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Canyon

○ Winter with Koen (1) [EVB]

Englisches Vollblut ○ Bay Minimal Splashed White ○ Hengst ○ *2018 ○ 175cm ○ Reiter*in: Petyr Holmquist

○ Winter with Koen (1) [EVB]
Canyon, 8 März 2024
Cooper, Wolfszeit und Veija gefällt das.
    • Canyon
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      Präsentation auf jungen Hufen
      Langsam öffnete sich die hydraulische Ladeklappe des Pferdeanhängers. Es war stürmisch und nass, der Parkplatz war matschig und der kleine Reitplatz erst recht. Nico hatte es zur obersten Pflicht gemacht, dieses Jahr auf jeder Fohlenshow in unserer Nähe Präsenz zu zeigen und überall zu verkünden: „Phoenix Valley ist zurück!“
      Dieses Jahr konnten wir uns diesen Ausruf aber tatsächlich leisten. Die ersten Fohlen waren da und es waren wahre Prachtexemplare. Heute würde PV Farwest den Anfang machen und beweisen, wie viel Potenzial in ihnen steckte. Er war mit seiner Mutter Far Cry angereist, während sich im zweiten Hänger die Jungstute Ivy‘s Rhapsody befand. Sie war als zweite dran, etwas später, wenn die älteren Pferde die Möglichkeit haben würden, sich vorzustellen.
      Heute waren nur Vollblüter und Kaltblüter zugelassen. Die Mischung auf dem Hof war also durchaus interessant. Entweder waren die Pferde besonders dünn oder besonders dick, etwas dazwischen schien nicht zu existieren.
      Zur Unterstützung hatte mich heute Eyvind begleitet. Die Pferde in der Halle vorführen, durfte ich allerdings selbst. Seit neuestem gab es tatsächlich auch Show-Kleidung in den typischen Phoenix Valley Farben; Orange-grau und das feurige Logo auf dem Rücken.
      Auf jeden Fall war es ein großes Chaos. Viele waren mit der Mutterstute angereist, das bedeutete, viele herumwirbelnde Fohlen, die noch zu Jung für ein Benehmen oder ein Halfter waren.
      Farwest war ein kleiner Angeber. Er hatte zwar ziemlich viel Feuer und war bei allem immer gut dabei, blieb aber stets an Far Cry‘s Seite. Also ein guter Kandidat, um sich durch die Massen zur Halle zu begeben.
      »Als nächstes begrüßen Sie bitte Malte Tordenværson mit PV Farwest und Mutter Far Cry, präsentiert vom Gestüt Phoenix Valley.«
      Ich betrat mit Far Cry an der Trense im Trab die Halle, während Farwest elegant hinter uns her kam. Der Lautsprecher währenddessen erzählte weiter: »Farwest in genetisch ein Buckskin und wird sich in den nächsten Jahren auch äußerlich dahingehend entwickeln. Er ist ein eingetragenes, reinrassiges Englisches Vollblut aus dem Firewalker.«
      Far Cry hatte mit ihrer Größe einen unglaublichen Trab drauf. Wenn man auf ihr saß, bemerkte man dies weniger, als jetzt, wo ich mitrennen musste. Ich wechselte die Hand, immer ein Auge auf Farwest, der mit seinen langen Storchenbeinen stets an der Seite seiner Mutter blieb. Nach einer weiteren Runde im Trab auf der anderen Hand, ließ ich Far Cry in einem angenehmen Tempo angaloppieren und Farwest, der darauf bereist gewartet hatte, schwang seine Beine in die Luft und galoppierte in hohem Bogen nebenher. Auch hier wechselte ich noch einmal die Hand, der Galopp war einfach die Gangart der Vollblüter und präsentierte den Nachkommen mit bestem Gewissen.
      »Bitte applaudieren sie für Malte Tordenværson mit Farwest«, sagte der Lautsprecher und ich verließ mit den beiden die Halle, wo mich bereits Eyvind erwartete.

      Bevor wir Ivy‘s Rhapsody auch vorstellen sollten, hatten wir etwas Freiraum. Wir hatten eine kleine Fläche zugewiesen bekommen, wo wir unsere Pferde in selbstgebauten Paddocks etwas im Nieselregen grasen lassen durften. Bei Farwest und Far Cry war es egal, wie sie im Nachhinein aussahen, aber Ivy‘s Fell durfte weder nass noch matschig werden. Eyvind hatte also umsonst versucht, um ihren schmalen Körper eine Decke zu legen; Diese rutschte Ivy immer wieder an einer Seite herunter, verhing sich in ihren Beinen oder landete auf der matschigen Wiese. Mittlerweile war sie also nass, sehr nass.
      Kurz vor ihrem Auftritt nahmen wir alle Handtücher, die wir finden konnten und versuchten sie wieder trocken zu bekommen. Etwas Glanzspray und schon war kaum noch ein Unterschied zwischen dem natürlichen, seidig glänzenden Fell und dem nassen Pelz zu sehen, den sie davor getragen hatte.
      »Als nächstes begrüßen Sie bitte Malte Tordenværson mit der Jährlingsstute Ivy‘s Rhapsody!« Im Takt der eintönigen Musik betrat ich mit Klein-Ivy im Trab die Halle. Auch sie hatte zwar, wie für ein Vollblut typisch, lange Beine, ließ jedoch die Trabphase etwas sanfter und länger gleiten. Sie hüpfte etwas, hoffentlich nicht zu sehr für die Richter. »Ivy‘s Rhapsody ist ein reinrassiges Englisches Vollblut und gerade am Ausschimmeln.«
      Ich wechselte die Hand. Etwas kompliziert, weil Ivy nicht einsehen wollte, nun auf meiner anderen Seite Laufen zu müssen, aber immerhin trabte sie dann genauso motiviert und schwebend weiter wie bisher.
      »Ivy ist anderthalb Jahre alt und stammt vom Händler, Herkunft ungewiss. Umso spannender bleibt die Frage, was aus der schwebenden Prinzessin werden wird.«
      Ha, der Sprecher hatte Humor. Zumeist blieben sie sachlich, aber was sollte man auch sagen, wenn es um Ivy ging. Eventuell würde sie nämlich ein Griff ins Klo werden, aber dann hatte zumindest Nico reingefasst und nicht ich.
      Ich nahm Ivy das Halfter ab. Ich hatte das einige Male mit ihr zum Spaß geübt und ich hoffte, dass sie auch diesmal gut mitspielen würde. Ich trieb sie an. Sie fiel erst in den Trab, aber mit etwas Nachdruck kam dann auch der, zu Anfang etwas holprige, Galopp. Sie lief schnell, streckte ihren schmalen Körper weit nach vorne und wie ich sie so beobachtete, konnte ich mir kaum vorstellen, dass aus ihr später kein gutes Vollblut werden sollte. Sie sah einem Profi von der Körperhaltung her verdammt ähnlich. Nach einer Runde stellte ich mich ihr in den Weg, schwenkte etwas das Halfter und brachte sie dazu, auch die andere Hand noch zu zeigen. Dann blieb ich ruhig stehen, damit sich die Stute beruhigen konnte. Sie kam sacht zu mir getrabt, ließ sich gut aufhalftern und folgte mir dann aus der Halle.
      »Guuut«, flüsterte ich ihr zu. »Sehr gut gemacht, meine Kleine.«
      Eyvind wartete schon auf mich. Er hatte von draußen zugeschaut. »Na jetzt hat sie sich ein Bad im Schlamm aber reichlich verdient«, sagte er und steckte der jungen Stute eine Möhre zu, die sie mit großen Augen schnaubend annahm.

      Einen Tag nachdem ich bereits mit Eyvind zwei unserer anderen Fohlen vorgestellt hatte, fuhr ich wieder zu einer Fohlenschau. Diesmal jedoch mit vier Pferden und als wäre das nicht genug, begleitete mich diesmal auch Bartholomäus. Es war Samstag, er hatte Zeit und keine Lust auf dem Hof mitzuarbeiten.
      Diesmal sollten unsere zwei jüngsten Schecken auftreten und da beide erst seit kurzem das Licht der Welt erblickten, begleiteten ihre beiden Mütter die Jungspunde. Diesmal hatte ich jedoch Glück, ich würde nur PV Toxic Compound vorstellen müssen, das andere Fohlen würde Bart übernehmen. Das bedeutete, halb so viel Muskelkater wie am Tag zuvor.
      Heute war das Wetter auch deutlich besser, das Gestüt und die Weiden immer noch die gleichen. Es war nicht kalt, doch der Wind ließ uns alle erzittern. Die Pferde waren, so gut es ging, eingepackt in dicke Decken. Leider waren alle Fohlen sehr zart und schlank und nicht jedem passten die Regendecken, ohne ständig auf einer Seite zu hängen.
      Toxy hatte zum Glück einen sehr schmächtigen Körper, zumindest für ein Vollblut. Er hatte viel Hals und viel Bauch, Nico meinte, das sei nur Babyspeck, aber ich war mir da nicht so sicher. Es hatte seinen Grund, warum er diesen Namen trug. Ich war von Anfang an nicht der Befürworter gewesen, seine Eltern zusammenzubringen. Beide hatten zu viele ähnliche Schwachstellen, die sich gegenseitig nicht ausgleichen konnten.
      Auf jeden Fall waren ich heute sehr zeitig dran. Meine Startnummer war die drei, ich hatte also nach der Ansprache am Podest nicht viel Zeit das kleine hengstfohlen und seine Mutter CHH‘ Lethal Combination für den Auftritt fertig zu machen. Geputzt und hergerichtet hatten wir sie bereits noch zu Hause auf dem Gestüt, aber Klein-Toxy hatte es geschafft, sich anscheinend das gesamte Heu aus dem Netz im Anhänger in sein strubbeliges Langhaar zu verfrachten.
      Kurz nach 10:00 Uhr stand ich mit Letta und Sohn Toxy vor der Halle und wartete darauf, herein gelassen zu werden. Ungeduldig trat ich von einem Fuß auf den anderen und hoffte, dass alles so klappen würde, wie geplant und kurzfristig geübt. Die Tore öffneten sich und der Teilnehmer vor mir verließ mit Stute und Fohlen die Halle. Der Torwächter gab mir das Zeichen und ich betrat die Halle. »Bitte begrüßen Sie Malte Tordenværson mit Stute CHH‘ Lethal Combination und Hengstfohlen PV Toxic Compound.«
      ich blieb erstmal im Schritt. Sortierte den aufgeregten Hengst an die richtige Stelle und versuchte auch Letta davon zu überzeugen, dass ihr Sohn in ihrer Nähe war. Sie war eine extrem ängstliche Mutter.
      Dann trabte ich Letta an. Toxy galoppierte sofort. Aber das war okay, denn er war trotz seines schmächtigen Körpers ein geborener Renner. Über unseren Ohren sagte das Mikrofon: »Toxic Compound ist vom Light up Hell, Sohn des Gleam of Light.«
      Nachdem sich Toxic Compound ausgetobt hatte, fing ich ihn wieder ein. Alles etwas anders als geplant, aber immerhin hatte er seine Talente zeigen können.

      Ich war froh, dass Bartholomäus die nächste Vorstellung übernahm. Meine Beine taten mir weh und Toxy hatte mich auf dem Rückweg noch mehrmals versucht hereinzulegen. Ich hatte gehofft, dass seine Farbe etwas Aufmerksamkeit erregen würde, allerdings waren heute nur Schecken erlaubt, also wimmelte es hier nur so vor interessanten Farbgebungen. Deswegen war wohl auch Cinqués Vorteil dahin. Der junge Hengst war farblich ein gelungener Mix aus seinen Eltern geworden und natürlich hatte Bart sich den Vorzeigeknaben geschnappt. Cinqué war mit seiner Mutter Echo‘s Maiden angereist. Sie hatte ein kleines Problem mit Fohlen, schnell war sie genervt. Aber trotzdem versorgte sie den gut genährten Hengst hervorragend.
      »Ich muss los«, sagte Bart gehetzt und band die Stute vom Hänger los. Ich nahm Cinqué schnell die Decke vom Rücken, sodass man sein schwarzes Fell und den weißen Schweif endlich sah.
      »Bleib ruhig, sagte ich zu ihm. Lass Cinqué laufen. Besser, wenn er viel Energie und Eleganz zeigt, als wenn du ständig versuchst, ihn zur Ordnung zu rufen. Die Richter stehen auf etwas Eigenwille.«
      »Ich weiß, Malte!«, sagte Bart genervt und ohne sich nochmal umzudrehen, marschierte er in Richtung Halle. Ich schloss den Hänger und das Auto ab und folgte ihm dann, nahm kurz vorher jedoch einen Abzweig und suchte mir einen Platz auf der Tribüne.
      »Als nächstes sehen Sie Bartholomäus du Martin vom Gestüt Phoenix Valley mit Zuchtstute Echo‘s Maiden und Junghengst PV Rebellion of Cinqué aus dem Amistad.«
      Bart hatte bereits vor seinem Eintritt in die Halle alles sortiert, sodass Cinqué perfekt auf der Innenseite lief. Als er am Publikum vorbei trabte, sah ich stolz das Logo von Phoenix Valley auf der Showkleidung von Bart leuchten. Er war wirklich erwachsen geworden und obwohl mir das Orange weniger zusagte, kam mir zum ersten Mal der Gedanke, dass Nico diese Farbe absichtlich ausgesucht hatte, denn sie glich auf erstaunliche Weise haargenau Barts Haaren.
      Nach dem Trab wartete Bart mit Maiden in der Mitte der Halle, während er mit nur wenig Aufmunterung Cinqué dazu brachte, im Galopp um ihn herumzutanzen und Cinqué tanzte wirklich! Er war motiviert und vor allem begabt darin, alle von sich zu überzeugen. Sein weißer Schweif wedelte vergnügt und die kleineren Freudensprünge ließen das Publikum immer wieder aufzuseufzen.
      »Es war perfekt!«, sagte ich zu Bart, nachdem er die Halle verlassen hatte. »Einfach perfekt!«
      »Ich weiß«, sagte Bart und grinste überheblich. Das gleiche Grinsen wie Nico auch immer aufsetzte. »Voll der Erfolg.«
      Cinqué schnaubte und stimmte uns zu, während Maiden mit ihrer Nase in meiner Tasche nach den Belohnungsmöhren suchte, die da auch definitiv drinnen waren.

      Wir hatten Glück. Endlich mal. Immerhin hatten wir endlich erreichen können, dass wir unser Gestüt für eine Fohlenschau zur Verfügung stellen durften. Das bedeutete: Einen Tag viele hübsche Stuten und aufgeregte Fohlen, die alle versorgt und am besten noch in einer warmen Box untergebracht werden sollten. Nico war zur Zeit der Meinung, nun ganz dringend, ganz groß rauskommen zu müssen und dafür tat er alles. Wirklich alles.
      Auch wir hatten zwei Fohlen angemeldet. Das hatten wir tatsächlich schon tun müssen, bevor überhaupt feststand, dass die Schau auf Phoenix Valley stattfinden würde.
      Die letzten Tage war ich bereits mit den anderen Nachkommen des Gestüts unterwegs gewesen und hatte sie der Öffentlichkeit vorgestellt, nun waren auch die letzten beiden dran. Da ich heute allerdings Moderator sein würde, musste ich zumindest nicht in unserem aufgefrischten Sand versinken.
      Ich hatte bereits mehr als eine Stunde vor dem Mikrofon gesessen und Teilnehmer angekündigt und während ihrer Schau begleitet, als endlich Eli mit Traumfee an der Reihe war. Heute war seine Chance zu beweisen, dass er sich auch in der Öffentlichkeit benehmen konnte. Die Tore öffneten sich und ich verkündete: »Meine geehrten Damen und Herren, nun sehen Sie Eli Riley vom Gestüt Phoenix Valley mit Zuchtstute Grenzfee und Tochter PV Traumfee.«
      Eli hatte Grenzfee vielleicht etwas zu fest an den Zügel, ließ ihr kaum Freiraum, um nach ihrem Kind Ausschau zu halten. Ich merkte, wie nervös das die alte Stute machte. Traumfee war das jedoch egal. Sie purzelte fast in die Halle hinein, trabte wie ein wahres Showpferd im hohen Bogen neben ihrer Mutter umher und wirbelte dabei fröhlich mit dem Schweif. Sie hatte Glück gehabt, nicht vorher im Stau auf der Autobahn in einem dunklen Hänger stehen zu müssen. »PV Traumfee ist aus dem prämierten Hengst Fiebertraum, im Besitz des Gestüts Sapala.« An meinen Reden musste ich wahrlich noch etwas üben.
      Eli wechselte die Hand. Mittlerweile ließ er Grenzfee auch etwas lockerer an der Trense laufen, baute sogar ein paar einfach Bahnfiguren mit ein. Traumfee passte sich dieser Vorgabe zwar nicht perfekt an, ein paar Schlenker mit ihren langen Beinen vollbrachte sie jedoch trotzdem, was die Zuschauer zumindest zum Lächeln brachte.
      Dann heizte Eli die junge Stute noch etwas ein und sie begann brav zu galoppieren. Wendete mehrmals von alleine vor den Richtern, als wüsste sie ganz genau, dass diese es waren, die über ihre Zukunft entscheiden sollten.
      Als Riley zum Ende kam, beendete ich ihren Auftritt. »Vielen Dank für diesen Auftritt. Sie sahen PV Traumfee aus dem Fiebertraum mit Mutter Grenzfee vom Gestüt Phoenix Valley.«
      Eli verließ mit der aufgewühlten Traumfee die Halle. Als sich die Tore gerade geschlossen hatten, hörte ich noch das zarte Wiehern der Jungstute, als würde sie sich über ihre Möhre freuen, die jemand ihr hinhielt.

