelt peinlich berührt, zieht die Hand jedoch nicht aus Nicos Griff. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie Charly sich wütend auf die Lippe beißt, sagt jedoch nichts dazu. Ich weiche Joras Blick aus, nicke nur kurz freundlich. Anscheinend sind nun alle verstummt und zu fünft stehen wir am Zaun der Weide und blicken auf Ursel, Striga und Logi, während jeder seinen eigenen Gedanken nachhängt.
      Leben ist Erfahrung von Wirklichkeit und wer lebt, tauscht Zeit gegen Erfahrung aus, denke ich, bevor ich mich Jora zuwende. »Hast du Lust auf einen kleinen Spaziergang?«
      4.128 Zeichen von Ravenna
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      Es ging fast in die alte Heimat, sein Großvater war Schwede gewesen. Nun ging es Richtung Norwegen eine Ranch mit dem Namen Tyrifjord, wohl benannt nach einem Fluss dort in der Gegend. Rúrik freute sich auf den Auftrag, neben dem Schwert das im Transporter lag und einem Mittelalterlager hatte er auch vor einen alten Freund in der Gegend zu besuchen.
      Bei der Besitzerin hatte er sich schon einige Informationen zum Pferd geholt, da sie wohl an einer alten Belastungsrehe litt, die nach und nach verheilt war, aber natürlich von Zeit zu Zeit wieder auftreten konnte. Allerdings würde sich der Schmied erst vor Ort ein genaues Bild der Krankheit machen können. Rúrik wurde begrüßt, oder eher angeschaut...von oben bis unten von einem hageren Buschen der sich ihm als "Nicolaus du Martin" vorstellte, der Name kam ihm über die Lippen und dem Hühnen gefiel der Ton darin nicht. Der Blick blieb skeptisch. "Sie sind Herr Halfdansson?" "Rúrik genügt mein Junge. und er genoss wie er zusammen zuckte und nicht mehr ganz so argwöhnisch beobachtet wurde. Grüne Augen fixierten ihn, zumindest war Nicolaus kein Zwerg, er vermochte dem Schmied fast in die Augen zu sehen, war allerdings im Gegensatz zu diesem nur ein Hemd von der Breite der Schultern her. "Ich hol dann mal Grenzfee." damit verschwand der blonde Lockenkopf im Stallgebäude, Rúrik schnappte sich seinen Koffer und folgte ihm hinein. Besagtes Pferd war eine zierliche Vollblutstute, die offensichtlich den Namen Grenzfee trug. Der junge Mann hielt sie am Strick, während Rúrik sich kurz mit ihr bekannt machte. Gab ihr ein kleines Stück der Möhre in seiner Tasche um sie ein wenig zu bestechen. Trotzdem stand sie da, unsicher, beobachtete den Mann vor ihrer Nase mit ihren braunen Augen. "Sie hat ihre Probleme mit älteren Männern." "Na dann passt das ja Prima, dass ihr ausgerechnet mich hierher bestellt habt." Nicolaus zuckte nur mit den Schultern wollte die Stute an die nächste Box binden. "Halten sie den Strick bitte fest, außerdem würde ich dich bitten sie mir draußen einmal vorlaufen würden. Ich würde gern sehen wie sie nun die Beine belastet. Dafür musst du einmal von mir weg, auf mich zu und seitlich an mir vorbei laufen." Nicolaus sah zunächst aus, als würde er widersprechen, schluckte dann und tat anschließend wie geheißen.
      Er kehrte mit der Stute wieder zurück, wieder gab Rúrik ihr ein Stück Möhre strich ihr mit der großen Hand sanft über die Stirn und wisperte Worte auf schwedisch zur Beruhigung. Natürlich wurde sie nicht merklich ruhiger, legte aber nicht unbedingt komplett die Ohren an und ließ Rúrik seine Arbeit beginnen. Er schaute nach wie die Vorderhufe sich rotieren ließen ob eine Rotation des Hufbeines vorlag und ob sich wieder eine Belastungsrehe anbahnte. Die Stute zeigte bei der Probe keine Schmerzen, das Gelenk und der Huf selbst ließen sich frei bewegen und auch die Hufsohle war nicht gebeugt. Der Hufbearbeiter vor Rúrik hatte einen guten Job gemacht, das konnte er sagen. Er hatte etwas mehr Rand stehen gelassen, damit die Sohle an sich frei war. Genau so führte der Mann nun die Vorarbeit weiter aus. "Sollten sie da nicht etwas mehr abschneiden?" kam es fragend von der Seite, wobei es weniger fragend als wissend war. Rúrik gelang es nur unter Anstrengung nicht zu stöhnen, ein Besserwisser also? Also seufzte er, was bei seiner Größe eher dem Schnauben eines Rottweilers glich. "Natürlich könnte ich mehr schneiden, aber dann würde die Dame eher auf der Sohle laufen und gerade bei einer Rehe sollte das vermieden werden. Es wird mir Last auf den Rand gelegt, damit die Rotation nicht weiter belastet wird. So muss der Schmied zwar öfters kommen, kann aber gut korrigieren. Mein Vorgänger hat damit begonnen und ich sehe keinen Grund diese Strategie nun zu ändern." Der Typ war ihm unsympatisch und zu anstrengend, er würde sich auf keine Diskussion einlassen. Er stand auf während er sprach die Feile in der Hand, überkreuzte er die Arme vor der Brust. Doch es kam keine weitere Anwort, also wandte sich Rúrik den Hinterbeinen zu und nach kaum einer halben Stunde hatte er den gesamten Termin hinter sich gebracht.
      2.680 Zeichen von Elsaria
      Eine Kundin hatte drei Pferde zur Untersuchung. Zwei davon waren etwas dringend, da sie auf einer Stutenkörung vorgestellt werden sollten. Da die Kundin aus Oslo kam, buchte ich mir für ein Wochenende ein Hotel in der nähe und fuhr los. In Oslo angekommen, musste ich erstmal auf eine Fähre, die mich zu der Insel brachte, wo die ranch Tyriford lag. Ich kam freitags gegen Mittag an und wurde von der Inhaberin Charlotte Eylenstein, kurz Charly, begrüßt. Sie erkundigte sich nach meinem Wohlbefinden denn das Klima war doch etwas windiger als in Deutschland. Nachdem ich mich etwas orientiert hatte stand ich vor einer 12 jährigen Deutsches Reitponystute namens Nayela. Ich ließ mir die Stute vortraben um zu sehen, ob was in den Gängen zu erkennen war. Nayela lief tadellos neben ihrer Besitzerin her. Nachdem ich auch die Beugeprobe gemacht hatte lief sie auch noch wie vorher. Dann band Charly ihre Stute fest und ich begann mit der normalen Untersuchung. Die Zähne waren in Ordnung, die Schleimhäute sahen gesund aus, dann ging ich über zu den Augen, auch da war alles klar, nichts trüb und keine Sekrete. Dann tastete ich den Hals und wie Wirbelsäule und kruppe ab auch da war alles in bester Verfassung. Dann hörte ich die Darmgegend und Lunge ab, auch hier war sie in Form. Nayela war vollkommen gesund und konnte zur Prüfung antreten. Als nächstes kam Raised from Hell an die reihe die Paint Stute sollte ebenfalls zur Stutkörung vorgestellt werden darum brauchte auch diese ebenfalls eine Grunduntersuchung. Ich ließ mir sie zuerst vortraben und dann untersuchte sie genau, Zähne Augen und Bewegungsapparat waren ohne Befund, auch das abtasten kam keine neuen Erkenntnisse und dann hörte ich noch Darmgegend und Lunge Herz ab, auch diese war in Ordnung, da die Stute vollkommen gesund war, nur noch die Grundimpfungen erfrischt werden mussten spritzte ich diese nach und somit konnte ich mich dem letzten Pferd Grenzfee wenden. Charlotte erklärte mir das die Stute schon mal mit Hufrehe zu kämpfen diese aber wieder gut in den griff bekommen hatten. Auch sie ließ ich mir vorzeigen, mit der Info der Hufrehe lief sie nicht mehr so wie sonst, sie war mehr feinfühliger aber ansonsten war sie taktklar. Nun untersuchte ich die hübsche Stute auf anderen Auffälligkeiten oder Krankheiten. Diese konnte ich ausschlie0en außer das die Stute demnächst einen Zahnarzt brauchte. Ich lobte Charly und riet ihr so weiter machen wie bisher. Die Stute war gut eingestellt. Nun impfte ich die stute, und war fertig. Da die Pferde von Charly mehr als gesund waren, war ich mit meinem Untersuchungstermin fix durch und hatte nun 2 freie Tage in Oslo ehe ich wieder nach Deutschland fuhr.
    • adoptedfox
      41.148 Zeichen von Canyon
      „Flieg, Flugzeug flieg, flieg hinauf in die Wolken und fliiieg!“
      „Kommt das nur mir komisch vor, oder warum spielt mein Sohn in einem Flugzeug mit einem Flugzeug?“, sagte ich zu mir selbst, während ich Bart beobachtete, wie er sein kleines Flugzeug immer wieder in die Höhe hob und mit Spucktropfen die Motorengeräusche nachmachte.
      „Ihr Sohn?“ Ich drehte meinen Kopf zur Seite und blickte in die freundlichen Augen einer jungen Frau. Sie war groß und schlank, hatte eine gebräunte Hautfarbe und naturbraunes Haar.
      Ich nickte. „Bart“, sagte ich und deutete auf meinen Sohn.
      „Was ist mit mir?“ Bart blickte fragend auf, während sein Flugzeug unsanft auf seinem Schoß abstürzte. „Ich habe nichts getan!“, verteidigte er sich, ohne zu wissen, worum es ging. Die Frau lachte wohlwollend auf und um ihre Augen bildeten sich Lachfalten.
      „Nico“, sagte ich und reichte ihr in der Enge der Sitze die Hand.
      „Vicky, Vicky Riley“, sagte sie und griff nach meiner Hand.
      „Wie das Hustenbonbon?“
      „Nein, nicht ganz, das heißt mit Nachname nicht Riley“, sagte sie und lachte schon wieder. „Sie sind ja ein Scherzkeks!“
      Ich nahm das als Lob und schenkte ihr auch ein Lächeln. „Erzählen Sie, wie sind Sie in diesen Flieger gekommen, der so hoch über dem weiten Ozean in die Unendlichkeit flieht?“
      „Ich bin auf dem Weg nach Hause, ich war beruflich unterwegs“, sagte sie. „Und Sie?“
      „Ich weiß noch nicht“, antwortete ich wahrheitsgetreu und blicke zu Bart. „Vielleicht fliege ich gerade in meine neue Heimat.“
      „Sie wollen nach Kalifornien ziehen?“, fragte sie mich erstaunt. „Sie kommen wohl nicht aus den Staaten?“
      Ich schüttelte den Kopf. „Nein, zur Zeit wohne ich noch in Norwegen, ursprünglich komme ich jedoch aus Frankreich.“
      Sie lachte wieder. „So viel haben Sie schon hinter sich, in ihrem Alter?“
      „So jung bin ich nicht“, verteidigte ich mich. „Das macht nur die Antiagecreme, Sie wissen schon, früh genug an die Zukunft denken.“
      Sie lachte wieder und wir blickten uns einen Moment intensiv in die Augen, bevor Bart an meiner Jacke zog und meine Aufmerksamkeit wieder zu ihm lenkte. „Papa“, meckerte er. „Wann sind wir endlich da?“
      „Bald“, sagte ich und wandte meinen Blick abwesend aus dem Fenster. „Die neue Heimat ist nicht mehr weit.“
      Ich beobachtete Bart beim Spielen und als ich mich wieder der jungen Frau neben mir zuwenden wollte, sah ich, dass sie mit Kopfhörern in den Ohren die Augen geschlossen hatte.
      Viele Stunden später war ich froh endlich das Flugzeug verlassen zu können. Bart hatte sich vollkommen mit den Resten des Essens eingeschmiert und zwischen seinen Beinen klebte der Rest der geschmolzenen Schokolade, die er sich aufheben wollte. Trotz der paar Stunden Schlaf war er unausgeglichen und auch mein Feingefühl reichte nach der Anstrengung nicht aus, um seine Laune über Wasser zu halten.
      Doch Bart musste sich daran gewöhnen. Charly würde sich nicht damit zufrieden geben, wenn sie unseren Sohn nicht regelmäßig sehen würde. Sie würde nicht kommen wollen, das hatte sie zu oft gesagt, und Charly hielt sich an ihre Versprechen.
      Nach dem Check Out und dem Warten auf unser Gepäck, standen Bart und ich endlich am Hauptausgang des riesigen Flughafens. Bart hatte sich trotzig auf seinen Kinderkoffer gesetzt, während ich hektisch versuchte, die Telefonnummer für die nächste Taxistation zu finden.
      Wie hatte ich sie vermisst, diese Wärme und die Sonne weit über mir, die mir an diesem Tag besonders nah erschien. Es war Zeit geworden, endlich die Kälte Norwegens nach einer so langen Zeit zu verlassen. Doch musste ich zugeben, dass es auch hier nicht warm war. Es war früher Morgen, der Himmel war leicht bewölkt, doch zumindest war keine dunkle Regenwolke zu sehen. 4 Grad waren nicht viel und ich fror mit meinen dünnen Turnschuhen und dem einfachen Pullover. Ich würde wohl einkaufen fahren müssen, denn auch Bart hatte seine winterliche Kleidung in Norwegen gelassen.
      Im richtigen Moment nörgelte Bart neben mir und ich blickte von meinem Handy auf. „Mir ist kalt“, sagte er trotzig und verschränkte die Arme vor der mit Erdnussbutter beschmierten Brust.
      „Ich bin doch schon auf der Suche nach einem Taxi“, murmelte ich genervt.
      „Soll ich Sie und Ihren Sohn vielleicht ein Stück mitnehmen?“ Die junge Frau aus dem Flugzeug stand wieder neben mir. Auch sie hatte ihren zierlichen Koffer gefunden und sich zum Schutz gegen die Kälte einen dicken Mantel um die Schultern gelegt.
      „Vielen Dank“, sagte ich. „Aber diese Umstände müssen Sie sich nicht machen. Ich bestelle uns einfach ein Taxi.“
      „Blödsinn“, lachte sie. „Los, sagen Sie, wo müssen Sie hin?“
      Ich gebe mich geschlagen. „Modoc National Forest, kurz vor der Grenze zu Oregon“, sagte ich. „Bestimmt die komplett andere Richtung.“
      ... später, genau um ...., wie das Navi preisgab, winkte ich Vicky hinterher. Sie hatte uns auf dem Parkplatz, meinem Parkplatz, abgesetzt. Bart war während der Fahrt eingeschlafen und von mir nun unsanft aus dem Schlaf gerissen worden, als ich ihn aus dem Auto ziehen musste. „Sind wir da?“, hatte er verschlafen gefragt, während ich Vicky noch ein paar Euro als Dankeschön in die Hand drückte. Das war das mindeste gewesen, dass ich für sie tun konnte.
      Auf der Fahrt hatte ich mir einen ersten Eindruck von Kalifornien machen können, doch hätte ich nie gedacht, dass einer der berühmtesten und beliebtesten Staaten der USA so trostlos erscheinen konnte. Trockener Boden, viele vereinzelte Bäume und elend lange, benummerte Highways, die kein Ende zu nehmen schienen. Der Norden Kaliforniens war etwas anderes, als der dicht besiedelte Süden.
      Ich blickte auf den Zettel in meinen Händen. „Falls du Hilfe brauchst, ruf meinen Bruder an“, hatte Vicky mir zum Abschied geraten. „Du würdest mit ihm bestimmt zurecht kommen.“ Mir kam der Gedanke, dass sie mir die Nummer nur gegeben hatte, damit ich sie erreichen konnte. Wofür sonst, sollte ich ihren Bruder brauchen? Ich würde das schon schaffen.
      „Daaad“, nörgelte Bart neben mir. „Können wir jetzt endlich ins Haus?“
      Auf den ersten Blick erkannte ich das Gestüt nicht wieder - ich sah ein großes Gebäude mit rotem Dach, ein paar Bäume und einen übersehbaren Zaun, der mir erst zum Schluss ins Auge fiel.
      „Komm Bart“, sagte ich, hob unser beider Gepäck auf und marschierte selbstsicher auf das Gebäude zu. Das Gelände war weitläufiger als erwartet. Die Bilder im Internet hatten vor allem die einzelnen Gebäude gezeigt und nun sah ich, dass die Reithalle ein gutes Stück entfernt von meinem Wohnhaus und auch vom Hauptstall lag. Den Hauptstall konnte ich erst erkennen, als ich einen kleine Bauminsel umrundet hatte und nun auch die andere Hälfte des Gestüts sah.
      Ich blieb einen Moment stehen, um das Gestüt auf mich wirken zu lassen. Ich sah den hellen Boden und die kahlen Bäume, das rote Dach des Stalls und die geschwungenen und weißen Bögen des Mauerwerks, die mich an meine Heimat erinnerten. Und dann sah ich die verwelkten Blumen rund um den von Moos bedeckten Reitplatz, ein paar durchnässte Heuballen daneben und die kaputten Ziegel des Wohnhauses, durch deren Lücken Wasser tropfen musste.
      „Daaad“, sagte Bart wieder. „Ich bin müde, ich will in mein Bett.“
      „Gleich“, murmelte ich und ließ meinen Blick noch einmal über die romantische Baustelle schweifen. Als Bart ungeduldig an meiner Jacke zerrte, drehte ich mich schlussendlich doch zu ihm um und folgte ihm in Richtung Wohnhaus.
      Nachdem ich für Bart im Wohnzimmer das Sofa hergerichtet hatte, er sich zusammenrollte und erschöpft die Augen schloss, zog ich Jacke und Schuhe wieder an und verließ das Wohnhaus. Auch davon hatte ich nur wenig gesehen, doch hatten mich auch hier die weißen Wände der Fassade getäuscht. Ich wusste, dass hier vorher zwei Brüder gewohnt hatten und so verwunderte es mich nicht, dass die kurz besichtigte Küche und das kleine Bad, sowie das Zimmer für Bart nicht im besten Zustand waren. Aber es reichte, es musste reichen. Genauso wie der kahle Boden für die Pferde, ohne dem fehlenden Gras. Doch hatte ich Glück, der Großteil der Pferde war die Trockenheit aus Frankreich gewöhnt und der Rest hatte sich nun in Norwegen daran anpassen müssen. Auch dort bestand das Weideland vorrangig aus Stein und von der Kälte erfrorenem Boden.
      Bis zum Abend erkundete ich auch den Rest des Geländes. Zwischendurch sah ich nach Bart, der jedoch bis zum frühen Abend schlief. Zwölf Stunden Flugzeug und viele zu überwindenden Zeitzonen waren nicht einfach. Auch ich spürte die Müdigkeit in meinen Beinen, doch die Angst vor dem leeren Bett mit der kalten Bettdecke hielt mich auf.
      Nach vier Tagen wählte ich die Nummer auf dem zerknitternden Zettel in meiner Hosentasche. Ich hatte es versucht, doch die Gartenarbeit machte mich mehr fertig, als dass sie mir den Kopf freimachte. Die Farbe für den Zaun, neue Ziegel für das Dach und neuer Sand für den Reitplatz waren bestellt, doch würde ich die Arbeit nicht alleine schaffen.
      Hinzu kam noch Bart. Am Tag folgte er mir auf Schritt und Tritt und auch wenn die nervige und ständige Anwesenheit sich nach ein paar Tagen in Freude gewandelt hatte, es tat gut, jemanden zum Unterhalten zu haben, konnte ich ihm nicht die Aufmerksamkeit schenken, die er verdiente.
      Mein Telefon klingelte lange, es schien keinen Anrufbeantworter zu haben, bis sich eine verschlafene Stimme meldete. „Riley?“
      „Nicolaus du Martin“, sagte ich steif und fragte mich, ob das wirklich eine gute Idee war. „Ihre Schwester hat mir Ihre Nummer gegeben.“
      „Der gesprächige und charmante Franzose mit den goldenen Locken, die ihm bei Schlafen in den Mund fallen — meine Schwester meinte bereits, dass Sie anrufen werden.“
      Ich blieb einen Moment still und doch begann ich zu verstehen, warum Vicky gemeint hatte, ich würde mit ihm zurecht kommen. „Wollen Sie einen Arbeitsplatz oder wollen sie sich diese Chance auch wieder entgehen lassen?“
      „Ich will jetzt nicht sagen, dass es mir Leid tut, aber das Jobangebot würde ich trotzdem gerne annehmen. Wie viel bekomme ich?“, fragte Riley.
      „So viel, wie Ihre Arbeit wert ist“, sagte ich. „Wann kommen Sie vorbei?“
      „Gerade feile ich mir noch meine Fußnägel und heute Abend habe ich ein heißes Date, mit der ich danach hoffentlich im Bett landen werde. Die verzögerte Aufstehreaktion durch die nächtlichen Aktivitäten mit einberechnet, wäre ich morgen gegen Mittag fit genug, um in meinen Wagen zu steigen und zu Ihrer Bruchbude zu fahren.“
      „Machen Sie das“, sagte ich nur. „Ich werde Sie erwarten.“
      „Ach so“, sagte er noch vor dem Auflegen. „Ich habe kein Interesse daran, als Babysitter zu arbeiten.“
      Ich hatte nie vor etwas Angst. Das Schlimmste war die Furcht, die in mir hochkroch, wenn ich an den plötzlichen Tod in der Mitte des Lebens dachte. Vor allem vor meinem eigenen, der kommen konnte, bevor ich leben würde. Ich hatte zu viel verloren und mit jedem Verlust war auch ein Stück von mir abgebrochen. Der Schmerz verging und mit ihm auch wieder ein Teil des Ichs, der ich einmal war.
      Der leere Stall rief in in mir ein ähnliches Gefühl hervor. Nicht so stark und nicht so vernichtend, jedoch zumindest annähernd so ergreifend. Es war, als hätte ich alles verloren. Jedes Zuhause, jede Heimat und jeden Freund.
      Doch war der Stall schön. Geschwungene, weiße Bögen, mit leichtem Gold verzierte Boxen und ein Fenster in jeder. Ich hatte das flackernde Licht bereits repariert, das alte Stroh aus den Boxen geholt und die Spinnenweben entfernt. Für einen Moment kam mir der Gedanke, dass der Stall geputzt noch trostloser erschien. Verlassen und vergessen, genau wie ich.
      Mein Telefon klingelte und für einen Moment war ich erstaunt, dass ich anscheinend doch nicht der einzige Mensch auf Erden war. Ich war zu langsam. Als ich das klingelnde Smartphone aus meiner Innentasche gekramt hatte, war es bereits wieder verstummt. Zwei Anrufe in Abwesenheit, den erste hatte ich bereits verpasst. Hinzukam noch, dass die beiden Anrufe von den zwei Frauen auf der Welt waren, denen ich gerade jetzt nicht ins Auge sehen, oder besser gesagt, ins Ohr sprechen wollte; meiner Exfreundin und meiner Mutter. Ich steckte das Handy wieder ein und verdrängte den Gedanken, dass ich mich schon längst bei beiden hätte melden müssen.
      Noch am gleichen Tag bekam ich die Nachricht, dass er unterwegs war. Endlich. Er würde kommen. Meine am Boden liegende Welt würde auferstehen, erst wankend und dann immer kräftiger - ich wäre nicht mehr allein, ich würde es nie wieder sein wollen.
      Marid war mein Freund, der einzige, der je zu mir gehalten hatte. Sie sagten, sie würden Pferde verstehen, aber nur ich verstand Marid.
      Als Marid ankam, stellte ich ihn in die Box gleich am Haus. Des Nachts hörte ich seine Schritte und das laute Schnauben. Auch rief er mir zu und gab erst in den frühen Morgenstunden Ruhe. Ich hatte ihm Unrecht getan, ihn alleine nach Amerika verschiffen zu lassen. Ihm ging es nun wie mir, nur waren wir ab sofort nicht mehr allein. „Nie wieder“, versprach ich ihm jedes Mal aufs Neue.
      Genau zur gleichen Zeit wie Marid ankam, lernte ich auch Eli Riley kennen. Er war in meinem Alter, sportlicher als ich, aber mindestens genauso gut aussehend. Seine dunklen Locken glichen den meinen, nur waren sie um einiges kürzer und braun. Er war nett und hilfsbereit und vor allem hatte er ein schönes Lächeln. Sein größtes Problem war jedoch der ständige Zwang, seine Gedanken laut auszusprechen und somit jeder Zeit die Wahrheit zu sagen. Ich nahm mir gleich beim ersten Treffen vor, ihm nicht meine Geheimnisse anzuvertrauen, sie würden nicht lange sicher sein.
      Er beschwerte sich nicht über die ihm aufgetragenen Aufgaben, doch als er am zweiten Tag den Stall weihnachtlich mit Lichterketten und Sternen schmückte, merkte ich, dass es ihm nicht schwer fiel, seine eigenen Ideen ohne meine Zustimmung in die Tat umzusetzen. Auch kam er gut mit Marid aus und da war er wohl einer der ersten.
      Am dritten Tag nahm Riley mich und Bart mit in die Stadt. Ich hatte noch kein Auto, der Grund dafür war wohl das fehlende Geld und ein Stück vielleicht auch meine hohen Ansprüche.
      Canby war genauso verlassen, wie die restliche Gegend. Viele kleine und verstaubte Häuser, umgeben von den leeren Ebenen, über die der kalte Wind pfiff. Die Stadt war nicht weit, doch außer einer Tankstelle und einem Supermarkt gab es nicht viel und das trübte meine Aussicht auf etwas Zivilisation. Die ältere Generation saß zumeist zu zweit auf den weißen Plastestühlen vor ihren Flachbauten in hellem gelb und sobald wir an ihnen vorbeifuhren, blickten sie kritisch dem Transporter von Riley hinterher. Früher mochte er wohl rot gewesen sein, nun war er ausgeblichen und mit rostenden Stellen bedeckt.
      Ein Junge, ein paar Jahre älter als Bart, hielt mit seinem klapprigen Rad am Straßenrand an und blickte uns auch noch hinterher, als wir bereits am Horizont verschwanden. Ansonsten sahen wir niemanden.
      Bart saß auf der Rückbank und drückte sein Gesicht an der verstaubten Scheibe platt. Er war die letzten Tage ungewöhnlich stumm gewesen. Charly hatte einmal zu mir gemeint, dass Bart mehr von mir hatte, als von ihr. Dass er sogar mein Ebenbild war und wenn ich schwieg, schwieg auch er.
      Riley hingegen war locker wie immer. Er hatte das Radio aufgedreht und summte über die Nachrichten hinweg eine Melodie. Wir hatten uns stillschweigend darauf geeinigt, dass die Vergangenheit kein Redethema sein sollte. Er fragte nicht und ich fragte nicht.
      Der Vorteil an Rileys Wagen, war die große Ladefläche hintendrauf. Wir kauften gemeinsam für die nächsten Wochen ein, einigten uns auf das Essen und das, obwohl Riley deutlich sagte, was er gerne aß. Auch ich hatte meine Vorstellungen, sodass wir unsere Ausbeute schlussendlich auf nur wenige verschiedene Gerichte festlegten.
      „Sieben verschiedene Gerichte müssten reichen — nur einmal die Woche das gleiche“, sagte Riley gutgelaunt, während er einen weiterem Sack Kartoffeln in den Einkaufswagen legte. „Das sichert zumindest unser Überleben.“
      Auf der Rückfahrt hielten wir am Kindergarten in Canby an. Ich hatte Angst davor, auch Bart von mir wegzuschicken. Er war, von den Pferden abgesehen, das Einzige, das ich aus Norwegen mit in meine neue Heimat nehmen wollte. Der Kindergarten jedoch war ein einfaches Gebäude mit Papierblumen an den Fenstern und einem vergilbten Namen über der Tür. Die Fassade war verstaubt und das Dach reparaturbedürftig und ich nahm mir vor, Bart so lange wie möglich bei mir zu behalten.
      „Gründen Sie doch einfach ihren eigenen Kindergarten“, sagte Riley herausfordernd.
      „Wenn Sie der Kindergärtner werden, Riley“, sagte ich wenig erfreut. Daraufhin lachte er nur, wir stiegen wieder ein und fuhren zurück nach Phoenix Valley.
      Phoenix Valley war ein prachtvoller Name für solch einen entlegenen und einsamen Ort. Und doch wurde mir bewusst, dass er passte, als wir an dem Findling mit dem eingemeißeltem Namen an der Einfahrt vorbeifuhren. Bart war mittlerweile eingeschlafen und auch die Nachmittagssonne hing gewohnt träge am Rand des Himmels.
      „Ich versorge noch schnell Marid, ich komme gleich nach“, sagte ich und verließ das Auto. Riley parkte seinen Laster vor dem Wohnhaus und fing an, die ersten Taschen auszuräumen.
      Marid stand den Tag über auf einer der Weiden. Selbst im Vergleich zu Norwegen war es auch hier nicht besonders einfach für die Pferde, auf dem kargen Weideland ihre Bedürfnisse zu stillen. Der Heubedarf würde im Winter sehr hoch ausfallen und im Kopf zählte ich bereits das Geld, dass noch übrig bleiben würde, wenn dieser vorbei war.
      Marid wartete bereits am Zaun auf mich. Er hatte gelassen den Kopf gesenkt und spitzte die Ohren als ich näher trat. Ich bückte mich unter dem einfachen Zaun hindurch und legte ihm, das Halfter um. Er knabberte sacht an meiner Jacke und meine Hand streichelte ihm beruhigend den Hals. Ich musste nichts sagen, Marid wusste, dass es mir ähnlich ging wie ihm.
      Nachdem ich Marid in die Box am Haus gebracht hatte, ging ich ins geheizte Wohnhaus. Die Wärme schlug mir entgegen und so erdrückend wie sie im ersten Moment war, genauso genoss ich das Gefühl eines Zuhauses.
      Riley hatte bereits die Einkaufstaschen in die Küche gestellt und Bart fand ich in seinem Bett friedlich schlafend. Riley selbst stand im Wohnzimmer vor dem altertümlichen Kamin, den ich die letzten Tage häufiger entfacht hatte. Er tippte auf seinem Handy und blickte auch nicht auf, als ich den Raum betrat.
      „Willst du nicht langsam gehen?“, fragte ich und ging weiter in die Küche.
      „Ich wollte erst noch auf das ‚Danke‘ warten“, rief er mir hinterher. „Aber ich schätze, dass ich da lange bleiben könnte, oder?“
      „Hau einfach ab“, murmelte ich erschöpft und stellte die Kaffeemaschine an, bevor ich mich auf dem Küchenstuhl niederließ.
      Als ich wenig später wieder das Wohnzimmer betrat, war Riley tatsächlich verschwunden und für einen Moment wünschte ich mir, dass er nicht gegangen wäre.
      Zwei Tage später kamen auch die anderen Pferde auf dem Gestüt an. Sie waren allesamt vollkommen erschöpft und ausgelaugt und auch wenn ich eines der teuersten Transportunternehmen angeheuert hatte, steckte bei einigen die pure Anstrengung noch tief in ihren Körpern. Marid war nie ein Herdentier und doch wieherte er den Neuankömmlingen etliche Begrüßungen zu und galoppierte am Zaun auf und ab. Doch nicht nur bei Marid, auch auf dem restlichen Gelände war endlich Bewegung eingekehrt. Ich hatte sie vermisst, fast so sehr, dass ich bei der Ankunft zu weinen begann. Die Anspannung der letzten Tage würde sich nun endgültig legen. Ich hatte mich dafür entschieden, dass nur die Stuten in den Hauptstall ziehen und die Hengste den etwas kleineren Nebenstall bewohnen würden. Wenn der Winter mit all seiner Macht einzog und auch die großzügigen Paddockboxen von Wind und Schnee durchweht wurden, dann würde auch für die Hengste noch genügend Platz im Hauptstall sein. Durch die Trennung erhoffte ich mir jedoch eine möglichst ausgeglichene Atmosphäre.
      Ich hatte Mytos verkauft. Kurz vor unserem Umzug war er ausgezogen, auf ein anderes Gestüt, wo er seinen Fähigkeiten entsprechend versorgt und trainiert werden würde. Ich hatte Marid nichts angemerkt und auch wenn es sein Sohn gewesen war, so schien er ihn nicht zu vermissen. Ich vergöttere ihn dafür, ich hätte Bart nicht weggeben können. Dafür war Rubina geblieben. Sie würde einen Platz ganz vorne im Stall bekommen. Sie liebte die frische Luft und der Trubel am Stalltor störte sie nicht im geringsten. Ja, ich hatte darüber nachgedacht, Marid seiner Manneskraft zu berauben, um ihn und Rubina für immer zusammenhalten zu können, aber ich hatte den Gedanken erstmal verschoben. Es gab wichtigeres.
      Neben Rubina zogen die restlichen Stuten ein. Lady Gweny, Grenzfee, Teufelstanz, Sawanna, Oak‘s Lake Mountain, Raja und auch Fanny Mae, die wir lange versucht hatten zu verkaufen. Nun würde ich ihr doch noch eine Chance geben.
      Auch die Jungpferde würden den Winter über in den Hauptstall ziehen. Sobald der Frühling in Kalifornien einzog, würde ein neuer Offenstall ihr Zuhause sein. Picturesque Diova, Weltfriede und auch LMR Royal Champion, ein mittlerweile fast ausgewachsener Hengst, der im nächsten Sommer eingeritten werden konnte. Den Winter durfte er das Fohlenleben noch genießen.
      Der Nebenstall hatte viel weniger Bewohner. Zusammen mit Marid hatten wir gerade mal sechs Hengste; ZM‘s Zanaro, Osgiliath, Valentines Alysheba, Aspantau und Ghostly Phenomenon. Eine sehr ausgeglichene Herde, wenn auch wohl verantwortlich für Sieg oder Niederlage.
      Mein Geld würde mich bis zum Frühling über Wasser halten, danach waren es die Pferde, die über Shows und Turniere die Einnahmen hochhalten mussten. Würden sie verlieren, dann würde ich es auch. Ich wollte mir diese Niederlage nicht eingestehen müssen, ich wollte nicht als Niemand im Abspann eines Films untergehen. Ich wollte mehr.
      Nach ein paar Tagen wurde ich krank. Riley meinte, dass das psychisch bedingt sei, ich schob es auf das unveränderte Wetter und die eintönige Arbeit im Stall. Ich wollte das Riley nicht sagen, aber ich war es nicht gewöhnt. Riley hatte die letzten Tage häufiger gesagt, dass ich Hilfe brauchte. „Ich habe doch mich und dich“, hatte ich geantwortet. „Reicht das nicht?“
      „Sie werden schon sehen.“ Ja, genau das sah ich jetzt. Ich war krank und ich wusste selbst gut genug, dass der Verantwortliche nicht nur das Wetter war.
      Am Nachmittag kam Riley in mein Zimmer. Er klopfte zwar, öffnete jedoch nach wenigen Sekunden die Tür, sodass ich mich gezwungen fühlte, ihn wieder die Treppen hinabzuschicken. Vollkommen erschöpft, mit tropfender Nase und einer kalten Tasse Tee in der Hand schlürfte ich wenig später zu ihm und Bart herab, der schon den ganzen Tag fernsehen schaute. Charly würde mich eigenhändig in die Hölle schleppen, wüsste sie das.
      „Ich habe hier einen Artikel über ein Turnier gefunden. Sie wollen ja immer nur die Besten hier im Stall — dort werden Sie bestimmt den Besten finden“, begann Riley, sobald ich die letzte Treppenstufe erklommen hatte.
      „Riley, sehen Sie nicht, dass ich krank bin?“
      „Ja, warum?“, fragte er scheinheilig und blickte von der Zeitung auf.
      „Dann sprechen Sie nicht in Rätseln, Sie Idiot“, sagte ich und nahm ihm die Zeitung aus der Hand. „Ich brauche kein neues Pferd.“
      „Nein, nein — Sir“, fügte er noch hinzu. „Kein Pferd, davon gibt es hier wirklich genug. Ein weiterer Helfer. Ich sage Ihnen, ich habe Ahnung von Leuten, die von dem Turnierquatsch die Nase voll haben und bestimmt nicht ablehnen würden.“
      „Sie wollen fremde Leute anquatschen, ob sie für mich arbeiten würden?“, fragte ich zweifelnd. „Sind Sie nun vollkommen übergeschnappt? Woher soll ich denn wissen, ob die wirklich so gut sind?“
      „Sie unterschätzen mich“, sagte er und nahm mir die Zeitung wieder aus der Hand. „Warten Sie nur ab, wenn wir am Wochenende dorthin fahren, werde ich Ihnen die besten Reiter Kaliforniens vorführen und mindestens einer von denen wird für Sie arbeiten wollen. Nur an Ihrer verwelkten Charme müssen Sie noch arbeiten, Kalifornien scheint Ihnen noch nicht so gut zu tun.“
      Riley faltete die Zeitung, wuschelte Bart durch die Haare und verließ die Tür. „He, warten Sie! Riley!“, brüllte ich ihm mit kratziger Stimme hinterher, er antwortete jedoch nicht und ließ mich kopfschüttelnd zurück.
      „Was meint Eli mit verwelkter Scham, Dad?“, fragte Bart und schaute mich mit großen Augen an.
      Ich fuhr am nächsten Wochenende wirklich mit Bart und Riley zu dem Turnier. Das einzige gute daran war, dass auch Vicky uns begleitete. Sie hatte wie immer gute Laune, auch wenn sie es diesmal nicht schaffte, mir meine zu retten. Ich war immer noch krank. Weniger als vor wenigen Tagen, aber in dem Maße, dass ich eigentlich zu Hause im Bett bleiben würde. Riley hatte jedoch kein Mitleid.
      Das Turnier fand in Richtung Küste statt. Es war windig, doch zumindest brach die Sonne hin und wieder die dunkle Wolkendecke auf. „Haben wir zumindest überdeckte Plätze?“, fragte ich während der Fahrt. Riley lachte jedoch nur und meinte, dass wir das nicht brauchen werden, unsere Beute lauert davor. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, gab mich schlussendlich jedoch mit meinem Schicksal zufrieden und versuchte nur noch, den Tag hinter mich zu bringen.
      Rileys Plan war auf den ersten Blick unverständlich und sinnlos. Nachdem wir auf dem viel zu überfüllten Parkplatz angekommen waren und uns in der Masse einen freien Platz gesucht hatten, standen wir zu viert am Eingang des Bereiches für die Reiter und ihre Pferde. Meine Hände waren kalt und selbst wenn ich sie tief in der Jackentasche vergrub, wurde es nicht besser. Bart versuchte eine Laterne hinaufzuklettern und Vicky telefonierte einen Meter weiter. Ich warf Riley einen wütenden Blick zu, er ignorierte mich jedoch seit einer gewissen Zeit und beobachtete angestrengt das Treiben auf dem Platz dahinter.
