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Veija

♀ BR Rebel Hearted, 5

♀ BR Rebel Hearted, 5
Veija, 13 Feb. 2022
Gwen, Canyon, Snoopy und 3 anderen gefällt das.
    • Veija
      Noise in the silence
      Zeitliche Einordnung: Mai 2021
      April 2022, by Ravenna & Veija

      Tschetan
      Ich streckte meinen Körper Seesternartig aus, drehte mich dann auf die Seite, um mein Handy zu erreichen. Dabei zuckte ich zusammen - ich zog mir selbst an den Haaren. Der Wecker zeigte gerade 5 Uhr an. Mir missfiel das einerseits. Andererseits richtete ich mich auf, nachdem ich den Wecker aus und meine Haare befreit hatte. Mit den Händen strich ich mir über das Gesicht, klatschte die Hände gegen meine Wangen, um die Müdigkeit aus mir heraus zu bekommen. Anschließend rollte ich über das Bett, um den Raum zu erhellen.
      Der Anblick war noch immer seltsam. An das große Bett dagegen hatte ich mich schnell gewöhnt. Nicht mehr meine Schwester im selben Raum atmen zu hören, hatte mich einige Zeit gekostet. Vor knapp 2 Wochen hatte ich endlich das versprochene Zimmer im Haupthaus beziehen können, mit einer tollen Aussicht auf den Wald und einen Teil der Berge. Von hier aus konnte ich bei guter Sicht den Eingang zur Ferienranch sehen. Allerdings befand ich mich nicht auf der Sonnenseite des Hauses. Diese würde genau in der anderen Richtung aufgehen. Ich konnte gerade so erahnen, dass die Dämmerung einzusetzen begann. Vom Boden klaubte ich meine Shorts vom Vortag und warf sie in den Wäschekorb, drehte die Socken wieder auf richtig herum und zog sie mir an. Dabei schaute ich mich etwas um. Wo war die Hose gestern gelandet?
      Wenig später schlich ich mich mit meinen Boots in der Hand die Treppe hinunter. In der Küche kippte ich mir schnell ein Glas Wasser in den Rachen - das musste als Frühstück genügen. Anschließend - mit dem Hut auf dem Kopf - befand ich mich bereits auf dem Weg in den Stall. Seit einigen Wochen hatte mir Caleb die Pflege und das Training von zwei der Pferde anvertraut. Nicht nur das, ich hatte sie mir aus allen Jungpferden aussuchen können. Ich hatte mich dabei für eine zweijährige Stute namens Like a Prayer entschieden, die ich überhaupt einmal an den Menschen gewöhnen musste - nachdem sie ihre meiste Zeit auf den weitläufigen Weiden am Nordhang verbracht hatte. Colonels Blue Splash war meine nächste Wahl: eine solide vierjährige Fuchsstute, die es mir mit ihrer Neugierde zum Menschen angetan hatte. Vor allem aber mit ihrer Ruhe. Laurence hatte letztens einen der Bäume fällen müssen. Während also die Kettensäge angeworfen wurde und nach und nach die Äste flogen. An diesem Tag war sie mir im Gedächtnis geblieben. Also hatte ich nicht lange gezögert, sie zu wählen. Als Pferd für die Ferienranch war sie damit hervorragend geeignet. Beide Stuten teilten sich ein Paddock, damit ich nicht nur ihr Training, sondern auch ihre generelle Pflege übernahm. Und an Tagen wie heute trieb es mich auch sehr früh aus dem Bett.

      Am Eingang des Paddocks stand die Badewanne voll mit Wasser. Ich schüttete mir ein wenig des kalten Nass ins Gesicht, um auch den letzten Anflug von Müdigkeit aus dem Gesicht zu bekommen. Anschließend widmete ich mich den Haufen der beiden Stuten, die es aus dem Weg zu schaufeln gab. Immerhin war ich so die elendigen Boxen los. Das nasse Stroh oder die Späne aus den Ecken zu holen empfand ich als deutlich ätzender. Aus dem Container füllte ich die Wanne weiter mit Wasser und lugte hinein, um zu sehen, wie viel Wasser noch darin war. Ich beschloss, diesen am Wochenende zu füllen. Ein kritischer Blick auf meine Uhr verriet mir, dass ich noch genügend Zeit hatte, um mit Blue Splash zu arbeiten. Zügigen Schrittes holte ich mir also den Strick samt Halfter aus der Sattelkammer. Vorerst beschränkte sich meine Arbeit auf den Round Pen. Blue Splash hatte bereits gelernt sich im Round Pen zu bewegen, sich überall anfassen zu lassen und vor allem war aufgefrischt worden, die Hufe zu geben. Aktuell lernte sie auf leichten Druck zu weichen und meiner Körpersprache dabei zu folgen. Dabei beschäftigte ich sie gern mit den Pylonen: Slalom oder die liegende Acht. Heute hatte ich eine ganz neue Übung mit ihr vor.
      Da sie mittlerweile gut gelernt hatte seitwärts an mich heran zu treten wollte ich mit ihr an der Aufstiegshilfe stehen. In ihrer künftigen Aufgabe als Ferienranchpferd, musste sie auch von ungeübteren oder nicht so gelenkigen Reitern bestiegen werden. Dafür war es besonders wichtig, dass sie ruhig an der Aufstiegshilfe stand. Also nahm ich nach dem putzen die solide Box mit in den Round Pen. Nach einer kurzen Aufwärmphase holte ich die Box zu mir rein, ließ sie die junge Stute begutachten, nahm sie dann wieder auf und trug sie an eine andere Stelle. Dort stellte ich mich auf die Box. Neugierig kam Blue Splash näher. Ich gab einen kleinen Pfiff von mir für sie als Bestätigung, strich ihr mit der Hand zwischen die noch plüschigen Ohren. Dann gab das Handzeichen für die junge Stute seitlich zu mir zu kommen. Kurz ratterte es in ihrem Kopf, dann tat sie einen fragenden Schritt auf mich zu. Also ließ ich wieder meinen kleinen Pfiff hören.
      "Das hast du dir von Louis abgeschaut, oder?", vernahm ich Cayce Stimme hinter mir.
      "Was meinst du?"
      "Das Gepfeife. Louis hör ich auch in einer Tour mit seinen Pferden pfeifen." Ich musste schmunzeln.
      "Wir haben beide vom selben Großvater das Reiten gelernt. Ich denke, daher kommt das. Um ehrlich zu sein habe ich nie gefragt, wieso er das macht. Ich habs einfach kopiert." Dabei kratzte ich mir lachend am Hinterkopf.
      "Viel Erfolg beim Training", wünschte mir Cayce und fasste sich dabei an den Hut.

      Aimee
      “Hm?”, horchte ich auf, als mein Vater zum wiederholten Mal meinen Namen rief.
      “Aimee, mach doch mal den Eierkocher aus. Mensch Kind, was ist denn in letzter Zeit los mit dir?”, damit drehte er sich um und verließ die Küche des kleinen Bungalows. Ich stand seufzend auf, ging zum Eierkocher und zog den Stecker aus der Steckdose. Augenblicklich hörte das nervtötende Piepsen, das mir bis eben völlig entgangen war, auf zu nerven und verstummte. Irgendwie hatte ich vergangene Nacht nicht gut geschlafen und war heute komplett gerädert. Dagegen konnte auch der Kaffee, den ich ab und zu morgens trank, nichts ausrichten. Der einzige Trost, der sich mir heute bot, war der Wochentag. Freitag. Der Nachmittagsunterricht beschränkte sich auf zwei Unterrichtsstunden nach dem Mittagessen. Das Wochenende näherte sich mit großen Schritten.
      Ich schüttete das Wasser der Eier im Waschbecken ab. Der warme Dampf erwärmte mein Gesicht und vertrieb tatsächlich einen Teil meiner Müdigkeit.
      Aus dem Schrank kramte ich zwei Eierbecher hervor, die ich mit Eiern befüllt auf den Tisch stellte.
      Wenig später kam Brian wieder in die Küche und setzte sich an den Tisch. “Soll ich später aus Calgary noch das Kraftfutter für die Pferde mitbringen? Ein paar Säcke bekomm ich ja in den Kofferraum.”
      “Ja, das wäre gut. Frag Caleb gleich noch, dass er dir einen Scheck mitgibt. Dann kannst du direkt bezahlen.”
      “Wenn gleich noch Zeit ist”, murmelte ich und sah auf die Uhr. Ich musste mich so langsam ranhalten.
      “Sonst lass dir halt eine Rechnung ausstellen und nimm die mit… apropos, du nimmst doch gleich die Kids und Tschetan mit rüber, oder?”, ich nickte “der kann dir dann ja tragen helfen. Oder du fragst jemanden, der da arbeitet.”
      “Ja, Dad. Ich werd schon klar kommen. Bin ja nicht zum ersten Mal da.”

      Eine viertel Stunde später stand ich vor der Tür des Haupthauses und hob die Hand, um zu klopfen. Total dämlich, sonst lief ich dort doch auch ein und aus, was war denn heute los? Vorsichtig drückte ich die Klinke nach unten trat in den dunklen Flur. Hm, war er noch nicht wach? Und sonst war auch noch niemand hier? Oder waren schon alle auf der Ranch unterwegs?
      Ich räusperte mich. “Ca… Caleb?”, rief ich in den dunklen Flur hinein und vernahm ein Poltern aus dem 1. Stock. War Tschetan etwa auch noch nicht fertig für die Schule? Kaya und Betsy waren mir bisher auch noch nicht begegnet.
      “Ich komm gleich”, rief Caleb dann jedoch von oben zu mir runter. Ich nickte. Im Nachhinein dachte ich mir, dass er das Nicken ja gar nicht hatte sehen können. Schließlich trat ich ganz ins Haus hinein, zog die Tür hinter mir zu und ging in die warme Küche. Dort legte ich meine Hände um die warme Kaffeekanne auf dem Tisch. Morgens war es noch echt kalt draußen.
      Wenige Minuten später trat Caleb in die Küche. Er war noch dabei, sich sein Hemd zuzuknöpfen. Es blieb mir erspart, mich peinlich wegzudrehen, weil Caleb unter dem Hemd ein Shirt anhatte. Stattdessen nahm ich meine Hände von der Kanne weg und rieb sie ein paar Mal gegeneinander.
      “Wie kann ich dir helfen, Aimee?”, fragte er mich freundlich, nahm eine Tasse aus dem Schrank und schenkte sich etwas des warmen Getränks ein. Ich beobachtete ihn dabei, bis mir bewusst wurde, dass er mir eine Frage gestellt hatte.
      “Ich.. äh..”, stammelte ich drauf los und stoppte mit der reibenden Bewegung meiner Hände. “Ich fahr gleich mit dem Auto zur Schule. Hab meinen Dad gefragt ob ich dann schon mal einen Teil des Kraftfutters mitbringen soll. Dazu müsstest du mir aber einen Scheck mitgeben, damit ich das schon mal bezahlen kann, was ich mitnehme.”
      “Mmm hm”, antwortete er nur und verschwand aus der Küche. Verdutzt schaute ich ihm nach, bis ich ein “Kommst du?”, aus dem Flur hörte. Unsicher stapfte ich ihm nach.
      “Wo bist du denn hin?”, fragte ich ins Dunkle hinein, ehe mich der grelle Lichtstrahl der Deckenlampe kurz blendete.
      “Erstmal das Licht anmachen”, verkündete er schulterzuckend, aber mit einem Grinsen auf den Lippen.
      Wir kamen in seinem Büro an. Dort standen zwei Tische. Auf dem Rechten herrschte ein sichtliches Chaos um den PC- Bildschirm herum. Der Linke dagegen schien sichtlich aufgeräumter. Es gab verschiedene Stapel mit Unterlagen, alle schön säuberlich und akkurat aufeinander gelegt. Ich grinste kurz. Der Schreibtisch gehörte wohl Ylvi. Ich sah mich weiter im Raum um, während Caleb in diversen Schubladen herum kramte. Gegenüber seines Schreibtisches hing ein neues großes Foto. Es zeigt ein paar der Hengste vor schwarzem Hintergrund. Blue und Gangster waren dabei, natürlich. Aber auch Nachtschwärmer, der seit kurzem verkauft war.
      “Hier”, meinte Caleb plötzlich und reichte mir ein Blatt aus dem Scheckheft mitsamt dem Kuli, mit dem er unterschrieben hatte. “Trag einfach später den Betrag ein, für den du Säcke mitbringst. Bezahl nichts weiter im Voraus.” Ich nickte, bedankte mich und verließ das Haupthaus. Kaya und Betsy standen bereits am Wagen, von Tschetan fehlte weiterhin jede Spur.
      Hinter mir fiel die Tür erneut ins Schloss, was mich zum umdrehen bewegte. Auch nicht Tschetan. “Caleb ist Tschetan noch drinnen?” Er schüttelte den Kopf. “Habt ihr ihn gesehen?”, fragte ich die Mädchen, klickte gleichzeitig auf den Autoschlüssel, damit das Auto sich auf schloss. Beide verneinten ebenfalls. Wo steckt er denn wieder?
      “Ich muss noch grade meinen Schulranzen holen gehen, bin gleich wieder da”, erklärte ich mich und joggte zurück zum Bungalow, holte meine Tasche, verabschiedete mich von meinem Vater und ging zügigen Schrittes zurück zum Wagen. Die Tasche verstaute ich im Kofferraum. Dann beschloss ich Tschetan anzurufen. Er hatte sein Handy zwar fast nie dabei, aber falls doch, ging er immer ran. Gerade hatte er es wohl wieder irgendwo liegen gelassen, denn es kam sofort die Mailbox. Ich schaute auf die Uhr. 5 Minuten Zeit hatten wir noch, dann mussten wir aber wirklich los.

      Tschetan
      Auf die Minute genau riss ich die Beifahrertür auf, ließ mich ätzend auf dem Sitz nieder und zog Beine und Tür als letztes hinzu. Aimee sah mich ungläubig von der Seite an. “Was?” fragte ich. Gestikulierte nach vorn. “Willst du nicht los?” Keine Regung. Die Mädchen auf der Rückbank kicherten.
      “Ist das’n Scherz?”
      “Kannst du in ganzen Sätzen sprechen?”, so ganz sah ich immernoch nicht was ihr Problem war. Ich widmete dem Tacho einen Blick, auf dem die Uhrzeit stand. Genau genommen war ich nicht zu spät.
      “Der Hut, dein Aufzug. Alter, du miefst nach Pferd. Deine Haare sind nicht gekämmt und wenn ich genau hinseh, find ich sicherlich noch Heu”, kommentierte Aimee.
      “So renn ich doch ständig rum?”
      “Aber doch nicht in der Schule!”, ich zuckte mit den Schultern.
      “Heute dann wohl schon. Umziehen und Duschen würde bedeuten, wir kommen zu spät”, ich deutete dabei mit den Lippen auf die Uhr im Armaturenbrett. Aimee grunzte, schüttelte den Kopf und startete ohne weiteren Kommentar den Motor. Ich warf den Mädchen auf der Rückbank einen Blick zu. Kaya grinste und schlug die Hand vor den Mund, um das Kichern zu unterdrücken. Ich machte eine kreisende Bewegung mit der Faust vor meinem Gesicht. Das Zeichen für ‘verrückt’. Dann zwinkerte ich.
      “Schnall dich an!”, ranzte Aimee mich an. Während der Wagen die lange Auffahrt der Ranch hinaus fuhr.
      Um nicht weiter in ihren Unmut zu gelangen schnallte ich mich an, zog mir den Hut vom Kopf und steckte ihn fest zwischen Scheibe und Armaturenbrett vor mir. Im Spiegel des Wagens sah ich mir mein Gesicht an. “Im Handschuhfach sind Feuchttücher”, stellte Aimee sachlich fest. Also wischte ich mir den groben Dreck aus dem Gesicht. Anschließend löste ich die beiden geflochtenen Zöpfe und zog mir die Zopfgummis über den Arm, um mit gefächerten Händen meine Haare ein wenig zu kämmen.
      “Willst du meine Bürste?” fragte Betsy hinter mir und rechts von mir tauchte eine zierliche Hand mit Bürste auf. Dankbar griff ich danach und kämmte mir meine langen Haare. Mittlerweile kamen keine Kommentare mehr von Aimee, dass ich mich in Bezug auf die Haare schlimmer hatte wie ein Mädchen. Sie hatte ziemlich schlucken müssen, als sie von den Residential Schools erfahren hatte. Noch meiner Großmutter hatte man als Mädchen in eine solche geschickt. Ich trug meine Haare also lang, für all jene Ahnen, denen es nicht erlaubt worden war.
      Nach dem Kämmen entfernte ich die Haare aus der Bürste, warf sie aus dem Fenster und gab Betsy ihre Bürste zurück. “Dankeschön”, bedankte ich mich ehrlich bei ihr. “Besser?”, fragte ich in Aimees Richtung, erhielt allerdings keine Antwort von ihr. Ich knuffte sie leicht in die Seite, sie zuckte zusammen, quiekte und sah mich halb lachend, halb ungläubig von der Seite an. Aber ihr Lächeln zeigte mir, dass sie nicht mehr wirklich wütend auf mich war. Ich lehnte mich im Sitz zurück, streckte die Beine so, gut es eben ging, aus und genoss den Ausblick aus dem Fenster. Noch ein paar Monate dann hatte auch ich endlich den 16. Geburtstag hinter mir und durfte fahren.

      An der Schule trennten sich unsere Wege ab dem Auto. Ich nahm Kaya in den Arm, küsste sie auf die Stirn. “Tschetan, du bist peinlich!”, schimpfte sie dabei mit mir. Ich zog eine Augenbraue nach oben, sah Betsy an.
      “Wann hat meine kleine Schwester beschlossen ihr Bruder sei peinlich?”, Kaya kicherte leise. “Als mein Bruder beschlossen hat, sich noch schlimmer als Louis zu benehmen!”, damit verschwanden beide Mädchen mit kichern. Ich spürte noch immer ein leichtes Zittern in mir, jedes mal, wenn Kaya sprach.
      “Wohin starrst du?” hörte ich eine mir mittlerweile bekannte Stimme in meinem Rücken. Nicholas trat an meine Seite, die Hand an der Stirn, als würde er seine Augen gegen die Sonne abschirmen. “Gibt´s da heiße Mädchen zu sehen,mhm?”
      “Ich hoffe doch nicht, dass du ein Auge auf meine Schwester geworfen hast, sonst müsste ich dich töten”, knurrte ich spielerisch. Nicholas verweilte in seiner Pose.
      “Niemand tötet hier irgendwen. Bewegt euch Jungs. Ab zum Unterricht!”, scheuchte uns Aimee los. Ich spürte ihre Hand in meinem Rücken, wie sie Nicholas und mich vorwärts schob. Wann war das eigentlich passiert?
      Seit dem Tag an den heißen Quellen…und der Zeit, in der Nicholas auf der Ranch half. Irgendwie hatte er sich in den kleinen Kreis unserer Freunde geschlichen. Wie lang war das jetzt her? 1 oder sogar fast 2 Monate? Nur Aimee fand ich von Zeit zu Zeit noch bei Bryce….und noch immer mochte ich nicht, dass sie mit ihm zusammen abhing. Selbst Nicholas hatte mir einmal zugestimmt…dass sein ehemaliger Kumpel nicht der beste Umgang war. “Was hast du als erstes?”, fragte ich Aimee.
      “Geschichte, bei Mrs. McIntosh …genau wie du auch!”
      “Dann trenn ich mich noch draußen von euch, Doppelstunde Sport,” seufzte Nicholas.
      “Dann sehen wir uns in der Mittagspause.” trällerte Aimee. “Komm jetzt!”

      Ylvi
      Seitdem Aimee die gesamte Bande mit zur Schule nehmen konnte, hatte sich mein Leben ziemlich erleichtert. Plötzlich hatte ich einen fast ungewohnten Raum an Zeit am Morgen. Abgesehen davon hatten Louis und ich den Bungalow auch immer öfter für uns allein. Tschetan hatte drüben im Haupthaus eines der Zimmer bezogen. Betsys Zimmer wurde auch bereits fertig gestellt. Solang bewohnte sie hier bei uns mit Kaya das Zimmer. Immer häufiger nahmen wir unser Frühstück auch drüben im Haupthaus ein. Wir hatten Dells Tod noch nicht alle vergessen, würden es vermutlich nie. Aber ein jeder hatte seinen eigenen Frieden damit geschlossen. Die Situation mit Caleb hatte sich beruhigt. Wir hatten nicht weiter über die Küsse gesprochen. Oder im generellen viel über uns. Trotzdem verbrachten wir viel Zeit. Die beiden Mädchen, Louis, Caleb und ich. In Calgary sorgten wir gern mal für verwirrende Blicke von fremden Menschen. Louis hatte ich in einem ruhigen Moment von den Küssen mit Caleb berichtet.
      Zu meiner Überraschung war daraufhin kein Streit entstanden. Keine Vorwürfe.Genau in solchen Momenten wurde mir klar, wieso ich Louis an meiner Seite hatte. So anders als Caleb. Dabei fielen mir immer wieder seine Worte ein von einst. Dort oben auf dem Hügel an dem Tag als Louis mir das Leben gerettet hatte. Wolf und Rabe.
      Sie führten eine Symbiose. Doch eine jede Spezies band sich auf Lebenszeit an einen einzigen Partner. Lange Zeit hatte ich die Worte für Irrsinn gehalten. Doch immer häufiger kam mir der Gedanke das es vielleicht gar nicht mal so verkehrt war. Die Anziehung, die Gefühle die ich für Caleb empfand, konnte ich nicht ignorieren. Offenbar erging es ihm da ähnlich. Wir hatten ein Miteinander gefunden. Arbeiteten normal gemeinsam. Doch eine gewisse Distanz herrschte. Ich konnte allerdings nicht sagen ob es an unserer erneuten Annäherung lag, oder seinem generellen Unmut darüber, dass Louis und ich die vorläufige Vormundschaft für Betsy übernommen hatten. Zumindest war ich froh, dass er es gut verbergen konnte, wenn wir unterwegs waren mit den Mädchen.
      Plötzlich wurde die Welt um mich herum duster. “Wolltest du nicht abwaschen, statt in die Luft starren?“, hörte ich Louis amüsierte Stimme in meinem Ohr. Er nahm die Hand von meinem Gesicht, stattdessen spürte ich sie an meiner Schulter. “Erwischt”, murmelte ich. Starrte hinunter auf meine Hände, die im Wischwasser hingen. “Ein wenig Tagträumen sei dir erlaubt.”
      “Zu gütig.”
      “In der Zeit wie du hier rumstehst, hatte ich Zeit das Bad zu reinigen und dich dabei zu beobachten, wie du in der Gegend rumstarrst.”
      “Ah ein Stalker also?”
      “Ich hab eher daran gedacht, wie schrecklich langweilig wir geworden sind.”
      “Langweilig?”
      “Überleg doch mal. Wir haben heute einen kinderfreien Tag. Vor drei Jahren hätte ich dafür gesorgt, dass wir den ganzen Tag nicht aus dem Bett kommen”, schnurrte er neben mir. Ich schenkte ihm einen Blick mit erhobener Augenbraue. Soso. “Stattdessen sind wir spießig und putzen das Haus.”
      “Vor drei Jahren hätten wir allerdings auch nicht jederzeit mit einer Überprüfung durch das Jugendamt rechnen müssen”, stellte ich nüchtern fest. “Aber wir könnten nach dem Abwasch einen Ausritt machen.”
      “Jetzt, fängt es an interessant zu werden“, sprach Louis anzüglich. Ich schüttelte meine nasse Hand in seine Richtung.
      “Draußen, mit den Pferden!”, lachend wich er mir aus. Küsste mich auf die Wange.
      “Dann widme ich mich mal meinem Stalltrakt und wir sehen uns später?”
      “Geh schon!” scheuchte ich ihn davon, musste lächeln und kehrte nicht zu meinen trübsinnigen Gedanken zurück.

      Aimee
      Ich hasste Geschichtsunterricht. Also eigentlich liebte ich Geschichte- und Tschetan saß eh jedes Mal gerade, wenn irgendwas über die Native American gesprochen wurde. Aber bei Mrs. McIntosh, bei der ich mich wirklich fragte, wer diese Frau freiwillig geheiratet hatte, verging mir der komplette Spaß daran.
      “Aimee, wie hieß der 1. Präsident der Vereinigten Staaten?”, fragte sie mich. Natürlich, sie wusste immer genau, wann ich ihr nicht zuhörte. Dumm nur, dass ich die Antwort wusste.
      “George Washington”, antwortete ich mit gestreckter Brust. Pah, die Antwort war goldrichtig.
      “Und wie hieß der zweite?”, fragte sie mich weiter.
      Diesmal musste ich überlegen. Jefferson oder Adams? Nein, Jefferson kam später, dann muss es wohl Adams sein.
      “Adams…ähm, John Adams.”
      Mrs. McIntosh nickte. “Der Dritte?”
      “Thomas Jefferson”, kam meine Antwort wie aus der Pistole geschossen.
      “Von wann bis wann?” Uff. Tschetan sah mich zerknirscht von der Seite an und zuckte kaum merklich die Schultern. Er konnte mir also auch nicht helfen. Also musste ich drauflos raten.
      “1800 bis 1810?”, fragte ich unsicher.
      “Fast”, antwortete die Lehrerin. “1801 bis 1809. Für die Klausur nächste Woche möchte ich alle 46 Präsidenten wissen. Wer die Daten dazu schreibt, bekommt Extrapunkte. Feierabend für heute.” Mit diesen Worten klingelte die Pausenglocke. Mir fiel die Kinnlade runter. Alle Präsidenten plus Jahreszahlen? Wann würde ich diesen Blödsinn in meinem Leben nochmal brauchen? Richti, niemals.
      “Manchmal hab ich das Gefühl, die ist verrückt”, sagte Tschetan und setzte sich schräg auf meinen Tisch. Ich war nur durch Zufall hier in seiner Klasse gelandet. Eigentlich war nur in der Parallelklasse ein Platz frei gewesen. Doch hier in dieser musste ein Schüler mit seiner Familie umziehen, so dass ich nun doch hier war. Darüber war ich nun unglaublich froh, denn Tschetan und ich konnten uns bei den Hausaufgaben unterstützen- oder eher voneinander abschreiben. In manchen Fächern war er unglaublich gut, in anderen ich.
      Es klingelte wieder, die kurze Pause war vorbei und es ging mit Englisch weiter. Eins meiner Lieblingsfächer.
      Fünf Schulstunden später war endlich Mittagspause. Tschetans und mein Weg trennten sich im Flur getrennt, als Bryce auf uns zukam. Mit einem “Würgs” verschwand Tschetan im Gang rechts von uns.
      “Hey Aimee, wie gehts dir?”, umschwärmte Bryce mich, stellte sich neben mich und zog mich an der Hüfte näher an ihn heran.
      “Gut, gut”, war meine knappe Antwort. Irgendwie war mir heute nicht so wirklich nach ihm zumute.
      Er zog mich noch enger zu sich rüber. “Kommst du mit raus zu den Jungs?”
      “Klar”, antwortete ich reflexartig, obwohl ein ‘nein’ in meinen Gedanken kreiste. Zusammen mit ihm ging ich also raus zu den Jungs. Ein paar der Cheerleaderinnen standen auch dabei. War ja klar, dass die Sportlerjungs die Cheerleadermädels anzogen. Wie ich allerdings darein passte, das wusste ich bis heute nicht. Ich fand Cheerleading toll, konnte mir aber selbst nicht vorstellen, von einer Menschenpyramide runterzuspringen und wie eine Katze auf den Füßen zu landen. Da saß ich lieber im Sattel, obwohl ich wirklich kein Profi darin war.
      Die Mädels erzählten von ihrem letzten Training und wie unglaublich anstrengend das gewesen war und wie unglaublich erschöpft sie gerade waren, und dass man Football doch gar nicht mit Cheerleading vergleichen konnte. ‘Würgs’ dachte ich und meine Gedanken kreisten augenblicklich um Tschetan. Wo war er hin verschwunden?
      Ich ließ meinen Blick schweifen. Heute bei dem tollen Sonnenschein hatte es fast alle Schüler in der Mittagspause nach draußen verschlagen. Kaya und Betsy saßen mit ein paar anderen Mädchen auf einer großen Decke und aßen ihr Mittagessen. Tschetan stand.. natürlich. Drüben bei den Bänken bei den anderen Natives. Wo hätte er auch sonst sein sollen? Allerdings hatte sich Nicholas zu ihm gesellt, das war neu. Er und Bryce schienen nicht mehr so gut miteinander auszukommen. Tschetan hob den Blick und schaute zu mir rüber. Ich lächelte ihn an, er lächelte kurz zurück.
      Bryce war meinem Blick gefolgt und räusperte sich, womit er meine Aufmerksamkeit auf sich lenkte. “Ihr habt euch vor fünf Minuten noch gesehen, vermisst du die Rothaut etwa schon?” Plötzlich verstummten alle in unserem Kreis. Jeder wusste, dass Bryce es auf die Jungs (und natürlich Mädchen) drüben abgesehen hatte. Ich gab ihm die Chance, seine Aussage noch einmal zu überdenken.
      “Bitte?”, fragte ich ihn spöttisch und verschränkte die Arme vor der Brust.
      “Ich hab dich gefragt, ob du die Rothaut da hinten etwa schon vermisst. Ihr könnt den Blick gar nicht voneinander lassen.”
      “Kannst du mal aufhören ihn so zu nennen?”, erhob ich meine Stimme. Die anderen tauschten fragende Blicke. “Er heißt Tschetan. So wie ich Aimee heiße und du Bryce. Wieso musst du immer gleich rassistisch werden?”
      “Die Rothäute haben hier auf unserer Schule nichts verloren, die haben ihre eigenen Reservate oder was auch immer, wo sie hingehen können. Was machen die überhaupt hier?” Zustimmendes Gemurmel aus dem Kreis.
      “Weißt du was Bryce? Fick dich. Dich und deine rassistische Meinung. Ich hab echt gedacht, der Schlag ins Gesicht hätte dir einen Denkzettel verpasst. Aber anscheinend bist du wirklich ein Arschloch… Ich geh dann mal zu den Rothäuten, wie du sie so charmant nennst. Ciao!” Damit wollte ich abdampfen, doch Bryce hielt mich am Arm fest. Ich wurde etwas lauter. “Lass mich los!”
      “Erst haut der indianische Spast mir eine rein, dann klaut er meinen besten Freund und jetzt stiehlt er auch noch mein Mädchen?” Bryce machte einen Schritt auf mich zu, niemand in der Runde schien auch nur zu atmen, alles schien sich in Zeitlupe abzuspielen.
      Plötzlich spürte ich Hände, die mich von hinten erfassten und von Bryce wegzuziehen versuchten. Ebenso machte sich jemand an Bryce’ Hand zu schaffen, um sie von meinem Arm zu bekommen. Benommen schüttelte ich den Kopf, ich sah wieder klarer. Zwischen meinen “Rettern” Tschetan und Nicholas sowie Bryce hatte sich ein heftiges Wortgefecht aus rassistischen Beschimpfungen und sonstigen Schimpfwörtern entwickelt.
      Endlich hatte Nicholas meinen Arm befreit. Gemeinsam mit Tschetan stolperte ich einen Schritt nach hinten, doch er fing mich geschickt auf. Nicholas diskutierte noch immer mit Bryce.
      “Wie kann sich ein Mensch so verändern? Mensch Bryce, wir waren beste Freunde!”
      “Wie kann mein bester Freund mir einfach so den Rücken kehren und einem anderen Kerl so in den Arsch kriechen!”
      “Was ist aus dir geworden?!”, keifte Nicholas und drehte sich zum Gehen.
      “Ja, nimm das Gesocks von der Ranch gleich mit, ihr seid doch alle nicht ganz normal!”
      Ich wollte ansetzen, um noch etwas hinzuzufügen, doch war augenblicklich damit beschäftigt, Tschetans Faust festzuhalten und ihn wegzuschieben. “Nicht nochmal”, flüsterte ich ihm zu, berührte dann seine Schultern und drehte ihn zum Gehen um.
      Aus dem Augenwinkel folgte ich Bryce’ Blick zu Kaya und Betsy rüber. Auch Tschetan war seinem Blick gefolgt. “Halt dich bloß von ihnen fern!”, knurrte er.
      ‘Er wird doch nicht?’, dachte ich.
      Als wir uns ein paar Meter entfernt hatten, seufzte Nicholas. “Er war nicht immer so.” Ich sah ihm dabei zu, wie er zurück schaute und etwas murmelte wie: ‘Warum war ich eigentlich mit ihm befreundet?’