      Puh, der Tag war fast geschafft. Mittlerweile hatte ich zu viele Pferde vorgestellt, alle hatten durchaus viel Potenzial gehabt. Die meisten Namen waren durchgestrichen und unter den verbliebenen war unter anderem Winter with Koen, der Junghengst von unserem Gestüt, aufgelistet. Er war einer der älteren und somit erst zum Schluss an der Reihe.
      »Nun begrüßen Sie bitte mit mir Bartholomäus du Martin mit Junghengst Winter with Koen«, sprach ich ins Mikrofon. Ich war froh am Ende des Tages die Funktionsweise dieses Gerätes verstanden zu haben. Koen war ein erträglicher, freundlicher Geselle, den Nico damals gekauft hatte, um der heranwachsenden Ivy Beistand zu leisten. Mittlerweile war er ganz schön gewachsen und hatte seine niedlichen blauen Fohlenaugen zu einem aufgeweckten Junghengstblick verändert. Bart würde ihn vorstellen. Vor wenigen Tagen erst war er mit mir und Cinqué unterwegs gewesen, um das mit der Fohlenschau zu üben. Er hatte es gut gemacht und wahrscheinlich würde er auch Koen wieder perfekt präsentieren.
      »Sie sehen nun zu erst den ausdrucksstarken Trab des Junghengstes«, führte ich durch die Kür von Bart und Koen. »Obwohl Koen ein reinrassiges Vollblut ist und seine Stärken im Galopp liegen, hat er einen sehr gleichmäßigen und ausgewogenen Trab.«
      Hoffentlich hatte ich nicht zu viel erzählt. Ich musste mich zurückhalten. Ich sah zu, wie Bart auch die andere Hand präsentierte, dann die Zügel löste und Koen freilaufen ließ. Das war vernünftig. Den Galopp zu zeigen war bei einem Vollblut Pflicht, aber Bart würde den Galopp des Hengstes nur einschränken.
      Und tatsächlich. Koen wusste anscheinend genau, worauf es in diesem Moment ankam. Es war fast ein Renngalopp, so hatte es denn Anschein, denn immerhin streckte sich sein seidiger Körper wie ein Stretching-Band, als er durch die Halle um Bart herum galoppierte. Nichts war von der Eleganz geblieben, er zeigte Kraft, Energie und Selbstbewusstsein in einem. Das perfekte Bild eines zukünftigen Hengstes, egal ob es für ihn in die Zucht oder ins Turnierleben gehen würde.
      Bart zögerte das Einfangen immer weiter heraus, bis das Publikum schon unruhig wurde. »Bitte applaudieren Sie für Winter with Koen, präsentiert von Bartholomäus du Martin vom Gestüt Phoenix Valley«, sagte ich, als Bart schlussendlich Koen doch einfing und mit ihm die Halle verließ.
      Die letzten Tage waren extrem anstrengend gewesen, aber ich hoffte, dass sich all der Aufwand, die Planung und die Kosten gelohnt hatten. Die Pferde durften jetzt erstmal zurück in ihr gemütliches Fohlenleben, durften den Tag auf den Weiden verbringen und am Abend im warmen Stall mit Mama kuscheln. Das hatten sie sich alle verdient. Und ich auch. Doch zu erst musste ich den heutigen Tag auch für mich zu Ende bringen. »Als nächstes begrüßen Sie…!«

      20-Januar-2020 | 17.245 Zeichen | Canyon
    • Canyon
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      happens to the heart
      Amistad | Firewalker | Light up Hell | Last in Love | Chromed Highwind | Lap de Loupe | Sir Golden Mile | Golden Sugar
      Grenzfee | Echo's Maiden | Far Cry | CHH' Lethal Combination | Westatlanta | Alphabet Soup | Song of Peace | PV Gräfin | Cinnada Mistik | I've got a blue soul | BR Prias Raveday | Delightful Cinnamon
      Winter with Koen | Ivy's Rhapsody | BR Ruffian's Smart Jane | PFS' Circle of Thyme | Lady Phoenitia | PV Farwest | PV Rebellion of Cinqué | PV Traumfee | PV Toxic Compound
      Félagi | Schwalbenfeder | Óslogi | Pítu | Marid | Arias | Mytos | Ghostly Phenomenon | Imagine Dragons
      Chosposi | Anaba | Morrigans Hidalgo | Cloud | My Canyon | Flotten von Mutanten | Aquena | Zonta | Havanna Girl | Kwatoko | Dawn

      »Malte!«
      Erschrocken blickte ich auf. »Ja?«
      »Mensch, bist du taub?« Bartholomäus schüttelte fassungslos den Kopf. »Dein Handy klingelt!«
      Ich blickte auf das leuchtende und vibrierende Nokia-Handy auf dem Tisch neben mir. Ich brauchte einen Moment, um mit den Gedanken von Logis Sehnenverletzung zu dem Anruf zu kommen. Ich nahm ab. Es hatte seinen Grund, warum ich keinen Anrufbeantworter eingerichtet hatte.
      »Tordenværson?«, brummte ich in den Apparat.
      »Immer noch wie damals«, sagte eine unsichere, stockende Stimme. Ich kannte diese Stimme. Sie brachte mich dazu in windeseile aus dem Sessel aufzustehen, das Wohnzimmer zu verlassen und mit einer Jacke ausgerüstet in die kalte Nachtluft hinaus zu hetzen.
      »Malte?«, fragte sie.
      »Charly«, sagte ich und meine Stimme kratzte fürchterlich wie ein Eisenschwamm auf dem Herd.
      »Gut, du bist noch dran«, sagte Charly. »Schön, dass ich dich erreichen kann.«
      Ich räusperte mich und nahm auf einer Bank vor dem Stallgebäude Platz. »Womit kann ich dir helfen, Charly?«
      »Ich wollte mich mal bei dir melden«, sagte sie leise. »Es ist nämlich so, dass ich nächste Woche beruflich in Los Angeles bin und dich fragen wollte, ob wir gemeinsam essen gehen wollen. Ich lade dich natürlich ein!«
      »Warum fragst du das mich und nicht deinen Sohn, der bestimmt gerne Zeit mit seiner Mutter verbringen möchte?«, fragte ich, etwas barscher als ursprünglich beabsichtigt.
      Am anderen Ende war es still. Ich hörte nur ein leises Rauschen, vielleicht war es Charlys Atmen. »Du weißt«, sagte sie einige Sekunden später, »dass ich mit Bart noch nie eine gute Mutter-Kind-Beziehung hatte. Er ist jetzt erwachsen. Wenn er Interesse an mir hat, dann kann er sich gerne jeder Zeit bei mir melden.«
      Diesmal schwieg ich. Ich wollte mich nicht in die Familienprobleme einmischen, aber es fiel mir schwer, nicht jetzt und für immer diesem unausgesprochenem Drama ein Ende zu bereiten. Charly nahm als erste das Gespräch wieder auf: »Also, kommst du mich nun besuchen?«
      »Natürlich«, sagte ich. »Wann kommst du an?«

      »Wo ist Malte?« Nico blickte fragend in die Runde. Eyvind, Eli, Ike und Bart standen im Hauptstall im Kreis um ihn herum. Jeden Freitag war Besprechung. Nicht, dass an anderen Tage keine Kommunikation herrschte, aber die fünf Minuten am Freitag um acht fanden ohne Kaffee und Smartphone statt. Verspätungen wurden mit extra Morgenschicht bestraft.
      »Na seine Schwester ist in Los Angeles«, sagte Eli.
      »Quatsch«, widersprach Bart. »Seine Schwester hat er seit Jahren nicht mehr gesehen. Er meinte zu mir, dass er einen Auftrag hätte.«
      »Nur, weil er seine Schwester länger nicht mehr gesehen hat, ist das doch kein Grund, dass sie sich nicht ausgerechnet dieses Wochenende treffen?« Eli ließ nicht locker.
      »Vielleicht meinte er ja seine Cousine?«, sagte Eyvind. »Hatte er hier nicht mal eine Cousine?«
      »Die Frage ist eigentlich, warum ich nichts davon weiß?«, fragte Nico. Alle zuckten ratlos die Schultern und Nico musste seufzen. »Alles klar, dann machen wir eben einen Plan ohne Malte.«
      Alle nickten. Erschienen Nico aber trotzdem leicht verwirrt, ohne Malte, der immer alle Ruder in der Hand hatte. Auch diejenigen, die Nico gerne fallen ließ. Malte rettete immer alles.
      »Ich brauche Rückmeldung zu den neuen Praktikanten und Praktikantinnen«, sagte Nico, das „innen“ betont. »Meinungen darüber?«
      »Cjara ist ziemlich hübsch«, sagte Bart mit einer andeutungsvollen Stimme. Zustimmendes Gemurmel machte sich bemerkbar. Nico seufzte laut.
      »Irgendwelche Probleme? Unzufriedenheiten? Irgendwas?«, er gab noch nicht auf. »Eyvind, du warst doch mit auf der Woodland Ranch, sind Cjara und Elsi gut geritten?«
      Eyvind nickte. »Nichts auszusetzen. Cjara schön und nervös wie immer, Elsi etwas zu verbissen, aber ansonsten tadellos.«
      »Na gut«, sagte Nico. »Wenn das so ist, dass möchte ich, dass die Mutterstuten und die Fohlen heute besondere Aufmerksamkeit bekommen. Gemeinsamer Koppelgang und erstes Halfteranlegen und Putzen ist angesagt. Ansonsten kommt heute Nachmittag noch der Tierarzt wegen Miles Hautproblemen vorbei und bringt uns neue Medikamente. Und Bart, lass ja die Finger von Cjara.«
      Nico wendete sich von der Gruppe ab und rollte zurück in Richtung Haupthaus. Wo war nur Malte? Warum hatte er nicht vorher mit ihm gesprochen?

      Ich fühlte mich überaus unwohl mit meiner dreckigen Jeans und dem Karohemd von gestern unter all den Buisnessmenschen, die aussahen, als wäre es für sie üblich, jeden Tag mit dem Flieger auf Arbeit und wieder zurück zu fliegen. Die weißen Fliesen unter meinen Füßen glänzten in der untergehenden Sonne, die durch die meterhohe Glasfassade der Eingangshalle vom International Airport von Los Angeles fielen. Meine Hände in den Hosentaschen verkrampften sich gestresst.
      Ich hätte Charly nicht erkannt, wenn sie nicht wenige Meter vor mir ihre Handtasche in der Luft geschwenkt und „Hallo Malte!“ gerufen hätte. Sie war nicht von den Menschen in grauen oder schwarzen Anzügen zu unterscheiden, die, ihren Hartschalen-Koffer vor sich her schiebend und auf das Handy blickend, die Halle in einen riesigen, menschlichen Ameisenhaufen verwandelten.
      Ich hasste Flughäfen.
      Charly war alt geworden. Sie hatte keine Falten gekriegt oder Seniorenmode gekauft, sie war einfach so alt geworden. Für einen Moment verschwamm sie vor meinen Augen und ich sah sie, so wie ich sie damals kennengelernt hatte; Kurze schwarze Haare, zerschlissene Jeans, dunkler Eyeliner und ein freches Grinsen. Sie war immer jung gewesen, diese Zeiten waren anscheinend vorbei.
      »Das ist so lieb, dass du mich abholst!«, sagte sie freudestrahlend und fiel mir um den Hals. Auch sie hatte einen silbernen Hartschalen-Koffer dabei, denn sie los lies, woraufhin er noch einige Schritte weiterrollte. Zwei Tage Los Angeles und es sah aus wie zwei Wochen Antarktis.
      Ich erwiderte ihre Umarmung und legte meinen Kopf auf ihre Schulter. Sie roch gut, viel zu gut.
      »Ich habe ein Zimmer im H-Hotel, also nicht weit von hier! Ich würde schnell meine Sachen ablegen und dich dann zum Abendessen ausführen.«
      Ohne meine Antwort abzuwarten, tippelte sie zielstrebig in den hohen Absätzen in Richtung Ausgang. Den Koffer ließ sie für mich zurück.
      Das H Hotel lag tatsächlich nur wenige Minuten zu Fuß vom Flughafen entfernt. Es hatte eine eindrucksvolle Glasfassade, Palmen vor dem Eingang und eine Suite, die größer als unsere Reithalle war. Ich fühlte mich fehl am Platz und Charly neben mir machte es nicht besser. Mit ihrer Handtasche wackelte sie voraus, während ich wie ihr Diener mit dem Koffer beeilte hinterherzukommen. Natürlich nahm sie den Fahrstuhl in den zweiten Stock, anstatt die imposante Treppe zu bevorzugen. Charlotte von Eylenstein hatte sich angepasst. Angepasst an ihre neue Arbeit, ihr neues Aussehen, ihren neuen Mann.
      Ich hatte es mir bereits gedacht, aber die Suite besaß nur ein großes Doppelbett mit aufgepolsterten Monsterkissen und Deckenbergen dazu.
      »Ich würde auf der Couch schlafen«, sagte ich und legte meinen kleinen Rucksack neben die gewaltige Couch, von der aus man einen eindrucksvollen Blick auf den LAX hatte.
      »Blödsinn.« Charly lachte auffallend hell. »Das Bett ist groß genug für uns beide. Ich mache mich schnell etwas frisch, dann habe ich für uns bereits einen Tisch reserviert.«
      Ich ließ mich aufs Bett fallen während aus dem Bad das Rauschen von Wasser zu hören war. Wer war diese Frau nur geworden? Ich hatte sie mal geliebt. Ich weiß noch, wie gerne ich Charly gemocht hatte und wie sehr ich Nico gehasst hatte. Vielleicht war das ein Grund gewesen, warum ich Nico nach all den Jahren verzeihen konnte. Tjarda und Jora, sie waren all die Zeit nur Ablenkungen gewesen. Das Wasser stoppte und ein Föhn ging an. Seit zwanzig Jahren kannte ich sie. Seit zwanzig Jahren trauerte ich ihr hinterher. Für mich hatte das bedeutet, zwei bedeutungslose Liebschaften, wobei die erste von beiden nicht mal über ein „Hey, kann sein, dass ich dich mag“ hinausgegangen war. Die zweite war schon anders gewesen, besser. Jora war in einem Augenblick in meinem Leben gekommen, in dem ich sie gebraucht hatte. Missbraucht hatte. Gedacht hatte ich dabei all die Zeit an jemanden anderen.
      Der Föhn verstummte und es wurde ruhig im Badezimmer. Ich war alt geworden. Von meinen blonden Haaren war nicht mehr viel übrig. Vielleicht hatte die Sonne in Kalifornien sie weiß gefärbt, vielleicht die Einsamkeit. Ich war noch immer der Selbe wie damals. Ich hatte meine zwei Pferde und meine Arbeit, wie eh und je. Keine Veränderung und keine Weiterentwicklung. Petyr hatte sich weiterentwickelt. Ich hatte gehört, er hatte jetzt eine Familie in Oslo. Das mit Saga war wohl doch mehr geworden, als jeder gedacht hatte. Und Charly hatte sich weiterentwickelt. Zwar in eine Richtung, die mir nicht sonderlich gefiel, aber vielleicht lag das an mir. An mir, weil ich dachte, dass sie mich nun vollends abgehängt hatte.