      „Riley“, sagte ich warnend, erntete jedoch nur eine unwirsche Geste von Riley. „Eli Riley!“, sagte ich nochmals und versuchte bedrohlich zu klingen, was jedoch aufgrund der klappernden Zähne nicht gelang.
      „Ich arbeite“, sagte Riley, ohne mich anzuschauen.
      „Das sehe ich nicht.“
      „Das habe ich nicht erwartet“, murmelte er. Ich wollte gerade etwas erwidern, als er sagte: „Die da, die ist es. Die ist nicht nur unheimlich scharf sondern auch talentiert.“ ich wollte ihn davon abhalten, er streckte jedoch seinen Arm über die Absperrung hinweg, pfiff einmal laut und schrie dann: „He du junges Mädchen mit den schokobraunen Haaren und dem ausgeprägten Gesäß! Ich will mit dir sprechen!“
      „Der ist nicht gefährlich!“, rief Vicky hinterher, die nun aufgehört hatte zu telefonieren. Ich schlug nur mit der Hand gegen die Stirn und hielt mich im Hintergrund. Wie konnte ich nur an diese Menschen geraten.
      Wenig später war Weihnachten. Wir hatten die Kerzen angezündet und saßen nach der Stallarbeit zum gemeinsamen Abendessen beisammen. Die Tagen waren stressig, aber Eli hatte recht behalten und Mary Ann war schnell unersetzbar geworden. Sie war selbstsicher und talentiert und wohnte die Woche über auf dem Hof, während sie die Wochenenden an der Küste bei ihrer Familie verbrachte. Sie war gekommen, einfach so, weil Riley sie gefragt hatte. Erst nicht, doch zwei Tage später hatte ein Taxi sie auf dem Hof abgesetzt und sie war nicht wieder gegangen.
      Im Hintergrund lief amerikanische Weihnachtsmusik aus dem Radio, das einzige, woran ich mich niemals gewöhnen würde. Der Weihnachtsbaum bestand aus einem Stück Holz mit Nägeln und daran hängenden verblassten Christbaumkugeln, doch hatte Bart das sonderbare Stück nicht weniger enthusiastisch geschmückt als die riesige Tanne vom letzten Jahr. Die Kerzen auf dem Tisch hüllten den Raum in einen heterotopischen Ort und es war das erste Mal, dass ich Weihnachten wirklich fühlte. Ich spürte die Sehnsucht, die das vergangene und das kommende Jahr versprach und all die Emotionen, die die Zeit gebracht hatte. Vielleicht lag es ein bisschen daran, dass vor wenigen Tagen ein Paket gekommen war. Der Absender stammte aus Deutschland, doch die Handschrift der aufgeklebten Notiz kam nicht von Charly, sondern von Malte. Wie gefordert hatte ich das Paket erst heute morgen geöffnet. Die Sonne war gerade aufgegangen, Bart ließ ich noch schlafen und zu einer Zigarette am Küchenfenster hatte ich das unscheinbare Paket erst länger betrachtet, bevor ich es zu mir holte. Ich wollte es nicht öffnen. Ich wollte alles hinter mir lassen und egal was es war, es bereitete mir Angst. Schließlich griff ich nach dem Messer in meiner Hosentasche und stach in die Pappe. Ich besiegte meine Angst, indem ich mehrere tiefe Schnitte in die braune Hülle stach, bis die Verpackung vollkommen zerstört vor mir lag. Nun blieb mir keine andere Chance mehr, der Inhalt lang unverpackt da, die Hülle war zerstört und meine Angst gebrochen. Jetzt war sowieso alles egal.
      Es war ein Fotoalbum, mit schwarzem Umschlag und schmucklosen Seiten. Dafür jedoch gefüllt mit bunten Bildern deren Flut und Lebendigkeit mich wahrlich überrollte. Ich schloss das Buch einige Sekunde und erst als ich wieder Luft den Raum betrat, öffnete ich es ein weiteres Mal. Diesmal jedoch vorsichtiger. Malte hatte viele Bilder gemacht. Vor allem von den Pferden, von der Natur und den Menschen, meinen Freunden. Ich sah Charly, Bart wuchs von Bild zu Bild, neue Pferde, neue Freunde, neuer Schritt.
      Die zweite Hälfte des Albums war leer. Ein Zettel klebte in einem der Fächer: „Für das Kommende, wenn die Vergangenheit später deine Stütze sein muss.“
      Eli betrat das Zimmer so eilig, dass ich das Album aus Reflex zuklappte und unter dem Sofa verstaute. „Sie kommt“, hatte er gesagt und ich war ihm nach draußen gefolgt.
      „Weinst du etwa?“ Eli holte mich ruckartig zurück in die Gegenwart.
      „Ich habe Vergangenheit ins Auge bekommen“, brummte ich und wandte mich wieder dem Teller zu. Die Musik drang mit einem Schlag wieder in mein Bewusstsein ein und es fiel mir schwer, entspannt zu bleiben. Als Eli den Blick von mir abwandte, wischte ich mir mit einer schnellen Bewegung über die Augen. Ich hatte nie geweint.
      „Du hast früher nicht geraucht, stimmt‘s?“ Eli hatte sich neben mich gestellt, doch mein Blick war auf die Einöde vor mir gerichtet gewesen, während ich tief den umnebelnden Rauch eingezogen hatte.
      „Möglich“, sagte ich, ohne Eli zu beachten, der sich neben mich auf den Stein mit dem Namen des Gestüts setzte.
      „Das ist ein falscher Weg“, sagte er tonlos und ich merkte, dass er gar nicht versuchen wollte, mich vom Gegenteil zu überzeugen.
      „Egal, Charly ist nicht mehr da.“
      „Liebe ist schon etwas kompliziertes“, sagte er und seufzte.
      Mein Kopf zuckte in seine Richtung. „Ich liebe sie nicht mehr“, sagte ich.
      Eli schüttelte jedoch den Kopf und grinste mich breit an. „Doch das tust du und je mehr du versuchst es dir auszureden, desto schlimmer wird es.“
      Mein Kopf wurde heiß. Die Zigarette landete vor mir auf dem steinigen Boden, wo sie auch liegen blieb. „Wolltest du irgendwas? Wenn nicht, dann lass mich einfach in Ruhe und mach deine Arbeit. Für etwas anderes bezahle ich dich nicht.“ Ich stand und ging mit großen Schritten zurück zum Gestüt.
      „Du liebst sie! Heute — morgen, egal wann, dein Leben lang. Ich weiß wovon ich spreche.“
      Ich blieb ruckartig stehen. „Lügner!“, brüllte ich zurück. „Du weißt gar nichts, GAR NICHTS!“ Meine Finger vibrierten und meine Gedanken setzten aus. Nur die angesammelte Wut sprach aus mir. Nicht die Wut über die Welt, sondern über mich. Ich wusste, dass ich niemanden hassen konnte, so sehr wie ich es versuchte, ich hasste nicht sie, sondern mich. Mich, einen niemand. Ich hasste niemand.
      Ein Lied erklang. Es tönte aus dem Stall, durchdrang das alte Bauwerk; den Stein und das Holz. Das Gestüt war gefangen im Klang der Melodie, die sich verzaubernd über es breitete und alles je gesehene mit ihrer zarten Kraft umhüllend, beschützend um sich schloss. Der Hof versank in diesem Lied und es wurde Frieden. Nur für einen Moment, aber dieser genügte, damit auch ich Frieden schließen konnte. Es war das Lied der friedlichen Weihnacht. Das unbekannte bekam seinen Namen, erhielt doch einen Platz in meiner neuen Welt und ich taufte sie „Song of Peace“, in der Hoffnung, dass sie es mir auf ewig spielen würde. In Gedanken klebte ich das erste Foto auf die erste leere Seite und es war das Bild des Weihnachtspferdes, das Frieden mit sich brachte.
      Als Barts singende Stimme die Melodie übertönte, wurde ich jäh aus meinem Gedanken gerissen und für einen Moment war ich fassungslos, wie sehr mich dieses Lied ergriffen hatte. Das Gefühl war verschwunden, der Gedanke des Friedens mit mir selbst verblasst und die Macht des Schicksals prasselte wieder auf mich ein. Doch eines sollte bleiben. Ich drehte mich zu Eli um, der noch immer einige Schritte hinter mir stand. „Das neue Pferd wird „Song of Peace“ heißen!“, rief ich bestimmend. Dann drehte ich mich um und lief in Richtung Haupthaus, weg von der Musik, weg von Erinnerung und Streit.
      Eli hatte das Pferd ausfindig gemacht gehabt. Als Teil einer Weihnachtsverlosung eines Jahrmarktes zwei Städte weiter, war es an einen unqualifizierten Mann mittleren Alter mit sichtbaren Alkoholproblemen gekommen. Sie war ungestüm und ihre nächsten Schritte nicht vorherzusehen. Eli hatte nachgeforscht und herausgefunden, dass die Stute keine Hengste an sich heranließ, jedoch nur zu diesem Zweck gekauft wurde. Es war ein ewiger Teufelskreis und diese Stute war versank immer mehr in der Rolle eines Problempferdes.
      Ich hatte es erst nicht haben wollen, der neue Besitzer verlangte einen unanständigen Preis, aber nachdem ich mit dem Tierschutz drohte, bekam ich das Pferd für läppische 500$. Es hatte keinen Namen, keine Abstammung, keinen Ausweis und keine Tierarztkontrolle. Wenige Stunden später war es bei uns und noch am selben Tag hatte ich einen Tierarzt gefunden, der sie untersuchte, impfte und uns sagte, dass alles in Ordnung sei. »Mit etwas Glück und Geduld kann sie vielleicht später auch zur Zuchtstute werden, aber ich will nichts versprechen«, sagte der in die Jahre gekommene Mann, während er sich ächzend vom Boden erhob. »Ein hübsches Pferd haben sie da.«
      Ich war an diesem Tag nicht fair zu Eli gewesen. Ich rang ihm das Versprechen ab, alle Kosten, die nicht geplant waren, für das Pferd bezahlen zu müssen und ließ ihn am Abend noch lange den Stall aufräumen. Ein Stück weit bereute ich die Entscheidung zu diesem Zeitpunkt und Eli war wieder das Opfer, das meine Launen aushalten musste.
      Als ich jedoch am Abend eigenständig noch einmal nach dem gemeinsamen Essen in den Stall ging und in die Augen des "Christmas Horse", wie sie Bart zu nennen pflegte, blickte, wusste ich, dass sie hier glücklich werden würde und einen Moment dachte ich auch das gleiche von mir.
      Die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr war eine sehr entspannte Zeit. Ich hatte mich damit abgefunden. Es würde zu Ende gehen, egal was ich tun würde und damit meinte ich nicht nur das Jahr. Doch danach, danach würde ein neues beginnen. So wie jedes Mal und ich würde wieder versuchen aufzublicken und nicht im Augenblick zu verweilen.
      »Lust auf einen letzten Ausritt dieses Jahr?«
      Ich blickte von dem Kalender mit der gesamten Planung für das nächste Jahr auf. Ich stand im Hauptstall und hatte mir bis eben Notizen gemacht, welche Dinge verändert werden mussten und wann das geschehen konnte. Mary Ann stand nun vor mir. Sie war um einiges kleiner als ich und mit ihrer offenen Art sofort zu allen zugänglich. Sie ließ sich von nichts einschüchtern, weder von mir, noch von der vielen Arbeit, die im neuen Jahr auf sie warten würden.
      Ich zuckte mit den Schultern. »Ich habe zu tun«, sagte ich.
      »Das können Sie auch auch noch danach tun«, sagte sie und griff meinen Arm. »Nun los! Das schöne Wetter wird nicht auf uns warten und Eli wartet schon.«
      Ich ließ mich widerstandslos mitziehen. Ich war müde und erschöpft und das seit vielen Tagen und Wochen. Immer nur müde. Ich konnte nicht mehr, die Last der richtigen und falschen Entscheidung lag festgebunden auf mir und ich bereute das vergangene und hatte Angst vor dem Kommenden. Ich fühlte mich in die Enge gedrängt; von mir, der Zeit und den Fehlern, die immer wieder vor meinem Auge auftauchten.
      »Was ist mit Bart?«, fragte ich Mary Ann. Sie hatte mich mittlerweile losgelassen und ich lief ihr nun freiwillig hinterher.
      »Der putzt gerade mit Eli Gweny.«
      »Und die soll er wohl alleine reiten, oder was?«, fragte ich und zog die Augenbrauen hoch.
      »Nein, Sie dummerchen!«, lachte Mary Ann und boxte mir gegen die Schulter. »Ich reite sie natürlich mit ihm zusammen!« Sie grinste mich breit an und drückte mir dann ein Halfter in die Hand. »So und nun los, holen Sie sich ein Pferd. In einer viertel Stunde soll es losgehen.«
      Sie winkte mir zu, verschnellerte ihre Schritte und verschwand zwischen den kahlen Bäumen, hinter denen der Nebenstall lag. Ich blieb einen Moment unentschlossen stehen und blickte auf das Halfter in meinen Händen.
      Eine viertel Stunde später stand ich mit der geputzten und getrensten Grenzfee vor dem Nebenstall. Mary Ann hob gerade Bart in den Sattel von Gweny, während Eli - Grenzfee wich erschrocken einen Schritt zurück, als ich sie mit zwei großen Schritten bis zu Eli zog und ihm die Trense aus der Hand schlug. »Spinnst du?«, schrie ich ihn an. »Nimm gefälligst ein anderes Pferd.«
      »He, Nico!«, sagte Eli abwehrend, schob mich ein Stück von sich weg und hob die Trense wieder auf. »Diese Stute ist zwar neu, aber nicht blöd.« Vollkommen entspannt versuchte er den Staub von dem Leder zu wischen, eine Spur blieb jedoch zurück.
      »Bring das Pferd zurück und hole dir eins, was deinem Niveau entspricht, Eli«, knurrte ich.
      Die Bemerkung traf ihn und ich merkte, wie er ein Stück von seiner hohen Position herabkletterte.
      »Ich kann das genau so gut!«, verteidigte er sich und trenste die Stute demonstrativ auf.
      Ich wollte gerade erneut anfangen Eli zurechtzuweisen, als Mary Ann dazwischen kam. »Nun ist aber gut Nico. Eli schafft das, er hat die letzen Tage fleißig mit Song gearbeitet und mir zugeschaut. Vertrauen Sie ihm.«, sagte sie und drückte mir mit einem letzten Blick einen Helm in die Hand.
      »Den brauche ich nicht!«, rief ich. »Ich kann reiten.«
      »Das weiß ich, trotzdem setzten Sie ihn auf!«, rief Mary Ann zurück und kletterte hinter Bart auf den Sattel.
      Ich knurrte und blickte dann wieder Eli an. »Das ist die einzige Chance, die ich dir gebe«, sagte ich und stieg dann selbst in den Sattel.
      Eli war in meinen Augen kein geschickter Reiter. Er übte viel und versuchte sein Bestes, aber Mary Ann war einfach ein Naturtalent und das musste er endlich einsehen. Sie war jung und einfühlend, mit dem richtigen Maß an Schärfe, dass bei den schwierigen Pferden auf dem Hof von Nutzen war. Sie konnte es einfach, lernte ohne es zu wollen und erzielte die besten Erfolge auf dem Rücken der Pferde.
      Der Ausritt blieb trotzdem gemütlich. Eli hatte die hübsche Wunderstute Song of Peace mit der ständigen Hilfe von Mary Ann gut im Griff. Immer wieder sah ich, wie Mary Ann versuchte, Eli Tipps zu geben und immer wieder verstohlene Blicke zu mir warf. Ich ließ mich etwas zurücktreiben und Grenzfee unter mir genoss den langsamen Spaziergang sichtlich. Entspannt hatte sie den Kopf gesenkt und roch links und rechts immer wieder an Baum und Strauch. Bart lachte laut auf und auch Eli und Mary Ann stimmten mit ein. Grenzfee zuckte nur kurz mit den Ohren, doch Song machte einen Ausweichschritt zur Seite und blieb mit überkreuzten Beinen am Wegesrand stehen. Das Lachen hörte schlagartig auf, Eli warf einen Blick zu mir und brachte die Stute dann jedoch wieder zurück auf den Pfad. Von da an ließ auch er sich etwas zurückfallen und konzentrierte sich mehr aufs Pferd, als auf die Geschichten, die Mary Ann Bart zu erzählen wusste.
      Wenig später hatte sich die Konstellation geändert. Ich hatte mit Grenzfee zu Mary Ann, Bart und Gweny aufgeholt, während Eli und Song hinter uns ritten. »Ich werde wohl nach ein paar guten Reitbeteiligungen Ausschau halten müssen. Die Pferde brauchen mehr Bewegung«, sagte ich zu Mary Ann.
      Sie nickte zustimmen. »Wenn ich über das Wochenende nach Hause fahre, kann ich mich dort mal umhören. Ich kenne noch ein paar Freunde von früher, vielleicht haben die Interesse.«
      »Ich möchte nur die besten«, sagte ich. »Ich vertraue dir.«
      »Natürlich«, sagte Mary Ann. Bart begann zu kichern und wir schauten beide auf ihn herab. »Was ist denn daran so witzig?«, fragte Mary Ann lachend.
      »Du klingst wie der Auftraggeber Dad und Mary wie ein Auftragskiller!«, wieder lachte er und Mary Ann musste ihn festhalten, damit er nicht vom Pferd fiel.
      Als es Abend wurde, Mary Ann war bereits nach Hause gefahren, auch Eli würde das Wochenende bei seiner Schwester verbringen und Bart lag im Bett, ließ ich mich erschöpft in den Sessel fallen. Ich schloss meine Augen und dachte an das vergangene Jahr.
      Als ich die Augen jedoch wieder öffnete, fiel mein Blick auf den leuchtende n Knopf des Festnetztelefon, das in dieser Einöde nötig war, da hier ansonsten kaum Möglichkeiten von Empfang bestanden. Ich streckte meinen Arm aus, drückte eine Taste und ließ mich wieder in den Sessel gleiten. »Sie haben eine neue Nachricht«, sagte das Gerät, dann piepte es einmal laut und eine mir bekannte Stimme sagte: »Hey Nico. Ich konnte dich vorhin leider nicht erreichen, aber rufe mich doch einfach mal zurück. Viele Grüße und schonmal ein schönes neues Jahr, falls wir uns nicht nochmal hören.«
      17. Januar 2018 | 4005 Zeichen
      Es war noch früh am Morgen als ich mich in Richtung Küche bewegte und die Kaffeemaschine einzuschalten. In letzter Zeit kam ich nicht wirklich zur Ruhe und die Nächte verbrachte ich damit, mich im Bett von der einen auf die andere Seite zu drehen um dann festzustellen, dass es sich auf der anderen Seite doch besser lag.
      Während die Maschine den Kaffee zubereitete ging ich ins Badezimmer um mich für den Tag fertig zu machen.
      Ich hatte mich gerade mit meiner Kaffeetasse an den Tisch gesetzt, als mein Telefon aufleuchtete: eine Mail.
      Sie war von Nicolaus du Martin.
      Erst vor kurzem war ich zu ihm nach Kalifornien geflogen um ihn bei der Vorbereitung seiner Vollblutstute Grenzfee für einen anstehenden Wettbewerb zu unterstützen. Ich habe die Stute nur zu gut in Erinnerung.
      Ich stellte die Helligkeit meines Telefons herunter bevor ich das Mail-Postfach öffnete um die Mail zu lesen.
      “Das meint er doch nicht ernst!” stieß ich aus und wählte im Telefonbuch Hunter’s Nummer. Da er auch nach dem 5. Klingeln nicht abnahm legte ich auf und trank meinen Kaffee aus, während ich antwortete. Nicolaus fragte ob meinerseits Interesse bestünde, Grenzfee zu übernehmen. Ich antwortete ihm ehrlich, dass sogar großes Interesse besteht und die Vollblutstute eine Bereicherung für die Zucht sein würde. Endlich wach und voller Energie steckte ich mein Telefon in die Hosentasche, zog meine Jacke über und ging in den Stall. Das Wetter war miserabel. Es war eisig kalt und der Regenfall schien kein Ende zu nehmen. Ich entschloss die Pferde im Stall zu behalten und ging in die Sattelkammer um mit der Fütterung der Pferde zu beginnen. Nachdem jedes Pferd Futter bekommen hatte setzte ich mich auf einen Strohballen und zog mein Telefon aus der Tasche. Erin hatte geschrieben das sie heute wohl nicht kommen würde, ihr ginge es nicht gut. Die zweite Nachricht war von Hunter der wissen wollte weswegen ich angerufen hatte. In meiner Euphorie schrieb ich ihm, dass ich eine potenzielle Zuchtstute in Aussicht habe und ich die Rückmeldung der E-Mail kaum erwarten könne. Als von ihm nur ein knappes “Schön für dich.” folgte steckte ich mein Telefon genervt in die Tasche und machte mich daran die Boxen auszumisten. Am Nachmittag telefonierten Nicolaus und ich miteinander um alle Formalitäten miteinander zu besprechen. Grenzfee würde in 2 Tagen auf meinem Hof eintreffen.
      Heute war es soweit.
      Ich hatte den gestrigen Tag damit verbracht eine der Offenstallboxen für Grenzfee einzurichten um mich abzulenken. Ich konnte die Ankunft der Stute kaum erwarten. Auch jetzt saß ich seit Stunden auf einem Strohballen im Stall den ich extra näher an das Stalltor geschoben hatte, damit ich den Hof immer im Blick hatte. “Und?” rief ich Erin zu die, mit einer Thermoskanne und 2 Tassen in den Händen, über den Hof zu mir kam.
      “Gesehen habe ich nichts.” sagte sie und übergab mir eine der Tassen. Als ich ihr vom Mail- und Telefonverkehr mit Nicolaus du Martin erzählte war sie mindestens so aufgeregt wie ich und erklärte sich bereit am Tag ihrer Ankunft ebenfalls anwesend zu sein. Ich half ihr auf den Strohballen und hielt die Tassen damit sie den Kaffee einschenken konnte. Wir wärmten unsere Hände an den Tassen und unterhielten uns angeregt über Gott und die Welt. “Ich glaube ich höre was!” unterbrach sie mich und starrte zur Hofeinfahrt. Ich trank hastig meine Tasse aus und sprang vom Strohballen um den Transporter in den Hof zu weisen. Der Fahrer gab mir einen Umschlag mit den Dokumenten von Grenzfee und verlangte drei Unterschriften, bevor er die Stute auszuladen begann. Aufgeregt stieg Grenzfee die Laderampe hinab und blähte die Nüstern um die fremden Gerüche aufzunehmen. Sie stieß ein hohes Wiehern aus, was von Smarty Jones aus dem Stall erwidert wurde. Während der Transporter vom Hof fuhr half Erin mir die aufgeregte Stute in die Box zu bringen. Ich nahm die Transportdecke und die Transportgamaschen ab und streichelte der Stute beruhigend den Hals.
      Willkommen im neuen Zuhause Grenzfee!
      17. Februar 2018 | 5491 Zeichen
      Obwohl es noch früh am Morgen war dämmerte es bereits und ein paar Amseln sangen ihre Lieder. Ich streckte mich, so gut es mit meiner verletzten Schulter eben ging und ging ins Bad um mich für den Tag vorzubereiten. Die Nacht war die erholsamste seit langem und ich war mir fast sicher, dass ich das dem Schmerzmittel aus dem Krankenhaus zu verdanken hatte. Ich lief über den Hof zu den unteren Stallungen und bereitete die Futterrationen der Pferde zu. Smarty Jones brummelte und klopfte ungeduldig mit dem Huf gegen seine Boxentür. “Beruhige dich, du bist doch gleich dran!” rief ich aus der Sattelkammer heraus und stellte alle Eimer in eine Schubkarre um sie unter den Pferden zu verteilen. Während die Pferde fraßen äppelte ich die Paddockboxen ab und brachte Heu auf die Weiden.
      “Guten Morgen!” rief Erin über den Hof nachdem sie aus dem Wagen gestiegen war.
      “Guten Morgen! Du bist ja schon da, hattest du nicht einen Termin?” fragte ich und zog mein Smartphone aus der Hosentasche um einen Blick auf die Uhr zu werfen. Erin winkte lachend ab.
      “Alles schon erledigt. Was macht die Schulter?”
      Ich tat so, als hätte ich ihre Frage nicht gehört und füllte den letzten Rest Heu in den Reifen vor mir. Erin schob die Frage, wie es mir mit meiner Schulter gehe, sicher nur vor um zu fragen wie es nun mit Hunter lief, nachdem er mich gestern ins Krankenhaus gebracht hatte und das wollte ich vorerst für mich behalten. Erin schien den Wink verstanden zu haben und ging in den Stall um mit dem ausmisten der Boxen zu beginnen. Ich lehnte die Schubkarre gegen die Stallwand und folgte ihr um meine beiden Jungpferde Bearing Spot’s und Compliment etwas zu beschäftigen. In den vergangenen Wochen verbrachten wir viel Zeit damit, die beiden im RoundPen an das longieren zu gewöhnen. Bearing Spot’s legten wir sogar schon einen Sattel auf damit sie das Gewicht auf dem Rücken kennenlernte. Ich holte die junge Stute aus ihrer Box und putzte sie ausgiebig, bevor ich die Longe aus der Sattelkammer holte und mit ihr in den RoundPen ging. Nach gut einer halben Stunde beendete ich das Training und klopfte der Stute lobend den Hals. Die Gangwechsel beherrschte sie an der Longe immer sicherer, nur am parieren und anhalten mussten wir noch feilen. Da Erin die Box gerade frisch eingestreut hatte brachte ich Bearing direkt auf eine der Weiden die ich zuvor für die Pferde vorbereitet hatte. Im Gegensatz zu Bearing Spot’s arbeitete Compliment heute konzentriert mit. Die beiden machten Fortschritte und ich konnte es kaum erwarten Hunter davon zu berichten. Als auch Compliment sich seinen “Feierabend” verdient hatte unterhielt ich mich kurz mit Erin und besprach den heutigen Tagesplan.
      “Gegen 16:00 Uhr kommen heute die Reitschüler, das dürfen wir nicht vergessen! Grenzfee und For an Angel wurden zur Nutzung angefragt. Die beiden müssen unbedingt ablongiert werden, sonst sind sie unausstehlich.” sagte ich und Erin nickte zustimmend. “Wenn du nichts dagegen hast würde ich mit Smarty Jones gern eine Runde ins Gelände gehen. Bei ihm brauch ich mir wegen meiner Schulter keine Gedanken machen.” fügte ich hinzu und sah sie bittend an. “Natürlich! Ein wenig Entspannung wird dir gut tun!” sagte sie lachend und dankbar ging ich in den Stall zu seiner Box um ihn zu begrüßen. Ich zog ihm sein Halfter an und brachte ihn hinaus in die Stallgasse wo ich den Hengst putzte, bevor ich seinen Sattel und sein Zaumzeug aus der Sattelkammer holte. Nachdem Smarty Jones gesattelt war, bandagierte ich noch seine Beine bevor ich ihm das Zaumzeug anzog. Ich holte meinen Helm und führte den ruhigen Hengst in den Hof um dort aufzusteigen. Erin longierte gerade Smooth Gravity im RoundPen. Ich winkte ihr kurz zu und schlug dann den schmalen Pfad, vorbei an den Weiden, in Richtung Wald ein. Über den Morgen wurde das Wetter zwar milder, kühl war es dennoch und ich war froh mir einen Schal mitgenommen zu haben. Nach einer Weile, als Smarty Jones endlich entspannter unter dem Sattel wurde, trabte ich ihn an und wechselte auf den Pfad an den Feldern vorbei, wo sich eine schöne Galoppstrecke befand. Ich galoppierte den Hengst an und ließ ihn frei laufen. Smarty Jones war durch und durch ein Verlasspferd und so stieß ich einen Jauchzer aus und klopfte ihm lachend den Hals bevor ich ihn parierte und im Schritt weiter ritt. Wieder zurück auf dem Hof nahm ich meinen Helm ab und hing ihn ans Horn des Westernsattels. “Mensch, ihr wart aber lange weg!” rief Erin und stemmte die Hände in die Hüften. “Wirklich? So lang kam es mir gar nicht vor.” sagte ich wahrheitsgemäß, hielt Smarty Jones neben ihr und stieg ab. “Die Pferde sind übrigens fertig. Mit Amistad war ich nach dem longieren auf dem Platz und bin ein paar Sprünge geritten. Der ist echt Klasse, der zieht richtig an wenn es auf den Sprung zugeht!” erzählte sie aufgeregt und folgte mir in den Stall wo ich Smarty Jones den Sattel abnahm und ihn in die Sattelkammer brachte. Ich stimmte ihr zu und bot ihr an, Amistad öfter auf dem Platz zu trainieren, sofern sie Lust dazu habe. “Nur zu gern!” rief sie mir zu und begann bereits damit dem Hengst die Hufe aus zu kratzen. Ich brachte Smarty Jones auf die Weide und bot ihm eine Apfelhälfte als Belohnung an, zu der er natürlich nicht Nein sagte. Bevor die ersten Reitschüler eintreffen würden, bereiteten wir die Reithalle vor und longierten Grenzfee und For an Angel damit die beiden ihre Reitschüler zufrieden stimmen würden. Am Abend lud ich Erin dazu ein, zum Abendessen zu bleiben.
    • adoptedfox
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      Pflegebericht für alle Pferde des von Landsberg TC | 13055 Zeichen von adoptedfox
      Käthe | ...kalt kalt kalt. Fröstelnd stand ich auf um das Fenster zu schließen welches ich über Nacht gern gekippt hatte. Die Sonne ging schon auf, wie spät ist es denn? Mit einem Blick auf die Uhr stellte ich fest, dass es erst 6:53 Uhr war. Da ich einmal stand beschloss ich direkt auf zu bleiben und ging ins Badezimmer um mich für den Tag fertig zu machen. Auf dem Weg in die Küche band ich meine Haare zu einem einfachen Pferdeschwanz zusammen und stellte die Kaffeemaschine an. Ein Blick in meinen Terminkalender verriet mir, dass für heute keine Kundentermine an standen und so plante ich den Tag, zumindest größtenteils, im Stall zu verbringen. Mit meiner frisch aufgebrühten Tasse Kaffee setzte ich mich an den Küchentisch und genoss die Ruhe im Haus. Früh am Morgen brauchte ich meine Ruhe.
      Es war kurz nach 8:00 Uhr als ich mich auf den Weg in den Stall machte. Erin’s Wagen stand bereits auf dem Parkplatz und da die Pferde weder wieherten, noch mit den Hufen gegen die Boxentüren klopften wusste ich, dass Erin sie bereits gefüttert hatte. “Guten Morgen!” sagte ich als ich in den Stall trat und nach ihr ausschau hielt. “Guten Morgen!” antwortete es aus der Sattelkammer und ich ging hinein um mich für einen Moment mit Erin zu unterhalten. Seit einer Woche war sie offiziell als Trainerin auf dem Trainings-Center angestellt und sie machte ihren Job mehr als gut, woran ich natürlich nie gezweifelt hatte! “Ich würde mich dann jetzt um die beiden Fohlen kümmern. Übernimmst du die anderen soweit?” fragte ich während ich eine Putzbox aus dem Regal nahm und eine Longe auf den Deckel legte. “Gern! Das Wetter soll sich bis Mittag bessern, wollen wir dann eine Runde ausreiten?” fragte sie etwas zögerlich und ich antwortete mit einem freudigen Ja. Das gleiche wollte ich ihr auch vorschlagen. “Bis später.” sagte ich, nahm die Putzbox und ging zur Box von Bearing Spots die bereits neugierig an der Tür wartete. Nachdem ich die Tür geöffnet hatte schob ich die junge Stute ein Stück zurück damit ich selbst eintreten konnte und die Box am Boden abstellte. Mit dem Striegel in der einen und der Bürste in der anderen Hand putzte ich in langen, massierenden Zügen das Fell. “Sobald es wärmer wird wirst du gebadet, du Schweinchen.” sagte ich lachend während ich versuchte den gelben Fleck aus dem hellweißen Fell zu bürsten. Mit dem Kamm kämmte ich ihre Mähne und den Schweif und kratzte die Hufe aus, bevor ich die Longe in das Halfter einhängte und sie aus der Box in die Stallgasse führte. Sie stieß ein schrilles Wiehern aus und bekam prompt von Compliment eine Antwort. Ich führte sie in den Roundpen und begann damit mit dem Carrot Stick, den ich mir vor kurzem besorgt hatte, ihren Körper entlang zu fahren um sie für Berührungen zu sensibilisieren. Aufmerksam folgten mir ihre Ohren. Ich lobte sie ausgiebig und schickte sie dann auf die Bahn um sie ein wenig zu longieren. Bald würde die Zeit kommen sie einzureiten und obwohl ich meinen Pferden alle Zeit der Welt gab, konnte ich es kaum erwarten. Im Schritt umrundete sie mich immer wieder bis ich meinen Arm leicht anhob und mit der Zunge schnalzte. Der Carrot Stick nutzte ich als Armverlängerung damit sie das Kommando besser umzusetzen wusste. Nach ein paar Bucklern trabte Bearing an und es dauerte nicht lange bis sie sich zu entspannen begann und abschnaubte. Mit einem lauten “Priiiima!” lobte ich sie und ließ sie noch ein paar Runden laufen bevor ich sie hielt und die Hand wechselte. Da dies noch nicht gut funktionierte ging ich für einen Moment zu ihr und führte sie ein paar Schritte bevor ich zurück in die Mitte des Roundpens ging. Zufrieden galoppierte ich die junge Stute an und genoss wie sie sich streckte und sichtlich gefallen daran hatte zu laufen. So wie ich merkte das sie unkonzentrierter wurde beendete ich das Training, holte sie zu mir und lobte sie ausgiebig. Zur Belohnung gab es ein Leckerchen aus meiner, bei den Pferden sehr beliebten, Hosentasche und brachte sie auf die Weide. Wieder zurück im Stall trat ich an die Box von Compliment der schon wusste was heute auf dem Plan stand und aufgeregt brummte. “Da kann es einer aber gar nicht abwarten, oder?” fragte ich ihn lachend und kraulte seine Stirn. Ich holte die Putzbox aus der Box von Bearing Spots und ging zu Compliment um auch ihn zu putzen, bevor es in den Roundpen ging. Compliment genoss das putzen sehr und streckte den Kopf in die Luft. Nachdem der junge Hengst fertig geputzt vor mir stand zog ich ihm das Halfter an und hängte die Longe ein um ihn in den Roundpen zu führen. An manchen Tagen fiel es ihm sichtlich schwer, sich von mir zu trennen und auf die Bahn schicken zu lassen und an anderen Tagen strotzte er so vor Energie, dass er es kaum erwarten konnte zu laufen. Heute war es ersteres. Ich führte ihn ein paar Schritte bevor ich mich langsam von ihm entfernte und er letztendlich im Schritt seine Runden zog während ich ihn von der Mitte aus “dirigierte”. Trotz anfänglicher Diskussion war Compliment doch schnell bei der Sache und arbeitete konzentriert und fleißig mit. Seine Balance im Trab und Galopp besserte sich von Training zu Training mehr und auch die Handwechsel klappten immer besser. Seit der Nutzung des Carrot Sticks fiel es Compliment wesentlich leichter die Kommandos auch ohne Zurufen zu verstehen, was mein Ziel bei allen Pferden war. Die Kommunikation ohne Worte. Sichtlich stolz beendete ich das Training und lobte ihn ausgiebig indem ich ihm den Hals kraulte und ihm ein Leckerchen in sein weiches Maul schob. “Du bist mein kleiner Musterschüler, nicht wahr?” sagte ich und klopfte seinen Hals bevor ich ihn auf die Weide brachte, wo Amistad bereits auf ihn wartete. Auf den Weg zurück in den Stall machte ich einen Abstecher in die Reithalle wo Erin gerade mit Smooth Gravity vom Boden aus arbeitete. Ich ging auf die Tribühne und beobachtete die beiden eine Weile bevor ich Erin zurief “Das ist wirklich der Wahnsinn oder?” Ich war mit Smooth Gravity vor ein paar Wochen bei einem Bodenarbeitskurs weil ich selbst mit meinem Latein am Ende war, doch seit dem Kursbesuch lief alles viel besser. Wir achteten auf unsere Körpersprache und gingen auf die Schimmelstute ein. “Ich denke wir haben uns viel zu viele Gedanken und Sorgen gemacht und sind nicht auf ihre Bedürfnisse eingegangen.” antwortete Erin, die Smooth Gravity angehalten hatte und ihren Hals kraulte. Ich nickte. “Welche Pferde stehen noch aus?” - “Hibana, Smarty Jones, Grenzfee und For an Angel.” Ich überlegte. “Machen wir noch Grenzfee und For an Angel, die anderen beiden nehmen wir dann für den Ausritt mit ins Gelände.” rief ich ihr zu und ging in den Stall zurück. Bevor ich mich Grenzfee widmete holte ich die Putzbox aus der Box von Compliment und stellte sie vor die Box von Grenzfee. Ich brachte die Longe zurück in die Sattelkammer und nahm von dort direkt den Sattel und die Trense von Grenzfee mit. “Na meine Große?” begrüßte ich die dunkle Stute und zog ihr ihr Halfter an, bevor ich sie in die Stallgasse führte wo ich sie fest band und einen Striegel aus der Putzbox nahm damit ich die Stute putzen konnte. In kreisenden Bewegungen striegelte ich ihr kurzes Fell um grobe Verschmutzungen zu entfernen, bevor ich die Bürste nahm und so lose Haare, Staub und Schuppen entfernte. Mithilfe eines Kamms kämmte ich ihre kurze Mähne, den Schopf und den Schweif bevor ich mich ihren Hufen widmete die ich auskratzte und auf Beschädigungen kontrollierte. “Die sind aber recht trocken. Da müssen wir gleich mal dem Hunter schreiben, hm.” sprach ich mit der Stute und zog auch gleich mein Telefon aus der Tasche um ihm eine kurze SMS zu senden.

