Canyon

○ Valentines Alysheba

Englisches Vollblut ○ Bay ○ Hengst ○ 4 Jahre ○ 165cm ○ 14/20

○ Valentines Alysheba
Canyon, 14 Nov. 2017
Zion und Cascar gefällt das.
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      Pine Forest Stable

      Ein lustiger Ausflug
      Über mir zwitscherte eine Blaumeise, träge hob ich den Kopf und blickte zu ihr empor. Ich lag unter dem grossen Laubbaum auf der Hengstfohlen Weide und genoss die kühle Brise, die mir die Haare zerzauste. Am Himmel waren bereits dunkle Wolken zu sehen, es würde wohl bald anfangen zu gewittern. Ganz in der Nähe graste eine kleine Gruppe von Fohlen, die Hengstchen. Sie interessierten sich nicht mehr sonderlich für mich, zu lange lag ich schon hier und beobachtete sie. Am Anfang waren sie jedoch die ganze Zeit gekommen und hatten an meinen Wanderschuhen geknabbert. Neben mir verlief eine dicke Wurzel durch den mit Rindenstückchen gespickten, nur spärlich bewachsenen Boden. Ich fuhr gedankenverloren mit den Fingern darüber, als wäre es der Arm von jemandem. Dann richtete ich mir so plötzlich auf, dass selbst die Fohlen zusammenzuckten. Da war doch was, jemand hat nach mir gerufen – dachte ich mir, und sah mich verwirrt um. Jonas kam vom Nebenstall her angerannt. „Occu! Occu, die Minihengstchen sind ausgebüxt!“ Na toll – dachte ich mir. Die Hengstchen durften zwar auch ab und zu frei auf dem Hof herumlaufen, so wie die Stuten, doch leider musste man sie ständig im Auge behalten, weil sie doch ab und an etwas weiter vom Hof weg wollten. Die Stuten hingegen bleiben immer da, wo es etwas zu fressen gab: Zuhause. Ich sprang auf, wischte mir kurz die Erdklümpchen von den Hosen und lief zum Weidentor. Jonas hielt es mir bereits auf, sodass ich nur hindurch zu schlüpfen brauchte. „In welche Richtung sind sie gelaufen?“, fragte ich schnellen Schrittes. „Das weiss niemand so genau; die Pfleger waren beschäftigt mit dem Füttern im Hauptstall und als sie zurück kamen waren die Hengstchen verschwunden. Auf dem Hof sind sie jedenfalls nicht mehr, wir haben überall gesucht.“ Ich rollte mit den Augen. Die Schuldigen wurden natürlich mal wieder geschützt, ‚die Pfleger‘ waren es, keine Personen mit Namen. Aber ich schwieg und schnappte mir, wie ich es in so einer Situation immer tat, den Sattel von Moon aus der Sattelkammer. Die Stute und ich waren ein eingespieltes Team, ich konnte ihr blind vertrauen und sie auch mir. Ausserdem hofften wir, die beiden Hengstchen mit zwei Stuten anzulocken. Jonas nahm Gini, die zwar noch recht neu auf dem Hof war, aber sich bisher sehr musterhaft benommen hatte und sich sehr fein lenken liess. Wir sattelten die beiden Stuten und zäumten sie mit ihrem Bosal; wir ritten die Criollos fast nur mit gebisslos. Dann trabten wir, mit Halftern und Stricken bewaffnet, ohne grosses Aufwärmen den Kiesweg in Richtung Fluss entlang, denn die beiden waren den ganzen Morgen über auf der Weide gewesen. Bei einer kleinen Waldinsel gleich am Flussufer machten wir halt und überblickten das Gelände um uns herum. Hier waren die Hengstchen schon einmal auf einem Fluchtversuch vorbeigekommen, deshalb hatten wir beschlossen, hier zuerst zu suchen. Und tatsächlich: etwas weiter vorne beim Ufer, durch das Gestrüpp gerade noch erkennbar, zeichneten sich die Silhouetten von zwei kleinen Pferdchen ab. Ich gab Jonas ein Handzeichen, dass er einen Bogen machen solle, sodass wir sie in Richtung Ufer einkesseln konnten. Durch das Wasser würden sie nicht fliehen – hoffte ich zumindest. Zunächst bestätigte sich dies auch, die beiden hoben die Köpfe und spitzten die Ohren (Lenny sah mit seiner langen Mähne fast aus wie ein Wildpferd). Doch dann schien der temperamentvolle Lenny förmlich einen Entschluss zu fassen, drehte sich gegen das Wasser und trabte mitten in die schwache Strömung. Er suchte sich seinen Weg auf einer Sandbank, die sich, wie ich jetzt erst begriff, geradewegs bis zu der Grossen Flussinsel durchzog. Wenige Augenblicke später kletterte der Hengst auf der anderen Seite aus dem Wasser und schüttelte sich. Als würde er uns auslachen, positionierte er sich auf einer mit Gras bewachsenen Uferstelle und gähnte entspannt, ehe er den Kopf zum fressen senkte. Ich konnte es noch immer nicht fassen und achtete nicht auf Arco, der hin und hergerissen zu Lenny starrte. Jonas versuchte mich noch zu warnen, doch da war es auch schon zu spät. Arco hatte ebenfalls einen Hüpfer ins kalte Nass gemacht und stampfte zur Insel. Zu allem Überfluss begann es jetzt auch noch zu regnen. „Na wenigstens sind sie jetzt auf der Insel, dort können wir sie leicht fangen. Kanntest du die Stelle vorher?“ meinte Jonas zu mir. „Nein, mir ist es nie aufgefallen… Aber die müssen wir uns merken, im Sommer können wir so zur Insel gehen und baden!“ antwortete ich begeistert. Insgeheim war ich stolz auf Lenny, der diesen Weg entdeckt hatte. Sonst gab es keinen Weg zur Insel, ausser man schwamm quer durch den Fluss. Nach kurzem Zögern überzeugte ich Moon, ebenfalls hindurch zu waten. Jonas und Gini folgten uns. Auf der Insel angekommen blieb ich mit Moon beim Ufer stehen, um den einzigen Fluchtweg zu versperren. Unterdessen machte sich Jonas daran, die Minis einzufangen. Er stieg ab und band Gini mit dem dritten Bosal-Zügel an den tief hängenden Ast eines Baumes. Dann lief er seitlich auf Arco zu, der sich dank seines gutmütigen Charakters auch gleich berühren und auf halftern liess. Ich beobachtete Jonas gespannt, als er auf Lenny zuging. Lenny sah ihn zuerst misstrauisch an, doch beschloss nach einem kurzen hin und her anscheinend, dass das Weglaufen zwecklos war. Jonas kam grinsend mit den beiden im Schlepptau zurück. Mittlerweile schüttete es wie aus Eimern und wir waren schon völlig durchnässt. Ich Lächelte ihm etwas schief entgegen und ritt auf ihn zu um ihm Arco abzunehmen. Dann wendete ich Moon geschickt und wir wateten zurück durch das Wasser ans andere Ufer.
      Wieder auf dem Hof brachten wir die Minis auf die Weide zurück und versorgten dann Moon und Gini. Dann rannten wir lachend zum Haus und trockneten uns gegenseitig mit frischen Frottiertüchern. Er stupste mich immer wieder an die Nase und ich stupste zurück, eine alte Spielerei bei uns beiden. Als nächstes machten wir uns für die Ankunft von zwei neuen Fohlen bereit, ein kleiner Isländer und ein Vollblutfohlen aus berühmter Zucht. Beide waren eingeflogen worden und vermutlich ziemlich gestresst und müde, daher musste bei ihrer Ankunft alles reibungslos verlaufen. Wir bereiteten zwei Boxen im Hauptstall vor, dort sollten sie sich erstmal einen Tag lang erholen, ehe sie zu den anderen Fohlen kamen. Gerade als wir fertig waren, kam ein Transporter auf dem Parkplatz an. Mittlerweile regnete es schon nicht mehr ganz so stark. Lewis, Lisa, Jonas und ich liefen ihm mit Regenjacken ausgerüstet entgegen und begrüssten den Fahrer. Es war Hans, der nette Bauer der unsere Neuankömmlinge jeweils am Flughafen abholte. Er wurde natürlich gleich zu einem Tee im Haus eingeladen, doch zuerst wollten wir die Fohlen versorgen. Wir öffneten die Klappe. Dies war jedes Mal wieder ein Moment der Spannung, denn man war immer neugierig, was sich in dem Transporter nun verbarg. Schnell wurde klar, dass die beiden Fohlen bei bester Gesundheit waren und uns aufmerksam entgegen schielten. Herkir, der Isländer, war schon ziemlich gross und fast bereit zum Einreiten. Alysheba hingegen war erst ein Jährling und noch sehr schlaksig. Lewis und ich führten beide rückwärts raus, was sie gut meisterten, und brachten sie dann ganz ruhig in den Hauptstall. Natürlich gab es seitens Alysheba ein mächtiges Gewieher, schliesslich wollte er auf sich aufmerksam machen und herausfinden, ob hier irgendwo vielleicht noch andere Fohlen waren. Auch in der Box drehte sich der Junghengst noch aufgeregt, anstatt wie Herkir das Heu zu fressen. Er sah sehr edel aus, trotz seines unfertigen Körperbaus. Herki sah mit seiner Wuschelmähne schon wie ein richtiger Isländer aus. Allerdings war er eher etwas zurückhaltend, fast schon scheu. Vermutlich weil er recht lange einfach auf einer Weide gestanden war. Nun war Hans aber dran, wir waren bereits wieder im Haus und hatten für alle Anwesenden Tassen bereitgestellt. “Aaand? How does business go?“, fragte Hans nach einer kurzen Pause. “Very well indeed, we’re certainly not unlucky. We’ve got several really good horses here and we won lots of competitions since we have this Stable.”, antwortete ich gelassen. Jack kam die Treppe runter und begrüsste Hans, dann schnappte auch er sich einen Stuhl und setzte sich. Wir plauderten etwas über den Hof und über englische Traditionen, bis hin zu militärischen Einsätzen der Pferde im ersten Weltkrieg. Es war äusserst interessant Hans zuzuhören, der noch viel von seinem Vater wusste. Schliesslich war es Zeit, sich zu verabschieden, denn wir mussten um halb sieben noch ein neues Pferd am Flughafen empfangen – Horror Kid. Die Araberstute war wohl manchmal sehr schwer im Umgang, weshalb wir sie lieber selber holen wollten. Eine Stunde später standen Jonas, Jack, Quinn und ich immer noch auf dem Flughafenparkplatz und warteten auf ihre Landung. Der Flug hatte anscheinend Verspätung, wenigstens regnete es jetzt nicht mehr. Es lag noch immer ein Geruch nach nassem Asphalt in der Luft. Quinn langweilte sich sichtlich, auch wenn sie es nicht zugab. Sie spielte die ganze Zeit über mit einer ihrer gelockten Haarsträhnen herum. Jonas und Jack waren im Gespräch über ein kommendes Qualifikationsrennen. Ich stand einfach nur daneben und genoss den Sonnenuntergang. Plötzlich kamen uns ein paar Flughafenhelfer mit einem rot leuchtenden Fuchs entgegen. Dies war unsere Araberstute! Im Licht der untergehenden Sonne glänzte ihr Fell überirdisch schön. Den edlen Kopf hatte sie nach oben geworfen und die Nüstern waren weit gebläht. Ihre lange, feurige Mähne und der buschige Schweif umwehten den dünnen, gebogenen Hals und die Sprunggelenke. Ich übernahm ehrfürchtig den Strick als sie bei uns ankamen und führte die Stute vorsichtig in den Transporter. Sie blieb zuerst unwillig stehen und sträubte sich mit ihrem ganzen Gewicht. Auch nach weiteren Versuchen glückte das Unterfangen nicht; Horror war noch immer nicht in den Anhänger gestiegen. Jonas und Quinn versuchten mit einer Longe nachzuhelfen, während Jack und ich sie lockten. Doch alles half nicht – nach einer halben Stunde stand die Stute noch immer draussen. Keuchend rieb ich mir die Stirn und dachte nach. Jedes mal wenn wir Horror in Richtung Rampe zogen, machte sie einige Schritte rückwärts. Mir kam plötzlich eine Idee: Ich testete, ob sich die Stute auch einfach so rückwärtsrichten liess. Sie spielte mit und trat brav zurück. Also drehte ich sie mit dem Hinterteil in Richtung Rampe und liess sie abermals rückwärts laufen. Es klappte, Schritt für Schritt lief sie die Rampe hoch. Dabei achtete ich darauf, dass sie nicht nach hinten schauen konnte. Schliesslich konnten wir nach hause fahren und die Stute in ihr neues Reich führen. Das Abendessen mit dem köstlichen Fruchtsalat danach hatten wir uns alle reichlich verdient.