      Den Vormittag verbrachte Nico bei Eyvind. Er war der Alleskönner und der Allesversteher des Gestüts und der beste Zuhöhrer oder Schweigefreund, den man haben konnte. Eyvind hatte sich den Mustangs verschrieben und eine kleine Reitschule aufgebaut. Nur wenige Schüler, dafür intensiver Unterricht, der weit über eine normale Reitschule hinausging. Vor allem viel Vertrauensarbeit und Horsemanship, vom Boden aus und im Roundpen. Die Mustangs waren unerschrocken und doch immer vorsichtig, aber vor allem intelligent und erstaunlich menschenfreundlich.
      Sie durften ihr Leben im Offenstall auf den großen Weiden hinter dem Hauptstall verbringen. Einige bekam selbst Eyvind nur selten zu Gesicht und das war auch okay so, dafür waren sie hier.
      Nico fand es erstaunlich, was Eyvind für einen Umgang mit den Kindern und Jugendlichen hatte. Er war Ihnen allen wie ein Vater, obwohl er doch selber keiner war.
      Einmal die Woche kamen die Kinder aus dem Kinderheim, die Eyvind besonders ins Herz geschlossen hatte und es oft über das normale Pensum hinaus ging. Das Geld, welches dabei reinkam, war sehr gering. Aber ein Mustang sollte sowieso nicht für den Kapitalismus missbraucht werden.
      Nach Nicos Besuch bei den Offenstallweiden, suchte er sich zwei der Praktikannten, die sich um die restlichen Pferde kümmern sollten, die gerade nicht im Training standen. Auf Marid ließ er zwar niemanden anderen als Bart, aber eine Massage und etwas Rotlicht durften sie ihm schon verpassen.
      Am Nachmittag fand sich Nico wieder in seinem Arbeitszimmer für eine kurze Pause ein. Er fuhr den Laptop hoch und öffnete die Website von Phoenix Valley, die in neuem Glanz erstrahlte.
      In letzter Zeit waren einige Pferde dazugekommen, aber was noch wichtiger war, die ersten Fohlen waren geboren. Vier wunderbare Vollblüter von wunderbaren Eltern. Es waren die ersten Pferde, die auf diesem Gestüt ihren Weg ins Lebens gefunden hatten und mit Stolz aktualisierte Nico die Website von Phoenix Valley. Die Geburt von PV Farwest, PV Rebellion of Cinqué, PV Traumfee und PV Toxic Compound musste verbreitet werden. Phoenix Valley war von nun an kein vergessenes Gestüt ohne Erfolge mehr, 2020 würde DAS Jahr werden.
      Nachdem die Website mit Bildern und kurzen Texten zu den Neuankömmlingen ausgestattet war, zog Nico sich eine Jacke über und rollte nocheinmal in den Stall. Hier standen seine Schätze, sein einziger Stolz. Die Mutterstuten hatten alle etwas größere Boxen bekommen, um den aktiven Baby-Vollblütern genügend Platz bieten zu können.
      Ganz vorne stand Far Cry, die erfahrenste und älteste der Zuchtstuten. Viele Fohlen würde sie dem gestüt nicht mehr schenken können, aber ihr diesjähriges war ein voller Erfolg geworden. Das Fohlen aus Firewalker hatte den Namen Farwest bekommen und war ein wundervoller Buckskin geworden. Malte meinte, er hat er etwas von einem Dunskin, aber laut Farbgenetik war das nicht möglich. Also war Farwest ein besonderer Buckskin und genauso verhielt er sich auch.
      Die einzige Stute war Traumfee. Ihre Mama Grenzfee war ganz stolz auf den kleinen Wirbelwind, mit dem ständig schlagenden Schweif. Die Wahl, einen Hengst von einem anderen Gestüt auszuleihen, war eine gute Idee gewesen. Fiebertraum hatte nicht nur seine wundervolle Farbe vererbt, sondern auch den munteren und aufmerksamen Charakter.
      Rebellion of Cinqué war eher noch ein kleines Rätsel. Der Hengst sah wundervoll aus, keine Frage, aber er war durchaus etwas zurückhaltender und schwerer einzuschätzen von seinem Charakter her. Echo‘s Maiden behütete den blauäugigen Prachtkerl trotzdem mit aller Liebe. Den weißen Schweif hatte der Kleine definitiv von seinem Vater Amistad geerbt, eine gute Tat, keine Frage.
      Der letzte im Bunde war Toxic Compound. Leider hatte sowohl CHH‘ Lethal Combination, als auch Light up Hell keine allzu guten Werte erhalten, es war also unklar, inwiefern der kleine Hengst groß rauskommen würde. Wahrscheinlich war wohl eine Kariere als Zuchthengst, seine Farbe war wirklich wunderschön geworden.
      Vor einigen Wochen war auch Winter with Koen auf unser Gestüt gekommen. Er war Jährling und sollte als Spielgefährte für Ivy‘s Rhapsody dienen. Sie war jedoch um einiges älter und der junge Koen für sein Alter noch extrem verspielt. Er genoss sichtlich das unbekümmerte Leben und hatte durchaus schon einige Herzen erobert. Deswegen war BR Ruffian‘s Smart Jane eingezogen. Eine Prchtkombination, Homozygot Roan und dann noch Silver. Sie war eine Halbschwester von BR Prias Raveday, die bereits mitten im Training stand, aber das sollte unsere Zucht nicht weiter einschränken.
      Das größte Wunderkind aber war wohl der Junghengst PFS‘ Circle of Thyme. Ein Pineforest Nachkommen, nur für unsere Zucht gezogen und der erste Sabino. Also ein perfekter Kerl mit den besten Voraussetzungen von beiden Eltern.
      Möglicherweise würde es bald auch neue Fohlen geben. Alphabet Soup und Westatlanta liefen in letzter Zeit vielversprechende Turniere und wenn Last in Love und der neue Golden Sugar weiterhin Erfolge nach Hause bringen würden, waren neue Liebeskombinationen definitiv nicht ausgeschlossen. Aber das würde die Zeit bringen. Die beiden Praktikantinnen hatten außerdem noch die zwei unzertrennlichen Stuten PV Gräfin und Song of Peace auf einer Krönung vorgestellt und wenn da alles soweit ohne Probleme gelaufen war, dann würden auch diese bald gekrönt sein.
      Die nächsten Stunden heftete Nico Abrechnungen ab und brachte den ganzen Papierkram auf Vorderman. Früher hätte er sich nie dazu niedergelassen, leider war es ihm aber nicht mehr vergönnt, draußen mit den anderen zu trainieren.
      Seit dem Nico einige „Praktikanten“ für unbekannte Zeit auf das Gestüt gelassen hatte, war wieder Leben eingekehrt und die Arbeiter etwas entlastet. Sir Golden Mile, Lap de Loupe, Chromed Highwind, Cinnada Mistik, I‘ve got a blue soul, Prias Raveday und Delightful Cinnamon standen dadurch wunderbar im Training und sollten in den nächsten Wochen hoffentlich noch ein paar Turniersiege abholen.
      Auch der Trainingscenter von Malte lief auf Hochtouren. Er hatte endlich wieder Zeit für Aufträge und nicht nur das, er hatte sich sogar dafür bereit erklärt, Nicos Sohn Bartholomäus auszubilden und immer mitzunehmen, sodass auch er nach seinem mittelmäßigen Schulabschluss wieder etwas zu tun hatte.
      Nico seufzte abermals. Er schaute auf sein Handy. Keine Nachricht von Malte. Auf seine Frage hin, wo er denn war und wann er wiederkommen wollte, hatte er nicht geantwortet. Mittlerweile ging die Sonne unter und tauchte das Gestüt in sagenhaft rotes Licht. Erst am nächsten Morgen würde Phoenix Valley neugeboren werden.

      Das Abendessen im Hotel Restaurant war okay gewesen. Für mich hatte es einen Veggie Wrap gegeben, für Charly einen gebratenen Lachs mit Parmesan. Sie hatte sich ihre gute Laune nicht von meinen tiefen Gedanken verbieten lassen. Aber vor allem trank sie viel Alkohol. Immer nur in damenhaften kleinen Portionen. Ihr torkelnder Gang am Ende war jedoch trotzdem für alle unübersehbar gewesen.
      Die Fahrstuhltüren schlossen sich hinter uns. Ich hielt Charly um der Hüfte fest, beschäftigte mich intensiv mit dem Werbeplakat an der Fahrstuhltür. Auch Charly war eigenartig stumm und als ich die Werbung für das Casino nun schon zum dritten Mal Wort für Wort durchgelesen hatte, wagte ich einen Blick zu ihr. Ihre Augen fingen ihn sofort ein, als hätten sie nur darauf gewartet. Ihr Blick war plötzlich wieder klar und als sie sich aus meinen Armen befreite, stand sie erstaunlich selbstsicher. Mein Blick löste sich von ihren Augen, wanderte hinab auf ihre zartrosa Lippen und blieb dort hängen.
      »Küss mich«, flüsterte sie.
      Ich wollte es und doch wollte ich es nicht tun. Aber sie flüsterte, fast stumm, noch einmal die Worte. Meine Hand fand den Weg zu ihrem Nacken, verlor sich dort in dem weichen Meer aus dunklen Haaren und drückte dann ihren Körper bestimmend an meinen. Kaum waren ihre Lippen nah genug, legte ich die meinen auf ihre, roch erst ihr zartes Parfüm, dann den Lippenstift und dann den Geschmack von Champagner auf ihrer Zunge. Ich arbeitete mich tiefer in sie hinein, umschlang sie mit allem was ich zu bieten hatte, und da fand ich ihn. Erst ihren Geruch. Den zarten Geruch nach Meer, vereint mit etwas menschlichem, gut riechendem Schweiß. Dann fand ich ihren Geschmack. So verführend, so feucht, so beherrschend. Ich wollte sie, mein ganzer Körper verlangte mit jeder Zelle nach dieser Frau, die ich fest umklammerte, ihr die letzte Luft aus dem Körper zog. Ich wollte alles von ihr haben. Ich stöhnte.
      Mit letzter Kraft löste Charly sich von mir. Ihre Lippen waren verschmiert und die Haare standen wild ab. Ich hatte nicht gemerkt, dass ich ihr das schwarze Kleid begonnen hatte auszuziehen. Als die Türen sich öffneten, zog sie es schnell zurück über ihre Hüften. Wir drängelten uns mit gesenktem Blick an dem älteren Ehepaar vorbei, welches vor dem Fahrstuhl wartete. Ich konnte nicht aufhören Charly anzustarren. Ich vibrierte, fühlte mich lebendiger als je zuvor und das, obwohl ich vorhin erst gedacht hatte, sie nicht mehr zu lieben, nicht mehr nach ihr zu verlangen.
      Oh doch, das tat ich.

      »Dieses Pferd ist der Hammer«, sagte Bart immer wieder, während er die Stute aus dem Hänger führte. »Dass du an ein so schönes Pferd kommst, wirklich krass.«
      Joline hatte hellblaue Transportgamaschen an und eine passende Abschwitzdecke. Immerhin hatte Nico auch nicht schlecht bezahlt für das Wunderpferd aus Kanada, die geschenkte Ausrüstung war dafür ja das mindeste.
      »Die wird erstmal eine Untersuchung bekommen. Kann ja nicht sein, dass es nur Langweile ist, dass sie sich den Schweif aufkratzt, als würde da eine Horde Flöhe wohnen«, sagte Nico.
      Bart nahm den Strick ab, den ihm der Transporterfahrer reichte.
      »Ich brauche noch eine Unterschrift«, nuschelte er und hielt erst Bart, dann Nico den Zettel hin.
      »Ich sitze zwar im Rollstuhl, kann aber durchaus noch einen Stift führen«, sagte Nico, während er schwungvoll seinen Namen auf das Papier setzte. Dann lächelte er freundlich.
      Der Mann hatte nicht verstanden, worauf Nico anspielte. Murmelte nur und fuhr dann mit dem Transporter vom Hof.
      Bart gähnte. »Es ist mir zu früh«, sagte er. »Aber was tut man nicht alles für eine schöne Frau.«
      In dem Moment kam Cjara um die Ecke. Sie lächelte, wie immer. Ihre langen Engelslocken wippten au ihren Schultern und die Augen strahlten.
      Nico sah Bart an, der erst Joline anschhmachtete und dann den gleichen Blick auf Cjara war.
      »Guten Morgen«, flötete Cjara und Nico musste bei ihrem Anblick nun doch auch lächeln. Sie war ein wahrer Sonnenschein.
      Bart hackte sich bei ihr unter und sagte charmant: »Wenn ich die Dame in den Stall begleiten darf...« Links Joline und rechts Cjara marschierte er stolz in Richtung Hauptstall.
      Nico seufzte. Der Junge war volljährig und benahm sich trotzdem ganz anders. Genauso wie er und Nico hatte er 35 Jahre alt werden müssen, um diese Charaktereigenschaften entgültig ablegen zu können.
      Nico blieb an Ort und Stelle sitzen, schaute die Ausfahrt hinauf und als er einen alten Wagen auf ihn zukommen sah, wollte er aufspringen, bis er merkte, dass seine Beine dies nicht mehr mitmachten.
      Malte war da und auch wenn Nico die letzten Tage keinen Kontakt zu Malte hatte aufbauen können, wusste er nun, wo sein Freund gewesen war.

      »Du hast mit ihr geschlafen.«
      »Ja«, sagte ich und schloss die Autotür. »Ja, das habe ich.«
      »Würdest du es wieder tun?«
      Ich blickte fragend auf Nico herab. Es war als hatte er auf mich gewartet gehabt. Er hatte genau hier neben dem Parkplatz für mein Auto gestanden, obwohl ich niemandem gesagt hatte, wann ich wiederkommen und vor allem nicht, wo ich hinfahren würde.
      »Du meinst, ob ich wieder mit deiner Ex-Frau ins Bett gehen würde? Immer doch, ich liebe es, dir mit allem was ich tue in deine nutzlosen Eier zu treten.« Ich warf mir meinen Rucksack über die Schulter und ging die Treppe zur Veranda hoch. Nico folgte mir über die Schienen an der Seite. Er war schneller als ich.
      »Du bist zwar ein Zwerg, aber immerhin hast du deine männlichen Attribute noch im Griff«, sagte Nico. Er versperrte mir die Tür und grinste mich an.
      »Was willst du«, sagte ich matt. Es war keine wirkliche Frage, wahrscheinlich wusste Nico nicht mal selbst, was er wollte. Das einzige was ich wusste, war, dass ich mit der Ex-Frau meines besten Freundes, in die ich seit zwanzig Jahren verliebt war, eine romantische Nacht in einem exklusiven Hotel in Los Angeles gehabt hatte. Was ich aber tatsächlich wollte, wusste ich nicht.
      »Und? War es gut?« Nico ließ nicht locker. Sein Lächeln lag eingefroren und grauenerregend auf seinem Gesicht.
      »Charly ist hervorragend im Bett. Das war der beste Sex meines Lebens«, sagte ich trocken. Dann drängelte ich mich an Nico vorbei.
      »Ach schön! Erzähl doch bitte mehr davon!« Nicos Stimme tropfte vor Sarkasmus. Ich drehte mich noch einmal um, blickte Nico in die Augen. »Erzähl mir, wie toll die Frau meines Lebens im Bett ist, erzähl mir, was sie dir ins Ohr geflüstert hat, oder wie Laut ihr Stöhnen war!« Er wurde immer lauter, schrie fast. Das Grinsen war verschwunden. Er war rot angelaufen, ich sah eine Träne in seinem rechten Auge schimmern. »Ich hasse mein Leben«, flüsterte er schließlich.
      »Nico«, sagte ich und hockte mich vor ihm hin. »Es tut mir Leid, was passiert ist. Die Trennung von Charly, dein Unfall, der Rollstuhl. Alles das sind Schicksalsschläge. Vielen Menschen passieren Dinge, die sie nicht wollen, die Träume zerstören. Aber die Nacht mit Charly tut mir nicht leid. Ich liebe sie, schon all die Jahre liebe ich Charly. Die Nacht war wunderschön, aber es wird nicht noch einmal eine Nacht wie diese geben. Ich teile Charlys Leben nicht. Sie hat sich für einen anderen Weg entschieden. Ich glaube, dass sie die falsche Entscheidung getroffen hat und ich hoffe, dass sie eines Tages merkt, dass sie vielleicht sich für einen anderen Weg hätte entscheiden sollen. Ich weiß jetzt, dass ich nicht Charlys Weg folgen möchte und ich wünsche mir für dich, dass du das auch nicht tun wirst.« Ich legte ihm eine Hand aufs Bein und schaute ihn bittend an.
      »Was bin ich noch«, flüsterte Nico. »Ein Reiter ohne Beine, ein Ehemann ohne Frau und ein Vater, dessen Sohn kein Sohn sein will. Sag es mir, was bin ich noch.«
      »Du bist mein Freund, ein erwachsener, erfolgreicher Mann. Du bist ein Reiter, der Angst davor hat, aufs Pferd zu steigen, ein Mann, der nicht einsehen will, dass es noch viele Frauen gibt, die ihm Wärme und Liebe schenken können, und ein Vater, der viel zu oft seine eigenen Probleme denen seines Sohnes vorzieht. Ja, du musst an manchem arbeiten«, sagte ich und lächelte Nico aufmunternd an. »Aber trotzdem bist du viel mehr, als du denkst. Du bist am Leben und du solltest dieses Geschenk mit Demut nutzen und sorgsam damit umgehen.«
      »Du hast leicht reden. Du bist der einzige in 5 Kilometer Umkreis, der heute Morgen beim Aufstehen eine Frau in den Armen gehabt hat«, sagte Nico und folgte mir in die Küche.
      »Ich bin bereits heute Nacht gegangen«, sagte ich, während ich die Reste des Essens aus meinem Rucksack im Kühlschrank verstaute.
      »Und warum bist du jetzt erst wieder da?«
      »Los Angeles bei Nacht ist schön.« Ich schloss den Kühlschrank und nahm, ohne noch einmal einen Blick zurück auf Nico zu werfen, die Treppe hinauf in mein Zimmer.