      “Hallo Liebster,
      hast du noch etwas Hufbalsam für mich übrig? Grenzfee’s Hufe sind recht trocken.
      Liebe Grüße, Käthe.”

      Nachdem die SMS gesendet wurde nahm ich den Sattel und legte ihn auf. Bevor ich den Gurt schloss zog ich die Schabracke glatt und richtete den Sattel aus. “Bist du dick geworden…” schnaufte ich als ich den Gurt nach oben zog und im letzten Loch verschloss. “Dich bewegen wir in nächster Zeit öfter, das kannst du mir aber glauben!” lachte ich und öffnete das Halfter um es ihr auf den Hals zu ziehen, damit ich ihr die Trense aufziehen konnte. Auf dem Weg in den Hof griff ich in der Sattelkammer nach meinem Helm und setzte ihn auf. Als ich mit Grenzfee auf den Platz ging hatte Erin das Training mit Smooth Gravity gerade beendet und hatte die Stute auf die Weide gebracht. “Ich longiere For an Angel noch, dann bin ich bereit!” rief sie mir zu und verschwand im Stallgebäude. Als wir den Dressurplatz erreicht hatten brachte ich Grenzfee in die Mitte, zog die Steigbügel nach unten und setzte mich mit Schwung in ihren Sattel. Ich ritt Grenzfee für eine viertel Stunde im Schritt auf der Bahn um sie aufzuwärmen, bevor ich sie antrabte und ein paar Bahnfiguren abritt. Grenzfee’s Stärke war die Dressur zwar nicht, dennoch waren Dressurlektionen auch für das Springreiten sehr wichtig und durften nicht vernachlässigt werden. Grenzfee arbeitete konzentriert mit und so gab ich ihr etwas mehr Zügel. Nach einem Handwechsel durch die ganze Bahn blieben wir auf eben dieser und nahmen etwas Tempo auf. Ich gab der dunklen Stute die Galopphilfen und sie fiel in einen weichen und doch raumgreifenden Galopp. An der kurzen Seite des Platzes verlangsamte ich das Tempo etwas, um auf der langen Bahn wieder zuzulegen um Grenzfee optimal zu gymnastizieren. Nach einer guten Stunde beendete ich das Training und parierte die Stute in den Schritt um sie trocken zu reiten. Ich ließ ihr die Zügel lang damit sie abkauen- und sich strecken konnte und klopfte ihr lobend den Hals. Die Sonne hatte sich inzwischen durch die grauen Wolken gekämpft und erwärmte die Luft zunehmend. Ich zog meine Fleecejacke aus und band sie mir so gut es ging um die Hüfte. Ich entschloss direkt zum Stall zu reiten und ritt den Schotterweg zwischen den Ställen entlang. Erin wartete bereits auf mich. “Ich habe Hibana und Smarty Jones bereits geputzt, ich hoffe das ist in Ordnung.” sagte sie und sah zu mir rauf. “Erin du bist ein Schatz!” sagte ich lachend und hielt Grenzfee am Stalltor an um abzusteigen. Ich führte die Stute hinein und band sie kurz an um den Sattel und die Trense abzunehmen und sie in die Sattelkammer zu bringen. Mit dem Hufkratzer kontrollierte ich nochmals ihre Hufe und brachte sie dann auf die Weide zu den anderen Pferden. Da Erin die Pferde bereits geputzt hatte gingen wir in die Sattelkammer um das Sattelzeug der Pferde zu holen. Hibana wurde von Erin englisch geritten und erhielt eine Sportausbildung da Erin vorhatte mit ihrem Pferd erfolgreich auf Turnieren zu starten. Wir trennten uns in der Stallgasse und ich ging zu Smarty Jones in die Box. Bevor ich ihn sattelte begrüßte ich ihn erstmal ausgiebig. Smarty hatte sich zu meinem Liebling entwickelt. Unter dem Sattel war er immer fleißig und konzentriert und ich schätzte seinen ruhigen Charakter sehr. Ich ging zurück an den Boxentür und griff den Sattel um ihn mit einem gekonnten Schwung auf den Rücken des rötlich schimmernden Hengstes. Ich zog das Pad glatt und schloß die beiden Gurte des Sattels, bevor ich zur Trense griff und sie ihm über zog und den Schopf aus dem Ohrriemen. “Also ich wäre fertig.” rief ich aus der Box und schaute nach Erin und Hibana. “Ebenfalls!” rief sie lachend und schob die Boxentür auf um die große Oldenburgerstute in den Hof zu führen. Ich folgte ihr und hielt Smarty neben Hibana an um aufzusteigen. Ich war immer wieder glücklich einen so ruhigen Hengst mein Eigen zu nennen der auch neben einer Stute überaus gelassen war. Damit Erin aufsteigen konnte nahm ich die Zügel von Hibana und hielt die Stute fest. Normalerweise nutzte Erin nämlich eine Aufstieghilfe, weil Hibana ziemlich unruhig werden konnte wenn ihr Reiter nicht beim dritten Mal im Sattel saß. Fertig für den Ausritt schlugen wir den Weg entlang der Weiden ein die in ein ruhiges Waldstück führte. Entspannt folgten wir den Waldwegen, unterhielten uns und nutzten einen breiten Grünstreifen am Waldrand für einen ungehaltenen Galopp. Nach einer gefühlten Stunde entschieden wir uns entlang der Straße zurück zum Hof zu reiten und immer wenn es möglich war, ritten wir nebeneinander. “Erin ich bin wirklich froh dich am Hof zu haben. Auf dich ist immer Verlass und auch wenn ich deine Chefin bin, pflegen wir ein freundschaftliches Verhältnis. Danke dafür.” sagte ich und sah zu ihr rüber. Sie lächelte verlegen und sah mich ebenfalls an. “Nicht dafür. Du hast so viel für mich getan und es macht mir einfach Spaß bei- und mit dir zu arbeiten.” Ich lächelte zufrieden und setzte mich wieder hinter den beiden ab, da ein Auto gefahren kam.
      Wieder am Hof sattelten wir unsere Pferde ab und während Erin die beiden auf die Weiden brachte, ging ich ins Haus um zwei Gläser und eine Packung Eistee mit nach draußen zu bringen den wir uns auf der kleinen Bank am Haus genehmigten. Da der Tag noch relativ jung war, würde ich die freie Zeit nutzen um einzukaufen und vielleicht würde ich auch einen Abstecher nach Nottingham in den Pferdeladen machen.
    • sadasha
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      Neuzugänge | 13.173 Zeichen von sadasha
      Als mitten in der Nacht das Telefon klingelte drehte ich mich zuerst noch einmal auf die andere Seite, in der Hoffnung den schrillen Ton ignorieren zu können. Doch sobald ich mich umgedreht hatte leckte mit Pitch hektisch über das Gesicht. Genervt schob ich ihn von mir weg und richtete mich ächzend mit einem Blick auf die Uhr auf. Wer zur Hölle ruft um 2:37am an? Die Vorwahl sagte mir nichts und das konnte nur bedeuten, dass der Anrufer von weit weg kam. Wenigstens erklärte das auch die irre Zeit. Verschlafen nahm ich das Gespräch an und brummte ins Telefon. "Ehm… Hunter?" Ich brummte erneut. Eine Frau war am anderen Ende der Leitung und die Verbindung stand eher schlecht als recht, sodass der Ton knisternd und rauschen bei mir ankam. "Hey! Wir hatten uns doch über deine Tinker unterhalten! Und was du suchst und ja… Ich hab eine tolle gefunden, Pearl carrier und… du wolltest keine Fohlen oder?" Nachdenklich schwieg ich. Cooper aus Kanada war am Telefon, doch auch bei ihr musste es jetzt schon spät sein. "Schläfst du auch mal?" brummte ich ohne ihre Frage zu beantworten. Sie lachte. "Ist doch noch früh hier! Oh, hab ich dich geweckt? -" sie brabbelte eine Entschuldigung und redete dann über ein Fohlen, das sie ebenfalls entdeckt hatte. "Double Dilute! Du suchtest doch sowas oder nicht? Und eine Stute! Warte, ich schicke dir Fotos. Und… Hunter ich hab die zwei gekauft, du kannst also nicht Nein sagen. Im Zweifelsfall werden die sicher auch klasse Therapiepferde für deine… Freun-, Kollegin?" Ich hatte nach Fotos mein Gehör eingestellt und kramte nach meinem Laptop. Pitch hatte seinen Kopf auf dem Bett abgelegt und sah mir schwanzwedelnd dabei zu wie ich versuchte klar zu werden. "Warte kurz, der Laptop braucht Strom…" unterbrach ich Cooper. "...und ich brauche Kaffee."