      15. April 2014 | 10.846 Zeichen | Occulta
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      Pine Forest Stable

      There must be something in the Water…
      Ich schlug die Augen auf und sass sofort kerzengerade im Bett. Ich hatte soeben einen schrecklichen Albtraum gehabt, in dem ich wieder zurück auf dem Feld mit dem Flugzeugwrack gewesen war. Um mich herum hatte alles lichterloh gebrannt und mitten in den Trümmern hatte jemand schrecklich geschrien. Dann war ich von dunklem Rauch eingehüllt worden und meine Augen hatten fürchterlich gejuckt. Ich hatte das Gefühl gehabt, keine Luft mehr zu bekommen und war schliesslich verzweifelt zu Boden gesunken. Dann war ich aufgewacht – zum Glück. Noch immer schweissgebadet rieb ich mir die Augen und stand auf. Es hatte keinen Sinn, weiterzuschlafen. Auch wenn erst halb fünf morgens war, fühlte ich mich nicht mehr müde und beschloss augenblicklich nach Blüte zu sehen. Sie sollte in den nächsten Tagen ihr Fohlen bekommen und ich war wie immer ziemlich aufgeregt deswegen. Schliesslich konnte so vieles schief gehen! Aber Blüte hatte schon einmal ein Fohlen gehabt und da war alles nach Plan gelaufen. Ich schmierte mir ein Honigbrot und ass es während ich zum Hauptstall lief. Die Pfleger waren noch nicht da, würden aber bald kommen. Ich betrat das grosse Stallgebäude und schlich an den dösenden Pferden vorbei zu Blütes Box. Die Stute stand ruhig da und zuckte nur ab und zu mit der Unterlippe, was mir zeigte, dass auch sie noch schlief. Beruhigt kraulte ich Campina, die nach Coulees Umzug neben Blüte gestellt worden war. Sie war wohl trotz meiner Vorsicht aufgewacht und so fühlte ich mich verpflichtet, die kleine Stute ein wenig zu beschäftigen. Ich betrat ihre Box und strich liebevoll über das bunt gesprenkelte Fell. Als ich sie gekauft hatte, war sie ein solch kleines, verwahrlostes Fohlen gewesen und nun gab sie mir all die Liebe und Arbeit zurück, die ich in sie gesteckt hatte. Ich verstand noch heute nicht, warum niemand das hübsch gescheckte Fohlen gewollt hatte. Aber eines stand fest: auf Pineforest Stable war sie aufgeblüht. Ich klopfte ihr ein letztes Mal auf die Schulter, dann verliess ich den Stall in Richtung Fohlenweiden. Die Jungspunde waren wie immer schon früh morgens unterwegs, jetzt hatte es nämlich noch keine lästigen Fliegen und Brämen. Zuerst ging ich zu den Stuten und setzte mich einfach nur ins kühle Gras. Sie kamen neugierig angelaufen und schnupperten an meinen Schuhen. Ich musste aufpassen, dass Bluebell nicht hineinbiss. Die junge Stute war ordentlich frech geworden und ihre Zähne waren leider nicht mehr so klein und stumpf wie zu Beginn. Bald würde ich sie einreiten können, stellte ich fest. Auch Sweets, Lychee und Mano würden bald so weit sein. Ich wollte die vier gleich alle gemeinsam ausbilden. Amüsiert beobachtete ich, wie Ciela Penny in die Kruppe kniff und diese daraufhin einen Bocksprung machte. Diese Spielereien waren immer sehr unterhaltsam, weshalb ich auch oft einfach hier unter dem Baum sass und die Stimmung genoss. Point graste etwas entfernt, die etwas zickige Genossin erinnerte mich immer wieder an Iskierka. Aber das war nicht schlimm – Kierka war schliesslich trotz allem ein ausgezeichnetes Rennpferd. Ein Blick zu den Hengstfohlen sagte mir, dass auch dort alles im Lot war; Sheba und Mano kraulten sich friedlich am Widerrist. Vielleicht bekommt ihr bald Zuwachs, dachte ich belustigt. Ein Hengstchen wäre schon toll.

      Vier Stunden später rannte ich zum Hauptstall, weil Ajith nach mir gerufen hatte. Blütes Fohlen war auf dem Weg, völlig überraschend am helllichten Tag. Bisher sah alles gut aus, doch zur Sicherheit wollte ich dennoch den Tierarzt rufen. Ich warf kurz einen Blick in die Box, dann flitzte ich zurück ins Haus um das Telefon zu holen. Unterwegs stiess ich beinahe mit jemandem zusammen, den ich in diesem Moment am allerwenigsten erwartet hatte. „Jonas!“ Er grinste verlegen und sah mich dann fragend an. „Ich muss den Tierarzt rufen gehen, danach komm ich gleich – ähhh, warte hier.“ Schon brauste ich davon. Warum sollte er überhaupt dort warten? Er konnte doch gerade so gut zu den anderen Pflegern gehen und sie begrüssen!, dachte ich mir während dem laufen, genervt über mich selbst und meine sinnlosen Einfälle. Als ich jedoch wieder aus der Tür hervortauchte, stand er zu meiner grossen Überraschung tatsächlich noch genau an der Stelle, an der ich ihn hatte warten lassen. „Und, was willst du mir nun erzählen?“, lächelte er erwartungsvoll. Ich rollte die Augen und antwortete: „Gar nichts, ich war bloss wie immer verwirrt und hab nicht nachgedacht. Du kannst natürlich gehen, wohin du willst und brauchst nicht auf mich zu warten.“ Bei den letzten Worten wurde ich etwas verlegen. Schnell überdeckte ich dieses Gefühl mit einem Themenwechsel. „Was machst du überhaupt schon hier? Müsstest du nicht noch im Krankenhaus sein?“ „Willst du mich etwa nicht hier haben?“, fragte er trotzig. Zögernd meinte ich: „Doch schon… aber deine Verbrennungen. Ich will doch, dass du dich nicht überanstrengst.“ Seine Miene hellte sich auf. „Meine Verbrennungen sind nicht mehr so schlimm, in zwei Wochen sollte man kaum mehr etwas davon sehen, meinen die Ärzte. Ausserdem habe ich es dort nicht mehr ausgehalten, es war viel zu still und du hast mir gefehlt.“ Ich zuckte ein wenig zusammen, bemerkte aber, dass er mich schelmisch angrinste und vermutete, dass diese Bemerkung nur wieder eine seiner Spielereien gewesen war. Man wusste eben doch nie so genau, was er wirklich dachte. Schnell sagte ich: „So jetzt aber, komm! Wir müssen zu Blüte.“
      Nur eine Stunde später hatte nicht nur ein wunderschönes, sehr dunkles Hengstfohlen die Welt erblickt, sondern zu aller Überraschung auch ein kleines, dunkelbraunes Stutfohlen. Beide hatten wie ihr Vater einige weisse Flecken, das Hengstchen an der Flanke und an der Schulter. Sein krauses Fohlenhaar erinnerte mich stark an die Wolle eines Schafs, weshalb ich ihn Merino nannte. Die hübschen, noch etwas bläulichen Augen hatten etwas Besonderes in sich, sie wirkten unheimlich intelligent und wissend. Vorsichtig kraulte ich den kleinen, als er auf mich zu stolperte und betrachtete die krummen Tasthaare an seiner Schnauze. Das Stutfohlen bekam vorerst noch keinen Namen, da ich keinen weiteren genialen Einfall hatte. „Occu“, unterbrach mich eine leise Stimme von hinten. Es war Jonas, der anscheinend schon länger auf diesen Moment gewartet hatte, denn er fuhr hastig fort. „Ich habe noch eine kleine Überraschung für dich. Würdest du mir kurz nach draussen folgen?“ Verwundert sah ich ihm in die Augen, stand dann aber Wortlos auf. Mein Herz pochte lauter als sonst und ich versuchte mir vorzustellen, was für eine Überraschung er meinen könnte. Draussen liess er mich alleine um etwas zu holen. Es war eine Kartonschachtel mit Löchern auf der Seite und im Deckel. Etwas Materielles…, stellte ich leicht enttäuscht fest. Was hast du erwartet? Vorsichtig öffnete ich den Deckel und starrte auf den Inhalt. Ein pummeliger, lackschwarzer Welpe fiepte mich an, wedelte mit dem kurzen Schwänzchen und versuchte, am Rand der Schachtel hochzuklettern. Ich hob ihn heraus und war einen Moment sprachlos. „Gefällt er dir nicht? Ich dachte, du könntest noch etwas Gesellschaft brauchen nachdem das Haus nun so leer ist. Ausserdem hat Jacky einen Spielpartner nötig, schau nur, wie unmotiviert sie in letzter Zeit ist. Aber wenn du ihn nicht haben willst, übernehme ich ihn eben…“ „Doch doch! Er ist wunderschön und ich bin sicher, dass Jacky sich sehr freuen wird. Aber wie um Himmels Willen kommst du dazu, einen Welpen zu kaufen?“ „Eine bekannte von mir züchtet Labrador Retriever und diese kleine Dame hier ist von ihrem letzten Wurf noch übrig. Sie hat mich daher gefragt, ob ich sie nehmen würde und ich konnte bei dem Fellbündel doch nicht ablehnen.“ Ich lächelte und streichelte das dunkle Wesen auf meinem Arm. Sie musste etwa 4 Monate alt sein und trug ein blaues Halsband. Ich sah Jonas kurz an, dann fasste ich all meinen Mut und gab ihm einen hastigen Kuss auf die Wange. „Danke“, murmelte ich danach verlegen und musterte konzentriert die Hündin. Er lächelte bloss nachdenklich und meinte, die Hündin heisse übrigens Sheela. Ich war erfreut über den schönen Namen und trug den Wildfang ins Haus, wo ich ihr erstmal etwas zu trinken anbot. Jonas half mir, ihr einen Korb zu errichten und sie zu versorgen. Hach, was für ein Hundeleben!