      27-02-2020 | 24.061 Zeichen | Canyon
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      moving on
      Hengste Hauptstall: Sunka, Amistad, Firewalker, Light up Hell, Last in Love, Lap de Loupe, Golden Sugar, Chromed Highwind, Sir Golden Mile, Eskador, Candlejack, The Illusionist, Graf Heinrich
      Stuten Hauptstall: Millenium GC, Grenzfee, Echo‘s Maiden, Lady Gweny, Far Cry, CHH‘ Lethal Combination, Westatlanta, Alphabet Soup, Song of Peace, PV Gräfin, Cinnada Mistik, Wild Reflex, I‘ve got a blue soul, BR Prias Raveday, Delightful Cinnamon, Joline, Sister of Crime, Monkey 47Fohlenweide: PV Comte de Courtoisie, PV Song 'bout Alegría, PV Phantom from Alaska, PV Noodle in Love, Winter with Koen, Ivy‘s Rhapsody, BR Ruffian‘s Smart Jane, PFS‘ Circle of Thyme, Lady Phoenitia, Phoenix Valley Farwest, PV Rebellion of Cinqué, PV Traumfee, PV Toxic Compound]Nebestall: Ghostly Phenomenon, Marid, Arias, Mytos, La Paz, Pítu, Schwalbenfeder, Óslogi, Félagi, Braum van Ghosts, Imagine Dragons, Madame PompadourOffenstall: Chosposi, Anaba, Morrigans Hidalgo, Cloud, My Canyon, Flotten von Mutanten, Aquena, Zonta, Havanna Girl, Kwatoko, Dawn

      Petyr hatte wieder ein neues Pferd angeschleppt. Damals hat er das schon immer getan und jetzt wieder. Er war noch keine zwei Wochen auf dem Gestüt, da hat er sich schon eine Box besorgt und den Hengst auf das Gestüt geschafft. Aus Kanada kam er, das Pferd, nicht Petyr. Petyr war vonüberall hergekommen. „Weltreise“ hatte er seine Tour durchOsteuropa genannt.
      Nico hatte nur die Achseln gezuckt, als ich ihm von Petyrs Besuch erzählt hatte, Eyvind hatte sich natürlich gefreut und nachdem Petyr angekommen war, hatte er schnell unter der Gestütsmannschaft Anschluss finden können. Sein Gesicht war faltiger geworden, aber seine Haarpracht noch eben so voll wie eh und je.
      Petyr hatte sich in Sunka verliebt und Sunka in Petyr. Mein Freund hatte den Hengst über
      mehrere Ecken aus privater Hand übernommen, natürlich mit dem Versprechen, den Hengst seiner Begabung nach zu fördern und welches Gestüt war dafür nicht besser geeignet als Phoenix Valley.
      Abends saßen wir dann gemeinsam auf der Veranda. Hin und wieder gesellte sich Nico zu uns, doch meist waren ihm die langen Erzähltiraden Petyrs zu unaushaltbar und er verschwand samt Rollstuhl im Haus, oder im angrenzenden Stall.
      Petyr hatte vor einigen Wochen auf Kreta Saga Glasberg geheiratet. Selbst Jora sei dabei gewesen, erzählte er mir. Sie sei immer noch hübsch, sagte er immer wieder. Natürlich aber war seine Saga hübscher. Ein Wundermensch und eine Wolkentänzerin. Dann erzählte er mir vom Norden. Von den Seen in Norwegen und den Bergen seiner Heimat Schweden. Er zeigte mir Fotos vergangener Zeiten, längst verdrängt und immer gehofft, sie vergessen zu haben. Nie wieder wollte ich abends im Bett leiden müssen. Ich war weitergegangen. Meine Heimat war zurückgeblieben. Niemand konnte seine Heimat mitnehmen.
      Petyr hatte einen Freund mitgebracht. Angeblich hatten Saga und er ihn in Istanbul kennengelernt, aber Momo selbst schwor, dass er dort nie gewesen war. Petyr hatte ihm auch ein Pferd gekauft. Er solle nun reiten lernen, hieß es, und der abenteuerlustige Momo hatte seit dem nichts besseres zu tun, als Graf Heinrich Tag für Tag zur Arbeit zu motivieren, während Petyr daneben stand und besserwisserisch Tipps verteilte.
      Es tat gut, dass Petyr wieder da war. Er verteilte gute Laune, nahm das Leben auf die leichte Schulter und gab mir keine Schuld, wenn meine Stimmung mal wieder gedrückt war. Petyr ließ sich von nichts und niemandem demotivieren.
      Aufgrund der Dürre hatte Nico jede Menge Helfer angeschleppt. Vorrangig Freunde des Gestüts, die hier sowieso ein- und auskehrten, so wie Mary Ann, Eli und Ike. Ich hatte gleich gesehen, wie Petyr ein Auge auf Mary Ann geworfen hatte und vor ihr mit der Hochzeit und dem Goldring an
      seinem Finger prahlte. Aber Mary Ann war für einen Typ wie Petyr die Falsche. Zu selbstbewusst, ganz eindeutig. Ich war froh, sie mal wieder zu sehen. Ich wusste sehr zu schätzen, dass sie und Eli Nico in der Anfangszeit in Kalifornien so unterstützt hatten. Aber Mary Ann war irgendwann immer seltener gekommen und dann war sie für einige Jahre ganz verschwunden. Nur Nico schien zu wissen, was der Auslöser dafür gewesen war.
      Ike war die letzten Monate mit Pítu auf Roadtrip gewesen, bis die anhaltende Hitze und der fehlende Regen seine weiteren Pläne frühzeitig beendet hatte. Pítu zeigte nun deutliche Schwierigkeiten, sich in der Herde einzufinden und das, obwohl er eigentlich selbst mit den
      selbstbewussteren Herrschaften gut zurechtkam. Dafür freute sich Óslogi sehr, seinen alten Weggefährten wiederzutreffen. Logi hasste die Hitze. Er war kahlrasiert und verbrachte wie alle anderen die Tage im Stall, zusätzlich bestand er allerdings fast nur noch aus Sonnencreme, soviel wie wir ihm in den letzten Tagen auf die helle Haut geschmiert hatten.
      Am besten ging es in der Hitze wohl noch unseren Fohlen. Sie waren in der Frühlingswärme zur Welt gekommen und kannten nichts anderes, als die Sonnenstrahlen auf der Haut. Drei unserer Lieblinge waren bereits verkauft und würden in Kürze in ihr neues Zuhause ziehen. Wir hatten uns zwischen vielen Bewerbern entscheiden müssen und auch als die Entscheidung festgestanden hatte, waren einige Trauertränen geflossen. PV Noodle in Love, PV Phantom from Alaska und PV Traumfee würden uns verlassen und in die ferne Welr ziehen. Ich hatte allerdings gelernt, dass manches für immer gar nicht so lange ist.
      Und dann waren da noch die ganzen neuen Pferde, die vielen jungen Reiter und all die Erfolge, die Phoenix Valley in letzter Zeit zu verzeichnen hatte. Ja, ich war oft gestresst. Es waren nicht mehr die Zeiten wie damals auf der Tyrifjord Ranch. Heute trug ich eine Verantwortung, die manchmal die Tage etwas grauer erschienen ließ, als sie eigentlich waren. Und ja, manchmal fühlte ich mich alt. Dann schaute ich eines Morgens in den Spiegel, sah, dass meine ehemals hellroten Haare grau und ausgemergelt nun, meinen Kopf verließen und nicht mehr zurückkommen würden. Dann dachte ich wieder an Jora und die Kinder, die wir nie haben würden, dachte an ihr Lächeln und an den Abend, als ich sie das erste Mal gesehen hatte. Ich hätte vieles anders machen können, aber damals schien es, als wäre sie ein verzeihlicher Verlust, heute weiß ich, dass es anders war.
      Jeden Abend brachte ich eigenhändig Óslogi und Félagi auf die kargen Weiden, wo sie sich genüsslich auf die Grasreste stürzten und mit den anderen Wallachen und Ponys ihrer Energie freien Lauf zu lassen.

      03-09-2020 | 6.448 Zeichen | Canyon
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      going home
      Hengste Hauptstall: Wallenstein, PFS' Stromer's Victory, Sunka, Amistad, Firewalker, Light up Hell, Last in Love, Lap de Loupe, Golden Sugar, Chromed Highwind, Sir Golden Mile, Eskador, Candlejack, The Illusionist, Graf Heinrich
      Stuten Hauptstall: Millenium GC, Grenzfee, Echo‘s Maiden, Lady Gweny, Far Cry, CHH‘ Lethal Combination, Westatlanta, Alphabet Soup, Song of Peace, PV Gräfin, Cinnada Mistik, Wild Reflex, I‘ve got a blue soul, BR Prias Raveday, Delightful Cinnamon, Joline, Sister of Crime, Monkey 47
      Fohlenweide: PV Comte de Courtoisie, PV Song 'bout Alegría, PV Phantom from Alaska, PV Noodle in Love, Winter with Koen, Ivy‘s Rhapsody, BR Ruffian‘s Smart Jane, PFS‘ Circle of Thyme, Lady Phoenitia, Phoenix Valley Farwest, PV Rebellion of Cinqué, PV Traumfee, PV Toxic Compound
      Nebestall: Ghostly Phenomenon, Marid, Arias, Mytos, La Paz, Pítu, Schwalbenfeder, Óslogi, Félagi, Braum van Ghosts, Imagine Dragons, Madame Pompadour
      Offenstall: Chosposi, Anaba, Morrigans Hidalgo, Cloud, My Canyon, Flotten von Mutanten, Aquena, Zonta, Havanna Girl, Kwatoko, Dawn

      Der einzige Baum vor meinem Fenster ist noch nicht da. Und wäre er da, so wären die Blätter es nicht. Tom Traubert’s Blues kommt aus dem altmodischen Radio. Es rauscht unangenehm. Der Empfang hier draußen ist einfach scheußlich. Und seitdem die Bauarbeiten an dem neuen Stallgebäude und der Militarystrecke begonnen haben. Seit dem ist es noch schlimmer geworden. Das mit dem Radio und auch das Telefonieren.
      Das klingelt gerade. Mein IPhone. Ich nehme ab, ohne meinen Blick vom Fenster abzuwenden. „Nico?“
      „Hey Nic“, sagt sie. Sie ist die einzige, die mich so nennt. Und die schreibt es auch so, ohne K. Einfach Nic. Als würde es noch weitergehen, aber sie hätte einfach in der Mitte aufgehört. Aber im Endeffekt passt das zu mir. Ich höre auch irgendwo in der Mitte auf.
      „Vicky“, sage ich und drehe mit einer Hand den Rollstuhl vom Fenster weg. Es ist traurig. Dass das eins der einzigen Dinge ist, auf die ich zur Zeit stolz sein kann. Ich könnte Basketball für Rollis spielen, wenn ich wollen würde. Aber ich will nicht.
      „Darf ich heute Abend vorbeikommen?“, fragt sie.
      „Ja“, sagte ich nur. Wir schweigen einen Moment.
      „Dann bis heute Abend, Nic“, sagt sie schließlich. „Ich freue mich auf dich.“
      Sie legt als erstes auf, dann lege ich mein Handy zur Seite. Ich blicke auf die Uhr, halb elf morgens. Der Tag will einfach nicht vorbeigehen. Wie auch die Tage davor und die Tage davor. Schwerfällig drehe ich mich um, nehme eine Jacke vom Hacken und öffne die Haustür. Es ist klar und sonnig, aber der eisige Wind zieht mir unter die Haut.
      Im Stall treffe ich auf eine Ansammlung der verschiedensten Leute.
      „Ich sage ja nur, Physiotherapie und Nahrungsumstellung ist einfach das Beste. Heilung sollte immer ganzheitlich sein und nicht nur durch irgendwelche Medikamente und teuren Hufbeschlag geheilt werden!“ Elsis Stimme war am lautesten zu hören.
      „Physiotherapie?“, äußert sich Helia abfällig. „Als nächstes kommst du mit einem Psychologen oder einem Eheberater an, wenn du mal wieder Streit mit einem Pferd hast.“
      „Ihr entscheidet sowieso nichts.“ Malte geht dazwischen, dann sieht er mich und lässt seine Hände sinken. „Geht an Eure Arbeit.“ Er wendet seinen Blick wieder Helia und Elsi zu, die sich immer noch böse anfunkeln. „Geht an eure Arbeit, wird’s bald?“ Beide stampfen erregt davon.
      Auch Bart sieht mich jetzt. „Dad!“, sagt er und grinst wie immer, dieser Vollidiot. „Dir ist kalt, hier, nimm eine Decke!“ Er legt mir eine alte Stalldecke auf die Knie, ich schaffe es nicht rechtzeitig, ihn abzuwimmeln.
      „Was ist hier das Problem?“, frage ich an Malte gewand, ohne auf das vorhergesagte einzugehen.
      „Eigentlich nichts“, sagt er. „Es ging um Victory. Stromer‘s Victory. Die Medikamente wirken noch nicht, er ist immer noch schlapp, erhöhte Temperaturen.“
      „Ich möchte ihn sehen“, sage ich und schiebe meinen Rollstuhl mitten durch die Ansammlung hindurch zu Victory. Er steht in seiner Box, schaut müde über das gewundene Tor aus Holz und Eisen hinweg. Sein Fell ist stumpf, seine Augen erschöpft.
      Ich höre und spüre wie sich stumm alle hinter mir versammeln. „Was würdest du tun, Alba?“
      „Ich?“, Alba scheint erstaunt, etwas erschrocken.
      Ich drehe mich so gut es geht zu ihr um. „Ja, du. Du wurdest ihm doch zugeteilt und hast ihn in den letzten Tagen versorgt. Was würdest du tun?“, frage ich nochmal.
      „Na ja, weitermachen. Vor allem Kühlen. Die teuren Gels wirken nicht, Heilerde könnte man probieren. Es klingt zwar altmodisch, aber ist durchaus wirksam!“ Sie kommt in Fahrt. „Und etwas Bewegung. Nicht viel, aber ein bisschen. Er stand die letzten Tage nur hier drin, auch das kann krank machen. Etwas Spazierengehen, oder in eine Paddockbox und wenn es ihm besser geht, dann auf die Weide.“
      „Stimmst du dem zu, Malte?“
      „Ja, was besseres fällt mir nicht ein. Montag kommt der Tierarzt wieder. Solange es nicht schlimmer wird, sollen wir weiter kühlen, ansonsten ihn sofort verständigen. Mehr als hoffen und unser Bestes tun, können wir nicht.“ Malte blickte mir in die Augen.
      Ich nicke. „Dann wäre das geklärt. Alba, du übernimmst die weiteren Schritte. Halte mich bitte auf dem Laufenden.“
      Alba nickt und entfernt sich. Übrig sind jetzt noch Bart und Malte. Beide schauen mich erwartungsvoll an. „Was ist?“, frage ich leicht genervt. Die beiden tauschen kurz Blicke aus und Zucken dann mit den Schultern.
      „Nichts“, sagt Bart. „Ich dachte nur, es hätte einen Grund, dass du hier bist.“
      „Ja, den hat es“, sage ich. „Das ist mein Stall und meine Pferde. Außerdem brauche ich jemanden, der mich nach Alturas fährt und das in der nächsten halben Stunde.“
      „Frage doch einen der Praktikant*innen“, sagt Malte.
      Ich schaue ihn leicht perplex an. Das kam von ihm. Er hatte echt seine Würde verloren. „Ich frage aber euch. Außerdem ist das Wort Praktikant oder Praktikantin mittlerweile überholt. Alle fünf sind mittlerweile mehr als das.“
      „Sorry Dad, aber ich habe heute echt besseres zu tun. Was willst du denn in Alturas?“
      „Bart“, sagt Malte verächtlich. „Bitte nicht in diesem Ton.“
      „Schon gut“, sage ich. „Ich war damals schlimmer. Er hat sich gut gemacht, mit dir als Ersatzdad.“ Ich schaue Malte an und versuche Dankbarkeit in meinen Blick zu legen. Ich glaube, er erkennt die Bedeutung. „Ich fahre nach Alturas, um ein Pferd abzuholen.“
      „Davon weiß ich ja gar nichts!“, empört sich Bart.
      „Und ich werde auch nichts weiter verraten, das Glück liegt ganz bei dem, der mich nach Alturas bringt“, sage ich und schaue hoffnungsvoll in Maltes Richtung.
      „Kein Ding, ich mach das. Gib mit zwanzig Minuten, ich kläre ein paar Dinge, dann bin ich bei dir.“

      Malte ist immer pünktlich. Überpünktlich. In meinen Augen ist es nur zehn Minuten später, als er mit dem Van und dem bereits von mir gestern eingerichteten Anhänger vor dem Stall parkt. Er hilft mir aus dem Rollstuhl auf den Beifahrersitz und verstaut das dumme Ding dann im Kofferraum.
      „Du willst mir immer noch nicht sagen, was es für ein Pferd ist?“, fragt er, als er das Gefährt den sandigen Weg entlang auf die Ausfahrt zulenkt.
      „Ein gekörter Hengst aus Italien. Viel mehr weiß ich selber leider nicht.“
      „Oh bereits gekört, da werden sich unsere Vollblutstuten freuen.“
      „Nein“, sage ich. „Der ist nicht für die Stuten, der ist für mich und kein Englisches Vollblut.“
      „Ich merke schon, du willst nicht mehr verraten. Da kann ich dir allerdings erzählen, dass auch ich wieder ein Pferd im Auge habe. Einen Isländer, von Atomics. Dir sagt die Zucht was?“
      Ich nicke. Malte weiß, dass er einen Freifahrtsschein genießen darf. Ohne ihn würde das Gestüt gar nicht mehr existieren.
      Eine halbe Stunde später parken wir den Wagen auf den Sonderparkplätzen beim Flughafen. Die Papiere habe ich bereits Online ausgefüllt und ausgedruckt. Am Schalter muss ich mich ausweisen, dann kommt ein Transporter, aus dem Malte kurz darauf Arthur rausführt. Er sieht müde und geschafft aus, den Schweif trägt er trotz Transportschutz arabertypisch weit oben. Er ist fast weiß, aber seine leichte Äpfelung ist gut erkennbar. Ich habe lange mit der Entscheidung gerungen, aber King Arthur wird gut zu Marid passen, er ist gelehrig und motiviert. Ich will es versuchen.
      Er lässt sich ohne Probleme verladen. Schnaubt nur etwas, als Malte ihn festbindet und ihm Heu anbietet. „Ein Araber. Noch einer“, sagt er nur und ich sehe, wie er leicht den Kopf schüttelt. Ja, noch einer, noch ein Araberhengst. Bart würde ich eine Freude machen. Er hatte die Faszination für diese Tiere von mir geerbt. Doch Arthur ist nicht nur ein Faszinationskauf. Er soll mich wieder auf den Rücken bringen. Er ist klein, aber doch muskulös genug für mich. Er hat eine grandiose Ausbildung von den besten Trainern erhalten, hat dir Leistungsprüfung mit Bravour bestanden. Und jetzt soll er mich wieder reiten lehren.
      Wir bringen Arthur nach Hause. Bart freut sich, von meinem weiteren Plan mit ihm, erzähle ich aber noch nichts. Das fällt nicht weiter auf. Jeder weiß, dass ich bei Arabern nicht nein sagen kann. Alle denken, er ist wieder ein Gelegenheitskauf. Wir stellen ihn gleich in die Box neben Marid. Die beiden hassen sich auf den ersten Blick. Und irgendwann werden sie sich lieben. Sie müssen, Marid weiß, dass ich das von ihm verlange. Er hat keine Wahl.
      „Ich werde nach Hause gehen“, spricht mich jemand von hinten an. Ich drehe mich um und Eyvind steht hinter mir.
      „Wann?“, frage ich, nur wenig erstaunt. Der Norweger ist viel zu lange geblieben. Seine Haut ist bereits dunkler geworden.
      „In drei Tagen geht mein Flug. Mein Vater ist gestorben, ich werde meine Mutter pflegen müssen“, sagt er.
      „Dann können wir morgen Abend nochmal gemeinsam essen?“
      „Ja“, sagt er.
      Ich lege ihm eine Hand auf den Arm. Höher komme ich nicht, sonst hätte ich ihn gerne umarmt. Eyvind nickt kurz und ich nehme meine Hand wieder weg. Wir kennen uns zu lange und wissen doch nichts voneinander. Eyvind war unser Gespenst, und ich würde es vermissen.
      „Petyr und Saga wollen mich begleiten“, sagt er noch. Ich nehme seine Worte zur Kenntnis. Den ollen Holmquist konnte noch nie etwas länger an eine, Platz halten. „Aber sie wollen wiederkommen, nur etwas Heimat schnuppern. Du kannst mich jeder Zeit besuchen, Nicolaus“, sagt er noch, dann dreht er sich um und geht.
      Ich werde ihn vermissen.