      Nachdem ich mir einen Kaffee gemacht und Pitch auf den Hof gelassen hatte, setzte ich mich mit dem Laptop ins Wohnzimmer wo auch das Ladekabel lag. Die Stute war bereits eingeritten und gefahren und komplett durchgetestet was Erbkrankheiten und Farben betraf. Für mich also perfekt und dass sie Pearl Trägerin war würde später noch mit Mephisto interessant werden. Das Tinkerfohlen war sehr kompakt gebaut trotz der Größe und sie sah auch ansonsten korrekt aus. Hier wurde nicht nur wegen der Farbe gezüchtet. Trotzdem sah ich mir auch die Linien der kleinen Stute ausgiebig an, ehe ich mich bei Cooper bedankte. Gemeinsam planten wir die Überfahrt nach England und klärten das Finanzielle. Als ich auflegte wurde es schon hell und auch Cooper war jetzt müde. Wir wünschten uns also noch eine gute Nacht und legten dann auf. Ich jedoch blieb jetzt wach. Ich ging ins Bad um zu Duschen und mich für den Tag fertig zu machen. Noch bevor einer der Angestellten eintrudelte hatte ich die Fütterung fertig, die ersten Pferde auf die Weiden gebracht und mistete die ersten paar Boxen, bis Beth zum Arbeitstag kam und mir das Werkzeug aus der Hand schnappte. "Guten Morgen!" meinte sie fröhlich und lächelte mich an. "Du hast wohl nichts Besseres zu tun, hm?" Ich verneinte grinsend und streckte mich ausgiebig, ehe ich aus Benjis Box ging. Der kleine Hengst stand zusammen mit seinem Shettykumpel Niffler auf einer doppelt gesicherten Weide aus denen sie nicht mehr ausbüchsen konnten. Zu meiner Überraschung kam mir Ruby entgegen, als ich Thomas von der Weide holen wollte um mit ihm zu arbeiten. Sie hatte ihren Ponyhengst Braddock 'The Parrot' an der Hand. "Mit dir habe ich erst am Nachmittag gerechnet. Keine Schule heute?" Sie grinste über beide Ohren und nickte. "Richtig. Es sind viele Lehrer krank und deshalb dürfen heute zwei Klassen zu Hause bleiben. Ich bin unter den Glücklichen." - "Na dann viel Spaß." meinte ich und ging weiter zu meinem Drum Horse Hengst. "Achja Hunter?!" rief Ruby noch und ich blieb kurz stehen. "Später kommen noch ein paar Freundinnen, können wir uns die Shettys dann leihen? Nur auf dem Hofplatz etwas Spielen mit den Ponys?" Ich nickte und gab ihr einen Daumen hoch, ehe ich wieder kehrt machte. Thomas stand zusammen mit Tank am Rand der Weide, wo das höchste Gras wuchs. Doch im Gegensatz zum Rappen graste er nicht, sondern beobachtete aufmerksam mein Verhalten. Vielleicht erkannte er, dass ich sein Halfter mitschleppte. Jedenfalls trabte er ein paar Schritte auf mich zu, sodass auch Tank kurz aufsah um zu überprüfen was seinen Kumpel aufmischte. "Guter Junge." lobte ich den Schecken und streichelte den kräftigen Hals, als er bei mir stand und sich das Halfter überziehen ließ. Den fast vierjährigen Hengst hatte ich seit Kurzem unterm Sattel und er machte sich soweit ganz gut. Die langen Beine bekam er noch nicht immer richtig geordnet, doch dafür übten wir das ja. Auch heute sattelte und zäumte ich ihn. In der noch recht kühlen Reithalle longierte ich Thomas zuerst ab und schwang mich dann in den Sattel. Im Moment arbeiteten wir an seinem Trab und den Übergängen zum Schritt. Hier und da, wenn die Motivation stimmte versuchten wir es auch schon mit kurzen Galoppphasen. Doch die waren kaum nennenswert und wirklich schlacksig in der Ausführung. In Trab und Schrott kam Thomas aber schon gut runter, lernte sich zu entspannen und versuchte es mir Recht zu machen.
      Nach der Session mit dem Drum Horse Hengst rief ich bei Käthe an. Sie erzählte mir vom ein oder anderen Neuzugang und dass sie nun aufpassen müsse nicht noch mehr Pferde ins Boot zu holen. Ich erklärte ihr, dass es mir da im Moment nicht viel anders ging. Die beiden Neuzugänge Stonery und Hester würden wohl nächste Woche eintreffen. "Achja und wenn du ja jetzt eine Rappstute hast verlange ich ein Shooting zusammen mit Moulan und als Kontrast vielleicht Smooth Gravity, sollten die sich verstehen." meinte ich und lächelte bei dem Bild, das ich mir da zusammenstellte. Echo's Maiden sollte die Rappstute heißen. "Mit blauen Augen!" Ich war sehr gespannt sie kennenzulernen. "Und wenn du so denkst, kannst du Sympathy of the Devil auch gleich mit einplanen. Die ist auch schwarz-weiß." Ich brummte wohlwollend. "Und wen hat dir Occulta noch verkauft?" fragte ich neugierg. "Einen Hengst." sagte sie aufgeregt. "Valentine's Cantastor heißt er. Ein Brauner." Da ging mir sofort ein Licht auf. "Den habe ich gesehen, als ich sie mal besucht habe. Holst du die zwei ab oder werden sie dir gebracht?" Käthe schwieg. "Ich sehe dich nicht, das ist dir aber klar oder?" fragte ich vorsichtig. "Ja klar… Keine Ahnung, das haben wir noch nicht geklärt." Ich lachte leise. "Gut, ich komme später vorbei. Bearing Spots und Compliment erkennen mich vielleicht schon nicht mehr, so lange war ich nicht mehr da." Wir legten auf. Kerry hatte mittlerweile Vikar und Mister Blockhead für heute fertig, sodass sie nur noch die Stuten übrig hatte. "Venetia und Magical Touch spanne ich mir an und bin für etwa eine Stunde im Gelände." erklärte ich und ging mit den Halftern der beiden Stuten auf die Weide. Erleichtert dankte sie mir und schnappte sich das Halfter von Felan. Max und José sind fleißig mit CHH' Classic Spring und PFS Strolch. Die beiden Vollblüter räumten auf den Rennen aktuell viele Schleifen ab. Bald würde ich Bear Brooks Denahi ebenfalls auf die Rennbahn schicken, doch ihr fehlte es noch an Ausbildung.
      Während ich mit den beiden Tinkerstuten unterwegs war überlegte ich was ich am nächsten Tag unternehmen wollte. Die beiden benahmen sich vorbildlich und wir hatten eine sehr entspannte Runde um das Gestüt herum. Die Schatten der Bäume ließen die brennende Sonne nicht zu uns durchdringen, sodass wir immer noch fit waren als wir auf den Hof zurück kehrten. "Crowley, sie sollten was essen!" rief mir Mrs. Clayton von der Türe zu. Ich brachte zuerst die beiden Stuten zurück auf die Weiden und schob die Kutsche die letzten paar Zentimeter in die Scheune, ehe ich zum Essen kam. Danach setzte ich mich mit Pitch ins Auto und fuhr nach Nottingham um Käthe zu besuchen.