      9. August 2014 | 8.343 Zeichen | Occulta
    • Canyon

      Pine Forest Stable

      Old and New Fellows
      Caruso quietschte aufgeregt, als Ocean an ihm schnupperte. Dream liess alles gelassen geschehen, sie wusste, dass Ocean ihrem Sohn nichts antun würde. Die beiden waren das erste mal seit Carusos Geburt wieder draussen und er lernte gerade seine ‚Tante‘ kennen. Gespannt beobachtete ich die Szene vom Zaun aus und betrachtete liebevoll die langen Ohren des Fohlens. Obwohl der kleine Hengst erst wenige Tage alt war, verhielt er sich doch schon frech und wild. Dauernd versuchte er, seine Mutter zum Spielen zu bewegen. Und tatsächlich war es ihm bereits vorhin einmal gelungen, die weisse Stute zu einem raschen Galopp über die Weide anzutreiben. Dream schien sich in ihrer Rolle als Mutter wohl zu fühlen, denn sie umsorgte den kleinen liebevoll. Ocean hatte die Nüstern in das weiche Fohlenfell an der Schulter gedrückt und begann nach einigen Augenblicken des Ausharrens, Caruso zu kraulen. Ich lächelte zufrieden und sah meine Anwesenheit als überflüssig an, weshalb ich mich auf den Weg zum Hauptstall machte, um dort nach dem Rechten zu sehen. Am Nachmittag würden ganze drei neue Fohlen ankommen, davon zwei vom selben Züchter. Ich hatte sie sorgsam ausgesucht und war sogar mehrfach herumgereist, um sie mir live anzusehen. Doch sie würden erst um vier Uhr ankommen, daher hatte ich noch etwas Zeit für Frame, der mir aus seiner Box entgegenröchelte. Der Hengst hatte seine starke Bindung zu mir weiter aufgebaut, offenbar erinnerte er sich daran, dass Eowin und ich ihn gerettet hatten. Sie war letztens hier gewesen, um Noir für die Körung zu untersuchen. Ich betrat die Box und kraulte den Schecken liebevoll hinter dem linken Ohr. Was für ein erbärmliches Fellbündel er doch gewesen und was für ein prächtiger Hengst nun aus ihm geworden war. Ich war mittlerweile schon zweimal auf ihm gesessen und es war beide male ein unglaublich tolles Gefühl gewesen. Frame reagierte schon jetzt so fein auf Hilfen und verliess sich blind auf mich. Und ich mich auf ihn. Ich halfterte ihn und führte ihn nach draussen, um einen Spaziergang zu machen. Jacky lief am Boden schnuppernd neben mir her und Sheela tapste freudig und wild um sie herum. Die beiden kamen prima miteinander aus und Jonas hatte Recht behalten – Jacky war wieder viel aufgeweckter, seit die junge Hündin dazugekommen war. Obwohl Sheela schon jetzt grösser als sie selbst war, erzog Jacky den Welpen bei jeder Gelegenheit. Am Abend lagen sie meist eng zusammengerollt neben mir oder in ihrem Körbchen. Ich hob einen Tannenzweig vom Boden auf und warf ihn Jacky, als wir bei der Galoppbahn waren. Es war kühler geworden und ich hätte schwören können, dass die Isländer bereits dichteres Fell hatten. Wir würden sie schären müssen, wenn es so weiter ging. Ich fühlte plötzlich das Verlangen, einfach Frames Seil zu lösen um das Vertrauen des Hengstes zu prüfen. Also hängte ich den Strick aus und lief weiter, als sei nichts gewesen. Frame spitzte etwas die Ohren und drehte, in seiner neu erlangten Freiheit, den Kopf zu Seite, um die Landschaft genauer zu betrachten. Er blieb jedoch neben mir und trabte hinterher, als ich mit Jacky losrannte. Sheela hielt sich auf der rechten Seite, denn sie war bereits einmal fast von einem Pferd getreten worden und nun vorsichtiger. Jacky wusste sowieso Bescheid, was den Umgang mit Pferden anging. Als ich ausser Atem war, hielt ich abrupt an, woraufhin auch Frame sofort stoppte. Ich entschied lächelnd, dass ich wohl zukünftig kein Seil mehr brauchen würde. Irgendwie gab mir sein eisiges Auge als er an mir vorbei zu den Weiden starrte das Gefühl, dass er bei mir bleiben würde, komme was wolle. Ich kraulte sanft seine Schulter und bog auf den Schnitzelweg zu den Weiden. Bei den Minis machte ich halt, damit Frame sie beschnuppern konnte. Rosie kam mir entgegen und lachte als sie sah, wie mir Frame beim Laufen von hinten die Haare zerzauste. Er wollte mit mir spielen. Ich hüpfte showmässig zur Seite auf den breiten Grasstreifen neben dem Weg und wich ihm immer wieder aus, rannte ein wenig, bis er mir den Weg abschnitt. Immer wieder stiess er sich kraftvoll vom Boden ab und machte einige Bocksprünge aus purer Lebensfreude. Bei dem Spektakel vergass ich alles andere und war einfach nur wunschlos glücklich, wie ich es schon lange nicht mehr gewesen war. Rosie machte ein kleines Filmchen mit ihrem Handy und zeigte es mir, als ich keuchend mit Frame im Schlepptau angerannt kam. Der Hengst stoppte kurz vor Rosie und verkroch sich misstrauisch hinter meinem Rücken. Ich rollte die Augen und wir lachten beide, denn dieses Verhalten war üblich für den sensiblen Schecken. Ich sah auf die Uhr und stellte erschrocken fest, dass es bereits fünf nach vier war. Rasch lief ich in Richtung Parkplatz, wobei mir Rosie noch etwas Unverständliches nachrief. Erst, als vor dem Transporter Halt machte, der bereits dort stand, fiel mir ein, dass Frame immer noch hinter mir stand. Da er brav gefolgt war und sich nun unsicher nach einem Grasflecken am Rand des Parkplatzes umdrehte, liess ich ihn vorerst in Ruhe. Er versicherte sich mit einem Blick, ob ich auch nicht weglief und senkte dann entspannt den Kopf. Ich widmete mich dem Transporter und dessen Inhalt, der bereits unruhig zappelte. Hans, der freundliche Pferde-Chauffeur half mir beim Öffnen der Klappe und teilte mir nochmals seine Trauer und sein Beileid wegen Jack mit, was er besser hätte sein lassen. Ich nickte nur abwesend und konzentrierte mich auf das, was vor mir lag. Frame kam neugierig angelaufen um die drei wunderschönen Geschöpfe im inneren des Transporters zu beschnuppern, die zuvor so schrill gewiehert hatten. Das Fuchsfohlen streckte ihm mutig die Nüstern entgegen und machte kurz darauf unterwürfige Kaubewegungen, wie es sich gehörte. Kaythara die kleine Nachzüglerin von Edfriend starrte aufmerksam zum Hauptstall. Nur die zweite Stute, Riven, blieb in der hinteren Ecke verborgen. Sie war zwar eine Handaufzucht, doch relativ scheu geblieben und mochte keine ungewohnten Situationen. Lewis brachte gerade rechtzeitig die Halfter, die ich natürlich auch vergessen hatte, und übernahm Kaythara. Ich schnappte mir Simba und Hans nahm kurzerhand Riven. Er lud die Stute sanft ein, ihm zu folgen, woraufhin sie zögerlich die Rampe runterkletterte. Simba folgte mir relativ zügig und schubste mich ein wenig zur Seite, weshalb ich ihm einen Klaps auf die Schulter gab. Ich staunte, wie weich sein Fell war und wie golden es in der Nachmittagssonne glänzte. Ich habe die richtige Wahl getroffen…
      Frame trottete brav wie ein Lamm neben mir her, während ich Simba gemeinsam mit den anderen zu den Fohlenweiden führte. Riven und Kaythara wurden sofort von den anderen Stütchen begrüsst und umringt, besonders Ciela interessierte sich für die Neuankömmlinge. Pointless hingegen blieb hinter Penny auf Abstand und beobachtete uns nur mässig interessiert. Sweets, Liquor und Bluebell wurden fast schon etwas zu aufdringlich für Kaythara, doch zu unserer Überraschung schien sich die schüchterne Riven von Anfang an bei ihnen sicher aufgehoben zu fühlen. Ich hatte Simba inzwischen auf die Weide nebenan geführt und abgehalftert. Er flüchtete nun vor Mano, der ihn spielerisch jagen wollte. Simba verstand dies anscheinend jedoch nicht als Spiel, sondern nahm sein Verhalten ernst. Auch nach zwanzig Minuten war es nicht besser geworden; immer wenn Simba anzuhalten versuchte, wurde er sofort weitergetrieben. Alysheba kam nun ebenfalls hinzu, weshalb ich eingriff und Simba vorerst wieder einfing. Ich dachte angestrengt nach, was ich nun zu tun hatte. Ihn alleine in eine Box stellen? Auf keinen Fall. Ich muss es morgen nochmal versuchen, bis dahin stelle ich den kleinen neben Blüte und Merino. Gedacht getan, ich brachte Campina in ihre alte Box zurück und stellte Simba in die leere neben Blüte, die vor einiger Zeit Coulee gehört hatte. Ausserdem brachte ich bei Gelegenheit auch gleich Frame zurück in seine Box, er hatte genug Freilauf gehabt für heute. Merino streckte neugierig die weichen Babynüstern durch die Gitterstäbe und knabberte mit den Zähnen am Metallrand, bis Simba ihm Beachtung schenkte. Die beiden schnüffelten kurz durch die Stäbe, dann kreiste Simba weiter in der Box herum. Er beruhigte sich aber rasch, offenbar würde die Nacht nicht allzu schlimm für ihn werden. Merino blieb noch immer am Gitter und beobachtete den hellen Fuchs. Seit wir seine Zwillingsschwester an Sarah Kyren verschenkt hatten, war er wohl etwas einsam gewesen. Zum Glück durfte er in wenigen Monaten zu den anderen Fohlen. Wir hatten die kleine Primo Viktoria von ihm und Blüte trennen müssen, da sie bei der Geburt zu schwach gewesen war. Sie wurde mit der Flasche aufgepäppelt, doch da dies sehr aufwendig war, übergab ich sie Sarah, die die nötige Zeit für die Kleine aufbringen konnte.
      Erleichtert verliess ich den Hauptstall, um nochmals nach den Stütchen zu sehen. Kaythara und Riven waren zwar noch etwas abseits, grasten aber einigermassen entspannt. Zufrieden klopfte ich mir auf den Schoss, um Jacky anzulocken und mit ihr ein wenig Ball zu spielen. Auch Sheela kam freudig angerannt und hopste durch das Gras.

      26. August 2014 | 9.157 Zeichen | Occulta
    • Canyon

      Tierarzt

      Besuch bei den Fohlen
      Fröhlich vor mich hinpfeifend und meinen Arztkoffer behände tragend spazierte ich über den Smithschen Hof. Occu hatte mich angerufen und mich gebeten mich um zwei ihrer Pferde um ihre Fohlen zu kümmern und sie zu impfen – dementsprechend vorsichtig näherte ich mich der Fohlenweide, nicht dass mich irgendein Tier aus dem Gleichgewicht brachte und die wertvollen Impfspritzen zu Bruch gehen würden.
      An den Weiden erwartete mich schon Occu die mich freudig angrinste während mir erstmal die Augen fast aus dem Kopf fielen. Solche Weiten und dazu solch quirlige Fohlen die hin und her rannten, dass man sie kaum im Auge behalten konnte. Ein Glück dass Occu da war, um mit mir die Fohlen einzufangen!
      Da wir bei der Stutenweide standen, brachte sie mir als erstes Captured in Time zu mir. Die junge Stute benahm sich wie eine große. Bestens erzogen ließ sie die Impfungen über sich ergehen, auch die Entwurmungspaste schluckte sie ohne Schwierigkeiten zu machen, bevor sie sich wieder ihren Spielkameraden zuwandte.
      Penny dahingehend verlangte mir schon einiges mehr ab. Diese aufgeweckte kleine Stute wollte, sobald wir sie eingefangen hatten schon wieder losrennen. Lachend bemerkte ich dass Penny wohl eines Tages allen andren auf der Rennbahn davonsausen würde, während Occu ihre Schwierigkeiten hatte die Stute still zu halten, dass ich die Impfspritze setzen konnte. Auch die Entwurmpaste hing noch halb aus ihrem Maul, als sie schon wieder zu ihren Spielkameraden raste. Glück für uns, Penny leckte sich über die Lippen und schon war auch der Rest der Paste in ihrem Maul verschwunden.
      In Kaya tobte innerlich ein Sturm. Sie war zwar brav in meinen Händen, doch man merkte ihr an, dass sei schnell wieder zu den anderen zurückwollte, ihre Freiheit und ihr Leben genießen. Ich beeilte mich mit Spritze und Entwurmung und schon stob die junge Stute mit einer solchen Lebensfreude über die Weide, das es eine wahre Freude war ihr zu zusehn.
      Bei Riven hatte ich schlechte Karten. Die Stute schmiegte sich eng an Occu und ließ mich nur sehr widerwillig mit der Spritze heran, sie schnaubte und ihr Schweif schlug unruhig hin und her, sodass ich Occu die Entwurmungspaste in die Hand drückte, um die kleine Stute nicht unnötig aufzuregen. Von ihrer Besitzerin nahm sie die Paste anstandslos, sodass auch sie bald zu ihren Spielkameraden zurückkonnte.
      Zuletzt durfte ich noch Kiwi impfen.Die lebendige kleine Stute war ganz aufgeregt, hüpfte mal hierhin, mal dorthin, interessiert an allem. Ich ließ sie ein wenig gewähren bevor ich mir das Miniaturfohlen schnappte und schnell impfte. Nun noch die Entwurmungspaste und schon schoss der kleine Wirbelwind wieder davon, zu seinen größeren Spielkameraden.
      Nach den Stuten ging es weiter zur Hengstweide, wo ich mich an den jungen Hengsten erfreuen durfte, die voller Elan über ihre Weide stoben und voll Freude ab und an sogar einmal buckelten.
      In Caruso hatte ich wieder ein Beispiel von einem Paradepferd. Er sah zwar verschmitzt drein, kam aber sofort als Occu ihn rief und war auch in meinen Händen sehr brav. Schnell war die Spritze gesetzt und auch die Entwurmungspaste nahm er mir anstandslos. Nach getaner Pflicht sauste er schnell zu seinen Spielkameraden zurück um mit ihnen über die Weide zu toben.
      Sheba erwies sich als kleiner Charmeur der mich blitzschnell um den Finger gewickelt hatte. Die Hand in seinem seidigen Fell vergraben wollte ich schon gar nicht mehr aufhören zu streicheln und mich zu umgarnen lassen! Leider war auch Sheba recht schnell geimpft und auch die Entwurmung verließ reibungslos, sodass ich ihn viel zu schnell wieder auf die Weide entlassen musste.
      Hatte ich schon zuvor bei Penny gejammert, lehrte Merino mich fast das fürchten. Dieser kleine Wirbelwind schaffte es überall und nirgends zu sein. Mal war sein Mäulchen in meiner Tasche zwischen den Spritzen, schon war es wieder an irgendeinem meiner Kleidungsstücke, wo er fröhlich rumknabberte. Ich ließ ihn gewähren und erwischte ihn in einem recht günstigen Augenblick mit der Impfspritze was ihn verwirrt innehalten ließ. Damit hatte er nicht gerechnet. Schnell nutzte ich die ungeahnte Ruhepause und fütterte ihn mit Entwurmungspaste bevor ich ihn auf die Weide zurückbrachte.
      Simba trennte sich nur ungern von Merino, weswegen wir den kleinen Racker auch mit heraus nahmen. Merino fand das furchtbaraufregend, dass er nochmal ein wenig in meinem Koffer herumschnuppern durfte während ich Simba spritzte und ihm die Wurmpaste ins Maul strich. Ruhig ließ der kleine Hengst alles an sich geschehn und schritt am Ende mit königlicher Eleganz wieder auf die Weide. Ich musste lachen, der Name des Fohlens passte wirklich perfekt für diesen kleinen Löwen.

      28. August 2014 | 4.774 Zeichen | SopherlMacauley
    • Canyon

      Pine Forest Stable

      Ein ruhiger Tag
      Aly war nicht so offen heute; Er lief zuerst sogar von mir weg. Dann wechselte er seine Meinung doch und kniff mir spielerisch in den Ärmel. Merino und Simba standen beim Zaun und sahen zu den Stutfohlen hinüber, denn Ciela lief geradewegs auf die beiden zu. Beim Zaun stoppte sie und steckte die Nüstern mit Merino zusammen. Die drei schienen sich zu verstehen, denn wenig später kratzten sich Simba und Ciela entspannt über dem dunklen Holzzaun die Hälse. Aly hatte ich inzwischen gehalftert und zum Offenstall geführt. Leicht angebunden putzte ich ihn, bis das braune Winterfell schimmerte. Beim Schweif liess ich mir besonders Zeit, denn ich wollte mit Sheba bald an eine Fohlenschau und es kam besser an, wenn der Schweif schön dicht und seidig war. Also wollte ich ihm möglichst wenig Haare ausreissen. Er stand geduldig da, den einen Huf entspannt aufgestützt und die Kruppe schräg gestellt. Ich kämmte träumerisch die etwas mehr als handbreite Mähne und strich sie auf die richtige Seite des feinen Vollbluthalses. An den Ohren wollte er sich übrigens nicht gerne anfassen lassen. Er schüttelte den Kopf, sobald ich es versuchte und legte sie an. Als er sauber war, ging ich auch mit ihm eine Runde spazieren. Wir liefen dabei den Schotterweg entlang in Richtung Fluss, dann nach Süden. Eine kurze Strecke gingen wir auch im Pinienwald, dann kehrte ich wieder um, da er zu quengeln begann. Die Konzentrationsspanne des Hengstes war eben noch kurz und er verstand nicht, warum er getrennt von seinen Freunden mit mir herumwandern musste. Wieder beim Offenstall, band ich ihn nochmals an und nahm seine Hufe, dann liess ich ihn auch wieder laufen. Er trottete sofort zu den anderen drei und alle vier rannten erstmal eine Runde im Schnee. Ich bewunderte Alys federnde Gänge und stellte mir vor, wie er erst unter dem Sattel aussehen musste. Er hatte eine vielversprechende Abstammung und würde bestimmt ein erfolgreicher Galopper werden. Stolz lächelte ich und ging weiter zu Caruso.