      Am Abend klingelt Vicky an meiner Tür. Bart macht auf und wirft mir dann einen vielsagenden Blick zu, als er wieder in die Stube kommt, lässt uns aber Privatsphäre. Ich koche Vic einen Tee, sie erzählt von dem Alltag in der Klinik und beschwert sich wie immer über Eli. Dann wirft sie ihre Haare zurück und lächelt mich an. Ich bringe ein leichtes Lächeln als Antwort zustande.
      „Nic, schau nicht so traurig“, mahnt sie mich. „Sonst muss ich dich doch zum Psychologen bringen. Du weißt, dass ich sonst Angst um dich habe.“
      „Ich weiß, wie du mich aufmuntern kannst“, sage ich und rolle in Richtung Schlafzimmer. Sie folgt mir lächelnd.
      Vic und ich haben bereits seit einigen Jahren so etwas wie eine Beziehung. Die meisten denken, wir sind nur gute Freunde und im Endeffekt stimmt das auch. Wir haben beide nie mehr erwartet. Hin und wieder kommt sie mich besuchen, bleibt über Nacht und fährt dann wieder für die nächsten Wochen zu sich nach Hause. Niemand traut sich, mich darauf anzusprechen. Ich muss damals ein böser Mensch gewesen sein.
      Es ist für mich nicht selbstverständlich, dass sie mit mir schläft. Ich bin vom Oberschenkel abwärts gelähmt. Aber Vic nimmt es einfach so hin. Ich mag sie wirklich. Sie ist einfach. Das würde ich nie laut sagen, aber es ist so. Sie kommt und geht ohne Drama, erzählt gerne und ist leise, wenn es nichts zu erzählen gibt. Sie hilft mir aus dem Rollstuhl, zieht mich, dann sich aus. Schließt das Fenster und deckt uns zu.

      Als ich aufwache ist es bereits Morgen. „Du hast mir gar nicht gesagt, dass du ein neues Pferd hast“, sagt sie, als ich in die Küche komme. Sie reicht mir einen Kaffee und deckt den Tisch. „Bart hat’s mir erzählt. Er war ganz schön zeitig wach. Erwachsen ist er geworden. Seit wann kenne ich ihn? Vierzehn Jahre? Echt lange Zeitspanne.“
      „Du bist ja noch da“, stelle ich festund rolle mit dem Kaffee an den Tisch.
      „Soll ich gehen?“, fragt sie und ich merke, dass ich jetzt nichts falsches sagen sollte.
      „Nein nein“, sage ich schnell. „Bleib bitte so lange du willst.“
      „Ich habe nachgedacht“, sagt sie und setzt sich neben mich. „Was hälst du von, wenn ich öfter komme. Vielleicht das Wochenende über?“
      Ich blicke sie an, sie weicht meinem Blick nach kurzem Zögern aus. „Ich weiß nicht“, sage ich und nehme einen Schluck.
      „Du willst nicht“, sagt sie und klingt enttäuscht.
      „Nein“, sage ich. „Das ist es nicht. Ich meine nur, bist du dir sicher, dass du das willst?“
      „Nic, ich mag dich wirklich sehr und du scheinst sehr einsam. Ich dachte nur, vielleicht kann ich dir helfen.“
      „Ach darum geht es dir“, sage ich und wäre jetzt gerne wütend aufgestanden, aber ich muss sitzen bleiben. „Du hast Mitleid mit mir. Dein Helfersydrom kannst du an einem anderen Krüppel ausüben“, sage ich und merke, wie ihre Worte sich schmerzhaft in mich reinbohren. Das ist der Grund, weswegen es so hätte bleiben sollen. Wenn man tiefer geht, dann sitzt der Schmerz auch tiefer.
      „Nein! Ich wollte dich nur-“, versucht sie sich zu rechtfertigen.
      „Gehe jetzt bitte“, sage ich und rolle vom Tisch weg. Zum Fenster. Der Baum ist immer noch nicht gewachsen, wann wird er endlich groß. Er sieht verkrüppelt aus. Mit dem dünnen Stamm und ohne Blätter. Als ich mich vom Fenster wegdrehe, ist sie weg. Ich rolle zur Verandatür und schaue auf den Parkplatz. Auch ihr Auto ist weg. Ich atme tief durch.

      Für den Abend habe ich einen Catering Service aus Canby bestellt. Sie sind nicht gut, aber meine Kochkünste sind es auch nicht mehr. Bart, Petyr, Momo, Saga, Vuyo, Ike, Malte und Eyvind schlagen sich den Bauch mit vegetarischem Zeug voll. Auch wenn nicht jeder am Tisch strikter Vegetarier war, es war von Anfang an eine ungesprochene Regel, dass wir gemeinsam auf Fleisch verzichten.
      Die Stimmung ist leicht gedrückt, Eyvind sitzt an def Stirn des Tisches und versucht gute Laune zum traurigen Spiel zu machen. Es wird über alles mögliche geredet, nur nichts zu tiefgründiges und das Thema Abschied wird vollkommen ausgelassen.
      „Wann geht euer Flug?“, fragt Ike.
      „Übermorgen, sehr zeitig“, antwortet Saga. „Aber wir haben uns entschieden, bereits morgen Abend nach Los Angeles zu fahren. Eine Nacht schlafen wir noch im Hotel. Die Gemüsepfanne ist echt lecker! Ist das Curry?“
      „Schmeckt eher wie Kardamom“, sagt Momo und probiert nochmal einen Löffel von der gelben Soße.
      „Schön, dass du bleibst“, sagt Vuyo an Momo gewandt. „Ich hoffe, du überlebst es ohne deinen Bodyguard Petyr hier in der Wildnis.“
      „Ach Quatsch“, lacht Momo. „Wenn alle Stricke reisen, dann gebe ich mich als Native American aus, heutzutage kann doch keiner mehr einen Griechen von einem Indianer unterscheiden.“
      Der Tisch stimmt in sein Lachen mit ein. Ich bleibe still und stochere lustlos in meinem Essen.
      „Iss bitte etwas“, murmelt Malte neben mir. „Zumindest das solltest du versuchen, um die Stimmung nicht noch mehr zu drücken.“
      Ich antworte nicht.
      „Lasst uns auf Eyvind anstoßen!“, sagt Saga plötzlich und erhebt ihr Glas mit Apfelschorle. Sie hat vorhin den Alkohol vehement abgewehrt. Ich weiß, was das bedeutet. Ich habe einen Sohn.
      Wir erheben unsere Gläser. „Auf Eyvind!“, sagen alle im Chor und Bart fügt noch hinzu: „Unseren blassen, homosexuellen, guten Geist!“ Ich sehe, wie Eyvind leicht lächelt.
      Ja, ich werde ihn vermissen.

      27-11-2020 | 14.450 Zeichen | Canyon
    • Canyon
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      Stelli's Besuch
      Heute beschloss ich, Canyon zu besuchen, um ihr bei der Pflege ihrer Pferde zu kümmern. Nach einer dreiviertel Stunde Autofahrt erreichte ich ihr Gestüt Phoenix Valley, wo viele wunderschöne Pferde beheimatet waren, die ich selbst gerne im Stall stehen haben würde. Nachdem Canyon und ich uns begrüßt hatten, ging es los, die Pferde auf die Koppeln zu bringen. Wir begannen mit den Hengsten, dies waren Amistad, Firewalker, Light up Hell, Last in Love, Lap de Loupe, Golden Sugar, Chromed Highwind, Sir Golden Mile, Eskador, Candlejack, Sunka, The Illusionist, PFS' Stormer's Victory, Graf Heinrich, Wallenstein und Kollateralschaden. Danach ging es weiter zu den Stuten. Besonders hier lag mir eine Stute sehr am Herzen: Millenium GC, die aus einer alten Zucht Golden Coin von mir stammte. Nachdem Aufgepasst, hier komt Arcada!, Millenium GC, Seattle's Scarlett, Grenzfee, Echo's Maiden, Lady Gweny, Far Cry, CHH' Lethal Combination, Westatlanta, Alphabet Soup, Song of Peace, PV Gräfin, Cinnada Mistik, Wild Reflex, I've got a blue soul, BR Prias Raveday, Delightful Cinnamon, Joline, Sister of Crime, Monkey 47, Meilenstein und Caresse sur l'océan draußen waren, ging es weiter. Im Nebenstall standen Magic Lanijos, Pokki von Atomik, King Arthur, Ghostly Phenomenon, Marid, Arias, Mytos, La Paz, Pítu, Òslogi, Félagi, Braum van Ghosts, Imagine Dragons und Madame Pompadour, welche wir auch nach und nach auf die Wiesen brachten. Die Jungpferde PV Blue my mind, PV Enchanté Mystique, PV One for the Devil, once for Christ, PV Mr. Rockport, PV Momentum, Ivy's Rhapsody, Winter with Koen, Lady Phoenitia, BR Ruffian's Smart Jane, PV Traumfee, PV Farwest, PV Rebellion of Cinqué, PFS' Circle of Thyme, PV Song 'bout Alegría, PC Comte de Coutroisie und WHC' Oshawa standen ja bereits in ihren Laufställen, dort füllten wir lediglich das Heu auf. Genau wie im Offenstall, wo Chosposi, Anaba, Morrigans Hidalgo, Cloud, My Canyon, Flotten von Mutanten, Aquena, Zonta, Havanna Girl, Kwatoko und Dawn standen. Im Trakt "Cova de Lua" standen vier weitere Pferde: Beya al Cova da Lua, Khalish al Cova da Lua, Nouria al Cova da Lua und Universo a Cova da Lua, diese kamen ebenfalls auf die Koppel. Die Fohlen und Pferde Алевтина, Юноно, Молотов, Нимфадора, Чайка, Барышников, Фантастика, Экстраординарный, Намисо, Маэстро, Роса, Алёна, Юрий und Анжелика, dessen Boxenschilder ich weder lesen noch sprechen konnte, kamen ebenso raus. Auf der Tyrifjord Ranch standen ebenso noch Pferde, die raus wollten. Mensch, hatte Canyon viele Pferde! Hier waren es Mios Jelda, Abqa Hasna, Fearthainn, Peripeteia, Dauthdeart, Hestia, LOveletter und HG's Acapulco Gold. Endlich waren alle draußen. Zusammen mit einigen Stallhelfern streuten wir die Boxen nach dem abäppeln schnell frisch ein und gaben Heu in die Box. Nachdem wir noch einen Plausch gehalten hatten, fuhr ich wieder nach Hause.

      17-07-2021 | Stelli
    • Canyon
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      a thousand kisses deep
      Hengste: Amistad, Firewalker, Light up Hell, Last in Love, Lap de Loupe, Golden Sugar, Chromed Highwind, Sir Golden Mile, Eskador, Candlejack, Sunka, The Illusionist, PFS' Stromer's Victory, Graf Heinrich, Wallenstein, Kollateralschaden
      Stuten: Aufgepasst, hier kommt Arcada!, Millennium GC, Seattle's Scarlett, Grenzfee, Echo's Maiden, Lady Gweny, Far Cry, CHH' Letal Combination, Westatlanta, Alphabet Soup, Song of Peace, PV Gräfin, Cinnada Mistik, Wild Reflex, I've got a blue soul, BR Praise Raveday, Delightful Cinnamon, Joline, Sister of Crime, Monkey 47, Meilenstein, Caresse sur l'océan
      Jungpferde: PV Blue my mind, PV Once for the devil, once for Christ, PV Mister Rockport, PV Momentum, Ivy's Rhapsody, Winter with Koen, Lady Phoenitia, BR Ruffian's Smart Jane, PV Traumfee, PV Farwest, PV Rebellion of Cinqué, PFS' Circle of Thyme, PV Song 'bout Alegría, PV Comte de Courtoisie, WHC' Oshawa
      Nebenstall: Magic Lanijos, King Arthur, Ghostly Phenomenon, Marid, Arias, Mytos, La Paz Pítu, Óslogi, Félagi, Braum van Ghosts, Imagine Dragons, Madame Pompadour
      Offenstall: Chosposi, Anaba, Morrigans Hidalgo, Cloud, My Canyon, Flotten von Mutanten, Aquena, Zonta, Havanna Girl, Kwatoko, Dawn

      „Du lässt ja deine Haare wieder wachsen.“
      Ich blickte auf. Im Türrahmen saß Nico im Rollstuhl und grinste mich an. Ich hatte ihn nicht hereinkommen hören. Er sah müde aus, aber zufrieden, auch wenn seine Stirn von Gedankenfalten nur so überfüllt war.
      „Habe dich gar nicht kommen hören“, sagte ich.
      „Das habe ich bemerkt“, sagt Nico und kam zwischen Sessel und Sofa hindurch zu mir gerollt. „Was ließt du?“
      Ich hielt das Buch hoch und Nico laß den Titel. „Kennst du’s?“
      „Ne“, sagte Nico. „Ist es spannend?“
      Ich überlegte einen Moment. „Ne.“
      „Dann ist ja gut, dass ich es nicht kenne. Willst du auch einen Kaffee?“
      Ich nickte. „Danke“, sagte ich, als er in die Küche rollte und die Kaffeemaschine anstellte. Sie stand auf dem Boden. Eigentlich stand mittlerweile fast alles auf dem Boden.
      „Wie war Kanada?“, fragte ich, als er mit einer Kanne Kaffee auf dem Schoß zurück ins Wohnzimmer kam.
      „Kalt und voll“, sagt Nico nur.
      „Klingt deprimierend.“
      „Nein, deprimierend war, dass ich mit dem Rollstuhl nicht aufs Rednerpodest gekommen bin.“
      Ich sagte nichts. Wenn Nico deprimiert über seinen körperlichen Zustand war, dann, so hatte ich gelernt, sollte ich einfach an bunte Schmetterlinge denken. Nico war unheimlich gut darin, mich in den Mitleidsbann zu ziehen und dann ging es mir selber schlecht und weil ich den Schuldfaktor abbauen wollte, schob ich ihn den ganzen Tag umher. Nein, heute nicht.
      „Ich hoffe, dass du zumindest genug Werbung für Phoenix Valley gemacht hast?“, fragte ich stattdessen und nahm eine Tasse vom Kaffeetisch, um zu kontrollieren, ob diese trotz abgestandenem Kaffeerest noch für weitere Benutzung akzeptabel war. Ein Teil von mir, wahrscheinlich der größere, war der Meinung, dass sie es nicht mehr war. In Anbetracht der Tatsache, dass in diesem Haushalt ein reger Tassenmangel herrschte, goss ich trotzdem ein.
      Auf meine Frage hin nickte Nico desinteressiert. „Hier und da vielleicht. Die meisten waren sowieso vollkommen von den Pferden abgelenkt.“ Er seufzte theatralisch. „Dieser Duft nach einer tiefen Konkurrenz, herrlich. Sauer und doch süß.“ Er schloss die Augen und zog tief den Geruch des Kaffees ein, als würde dieser ihn an seinen „Konkurrenzduft“ erinnern.
      „Was steht heute noch so an?“
      Nico blickte träumerisch von seinem Kaffee auf. „Ich suche einen talentierten Reiter, der mit seiner Präzision und Ausdauer zwei junge Vollblüter einreitet.“
      „Da bleibt dir aber nicht viel Auswahl“, sagte ich und dachte dabei an die Meute hungriger Reitschüler. Weder Winter with Koen noch Ivy’s Rhapsody waren dafür gedacht.
      „Ne, tatsächlich fallen mir da nur zwei Menschen ein und einer von denen ist ein Krüppel und sitzt seit 5 Jahren im Rollstuhl.“
      „Selbst Bart würdest du diese äußerst wertvolle Aufgabe nicht zuteilen?“, fragte ich erstaunt. Bart war immerhin im letzten Jahr mit seinen Reitfähigkeiten in alle Welt expandiert, bis nach Asien und noch weiter hatte er es geschafft. Würde mich nicht wundern, wenn er selbst schon in der Arktis einen Goldpokal ergriffen hätte.
      „Vielleicht meinte ich ja Bart“, sagte Nico und wendete geschickt mit dem Rollstuhl im Türrahmen. Na gut, die Türrahmen der Du-Martin-Villa waren auch deutlich breiter als normale Türrahmen. Es war eine schöne Villa, wie das alte Phoenix Valley im iberischen Stil gehalten, in cremeweiß mit naturrotem Dach. Es lebte sich hier schön, dass konnte niemand verneinen.
      Vor dem Haus gab es einen Pool und eine von Palmen gesäumte Allee am Dressurplatz vorbei und dann zum viel zu großen, überdimensionalen Round Pen, sowie dem Hauptstall mit den Paddocks und Sand aus Namib. Nein, wahrscheinlich nicht aus Namib, aber mindestens aus Nevada und selbst das war schon sehr luxuriös.
      Ich liebte das Leben im Luxus, i mean, wer liebte es nicht?
      „Kommst du?“, fragte Nico und ich folgte ihm durch die Tür hinaus in unseren wehrgewordenen Traum.
      Koen und Ivy standen jetzt seit zwei Monaten im Training. Beide waren seit dem Herbst im vierten Lebensjahr und Nico der Geldmacher hatte darauf bestanden, die beiden aus ihren Jungpferdeherden zu reißen und Ivy zwischen Arcada und und Letty und Koen zu Firewalker und Last in Love abzuschieben. Aber, das Erwachsensein tat den beiden gut und ich liebte die Arbeit mit ihnen. Ivy mit ihrer Entschlossenheit und Fähigkeit zur Abgrenzung allen möglichen Außenreizen gegenüber, sowie Koen mit seiner Charakterstärke und all den kleinen Macken, die der Hengst so unglaublich niedlich zu überspielen wusste, waren tolle Partner.
      „Was ist eigentlich mit Victoria, ich meine Vicky?“, fragte ich beiläufig, während ich Koen aufzäumte. Nico saß einige Meter weiter und starrte versessen auf sein Handy.
      „Was soll mit ihr sein“, sagte er.
      „Lange nicht mehr gesehen.“ Das wäre nicht verwunderlich, Vicky war bis jetzt nie viel da, aber nach der unglaublich unerwarteten Hochzeit im letzten Herbst, hatte sie zumindest deutlich häufiger ihren Kopf in den Stall gesteckt, war sogar hin und wieder mit bei einem Ausritt gewesen.
      Nico zuckte nur mit den Schultern, aber ich merkte, dass er sehr damit zu kämpfen hatte. Die Beziehung dieser beiden Menschen war wirklich verwunderlich. „Was los“, harkte ich nach.
      „Vick ist schwanger und das findet sie anscheinend scheiße, dass sie sich ihren Bauchraum jetzt mit jemandem teilen muss“, sagte Nico leicht hin.
      Er hätte mich auch mit einem Stein abwerfen können, das hätte mich weniger umgehen, selbst wenn es ein Felsbrocken gewesen wäre.
      „Victoria ist SCHWANGER und das erwähnst du einfach so nebenbei?“ Ich konnte es nicht glauben, ich war völlig hinüber mit meinen Gedanken. Ich meine, schwanger?
      Nico nickte. „Ja, aber sag’s mal nicht weiter. Darf es eigentlich noch nicht sagen. Upsi.“
      Upsi. Aha jaja genau. Upsi.
      „Ich meine, war das denn geplant? Ihr habt doch nicht geheiratet wegen, na du weißt schon.“ Ich fühlte mich wie ein kleiner Junge. Das war einfach zu viel für mich.
      „Malte“, sagte Nico und schaltete endlich sein Handy aus. „Ich weiß nicht, ob es dir aufgefallen ist, aber wir sind nicht mehr im Mittelalter und nein, geplant war es nicht. Aber was ist auch schon geplant.“
      „Aber ist doch super“, sagte ich. „Herzlichen Glückwunsch dann mal, ne? Bin ich wirklich der Erste, der es weiß?“
„Ja und wirklich nicht weiter sagen. Sie reißt mir sonst den Kopf ab“, sagte Nico. „Was jetzt eigentlich, soll Koen da noch bis morgen stehen und warten, dass du zu Potte kommst?“