      "Erin ist mit Hibana unterwegs." erklärte Käthe und küsste mich sanft zur Begrüßung. "Wir haben den Hof für uns!" Hinter ihr stand Amistad und stupste sie ungeduldig an. "Wir bringen den kurz weg ja? Dann zeig ich dir auf dem Rückweg Echo's Maiden und dann gehen wir rein. Die beiden anderen sind ja noch nicht hier. Aber ich hab Fotos!" erzählte sie stolz. Dass ich auch nach den beiden Fohlen gucken würde war selbstverständlich. For an Angel streckte neugierig den Kopf aus der Box, als wir an ihr vorbeigingen. Amistad war auch nicht abgeneigt gegenüber der hübschen Stute, doch Käthe kannte keine Gnade und zog den Scheckhengst weiter bis zu seiner Box. "Wo sind denn die Kleinen?" wollte ich wissen. Käthe zeigte nach draußen und ich beschleunigte meinen Schritt. Bearing Spots und Compliment standen gleich draußen, wenn man aus dem Stall kam und warteten darauf reingeholt zu werden. "Die sollen noch draußen bleiben, Hunter!" rief Käthe, als ich das Tor öffnete um mich auf die Weide zu mogeln. Sofort kamen die beiden zu mir und taxierten mich neugierig. Doch Leckerchen hatte ich heute nicht dabei. Besonders Compliment hatte nochmal einen ordentlichen Wachstumsschub. Ich ließ meinen Blick über die anderen Weiden schweifen. Grenzfee stand auch noch draußen zusammen mit der neuen Rappstute. Smarty Jones war der einzige, den ich noch nicht gesehen hatte. Aber er würde dann wohl in seiner Box stehen. Pitch fing an zu quängeln, weil ich ihn nicht mit auf die Weide gelassen hatte und bevor er richtig laut wurde kam ich lieber wieder raus und ging mit ihm Käthe hinterher ins Haus. Hier tauschten wir uns über unser beider Neuzugänge aus. "Ach, ich hab ganz vergessen dir Echo's Maiden zu zeigen." sagte Käthe schockiert. Doch ich unterbrach sie, ehe sie weitersprechen konnte. "Ich hab sie eben schon gesehen. Sie sieht toll aus. Wunderbar groß!" - "Und ihr Fell ist total samtig!" fügte Käthe hinzu woraufhin ich schmunzelte.