      26. Dezember 2014 | 2.033 Zeichen | Occulta
    • Canyon

      Pine Forest Stable

      Heisses Blut
      Es war der erste richtig warme Frühlingstag dieses Jahres. Ganze 22 Grad sollte es am Nachmittag werden, und selbst die letzten müden Flecken Schnee im Schatten der Gebäude hatten sich endlich aufgelöst. Eigentlich sah ich dem warmen Wetter schon etwas wehmütig entgegen, schliesslich hatten das Schlitteln und die ganzen Schneegallops einen riesen Spass gemacht. Andererseits war nun die Vorfreude auf das Baden im Sommer gross.
      Ich lief summend zu den Weiden, denn ich wollte mich heute morgen zuerst um die Fohlen kümmern, bevor ich mit Sorrow auf dem Platz arbeiten ging. Auf das Vollblütertraining hatte ich diesen Morgen verzichtet, denn es waren genug Jockeys da gewesen und so konnte ich seit langem mal wieder bis halb neun Uhr ausschlafen. Als ich die beiden bunten Fohlenherden erblickte, musste ich schmunzeln. Im Moment hatten wir tatsächlich nur Vollblüter hier! Und noch dazu eine grosse Farbenvielfalt. Besonders Ciela stach bei den Stuten hervor, mit ihrem strahlend weissen Fell. Aber auch Dublin fiel auf, denn bei ihr sah es aus, als hätte der Winter noch ein paar Reste des Schnees auf ihrem Fell zurückgelassen. Penny hingegen wirkte, als hätte sie den Kopf in einen Eimer Farbe getaucht. Sie begrüsste mich mit ihrer rosa Schnauze sanft beim Zauntor und ihre eisblauen Augen rollten frech. Oi oi, so viel Vollblut auf einem Haufen, dachte ich, als Alysheba, Merino, Simba und Life nebenan mit geschmeidigen Bewegungen am Zaun vorbeibretterten und einander um den Baum herum jagten. Ich betrat nichts desto trotz zuerst die Stutfohlen Weide und begann damit, Kaythara zu kraulen und sie gleichzeitig nach kleinen Wunden von Raufereien abzusuchen. Bei den Spielereien der Damen kam es durchaus mal zu blutigen Nüstern und fehlenden Fellfetzen auf der Kruppe. Aber das gehörte eben auch zum erwachsenwerden. Ich tastete auch ihre Sehenen ab, doch sie fühlten sich einwandfrei an, ganz ohne Klümpchen. Ich kontrollierte auch die anderen Stütchen auf diese Weise: spielerisches Kraulen und so nach und nach den gesamten Körper nach Verletzungen abtasten. Sie liessen sich beinahe alle gut anfassen, nur Riven wich mir aus und zog das Bein auf, als ich sie am Bauch anfassen wollte. Ich blieb hartnäckig, bis sie die Berührung duldete, denn es war mir wichtig, dass sich die Fohlen überall anfassen liessen, dies vereinfachte den täglichen Umgang mit den zukünftigen Rennpferden enorm. Ich tastete als letztes Dublins Beine ab und nahm sie lachend am Ohr, als sie an meinem Genick schnüffelte. Dann richtete ich mich auf und holte die dunkelblaue Schabracke, die ich beim Herkommen über den Zaun gelegt hatte. Einem nach dem anderen zeigte ich sie und liess die Fohlen auch daran schnuppern oder knabbern. Es handelte sich um eine alte Schabracke, die ohnehin recht mitgenommen aussah, sodass es nicht schlimm war, wenn die Fohlen auf ihr herumkauten. Anschliessend legte ich die Decke auf die Rücken der Stuten und wartete gespannt die Reaktion ab. Penny zum Beispiel sah sich augenblicklich nach dem seltsamen Gegenstand auf ihrem Rücken um und versuchte, ihn auzuschütteln. Ciela hingegen, die ein ganzes Jahr älter und schon fast einreit-bereit war, schnüffelte an meinem Arm nach einem Leckerli. Ich spielte noch etwas mit den Stuten, bis alle die Decke akzeptiert hatten, dann machte ich mich auf zu den Hengsten.
      Auch auf dieser Weide suchte ich zuerst alle Fohlen nach Verletzungen ab, die man behandeln müsste. Tatsächlich hatte Simba ein grösseres Stück Haut bei der Flanke eingebüsst, vermutlich bei einer Rauferei mit Merino. Ich holte zur Sicherheit eine desinfizierende Salbe zur Förderung der Wundheilung und schmierte sie sorgfältig auf die Stelle. Er hielt brav still und ich lobte ihn durch kraulen. Auch Life hatte einige oberflächliche Verletzungen, jedoch keine Bedeutenden. Er hatte es in den letzten Tagen noch etwas schwer gehabt, schliesslich war er vor kurzer Zeit in die Herde integriert worden. Mittlerweile schien die Rangordnung geklärt und er hatte sich, wie alle anderen, Alysheba untergeordnet. Der zupfte mir übrigens gerade an meinem Ärmel, sodass ich aus meinen Gedanken auftauchte. Zeit für die Schabracke! Die Hengste waren so gar nicht beeindruckt und interessierten sich eher für meine Wanderschuhe. Ihnen schien es dauernd langweilig zu sein, ausser, wenn bei den Stuten nebenan etwas lief. In diesen Momenten war ich froh um den stabilen Holzzaun, der die Halbstarken davon abhielt, zu den Damen rüberzuhüpfen. Sie versuchten es auch gar nicht erst. Dafür rasten sie den Zaun entlang, im schönsten Schwebetrab, zwickten sich hin und wieder gegenseitig in den Po und erhaschten einen Blick auf die ebenfalls in Bewegung gekommene Stutenherde. Manchmal dauerte dieses Spektakel fünf Minuten an und der Auslöser war zumeist ein tief fliegendes Flugzeug oder ein lautes Geräusch von den Stallgebäuden. Zum Teil reichten auch ein Fuchs oder ein Wiehern vollkommen aus. Ich fand es interessant, wie die beiden Herden miteinander interagierten. Allerdings klappte diese Aufteilung nur während der Jugendzeit, denn sobald die Hengstchen alt genug waren, wurde ihr Verhalten untereinander zunehmend aggressiver, wenn sie Schnüffelkontakt mit den Stuten hatten. Sobald sie zu den Grossen umzogen, kamen sie zu anderen Zeiten auf die Weide, als die Stutenherden. Dann gab es unter den Männern zwar immernoch die eine oder andere Rauferei, jedoch kam es selten zu ernsthaften Verletzungen und ein gewisses Risiko ging ich gerne ein, wenn die Jungs dafür artgerecht miteinander interagieren durften. Sie erinnerten mich jeweils an die Bachelor Herden bei den Mustangs. Im Stall klappte das Nebeneinanderstehen gut, die meisten akzeptierten ihre Boxennachbaren schnell, egal von welchem Geschlecht sie waren.
      Ich schnappte mir die Schabracke wieder von Merinos Rücken, der damit schon in Richtung anderes Ende der Weide davonlaufen wollte, und verliess die Fohlen um zu Daydreaming Sorrow zu gehen.

      16. April 2015 | 5.981 Zeichen | Occulta
    • Canyon

      Pine Forest Stable
      Welcome back, Sister!

      Heute schien die Sonne unbeirrt auf die saftigen Weiden von Pineforest Stable. Es schien, als wollte der Sommer sich bereits im voraus ankünden. Es war auch richtig heiss, sodass das Vollblütertraining so früh wie noch nie dieses Jahr am Morgen stattgefunden hatte. Nun war es bereits kurz nach Mittag und ich lag zusammen mit Quinn und Lily im Schatten hinter der Halle. Das kühle Gras kitzelte meine Beine, aber ich war zu beschäftigt mit dem leckeren Eis in meiner Hand, um mich davon ablenken zu lassen. Wir beobachteten, wie die Stuten auf den Weiden sich ebenfalls vorzugsweise im Schatten der Bäume bewegten. Als wir fertig gegessen hatten, lief ich mit Lily zum Hauptstall, Quinn hingegen gesellte sich zu Lewis und Elliot zu den Tischen im Zuschauerraum der Reithalle. Lily und ich holten Cantastor aus seiner Box und putzten ihn gemeinsam. Der kleine Stern auf seiner Stirn erinnerte mich sehr an den von Fly, nur dass dieser dazu noch eine Schnippe besass. Aber auch sonst waren die beiden Hengste sehr unterschiedlich, denn Canto war ein cooler, ruhiger Typ, während Fly sich im Moment eher hektisch und schreckhaft verhielt. Natürlich war Canto auch schon etwas erfahrener. Nach dem Hübschmachen führten Lily und ich den Dunkelbraunen zur Hengstfohlenweide. Wir wollten ihn nicht etwa wieder zu den Junggesellen schicken, nein. Aber wir wollten ihn mit Alysheba bekannt machen, der aus dem gleichen Gestüt stammte wie er. Auch Dublin war ein Valentine’s-Fohlen, aber es war praktischer, einen Spaziergang mit den beiden Jungs zu machen. Wir wollten nämlich auch gleich ein wenig Führtraining mit Aly machen und erhofften uns, dass er von Canto etwas lernen konnte. Zu diesem Zweck hatte ich ein kleines Lederhalfter mitgebracht, das ich in die richtige Grösse verstellte und dem Jährling über streifte. Er liess es sich ohne zu zicken gefallen - war ja nicht das erste mal. Es gab ein kleines Gewieher, als ich den braunen Jungspund weg von seinen Kollegen führte, doch auch das hatte ich schon mehrere Male gemacht, weshalb die anderen bloss ein wenig nach ihm riefen, danach aber gleich wieder weitergrasten. Aly seinerseits war neugierig auf den grossen Hengst vor ihm und vergass die anderen Rabauken schnell. Die beiden beschnupperten sich und Aly kaute unterwürfig, um sich keinen Ärger einzufangen. Ich lachte bei dem Anblick, war der kleine Mann doch sonst immer sehr mutig und frech im Umgang mit den anderen. Wir sprachen kurz ab, welchen Weg wir gehen würden, dann liefen wir los in Richtung Fluss. Bei solchem Wetter war eine Abkühlung genau das Richtige, und Aly konnte das Wasser kennenlernen. Unser Plan funktionierte: Der Kleine beobachtete Canto, wie er ohne zu zögern einige Schritte in den Fluss lief und zu trinken begann. Ich zog mir die Schuhe aus und die Hosen hoch, wie es auch Lily schon getan hatte, und führte Aly zum Ufer. Er zögerte kurz, dann folgte er mir in die kühle Flüssigkeit. Das Wasser umspülte seine Beine und führte hie und da ein kleines Blatt oder einen Ast mit sich. Nach ein paar Sekunden begann er übermütig mit dem Vorderhuf zu scharren und mich nass zu spritzen. Ich stand etwas zur Seite, indem ich das Seil länger liess. „Good boy!“, lobte ich dieses spielerische Verhalten, denn er sollte ruhig auf den Geschmack kommen. Schliesslich würde er später immer wieder mit dieser Substanz zu tun haben. Canto stand da und sah zu, einfach nur die Kühle geniessend. Nach einer Weile zogen wir weiter. Wir kamen auf dem Spaziergang an einer Kuhweide, einem Traktor und einem Fahrrad vorbei. Besonders die Kühe jagten dem Jährling Angst ein, aber auch den Trakor fand er etwas furchteinflössend. Obwohl wir in einigem Abstand im Feld standen, als er uns kreuzte, sog Aly laut hörbar Luft ein und sah im mit grossen Telleraugen nach. Ansonsten verlief der Ausflug entspannt. Ich war froh, in Canto einen so tollen Lehrmeister zu haben und stolz auf meinen kleinen Nachwuchsathleten, der heute wieder viel gesehen und hoffentlich auch gelernt hatte. Jetzt durfte er aber erstmal zurück zu seinen Kumpels, die ihn eifrig begrüssten. Als ich Merino sah, fiel mir ein, dass heute ja Primo ankommen würde. Die kleine Vollschwester des dunkelbraunen Fohlens war ebenfalls auf Pineforest Stable zur Welt gekommen, danach aber aufgrund ihrer Schwäche als Flaschenaufzucht an eine gute Freundin von mir übergeben worden. Ich sah auf die Uhr und stellte erleichtert fest, dass noch genug Zeit übrig war, um alles vorzubereiten.

      Um vier Uhr fuhr der Transporter mit der kleinen Stute auf den Hof. Gespannt öffnete ich die Klappe und begrüsste die Kleine sanft. Klein war wohl nicht der richtige Ausdruck, denn sie hatte sich dank der ausgezeichneten Pflege wunderbar entwickelt und war wie Merino zu einem kräftigen Jährling herangewachsen. Ich erkannte amüsiert die kleinen weissen Flecken auf ihrem Fell wieder, die sich auch bei Merino und ihrem Vater Ikarus finden liessen. Ob Blüte sie wohl wiedererkennt?, fragte ich mich schmunzelnd, und führte die Stute zum Hauptstall, um die beiden sich beschnuppern zu lassen. Blütenzauber zeigte sich interessiert an der kleinen Stute, wandte sich dann jedoch nach wenigen Augenblicken wieder ihrem Heu zu. Etwas anderes hatte ich aber auch nicht erwartet, schliesslich hatte sie ihre kleine Tochter schon sehr lange nicht mehr gesehen und wohl bereits vergessen. Der nächste Halt war die Stutfohlenweide. Auch dort herrschte reges Interesse an Primo, doch zu meiner Überraschung war es Merino, der sich am aufgeregtesten zeigte. Kann es wirklich sein, dass er seine Schwester wiedererkennt? Jedenfalls schnüffelten die beiden durch den massiven Holzzaun aneinander und beknabberten sich gegenseitig die Backen. Primo wurde kurz danach von allen Seiten umstellt und beschnuppert. Dublin, die im Moment die Ranghöchste in der Gruppe war, nahm es besonders genau und quietschte einige male, um der Neuen Eindruck zu machen. Ich blieb dabei, bis sich die Situation entspannte, denn ich wollte keine Verletzungen riskieren. Primo ordnete sich der Scheckstute kommentarlos unter, etwas anderes blieb ihr auch gar nicht übrig, denn Dublin war älter und kräftiger.

