1. Diese Seite verwendet Cookies. Wenn du dich weiterhin auf dieser Seite aufhältst, akzeptierst du unseren Einsatz von Cookies. Weitere Informationen
Canyon

● Sawanna

Westfale ○ Fuchs ○ Stute ○ 5 Jahre ○ 175cm ○ gekrönt

● Sawanna
Canyon, 25 Nov. 2017
    • Canyon
      ▲▽▲
      Tyrifjord Ranch

      Inselwind
      Malte | "Leute!" Wenn Charly so anfängt, dann hat sie eine Ankündigung zu machen, denke ich und löse meinen Blick von dem Häufchen Pferdeäpfel vor mir, welche Óslogi mir hinterlassen hatte. "Ich habe eine Ankündigung zu machen!" Aha, denke ich, habe ich es doch gewusst. "Ihr wisst ja, dass ich schon seit längerem auf der Suche nach Stallhilfe bin und ich denke, dass ich nun jemanden gefunden habe. Darf ich vorstellen? Eyvind Engh!" Ihre Stimme schallt durch den Stall und an ihrem Grinsen erkenne ich, dass sie wirklich zufrieden ist mit der Wahl. Hinter ihrem Rücken tritt jedoch ein Junge hervor, welchen ich am allerwenigsten einem Stallgebäude zugeordnet hätte. Er schiebt sich die runde schwarze Sonnenbrille auf seinen hellweißen Schopf und blickt die versammelte Stallgenossenschaft mit unverändertem Ausdruck an. Mein Blick tastet ihn vorsichtig ab und auch Petyr, einige Meter neben mir, scheint noch etwas verdutzt. Einen Nasenpiercing, dann noch einige an den Ohren und ziemlich unbequem aussehende Kleidung in schwarz. Sein Gesicht ist zart und weich, seine Augen stechen jedoch wieder hervor wie Zitronen unter einer Herde Erdbeeren. Vuyo ist der sozialste von uns und tritt mit ausgestreckter Hand auf ihn zu. "Vuyo, herzlich willkommen auf der Tyrifjord Ranch!" Das restliche Gespräch verpasse ich, weil Petyr mir in die Rippen boxt und so meine Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Ich stöhne und schlage Petyr aus Rache gegen die Schulter. Er hält nun also seine Schulter mit der einen Hand und ich meine Rippen.
      "Was'n dat für nen Kerl?" Fragt er mich und nickt in Richtung Eyvind. Ich zucke nur mit den Schultern.
      "Keine Ahnung, sieht doch ganz nett aus." Allerdings habe ich mir selbst noch keine wirkliche Meinung gebildet, versuche jedoch so offen wie möglich zu sein.
      Charly kommt nun auf uns zu, oder eher auf mich. Vuyo hat sich wieder seiner Arbeit zugewandt und als ob ich nicht wüsste, was jetzt kommt, stellt Charly die erwartete Frage. "Hey Malte, du, hast du zufällig Lust Eyvind die nächsten Tage etwas einzuarbeiten? Petyr ist ja leider wieder unterwegs und Vuyo hat mit der Reitschule so viel um die Ohren." Praktisch, dachte ich, mir bleibt dann nämlich der komplette Stall plus Eyvind. Ich lächle jedoch und sage: "Klar Charly, mache ich gerne!"
      "Auf dich ist immer Verlass!" Meint sie, klopft mir auf die Schulter und verschwindet dann mit einem kurzen Nicken zu Eyvind in Richtung Ausgang.
      "Dich scheint etwas daran zu stören?" Eyvind blickt mich fragend an. Er scheint wirklich nett, aber auf mein Gefühl verlasse ich mich schon lange nicht mehr. Ich zucke mit den Schultern und weiß noch nicht genau, was ich sagen soll. Er kommt mir jedoch zuvor. "Kann ich verstehen, Charly hat mir schon erzählt, dass du hier als treibendes Rad ständig etwas zu tun hast. Aber ich denke, ich kann dir ganz gut unter die Arme greifen." Beim näheren Hinsehen erkenne ich die dicken Ringe um seine Augen, sehe einige Sorgenfalten in seinem Gesicht und die ungewaschene Kleidung. Ich blinzle.
      "Danke", sage ich nur. Wie viel zu oft habe ich ein Loch im Kopf, wenn es darum geht, die passenden Wörter zu finden.
      "Also, was kann ich tun?" Fragt Eyvind mich und ein Lächelnd erscheint auf seinen Lippen. Er scheint wirklich begeistert von dem Gedanken, hier arbeiten zu können.
      "Äh", sage ich wieder wenig produktiv und stelle die Mistgabel zur Seite. "Du kannst mich zu den Weiden begleiten, ich will das Wasser kontrollieren." Meine ich und zeige in Richtung Ausgang. Eyvind nickt nur. Ich ziehe ihn also mit mir aus dem Stall, nicke im Vorbeigehen Petyr kurz zu und schlage dann den Weg in Richtung Weiden ein. Es ist ein kalter Frühlingstag. Wie gefühlt immer. Der Nebel liegt noch an den Ufern des Fjords und bedeckt die eigentlich schon grünenden Wiesen mit einer Schicht aus grau. Die erste Weide, die wir erreichen, ist die kleine Hengstweide. Unsere vier verbliebenden Vollblüter stehen hier. Vollblüter waren nie mein Spezialgebiet und trotzdem habe ich (fast) alle ins Herz geschlossen. Ich passiere den Zaun geschickt und winke Eyvind dann zu, er solle mir folgen.
      "Osgiliath", sage ich und zeige auf den Hengst, der uns am nächsten steht. "Bei ihm, wie fast bei jedem anderen Pferd welches Nicolaus angeschleppt hat, würde ich etwas Abstand halten. Das gleiche kannst du bei Worgait", ich zeige auf den hellen Tekkiner Hengst, "Und natürlich auch bei Marid beachten." Diesmal nicke ich nur in Richtung Marid, welcher mit gespitzten Ohren am Offenstall steht. Ich spüre seinen Blick auf mir, seinen hinterlistigen Blick. Er weiß genau, dass ich über ihn red. Dann stelle ich ihm noch Valentines Alysheba vor und mache mich an die Arbeit. Während ich frisches Wasser nachfülle, fallen mir endlich einige wenige Frage ein. "Sage mal, Eyvind, was ist so deine Vorliebe bei Pferden? Reitest du selbst?"
      "Vorliebe?" Er erscheint einen Moment verwirrt und runzelt die Stirn. "Du meinst, was ich für Rassen mag und so?" Ich nicke. "Ich bin da offen, ich habe keine Vorlieben." Meint er nur. Aha. Denke ich und fühle mich nicht schlauer als zuvor. Das Wasser ist auch fertig und so sehe ich die Möglichkeit, das kleine Gespräch schnellstmöglich zu beenden. Nachdem wir noch Grenzfee und Teufelstanz auf ihren Weiden besucht haben, geht es zurück in den Stall. Ich bin erstaunt Petyr noch anzutreffen, meist verdrückt er sich bei der erstbesten Möglichkeit. Mir zusammengekniffenen Augen verfolgt er jede Bewegung Eyvinds und auch als ich in böse anstarre, lässt er nicht von ihm ab. Ich seufze. Eyvind dreht sich erstaunt zu mir um und blickt mich fragend an. "Alles ok?" Ich nicke schnell und erzwinge mir ein kleines Lächeln. "Ok, wohin geht es als nächstes?"
      "Ich muss eine unserer Stuten versorgen. Sie hat vor zwei Tagen ein Fohlen zur Welt gebracht und ist - etwas eigensinnig seit dem." Was jedoch für mich nicht verwunderlich ist, wenn man einen Besitzer namens Nicolaus du Martin hat, denke ich, spreche es jedoch nicht laut aus. Colour Splash steht mit angelegten Ohren in ihrer großzügigen Box. Nicht nur das, wir haben ihr sogar eine Trennwand entfernen lassen, sodass die beiden Stuten genügend Platz haben. Zu ihren Füßen liegt der neue Stern des Gestüts und bereits am Namen kann man die Spuren Nicos erkennen. "Simplicity of Sophistical, oder einfach nur Simple." Sage ich zu Eyvind gewandt und etwas kann ich den Stolz in meiner Stimme nicht verstecken. Auch ich bin froh, dass Splash es endlich geschafft hat. "Ihre Mutter heißt Colour Splash." Ich deute auf Splash, welche die Ohren nach hinten legt und mit einem Huf scharrt.
      "Sie scheint unruhig." Meint Eyvind und betrachtet die Stute fasziniert. "Ist sie immer so?"
      Ich schüttle den Kopf. "Nein, nicht immer. Aber sie mag das Boxenleben nicht." Ich nicke in Richtung Nachbarbox. "Seit dem wir jedoch halbtags ihre Freundin Shari drinnen lassen, geht es schon besser."
      Ich bin recht froh, als ich wenig später Eyvind eine Mistgabel in die Hand drücke, mit der Aufgabe, in den Offenställen der Jungpferde etwas Ordnung zu machen. Ich atme erleichtert auf, als sich eine Hand auf meine Schulter legt. Erschrocken fahr eich herum und blicke in das Gesicht Petyrs. "Gott!" Rufe ich und funkle diesen böse an. "Du sollst das lassen!"
      Petyr grinst. Dass ich ihn Gott genannt hatte, schien ihm zu gefallen. "He Malte, du, sag' mal, wie ist denn dieser Eyvind so? Is' er nett?"
      "Petyr, weißt du, dass du durchgängig die Endungen von Wörtern verschluckst?" Sage ich nur und greife nach meiner Mistgabel.
      "Jaja, weiß ich. Aber los sag' mal, ich muss doch wissen, wer hier so auf dem Hof unterwegs ist." Er lässt wie immer nicht locker.
      "Da habe ich eine Idee." Sage ich und drücke Petyr die Gabel in die Hand. "Hilf ihm doch einfach bei den Offenställen." Ich grinse ihn an und als er sich nicht von der Stelle rührt, nicke ich mit meinem Kopf in Richtung Ausgang. "Los, du Faulpelz!"
      Er sieht ein, dass er aus mir nichts rausbekommt und funkelt mich böse an, macht sich aber trotzdem auf den Weg zu Eyvind. Mein Weg führt mich jedoch in die andere Richtung zu unseren Paddocks. Seit einigen Tagen steht hier zur Eingewöhnung Sawanna. Ihre Reise hier her ist lang und anstrengend gewesen und ich sehe ihr an, dass sie erschöpft ist. Hinzu kamen ihre Vertrauensprobleme und auch wenn Nico und auch ich tagtäglich mit ihr arbeiten, ist es noch nicht viel besser geworden. Ich nehme das Halfter vom Hacken, stehe jedoch noch einige Minuten unbeteiligt hinterm Zaun, bevor ich mich auf ihr Territorium getraue. Sawanna wird ihrem Namen ziemlich gerecht. Nicht nur der hübsche helle Fuchston, auch der hitzige und stürmische Charakter passten dazu. Ziel war es, sie innerhalb der nächsten Tage an Shyvana und Samarra zu gewöhnen und so wie Petyr es letztens deutlich erwähnt hatte, passten die jungen Stuten nicht nur vom Namen zusammen. Während ich schließlich mit Sawanna den Weg in Richtung Wald einschlage, versuche ich krampfhaft einen Spitznamen für sie zu finden. Samarra hat von mir bereits den Namen Sammy erhalten und Shyvana heißt meist nur Shyva. Es muss also etwas genauso schönes her. Obwohl Sawanna schreckhaft ist, scheinen sie die Hengstweiden nicht zu stören. Weder Bijou, noch Volente oder Phenomenon schenkt sie einen Blick und auch den neuen Brego, welcher genauso wie sie noch einzeln gehalten wird, beachtet sie nicht. Auch von mir hält sie durchgängig einen gewissen Abstand, scheint sich jedoch jedenfalls ein bisschen an mich gewöhnt zu haben. Das Ziel von Sawanna und mir ist eine kleine Weide in der Nähe der Zackelschafe und Bellas Pferden. Auch sie habe ich schon länger nicht gesehen, sodass ich die Chance ergreife und meine Schritte zu den Isländern lenke, nachdem ich Sawanna auf ihre Weide entlassen habe. In der Hoffnung, Bella bei ihren Pferden zu entdecken, schlage ich mich durch die rasant gewachsenen grünen Äste, rechts und links des Weges. Bellas Weiden lagen etwas abseits. Ihre Isländer standen durchgängig auf der Weide und so verwundert es mich nicht, dass ich auch dieses Mal die versammelte Mannschaft erblicke. Den jungen Fafnir am Zaun erkenne ich sofort und das niedliche Jungpferd daneben enttarne ich als Litfari. Von Bella ist jedoch keine Spur zu sehen. so gebe ich mich geschlagen und mache mich zurück auf dem Weg zum Hof.

      18. Mai 2017 | 10.251 Zeichen | Canyon
    • Canyon

      Training

      Distanz E → A

      Malte » »Stört dich das nicht? Das mit den Namen?« fragt Petyr Nico. Nico zieht jedoch nur seine Augenbrauen nach oben und blickt Petyr herablassend an.
      »Stört es dich, lieber Petyr, dass es hier in Norwegen ganz viele Jonsens gibt?« Petyr antwortet nicht. »Na also. Und jetzt putze Sawanna, auch nur die kleinste Schürfstelle würde ich dir übel nehmen.«
      Grimmig blicke ich Nico an, was er jedoch nicht zu bemerken scheint. Ich hasse es, wenn er so großkotzig ist, vor allem wenn er so mit meinen Freunden umgeht. Ich halte mich jedoch davon ab, mich einzumischen und konzentriere mich weiter auf das Putzen von Prejudice.
      »In zehn Minuten ist Abflug!« Ruft Charly etwas weiter über den Rücken von Samarra hinweg. Ich seufze genervt, beeile mich jedoch mit Judis Sattelzeug, sodass ich wenig später pünktlich im Sattel sitze und ungeduldig auf die anderen vier Reiter mit ihren Pferden warte, welche alle mal wieder länger brauchen. Mit etwas Verspätung reiten wir jedoch dann vom Hof. Meine Motivation auf das Training war sehr gering, dafür würde ich nächste Woche zwei Freitage haben und endlich mal wieder Zeit für meine eigenen Pferde finden. Der Himmel war stark bewölkt und es war kälter als in den letzten Tagen. Eigentlich die perfekten Voraussetzungen für ein Distanztraining. Jedoch hatten wir hier fünf unerfahrene Pferde im Gelände. Alle waren jung und auch wenn sie die Umgebung durch unsere Ausritte schon kannten, war ein Distanztraining nochmal härter und anstrengender. Vuyo ritt dieses Mal Shyvana. Eine neue und recht wenig trainierte Stute, welche jedoch bereits in den letzten Tagen unter dem Sattel große Fortschritte gemacht hat. Außerdem ist Nico ja bekannt für sein schnelles Training. Zum Glück hat er damit bis jetzt durchgängig Erfolg gehabt. Nach einem gemächlichen Start erhöhen wir das Tempo, als wir die weichen Waldwege erreichen, welche sich rings um das Gestüt erstrecken. Nico und der Hengst Brego führen die weitere Stutengruppe an. Da Judi bereits in den höheren Klassen in der Dressur und im Springen mitspielt, ist sie dementsprechend trainiert und erkämpft sich nach kurzer Zeit den Platz direkt dahinter. Hinter mir kam Charly mit Sammy und den Schluss bildeten Vuyo und Shyvana. Im langsamen und gleichmäßigen Trab führt uns Nico die Waldwege entlang. Dreißig Kilometer stehen auf unserem Plan und ich befand meine Idee als immer noch gut, bereits am Vorabend Wasser auf dieser Strecke zu verteilen. Nicos Einschätzung ist, dass wir nur etwas mehr als zwei Stunden brauchen würden. Ich zweifele daran etwas, lasse ihm jedoch seine Hoffnung. Keins der Pferde ist lange Trabstrecken im Gelände gewöhnt und so müssen wir immer wieder kleine Schrittpausen einlegen. Hin und wieder zwingt uns auch das Gelände zu einer Verringerung des Tempos, sodass Nico auf Grund des nicht Einhaltens seines Zeitplans immer muffliger wird. Ich versuche ruhig zu bleiben und mich vor allem auf Judi zu konzentrieren, welche sich zwischendurch den ersten Platz sogar mit Brego teilt. Nico scheint jedoch es nicht für nötig zu sehen, den Hengst davon abzuhalten, Judi immer wieder mit Kopf und Huf zu drohen, sodass ich das Tempo wohl oder übel etwas zügeln muss.
      Nach der Hälfte der Strecke legen wir unsere Pause ein. Bereits auf der ersten Hälfte gab es kurze Wasserpausen, diesmal steigen wir jedoch ab, nehmen die Pulswerte und gönnen den Pferden eine kurze Pause. Kurz nachdem jedes Pferd wieder bereits für den zweiten Teil ist, steigen wir auf und führen den Ritt weiter. Mittlerweile galoppieren wir im ruhigen Tempo an geeigneten Stellen, geben den Pferden dafür mehr Schrittpausen, denn auch ihre Kraft versiegt so langsam. Petyr und Vuyo haben mittlerweile sogar aufgehört, ununterbrochen zu sprechen, sodass ich nur noch umgeben von den Geräuschen der Natur und dem Geklapper der Hufe bin. Nach etwas mehr als dreißig Kilometern kommen wir durchnässt wegen des eingesetzten Regens und mit müden Pferden wieder auf der Tyrifjord Ranch an. Bella und Tjarda sind zum Glück bereits zur Stelle und werfen allen Pferden zügig Abschwitzdecken über, sodass wir nur noch den Puls unserer Tiere nehmen brauchen und sie nach dem Absatteln auf die Weiden entlassen können. Wir waren uns einig, dass jeder der Fünf einen Aufstieg in die nächsthöhere Klasse verdient hatte.