      Wir waren erst spät wieder heim gefahren und so schaffte ich es in dieser Nacht wieder nicht den verlorenen Schlaf nachzuholen. Doch es half nichts. Wenigstens war Kerry früher da und hatte sich schon Iseabail und Lady Lyneth Bowen gewidmet. Ich ging daher sofort über zu meinen Vollblütern. Kerry würde später noch Xana bespaßen. Ich begann mit Happy Fantasy. Die Stute kam grundsätzlich etwas zu kurz und deshalb gehörte mein Vormittag heute gänzlich ihr. Ich putzte sie ausgiebig, sattelte sie dann und ging mit ihr auf die Militarystrecke in Mitten der Rennbahn. Von hier aus konnte ich meinen Jockey bei der Arbeit zusehen. Sie hatten heute die Oldies Ehrengold und Mikado aus dem Stall geholt. In der Mittagspause erklärte ich den beiden dass ich mir als nächstes Mr. Raw Depression rausnahm. Die beiden nickten und sagten dann dass sie PFS' Savory Blossom und Raving Hope Slayer rennen wollten.
      Ich freute mich sehr, als am Nachmittag Isaac aus dem Urlaub kam. Übersäht mit noch mehr Sommersprossen als üblich und mit heller Fläche rund um die Augen, weil er wohl die Sonnebrille nicht abgenommen hatte bevor er sich an den Strand gelegt hatte. Freundschaftlich begrüßten wir uns und gingen zusammen in den Stall. Blütenzauber und Riven in a Dream waren die nächsten, die wir uns vornahmen. So heiß wie es war zogen wir uns in die Reithalle zurück, wo auch Abby schon den ganzen Tag war. Sie hatte sich mit Moulan beschäftigt und jetzt gerade ritt sie Scarlet in Birth warm. "Beth macht das mit den Fohlen gut oder?" fragte Isaac, der unsere Stallhilfe vor seinem Urlaub auserkoren hatte die Fohlenarbeit zu übernehmen. Sie hatte damit zu Beginn sehr zu kämpfen. "Sie hat sich gut mit ihnen eingespielt, ja." gab ich zurück. Besonders das Hengstfohlen Golden Sugar hatte sie ganz gut im Griff. Die Flausen von PFS' Storm Cat oder Stars of Magic waren dagegen ein Witz. Als wir mit den beiden Stuten fertig waren hatte Beth gerade Little Miss Backyard an der linken und Fantastic Sonata an der rechten Hand. "Könnt ihr nicht noch die letzten beiden übernehmen?" flehte sie und Isaac und ich tauschten vielsagende Blicke aus. Wir stimmten aber zu. So konnte Beth mit der Stallarbeit weiter machen und Isaac und ich schnappten uns What Rainbow und Rouge Trap. Die beiden Stuten brannten schon darauf die Welt zu erkunden. Als wir jedoch mit ihnen nach draußen gehen wollten um eine Runde um den Hof herum zu machen scheuten sie und wollten lieber wieder zurückgehen. Wir tasteten uns also eine Ecke vorsichtiger heran und ließen die beiden Stutfohlen in Ruhe gucken und das Tempo selbst bestimmen. Weit kamen wir so zwar nicht, aber wir konnten das Führtraining mit einem positiven Gefühl abschließen, als wir nach einer halben Stunde auf den Hof zurück kehrten um die Fohlen in ihre Boxen zu bringen wo sie übernachten würden.
      Am nächsten Tag hatten die meisten Pferde frei und so konzentrierte ich mich auf Slap Happy. Isaac hatte sich Bear Totem's Denali fertig gemacht und Kerry nahm LMR Lady Luna mit auf einen gemeinsamen morgendlichen Ausritt. Am Nachmittag kümmerten sich die beiden um Verdine und Tainted Whiz Gun, sodass ich frei hatte. Ich nutzte die Zeit um mit Pitch zum See zu gehen und die Woche ruhig ausklingen zu lassen. Nächste Woche würden die beiden Neuzugänge eintreffen und die Stallordnung wieder mal aufmischen.
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    • adoptedfox
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      Pflegebericht für alle Pferde des von Landsberg Gestüt's | 8141 Zeichen von adoptedfox
      Käthe | “Time flies! Morgen ist der sechste September. Kannst du das glauben?” stieß Erin überrascht aus, als sie einen Blick auf den Kalender an der Stallwand warf. Ich lachte auf, doch sie hatte Recht. Die Zeit verging wie im Flug und an manchen Tagen fragte ich mich, wie wir all die Arbeit bewältigen konnten. “Langsam wird es ernst. Vergiss nicht, nächste Woche kommt die erste Lieferung Heu.” sagte ich und sah sie nachdenklich an. Die anhaltende Dürre im Sommer hatte den Bauern in der Region zugesetzt und so organisierte ich 3 LKW-Lieferungen Heu aus Deutschland, um den Bedarf für den Winter decken zu können. “Schon längst notiert.” lachte sie auf und ging in die Sattelkammer, von wo sie keine Minute später mit Hibana’s Halfter in der Hand wieder kam. Ich seufzte und folgte ihr zu den Weiden. Hibana stand mit Grenzfee und For an Angel auf einer Weide, die beide ein Fohlen bei Fuß hatten. Missing Misty und Granada waren die ersten Fohlen, die auf dem Gestüt das Licht der Welt erblickten und beide entwickelten sich prächtig. Ich hielt Erin und ihrer Stute das Tor auf und achtete darauf, dass keines der beiden Fohlen folgte. “Das hab ich mir schon gedacht.” lachte ich und streckte den Arm hinter Hibana aus um Granada den Weg zu versperren. Erin reagierte ebenfalls und schloss das Tor. Ich streichelte der dunkelbraunen Stute den Hals, bevor ich mich von ihr trennte und zurück in den Hof ging. Sympathy of the Devil stand auf der kleinen Weide neben der unteren Stallanlage und sah kurz auf, als ich zu ihr an den Zaun trat und sie für eine Weile beobachtete. Sie, Ases Maskwamozi und Bear Brooks Denahi waren Neuzugänge auf dem Gestüt und genossen derzeit ihre Eingewöhnung, bevor sie in die Trainingseinheiten eingebunden wurden. Ich lächelte, als ich daran dachte, wie lang ich auf Hunter eingeredet hatte mir die Stute zu verkaufen, da sie doch so gut zu Smarty Jones passte und immer wieder blockte er ab, wechselte das Thema oder verließ, mit den Augen rollend, den Raum. Ich ging durch die Stallgasse und holte das Halfter von Echo’s Maiden, welches an ihrer Boxentür hing, um sie von der Weide zu holen. Die dunkle Stute sah auf, als ich das Tor zur Weide öffnete und stieß ein schrilles Wiehern aus, bevor sie mir entgegen galoppierte und nur wenige Meter vor mir zum stehen kam. Ich begrüßte Echo’s Maiden und zog ihr das Halfter an um sie in die Stallgasse zu führen, wo ich sie festband und aus der Sattelkammer meine Putzbox holte. Man sagt, dass dunkle Pferde weniger schnell schmutzig würden, doch auf meine Pferde traf das nicht im geringsten zu. Ich suchte 2 Striegel in meiner Putzbox und nahm einen in jede Hand um die getrockneten Verkrustungen aus dem Fell der Stute zu bekommen, die sich anscheinend im Matsch gewälzt hatte. Es dauerte eine Stunde bis ich fertig war. Ich ließ die Stute für einen Moment allein und ging in den Hof um die Striegel auf dem Boden auszuklopfen, bevor ich wieder zurück ging und die Putzutensilien in die Putzbox räumte. Da ich sie später noch brauchen würde schob ich sie etwas beiseite und ging dann wieder in die Sattelkammer um eine Longe, einen Kappzaum und eine Longierpeitsche zu holen. Ich öffnete das Halfter von Echo’s Maiden und zog es ihr auf den Hals, damit sie mir nicht entwischen konnte, während ich ihr den Kappzaum anzog und seinen Sitz überprüfte. Ich hatte den Kappzaum im Internet bestellt und von meinem Sattler anpassen lassen, da er, trotz der richtigen Größe, viel zu groß für meine Pferde gewesen war. Jetzt passte er perfekt. Ich hängte die Longe in einen der äußeren Ringe ein und löste das Halfter. Da Erin mit Hibana in der Reithalle war und ich die beiden nicht stören wollte, ging ich mit meiner Stute auf den großen Platz hinter der Halle und dem anschließenden großen Stalltrakt. Echo’s Maiden zeigte beim Training immer großen Arbeitswillen und ließ sich auch heute ohne große Diskussionen auf den Zirkel schicken, wo sie im Schritt ihre Runden zog. Ich sortierte die Longe in meiner Hand und blieb mit der Longierpeitsche hinter ihr. Die Stute reagierte fein auf die Hilfen die ich ihr gab und ließ sich in allen 3 Gangarten gut handeln. Schritt-Galopp, Galopp-Trab, Trab-Schritt. Im Kopf legte ich mir die geforderten Aufgaben für das Training vom Boden zurecht und rief sie von Echo’s Maiden ab, die sehr konzentriert bei der Sache war. Unter dem Sattel machte die Stute Fortschritte, doch ich wollte sie auch vom Boden aus fördern und gymnastizieren. Nach knapp einer Stunde erklärte ich das Training für beendet und holte die Stute zu mir. “Gutes Mädchen!” lobte ich sie und streichelte ihren Hals. Ich führte die Stute zurück auf die Weide und nahm ihr dort den Kappzaum ab um sie in den wohlverdienten Feierabend zu schicken. Erin hatte zwischenzeitlich Amistad bewegt und kam nun mit Compliment von den Weiden zurück. “Der sieht aber nicht begeistert aus.” rief ich ihr lachend zu und zeigte auf den Hengst, der ihr nur widerwillig folgte. “Da muss er leider durch.” antwortete sie und zupfte am Strick in der Hoffnung, dass der Hengst sein Tempo beschleunigen würde. Ohne Erfolg. Ich schüttelte lachend den Kopf und ging auf die Weide zu Smarty Jones um nach dem Wohlbefinden des Hengstes zu schauen. Vor zwei Wochen hatte ich ihn auf einer Hengstkörung vorgestellt und sah seitdem täglich im Internet nach, ob die Ergebnisse schon bekannt waren. “Na, gehts dir schon etwas besser?” fragte ich den Hengst und kraulte ihn an der Brust, was er gut leiden konnte. Seit ein paar Tagen hustete Smarty Jones, weswegen er auf einem abgesteckten kleinen Areal allein stand. Wir bewegten ihn täglich vom Boden im Schritt und Trab um die Verschleimung zu lösen und fütterten ihm Hustenkräuter, was bisher auch ganz gut funktionierte. Trotzdem würde am Abend ein Tierarzt nach ihm schauen. Sicher ist sicher. Nachdem ich mit Bearing Spot’s im Roundpen war, wartete Erin bereits im Stall auf mich. Wir hatten zwischenzeitlich kurz miteinander gesprochen und uns dazu entschlossen mit den beiden Pferden Valentine’s Cantastor und Smooth Gravity auszureiten. Die beiden harmonierten miteinander und da sich auch das Wetter beruhigt hatte, wollten wir den Spätnachmittag natürlich noch genießen. Erin hatte beide Pferde bereits geputzt und gesattelt. Ich brachte Bearing Spot’s zurück auf die Weide und ging in die Sattelkammer um meinen Helm zu holen, bevor ich Erin die Zügel von Cantastor abnahm und die Steigbügel auf meine Länge einstellte. Wir ritten an den Weiden vorbei und schlugen an einer Gabelung den Weg in den Wald ein, vorbei an Feldern und einer alten, von Moos überzogenen Holzhütte die seit jahrzehnten verlassen war. Am Tag war diese Hütte ein wunderschöner Anblick, nachts würde ich, aus Angst, jedoch keinen Schritt in ihre Nähe wagen. Den Ausritt hatte ich wirklich gebraucht. Das Geräusch der Hufe auf dem Waldboden, der Duft von nassem Holz und das Licht, welches die untergehende Sonne warf, waren entspannend und aufregend zugleich. Wir nutzten die Galoppstrecken aus und hielten am Fischerweiher an um die Pferde trinken zu lassen, bevor wir uns in der Dämmerung wieder auf den Heimweg machten. Auf dem Hof angekommen sattelten wir die Pferde ab und kontrollierten ihre Hufe. “Ach man…” seufzte ich und stellte den Huf von Cantastor wieder ab. “Was ist denn?” fragte Erin, die um den Hengst herum lief um zu sehen was denn los war. Der Hengst musste im Wald auf eine Wurzel oder einen Stein getreten sein, denn ein Stück seiner Hufwand war ausgebrochen. “Das muss Hunter sich anschauen, so kann ich das nicht lassen.” sagte ich und kontrollierte die anderen Hufe, die in Ordnung waren. “Ruf ihn am besten gleich an.” riet Erin und brachte die beiden Pferde auf die Weiden, während ich ins Haus ging und die Nummer von Hunter auf meinem Telefon wählte. Glücklicherweise war der Huf nicht stark beschädigt, sodass meine Stimmung nicht allzu sehr gedämpft wurde. “Bear Brook Farrier, Crowley how may i help you?” klang es am anderen Ende der Leitung und ich lächelte. “von Landsberg hier. Ich brauche ihre Hilfe.” sagte ich und versuchte Hunter am Telefon zu erklären was passiert war. Er seufzte. “Ich schau es mir an.”
    • adoptedfox
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      Storybericht inkl. Pflege von Hibana, Schneemann, Maeyr, Uschi, Delmara, Essence of Life, Buck or Two
      24.581 Zeichen von adoptedfox und sadasha