      Wenige Stunden später saßen wir im Auto. Nicholas hatte sich dazu gesellt, er saß hinten in der Mitte zwischen Kaya und Betsy und schien mit den Beiden den Spaß seines Lebens zu haben. Immer wieder sah ich Tschetan einen kurzen Blick in den Seitenspiegel zu werden, in dem er Kaya lachen sah. Niemand von uns ‘Großen’ schien Worte über die Sache mit Bryce verlieren zu wollen. Schließlich erhob Tschetan doch die Stimme: “Kaya, Betsy. Habt ihr gesehen, was in der Mittagspause vorgefallen ist?”
      Die zwei nickten.
      “Ich möchte, dass ihr euch von diesem Jungen, Bryce, fernhaltet. Wenn er auf euch zukommt oder euch belästigt, bleibt nicht stehen, geht weg und sucht euch jemanden, der euch helfen kann. Zur Not einen Lehrer.”
      “Tschetan, ich glaube nicht, dass er so etwas tut”, mischte sich Nicholas kleinlaut ein. “Ich meine ja, er ist ein Arsch und ja, er ist rassistisch. Aber er wird sich doch von den Kindern fernhalten…”
      “Teenies”, warf ich ein.
      “Was?”
      “Kaya und Betsy werden dieses Jahr schon 12. Kinder ist da gut gesagt”, ich lachte, um die Situation doch ein wenig aufzulockern. “Apropos Nicholas. Gut, dass du dabei bist. Wir müssen noch zum Laden und Kraftfutter für die Pferde abholen. Dann kannst du tragen helfen.”
      “Na großartig”, antwortete er mir lachen.

      Beim Laden angekommen klärte ich die Bezahlung anhand des Schecks, während Tschetan und Nicholas die Säcke einluden. Akribisch studierte ich die Rechnung, ehe ich den geforderten Betrag in den Scheck eintrug und ihn schließlich, nach einer weiteren Kontrolle, überreichte. Es handelte sich um ein paar hundert Dollar- und dabei nahmen wir gerade mal einen Teil des Futters mit. Ein Pferd war schon teuer, aber eine ganze Ranch? Die ganzen Kosten zu stemmen erschien in meinen Augen unmöglich!
      Wieder auf der Ranch angekommen trafen wir sofort auf Caleb. “Bringt ihr die Säcke bitte in die Futterkammer des Hauptstalls?” Wir nickten alle fleißig, dann ging er wieder seiner Wege.
      Kaya und Betsy verschwanden in Richtung des Bungalows, während ich das Auto vor den Hauptstall stellte, damit wir noch so weit tragen mussten. Zum Glück kamen uns Cayce und Bellamy entgegen und halfen uns beim Ausladen.
      “Nicholas ich hab gesehen, deine Eltern verkaufen einen ihrer dreijährigen Hengste? Oder stellen ihn zur Verfügung?”, fragte Cayce.
      Nicholas nickte. “Ja, Rocket… ich meine Rocking Waves. Ein tolles Tier.”
      “Caleb hat ein Auge auf ihn geworfen, er wollte jetzt am Wochenende auf Turnier fahren und ihn sich vielleicht auch anschauen, er fährt ja quasi an eurer Haustür vorbei dazu.”
      “Caleb fährt weg? Jetzt?”, fragte Tschetan ungläubig und runzelte die Stirn. “Aber die Frau vom Jugendamt kann doch zu jeder Zeit kommen?”
      Cayce zuckte die Schultern. “Er wird wohl wissen, was er tut.”
      “Ich wusste gar nicht, dass ihr auch Pferde habt?”, mischte sich Bellamy interessiert ein.
      “Wir besitzen eine kleine Deckstation, manchmal wird da auch ein wenig hin und her getauscht. Rocket ist so ein Tausch, aber meine Eltern haben einfach keine Zeit für eigene Pferde, geschweige denn, sie auf Turnieren vorzustellen. Wir haben noch drei Wallache, unsere Freizeitpferde. Aber Rocket fällt aus dem Raster… vielleicht nimmt Caleb ihn ja auch zur Verfügung und stellt ihn auf Turnieren vor? Wenn er gut ist, kann er in ein paar Jahren zurück zu uns kommen zum Decken.”

      ~ Ein paar Tage später ~

      Ankunftsbericht von Thiz Bye Bye Bay
      Trainingsbericht für Gunners Styled Gangster (Reining LK 3 - LK 2), Heza Bat Man (Reining LK 5 - LK 4) und GRH’s Bellas Dun Gotta Gun (Reining LK 3 - LK 2)

      Caleb
      Selbstsicher verließ Gangster die Laderampe des Pferdeanhängers. Erst als all seine Hufen knirschend im Schotter zu Stehen kamen, reckte er den Hals in die Luft und wiehrte einmal laut. Aus dem Inneren des Hängers antwortete ihm Batman lautstark. Auch Barbie machte sich bemerkbar. Ein paar Pferde wieherten ebenfalls. Manche ganz nah und lauter, andere weiter weg und leiser. Ich befand mich mit den Pferden auf dem Gelände des ersten Turniers für dieses Jahr. Mit an Bord hatte ich nur meine drei Pferde Gangster, Batman und Barbie. Für das Training mehrerer Pferde hatte mir die Zeit gefehlt. Für Batman würde es auch das erste Turnier unter mir sein. Ich war wirklich gespannt, wie der Hengst sich in fremder Umgebung machte. Barbie und Gangster hatte ich schon ein paar Mal mit auf Tour gehabt, weshalb sie auf den ersten Blick ruhiger zu sein schienen. Batman würde ich in der LK 5 vorstellen und meine beiden anderen Pferde in der LK 3, um alle drei für höhere Turniere in diesem Jahr zu qualifizieren. Blue war bewusst zu Hause geblieben. Mit ihm zusammen hatte ich bereits so viele Erfolge mein Eigen nennen können, und er machte sich bei der Rancharbeit und im Reitunterricht so gut, da brauchte ich ihn mir nicht mehr auf den Turnieren zu verheizen. Und Gangster? Tja, Gangster würde hoffentlich noch ein paar Turnierjahre vor sich haben. Nach und nach rückten nun aber auch die Jungpferde auf, so dass ich mir um den Turniernachwuchs keine Sorgen machen musste. Eine Ranch präsentierte sich am Besten durch seine Nachzucht, die … erfolgreich auf Turnieren abschnitt. ‘Und dann hast du nur eins deiner Nachwuchspferde dabei’, lachte ich innerlich und drückte einem der Helfer auf dem Turnier meinen Hengst in die Hand. Es war ein kleines Turnier, jeder kannte hier jeden. Deshalb hatte ich auf eine Begleitung verzichtet. Freundliche Helfer gab es hier zur Genüge.
      Nachdem alle drei Hengste in ihren Paddockboxen verstaut waren und Gangster sich beruhigt hatte, schlenderte ich zum Abreiteplatz, um mir die Konkurrenz anzuschauen. Eines der Pferde fiel mir sofort ins Auge. Ein hübscher Braunschecke mit schwarzer Mähne und weißem Schweif. Ein wirklich unglaublich hübsches Tier! Eine ganze Weile schaute ich dem Training dieses Pferdes zu. Mir fiel sofort auf, dass er schnell überfordert schien, rollte sich vorne ein und entzog sich den Zügelhilfen. Ich blickte auf die Uhr. Batman hatte heute Abend noch seinen ersten Start, wenn ich ihn in Ruhe an die Umgebung gewöhnen und warmreiten wollte, musste ich ihn gleich fertig machen.
      “Entschuldigen Sie”, sprach ich den Reiter des Schecken an, “starten sie auch später in der LK 5?” Er nickte. “Perfekt, Sie haben da ein wirklich hübsches Tier!”, lobte ich das Pferd.
      “Hübsch ist er wirklich, leider nicht unglaublich talentiert. Das hier ist jetzt sein… ich glaube sechstes Turnier. Wenn er sich heute auch nicht gut macht, werden wir ihn verkaufen.” Ich schmunzelte.
      “Wie ist er denn gezogen, wo kommt er her?”
      “Wir haben ihn seit er ein Jährling ist. Er kommt von einer Farbzucht in Montana. Vater ist Town ain’t big enough und die Mutter Worth the wait”, erklärte mir der Mann und klopfte den Hals des verschwitzten Hengstes.
      “Ich bin immer auf der Suche nach neuen Pferden”, lachte ich und stellte mich vor.
      “Bow River Ranch? Davon hab ich schon gehört”, er schien in seinem Gedächtnis zu kramen, “Reiner und Cutter kommen von da, nicht wahr? Startest du auch später?”
      “Ja genau”, antwortete ich und erzählte ihm kurz etwas zu den drei Pferden, die ich mitgebracht hatte.
      “Ist davon eins zu verkaufen?”
      Ich verneinte.
      “Schade, aber vielleicht sagt dir Benny hier ja zu.”
      Etwa eine Stunde später saß ich auf einem von oben bis unten rausgeputzten Batman. Ich strich ein letztes Mal über meinen schwarzen Hut, ehe ich ihn auf den Kopf setzte und mit dem Abreiten begann. Ich gab dem Hengst genug Zeit, sich die Umgebung zunächst anzuschauen. Ich wollte vermeiden, dass er mir wegen eines flatternden Vorhangs oder einem Knacken im Lautsprecher wegsprang, dessen Existenz er vorher nicht zur Kenntnis genommen hatte. Der schicke Scheckhengst, dessen Name Benny, also eigentlich Thiz Bye Bye Bay war, hatte sich eine Pause verdient und wartete am Rand, während sein Reiter gewechselt wurde. Der Mann, der ihn eben geritten hatte, schien nicht der zu sein, unter dem der Hengst gleich laufen würde. Ich schmunzelte. Unüblich war das nicht. Ich war gespannt, wie der Hengst sich unter seinem richtigen Reiter machte.
      Nachdem Batman abgeritten war, ließ ich ihn noch ein paar Runden am langen Zügel drehen. Als Benny aufgerufen wurde, verließ ich mit ihm den Abreiteplatz und stellte mich am Rand auf, um dem Ritt beizuwohnen. Batman schaute sich interessiert um, ließ sich gar nicht verrückt machen von dem ganzen Trubel und ließ wenige Sekunden später den Kopf und die Unterlippe hängen.
      Benny zeigte schon beim Einreiten Schwierigkeiten. Meines Erachtens nach war er viel zu lange und zu hart abgeritten worden. Er betrat schon klatschnass den Platz. Da hatte es auch nichts gebracht, ihm eben eine kurze Pause zu gönnen. Das ruhige Stehen an X schaffte der Hengst schon nicht, das reindrehen in die Spins war eine Katastrophe. Bei der zweiten Richtung machte er sogar einen Hopser nach vorne, da er mit Galopphilfen gerechnet zu haben schien. Mit einem Ruck an der Kandare wurde er zurück nach hinten gezogen, ehe der Spin in die andere Richtung folgte. Die Spins waren nicht schlecht, aber der Hengst stand so unter Spannung, dass er sein Potenzial gar nicht zeigen konnte. Der Rest der Pattern war eine ebenso große Katastrophe, wie ihr Anfang. Zerknirscht streichelte ich Batmans Hals. Würde das ein Mitleidskauf werden oder hatte Benny vielleicht doch das Zeug, gar nicht so schlecht zu sein, wenn man ihm Zeit ließ?
      Nach dem Ritt verschwand der Reiter des Hengstes mit hochrotem Kopf und einem 0 Score, einer der Roll Backs war in die falsche Richtung gewesen, auf dem Abreiteplatz. Noch bevor er den Hengst für seinen Misserfolg, der zu 100% auf den Reiter zurückzuführen war, strafen konnte, griff ich ein. “Ich kauf den.”
      “Wie bitte?”, der Mann mit dem roten Kopf schien verwirrt.
      “Entschuldigen Sie, ich hatte eben beim Abreiten des Hengstes mit dem … Dude gesprochen, der ihn abgeritten hat. Er meinte, wenn Benny heute auch nicht läuft, geht er weg. Ich hätte ihn gerne.”
      “Was zahlen Sie denn?”
      “Das, was er wert ist.”
      Nach einigem Feilschen einigten wir uns auf einen eher niedrigen Preis. Der Hengst wurde in die freie Paddockbox neben meinen Hengsten gebracht. Ich würde später nach ihm sehen, jetzt musste ich erst einmal mit Batman starten und ein besseres Beispiel für den Reitsport abgeben, als der Dude mit Benny.
      Batman war gelassen, hörte mit wunderbar zu und stand an X auch wirklich still. Die Spins waren langsam aber genau. Es kam mir heute nicht auf Schnelligkeit sondern auf Sauberkeit an. Die Zirkel waren okay für meine Ansprüche, ich musste ihm noch viel helfen, die Spur zu halten – aber das war in Ordnung. Die Galoppwechsel waren nur einfache mit einer kurzen Trabphase dazwischen, Punktabzug würde es dafür nicht geben, aber auch keine Pluspunkte. Die Sliding Stops und Roll Backs waren ebenfalls langsam aber sauber. Wir verließen den beleuchteten Platz mit einem 69er Score. Einen Punkt Abzug gab es, weil es mir beim zweiten Roll Back im Außengalopp angesprungen war. Kann passieren, war kein großes Ding.
      Als ich am noch Besitzer von Benny vorbeikam hielt ich kurz an und sagte: “Ich veranlasse gleich die Überweisung des Geldes für den Hengst.” Er übergab mir die Papiere und einen hingekritzelten Kaufvertrag. Dann dampfte er mit noch immer hochrotem Schädel davon.
      Nach einem kurzen Abreiten von Batman, der nun auch sichtlich geschwitzt hatte, fand ich mich wieder im Stalltrakt ein, in dem meine Tiere untergebracht waren. Ich versorgte Batman, band ihn mit Abschwitzdecke in der Box an und näherte mich der Box meines neuen Scheckhengstes. “Hey, Benny”, sagte ich leise und öffnete die Tür. Die Ohren des Hengstes flogen sofort nach vorne und er kam neugierig auf mich zu. “Du bist ein Braver, nicht wahr?”, ich streichelte über seinen warmen Kopf. Augenblicklich fiel mir auf, dass er komplett verschwitzt ohne Decke hier stand. Ich ging also kurz zu meinem Trailer und nahm eine der Ersatzdecken, die ihm von der Größe her mit Sicherheit passen musste. Zum Glück hatte ich immer mehr Decken dabei, als ich brauchte. Er schien dankbar über die Wärme zu sein, denn seine Hinterhand hatte zu zittern begonnen. “Armer Kerl …”, murmelte ich und entschied dann, ihn über Nacht auch mit einer gefütterten Decke einzudecken.
      Auf dem Weg zurück zum Trailer autorisierte ich die Überweisung des Kaufvertrages für den Hengst. Nun hatte ich offiziell ein neues Pferd. Ich schmunzelte. Die Farbzucht in Montana, aus der er stammte, würde ich mir in naher Zukunft aber auch noch anschauen fahren. Denn wie hieß es so schön? Pferde konnte man nie genug haben.
      Ich verbrachte noch zwei Stunden im Stall. Batman war umgedeckt für die Nacht und alle hatten noch eine ausgiebige Portion Heu bekommen. Benny war noch immer nicht trocken und fing wieder an zu zittern. Ich fluchte leise vor mich hin, ging wieder zum Trailer und holte eine andere Abschwitzdecke, die ich auf seinen Rücken legte, nachdem ich ihm die Nasse ausgezogen hatte. Über die Abschwitzdecke legte ihn nun die gefütterte Regendecke und schloss die Paddocktür, damit es von außen nicht so in seine Box zog. Ich kontrollierte nochmal, ob alle Boxen richtig verschlossen waren. Dann ging ich zu meinem Trailer, um endlich ins Bett fallen zu können.
      Am nächsten Morgen kam ich nicht so gut aus den Federn. Cayce hatte mich darüber unterrichtet, dass zuhause ein Sturm gewütete hatte. Die Rinder waren weg – Bisons hatten den Zaun zertrampelt und auf der Ranch war wohl auch nicht mehr alles im grünen Bereich. Wir telefonierten eine Weile. Ich war schon am Zusammenpacken und wollte mich auf den Rückweg machen. Cayce versicherte mir jedoch, dass sie alles im Griff hatten. Ich versprach ihm, gleich nach meinem letzten Start einzupacken und nach Hause zu kommen.
      Zum Glück waren meine beiden verbleibenden Starts mit Gangster und Barbie am Morgen, so dass ich mich am frühen Mittag mit meinen drei, nein vier Pferden auf den Rückweg machen konnte.
      Nach einem schnellen Kaffee ging ich sofort in den Stall. Gangster, Batman und Barbie fraßen genüsslich ihr Heu. Benny lag noch mit geschlossenen Augen in der Box. Er hatte schließlich auch einen anstrengenden Tag gehabt. Als ich jedoch seine Boxentür öffnete, öffnete er die Augen und stand auf. Kurz schüttelte er sich, ehe er mir wieder seinen Kopf entgegen streckte. Ich lächelte. So ein nettes Pferd!
      Zu meinem Glück zitterte er nicht mehr. Unter der Decke war er angenehm warm, weshalb ich auch entschied, ihm die doppelte Decke anzulassen.
      Dann machte ich Gangster fertig, denn mit ihm würde ich zuerst starten. Um Zeit einzusparen sattelte ich Barbie ebenfalls und band ihn an seinem Halfter in der Box vor seinem Heunetz an. So hatte er etwas zu tun und ich müsste ihn nicht gleich noch in aller Eile putzen und satteln.
      Zusammen mit Gangster ging ich zum Abreiteplatz. Bennys Besitzer traf ich auch wieder an. Er schaute nicht schlecht, dass ich auch so einen schönen Scheckhengst vorzuweisen hatte. “Das ist einer von meinen Reinern die auch Cow Sense haben”, meinte ich und fuhr durch Gangsters rabenschwarze Mähne. “Hab schon drei Nachkommen von ihm Zuhause, top Tiere.” Ich zog ihm absichtlich die Nase lang, denn, und ich hatte mir das schon gedacht, kam prompt die Nachfrage nach dem Verkauf der Tiere. Ich schüttelte den Kopf, versicherte ihm aber, dass ich mich bei ihm melden würde, falls er doch in Frage kommen würde – natürlich würde ich mich nicht bei ihm melden, dachte ich, als ich mich umgedreht hatte.
      Der Ritt mit Gangster war leider eine halbe Katastrophe. Er regte sich so über Kleinigkeiten auf, so dass er am Ende beim Roll Back nicht einmal mehr von meinem Bein wegging. Ich bog ihn um mein inneres Bein herum, wechselte die Seite und bog ihn auch um mein anderes Bein. Erst als er schön davon wegging, positionierte ich ihn erneut, gab die Hilfen zum Roll Back und parierte ihn nach ein paar Metern wieder durch. 0 Score, ich dankte ab und verließ trotzdem unter mäßigem Applaus den Platz.
      Auf dem Abreiteplatz ging ich die einzelnen Bestandteile der Pattern mit ihm nochmal durch. Dieses Mal sprang er beim Roll Back direkt vom Bein weg. Ich parierte zum Schritt durch und ließ ihn noch eine Weile am langen Zügel gehen. Meine Gedanken kreisten um die Heimat, ich war nicht bei der Sache.
      Wenig später spiegelte sich das auch beim Ritt von Barbie wider. Aufgrund seines antrainierten Know Hows überspielte er meinen Fehler mit dem Zurückwechseln in den richtigen Galopp – ich hatte ihn im Außengalopp fälschlicherweise anspringen lassen. Das kostete uns definitiv die Platzierung, denn der Rest der Pattern war nicht schlecht.
      Nach meinen beiden Starts packte ich alles zusammen und lud es in den Trailer. Mit Batman hatte ich Platz 13 gemacht, mit Gangster gar keinen und mit Barbie Platz 19. Für das erste Turnier dieses Jahr war ich … ganz zufrieden. Ich wusste, woran ich arbeiten musste und würde auch mit den Gedanken hoffentlich mehr bei der Sache sein. Mit einem neuen Pferd im Schlepptau machte ich mich auf den Heimweg.



      Tschetan
      “Wartet!” Ich stemmte die Füße in die Bügel, drehte mich der Stimme zu. Louis lief auf mich zu. “Nehmt das hier mit”, damit hielt er ein Gewehr im Holster nach oben. Wortlos befestigte er es an meinem Sattel. Ich war erstaunt…dass er mir eine Waffe anvertraute. “Cayce und Laurence mussten auf der Suche gestern 2 der Rinder erlösen”, sprach Louis ernst, “passt aufeinander auf und keine Risiken in den Bergen, ja?” Nicholas sah zu mir, dann nickten wir ihm zu.
      Vor zwei Tagen war ein heftiger Sturm über die Ranch gefegt. Wir hatten gut mit den Reparaturen zu tun. Von den Pferden war keiner zu Schaden gekommen. Eine kleine Herde Bisons hatte sich ins Tal verirrt und war an den nördlichen Hängen durch die Gatter der Rinder gebrochen. Zäune hielt diese Giganten nicht auf. Dadurch war eine Panik in der Herde entstanden. Wenige der Tiere waren vom Plateau an der Ferienranch in den Tod gestürzt, andere hatten wir einfangen können. Allerdings fehlten einigen der Kühe noch immer ihre Kälber. Daher waren O’, Nicholas, Aimee und auch ich herangeholt worden, um die Kälber zu suchen. Waren sie zu stark verletzt, würden wir sie erlösen müssen. Aimee war im Team mit Octavia und Cayce bereits losgeritten. Wir hatten das Areal aufgeteilt. Sicherlich hatte auch Cayce ein Gewehr dabei, denn weder Aimee noch O’ traute ich zu, abzudrücken.
      “Wo willst du starten?”, fragte Nicholas.
      “Wir reiten hinauf zu den Weiden. Es hat noch nicht wieder gestürmt oder geregnet. Oben auf dem Hang folgen wir am besten den Spuren. Die der Bisons werden sich deutlich von denen der Kühe unterscheiden. Von da aus…könnte ich vielleicht die Spuren der Kälber ausfindig machen.”
      Nicholas zog sich den Hut tiefer ins Gesicht. “Wie die Cowboys alter Zeiten! Mit Gewehr und Fährtenlesen.” Ich ging nicht weiter darauf ein. Ich war nicht wirklich erpicht darauf, Gebrauch vom Gewehr zu machen. Allein bei dem Gedanken daran zog sich in mir etwas zusammen. Ich hatte bereits geschossen. Louis und Caleb hatten mir im letzten Sommer den Umgang damit gezeigt. Natürlich hatte ich auch bereits getötet. Was allerdings nicht bedeuten musste, dass es mir gefallen hatte. Außerdem war ich auch nicht sonderlich erpicht darauf, der Bisongruppe zu begegnen. Die Jungen wurden geboren, die Kühe konnten ziemlich ungemütlich werden in dieser Zeit. Das würde die erste Bewährungsprobe für Sungila werden. Sie war noch nicht allzu lang unter dem Sattel. Ihre Hauptaufgabe würde eines Tages aber werden, Touristen sicher durch das Gelände zu tragen. Daher hatte ich mich für sie entschieden. Louis hatte meine Wahl nicht weiter kommentiert. Jedoch hatte er angemerkt, dass Nicholas besser Easy reiten sollte. Ein rancherfahrenes Pferd, um Sungila die nötige Sicherheit zu geben. Am Rind war die Stute unerschütterlich, schließlich liefen die Rinder teilweise mit bei den Pferden auf der Weide - um die Pferde von Beginn an, an ihre Aufgabe zu gewöhnen. Ein Bison jedoch war eine komplett andere Hausnummer.