      18. Mai 2017 | 4.275 Zeichen | Canyon
    • Canyon

      Tyrifjord Ranch

      Rakkaus Ja Epätoivo
      Mio | Zwei Jahre später stand ich an einem Punkt in meinem Leben, wo ich mir nie hätte denken können zu stehen. Die Zweifel plagten mich, Nächte lag ich wach und blickte in das stets friedlich ruhende Gesicht von Jacob. Die Mondstrahlen spiegelten sich auf seiner Haut wider und brachten seine dunklen Locken zum teuflischen Glänzen. Ich lag im tiefen Schatten.
      Als die ersten Sonnenstrahlen einige unruhige Stunden später den Weg durch die Vorhänge suchten, war ich längst munter. Ich stand im T-Shirt in der Küche und rührte in einem Topf umher, welcher eigentlich so etwas wie Schokopudding enthalten sollte. Es sah jedoch eher nach aufgeweichten Pferdeäpfeln aus. Der Schneebesen in meiner Hand wollte einfach nicht verstehen, dass ich keine Klumpen in meinem Essen haben wollte. Ich biss die Zähne zusammen, um für Jacob jedenfalls so etwas ähnliches wie ein Frühstück auf die Beine zu stellen. Mein Blick fiel auf den Garten hinter dem Fenster. Jacob hatte sich wunderbar darum gekümmert und fast konnte ich mit Stolz sagen, dass unsere blühenden Blumen die prächtigsten waren. Hinter dem Garten erstreckte sich die trübe See. Dunkles Wasser schwappte immer wieder gegen die Brandung und hielt das Geschehen in Bewegung. Es war so anders, so vollkommen anders und doch fühlte ich mich wohl.
      Mein Gedanke fiel auf Addi. Er war nicht glücklich gewesen, aber er hatte es getan. Er hatte es für mich getan. Aber sein Leben war nun gezielter geworden. Er lebte nicht nur noch von Spenden, sondern verdiente sich mit seiner Arbeit viel Geld. Er hatte seine Prinzipien geändert, hatte sie den meinen angepasst und da waren wir nun. Familie Moore und Mio mitten auf einer Insel im norwegischen Fjord.
      Ich hatte gerade die Schokoklumpensoße in eine Schüssel gefüllt und auf den Tisch gestellt, als Jacob unsere Küche betrat. Er gähnte ausgiebig und schlurfte dann zu seinem Stuhl, wo er sich erschöpft niedersinken ließ.
      "Guten Morgen, Jac." Meinte ich liebevoll und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn. Dieser brummte nur zustimmend, schnappte sich seinen Löffel und begann wild zu essen. Nach den ersten Bissen hielt er jedoch inne und blickte zu mir hoch, denn ich stand immer noch neben ihm.
      "Willst du denn nichts essen?"
      Ich schüttelte den Kopf. "Mag keinen Schokopudding."
      "Mio", meinte er warnend, "du isst zu wenig."
      "Tue ich nicht!" Wehrte ich mich. "Und außerdem mag ich wirklich keinen Schokopudding." Ich setzte mich gegenüber von ihm nieder. Jac zuckte nur kurz mit den Schultern und begann dann weiterzuessen.

      Addison | "He Chill! Das ist mein T-Shirt!" Erfolglos versuchte Buck seinem Bruder das Badmanshirt aus den Händen zu reisen.
      "Das stimmt nicht! Das ist meins!" Chill stemmte beide Füße in den Boden, um seinem Bruder standzuhalten.
      "Daaad! Chill will mir nicht mein T-Shirt wiedergeben!" Rief Buck laut.
      Addison steckte den Kopf durch die Tür. Er war in den letzten Monaten stark gealtert. Seine Augen lagen tief in ihren Höhlen und die Haare hatten erste graue Strähnen. Er schien kraftlos, als er beschwichtigend nach dem T-Shirt griff, trotzdem zog er es seinen Kindern ohne Probleme aus den Händen. Er suchte den kleinen Zettel im Nacken heraus, laß den Namen und gab es dann Buck. "Dein Bruder hat Recht, Chill, das T-Shirt gehört Buck. Schaue mal in deinem Schrank, wo sich deins versteckt haben könnte." Meinte er liebevoll und klopfte Chill aufmunternd auf die Schulter. "Beeilt ihr euch bitte? Ich will nicht, dass ihr den Bus verpasst."

      Charly | "Warum schreit Bart denn schon wieder?" Mit grimmigen Gesicht steckte Nico seinen Kopf durch die Küchentür und versuchte verschlafen etwas zu erkennen.
      "Guten Morgen, Nico. Gut, dass du dich auch endlich dazu bereit erklärt hast, aufzustehen." Gestresst blickte Charly über die Schulter zu ihm hin.
      "Was ist denn jetzt schon wieder los?" Meinte dieser genervt und betrat den Raum.
      "Ach nichts!" Lachte Charly hölzern und warf sich dann ihr wildes Haar über die Schulter. "Es ist ja nur Montagmorgen, die Arbeit wartet und dein Sohn wehrt sich krampfhaft gegen alles, was ich ihm aufs Brot schmiere und was kein Lolligeschmack hat, also gegen alles!" Wütend ließ sie das Messer fallen, drehte Barts Stuhl zu sich herum und hob den immer noch schreienden und nun auch strampelnden Jungen heraus. "Dann geht er heute ohne Frühstück in den Kindergarten!"
      "Charly, hey", Nico war an sie heran getreten und legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter. "Komm', gib ihn mir."
      Grob reichte Charly ihren Sohn an Nico weiter, welcher sich von ihr abwendete und versuchte sein Kind zu beruhigen. Charly ließ sich erschöpft aufs Sofa fallen und verbarg ihr Gesicht hinter ihren Händen.
      Zwei Minuten später hatte Bartholomäus sich beruhigt und Nico setzte sich neben Charly, auf seinem Schoß Bart sitzend. "He Charly," meinte er sanft. "Du bist ganz schön fertig. Ich kümmere mich heute um Bart, mache du mal einen ruhigen, das hast du dir verdient."
      Als Charly nicht antwortete, stand Nico auf und verließ mit Bart den Raum.

      Malte | Mittlerweile hatte ich mich daran gewöhnt, nicht allzu hastig aufstehen zu können. Die Decke meines kleinen Zuhauses war nur wenige Zentimeter über meinem Kopf. Langsam rollte ich mich deswegen aus dem großen Bett und lief leicht gebückt bis zur Holzleiter. Gery nahm es mir übel, dass er alleine unten schlafen musste, dafür hatte er auch in unserem neuen Zuhause seinen geliebten Kamin bekommen. Obwohl dieser nicht brannte, schlief der große Rüde jede Nacht davor, als würde dieser ihm die Wärme geben, die er zu brauchen glaubte. Der schwerhörige alte Hund hob erst den Kopf, als ich auf den Knopf meines Radios drückte und dieses mit einigen Startproblemen ansprang. Er murrte jedoch nur kurz und ließ seinem Kopf dann wieder zurück auf die Pfoten sinken. Ich betrachtete den alten Herren einige Sekunden, während aus dem Radio "Keep on the sunny side" erklang. Gute Einstellung, dachte ich, während ich im Takt den Abwasch der letzten Tage machte. Leise summte ich die Melodie mit, richtete meinen Blick aus dem Fenster und betrachtete die Natur vor meiner Haustür. Ich hatte den hübschesten Platz erwischt. Der Wald um mich herum bot mir jede Menge Schutz vor der Sonne und vorm Wind, welcher an manchen Tag recht frisch vom Fjord zu uns herüber wehte.
      Nachdem der Abwasch erledigt war, zog ich mich an und machte mich auf den Weg zum Stall. Gery ließ ich im Haus zurück. Seit ein paar Wochen schon, begleitete er mich nicht mehr täglich, seine Kraft schien zu schwinden. Ich hatte damit gerechnet und es war in Ordnung, so wie es war.

      Mio | Ich stand pünktlich wie immer am Weidezaun, den Hut trotz der fehlenden Sonnenstrahlen auf meinem Kopf und eine dicke Jacke über mein helles Hemd gezogen. Auch die Pferde hatten ihre Zeit gebraucht, um sich von vierzig Grad täglich auf eine Durchschnittstemperatur von 17 Grad umzugewöhnen. Im Gegenteil zu Addison, welcher sich komplett den Klimaverhältnissen angepasst hatte, hielt ich meinen Stil aus vergangenen Zeiten so gut wie möglich bei. So schnell würde ich nicht alles aufgeben.
      Addison kam wie immer zu spät. Chill und Buck forderten, seitdem wir in Norwegen wohnten, durchgängig seine Aufmerksamkeit. Heather half ihm so sehr wie möglich bei der Erziehung der Zwillinge, jedoch hatte auch sie noch ihr eigenes Leben.
      Abgehetzt und mit grimmigem Blick, kam Addi auf mich zu, er nickte mir kurz zu, ich nickte zurück und gemeinsam machten wir uns an die tägliche Arbeit. Unsere Mustangs hatten einen schönen Platz bekommen. Sie hatten ihren eigenen Teil der Insel. Zwei weitläufige Weiden, mit Bäumen, Sträuchern und kleinen Hügeln waren so natürlich angelegt wie nur möglich und viele der Pferde hatten sich schnell daran gewöhnt.
      Während wir zusammen neues Heu schleppten, merkte ich, wie Addi mir immer wieder Blicke zuwarf. Er schien mich zu begutachten und seine Skepsis war nicht zu übersehen. "Mio", er legte einen Arm auf meine Hand, als ich gerade einen Wassereimer anheben wollte, "Mio, seit wann hast du schon nichts mehr gegessen?"
      Ich ließ den Eimer los und richtete mich auf. "Seit wann, macht sich jeder darum Gedanken, dass ich zu wenig esse?! Ich bin erwachsen und kann selbst gut genug einschätzen, wann und was ich esse!" Ich zog meine Hand aus seinem Griff und blickte Addi in die Augen. Ich sah den Schmerz in ihnen, den Verlust, die Angst. Ich sah seine grauen und mageren Haare, die Falten auf seiner Stirn und die knorrigen Hände. "Du solltest lieber selbst einmal in den Spiegel schauen, du siehst nicht besser aus." Meinte ich schwach und hob den Eimer ein weiteres Mal. "Warum machst du dir zu erst um mich Sorgen, anstatt um dich selbst?" Sagte ich, bevor ich mich von ihm abwendete.
      "Das weißt du Mio." Flüsterte Addi zerschlagen. "Du wärst dumm, wenn du es nicht sehen würdest."

      Petyr | "Saga Glasberg, was soll bitte dieses eklige Gummiband auf meinem Schreibtisch?" Grinsend hob Petyr ein breites Band in die Höhe und hielt es seiner Freundin vor die Augen. "Bitte nicht schon wieder ein neues Hobby!"
      "Ach quatsch!" Saga riss ihm das himmelblaue Band aus der Hand. "Das ist mein neues Stretchband. Das haben seit neuestem alle in meiner Balettgruppe und ich finde es auch ziemlich hilfreich!"
      Petyr verzog angeekelt den Mund und ließ das Band fallen. Bevor es auf dem Boden aufkam, hatte Saga es aufgefangen und sich mit einem dramatischen Nebeneffekt in die Arme von Petyr geworfen. Dieser hielt sie fest umschlungen und drückte ihr dann einen Kuss auf den Mund. Als sie sich wieder von einander lösten, lag auf beiden Gesichtern ein rötlicher Schleier und sie lächelten verliebt.
      "Malte wartet bestimmt schon im Stall auf mich. Du weißt, dass er es nicht leiden kann, wenn ich zu spät komme."
      "Jaja, renne nur zu deinem Malte." Saga dreht sich eingeschnappt und mit verschränkten Armen um, sodass Petyr sie noch einmal zu sich ziehen musste und sie innig küsste. Dann schnappte er sich eilig seine Jacke und verließ die Dachbodenwohnung, ohne noch einmal zurückzublicken.

      Eyvind | Während alle anderen noch schliefen, war Eyvind wie immer der erste im Stall. Ihn trieb nichts anderes an, als die Pferde. Die tägliche Arbeit, beginnend beim Morgengrauen, hielt ihn in Bewegung. Er brauchte den Ausgleich zu den Stunden in der Nacht, die er im Bett verbrachte und selbst diese wurden in manchen Nächten von Spaziergängen durchbrochen. Er war der stille Nachtwächter, welcher mit seinem wachen Auge jede Regung genau auffasste. Er war so unauffällig, wie sonst keiner auf dem Gestüt. Jeder hatte seine Probleme zu tragen und jeder trug dies offensichtlich als Rucksack. Nur Eyvind schien seine Sorgen in dem Platz vor den Zehen in den Schuhen zu verstauen und hatte sogar noch Freiraum für die seiner Freunde.
      Die Pferde waren bereits gefüttert, als Malte und Petyr zu ihm hinzu stießen. Die letzten kauten friedlich an den restlichen Körnern. Der Hauptstall war riesig, mit neuester Technik ausgestattet und perfekt an die Wünsche der Sportpferde angepasst, welche hier ihr Zuhause gefunden hatten. Die Boxen besaßen allesamt ein kleines Paddock, welches die Pferde ganztägig benutzen durften.
      "Wie du nur immer so früh wach sein kannst..." Petyr gähnte ausgiebig und blieb vor Eyvind stehen.
      Malte währenddessen klopfte Eyvind auf die Schulter. "Danke man, was würden wir nur ohne dich tun." Dankbar schaute er seinem Freund an und lächelte. Es hatte seine Zeit gedauert, bis die drei sich als Team verstanden hatten, denn vor allem Malte war es schwer gefallen, einen weiteren Arbeiter zwischen ihm und seinem langjährigen Freund Petyr zu akzeptieren.
      Die drei Männer wollten sich gerade an die Arbeit machen, als Heather in den Stall gehetzt kam. Die junge und auffällige Frau mit den blonden Locken hatte keine Probleme gehabt, sich in der Stallgesellschaft einzufinden. Sie war offen, warmherzig und stets voller Energie.
      "Leute!" Trällerte sie lauthals und hastete auf die kleine Versammlung zu. "Los, los! Ihr habt eine Minute Zeit mir zu sagen, was ihr aus der Stadt braucht!" Sie kramte einen Notizblock samt Stift aus ihrer Tasche und schaute die drei Männer erwartungsvoll an.
      Malte schüttelte bloß den Kopf. "Danke, ich brauche nichts."
      Heathers Blick schwankte weiter zu Petyr. "Und was ist mit dir, du Faulpelz?"
      "Öh", überfordert zuckte Petyr mit den Schultern. "Kein Plan. Ruf' aber mal Saga an, die hat bestimmt was für dich."
      Auch Eyvind lehnte dankend Heathers Angebot ab, sodass diese ihren Stift einsteckte und seufzte. "Ich bin jetzt extra wegen euch zum Stall gerannt. Den Weg hätte ich mir ja dann auch sparen können." Sie boxte Eyvind gegen die Schulter und zwinkerte Malte kurz zu. "So bis dänne, ihr Pappnasen!" Rief sie, als sie sich bereits wieder umgedreht und mit großen Schritten den Stall verließ.