      Als es dunkel wurde, sattelte ich Sumerian. Die Stute war am Morgen nicht mit den anderen im Training gewesen, da sie vor kurzem geimpft worden war. Ich wollte es deshalb mit ihr etwas ruhiger angehen lassen und hatte einen gemütlichen Mondscheinausritt geplant. Ich stieg im Dunkeln auf und ritt nach Osten über die Drücke. Der Mond schien sehr hell über die hohen Felder und in der Ferne schuhuhte ein Käuzchen. Nach der Hitze des Tages war die frische, nächtliche Brise, die snaft Sumerians Mähne hob, sehr angenehm. Nach einigen Trabstrecken fühlte ich mich plötzlich unglaublich müde und ausgelaugt und beschloss deshalb, langsam aber sicher zurückzureiten, bevor ich noch einschlafen würde. Ich nahm es beinahe als selbstverständlich hin, dass die kaum dreijährige Stute im Dunkeln mutig und zügig voranschritt. Dennoch linste sie beim Vorbeireiten an Gebüschen manchmal etwas zu Seite, als erwartete sie, dass ein Monster daraus hervorbrechen würde. Ich nahm es ihr aber nicht allzu übel, denn mir war die Nacht auch nicht mehr ganz geheuer, seit ich im Wald vermutlich dem Killer begegnet war. Davor hatte ich mich nun nicht mehr zu fürchten: Sie hatten ihn vergangene Woche endlich geschnappt, nachdem er in ein Bauernhaus eingebrochen war. Alle waren unglaublich erleichtert gewesen, denn seine Präsenz hatte wie ein dunkles Wolkendach über dem Hof gelegen. Sumerian und ich schritten jedenfalls unbeirrt und sorgenfrei den Kiesweg zum Hauptstall zurück.

      3. Juni 2015 | 7.655 Zeichen | Occulta
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      Pine Forest Stable
      Coming Home

      Es war Sonntagabend und ich sass gerade vor dem Computer, um meine E-Mails und sonstige Neuigkeiten zu checken. Ein Mailtitel zog mich ganz besonders in seinen Bann. Dort stand „Some Pics for you“, der Absender war Jonas. Er hatte mir ja versprochen, Bilder von seinen Ferien zu schicken. Doch gerade, als ich die Mail öffnen wollte, klingelte das Telefon. Seufzend stand ich auf und ging ran. Es war Marcus, ein befreundeter Trainer und Züchter aus Liverpool. Wir hatten vor einer Woche bereits geschäftlich miteinander telefoniert, das war auch diesmal so. Das Thema waren zwei der fünf neuen Vollblüter, die er vor kurzem entdeckt und prompt ersteigert hatte. Er hatte mir die vielversprechenden Jungpferde nach der Auktion zu einem fairen Preis angeboten, da er selber von Anfang an nur drei der fünf hatte behalten wollen. „They arrived yesterday and appear healthy and fit. So, which two do you want?“ Ich hatte mir die fünf mehrmals angesehen und ihre Stammbäume studiert, um meine Favoriten rauszupicken. „I think I’ll take Buck’s Lemon and Caligari“ „Ohhhh no, not so fast. Lemon is mine, I’m not quite such a fool. This one will undoubtedly be a champion one day” Ich rollte die Augen, musste aber trotzdem über seine Sturheit lachen. Der Hengst hatte es ihm wohl echt angetan. „Okay, fine, I’ll take Cool Cat instead“ „Sure, that one will be just as well” Na klar, deshalb scheust du dich auch nicht, ihn loszuwerden. Naja, ich denke dass er tatsächlich Potential haben könnte, auch wenn er so… gewöhnlich ist, dachte ich im Stillen. Marcus wollte sie mir morgen gleich vorbeibringen, da er sowieso noch in Richtung Birmingham kommen wollte, warum auch immer. Endlich konnte ich auflegen und mich wieder dem Computer widmen. Ich öffnete die Mail, las den kurzen Einleitungstext (Hatte eine schöne Reise, bla bla) und scrollte dann die Bilder durch. Ein paar hübsche Landschaftsfotos waren dabei, aber richtig interessant wurde es für mich, als die Bilder der Gips Reminder Ranch kamen. Zu meiner Enttäuschung waren keine von Flint dabei, doch Jonas hatte auch gleich den Grund dazugeschrieben, nämlich dass er mittlerweile an Eddi verkauft worden war. Na dort hat er es bestimmt sehr gut, dachte ich grinsend, denn ich wusste ja, wie sehr Eddis Lieblinge verwöhnt wurden. Mir stockte der Atem, als ich Shadow auf den Bildern erkannte. Die Lackschwarze Stute war sogar noch wunderschöner als ich sie in Erinnerung hatte. Was würde ich dafür geben, sie wiederzubekommen… Ich schrieb Jonas zurück, wie schön die Stute geworden war und wie sehr ich sie vermisste. Vielleicht konnte er ja mit Verena verhandeln? Ich glaubte zwar nicht, dass sie sie hergeben würde, aber träumen durfte man ja. Ich rieb mir die Augen und bemerkte erst jetzt, wie spät es schon wieder war. Zeit endlich ins Bett zu klettern.

      Am Morgen liess ich den PC gleich wieder an, vielleicht hatte Jonas bereits wieder geschrieben. Schliesslich war er dank der Zeitverschiebung erst später ins Bett gegangen. Tatsächlich war eine Antwort im Posteingang. „Ich habe Verena auf Shadow angesprochen und sie meinte, sie liesse mit sich verhandeln“, las ich murmelnd vom Bildschirm, ehe ich die Worte begriff und aufjubelte. Rasch tippte ich alles in die Mail, was Jonas wissen musste, denn ich verliess mich diesmal auf seine Verhandlungskünste. Als ich schliesslich zur Haustür raus lief, die Jacke halb im Gehen anziehend, konnte ich es noch immer kaum fassen. Sie kommt tatsächlich zurück! Mit federnden Schritten begab ich mich zum Hauptstall.

      Am frühen Nachmittag kümmerte ich mich um die Fohlentruppe. Die Jungspunde brauchten wiedermal eine Lektion in Sachen Erziehung, schliesslich wollten sie einmal Grosses erreichen. Kaythara, Ciela und Dublin waren zusammen mit Alysheba die ältesten der Fohlen. Sie waren beinahe zwei Jahre alt und würden schon bald mit dem Ernst des Lebens konfrontiert. Doch auch jetzt schon mussten sie gewisse Abläufe lernen, mit denen man nicht früh genug anfangen konnte. Zum einen gehörte das Putzen dazu. Die drei ältesten Jungstuten kannten das schon längst und blieben brav stehen, als Jason, Linda und ich mit den Bürsten ankamen. Linda hatte sich inzwischen gut eingelebt und kannte langsam aber sicher die einzelnen Persönlichkeiten ihrer Pfleglinge. Sie wusste zum Beispiel, dass Kaythara nicht gerne an der Stirn angefasst wurde, und dass Riven allgemein etwas spezielle Behandlung verlangte. Jason versuchte trotzdem die ganze Zeit, ihr dazwischenzureden und zu helfen. Ich liess die gelegentlichen Zankereien aber die Sorge der beiden sein und hielt mich da raus, solange die Arbeit sauber ausgeführt wurde. Gerade passierte es wieder. „You should be careful with her hindlegs, she kicks sometimes“, bemerkte Jason, als Linda Dublins hintere Hufe auskratzen wollte. Die Pflegerin biss sich auf die Unterlippe und verkniff sich so einen gereizten Kommentar, schliesslich wusste sie genau, dass sie mit der zappeligen Stute vorsichtig umgehen musste. Ich beobachtete das Ganze beiläufig, während ich Cielas Kruppe bürstete. Mit Penny, Riven und Primo war das Prozedere des Putzens nicht ganz so einfach: Die Jährlinge verstanden nicht wirklich, warum sie stillhalten mussten und konnten zudem aus Sicherheitsgründen noch nicht angebunden werden, was es nicht gerade leichter machte. Bei den Hengsten hingegen wurden wir positiv überrascht. Life und Simba hielten trotz ihres jungen Alters artig still und genossen die Rückenmassage durch den Striegel sichtlich. Auch an empfindlichen Stellen wie dem Bauch konnte ich beide problemlos bürsten. Anders war es bei Merino, der auffällig zuckte, als ich ihn bei der Schulter striegelte. Ich runzelte die Stirn und tastete ihn vorsichtig ab. Tatsächlich reagierte er empfindlich beim Schulter-Hals Übergang und legte die Ohren platt. Vermutlich hat er sich bloss beim Spielen etwas gezerrt, beschloss ich nachdenklich. Jason war der selben Meinung, also wollten wir vorerst noch auf den Tierarzt verzichten und abwarten. Ausserdem würde dieser so oder so in drei Tagen zur wöchentlichen Routineuntersuchung auf den Hof kommen. Alysheba war brav wie ein Lamm, nur ab und zu versuchte er meinen Arm zu beknabbern. „Wie dein Vater, als er noch klein war!“, rief ich lachend und stiess ihn sanft aber bestimmt weg. Ich verglich Aly oft mit seiner Halbschwester Ciela, denn die beiden waren sehr unterschiedlich. Ciela hatte wohl allgemein mehr von ihrem Vater geerbt, nicht nur was die Fellfarbe anging. Aber dennoch war die Ähnlichkeit zwischen Winter und Alysheba nicht zu verkennen, besonders der athletische Körperbau mit den langen Beinen hatte sich durchgesetzt. Ich konnte es kaum erwarten, den Sprössling auf der Bahn zu sehen. Auch um Paluche und Jack kümmerte ich mich ausgiebig. Die beiden waren etwas abseits der Vollblütergruppe, die ihnen offenbar zu aufgedreht war. Obwohl besonders Jack auch sehr temperamentvoll war, konnten beide nicht mit dem raumgreifenden Galopp mithalten, den die anderen Hengste zur Genüge vorführten. Dafür klebten sie umso mehr aneinander.Gegen Abend kamen One Cool Cat und Cabinet of Caligari endlich an. Sie bezogen gleich ihre neuen Boxen im Hauptstall, die bereits nach frischem Heu dufteten. Cool Cat überzeugte mich mit seinem Auftreten noch immer nicht so ganz, wehmütig dachte ich an Lemon. Aber irgendwie wird er sich schon beweisen, beschwichtigte ich mich selbst. Von Caligari hingegen war ich begeistert. Ich hatte (wie an meinem bunten Stall unschwer zu erkennen war) ein Flair für auffällige Pferde, und das war sie allemal. Bewundernd musterte ich sie bei jedem Schritt in Richtung Box. Schliesslich streichelte ich ihr liebevoll ein letztes Mal die weisse Stirn, ehe ich mich zum Nebenstall begab um dort weiterzuhelfen.