      Von Sungilas Rücken aus starrte ich auf den Boden. Zumindest konnte ich keine neuen Spuren ausmachen. Weder von den Bisons, noch von den Rindern. Die Spuren der Bisons hatten keine kleinen Abdrücke. Um mir das ganze besser anzusehen, stieg ich vom Pferd und gab Nicholas die Zügel meiner Stute in die Hand. Ich trennte die Spuren voneinander. Zwei größere Herdenteile waren kleiner, als die Spuren der Bisons. Sie führten in unterschiedliche Richtungen. Nur eine jedoch führte weiter in das Gebirge hinein, fort von der Ferienranch. Ich konnte drei Tiere erkennen, deren Spuren tief im Boden zu sehen waren. Sie konnte ich als die Mutterkühe erkennen. Neben zwei davon befanden sich kleinere, schlurfende Spuren. Die Kälber mussten müde gewesen sein, dass sie kaum die Füße gehoben hatten. Wohlwollend nahm ich außerdem zur Kenntnis - die Spuren der Bisons führten in die andere Richtung. Von meiner hockenden Stellung erhob ich mich wieder. Nicholas Blick ruhte auf mir. Die Art und Weise, wie er mich ansah, vermochte ich nicht ganz zu deuten. Verwirrung? Dann huschten seine Augen hastig auf den Pfad. “Wir müssen in die Richtung, wenn ich dich richtig gedeutet hab?”, fragte er ernst. Mich richtig gedeutet? Ich nickte, deutete mit den Lippen in die entsprechende Richtung.
      “Die Spuren mit den Kälbern führen den Berg weiter hinauf. Die der Bisons gehen weiter hinunter ins Tal.”
      “Beeindruckend. Ich mein…ja ich kann die Spuren sehen. Das ist nicht schwer. Aber das du überhaupt diese Stelle gefunden hast. Natürlich hört und sieht man in den Filmen von Fährtensuchern. Aber so in Persona. Hab ich das noch nie erlebt. Ich bin beeindruckt! Könnte ich nicht durch die Bäume unten das Tal mit der Ranch erahnen wäre ich hier vollkommen aufgeschmissen”, er reichte mir Sungilas Zügel und ich stellte einen Fuß in den Steigbügel.
      “Tja, selbst die US Army musste auf indianische Scouts zurückgreifen,” sprach ich stolz und zwinkerte. Dann stemmte ich Kraft in meinen Fuß und zog mich nach oben. Gerade als ich mein Bein über den Rücken der Stute legen wollte, schoss sie plötzlich rückwärts. Ich prallte mit dem Gesicht heftig auf ihren Hals, krallte mich an Mähne und Hals fest, als Sungila neben rückwärts auch zu einer behenden 180° Wendung ansetzte. Dabei verlor ich endgültig mein Gleichgewicht, flog aus dem Sattel und vom Pferd. Allerdings blieb mein Fuß im Bügel hängen, sodass Sungila mich bei ihren drei Galoppsprüngen neben sich her schliff. Durch das dichte Unterholz gebremst blieb sie allerdings fix wieder stehen. Das alles war so schnell passiert, dass ich perplex in die Richtung starrte in der wir uns soeben noch befunden hatten. Nicholas schien vom Pferd gesprungen zu sein und hastete mir entgegen. Ich richtete den Oberkörper auf um den Fuß aus dem Bügel zu befreien. “Elch!”, sprach Nicholas. Verwirrt sah ich ihn an.
      “Elch?!”
      “Ja, der kam plötzlich aus dem Unterholz. Hat uns gesehen und rannte wieder weg. Davor muss sie sich erschrocken haben. Alles gut bei dir?”
      Erst jetzt merkte ich den unangenehm stechenden Schmerz in einigen Teilen meines Körpers. Beim aufstehen verstand ich auch wieso - Sungila hatte mich und sich in einen riesigen Busch Brombeeren befördert. Mit dem Gesicht war ich einmal durch die Äste gezogen worden. “Dein ganzes Gesicht ist völlig zerkratzt”, stellte Nicholas zerknirscht fest. Ich widerstand dem Versuch mir mit der Hand durch das Gesicht zu fahren. “Erklärt zumindest, wieso das so brennt.” Ich manövrierte die Stute rückwärts aus dem Gestrüpp und kontrollierte ihre Beine. Aber die Stute war unversehrt. Ich sah mich einmal um und machte anstalten, den Sattel wieder zu besteigen. “Wart ‘nen Moment. Du hast da Brombeer in deinem Haar.” Nicholas kam auf mich zu, während ich noch an meinen Zöpfen hinab sah und das unangenehme ziehen im Nacken wahrnahm. Der Versuch, den Strunk einfach aus den Haaren zu ziehen, war jedoch nicht von Erfolg gekrönt. Nicholas versetzte mir einen Schlag auf die Hand. “Du machst das nur schlimmer.” Dann machte er jedoch keine Anstalten. “Darf ich?”
      “Was?”
      “Hab ich keinen Schlag zu erwarten?”, ich musste schmunzeln. “Du erinnerst dich daran?”
      “Zu meiner Verteidigung… ich musste Aimee danach fragen. Für mich waren es nur Haare.”
      “Jetzt hol mir schon den Strauch da raus, es piekst. Ich denke nicht du willst mir etwas böses”, dabei zwinkerte ich ihm grinsend zu.” Nicholas drückte behutsam gegen meinen Kopf, damit er besser an meinen Nacken heran kam, friemelte eine Weile an den Haaren herum, um schließlich den Strunk Brombeeren daraus zu befreien.
      “Das wär..ouh”, ich sah ihn ratlos an. “Du hast ein paar Dornen im Gesicht.”
      “Dann mal ans Werk”, ich hatte da so eine vage Ahnung, wo sie drin steckten. In Ermangelung eines Spiegels war ich auf Nicholas Hilfe angewiesen. Mit den Fingerkuppen holte er vorsichtig die Dornen aus meinem Gesicht. Aus halb gesenkten Augenlidern beobachtete ich ihn. Spürte plötzlich allzu deutlich die Berührung seiner Haut auf der Meinen…und seinen Atem in meinem Gesicht. Als sich unsere Blicke trafen verharrten wir in dieser Position, starrten nur dem anderen in die Augen. Nach einigen Sekunden riss Nicholas sich los, kommentierte meine Befreiung mit “Alles weg” und richtete sich auf.
      Ich wischte mir die nassen Hände an der Jeans ab. “Dann lass uns mal diese Rinder finden.”

      Aimee
      “Was rennt der denn so”, sprach O mehr zu sich selbst als zu mir, dennoch kommentierte ich ihre Aussage mit einem: “Das ist eine gute Frage.” Ich parierte Gin, die Cayce mir wohlwollend zugeteilt hatte, zum Schritt durch. O tat das Gleiche mit Honor. Cayce trabte noch immer mit Devil vorne weg und schien keine Anstalten zu machen, sein Tempo zu drosseln. Plötzlich blieb er so abrupt stehen und drehte sein Pferd in unsere Richtung um, dass Gin laut prustend einen Satz zur Seite machte. “Tschetan hat mir grade getextet, sie haben ein paar Spuren, die hoch zur Ferienranch führen. Wir sollen uns unten im Tal unter dieser umsehen.” Klar, dazu waren wir ja gerade auch nur eine Stunde in die falsche Richtung geritten.
      “Willst du nicht Bellamy anrufen? Bis wir dort sind, eine Stunde zurück zur Ranch und eine Stunde in Richtung Ferienranch, ist es schon stockduster. Bell kann ja mit Laurence los, Blue ist ja noch zuhause”, warf O schulterzuckend ein. Cayce runzelte die Stirn und schien wirklich konzentriert nachzudenken. Er wurde immer mehr in die Dunstwolke seiner klatschnassen Devil gehüllt, die sichtlich froh um diese Pause zu sein schien.
      “Wieso muss Caleb ausgerechnet jetzt Weltenbummler spielen”, brummelte er vor sich her.
      “Er weiß doch Bescheid und kommt heute Abend vom Turnier zurück, mit ihm wäre die Situation hier genau die Gleiche, außer, dass wir noch jemanden mehr zum Suchen hätten”, kommentierte O. Ich hielt mich bedeckt, wollte mich nicht in die Diskussion der Erwachsenen einmischen. Ich kannte weder das Areal noch die Tiere wirklich gut.
      Cayce schnalzte und trieb Devil im Schritt an. Als er zwischen uns durchritt erkannte ich sein Handy am Ohr. Ein paar Sekunden später unterhielt er sich schon mit Bellamy, der sich mit Laurence sogleich auf den Weg machen wollte. “Nehmt Blue und Alan. Ich wollte dir schon Gangster unter den Hintern setzen, aber dann kommt ihr mit einem Pferd oder einem Reiter weniger nach Hause.” Cayce lachte. O und ich sahen uns an, sie rollte zunächst die Augen, ehe sie mich doch angrinste. Auch ich lächelte, warf aber dann einen besorgten Blick nach hinten.
      “Ähm Leute, wo kommt denn jetzt der Nebel her?”
      “Was?!”, fragte Cayce irritiert und drehte sich ebenfalls nach hinten um. “Das auch noch, was ein Mist. Damit wird die Suche noch schwieriger.”
      Wir trabten die Pferd an. Ich war mir nicht ganz sicher, ob Cayce einfach nur schneller zurück zur Ranch, oder unter keinen Umständen in den Nebel geraten wollte. Beides, schlussfolgerte ich, denn bereits nach wenigen Metern galoppierte er Devil an. Gin und Honor folgten schnaufend. Zum Glück befanden wir uns im Tal, so dass sich die Ebene flach vor uns erstreckte und wir nicht ständig bergauf oder bergab reiten mussten.

      “Das gibt ganz schön Kondition”, japste ich aus dem letzten Loch pfeifend während der nächsten Schrittpause.
      Cayce drehte sich zu mir um: “Bei dir oder beim Pferd?” Er und O sahen sich kurz an, ehe beide laut losprusteten.
      “Haha”, kommentierte ich seinen überaus lustigen Witz, stemmte dann jedoch eine Hand in die Hüfte und atmete einmal laut ein und aus.
      Als ich an der Ranch angekommen endlich vom Pferd hüpfen konnte, fühlten sich meine Beine wie Wackelpudding an. O schien es da ähnlich zu gehen.
      “Wisst ihr was ich gleich brauche? Eine lange und sehr heiße Dusche. Badewanne wäre noch besser. Meint ihr Caleb köpft mich, wenn ich sein Riesenteil oben benutze?”
      “Caleb hat oben eine riesen Badewanne?”, richtete ich mich neugierig an O.
      “Klar, warst du noch nie oben in seinem Zimmer?”
      Cayce zog die Stirn in Falten, verkniff sich ein Grinsen und fragte mit aller Ernsthaftigkeit, die ihm durch sein breites Grinsen noch übrig blieb allen Ernstes: “Ja Aimee, warst du noch nie in Calebs Zimmer?”
      Perplex starrte ich die Beiden an. Was sollte das denn jetzt werden? Noch bevor ich zu einer Antwort ansetzen konnte, boxte O ihm gegen den Arm. “Hey, du hast damit angefangen!”, beschwerte er sich, griff dann jedoch die Zügel von Devil nach, die sich mit angelegten Ohren rückwärts und weg vom Tumult bewegte. “Lasst uns jetzt erst die Pferde versorgen.”

      Eine halbe Stunde später hatten wir allen Pferden den Schweiß aus dem Fell gewaschen und sie unters wärmende Solarium gestellt. Zum Glück hatte Caleb bereits vor dem Winter aufgerüstet. Zu dem einzelnen Solarium waren zwei weitere dazu gekommen. Dies kam uns jetzt zugute, denn sonst hätten wir die Pferde nicht waschen können.
      “Murphy kannst du einen Blick auf die drei haben?”, fragte Cayce, der nun selbst zu merken schien, wie verschwitzt er war. Er rieb sich den Oberarm und schien zu frösteln. Tagsüber war es zwar mittlerweile angenehm warm aber abends wurde es rasch kälter.
      “Klar, ich bin eh noch am Misten, wenn die trocken sind stell ich sie euch in die Box. Geht euch aufwärmen.” Dankend nickten wir und verließen den Stall.
      Ich wollte in Richtung des Bungalows gehen, in dem mein Vater und ich wohnten, doch O zog mich in Richtung des Haupthauses. “O, was machst…”
      “Psssst”, sie legte einen Finger auf ihre Lippen und sagte in Cayces Richtung gewandt: “bis später beim Essen, Cayce.”

      O zog mich ins Haupthaus hinein und die Treppe nach oben. Zögerlich folgte ich ihr. Sie schien sich hier gut auszukennen, steuerte sofort ein Schlafzimmer mit Blick über die ganze Ranch an. Ich war zu sehr damit beschäftigt, mir die tollen Möbel anzuschauen, als dass ich merkte, wie O sich hinter mich gestellt hatte. Erst als es vor mir dunkel wurde begriff ich, dass sie mir die Augen zuhielt. Ich spürte einen Druck an meinen Beinen, der mich dazu zwang, einen Schritt nach vorne zu machen. Dann noch einen- und noch einen. “Na geh schon”, sprach O aufgeregt und ehe ich mich versah glotzte ich Calebs riesige Badewanne an.
      “Das ist also Calebs riesen Teil”, kommentierte ich das, was ich da vor mir sah.
      “Das ist Calebs riesen Teil”, wiederholte Octavia lachend, ging zum Wasserhahn hinüber, stellte ihn auf ‘heiß’ und öffnete ihn.
      “O ich glaub nicht, dass wir hier drin sein dürfen.. und seine… seine Sachen benutzen.”
      Octavia zuckte mit den Schultern. “Er braucht sie gerade nicht – und außerdem reißt er uns schon nicht den Kopf ab.. hier”, sie schmiss mir eins der großen Handtücher rüber, “zieh dich aus, ich such uns was zum Anziehen gleich.” Mit diesen Worten verschwand sie wieder im Schlafzimmer, welches, dem war ich mir jetzt zu 100 Prozent bewusst, Calebs sein musste.
      Ich schälte mich aus meinen verschwitzten Sachen. Nach und nach kamen sie auf dem Boden zu liegen, während ich mir das Handtuch um den nackten Körper wickelte. Es würde nicht mehr lange dauern, bis die Wanne vollgelaufen war. Neben dieser standen ein paar Duschschäume. Ich nahm mir die Packung mit der Aufschrift ‘Himmlischer Rosenblütenduft’ und goss davon einen Schuss ins Wasser. Sofort fing es an zu schäumen.
      O kam mit einem Stapel Kleidung aus Calebs Zimmer zurück, teilte sie auf zwei Haufen auf und legte sie auf den Boden unweit der Wanne. “Jetzt klauen wir auch noch seine Klamotten?”
      “Er bekommt sie ja zurück.”
      Während O sich auszog schaute ich mir das Bad an. Es war aufgeräumt und sauber. Klar, Dolly putzte hier ja auch fleißig. Ob er selbst auch mal einen Handschlag tat? Ich bezweifelte es. Dafür war er viel zu sehr beschäftigt und ich konnte mir ihn wirklich nicht mit einem Putzlappen in der Hand vorstellen. Mit einem Feuchttuch, um einem Pferd die Nüstern abzureiben, damit sie für ein Fotoshooting auch schön glänzten, schon eher.
      “Komm”, riss O mich aus meinen Gedanken. Sie ließ das Handtuch auf den Boden fallen und glitt ins Wasser. Sie schien weniger Probleme damit zu haben, nackt zu sein, als ich. Wer konnte seinen Körper als Teenager schon leiden? O schien meine Gedanken lesen zu können, denn sie drehte sich überaus auffällig zur Seite Weg, sagte aber kein Wort. Das Handtuch glitt von meinen Schultern gen Boden. Ich kletterte ins warme Schaumbad und ließ mich langsam hineingleiten. “Du bist echt noch nie hier oben gewesen?”, fragte mich Octavia ungläubig, legte den Kopf auf dem Badewannenrand nach hinten ab und schloss die Augen.
      “Nein, was hätte ich denn hier zu suchen gehabt?”, fragte ich sie irritiert.
      “Wohl wahr. Ich vergesse nur allzu gerne, dass du nicht die selben Erinnerungen mit Caleb teilst, wie ich. Es kommt mir vor, als seid ihr schon von Anfang an dabei, seit damals.”
      “Hm?”
      “Ach, nicht so wichtig. Genieß das warme Wasser.”
      “Das tut wirklich unglaublich gut”, seufzte ich und schloss ebenfalls die Augen. Was ein Tag…

      Wie viel Zeit wir im warmen Wasser verbrachten wurde mir erst bewusst, als ich Stimmen aus dem Flur vernahm. ‘Sie sehen heute wieder bezaubernd aus, Miss Dolores’, jemand kicherte. ‘Ach Laurence, ich sagte Ihnen doch schon ein paar Mal, sie sollen mich Dolly nennen.’
      “O, psssst, O!”
      “Hm?”
      “Da kommt jemand!” Kaum hatte ich meine Warnung beendet, öffnete sich die Tür des Badezimmers. Zuerst trat Dolly herein, gefolgt von… Laurence?
      “Ach du liebes bisschen!”, erschreckte sich Dolly und zuckte kurz zusammen. Laurence drehte sich peinlich berührt im Türrahmen um, als hätte er gar nichts gesehen. “Was macht ihr hier?”, richtete sich Dolly an uns, die sich von ihrem ersten Schreck erholt zu haben schien.
      “Caleb hat eine große Wanne und wir waren den ganzen Tag unterwegs, um die Rinder zu suchen”, erklärte sich O und kramte mit einer Hand nach dem Badetuch, welches sie schließlich erwischte und schwungvoll nach oben zog. Bemüht, es nicht ins Wasser zu tunken. “Das Wasser wird allerdings kalt, sieht wohl so aus, als müssten wir eh jetzt raus.” Sie stand auf, wickelte das Handtuch geschickt um ihren nackten Körper und verließ die Wanne, indem sie sich auf den flauschigen Teppich davor stellte. “Wenn ich bitten darf?”, fragte sie an Dolly gewandt und zeigte zur Tür, aus dessen Rahmen Laurence verschwunden war. “Wir sind direkt weg”, kicherte sie.
      Dolly stellte ihren Putzeimer mit dem dampfend heißen Wasser auf den Boden, verließ das Badezimmer und zog die Tür hinter sich bei. Von draußen hörte ich sie und Laurence leise miteinander reden. Mir war schon öfter aufgefallen, dass die Beiden Zeit miteinander verbrachten. “Ich würde es Laurence gönnen”, zwinkerte O mir zu.
      “Iiiih O, da ploppen Bilder in meinem Kopf auf, die ich nicht sehen möchte”, ich lachte und stieg ebenfalls aus der Wanne, wickelte mich ins Handtuch ein und rubbelte mich irgendwie trocken, damit ich mich anziehen konnte. “Du hast selbst die Boxershorts von Caleb geklaut?”, kommentierte ich ein wenig verzweifelt die Ausbeute der Braunhaarigen. Sie zuckte nur mit den Schultern und wiederholte ihre Aussage von eben: “Er bekommt die Sachen ja wieder.”
      Fertig angezogen verließen wir das Bad. Beim Vorbeigehen an Laurence und Dolly schien Octavia sich die Aussage: “Schönen Abend noch euch Beiden”, nicht verkneifen zu können. Manchmal war sie kindischer als ich.
      Wir wollten gerade das Haupthaus verlassen, öffneten die Tür und liefen – wer hätte es gedacht, in Caleb hinein. Dieser musterte uns von oben bis unten. “Kann es sein, dass ihr meine Sachen tragt?”, fragte er uns grinsend und verschränkte die Arme vor der Brust.
      Ich fing an etwas unverständliches zu stammeln, was einer Entschuldigung gleich kam. O dagegen blieb cool, drückte ihm ihr Handtuch in die Hand, drehte sich nach hinten um, nahm mir meines weg und tat das Gleiche.
      “Kannst du ja gleich mit in die Wäsche nehmen, dann kannst du dir auch sicher sein, dass sie wieder in deinem Schrank landen, bis gleich beim Essen.”
      Ich merkte, wie mir die Röte ins Gesicht stieg und ich meine Augen niederschlug. O stolzierte an Caleb vorbei nach draußen, blieb nach wenigen Schritten jedoch stehen, als sie merkte, dass ich ihr nicht folgte. “Kommst du oder was?”
      “Ich… ähm…”
      “Die Sachen hätte ich gerne wieder, ja?”, entgegnete Caleb mit einem belustigten Unterton in der Stimme, machte mir Platz, damit ich nach draußen gehen konnte und schloss dann kopfschüttelnd die Tür hinter sich.
      “Wo kam der denn jetzt her?!”, fragte ich O, die mir vor Lachen gar nicht antworten konnte. Sie bekam sich gar nicht mehr ein – und als sie anfing wie ein Schwein zu grunzen, konnte ich nicht mehr anders und prustete ebenfalls drauflos. “Also langweilig wird’s hier nie.”

      Caleb
      Hinter mir fiel die Haustür mit einem dumpfen ‘klack’ ins Schloss. Grinsend zog ich mir den Hut vom Kopf und legte ihn auf seinen Platz auf der Kommode. Meine Stiefel stellte ich daneben auf den Boden und meine Jacke hängte ich an einen der freien Haken. Ich legte den Kopf schief. Es waren zu viele Haken unbesetzt. Betsys Jacke fehlte. War sie noch draußen unterwegs?
      “Betsy?”, rief ich einmal laut doch erhielt keine Antwort. “Hm.”
      Mein Weg führte mich von der Küche, in der ich mir ein Glas Wasser holte, ins Esszimmer, wo ich einen gedeckten Tisch vorfand. Nach einem Blick auf die Uhr wurde mir klar warum. Ich hatte es pünktlich zum Essen nach Hause geschafft, was ein Zufall!
      Nach und nach trudelten die Mitarbeiter der Ranch ein und verteilten sich auf die freien Plätze. Laurence und Dolly traten gemeinsam ein und Laurence rückte ihren Stuhl zurecht. Seit die gute Dolly hier arbeitete, bestand ich darauf, dass sie mit uns gemeinsam aß- wann immer sie das wollte. Morgens erwischte ich sie fast immer beim Naschen, so dass sie später beim Frühstück so gut wie nie Hunger hatte. Abends aber gesellte sie sich beinahe immer zu uns.
      “Cayce, schon was Neues von Tschetan und Nicholas gehört?”
      Cayce nickte. “Eben über den Pager kam, dass die Beiden die Rinder und Kühe gefunden haben, ein Kalb ist dabei. Sie müssen allerdings draußen übernachten … sie hätten es nicht mehr vor Anbruch der Dunkelheit zurück geschafft.”
      Ich nickte. Das war zwar nicht die Antwort, die ich hören wollte, aber immerhin hatten sie die Tiere gefunden und würden sie hoffentlich am nächsten Morgen unbeschadet zurückbringen. “Und die anderen Tiere? Ich hab die Herde eben überflogen – wo ist der Rest?”
      Betretenes Schweigen.
      Schließlich räusperte Laurence sich. “Zwei Tiere waren so schwer verletzt, dass wir sie erschießen mussten”, dabei zeigte er auf sich und Cayce.
      “Verdammte Bisons!”, warf Bellamy ein und wurde jäh von Laurence unterbrochen.
      “Verdammter Sturm, Bellamy. Die Bisons gerieten auch nur in Panik, gib ihnen nicht die Schuld.”
      Das Gespräch über die Rinderherde zog sich noch ein paar Minuten. In meinem Kopf rechnete ich unentwegt hin und her, wie viele und vor allem welche Tiere noch da waren.
      “Hab ihr zwei Rinder oder zwei Kühe erlöst?”, fragte ich in Cayces Richtung gewandt.
      “Zwei Kühe, von den Kälbern keine Spur.”
      “Also zwei Kühe und zwei Kälber weniger, macht 13 erwachsene Tiere und 4 Kälber”, ich überlegte weiter, “Tschetan und Nicholas haben ein Kalb und die Mutterkuh sowie… wie viele der Rinder?”
      “Ich glaube 2 weitere”, warf Bellamy ein.
      “Dann müssten draußen 10 erwachsene Tiere und 3 Kälber stehen?”
      Alle schienen zu überlegen. Es waren zwei aufregende Tage gewesen, rechnen gehörte heute Abend wohl zu niemandes Stärke.
      “Ach, ich geh jetzt zählen.” Cayce stand auf und verließ den Raum, bevor irgendjemand auf die Idee kam, Widerworte einzulegen.
      Wieder sah ich mich am Tisch um. Betsy fehlte noch immer. Octavia, Aimee, Louis, Kaya und Ylvi fehlten aber ebenfalls noch, weshalb ich mir noch keine allzu großen Sorgen machte.
      Die Haustür wurde geöffnet und wenig später stand Cayce im Türrahmen. “10 Erwachsene und 3 Jungtiere.” Er stemmte den Arm in die Hüfte und schnaufte.
      “Sind Sie etwa gerannt, Mr. Cayce?”, fragte Dolly belustigt, hielt sich die Hand vor den Mund und kicherte.
      “Na aber sicher!”, er lachte und setzte sich wieder auf seinen Stuhl.
      “Essen Louis und Ylvi heute nicht mit?”, fragte ich in die Runde und bekam als Antwort Gemurmel.
      “Und Kaya und Betsy?”
      Wieder keine Antwort.
      Sollte ich zu Louis und Ylvi rüber gehen und schauen, ob alles in Ordnung war? Bevor ich allerdings, vielleicht umsonst, einmal quer über den Hof lief, zückte ich mein Handy und schrieb Ylvi eine kurze Nachricht. Kaum hatte ich es wieder in meine Hosentasche gesteckt, vibrierte es. Die Antwort auf dem Bildschirm machte mich stutzig. Kaya war bei ihnen, aber Betsy fehlte.
      “Hat jemand von euch Betsy heute gesehen? Sie ist nicht bei Louis und Ylvi.”
      Ich blickte in zunächst ratlose Gesichter. Hier und da wurde sie heute gesehen, aber seit ein paar Stunden wusste niemand mehr, wo sie sein sollte.
      “Es tut mir Leid euch alle jetzt hier vom Esstisch vor dem Essen aufzujagen, aber …”
      “Ich such in den Ställen”, meldete sich Cayce sofort zu Wort.
      “Ich schau bei den Koppeln … Laurence, guckst du bei den Paddocks?”, dirigierte Bellamy und stand auf.
      “Ich geh zu Louis und Ylvi und von dort zum hinteren Teil der Ranch.” Damit stand auch ich auf und verließ den Raum.