      Tjarda | Tjarda liebte diesen hochgewachsenen Mann mit dem kantigen und doch so weichen Gesicht und viel mehr liebte sie jedoch die hellen Augen, welche sich so von seinem dunklen Körper abhoben. Es war ihre liebste Zeit, wenn sie nebeneinander im Bett lagen, er noch schlief und sie am frühen Morgen die Erste war, die in diese Augen blicken durfte. Vuyo schlief jede Nacht friedlich, während Tjarda oft stundenlang wach lag. Es war diese Gegenteiligkeit, an welcher beide Gefallen gefunden hatten.
      Als Tjarda wenig später das gemeinsame Haus verließ und sich auf den Weg zum Haupthaus machte, stieß sie auf Heather. Stürmisch umarmte diese ihre Freundin, erzählte ihr dann von dem geplanten Einkauf und bot Tjarda an, sie in die Stadt mitzunehmen.
      Die Wälder und Berge, Seen und kleine Dörfer zogen nun an ihr vorbei, während sie verträumt aus dem Fenster blickte. Heather am Steuer erzählte ununterbrochen, lachte über ihre eigenen Witze und fand zu jedem Thema ein weiteres Thema, welches damit in Verbindung stand. Heather erzählte immer. Egal ob es ihr gut ging oder nicht. Tjarda mochte diese offene Art, sie selbst war eher das Gegenteil. Verschlossen und ruhig. Sie wollte nicht hoch hinaus, der ihr angebotene Modeljob hätte das erbracht, sondern ihr reichte das stille Kunstmuseum in der Innenstadt. Menschen zu beobachten und zu zeichnen war ihre große Stärke und seit einigen Jahren war sie mit dem bisschen Einkommen schon zufrieden.
      Heather parkte ihren kleinen Flitzer genau im Parkverbot vor dem Museum, schaffte es, ihre Freundin schwungvoll im Auto zu umarmen und sie mit reichlich Worten zu verabschieden. Tjarda winkte ihr noch lächelnd zu, bevor Heather Gas gab und um die nächste Ecke brauste. Lächelnd betrat Tjarda die schmuckvolle Eingangshalle und begann ihren Arbeitstag.

      Mio | Ich schaffte es, Addi die nächsten Stunden aus dem Weg zu gehen. Erst kurz nach Mittag traf ich in der kleinen Reithalle auf ihn. Quisquilloso lief erst seit einigen Wochen unter dem Sattel und so musste ich einen Moment bewundert stehen bleiben, als ich Addi mit dem Hengst arbeiten sah. Quisquis Start war nicht einfach gewesen. Er hatte immer wieder Rückenprobleme und leichte Verletzungen gehabt, obwohl er sein Bestes tat sich schnell anzupassen. In Gedanken versunken lehnte ich an der halboffenen Tür. Addis Arbeit begeisterte mich immer wieder und obwohl ich seit drei Jahren Tag für Tag mit ihm verbrachte, hatte ich mir noch längst nicht alles abschauen können. Hinzu kam, dass die Beziehung zwischen uns schon seit längerer Zeit abgekühlt war, seit genau dem Tag, an dem ich Jacob lieben gelernt hatte. Addison mochte seinen Cousin nicht.
      Ich war so in Gedanken versunken, dass ich nicht merkte, wie Addi vor mir zum Stehen kam, leichtfüßig aus dem Sattel rutschte und dann vor mir landete. Er hatte geweint, ich erkannte einen leichten roten Rand um seine Augen und mittlerweile kannte ich ihn so gut, dass ich wusste, dass es ihm nicht gut ging.
      "Hallo Mio."

      Malte | "Was sind das denn für fette Brocken?" Sagas tiefe Lache schallte durch die Stallgasse, als sie die beiden Irish Draughts sah. Ich schaute sie wütend an. Man merkte, dass sie von Pferden nicht allzu viel Ahnung hatte, denn ihre Lautstärke schaffte sie nicht zu zügeln.
      "Der eine davon heißt sogar Brock." Flüsterte ihr Petyr ins Ohr und sie brach wieder in Gelächter aus.
      "Petyr, musste das sein?" Mein wütender Blick galt nun Petyr, welcher sich kindisch hinter Saga versteckte und so tat, als wäre er dort sicher vor mir. Ich hatte mir immer erhofft, dass er in einer Beziehung endlich seine reife Seite finden würde, aber genau das Gegenteil war geschehen. "Saga, was machst du eigentlich hier? Musst du nicht arbeiten?"
      "Nö, erst heute Nachmittag." Sie grinste. "Aber Malte, jetzt mal ehrlich, die beiden kenne ich noch nicht, oder? An den Namen Brock würde ich mich sonst erinnern." Vergnügt gluckste sie und stieß Petyr an.
      Ich ließ Saga mit einer Antwort warten, bis ich erst Belmonts Brock und dann Belmonts Beo in ihre Boxen gebracht und beide Türen verschlossen hatte. "Beo und Brock. Nein kennst du noch nicht, sind erst seit ein paar Tagen hier und es wird hoffentlich auch nur eine Übergangslösung." Antwortete ich ihr knapp, während ich meine stets verdreckten Hände an meiner Hose abzuwischen versuchte. "Noch mehr Pferde und ich erwarte von Charly eine Gehaltserhöhung."

      Charly | Unruhig stieß Charly immer wieder mit dem Bleistift auf den Tisch. Hunderte von kleinen Einkerbungen hatten sich bereits angesammelt, diese schien sie jedoch nicht zu merken. Der helle Bildschirm zeigte Dokumente, Tabellen und Internetseiten, mehrere leere Kaffeetassen standen neben ihr und Briefe aller Art stapelten sich auf dem ganzen Tisch. Charly hatte Nico seit heute Morgen nicht mehr gesehen, aber auch das schien sie verdrängt zu haben. Auch Charly hatte schon bessere Zeiten gesehen. Sie hatte zugenommen und ihre sonst so makellose Haut sah unrein aus. Auch der Konsum an Zigaretten war wieder gestiegen und das, obwohl sie genau wusste, dass sie das Geld nicht hatten. Viele Jahre lang hatte sie drauf verzichtet, aber mit ihren entstandenen Problemen war sie wieder in alte Gefilde gefallen.
      Es klopfte. Es klopfte selten jemand an ihre Tür, die meisten spazierten herein wie sie wollten und es erstaunte sie noch mehr, als Nico den Kopf zur Tür herein steckte. "Charly?"
      Sie drehte sich zu ihm um, wusste einen Moment nicht, was sie sagen sollte und meinte dann: "Ja? Alles gut?"
      Nico nickte und trat ganz ein. "Hast du kurz Zeit? Ich würde dir gerne jemanden vorstellen." Aufgewühlt blickte Charly zu ihm auf. Nico verwirrte sie. Er schien fast unsicher in seiner Art, als wüsste er selbst nicht so genau, was er gerade tat. Es versetzte ihr einen Stich, ihn leiden zu sehen. Sie hatten sich mal geliebt und vielleicht liebten sie sich immer noch.
      "Nico?"
      "Ja?"
      "Wirklich alles in Ordnung? Geht es Bart gut?"
      Nico nickte hastig. Charly stand auf und ging durch die offene Tür, welche Nico ihr aufhielt.
      "Was ist das?" Erschrocken blieb Charly stehen, als sie einen Transportkorb im Wohnzimmer stehen sah. "Nico!"
      "Bitte sei mir nicht böse!" Flehentlich presste er die Hände zusammen. "Bitte, gib ihr eine Chance."
      "Wem eine Chance?" Charly blieb ruhig, ihre Augen funkelten jedoch. "Nico, wem soll ich eine Chance geben?"
      Nico zögerte, dann ging er zum Transportkorb, öffnete ihn und drehte sich dann zu Charly um. Auf seinem Arm saß ein kleiner Welpe, einige Wochen alt. Nur ein Fleck am Ohr, ein blaues und ein braunes Auge.
      "Nico was soll das?! Ich habe dafür keine Zeit!" Charly hielt sich die Hand an die Stirn. "Nico..."
      "Charly, es tut mir Leid, bitte, ich wollte dir einen Gefallen tun. Wir können uns zusammen um sie kümmern, als Familie. Du weißt, wie sehr Bart Hunde mag."
      "Sind wir überhaupt noch eine Familie, Nico?"
      "Charly", schmerzhaft verzog Nico das Gesicht. Er trat einen Schritt auf sie zu, den ängstlich schauenden Welpen immer noch auf dem Arm. "Sage so etwas nicht, ich liebe dich. Ich liebe dich so sehr, du hast mich verzaubert und ich sehe nun, dass ich so viele Fehler begangen habe. Bitte, gib mich nicht auf!"
      "Woher weiß ich, dass du dich wirklich verändert hast? Warum sollte ich dir glauben, dass du nun wahrhaftig auf meiner Seite bist? Es ist so viel passiert."
      "Ich liebe dich", verzweifelt flüsterte Nico die magischen Worte. "Ich liebe dich." Seine Stimme versagte.
      "Ich liebe dich doch auch." Charly flüsterte ebenfalls und trat einen Schritt auf ihn zu. Zärtlich streichelte sie den weichen Kopf des Hundes und blickte dann ins Nicos Gesicht. Er lächelte vorsichtig, zog eine Hand unter dem Bauch des Hundes hervor und strich sanft eine dunkle Strähne aus Charlys Gesicht.
      "Also gut." Charly seufzte und trat einen Schritt zurück. "Wie soll unsere neue Mitbewohnerin denn heißen?"

      Mio | Addison schwang die Zügel über den Kopf des Pferdes und trat dann noch einen Schritt auf mich zu. "Schön dich zu sehen." Ich blinzelte. Wie meinte er das? Er verhielt sich komisch. Ich hatte plötzlich das Gefühl, als ragte Addison bedrohlich vor mir auf und mit einem Mal spürte ich so etwas wie Angst vor ihm. Seine hochgewachsene Gestalt drängte mich zurück, doch konnte ich nicht weichen, nur wenige Zentimeter hinter fühlte ich das schwere Tor. Er streckte eine Hand nach mir aus, legte sie an meine Hüfte und zog sich zu mir heran.
      "Addi," mein Atem stockte. "Addison!" keuchte ich und versuchte ihn von mir wegzuschieben. "Addison, was soll das?"
      "Mio, ich kann nicht mehr, du kannst mir das nicht mehr antun." Er beugte seinen Kopf zu mir herunter, kam meinen Lippen bedrohlich nahe, während ich mit aller Macht versuchte, mich seinen starken Armen zu entwinden. "Vielleicht muss ich dich dazu zwingen, damit du siehst, was du verpasst." Die Zeit schien still zu stehen. Ich presste meinen Mund zusammen, doch Addison legte den seinen erstaunlich sanft auf den meinen, um dann mit jeder Menge Energie seinen Mund mit meinem zu verbinden.
      Mit einem befreienden Stoß stieß jemand das Tor auf und drückte Addisons Körper von mir weg. Helles Licht flutete ihn die Halle und erleuchtete Eyvind, welcher sich schützend vor mir aufgebaut hatte. Addison stolperte zurück, ich sah den Schock und die Verständnislosigkeit in seinen Augen, bevor er sich auf Quisquilloso stürzte und mit dem erschrockenen Hengst im Galopp die Halle verließ.
      Ich stand unter Schock. Die Tränen flossen, ich merkte sie kaum. Nur Eyvinds Arme, welche sich um mich schlossen und an sich zogen. Stumm weinte ich, während die ruhige Stimme von Eyvind ein Lied summte. Er hielt mich fest, bewahrte mich davor zu versinken und auch ich krallte mich an ihn, verkrampfte mich, während immer wieder Schüttelanfälle über mich hereinbrachen.
      Ich sah Addison nicht mehr. Nicht an diesem Tag und auch am nächsten nicht. Ich trocknete meine Tränen, Eyvind brachte mich zu meinem Haus und nachdem ich ihm versichert hatte, dass alles gut war, ließ er mich alleine. Jacob erzählte ich nichts. Er merkte, dass es mir nicht gut ging, hackte jedoch nicht weiter nach. Ich versank am Abend in seinen Armen und tauchte ab in einen unruhigen Schlaf.

      Eyvind | Nachdem Addison spurlos verschwunden war und nur Eyvind und Mio die Geschichte wussten, zog Heather für eine Nacht zu Chill und Buck ins Haus. Beide waren verwirrt, erwarteten eine klare Antwort von ihrer Tante und erfuhren jedoch nur noch mehr neblige Ausreden.
      Als Addi kurz nach um zehn noch immer samt Quisquilloso verschwunden war, stiegen Nico und Vuyo, sowie Malte und Tjarda in ihre Autos und machten sich auf dem Festland auf die Suche nach dem verschwundenen Addison. Als auch nach Mitternacht noch keine Spur von ihm zu finden war, gaben die vier es auf und kehrten zurück auf die Insel. Nach einer kurzen Besprechung im Haupthaus, verteilten sich alle auf der Insel und wenig später lag diese von einem stummen Tuch umhüllt, unruhig schlafend da. Nur ein Schatten, wachend, schlich am südlichen Ufer entlang. Seinen wachen Blick über dunkle Wasser in die Ferne gerichtet
      "Rakkaus ja epätoivo." Flüsterte Eyvind in seiner Sprache und wendete seinen Blick dann zum Himmel. "Wer braucht das schon?"