      Nico und ich redeten eine Woche nicht mehr darüber. Dann sah ich auch Vicky das erste Mal wieder. Sie hatte einen weiten Mantel an und fast erwartete ich, dass drunter ein Basketball zum Vorschein kam. War aber nicht so. Sie war schlank und elegant wie eh und je. Ihre langen braunen Haare und ihre warme Haut wie immer gepflegt und leicht geschminkt.
      „Malte!“, sagte sie ehrlich erfreut und strahlte mich an. „Schön dich mal wieder zu sehen.“
      „Gleichfalls“, brachte ich heraus und nahm den Mantel entgegen, den sie mir hinhielt. Mein Blick wanderte wieder zu ihrem Bauch. Nein, zu sehen war da wirklich noch nichts.“
      „Malte“, sagte Nico hinter mir. „Geh doch bitte in die Küche und decke den Tisch. Mein unfähiger Sohn schafft das einfach nicht alleine.“
      Bart bekam es wirklich nicht auf die Reihe. Er balancierte drei heiße Töpfe in der Hand und schimpfte, als ihm einer der Topfdeckel zu Boden polterte. „Ich helfe dir mal“, sagte ich und nahm ihm einige Töpfe ab.
      „Danke“, sagte er. „Is’ echt nich’ einfach hier.“ Ich musste grinsen. Bart würde nie erwachsen werden und wenn, dann würde ich ihm ganz schön hinterher trauern.
      Als der Tisch gedeckt war und wir vier Platz genommen hatten, eröffnete Nico das Festmahl. Nicos Kochkünste waren noch nie schlecht gewesen, aber in den letzten Jahren hätte er auch Sternekoch werden können.
      Immer wieder beobachtete ich Nico und Vicky. Beide saßen gegenüber von mir und ich war erstaunt, wie oft die beiden sich anlächelten. Dann streichelte Nico ihr über den Rücken und wann anders strich Vicky ihm eine seiner goldenen Locken aus dem Gesicht.
      Ich kann mich noch an die Zeiten erinnern, als Vicky bloß eine seiner Affären gewesen war, oder noch früher, als Nico niemanden mehr in sein Bett gelassen hatte. Es war gut zu sehen, wie wunderbar die Zukunft sein konnte.
      Bart schien von alledem nichts mitzubekommen. Mit schrecklichen Essmanieren stopfte er sich die Kartoffeln in den Mund und schmatzte auch noch. Er war nicht mein Sohn, aber bei diesem Anblick hatte ich elterliche Gefühle, die mich dazu bringen wollten, ihm endlich die Benutzung von Gabel und Messer zu erklären. Auch die Kraft seines Rückgrads schien er gerne zu vergessen und gönnte ihm viel zu häufig eine gekrümmte Pause.
      Ich liebte meine Familie und freute mich auf alles, was noch kommen würde.

      07-01-22 | 8.695 Zeichen | Canyon
    • Canyon
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      waiting for the miracle
      Hengste: Amistad, Firewalker, Light up Hell, Last in Love, Lap de Loupe, Golden Sugar, Chromed Highwind, Sir Golden Mile, Eskador, Candlejack, Sunka, The Illusionist, PFS' Stromer's Victory, Graf Heinrich, Wallenstein, Kollateralschaden
      Stuten: Aufgepasst, hier kommt Arcada!, Millennium GC, Seattle's Scarlett, Grenzfee, Echo's Maiden, Lady Gweny, Far Cry, CHH' Letal Combination, Westatlanta, Alphabet Soup, Song of Peace, PV Gräfin, Cinnada Mistik, Wild Reflex, I've got a blue soul, BR Praise Raveday, Delightful Cinnamon, Joline, Sister of Crime, Monkey 47, Meilenstein, Caresse sur l'océan, Touchback
      Jungpferde: PV Blue my mind, PV Once for the devil, once for Christ, PV Mister Rockport, PV Momentum, Ivy's Rhapsody, Winter with Koen, Lady Phoenitia, BR Ruffian's Smart Jane, PV Traumfee, PV Farwest, PV Rebellion of Cinqué, PFS' Circle of Thyme, PV Song 'bout Alegría, PV Comte de Courtoisie, WHC' Oshawa, PV Feinberg
      Nebenstall: Magic Lanijos, King Arthur, Ghostly Phenomenon, Marid, Arias, Mytos, La Paz Pítu, Óslogi, Félagi, Braum van Ghosts, Imagine Dragons, Madame Pompadour
      Offenstall: Chosposi, Anaba, Morrigans Hidalgo, Cloud, My Canyon, Flotten von Mutanten, Aquena, Zonta, Havanna Girl, Kwatoko, Dawn

      „Warum postest du idyllische Storys von Pferdeweiden und Rhododendronbüschen auf Insta, anstatt den Saugschlauch aus unserem Keller zur Klärgrube? Wo ist die Realität geblieben?“

      „Shit happens“, sagt Petyr trocken. „Es kommt darauf an, das Schöne zu sehen.“
      „Ich mache gleich ein Foto von dir und stelle es auf Insta, da werden wir mal sehen, wer da noch was Schönes erkennen kann.“
      „Uh“, Petyr wendet seinen Kopf nicht vom Bildschirm ab, „harter Diss.“
      Er steht in Fischereikleidung vor mir. An seinen Händen sind braune Reste erkennbar. Seit einem Tag war niemand mehr von uns auf der Toilette. Das Rohr zur Kläranlage ist verstopft, der Keller steht unter „Wasser“ und Nico ist der Meinung, als gelernter Handwerker das ganze selbst reparieren zu können. Es ist eklig.
      „Ich glaube, Nico will einfach seine Vaterfähigkeiten unter Beweis stellen. Nach dem Motto: Ich habe alles im Griff.“
      „Ich glaube an ihn“, sagt Petyr wieder recht ausdruckslos. Der Gute ist für seine Verhältnisse ziemlich gelassen. Etwas nervig, denn ich bin es nicht. Es graut mich davor, nach der kurzen Mittagspause im Stehen, weil wir alle wie die Hölle stinken, wieder zurück in den Keller zu müssen. Wer war nochmal der Meinung, beim Neubau des Gestüts auf eine neue Kläranlage und ein neues Rohrsystem fürs Haupthaus verzichten zu können?
      „Oh.“ Petyrs sonst so konstant krummer Rücken richtet sich innerhalb von Sekunden auf. Sein Blick flackert eine Sekunde in meine Richtung, dann wendet er sich ab und tippt auf sein Smartphone.
      „Was oh?“
      „Nicht so wichtig.“
      „Du kannst nicht oh machen und dann nicht sagen warum.“
      „Wirklich Malte.“ Er tippt immer noch. „Nicht so wichtig. Wir müssen bestimmt auch weitermachen.“
      „Wenn du mir nicht sofort sagst, was los ist, kippe ich dir nachher einen Eimer Exkremente ins Gesicht. Überlege dir, ob du das willst.“
      „Immer so kompromissbereit“, sagt Petyr, aber sein Blick sagt, dass er dieses Risiko nicht eingehen möchte.
      „Ich höre“, sage ich fordernd.
      „Jora hat mir auf meine Story geantwortet.“
      Ich höre nicht richtig. Mein Kopf fragt: Jora? Und ich weiß selber nicht genau, ob er den Namen nie gehört hat oder überlegt, ob es eine weitere Jora gibt, als die Liebe meines Lebens.
      Ich sage: „Ah ha. Jora. Ihr folgt euch also?“
      Petyr entspannt sich etwas. Er erkennt die Flamme nicht. „Ja, aber wir sind nur sporadisch in Kontakt. Tauschen immer mal ein paar Neuigkeiten aus. Du weißt schon, das Oberflächliche des Lebens halt.“
      „Ich verstehe“, sage ich. Aber plötzlich verstehe ich gar nichts mehr.

      Am Kellereingang des Haupthauses steht Vicky. Sie hält sich ein Taschentuch vor Nase und Mund und schaut uns zweifelnd entgegen. Ihr Bauch ist groß und rund und es scheint, als würde sie mit ihrer anderen Hand versuchen, auch ihn vor den Düften aus der Dunkelheit zu beschützen.
      „Es stinkt“, sagt sie, als wir näherkommen.
      „Wo ist Nico?“, frage ich und hoffe, dass er nicht doch voller Tatendrang mit dem Rollstuhl die Treppen hinabgerollt ist. Wir würden ihn da nie wieder rausbekommen und den Rollstuhl nicht mehr sauber.
      „Werkzeug holen, er will das Rohr abmontieren.“
      „Will er das Rohr abmontieren, oder muss das wieder einer von uns machen?“ Petyr rümpft die Nase.
      „Petyr“, ich blicke ihn mahnend an. „Wir sind hier doch eine Familie und füreinander da. Wir machen das doch gerne.“ Er will etwas erwidern, in dem Moment kommt Nico zurück, auf seinem Schoß ein Werkzeugkasten.
      „Ich glaube, ich hab‘s.“
      „Du hast es?“
      „Ja, ich hab‘s. Ich weiß jetzt, woran es liegt. Also auf in den Keller, meine lieben Freunde!“

      Ja, wirklich schön hier. Aber Malte ist der Meinung, ich müsse mehr Realität zeigen. Unser Abflussrohr ist verstopft und wir stehen seit einem halben Tag im Schittwasser. Also die Schönheit trügt manchmal.
      Jora muss lächeln. Sie stellt sich Malte vor, mit seinem undurchdringlichen Gesicht, die Haare ungekämmt. Er kämmt sie sich nie. Braucht er nicht, hat er immer gesagt und das stimmte. Sie sahen perfekt aus, waren nie verfitzt, wie ihr dichtes Haar. Als sie ein Kind gewesen ist, hatte sich der Friseur geweigert, ihr die Haare zu schneiden. Sie sollte sie sich erstmal kämmen. Ihre Mutter hatte ihr mehrmals täglich die Haare gekämmt, verfitzt waren sie dennoch immer gewesen.
      Sie tippt: Schick mir ein Bild von Malte. Dann legt sie ihr Handy beiseite.
      Ihre Maisonette-Wohnung ist wunderschön. Seit anderthalb Jahren wohnt sie nun hier, sie wird ihr zur Hälfte vom Verlag bezahlt. Erst abends scheint die Sonne rein und färbt die cremeweißen Wände sanft orange. Es ist nicht unüberlegt gewesen, die Footbälle auf dem Regalbrett auf eben dieser Wand zu stapeln, gleich neben den Bildern ihrer Stute, Touchback.
      Eine Stunde noch, nimmt sie sich vor, dann würde sie den Laptop zuklappen und den Flugmodus auf ihrem Handy ausschalten. Vielleicht hatte Petyr ihr bis dahin geantwortet.

      „Du musst bald los, denk dran“, flüstert ihm Vicky ins Ohr. Petyr und Malte sind gerade wieder zurück in den Keller, schrauben das Rohr ab, wie Nico ihnen befohlen hat.
      „Ich kann so nicht los“, sagt Nico. „Ich stinke und wir müssen das hier erstmal geklärt haben.“
      „Nic.“
      Alles windet sich in ihm. Er weiß, dass sie recht hat. Er hat es ihr versprochen und es bleibt nicht viel Zeit. Es war eines der ersten Dinge gewesen, die er getan hat, als sie ihm vor fast neun Monaten sagte, dass sie ein Kind erwartet. Die Psychologin wohnt in Richtung Los Angeles. Die erste Zeit ist er jede Woche gefahren, nun nur noch alle zwei. Es gibt viel zu tun und ihm geht es gut, streckenweise sehr gut.
      Er blickt zu ihr auf. In ihre braunen Augen, die von der Sonne ausgeblichenen Haare. Kurz vor dem Sommer hat sie diese auf Schulterlänge gekürzt, nun locken sie sich leicht. „Du hast Recht. Das ist wichtiger. Wenn die beiden es gleich nicht hinbekommen, dann rufen wir die Havarie. Wir haben wichtigeres zu tun, als in unserer eigenen Scheiße zu stehen.“
      Sie lächelt sanft und schüttelt gleichzeitig den Kopf. „Nic, das muss ich dir noch abgewöhnen, bevor — du weißt schon.“
      Nico nickt. Er wusste es sehr genau.

      „Hast du gerade ein Foto von mir gemacht?“ Ich stand auf einem Hocker, die Hände bis zum Anschlag im offenen Abflussrohr, auf der Suche nach einem Angriffspunkt, um es aus der Fassung zu ziehen.
      „Ich?“, fragte Petyr ungekonnt unschuldig. „Warum sollte ich, du siehst scheiße aus.“
      „Halt die Klappe.“
      „Hey Jungs!“ Nicos Stimme drang zu uns. „Lasst es sein, ich rufe jetzt die Havarie. Ich dachte, wir bekämen das hin, aber ich habe mich geirrt.“
      Petyr und ich schauen uns an. „So“, sagt Petyr leise. „Er hat sich geirrt.“ Seine Augen sind schmale Schlitze.
      „Denkst du das, was ich denke?“ Er nickt.
      Von oben dröhnt Nicos Stimme. „Habt ihr mich gehört? Kommt ihr wieder rauf?“
      „Wir kommen!“, rufe ich und auf Petyrs verschwitztem Gesicht erscheint ein schelmiges Lächeln.
      Ich folge ihm die Treppen hinauf. Nico und Vicky stehen nebeneinander am Aufgang und warten auf uns. „Alles gut da unten?“, begrüßt uns Nico.
      Wie aus dem Nichts umarmt Petyr ihn, drückt ihn fest an sich und schubbelt ihm dann einmal durch Haar. „Da unten ist alles wunderbar. Richtig klasse. Uns geht‘s optimal!“
      Nicos Gesicht spricht Bände. Vicky ist erschrocken von ihm abgewichen, ich grinse breit. „Du Arsch“, flüstert Nico und in dem Moment scheint er es aus ganzem Herzen so zu meinen.

      Nico hat mir die Verantwortung für die Rohrverstopfung übertragen, also ist es logisch, dass ich diese an Petyr weitergegeben habe und weil es Petyr ist (und weil er eventuell ein kleines Kind hat), hat er Momo geholt und ihn mit ein paar wenigen schmeichelhaften Worten von der ehrenvollen Aufgabe überzeugt, am Kellereingang auf die Menschen zu warten, die wissen würden, was zu tun sein würde.
      Auch wenn die Dusche unbenutzbar ist, der Pool ist bis zum Rand mit Wasser gefüllt. Ich schwimme ein paar Bahnen, lasse die Nachmittagssonne auf meinen Rücken kitzeln. Dann stemme ich mich am Beckenrand hoch, lege mir ein Handtuch über die Schultern, um die kalten Wassertropfen aus meinen Haarspitzen aufzufangen, und krame mein Handy aus der zusammengelegten Hosentasche. Ich öffne Instagram, schaue mir Petyrs Storys an. Die erste ein ungeschnittenes Video von Benthe am Frühstückstisch — ich muss dringend nochmal mit Petyr über die Individualrechte von Kindern reden. Danach Bilder von den Weiden und den Blumen, die durch die gute Bewässerung trotzdem in der prallen Hitze Kaliforniens gedeihen. Darüber muss ich wiederum mit Vicky reden — der Wasserverbrauch geht uns alle an.
      Ich klicke auf Petyrs Profil, dann auf seine Followeranzahl und gebe in die Suche „Jor“ ein. Drei Profile ploppen auf, eines davon ist eindeutig ihres. Privat. Scheiße. Und Enttäuschung. Ich seufze laut, dann packe ich das Handy wieder weg und stehe auf. Der Kellernotfall hat mir einen ganzen Tag Arbeit genommen. Morgen würde also viel zu tun sein, die Arbeit von zwei Tagen an einem. Ich wringe kopfüber meine Haare aus, dann ziehe ich mich mit frischer, mitgebrachter Kleidung an und schlage den Weg in Richtung Stall ein.