      Hinter mir fiel die Tür des Bungalows von Ylvi und Louis ins Schloss. Auch sie waren in heller Aufregung und halfen bei der Suche nach Betsy. Kaya hatte mir einen guten Tipp gegeben. Ich solle mal im alten Bungalow von Betsy und Dell schauen. Ihre Freundin hat heute immer wieder von ihrem Vater gesprochen und wie sehr sie ihn vermisse.
      Ich hatte nur noch wenige Schritte, bis ich vor der Tür des Bungalows stand, in dem einst Dell gewohnt hatte. Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr wurde mir bewusst, wie unfair das Leben war. Als ich an die Tür klopfte, bildete sich ein Kloß in meinem Hals. War sie überhaupt hier? Was würde ich gleich zu ihr sagen? Was wollte sie hören – oder viel besser, was musste sie hören?
      Es blieb still hinter der Tür, dennoch trat ich ein. Der zunächst dunkle Raum wurde von Licht durchflutet, als ich den Schalter betätigte. Kurz musste ich die Augen zusammenkneifen. Allerdings gewöhnten sich meine Augen schnell an die Helligkeit.
      “Betsy?”, fragte ich einmal in den Raum hinein, erhielt jedoch wie im Haupthaus zuvor keine Antwort.
      Mein Weg führte mich sofort in Betsys altes Zimmer, in dem ich sie jedoch nicht antraf. Langsam stieg ein wenig Panik in mir hoch. Wo war sie bloß?!
      Mit dem Öffnen der Tür von Dells altem Schlafzimmer fiel jedoch alle Last von meinen Schultern. Dort im Bett lag das Mädchen zusammengekauert unter der Decke.
      “Betsy?”, fragte ich erneut, erwartete allerdings keine Antwort.
      Zu meiner Verwunderung jedoch drehte sie sich im Bett um und schaute mich aus verquollenen Augen an. “Hm?”, war ihre Reaktion auf meine Frage. Dann drehte sie sich zurück, wandte sich wieder von mir ab und zog die Decke bis an ihr Kinn.
      Langsam ging ich auf das Bett zu, vernahm jeden meiner Schritte zehnmal so laut. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Nervös rieb ich meine Hände aneinander, als ich das Mädchen fragte: “Darf ich mich zu dir setzen?”
      Statt einer Antwort rückte sie nach links und machte mir am Rand des Bettes Platz. Eine meiner Hände legte ich auf ihre Schultern, mit der anderen tippte ich flink ein ‘hab sie’ in unsere Hofgruppe, damit sich niemand weiter Sorgen machen musste.
      Eine ganze Weile saß ich schweigend neben ihr, während sie leise vor sich hin schluchzte. Sie so weinen zu hören zerbrach mir jedes Mal das Herz, besonders deshalb, weil ich ihr den Schmerz nicht nehmen konnte.
      “Wir haben dich beim Abendessen vermisst und uns Sorgen gemacht”, fing ich an leise mit ihr zu reden, “zum Glück hatte Kaya einen Verdacht, wo ich dich finden kann … Ich … Möchtest du … Möchtest du darüber reden?”
      “Nein”, kam nach einer ganzen Weile die knappe Antwort des Mädchens.
      “Soll ich einfach hier bei dir sitzen?”
      “Ja …”

      Ich schwieg wieder, strich ihr sanft über die Schulter und schaute mich im Zimmer um. Wir waren noch nicht dazu gekommen, den Bungalow auszuräumen. Es fühlte sich noch nicht richtig an. Alles hieran war falsch. Wieso musste so ein liebes und nettes Mädchen zuerst die Mutter verlieren und dann auch noch den Vater?
      An der Wand, genau gegenüber des Bettes, hing ein Bild von einem jungen Dell zusammen mit einer sehr jungen Frau, die ein Kind auf dem Arm hielt. Ich vermutete, dass es sich dabei um Betsy und ihre Mutter handelt. Die Beiden sahen so glücklich aus und strahlten in die Kamera. Da war er wieder, der Kloß in meinem Hals, der sich eben zu lösen begonnen hatte.
      Ein paar Mal noch versuchte ich Betsy zu überreden, mit mir über ihr Verhalten und ihre Traurigkeit zu sprechen. Jedes Mal blockte sie mich ab. Also versuchte ich es mit Ablenkung.
      “Ich hab heute mit Steffen telefoniert. Nima geht es unglaublich gut bei ihm, er freut sich so sehr, sie gekauft zu haben. Außerdem möchte er Kholáya auch haben, dann hat Nima eine Freundin von hier.”
      Endlich drehte sie sich in meine Richtung um, setzte sich auf und wischte sich die Tränen vom Gesicht. “Nima geht es gut?”
      “Ja, Nima geht es sehr gut, Steffen hat sie unglaublich lieb.”
      Betsy lächelte kurz, senkte dann jedoch ihren Blick. Zögerlich streckte sie die Hand aus und legte sie auf die Meine. Ich rührte mich nicht. Meine Angst war zu groß, eine falsche Bewegung zu machen und sie zu verschrecken. Als Adoptivvater, was ich für sie noch immer werden wollte, müsste ich mich an solche Dinge langsam herantasten. Ich hatte nicht die größte Erfahrung mit Kindern und jüngere Geschwister besaß ich ebenfalls nicht.
      Dennoch hob ich langsam meine andere Hand und legte sie sachte auf die Ihre. Sie zuckte nicht zurück, sah jedoch wieder zu mir auf.
      “Caleb, ich vermisse ihn so sehr.”
      Langsam nickte ich. Mein anfängliches ‘Ich weiß’ verwarf ich und antwortete stattdessen: “Ich auch.”
      “Heute haben alle geholfen – bei der Rindersuche, weißt du? Sogar Dolly hat geholfen, sie hat Lunchpakete für unterwegs gepackt. Kaya und ich waren beim Satteln der Pferde dabei und haben hier auf dem Hof mit angepackt. Louis wollte nicht, dass wir mitkommen und bat uns stattdessen, die Pferde zu füttern – schließlich hatten die auch Hunger … aber alle waren da … selbst du hast versucht so schnell es geht nach Hause zu kommen”, sie fing wieder an zu schluchzen, “nur Dad nicht. Mein Dad war nicht da, er konnte nicht helfen.”
      Sie zog ihre Hand aus den Meinen und setzte sich auf ihre Knie, um auf einer Höhe mit mir zu sein und mich zu umarmen. Etwas überfordert legte ich meine Arme um ihren kleinen Körper und hielt sie fest … Ich hielt sie eine ganze Weile einfach nur fest.
      Als das Schluchzen wieder verebbt war, erzählte sie weiter, was sie bedrückte: “Alle Leben irgendwie ihr Leben weiter, als hätte er nicht existiert. Niemand redet über ihn, wenn ich dazu komme und über ihn gesprochen wurde verstummt ihr, als wäre ich noch zu klein, um mit der Wahrheit umzugehen. Ich werde dieses Jahr 12 Jahre alt, ich bin kein kleines Kind mehr. Ich weiß, was der Tod bedeutet und ich hasse ihn, ich hasse den Tod und ich hasse die Welt, dass sie mir meinen Dad genommen hat!” Wieder stiegen Tränen in ihren Augen hoch.
      Ich wusste zunächst nicht, was ich ihr antworten sollte. Ein paar Mal setzte ich an, verstummte dann jedoch wieder, bis mir die richtigen Worte einfielen: “Betsy das Leben geht weiter, so schwer es uns auch fallen mag. Wir sprechen noch viel über Dell und denken an ihn. Doch wir haben… Angst in deiner Gegenwart über ihn zu sprechen. Wir möchten dich nicht verletzen. Wir können nicht in dich hineinschauen wie es dir geht und wie du damit klar kommst. Deshalb verstummen wir.”
      “Aber ich möchte, dass ihr über ihn sprecht”, kam es von dem Mädchen neben mir. “Ich möchte, dass ihr euch an ihn erinnert und ihn nicht… vergesst.”
      “Wie könnten wir, die Ferienranch trägt seinen Namen”, ich lächelte mild. “Hör mal … bezüglich der Ferienranch wollte ich noch mit dir sprechen. Irgendwie ist nie der richtige Zeitpunkt dazu, warum dann nicht jetzt?”, ich sah sie auffordernd an, “So langsam wird es Zeit, dass wir den Bungalow hier räumen. Ich mein, hier ist alles noch so … hier ist alles noch so. Ich habe überlegt, dass wir einen Teil zur Ferienranch bringen und einen Teil ins Haupthaus in dein neues Zimmer. Ich möchte, dass du entscheidest was wir wohin bringen sollen.”
      Betsy erwiderte nichts, setzte sich nur auf und sah sich im Zimmer um. So viele Erinnerungen hafteten an den Möbeln, den Bildern, der Kleidung. “Die Entscheidung musst du nicht jetzt treffen.” Betsy nickte. Ihr Blick blieb an dem Bild hängen. Das Bild von ihren Eltern und ihr. “Für das allerdings habe ich einen besonderen Platz ausgesucht. Darf ich ihn dir zeigen?” Sie nickte. Ich nahm vorsichtig das Bild in die Hand, reichte ihr Schuhe und Jacke und nachdem wir beide angezogen waren, verließen wir den Bungalow in Richtung des Haupthauses.

      Drinnen führte unser Weg sofort zum großen Wohnzimmer und dessen Kamin, auf dem einige Bilder standen. Unter anderem auch ein Bild von Verena und Svejn … wie schnell die Zeit vergeht.
      “Hier möchte ich es gerne dazu stellen. Es sollte einen Ehrenplatz bekommen, wo es jeder sehen kann.” Ich reichte Betsy das Bild und hob sie hoch, um es auf den Kaminsims zu stellen. Zwischen das Bild von mir zusammen mit Vulture und dem Bild von Louis, Ylvi, Kaya und Tschetan. “Zu meiner neuen Familie …”, murmelte Betsy. Ich hatte sie nicht ganz verstanden, vermutete nur, was sie gesagt haben könnte. Nachfragen wollte ich jedoch nicht, es schien nicht für meine Ohren bestimmt gewesen zu sein.
      “Wollen wir jetzt zu den Anderen gehen und noch was essen? Vielleicht haben sie uns sogar noch etwas übrig gelassen”, lachte ich und kratzte mich kurz am Hinterkopf.
      Wir gingen zurück ins Esszimmer, in dem sich wieder alle befanden. Sie hatten tatsächlich auf uns gewartet – auch Louis, Ylvi und Kaya befanden sich nun im Haupthaus. Betsy wurde von den dreien in die Arme geschlossen, ehe wir uns setzten.
      Ein paar Minuten später hatte jeder sich den Teller vollgeladen und war, nach einem wirklich anstrengenden Tag, zufrieden am Kauen.
      “Ich möchte, dass ihr über ihn sprecht.” Betsy erhob die Stimme, “Ich bitte euch. Redet über meinen Dad, erzählt euch lustige und nicht so lustige Geschichten … und vor allem, hört nicht auf, wenn ich dazu komme, denn sonst habe ich das Gefühl, dass ihr ihn vergessen wollt.” Es folgte eine unheimliche Stille. Die Menschen am Tisch hielten in ihren Kaubewegungen inne und rührten sich nicht mehr.
      Laurence war derjenige, der als Erster etwas sagte: “Also einmal … ja genau, da hat mich dein Vater ganz schön zur Weißglut getrieben, ich hätte ihn am liebsten mit dem Besen verprügelt”, er lachte. Alle anderen stimmten in sein Lachen ein. Die Geschichte kannte ich auch noch nicht – und während Laurence erzählte, nahm ich Betsys Hand. Als unsere Blicke sich trafen nickte ich ihr zu. Betsy lächelte kurz zurück, wandte sich dann aber wieder Laurence und seiner Geschichte zu, wie Dell einen ganzen Tag lang nicht das tun wollte, was Laurence ihn angestellt hatte.

      Tschetan
      “Wieso bleibst du stehen?”, kam Nicholas Stimme von hinten. Ich ließ ihn bis zu mir aufschließen, als er das getan hatte, brauchte ich ihm keine weitere Erklärung geben. “Du hast sie tatsächlich gefunden!”
      Unten in einer kleinen Senke standen drei erwachsene Kühe. Ich sah mich von dem idyllischen Anblick ein wenig um. Das Tal war weit fort. Die Spurensuche hatte uns tief in das Gebirge geführt. Die Bäume an dieser Stelle wurden immer karger. Wir hatten oft absteigen müssen, um einige der Wege mit den Pferden bewältigen zu können. Die halbwegs gerade Senke vor uns war bewachsen mit hohen Gras. Unzählige unterschiedlich große Findlinge lagen herum. Vor einigen Jahrhunderten musste ein Gletscher an genau dieser Stelle existiert haben und diese riesigen Felsen zurückgelassen. Andererseits konnten sie auch von einer Gerölllawine stammen, die hier hindurch gegangen war. Da es sich jedoch nicht um Neue zu handeln schien, galt dem weniger meine Sorge. Viel mehr schaute ich gen Himmel. “Ich hoffe du hast keine Angst vor Ungeziefer”, murmelte ich in Nicholas Richtung. Der schaute mich von der Seite erst ein wenig verwirrt an, folgte dann allerdings meinem Blick gen Himmel.
      “Wir schaffen es nicht mehr zurück,oder?”
      “Nicht rechtzeitig. Außerdem brauchen die Pferde eine Pause. Noch haben wir genügend Zeit. Satteln wir sie ab und suchen nach einem Rastplatz für uns.”
      “Sollten wir die Pferde nicht anbinden?”
      “Nein, die Senke hier ist gut. Sie haben das Gras – und der kleine Bachlauf sorgt für Wasser. So wie die Erde hier aussieht, haben auch die Kühe schon eine Weile hier verbracht. Sie werden sich nicht weit voneinander entfernen. So hoch oben ist die Gefahr zu groß, dass Bären unterwegs sind. Die Pferde sind angebunden eine zu leichte Beute. Wir müssen einfach darauf vertrauen, dass sie nicht weg laufen.”
      Ich kaute mir auf der Unterlippe herum. Meine Überlegung war es, eines der Kühe zu hobbeln. Doch wollte ich alle wieder wohlbehalten ins Tal bringen. Sollten Wölfe oder sogar ein Bär auf unsere Truppe stoßen, so war das gehobbelte Tier in Gefahr. Weit würden die Tiere nicht laufen – nicht beim Angebot des Futters. Außerdem kannten sie einander und waren an die Nähe des Menschen gewöhnt. Wir mussten also ihren Instinkten vertrauen. Also zog ich Sungila die Trense vom Kopf, löste den Knoten, mit dem der Riemen am Sattel befestigt war. Schmunzelte. Jetzt war ich froh um die Wahl der Satteldecken, denn genau um solche handelte es sich. Auseinander gefaltet konnten sie uns als Decken in der Nacht dienen. Ein Trick, den ich noch aus dem Reservat kannte. Wie oft hatten wir die Nächte draußen verbracht, irgendwo in der Prärie. Ich suchte in der Satteltasche nach meinem Smartphone. Kein Empfang. “Nicholas? Hast du Netz?”, ich winkte mit meinem Handy, damit er wusste, was ich meinte. Kurz suchte auch Nicholas, schüttelte dann den Kopf. “Gut, ich hab an den Pager gedacht. Ich schick denen im Tal fix eine Nachricht. Dass wir alle gefunden haben, aber die Nacht hier oben verbringen.”
      “Gib mir deine Wasserflasche, ich füll die Mal unten am Bach auf. Ich hab tierisch Durst.” Die Idee war tatsächlich keine verkehrte. Ich löste also meine Aluflasche aus ihrer Lederhalterung am Sattel, um sie ihm zu reichen. Schließlich machte ich mich auf zu den Kühen, schaute genau auf die erwachsenen Tiere, ob ich Verletzungen fand. Und sobald die Mutter mich ließ, ging ich auch zaghaft auf das Kalb zu, das im hohen Gras lag. Es schien erschöpft. Aber ansonsten wohlauf. Ein Teil der Anspannung fiel von mir ab. Der erste Teil war geschafft. Ich spürte das Brennen meiner Muskeln, das Ziehen in meinem Gesicht von den Kratzern. Aber ich war glücklich. Erst jetzt konnte ich die wunderschöne Natur um mich herum wirklich sehen. Mit geübtem Blick scannte ich meine nähere Umgebung. Gar nicht allzu weit entfernt sah ich einen riesigen Findling. Auf seinem Weg ins Tal war er dabei auf einen anderen Felsen gefallen. Daneben stand ein halb kahler Kiefernbaum. Darunter platzierte ich beide Sättel, legte die Decken darauf. Einen Platz für die Nacht hatten wir schonmal. Überrascht war ich, als Nicholas nicht nur mit den Flaschen wieder kam, sondern auch einen kleinen Arm voll Äste mit sich trug. Es schien also nicht sein erstes mal draußen in der Natur zu sein. “Sehr schön, du denkst mit!”
      “Aber glaub bloß nicht, dass ich das Feuer entfacht krieg.” Er reichte mir meine Flasche zurück. Ich genehmigte mir direkt ein paar Schlucke des kalten Getränks. Der kleine Bach musste von Gletscherwasser getränkt sein.
      “Schau in meinen Satteltaschen nach, da müsste eine kleine Metalldose sein. Da hab ich alles drin was wir für ein Feuer brauchen.” Nicholas drehte sich zu den Sätteln um und kramte die Dose hervor. Mit dem größten Stück Holz räumte ich eine kleine Stelle frei und schaffte so eine kleine Grube. Anschließend nahm ich mich der Dose an. Ich holte den Feuerstahl heraus. Ein wenig faseriges Zunder Gras und gut getrocknete Birkenrinde. Mit meinem Messer trennte ich kleine Stücke vom gesammelten Holz ab, um viele kleine Stücke zu haben. Anschließend erzeugte ich einige Funken, um die Birkenrinde zu entzünden. Mit ein wenig Fingerspitzengefühl entfachte ich rasch ein kleines Feuerchen, das wir fleißig mit den kleineren Ästen fütterten, um ein großes Feuer zu erhalten. Nicholas hatte in der Zwischenzeit die Stelle unter dem Felsvorhang von grobem Geröll und Stöckern befreit. Heruntergefallene Kiefernzweige hatte er im Abstand um das Feuer auf dem Boden verteilt. Das Moos auf den Steinen eignete sich nicht, noch war es zu nass, um es zu nutzen.
      “Gut, dass wir die Satteldecken genommen haben,” murmelte er, “wird sicher ‘ne kalte Nacht. Ich geh gleich nochmal auf die Suche nach ein wenig Feuerholz, damit wir gut nachlegen können.” Dann griff er sich plötzlich an den Bauch, lächelte. “Ich bereue außerdem, heute morgen das Frühstück ausgelassen zu haben.” Auch ich spürte das leichte Gefühl von Hunger in meinem Magen. Zwar hatte ich ausgiebig gefrühstückt aber, der Tag war anstrengend gewesen.
      “Ich denke das Feuer ist sicher. Ich werd mal was essbares besorgen. Nicht, dass mir der arme, weiße Junge noch verhungert”, scherzte ich. Am Bach hatte ich vorhin schon nah des Wassers die verräterischen weißen Blüten der Brunnenkresse entdeckt. Ich pflückte einige gute Hände voll, wusch sie ausgiebig im kalten Wasser aus. Da wir kein Gefäß hatten, um darin zu kochen, ließ ich die Pilze stehen – auch, wenn sie eine ausgiebige Nahrungsquelle ergeben hätten. Ich blieb unschlüssig am Bachlauf stehen. Er war zu klein, um wirklich Fischen eine Heimat zu geben, außerdem konnte ich kein Leben in ihm ausmachen. Also fiel auch das Angeln aus. Abgesehen von der Tatsache, dass wir wohl auch kein Angelset fertigen konnten. Daher konzentrierte ich mich eher auf essbare Pflanzen, ging hastig eine Liste dieser in meinem Kopf durch … und vor allem die auch zu dieser Jahreszeit wuchsen. Für Blaubeeren war es leider noch zu früh. So pflückte ich Löwenzahn, auf den sich auch die Ponys zu stürzen schienen. Außerdem machte ich am Waldrand eine überraschende Entdeckung. Hier in diesen Höhen hatte sich wilder Lauch angesiedelt. Ich holte ein paar der Stangen aus dem Boden. Sein Geschmack erinnerte stark an den einer Zwiebel, aber immerhin würde er uns ein wenig sättigen. Langsam setzte die Dunkelheit ein. Also beeilte ich mich, das gesamte Zeug am Bach zu waschen.

      Zurück im Lager sah ich Nicholas mit einem großen Haufen totem Holz neben dem Feuer sitzen. Die Sättel waren weiter unter den Vorhang verstaut. Beide Decken auf den Lagern aus Kiefernzweigen ausgebreitet. Die Steinwand reflektierte Licht und Wärme, als ich eintrat. “Oh, ich sehe, heute wird das Mahl wohl ein grüner Salat?”
      “Lass uns das alles ein wenig klein rupfen und schneiden. Alles zusammen wird das sicherlich kein Festmahl, aber es wird sättigen.”
      “Und ich hätte gedacht du gehst mit der Schießbüchse auf die Jagd!”
      “Donnerbüchse.”
      “Mhm?”
      “Donnerbüchse wurde das Gewehr oft genannt. Nicht Schießbüchse.” Nicholas lächelte, rufte seine Brunnenkresse in den Schoss. Ich schnippelte den wilden Lauch, steckte mir eine der Scheiben zwischen die Lippen. Ihr Geschmack erinnerte tatsächlich stark an eine Zwiebel, jedoch deutlich milder. Ich hatte mir das Ganze schlimmer vorgestellt. “Ich hab tatsächlich daran gedacht eine Hasenfalle zu bauen. Doch ich würde in der frühe eher aufbrechen wollen um die Tiere ins Tal zu kriegen, statt Zeit zu verplempern, einen Hasenbraten fertig zu machen.”
      “Da pflichte ich dir bei. Das ist deutlich vernünftiger. Ich muss allerdings gestehen … einen mehrere Tage andauernden Ritt mit dir in der Wildnis unterwegs zu sein … ich hab darauf richtig Lust.” Nicholas sprach mit glasiger Begeisterung in den Augen. Ich sah nicht richtig auf in meinem Tun. Doch sah ich, wie meine Finger einen Moment in ihrer Tätigkeit stoppten, bevor sie fortfahren konnten.
      “Hier, iss”, damit reichte ich ihm eine Hand voll wildem Lauch und er reichte mir die zerrupfte Brunnenkresse sowie den Löwenzahn. Ohne auf seine Worte einzugehen aßen wir stumm das Mahl. Jeder hing irgendwie seinen Gedanken nach. Wir hatten einen spektakulären Blick auf den Sonnenuntergang. Die Gipfel vor uns wurden nach und nach in weniger Licht getaucht, bis der Himmel aufbrach und dunkelrosa Sonnenstrahlen auf den Berghang geworfen wurden. Leichte Kälte zog ein. Also nahm ich mir die Decke, um sie mir um die Schultern zu legen. Beim Anblick des Himmels konnte ich Nicholas Wunsch schon verstehen, allerdings machte ich mir zu sehr Sorgen um die kleine Herde draußen. Ab und an konnte man die Pferde leise schnaufen hören. Die Geräusche des nächtlichen Waldes wurden immer surrealer und von den Berghängen hallte das Echo eines Wolfsgeheuls wieder.
      “Zugegeben das Geräusch jagt mir doch ein Schauer über den Nacken“, flüsterte Nicholas in die Dunkelheit. Ich schlug die Decke ein Stück zur Seite, um den Blick auf die Tasche mit dem Gewehr freizugeben.
      “Sie werden uns nicht angreifen. Falls doch, haben wir noch immer die hier.”
      “Dann halte ich mich lieber an dich. Ich hab nie gelernt, damit umzugehen.” Bewusst oder unbewusst rückte Nicholas näher zu mir heran. Mein Wunsch noch einmal nach den Tieren zu sehen wuchs. Da ich sie jedoch hören konnte, ließ ich davon ab.
      “Lass uns schlafen, der Tag war anstrengend genug.”

      Leicht schlotternd erwachte ich. Da mein Handy ausgeschaltet war, hatte ich keinerlei Vorstellung davon wie spät es war. Ich richtete mich halb auf, nahm einen der verbliebenen Totholz Zweige und warf sie auf das langsam sterbende Feuer. Nicholas bewegte sich. Im Licht des Feuers sah ich, wie sich seine Augen öffneten. “Erinner mich dran, wenn wir wirklich mal unterwegs sind einen Schlafsack einzupacken. Meine Gänsehaut nimmt die Ausmaße einer Rauhfasertapete an!” Ich strich mir mit den Händen durch das müde Gesicht, entfernte die kitzligen Haare so gleich mit. Ich legte also noch einen der Scheite auf das Feuer. Dann richtete ich mich auf, schnappte meine Decke.
      “Rutsch ein Stück rüber”, gähnte ich lautlos. Nicholas ließ sich nicht weiter bitten. Er rückte gerade so nahe wie er es wagte, an das Feuer heran. Dann hob er seine Decke an. Etwas ungelenk legte ich mich neben ihn. Anschließend warf ich die Decke über die Seine. Tatsächlich spürte ich fast augenblicklich, wie sich unsere Körperwärme unter den Wolldecken verbreitete. “Ich hätte gern mein Büffelfell dabei”, seufzte ich schläfrig. Nicholas rückte mit dem Rücken näher an den meinen heran. “Oh warte,” flüsterte ich, “meine Haare!” Nicholas hob leicht den Oberkörper, damit ich einen meiner Zöpfe unter seiner Schulter hervorziehen konnte.
      “Gute Nacht”, seufzte Nicholas. Langsam kroch wohlige Wärme in meine Gliedmaßen und allmählich fand ich halbwegs erholsamen Schlaf.

      Schlaftrunken blinzelte ich, brauchte einen Moment das blonde Gesicht so dicht vor dem meinen überhaupt wahrzunehmen. Ich hatte jahrelang so dicht neben Kaya geschlafen, nicht ihre Stirn an der meinen zu spüren erschreckte mich. Ich hatte den Atem von Nicholas in meinem Gesicht. Ich spürte die Gänsehaut in meinem Körper. Vorsichtig rückte ich von ihm fort, machte flüchtig einen Blick in Richtung des Feuers. Nur noch eine leichte Glut glimmte vor sich her. Um die zurückkehrende Kälte zu entfernen, richtete ich mich auf, strich über die vom Tau ganz klamme Decke. Bevor wir los konnten, musste sie ein wenig trockener werden. Ich widerstand dem Gefühl Nicholas bereits zu wecken. Wie es mir erschien, erwachte der Morgen gerade erst. Uns bliebe noch der gesamte Tag, um ins Tal zurück zu reiten. Ich warf die Decke in die ersten Strahlen der Sonne auf einen der Findlinge. Unten am Fluss füllte ich die beiden Flaschen wieder mit klarem Wasser auf. Ich spürte das Brennen in den Fingern vom eiskalten Wasser, spritze mir das kühle Nass jedoch auch ins Gesicht, um meine Gemüter ein wenig zu beruhigen. Ich wusste, dass es zum erwachsen werden gehörte, doch konnte ich getrost darauf verzichten. In meinem Kopf blieb nur der Schatten einer Erinnerung was genau ich geträumt hatte, aber offensichtlich hatte es ausgereicht, die Freude in einige Teile meines Körpers zu befördern. Ich zupfte, nachdem ich mich nach Nicholas umgesehen hatte, sachte an meiner Hose herum um das einengende Gefühl los zu werden. Dann sah ich mich um. Sungila hob ihren Kopf aus dem Gras. Ich schmunzelte und machte mich durch das nasse Gras auf den Weg zu ihr. Es freute mich, alle Tiere wohlbehalten an der selben Stelle zu finden. In der Nacht schienen sie, wie ich es vermutet hatte, eng zusammengehalten haben. Hierin sah ich den großen Vorteil, dass die jungen Pferde oft zwischen den Kühen standen - sie sahen sie durchaus als Teil ihrer Spezies und Herde an.
      “Wollen wir direkt los?”, meinen Körper durchfuhr der Schreck, ebbte nur langsam ab. Ich war zu konzentriert auf meine schweifenden Gedanken gewesen. Nicholas in der Stille des Morgens hatte ich nicht erwartet.
      “Ich denke wir genehmigen uns noch ein Grünzeug-Frühstück, lassen die Decken in der Morgensonne trocknen und buddeln das Loch vom Feuer wieder zu.”
      “Dann übernehm ich das Buddeln … such du das Grünzeug. Die Decke hängt schon neben dem Stein von deiner.”