      08. Juni 2017 | 23.781 Zeichen | Canyon
    • Canyon

      Training

      Springen E → A
      Ich hatte eine sehr stressige Woche mit vielen Turnieren und Aufträgen hinter mir. Doch bevor ich mir eine kleine Auszeit gönnen wollte, machte ich mich zu einem letzten Auftrag auf den Weg nach Norwegen, wo ich zwei Stuten trainieren sollte. Nachdem ich Freitag ein paar Stunden geschlafen hatte, machte ich mich gegen 23 Uhr auf den Weg nach Storøya. Der Weg nach Storøya führte mich durch Dänemark, Schweden und schließlich nach Norwegen. Nach einer langen Autofahrt und einer anstrengenden Nacht kam ich am Samstagmorgen gegen 10 Uhr am Tyrifjord an. Da ich schon einige Male auf der Tyrifjord Ranch gewesen war, wusste ich genau, wo ich hinmusste. Ich stellte mein Auto auf dem Parkplatz ab, schnappte mir meine Jacke vom Rücksitz, knallte die Autotür zu und schlenderte Richtung Stall. „Hey, du!“, ich zuckte zusammen. Erschrocken guckte ich mich um. An der Tür der Sattelkammer lehnte ein junger Mann mit blonden Locken und grinste mich komisch an. „Hast du dich verlaufen?“, fragte er. Etwas verwirrt antwortete ich: „Ich…. Ich bin die Trainerin. Ich soll…“, „…Samarra und Sawanna trainieren, richtig?“, ohne mich ausreden zu lassen beendete der Mann meinen Satz, „tut mir leid, du siehst nicht so aus als wenn du so viel drauf hast“. Ich war mir nicht so sicher, ob ich ihn gerade richtig verstanden hatte, doch ich glaube das hatte ich. Er musterte mich von oben bis unten, bis er mir schließlich seine Hand hinhielt: „Ich bin Nico, ich hoffe du wirst meinen beiden Stuten mal ein bisschen Feuer unterm Hintern machen“. Ohne auf eine Antwort von mir zu warten drückte er mir ein Halfter in die Hand und lief vor in Richtung Weide. „Das sind die beiden“, er zeigte auf zwei Fuchsstuten, „Sattel und Trense ist in der Sattelkammer, Springplatz gleich da vorne. Noch Fragen?“. Ich schüttelte den Kopf und brachte ein leises „Ich glaube nicht“ hervor. Nico drehte sich um, klopfte mir auf die Schulter und verschwand schließlich hinterm Stallgebäude. So ganz kam ich mit Nico noch nicht klar aber ich beschloss, mir über ihn nun keine Gedanken mehr zu machen, sondern mich aufs Training zu konzentrieren. Ich öffnete das Tor der Weide und ging auf eine der Pferde zu. „Du musst Sawanna sein, oder?“, flüsterte ich der Stute zu, während ich sie aufhalfterte, doch ich bekam natürlich keine Antwort. Ich führte Sawanna durchs Tor zum Putzplatz, wo ich anfing, ihr Fell zu striegeln. Nachdem ich auch die Hufe ausgekratzt und den Schweif gekämmt hatte, holte ich aus der Sattelkammer die Trense und den Sattel. Schon kurze Zeit später parkte ich Sawanna neben der Aufstiegshilfe auf dem Platz ein und schwang mich in den Sattel. Während ich warm ritt, begutachtete ich die verschiedenen Sprünge, die auf dem Platz aufgebaut waren. Für ein A-Springen mussten wir heute mindestens eine Höhe von einem Meter erreichen, was ich uns durchaus zutraute. Nachdem ich noch einmal den Sattelgurt kontrolliert hatte, nahm ich die Zügel auf und trabte an. Sawanna trabte in aller Ruhe los und ich fing an, sie mit vielen Wendungen locker zu bekommen. Schnell hatte ich mich an ihren schwungvollen Trab gewöhnt und ritt einige Schritt-Trab Übergänge. Nach guten 15 Minuten gönnte ich Sawanna eine Schrittpause, bevor ich mit der Galopparbeit startete. Ich galoppierte ein paar Runden auf dem Zirkel und ritt einige Übergänge, um mich an ihren Galopp zu gewöhnen. Schließlich steuerte ich sie auf den ersten Sprung zu. Sawanna machte einen großen Satz über das Cavaletti, welches ich gleich noch einmal von der anderen Hand anritt. Ich ritt eine Runde auf dem Zirkel und lenkte die Stute auf den Steilsprung zu. Auch diese Höhe von knappen 70 cm war für Sawanna kein Problem. Ich parierte sie durch zum Trab, ließ mir die Zügel aus der Hand kauen, nahm die Zügel nach kurzer Zeit wieder auf und galoppierte in der Ecke erneut an. Zufrieden lobte ich sie, als wir sowohl den Oxer in der Mitte der Bahn, als auch den Steilsprung bei E gut überwunden hatten. In einem großen Bogen ritt ich auf die Kombination aus einem Kreuz und einem Steilsprung zu. Viel zu spät sprang Sawanna über das Kreuz, weshalb auch der Abstand zum zweiten Sprung nicht richtig passte. Nach dem Kreuz setzte ich mich tief in den Sattel und versuchte, Sawanna zurückzuhalten. Zwar kamen wir, wie erwartete, auch an den Steilsprung viel zu nah, doch die Stange blieb zum Glück liegen. Ich wechselte die Hand und ritt erneut zur Kombination. Diesmal kamen wir perfekt an den ersten Sprung ran, sodass auch der zweite Absprung prima klappte. Erleichtert kraulte ich der Stute den Hals, als ich uns beiden eine kleine Schrittpause gönnte. Ich startete eine letzte Runde, in der ich einen kompletten Parcours abreiten wollte. Wir starteten unseren Ritt mit dem Cavaletti, danach wechselte ich durch die ganze Bahn und ließ Sawanna über den Oxer springen. Nach dem Steilsprung überquerten wir die Kombination von der rechten Hand aus und schließlich erneut den Oxer. Nachdem ich die Kombination aus dem Kreuz und dem Steilsprung von der anderen Seite abgeritten war, beendete ich den Parcours mit dem Steilsprung an der langen Seite bei E. Ich ging in den leichten Sitz, gab Sawanna den Zügel und ließ sie in einem flotten Tempo eine letzte Runde galoppieren, bevor ich sie durchparierte. Sawanna war ziemlich durchgeschwitzt, als ich nach einigen Runden Trab schließlich zum Trockenreiten überging. Am langen Zügel trottete sie über den Platz und schnaubte zufrieden ab.
      Eine gute dreiviertel Stunde später hatte ich Sawanna abgesattelt, übergeputzt, zurück auf die Weide gebracht, Samarra geholt und geputzt und war nun auf dem Weg zum Reitplatz. Ich war sehr gespannt, ob das zweite Training heute genauso gut verlaufen würde wie das erste. Ich hatte mich auf jeden Fall schon in die Stute verliebt, denn ihre Farbe und ihre Abzeichen waren genau nach meinem Geschmack. Im Nu war ich aufgestiegen und ritt die ersten Runden im Schritt über den Platz. Nach dem Warmreiten ging ich zur Trabarbeit über. Samarra hatten einen schwungvollen Trab und einen sehr guten Vorwärtsdrang. Mit vielen Bahnfiguren, Handwechseln und Übergängen machte ich sie warm. Obwohl wir uns hier und da noch nicht ganz einig waren und sie sich ab und zu etwas wiederwillig gegen meine Vorhaben wiedersetzte, fühlte ich mich sofort wohl auf der Stute. Unser erster Galopp lief zugegebenermaßen etwas chaotisch ab, den Samarra war nicht ganz meiner Meinung. Ich brauchte einige Anläufe, um mit ihrer Sturheit zurechtzukommen, doch schließlich gab Samarra auf und wir nahmen den ersten Sprung. Samarra hatte großes Potential und machte riesige Sätze über die kleinen Sprünge. Immer wieder musste ich sie zurücknehmen und zum Trab durchparieren, um sie unter Kontrolle zu behalten, doch insgesamt kamen wir ganz gut miteinander klar… Dachte ich… Im vollen Tempo raste die Stute links am Oxer vorbei, schlug einen Haken und galoppierte schließlich die lange Seite herunter. Während ich damit zu kämpfen hatte, mich im Sattel zu halten, versuchte ich Samarra zu bremsen, doch das interessierte sie eher wenig. Völlig verzweifelt zog ich mit aller Kraft am linken Zügel, um sie mit einer Volte zum durchparieren zu bringen. „Na gibt’s Probleme?“, Nico lehnte lässig am Zaun. Auch das noch! Vor lauter Springtraining hatte ich ihn schon fast vergessen. Natürlich musste er genau in diesem Moment ankommen. Wie lange stand er da wohl schon? Und was sollte er nun von mir denken? Zum Glück hatte ich hatte ich Samarra wieder einigermaßen im Griff, allerdings hatte meine Kraft ziemlich nachgelassen. Doch ich wollte nicht durchparieren, sondern Nico zeigen, dass ich nicht komplett überfordert war. Ich ritt zum Steilsprung, begrenzte mein Pferd mit meinen Beinen und den Zügeln und steuerte den Sprung genau in der Mitte an. Samarra zog ordentlich das Tempo an und flog geradezu über den Sprung. Völlig erschöpft parierte ich sie durch. „Ich glaube das hätte ich besser hinbekommen“, lachte Nico angeberisch, „ich habe sicherlich mehr Kraft und Kondition als du“. Seine Anmerkungen machten mich ziemlich wütend, doch ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen und es gelassen zu nehmen. Nico machte keine Anstalten, sich wieder an seine Arbeit zu machen, weshalb ich wohl oder übel mit Publikum weiter trainieren musste. Insgeheim hoffte ich so sehr, dass ich einen anständigen Ritt mit Samarra hinbekommen würde. Konzentrierte ritt ich auf den ersten Sprung zu. Ich setzte mich tief in den Sattel und nahm die Zügel erneut etwas an. Zwar war das Tempo mal wieder viel zu hoch, doch wir kamen heil über den Steilsprung rüber. Ich atmete tief durch und steuerte den Oxer an. Samarra versuchte erneut, links am Sprung vorbei zu laufen, doch ich reagierte sofort, lenkte sie mit meinem Schenkel und dirigierte sie über den Sprung. Erstaunlich harmonisch lief nun die Kommunikation zwischen uns beiden ab, als ich sie die Kombination springen ließ. Wir beendeten unsere Runde mit einem Steilsprung, bevor ich sie schließlich völlig zufrieden durchparierte und lobte. „Das sah ja doch noch ganz gut aus“, murmelte Nico. Ganz gut? Im Gegensatz zum Anfang war diese Runde Olympiareif. Mir viel ein riesen Stein vorm Herzen, dass ich vor Nico nicht komplett versagt hatte. Ich trabte noch kurz leicht und parierte dann durch zum Schritt. Ich hatte das Gefühl, Nico war immer noch nicht wirklich von mir überzeugt und seine kritischen Blicke machten mir etwas Angst. Ich wusste nicht genau was es war, doch irgendwie konnte ich mit seiner Art noch nicht so ganz umgehen. Während ich mich von Nico zulabern ließ, machte ich Samarra fertig. Meine Antworten zu Nicos Fragen begrenzten sich auf ein, höchstens zwei Sätze, dann redete Nico meist schon weiter und stellte mir die nächste Frage. „Komm ich helfe dir“, zwinkerte er mir zu, als ich die Sachen in die Sattelkammer bringen wollte. Er nahm mir den schweren Sattel aus der Hand und schleppte ihn in die Sattelkammer. „Sonst noch ein Wunsch, die Dame?“, fragte er freundlich. Aha, Nico hatte also noch eine andere Seite, die er mir wohl auch noch zeigen wollte. „Danke, ich bin wunschlos glücklich!“, grinste ich ihn an. Nico grinste zurück und wir mussten beide lachen. Vielleicht war er ja doch gar nicht so komisch, wie ich am Anfang gedacht hatte!
      [​IMG]
      18. Juni 2017 | 10.221 Zeichen | FrauHolle
    • Canyon

      Hufschmied

      Eisen für Sawanna & Shyvana
      Ständig auf Achse, ständig unterwegs auf der Suche nach Pferden, welche seine Hilfe brauchten. Das war Xavier Cote höchstpersönlich, als er am frühen Montagmorgen die Landstraße am Tyrifjord entlang fuhr. Er selbst konnte sich schon gar nicht mehr daran erinnern, wann er das letzte Mal in seinem Bett geschlafen hatte – Aber genau das brauchte er gar nicht zu wissen. Er liebte seinen Job und freute sich Tag für Tag, neue Menschen und neue Pferde kennenzulernen.
      Der leuchtend orange Bus, natürlich in den Farben der Big Bear Ranch, holperte die kleine Brücke entlang, über welche es auf die Insel zur Tyrifjord Ranch ging. Denn genau diese war diesmal sein Ziel. Zwei Pferde brauchten heute seine helfenden Hände und beide wollten in wenigen Stunden mit neuen Hufen und auch das erste Mal mit Hufeisen laufen.

      Xavier wurde von einer jungen Frau begrüßt, die sich als Charlotte von Eylenstein vorstellte, und ihn zum Stall begleitete. Der Stall war leer, bis auf die beiden Stuten, welche es gar nicht prickelnd fanden, dass sie nicht hinaus auf die Weiden durften. Charly holte als erstes eine junge Fuchsschecken Stute aus ihrer Box und stellte sie ihm als Shyvana vor. Kurz berichtete sie noch, was Xavier bei ihr beachten musste, sagte jedoch auch, dass sie eigentlich kein Problem darstellen sollte.
      Xavier nickte und begrüßte die Stute mit einem Apfelstück aus seiner Jackentasche. „Können Sie mir Shyvana bitte einmal im Schritt und einmal im Trab vorführen, damit ich einen guten Eindruck auf ihren Laufapparat bekomme?“ Fragte er höflich Charly, welche dies natürlich sofort tat. Mit zusammengekniffenen Augen betrachtete Xavier das hübsche Tier und nickte dann wissend. „Danke! Das reicht, sie hat sehr schön fließende Bewegungen.“ Etwas pustend kam Charly wieder neben ihm zum stehen, lächelte jedoch glücklich.
      Als nächstes sortierte der Hufschmied sein Werkzeug und begann dann, mit dem Säubern und Begutachten des Hufes. „Viel ist bei ihr nicht zu tun“, erklärte er währenddessen. „Ich würde bei ihr vorne Innen etwas mehr wegnehmen, hinten sieht es jedoch gut aus, da werde ich nur kürzen.“ Charly war einverstanden und so knipste Xavier erst und raspelte dann die unsauberen Ränder aller vier Hufe ab. Shyvana durfte währenddessen als Ablenkung etwas Heu zu sich nehmen, welches Charly ihrer Stute vorausdenkend vor sie gehangen hatte.
      Als nächstes folgten die Eisen. Der mobile Ofen im Wageninneren hatte der Schied selbstverständlich schon vorheizen lassen, sodass er nun nur noch die passende Hufgröße der Eisen finden musste und diese dann nach kurzem anprobieren passgenau auf die Hufform von Shyvana anfertigte. Nachdem alle vier neuen Hufeisen an den Hufen befestigt wurde, musste Charly ihre Stute noch einmal mit neuem Beschlag vorführen. Shyvana schien leicht verwundert, Charly jedoch sehr zufrieden und so steckte Xavier der Stute ein weiteres Leckerli zu, bevor ihre Besitzerin sie zurück in den Stall brachte.
      Kurze Zeit später kam Charly mit einer weiteren Stute aus dem Stall. Diese war wieder ein Fuchs, diesmal jedoch ohne Scheckung, und auch sie spitzte neugierig und gelassen die Ohren. Die Stute hieß Sawanna und würde keinerlei Probleme machen, wie Charly Xavier erklärte. Sie hatte schon öfter Beschläge getragen, auch wenn Eisen das erste Mal an ihre Hufe kommen würde. Auch Sawanna begrüßte er wieder mit einem kleinen Geschenk, beschäftigte sich liebevoll mit der Stute und warf einen ersten Blick auf die vier zierlichen Hufe. Dann musste Charly schon wieder dem Schmied Sawanna in Bewegung zeigen. Einmal im Schritt und dann ein zweites Mal im Trab. Auch hier hatte er wieder nichts auszusetzen und machte sich sogleich an die Arbeit. Sawannas Hufe mussten vor allem gekürzt werden, was Xavier mit der Hornzange erledigte. Dann erneuerte er die Form des Strahls und raspelte zum Schluss die Hufe in eine ansehnliche Form. Trotz der kleinen Hufe schienen diese bei Sawanna ausgesprochen hart und widerstandsfähig und der Hufschmied hoffte, dass die Eisenbeschläge gut halten würden. Abermals suchte er nach den passenden Eisen, hielt sie an jedem Huf kurz an und machte sich dann an seinem Ofen zu schaffen, um die Hufeisen passend genau anbringen zu können. Stück für Stück brachte er die Eisen in die richtige Form und nagelte diese dann mit Hufnägeln einer nach dem anderen an den vier Hufen der Stute fest.
      „Und nun bitte nochmal kurz vorführen.“ Meinte er, nachdem er jede neue Hufbegeleidung noch einmal begutachtet hatte. Charly nickte und führte ihre Stute wie vorgeschrieben dem Hufschmied vor, welcher zufrieden nickte. „Danke, das sieht sehr gut aus! Die Eisen scheinen ihr nichts auszumachen.“ Erleichtert lächelte er, auch Charly nickte einverstanden und brachte Sawanna zurück in ihre Box neben Shyvana.
      Xavier und Charly regelten noch die geschäftlichen Dinge, bevor der Hufschmied der jungen Frau eine Visitenkarte in die Hand drückte und zurück in seinen Wagen stieg. Er winkte ihr ein letztes Mal und verließ dann, leise summend, die kleine Insel. Sein Weg war vorausbestimmt und irgendwann würde er sicherlich zurück auf die Tyrifjord Ranch kommen.
      [​IMG]
      26. Juni 2017 | 5.105 Zeichen | ceres
    • Canyon