      Hunter | Jills Beerdigung lag nun drei Jahre zurück und dennoch fühlte es sich an, als sei es gestern gewesen als wir zusammen auf dem Weidezaun saßen und die Gegenwart der Pferde genossen. Pläne schmiedeten einen gemeinsamen Zuchtstall aufzubauen. Doch meine Cousine hatte leider nicht die Chance bekommen. Ein Gutes hatte ihre Beerdigung jedoch: Es führte die Familie zusammen. Wenngleich davon nun, drei Jahre später, nichts mehr zu spüren war. Ich saß alleine in der Kneipe mit einem Glas Scotch vor mir, dessen Bewegung im Glas ich nachdenklich beobachtete, während ich es mit beiden Händen auf dem Bodenrand kreisen ließ. Mein Telefon hatte ich heute stummgeschaltet, Pitch konnte auf dem Hof bleiben. Es gab heute Nichts, was mich erreichen sollte. Nur Isaac wusste wohin ich gegangen war und das auch nur, weil er mich mittlerweile lange genug kannte um meine Gewohnheiten zu kennen. Nicht mal Käthe wusste dass ich heute Trübsal blasen würde. Einmal im Jahr erlaubte ich mir das. Nach diesem Glas würde ich mir die unauffälligste Ecke des Ladens suchen, mich dort mit meinem Skizzenbuch hinsetzen und Erinnerungen aufzeichnen. Stunden später, ich wollte gerade nach Hause fahren und beendete deshalb den Ruhemodus meines Telefons, sah ich dass Erin mir geschrieben hatte. Käthe hatte einen Unfall und ist im Krankenhaus. Der Schock traf mich und ich rief gleich zurück. Doch Erin nahm nicht ab. Normalerweise hätte ich mir ein Taxi gerufen, das Motorrad später abgeholt, doch der Alkohol hatte den Nebeneffekt, dass das Hirn nicht mehr recht funktionierte. Ohne nachzudenken fuhr ich los in Richtung Nottingham. Ich fuhr Landwege und hatte Glück dass kein Verkehr auf diesen Straßen war. Dann stand plötzlich ein Reh auf der Straße. Ich hätte schwören können eine Sekunde zuvor war der Weg noch frei. Aus Reflex bremste ich. In meinem Kopf rief eine Stimme "Draufhalten!" aber hätte ich das getan wäre das für uns beide nicht gut ausgegangen. Trotzdem lenkte ich leicht ein, dann spürte ich wie mir das Rad wegrutschte und ich am nun wegspringenden Reh vorbeischlitterte. Als ich letztendlich den Lenker los ließ schlug ich unsanft auf den Boden auf. Erst als ich nicht liegen blieb sondern ohne mein Zutun weiterrutschte spürte ich dass mein Bein unter der Maschine fest hing. Im Straßengraben kam das Motorrad zum Stillstand und ich mit ihm. Mit der Kraft die ich noch aufbringen konnte versuchte ich mich darunter wegzuziehen, doch ich kam nicht weit. Ich versuchte mein Telefon zu erreichen, das in meiner Hosentasche war. Doch die Schmerzen waren zu stark. Es dauerte ewig, bis jemand vorbei kam und es war mein Glück, dass der Wagen ein paar Meter weiter anhielt und jemand zu mir kam. Die Schmerzen waren mittlerweile so stark, dass es mir alles drehte. Vermutlich trug der Alkohol auch seinen Teil dazu bei. Die Person aus dem Wagen kam zu mir und sprach mich mit zittriger Stimme an, doch so wirklich konnte ich das nicht wahrnehmen. Ich erzählte deshalb so gut ich konnte was passiert war und dass mein Bein eingeklemmt war, doch bevor ich zu Ende sprechen konnte dimmte ich weg und verlor das Bewusstsein. Als ich wieder aufwachte befand ich mich schon im Krankenwagen. Ich sah in ein fremdes Gesicht und registrierte jetzt, dass ich auf dem Weg ins Krankenhaus war. "In welches Krankenhaus fahren wir?" wollte ich wissen. Der Notarzt runzelte die Stirn bei dieser Frage. "Lincoln County Hospital" antwortete er. "Das geht nicht." murmelte ich. "Ich muss nach Nottingham." Verzweifelt richtete ich mich auf, versuchte es zumindest, denn weit kam ich nicht da ich fixiert wurde. "Wieso müssen Sie nach Nottingham?" fragte der Notarzt und versuchte mich wieder zu beruhigen. Er bombardierte mich regelrecht mit Fragen, bis ich schließlich nachgab. Man nahm meine Daten auf und fragte nach einer Kontaktperson. Ich bat darum meine Eltern und Isaac zu informieren. Wenn Käthe sowieso selbst im Krankenhaus lag war sie vermutlich nicht erreichbar. Im Krankenhaus brachte man mich von hier nach dort und kam schließlich zu dem Schluss, dass mein Bein ziemlich kaputt war um es einfach auszudrücken. Als ich endlich auf die Station gebracht wurde und ruhig im Zimmer lag schlief ich vor Erschöpfung ein ohne weiter nachdenken zu können.

      Käthe | “Diese hier nehmen sie 3 Mal am Tag. Morgens, Mittags und Abends je eine Tablette. Sollten sie wider Erwarten ein Gefühl von Schwindel bekommen rufen sie uns bitte an.” erklärte mir die Krankenschwester und legte eine Packung Tabletten auf den Tisch neben meinem Bett. “In diesem Umschlag ist der Bericht für ihren Hausarzt. Haben sie jemanden der sie abholt oder sollen wir ein Taxi rufen?” fügte sie hinzu und sah mich fragend an. Ich überlegte einen Moment, bevor ich antwortete. “Darf ich telefonieren? Dann könnte ich das abklären.” Die Krankenschwester nickte und verließ mein Zimmer. Wenige Minuten später kam sie mit einem Telefon zurück und reichte es mir. Ich wählte Erin’s Nummer und hoffte, dass sie bereits wach war und ans Telefon gehen würde.
      “Guten Morgen, ich habe schon auf deinen Anruf gewartet. Wie geht es Dir? Was sagen die Ärzte?”
      Sie hatte das Gespräch kaum angenommen, da überschlugen sich schon ihre Worte.
      “Guten Morgen. Die Ärzte sagen ich bin glimpflich davon gekommen. Ich habe 2 geprellte Rippen und ein paar blaue Flecken. Kannst du mich abholen?” fragte ich sie, doch anstatt zu antworten folgte Stille. “Ist...Hunter nicht bei Dir?
      “Nein. Nicht das ich wüsste. Warte mal…” sagte ich und nahm das Telefon von meinem Ohr weg um mit der Krankenschwester sprechen zu können. Als sie auf meine Frage, ob Besuch für mich da gewesen wäre, verneinend den Kopf schüttelte, nahm ich das Telefonat wieder auf. “Nein, war er nicht.” Ich hörte, wie Erin vor sich hin murmelte bevor sie mir zusicherte in einer halben Stunde da zu sein. Wir verabschiedeten uns voneinander und ich gab der Krankenschwester das Telefon dankend zurück. Da ich von meinem gestrigen Unfall noch leicht benommen war, half sie mir meine Sachen in eine Tasche zu packen und brachte mich nach unten in die Empfangshalle, wo Erin bereits auf mich wartete. Sie nahm mir meine Tasche ab und hielt mir die Tür auf, damit ich in ihren Wagen einsteigen konnte. Während der Fahrt unterhielten wir uns wenig. Gedankenverloren fuhr Erin an der Abfahrt vorbei, die uns nach West Bridgford brachte. “Wo fahren wir denn hin?” fragte ich leise und sah zu ihr hinüber. “Nach Lincolnshire. Ich habe, bevor ich gefahren bin um dich abzuholen, auf dem Bear Brook EC angerufen. Hunter hatte einen Unfall mit dem Motorrad und liegt im Krankenhaus.” gab sie zu und warf mir einen kurzen Blick zu, bevor sie weitersprach: “Wir fahren ihn besuchen. Besser gesagt Du. Ich werde vor dem Zimmer warten.” Tausende Gedanken schossen durch meinen Kopf. Was war passiert? Nach einer knappen Stunde Fahrt - ich war zwischenzeitlich eingeschlafen - erreichten wir das Lincoln County Hospital. Nachdem wir an der Information nach der Zimmernummer gefragt hatten, standen wir nun vor der Tür des Zimmers in dem Hunter sich befand. “Willst du sicher nicht mit rein gehen?” fragte ich Erin, doch sie schüttelte den Kopf. “Ich warte vor der Tür.” Ich atmete tief durch und klopfte an die Zimmertür, bevor ich sie öffnete und in den Raum trat. Das Bein komplett eingegipst, lag er da und schlief. Ich trat näher an sein Bett und strich mit meinem Handrücken über seine Wange. Er verzog das Gesicht und öffnete die Augen blinzelnd. “Käthe?” fragte er ungläubig und setzte sich auf. Noch bevor ich antworten konnte beugte er sich nach vorn und umarmte mich. “Hunter…” stöhne ich schmerzerfüllt als der Druck seiner Oberarme gegen meine geprellten Rippen stärker wurde.

      Hunter | Ich ließ von ihr ab und musterte sie fragend. "Erzähl mir von deinem Unfall gestern." sagte ich und lehnte mich wieder in die Kissen. Käthe seufzte und atmete einmal tief durch, ehe sie begann von ihrem Tag zu berichten: "Ich war in Nottingham um das bestellte Futter für die Pferde abzuholen und als ich auf dem Heimweg war, hat mir jemand die Vorfahrt genommen und ist ungebremst in meinen Wagen gefahren. Der Arzt sagt, ich sei glimpflich davon gekommen mit meinen geprellten Rippen und den blauen Flecken.” Sie nahm meine Hand und sah mich eindringlich an. “Was ist mit dir passiert?” Einen Moment lang dachte ich noch über ihre Geschichte nach. "Ich hoffe den Idioten hat es mindestens genauso erwischt wie dich!" Sie zog ihre Augenbrauen hoch und sah mich mit mahnendem Blick an. “Sowas sagt man nicht Hunter.” Ich schnaubte verächtlich. "Ich lieg eh schon hier, was soll mir schon noch passieren?" - “Und warum liegst du hier?” - "Weil ich nicht in ein Reh reinfahren wollte." erklärte ich knapp und sah an mir runter. Mir wurde erst jetzt so richtig bewusst, dass ich wohl die nächsten Wochen ausfiel. An arbeiten konnte ich nicht denken, ans Reiten auch nicht. Ich würde nicht mal ordentlich mit Pitch gehen können. Geknickt schlug ich die Lider nieder und seufzte. “Wann ist das denn passiert?” fragte sie und ich tat erst so als hätte ich sie nicht gehört, gab dann aber nach, denn so wie ich Käthe kannte, würde sie nicht locker lassen. "Auf dem Weg ins Krankenhaus. Ich wollte nach dir sehen, als ich Erins Nachricht gelesen hatte." gab ich zurück und musterte sie besorgt. “Wir hatten gestern wohl beide kein Glück.” sagte sie und lächelte sanft. "Mhmm…" brummte ich zustimmend. "Das werden ein paar sehr, sehr langweilige Wochen…" ergänzte ich.
      Sobald ich mit Krücken laufen konnte entließ man mich nach Hause. Als Pitch mich sah freute er sich so sehr, dass er unter sich machte. Isaac und der Rest vom Team freuten sich zwar auch mich wieder auf dem Hof zu sehen, sahen aber doch recht abgekämpft aus. "Danke, dass du dich um Pitch gekümmert hast." sagte ich Isaac, der sich eines der Gästezimmer eingerichtet hatte, während ich weg war. Er nickte und half mir ins Haus, auch wenn ich das mit meinen Krücken schon gut im Griff hatte. Wir setzten uns ins Wohnzimmer und er berichtete mir, was auf dem Hof alles passiert war. Ich kramte im Anschluss mein Telefon hervor und versicherte mich, dass bei Käthe alles in Ordnung war. Kurz darauf rief mich Rin an. Sie klang verzweifelt. Sie war mittlerweile allein auf dem Hof und die vielen Pferde schaffte sie schlichtweg nicht. Sie wollte die Pferde aber auch nicht irgendwem überlassen. Sie hatte schon eine andere Kollegin gefragt ob sie ein paar Tiere übernehmen könnte, doch der Großteil stand noch immer bei ihr. Wir redeten lange und diskutierten Möglichkeiten aus. Bis wir zu dem Schluss kamen, dass ich die Pferde übernehmen würde, die ich auch so gekauft hätte, hätten ich sie zuerst entdeckt. Da sie schon genug Sorgen hatte ließ ich sie über meine Verletzung im Unklaren. Die Pferde würden dann in den nächsten Tagen eintreffen. Besonders auf Schneemann freute ich mich, da ich mich in den Hengst verliebt hatte noch bevor ich ihn auf seiner Hengstkörung ritt. Maeyr, Uschi und Delmara setzten ihm nur eine Sahnehaube auf. Nachdem ich aufgelegt hatte packte ich das Telefon weg und hievte mich vom Sofa um in den Stall zu gehen. Während ich weg war zog Essence of Life ein. Die Vollblutstute hatte ich per Zufall entdeckt und gekauft, sie aber aufgrund des Unfalls noch nicht ansehen können.