      Nur langsam kamen wir aus dem Hochgebirge in die unteren Regionen. Mittlerweile hatte ich mit dem Lasso dem Kalb die Beine zusammengebunden und den jungen Bullen auf Sungilas Rücken gelegt. Zwischenzeitlich hatte ich bereut, die junge Stute genommen zu haben. Allerdings meisterte sie jede der Aufgaben, die ich ihr geben musste, mit einer Souveränität. Sie erfüllte mich mit Stolz. Wir hatten einen Umweg um die kleine Geröllhalde machen müssen, denn wir hatten nicht riskieren wollen, dass die Kühe dort abstürzten. Hatten sich ungefähr so die ersten Siedler dieses Landes gefühlt, als sie mit ihren Trecks die Gebirge überwanden? “Nicholas! Schau!”, rief ich zu ihm nach hinten. Er bildete das Schlusslicht unserer kleinen Herde. Zwischen dem dichten Wald konnten wir nun das Blockhaus der Ferienranch erkennen.
      “Du hast es geschafft!”, rief Nicholas von hinten und schenkte mir ein breites Grinsen, “Ich hoffe Dolly hat den Kühlschrank gefüllt. Mir hängt der Magen in den Kniekehlen!”, rief er spitzbübisch.
      “Hat dir mein Festmahl nicht gefallen?”
      “Seh ich aus wie ein elender Veganer?”
      “Dann lass ich dich das nächste Mal auf die Jagd gehen, ja?”
      “Es wird also ein nächstes Mal geben?”, fragte Nicholas, als er neben mir auf dem Hauptweg angekommen war. Ich machte eine unbestimmte Handbewegung.
      “Lass uns erstmal dieses Abenteuer beenden”, dann zwinkerte ich und stieg hinter dem Kalb wieder in den Sattel. Bevor Easy unruhig wurde da ich bereits losgeritten war, fand auch Nicholas seinen Weg in den Sattel. Wir trieben nun auf dem breiten Weg die Kühe einfach vor uns her. Der Abstieg hierher war für die Kühe genauso anstrengend gewesen wie für uns, daher ließen wir uns Zeit. “Warte mal, ich setz das Kalb jetzt mal wieder runter”, seufzte ich – darauf hätte ich ja auch kommen können bevor ich aufgestiegen war! Also stieg ich wieder umständlich vom Pferd, löste die Schlinge um die Vorder und Hinterbeine und gab das Kalb zurück in die Obhut der Mutterkuh. Blökend bockte es in Richtung seiner Mutter.
      Pferde: BR General Pleasure, BR Wimpys Blue Gun, BR South Texas Gangster, BR Rebel Hearted, BR Heavens Wild Side, BR Devils Angel Eyes, Blue Fire Cat, BR Atlantis Dream, BR Colored in Style, BR Dress to Impress, BR Homecoming Queen, BR Raised to Slide, BR Sheza Topnotch Babe, BR Wimpys Bright Gangster, Captains Blue Crystal, Gun Sophie, Jacks Inside Gunner, BR Alans Smart Dream, BR Colonels Golden Gun, BR Colonels Lil Joker, BR Double Gunslide, BR Heart N' Soul, BR Hollywoods Dream Anthem, Chocolate Dazzle, Up Town Girl, Bittersweet Temptation, Whitetails Shortcut, Zues, Abandon all Hope, HMJ Courtesy, HMJ8345's Continental, Lady Blue Skip, Striga, Tortured Witch HMJ 6693, Blanton's Gentleman, Chic N' Shine, Four Bar Chocolate Becks, GRH's Funky's Wild Berry, HMJ Saintly, How 'Bout Moonies, PFS' Unclouded Summer Skies, Smart Lil Vulture, tc Mister's Silvermoon Cody, Thiz Bye Bye Bay, Small Town Dude, Dual Shaded Ace, GRH's Bellas Dun Gotta Gun, GRH's Unbroken Soul of a Devil, Gun and Slide, Gunners Styled Gangster, Heza Bat Man, Till Death, HGT's Unitato, Chapman, Black Sue Dun It, California Rose, DunIts Smart Investment, Easy Going, Frosty Lagoon, Ginny my Love, Ginger Rose, GRH's A Gun Colored Lena, GRH's Aquila T Mistery, GRH's Unbroken Magic, Magnificient Crow, Only Known in Texas, Lovin' Out Loud, Stormborn, Tainted Whiz Gun, Breia LDS, Ceara Isleen, Dakota, Leuchtfeuer di Royal Peerage, Moonshine LDS, Pocahontas, Raspberry, Wunderkerze LDS, Absolute Bullet Proof, Birk, Myrkvidr, WHC' Happy Sunshine, A Walking Honor, Chou, Jade, Like a Prayer, Kristy Killings, Honey's Aleshanee, Colonels Blue Splash, Kisshimbye, BR Dissident Whiz, Sweet like Chocolate, Drama Baby, Prias Colourful Soul, Priamos Ruffia Kincsem, Tigres Eye, Wimpys Little Devil, Miss Independent, Culain, Snapper Little Lena, Special Luna Zip, Peacful Redemption und Wildfire xx
    • Veija
      Scouting is a game for boys
      Teil I