      6. September 2015 | 7.778 Zeichen | Occulta
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      Pine Forest Stable
      Sonne und Nebel
      Es war wiedermal an der Zeit, mit dem Einreiten einiger Jungspunde auf Pineforest Stable zu beginnen. Wir wollten sie den Winter hindurch trainieren, damit sie fit für ihre erste Saison im Frühling waren. Heute waren zuerst Ciela, Kaythara und Dublin dran. Ich wollte sie das allererste Mal satteln und sehen, wie sie so ausgerüstet an der Longe liefen. Das Longieren kannten sie alle schon, denn sie hatten als Jährlinge bereits intensives Führtraining genossen und Bekanntschaft mit dem extra etwas nach innen abgeschrägten Roundpen gemacht. Dies diente dem Rückenmuskelaufbau und der Balance Förderung. Es war wichtig, dass die bekanntlich sehr früh eingerittenen Rennpferde bereits über die nötige Grundmuskulatur verfügten, um spätere Schäden am Bewegungsapparat zu verhindern. Dementsprechend sahen die zweijährigen Stuten, die wir von der Weide zum Roundpen führten, schon jetzt kräftig aus, aber der Schein täuschte: Noch waren sie nicht fit für das Reitergewicht. Ich führte Ciela, meinen heimlichen Liebling. Ich hatte eine ganz besondere Beziehung zu ihr, da sie das erste Fohlen meines geliebten A Winter’s Day gewesen war. Ausserdem war sie mit ihrem schneeweissen Fell ein echter Hingucker. Dublin hatte Rosie übernommen, und Quinn Kaythara. Wir banden die Drei im Roundpen an und bürsteten sie erstmal mit Putzzeug, das uns Ajith, fleissig wie er war, bereits gebracht hatte. Besonders Dublin und Kaya hatten den Nieselregen, der die letzten Tage geherrscht hatte, sichtlich genossen. Sie waren wiedermal ordentlich Dreckverkrustet. Captured in Time hatte hingegen nur ein paar Spritzer an Bauch und Beinen, war mich sehr erstaunte, schliesslich waren weisse Pferde normalerweise die ersten, die sich einsauten. So grinste ich beim Anblick der beiden Pflegerinnen, die alle Hände voll zu tun hatten. Da ich etwas früher fertig wurde, half ich ihnen dann aber doch etwas, ich wollte ja nicht unfair sein. Kaythara wollte die Hufe nicht anständig geben. Sie stampfte immer wieder zurück auf dem Boden und verlagerte das Gewicht auf den Huf, den man gerade heben wollte. Ich massregelte sie konsequent, indem ich ihr mit dem Hufkratzer in den Bauch stupste und mich gegen sie lehnte, bis sie die Hufe schliesslich hob. Normalerweise verhielt sie sich artiger, aber vermutlich war sie gerade rossig. Nun kam der grosse Moment: Ajith brachte uns die Sättel – für den Anfang etwas ältere Springsättel. Ich wollte die Jungspunde zuerst an die schwereren Sättel gewöhnen, denn sie wurden später auch zuerst mit diesen geritten. Das Einreiten selbst fand aber ohnehin ganz ohne Sattel statt. Wir strichen die drei zuerst je mit den Schabracken ab, damit sie keine Angst davor hatten. Sie liessen sich dies alle ruhig gefallen. Dann nahmen wir einen Führstrick und wickelten ihn mit Schwung um praktisch alle Körperstellen. Dies diente ebenfalls der Desensibilisierung. Als nächstes schlangen wir den Strick um die spätere Gurtlage und bewegten ihn etwas hin und her, ehe wir in zusammenzogen. Zwischendurch gab es eine Karottenscheibe zur Belohnung für’s Stillstehen. So wurden sie spielerisch an den Druck des Gurtes gewöhnt. Zufrieden holte ich nach einigen Durchgängen den eigentlichen Sattel und zeigte ihn Ciela. Die anderen taten dies ebenfalls mit Dublin und Kaya. Ciela schnüffelte daran und wirkte dann eher desinteressiert, während Dublin versuchte, das Sattelblatt anzuknabbern. Ich legte der weissen Stute nun ohne zu Zögern den Sattel auf den Rücken und bewegte ihn etwas. Sie legte die Ohren konzentriert zurück, blieb jedoch stehen. Ich lobte sie mit einem Karottenstück und nahm ihn wieder runter, das ganze wiederholte ich einige Male, bevor ich den Gurt unter dem Bauch durch nahm. Kaythara machte ein paar Schritte rückwärts, bis das Seil angespannt war. Quinn schob sie korrigierend zurück auf ihre alte Position und fuhr unbeeindruckt fort. Ich schloss unterdessen bei Ciela das erste Mal den Gurt, immer das Ohrenspiel beobachtend. Ich zog ihn nicht fest, denn ich wollte, dass sie ihn auf keinen Fall schlecht verknüpfte. Sie stand noch immer brav da und sah neugierig nach hinten. Kaya hingegen wurde es jetzt zu viel: sie zog erneut rückwärts, bis der Haken des Stricks mit einem Knacken kaputtging. Quinn war zum Glück schnell genug und legte der Stute sofort den zweiten Strick, den sie noch um die Schulter geschlungen hatte, um den Hals. So konnte sie nicht abhauen und hatte daher auch kein Erfolgserlebnis. Da war sehr wichtig, denn ansonsten hätte sie wohl in Zukunft noch einige Halfter zerrissen. Sie versuchte es nochmal mit dem Satteln, redete mit beruhigender Stimme auf die Stute ein und kraulte sie am Widerrist, um sie zu entspannen. Nach einer Weile schnaubte Kaya lautstark und senkte den Kopf. Quinn gab ihr zufrieden ein Karottenstück und löste den Strick, an dem sie angebunden war. Auch ich löste meine Vollblutstute und begann, sie im Roundpen herumzuführen. Sie trat mir einige Male fast auf die Füsse, weil sie unaufmerksam war. Ich holte ihre Konzentration mit ein paar Wendungen und Rückwärtsschritten zurück zu mir. Dublin tänzelte etwas und wollte schon traben. „You’re too fast my dear, far too fast“, murmelte Rosie und wendete ebenfalls einige Male ab. Anschliessend hängten wir die drei eine nach der anderen an die Longe. Die beiden jeweils übrigen verliessen den Roundpen und warteten draussen. Durch die Anwesenheit der anderen beiden Stuten war Ciela schön ruhig und selbstsicher, doch mein Ziel war am Ende dennoch, dass ich so rasch wie möglich alleine mit ihr arbeiten konnte. Daran gewöhnte ich sie Schritt für Schritt, indem ich alleine mit ihr spazieren ging. Es zahlte sich aus, denn sie lief auch jetzt an der Longe konzentrierter als noch vor einem Monat. Sie lief zwar am Anfang mit Aussenstellung und sah zu den anderen hinüber, doch ich konnte sie schon bald für die Arbeit begeistern. Sie senkte den Kopf und begann zu kauen. Ich lobte die weisse Stute und holte sie zu mir in den Kreis, um die Seite zu wechseln. Als wir alle drei auf diese Weise mit Sattel longiert hatten, war das Training für den heutigen Tag beendet. Wir brachten die drei zurück zur Weide, wo sie bereits von den anderen empfangen wurden. Nun war noch Alysheba dran. Der kleine Hengst war schon beim Putzen nerviger und versuchte immer wieder, mir in den Arm zu kneifen. Irgendwann hatte ich genug, löste den Strick und schickte ihn aufgebracht, mit dem Seilende schwingend rückwärts. Da merkte er, dass mit mir nicht zu spassen war und stand fortan still. Ich wiederholte auch mit ihm die ganzen Schritte der Sattelgewöhnung. Er war zwar nicht unsicher, zappelte aber aus Ungeduld. Dafür gab er umso mehr Gas an der Longe. Er machte sogar zwei Freudenhüpfer mit Ausschlagen, wenigstens nicht gegen mich, so war es mir egal. Er hatte, als ich ihn zurück auf die Weide brachte, kein einziges feuchtes Härchen. Daraus schloss ich schmunzelnd, dass ihm das heutige Training nicht sonderlich viel Stress bereitet hatte. Dennoch machte er eine Szene, als er seine Kumpels begrüsste. Er trabte mit Fahnenschweif und hochgeworfenen Beinen auf sie zu und galoppierte dann einige Runden im geschmeidigen Hoppelgalopp, ehe er den Kopf wieder zum Grasen senken konnte. Böse war er mir aber anscheinend nicht, denn als ich kurz darauf zum Misten die Weide betrat, kam er als erstes neugierig heran.

      Am späten Nachmittag hatte ich Lust auf einen Ausritt, denn die Sonne schien und gleichzeitig war Bodennebel auf den Feldern, was eine seltsame Stimmung mit goldenem Licht bewirkte. Ich wollte unbedingt über eines der bedeckten Felder galoppieren und diese Stimmung geniessen. Dazu putzte ich Piroschka und kletterte ohne Sattel auf ihren Rücken. Ich ritt sie mit Moons Bosal, da ihr eigenes gerade repariert wurde (Sheela hatte damit gespielt und so war einer der Riemen gerissen). Ich nahm ausserdem Jacky mit, die ich am Morgen im Haus gelassen hatte, damit sie mir mit den Jungpferden nicht in den Weg gekommen war. Sheela nahm ich nicht mit, denn sie hatte sich gestern beim Spaziergang die Pfote verstaucht und humpelte noch ein wenig. Piro war gut gelaunt, jedenfalls waren ihre Ohren aufgerichtet und die Schnauze faltenfrei. Ich ritt mit ihr und Jacky zur Galoppwiese, denn dort war der Nebel besonders dicht. Es war eine Herausforderung für Piro, die den Boden nicht richtig sah, über das feuchte Gras zu galoppieren. Natürlich kannte ich das Feld so gut, dass ich wusste, wo die sicheren Trampelpfade waren und gefährliche Löcher ausschliessen konnte. Es machte unglaublich Spass, mit der Schimmelstute über die Felder zu preschen. Durch die feuchte Luft wurden wir aber rasch durchnässt, sodass ich schliesslich doch froh war, auf den Hof zurück zu kehren. Doch nicht nur aus diesem Grund: Ich wollte heute Abend einen ganz besonderes, neues Familienmitglied und einen Gast abholen gehen. Nun kümmerte ich mich aber zuerst um Piro. Ich zog ihr die Fleece Decke über und brachte sie in ihre Box, nachdem ich die Hufe ausgekratzt hatte. Die Stute röchelte schon wieder, als ich weglaufen wollte. Ich konnte nicht widerstehen, ihr nochmal ein wenig Heu zu bringen. „Du verwöhntes Schimmeltier, jetzt muss ich aber wirklich los“, murmelte ich lächelnd und begab mich zum Nordstall. Bis um acht Uhr wollte ich Burggraf bewegt haben. Ich begann ihn zügig zu putzen und stellte fest, dass auch Darren und Jonas sich gerade reitfertig machten. Ich überlegte, mit den beiden etwas Springtraining zu machen. Der Vorschlag gefiel ihnen, also holten sie Vychahr‘s und Peace’s Springsattel aus der Sattelkammer. Nachdem ich Burggraf ebenfalls gesattelt hatte, gesellte ich mich zu ihnen in die Halle, denn sie waren schon vorausgegangen. Ajith ging uns freundlicherweise kurz zur Hand mit dem Parcours. Ich wärmte Burggraf, mit der Fleece Decke noch auf dem Po, ein, als mein Handy klingelte. Normalerweise nahm ich nicht ab, wenn ich auf dem Pferd sass, aber da ich vermutete, dass es wegen heute Abend war, machte ich eine Ausnahme. „Smith? Ah, n’Abend Tante Rachel, schön dass du noch lebst“, scherzte ich, als ich die Stimme meiner lieben Cousine vernahm. „Ja, mmmhm, alles klar, dann… ja ist gut, dank… äh was? Ah, Achso, ja… also, Na dann – chiao…“ So in etwa klang es jedesmal, wenn wir zwei telefonierten. Ich fand es ja schon nervig, dass sie mich nie ausreden liess, aber andererseits war ich froh, dass sie immer so wirkte, als hätte sie alles im Griff. So brauchte ich mir jedenfalls keine Gedanken zu machen. Zufrieden verstaute ich das Handy wieder in meiner Jackentasche. Dann wartet mein kleiner Liebling also schon sehnsüchtig, dachte ich verträumt. Ich mahnte mich selbst, konzentriert zu bleiben, zog die Decke von Muffins Kruppe und schmiss sie über einen der Hindernispfosten. Dann trabte ich an. Der Tekkiner Hengst War fit – vermutlich fror es ihn an den Bauch, nackig geschoren wie er war. Dafür kam er umso schöner an den Zügel und packte seine schwungvollen Gänge aus. Ich ritt viele Volten um ihn zu beschäftigen. In der Halle herrschte Abreitplatzstimmung, denn nun war auch noch Lisa mit Sorrow reingekommen. Sie beteuerte aber, nur etwas Dressur reiten zu wollen. Jonas, Darren und ich begannen nun mit den ersten Hindernissen. Zum Aufwärmen sprangen wir über eine kleine Gymnastikreihe, später hängten wir noch einen Oxer auf der Diagonalen an. Es ging darum, nach der Reihe wieder schön langsam auf den Oxer zuzureiten, damit der Abstand stimmte. Ich brauchte zugegebenermassen einige Versuche, ehe ich Muffin ruhig genug um die Kurve bekam. Das Problem war vor allem, dass er mitdachte und nach einer Weile genau wusste, dass der Oxer als nächstes kam. Trotzdem war ich nach fünf Versuchen einigermassen zufrieden und übersprang zur Abwechslung ein In-Out. Jonas hatte dort nicht so viel Glück: Vilou zögerte im letzten Moment und Parkierte vor dem Hindernis, sodass der Pfleger beinahe seitlich runtergeflogen wäre. Mit Mühe konnte er sich wieder richtig hinsetzen und es nochmals versuchen. Ich beobachtete die beiden gespannt, denn Vychahr war noch immer aufgeregt. Doch meine Sorge war unbegründet, diesmal machten die beiden alles richtig. Vychahr hob brav die Beinchen und Jonas ging schön mit. Ich nickte zufrieden und ritt nun selber auch weiter.