      Petyr hatte ihr tatsächlich ein Bild geschickt. Nicht, als Jora nach 55 Minuten ihr Handy wieder auf Empfang stellte, sondern zwei Stunden danach. Sie saß im Auto, fuhr in Richtung Stall, als ihr Handy in der Ablage vibrierte. Ein kurzer Blick, dann lenkt sie ihr Auto an den Straßenrand. Obwohl das auf den Straßen Norwegens nicht notwendig ist. Diese Straßen sind einsam, genauso wie die Menschen und ihr Land. Die Weite hat sie einsam gemacht.
      Sie öffnet Petyrs Nachricht auf Instagram, er hat ein Bild geschickt. Noch bevor sie es sich genauer anschaut, drückt sie den Homebutton und die An- und Austaste ihres Smartphones und macht damit einen Screenshot. Dann schaut sie es sich an. Es ist tatsächlich Malte. Im Schummerlicht und mit der falschen Belichtung fotografiert, nur die Hälfte seines Gesichts von einem matten Schimmer einer unbestimmten Lichtquelle erhellt. Sein Gesicht war grimmig verzogen, so wie sie ihn kannte, mit Karohemd und Cordhose.
      Jora saß mehrere Minuten schweigend im Auto und blickte auf das Foto. Sie hatte ihn lange nicht mehr gesehen. Er selbst nutzte Instagram nicht aktiv, hin und wieder bekam sie über andere Accounts etwas mit, sie folgte Petyr und Saga, die beiden waren am aktivsten, aber auch Bart oder ein paar der anderen von Phoenix Valley verbreiteten immer mal wieder interessante Informationen.
      Irgendwann legt sie das Handy beiseite, schaltet den Motor wieder an, legt den ersten Gang ein und setzt ihre Fahrt fort.
      Auf dem Gestüt wartet Maik auf sie. Sie haben sich beim Football kennengelernt, vor fünf Jahren muss das gewesen sein. Über sie ist er zum Reiten gekommen und so teilen sie sich nun schon länger die größten Bereiche in ihren Leben.
      „Da bist du endlich“, sagt er. Er hat bereits Touchback am Putzplatz angebunden, trägt die gebügelte Kleidung und ein Polohemd. Er küsst sie auf den Mund. „Warum hat das denn solange gedauert?
      „Ich musste unterwegs anhalten. Kam ein Anruf rein, von der Arbeit.“ Sie muss daran denken, heute noch den Screenshot vom Handy auf die Festplatte zu ziehen, dorthin, wo alles sicher ist, vor den neugierigen Augen anderer.

      09-08-22 | 11.074 Zeichen | Canyon
    • Canyon
      [​IMG]
      listen to the hummingbird
      Winter with Koen | PV Farwest | Amistad | Firewalker | Light up Hell | Last in Love | Lap de Loupe | Golden Sugar | Chromed Highwind | Sir Golden Mile | Eskador | Candlejack | Sunka | The Illusionist | PFS' Stromer's Victory | Graf Heinrich | Wallenstein | Kollateralschaden | Ivy's Rhapsody | Touchback | Aufgepasst, hier kommt Arcada! | Millenium GC | Seattle's Scarlett | Grenzfee | Echo's Maiden | Lady Gweny | Far Cry | CHH' Lethal Combination | Westatlanta | Alphabet Soup | Song of Peace | PV Gräfin | Cinnada Mistik | Wild Reflex | I've got a blue soul | BR Prias Raveday | Delightful Cinnamon | Joline | Sister of Crime | Monkey 47 | Meilenstein | Caresse sur 'océan | Magic Lanijos | King Arthur | Ghostly Phenomenon | Marid | Arias | Mytos | La Paz | Pítu | Óslogi | Félagi | Braum van Ghosts | Imagine Dragons | Madame Pompadour | PV Who's the Rookie? | PV Feinberg | PV Zettle Down | PV Blue my mind | PV Once for the Devil, once for Christ | PV Mr. Rockport | PV Momentum | Lady Phoenitia | BR Ruffian's Smart Jane | PV Traumfee | PV Rebellion of Cinqué | PFS' Circle of Thyme | PV Song 'bout Alegría | PV Comte de Courtoisie | WHC' Oshawa

      „Ich denke über Titel für meine Autobiografie nach“, sagt Petyr und reckt sein Gesicht in die ersten Frühlingsstrahlen. Die Hände hinter dem Kopf verschränkt, die Beine ausgestreckt, sitzt er auf der Bank am Reitplatz.
      „Du und eine Autobiografie. Was hast du denn zu sagen und vor allem, seit wann schreibst du gerne?“, sage ich, meine Konzentration liegt aber auf dem Platz vor mir. „Cjara! Ivy bricht dir immer wieder zur Seite aus. Sie braucht da noch mehr Klarheit und Führung!“
      „Ne, also schreiben würde ich die nicht selber. Hatte da an ghostwriting gedacht. Und dann so etwas griffiges drüber wie Apokalypse — aber gefühlsmäßig war alles okay. Das Leben des Petyr Holmquist.“
      Ich starre ihn an.
      „Oder was hältst du von Abstecher zum Mülleimer — Die unbedeutsamen Memoiren des P. Holmquist?
      Ich starre immer noch.
      „Mensch, du bist wie immer nicht hilfreich.“ Petyr schiebt seine Sonnenbrille auf die Stirn und richtet sich auf. „Und du glaubst wie immer nicht an mich. Du machst mich seit jeher unbegründet klein. Als wäre mein Leben nicht relevant genug, um wirklich was bewirken zu können.“
      „Petyr!“, rufe ich entsetzt.
      „Na was denn“, sagt er und rollt seine Lippen sehr süß zu einem Schmollmund. „Ist doch wahr.“
      „Absolut nicht! Und das weißt du. Du bist wie mein Bruder und … ich liebe dich wirklich sehr.“ Ich schaue auf ihn herab, mein schlechtes Gewissen steht mir hoffentlich ins Gesicht geschrieben. „Ich würde deine Autobiografie sofort kaufen und lesen und deine Titel sind sehr humorvoll.“
      „Ja, etwas, was du nicht hast: Humor“, sagt er, aber seine Gesichtszüge haben sich bereits wieder entspannt und er grinst mich herausfordernd an.
      „So würde ich das nicht sagen.“
      „Ich hätte ansonsten auch noch Da kommt noch was im Angebot. Schnippisch, griffig und ich muss nicht bereits im Grab liegen, damit ich es veröffentlichen kann.“
      „Gefällt mir“, sage ich und gebe ihm einen Daumen nach oben. Die Situation hätte deutlich brenzliger ausgehen können. Er hat mit seiner Anschuldigung einen wunden Punkt in unserer Beziehung getroffen.
      „Was hältst du von der Entwicklung der Jungspunde?“, fragt Petyr und gesellt sich neben mich an die Reitplatzbegrenzung.
      „Ivy’s Rhapsody ist bis jetzt mit Farwest am vielversprechendsten. Winter with Koens Potenzial hält sich wie erwartet in Grenzen, aber Ferre gibt sich Mühe und bisher gibt es jedes Mal Fortschritte. Der Samstag wird zeigen, was potenzielle Käufer:innen von denen halten.“

      „Malte!“ Nico kommt einige Tage später auf mich zugerollt. „Das da vorne neben Bart ist Isaac Haderlump. Einer unserer vielversprechendsten Kunden und hoffentlich bald Sponsoren. Ein Gestütsbesitzer aus Los Angeles. Er interessiert sich für unsere Junghengste. Kannst du die Aufgabe einer VIP-Führung übernehmen? Er ist auch aufgrund seiner … geschäftlichen Vorteile nicht uninteressant für uns.“
      Der Mann neben Bart ist etwa Anfang vierzig mit kurzgeschorenen dunklen Haaren und buschigen Augenbrauen. Sein drei-Tage-Bart ist grau durchsetzt und er überragt Bart deutlich. Weniger durch seine Größe, als seine aufrechte Körperhaltung.
      „Mhmpf“, kommt aus meiner Kehle und Nico sieht das als Zustimmung an.
      „Wusste doch, dass ich mich auf dich verlassen kann. Zeige ihm auch Circle of Thyme. Fische muss man mit falschen Ködern angeln, habe ich mal gehört.“ Geschickt wendet Nico seinen Rolli und fährt auf die nächsten Ankömmlinge zu.
      Mich tragen meine Füße in Richtung Bart und Isaac. Schon im Näherkommen spüre ich Isaacs Blicke auf mir und als ich wenige Schritte entfernt bin, wird auch Bart auf mich aufmerksam.
      „Ah, das ist Malte Tordenværson, unser Ausbildungsleiter und gute Seele.“ Bart legt mir als Begrüßung einen Arm um die Schulter. Ich reiche derweil Isaac etwas weniger aufdringlich die Hand.
      „Isaac“, sagt er mit wohlklingender Stimme. „Isaac Haderlump. Ich bin Besitzer des Lincourt Equestrian Centers.“
      „Es ist mir eine Ehre.“ Die Antwort kratzt sich meine Kehle hinauf und stolpert eher aus meinem Mund. „Wenn du möchtest, zeige ich dir gerne die Anlage sowie unsere Nachzucht.“
      Bart nimmt den Arm von meiner Schulter und klatscht sich in die Hände. „Perfekt, dann ist hiermit meine Aufgabe ja beendet. Wir sehen uns bestimmt …!“, ruft er uns zum Abschluss hinterher.

      Ich führe Isaac die Stallanlage entlang und erzähle in einer Tour von den Pferden, unserer Ausbildung und unseren Vorstellungen für die Zukunft. Er begleitet mich wie ein sanfter Schatten, stellt hin und wieder ergänzende Fragen oder steht immer einen halben Schritt diagonal hinter meiner Schulter, sodass sich meine Nackenhaare mehrmals aufstellen, als spüren sie seine Augen auf sich ruhen.
      Ich führe ihn abschließend zu unserem Reitplatz, wo Elsi, Cjara und Ferre gerade drei der Neustarter warmreiten und lasse ihm einige Augenblicke Zeit, das Geschehen zu betrachten. Diesmal habe ich die Chance, ihn aus den Augenwinkeln und hinter seiner Schulter zu betrachten, während er konzentriert nach vorne schaut. Er ist professionell gekleidet, nur die Ledertasche unter seinem Arm hat schonmal bessere Seiten gesehen und unter seiner maßgeschneiderten Anzugshose schauen Boots mit Pferdemist an der Sohle hervor. Elegant lehnt er auf den Holzbalken der Reitplatzumrandung und wenn mich meine Ohren nicht täuschen, dann summt er leise vor sich hin.
      Wie ein Teenager stehe ich nun also mit offenem Mund und laufender Spucke hinter ihm und weiß nichts mit den Gefühlen anzufangen, die die Begegnung mit ihm in mir ausgelöst hat.
      „Mister Haderlump?“ Ich fahre herum und stehe einer jungen Person mit Klemmbrett gegenüber. „Sie hatten um die Ergebnisse der letzten Prüfungen gebeten.“
      „Danke, Cory. Sehr lieb von dir.“ Isaac nimmt warmherzig das Klemmbrett entgegen. „Das ist meine Assistenz Cory und das ist Malte Tordenværson, der Ausbildungsleiter von Phoenix Valley. Seinen Namen und sein Gesicht solltest du dir merken“, sagt er an Cory gewandt.
      Cory schüttelt mir übereifrig die Hand und sagt: „Ich fühle mich sehr geehrt.“
      „Du kannst dich gerne selbstständig umsehen, Cory. Ich brauche dich erstmal nicht weiter. Danke für die Unterlagen“, sagt Isaac und hebt das Klemmbrett dankend in die Höhe.
      Cory versteht den Wink und verabschiedet sich von uns.
      „Ich … Ich hole mir einen Kaffee. Möchtest du auch einen?“, frage ich Isaac. Seine dunklen Augen durchbohren mich.
      „Nein danke. Ich brauche nichts. Ich würde dann hier auf dich warten?“ Seine Frage klingt eher wie eine Aussage und lässt somit kaum einen Widerspruch zu. Ich nicke trocken.


      „Vicky“, sage ich und lasse mich im Aufenthaltsraum auf einen Sessel fallen.
      „Mhm“, macht sie und wendet sich mit einer dampfenden Kaffeetasse vom Automaten ab. Eine der letzten Anschaffungen, die das Leben hier in seiner Qualität verdreifacht hat.
      „Ich —" Ich breche ab. Selbst in meinen Gedanken fühlen sich die Worte neu an. „Ich glaube, ich bin bisexuell.“
      Vicky lacht lauthals auf, sodass der Kaffee über den Tassenrand läuft und Tilly interessiert angerannt kommt. „Was ist los, Mama?“
      „Nichts Schatz, nichts“, sagt sie und bemüht sich um Contenance. „Malte hat mir nur einen Witz erzählt. Ich hole dich gleich ab, dann gehen wir zu den Pferden, ja?“
      „Das war kein Witz“, sage ich empört, als Tilly wieder im Nachbarzimmer verschwunden ist. „Ich meine das —“
      „Malte!“, unterbricht sie mich. „Ich weiß, dass es kein Scherz war. Ich meine, ich —“, sie zuckt hilflos mit den Schultern, „ich wusste nur nicht, dass es dafür so ein offizielles coming out braucht. Ich meine das war doch allen längst klar.“
      „Mir nicht!“, sage ich und merke, wie mir die Wärme ins Gesicht steigt.
      „Oh“, sagt Vicky. Sie nimmt einen Schluck von ihrem Kaffee. „Das war mir nicht bewusst.“ Sie überlegt einen Moment. „Ich meine, spätestens ab Rowan vor zwei Jahren —“
      „Rowan?“, frage ich überrascht.
      „Na, das hat schon ordentlich gefunkt zwischen euch. Ich wollte mich da nicht einmischen, aber etwas schade war es schon, als er uns wieder verlassen musste. Ich mochte ihn.“
      „Das mit Rowan … wir, ich meine, da war nichts. Klar, emotional war das schon anders, aber nicht auf allen Ebenen, verstehst du?“
      Vicky nickt und nimmt noch einen Schluck Kaffee. „Tut mir Leid, Malte. Ich wollte dich damit nicht in eine komische Situation bringen. Ich dachte nur, na ja, dass es halt keine offizielle Aussprache deinerseits braucht und war darauf nicht vorbereitet. Erzähl, was ist passiert.“
      „Hast du auch einen Kaffee für mich?“ Ich seufze und lasse den Kopf auf die Lehne zurücksinken.
      „Natürlich!“, Vicky springt auf und hastet zur Kaffeemaschine. Mit einem gemütlichen Brummen beginnt sie zu arbeiten.
      „Ich habe einen Crush auf den millionenschweren Sponsoren aus Los Angeles.“ Vicky prustet und braune Spritzer landen auf ihrer bügelglatten Bluse. „Und diesmal ist es anders. Diesmal, ist es nicht nur eine emotionale Anziehung auf intellektueller Ebene.“
      „Oook“, sagt Vicky. „Tell me more.“
      „Er summt manchmal vor sich hin.“ Ich schaue Vicky in ihre braunen Augen und sehe aufrechtes Interesse. „Er … Er macht, dass mein Herz stolpert und das ist einerseits mega unangenehm, du weißt, wie sehr ich Angst vor einem Herzinfarkt habe, aber andererseits auch mega aufregend. Und er sieht einfach verdammt gut aus.“
      „Auf jeden Fall“, sagt Vicky und grinst von einem Ohr zum anderen. „Und natürlich sind auch seine Geldvorräte auf dem Konto alles andere als unattraktiv.“
      „Haha“, sage ich trocken und muss einen großen Seufzer von mir lassen. „Ich habe gar nicht die Zeit und die Kraft für so einen Tumult in mir.“
      „Malte, du hast dir seit Jahren nicht mehr das genommen, was du eigentlich brauchst. Nämlich mal etwas Leben abseits von der ganzen Arbeit hier auf Phoenix Valley.“ Sie steht auf und geht zur Kaffeemaschine, die mit einem Schlurck-Geräusch ihre Arbeit beendet. „Hier ist dein Kaffee und jetzt gehst du wieder da raus zu deinem Millionärs-Crush und genießt die Gefühle. Ab!“

      Ich finde Isaac dort, wo ich ihn zurückgelassen habe, nachdem ich etwa zehn Minuten Kreise um den Reitplatz gedreht habe, weil mich meine Füße partout nicht zu ihm getragen haben, obwohl andere Teile meines Körpers nichts lieber als das wollten.
      „Hi“, sage ich und stelle mich neben ihn. Er wendet den Kopf und lächelt mich an. Ich lächle zaghaft zurück.
      „Hi“, sagt auch er, dann wendet er sich wieder ab. „Ihr habt gute Pferde am Start. Farwest und Rebellion of Cinque entsprechen genau meinen Vorstellungen.“
      „Das freut mich“, sage ich. „Ich kann Nico holen und —“
      „Ich kenne Nico schon lange genug um genau zu wissen, dass er am liebsten alle Pferde behalten würde, die sein Zuchtkürzel tragen und auch weiß ich, dass ich keine Einladung erhalten habe, um Pferde zu kaufen, sondern um in euch zu investieren und — bevor du mich unterbrichst — das mache ich sehr gerne.“
      „Oh“, sage ich nur. Damit habe ich nicht gerechnet.
      „Vielleicht vertraut mir Nico dann in Zukunft eher einen seiner Schützlinge an. Ich schätze ihn dafür, dass er nicht leichtfertig an jede Person verkauft, die genügend Geld bietet, und für ein paar der Pferde ist der Preis definitiv gerechtfertigt.“
      „Die Einschätzung ehrt uns sehr, ich gebe das sehr gerne an Nico weiter.“
      „Neben dem Sponsoring möchte ich dich noch fragen, ob du bei Zeiten mal bei mir im Lincourt Equestrian Center vorbeischauen möchtest. Deine Meinung dalassen, jetzt, wo wir vielleicht häufiger zusammenarbeiten. Wir könnten bestimmt voneinander profitieren.“ Er schaut mich unentwegt an und ich schaffe es nicht, ihm mehr als ein paar Sekunden am Stück in die Augen zu schauen.
      „Ich mache sehr gerne auf einer der nächsten geschäftlichen Reisen einen Halt in Los Angeles“, sage ich und betrachte einen Knopf an seinem Hemdkragen. Versilbert mit einem eingravierten Pferdekopf. Normalerweise wäre das nicht mein Geschmack …
      „Nur damit wir uns richtig verstehen: Ich würde dich gerne privat einladen“, sagt er und legt mir eine Hand auf die Schulter.
      Eine Antwort bleibt mir mal wieder im Hals stecken und ich nicke. Gott, Malte, werde endlich erwachsen. Immerhin kann ich weniger Dinge falsch sagen, wenn ich nichts sage und anscheinend findet Isaac zurückhaltende Menschen attra— sympathisch.
      „Ruf mich an“, sagt er und holt eine Visitenkarte aus seiner Ledertasche. „Ich würde mich freuen.“ Dann zwinkert er mir zu und verabschiedet sich mit einem Handgruß.