      September 2022, von Ravenna & Veija
      Zeitliche Einordnung: Mai/Juni 2021
      Ylvi
      Ich schlug die Hand vor den Mund, spürte, wie meine Nase verräterisch zu kribbeln begann. Dann tippte ich O’, die neben mir auf der Terrasse saß, auf die Schulter, deutete in die Richtung, aus der ich die Jungs vernahm. Tschetan und Nicholas kehrten mit den Rindern wieder zurück, die in den Bergen verloren gegangen waren. Wir hatten das letzte Mal am Abend von den beiden gehört. Erst jetzt spürte ich, wie sehr die Anspannung von mir abfiel. Schon die aufreibende Suche am Abend von Betsy hatte ein ziemliches Gefühlschaos in mir ausgelöst. Sie war auch meine Verantwortung. In all dem Trubel um Tschetan und die Rinder, die Reparaturen vom Zaun, hatte ich dabei kein Auge auf sie gehabt. Vorwürfe hatten mich in der Nacht lange wach gehalten. Nach meiner Arbeit im Büro hatte ich mich hier auf die Terrasse verzogen um immer wieder auf den Hauptweg zu starren. “Sie sind wieder zurück!” hauchte auch O’ neben mir. “Sag du Caleb Bescheid, ja?” sprach ich zu ihr. O’ fackelte nicht lang meiner Bitte nachzukommen.
      Ich kämpfte weiter mit den Tränen, während ich dem kleinen Treck entgegen lief. Alle wirkten ein wenig abgekämpft. Besorgt bemerkte ich die ganzen Kratzer in Tschetans Gesicht. Einige glühten rot - sie mussten sich leicht entzündet haben. Cayce kam gleich hinter Louis aus den Stallungen gelaufen. “Ich nehme euch die Kühe ab”, verkündete Cayce schon von Weitem.
      Betsy und Kaya kamen aus dem Haupthaus gelaufen.
      “Thibló!” rief Kaya und warf sich Tschetan um die Brust. Sie mochte es vielleicht nicht ganz so gezeigt haben, aber auch sie hatte sich Sorgen gemacht. Eine Hand an den Zügeln erwiderte er die Umarmung der beiden Mädchen und musste auch kurz darauf die Meine ertragen. Als ich leise aufschluchzte vor Freude, spürte ich wie Tschetans Umarmung ein wenig fester wurde. Ich musste zu ihm aufsehen, als er mich ein Stück von sich fort hielt. Dann lächelte er, wischte mit einer Hand meine Träne von der Wange und murmelte Worte die ich nicht verstand. Wann war er eigentlich so gewachsen? Jetzt hier in diesem Moment sah ich ihn ihm nicht mehr den schlaksigen Jungen. Etwas an dieser Reise hatte ihn erwachsen werden lassen. Weinte ich deshalb? War es möglich Stolz für ein Kind zu empfinden das man nicht selbst ausgetragen hatte? Anders konnte ich mir mein Wirrwarr an Gefühlen nämlich nicht erklären. Er hielt einen Arm weiterhin um meine Hüfte als sich Betsy an ihn wandte.
      “Sollen wir beide die Pferde versorgen?”, bot sie sich an. Tschetan lächelte breit, aber erschöpft.
      “Danke für das Angebot, aber ich würde Sungila gern selbst versorgen. Vielleicht geht ihr Nicholas ein wenig zu Hand.” Er deutete auf seinen Freund. Nicholas sah ein wenig überrascht drein als ihm Betsy direkt die Zügel aus der Hand nehmen wollte. Offenbar hatte er nicht mitbekommen, was Tschetan gesagt hatte. Ich legte ihm die Hand auf die Brust. “Komm dann rüber ins Haupthaus, ja? Ich wärm euch ein wenig Essen auf. Außerdem würd ich gern deine Kratzer versorgen.” Ein Lachen mit geschlossenen Lippen, dann küsste mich Tschetan auf die Stirn.
      “Waschté, Iná.” Dann zwinkerte er und verschwand mit Nicholas an seiner Seite in Richtung der Stallungen, um mich ein wenig verblüfft stehen zu lassen. Auch Kaya brauchte einen Moment um ihrer Freundin zu folgen. Ihr Blick huschte zwischen mir und Tschetan hin und her.
      Es war das erste Mal, dass Tschetan mich Mutter genannt hatte. Nicht nur für mich … sondern auch für Kaya war das eine neue Erfahrung. Einen Moment blieb sie stehen und sah mich, fast ein wenig verwirrt, an. Dann lief sie ihrem Bruder nach. Ich musste mich auch einen Moment sammeln und rannte vor lauter Überraschung gegen eine Wand. Ich erschrak, wusste jedoch in dem Moment, in dem ich einatmete genau, in wen ich hinein gelaufen war. “Caleb!”
      “Vorsichtig, nicht zu übereifrig”, schmunzelte er. “Ich bin eigentlich nicht wirklich für ihn verantwortlich, aber…ihr müsst unfassbar stolz sein. Denn…ich bin es. Wirklich. Ich bin gespannt auf seine und Nicholas Erzählung.” Ich konnte nur Calebs Blick hinter den anderen her lächeln. Natürlich war auch er stolz. Tschetan hatte im Grunde seinen Besitz gerettet … die Pferde, die Kühe- sie alle waren Kapital für die Ranch, reines Geld. Auch wenn der Wert für Caleb natürlich weit darüber hinaus ging. Plötzlich trat eine andere Person in unseren kleinen Kreis.
      “Er ist mit dieser Aufgabe zum Mann geworden”, sprach Louis Stimme mit dem selben väterlichen Stolz wie ihn auch Caleb gehabt hat. Wieder fing meine Nase an verräterisch zu kribbeln und ich schluchzte auf.
      “Ach nun hört doch auf!”, sprach ich lachend, aber verzweifelt weil sie mich wieder zum Heulen gebracht hatten. Caleb klopfte mir grinsend auf die Schulter, Louis nahm mich halb in den Arm … und mit dem freien Arm den ich noch hatte zog ich auch Caleb nah an mich heran. Das alles hatten doch tatsächlich wir getan. Mir kam dabei ein afrikanisches Sprichwort in den Sinn, das ich vor einige Zeit in einem Film aufgeschnappt hatte: ‘Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen.’ – und unsere Ranch war wohl das beste Dorf der Welt.
      Caleb
      ‘tick… tick…’ lauschte ich meiner Armbanduhr. Der Raum war erfüllt von einer kurzen Stille. Erneut öffnete sich die Tür, jemand kam herein und setzte sich in unsere Runde dazu. Wieder fingen Tschetan und Nicholas von neuem an, ihre Geschichte zu erzählen. Wie oft hatte ich den Anfang bereits gehört? Zwei, nein drei Mal? Aber das war egal. Es war vollkommen egal. Ich könnte den Anfang der Geschichte auch hundert Mal von Neuem anhören, ich würde jedes Mal das Gleiche empfinden. Stolz. Unglaublichen Stolz, dass die Beiden die Kühe gefunden und alle wohlbehalten zurückgekehrt waren.
      Tschetan kam nun endlich zu dem Punkt, an dem er einen Abgang von Sungila gemacht hatte. Nicholas unterbrach ihn: “Und dann … das hättet ihr sehen müssen, macht die Stute eine 180 Grad Drehung und rennt ins Gebüsch. Den armen Tschetan hat sie einfach mitgezogen. Das ging alles so schnell! Bestimmt fünf Meter hat sie ihn durch die Dornen gezogen – es war alles voll! Sein Gesicht zerkratzt, die Haare voller Dornen und …”
      “Na nun übertreib nicht”, holte Tschetan ihn zurück auf den Boden der Tatsachen, “es waren vielleicht zwei Meter. Sungila hat selbst gemerkt, dass das wohl keine so gute Idee war, da hinein zu springen. Ich hab mich dann aber mit Nicholas‘ Hilfe befreit“, beendete er seinen Satz an Nicholas gewandt und erzählte dann für uns alle weiter.
      „Das klingt nach einem richtig tollen Abenteuer! Uns hat Cayce nur durchs Tal gehetzt.“ Octavia sah sich in der Runde um, Cayce fehlte noch. „Meinst du da stimmt was nicht mit den Rindern?“ Ich horchte auf.
      „Wenn etwas nicht stimmen würde, dann hätte er schon einen von uns gerufen“, beschwichtigte ich sie und wandte mich an Nicholas. „Ich danke dir für deine Unterstützung, das war nicht selbstverständlich.“
      „Hab ich gern gemacht, es ist zum Glück ja alles gut gegangen. Es hat sogar Spaß gemacht! Ich hab Tschetan schon gesagt, dass ich das gerne nochmal machen würde. Ein paar Tage im Sattel, unterm Sternenhimmel schlafen und sich von der Natur ernähren. Nur … nächstes Mal möchte ich nicht nur von Grünzeug leben!“ Er schaute Tschetan direkt an, beide grinsten.
      „Erzähl!“, sagte Betsy und rutschte unruhig auf der Bank hin und her.
      Tschetans Magen knurrte. „Wo wir von Essen sprechen …“, Ylvi erhob sich, öffnete die Ofentür und nahm die Steaks und die Fritten heraus, teilte es auf zwei Teller auf und stellte sie den Jungs vor die Nase. „Kommt, lasst sie mal wieder zu Kräften kommen. Mit weiteren Fragen löchern könnt ihr sie später noch.“ Ich blickte zu Ylvi rüber. Sie benahm sich so … fürsorglich. Die Mutterrolle schien ihr zusehends leichter zu fallen. Ich lächelte in mich hinein, erhob mich und setzte mir den Hut auf den Kopf.
      „Na dann geh ich mal nach unseren Ausreißern und nach Cayce gucken.“
      „Ich komm mit“, fügte Betsy an und sprang von der Bank. Ich hatte ein paar der Stühle durch eine schöne Bank ersetzt. Besonders Kaya und Betsy nahmen gerne darauf Platz. Ich hatte aber auch schon Laurence und Dolly darauf sitzen und Kaffee trinken sehen.
      „Caleb warte!“, Aimee stand auf, „hier, die sind ja noch von dir.“ Sie überreichte mir meine Kleidung, die O ihr am vergangenen Abend gegeben hatte.
      „Wenigstens auf einen von euch ist Verlass.“ Ich blickte O direkt an, bekam aber lediglich ein Schulterzucken zur Antwort. „Komm“, sagte ich an Betsy gewandt, legte die Kleidung im Flur auf die Kommode und verließ das Haus. Mir fiel zunächst gar nicht auf, dass uns jemand folgte. Als ich jedoch zwei Mädchen hinter mir kichern hörte, wusste ich, dass Kaya das Haus mit uns verlassen hatte.
      Bei den Rindern angekommen konnte ich Cayce nirgends sehen. „Wo ist der denn jetzt abgeblieben?“, fragte ich mehr mich selbst als die Mädchen und schaute mich um. Die Herde hatte sich beruhigt. Fast alle Kälber lagen im saftigen Grün und schliefen, während sich ihre Mütter und die anderen Tiere die Bäuche vollschlugen. Beim Kauf von Bow River hatte ich eine Herde von um die 30 Tieren gehabt, nun waren es noch 13 Erwachsene und 4 Kälber von diesem Jahr. Vor dem letzten Winter waren die Jungbullen verkauft worden, weiß Gott warum davon so viele in der Herde gewesen waren. Mit den 17 Tieren hatte ich, neben den ganzen Pferden, dennoch genug – mehr mussten es nicht mehr sein.
      Cayce tauchte in meinem Blickfeld auf. Er hielt eine Dose Blauspray in der Hand und wank mich zu sich rüber. “Hab den halben Stall danach abgesucht, war nicht in der Kiste, wo es hätte sein sollen”, murmelte er und ging auf eines der Kälber zu. “Das blutet vorne an den Beinen, scheint irgendwo hängen geblieben zu sein.” Cayce wies mich an, mich auf den Hals des Tieres zu knien, damit es nicht aufspringen konnte, nachdem wir es auf die Seite gelegt hatten. Noch bevor die neugierige Mutterkuh uns erreicht hatte, waren besagte Stellen mit dem Blauspray eingesprüht und wir konnten uns vom Acker machen. “Hab die anderen Tiere auch kontrolliert, mir ist nichts weiter aufgefallen.”
      “Danke Cayce.”
      “Die sehen ganz schön müde aus”, meinte Betsy und zeigte auf die schlafenden Kälbchen.
      “Gib denen einen halben Tag, dann springen die wieder hier über die Wiese”, lachte Cayce, “wir müssen mal schauen ob wir die Tiere erstmal hier auf der Weide lassen, bis der Zaun repariert ist. Das ist ja eigentlich eine der Jungpferdeweiden.” Ich nickte und überlegte.
      “Wir lassen sie erstmal hier, den Zaun zu reparieren dauert ja auch nicht ewig … apropos, kannst du dir Bellamy und Brian schnappen und schon mal anfangen fahren? Ich muss noch zwei Telefonate erledigen. Nicholas Eltern haben mich angerufen wegen Rocket, ob ich einen Platz für ein Berittpferd frei habe – und ich wollte noch bei den Züchtern von Benny anrufen, ob sie noch so ein farblich tolles Pferd zum Verkauf haben.”
      “Hast du nicht bald mal genug Pferde, Caleb?”, Cayce sah mich fragend an, “eigentlich könnte ich mir mal noch eins zulegen. Neben Shorty wäre ein zweites rancherfahrenes Pferd nicht schlecht.” Er sah mich fragend an.
      “Ich schau mal in meinen Unterlagen, vielleicht wäre eine meiner cuttinggezogenen Stuten ja was für dich?”
      “Ich tendiere zwar eher zu einem weiteren Wallach … aber ja, schau mal.”
      “Hmmm”, überlegte ich und sortierte Pferdenamen in meinem Kopf, “hol dir sonst mal Tate für die Arbeit, vielleicht könntest du was aus ihm machen?”
      Cayce nickte und verschwand mit dem Spray in der Hand zurück in die Stallungen.
      “So, Mädels. Was macht ihr jetzt?”
      “Ich glaube … wir gehen ausreiten”, verkündete Betsy Kayas und ihren Plan selbstsicher. Kaya nickte nur.
      “Passt auf euch auf.”
      “Jaja, immer.” Damit verschwanden die beiden in Richtung des Paddocks, auf dem noch die Pferde für die Ferienranch standen.
      *
      Ylvi
      Mit zwei größeren Kartons in den Armen stiefelte ich hinter Betsy gerade die Treppe im Haupthaus hinauf. Vorsichtig darauf bedacht, mein Gleichgewicht nicht zu verlieren, tastete ich nach den Stufen. Die Kartons waren nicht schwer, aber ätzend zu greifen. Betsy hatte sich in den letzten Tagen dazu entschieden, was von dem Kram aus dem Bungalow noch in ihr Zimmer sollte. Direkt hinter mir hörte ich das Ätzen von Caleb und Tschetan. Die beiden mussten gerade eine der Kommoden die Treppe rauf befördern. Gerade in dem Moment fing Calebs Handy an zu klingeln. “Verdammt, wenn das jetzt Nicholas Eltern sind krieg ich die Krise”, murrte er.
      Seit beinahe zwei Tagen versuchte er die Familie zu erreichen, aber irgendwie war das Ganze wie verhext. Entweder sie verpassten einander oder der Zeitpunkt war ungünstig. “Du könntest auch einfach rüber fahren”, kam es vom Treppenabsatz ganz altklug von Betsy. Tschetan lachte leise.”Genau Caleb. Du könntest auch einfach rüber fahren.” Offenbar hatten die Kids damit das schlagende Argument gehabt, denn stumm trugen die beiden Männer das Möbelstück bis ins Zimmer. Betsy und Kaya standen inmitten des Chaos, das nun Betsys Zimmer war. Ganz überwältigt stand sie etwas verloren darin.
      “Was hälst du davon: wir bringen hier eine Art Grundreine hinein und die Männer schicken wir zur Ranch von Nicholas Eltern?” Betsy nickte mir milde lächelnd dankbar entgegen. Ich drehte mich zu Caleb. “Schnapp dir am besten auch Nicholas. So oft wie der Junge aktuell hier ist, können sich seine Eltern bald nicht mehr an sein Gesicht erinnern.”
      “Darf ich fahren?!” fragte Tschetan aufgeregt.
      Ich deutete auf den jungen Mann: “Du, bist erst 15!”, im selben Zug drehte ich mich halb zu Caleb, der sich gerade von Betsy verabschiedete, “wag es dir bloß nicht ihn fahren zu lassen.”
      Tschetan murrte ein wenig vor sich her. “Komm schon, du hast nur noch einen Monat bis zu deinem Geburtstag. Das Warten sollte doch kein Problem werden.”
      Als die Geräusche verstummt waren, drehte ich mich zu den Mädchen um. “Was waren deine Ideen Betsy?”
      “Drüben im Bungalow hatte ich mein Zimmer irgendwie größer im Sinn”, dabei klang sie etwas bedrückt. Auch ich sah mich erstmal kurz um, verschaffte mir einen Überblick. Rief mir ins Gedächtnis, was wir in welche Schubladen geladen hatten.
      “Was hälst du von der Idee deine Sachen auch nochmal zu sortieren? Alles womit du ohnehin nicht mehr spielst, die Klamotten die du nicht mehr trägst? Einiges davon könnten wir versuchen zu verkaufen, das geht direkt in dein Sparschwein. Alles andere spenden wir?” Das war für Betsy kein neuerliches Unterfangen. Wir hatten genau denselben Prozess erst bei Kaya unternommen, als Tschetan ausgezogen war. Sie hatte sich ein etwas “erwachseneres” Zimmer gewünscht. Betsy allerdings kämpfte noch immer damit nicht alles von ihrem Vater loslassen zu können. Meiner Meinung nach war viel zu viel von dem Zeug im Keller gelandet und wir würden es vermutlich nie wieder benutzen. Einer 12 - jährigen konnte ich allerdings auch schlecht sagen was in meinen Gedanken dazu vor sich ging – “Ins Grab kannst du ohnehin nichts mitnehmen”. Daher hatte ich da versucht, eine Neutrale Position zu haben.
      “Ich denke da gibt es so einiges mit dem Andere mehr anzufangen wissen als ich”, kam Betsys ungewöhnlich nüchtern betrachtete Antwort. “Da hinten in der Kiste sind lauter Puppen drin …die …”, sie seufzte “hat mir zwar meine Mama gekauft, aber ich denke wirklich ein anderes Kind wird sie genauso mögen wie ich.”
      Damit gingen wir ans Werk. Wir leerten einige der Klamottenkisten. Kaya zauberte aus der Federtasche einen dicken schwarzen Filzer mit dem wir die Kisten beschrifteten mit “trash” “keep” und “sell”.
      Mitten in der Arbeit lugte Louis plötzlich durch die Tür in das Zimmer. Kaya lächelte ihm entgegen. “Ist Tschetan in der Nähe?” fragte er mit gedämpfter Stimme. Ich schüttelte den Kopf.
      “Ich hab ihn mit Caleb und Nicholas rüber zu den Eltern von Nicholas geschickt.”
      "Fantastisch", damit kam Louis nun ganz ins Zimmer. Auf den Armen balancierte er einen runden Karton. Mein Gesicht hellte sich auf.
      “DAS ging aber flott!”
      “Unsere Frauen haben eben flinke Hände”, feixte er besonnen. Ich kommentierte das mal lieber nicht. Louis kam hinunter zu uns auf den Boden. Im Schneidersitz ließ er sich nieder und schob den Karton näher zu mir. Auch die Mädchen kamen nun neugierig heran. Louis nahm quälend langsam den Deckel von der runden Schachtel. Darin befand sich etwas verborgen unter Verpackungsmaterial – wie ich wusste – ein Hut. Ich erlaubte mir das Papier beiseite zu nehmen.
      Unsere Blicke fielen auf einen schwarzen Hut im Cowboystil. Louis nahm ihn vorsichtig heraus. Rund um die Krempe war der Hut mit hunderten kleinen Perlen bestickt. Kleine Vierecke in den Farben gelb, weiß und schwarz lösten sich mit kleinen Dreiecken in rot ab. Ein Lederband schlang sich um die Erhebung des Hutes. Das Leder war naturfarben, würde sich also im Laufe der Zeit durch die Sonne von selbst verfärben und eine besondere Patina bekommen. Auf das Leder war an einer Stelle ein weiterer geformter Streifen genäht worden. Diese sah aus, als könne man dort etwas hinein stecken. Louis griff ein weiteres Mal in den Karton. Ich erkannte erst auf den zweiten Blick, was es war. Hörte aber wie Kaya nach Luft schnappte. Louis öffnete seine Hand. Darin lag eine große weiß/bräunlich schwarze Feder. Sie war ein Stück größer als seine Hand. Ihre Ränder schienen ein wenig ausgefranst. Nur ihr unteres Ende war weiß, darin befanden sich einige der Sprenkel. Das Braun war wunderschön gemustert. “Eine Adlerfeder?” fragte ich. Ich wusste, dass die Tiere unter Naturschutz standen. Sogar der Besitz einer solchen Feder war schwierig.
      “Logan hat sie mitgebracht. Sie hat einst seinem Vater gehört”, sprach er stolz. Damit nahm er sie und steckte sie in die kleine Lasche die an den Hut genäht worden war. Ich jedoch horchte auf. “Logan?”
      “Ja, sonst wäre das Paket länger unterwegs gewesen. Logan hat den Hut und die Feder aus Pine Ridge mitgebracht.” Über das letzte Jahr hinweg hatte Logan selten Zeit auf der Ranch verbracht. Er war oft in der Reservation gewesen, irgendeinen Verwandten pflegen, Kinder unterrichten.
      “Wird er jetzt eine Weile bleiben?”, fragte ich. Louis sah zu den beiden Mädchen, schien zu überlegen, wie viel er sagen sollte. Ich erkannte, dass da mehr dahinter war. “Ich denke, er wird eine Weile bleiben, ja.”
      “Oh fein! Dann kann ich ihn mit meinen Worten überraschen”, strahlte Kaya. Dabei fiel mir ein … natürlich, Logan wusste nicht, dass Kaya ihre Sprache wiedergefunden hatte. “Wann bekommt Tschetan den Hut?”, fragte sie weiter. Louis zuckte mit den Schultern.
      “Ich hatte vor, ihm den Karton einfach auf’s Bett zu stellen. Ganz unspektakulär.”
      Kaya und Betsy zogen einen Schmollmund. “Wir wollen seine Reaktion sehen!!”
      “Louis und ich überlegen uns da etwas. Bring du den Hut in Sicherheit. Die Mädels und ich haben noch ein wenig zu tun hier.” Damit deutete ich Diffus auf das gelichtete Chaos um uns herum.
      “Gut, dann bis zum Abendessen?”
      “Vergiss nicht wir wollten später noch die Zäune an den Nordhängen kontrollieren. Wir hatten dort lang keine Rinder drauf. Aber Caleb und Cayce haben die Weiden für die Herde samt Kälber ausgesucht. Bevor wir sie dahin treiben, sollten wir die nochmal prüfen.”
      Ich schlug mir mit der Hand an die Stirn. “Ja, gut das du mich daran erinnerst. Wir machen hier schnell. Dann in 2 Stunden im Stall!”
      Tschetan
      Im Flur setzte sich Caleb seinen Hut auf den Kopf, die Sonne begann nun langsam schon ätzend vom Himmel zu scheinen. Meinen Alten konnte ich nicht mehr benutzen – mittlerweile war er zu klein für meinen Kopf. Also schnappte ich mir eines der Tücher und band es mir über die Haare, also um meine beiden geflochtenen Zöpfe. Ich war stolz, wie lang sie im vergangenen Jahr gewachsen waren. Aimee hatte mich in Sachen Haarpflege ein wenig unterstützt. Ich sprach es nicht direkt an, aber dafür war ich ihr doch etwas dankbar.
      “Such du am besten mal Nicholas. Ich hol derweil den Wagen. Wir treffen uns an der Auffahrt”, meinte Caleb beiläufig.
      Ich musste gar nicht lang suchen, denn ich hatte Nicholas, nachdem Ylvi mich zum Tragen helfen abkommandiert hatte, in den Stallungen der Hengste zurückgelassen. Da ich die Boxen oft genug allein gemistet hatte, wusste ich, dass man damit eine ganze Weile beschäftigt war.
      Tatsächlich fand ich Nicholas nur vier Boxen weiter von der Stelle, an der ich ihn verlassen hatte. Mit Kopfhörern auf den Ohren schaufelte er eine Mistgabel Pferdemist und Pellets auf die Karre. Bevor er mich dabei erwischen konnte, wie ich ihn anstarrte, trat ich näher an sein Blickfeld heran. Ob sein Schrecken nur gespielt war oder nicht, konnte ich nicht ganz deuten. Aber er hielt sich die flache Hand an die Brust, seufzte. Schob sich dann die Kopfhörer in den Nacken. “Scout, du hast mich erschreckt!”
      Ich fühlte mich noch ein wenig unsicher und war froh, dass meine heiß werdenden Ohren vom Tuch um meinen Kopf bedeckt waren. Nicholas hatte mich in den letzten Tagen begonnen so zu nennen. Er war ohnehin der Meinung, dass jeder einen Spitznamen benötigte. Nach unserem Abenteuer mit den Kälbern, hatte er diesen für mich gewählt. Meinen Vorschlag, ihn Lassie zu nennen, hatte er nicht witzig gefunden. Noch überkam es mich mit Scham, dass er mich Scout nannte. Meiner Meinung nach war das Ganze keine allzu anspruchsvolle Sache gewesen.
      “Ich hatte nicht vor dich zu erschrecken. Aber Ylvi hat beschlossen dir Feierabend zu verschaffen. Caleb wollte zu deinen Eltern hinüber, da sie am Telefon nie zueinander finden.”
      “Hilfst du noch eben dabei den Mist hier loszuwerden?”
      “Kipp ihn zurück in die Box”, feixte ich, drängelte Nicholas aber von seiner Position und ergriff beide Griffe der Schubkarre, wollte gerade los stiefeln, da spürte ich Zug am Kragen meines Shirts.
      “Ich meinte eigentlich das Schaufeln in den Container!” Ich sah nur leicht über die Schulter, lief weiter ungeachtet des Zuges auf meine Kehle bis Nicholas los ließ und so etwas wie ‘unverbesserlich’ seufzte. Er beeilte sich vor mich zu kommen, um die breite Tür der Stallungen aufzuhalten. Dort ums Eck befand sich unsere Mistplatte, die in den letzten Stunden offenbar schon jemand entleert hatte! So konnte ich einfach rauf fahren und die Karre am hintersten Ende entleeren.
      “Das war einfach”, stellte ich zu Nicholas gewandt fest. Die Karre und die Mistgabel in die Abstellkammer zu verfrachten stellte nun kein Problem mehr dar.
      Nicholas verschwand noch eben im Bad in Stalltrakt, wusch sich Hände und Gesicht. Ich lehnte an der Tür, warf ihm das Handtuch ins Gesicht, als er gerade danach greifen wollte. “Komm schon, sonst fährt Caleb ohne uns!” drängelte ich nun doch etwas.
      Caleb
      Nach etwa einer dreiviertel Stunde Fahrt passierten wir gerade die Aspen Crossing Train Station, als ich den Blinker setzte und vor Mossleigh auf die Range Road 250 abbog. Nach einem erneuten Blick in den Rückspiegel ließ ich den Wagen ausrollen und hielt am Straßenrand an. “Verpetz mich ja nicht an Ylvi”, zischte ich zwischen zusammengebissenen Zähnen, grinste dann jedoch in Richtung des Beifahrersitzes, auf dem sich Tschetan befand. Seine Miene hellte sich auf, in sekundenschnelle sprang er aus dem Wagen, lief um die Motorhaube herum und wartete ungeduldig darauf, dass ich ausstieg. Schneller als ich schauen konnte, nahm er meinen Platz hinter dem Steuer ein und begann damit, Sitz und Spiegel passend für sich einzustellen.
      Wenn wir mit dem Truck bei den Weiden unterwegs waren, hatte ich ihn schon des Öfteren fahren lassen. Da er sich dort ganz gut angestellt hatte, hielten sich meine Sorgen, auf einer richtigen Straße könnte etwas passieren, in Grenzen.
      “Denk an … ja … und fahr jetzt langsam.. lenken nicht vergessen, sonst landen wir im Graben.” Okay zugegeben, ein wenig nervös war ich dennoch.
      “Darf ich auch gleich ein Stück fahren?”, fragte Nicholas auf einmal von hinten und steckte seinen Kopf zwischen den beiden vorderen Sitzen nach vorne.
      Ich lachte. “Auf gar keinen Fall.”
      “He, warum nicht?”
      “Wie alt bist du eigentlich?”
      “Ich bin 15.”
      Verwundert drehte ich mich halb zu ihm um. “Und wann wirst du 16?”
      “Nächstes Jahr im … Februar.”
      “Dann frag mich im Januar nochmal.”
      “Aber …”, wollte er protestieren, wurde jedoch jäh von mir unterbrochen.
      “Ich lerne in einer halben Stunde deine Eltern kennen, würde wohl keinen guten Eindruck machen, wenn ich ihnen gleich zu Beginn sagen muss, dass ihr Sohn meine Karre geschrottet hat?” Tschetans Mundwinkel zuckten belustigt nach oben. Ich folgte seinem Blick zum Rückspiegel, durch den er Nicholas beleidigtes Zurücksinken in seinen Sitz beobachtete.
      “Mach dir nichts draus”, murmelte er, “für Januar hast du doch quasi eine Zusage.”
      “Das hab ich so nicht gesagt”, protestierte ich und wechselte vielsagende Blicke zwischen Tschetan und dem Nicholas - Spiegelbild.
      “Komm … gib dir einen Ruck, Caleb.”
      Ich blickte Tschetan mit hochgezogener Augenbraue an, ließ seine Aussage jedoch unkommentiert. Ich schaute wieder zur Straße und gab ihm die Anweisung, nun hier links abzubiegen und bei der Nächsten nach rechts. Von hier an ging es so lange geradeaus, bis wir wieder auf den Highway stoßen würden. Kurz vorher hielten wir an, tauschten erneut die Plätze und fuhren das letzte Stück bis in die Nähe von Queenstown. Von der Range Road 221 bog ich ein letztes Mal nach rechts ab auf die Township Road 194, ehe wir den Hof auf der rechten Seite erblickten.
      Hinter dem Wohnhaus befand sich eine kleine Stallung. Zur linke Hand ein wenig Weide mit Wald und einem Unterstand, zur rechten Hand einige Paddocks und ein größeres Stück Koppel, welches in kleinere Sektionen unterteilt war.
      “Hier links beim Wald stehen unsere drei Pferde”, erklärte Nicholas und zeigte nach vorne. Am Zaun im Schatten der Bäume stehend erkannte ich die Tiere.
      “Die gehen wir uns gleich als Erstes anschauen”, kommentierte Tschetan.
      “Zuerst”, sagte ich mit Nachdruck, “gehen wir hallo sagen.”
      Wir saßen schon eine ganze Weile in der Küche des gemütlichen Hauses. Nicholas Eltern, Tamara und Aiden Brixton, stellten sich als unglaublich nette Leute heraus, die nur leider ihr Telefon fast nie mit sich führten.
      “ … und so sind wir zur Deckstation gekommen”, beendete Aiden gerade seine Erzählung, wie sie den kleinen Hof hier gekauft und zu ihrem Beruf gekommen waren. Viele der Hengste standen zur Decksaison hier und waren für diese Zeit aus dem Training. Verließen sie den Hof wieder, wurde das Training vielerorts wieder aufgenommen. Rocket entstammt eines Tausches, war hier in der kleinen Wallachherde aufgewachsen, brauchte nun aber dringend eine andere Aufgabe. Er war bereits für ein halbes Jahr zum Einreiten weg gewesen. Man merkte ihm aber nun an, dass er mit den drei Wallachen nicht mehr zurecht kam und sich langweilte. Ständig war er hinter den älteren Tieren und forderte sie zum Spielen auf. “Ich glaube, wenn er in eine kleine, gleichaltrige Herde kommt, wo die Pferde mit ihm spielen, wird er wieder viel ruhiger – außerdem würde ihm Training ganz gut tun und …”
      “Okay, jetzt, wo es ums Geschäftliche geht, verabschieden wir uns. Wir gehen eine Runde mit unseren Pferden ausreiten.” Nicholas erhob sich, Tschetan tat es ihm gleich.
      “Nehmt stattdessen doch lieber die beiden Füchse der Mädels, die haben mal wieder Bewegung nötig”, nickte Tamara den Jungs zu.
      “Okay, Ma.” Damit verließen sie den Raum und auch sogleich das Haus.
      Aiden räusperte sich. “Wo waren wir.. ach ja, genau. Wir hatten überlegt, Rocket zu verkaufen, würden ihn aber vielleicht lieber ins Training geben. Er ist Reining gezogen, soll trainiert und auf Turnieren vorgestellt werden. Wenn er sich gut macht, kommt er nochmal her, um zu Decken … außerdem hätten wir da seit Kurzem noch zwei Standardbreds und einen Draft Mix.”
      Bei Letzterem horchte ich auf. “Draft Mix?”
      “Ein Percheron - Quarter Horse Mix. Romeo, wunderschönes Tier!”, schwärmte Tamara, “etwas größer und stämmiger als die üblichen cuttinggezogenen Quarter, absolut klar im Kopf und unglaublich lieb.”
      “Den möchte ich mir direkt anschauen!”, verkündete ich mit großem Interesse und stand auf. Aiden tat es mir gleich, geleitete mich zur Tür und wir gingen zu den Stallungen. ‘Das wärs noch für die Ranch’, dachte ich und folgte Aiden gespannt.
      Tschetan
      “Du wirst dich vielleicht ein wenig umgewöhnen müssen”, sprach Nicholas neben mir. “Umgewöhnen?”
      “Wirst du gleich sehen”, grinste er verschmitzt.
      Mit den beiden Füchsen am Strick stiefelten wir zur Seite des Gebäudes, an dessen Außenwand eine solide Eisenstange zum Anbinden diente. In der Sattelkammer angekommen ahnte ich langsam, was Nicholas gemeint haben könnte. “Die Pferde sind keine Quarter, richtig?”
      “Die beiden Füchse nicht”, feixte Nicholas. Ich griff nach dem Putzkasten, den er mir herüber gab. Mit halbem Grauen starrte ich darauf. Er war knallpink mit rosafarbenen Verschlüssen. “Die beiden gehören derselben Familie. Deren Töchter sind in einem Auslandsjahr, also sind die Hengste beide hier zum decken.”
      “Fantastisch.” Ich wusste wie englisches Equipment angelegt wurde, schließlich gab es auch auf der Ranch durch O’ durchaus Pferde, die nicht den Westernsattel trugen. Richtig angefreundet hatte ich mich jedoch nie mit ihnen. “Alles klar. Ich reite ohne Sattel”, verkündete ich daher. Drehte ohne eine Antwort abzuwarten auf dem Absatz um – mit dem pinken Albtraum an einem Ende des Arms hängend. Ich musterte gerade beide Pferde genauer. Vorher hatte ich sie mir nicht so genau angeschaut. Sie waren deutlich feingliedriger als die stämmigen Quarter, die ich mittlerweile gewohnt war. Allerdings auch nicht so groß, wie die wenigen Vollblüter von Bow River. Ich konnte die Rasse tatsächlich nicht erkennen. Trotzdem waren beides genügsame und hübsche Pferde.
      ”Foxtrotter”, sprach Nicholas plötzlich neben mir.
      “Mhm?”
      “Du hast sie so angestarrt. Die beiden sind Missouri Foxtrotter. Nur falls du ergründen wolltest, was für Rassen die sind.”
      “Aber wieso bildet man sie dann nicht Western aus?”
      “Vermutlich, weil die beiden Distanzritte gehen. Mit ihrer besonderen Gangart eignen sie sich da hervorragend für.”
      Wir putzten die Beiden nur in der Sattellage über, huschten dann in die Kammer zurück, da wir möglichst viel Zeit auf dem Ritt verbringen wollten.
      “Macs Sattel ist der da”, Nicholas hatte seinen bereits auf den Arm gehievt und griff gerade nach der Trense. “Die daneben ist auch von deinem.”
      Ich ignorierte also den Sattel und griff nur nach der Trense ehe ich Nicholas hinaus folgte. “Das war also kein Scherz?”
      “Nein, ich kann mich an diese englischen Sättel einfach nicht gewöhnen.”
      “Ich fühl mich ohne Sattel immer ziemlich unsicher”, gestand Nicholas mir.
      Ich zuckte die Schultern: “Das ist keine Schande, aber du könntest es üben. Vielleicht auf Sungila, sie hat tolle Gänge.”
      “Du würdest sie mich reiten lassen?”
      “Natürlich…ich darf doch jetzt auch Mac reiten.”
      Während des Auftrensens hatte ich allerdings meine leidliche Not. Da waren plötzlich so viele Schnüre! Für Sungila hatte ich manchmal nur ein Bosal oder immer öfter ein sogenanntes War Bridle. Ich schielte ab und an zu Nicholas hinüber. Der war allerdings noch mit dem Sattel beschäftigt. Gerade als ich einen Schritt zurück machte, um mein Werk zu betrachten, trat ich Nicholas auf die Zehen, denn er stand plötzlich hinter mir.
      “Erster.”
      “Oh Sorry!”, sagten wir wie aus einem Munde. Dann sah ich ihn verwirrt an.
      “Erster?”, ich lehnte mich mit mehr Gewicht auf das eine Bein. Die Trense fehlte am Kopf seines Fuchses.
      “Erster Auftritt”, Nicholas lächelte, “meine Eltern sind…oder eher waren begnadete Tänzer. Als ich klein war waren wir oft im Training unterwegs oder so. Und immer wenn mein Vater meiner Mutter auf die Zehen getreten ist. Hat sie gezählt. Und das eben? War dein erster.”
      “Und letzter”, murmelte ich, “was musst du dich auch so heran schleichen?”
      Nicholas legte seinen Kopf leicht schief, ein Mundwinkel halb nach oben gezogen: “Und ich dachte, du wärst der Leisere von uns.”
      “Zum eigentlichen Problem – ich hab’ da ‘nen Riemen übrig”, damit hielt ich den schmalen Riemen vor sein Gesicht.
      Nicholas schielte leicht zu Mac hinüber.
      “Der ist mir auf dem Weg rausgefallen. Hab Nachsicht mit mir, ja?” Nicholas gab ein kleines unterdrücktes Lachen von sich.
      “Häng ihn einfach über die Stange, das is nur der Sperriemen. Brauchst du ohnehin nicht.” In seinen Worten griff er sachte nach meiner Hand, schnappte sich den Riemen und hängte ihn über die Eisenstange.
      “Du meinst also alles richtig verschnallt?” Nicholas nickte.
      “Dann mach dich schonmal mit Mac vertraut, dann mach ich Cheese weiter fertig.”
      “Cheese?”
      Nicholas zuckte die Schulter: “Die hingen wohl schon immer aneinander. Also heißen sie Mac n’ Cheese.” Ich konnte nicht ohnehin die geschlossene Faust vor der Stirn kreisen. Zu lang hatte ich mit Kaya die Zeichensprache verwendet. Nicholas kannte das Zeichen mittlerweile auch und schien mir mit seinem Lächeln zuzustimmen.
      “Mach du den Käse fertig. Ich komm selbst auf das Pferd.“ Ich griff mir ein Büschel der kurzen Mähne von Mac, hüpfte leicht auf der Stelle, um mich dann mit Schwung auf dem blanken Pferderücken nieder zu lassen.
      “Vielleicht sollte ich wirklich mehr üben, ohne Sattel zu reiten”, merkte Nicholas an, bevor wir uns endlich auf den Weg machen konnten, die Umgebung auszukundschaften.
      Caleb
      Im Stall angekommen blieben wir allerdings zunächst bei Rocket stehen. ‘Rocking Waves’, stand auf dem Boxenschild. Toller Name für ein unglaubliches tolles Tier! Der Palominohengst hatte eine gewellte, dichte und lange Mähne, welche gerade zu Zöpfen geflochten war. Auch der Schweif befand sich in einem dicken Geflecht.
      “Ich würde dir ja anbieten, dass du ihn mal testen kannst vor dem Mitnehmen, aber leider haben wir hier keinen Platz oder ähnliches”, murmelte Aiden, doch ich wank ab.
      “Das ist kein Problem, ich muss den jetzt hier nicht reiten. Auf Bow River werde ich dazu noch Gelegenheit genug bekommen”, antwortete ich, schnappte mir dennoch das Halfter an der Boxentür und ging zum Hengst rein. Er streckte mir den Kopf entgegen, ließ sich willig aufhalftern und in die Stallgasse führen. Dort begutachtete ich ihn, ließ ihn mir einmal von Aiden vortraben und stellte ihn zufrieden wieder in die Box. “Ich bin mir sicher, dass ich meine Freude mit ihm haben werde.”
      Aiden nickte und ging eine Box weiter, in der ein schicker Blue Roan mit blauen Augen stand. Ich lachte: “Mit den Augen passt er zu dreiviertel der Tiere auf meiner Ranch.”
      Aiden horchte auf. “Ach ja?”
      “Ja”, lachte ich und nahm den Hengst an die Hand.
      “Vierjährig”, erklärte Aiden, “gezogen vom Lindö Dalen Stuteri. Vandal LDS ist sein voller Name, von Alfred’s Nobelpreis aus der Rainbeth.”
      Ich hörte ihm aufmerksam zu, ehe ich mir den Hengst ebenfalls vortraben ließ. “Der gehört auch euch?”, fragte ich, ehe er das Tier wieder in die Box stellte.
      “Genau, den haben wir gekauft und noch einen vom LDS, hier, komm.” Damit gingen wir zu einer der hintersten Boxen. “Heldentum LDS, von Wunderkind aus der Götterdämmerung. Negativ auf alle Scheckgene.”
      “Das ist doch ganz klar ein Frame Overo?”, fragte ich verwundert und beobachtete Aiden dabei, wie er den Kopf schüttelte.
      “Nein, alles negativ. Der ist auch nicht der erste Bunte aus der Anpaarung. Das LDS forscht wohl gerade daran, weshalb er und seine Geschwister, ein oder mehrere, so aussehen, wie sie aussehen.”
      “Interessant”, schlussfolgerte ich, “deshalb habt ihr den gekauft? Mit der Farbe lässt er sich später wohl besser vermarkten.”
      “Exakt”, Aiden lachte und führte mich endlich zu dem Pferd, von dem wir eben im Haus gesprochen hatten, “das ist Romeo, eigentlich Fancy Like Romeo. Vater ist ein Percheron, Mutter ein Cutter.”
      “Den darf ich bestimmt auch mal rausholen?”
      “Tu dir keinen Zwang an.”
      Mit dem Halfter, welches an seiner Box hing, ging ich zu dem Hengst rein. Romeo brummelte leise, sah von seinem Heu auf und kam mir einen Schritt entgegen. Ich streichelte ihm sanft über den Schopf, zog ihm das Halfter an und führte ihn in die Stallgasse. Er folgte willig, ließ die Ohren spielen und sah sich um. Am Ende des Stalles brummelte eines der Tiere, Romeo wandte nur den Kopf und schaute in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war. Wenige Sekunden später, ohne einen Ton von sich zu geben, schaute er wieder zu mir. “So einer fehlt mir noch”, lachte ich. Ich wollte ihn zurück in die Box stellen, doch Aiden bestand darauf, ihn auch ein wenig vortraben zu lassen. Entgegen meiner Erwartungen stellte ich kaum einen Unterschied zu einem echten Quarter fest. “Toller Beweger”, schlussfolgerte ich, ehe Romeo wirklich wieder in die Box kam.
      Wir schauten uns noch ein paar der anderen Deckhengste an.
      Gerade, als ich den Stall wieder verlassen wollte, hielt mich Aiden zurück.
      “Hör mal Caleb, dass du Rocket mitnimmst, ist ja beschlossene Sache. Aber hast du noch Kapazitäten für die anderen drei Pferde? Romeo, Hero, also Heldentum und Vandal? Mir fehlt es hier im Moment an allen Ecken, die stehen sich nur die Beine in den Bauch. Zum Decken kann ich sie ja noch nicht nehmen, weil sie noch nicht gekört sind. Tamara und ich dachten, es wäre eine gute Idee, auch eigene Hengste zu halten und nicht nur mit Fremden zu arbeiten. Leider scheitert es an der Zeit. Tamara arbeitet zusätzlich in einem Diner in Mossleigh, die Rechnungen wollen schließlich bezahlt werden, deshalb ist sie weniger hier, um zu helfen.” Aiden klang aufrichtig, aber auch ein wenig verunsichert. “Verkaufen wollte ihr sie nicht, oder?”
      Er schüttelte den Kopf: “Nein, erstmal nicht. Vermutlich wäre Vandal aber das erste Pferd, welches wir anbieten würden. Nicht, dass er nicht auch toll wäre, im Gegenteil. Aber man hat seine Lieblinge …”, er zuckte lächelnd die Schultern.
      Ohne noch länger überlegen zu müssen, legte ich ihm die Hand auf die Schulter. “Das bekommen wir hin.”
      Eine halbe Stunde und ein ganzer Stapel Papierkram später hängte ich gerade Aidens Trailer an meinen Truck. Wir hatten abgemacht, dass ich die Tiere jetzt sofort mitnehmen würde. Den Trailer könnte einer meiner Leute die Tage zurückbringen oder sie würden ihn holen kommen.
      Das erste Pferd auf dem Hänger war Heldentum. Hero, der mir zeitweise ein wenig tollpatschig vorkam, stolperte beim ersten Schritt die Rampe hoch und ging in die Knie, ehe seine Nase mit der Rampe kollidierte. Aiden, der den Hengst führte, zuckte erschrocken zusammen. Auch Tamara, die sich mittlerweile zu uns gesellt hatte, schnappte erschrocken nach Luft. Ich machte, mit Vandal am Strick, einen Satz auf die Beiden zu, doch Hero hatte sich bereits wieder aufgerappelt und schüttelte sich einmal kurz.
      “Das müssen wir aber noch üben”, sprach Aiden an den Hengst gewandt und streichelte ihm einmal durch die zottelige Mähne. Schließlich folgte der Hengst ihm ohne weitere Probleme die Rampe hinauf. Als Aiden wieder herauskam sagte er an mich gewandt: “Hab grade noch geschaut, weder am Bein noch an der Nase hat er sich was getan. Falls er doch später etwas klamm laufen sollte, kannst du ja nochmal nach ihm schauen?”
      Ich nickte und versicherte ihm, dass er bei mir in guten Händen sein würde. Vandal ging kooperativ hinter mir her, erschreckte sich allerdings kurz vor dem dumpfen Geräusch, als er mit einem kleinen Satz hinter mir her auf die Rampe sprang. Ich wartete kurz und ließ ihm Zeit, sich umzuschauen. Dann ging er zügig mit mir nach vorne und ließ sich ohne Probleme anbinden.
      Rocket folgte Aiden zügig in den Hänger während Romeo ein wenig vor sich hin schlurfte. Vier komplett unterschiedliche Pferde würde ich gleich mit zurück nach Bow River holen.
      In der Zwischenzeit waren Tschetan und Nicholas von ihrem Ausritt zurück. Letzterer wirkte ein wenig zerknirscht. Noch bevor ich nachfragen konnte, setzte er an: “Echt bewundernswert, dass Tschetan auf dem Pferd sitzt wie festgeklebt. Davon kann ich nur träumen!”
      “Ich hab dir ja angeboten Sungila beim nächsten Mal zu reiten, dann lernst du das.”
      “Sungila?”, fragte ich verwundert.
      “Na Connies Blue Splash oder so heißt die doch”, Tschetan zuckte mit den Schultern.
      Endlich dämmerte es mir. “Colonels Blue Splash”, schlussfolgerte ich, “wurde ja früher Connie gerufen, bis du sie umbenannt hast. Wie rufst du Like a Prayer eigentlich mittlerweile?”
      “Yumni.”
      “Stimmt.”
      Nicholas Vater räusperte sich. “Bleibst du jetzt hier, Junge? Ich könnte deine Hilfe noch bei den Wallachen gebrauchen.”
      “Ist gut”, antwortete Nicholas, “bis dann ihr zwei.”
      Wir verabschiedeten uns ehe wir uns in den Wagen setzten. “Jetzt kann ich dich nicht fahren lassen, hab da hinten vier Pferde drin stehen.”
      “Vier?”, fragte Tschetan ungläubig und half mir, das Gefährt aus der engen Ausfahrt hinaus zu manövrieren, indem er mir den Abstand zum Zaun auf seiner Seite weitergab.
      “Vier”, wiederholte ich lachend und bog nach links in Richtung des Highway ab, “zwei Standardbred, also Traber, Rocket und einen Quarter - Percheronmix.”
      “Was machst du damit?”
      “Die sind alle nur zur Verfügung. Der Plan ist sie zu trainieren und zu kören, dann gehen sie wieder zurück zum Decken.”
      Tschetan nickte vielsagend. “Du brauchst echt nicht noch mehr Pferde.”
      Ich lachte. “Du meinst ich könnte mal welche verkaufen?”
      Wieder nickte er.
      “Hattet ihr einen schönen Ausritt?”, fragte ich ihn dann und lenkte das Gefährt wieder auf die Straße zurück in Richtung Mossleigh.
      Tschetan
      Ich starrte ein wenig in die Ferne. Die Antwort war nicht ganz einfach. “Ich bin noch nie ein Gangpferd geritten”, sagte ich daher etwas abwesend, “beide Hengste waren Missouri Foxtrotter.”
      Caleb ging nicht ein auf die Tatsache das ich ihm nicht direkt geantwortet hatte. “Bist du deshalb ohne Sattel geritten, weil sie besonders bequem sein sollen?”
      “Nicht wirklich. Ich konnte mich mit dem Gedanken in den Englischsattel zu steigen nicht anfreunden.”
      Caleb lachte laut auf. “Das kann ich nachvollziehen.”
      “Die Landschaft war anders als im Tal bei uns…viele Felder voll Getreide. Wir mussten uns ziemlich oft an die Wege halten. Ich kann verstehen, dass Nicholas mehr Zeit bei uns verbringt.”
      Ich rutschte etwas unsicher auf dem Polster herum. “Nicholas er…er war ziemlich neugierig.” Caleb sah mich von der Seite etwas schief an. Zum dritten Mal an diesem Nachmittag war ich froh um das Tuch über meinen Ohren. “Naja, auch er hat keine Glasaugen. Er hat nach dir und Ylvi gefragt”, ich seufzte tief, “ich weiß nicht wieso….ob ich angeben wollte, weil ich mehr weiß, oder einfach, um das Geheimnis nicht mehr nur allein zu bewahren. Ich hab ihm erzählt, dass ich euch beide in der Ebene beobachtet habe”, ich legte eine Hand über meine Augen, um seinem Blick auszuweichen. Doch meine Scham hatte mich dazu bewogen, ihm die Wahrheit zu sagen. “Ich hab ihn schwören lassen, es nicht zu verraten. Das wird er nicht. …er…er ist ein Freund.” Jetzt sah ich doch an meine linke Seite, suchte im Blick von Caleb nach Wut. Stattdessen musste ich ein schmales Lächeln auf seinen Lippen erkennen.
      “Hast du bisher tatsächlich niemandem davon berichtet?”, sprach er überrascht. Ich verneinte ohne Worte seine Frage. “Bist ein feiner Kerl. Es ist in Ordnung, dass er es weiß. Sogar Louis weiß davon.”
      Die Aussage ließ mich dann aber doch kurz nach Luft schnappen. “Wirklich?”
      “Ylvi, ja…sie hat es mir erzählt.”
      “Verwirrend wie er so ruhig bleiben kann. Ich meine, du hast ihn geschlagen …”, murmelte ich, ohne darüber nachzudenken.
      “Nachträglich bin ich nicht stolz darauf.”
      Ich zuckte die Schultern. “Du kannst es nicht mehr ändern – und trotz deiner Wut durften wir bleiben.”
      “Junge, wann bist du so erwachsen geworden?” Caleb sah mich mit hochgezogener Augenbraue kurz an, bevor seine Aufmerksamkeit wieder der Straße galt. Ich machte mir eben um vieles Gedanken. Plötzlich gaben Caleb und auch mein Handy einen Ton von sich. Anhand meines Tones erkannte ich die Gruppe der Ranch. Ich zog es mir etwas ungelenk aus der Hosentasche, las kurz und musste dann schmunzeln.
      “Dolly schreibt dann, dass du einen Zahn zulegen sollst, die anderen haben kein Bock ewig auf das Abendbrot zu warten”, feixte ich.
      Caleb wedelte mit den Händen, Richtung der Uhr im Truck. “Wir haben noch eine Stunde Zeit!”
      “Sei fair, sie kann ja nicht riechen, dass wir schon im Auto sitzen. Soll ich Cayce und Louis schreiben, sie sollen in 40 Minuten mithelfen, die Pferde zu entladen?”
      “Keine schlechte Idee.”
      Ich tippte also schnell eine Nachricht an Louis, kopierte diese, um sie dann auch direkt an Cayce zu verschicken. Louis gab nur einen Daumen als Antwort. Cayce schrieb ein “PferdE?” worauf ich nur mit einem schulterzuckenden Emoji antwortete.
      Ylvi
      Ich ließ die Palominostute langsam an den Zaun heran treten, schwang dann ein Bein über ihren Rücken, ohne den Bügel zu belasten, die rechte Hand hielt dabei beide Zügel und ruhte auf dem Knauf. Kurz sortierte ich Zügel und Haare in meiner Hand. Dann lobte ich Honor. Wir hatten es uns mehr und mehr zur Aufgabe gemacht die Pferde, die für die Ferienranch sein, sollten zu reiten. So wurden sie nicht nur an das Terrain sondern auch an unterschiedliche Reiter gewöhnt. Auf dem Plan hatte ich gesehen, dass sich Honor eine ganze Weile nicht bewegt hatte, daher hatte ich für den Ausritt heute auf sie zurückgegriffen. Ich drehte mich nach Louis um, blaue Augen schauten mir aus einem fast schwarzen Gesicht aufmerksam entgegen. Er hatte sich an einem seiner aktuellen Trainingspferde bedient. Skip war eine breitbrustige Blue Roan Stute mit auffallend blauen Augen. Auch sie sollte auf lange Sicht für die Ferienranch genutzt werden. Allerdings machte sie sich so gut am Rind, dass Caleb sie vielleicht doch lieber hier auf der Ranch behalten wollte.
      Wir verließen die Einfahrt der Ranch Richtung Norden.
      “Wann hast du vor Tschetan den Hut zu übergeben? Beim Abendessen später?”
      “Puuh ich hab überlegt ihn einfach in sein Zimmer zu legen. Tschetan ist doch eher der Typ für wenig Aufmerksamkeit. Ich wollte keine große Sache draus machen.” Ich schob beim Denken leicht die Unterlippe nach vorn. "Tatsächlich wäre das wohl in seinem Sinne. Wobei ich bei der Entdeckung schon sehr gern sein Gesicht sehen wollen würde!"
      "Vielleicht fragen wir Kaya später. Allerdings bin ich auch sicher Logan möchte seine Reaktion sehen. Daher wäre es nur fair das ganze doch beim Essen zu veranstalten?"