      Käthe | Ein paar Tage vergingen und langsam aber sicher konnte ich behaupten, dass es mir besser ging. Erst gestern waren Erin und ich gemütlich im Gelände unterwegs und genossen die Ruhe, die der Wald uns bot. Ebenfalls gestern wurde mein Wagen abgeholt, der nach dem Unfall zwar repariert werden konnte, ich mich aber dazu entschloss ihn zu verkaufen, weil es sich wirtschaftlich nicht gelohnt hätte. Da ich im Stall keine große Hilfe war räumte ich im Haus auf und probierte mich am Backen. Chocolat Chip Muffins sollten es werden. Ich hielt das Bild auf dem Tablet neben mein Ergebnis und stellte fest, dass sie gar nicht so schlecht aussahen wie ich im ersten Moment dachte. Ich öffnete das Küchenfenster und rief nach Erin, die ihre Stute Hibana gerade aus der Stallgasse führte.
      “Hast du Lust mit nach Lincolnshire zu fahren?” fragte ich sie und schien dabei so erwartungsvoll auszusehen, dass sie ohne zu zögern zusagte. Während sie ihr Pferd auf die Weide brachte, sortierte ich die Muffins auf ein Tablett und zog mir ein geblümtes Sommerkleid an. Erin, die schon im Wagen wartete, öffnete mir die Tür und musterte das Tablett in meiner Hand, dessen Inhalt durch eine Folie geschützt war. “Ich dachte ich bringe etwas kleines mit.” sagte ich und sah in ihr fragendes Gesicht. “Es sind Muffins.” fügte ich hinzu und schnallte mich an. “Hoffentlich bekomme ich einen ab!” sagte sie lachend und setzte den Wagen in Bewegung. Während der Fahrt unterhielten wir uns wenig, was an der Musik und den geöffneten Fenstern lag. Als wir das Bear Brook EC erreichten stellte Erin den Wagen auf dem Parkplatz ab und half mir dabei auszusteigen. Erin und Ich gingen zum Haus und klingelten. Mrs. Clayton öffnete die Tür und bat uns hinein. “Ich habe Muffins mitgebracht.” sagte ich stolz und stellte das Tablett auf den Tisch. “Die riechen ja großartig! Lange werden die hier nicht stehen.” sagte sie lachend und nahm die Folie ab. Ich nahm zwei Muffins heraus und ging in Richtung der Tür, als Mrs. Clayton mich darauf hinwies, dass Hunter sich in der Schmiede befinde. Ich bedankte mich und lief über den Hof um nach ihm zu sehen. “Darf ich reinkommen?” fragte ich und blieb im ohnehin geöffneten Tor stehen. Als Hunter aufsah und erkannte, wer da stand strahlte er mich an und bat mich rein. “Was machst du denn hier?” fragte ich ihn und hielt ihm einen der beiden Muffins hin. Er nahm ihn glücklich entgegen und sah dann auf die Werkbank vor ihm, auf der Hufnägel und Eisen wild durcheinander flogen. "Ich sortiere hier etwas um…" erklärte er. “Kann ich dir helfen?” bot ich ihm fragend an und nahm einen Bissen von meinem Muffin. Wow, die schmecken echt gut dachte ich und sah Hunter an. Er warf nochmal einen Blick die Arbeit und antwortete dann. "Nein. Aber ich kann das später weiter machen." Er biss vom Muffin ab und sah mich zufrieden kauend an. "Du hast da was." Ich wischte mit dem Handrücken über die Stelle die er mir gezeigt hatte und sah ihn an. “Besser?” fragte ich und nickte in Richtung seines Beins. “Wie lange bist du außer Gefecht?” - "Nur noch ein paar Wochen." erklärte er und fügte hinzu, dass es schon viel besser geworden sei. Nachdem ich meinen Muffin aufgegessen hatte beobachtete ich ihn eine Weile und sah dann nach draußen in den Hof. Hunter nahm seine Krücken und stand auf. "Gibt es noch mehr von denen?" er hielt mir das leere Papier vom Muffin vor die Nase. "Wenn dein Team noch welche übrig gelassen hat." meinte ich schulterzuckend. Gemeinsam schlichen wir über den Hof. "Falls nicht. Heute Abend grillen wir hier auf dem Innenhof. Magst du Erin anrufen und fragen ob sie auch kommen möchte?" überlegte er laut. “Du kannst sie selbst fragen, sie hat mich hergefahren.” sagte ich und ging vor, um die Tür zum Haus zu öffnen. Wie erwartet hatte es sich schnell herumgesprochen dass es im Haus eine Kleinigkeit gab und so fanden wir das gesamte Team des Bear Brook EC in der Küche vor. “Ältere Frauen backen immer noch am besten. Die Erfahrung macht es einfach aus.” sagte Isaac voller Überzeugung und biss von seinem Muffin ab. Mrs. Clayton und ich riefen gleichzeitig empört “Ältere Frauen?” auf und mussten dann lachen. Hunter schmunzelte nur und beobachte das Schauspiel. "Was brauchen wir noch für's Grillen?" fragte er an Mrs. Clayton gerichtet, die ihm prompt einen Einkaufszettel entgegen streckte. "Kommst du mit Käthe? Ich kann leider nicht fahren." meinte er grinsend. “Ich darf dein Auto fahren?” fragte ich ungläubig und drehte mich zu ihm um. "Unter diesen Umständen… Ja." sagte er und humpelte in den Flur um mir seinen Autoschlüssel rauszusuchen. "Kommst du?" rief er, als er ihn gefunden hatte. Ich zuckte mit den Schultern und grinste Erin an. “Fahr vorsichtig!” rief sie mir nach, doch die Tür fiel bereits ins Schloss. “Soll ich dir helfen?” fragte ich Hunter der die Beifahrertür schon geöffnet hatte. Er überhörte diese Frage und krackselte sich irgendwie selbst ins Auto, was zwar klappte, aber sehr unbeholfen aussah. Als er endlich saß und sich angeschnallt hatte grinste er mich an. Ich schüttelte den Kopf und ging um das Auto herum um selbst einzusteigen. Wir fuhren nach Lincoln um die Sachen zu besorgen, die Mrs. Clayton aufgeschrieben hatte und nahmen zusätzlich Bier und eine Flasche Wein mit. Zurück auf dem Bear Brook EC herrschte bereits reges Treiben. Alle halfen dabei den Grillabend vorzubereiten und Mrs. Clayton, die schon sehnsüchtig auf uns zu warten schien, lief uns entgegen um uns beim Ausladen zu helfen. Hunter wurde zu Isaac gerufen und gab mir einen flüchtigen Kuss, bevor er in Richtung der Stallungen verschwand. “Erin kommt übrigens gleich zurück. Sie fährt schnell und bringt die Pferde in die Boxen.” sagte Mrs. Clayton als sie meinen suchenden Blick bemerkte.

      Hunter | Wir hatten einen tollen Grillabend und auch die nächsten Tage liefen verhältnismäßig ruhig. Viel konnte ich sowieso nicht machen. Wenigstens war ich den Gips mittlerweile los und trug nur noch eine Bandage. Reiten durfte ich damit noch immer nicht, aber ich fuhr heute trotzdem mit Pitch zu einem alten Bekannten, den mein Vater noch aus seiner Zeit kannte. Sein Sohn hatte einen Tinkerhengst zum Verkauf stehen, den er selbst nie mehr reiten könnte. Es wäre aber wohl zu schade ihn im Stall versauern zu lassen, also soll er wieder in fördernde Hände. Interessant für mich, weil meine Tinker eher für den Fahrsport gebaut waren. Buck or Two sei aber ein Vielseitigkeitspferd. Pitch verfrachtet, setzte ich mich selbst ins Auto, kramte aber zuerst nach meinem Telefon um Käthe anzurufen. "Ich fahr nach Spilsby, ein Pferd ansehen. Hast du Zeit und Lust mitzukommen? Richtung Meer? Wenn wir da fertig sind, können wir ja einen Abstecher nach Skegness machen.", schlug ich vor und holte Käthe einige Minuten später ab. "Geht das mit deinem Bein?", fragte sie, als sie auf der Beifahrerseite einstieg. Ich lachte. "Was meinst du wie ich hergekommen bin?" Sie sah mich tadelnd an. "Du weißt wie ich das meine, Hunter!" Immer noch lächelnd setzte ich rückwärts um mich auf dem Hof zu drehen und dann rauszufahren. "Hast du Alles dabei? Schwimmsachen?", fragte ich, als wir auf dem Highway waren. Käthe nickte. "Warst du überhaupt schon mal in Skegness?" - "Nein! Aber ich hab es gegoogelt und das will ich mir nicht entgehen lassen." Aufgeregt lächelte sie mich an. "Ich möchte dann auch an die Greifautomaten gehen.", meinte sie. Ich lachte. "Das ist Betrug, das ist dir bewusst oder?" Ich warf einen kurzen Blick zu ihr rüber. Sie schüttelte den Kopf. "Wenn ich ohne ein Plüschtier wieder heim muss, bin ich traurig." Ich seufzte. Vermutlich würden wir heute zig Pfund in ein Plüschtier stecken, welches wir in jedem Spielzeugladen für ein paar Penny hätten kaufen können. Doch bevor wir zum Strand fuhren, machten wir einen Stop in Spilsby. Der Hof war klein und es gab hier so gut wie nur Tinker. Die Boxenschilder verrieten jedoch, dass es alles Einstaller waren. Alle, bis auf Buck or Two. Der Hengst war jedoch nicht in seiner Box, also gingen wir weiter über den Hof bis wir einem älteren Herren in die Arme liefen. "Sie müssen Mr. Crowley sein! Und das ist sicher Mrs Crowley. Hallo." grüßte er freundlich und ich sah Käthe schmunzelnd an, die erstmal klarstellte, dass wir nicht verheiratet waren. Der Herr nahm uns mit zu den Weiden und Paddocks. Auf einem kleinen Paddock stand Bucks schon parat und wartete nur darauf, dass man ihn mitnahm. "Er ist wirklich ein braves Pferd." erklärte der Mann, während er Bucks aufhalfterte und vom Paddock holte. Er band ihn an einer Stange vor dem Reitplatz an. "Ich hole eben seine Sachen." entschuldigte er sich und verschwand im Stall, während ich Bucks streichelte. Der dunkle Hengst streckte sich sofort lang und verzog die Schnute, als ich eine besonders gute Stelle am Mähnenansatz gefunden hatte. Pitch hatte sich neben mich gelegt und döste vor sich hin. Als der Mann mit Putzkiste und Trense zurückkam warf ich einen etwas unsicheren Blick zu Käthe, die den Kopf langsam schüttelte. Ihr war natürlich klar, dass ich eigentlich noch nicht reiten sollte. Ich legte die Leine ab und nahm mir eine der Bürsten aus der Box um dem Mann mit Bucks zu helfen. Käthe hatte inzwischen die Leine von Pitch aufgenommen und lehnte sich gegen die Stange. Bucks zog neugierig zu ihr rüber und stupste sie vorsichtig an, bis sie sich endlich ergab und ihn streichelte. Einige Minuten später stand der Rappe geputzt und gesattelt vor uns. Pitch war gänzlich eingeschlafen und Käthe kraulte immer noch Bucks Hals. Der Mann prüfte kurz den Platz und bat mich dann mit Bucks einzutreten, während er das Tor aufhielt. "Das fällt leider wieder zu, wenn man es nicht festhält.", erklärte er. "Also wenn sie wollen, er wurde die letzten Tage ein paar mal von anderen Einstallern bewegt. Ich kann Ihnen auch einen Sprung aufbauen, während sie ihn warm reiten." Während er das sagte ging er bereits zur kurzen Seite des Platzes wo die Sprünge in Teilen lagen. "Nein, kein Sprung.", sagte ich eilig und merkte erst im Nachhinein, dass ich das wohl ein wenig zu panisch gesagt haben musste. "Ich bin noch im Schongang, nach einer Verletzung.", entschuldigte ich mich sofort und stellte dann die Steigbügel am VS-Sattel auf meine Länge ein.

      Käthe | “Der wird sich wohl nie ändern, hm?” fragte ich Pitch und kraulte ihn am Hals, nachdem wir uns ein schattiges Plätzchen am Rande des Platzes gesucht und es uns in der Wiese bequem gemacht hatten. Hunter hatte mittlerweile im Sattel Platz genommen und zog abwechselnd im Schritt und Trab seine Runden. Der Hengst machte eine gute Figur unter dem Sattel und lief fleißig vorwärts. Auch als Hunter ihm die Galopphilfen gab reagierte er sofort und Hunter’s Gesichtsausdruck verriet mir, dass er sich gut aussitzen ließ. Nach zirka einer halben Stunde parierte er durch und blieb vor mir am Zaun stehen. “Was sagst du?” fragte er mit erwartungsvollem Blick und klopfte den Hals von Buck or Two. Ich zögerte. “Er ist sicher nicht verkehrt. Auch von der Ausbildung her.” sagte ich und lächelte besänftigend um ihm die Frage nach dem Aber abzuwehren. “Gib mir ein paar Minuten.” sagte er, stieg ab und führte den Hengst zum Tor, welches der Mann bereits geöffnet hatte. Ich sah, dass die beiden sich angeregt unterhielten und ahnte, dass der Hengst so gut wie gekauft war. Hunter bemerkte meinen Blick und winkte mich herbei. “Ich organisiere alles und melde mich die Tage.” sagte der Mann und reichte mir die Hand um mich zu verabschieden. Als auch Hunter und er sich die Hand gegeben hatten legte er seinen Arm um meine Hüfte und ging mit mir zurück zum Wagen. Auf einmal stieß er die Faust seines freien Arms hoch und jubelte. "Auf nach Skegness!" Bevor ich reagieren konnte drückte er mir einen Kuss auf die Lippen und öffnete die Beifahrertür um mich Platz nehmen zu lassen. "Du wirst Skegness lieben.", sagte er, als er sich hinter das Steuer setzte und den Wagen startete um loszufahren.
      Die Stadt am Meer war wirklich großartig. Wir starteten mit einem Bummel durch die Gassen und betrachteten dabei die schönen Fassaden der alten Häuser. Im Anschluss gingen wir an den Strand und nutzen hier Alles was Skegness zu bieten hatte: Einen Mini Freizeitpark, die Spielhalle, den weitläufigen Strand und natürlich das Meer. Es war ein wundervoller Tagesabschluss vom Restaurant aus den Sonnenuntergang zu beobachten. Es tat fast schon weh als Hunter diese ruhige Atmosphäre unterbrach um aufzustehen. "Es ist schon spät.", sagt er wehmütig und hielt mir seine Hand hin. Seufzend ergriff ich sie und ließ mich wie ein nasser Sack aus dem Stuhl ziehen. "Ich möchte bleiben.", klagte ich und folgte ihm schmollend.

      Zwei Tage später stand ich zusammen mit Hunter auf dem Parkplatz des Bear Brook EC und winkte den alten Herren mit Buck or Two auf den Innenhof. Der dunkle Hengst wurde erstmal in aller Ruhe mit der neuen Umgebung bekannt gemacht. Hunter hatte den Vormittag damit verbracht seine Box vorzubereiten. Auch den Futterplan von Buck hatte er etwas überarbeitet. Nach der Besichtigung konnte sich der Tinker erstmal in seiner Box ausruhen. Die Fahrt war zwar nicht allzu aufregend für ihn, doch er sollte sich erst einmal einleben, ehe er gearbeitet würde. Sobald ich sicher war, dass Alles um Buck herum geklärt war verabschiedete ich mich von Hunter und fuhr zurück nach Nottingham um mich um meinen eigenen Hof zu kümmern.
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  • Album:
    von Landsberg Stuten
    Hochgeladen von:
    adoptedfox
    Datum:
    27 März 2018
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    Kommentare:
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    Stute
    Grenzfee | englisches Vollblut | 12. Juni 2010
    Stockmaß: 1.63cm
    Gewicht: 428.00kg
    Fellfarbe: Dark Bay



    • Abstammung •
    Von Unbekannt
    Von Unbekannt Aus der Unbekannt

    Aus der Unbekannt
    Von Unbekannt Aus der Unbekannt



    • Charakter •
    unberechenbar | dominant | intelligent |treu

    Grenzfee stammt ursprünglich aus einer angesehenen Zucht, welche schon seit Generationen Rennpferde züchtet. Da sie jedoch die erforderten Leistungen nicht erbrachte, wurde sie verkauft und landete, nachdem sie durch mehrere Hände ging, auf der Tyrifjord Ranch in Norwegen. Grenzfee ist eine temperamentvolle, intelligente Stute welche ein hohes Potenzial für den Springsport hat. Grenzfee wird bei Käthe von Landsberg für die Zucht vorgesehen, doch auch das ausgewogene Training wird nicht zu kurz kommen.



    • Qualifizierungen & Erfolge •
    Fohlen ABC ✔ | Eingeritten ✔ | Eingefahren x

    ● Schleifenaufstieg
    Trainingsaufstieg Potential
    Springen E A L M S
    Show Jumping: E A* A** L M* M** S* S** S*** S****

    Galopprennen E A L M S
    Ausgleichsrennen|Hindernisrennen: AIV AIII AII AI | AU AM AG

    Military E A L M S
    Geländestrecke: CIC/CCI* CIC/CCI** CIC/CCI*** CIC/CCI****

    Western E A M L
    Western Pleasure: LK5 LK4 LK3
    Reining: LK5 LK4
    Trail: LK5 LK4

    Offiziell
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    Inoffiziell
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    Teilnehmer Fuchsjagd Sandringham Manor

    Zuchtverband
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    GHP - Prüfungen + Reiterspiele
    -

    Abstammung: 0
    Schleifen: 14
    HS: 2
    TA:
    2
    Trainer: 3
    Zubehör: 2

    Gesamt: 23



    Zuchtinformationen
    Zur Zucht zugelassen: ja
    Eingetragene Zucht: von Landsberg
    Züchter/Herkunft: Nuray


    Nachkommen
    0/5

    Besitzer: adoptedfox (Käthe von Landsberg)
    VKR/Ersteller: Nuray



    • Gesundheitszustand •
    Letzter Tierarztbesuch: 23. Dezember 2017
    Chronische Krankheit/en: -
    Erbkrankheit/en: -


    Letzter Hufschmiedbesuch: 13. Dezember 2017
    Hufkrankheit/en: keine
    Sonstige Unterlagen
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