      Nach der Stunde versorgte ich Burggraf, liess Jacky aus seiner Box, in der ich sie eingesperrt hatte, und lief mit ihr zum Auto. Sie rollte sich auf dem Rücksitz zusammen und bleib ruhig während der Fahrt. Als ich nach einer gefühlten Ewigkeit bei Rachel ankam, war sie erstaunlicherweise wieder hellwach und aufgedreht. „Wo nimmst du nur die Energie her?“, fragte ich sie einmal mehr kopfschüttelnd. Ich klingelte an der Tür. Kurz darauf öffnete ein neunjähriges Mädchen mit verstrubbelten braunen Haaren und fiel über mich her. „Tante Occu! Endlich!“ „Heh, nicht so wild, du machst Jacky ganz nervös“, meinte ich lachend, denn die Terrier Hündin hüpfte bellend um uns herum. Nun erschien auch meine liebe Cousine im Türrahmen um mich zu begrüssen. Lily, das kleine Mädchen, liess zum Glück von mir ab um Jacky zu streicheln. Wir setzten uns ins Wohnzimmer, wo in einer Ecke ein provisorisch aufgebautes Krabbelgitter stand. Da ich wusste, dass Rachels Sohn aus dem Krabbel-Alter längst raus war, reimte ich mir selbst zusammen, was sich darin befand. Vorsichtig kniete ich mich vor dem Gitter hin und spähte unter das Badetuch, das schützend darüber lag. Lily liess sich polternd neben mich plumpsen und rief „ Komm her Zira, schau wer da ist!“ Ein schlaksiger Welpe lag in der hintersten Ecke am Gitter und sah abwechselnd mit müden Augen mich und das lärmige Kind an. Rachel las meine Gedanken und rief Lily zu sich. „Komm Spatz und lass die beiden sich kennenlernen.“ Ich hatte lange auf diesen Moment gewartet, denn die kleine Malinois Hündin, die da so eingerollt lag, gehörte nun mir. Sie kam von einem Züchter, der in der Nähe von Rachel wohnte. Meine Cousine hatte ihn für mich abgeholt, sodass ich ihn nun zusammen mit ihrer Tochter, die einen Monat lang bei mir in die Reitferien durfte, mit nach Hause nehmen konnte. Sobald das kleine Mädchen weg war, traute sich Zira aufzustehen, sich zu strecken, dabei ausgiebig zu gähnen und zu mir zu kommen, um an meiner Hand zu schnuppern. Ich kraulte sie durch das Gitter und staunte über das weiche Welpenfell. Dann hob ich sie aus dem Gitter auf meinen Schoss und sah mir die kleine Maus genauer an. Sie schien kerngesund und munter, wie ich es bei dem erstklassigen Züchter erwartet hatte. Ausserdem war sie schon jetzt eine echte Schönheit. Sie gähnte nochmal, als ich sie begutachtete, sodass ich die spitzen weissen Zähnchen sah. „Kleines Krokodil“, murmelte ich liebevoll. Sie blinzelte mich nur neugierig an. Man hatte mir gesagt, dass sie Kinder nicht sehr gerne möge, daher überraschte es mich nicht, dass sie anfangs zurückhaltend gewesen war. Dafür blühte sie nun auf: Sie tapste sofort neugierig um mich herum, als ich sie runter setzte. Jacky, die schon die ganze Zeit interessiert darauf gewartet hatte, zu ihr hin zu können, beschnüffelte sie und klärte prompt etwas grob die Rangordnung. Ich griff nicht ein, weil ich meine Hündin gut kannte und wusste, dass sie ihr nichts Ernstes tun würde.

      Wenig später sassen wir alle auf dem Sofa und tranken Tee. Zira sass auf meinem Schoss und nagte an meiner Hand, Jacky krabbelte unter dem niedrigen Glastisch herum, weil Lily ihr einen blauen Ball immer wieder drunter hindurch rollte. Gegen Zehn Uhr schnappte sich Lily ihr Gepäck und schleppte es erwartungsvoll ins Wohnzimmer, sodass auch Rachel einsah, dass es Zeit war, uns gehen zu lassen. Wir verabschiedeten uns (Rachel machte in letzter Sekunde noch Stress weil sie sichergehen wollte, dass Lily ihr Pyjama eingepackt hatte) und stiegen wieder ins Auto. Zira musste auf Lilys Schoss bleiben, was sie, wenn auch etwas wiederwillig, ertrug. Wenigstens wurde das Mädchen langsam müde, sodass ich auf der Rückfahrt fast das Gefühl hatte, sie sei eingeschlafen. Doch auf der Autobahn Ausfahrt bei Birmingham meldete sie sich mit gespielt schüchterner Stimme zu Wort. „Du Tante Occu, ich glaub ich hab mein Pyjama doch unter dem Bett liegen lassen….“ Wir lachten herzhaft, dann meinte ich grinsend: „Ach macht nix, du kannst ein T-Shirt von mir nehmen wenn du willst.“

      Als wir zuhause waren, war sie dann doch weggenickt. Ich setzte Zira auf den Boden, löste vorsichtig den Gurt des Mädchens und trug sie ins Haus. Zira tapste ohnehin Jacky hinterher. Ich legte Lily in ihr Bett im Gästezimmer und deckte sie zu, dann brachte ich die kleine Malinois Hündin auf ihren Platz. Sheela sah mich verschlafen an, als ich mich neben sie kniete, um Zira ins Körbchen nebenan zu setzen. Dann schnüffelte sie neugierig an dem Welpen. Ich hoffte, dass die beiden nun nicht gleich die Hütte auseinandernehmen würden, doch anscheinend war Zira dazu sowieso zu müde, und Sheela musste das akzeptieren. Jacky hatte sich auch bereits zusammengerollt und hob nicht einmal den Kopf, als ich das Licht löschte. Als ich in meinem eigenen Zimmer aus dem Fenster sah, konnte ich ein paar Sternbilder sehen, deren Namen ich vergessen hatte. Viel schöner aber war der Anblick meines Hofes, wie er still im Dunkeln dalag, so friedlich auf den nächsten Morgen wartend. Und eine warme Zufriedenheit überkam mich, die mir bis in meine Träume folgte.

      30. November 2015 | 17.363 Zeichen | Occulta
    • Canyon

      Pine Forest Stable

      Endlich Schnee!
      Feine Flocken rieselten mir ins Genick, als ich mich Bückte, um meine Chaps zu schliessen. Es war ein herrlicher Donnerstagmorgen und endlich zeigte der Winter sein wahres Gesicht. Hinter mir stolperte Lily aus dem Haus und konnte gerade noch verhindern, dass Zira auch rausflitzte. Die Hunde wollten wir erstmal noch im Haus lassen, denn Lily und ich wagten uns heute ans erste offizielle Zebra Training. Meine Nichte hatte mich überzeugt, dass ich Thairu nicht einfach so rumstehen lassen konnte, ohne nicht wenigstens zu versuchen, ihr ein paar Dinge beizubringen. Ich hatte daraufhin gestern Abend eine Menge Recherche betrieben und festgestellt, dass das Projekt ‚Zebra Einreiten‘ gar nicht so abwegig war wie anfangs gedacht. Wir machten uns also auf den Weg zu Thairu und Dantes Weide. Damit sich das Zebratier wohler fühlte, musste Lily sich um Dante kümmern und ihn ebenfalls mitnehmen, während ich Thairu aufhalfterte und zum Nebenstall brachte. Sie kannte es schon von ihrer Fohlenzeit her, angebunden und geführt zu werden, was vieles erleichterte. Das Hufegeben war allerdings etwas eingerostet. Ich blieb hartnäckig und zog und stupste sie, bis sie reagierte und den Huf hob. Dann kratzte ich nur rasch über die Sole, um sie gleich ausgiebig zu loben, indem ich sie am Widerrist kraulte. Lily hatte Dante ebenfalls angebunden. Sie stellte sich neben Thairu und kramte in ihrer Jackentasche, dann zauberte sie ein Karottenstück daraus hervor. Die Zebrastute beschnupperte es misstrauisch und frass es dann zögernd, wobei sie übertriebene Kaubewegungen machte. Doch anscheinend mochte sie das orange Gewächs, denn schon schnupperte sie wieder an Lilys Händen. „Gut, so haben wir etwas, um sie zu bestechen. Aber ich denke es ist besser, wenn wir sparsam mit Futter umgehen, weil sie sonst vielleicht zu frech wird“, meinte ich. Lily war einverstanden und schnappte sich den Striegel für Dante. Ich kümmerte mich um das gestreifte Fell. Es war ziemlich verschieden vom Fell eines Pferdes; irgendwie weicher und zugleich borstiger. Ausserdem war es trotz der Kälte ziemlich kurz, aber Thairus Körper fühlte sich schön warm an, also nahm ich an, dass ihr die Temperaturen nichts ausmachten. Den Zebraschwanz zu bürsten fühlte sich auch speziell an, besonders, weil er nur unten lange Haare hatte, fast wie bei einer Kuh. Ich achtete darauf, nicht zu viele Haare auszuzupfen, da ich nicht wusste, wie schnell Zebra Haar nachwuchs. Die Mähne hingegen war Pflegeleicht. Sie war kurz und buschig, und die Stehmähnen Frisur war unzerstörbar. Bei den Ohren stiess ich auf Widerstand: Thairu schlug wütend mit dem Kopf, sobald ich mich ihnen mit der Bürste näherte. Ich beschloss also, das Ohren Bürsten erstmal noch zu unterlassen. Nun brachten wir die beiden in die Halle und liessen sie erstmal frei laufen. Ich hatte diverse Gegenstände aufgestellt: Einen grossen, blauen Ball, eine Blache, ein Cavaletti, ein paar Stangen und Pylonen. Die beiden durften diese Objekte nun auf eigene Faust genauer inspizieren. Thairu war durchaus interessiert, was sie durch moderates Schweifwedeln verdeutlichte. Sie schnüffelte an den Gegenständen und zupfte sogar an der Blache, nur um gleich darauf erschrocken abzudrehen. Ich studierte ihr Verhalten genau und versuchte, das Zebra zu verstehen. Ich wusste, dass Zebras sehr aggressiv werden konnten, wenn sie missverstanden wurden. Aber auch, dass sie sehr enge Freundschaften knüpften. Also musste ich solch eine starke Beziehung zu ihr aufbauen, damit sie mich mit ihr arbeiten lassen würde. Nach einer Weile, genauer gesagt als Thairu begann, sich nicht mehr für die Objekte zu interessieren, holte ich sie zurück an den Strick. Dann führte ich sie auf die Stangen zu. Sie zögerte und senkte den Kopf, doch folgte mir gemächlich. Ich lobte sie wieder durch Kraulen. Bei der Blache zeigte sich aber schon bald das wahre Gesicht des gestreiften Tiers: Sie stampfte drohend in den Sand und weigerte sich, einen weiteren Schritt in die gewünschte Richtung zu gehen. Als ich darauf beharren wollte, und den Druck auf das Seil erhöhte, schüttelte sie widerwillig den Kopf und klappte die Ohren böse nach hinten. Der Schweif wischte nun in raschen und heftigen Bewegungen. Ich beschloss, dass es so keinen Sinn hatte, und versuchte stattdessen, sie zu bestechen. Ich entfernte den Druck, indem ich meine Position an ihre Seite wechselte und ihr so ermöglichte, gefahrenfrei zu mir zu kommen. So bestand ich wenigstens noch darauf, dass sie zu mir laufen musste, und nicht umgekehrt. Tatsächlich war sie einverstanden, dem Seilzug zu folgen, solange es nicht auf die Blache zuging. Ich kraulte sie dafür wieder. Dann lud ich sie ein, mir auf eine kleine Volte um die Blache herum zu folgen, indem ich bloss ein wenig auffordernd zupfte. Dabei verringerte ich den Abstand zur Blache immer etwas mehr, während ich sie eifrig am Hals streichelte. Die Ohren waren alarmbereit, aber der Schweif war nun vollkommen still, was ich zunächst als gutes Zeichen wertete. Doch ich hatte für einen Moment vergessen, dass dies trotz allem kein Pferd war, und so folgten auf die vermeintlich ruhige, tatsächlich aber völlig angespannte Geste ein paar kleinere Buckler, bei denen sie abermals ihren Widerwillen demonstrierte. Wenigstens zielte sie nicht gegen mich, sondern versuchte wohl eher, mich zu beeindrucken. Ich führte Thairu nichts desto trotz wieder auf eine grössere Volte und startete einen neuen Versuch, diesmal mit Geduld. Durch Dominanz und Überlistung war ich nicht zum Ziel gekommen, aber vielleicht konnte ich mit etwas Geduld das Überqueren der Blache zu ihrer eigenen Idee werden lassen. Ich ging also mit ihr bis an die ‚Schmerzensgrenze‘ und liess sie dann einfach dort verharren. Das unwillige Schweifschlagen wurde zwar mit der Zeit wieder ruhiger, doch das Zebra war eine harte Nuss und hatte anscheinend alle Zeit der Welt. Nachdem sich eine Viertelstunde lang nichts gerührt hatte, mir langsam der Arm vom konstanten Zupfen schmerzte und Lily allmählich ungeduldig wurde, weil sie mit Dante schon so gut wie alle Objekte durchgegangen war, machte Thairu endlich den entscheidenden Schritt. Sie senkte den Kopf und schnupperte an der Blache. Ich lief ein Stück weiter und klopfte mit dem Fuss darauf, um ihr zu zeigen, dass darunter fester und sicherer Boden war. Plötzlich kam sie zu mir und stand mit allen vier Beinen auf dem blauen Untergrund. Ich kraulte sie sofort eifrig. Ich zupfte etwas am Strick und konnte sie problemlos wieder von der Blache herunter Führen. „Gut, das war’s für heute, ich möchte sie das erstmal verarbeiten lassen.“ Lily verstand das nicht und äusserte ihre Enttäuschung, sobald wir die beiden zurück gebracht hatten. „Wir haben doch gar nichts richtig mit ihr gemacht. Warum wolltest du schon aufhören?“, fragte sie frustriert. „Wir haben keinesfalls ‚nichts‘ gemacht. Es war eine schwierige Lektion für Thairu, über diese Blache zu gehen. Ich glaube sie hat vorhin die ersten Ansätze gezeigt, mir zu vertrauen. Das wollte ich sofort belohnen, indem ich sämtlichen Druck wegnehme. Und nun kann sie in aller Ruhe darüber nachdenken, bis wir das nächste Mal mit ihr arbeiten.“ Lily schien immer noch etwas skeptisch. „Du bist viel zu ehrgeizig. Lass ihr Zeit, dann kann sie lernen, dass ihr bei uns nichts passiert. Das Ziel ist, dass sie Spass an den Übungen bekommt; nicht, dass wir sie zwingen müssen. Denn ein Zebra kannst du zu nichts zwingen – das habe ich heute gelernt.“ „Hmm, ja, hast recht… Ich hoffe nur, dass sie bald Spass dran bekommt, weil ich ja in zwei Wochen schon wieder gehen muss“, erklärte Lily. Ich lächelte und legte den Arm um ihre Schulter. „Wir kriegen das hin, keine Angst. Und wenn nicht, dann kommst du mich in den nächsten Ferien wieder besuchen.“