      “Wo du gerade von Logan sprichst. Wie kommt es, dass er wieder hier ist? Hat er nicht zuletzt viel in der Reservationsschule unterrichtet?” Offenbar traf ich damit einen wunden Punkt, denn unvermittelt ließ Louis sein Pferd - harscher als nötig gewesen wäre - in einen flotten Galopp fallen. Ich ließ ihn gewähren. Für gewöhnlich würde er mir die Antwort auf meine Frage geben – eben in seiner eigenen Zeit. Wir galoppierten also schweigend über die Ebene, bis er Skip durchparierte. Ich gab darauf acht, dass meine Palominostute nicht ständig versuchte das hohe Gras zu fressen. Auch um mich davon abzuhalten, Louis erwartungsvoll anzuschauen. Nur durch den Schleier meiner offenen Haare sah ich ihn manchmal an. Es wirkte als sei er auf dem Pferd zusammengesunken.
      “Ich hab mich die letzten Monate seinem Willen verwehrt”, sprach er, bevor wieder eine Weile Schweigen zwischen uns herrschte. Aber ich versuchte nicht zu bohren.
      “Logan… er wollte, dass Tschetan, jetzt wo er älter ist, zurück in die Reservation kommt. Sie waren nicht glücklich, als ich damals die Entscheidung traf, mit euch nach Kanada zu ziehen – oder überhaupt Tschetan aus der Reservation zu holen”, er seufzte schwer, “die Hochzeit mit dir hat dem ganzen noch mehr Feuer gegeben.”
      Ich konnte nicht anders als verwirrt das Gesicht zu verziehen, konnte nicht ganz alle Gegebenheiten miteinander verknüpfen. Das schien auch er zu verstehen.
      “Weißt du, einige der Ältesten sind der Auffassung, dass einige mehr Wert sind, als Andere. Tschetans Vater war ein direkter Nachkomme eines bedeutenden Lakota, dessen Name dir ohnehin nichts sagt. Aber für unser Volk ist er von großer Bedeutung. Und auch Tschetans Mutter stammt aus einer … mhm … ‘reinen’ Verbindung. Das macht aus Tschetan, nunja … einige würden ihn wohl Vollblut-Native nennen.”
      Ich schluckte. Die Worte und Gedankengänge erinnerten mich unweigerlich an Geschehnisse des dritten Reiches. Ich wusste, dass Amerika durchaus ein “Rassenproblem” hatte, dass es allerdings selbst unter den Natives ein Thema war, überraschte mich.
      “Ich wollte Tschetan von all dem fern halten. Von den Problemen, die ich in meiner Kindheit hatte … und von diesem Denken. Deshalb hab ich mit voller Überzeugung dem Umzug nach Kanada zugestimmt. Logan hat die letzten Monate immer wieder gefordert, dass der Junge zurückkehrt. Aber solange er nicht volljährig ist, soll er sich auf andere Dinge konzentrieren. Logan bat darum, dass Tschetan den Sommer in der Reservation verbringt.”
      “Ich finde das sollte er ganz allein entscheiden.”
      “Ganz deiner Meinung. Logan war … weniger begeistert. Schwaffelte irgendwas von ‘ich würde den Jungen seiner Kultur entziehen’ … dabei vergisst er, dass ich ihm schon unsere Traditionen weitergebe. Noch schlimmer an der Sache ist, dass er Kaya völlig vergisst”, jetzt begann er sich fast in Rage zu reden, was ich sonst nur selten bei Louis erlebte, “es hat ihn beinahe nicht interessiert, dass sie mittlerweile spricht, was für eine aufgeweckte junge Erwachsene aus ihr wird.”
      Frustriert warf er die Zügel auf den Hals und es sprach definitiv für die kleine Roanstute, dass sie völlig unbeeindruckt von seinem Gebaren blieb. Die Verwirrung hatte sich etwas gelöst, trotzdem kam ich nicht umhin eine weitere Frage zu stellen.
      “Aber warum? Doch nicht etwa, weil sie ein Mädchen ist?”
      “Noch viel trauriger…sie haben nicht beide den selben Vater.”
      Überrascht sah ich Louis an, dass hatte ich bisher nicht gewusst. Es war für mich auch keine relevante Aussage. Offenbar hatten beide Väter kein interesse an ihren Kindern gezeigt, denn sonst würde sich nicht Louis um sie kümmern. Sie waren seine Kinder, daran gab es keinen Zweifel. Auf seltsame Art und Weise waren sie auch die Meinen. Zumindest schien sich ab und an etwas wie Mutterinstinkt in mir zu regen.
      “Das bedeutet wohl, dass Kayas Vater keiner tollen Blutlinie entstammt? Das schmettert mich etwas nieder…ich dachte in eurer Community ist Rassismus kein Problem. Zumindest nicht untereinander. Schließlich kann ich mich da lebhaft an das Indian Relay erinnern.”
      “Glaub mir, nach den Jahrhunderten der Nichtachtung sollte man meinen, es sei kein Problem. Aber in einigen älteren Kreisen ist es das leider. Ich selbst war in meiner Jugend davon betroffen … es hat mich, nunja etwas hochnäsig gegenüber anderen gemacht. Erst als wir die Reservation verlassen haben, da hab ich gemerkt, dass meine Ahnen außerhalb keinerlei Rolle spielen. Das möchte ich an die beiden weitergeben. Sie sollen ihr Volk und ihre Kultur kennen, sie lernen die Sprache der Ahnen. Beide sollen wissen, woher sie kommen. Gleichzeitig sollen sie aufwachsen wie alle anderen Jugendlichen auch. Offene junge Erwachsene werden.”
      Ich trieb meine Stute etwas näher an Louis heran, stieß mit dem einen Fuß leicht gegen seinen Haken. Sein Blick hob sich in meine Richtung … ich lächelte ihn offen an. “Ich glaube das wissen beide sehr zu schätzen. Lass uns heute Abend mit Tschetan darüber sprechen…und auch mit Kaya. Ich finde beide sollen entscheiden, ob sie in die Reservation möchten für einige Zeit. Auch Kaya hat dazu ein Recht.”
      Louis ließ die Roanstute anhalten, lehnte sich dann zu mir hinüber um dankend die Hand auf meinen Oberschenkel zu legen.
      Caleb
      Am Hof angekommen parkte ich den Trailer vor dem Hauptstall. Rocket und Romeo, die bei den Brixtons ebenso zusammengestanden hatten wie Vandal und Hero, würden auf zwei der stallnahen Paddocks untergebracht werden. Tschetan sprang aus dem Wagen und ließ sofort zur Laderampe hinter dem Hänger. Cayce lugte aus der offenen Stalltür heraus, ehe er sich die staubigen Hände an der Hose abklopfte und zu uns kam. Louis stand etwas weiter weg, gestikulierte und teilte mir so mit, dass er etwas anderes zu tun hatte. Ich nickte, winkte ab und sah ebenfalls ein Nicken, ehe er auf dem Absatz kehrt machte und in Richtung Bungalow joggte. Etwas fragend blickte ich ihm hinterher, schaute dann jedoch wieder zu Tschetan und Cayce, die bereits die beiden Quarter ausgeladen hatten.
      “Vier Pferde?”, fragte Cayce verwundert und kratzte sich am Kopf.
      “Keine Sorge”, lachte ich, “die sind nur zur Verfügung. Der Palomino ist Rocking Waves und der Rappe ist ein Percheron - Quartermix namens Fancy Like Romeo. Die könnt ihr zusammen auf den ersten Paddock links stellen, die kennen sich. Die anderen beiden, Vandal LDS und Heldentum LDS können auch zusammen. Am Besten auf den zweiten Paddock links.”
      Während Cayce und Tschetan die beiden Hengste wegbrachten, betrat auch ich den Hänger und band Vandal los, führte ihn von der Rampe und band ihn kurz an der Seite an, damit ich auch Hero abladen konnte.
      “In welchen Farbtopf is der denn gefallen?” Cayce starrte den Hengst ungläubig an, während Tschetan sich mit Vandal bereits auf den Weg machte.
      “Das versucht das LDS in Schweden gerade rauszufinden. Der Kerl ist negativ auf alle Scheckgene.”
      “Was du nicht sagst.” Cayce kratzte sich am Kopf, rückte seinen Hut wieder zurecht und schaute dann zu mir rüber. “Ich kam noch gar nicht dazu, dir Bescheid zu sagen. Ich hab Tate ausprobiert, hatte ihn mit zur Weide, wo wir die Kühe stehen haben. War ein bisschen holprig, der hat mich beim Reiten fast ins Bein gebissen. Er wollte einfach nicht nah genug ans Tor ran, damit ich es auf bekam. Musste dann sogar absteigen … beim Rausreiten hat es dann jedoch geklappt. Bei den Kühen ist er noch etwas ängstlich, aber ich denke, wenn ich da dran bleibe, könnte der was für mich sein.”
      Ich lachte kurz, nickte dann aber vielsagend. “Tate ist einfach ein Pferd für eine Person. Dem tut das gar nicht gut, wenn die Reiter ständig wechseln. Hol den mal die nächste Zeit vorwiegend mit für die Rancharbeit und sag mir in ein paar Wochen nochmal Bescheid, wie er sich macht, ok?”
      Cayce nickte. Am Paddock angekommen öffnete er uns das Gatter, so dass wir die beiden Junghengste hineinführen und loslassen konnten. Als wir wieder draußen waren und das Tor geschlossen hatten, setzte er erneut an: “Außerdem waren Louis und Ylvi heute den Zaun an den Nordhängen kontrollieren, so dass wir die Kühe bald umtreiben können. Da ist alles in Ordnung gewesen.”
      Erneut nickte ich, ehe wir uns den Pferden zuwandten. Die beiden ‘älteren’ Hengste stürzten sich sofort auf das noch verbliebene Gras, während die beiden Jungspunde am Zaun auf und ab liefen und aufgeregt wieherten. Die Pferde der Ranch waren auf den Paddocks und Weiden so verteilt, dass die neuen Tiere sie nicht sehen, aber hören konnten. Ein paar der Tiere antworteten ihnen, nach kurzer Zeit allerdings fingen die zwei auch an zu fressen.
      Als mein Handy vibrierte, zog ich es aus der Tasche und betrachtete den Bildschirm. “Dolly ruft zum Abendessen. Dann machen wir den Hänger gleich sauber und stellen ihn zur Seite – entweder wird er die Tage abgeholt oder wir fahren ihn nochmal rüber”, erklärte ich Cayce, welcher nickte und sich diese Information im Hinterkopf abzuspeichern schien.
      Als Tschetan eine andere Richtung als wir anschlug, wandte ich mich ihm zu. “Kommst du nicht mit?”
      Er schüttelte den Kopf. “Ylvi schrieb gerade, dass wir heute Abend drüben essen.”
      Ich schaute ihn fragend an, kommentierte seine Aussage allerdings nur mit einem “Dann lasst es euch schmecken”.
      Als Cayce und ich am Haupthaus ankamen, flog uns die Tür entgegen. Kaya stapfte ohne ein Wort an uns vorbei in Richtung des Bungalows.
      “Die scheint nicht begeistert”, lachte Cayce und hielt mir die Tür auf. “Ich glaub Dolly hat eines ihrer Lieblingsgerichte gekocht. Da wäre ich auch beleidigt.”
      Wir lachten beide kurz, ehe wir ins Esszimmer gingen und uns setzten.
      Dort herrschte reges Treiben. Octavia erzählte wild gestikulierend von den Fortschritten beim Einreiten von Leuchtfeuer und den bequemen Gängen ihrer Scheckstute Kara, Bellamy unterhielt sich mit Laurence über Birk und Myrk, bei denen es mal Zeit wurde, sie tatsächlich mal an eine Kutsche zu spannen. Die beiden hatten bereits eine Menge Arbeit in die Tiere gesteckt, um sie optimal darauf vorzubereiten.
      “Ich müsste sogar noch eine Kutsche haben”, mischte ich mich in das Gespräch ein und sah, wie sie sich mir beide schlagartig zuwandten.
      “Oh echt? Das wäre super!”, sagte Bellamy direkt, wandte sich dann aber wieder Laurence zu und besprach das weitere Vorgehen im Training.
      Unmerklich schüttelte ich den Kopf. Falls die zwei dann doch so weit wären, dass sie die Kutsche brauchen würden, käme das Thema auf, wo ich sie denn stehen hätte.
      “Brian wie lief es heute mit deinen Trainingspferden?”
      “Gut, gut. Hope war wie immer ein Schatz, die macht es mir so einfach. Plankton, Conti und Witch hatte ich nur im Round Pen. Conti kann ich ja eh nicht reiten, hab mich sowieso gefragt, wieso du sie mir eingeteilt hast?”
      Ich klatschte mir die Hand an den Kopf. “Da habe ich mich verschrieben. Chico hätte da stehen sollen, nicht Conti. Hat den heute jemand bewegt?” Ich schaute in die Runde, alle schüttelten den Kopf. “Dann machst du den Morgen, ja?”
      Brian nickte und sagte dann: “Becks und Moonie bin ich noch geritten … das waren meine für heute.”
      “Gut, danke. Cayce wie hat es bei dir ausgesehen?”
      Er überlegte kurz, kramte dann einen Zettel aus der Hosentasche. “Man muss ja organisiert sein”, grinste er, “Shorty hatte frei, Zues hab ich auch nur gefüttert, Courtesy hab ich auch nur auf den Paddock gebracht, da müssen wir mal dringend wieder nach den Hufen schauen. Berry hatte einen schlechten Tag, glaub der hatte noch gut Muskelkater vom Gelände gestern. Hab ihn nur locker eine halbe Stunde geritten. Saintly und Vulture hab ich im Round Pen laufen lassen, Benny war in der Führanlage. Bisschen Schritt und Trab. Sky und Cody bin ich beide geritten. War okay.”
      “Alles klar. Und was hast…”
      “Mister Caleb!”, ermahnte mich Dollys Stimme neben mir harsch. “Jetzt wird gegessen. Lasst den Tag hinterher Revue passieren, es wird doch alles kalt!”
      In Laurence Lachen stiegen wenige Sekunden später alle anderen ein. Gerade als ich nach dem Topf greifen wollte, vibrierte mein Handy. Eine Nachricht von Ylvi, sie aßen drüben im Bungalow, sie mussten etwas mit den Kindern besprechen. Zunächst wollte ich die Nachricht nicht beantworten, schickte dann jedoch ein ‘Daumen hoch’ ab, ehe ich mich den Töpfen widmete.
      Dolly nahm nun auch, neben Laurence, Platz und füllte sich ihren Teller.
      Nach dem Abendessen begaben sich Cayce und ich wieder zum Trailer, um die Streu auszukehren und ihn innen sauber zu machen, ehe ich ihn schließlich zur Seite fuhr. Ich schaute noch einmal nach den Neuankömmlingen, erledigte meine Abendrunde und ging dann zurück ins Haus, um die Papiere der neuen Pferde in die richtigen Ordner einzuheften. Außerdem kümmerte ich mich noch um ein paar Rechnungen, die ich online begleichen konnte. Zwischen diesen fand ich ein Schreiben des Jugendamtes. Ich schluckte. Der Tod von Dell war schon ein paar Wochen her, der Besuch Ylvis und mir auf dem Jugendamt ebenso. Ich hatte die Tatsache, dass bezüglich Betsys Verbleib noch gar nichts geklärt war, zur Seite geschoben.
      Mit zittrigen Fingern öffnete ich den Umschlag, atmete dann jedoch erleichtert auf. Ihnen fehlten lediglich ein paar Daten, um eine vollständige Akte anlegen zu können. Flink füllte ich das Formular aus, steckte es in einen neuen Umschlag und legte den Brief ins ‘zur Post’ - Fach.
      Schließlich fuhr ich den PC herunter, ging ins Wohnzimmer, setzte mich auf den Sessel und schaltete den Fernseher ein.
      “Hier steckst du.” Eine altbekannte Stimme ließ mich über den Sitz nach hinten schauen.
      “Ich war bis grade im Büro, wo hast du mich denn gesucht?”
      “Na im Stall. Da war aber schon alles dunkel. Hab Blue noch gute Nacht gesagt.”
      Ich grinste. Sue stand im Moment nicht am Stall, dafür sagte sie Blue jeden Abend gute Nacht. “Ich wollte noch ein wenig fernsehen, bevor ich ins Bett gehe. Magst du mitschauen?”
      “Was gucken wir denn?”, fragte mich Betsy, ehe sie sich aufs Sofa legte, dann jedoch wieder aufsprang und mich voller Enthusiasmus ansah, “es gibt einen neuen Pferdefilm. Da muss ein Stadtmädchen aufs Land zu ihren Großeltern und mag eigentlich gar keine Pferde. Aber da ist dieses eine Pferd, zu dem sie eine Verbindung hat. So wie ich zu Sue und…”
      “Okay, okay … du hast mich überzeugt.”
      Ylvi
      Zu Kayas Missfallen hatten wir uns beim Abendessen vom Gelage drüben im Haupthaus entzogen. Louis und ich hatten beschlossen, in Ruhe bei einem gemeinsamen Essen mit den Kindern zu sprechen. Caleb hatte ich eine kurze Nachricht mit einer kleinen Erklärung gegeben. Ich wusste gar nicht so richtig, warum ich ihm das mitteilen wollte, doch es hinterließ ein weniger schuldiges Gefühl in mir zurück. Das fragile Band an Vertrauen, dass wir in den letzten Wochen aufgebaut hatten, wollte ich nicht zerstören.
      Gemeinsam mit Louis stand ich in der Küche und fischte gerade ein triefendes Frybread aus dem großen Topf mit Öl. Der Teig war etwas anders, aber grundsätzlich versetzte mich das Gericht immer nach Deutschland auf Weihnachtsmärkte auf denen Langos verkauft wurde. Louis hielt mir den Teller hin, auf dem ich die große Scheibe Fladenbrot zu seinen Geschwistern legen konnte. In einer anderen Pfanne briet Karibufleisch. Ich war gespannt, wie es schmecken würde. Louis und Tschetan hatten das Tier vor einiger Zeit selbst geschossen.
      “Rieche ich da etwa Frybread?”, verkündete Tschetan, als er barfüßig ohne Oberteil im Rahmen der Tür zur Küche stehen blieb. Seine Haare waren noch nass vom Duschen. “Brauch nicht zu lang, ist bald alles fertig. Ist Kaya schon hier?”
      “Gerade zur Tür rein!”, verkündete ihre glockenhelle Stimme aus dem Flur. Ihr buschiger Kopf schob sich neben ihrem Bruder in mein Blickfeld. Ihr ganzes Gesicht war ein wenig staubig. Ich schob fragend die Augenbraue nach oben, kommentierte es aber nicht.
      “Ist das Bad frei?”
      “Geh nur, ich brauch nur ein T-Shirt.” Damit verschwanden beide Kids wieder aus dem Türrahmen.
      “Ob sie schon wieder vom Pferd gefallen ist?”, fragte ich halb besorgt in Richtung Louis.
      “Sie läuft, sie kann sprechen. Nächstes Mal wird sie vorsichtiger sein.”
      Manchmal tat ich mich schwer mit der Art seines Volkes, ihre Kinder zu erziehen. Niemals wurden sie getadelt oder ihnen ihre Fehler vorgehalten. Also hatte ich mich dessen angepasst, kollidierte dennoch von Zeit zu Zeit mit den Grundsätzen, wie ich selbst aufgezogen wurde.
      Keine 10 Minuten später versammelten wir uns alle um den Tisch herum. Darauf fanden sich mehrere Schalen mit Fleisch, Gemüse und einer Sour Creme. So konnte jeder selbst entscheiden, was er auf seinem Fladenbrot haben wolle. Da ich nicht genau wusste, wie wir das eigentlich ansprechen sollten, sah ich etwas zu Louis hinüber. Er beugte sich zu Boden. Mit den Worten “Bevor wir anfangen, hab ich da etwas für dich Tschetan.”
      Der angesprochene schob mit dem Handrücken seinen Teller ein wenig aus dem Weg und zog halb ehrfürchtig den Karton zu sich heran. Sah dann von Louis zu mir. Langsam hob er den Deckel des Kartons an. Kaya streckte sich, obwohl sie den Hut bereits gesehen hatte. Nur schwer konnte sie das gespannte Grinsen verbergen. Tschetan spähte hinein. Schloss dann schnell den Deckel wieder, sah wieder von einem zum anderen. Schließlich machte er den Deckel doch sehr schnell auf. Sah hinab auf das was im Karton wahr. Seine Augen zeigten Unglauben. Glänzten aber, als er den Hut vorsichtig aus dem Karton holte. Dann schlug er sich eine Hand vor den Mund, als er unter dem Hut die große Feder sah. Um den Kiel war Leder gewickelt, kleine rote Perlen angenäht.
      “Ist sie echt?” hauchte Kaya, sah dann zu Louis um seine Antwort zu sehen. Er nickte nur mit einem Lächeln.
      “Tschetan, setz ihn auf, ich steck dir die Feder in den Lederriemen!”, ergriff Kaya wieder das Wort, während ihr Bruder Hut und Feder noch ehrfürchtig in der Hand hielt. Nur langsam erwachte er aus der Starre, setzte sich den Hut auf den Kopf, um ihn dann ein wenig zu neigen, damit Kaya ihm die Feder an den Hut stecken konnte. Als er zu uns herüber sah voller Freude und Stolz, konnte ich das Schluchzen nicht mehr unterdrücken. Tschetan stand auf, umarmte erst Louis der sich erhoben hatte. Louis sprach Worte in Lakota die nur für den Jungen bestimmt waren, sonst hätte er sie in Englisch gesprochen. Anschließend umarmte Tschetan mich. Die Worte die er mir dabei ins Ohr flüsterte ließen mich völlig vergessen, das er mir danach einen Kuss auf die Stirn drückte. Dann schenkte er mir sein breites Grinsen, denn er wusste sehr wohl, wie sehr er mich aus dem Konzept gebracht hatte. Auch seine kleine Schwester bekam eine fette Umarmung. Während meine Gänsehaut noch anhielt, eröffnete ich das Essen. Wir ließen uns Zeit bis jeder seinen Teller befüllt hatte.
      “Deine Feder stammt von Logan… damit verbunden ist eine kleine Bitte seinerseits”, fing ich an, doch Louis unterbrach mich.
      “Tatsächlich kam es eher einem Befehl gleich. Er würde es ziemlich begrüßen, wenn wir zurück in die Reservation kämen. Den Wind habe ich ihm direkt genommen. Allerdings wollte er dich für die Ferien zurück nach Pine Ridge holen”, sprach er direkt an Tschetan. Der hörte erstmal auf mit dem Kauen.
      “Wir haben allerdings beschlossen, euch beide einzuweihen”, fuhr ich weiter fort, “Louis und ich waren uns einig, dass ihr beide diese Entscheidung selbst treffen solltet. Ihr seid alt genug, um solche Sachen für euch selbst entscheiden zu können.”
      Tschetan und Kaya sahen sich an. "Müssen wir uns jetzt entscheiden?", fragte Kaya etwas zerknirscht.
      Ich schüttelte den Kopf. "Lasst euch das in Ruhe durch den Kopf gehen."
      Caleb
      Am nächsten Morgen, gleich nachdem ich aufgestanden war, versuchte ich es erneut bei den Züchtern von Benny. Ich hatte schon so oft angerufen, aber nie jemanden erreicht, ähnlich wie bei den Brixtons, nur dass ich nicht mal eben nach Montana fahren konnte.
      So war es auch dieses Mal. Ich entschied mich nun dazu, ihnen eine E-Mail zu schreiben. Vielleicht wären sie darüber besser zu erreichen.
      Tatsächlich dauerte es nur eine halbe Stunde, da ploppte eine neue Mail in meinem Postfach auf. Sie freuten sich darüber, dass ihr Thiz Bye Bye Bay nun in Kanada auf der Bow River Ranch stand und ich ihm die Zeit geben würde, die er brauchte, bevor er wieder in den Showring treten würde. Momentan hätten sie einige Jährlinge zu verkaufen, ich könne sie gerne einmal anschauen kommen. Um mir vorab schon mal ein Bild zu machen, waren der E-Mail Bilder der Pferde angehängt.
      20 Stück um genau zu sein. Auf jedem Foto befand sich ein anderes Pferd.
      “Die sehen ja toll aus.”
      Ich zuckte merklich zusammen. Betsy stand neben mir und betrachtete die Fotos der Pferde. “Wie lange stehst du eigentlich schon da?”
      “Seit du die Fotos aufgemacht hast.”
      “Ich hab dich gar nicht kommen hören…”
      "Hab's gemerkt.” Sie grinste mich an und zeigte auf das Foto eines Rappschecken. “Das ist hübsch.”
      Ich schmunzelte, vergrößerte es und machte es wieder zu, um das Bild eines anderen dunklen Schecken aufzumachen. “Das ist aber auch toll.”
      Betsy seufzte. “Die sind alle toll … huch guck mal, der ist ganz weiß! Run Outta Colour”, sie lachte, “der Name passt.”
      Länger als gedacht blieb ich am Foto des weißen Hengstes hängen, las mir die Abstammung und die Farbgenetik durch. Schließlich seufzte ich. “Der ist taub. Durch die Farbe. Kostet auch nur einen Apfel und ein Ei, trotz der guten Abstammung.”
      "Wenn's doch aber ein liebes Kerlchen ist …” Betsy zuckte die Schultern. “Wir sind jetzt übrigens los zur Schule. Bis später.”
      Betsy wollte gerade den Raum verlassen, da stand ich auf und machte einen Schritt auf sie zu. “Schickst du Aimee grad noch her? Ich muss ihr noch was mitgeben für in die Stadt.”
      “Ich kann das auch mitnehmen?” Betsy schien entrüstet.
      Kurz musste ich überlegen, griff dann ins Fach ‘zur Post’ und steckte den Brief des Jugendamtes zwischen die anderen Umschläge. “Halt die gut fest und verlier keinen.”
      “Jaja, tschau Cowboy.”
      Ich schaute ihr noch eine Weile nach. So hatte sie mich lange nicht mehr genannt.
      Nachdem ich den Züchtern von Benny ein paar Daten, an denen ich sie besuchen könnte, geschickt hatte, sah ich nach draußen. Dort buckelte Cayce mehr, als dass er ritt, mit Tate in Richtung Wald. Ich grinste in mich hinein. Ich gab den beiden noch zwei Wochen, dann waren sie ein eingespieltes Team.
      Wenn er mit dem Rappschecken unterwegs war, würde Shorty heute wieder ein freier Tag auf der Koppel bevorstehen.
      Ich widmete mich wieder meinem Bildschirm, beantwortete ein paar E-Mails und ging dann in den Stall, um auf dem Trainingsplan ein paar Änderungen vorzunehmen. Als Erstes musste ich in Cayces Spalte das Conti in Chico ändern. Die Stute trug ich in Aimees Spalte ein. Vielleicht würde ich Ylvi auch noch überzeugen können, die Stute ein paar Mal unter ihre Fittiche zu nehmen, so dass Aimee nicht gezwungen war, sie regelmäßig zu bewegen. Die Jugendliche war nicht bei mir eingestellt und half freiwillig bei den Pferden. Tschetan war ebenfalls kein Angestellter, dennoch schien er mit jeder neuen Aufgabe mehr Verantwortung zu übernehmen und über sich hinaus zu wachsen.
      Dude, Ace, Barbie, Damon, Blue, Gangster, Batman, Till, Unitato, Champ; ging ich die Namen der Zuchthengste auf dem Trainingsbrett durch. Auf meinem Klemmbrett schlug ich eine Seite um und fand die Jungpferde vor, die ich ein wenig umverteilen musste.
      Cayce kümmerte sich zusammen mit Brian und mir um das Einreiten folgender Pferde: Cat, Izzie, Sophie, Katie, Goldy und Joker.
      Crystal trug ich bei Bellamy ein. Die Stute musste im Moment einfach nur regelmäßig locker bewegt werden.
      Die restlichen Jungpferde: Atlantis, Mila, Queen, Rosy, Nora, Bailey, Elvis, Seth, Sugar, Soul, McDreamy und Dazzle standen noch immer nach Stuten und Hengsten aufgeteilt auf den Jungpferdekoppeln etwas abseits der Ranch. Die sechs Junghengste verstanden sich wunderbar und ich war froh, dass ich sie in Gesellschaft halten konnte.
      Nach einem Blick auf Octavias Trainingsspalte war ich mir sicher, dass es gut war, dass die Vollblüter nicht mehr hier am Stall standen, sondern an der Trainingsbahn. Pria, Drama, Tigres Eye, Culain, Clyde und Filly, rief ich mir die Namen ins Gedächtnis. Noch von ihr hier am Hof standen Soul, die den gleichen Spitznamen hatte wie mein Appaloosanachwuchshengst, Nini, Cira, Moonie (die den gleichen Spitznamen hatte wie mein Red Dun Quarter Hengst), Hunty, Raspberry, Trooper und Shiner. Ich schüttelte den Kopf. Viel Arbeit für eine Person.
      Ich zückte mein Handy und tippte eine kurze Nachricht an sie. >>Bin grad am Trainingsbrett deine Pferde durchgegangen. Für Prias Colourful Soul und Moonshine LDS musst du dir neue Spitznamen überlegen. Sonst verwechselt man die immer mit BR Heart N’ Soul und How ‘Bout Moonies ;)<<
      >Ich glaube DU musst dir neue Spitznamen aussuchen :p<
      Seufzend rieb ich mir die Augen. Es war viel zu früh am Morgen, um mit ihr herum zu diskutieren.
      Als mein Handy sich wieder bemerkbar machte, nahm ich es genervt aus der Hosentasche in die Hand, zog meine Augenbrauen dann jedoch fragend zusammen. Luchy Blackburne vom Whitehorse Creek Stud fragte, ob ich Cleavant zurücknehmen würde, da sie bei den Reitschulpferden ein wenig aussortieren mussten. Cleavant war zwar einer der Lieblinge, aber die Reitschüler wurden auch immer älter und größer, so dass viele von ihnen den Wallach gar nicht mehr reiten konnten.
      Ich bedankte mich für die Nachricht und sagte ihr zu. Clay wäre eine gute Bereicherung für die Ferienranch – und da die Tiere sowieso im Offenstall standen, würden wir das mit seiner Allergie schon in den Griff bekommen.
      Luchy antwortete mir, dass sie das Tier umsonst abgab. Ihr war es wichtiger, den Wallach in guten Händen zu wissen. Sie würde drüben alles fertig machen und ihn am späteren Nachmittag zu mir bringen. Ich konnte es kaum erwarten, denn der kleine Schecke war mir in guter Erinnerung geblieben.
      Mein Weg führte mich nun zu den Ferienranchpferden. Mit Cleavant waren es mittlerweile 11 Tiere. Dizzy stand, so lange er noch Hengst war, bei den Junghengste drüben auf der Weide. Die Stuten Yumni und Sungila befanden sich seit einigen Wochen auf einem stallnahen Paddock, da Tschetan viel mit ihnen arbeitete. Die anderen Stuten Honor, Chou, Jade, Kristy, Shanee, Kiss und Layla waren auf einem gemeinsamen Koppelstück untergebracht.
      Letztere wollte ich mir heute schnappen, um mit ihr zu den Fohlen und Stuten zu reiten. Auf dem Weg dorthin traf ich Bellamy, der Dakota am Strick führte.
      “Unterwegs zum Ausreiten oder zum Training?”
      “Ausreiten.”
      “Hast du Lust mit zu den Stuten und Fohlen zu kommen?”
      “Klar, treffen wir uns gleich hinten am Weg, der zu den Tieren führt?”
      Ich nickte, “bis gleich.”
      Bellamy und ich ritten eine Weile schweigend nebeneinander her, ehe ich ihn fragte: “Wie gehts dir eigentlich so?”
      Er schaute mich schief von der Seite an. “Hast du mich gerade ernsthaft gefragt, wie es mir so geht?”, er schmunzelte, “was ist denn bei dir kaputt?” Er lachte und schüttelte merklich den Kopf, setzte dann zu einer Antwort an, bei der er durch Dakotas Stolpern unterbrochen wurde. Kota rappelte sich allerdings direkt wieder auf, so dass sein Griff ans Horn nicht von Nöten gewesen war. Bell räusperte sich kurz. “Mir gehts ganz gut, würde ich sagen.”
      “Mmmhhmm”, kommentierte ich, um ihm noch ein wenig mehr zu entlocken. Es funktionierte.
      “Drüben im Bungalow komm ich mit O super zurecht. Auch wenn sie morgens beim Duschen vieeeel zu lange braucht und es bei beinahe jeden Tag nur für eine Katzenwäsche reicht.”
      “Dann musst du wohl früher aufstehen”, lachte ich.
      “Früher aufstehen!”, prustete er los, “pah! Dann steht O auch früher auf und schmeißt mich wieder aus dem Bad.”
      Ich musste lachen. “Frauen.” Um zur Stutenkoppel zu gelangen mussten wir einen kleinen Bachlauf durchqueren. “Ich weiß noch gar nicht, was die gute Layla hier von Wasser hält … geh du mal vor, Bellamy.”
      Er schnalzte, gab Kotas Zügel vor und ließ sie einen Schluck des kühlen Nass trinken, ehe er sie sanft antrieb und sie den Bach durchquerten. Layla tat es ihnen, entgegen meiner Erwartung, gleich. Sie senkte den Kopf, schnupperte am Wasser, trat mit dem ersten Huf zunächst zögerlich hinein, ehe sie den Kopf hob und ihren Weg zügig fortsetzte.
      “Man darf manchmal nicht zu viel drüber nachdenken.”
      “Hm?”
      Bellamy drehte sich zu mir um. “Na bei den Pferden. Manchmal macht man aus einer Mücke einen Elefanten, obwohl gar nichts ist. Trooper ist da so ein Kandidat. Ich helfe O ja beim Einreiten …”
      “Ja, ich hab euch schon ein paar Mal gesehen”, warf ich ein.
      “Der macht sich wirklich gut. Ich hab da auch schon ein paar Mal draufgesessen. So ein lieber Kerl – wenn man aus der Mücke keinen Elefanten macht. Trooper macht alles mit, ist neugierig und gelassen, einfach ein angenehmes Pferd. Macht man selbst aber eine Show und packt ihn panisch an … dann geht er da voll mit und du kannst die Arbeit mit ihm vergessen.”
      “Das ist mir bisher gar nicht aufgefallen.”
      “Wie auch, du hast ja nicht oft zugeschaut”, feixte Bellamy und trabte Dakota locker an. Ich tat es ihm gleich, um wieder zu ihm aufzuschließen. “Ich überlege ja, ob ich ihr den Hengst nicht abkaufe.”
      “So?”
      “Ich mag den. Finde er passt zu mir. Mir würde ein zweites Pferd ganz gut tun, neben Dakota … außerdem hat Cayce jetzt auch ein weiteres Pferd bekommen!”
      Ich schmunzelte. “Ob Cayce Tate übernimmt stellt sich noch raus.” Wir parierten die Pferde durch, da wir an der großen Koppel angekommen waren. “Außerdem hätte ich bestimmt noch ein Westernpferd für dich, falls du eins übernehmen möchtest. Hmmm”, überlegte ich, welche Pferd er in der letzten Zeit des Öfteren trainiert hatte, “Hope zum Beispiel oder Plankton.”
      Bellamy schien zu überlegen. “Hope soll doch ein Reitschulpferd werden oder auf die Ferienranch, hab ich gedacht?”
      “Ich tendiere eher zum Reitschulpferd, für die Ferienranch haben wir schon so viele gute Pferde. Heute Mittag kommt noch eins dazu”, ich zog meine Antwort mit einer theatralischen Pause in die Länge, “Cleavant kommt zurück.”
      “Der kleine Braunschecke mit den blauen Augen? Der mit der Allergie?”, fragte er neugierig nach.
      “Genau der. Die Meisten von Luchys Reitschülern sind ihm zu groß geworden und zum Rumstehen ist er zu schade. Als sie mir eben schrieb, dass sie ihn abgibt, hab ich sofort zugesagt. Seine Allergie hat sie im Moment ziemlich im Griff, Luchy hat gesagt wenn er viel draußen steht und sich bewegt gehts damit.” Ich stieg vom Pferd und band sie außen am Zaun an. Candy und Devil waren nicht freundlichsten Genossen. “Und was ist mit Plankton?”, fragte ich dann, während ich Bellamy das Zauntor aufhielt und es hinter ihm wieder schloss. Gemeinsam machten wir uns auf den Weg in Richtung des Waldstückes, in dem ich die Stuten vermutete – falls dort niemand war, würden wir sie am und um den Bach herum finden.
      “Plankton ist auch ein nettes Kerlchen”, ergriff Bellamy wieder das Wort, “aber irgendwie passen die klassischen Westernpferde nicht zu mir, findest du nicht auch?”
      “Auf Alan hast du immer gut ausgesehen!”, widersprach ich ihm, “vielleicht wäre nächstes Jahr Elvis oder Nora etwas für dich?”
      Bellamy schüttelte den Kopf. Heftiger, als es nötig gewesen wäre. “Elvis braucht immer klare Regeln. Der testet in einer Tour. Außerdem ist er ein Sohn von Candy. Man muss sich das Leben nicht schwerer machen, als es ohnehin schon ist.”
      “Eh”, unterbrach ich ihn, “der ist zwar von Candy, aber Alan ist der Vater. Der hat auch was zum Pferd beigetragen!” Das erste Pferd, welches ich sah, war Sue. Direkt daneben stand Rose, etwas abseits Girl.
      “Das mag sein”, fuhr Bellamy fort und zeigte rechts am Wald vorbei, wo sich Candy und Devil aufhielten. Mit dabei stand Smartie, was ungewöhnlich war. “Aber Candy schlägt da mehr durch!” Er lachte auf. “Und Nora … ist zwar auch von Alan … aber Bella ist die Mutter. Und Bella ist die Mutter von Candy. Damit mach ich mir das Leben auch schwer.”
      “Ach das ist doch Quatsch. Guck dir Izzie an! Die macht sich gut unter dem Sattel.”
      “Bei dir vielleicht!” Bellamy war entrüstet die Arme in die Luft. “Mit mir macht die was sie will.”
      “Vielleicht solltest du da mal an dir und deinem Auftreten arbeiten?”
      Bellamy blieb mir eine Antwort schuldig. Easy und Gin kamen auf ihn zu und durchstöberten seine Westentaschen nach etwas Fressbarem. Während er umzingelt war, Elsa und Ginny gesellten sich ebenfalls zu ihm, hielt ich Ausschau nach den anderen Stuten und den Fohlen. Aquila, Magic, Lol, Crow, Tex, Stormy, Striga und Whiz. Das waren alle Stuten und Mutterstuten, die sich hier auf der Weide befanden. Wimpy, welche sich bei ihrer Mutter Devil befand, war bisher das Einzige Fohlen für dieses Jahr. Bei den anderen würde es nicht mehr lange dauern.
      Die Jährlinge Siri, Rebel, Willa und Angel standen gemeinsam mit Miss und Lena am Hof. Nach einigen ganz erfolgreichen Trainingsversuchen war es Lena doch zu viel geworden. Sie war blind und verfiel bei den letzten Malen immer gleich in Panik, aus der sie sich nicht so schnell herausholen ließ. Ich hatte mich deshalb dazu entschieden, sie komplett aus dem Sport und aus der Arbeit zu nehmen. Sie verbrachte ihre Tage am Hof und schien damit sichtlich zufrieden.
      “Weißt du was mir gerade einfällt?”, wandte ich mich wieder an meinen Begleiter. “Alaric. Das wäre ein Pferd für dich. Elena verkauft den gerade. 10 jähriger Friesenmixhengst, freundlich und aufgeschlossen. Sie hat mich gebeten, mich mal umzuhören.”
      “Was ist denn da noch drin, außer Friese?”, fragte Bell mich interessiert.
      “Das weiß ich leider nicht”, gab ich ehrlich zu, “aber der ist braun und nicht schwarz. Ich such dir gleich mal ein Fotos raus.” Gesagt, getan. Ich durchforstete mein Handy nach einem Bild des Hengstes, während ich immer wieder Pferdenasen vom Bildschirm wegschieben musste. Als Candy, Devil, Wimpy und Smartie mit angelegten Ohren auf uns zukamen, stoben alle anderen Stuten wie von der Tarantel gestochen davon. “Weiber …”, murmelte ich und hielt bei einem Bild des Braunen an. “Hier, guck.”
      “Hübsch sieht er ja aus.” Bellamy streichelte Smarties Hals. “Seit wann gehört die eigentlich dazu? Und vor allem seit wann hängen Candy und Devil zusammen rum?”
      “Da fragst du den falschen”, ich zuckte die Schultern, “keine Ahnung, wann das passiert ist. Es wundert mich genauso, wie es dich wundert … aber hast du gesehen, was für ein tolles Fohlen Devil und Blue bekommen haben? Wenn das mal keine Traumfarbe ist!”
      “Sieht Siri ähnlich – also von der Scheckung.”
      “Ja, ein wenig. Oh …” Ich rückte mir meinen Hut zurecht. “O schreibt gerade, Luchy ist mit Cleavant schon da. Sie warte aber solange, bis wir zurück sind.”
      Zügigen Schrittes gingen wir zurück zu den beiden Pferden, die neugierig den Hals über den Zaun streckten, um sich mit den anderen Stuten zu beschnuppern.
      “Lass dir das mit Ric und Plankton mal durch den Kopf gehen, Trooper kannst du dann ja immer noch dazu holen.”
      “Ich denk drüber nach.”
      Wieder auf der Ranch angekommen war Cleavant bereits ausgeladen und O unterhielt sich angeregt mit Luchy. Sie hatte den Wallach am Strick und ließ ihn am Rand eines Paddocks ein wenig grasen.
      “Hallo Luchy!”, begrüßte ich sie freundlich, lenkte mein Pferd in ihre Richtung und stieg ab. Ich drückte es Bellamy in die Hand, der nach einer kurzen Begrüßung Luchys in Richtung Stalls verschwand. Ich schaute ihm kurz nach, ehe ich mich dem Wallach zuwandte.
      “Hey Cleavant”, sagte ich die Hand ausstreckend und seinen Hals berührend. Der Braune hob den Kopf und musterte mich kurz, ehe er ihn wieder senkte und weiter fraß.
      “Ganz verhungert, der Arme”, lachte Luchy und übergab mir den Strick. “Ich hab leider gar nicht so viel Zeit und müsste jetzt auch wieder los.” Sie ging nach vorne zum Transporter, klaubte einen Stapel Papiere vom Beifahrersitz und drückte sie mir in die Hand. “Da stehen auch seine letzten Behandlungen drauf, falls er einen Schub bekommt meld dich gerne, dann helf ich.”
      Ich bedankte mich und wir winkten ihr kurz hinterher, während sie das Gelände über die lange Auffahrt verließ. “Na Kleiner, kennst du dich noch aus?”
      Als wir in Richtung der Paddocks gingen, auf denen die Ferienranchpferde untergebracht waren, hob Cleavant zusehends den Kopf, wieherte und bekam immer mehr Antwort.
      “Wo stellst du den denn jetzt hin?”, fragte mich O und lehnte sich an den Zaun, hinter dem die Stuten untergebracht waren. “Kannst ihn ja schlecht zu Dizzy stellen.”
      “Nein, den muss ich erst kastrieren lassen … ich stell ihn jetzt hier nebenan auf den leeren Paddock und stell ihn dann die Tage zu den Stuten rein, der kennt ja die gemischten Herden.”
      O nickte. “Ich bin dann mal nochmal rüber zu meinen, ich wollte mit Hunty gleich noch eine Runde ins Gelände.”
      “Viel Spaß.”
      Tschetan
      Die Feder am Hut befestigt, den Karton eng an die Brust gedrückt und den Hut auf meinem Kopf schlenderte ich über den Hof. Die laue Nacht hatte sich über die Ranch gelegt, aber ich konnte noch nicht hinüber ins Haupthaus. Ich zog mein Handy heraus. Schrieb eine Nachricht. Löschte sie wieder. Dachte nach. Schrieb eine Zeile, nur um wieder alles weg zu klicken. Dann steckte ich das Smartphone wieder in die Tasche. Da pingte es.
      >>Was schreibst du denn so lange?<<
      Ich starte auf die Nachricht von Nicholas. Ertappt.
      >Ich wusste nicht was ich schreiben soll.<
      >>Vielleicht sowas wie - noch wach?<<
      >Vielleicht.<
      >>Was ist denn? Du bist doch sonst nicht karg an Worten?<<
      Ich schlenderte hinüber in den Stall, schaltete das Licht ein, schoss mehrere Selfies. Sah mir alle Bilder an … um Nicholas dann ein Bild hinüber zu senden.
      >>Scout! Wow, wo hast du den denn her?!<<
      >Den haben mir Louis und Ylvi geschenkt….Louis hat mich damit quasi in den Bund der Männer aufgenommen. Große Sache für die Jungs meiner Ahnen. Ich bin noch ganz überwältigt.<
      >>Gab's son richtiges Mannbarkeits-Ritual?<<
      Ich schmunzelte und schaltete das Licht wieder aus, ließ mich aber in der Stallgasse auf den Boden sinken. Schrieb Nicholas von dem Essen, dem Frybread und erklärte ihm, wer Logan war. Das leichte Mahlen der Zähne des Pferdes hinter mir in der Box erfüllte dabei meine Ohren. Ich las nochmal was ich geschrieben hatte und schickte den Text mit dem Pfeil weg.
      >>Klingt ehrlich gesagt ganz schön kompliziert mit Logan. Ich hab niemals gedacht, dass es innerhalb eurer Community solchen Rassismus gibt. Dieser ganze Kontinent hat ein arges Problem. Und Logan ist jetzt hier um, was? Dich und Kaya im "Lakota sein" zu unterrichten?<<
      >Ich denke das ist Teil seiner Intention, ja. Allerdings hat er nicht vor, das hier zu tun. Er will uns unbedingt nach Pine Ridge holen für die Zeit der Ferien.<
      Es brauchte lange, bis eine Antwort kam.
      >>Darf er das so einfach entscheiden?! :O<<
      >Nein. Louis und Ylvi haben deshalb das Essen gemacht. Sie lassen uns die Wahl, wir dürfen beide selbst entscheiden. Ich war erstmal zu perplex eine Wahl zu treffen.<
      5 Minuten wartete ich auf eine Antwort. Nicholas schien lange darüber nachzudenken. Oder wie ich vorhin, seine Antworten immer wieder zu löschen. Schließlich standen dort nur 3 Worte.
      >>Wirst du gehen?<<
      Im Dunkeln erhob ich mich, presste den Hutkarton wieder an meine Brust, schlenderte durch die lange Gasse. Mit jedem Schritt abwägend. Doch eigentlich war die Antwort klar. Bevor ich die Schiebetür des Stalltraktes öffnete, tippte ich eine einzige Nachricht an Nicholas:
      >Und mir den Sommer mit dir entgehen lassen?<
      Bis ich oben in meinem Zimmer war, sah ich mir seine Antwort nicht an. Aber Nicholas hatte mir ein GIF geschickt in dem sich 2 Strichfiguren umarmten. Meine Augen blieben darauf hängen, sodass ich seine Antwort darunter erst gar nicht sah.
      >>Die Pferde die wir trainieren, die geplanten Ausflüge mit allen. Ich seh es schon kommen! Das wird der Sommer unseres Lebens!<<
      Ylvi
      Ich lag im Dunkeln wach. Wälzte mich im Bett umher, drehte mich auf die andere Seite. Starrte wieder hoch an die Decke, spürte, wie die Muskeln in meinem Körper zuckten. Dann richtete ich mich auf.
      "Ylvi, verdammt. Steckt da in deinem Inneren heute ein Wespennest?"
      " 'tschuldige..Ich kann heute einfach keinen Schlaf finden."
      "Gar nicht zu merken…", grummelte Louis halb verschlafen aus der Düsternis. Dann bewegten sich die Decken, ich spürte seinen Kopf in meinem Schoß. "Wenn du dich bewegen willst kannst du mir ja den Kopf streicheln?", brummte er. Ich musste auflachen. Manchmal verhielt er sich wie ein Stubentiger.
      "Hast du vorhin mitbekommen was Tschetan gesagt hat?", leicht fuhr ich dabei durch den langen Haarschopf von Louis. Dieser antwortete nicht, aber ich spürte sein Kopfschütteln. "Ina… er hat mich Ina genannt als er sich bedankt hat. Dabei habe ich Kayas Gesichtsausdruck gesehen… sie schien einen Moment… erschüttert."
      Ina war der Begriff für Mutter in der Sprache der Lakota. Tschetan hatte mich seine Mutter genannt. Ich wusste wie fluid die Verwandtschaftsverhältnisse in den meisten Indigenen Kulturen waren. Kaya und Tschetan hatten Louis schon immer Vater genannt, seitdem sie bei uns lebten. Doch nie hatte einer der beiden Kids mich als Mutter bezeichnet. So sehr mich die Bezeichnung vorhin zu Tränen gerührt hatte, so hatte ich die Bestürzung von Kaya gesehen. Ihr Schweigen und ihre verhaltene Art im Verlauf des weiteren Abends hatten mir gezeigt, dass sie verwirrt schien. Beim zubettgehen hatte ich sie darauf ansprechen wollen. Allerdings nicht gewusst, wie ich am besten anfangen sollte. Auch Louis meldete sich erst nicht zu Wort.
      "Das erklärt ihre steinerne Art."
      "Ob sie ihrem Bruder nicht zustimmt? Ob sie beleidigt ist?", fragte ich besorgt.
      "Möchtest du denn Mutter von ihr genannt werden?"
      "Nein… ich… will und kann ihre Mutter gar nicht ersetzen. Ich hatte doch mit Kindern nie Berührungspunkte bis zu den beiden. Mit ihrem Mutismus anfangs war es so schwer. Mit Tschetan war es einfacher, er war bereits ein junger Teenie als er zu uns kam." Ich hielt inne, starrrte nur in die Dunkelheit. Lange blieb es still.
      "Vor einiger Zeit hatte ich ein Gespräch mit ihr darüber. Betsy hatte es angestoßen. Sie hat Kaya gegenüber erwähnt, dass sie Angst hat Dells Gesicht zu vergessen. Wie das ihrer Mutter. An dem Abend fand ich Kaya weinend im Bett. Hat mich ‘ne Weile gekostet ihr alles aus der Nase zu ziehen."
      Louis richtete sich jetzt auf. Nur vage konnte ich seine Silhouette vor mir erkennen. Doch ich musste es auch nicht. "Sie macht grad eine schwierige Phase durch. Tatsächlich schiebt sich immer mehr dein Gesicht in die Erinnerung ihrer Mutter. Ihre eigene war nie da… und wenn sie da war, dann betrunken oder high. Kaya hat so wenige Erinnerungen an eine normale Mutter. Die einzigen guten Erinnerungen an eine Vorbildperson in ihrem Leben… das bist du. Sie hat, ähnlich wie Betsy, Angst, ihre wirkliche Mutter zu vergessen. Ich denke… heute Tschetan zu hören, wie er dich Mutter nennt, lässt sie denken, dass auch er seine Mutter längst vergessen hat."
      "Sollte ich darüber mit ihr reden?"
      Louis griff nach meiner Hand, strich über den Handrücken. "Ich denke das ist etwas, dass Kaya selbst für sich herausfinden muss. Falls sie Probleme hat, wird sie mit Tschetan darüber sprechen, oder mit Betsy. Versuch dir einfach nicht zu viele Gedanken darüber zu machen."
      "Pfft.."
      "Leichter gesagt als getan, ich weiß", lachte Louis sanft, dann zog er mich am Nacken zu sich heran. Unsere Lippen berührten sich zärtlich in der Dunkelheit und während seine Finger auf Wanderschaft gingen… klopfte es ganz leise an der Tür. Dann steckte Kaya plötzlich einen Kopf durch die Tür.
      "Seid ihr noch wach?", flüsterte sie ebenso leise. Ich hörte Louis leichtes Auflachen, spürte seine Stirn an der Meinen. Unendlich langsam glitt seine Hand von meiner Brust.
      "Nein Kaya, wir sind noch wach", flüsterte ich mit belegter Stimme.
      "Darf ich bei euch schlafen? Mein Zimmer erscheint mir heute so leer."
      "Rutsch rüber Louis!"
      Dann kuschelte sich Kaya vorsichtig neben uns – da war ich wirklich froh um das große Kingsize Bett.
      "Gute Nacht ihr beiden", flüsterte Louis, legte seinen Arm um Kaya. Seine Hand kam auf meiner Schulter zum liegen und streichelte die Stelle. Und mit diesem Empfinden auf der Haut und Kayas langsamer werdendem Atem in meinem Nacken fand auch ich endlich meinen Schlaf.
      Fohlenweide: Run Outta Color, BR Wimpys Blue Gun, BR South Texas Gangster, BR Rebel Hearted, BR Heavens Wild Side, BR Devils Angel Eyes
      Jungpferde: Blue Fire Cat, BR Atlantis Dream, BR Colored in Style, BR Dress to Impress, BR Homecoming Queen, BR Raised to Slide, BR Sheza Topnotch Babe, BR Wimpys Bright Gangster, Captains Blue Crystal, Gun Sophie, Jacks Inside Gunner, BR Alans Smart Dream, BR Colonels Golden Gun, BR Colonels Lil Joker, BR Double Gunslide, BR General Pleasure, BR Heart N‘ Soul, BR Hollywooda Dream Anthem, Chocolate Dazzle, Rocking Waves
      Trainingsstall: Bittersweet Temptation, Whitetails Shortcut, Zues, Abandon all Hope, HMJ Courtesy, HMJ8345’s Continental, Lady Blue Skip, Tortured Witch HMJ 6693, Blanton’s Gentleman, Chic N‘ Shine, Four Bar Chocolate Becks, GRH’s Funky’s Wild Berry, HMJ Saintly, How‘ Bout Moonies, PFS‘ Unclouded Summer Skies, Smart Lil Vulture, tc Mister’s Silvermoon Cody, Thiz Bye Bye Bay
      Zuchthengste: Small Town Dude, Dual Shaded Ace,GRH’s Bellas Dun Gotta Gun, GRH’s Unbroken Soul of a Devil, Gun and Slide, Gunners Styled Gangster, Heza Bat Man, Till Death, HGT’s Unitato, Chapman
      Zuchtstuten: Up Town Girl, Black Sue Dun It, California Rose, DunIts Smart Investment, Easy Going, Frosty Lagoon, Ginger Rose, Ginny my Love, GRH’s A Gun Colored Lena, GRH’s Aquila T Mistery, GRH’s Unbroken Magic, Lovin‘ Out Loud, Magnificient Crow, Only Known in Texas, Stormborn, Striga, Tainted Whiz Gun
      Einsteller: Breia LDS, Ceara Isleen, Dakota, Drama Baby, Leuchtfeuer di Royal Peerage, Moonshine LDS, Pocahontas, Prias Colourful Soul, Raspbery, Tigres Eye, Wunderkerze LDS, Absolute Bullet Proof, Alaric, Birk, Culain, Fancy Like Romeo, Heldentum LDS, Myrkvidr, Peacful Redemption, Vandal LDS, WHC‘ Happy Sunshine, Wildfire xx
      Dells Rookie Ranch: Cleavant ‘Mad Eyes‘, A Walking Honor, Chou, Jade, Like a Prayer, Kristy Killings, Honey’s Aleshanee, Colonels Blue Splash, Kisshimbye, BR Dissident Whiz, Sweet like Chocolate
      Übergangsweise: Priamos Ruffia Kincsem, Wimpys Little Devil, Miss Independent, Snapper Little Lena
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    BRR Fohlenweide
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    13 Feb. 2022
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    EXIF Data