      Tierarzt

      Horse Heaven
      Am Wochenende machte ich mich auf den Weg auf die Tyrifjord Ranch zu Charly und ihren zwei Warmblütern, die heute untersucht werden sollten. Ich war bereits mehrere Male zu Tierarztterminen auf dem Gestüt und kannte mich bereits aus. Wie angekündigt wartete Charly schon mit ihren beiden Pferden am Putzplatz. Sie begrüßte mich herzlich und stellte mir die beiden Patienten vor: die Fuchsstute Sawanna und den schicken Schecken Brego.
      Brego machte den Anfang. Ich ließ ihn an meiner Hand schnuppern und der junge Hengst war kein bisschen zurückhaltend. Frech stupste er meine Hand weg und machte sich an meiner Jackentasche zu schaffen. Ich fing mit der Untersuchung an und schaute mir seine Augen, Nüstern und Zähne an. Er ließ mich brav agieren und öffnete auch artig das Maul. Als ich am Kopf nichts Auffälliges feststellen konnte, tastete ich mich langsam weiter vor, über die Halswirbel zum Rücken. Brego zeigte keinerlei Schmerzreaktionen und stand völlig entspannt da. Sein Rücken fühlte sich locker und gleichmäßig an, also machte ich mit den Beinen weiter. Ich hob seine Beine nacheinander an, schaute mir seine Hufe und Gelenke an. Er wollte die Hinterbeine nur ungerne geben, sonst schien aber alles in Ordnung zu sein. Ich hörte noch sein Herz, seine Lunge und seinen Bauch ab, dann hatte er die Untersuchung geschafft: es war alles in Ordnung.
      Anschließend machte ich mit Sawanna weiter. Im Gegensatz zu Brego war sie etwas schüchternen, ließ sich aber trotzdem brav anfassen. Ihre Augen waren klar und sauber, Nüstern und Zähne sahen einwandfrei aus. Also tastete ich auch bei ihr einzeln jeden Hals- und Rückenwirbel ab und achtete auf ihre Reaktionen. Sie zeigte keine Schmerzen, weder am Rücken, noch an den Beinen. Auch ihre Hufe sahen gerade und hart aus, ich war sehr zufrieden. Zum Abschluss holte ich mein Stethoskop heraus und zeigte es ihr. Sie schnaubte und wich ein Stück zurück, letztendlich siegte aber doch die Neugier und sie beschnupperte es vorsichtig. Anschließend ließ sie sich auch artig und entspannt damit abhören: auch hier alles in Ordnung.
      Nun holte ich zwei Wurmkuren und zwei Leckerlis heraus. Brego machte wieder den Anfang: geschickt hielt ich seinen Kopf am Halfter auf meiner Schulter fest und drückte ihm die weiße Paste seitlich ins Maul. Er riss den Kopf hoch, doch ich hatte ihm bereits die ganze Menge verabreicht. Genervt schmatzte er und einige Tropfen liefen ihm wieder aus dem Maul. Um den Geschmack zu überdecken, gab ich ihm das Leckerli, dann hatte er es auch schon geschafft.
      Nun war Sawanna wieder an der Reihe: auch ihr gab ich die Wurmkur ohne große Vorarbeit fix ins Maul, so konnten sich die Pferde gar nicht groß dagegen sträuben. Sie nahm den unangenehmen Geschmack weitaus gelassener hin und zeigte keine Gegenwehr.
      Als Letztes bat ich Charly, die beiden Pferde einmal über den Hof zu führen, im Schritt und im Trab. Beide folgten ihr willig und zeigten schwungvolle und taktklare Bewegungen. „Alles klar, das reicht schon!“, rief ich ihr zu. Sie kam zu mir zurück und band die beiden wieder an. „Alles in Ordnung, ich konnte nichts finden. Gönne ihnen morgen am besten einen Ruhetag, dann kann der Körper die Wurmkur besser verarbeiten. Danach kannst du wieder ganz normal loslegen.“ Charly nickte und verabschiedete sich von mir. Es fing gerade an zu regnen und ich beeilte mich, zurück in mein Auto zu kommen.
      [​IMG]
      23. Juli 2017 | 3.511 Zeichen | Möhrchen
    • Canyon

      Tyrifjord Ranch

      Jeder hat jemanden, den er nicht hat
      Malte » "Ich spreche nun ganz offen meine von Misstrauen geprägte Abneigung zu Paul aus!"
      "Wer ist Paul?"
      "Anscheinend der LKW-Fahrer da vorne, an dessen Scheibe ein Schild mit dem Namen "Paul" klebt. Er kann natürlich auch Erwin heißen und trotzdem dieses Schild dort hängen haben, ist ja jedem selbst überlassen. Ich will ja auch nicht so schnell solche subjektiven Vorurteile verstreuen, aber mir scheint er verdächtig."
      "Was hast du denn gegen Paul?"
      "Was ich gegen Paul habe? Das fragst du noch?!"
      "Ja."
      "Mhm. Keine Ahnung. Wahrscheinlich nichts. Ich habe nur gerade Langeweile."
      "Du bist komisch."
      "Ich weiß."
      "Das ist doch schonmal ein Anfang."
      Petyr und ich sitzen vor dem Stallgebäude wie üblich auf der roten Bank und genießen wohl die letzten warmen Sonnenstrahlen dieses Jahres. Es ist Mittag, die Pferde stehen gemütlich auf den Weiden und die wichtigste Arbeit im Stall haben wir auch schon hinter uns. Petyr neben mir kaut nachdenklich an einem Strohhalm, während ich gedankenlos das Geschehen auf dem Parkplatz vor uns betrachte. Charlys Haare sind in den letzten Monaten lang geworden, mittlerweile kräuseln sie sich nach unten hin. Das gefällt mir. Nico neben ihr trägt seit kurzem einen Zopf. Ich gebe es ungerne zu, aber dieser lässt ihn noch attraktiver aussehen und das mag ich nicht.
      "Malte?"
      "Mpf?"
      "Du starrst sie schon wieder an."
      "Was?" Verwundert blicke ich zu Petyr, welcher mich mit zusammengekniffenen Augen betrachtet.
      "Charly, dein Blick liegt ununterbrochen auf ihr." Meint Petyr. Ich sehe ihm an, dass er mit aller Macht versucht sein Grinsen zu verbergen. "Sag' mal, merkst du das wirklich nicht? Dann wärst du bestimmt der perfekte Stalker."
      "Haha." Lache ich trocken. "Sehr witzig." Mehr fällt mir zu meiner Verteidigung nicht ein. Zum Glück brauche ich das auch gar nicht, Petyr wechselt von ganz alleine das Thema.
      "Was machen die da eigentlich? Ich will endlich sehen, wer oder was da im Hänger ist!"
      Pause. Wir schweigen. "Malte, normale Menschen würden jetzt etwas sagen. Das nennt man Kommunikation."
      "Du sagst doch etwas." Sage ich abwesend und betrachte weiter die kleine Gruppierung. Was für schöne Finger, denke ich, als Charly mit fließender Handbewegung eine Unterschrift auf das Klemmbrett gibt, welches ihr Paul entgegen hält. Was für geschmeidige Bewegungen...
      "Du brauchst dringend eine Freundin und damit meine ich nicht Charly." Petyr boxt mich gegen die Schulter. "He! Aufwachen! Zu wenig Kaffee getrunken oder was? Das ist ja unaushaltbar!" Klagt Petyr genervt. "Ich gehe da jetzt hin und finde es heraus!"
      "Gute Idee." Murmle ich, als Petyr aufsteht und mit großen Schritten auf den LKW zugeht. Er ist noch nicht ganz angekommen, da lässt Paul die Klappe herunter und kommt wenige Sekunden später mit einem Pferd heraus. Ich seufze. Warum muss auf der Welt nur alles so schön sein? Charly ist schön, Nicos Haare sind schön, dieses Pferd ist schön. Jetzt merke ich es selbst. Komisch. Gut möglich, dass Petyr ausnahmsweise Recht hatte. Heute stimmt mit mir wirklich etwas nicht.
      Ich stehe auf, bleibe einen Moment unschlüssig stehen, mache mich dann aber schlussendlich auf den Weg zurück nach Hause. Meine Haustür ist kaum aufgeschlossen, da kommt Petyr angehetzt, drängelt sich an mir vorbei und lässt sich auf mein kleines Sofa fallen. Ich bleibe verwirrt stehen - Genau da hatte ich mich hinsetzen wollen. Jetzt war ich überfordert. Unschlüssig blickte ich mich im Raum um. Petyr machte es sich reichlich bequem, legte die Beine auf den kleinen Tisch davor und beobachtete mich aus zusammengekniffenen Augen. "Ich weiß jetzt übrigens, was das für ein Pferd da war."
      "Ein neues", murmle ich.
      "Was?"
      "Nichts, nichts."
      Petyr murrt verwirrt. "Auf jeden Fall ist das endlich die lang ersehnte Stute. Für Nico, versteht sich. A Touch Of Peace, geniale Abstammung und die besten Voraussetzungen für gigantische Siege."
      "Ich muss wohl doch eine Gehaltserhöhung verlangen."
      "Was?"
      "Nichts nichts."
      "Malte, du bist heute komisch."
      "Ich weiß."
      "Na das ist doch schonmal ein Anfang."
      "Gut gekontert, du Pflaume."
      Petyr richtet sich auf. "Ach Malte, hätte ich fast vergessen, ich habe gerade Charly versprochen, dass wir heute anfangen die neuen Boxenschilder im Südstall anzunageln. Deswegen bin ich ja eigentlich hier."
      Sagte ich doch, denke ich, Gehaltserhöhung.

      In der Sattelkammer begegne ich Tjarda. Sie schließt gerade ihre Tür und obwohl das dämmrige Licht in dem kleinen Raum kaum den Boden berührt, leuchten Tjardas Augen in der Dunkelheit. Tjarda war auch schön, sehr schön sogar. Ich bleibe stehen. Mein Blick liegt auf ihr, auf ihren dunklen Haaren, der zarten Figur und den bunt gemixten Klamotten, welche ihr so gut stehen. Ich wollte sie nicht erschrecken, aber sie erschreckt sich trotzdem, als sie sich zu mir herum dreht und mich hier stehen sieht. Ich Malte, klein, trostlos und unschön. Sie keucht auf und legt sich die beruhigend Hand auf die Brust.
      "Malte! Erschrecke mich nicht so!" Schnell hat sie sich wieder beruhigt und lächelt mich an. Ihr Lächeln ist auch schön. Und die Lippen, aus ihnen entspringt dieses Lächeln, welches ich immer wieder erkennen würde. Ich lächle nicht. Seit einem Jahr lächle ich bereits nicht mehr, wenn ich Tjarda begegne, ich kann es nicht und dazu zwingen will ich mich auch nicht. Erst als sie sich an mir vorbei gedrängt hat, kann ich wieder atmen. Was wollte sie in der Sattelkammer? Frage ich mich noch, bevor ich meinen Weg fortsetze. Klick. Mit dem Lichtschalter zu meiner Linken erhelle ich den Raum. Ich hätte erstaunt sein sollen, bin es jedoch nicht, als ich Vuyo auf einer der Kisten sitzen sehe. Der dunkelhäutige Afrikaner lächelt beschämt und sammelt hektisch die weit verstreuten Klamotten zusammen, bevor er hastig tippelnd, ohne etwas zu mir zu sagen, sich auch an mir vorbei drängt. Ich bleibe einen Moment stehen. Die Gedankenwelt ohne Gedanken erscheint mir so friedlich.
      "Aaaah Malte, da steckst du ja, du Gnom." Petyr betritt den Raum, bleibt neben mir stehen und stützt sich die Arme in die Seite. "Du, war das gerade Vuyo, der ohne Shirt zur anderen Seite raus ist? Also so warm ist es nun heute auch nicht."
      "Ihm war es wahrscheinlich in der Sattelkammer etwas warm." Sage ich trocken.
      Petyr blickt sich fragend um. "Also ich habe jetzt keinen Unterschied zu draußen gemerkt."
      "Mensch Petyr", sage ich seufzend und erwache aus meiner Starre. "Ich bin Tjarda begegnet, als ich die Tür geöffnet habe."
      "Achsooo!" Petyrs Augen hellen sich begeistert auf. "Du meinst, die beiden haben es heimlich im Dunkeln in der Sattelkammer-"
      Ich unterbreche ihn. "Du musst nicht immer alles in Worte fassen. Manchmal sollte man es dabei belassen."
      Petyr grinst glücklich. "Du musst es mal anders sehen. Ich finde es super, dass hier mal ein bisschen Liebe ins Spiel kommt."
      "Da bist du aber auch der Einzige", flüstere ich und sage dann laut zu Petyr gewandt: "Wo sind nun diese blöden Dinger, die wir annageln sollen?"

      Die Boxenschilder anzunageln ist schwerer als gedacht. Zweimal muss ich die Nägel wieder aus dem Holz ziehen, weil Petyr durch sein unaufmerksames Arbeiten schräg oder das komplett falsche Schild angehalten hat.
      "Das ist Sasanchos Box, nicht Deo Volentes", murre ich und reiche Petyr das Schild zurück.
      "Hä?" Fragt Petyr entsetzt. "Seit wann das denn? Da stand doch immer Volente."
      "Seit dem Tag, an dem Sancho zu uns zog, eben weil das die einzige Möglichkeit ist, dass er neben Brego II stehen kann und nun gib mir dieses verdammte Schild!"
      "Nicht so ungeduldig!" Sagt Petyr und kramt in der Tüte. Bevor er das richtige Schild gefunden hat, hält er inne. "Aber wo steht dann Volente?"
      "Petyr", sage ich warnend. "Gib mir sofort das Schild."
      "Achso!" Er schlägt sich an den Kopf. "Bijou und Ghostly Phenomenon stehen ja nun ganz vorne. Ich Schlaukopf."
      Ich schaffe es, Petyr zu ignorieren und mit ihm auch noch die Boxenschilder für die Stuten anzubringen. Shari, Colour Splash, Seattle's Scarlett, Sweet Prejudice, Samarra, Shyvanna, Sawanna und Fannie Mae anzunageln, bevor noch die drei Fohlen an die Reihe kamen.
      "Und was sollen wir mit Picturesque Diova machen? Aufheben?" Fragt Petyr wenig später und hält eine weiteres Boxenschild in die Höhe. Ich kann die Dinger langsam nicht mehr sehen. Augenkrebs.
      "Das machen wir unten drunter. Und das von Simplicity of Sophistication auch." Sage ich bestimmend. "Mir egal, wer die dann abnagelt."
      "Tz Tz", macht Petyr. "Malte mein Freund, das ist heute nicht dein Tag."
      "Habe ich auch nie behauptet", knurre ich und schlage einen weiteren Nagel ins Holz. Noch eins, denke ich, als Petyr mir das von Royal Champion reicht. Noch eins, dann habe ich es geschafft.

      30. Juli 2017 | 8.623 Zeichen | Canyon
    • Canyon
      [​IMG]
      Wenn der Phönix singt
      „Flieg, Flugzeug flieg, flieg hinauf in die Wolken und fliiieg!“
      „Kommt das nur mir komisch vor, oder warum spielt mein Sohn in einem Flugzeug mit einem Flugzeug?“, sagte ich zu mir selbst, während ich Bart beobachtete, wie er sein kleines Flugzeug immer wieder in die Höhe hob und mit Spucktropfen die Motorengeräusche nachmachte.
      „Ihr Sohn?“ Ich drehte meinen Kopf zur Seite und blickte in die freundlichen Augen einer jungen Frau. Sie war groß und schlank, hatte eine gebräunte Hautfarbe und naturbraunes Haar.
      Ich nickte. „Bart“, sagte ich und deutete auf meinen Sohn.
      „Was ist mit mir?“ Bart blickte fragend auf, während sein Flugzeug unsanft auf seinem Schoß abstürzte. „Ich habe nichts getan!“, verteidigte er sich, ohne zu wissen, worum es ging. Die Frau lachte wohlwollend auf und um ihre Augen bildeten sich Lachfalten.
      „Nico“, sagte ich und reichte ihr in der Enge der Sitze die Hand.
      „Vicky, Vicky Riley“, sagte sie und griff nach meiner Hand.
      „Wie das Hustenbonbon?“
      „Nein, nicht ganz, das heißt mit Nachname nicht Riley“, sagte sie und lachte schon wieder. „Sie sind ja ein Scherzkeks!“
      Ich nahm das als Lob und schenkte ihr auch ein Lächeln. „Erzählen Sie, wie sind Sie in diesen Flieger gekommen, der so hoch über dem weiten Ozean in die Unendlichkeit flieht?“
      „Ich bin auf dem Weg nach Hause, ich war beruflich unterwegs“, sagte sie. „Und Sie?“
      „Ich weiß noch nicht“, antwortete ich wahrheitsgetreu und blicke zu Bart. „Vielleicht fliege ich gerade in meine neue Heimat.“
      „Sie wollen nach Kalifornien ziehen?“, fragte sie mich erstaunt. „Sie kommen wohl nicht aus den Staaten?“
      Ich schüttelte den Kopf. „Nein, zur Zeit wohne ich noch in Norwegen, ursprünglich komme ich jedoch aus Frankreich.“
      Sie lachte wieder. „So viel haben Sie schon hinter sich, in ihrem Alter?“
      „So jung bin ich nicht“, verteidigte ich mich. „Das macht nur die Antiagecreme, Sie wissen schon, früh genug an die Zukunft denken.“
      Sie lachte wieder und wir blickten uns einen Moment intensiv in die Augen, bevor Bart an meiner Jacke zog und meine Aufmerksamkeit wieder zu ihm lenkte. „Papa“, meckerte er. „Wann sind wir endlich da?“
      „Bald“, sagte ich und wandte meinen Blick abwesend aus dem Fenster. „Die neue Heimat ist nicht mehr weit.“
      Ich beobachtete Bart beim Spielen und als ich mich wieder der jungen Frau neben mir zuwenden wollte, sah ich, dass sie mit Kopfhörern in den Ohren die Augen geschlossen hatte.