      Am Nachmittag lief ich zu den Weiden und holte den Hufauskratzer aus dem verschliessbaren Wandfach im Offenstall der Hengste, um Alyshebas Hufe auszukratzen. Heute war sein grosser Tag; er würde zusammen mit Kaythara, Dublin und Ciela definitiv in den Hauptstall umziehen. Ajith bereitete gerade noch die Boxen vor, während Quinn, Rosie und ich schon mal den grössten Matsch aus den Hufen der Fohlen entfernten. Es hatte seit dem Morgen durchgehend geschneit. Auch der Wetterbericht versprach endlich bleibenden Schnee. Das hatte meine Laune an diesem Morgen ziemlich angehoben. Ich rutschte und stolperte durch den Matsch vor dem Offenstall auf der Hengstweide und kämpfte mich zum Weidetor, um Quinn meine geliebte Ciela abzunehmen. Alysheba wollte ich als letztes hochbringen. Wir führten die drei Stutfohlen aus der Weide, was zum Glück (noch) kein grosses Gequietsche verursachte, da die Gruppe die Prozedur vom Jungpferdetraining her gewohnt war. Aber spätestens heute Abend, malte ich mir aus, wird die Ruferei losgehen. Penny, Primo, Riven und Prada beobachteten uns, bis wir mit ihren Gefährten im Hauptstall verschwanden. Ich beschloss, ihnen später zur Beruhigung noch ein wenig Heu zu bringen. Als wir die drei auftrennten und in ihre neuen Boxen brachten, schienen sie zu begreifen, dass diesmal etwas anders war. Kaythara begann prompt damit, in der Box zu drehen und nach den anderen zu rufen, obwohl sie auf Sichtkontakt nebenan standen. Ciela stimmte mit ein und gab mir fast eine Kopfnuss. Ich beschloss, dass es das Beste war, die Box zu verlassen und die kleine erstmal in Ruhe zu lassen. Wir kümmerten uns also erstmal um die restlichen Vollblüter. Lily half uns beim Misten, indem sie die Schubkarren auf dem Mist leerte, sobald sie voll waren und dann im Renntempo zurück karrte. Ich lachte über ihre Energie und Motivation, denn meine Finger schmerzten schon wieder vor Kälte, obwohl wir uns im Stallgebäude befanden. Wenig später schickte ich sie los, um Gianna für ihre Reitstunde vorzubereiten. Sie bekam diesmal nicht Privatunterricht von mir, sondern wurde gemeinsam mit den fremden Reitschülern aus der Umgebung von Elliot unterrichtet. Nachdem ich mich einmal mehr geärgert hatte, weil die Leute mit den Transportern den ganzen Parkplatz zugestellt hatten, obwohl es eigentlich genug Platz hatte, wenn man sich schön aufreihte, setzte ich mich in die kleine Reiterstube in der Halle, um den Anfang der Stunde mitzuverfolgen. Lily sah etwas verloren aus zwischen all den Fremden, und ein Mädchen auf einem schwarzen Pony ritt ihr ganz schön nahe auf, aber sie hatte Gini im Griff. Sie nutzte die nächste Gelegenheit um auf eine Volte zu biegen und so der unangenehmen ‚Verfolgerin‘ zu entkommen. Ich nickte ihr durch das Glas ermutigend sie lächelte zurück. Dann konzentrierte sie sich auf die Schlangenlinie, die sie anführen musste. Ich beobachtete die beiden eine Viertelstunde lang, bevor ich zur Stutenweide wechselte und Echo mitnahm. Die Paint Horse Stute folgte mir gehorsam zum Nebenstall, wo ich sie anband, um sie zu putzen. Beim Kopfbürsten senkte sie den Kopf und rieb kurz die Stirn an meiner Schulter, doch sobald ich sie kraulen wollte, drehte sie sich weg. Sie war nicht kopfscheu, sondern mochte es einfach nicht, wenn man sie mehr als nötig anfasste. Ich akzeptierte das und holte ihren Sattel. Zum Glück war das Kavalleriezaumzeug, das ich von ihrem ehemaligen Besitzer geerbt hatte, so praktisch und einfach zu verschnallen. Echo mochte es auch gar nicht, mit anderen Zäumungen zu laufen. Dann sperrte sie jeweils den Mund auf oder schüttelte dauernd mit dem Kopf. Die breiten Lederriemen dieses Reithalfters und die eher dicke Schenkeltrense schien sie hingegen bequem zu finden. Auch mit einer simplen Westernkandare hatte ich es einmal versucht, mit dem Resultat, dass sie kaum mehr vorwärts ging. Mittlerweile hatte ich es definitiv aufgegeben, die Stute auf irgendeine andere Art als die Gewohnte zu reiten. Dafür lief sie mit ‚ihrer‘ Ausrüstung mustergültig. Als ich den Baumwollführstrick fertig um ihren Hals geknotet hatte, führte ich sie auf den Schotterweg und stieg auf. Dann lenkte ich sie in Richtung Süden zur Galoppwiese. Während wir den ganzen Weg ins nächstgelegene Dorf einschlugen, trabte ich viel und achtete dabei darauf, dass sie ein angenehmes, zügiges Tempo und einen sauberen Takt hielt. Sie sollte lernen, auch über lange Strecken schön konstant zu traben und erst in eine andere Gangart zu wechseln, wenn ich es verlangte. Man merkte auch, dass sie sich Mühe gab und ihrem Reiter gefallen wollte. Wir ritten durch die Siedlungen am Dorfrand und kamen zu einem kleinen Dorfladen – meinem eigentlichen Ziel. Ich stieg ab und löste den Strick. Nachdem ich sie an einem massiven Zaunpfosten festgebunden hatte, stellte ich sicher, dass die Zügel nicht über den Hals fallen konnten. Erst dann liess ich die Stute kurz alleine, um im Laden zwei Flaschen Met und ein Körnerbrot, das in diesem Dorf eine Spezialität war, zu kaufen. Der Ladenbesitzer, ein älterer Herr, kannte mich gut, denn ich kam immer mal wieder zu hoch zu Ross vorbei. Er kam sogar mit nach draussen und betrachtete Echo bewundernd. Er erzählte mir, dass er früher selber noch in der Kavallerie geritten sei, auf einem Pferd namens ‚Rover‘. Ich hörte ihm interessiert zu, denn so konnte ich noch ein paar Dinge von ihm lernen und Tipps bekommen. Er meinte aber, Echo sähe jetzt schon wie ein Kraftprotz aus. Ich lachte und beteuerte, dass dies der Paint Horse Einfluss sei. Nach einer Weile verabschiedeten wir uns und ich machte mich mit Echo auf den Heimweg. Sie hatte brav gewartet und zur Belohnung eine Karotte bekommen, dementsprechend gut gelaunt wackelte sie nun mit den Ohren während dem Laufen. Es wurde langsam dunkel, doch der Schnee hatte nicht nachgelassen und die Felder waren bereits alle weiss überdeckt. Ich liess die beliebte Galoppstrecke durch den Pinienwald nicht aus und kam so sogar noch etwas früher zurück als erwartet. Dafür liess ich mir Zeit beim Versorgen der Stute und befreite ihre Fesseln gründlich von den letzten Schlammkrusten und Schneeknötchen, die ich zuvor zugegebenermassen gekonnt ignoriert hatte. Dann war Echo endlich erlöst und durfte zurück auf die Weide zu ihren Gefährtinnen. Sie war auch nach diesem langen Ritt nicht erschöpft und brauste rutschend und stolpernd durch den Schnee auf die anderen Stuten zu. Ich stapfte ebenfalls zurück zum Nebenstall, wo noch nirgends geschaufelt worden war. Ich entdeckte Ajith und Quinn nebenan und stellte sicher, dass es gleich nach dem Abendessen erledigt wurde.

      Wenig später stand ich bei Parányi und putzte den Jungspund direkt in ihrer Box. Dort war es etwas wärmer und nicht so windig wie draussen. Das samtige, schwarze Fell war seit langem wiedermal bereits sauber und nicht dreckverkrustet. Allerdings waren die Haare an manchen Stellen gekräuselt, sodass ich mir zusammenreimte, dass sie sich auf der Weide im Schnee gewälzt hatte. Auch die Hufe waren schön ausgewaschen – hach, wie ich den Schnee liebe! Da ich mit Parányi die letzten zwei Tage geritten war, wollte ich heute nur an der Doppellonge mit ihr arbeiten, und morgen würde sie ganz frei bekommen. Ich wollte die frisch eingerittene Stute noch nicht überfordern und ritt sie deshalb höchstens dreimal pro Woche, je zwanzig Minuten lang. Lily war übrigens längst mit der Reitstunde fertig und tollte im Schnee mit den Hunden herum. Ich sah ihr durch den geöffneten, oberen Teil der Boxentür lächelnd beim Schneeballwerfen zu, während ich Parányis Mähne kämmte. Schliesslich holte ich den Doppellongengurt und legte ihn ihr an. In der Halle ritten Darren und April auf Halluzination und Vychahr, nun da die Reitschüler endlich verschwunden waren. Ich beobachtete beiden Füchse aus dem Augenwinkel, während ich Parányi alle vier Hallenecken zeigte. Ich tat das immer, damit sie keinen Grund hatte, sich zu erschrecken. Danach zog ich die Leinen durch die Ringe am Gurt und hängte sie beim Kappzaum ein. Es handelte sich um einen mit Trensenstück kombinierten Zaum. Parányi blieb geduldig stehen, als ich die Leinen um ihren Po und über die Hinterbeine schwang, um sie wieder daran zu gewöhnen. Daraus schloss ich, dass sie seit dem letzten Training nichts verlernt hatte. Ich schnalzte und nahm die halblange Fahrpeitsche in die rechte Hand, um sie anzutreiben. Dann schickte ich sie raus auf die Volte und begann, sie im Schritt mit aufnehmen und wieder loslassen zum Dehnen zu bringen. Als nächstes Trabte ich sie an und spielte ein wenig mit der Temporegulation. Auch Übergänge übten wir, besonders aus dem Schritt in den Trab, da sie dabei zunächst immer gleich anhalten wollte. Ich war erstaunt, wie kooperativ die Stute heute gelaunt war. Die letzten paar Tage war ich beim Reiten jeweils eher enttäuscht gewesen, aber heute schienen wir einen Fortschritt nach dem anderen zu machen. Ich hörte daher auch etwas früher auf und lobte sie ausgiebig. Ich führte sie noch ein wenig in der Halle herum, dann brachte ich sie in ihre Box und zog ihr die Abschwitzdecke an, falls sie doch noch nachschwitzen sollte. Zufrieden warf ich einen letzen Blick in die Box und stellte fest, dass Parányi bereits wieder döste.

      25. Dezember 2015 | 17.018 Zeichen | Occulta
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    Himmel - ungepflegte Pferde
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    Canyon
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  • [​IMG]
    Valentines Alysheba

    ● ○ ● ○

    Hengst | 24. März 2013 | 165cm
    Englisches Vollblut
    Bay

    ● ○ ● ○

    Von A Winter's Day
    Von unbekannt Aus der unbekannt

    Aus der Belinda
    Von Cleef Aus der Bessy

    ● ○ ● ○

    verspielt | unkonzentriert | verschmust
    Sheba ist ein schicker Hengst in gänzlich brauner Robe. Sein Fell ist schon jetzt sehr fein und seidig, was ihn noch edler wirken lässt. Er stammt aus dem berühmten Zuchtgestüt Burnin' Valentine und zeigt viel Potential für den Rennsport. Wir vermuten, dass er das Talent seiner Mutter und den Charakter seines Vaters geerbt hat, doch was auch immer die Zukunft bringen mag - wir haben große Hoffnungen in ihn.
    Noch ist er oft nervös, unkonzentriert und in vielen Dingen sehr unerfahren. Jedoch entwickelt er sich prächtig und macht stets große Fortschritte
    Alysheba stammt aus dem berühmten Zuchtgestüt Burnin' Valentine

    ● ○ ● ○

    Besitzer: Canyon
    VKR/Ersteller: verfallen/Ivi.Kiwi
    im Besitz seit: 26. April 2016
    Kaufpreis: x Joellen

    ● ○ ● ○

    Schleifenaufstieg Trainingsaufstieg Potential

    Springen E A L M

    Dressur E A L

    Galopprennen E A L M S S* S**

    Distanz E A L M S

    ● ○ ● ○

    Fohlen ABC | Eingeritten | Eingefahren x

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    380. Galopprennen | 426. Westernturnier | 467. Dressurturnier | 226. Synchronspringen

    [​IMG][​IMG]
    227. Synchronspringen

    ● ○ ● ○

    [Schleife]
    Thema

    Abstammung: 2
    Schleifen: 6
    HS: 0
    TA: 0
    Trainer: 4
    Zubehör: 2
    Gesamt: 14

    Gencode: EeAa
    Zur Zucht zugelassen: Nein
    Eingetragene Zucht: Phoenix Valley (PV)

    Nachkommen
    -


    ● ○ ● ○

    Letzter Tierarztbesuch: unbekannt
    Gesamteindruck: sehr gut
    Akute Krankheit/en: x
    Chronische Krankheit/en: x
    Erbkrankheit/en: x

    Letzter Hufschmiedbesuch: unbekannt
    Hufbeschaffenheit:
    Hufkrankheit/en:
    Beschlag vorne:
    Beschlag hinten:

    ● ○ ● ○

    PNG | Puzzel PNG | öffentlicher HG