      Das Gesicht in den Händen vergraben sitze ich am Abend wieder im Aufenthaltsraum. Der Trubel hat sich gelegt, der Tag der offenen Tür ist endlich vorbei und die alle reichen Geschäftsmenschen mit ihren großen SUVs wieder gefahren. Mir schwirrt der Kopf. Nach dem Gespräch mit Isaac habe ich nichts mehr auf die Reihe bekommen und das meiste an Ferre übergeben und mich so gut es ging zurückgezogen. Petyr hatte zwischenzeitlich nach mir gesucht und wie immer nicht gecheckt, dass gerade kein guter Zeitpunkt für Wortwitze a la „Wenn man sich scheiden lässt, hat man sich dann vertraut?“ zu machen. Nur Nico hatte ich noch nicht alleine gesprochen und ich wusste, dass er nur darauf wartete von mir zu hören, wie das Gespräch mit Isaac verlaufen war.
      „Malte!“ Geräuschlos wie immer kam er in den Raum. „Malte, du bist absolut klasse. Isaacs Assistenz hat gerade den Sponsorenvertrag abgeliefert.“
      „Oh“, sage ich, „das ging aber schnell. Hoffentlich dafür alles mit rechten Dingen.“
      „Das habe ich nur dir zu verdanken!“ Er schlägt mit mir zu einem Handschlag ein und reckt dann seine Faust zum Himmel. „Yes! Das rettet uns das Frühjahr und die neue Saison. Das brauchen wir wirklich dringend. Wie hast du das nur geschafft?“
      „Wir haben uns, glaube ich, ganz gut … verstanden“, sage ich, stehe auf und gehe zum Fenster. „Er hat mich auch zu sich eingeladen.“
      „Er hat was? Will er dich etwa abwerben?“, Nico rollt neben mich und versucht meinen Blickkontakt einzufangen. „Das Arschloch, erst uns sein blödes Geld in den Hintern schieben und dann meine besten Mitarbeitenden abwerben. Es hackt wohl!“
      „Ruhig, Nico. Eher privat. Zur Verbesserung unserer Beziehung bestimmt, oder so“, versuche ich ihn zu mäßigen.
      Nico scheint nicht so überzeugt. „Ich warne dich, Malte. Eher klopfe ich das ganze Geld für dein nächstes Gehalt auf den Kopf, als dich von so einem Millionärssöhnchen entführen zu lassen. Pass ja auf dich auf!“
      Ich drehe mich zu Nico um und lege ihm eine Hand auf die Schulter. „Alles gut, für dich würde ich auch für 50ct die Stunde arbeiten. Du bist Familie, da geht nichts drüber. Das weißt du.“
      Nico nickt. „Hoffe ich doch“, schnarrt er. „Und jetzt ab ins Bett mit dir. Morgen früh will ich dich wieder schuften sehen, mein Mitarbeiter des Monats!“
      Nico klopft mir zweimal gratulierend auf den Rücken und verlässt dann den Raum. Lässt mich zurück am Fenster zurück, durch das der Mond Vickys leere Kaffeetasse auf dem Tisch bescheint und mir eine Melodie ins Ohr flüstert, die ich zögernd beginne mitzusummen, als mein Smartphone brummt und eine Nachricht von Jora Cederblom auf dem Bildschirm aufleuchtet.

      08-03-2024 | 14.789 Zeichen | Canyon
    • Canyon
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      Galopp E → A
      „Wenn ihr euch scheiden lasst, habt ihr euch dann vertraut?“ Bart lachte lauthals auf und klopfte dem nicht lachenden Petyr auf die Schulter. „Gut, oder? Vertraut …“
      „Alter, nicht witzig, Bart“, sagte Ferre und sah dabei ziemlich ernst aus.
      „War doch nur ein Scherz“, rechtfertigte sich Bart und sagte an Petyr gewandt: „Ich wette, dass ihr das geregelt bekommt, du und Saga.“
      „Danke“, sagte Petyr. Aber die Anspannung und die Schlaflosigkeit waren ihm von weiten anzusehen.
      „Nachdem wir das geklärt haben, beginnen wir mit der Monatsplanung“, sagte ich und schaute den versammelten Tisch entlang. Bis auf Nico, Vicky und Saga, sowie natürlich die Kids Benthe und Tilly, waren alle wichtigen Personen zur monatlichen Trainingsplanung zusammengekommen. Über die Leinwand rief ich die Tabelle mit den Trainingsständen auf.
      „Wir haben einige neue Pferde jetzt fest im Training verankert. Insgesamt vier Jungpferde, die nun mit der Grundausbildung soweit sind, dass wir sie an den Turniersport heranführen können.“ Ich zeigte mit einem Laserpointer auf die vier neuen Namen und die leeren Kästchen, wo eigentlich die Bezugsreitenden aufgelistet waren.
      Ferres Hand schnippte in die Höhe. „Ich hatte mich bereits bei Nico für Faro angemeldet und eine Zustimmung erhalten.“ Bart neben ihm kicherte und äffte Richtung Cjara gewandt Ferre nach.
      „Das weiß ich, danke Ferre“, sagte ich. „Wenn niemand anderes Anspruch auf PV Farwest erhebt, dann würde ich ihn dir zuteilen und wir schauen, wie ihr beide im Training harmoniert.“
      Da keiner Einwände zu haben schien, fuhr ich fort. „PV Traumfee, PV Lady Phoenitia und Winter with Koen werden von Cjara, Alba und dir, Petyr, übernommen. Bei Unstimmigkeiten wendet euch an mich, nichts davon ist in Stein gemeißelt.“
      Ich blickte mich im Raum um und vergewisserte mich, dass alle einverstanden waren oder zumindest so taten, dann fuhr ich fort. „Gut. Der Fokus wird auf dem Antasten der vielen Jungpferde und Neuankömmlinge beim Galopprennen liegen. Also haltet euch an eure Trainingszeiten, seid pünktlich und meldet euch rechtzeitig bei Problemen.“

      Saga und Petyr hatten gerade eine schwierige Zeit. Benthe war nicht gerade easy und ich wusste selber gut genug, dass Peters Zuverlässigkeit und seine Fähigkeiten zum „Mitdenken“, wie Saga es nannte, manchmal noch ausbaufähig blieben.
      Da Saga und Petyr aber mit die beiden besten Reitenden waren, begann der Trainingsmonat etwas ungemütlich und leider hielten die beiden ihre Auseinandersetzungen nicht nur hinter verschlossenen Türen ab, was besonders solche Menschen wie Bart zum Kommentieren einlud.
      Da allerdings insgesamt zehn Pferde auf der Rennbahn angetastet werden sollten und Saga und Bart jeweils eins davon ritten, funkte die Stimmung nicht nur aufgrund der frischen Energie der gerade aus dem Grundtraining kommenden Jungpferde.
      Der einzige, der nicht mit zu viel Energie zu kämpfen hatte, war Momo mit seinem Hengst Graf Heinrich. Beide ließen es gerne gemütlich angehen, aber Momo war nun der Meinung gewesen, dass die Energie auf der Rennbahn vielleicht auch Heini etwas puschen würde, also versuchten sie sich daran.
      „Ihr arbeitet wie immer am stärksten“, sagte ich, als Momo und ich an einem Freitagabend im März gemeinsam die Rennbahn verließen. Ich hatte gerade mit Touchback meine Trainingssession beendet und auch wenn ich von der Geschwindigkeit her Momo und Heini weit hinter mir gelassen hatte, war die Ausdauer und auch die Genauigkeit bei der Umsetzung der Trainingsanweisungen bei den beiden deutlich höher gewesen. Ich konnte mir sogar vorstellen, dass Graf Heinrich auf längeren Strecken das Maul vorne haben könnte.
      „Danke dir, Malte“, sagte Momo. Ich bin guten Mutes, dass wir das tatsächlich schaffen können!“

      Die Vormittage verbrachte ich nun meistens am Rande der Rennbahn und coachte unsere jungen Reitenden mit ihren Pferden. Elsi Monroe und The Illusionist waren die erfahrensten, auch wenn wir den schwarzen Illu bis jetzt nur in der Vielseitigkeit und in der Distanz trainiert hatten.
      Saga und Aufgepasst, hier kommt Arcada! hatte ich in diese Gruppe einsortiert, um ihr und Petyr, der am Nachmittag auf Winter with Koen mit Momo, Bart und mir auf der Bahn stehen würden.
      Auch Ferre und Faro schlugen sich ziemlich gut. Unerwarteter Weise hatte die eigene Nachzucht ziemlich hohes Potenzial und war auch außerhalb von Phoenix Valley bereits aufgefallen.
      Mittlerweile waren fast alle unserer Reitenden ein eingespieltes Team und brauchten vor allem in den Anfängen kaum noch Unterstützung von mir. Schön war es aber zu sehen, wie die meisten mit ihren Schützlingen zusammenwuchsen. Cjara hatte mit Traumfee und deren Sensibilität immer wieder zu kämpfen. Auch war noch nicht klar, ob die hübsche Palominostute wirklich im Galopprennen starten oder ihre Talente lieber in den klassischen Richtungen ausprobieren sollte.

      Wenn ich nicht mit den Vollblütern auf der Rennbahn stand, war ich mit der Distanzgruppe in der Natur unterwegs, was einen schönen Ausgleich darstellte. Saga ritt ihren Wallenstein, Helia wollte sich mit ihrem Privatpferd Meilenstein weiterbilden und ich hatte mich der Niederländerin Caresse nur l’océan angenommen.
      Die drei Pferde passten mit ihrer Warmblütigkeit gut zusammen und das Training fand durchweg auf einem Level statt. Alle hatten bereits etwas Erfahrung, sodass vor allem die Abläufe klar waren.

      Eher Sorgen machte ich mir um Petyr und seine Ungeduld diesen Monat, was das Training mit seinem Sunka anging. Die Gruppe, bestehend aus Cjara, Ferre und Petyr mit Sister of Crime, Monkey 47 und Sunna, trainierte bereits seit Monaten gemeinsam. Die ähnlichen Stärken der Vollblüter hatte sich als großer Erfolg ausgezahlt, aber bei meinen Besuchen an der Militarystrecke musste ich den Monat über mit ansehen, wie Sister und Moni beharrlich Fortschritte machten und Sunka mit dem oftmals verspäteten Petyr etwas hinterherhinkte.
      Am Ende des Monats übernahm ich dann auch für wenige Tage das Militarytraining, um Petyr und seiner Familie etwas Auszeit zu schenken. Sowohl Touchback als auch Caresse hatten wunderbare Fortschritte gemacht und ich gönnte auch den beiden Stuten etwas Pause.

      Am Ende des Monats war bei den meisten das Trainingsziel zu großen Schritten erfolgt, auch Petyr und Saga hatten sich wieder etwas angenähert, und wir konnten gemeinsam den Monatsabschluss feiern.

      30-03-24 | 5.369 Zeichen | Canyon
    • Canyon
      [​IMG]
      Galopp A → L
      Das Wetter im April hatte keine Überraschungen für uns parat. Es war, wie es sein sollte. Ein Wechsel zwischen purem Sonnenschein, Eisregen und Stürmen.
      Dementsprechend gestaltete sich das Training kompliziert. Die Galoppstrecke war einige Tage nicht betretbar und die Sturmwarnungen verboten uns ausdauernde Ritte in der Natur.
      Trotzdem entschieden Saga, Helia und ich uns dazu, an das Training vom letzten Monat anzuschließen und mit den Warmblütern Wallenstein, Meilenstein und Caresse nur l’océan ein Distanztraining zu absolvieren. Wir versuchten die moderaten Tage fürs Gelände zu erwischen, arbeiteten ansonsten an Ausdauer und kleineren Korrekturen auf dem Platz. Alle drei Pferde liefen mittlerweile erfolgreich auf L und der Weg zu M war nicht mehr weit. Die Anmeldung zum nächsten Distanzritt war in Sicht.
      Ansonsten hatte sich eine neue Galopptrainingsgruppe zusammen gefunden, welche einige der unerfahrenen Pferde antestete. Dazu gehörten unter anderem die beiden Shagya-Araber Hengste Mytos und Arias, die laut Nico im nächsten Quartal nach erfolgreicher Körung als Deckhengste zur Veredelung der Warmblüter genutzt werden sollen. Da das eine Aufgabe direkt aus der „Chefetage“, wie Bart meinte, war, waren auch wir beide dafür verantwortlich. Den Sohn seines geliebten Marids vertraute er sowieso nur seinem eigenen Fleisch und Blut an.
      Außerdem schlossen sich Petyr mit seinem Hengst Sunka, Cjara mit Sister of Crime und Ferre mit Monkey 47 an. Für Sister und Moni würde es der letzte Trainingsmonat vor der Krönung sein und wir wollten nochmal alles aus ihnen rausholen.
      Wir wechselten uns mit der Rennbahnarbeit mit den fortgeschrittenen Reitenden ab, was ziemliche Organisation von uns verlangte. Ferre mit PV Farwest, Petyr mit Winter with Koen, Cjara mit PV Traumfee und ich selbst mit Touchback waren so zumeist in den Morgenstunden draußen, während Elsi mit The Illusionist, Bart mit Kollateralschaden und Alba mit PV Lady Phoenitia die Stunden nach dem Mittag und schließlich Helia mit Ivy’s Rhapsody, Momo mit Graf Heinrich und Saga mit Aufgepasst, hier kommt Arcada! die Abendstunden nutzten. Teilweise war es ein ziemliches Durcheinander, vor allem wenn sich durch Überschneidungen Platzzeiten verschoben.
      Auch Nico gesellte sich immer mal wieder zu uns zur Rennbahn, vor allem, wenn Bart und ich mit den Shagyas trainierten. Half aber auch so gut er konnte mit intelligenten Kommentaren aus.
      Am Ende des Monats meldeten wir einige der Pferde zu ihrem teilweise ersten Galopprennen an und erzielten ausreichende Erfolge, die viel Motivation für den nächsten Monat mit sich brachten.

      30-04-24 | 2.604 Zeichen | Canyon
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  • Album:
    Phoenix Valley — Hauptstall Hengste
    Hochgeladen von:
    Canyon
    Datum:
    8 März 2024
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    640px
     

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  • [​IMG]
    Winter with Koen
    Koen

    ● ○ ● ○

    Hengst | 19-08-2018 | 175cm
    Englisches Vollblut
    Bay Minimal Splashed White

    ● ○ ● ○

    Von unbekannt

    Von unbekannt Aus der unbekannt

    Aus der unbekannt

    Von unbekannt Aus der unbekannt

    ● ○ ● ○

    x | x | x

    ● ○ ● ○

    Besitzer: Canyon
    VKR/Ersteller: Canyon
    im Besitz seit: 06-11-2019
    Kaufpreis: x Joellen

    ● ○ ● ○

    ● Schleifenaufstieg Trainingsaufstieg Potential


    Galopp E A L M S S*

    Distanz E A L M S

    Dressur E A L

    Springen E A L M


    ● ○ ● ○

    Fohlen ABC | Eingeritten | Eingefahren x

    [Schleife]
    Zhema

    ● ○ ● ○


    [Schleife]
    Thema

    Abstammung: 0
    Schleifen: 0
    HS: 0
    TA: 0
    Trainer: 2
    Zubehör: 0
    Gesamt: 2

    Gencode: Ee Aa nSPL
    Zur Zucht zugelassen: Nein
    Eingetragene Zucht: Phoenix Valley (PV)

    Nachkommen
    -


    ● ○ ● ○

    Letzter Tierarztbesuch: unbekannt

    Letzter Hufschmiedbesuch: unbekannt

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