      Viele Stunden später war ich froh endlich das Flugzeug verlassen zu können. Bart hatte sich vollkommen mit den Resten des Essens eingeschmiert und zwischen seinen Beinen klebte der Rest der geschmolzenen Schokolade, die er sich aufheben wollte. Trotz der paar Stunden Schlaf war er unausgeglichen und auch mein Feingefühl reichte nach der Anstrengung nicht aus, um seine Laune über Wasser zu halten.
      Doch Bart musste sich daran gewöhnen. Charly würde sich nicht damit zufrieden geben, wenn sie unseren Sohn nicht regelmäßig sehen würde. Sie würde nicht kommen wollen, das hatte sie zu oft gesagt, und Charly hielt sich an ihre Versprechen.
      Nach dem Check Out und dem Warten auf unser Gepäck, standen Bart und ich endlich am Hauptausgang des riesigen Flughafens. Bart hatte sich trotzig auf seinen Kinderkoffer gesetzt, während ich hektisch versuchte, die Telefonnummer für die nächste Taxistation zu finden.
      Wie hatte ich sie vermisst, diese Wärme und die Sonne weit über mir, die mir an diesem Tag besonders nah erschien. Es war Zeit geworden, endlich die Kälte Norwegens nach einer so langen Zeit zu verlassen. Doch musste ich zugeben, dass es auch hier nicht warm war. Es war früher Morgen, der Himmel war leicht bewölkt, doch zumindest war keine dunkle Regenwolke zu sehen. 4 Grad waren nicht viel und ich fror mit meinen dünnen Turnschuhen und dem einfachen Pullover. Ich würde wohl einkaufen fahren müssen, denn auch Bart hatte seine winterliche Kleidung in Norwegen gelassen.
      Im richtigen Moment nörgelte Bart neben mir und ich blickte von meinem Handy auf. „Mir ist kalt“, sagte er trotzig und verschränkte die Arme vor der mit Erdnussbutter beschmierten Brust.
      „Ich bin doch schon auf der Suche nach einem Taxi“, murmelte ich genervt.
      „Soll ich Sie und Ihren Sohn vielleicht ein Stück mitnehmen?“ Die junge Frau aus dem Flugzeug stand wieder neben mir. Auch sie hatte ihren zierlichen Koffer gefunden und sich zum Schutz gegen die Kälte einen dicken Mantel um die Schultern gelegt.
      „Vielen Dank“, sagte ich. „Aber diese Umstände müssen Sie sich nicht machen. Ich bestelle uns einfach ein Taxi.“
      „Blödsinn“, lachte sie. „Los, sagen Sie, wo müssen Sie hin?“
      Ich gebe mich geschlagen. „Modoc National Forest, kurz vor der Grenze zu Oregon“, sagte ich. „Bestimmt die komplett andere Richtung.“

      ... später, genau um ...., wie das Navi preisgab, winkte ich Vicky hinterher. Sie hatte uns auf dem Parkplatz, meinem Parkplatz, abgesetzt. Bart war während der Fahrt eingeschlafen und von mir nun unsanft aus dem Schlaf gerissen worden, als ich ihn aus dem Auto ziehen musste. „Sind wir da?“, hatte er verschlafen gefragt, während ich Vicky noch ein paar Euro als Dankeschön in die Hand drückte. Das war das mindeste gewesen, dass ich für sie tun konnte.
      Auf der Fahrt hatte ich mir einen ersten Eindruck von Kalifornien machen können, doch hätte ich nie gedacht, dass einer der berühmtesten und beliebtesten Staaten der USA so trostlos erscheinen konnte. Trockener Boden, viele vereinzelte Bäume und elend lange, benummerte Highways, die kein Ende zu nehmen schienen. Der Norden Kaliforniens war etwas anderes, als der dicht besiedelte Süden.
      Ich blickte auf den Zettel in meinen Händen. „Falls du Hilfe brauchst, ruf meinen Bruder an“, hatte Vicky mir zum Abschied geraten. „Du würdest mit ihm bestimmt zurecht kommen.“ Mir kam der Gedanke, dass sie mir die Nummer nur gegeben hatte, damit ich sie erreichen konnte. Wofür sonst, sollte ich ihren Bruder brauchen? Ich würde das schon schaffen.
      „Daaad“, nörgelte Bart neben mir. „Können wir jetzt endlich ins Haus?“
      Auf den ersten Blick erkannte ich das Gestüt nicht wieder - ich sah ein großes Gebäude mit rotem Dach, ein paar Bäume und einen übersehbaren Zaun, der mir erst zum Schluss ins Auge fiel.
      „Komm Bart“, sagte ich, hob unser beider Gepäck auf und marschierte selbstsicher auf das Gebäude zu. Das Gelände war weitläufiger als erwartet. Die Bilder im Internet hatten vor allem die einzelnen Gebäude gezeigt und nun sah ich, dass die Reithalle ein gutes Stück entfernt von meinem Wohnhaus und auch vom Hauptstall lag. Den Hauptstall konnte ich erst erkennen, als ich einen kleine Bauminsel umrundet hatte und nun auch die andere Hälfte des Gestüts sah.
      Ich blieb einen Moment stehen, um das Gestüt auf mich wirken zu lassen. Ich sah den hellen Boden und die kahlen Bäume, das rote Dach des Stalls und die geschwungenen und weißen Bögen des Mauerwerks, die mich an meine Heimat erinnerten. Und dann sah ich die verwelkten Blumen rund um den von Moos bedeckten Reitplatz, ein paar durchnässte Heuballen daneben und die kaputten Ziegel des Wohnhauses, durch deren Lücken Wasser tropfen musste.
      „Daaad“, sagte Bart wieder. „Ich bin müde, ich will in mein Bett.“
      „Gleich“, murmelte ich und ließ meinen Blick noch einmal über die romantische Baustelle schweifen. Als Bart ungeduldig an meiner Jacke zerrte, drehte ich mich schlussendlich doch zu ihm um und folgte ihm in Richtung Wohnhaus.

      Nachdem ich für Bart im Wohnzimmer das Sofa hergerichtet hatte, er sich zusammenrollte und erschöpft die Augen schloss, zog ich Jacke und Schuhe wieder an und verließ das Wohnhaus. Auch davon hatte ich nur wenig gesehen, doch hatten mich auch hier die weißen Wände der Fassade getäuscht. Ich wusste, dass hier vorher zwei Brüder gewohnt hatten und so verwunderte es mich nicht, dass die kurz besichtigte Küche und das kleine Bad, sowie das Zimmer für Bart nicht im besten Zustand waren. Aber es reichte, es musste reichen. Genauso wie der kahle Boden für die Pferde, ohne dem fehlenden Gras. Doch hatte ich Glück, der Großteil der Pferde war die Trockenheit aus Frankreich gewöhnt und der Rest hatte sich nun in Norwegen daran anpassen müssen. Auch dort bestand das Weideland vorrangig aus Stein und von der Kälte erfrorenem Boden.
      Bis zum Abend erkundete ich auch den Rest des Geländes. Zwischendurch sah ich nach Bart, der jedoch bis zum frühen Abend schlief. Zwölf Stunden Flugzeug und viele zu überwindenden Zeitzonen waren nicht einfach. Auch ich spürte die Müdigkeit in meinen Beinen, doch die Angst vor dem leeren Bett mit der kalten Bettdecke hielt mich auf.

      Nach vier Tagen wählte ich die Nummer auf dem zerknitternden Zettel in meiner Hosentasche. Ich hatte es versucht, doch die Gartenarbeit machte mich mehr fertig, als dass sie mir den Kopf freimachte. Die Farbe für den Zaun, neue Ziegel für das Dach und neuer Sand für den Reitplatz waren bestellt, doch würde ich die Arbeit nicht alleine schaffen.
      Hinzu kam noch Bart. Am Tag folgte er mir auf Schritt und Tritt und auch wenn die nervige und ständige Anwesenheit sich nach ein paar Tagen in Freude gewandelt hatte, es tat gut, jemanden zum Unterhalten zu haben, konnte ich ihm nicht die Aufmerksamkeit schenken, die er verdiente.
      Mein Telefon klingelte lange, es schien keinen Anrufbeantworter zu haben, bis sich eine verschlafene Stimme meldete. „Riley?“
      „Nicolaus du Martin“, sagte ich steif und fragte mich, ob das wirklich eine gute Idee war. „Ihre Schwester hat mir Ihre Nummer gegeben.“
      „Der gesprächige und charmante Franzose mit den goldenen Locken, die ihm bei Schlafen in den Mund fallen — meine Schwester meinte bereits, dass Sie anrufen werden.“
      Ich blieb einen Moment still und doch begann ich zu verstehen, warum Vicky gemeint hatte, ich würde mit ihm zurecht kommen. „Wollen Sie einen Arbeitsplatz oder wollen sie sich diese Chance auch wieder entgehen lassen?“
      „Ich will jetzt nicht sagen, dass es mir Leid tut, aber das Jobangebot würde ich trotzdem gerne annehmen. Wie viel bekomme ich?“, fragte Riley.
      „So viel, wie Ihre Arbeit wert ist“, sagte ich. „Wann kommen Sie vorbei?“
      „Gerade feile ich mir noch meine Fußnägel und heute Abend habe ich ein heißes Date, mit der ich danach hoffentlich im Bett landen werde. Die verzögerte Aufstehreaktion durch die nächtlichen Aktivitäten mit einberechnet, wäre ich morgen gegen Mittag fit genug, um in meinen Wagen zu steigen und zu Ihrer Bruchbude zu fahren.“
      „Machen Sie das“, sagte ich nur. „Ich werde Sie erwarten.“
      „Ach so“, sagte er noch vor dem Auflegen. „Ich habe kein Interesse daran, als Babysitter zu arbeiten.“

      Ich hatte nie vor etwas Angst. Das Schlimmste war die Furcht, die in mir hochkroch, wenn ich an den plötzlichen Tod in der Mitte des Lebens dachte. Vor allem vor meinem eigenen, der kommen konnte, bevor ich leben würde. Ich hatte zu viel verloren und mit jedem Verlust war auch ein Stück von mir abgebrochen. Der Schmerz verging und mit ihm auch wieder ein Teil des Ichs, der ich einmal war.
      Der leere Stall rief in in mir ein ähnliches Gefühl hervor. Nicht so stark und nicht so vernichtend, jedoch zumindest annähernd so ergreifend. Es war, als hätte ich alles verloren. Jedes Zuhause, jede Heimat und jeden Freund.
      Doch war der Stall schön. Geschwungene, weiße Bögen, mit leichtem Gold verzierte Boxen und ein Fenster in jeder. Ich hatte das flackernde Licht bereits repariert, das alte Stroh aus den Boxen geholt und die Spinnenweben entfernt. Für einen Moment kam mir der Gedanke, dass der Stall geputzt noch trostloser erschien. Verlassen und vergessen, genau wie ich.
      Mein Telefon klingelte und für einen Moment war ich erstaunt, dass ich anscheinend doch nicht der einzige Mensch auf Erden war. Ich war zu langsam. Als ich das klingelnde Smartphone aus meiner Innentasche gekramt hatte, war es bereits wieder verstummt. Zwei Anrufe in Abwesenheit, den erste hatte ich bereits verpasst. Hinzukam noch, dass die beiden Anrufe von den zwei Frauen auf der Welt waren, denen ich gerade jetzt nicht ins Auge sehen, oder besser gesagt, ins Ohr sprechen wollte; meiner Exfreundin und meiner Mutter. Ich steckte das Handy wieder ein und verdrängte den Gedanken, dass ich mich schon längst bei beiden hätte melden müssen.
      Noch am gleichen Tag bekam ich die Nachricht, dass er unterwegs war. Endlich. Er würde kommen. Meine am Boden liegende Welt würde auferstehen, erst wankend und dann immer kräftiger - ich wäre nicht mehr allein, ich würde es nie wieder sein wollen.
      Marid war mein Freund, der einzige, der je zu mir gehalten hatte. Sie sagten, sie würden Pferde verstehen, aber nur ich verstand Marid.
      Als Marid ankam, stellte ich ihn in die Box gleich am Haus. Des Nachts hörte ich seine Schritte und das laute Schnauben. Auch rief er mir zu und gab erst in den frühen Morgenstunden Ruhe. Ich hatte ihm Unrecht getan, ihn alleine nach Amerika verschiffen zu lassen. Ihm ging es nun wie mir, nur waren wir ab sofort nicht mehr allein. „Nie wieder“, versprach ich ihm jedes Mal aufs Neue.
      Genau zur gleichen Zeit wie Marid ankam, lernte ich auch Eli Riley kennen. Er war in meinem Alter, sportlicher als ich, aber mindestens genauso gut aussehend. Seine dunklen Locken glichen den meinen, nur waren sie um einiges kürzer und braun. Er war nett und hilfsbereit und vor allem hatte er ein schönes Lächeln. Sein größtes Problem war jedoch der ständige Zwang, seine Gedanken laut auszusprechen und somit jeder Zeit die Wahrheit zu sagen. Ich nahm mir gleich beim ersten Treffen vor, ihm nicht meine Geheimnisse anzuvertrauen, sie würden nicht lange sicher sein.
      Er beschwerte sich nicht über die ihm aufgetragenen Aufgaben, doch als er am zweiten Tag den Stall weihnachtlich mit Lichterketten und Sternen schmückte, merkte ich, dass es ihm nicht schwer fiel, seine eigenen Ideen ohne meine Zustimmung in die Tat umzusetzen. Auch kam er gut mit Marid aus und da war er wohl einer der ersten.
      Am dritten Tag nahm Riley mich und Bart mit in die Stadt. Ich hatte noch kein Auto, der Grund dafür war wohl das fehlende Geld und ein Stück vielleicht auch meine hohen Ansprüche.
      Canby war genauso verlassen, wie die restliche Gegend. Viele kleine und verstaubte Häuser, umgeben von den leeren Ebenen, über die der kalte Wind pfiff. Die Stadt war nicht weit, doch außer einer Tankstelle und einem Supermarkt gab es nicht viel und das trübte meine Aussicht auf etwas Zivilisation. Die ältere Generation saß zumeist zu zweit auf den weißen Plastestühlen vor ihren Flachbauten in hellem gelb und sobald wir an ihnen vorbeifuhren, blickten sie kritisch dem Transporter von Riley hinterher. Früher mochte er wohl rot gewesen sein, nun war er ausgeblichen und mit rostenden Stellen bedeckt.
      Ein Junge, ein paar Jahre älter als Bart, hielt mit seinem klapprigen Rad am Straßenrand an und blickte uns auch noch hinterher, als wir bereits am Horizont verschwanden. Ansonsten sahen wir niemanden.
      Bart saß auf der Rückbank und drückte sein Gesicht an der verstaubten Scheibe platt. Er war die letzten Tage ungewöhnlich stumm gewesen. Charly hatte einmal zu mir gemeint, dass Bart mehr von mir hatte, als von ihr. Dass er sogar mein Ebenbild war und wenn ich schwieg, schwieg auch er.
      Riley hingegen war locker wie immer. Er hatte das Radio aufgedreht und summte über die Nachrichten hinweg eine Melodie. Wir hatten uns stillschweigend darauf geeinigt, dass die Vergangenheit kein Redethema sein sollte. Er fragte nicht und ich fragte nicht.
      Der Vorteil an Rileys Wagen, war die große Ladefläche hintendrauf. Wir kauften gemeinsam für die nächsten Wochen ein, einigten uns auf das Essen und das, obwohl Riley deutlich sagte, was er gerne aß. Auch ich hatte meine Vorstellungen, sodass wir unsere Ausbeute schlussendlich auf nur wenige verschiedene Gerichte festlegten.
      „Sieben verschiedene Gerichte müssten reichen — nur einmal die Woche das gleiche“, sagte Riley gutgelaunt, während er einen weiterem Sack Kartoffeln in den Einkaufswagen legte. „Das sichert zumindest unser Überleben.“
      Auf der Rückfahrt hielten wir am Kindergarten in Canby an. Ich hatte Angst davor, auch Bart von mir wegzuschicken. Er war, von den Pferden abgesehen, das Einzige, das ich aus Norwegen mit in meine neue Heimat nehmen wollte. Der Kindergarten jedoch war ein einfaches Gebäude mit Papierblumen an den Fenstern und einem vergilbten Namen über der Tür. Die Fassade war verstaubt und das Dach reparaturbedürftig und ich nahm mir vor, Bart so lange wie möglich bei mir zu behalten.
      „Gründen Sie doch einfach ihren eigenen Kindergarten“, sagte Riley herausfordernd.
      „Wenn Sie der Kindergärtner werden, Riley“, sagte ich wenig erfreut. Daraufhin lachte er nur, wir stiegen wieder ein und fuhren zurück nach Phoenix Valley.

      Phoenix Valley war ein prachtvoller Name für solch einen entlegenen und einsamen Ort. Und doch wurde mir bewusst, dass er passte, als wir an dem Findling mit dem eingemeißeltem Namen an der Einfahrt vorbeifuhren. Bart war mittlerweile eingeschlafen und auch die Nachmittagssonne hing gewohnt träge am Rand des Himmels.
      „Ich versorge noch schnell Marid, ich komme gleich nach“, sagte ich und verließ das Auto. Riley parkte seinen Laster vor dem Wohnhaus und fing an, die ersten Taschen auszuräumen.
      Marid stand den Tag über auf einer der Weiden. Selbst im Vergleich zu Norwegen war es auch hier nicht besonders einfach für die Pferde, auf dem kargen Weideland ihre Bedürfnisse zu stillen. Der Heubedarf würde im Winter sehr hoch ausfallen und im Kopf zählte ich bereits das Geld, dass noch übrig bleiben würde, wenn dieser vorbei war.
      Marid wartete bereits am Zaun auf mich. Er hatte gelassen den Kopf gesenkt und spitzte die Ohren als ich näher trat. Ich bückte mich unter dem einfachen Zaun hindurch und legte ihm, das Halfter um. Er knabberte sacht an meiner Jacke und meine Hand streichelte ihm beruhigend den Hals. Ich musste nichts sagen, Marid wusste, dass es mir ähnlich ging wie ihm.
      Nachdem ich Marid in die Box am Haus gebracht hatte, ging ich ins geheizte Wohnhaus. Die Wärme schlug mir entgegen und so erdrückend wie sie im ersten Moment war, genauso genoss ich das Gefühl eines Zuhauses.
      Riley hatte bereits die Einkaufstaschen in die Küche gestellt und Bart fand ich in seinem Bett friedlich schlafend. Riley selbst stand im Wohnzimmer vor dem altertümlichen Kamin, den ich die letzten Tage häufiger entfacht hatte. Er tippte auf seinem Handy und blickte auch nicht auf, als ich den Raum betrat.
      „Willst du nicht langsam gehen?“, fragte ich und ging weiter in die Küche.
      „Ich wollte erst noch auf das ‚Danke‘ warten“, rief er mir hinterher. „Aber ich schätze, dass ich da lange bleiben könnte, oder?“
      „Hau einfach ab“, murmelte ich erschöpft und stellte die Kaffeemaschine an, bevor ich mich auf dem Küchenstuhl niederließ.
      Als ich wenig später wieder das Wohnzimmer betrat, war Riley tatsächlich verschwunden und für einen Moment wünschte ich mir, dass er nicht gegangen wäre.

      Zwei Tage später kamen auch die anderen Pferde auf dem Gestüt an. Sie waren allesamt vollkommen erschöpft und ausgelaugt und auch wenn ich eines der teuersten Transportunternehmen angeheuert hatte, steckte bei einigen die pure Anstrengung noch tief in ihren Körpern. Marid war nie ein Herdentier und doch wieherte er den Neuankömmlingen etliche Begrüßungen zu und galoppierte am Zaun auf und ab. Doch nicht nur bei Marid, auch auf dem restlichen Gelände war endlich Bewegung eingekehrt. Ich hatte sie vermisst, fast so sehr, dass ich bei der Ankunft zu weinen begann. Die Anspannung der letzten Tage würde sich nun endgültig legen. Ich hatte mich dafür entschieden, dass nur die Stuten in den Hauptstall ziehen und die Hengste den etwas kleineren Nebenstall bewohnen würden. Wenn der Winter mit all seiner Macht einzog und auch die großzügigen Paddockboxen von Wind und Schnee durchweht wurden, dann würde auch für die Hengste noch genügend Platz im Hauptstall sein. Durch die Trennung erhoffte ich mir jedoch eine möglichst ausgeglichene Atmosphäre.
      Ich hatte Mytos verkauft. Kurz vor unserem Umzug war er ausgezogen, auf ein anderes Gestüt, wo er seinen Fähigkeiten entsprechend versorgt und trainiert werden würde. Ich hatte Marid nichts angemerkt und auch wenn es sein Sohn gewesen war, so schien er ihn nicht zu vermissen. Ich vergöttere ihn dafür, ich hätte Bart nicht weggeben können. Dafür war Rubina geblieben. Sie würde einen Platz ganz vorne im Stall bekommen. Sie liebte die frische Luft und der Trubel am Stalltor störte sie nicht im geringsten. Ja, ich hatte darüber nachgedacht, Marid seiner Manneskraft zu berauben, um ihn und Rubina für immer zusammenhalten zu können, aber ich hatte den Gedanken erstmal verschoben. Es gab wichtigeres.
      Neben Rubina zogen die restlichen Stuten ein. Lady Gweny, Grenzfee, Teufelstanz, Sawanna, Oak‘s Lake Mountain, Raja und auch Fanny Mae, die wir lange versucht hatten zu verkaufen. Nun würde ich ihr doch noch eine Chance geben.
      Auch die Jungpferde würden den Winter über in den Hauptstall ziehen. Sobald der Frühling in Kalifornien einzog, würde ein neuer Offenstall ihr Zuhause sein. Picturesque Diova, Weltfriede und auch LMR Royal Champion, ein mittlerweile fast ausgewachsener Hengst, der im nächsten Sommer eingeritten werden konnte. Den Winter durfte er das Fohlenleben noch genießen.
      Der Nebenstall hatte viel weniger Bewohner. Zusammen mit Marid hatten wir gerade mal sechs Hengste; ZM‘s Zanaro, Osgiliath, Valentines Alysheba, Aspantau und Ghostly Phenomenon. Eine sehr ausgeglichene Herde, wenn auch wohl verantwortlich für Sieg oder Niederlage.
      Mein Geld würde mich bis zum Frühling über Wasser halten, danach waren es die Pferde, die über Shows und Turniere die Einnahmen hochhalten mussten. Würden sie verlieren, dann würde ich es auch. Ich wollte mir diese Niederlage nicht eingestehen müssen, ich wollte nicht als Niemand im Abspann eines Films untergehen. Ich wollte mehr.

      Nach ein paar Tagen wurde ich krank. Riley meinte, dass das psychisch bedingt sei, ich schob es auf das unveränderte Wetter und die eintönige Arbeit im Stall. Ich wollte das Riley nicht sagen, aber ich war es nicht gewöhnt. Riley hatte die letzten Tage häufiger gesagt, dass ich Hilfe brauchte. „Ich habe doch mich und dich“, hatte ich geantwortet. „Reicht das nicht?“
      „Sie werden schon sehen.“ Ja, genau das sah ich jetzt. Ich war krank und ich wusste selbst gut genug, dass der Verantwortliche nicht nur das Wetter war.
      Am Nachmittag kam Riley in mein Zimmer. Er klopfte zwar, öffnete jedoch nach wenigen Sekunden die Tür, sodass ich mich gezwungen fühlte, ihn wieder die Treppen hinabzuschicken. Vollkommen erschöpft, mit tropfender Nase und einer kalten Tasse Tee in der Hand schlürfte ich wenig später zu ihm und Bart herab, der schon den ganzen Tag fernsehen schaute. Charly würde mich eigenhändig in die Hölle schleppen, wüsste sie das.
      „Ich habe hier einen Artikel über ein Turnier gefunden. Sie wollen ja immer nur die Besten hier im Stall — dort werden Sie bestimmt den Besten finden“, begann Riley, sobald ich die letzte Treppenstufe erklommen hatte.
      „Riley, sehen Sie nicht, dass ich krank bin?“
      „Ja, warum?“, fragte er scheinheilig und blickte von der Zeitung auf.
      „Dann sprechen Sie nicht in Rätseln, Sie Idiot“, sagte ich und nahm ihm die Zeitung aus der Hand. „Ich brauche kein neues Pferd.“
      „Nein, nein — Sir“, fügte er noch hinzu. „Kein Pferd, davon gibt es hier wirklich genug. Ein weiterer Helfer. Ich sage Ihnen, ich habe Ahnung von Leuten, die von dem Turnierquatsch die Nase voll haben und bestimmt nicht ablehnen würden.“
      „Sie wollen fremde Leute anquatschen, ob sie für mich arbeiten würden?“, fragte ich zweifelnd. „Sind Sie nun vollkommen übergeschnappt? Woher soll ich denn wissen, ob die wirklich so gut sind?“
      „Sie unterschätzen mich“, sagte er und nahm mir die Zeitung wieder aus der Hand. „Warten Sie nur ab, wenn wir am Wochenende dorthin fahren, werde ich Ihnen die besten Reiter Kaliforniens vorführen und mindestens einer von denen wird für Sie arbeiten wollen. Nur an Ihrer verwelkten Charme müssen Sie noch arbeiten, Kalifornien scheint Ihnen noch nicht so gut zu tun.“
      Riley faltete die Zeitung, wuschelte Bart durch die Haare und verließ die Tür. „He, warten Sie! Riley!“, brüllte ich ihm mit kratziger Stimme hinterher, er antwortete jedoch nicht und ließ mich kopfschüttelnd zurück.
      „Was meint Eli mit verwelkter Scham, Dad?“, fragte Bart und schaute mich mit großen Augen an.

      Ich fuhr am nächsten Wochenende wirklich mit Bart und Riley zu dem Turnier. Das einzige gute daran war, dass auch Vicky uns begleitete. Sie hatte wie immer gute Laune, auch wenn sie es diesmal nicht schaffte, mir meine zu retten. Ich war immer noch krank. Weniger als vor wenigen Tagen, aber in dem Maße, dass ich eigentlich zu Hause im Bett bleiben würde. Riley hatte jedoch kein Mitleid.
      Das Turnier fand in Richtung Küste statt. Es war windig, doch zumindest brach die Sonne hin und wieder die dunkle Wolkendecke auf. „Haben wir zumindest überdeckte Plätze?“, fragte ich während der Fahrt. Riley lachte jedoch nur und meinte, dass wir das nicht brauchen werden, unsere Beute lauert davor. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, gab mich schlussendlich jedoch mit meinem Schicksal zufrieden und versuchte nur noch, den Tag hinter mich zu bringen.
      Rileys Plan war auf den ersten Blick unverständlich und sinnlos. Nachdem wir auf dem viel zu überfüllten Parkplatz angekommen waren und uns in der Masse einen freien Platz gesucht hatten, standen wir zu viert am Eingang des Bereiches für die Reiter und ihre Pferde. Meine Hände waren kalt und selbst wenn ich sie tief in der Jackentasche vergrub, wurde es nicht besser. Bart versuchte eine Laterne hinaufzuklettern und Vicky telefonierte einen Meter weiter. Ich warf Riley einen wütenden Blick zu, er ignorierte mich jedoch seit einer gewissen Zeit und beobachtete angestrengt das Treiben auf dem Platz dahinter.
      „Riley“, sagte ich warnend, erntete jedoch nur eine unwirsche Geste von Riley. „Eli Riley!“, sagte ich nochmals und versuchte bedrohlich zu klingen, was jedoch aufgrund der klappernden Zähne nicht gelang.
      „Ich arbeite“, sagte Riley, ohne mich anzuschauen.
      „Das sehe ich nicht.“
      „Das habe ich nicht erwartet“, murmelte er. Ich wollte gerade etwas erwidern, als er sagte: „Die da, die ist es. Die ist nicht nur unheimlich scharf sondern auch talentiert.“ ich wollte ihn davon abhalten, er streckte jedoch seinen Arm über die Absperrung hinweg, pfiff einmal laut und schrie dann: „He du junges Mädchen mit den schokobraunen Haaren und dem ausgeprägten Gesäß! Ich will mit dir sprechen!“
      „Der ist nicht gefährlich!“, rief Vicky hinterher, die nun aufgehört hatte zu telefonieren. Ich schlug nur mit der Hand gegen die Stirn und hielt mich im Hintergrund. Wie konnte ich nur an diese Menschen geraten.

      Wenig später war Weihnachten. Wir hatten die Kerzen angezündet und saßen nach der Stallarbeit zum gemeinsamen Abendessen beisammen. Die Tagen waren stressig, aber Eli hatte recht behalten und Mary Ann war schnell unersetzbar geworden. Sie war selbstsicher und talentiert und wohnte die Woche über auf dem Hof, während sie die Wochenenden an der Küste bei ihrer Familie verbrachte. Sie war gekommen, einfach so, weil Riley sie gefragt hatte. Erst nicht, doch zwei Tage später hatte ein Taxi sie auf dem Hof abgesetzt und sie war nicht wieder gegangen.
      Im Hintergrund lief amerikanische Weihnachtsmusik aus dem Radio, das einzige, woran ich mich niemals gewöhnen würde. Der Weihnachtsbaum bestand aus einem Stück Holz mit Nägeln und daran hängenden verblassten Christbaumkugeln, doch hatte Bart das sonderbare Stück nicht weniger enthusiastisch geschmückt als die riesige Tanne vom letzten Jahr. Die Kerzen auf dem Tisch hüllten den Raum in einen heterotopischen Ort und es war das erste Mal, dass ich Weihnachten wirklich fühlte. Ich spürte die Sehnsucht, die das vergangene und das kommende Jahr versprach und all die Emotionen, die die Zeit gebracht hatte. Vielleicht lag es ein bisschen daran, dass vor wenigen Tagen ein Paket gekommen war. Der Absender stammte aus Deutschland, doch die Handschrift der aufgeklebten Notiz kam nicht von Charly, sondern von Malte. Wie gefordert hatte ich das Paket erst heute morgen geöffnet. Die Sonne war gerade aufgegangen, Bart ließ ich noch schlafen und zu einer Zigarette am Küchenfenster hatte ich das unscheinbare Paket erst länger betrachtet, bevor ich es zu mir holte. Ich wollte es nicht öffnen. Ich wollte alles hinter mir lassen und egal was es war, es bereitete mir Angst. Schließlich griff ich nach dem Messer in meiner Hosentasche und stach in die Pappe. Ich besiegte meine Angst, indem ich mehrere tiefe Schnitte in die braune Hülle stach, bis die Verpackung vollkommen zerstört vor mir lag. Nun blieb mir keine andere Chance mehr, der Inhalt lang unverpackt da, die Hülle war zerstört und meine Angst gebrochen. Jetzt war sowieso alles egal.
      Es war ein Fotoalbum, mit schwarzem Umschlag und schmucklosen Seiten. Dafür jedoch gefüllt mit bunten Bildern deren Flut und Lebendigkeit mich wahrlich überrollte. Ich schloss das Buch einige Sekunde und erst als ich wieder Luft den Raum betrat, öffnete ich es ein weiteres Mal. Diesmal jedoch vorsichtiger. Malte hatte viele Bilder gemacht. Vor allem von den Pferden, von der Natur und den Menschen, meinen Freunden. Ich sah Charly, Bart wuchs von Bild zu Bild, neue Pferde, neue Freunde, neuer Schritt.
      Die zweite Hälfte des Albums war leer. Ein Zettel klebte in einem der Fächer: „Für das Kommende, wenn die Vergangenheit später deine Stütze sein muss.“
      Eli betrat das Zimmer so eilig, dass ich das Album aus Reflex zuklappte und unter dem Sofa verstaute. „Sie kommt“, hatte er gesagt und ich war ihm nach draußen gefolgt.
      „Weinst du etwa?“ Eli holte mich ruckartig zurück in die Gegenwart.
      „Ich habe Vergangenheit ins Auge bekommen“, brummte ich und wandte mich wieder dem Teller zu. Die Musik drang mit einem Schlag wieder in mein Bewusstsein ein und es fiel mir schwer, entspannt zu bleiben. Als Eli den Blick von mir abwandte, wischte ich mir mit einer schnellen Bewegung über die Augen. Ich hatte nie geweint.

      „Du hast früher nicht geraucht, stimmt‘s?“ Eli hatte sich neben mich gestellt, doch mein Blick war auf die Einöde vor mir gerichtet gewesen, während ich tief den umnebelnden Rauch eingezogen hatte.
      „Möglich“, sagte ich, ohne Eli zu beachten, der sich neben mich auf den Stein mit dem Namen des Gestüts setzte.
      „Das ist ein falscher Weg“, sagte er tonlos und ich merkte, dass er gar nicht versuchen wollte, mich vom Gegenteil zu überzeugen.
      „Egal, Charly ist nicht mehr da.“
      „Liebe ist schon etwas kompliziertes“, sagte er und seufzte.
      Mein Kopf zuckte in seine Richtung. „Ich liebe sie nicht mehr“, sagte ich.
      Eli schüttelte jedoch den Kopf und grinste mich breit an. „Doch das tust du und je mehr du versuchst es dir auszureden, desto schlimmer wird es.“
      Mein Kopf wurde heiß. Die Zigarette landete vor mir auf dem steinigen Boden, wo sie auch liegen blieb. „Wolltest du irgendwas? Wenn nicht, dann lass mich einfach in Ruhe und mach deine Arbeit. Für etwas anderes bezahle ich dich nicht.“ Ich stand und ging mit großen Schritten zurück zum Gestüt.
      „Du liebst sie! Heute — morgen, egal wann, dein Leben lang. Ich weiß wovon ich spreche.“
      Ich blieb ruckartig stehen. „Lügner!“, brüllte ich zurück. „Du weißt gar nichts, GAR NICHTS!“ Meine Finger vibrierten und meine Gedanken setzten aus. Nur die angesammelte Wut sprach aus mir. Nicht die Wut über die Welt, sondern über mich. Ich wusste, dass ich niemanden hassen konnte, so sehr wie ich es versuchte, ich hasste nicht sie, sondern mich. Mich, einen niemand. Ich hasste niemand.
      Ein Lied erklang. Es tönte aus dem Stall, durchdrang das alte Bauwerk; den Stein und das Holz. Das Gestüt war gefangen im Klang der Melodie, die sich verzaubernd über es breitete und alles je gesehene mit ihrer zarten Kraft umhüllend, beschützend um sich schloss. Der Hof versank in diesem Lied und es wurde Frieden. Nur für einen Moment, aber dieser genügte, damit auch ich Frieden schließen konnte. Es war das Lied der friedlichen Weihnacht. Das unbekannte bekam seinen Namen, erhielt doch einen Platz in meiner neuen Welt und ich taufte sie „Song of Peace“, in der Hoffnung, dass sie es mir auf ewig spielen würde. In Gedanken klebte ich das erste Foto auf die erste leere Seite und es war das Bild des Weihnachtspferdes, das Frieden mit sich brachte.
      Als Barts singende Stimme die Melodie übertönte, wurde ich jäh aus meinem Gedanken gerissen und für einen Moment war ich fassungslos, wie sehr mich dieses Lied ergriffen hatte. Das Gefühl war verschwunden, der Gedanke des Friedens mit mir selbst verblasst und die Macht des Schicksals prasselte wieder auf mich ein. Doch eines sollte bleiben. Ich drehte mich zu Eli um, der noch immer einige Schritte hinter mir stand. „Das neue Pferd wird „Song of Peace“ heißen!“, rief ich bestimmend. Dann drehte ich mich um und lief in Richtung Haupthaus, weg von der Musik, weg von Erinnerung und Streit.

      Eli hatte das Pferd ausfindig gemacht gehabt. Als Teil einer Weihnachtsverlosung eines Jahrmarktes zwei Städte weiter, war es an einen unqualifizierten Mann mittleren Alter mit sichtbaren Alkoholproblemen gekommen. Sie war ungestüm und ihre nächsten Schritte nicht vorherzusehen. Eli hatte nachgeforscht und herausgefunden, dass die Stute keine Hengste an sich heranließ, jedoch nur zu diesem Zweck gekauft wurde. Es war ein ewiger Teufelskreis und diese Stute war versank immer mehr in der Rolle eines Problempferdes.
      Ich hatte es erst nicht haben wollen, der neue Besitzer verlangte einen unanständigen Preis, aber nachdem ich mit dem Tierschutz drohte, bekam ich das Pferd für läppische 500$. Es hatte keinen Namen, keine Abstammung, keinen Ausweis und keine Tierarztkontrolle. Wenige Stunden später war es bei uns und noch am selben Tag hatte ich einen Tierarzt gefunden, der sie untersuchte, impfte und uns sagte, dass alles in Ordnung sei. »Mit etwas Glück und Geduld kann sie vielleicht später auch zur Zuchtstute werden, aber ich will nichts versprechen«, sagte der in die Jahre gekommene Mann, während er sich ächzend vom Boden erhob. »Ein hübsches Pferd haben sie da.«
      Ich war an diesem Tag nicht fair zu Eli gewesen. Ich rang ihm das Versprechen ab, alle Kosten, die nicht geplant waren, für das Pferd bezahlen zu müssen und ließ ihn am Abend noch lange den Stall aufräumen. Ein Stück weit bereute ich die Entscheidung zu diesem Zeitpunkt und Eli war wieder das Opfer, das meine Launen aushalten musste.
      Als ich jedoch am Abend eigenständig noch einmal nach dem gemeinsamen Essen in den Stall ging und in die Augen des "Christmas Horse", wie sie Bart zu nennen pflegte, blickte, wusste ich, dass sie hier glücklich werden würde und einen Moment dachte ich auch das gleiche von mir.

      Die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr war eine sehr entspannte Zeit. Ich hatte mich damit abgefunden. Es würde zu Ende gehen, egal was ich tun würde und damit meinte ich nicht nur das Jahr. Doch danach, danach würde ein neues beginnen. So wie jedes Mal und ich würde wieder versuchen aufzublicken und nicht im Augenblick zu verweilen.
      »Lust auf einen letzten Ausritt dieses Jahr?«
      Ich blickte von dem Kalender mit der gesamten Planung für das nächste Jahr auf. Ich stand im Hauptstall und hatte mir bis eben Notizen gemacht, welche Dinge verändert werden mussten und wann das geschehen konnte. Mary Ann stand nun vor mir. Sie war um einiges kleiner als ich und mit ihrer offenen Art sofort zu allen zugänglich. Sie ließ sich von nichts einschüchtern, weder von mir, noch von der vielen Arbeit, die im neuen Jahr auf sie warten würden.
      Ich zuckte mit den Schultern. »Ich habe zu tun«, sagte ich.
      »Das können Sie auch auch noch danach tun«, sagte sie und griff meinen Arm. »Nun los! Das schöne Wetter wird nicht auf uns warten und Eli wartet schon.«
      Ich ließ mich widerstandslos mitziehen. Ich war müde und erschöpft und das seit vielen Tagen und Wochen. Immer nur müde. Ich konnte nicht mehr, die Last der richtigen und falschen Entscheidung lag festgebunden auf mir und ich bereute das vergangene und hatte Angst vor dem Kommenden. Ich fühlte mich in die Enge gedrängt; von mir, der Zeit und den Fehlern, die immer wieder vor meinem Auge auftauchten.
      »Was ist mit Bart?«, fragte ich Mary Ann. Sie hatte mich mittlerweile losgelassen und ich lief ihr nun freiwillig hinterher.
      »Der putzt gerade mit Eli Gweny.«
      »Und die soll er wohl alleine reiten, oder was?«, fragte ich und zog die Augenbrauen hoch.
      »Nein, Sie dummerchen!«, lachte Mary Ann und boxte mir gegen die Schulter. »Ich reite sie natürlich mit ihm zusammen!« Sie grinste mich breit an und drückte mir dann ein Halfter in die Hand. »So und nun los, holen Sie sich ein Pferd. In einer viertel Stunde soll es losgehen.«
      Sie winkte mir zu, verschnellerte ihre Schritte und verschwand zwischen den kahlen Bäumen, hinter denen der Nebenstall lag. Ich blieb einen Moment unentschlossen stehen und blickte auf das Halfter in meinen Händen.
      Eine viertel Stunde später stand ich mit der geputzten und getrensten Grenzfee vor dem Nebenstall. Mary Ann hob gerade Bart in den Sattel von Gweny, während Eli - Grenzfee wich erschrocken einen Schritt zurück, als ich sie mit zwei großen Schritten bis zu Eli zog und ihm die Trense aus der Hand schlug. »Spinnst du?«, schrie ich ihn an. »Nimm gefälligst ein anderes Pferd.«
      »He, Nico!«, sagte Eli abwehrend, schob mich ein Stück von sich weg und hob die Trense wieder auf. »Diese Stute ist zwar neu, aber nicht blöd.« Vollkommen entspannt versuchte er den Staub von dem Leder zu wischen, eine Spur blieb jedoch zurück.
      »Bring das Pferd zurück und hole dir eins, was deinem Niveau entspricht, Eli«, knurrte ich.
      Die Bemerkung traf ihn und ich merkte, wie er ein Stück von seiner hohen Position herabkletterte.
      »Ich kann das genau so gut!«, verteidigte er sich und trenste die Stute demonstrativ auf.
      Ich wollte gerade erneut anfangen Eli zurechtzuweisen, als Mary Ann dazwischen kam. »Nun ist aber gut Nico. Eli schafft das, er hat die letzen Tage fleißig mit Song gearbeitet und mir zugeschaut. Vertrauen Sie ihm.«, sagte sie und drückte mir mit einem letzten Blick einen Helm in die Hand.
      »Den brauche ich nicht!«, rief ich. »Ich kann reiten.«
      »Das weiß ich, trotzdem setzten Sie ihn auf!«, rief Mary Ann zurück und kletterte hinter Bart auf den Sattel.
      Ich knurrte und blickte dann wieder Eli an. »Das ist die einzige Chance, die ich dir gebe«, sagte ich und stieg dann selbst in den Sattel.
      Eli war in meinen Augen kein geschickter Reiter. Er übte viel und versuchte sein Bestes, aber Mary Ann war einfach ein Naturtalent und das musste er endlich einsehen. Sie war jung und einfühlend, mit dem richtigen Maß an Schärfe, dass bei den schwierigen Pferden auf dem Hof von Nutzen war. Sie konnte es einfach, lernte ohne es zu wollen und erzielte die besten Erfolge auf dem Rücken der Pferde.
      Der Ausritt blieb trotzdem gemütlich. Eli hatte die hübsche Wunderstute Song of Peace mit der ständigen Hilfe von Mary Ann gut im Griff. Immer wieder sah ich, wie Mary Ann versuchte, Eli Tipps zu geben und immer wieder verstohlene Blicke zu mir warf. Ich ließ mich etwas zurücktreiben und Grenzfee unter mir genoss den langsamen Spaziergang sichtlich. Entspannt hatte sie den Kopf gesenkt und roch links und rechts immer wieder an Baum und Strauch. Bart lachte laut auf und auch Eli und Mary Ann stimmten mit ein. Grenzfee zuckte nur kurz mit den Ohren, doch Song machte einen Ausweichschritt zur Seite und blieb mit überkreuzten Beinen am Wegesrand stehen. Das Lachen hörte schlagartig auf, Eli warf einen Blick zu mir und brachte die Stute dann jedoch wieder zurück auf den Pfad. Von da an ließ auch er sich etwas zurückfallen und konzentrierte sich mehr aufs Pferd, als auf die Geschichten, die Mary Ann Bart zu erzählen wusste.
      Wenig später hatte sich die Konstellation geändert. Ich hatte mit Grenzfee zu Mary Ann, Bart und Gweny aufgeholt, während Eli und Song hinter uns ritten. »Ich werde wohl nach ein paar guten Reitbeteiligungen Ausschau halten müssen. Die Pferde brauchen mehr Bewegung«, sagte ich zu Mary Ann.
      Sie nickte zustimmen. »Wenn ich über das Wochenende nach Hause fahre, kann ich mich dort mal umhören. Ich kenne noch ein paar Freunde von früher, vielleicht haben die Interesse.«
      »Ich möchte nur die besten«, sagte ich. »Ich vertraue dir.«
      »Natürlich«, sagte Mary Ann. Bart begann zu kichern und wir schauten beide auf ihn herab. »Was ist denn daran so witzig?«, fragte Mary Ann lachend.
      »Du klingst wie der Auftraggeber Dad und Mary wie ein Auftragskiller!«, wieder lachte er und Mary Ann musste ihn festhalten, damit er nicht vom Pferd fiel.

      Als es Abend wurde, Mary Ann war bereits nach Hause gefahren, auch Eli würde das Wochenende bei seiner Schwester verbringen und Bart lag im Bett, ließ ich mich erschöpft in den Sessel fallen. Ich schloss meine Augen und dachte an das vergangene Jahr.
      Als ich die Augen jedoch wieder öffnete, fiel mein Blick auf den leuchtende n Knopf des Festnetztelefon, das in dieser Einöde nötig war, da hier ansonsten kaum Möglichkeiten von Empfang bestanden. Ich streckte meinen Arm aus, drückte eine Taste und ließ mich wieder in den Sessel gleiten. »Sie haben eine neue Nachricht«, sagte das Gerät, dann piepte es einmal laut und eine mir bekannte Stimme sagte: »Hey Nico. Ich konnte dich vorhin leider nicht erreichen, aber rufe mich doch einfach mal zurück. Viele Grüße und schonmal ein schönes neues Jahr, falls wir uns nicht nochmal hören.«

      29-12-2017 | 41.148 Zeichen | Canyon
    • Eddi
      Verschoben am 23.08.2018
      Grund:
      6 Monate keine Pflege.
    Keine Kommentare zum Anzeigen.
  • Kategorie:
    Himmel - ungepflegte Pferde
    Hochgeladen von:
    Canyon
    Datum:
    25 Nov. 2017
    Klicks:
    658
    Kommentare:
    9

    EXIF Data

    File Size:
    364,7 KB
    Mime Type:
    image/jpeg
    Width:
    960px
    Height:
    640px
     

    Note: EXIF data is stored on valid file types when a photo is uploaded. The photo may have been manipulated since upload (rotated, flipped, cropped etc).

  • [​IMG]
    Sawanna

    ● ○ ● ○

    Stute | *2012 | 175cm
    Westfale
    Fuchs

    ● ○ ● ○

    Von unbekannt

    Von unbekannt Aus der unbekannt

    Aus der unbekannt
    Von unbekannt Aus der unbekannt

    ● ○ ● ○

    x | x |x
    x

    ● ○ ● ○

    Besitzer: Canyon
    VKR/Ersteller: Ofagwa
    im Besitz seit: 9. Mai 2017
    Kaufpreis: 600 Joellen

    ● ○ ● ○

    Schleifenaufstieg Trainingsaufstieg Potential

    Springen E A L M S S* S**

    Military E A L

    Dressur E A L M S S* S**

    Distanz E A L M S

    ● ○ ● ○

    Fohlen ABC | Eingeritten | Eingefahren

    [​IMG][​IMG][​IMG][​IMG]
    417. Springturnier | 397. Westernturnier | 418. Dressurturnier | 324. Fahrturnier

    [​IMG][​IMG][​IMG][​IMG]
    423. Dressurturnier | 399. Westernturnier | 317. Militaryturnier | 197. Synchronspringen

    [​IMG][​IMG][​IMG]
    425. Dressurturnier |198. Synchronspringen | 328. Fahrturnier

    ● ○ ● ○

    [​IMG]
    [SK 453]

    Gencode: ee Aa FF
    Zur Zucht zugelassen: Ja
    Eingetragene Zucht: Phoenix Valley (PV)

    Nachkommen
    Weltfriede - *2016 (vom Wastl)


    ● ○ ● ○

    Letzter Tierarztbesuch: 23. Juli 2017 durch "Horse Heaven"
    Gesamteindruck: sehr gut
    Aktue Krankheit/en:
    Chronische Krankheit/en:
    Erbkrankheit/en:

    Letzter Hufschmiedbesuch: 26. Juni 2017 durch "Big Bear Farrier"
    Hufbeschaffenheit: klein und hart
    Hufkrankheit/en: x
    Beschlag vorne: Eisen
    Beschlag hinten: Eisen

    ● ○ ● ○

    PNG | Puzzle PNG | JPG