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    Note: EXIF data is stored on valid file types when a photo is uploaded. The photo may have been manipulated since upload (rotated, flipped, cropped etc).

  • Exterieur
    Name: BR Rebel Hearted
    (Got a rebel heart a country mile wide)
    Rufname: Rebel
    Alter: Jährling
    Geschlecht: Stute
    Größe: wächst, wird ca. 1,52m
    Rasse: American Paint Horse
    Fellfarbe: Grullo Roan Tovero EeaanDRrnTnSpl


    Stammbaum
    Von: GRH's Bellas Dun Gotta Gun
    von: Spooks Gotta Gun
    von: unbekannt aus der: Colonels Smokin Gun
    aus der: unbekannt
    Aus der: GRH's Unbroken Magic
    von:
    Unbroken Soul of a Rebel von: Equality aus der Amanda
    aus der: Marly's Pluie von: Call me a Twist aus der: Rose Colored Gun



    Charakter & Beschreibung:
    Rebel ist zwar sehr umgänglich, lieb und aufmerksam aber veräppelt einen nach Strich und Faden. Sobald sie merkt, dass jemand unsicher wird, nimmt sie Reißaus. Tritt man ihr jedoch selbstbewusst gegenüber und hat Ahnung von dem, was man tut, hat man mit ihr einen top Partner an seiner Seite.


    Zuchtinfos
    Gekört/Gekrönt: nein

    Besitzer: Veija (Caleb O'Dell)
    Vorbesitzer:
    Gezüchtet bei/Zucht: BR Performance Horses, Bow River Ranch, Alberta, Kanada

    VKR: Mohikanerin

    Kaufpreis: 200 Joellen
    Zu Verkaufen: nein


    Qualifikationen:

    nicht eingeritten
    nicht eingefahren


    Dressur E
    Springen E
    Military E
    Distanz E
    Galopprennen E

    Western



    Erfolge:


    Gesundheit:
    Gesundheitszustand:
    Letzter Besuch:

    Hufschmied:
    Hufzustand: gut
    Letzter Besuch:
    Beschlag: