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Canyon

○ Sunka (8)

Englisches Vollblut ○ Rappe ○ Hengst ○ 5 Jahre ○ 164cm ○ Reiter: Petyr Holmquist

○ Sunka (8)
Canyon, 14 Juli 2020
Bracelet und Wolfszeit gefällt das.
    • Canyon
      ▲▽▲
      Bow River Ranch

      Der Hund kehrt zurück
      Auf der Türschwelle blieb ich stehen, das Gesicht Richtung Himmel gewandt. Es wurde Frühling. Der Schnee war verschwunden, die Vögel kamen aus ihren Quartieren. Vor allem aber spendete die Sonne eine angenehme Wärme. Ich genoss die ersten warmen Strahlen des neuen Tages einen Moment. Da immernoch ein kühler Wind ging zog ich mir das Stirnband über die Ohren, anschließend ging es hinaus zum Trail meiner Ponys. Die Schubkarre stand bereits bereit, der Bollensammer und die Harke ebenfalls. Laut klappernd lief ich in Richtung des Trails. Bevor ich das Gelände betrat öffnete ich meine App. Wir hatten in den vergangenen Monaten die Ranch ein wenig modernisiert. Die Stromgeräte liefen alle mit Wlan-Verstärkern und konnten somit nicht nur kontrolliert werden, sondern auch An und Aus geschaltet. Die Idee war bei Caleb zunächst nicht unbedingt auf Begeisterung gestoßen, sich allerdings sparen zu können die Geräte ständig zu testen hatte ihn schließlich doch überzeugt. Also schaltete ich den Strom für den Trail aus. Kletterte durch den Zaun, zog die Schubkarre durch. Und begann den Paddock von den Hinterlassenschaften meiner Tiere zu befreien. Vor einer Stunde hatte ich Kaya und Tschetan an der Schule abgegeben. Aus dem Augenwinkel sah ich einen schwarzen Schatten auf mich zukommen. Was ein Seitenblick hätte werden sollen. Wurde ein verdutztes hinterher starren. Das Pferd war schwarz! Völlig, bis auf die kleinen wei0en Abzeichen an den Hinterbeinen und der Blesse auf seinem Gesicht.
      Mir klappte der Mund auf. Da stand ein fremdes Pferd auf meinem Paddock! Und mit einem panischen Blick unter das Pferd. Ich sah mich um, sah nur das Ranchpersonal. Hatte einer der Sträflinge den Hengst hier abgestellt? Viel wichtiger, wie lang stand der schon hier? Inyan schien einen großen Gefallen an dem schwarzen Hengst zu haben, er stand dicht an seiner Seite. Ich ließ die Scheiße, Scheiße sein. Schnappte mir eines der Halfter von Gweny und führte den Hengst neben mir her. Im Stallgebäude sah ich O die gerade dabei war in einer Box zu verschwinden. “O’!” die junge Frau drehte sich um. “Sag mal...ist das einer von deinen?” O’ klopfte sich das Heu von den Oberschenkeln, zog sich die Arbeitshandschuhe von den Händen und lief mir entgegen. Lief einmal um den Hengst herum. “Keiner von meinen...und wenn ich ehrlich bin auch keiner von Calebs. Wo hast du den aufgetrieben?” sie zog fragend eine Augenbraue nach oben als sie die Frage stellte. Ich zuckte hilflos mit den Schultern. “Der stand bei mir im Trail!” dabei dachte ich direkt daran den Tierarzt konsultieren zu müssen, wenn da über Nacht..”Na gut das deine Stuten in der Box waren.” unterbrach O’ meine Gedankengänge. “Ah ja? Oh..da..” “-fällt die ein Stein vom Herzen?” lachte O’. Ich lachte...meine Gesichtsentgleisung musste wohl mehr als deutlich gewesen sein. “Fylgia und Gweny sind in den großen Außenboxen bei meinen Pferden. Ich war heute morgen schon etwas verwirrt.” “Scheint allerdings als habe da jemand mitgedacht.” erwähnte ich. Ich drehte also in der Stallgasse um, führte den Hengst zurück zum Paddock. Dort hatten Inyan und Valravn erfolgreich die Schubkarre umgestoßen, die Harke lag 5 Meter weiter. “Euch kann man nicht eine Sekunde aus den Augen lassen!” lachte ich, entließ den schwarzen Hengst in die Herde. Wie Inayan freudig auf ihn zulief beschlich mich plötzlich ein Gedanke.


      Getrieben von diesem räumte ich die Sachen außer Erreichbarkeit meiner Kerl-Bande. Lief zurück zum Haus. Louis traf ich dort allerdings nicht an. Stattdessen stand da an meinem Kühlschrank eine fremde Person. Diese schien entweder ganz fasziniert vom Inhalt des Kühlschrankes, oder hatte mich nicht bemerkt. Breite Schultern, die meine Sicht auf den Inhalt verhinderte. Langer geflochtener Zopf. Die Farbe war schwarz, durchzogen jedoch von mehreren Silbergrauen Strähnen. Bei den Erfahrungen meiner letzten Jahre, konnte es sich fast nur um Verwandtschaft von Louis handeln. Der Mann sagte etwas, das ich nicht verstand, der Nasale Tonfall ließ mich allerdings auf Lakota schließen. Der Mann drehte sich um, schloss den Kühlschrank dabei und schenkte mir nun seine Aufmerksamkeit. Als allererstes fiel mir seine enorme Hakennase auf, die außerdem noch reichlich schief schien. Daher schloss ich darauf das sie zumindest einmal gebrochen sein musste. Die hohen Wangenknochen, die leicht schrägen Augen. Mein Hirn stellte keine Ähnlichkeiten zu Louis oder den Kindern her.

      Der Mann kam mir näher, ich sah seinen Blick. Von dem ich mich nicht entscheiden konnte ob er interessiert, abschätzig oder eine Mischung von beiden war. Ich entschied mich für beides, sprach jedoch kein Wort und sah ihm nicht direkt in die Augen. “Tuktel enitanhan hwo?” In meinem Verstand blitzte es auf. Diese Worte waren tatsächlich Lakota, noch viel wichtiger aber...ich konnte sie verstehen! Ich überlegte wieso er diese Frage stellte. Dann erinnerte ich mich an Worte von Louis die er einmal gesprochen hatte. Mit meinen Braunen Augen, dem schwarzen Haar könnte ich bei ungenauer Betrachtung als Indianerin durchgehen. Ich wusste auch um das gewisse Interesse einiger Natives an den Genen. Mir als Deutsche war dieses Denken der Reinheit ein wenig unangenehm, wenn man da an die Vergangenheit dachte. Viele Natives hielten sich als reiner als andere und bildeten sich buchstäblich etwas darauf ein. Ich straffte ein wenig meine Schultern um dem Mann zu antworten “Germany, ematanhan.” Ich hatte mir seit dem letzten Jahr ein paar der Bücher von Tschetan geliehen um mit ihnen meine Sprachkenntnisse aufzuarbeiten. Plötzlich zog sich ein Lächeln über das Gesicht des Mannes und er antwortete mir in gutem, verständlichem Englisch. “Ich hatte Angst als Louis eine Waschitschu geheiratet hat und mit ihr die Kinder erzieht. Aber wie ich höre, sind dir unsere Worte geläufig.” “Den Weg in eine Kultur erhält man nur über die Sprache...das hat meine Großmutter immer gesagt.” “Dann ist deine Granny eine weise Frau.” Mir brannte die Frage auf der Zunge ihn zu fragen was er hier machte. War jedoch bereits mit einigen der Regeln der Lakota bekannt. So nickte ich nur “Das war sie. Daher hat sie mich immer unterstützt fremde Sprachen zu lernen. In einem Jahr beschloss ich Altgrieschisch zu lernen, in einem anderen Altnordisch. Und eine besondere Faszination für die Geschichte der Native Americans hatte ich schon als Kind. Vielleicht war das einer der Gründe wieso ich mir Amerika ausgesucht hatte als ich eine Veränderung suchte. Wohin mich das ganze geführt hat hätte ich nie für möglich gehalten.” “Der große Geist hat manchmal verworrene Wege.” “Dieser verworrene Weg hat wohl auch dein Pferd in meinen Paddock-Trail geführt?” der Mann schob die Lippen vor als deute er auf den Hengst. “Der schwarze Teufel da?.” Teufel? “Nicht direkt...ich hab ihn vielmehr nach Hause geführt.” in diesem Moment klickte es. Denn mit diesen Worten hatte er meine Vermutung bestätigt. Das Aussehen des Hengstes, das er hier auftauchte….und die Art wie Inyan sich ihm gegenüber verhielt. “Sunka! Der Hengst ist Sunka! Aber ich dachte Louis hätte ihn verkauft.” “Das hat er auch, an mich!” Mein Gesicht musste meine Neugier zeigen, denn er sah mich an, grinste und ergänzte. “Nenn mich Logan, Logan Otaktay. Louis hat mir auf der Ranch Arbeit verschafft. Und ich dachte da bring ich ihm seinen Teufel wieder vorbei.” Mein Kopf legte sich bei dieser Aussage erneut etwas schief. “Ich hatte ihn vorhin am Strick, mir erschien er nicht wie ein Teufel.” “Er ist auch gut erzogen worden von Louis, aber ich sag dir...er hat den Schalk im Nacken sitzen.” Ich lächelte nur, denn diese Aussage konnte ich bisher nicht beurteilen. Die Gespräche führten sich noch fort, während ich uns Kaffee machte. Anschließend gingen wir beide hinaus. Logan um sich bei Caleb zu melden und ich um meine Pferde endlich zu versorgen. Die Boxen hatten bereits die Stallhilfen gemacht, so blieb mir nur noch der Trail übrig. Irgendwann in der Nacht war Logan angekommen und eines der freien Zimmer bezogen. Erst jetzt sah ich die Nachricht auf meinem Handy Louis war am frühen Morgen nach Calgary aufgebrochen um Lilly für die Semesterferien abzuholen. Er wollte noch ein paar andere Erledigungen machen um anschließend Kaya und Tschetan von der Schule zu holen. Daher war meine Nachmittagsarbeit von mir genommen. Daher beschloss ich mir einen Sonnenritt zu gönnen. Fylgia und Ravn würden sicherlich am Nachmittag von den Kids bewegt werden, daher fiel meine Wahl auf Lady Gweny. Ich führte die Stute in die Sonne des Pzutplatzes, ließ mir Zeit damit ihr Fell von Stroh und Staub zu befreien. Hing dabei meinen Gedanken nach. Die Entscheidung zu bleiben hatten wir im Verlauf der letzten Monate mehrfach durchgesprochen. Tschetan liebte die Ranch, genauso tat ich das. Kaya hatte in Betsy eine wirkliche Freundin gefunden. Jeden Tag konnten wir zusehen wie das Kind mehr zu strahlen begann. Und ich selbst. Ich hatte schließlich Louis geheiratet um genau an diesem Ort zu bleiben. Damals hatte ich aus Verzweiflung gehandelt. Rückblickend hatte ich erst begriffen wie sehr ich Caleb damit verletzt hatte. Der Schlag den Louis von ihm kassiert hatte...im Grunde hätte mir dieser gelten sollen. Ich war nicht fair gewesen. Caleb hatte uns vor zwei Wochen beiseite genommen um zu klären wohin unsere Wege uns führen würden. Offen hatten wir ihm erklärt was wir wollten. Hatten die Vergangenheit dabei völlig außer acht gelassen. Wir hatten besprochen was unsere Aufgaben sein würden. Das Gehalt war geklärt worden, damit wir ein Einkommen hatten. Danach war Ruhe in meinen Verstand eingekehrt. Ich hatte unbewusst in den letzten Monaten gedacht Caleb würde uns vertreiben wollen, doch in diese Richtung war nichts geschehen. Unsere Gespräche waren nicht länger verkrampft und seltsam. Vielmehr konnte ich in unserer neuerlich aufkeimenden Freundschaft das Flair der alten Mitschwingen hören. Neben der Hilfe bei den Zuchtpferden, sie täglich zu bewegen. Hatte ich auch wieder begonnen bei ihm Unterricht zu nehmen, um meine Fähigkeiten im Westernreiten etwas aufzufrischen. Selten hatte ich dabei das gleiche Pferd unter dem Hintern, schon gar keines von meinen eigenen. Jetzt freute ich mich daher umso mehr auf den Ritt mit Gweny. Routiniert sattelte ich die Scheckstute, streifte ihr einen einfachen Gebissriemen über den Kopf. Dann war das Ganze auch schon beendet. Mit Hilfe des Aufstiegsblocks gelangte ich in ihren Sattel, sortierte meine Zügel und entschloss mich den Weg in Richtung der oberen Weiden zu nehmen. Dort befand sich seit kurzem eine der Rinderherden gestanden. Nun standen einige der Junghengste dort oben. Die drei einfachen Häuser die dort standen waren über den Winter renoviert worden. Einige der Mitarbeiter hatten darin ihr Quartier bezogen. Zum einen um jeden Morgen nach den jungen Pferden zu schauen, aber auch um die Rinder im Auge zu behalten, wenn sie dort waren. Zu diesem Zweck befand sich dort auch ein kleiner angelegter Paddock damit die Mitarbeiter ohne eigenen Wagen die 3 Kilometer vom Berg herunter reiten konnten Aus diesem Grund hatte auch Cayce seinen Shorty dort oben untergebracht. Dann und wann befand sich auch Inyan oder Valravn unter den Pferden dort, da Louis und Tschetan dort übernachteten.

      Ich grüßte Bellamy der mit der Schubkarre über den Hof fuhr, gab Gweny den Weg frei hinauf den kleinen Berg. Die Sonne schien weiterhin warm vom Himmel.


      An den Zaun gelehnt sah ich Laurence und Cayce dabei zu wie die kleinen Kälber gefangen, zu Boden gepinnt und mit der nötigen Ohrmarke ausgestattet wurden. Ich lächelte bei dem Gedanken im Sommer vielleicht mit einem meiner Pferde einen Viehtrieb mitzumachen. Im vergangenen Jahr hatte ich sowas geplant...dann waren so viele Dinge auf einmal passiert. Dieses Jahr hatte ich mir das wirklich fest in den Kopf gesetzt. Aus dem Augenwinkel nahm ich einen Schatten wahr, dann wackelte der Zaun. Hände in meinem unmittelbaren Gesichtsfeld. Ich sog die Luft ein, roch das Aftershave in meiner Nase, sah den weißen Hut in meinem Augenwinkel. Nur leicht bewegte ich den Kopf. Unmissverständlich. Caleb. Keiner von uns sprach, beide sahen wir nur dem Geschehen zu. Ich war vielleicht halb verwirrt wieso er nicht dabei war. “Ich weiß jetzt wieder was mir gefehlt hat die letzten Monate.” ich sah ihn nicht an als meine Augenbrauen sich zusammen zogen. Ich deutete auf das Geschehen vor uns. Caleb schüttelte den Kopf. “Nicht die Kälber. Dich..die Kids...und ja sogar Louis. Betsy war so traurig als Kaya nicht hier war.” er seufzte “Ich bin froh das ihr euch entschlossen habt zu bleiben.” Aha? Betsy hatte also Kaya vermisst? Erst jetzt sah ich ihn an, drehte mich um und lehnte meinen Rücken an den Zaun. Wir sahen einander in die Augen, wie wir es Monate nicht getan hatten. Ich dachte dabei an all die Erinnerungen die ich mit der Ranch und all seinen Bewohnern verband. Ob er das hinter meinen Augen lesen konnte? Zumindest lächelte er, noch bevor die Worte “Mir liegt diese Ranch einfach zu sehr am Herzen.” meine Lippen verlassen hatten. Dann senkte ich den Kopf, schuldig biss ich mir auf die Lippen. “Deshalb habe ich die Entscheidung getroffen Louis zu heiraten als sich die Möglichkeit ergab. Ich.” kurzes Schweigen, Caleb starrte dabei wieder auf die Rinder. Keinerlei Regung in seinem Gesicht. “...es tut mir Leid. Ich kann nur erahnen was ich dir angetan habe.” Als ich schon nicht mehr damit rechnete bewegte sich der blonde Cowboy plötzlich. Stellte sich vor mich und zog mich an den Schultern zu sich heran. Ich spürte den Druck den seine Arme auf meinen Oberkörper ausübten, hörte das flüstern an meinem Ohr. “Ich bereue es...ich bereue es nicht mehr Mut bewiesen zu haben.” Dann hielt er mich an den Schultern etwas weniger als eine Armlänge von sich fort, küsste meine Stirn. Um dann zu den anderen in den Pferch zu schlüpfen. Ich blies meine Backen auf. Drehte mich wieder zum Zaun und beobachtete einfach weiter. Doch meine Gedanken kamen trotzdem nicht zur Ruhe. Er bereute es. Und das sagte er jetzt?

      Meinem Hirn blieb allerdings nicht viel Zeit um dem ganzen Zeit zum grübeln zu geben. Jemand rief meinen Namen hinter mir. Ich erkannte Louis, drehte mich um und schon rammte sich ein Kopf in meine Magengegend. Und Arme schlossen sich um meine Hüfte. Kaya umarmte mich fest. Betsy war neben ihrer Freundin gerannt. Ich erschrak beim Anblick ihres Gesichtes. Löste Kaya von mir...die ein verquollenes Gesicht hatte vom Weinen, eine blutige Lippe. Tschetan hatte ebenfalls eine blutige Lippe. Verwirrt sah ich von der grinsenden Betsy, zum verlegenen Tschetan zu meinem Mann...ihm schien nichts zu fehlen. Er deutete allerdings mit vorgeschobenen Lippen auf den Kinderhaufen um mich herum. “Ich durfte alle 3 vom Direktor abholen.” Ich zog eine Augenbraue nach oben. Betsy fiel Louis ins Wort und begann aufgeregt zu erzählen. “Einer der Freunde von Tschetan hat Kaya nachgeäfft und geärgert. Ich habe Kaya dabei geholfen sich ihm verständlich zu machen. Als er nur lachte wurde ich sauer und hab ihn geschlagen. Dann hat Kaya mir geholfen…” Tschetan legte dem aufgeregten Mädchen eine Hand auf die Schulter. “Ich habe die beiden aus der Situation heraus geholt...Joshua wollte mir erzählen das die Mädchen angefangen hätten. Allerdings gab mir meine Schwester zu erzählen das es eine Lüge wäre. Nachdem ich Joshua also erklärte das ein Freund niemals meine Schwester beleidigen würde….da war er sauer und schlug nach mir. Aber er war zu langsam für mich.” feixte Tschetan. Jetzt begann Betsy wieder aufgeregt. “Anschließend hat uns leider der Vertrauenslehrer zum Rektor geschleift. Wir haben eine ordentliche Standpauke bekommen. Er hat einfach nicht verstanden das man andere nicht ärgert….schon gar nicht, wenn diese jünger sind.” Ich seufzte...irgendwo gefangen zwischen. Ich musste den Kids sagen das ein solches Verhalten nicht gestattet war, dem Wunsch Betsy fest in den Arm zu nehmen als Dankeschön….und den Grundsätzen der Erziehung die Louis verfolgte. Daher wandte ich mich zunächst an Betsy. “Ich danke dir für deine Hilfe für Kaya. Den Rest musst du denke ich mit deinem Vater besprechen.” Betsy neigte den Kopf, verzog den Mund ein wenig. Sie war nicht meine Verantwortung. Was sie für Kaya getan hatte war Heldenhaft gewesen...sie war für ihre Freundin eingestanden. Diese legte jetzt ihrer Freundin die kleine Hand auf die Schulter. “Kaya, mach dir nichts aus dem Idioten...und wie ich schon sagte. Ich erzähle meinen Kummer immer Sue...sie hört zu und verrät meine Geheimnisse nicht weiter!” Kaya löste sich halb von meiner Hüfte, zog lautstark die Nase hoch, zeigte schüchtern die Geste für “Danke” konnte sich allerdings kaum zu einem Lächeln durchringen. Damit verließ uns Betsy mit dem schweren Schulranzen auf dem Rücken. Zurück blieb unsere kleine Familie. Ich sah von Kaya auf zu Tschetan, der konsterniert und grüblerisch drein blickte und von dort zu Louis der im Rücken der Kinder stand. Seine Miene konnte ich zunächst nicht deuten, dann lächelte er und zuckte die Schultern. Auch er gebrauchte die Gesten und gab mir zu verstehen. Ende. “Ich glaube wir haben uns jetzt alle erstmal Essen verdient,oder?” fragte ich in die Runde, nahm Kaya an die Hand und führte alle Richtung unseres Hauses. In der Welt der Lakota gab es keine Strafen, keine Beschimpfungen. Kinder lernten indem man sie ignorierte, wenn sie etwas falsches getan hatten. Das ganze Konzept unterschied sich so gewaltig von dem was ich als Kind erlebt hatte. Aber es funktionierte tadellos. Kaya beruhigte sich zunehmend während sie uns dabei half das Essen zu bereiten. Nebenbei erklärte mir Louis wann Logan hier angekommen war. Tschetan war hinaus zu den Pferden gegangen um noch schnell Valravn zu bewegen. Er hatte mit dem Wallach an einem Kurs von Caleb teilgenommen. Oft hatte ich dabe zugesehen...und manches Mal einen kleinen Stich der Eifersucht verspürt. Dieser junge Mann ritt den Wallach deutlich besser als es mir je gelungen war. Tschetan besaß ein Händchen für Pferde. Außerdem hatte er dem blonden Cowboy das Versprechen abgerungen ihm beim Makeover Pferd helfen zu dürfen. Typisch Lakota-Mann kam Tschetan gerade zum Essen zurück, im Schlepptau Logan. Ich seufzte innerlich. Noch so eine Sache an die ich mich gewöhnen musste. Die Gastfreundlichkeit. Mir als Frau oblag es die Gäste ausreichend zu versorgen. Also teilte ich unsere Mahlzeit nicht durch 4, sondern nun durch 5. Ich hoffte einfach das der ausgewachsene Mann nicht genau so viel in sich hinein schaufelte wie der 14 jährige Jugendliche der sich nach dem Hände waschen nun auf seinen Stuhl hockte. Momentan überragte er mich bereits um einen guten Kopf. Seine Kleidung war immer ein wenig zu klein. Ich hatte das Gefühl er würde täglich wachsen. Er war dünn, fast ein wenig schlaksig. Sein Gesicht hatte im vergangenen halben Jahr alles kindliche verloren, war allerdings noch nicht ganz Mann. Allerdings ließ sich seine kommende Statur bereits erahnen. Er schlug nach Louis. Ein junger Mann denen die Mädchen bereits begannen nachzusehen, sogar deutlich ältere. Tschetan jedoch hatte gar keine Blicke für sie...oder strafte sie einfach mit der stoischer Ignoranz. Die Stimmung am Tisch war gelockert und heiter. Während gesprochen wurde hantierte Logan stetig mit den Händen, dabei lernte auch ich noch mehr Gesten der uralten Gebärdensprache der Plains Stämme. Vom weit im Osten bis in den Westen hinein vermochten zu alten Zeiten die Stämme sich mit den Händen einander verständlich zu machen. Kaya war mit einigen dieser Gesten aufgewachsen. Ich hatte sie von Louis begonnen zu lernen um Kaya eine bessere Kommunikation zukommen zu lassen. Zwar hoffte ich noch immer darauf das sie vielleicht eines Tages doch wieder beginnen würde zu sprechen, allerdings hatten wir die Therapien sein gelassen. Kaya sollte von sich aus beginnen zu sprechen...allein in ihrer eigenen Zeit. Darauf hatten Louis und ich uns geeignet.

      Die letzten kleinen Reste des Essens begannen bereits auf den Tellern anzutrocknen als Kaya groß den Mund aufriss vor Gähnen. Anschließend zwinkerte sie. Louis lachte, gab die Geste für Müde und Kaya nickte. Während Tschetan also seine Schwester dabei unterstütze sich für das Zubettgehen fertig zu machen. Erzählte Louis seinem Freund von der Begebenheit in der Schule. Gerade als die beiden aus dem Bad zurück kamen wollte Logan antworten, beließ es jedoch dabei. Kaya umarmte Louis, gab ihm einen Kuss auf die Wange. Dann erscholl doch Logans sanfte, raue Stimme. “Werden in diesem Haus denn auch Geschichten erzählt?” Kaya nickte aufgeregt und deutete auf mich. “Wir sind alle Fans von Büchern jeglicher Art. Manchmal lese ich vor dem Schlafen etwas vor.” “Bücher! Pah...ein wahrer Meister behält die besten Geschichten im Kopf!” “Komm schon, alter Freund. Welche Geschichten unseres Volkes brennen dir unter der Haut?” lachte Louis erheitert. Logans Augen begannen diebisch zu funkeln, dabei richtete sich sein Blick genau auf Kaya. “Kannst du mir sagen wieso Enten rote Augen haben?” Kaya dachte einen Moment nach, dann schüttelte sie heftig den Kopf, sodass ihre schmalen Zöpfe ihr um die Ohren flogen. “Dann schnell unter die Felle und dann will ich dir die Geschichte von Iktomi und den Enten erzählen.” Begeistert lief Kaya den Flur hinunter, gefolgt von Tschetan und uns Erwachsenen. Louis musste die Geschichte kennen, ich kannte sie bisher nicht. Kannte aber die tolle Erzählkunst der Lakota-Ältesten bereits vom Indian Relay und war daher gespannt was ich zu hören bekommen würde. Innerlich dankte ich dem Besuch für seine Ablenkung für Kaya von den Erlebnissen des Tages. Es war nicht das erste Mal das ich darüber nachdachte Kaya sowie die anderen Kids der Ranch hier unterrichten zu lassen. Ob ich mich mit Dell und Caleb diesbezüglich mal unterhalten sollte? Tschetan und Kaya begaben sich in die Betten, Logan platzierte sich in die Mitte des kleinen Zimmers während sich Louis in den Türrahmen stellte und mich dicht an seine Brust zog. Während die Worte erzählt wurden war ich ganz in seinen Worten gefangen, im Rücken den Herzschlag meines Mannes. Unser Atem der sich einander anpasste. Und eine einzelne Träne die über meine Wange lief. Hier...inmitten der Geschichte kam mir die Erinnerung des Nachmittags wieder in den Sinn. Calebs Worte, der Kuss auf die Stirn. Innerlich spürte ich den Zorn darauf, zitterte...und fühlte mich doch gefangen von der Ruhe des Augenblicks. Louis strahlte diese Ruhe für mich aus, der Anblick der Kinder in ihren Betten. Selbst Logan auf dem Fußboden im Schneidersitz, dessen Hände seine Geschichte und Worte mit den Gesten untermalte. Ich fühlte mich glücklich….ich war zufrieden. Doch mein Herz...meine Seele hatten Caleb nicht vergessen. Ich hatte gedacht dies sei der Fall gewesen. Aber jetzt. Im Moment der Ruhe spürte ich das ich diesen Mann nicht vergessen konnte. Das obwohl meine Liebe auch dem Mann in meinem Rücken galt.


      Noch als sich die Tür zum Zimmer der Kinder schloss. Verabschiedeten wir uns voneinander. Louis lief neben mir, öffnete dann die Tür und führte mich in unser Schlafzimmer. Kein Licht das er einschaltete, der Raum war ohnehin so klein das man quasi direkt in unser Bett hinein fallen konnte. Das Licht vom Flur kam unter der verschlossenen Tür hindurch und leichtes Dämmerlicht herrschte. Louis Hand strich mir die Träne von der Wange fort. “Du weinst doch nicht nur wegen Kaya, oder?” Ich zuckte unsicher mit den Schultern, dann hob ich mich einfach auf die Zehenspitzen und raubte meinem Mann einen sanften Kuss von den Lippen. “Mihinga!” Mein Mann. seufzte ich leise an seinen Lippen. Anschließend löste ich mich von ihm, begann mir die Socken vom Körper zu streifen, den Rest meiner Kleidung und kroch, gemeinsam mit Louis unter die Decken. Dabei bekundete ich meine Sorge um die Schule mit Kaya, den möglichen Unterricht auf der Ranch...aber auch die freundliche Geste von Logan. “Was mich allerdings heute völlig aus der Bahn geworfen hat...das war Caleb.” ich unterbrach meine Erzählung kurz. Wartete ob Louis noch etwas sagen würde...kämpfte mit meinen Worten, meinen Gedanken. Setzte zweimal an stoppte. Ihm wie Caleb hatte ich geschworen keine Lügen. Also setzte ich erneut an. Erzählte von Calebs Worten...seiner Geste. Louis ließ ein leises, fast dunkles Lachen hören. “Oh Caleb.” seufzte er dann. “Was auch immer er sagt...für mich bleibt er mein Kola….vielleicht kann er das eines Tages sehen. Was hast du jetzt vor?” Ich sah in der Dunkelheit zu Louis, konnte nur schwach seinen Schemen ausmachen. “Nichts? Damit leben...versuchen damit klar zu kommen? Ganz ehrlich? Keine Ahnung. Ich denke...alles wird die Zeit zeigen.” “Du liebst ihn noch immer?” fragte er ernst, aber nicht vorwurfsvoll. “Klingt das schräg? Du bist mein Mann...mein Zentrum, mein Ruhepol...aber Caleb. Ja...auch für ihn brennt mein Herz. Anders...aber ich kann ihn einfach nicht vergessen. Er regt das Chaos in mir an, bringt etwas in mir zum Singen. Ich kann das gar nicht vernünftig in Worte zu fassen.” Ich spürte Louis Hand auf meinem Oberschenkel, spürte wie er mir von dort die Hüfte hinauf bis zu meinem Schlüsselbein strich. Dort spürte er meinem Herzschlag nach. “Wie du sagst...wir werden sehen was die Zeit uns bringt.” ich war so unfassbar froh das ich mit ihm über solche Dinge sprechen konnte...er verstand. Ich wusste keine Antwort “Oh Mihinga” seufzte ich erneut..küsste ihn sanft auf die Wange, die Augen. Spürte dann seine Lippen auf den meinen, zögernd, sanft dann forscher. Und schließlich erneuerten wir den Schwur der Hochzeit als wir eng verschlungen in den Decken versanken.


      Als längst Louis eingeschlafen war, schweifte mein Blick zum erleuchteten Fenster in der Dunkelheit. Dort...im Haupthaus saß Caleb noch immer in seinem Büro und grübelte über Dinge nach, die im normalen Ranchalltag liegen blieben. Und mit dem Gedanken an Caleb sank auch ich in einen erstaunlich ruhigen Schlaf. Er bereute das er nicht an Louis Stelle gewesen war. Mein Hirn schweifte ab in wirre Träume, deren Inhalt ich nicht hätte wieder geben können.

      21-04-2020 | 26.038 Zeichen | Ravenna
    • Canyon
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      Distanz E → A
      In diesem Monat hatten wir zwei neue Reiter. Für mich Neue. Nico, Malte und Bart kannten zumindest den einen davon. Petyr Holmquist hieß er, ein Schwede oder Norweger, der wohl damals ein guter Freund gewesen war. Er und sein internationaler Freund Momo waren angereist. Eigentlich nur für ein paar Tage, jetzt verweilten sie schon zwei Wochen hier und hatten sogar neue Pferde mitgebracht. Momo konnte nicht reiten. Also wirklich nicht. Auch nicht mal so gut wie Eli, noch viel schrecklicher. Aber Graf Heinrich, Heini genannt, nahm ihm das in keinster Weise übel. So hatte auch Heini seine Ruhe und musste sich nicht besonders anstrengen. Malte gab Momo nun Unterricht. Vorerst in der Dressur, um die Grundlagen zu erlernen. Malte war ein Fan davon, anderen Reiten beizubringen, während er selber auf dem Pferd saß und alles am leibhaftigen Körper vorführen konnte. Derzeit hielt Eskador als Vorzeigepferd her. Er war zwar noch kein Dressurcrack, hatte aber wunderbare Anlagen dazu und außerdem viel Geduld.
      Momo hatte eindeutig Spaß an der Sache und auch wenn sich Elsi immer wieder darüber aufregte, dass er das ganze nicht ernst nahm.
      Diesen Monat musste ich mir leider auch meine neue Trainingsstute Monkey 47 mit Helia teilen. Ich mache Helia wirklich sehr, aber teilen konnte ich auch mit ihr weniger gut. Sie hatte die Erlaubnis bekommen, mit Moni an einem Wettbewerb zu starten. Nichts großes, wir Praktikanten freuten uns immer über die Möglichkeit, unser Können unter Beweis zu stellen.
      So trainierte ich die ersten zwei Wochen des Trainingsmonats mit Moni für einen Aufstieg in der Distanz. Cjara und Elsi waren mit The Illusionist Sister of Crime mit von der Partie. Gemeinsam machten wir zu den heißeren Tageszeiten viel Muskelaufbau in der Halle, während wir in den frühen, noch kühleren Morgenstunden die Zeit im Gelände nutzten. Auf allen drei Pferden lag die Hoffnung auf erfolgreiche, spätere Distanzpferde.
      Unser Training überschnitt sich hin und wieder mit dem Training von Alba, Malte, Petyr und Eyvind. Auch sie trainierten gleich mehrere Pferde in der Distanz, anscheinend war Petyr ein überaus begabter Distanzreiter. Ich wollte es zwar nicht zugeben, aber genau das hatte dem Gestüt noch gefehlt. Mit dem Junghengst Sunka verfolgte er einen straffen Trainingsplan, der nur wenige Verschnaufpausen zuließ, und ich war froh, diesen Monat nicht in seiner Trainingsgruppe zu sein. Eyvind ritt wie immer Sir Golden Mile. Auf dem Papier war es zwar nicht sein Hengst, aber da sich niemand anderes für das mittelmäßig begabte Rennpferd zu interessieren schien, gehörte er inoffiziell durchaus ihm. Neu war, dass ich Alba das erste Mal im Distanzsattel sah. Nachdem BR Prias Raveday die letzten Monate nur im Galopprennsport gegangen war, war es auch für die Stute eine große Umstellung. Auch wenn es holprig begann, am Ende des Monats schienen beide jede Menge gelernt zu haben.
      Malte ritt Delightful Cinnamon. Cinna war um einiges älter und der Rennsport war eher etwas zur Auslastung, weniger für den Erfolg gewesen, aber der Distanzsprt lag ihr eindeutig mehr. Auch Malte schien das erste Mal deutlich zufrieden mit der Stute gewesen zu sein.
      Die zweite Hälfte des Monats verbrachte ich ziemlich einsam auf der Rennbahn. Candlejack und ich genossen die Ruhe, aber ein Adrenalinschub, ohne die anderen Pferde neben uns, blieb deutlich aus. Jack lief mittlerweile Rennen auf mittlerem Niveau und die Rennbahn in Canby reichte dafür nur noch knapp aus. Tempo und Ausdauer hatten sich seit ich ihn ritt deutlich verbessert und das gab mir ein gutes Gefühl für die Zukunft. Ich war gespannt, wie lange sich seine Fähigkeiten noch weiterentwickeln würden.
      Cjara und Bart hingegen belegten diesen Monat als einzige die Crossstecke. Ich weiß nicht, wer auf die Idee gekommen war, die beiden gemeinsam trainieren zu lassen, aber seitdem sie sich in einer Beziehungspause befanden, herrschte tiefer Winter zwischen den beiden. Cjara ritt wie immer Joline und Bart I‘ve got a blue soul. Dass die beiden immer noch aufeinanderstanden, war trotzdem weithin zu erkennen. „Ein richtiges Reiterhofdrama“, sagte Helia immer voller Freude, worüber ich nur den Kopf schütteln konnte. Ich mochte beide auf ihre Art und Weise und hoffte sehr, dass, was auch immer zwischen den beiden stand, es sich bald wieder bereinigen ließ.

      31-07-2020 | 4.330 Zeichen | Canyon
    • Canyon
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      Distanz A → L
      Im Süden von Kalifornien wüteten seit Tagen schlimme Brände. Erst vor kurzem war meine Tante in Los Angeles gewesen, nun war die Großstadt von verheerendem Feuer umringt. Es war viel zu warm, auch bei uns, auch wenn die Brände noch nicht bis in den Modoc National Forest vorgedrungen waren. Den ganzen Tag brannte die Hitze auf der Haut, der Sand flimmerte vor unseren Augen und die Pferde schwitzten selbst in den kühlen Boxen. Überall standen Ventilatoren und machten Jagd auf unser Karma.
      Die Trainingseinheiten waren auf fünf Uhr verlegt worden. Ab spätestens neun Uhr war Schicht im Schacht. Die Pferde standen nur noch in der Nacht auf der Weide und unsere Uhren gingen andersherum. Es war der Horror.
      Die Sonne war nichtmal aufgegangen, als ich mich mit Bart, Malte und Cjara an der Crossbahn traf. Die Stimmung glich einer Beerdigung, jeder ging seiner eigenen Wege und hoffte nur, das letzte Hindernis überwunden zu haben, bevor die ersten Sonnenstrahlen den Boden wieder zu trockener Lava verwandelten. Normalerweise hatte unsere Militarystrecke mehrere Wasserstellen. Diese waren ausgetrocknet und ich galoppierte mit Candlejack über brüchigen Sandstein. Auch Eskador und I‘ve got a blue soul, sowie Joline erging es nicht besser. Alle Pferde waren letztens erst vom Hufschmied beschlagen wurden, damit ihre Hufe in dem Feuer nicht verbrannten.
      Wir alle erwarteten das Schlimmste.
      Ich erinnerte mich an das Distanztraining der letzten Tage, welches auch noch in finsterster Nacht begonnen hatte. Eyvind war die gesamte Strecke mit dem Jeep und einem Pferdeanhänger nebenhergefahren, um uns aller drei Kilometer einen Wassereimer über den Kopf zu kippen oder zur Not eines der Pferde zurück zur Ranch fahren zu können. Irgendwer von uns würde bestimmt in nächster Zeit den ersten Hitzeschlag erwarten.
      Wir waren eine riesige Truppe gewesen. Ich und meine Monkey 47 waren zusammen mit The Illusionist und Sister of Crime, geritten von Elsi und Cjara, die weniger erfahrenen Pferde. Wir beendeten den Ritt deutlich früher.
      Petyr auf Sunka erzählte uns immer wieder, wie die Distanzritte der Trekkenreiter in Asien aussahen und dass dort sogar die Luft brannte und dieses Wetter hier nichts im Vergleich dazu war, aber wirklich aufmuntern konnte er uns definitiv nicht. Außerdem dabei waren noch Alba auf BR Prias Raveday, Malte mit Delightful Cinnamon und natürlich Bart mit Sir Golden Mile. Trotz der kühlen Wärme des Mondes war uns allen warm und vor allem waren wir übermüdet mit einem völlig am Boden liegenden Biorhythmus.
      Der einzige, der sich nicht unterkriegen ließ, war Momo. Er war sowieso ein südländischer Typ, der die warme Sonne auf der Haut, seinen eigenen Worten nach, liebte. Graf Heinrich musste also durch das Training der Dressur, welches Momo seit zwei Monaten mit ihm vollzog. Er lernte gerade erst Reiten, meist von Petyr oder Malte, und war immer noch stets motiviert dabei. Mittlerweile waren die beiden über die Grundkenntnisse hinaus und übten stetig weiter.
      Nicolaus hatte außerdem einige Sicherheitsvorkehrungen gegen die Waldbrände geschaffen. Brennbares Material wurde von Weiden und Gebäuden großzügig entfernt und alles, was ein Feuer beschleunigen könnte, war zur Seite geräumt worden.
      Wir hofften alle auf das Beste.

      20-08-2020 | 3.258 Zeichen | Canyon
      Veija gefällt das.
    • Canyon
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      moving on

      Hengste Hauptstall: Sunka, Amistad, Firewalker, Light up Hell, Last in Love, Lap de Loupe, Golden Sugar, Chromed Highwind, Sir Golden Mile, Eskador, Candlejack, The Illusionist, Graf Heinrich
      Stuten Hauptstall: Millenium GC, Grenzfee, Echo‘s Maiden, Lady Gweny, Far Cry, CHH‘ Lethal Combination, Westatlanta, Alphabet Soup, Song of Peace, PV Gräfin, Cinnada Mistik, Wild Reflex, I‘ve got a blue soul, BR Prias Raveday, Delightful Cinnamon, Joline, Sister of Crime, Monkey 47
      Fohlenweide: PV Comte de Courtoisie, PV Song 'bout Alegría, PV Phantom from Alaska, PV Noodle in Love, Winter with Koen, Ivy‘s Rhapsody, BR Ruffian‘s Smart Jane, PFS‘ Circle of Thyme, Lady Phoenitia, Phoenix Valley Farwest, PV Rebellion of Cinqué, PV Traumfee, PV Toxic Compound
      Nebestall: Ghostly Phenomenon, Marid, Arias, Mytos, La Paz, Pítu, Schwalbenfeder, Óslogi, Félagi, Braum van Ghosts, Imagine Dragons, Madame Pompadour
      Offenstall: Chosposi, Anaba, Morrigans Hidalgo, Cloud, My Canyon, Flotten von Mutanten, Aquena, Zonta, Havanna Girl, Kwatoko, Dawn


      Petyr hatte wieder ein neues Pferd angeschleppt. Damals hat er das schon immer getan und jetzt wieder. Er war noch keine zwei Wochen auf dem Gestüt, da hat er sich schon eine Box besorgt und den Hengst auf das Gestüt geschafft. Aus Kanada kam er, das Pferd, nicht Petyr. Petyr war vonüberall hergekommen. „Weltreise“ hatte er seine Tour durchOsteuropa genannt.
      Nico hatte nur die Achseln gezuckt, als ich ihm von Petyrs Besuch erzählt hatte, Eyvind hatte sich natürlich gefreut und nachdem Petyr angekommen war, hatte er schnell unter der Gestütsmannschaft Anschluss finden können. Sein Gesicht war faltiger geworden, aber seine Haarpracht noch eben so voll wie eh und je.
      Petyr hatte sich in Sunka verliebt und Sunka in Petyr. Mein Freund hatte den Hengst über
      mehrere Ecken aus privater Hand übernommen, natürlich mit dem Versprechen, den Hengst seiner Begabung nach zu fördern und welches Gestüt war dafür nicht besser geeignet als Phoenix Valley.
      Abends saßen wir dann gemeinsam auf der Veranda. Hin und wieder gesellte sich Nico zu uns, doch meist waren ihm die langen Erzähltiraden Petyrs zu unaushaltbar und er verschwand samt Rollstuhl im Haus, oder im angrenzenden Stall.
      Petyr hatte vor einigen Wochen auf Kreta Saga Glasberg geheiratet. Selbst Jora sei dabei gewesen, erzählte er mir. Sie sei immer noch hübsch, sagte er immer wieder. Natürlich aber war seine Saga hübscher. Ein Wundermensch und eine Wolkentänzerin. Dann erzählte er mir vom Norden. Von den Seen in Norwegen und den Bergen seiner Heimat Schweden. Er zeigte mir Fotos vergangener Zeiten, längst verdrängt und immer gehofft, sie vergessen zu haben. Nie wieder wollte ich abends im Bett leiden müssen. Ich war weitergegangen. Meine Heimat war zurückgeblieben. Niemand konnte seine Heimat mitnehmen.
      Petyr hatte einen Freund mitgebracht. Angeblich hatten Saga und er ihn in Istanbul kennengelernt, aber Momo selbst schwor, dass er dort nie gewesen war. Petyr hatte ihm auch ein Pferd gekauft. Er solle nun reiten lernen, hieß es, und der abenteuerlustige Momo hatte seit dem nichts besseres zu tun, als Graf Heinrich Tag für Tag zur Arbeit zu motivieren, während Petyr daneben stand und besserwisserisch Tipps verteilte.
      Es tat gut, dass Petyr wieder da war. Er verteilte gute Laune, nahm das Leben auf die leichte Schulter und gab mir keine Schuld, wenn meine Stimmung mal wieder gedrückt war. Petyr ließ sich von nichts und niemandem demotivieren.
      Aufgrund der Dürre hatte Nico jede Menge Helfer angeschleppt. Vorrangig Freunde des Gestüts, die hier sowieso ein- und auskehrten, so wie Mary Ann, Eli und Ike. Ich hatte gleich gesehen, wie Petyr ein Auge auf Mary Ann geworfen hatte und vor ihr mit der Hochzeit und dem Goldring an
      seinem Finger prahlte. Aber Mary Ann war für einen Typ wie Petyr die Falsche. Zu selbstbewusst, ganz eindeutig. Ich war froh, sie mal wieder zu sehen. Ich wusste sehr zu schätzen, dass sie und Eli Nico in der Anfangszeit in Kalifornien so unterstützt hatten. Aber Mary Ann war irgendwann immer seltener gekommen und dann war sie für einige Jahre ganz verschwunden. Nur Nico schien zu wissen, was der Auslöser dafür gewesen war.
      Ike war die letzten Monate mit Pítu auf Roadtrip gewesen, bis die anhaltende Hitze und der fehlende Regen seine weiteren Pläne frühzeitig beendet hatte. Pítu zeigte nun deutliche Schwierigkeiten, sich in der Herde einzufinden und das, obwohl er eigentlich selbst mit den
      selbstbewussteren Herrschaften gut zurechtkam. Dafür freute sich Óslogi sehr, seinen alten Weggefährten wiederzutreffen. Logi hasste die Hitze. Er war kahlrasiert und verbrachte wie alle anderen die Tage im Stall, zusätzlich bestand er allerdings fast nur noch aus Sonnencreme, soviel wie wir ihm in den letzten Tagen auf die helle Haut geschmiert hatten.
      Am besten ging es in der Hitze wohl noch unseren Fohlen. Sie waren in der Frühlingswärme zur Welt gekommen und kannten nichts anderes, als die Sonnenstrahlen auf der Haut. Drei unserer Lieblinge waren bereits verkauft und würden in Kürze in ihr neues Zuhause ziehen. Wir hatten uns zwischen vielen Bewerbern entscheiden müssen und auch als die Entscheidung festgestanden hatte, waren einige Trauertränen geflossen. PV Noodle in Love, PV Phantom from Alaska und PV Traumfee würden uns verlassen und in die ferne Welr ziehen. Ich hatte allerdings gelernt, dass manches für immer gar nicht so lange ist.
      Und dann waren da noch die ganzen neuen Pferde, die vielen jungen Reiter und all die Erfolge, die Phoenix Valley in letzter Zeit zu verzeichnen hatte. Ja, ich war oft gestresst. Es waren nicht mehr die Zeiten wie damals auf der Tyrifjord Ranch. Heute trug ich eine Verantwortung, die manchmal die Tage etwas grauer erschienen ließ, als sie eigentlich waren. Und ja, manchmal fühlte ich mich alt. Dann schaute ich eines Morgens in den Spiegel, sah, dass meine ehemals hellroten Haare grau und ausgemergelt nun, meinen Kopf verließen und nicht mehr zurückkommen würden. Dann dachte ich wieder an Jora und die Kinder, die wir nie haben würden, dachte an ihr Lächeln und an den Abend, als ich sie das erste Mal gesehen hatte. Ich hätte vieles anders machen können, aber damals schien es, als wäre sie ein verzeihlicher Verlust, heute weiß ich, dass es anders war.
      Jeden Abend brachte ich eigenhändig Óslogi und Félagi auf die kargen Weiden, wo sie sich genüsslich auf die Grasreste stürzten und mit den anderen Wallachen und Ponys ihrer Energie freien Lauf zu lassen.

      03-09-2020 | 6.448 Zeichen | Canyon
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      Military E → A
      Auch wir waren Flüchtige des Feuers. Am letzten Mittwoch hatten wir die Rauchwolken gesehen, Donnerstag die ersten Flammen und am Freitag war eine der Gelbkiefern einige Meter vor dem Gestüt in Feuer aufgegangen und hatte den Boden in schwarze Asche verwandelt.
      Die Pferden waren zu diesem Zeitpunkt schon längst in den Ställen, war die Gefahr doch zu groß, dass sie flüchten würden, sobald etwas unvorhersehbares geschah. Nun standen wir allerdings vor einem anderen Problem. Das Gestüt war nicht für nahezu siebzig Pferde ausgelegt. Vor allem die Mustangs waren ganzjährig draußen, hatte doch niemand erwartet, dass auch sie bald einen Platz benötigten.
      In der Nähe von Alturas hatten wir am Sonntag eine Notunterkunft gefunden. Einige unserer gesunden, reisefähigen und im Training stehenden Pferde lebten jetzt auf einem durchaus edlen Gestüt mit festen Mauern aus Stein und gut geschützten, am Wasser liegenden Weiden und Trainingsplätzen.
      Mary Ann, Eli und Bart waren dort stationiert, während wir anderen immer die 20 Meilen mit dem Auto hin und her fuhren.
      Das Training der Pferde ließen wir trotz allem nicht ausfallen. Es war auf das Minimum begrenzt, aber die Pferde sollten auch nach der Tragödie noch gut im Training stehen, Verluste hatten wir so schon genug. Hinzukam, dass zwei unserer besten Hengste aus unerfindlichen Gründen die letzte Körung nicht bestanden hatten. Die Themen für den Krisentisch waren also gegeben.
      Golden Sugar und Chromed Highwind mussten jetzt nochmal auf die Trainingsbank. Malte und Mary Ann höchstpersönlich kümmerten sich nun um die beiden, die bei einem Militarytraining auf der Crossbahn der Alturas Ranch nochmal richtig zulegen sollten. Auch Eyvind, Petyr, Eli und ich waren dafür angereist, obwohl es für mich wohl mit die größte Ehre war, zwischen all dem Guten Reitern mich auf Candlejack beweisen zu dürfen. Im Military hatten wir mittlerweile eine gute Basis gelegt und sollten uns diesen Monat für die nächste Stufe qualifizieren. Etwas ungewohnt war es, dass Eyvind auf The Illusionist „Ulli“ ritt, normalerweise war das Elsis Aufgabe. Aber diesen Monat war sowieso alles anders.
      Während wir auf der grandios ausgebauten Crossstrecke das Können unserer Pferde erprobten, wurde auch Zuhause auf Phoenix Valley hart trainiert. Unsere drei Zuchtanwärterstuten BR Prias Raveday, I’ve got a blue soul und Delightful Cinnamon trainierten gemeinsam mit Momo und seinem Hengst Graf Heinrich, auch einfach „Heini“ genannt, ihre Springkünste. Während die drei Stuten kurz vor ihrer Krönung standen, arbeiten Heini und Momo noch an den Grundlagen, nachdem sie die letzten Monate die Basis für die Dressur geschaffen hatten. Heini war nicht sonderlich begabt, aber Momo war ein Fan des manchmal recht lethargischen Hengstes und ich musste zugeben, dass die meisten über die Fortschritte der beiden sehr erstaunt waren.
      Auch Eli, Bart und Cjara trainierten fleißig. Seit diesem Monat waren auch die beiden Araberjunghengste Arias und Mytos mit ins Training eingestiegen, nachdem sie die letzten Jahre ihre Jungpferdezeit genießen durften. Zusammen mit der etwas erfahreneren Joline erprobten sie ihre ersten Schritte in der Distanz, dies jedoch aufgrund der Waldbrandgefahren und dem Wetter vorrangig auf dem Gestütsgelände. Muskelaufbau und Ausdauer standen da an erster Stelle. Auch ich und meine Trainingsstute Monkey 47 und Elsi mit Sister of Crime hatten diesen Monat bereits viel für einen Aufstieg in der Distanz trainiert und mittlerweile gingen beide auf S-Niveau.
      Candlejack zeigte heute auf der Crossbahn erstaunliche Ausdauer und Aufmerksamkeit, die selbst seine eigenen Rekorde zu übertreffen wagte. Eli und Eskador hielten gut mit uns mit, während Highwind noch einen Ticken genauer die Hindernisse anritt und gemeinsam mit Mary Ann nur so übers Gelände flog. Golden Sugar, Sunka und Ulli waren noch etwas rangniedriger, gaben aber für ihren Trainingsstand das beste.
      Wir zogen das Training nicht in die Länge und noch bevor die Sonne am Mittagshimmel stand, waren die Pferde geduscht und gefüttert wieder in ihren kühlenden Boxen untergebracht.

      30-09-2020 | 4.098 Zeichen | Canyon
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      Distanz L → M
      Die Wahlen waren vorbei und obwohl wir im roten Gebiet lebten, war der Überschwung der Freude viel mehr als die Wut der Gegenseite. Natürlich wurde sich auch über Politik unterhalten, aber je mehr Menschen aus verschiedenen Gegenden auf einem Fleck lebten, desto mehr konnte man sich in lange Gespräche verstricken, was denn nun für unser Amerika das Beste sei.
      Diesen Monat hatte Malte den Trainingsplan umgestellt. Wir trainierten nun in zweier Teams, das sollte unsere Produktivität steigern und uns näher bringen. Meine Partnerin war Cjara. Cjara war okay, aber meist hatten wir keine Gesprächsthemen und obwohl ich mich versuchte von den Gedanken fernzuhalten, war ich auch äußerlich einfach das genaue Gegenteil. Cjara war groß, hatte lange blonde Haare und blaue Augen, die Schultern immer straff nach hinten und die Nasenspitze immer einen Tick höher. Nicht, dass sie eingebildet oder arrogant war, aber sie zeigte sich sehr gerne. Ich war der kleine Asiate mit der Schuhgröße 39. Mehr musste ich da wohl noch sagen. Und so sehr ich mir wünschte, dass diese Fakten keine Rollen spielen sollten, selbst ein Demokrat an der Spitze der USA konnte daran nichts ändern.
      Cjara und ich waren die ersten, die an diesem verregneten und nebligen Dienstag für die Militarybahn eingeteilt waren. Unsere beiden Stuten Sister of Crime und Monkey 47 sollten das erste Mal ihr Können auf die Probe stellen, nachdem wir den letzten Monat neben dem Distanztraining auch angefangen hatten, ihre Springfähigkeiten zu trainieren. Durch das viele Geländetraining in den letzten Monaten, waren beide zu unerschrockenen und vor allem trittsicheren Pferden geworden, ein großer Vorteil auf dem Crossgelände.
      Cjara und ich wechselten nicht viele Worte. Meistens ritten wir schweigend unsere Runden, auch wenn wir hin und wieder den anderen baten, doch mal ein Auge auf den Absprungspunkt, oder die gerittene Kurve zu haben.
      Nach guten anderthalb Stunden Training lösten uns Malte und Elsi auf Golden Sugar und The Illusionist ab. Die beiden Hengste waren schon etwas weiter im Training und sollten diesen Monat den Schwierigkeitsgrad L erreichen. Wir tauschten mit Malte kurz ein paar Eindrücke des Trainings aus, wünschten viel Glück und ritten unsere Pferde am langen Zügel zurück zum Stall. Dort trennten sich unsere Wege. Stumm brachte Cjara Sister in ihre Box am anderen Ende des Stalls, während ich Moni in ihre Box am Anfang der Stallgasse stellte und absattelte. Die große Stute freute sich sichtlich über das frische Heu und die Abschwitzdecke.
      Gerade als ich den Sattel in die Sattelkammer bringen wollte, fing mich Cjara ab. „Du weißt schon, dass wir heute Nachmittag wieder raus müssen, oder?“
      „Heute schon?“, fragte ich. Ich hatte selten einen Plan im Vorraus. Wer sollte sich das ständige hin und her auch merken können.
      „Ja. Heute. Wir treffen uns um drei an der Crossbahn“, sagte Cjara und wendete sich mit wehenden Haaren von mir ab.
      Bis um drei waren es zum Glück noch ein paar wenige Stunden. Einen Teil davon schaute ich Saga, Petyr und Momo dabei zu, wie sie mit ihren drei Pferden den Springplatz unsicher machten. Die hatten’s gut, die wurden nicht von Malte dazu gezwungen und sie schienen sogar auch Spaß zu haben.
      Ich kannte Saga noch nicht, aber ihr Hengst Wallenstein war ein Prachtpferd. Wirklich wunderschön. Kennst du das Pferd, dann kennst du den Menschen, hatte mein damaliger Reitlehrer immer gesagt und es traf auch wirklich gut zu. Momo ritt wie immer Graf Heinrich, während Petyr Heide Eskador quälte, der noch nicht wirklich Spaß am Hindernisse überspringen zeigte.
      Gerade als ich mich wieder abwenden wollte, sah ich Nico, der zwischen den Säulen am Hauptstall in seinem Rollstuhl saß und das Geschehen auf dem Platz beobachtete. Er sah alt aus. Vor allem verglichen mit den Reitern auf dem Platz, die ihm altermäßig eigentlich in nichts nachstanden. Es machte mich traurig, ich wollte nicht, dass Nicolaus alt wurde.
      „Warum reitet Nico eigentlich nicht mehr?“, fragte ich, als im Stall auf Alba traf. Sie war mit meine beste Freundin im Stall, nur zur Zeit leider viel mit ihrem Studium beschäftigt, sodass wir uns nur noch selten sahen.
      „Äh Ferre, er sitzt im Rollstuhl!“, sagte sie, während sie Prias Halfter vom Hacken nahm.
      „Ja, ich weiß doch, aber es gibt mittlerweile so viele Möglichkeiten dahingehend.“
      „Die einzige Möglichkeit, die du kennst, ist bestimmt die aus Game of Thrones“, lachte sie und stieß mich dabei freundschaftlich in die Seite.
      Auch ich musste daraufhin lächeln. Alba hatte ein wunderschönes und ehrliches Lächeln, man konnte ihm einfach nicht widerstehen. Trotzdem ließ mich der Gedanke auch den Rest des Tages nicht los.
      Gegen Mittag holte ich Candlejack und, weil mich Malte darum gebeten hatte, auch noch Chromed Highwind und Sunka von der Weide. Jack bereitete ich gemütlich auf das anstehende Training auf der Crossbahn vor und die anderen beiden würden von Eyvind und Petyr ein Distanztraining bekommen. Eli und Bart waren mit Arias und Mytos gegen Mittag auch bereits losgezogen, um die jungen Araberhengste in ihren Distanzfähigkeiten zu fördern. Bei dem Wetter war ich relativ froh darüber, dass mich nur die matschige Crossbahn erwartete und nicht auch noch das stundenlange Gereite durch die triste Landschaft.
      Ich ließ mir mit Jack genügend Zeit, pflegte sogar nochmal Sattel und Trense, während meine Kopfhörer mir Tony Bennett’s Body and Soul ins Ohr dröhnte. So bekam ich es relativ spät mit, dass Cjara vor meiner Box stand und vergeblich versuchte, meine Aufmerksamkeit zu erreichen.
      „Was hörst du denn da?“, fragte sie mich skeptisch, als ich endlich die Kopfhörer aus den Ohren gezogen hatte.
      „Tony Bennett“, sagte ich.
      „Wenn du es singst, klingt es grässlich“, sagte sie, ohne Rücksicht auf Verluste.
      „Danke“, sagte ich, dabei war es mir super peinlich, dass ich anscheinend wieder laut mitgesungen hatte. „Was willst du? Ist es schon um drei?“
      „Nein, aber du musst heute alleine trainieren. Joline lahmt etwas und soll heute Pause machen. Aber das Training diesen Monat reicht für uns trotzdem für einen gelungenen Aufstieg, sagt Malte.“
      „Oh okay, na dann trainiere ich alleine.“
      Sie nickte und verschwand wieder. Ich wusste nicht, ob ich über diese untergründige Kritik verärgert sein sollte, oder mich einfach auf ein entspanntes Training ohne sie freuen sollte. Aber als ich dann ganz alleine zur Crossbahn ritt, der Nebel sich immer noch nicht gelichtete hatte und der leichte Nieselregen auf mich tropfte, war die Situation durchaus schon sehr trist. Die Sonne hatte ich den ganzen Tag noch nicht gesehen und als es zwei Stunden später noch dunkler wurde, musste ich mir eingestehen, dass ich sie heute auch nicht nochmal sehen würde.
      Das Training mit Jack war allerdings trotzdem gut gewesen. Er war gut bei der Sache, nahm die Hindernisse mit großartiger Präzision und ließ sich selbst durch meine gedrückte Stimmung nicht demotivieren, sodass ich dann doch zufrieden zurück zum Stall kam. Für den nächsten Monat, sollte ich wieder mit Cjara trainieren, nahm ich mir definitiv vor, dem ganzen selbstbewusster entgegen zu treten. Das war ein guter Plan.

      10-11-2020 | 7.117 Zeichen | Canyon
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      going home
      Hengste Hauptstall: Wallenstein, PFS' Stromer's Victory, Sunka, Amistad, Firewalker, Light up Hell, Last in Love, Lap de Loupe, Golden Sugar, Chromed Highwind, Sir Golden Mile, Eskador, Candlejack, The Illusionist, Graf Heinrich
      Stuten Hauptstall: Millenium GC, Grenzfee, Echo‘s Maiden, Lady Gweny, Far Cry, CHH‘ Lethal Combination, Westatlanta, Alphabet Soup, Song of Peace, PV Gräfin, Cinnada Mistik, Wild Reflex, I‘ve got a blue soul, BR Prias Raveday, Delightful Cinnamon, Joline, Sister of Crime, Monkey 47
      Fohlenweide: PV Comte de Courtoisie, PV Song 'bout Alegría, PV Phantom from Alaska, PV Noodle in Love, Winter with Koen, Ivy‘s Rhapsody, BR Ruffian‘s Smart Jane, PFS‘ Circle of Thyme, Lady Phoenitia, Phoenix Valley Farwest, PV Rebellion of Cinqué, PV Traumfee, PV Toxic Compound
      Nebestall: Ghostly Phenomenon, Marid, Arias, Mytos, La Paz, Pítu, Schwalbenfeder, Óslogi, Félagi, Braum van Ghosts, Imagine Dragons, Madame Pompadour
      Offenstall: Chosposi, Anaba, Morrigans Hidalgo, Cloud, My Canyon, Flotten von Mutanten, Aquena, Zonta, Havanna Girl, Kwatoko, Dawn


      Der einzige Baum vor meinem Fenster ist noch nicht da. Und wäre er da, so wären die Blätter es nicht. Tom Traubert’s Blues kommt aus dem altmodischen Radio. Es rauscht unangenehm. Der Empfang hier draußen ist einfach scheußlich. Und seitdem die Bauarbeiten an dem neuen Stallgebäude und der Militarystrecke begonnen haben. Seit dem ist es noch schlimmer geworden. Das mit dem Radio und auch das Telefonieren.
      Das klingelt gerade. Mein IPhone. Ich nehme ab, ohne meinen Blick vom Fenster abzuwenden. „Nico?“
      „Hey Nic“, sagt sie. Sie ist die einzige, die mich so nennt. Und die schreibt es auch so, ohne K. Einfach Nic. Als würde es noch weitergehen, aber sie hätte einfach in der Mitte aufgehört. Aber im Endeffekt passt das zu mir. Ich höre auch irgendwo in der Mitte auf.
      „Vicky“, sage ich und drehe mit einer Hand den Rollstuhl vom Fenster weg. Es ist traurig. Dass das eins der einzigen Dinge ist, auf die ich zur Zeit stolz sein kann. Ich könnte Basketball für Rollis spielen, wenn ich wollen würde. Aber ich will nicht.
      „Darf ich heute Abend vorbeikommen?“, fragt sie.
      „Ja“, sagte ich nur. Wir schweigen einen Moment.
      „Dann bis heute Abend, Nic“, sagt sie schließlich. „Ich freue mich auf dich.“
      Sie legt als erstes auf, dann lege ich mein Handy zur Seite. Ich blicke auf die Uhr, halb elf morgens. Der Tag will einfach nicht vorbeigehen. Wie auch die Tage davor und die Tage davor. Schwerfällig drehe ich mich um, nehme eine Jacke vom Hacken und öffne die Haustür. Es ist klar und sonnig, aber der eisige Wind zieht mir unter die Haut.
      Im Stall treffe ich auf eine Ansammlung der verschiedensten Leute.
      „Ich sage ja nur, Physiotherapie und Nahrungsumstellung ist einfach das Beste. Heilung sollte immer ganzheitlich sein und nicht nur durch irgendwelche Medikamente und teuren Hufbeschlag geheilt werden!“ Elsis Stimme war am lautesten zu hören.
      „Physiotherapie?“, äußert sich Helia abfällig. „Als nächstes kommst du mit einem Psychologen oder einem Eheberater an, wenn du mal wieder Streit mit einem Pferd hast.“
      „Ihr entscheidet sowieso nichts.“ Malte geht dazwischen, dann sieht er mich und lässt seine Hände sinken. „Geht an Eure Arbeit.“ Er wendet seinen Blick wieder Helia und Elsi zu, die sich immer noch böse anfunkeln. „Geht an eure Arbeit, wird’s bald?“ Beide stampfen erregt davon.
      Auch Bart sieht mich jetzt. „Dad!“, sagt er und grinst wie immer, dieser Vollidiot. „Dir ist kalt, hier, nimm eine Decke!“ Er legt mir eine alte Stalldecke auf die Knie, ich schaffe es nicht rechtzeitig, ihn abzuwimmeln.
      „Was ist hier das Problem?“, frage ich an Malte gewand, ohne auf das vorhergesagte einzugehen.
      „Eigentlich nichts“, sagt er. „Es ging um Victory. Stromer‘s Victory. Die Medikamente wirken noch nicht, er ist immer noch schlapp, erhöhte Temperaturen.“
      „Ich möchte ihn sehen“, sage ich und schiebe meinen Rollstuhl mitten durch die Ansammlung hindurch zu Victory. Er steht in seiner Box, schaut müde über das gewundene Tor aus Holz und Eisen hinweg. Sein Fell ist stumpf, seine Augen erschöpft.
      Ich höre und spüre wie sich stumm alle hinter mir versammeln. „Was würdest du tun, Alba?“
      „Ich?“, Alba scheint erstaunt, etwas erschrocken.
      Ich drehe mich so gut es geht zu ihr um. „Ja, du. Du wurdest ihm doch zugeteilt und hast ihn in den letzten Tagen versorgt. Was würdest du tun?“, frage ich nochmal.
      „Na ja, weitermachen. Vor allem Kühlen. Die teuren Gels wirken nicht, Heilerde könnte man probieren. Es klingt zwar altmodisch, aber ist durchaus wirksam!“ Sie kommt in Fahrt. „Und etwas Bewegung. Nicht viel, aber ein bisschen. Er stand die letzten Tage nur hier drin, auch das kann krank machen. Etwas Spazierengehen, oder in eine Paddockbox und wenn es ihm besser geht, dann auf die Weide.“
      „Stimmst du dem zu, Malte?“
      „Ja, was besseres fällt mir nicht ein. Montag kommt der Tierarzt wieder. Solange es nicht schlimmer wird, sollen wir weiter kühlen, ansonsten ihn sofort verständigen. Mehr als hoffen und unser Bestes tun, können wir nicht.“ Malte blickte mir in die Augen.
      Ich nicke. „Dann wäre das geklärt. Alba, du übernimmst die weiteren Schritte. Halte mich bitte auf dem Laufenden.“
      Alba nickt und entfernt sich. Übrig sind jetzt noch Bart und Malte. Beide schauen mich erwartungsvoll an. „Was ist?“, frage ich leicht genervt. Die beiden tauschen kurz Blicke aus und Zucken dann mit den Schultern.
      „Nichts“, sagt Bart. „Ich dachte nur, es hätte einen Grund, dass du hier bist.“
      „Ja, den hat es“, sage ich. „Das ist mein Stall und meine Pferde. Außerdem brauche ich jemanden, der mich nach Alturas fährt und das in der nächsten halben Stunde.“
      „Frage doch einen der Praktikant*innen“, sagt Malte.
      Ich schaue ihn leicht perplex an. Das kam von ihm. Er hatte echt seine Würde verloren. „Ich frage aber euch. Außerdem ist das Wort Praktikant oder Praktikantin mittlerweile überholt. Alle fünf sind mittlerweile mehr als das.“
      „Sorry Dad, aber ich habe heute echt besseres zu tun. Was willst du denn in Alturas?“
      „Bart“, sagt Malte verächtlich. „Bitte nicht in diesem Ton.“
      „Schon gut“, sage ich. „Ich war damals schlimmer. Er hat sich gut gemacht, mit dir als Ersatzdad.“ Ich schaue Malte an und versuche Dankbarkeit in meinen Blick zu legen. Ich glaube, er erkennt die Bedeutung. „Ich fahre nach Alturas, um ein Pferd abzuholen.“
      „Davon weiß ich ja gar nichts!“, empört sich Bart.
      „Und ich werde auch nichts weiter verraten, das Glück liegt ganz bei dem, der mich nach Alturas bringt“, sage ich und schaue hoffnungsvoll in Maltes Richtung.
      „Kein Ding, ich mach das. Gib mit zwanzig Minuten, ich kläre ein paar Dinge, dann bin ich bei dir.“

      Malte ist immer pünktlich. Überpünktlich. In meinen Augen ist es nur zehn Minuten später, als er mit dem Van und dem bereits von mir gestern eingerichteten Anhänger vor dem Stall parkt. Er hilft mir aus dem Rollstuhl auf den Beifahrersitz und verstaut das dumme Ding dann im Kofferraum.
      „Du willst mir immer noch nicht sagen, was es für ein Pferd ist?“, fragt er, als er das Gefährt den sandigen Weg entlang auf die Ausfahrt zulenkt.
      „Ein gekörter Hengst aus Italien. Viel mehr weiß ich selber leider nicht.“
      „Oh bereits gekört, da werden sich unsere Vollblutstuten freuen.“
      „Nein“, sage ich. „Der ist nicht für die Stuten, der ist für mich und kein Englisches Vollblut.“
      „Ich merke schon, du willst nicht mehr verraten. Da kann ich dir allerdings erzählen, dass auch ich wieder ein Pferd im Auge habe. Einen Isländer, von Atomics. Dir sagt die Zucht was?“
      Ich nicke. Malte weiß, dass er einen Freifahrtsschein genießen darf. Ohne ihn würde das Gestüt gar nicht mehr existieren.
      Eine halbe Stunde später parken wir den Wagen auf den Sonderparkplätzen beim Flughafen. Die Papiere habe ich bereits Online ausgefüllt und ausgedruckt. Am Schalter muss ich mich ausweisen, dann kommt ein Transporter, aus dem Malte kurz darauf Arthur rausführt. Er sieht müde und geschafft aus, den Schweif trägt er trotz Transportschutz arabertypisch weit oben. Er ist fast weiß, aber seine leichte Äpfelung ist gut erkennbar. Ich habe lange mit der Entscheidung gerungen, aber King Arthur wird gut zu Marid passen, er ist gelehrig und motiviert. Ich will es versuchen.
      Er lässt sich ohne Probleme verladen. Schnaubt nur etwas, als Malte ihn festbindet und ihm Heu anbietet. „Ein Araber. Noch einer“, sagt er nur und ich sehe, wie er leicht den Kopf schüttelt. Ja, noch einer, noch ein Araberhengst. Bart würde ich eine Freude machen. Er hatte die Faszination für diese Tiere von mir geerbt. Doch Arthur ist nicht nur ein Faszinationskauf. Er soll mich wieder auf den Rücken bringen. Er ist klein, aber doch muskulös genug für mich. Er hat eine grandiose Ausbildung von den besten Trainern erhalten, hat dir Leistungsprüfung mit Bravour bestanden. Und jetzt soll er mich wieder reiten lehren.
      Wir bringen Arthur nach Hause. Bart freut sich, von meinem weiteren Plan mit ihm, erzähle ich aber noch nichts. Das fällt nicht weiter auf. Jeder weiß, dass ich bei Arabern nicht nein sagen kann. Alle denken, er ist wieder ein Gelegenheitskauf. Wir stellen ihn gleich in die Box neben Marid. Die beiden hassen sich auf den ersten Blick. Und irgendwann werden sie sich lieben. Sie müssen, Marid weiß, dass ich das von ihm verlange. Er hat keine Wahl.
      „Ich werde nach Hause gehen“, spricht mich jemand von hinten an. Ich drehe mich um und Eyvind steht hinter mir.
      „Wann?“, frage ich, nur wenig erstaunt. Der Norweger ist viel zu lange geblieben. Seine Haut ist bereits dunkler geworden.
      „In drei Tagen geht mein Flug. Mein Vater ist gestorben, ich werde meine Mutter pflegen müssen“, sagt er.
      „Dann können wir morgen Abend nochmal gemeinsam essen?“
      „Ja“, sagt er.
      Ich lege ihm eine Hand auf den Arm. Höher komme ich nicht, sonst hätte ich ihn gerne umarmt. Eyvind nickt kurz und ich nehme meine Hand wieder weg. Wir kennen uns zu lange und wissen doch nichts voneinander. Eyvind war unser Gespenst, und ich würde es vermissen.
      „Petyr und Saga wollen mich begleiten“, sagt er noch. Ich nehme seine Worte zur Kenntnis. Den ollen Holmquist konnte noch nie etwas länger an eine, Platz halten. „Aber sie wollen wiederkommen, nur etwas Heimat schnuppern. Du kannst mich jeder Zeit besuchen, Nicolaus“, sagt er noch, dann dreht er sich um und geht.
      Ich werde ihn vermissen.

      Am Abend klingelt Vicky an meiner Tür. Bart macht auf und wirft mir dann einen vielsagenden Blick zu, als er wieder in die Stube kommt, lässt uns aber Privatsphäre. Ich koche Vic einen Tee, sie erzählt von dem Alltag in der Klinik und beschwert sich wie immer über Eli. Dann wirft sie ihre Haare zurück und lächelt mich an. Ich bringe ein leichtes Lächeln als Antwort zustande.
      „Nic, schau nicht so traurig“, mahnt sie mich. „Sonst muss ich dich doch zum Psychologen bringen. Du weißt, dass ich sonst Angst um dich habe.“
      „Ich weiß, wie du mich aufmuntern kannst“, sage ich und rolle in Richtung Schlafzimmer. Sie folgt mir lächelnd.
      Vic und ich haben bereits seit einigen Jahren so etwas wie eine Beziehung. Die meisten denken, wir sind nur gute Freunde und im Endeffekt stimmt das auch. Wir haben beide nie mehr erwartet. Hin und wieder kommt sie mich besuchen, bleibt über Nacht und fährt dann wieder für die nächsten Wochen zu sich nach Hause. Niemand traut sich, mich darauf anzusprechen. Ich muss damals ein böser Mensch gewesen sein.
      Es ist für mich nicht selbstverständlich, dass sie mit mir schläft. Ich bin vom Oberschenkel abwärts gelähmt. Aber Vic nimmt es einfach so hin. Ich mag sie wirklich. Sie ist einfach. Das würde ich nie laut sagen, aber es ist so. Sie kommt und geht ohne Drama, erzählt gerne und ist leise, wenn es nichts zu erzählen gibt. Sie hilft mir aus dem Rollstuhl, zieht mich, dann sich aus. Schließt das Fenster und deckt uns zu.

      Als ich aufwache ist es bereits Morgen. „Du hast mir gar nicht gesagt, dass du ein neues Pferd hast“, sagt sie, als ich in die Küche komme. Sie reicht mir einen Kaffee und deckt den Tisch. „Bart hat’s mir erzählt. Er war ganz schön zeitig wach. Erwachsen ist er geworden. Seit wann kenne ich ihn? Vierzehn Jahre? Echt lange Zeitspanne.“
      „Du bist ja noch da“, stelle ich festund rolle mit dem Kaffee an den Tisch.
      „Soll ich gehen?“, fragt sie und ich merke, dass ich jetzt nichts falsches sagen sollte.
      „Nein nein“, sage ich schnell. „Bleib bitte so lange du willst.“
      „Ich habe nachgedacht“, sagt sie und setzt sich neben mich. „Was hälst du von, wenn ich öfter komme. Vielleicht das Wochenende über?“
      Ich blicke sie an, sie weicht meinem Blick nach kurzem Zögern aus. „Ich weiß nicht“, sage ich und nehme einen Schluck.
      „Du willst nicht“, sagt sie und klingt enttäuscht.
      „Nein“, sage ich. „Das ist es nicht. Ich meine nur, bist du dir sicher, dass du das willst?“
      „Nic, ich mag dich wirklich sehr und du scheinst sehr einsam. Ich dachte nur, vielleicht kann ich dir helfen.“
      „Ach darum geht es dir“, sage ich und wäre jetzt gerne wütend aufgestanden, aber ich muss sitzen bleiben. „Du hast Mitleid mit mir. Dein Helfersydrom kannst du an einem anderen Krüppel ausüben“, sage ich und merke, wie ihre Worte sich schmerzhaft in mich reinbohren. Das ist der Grund, weswegen es so hätte bleiben sollen. Wenn man tiefer geht, dann sitzt der Schmerz auch tiefer.
      „Nein! Ich wollte dich nur-“, versucht sie sich zu rechtfertigen.
      „Gehe jetzt bitte“, sage ich und rolle vom Tisch weg. Zum Fenster. Der Baum ist immer noch nicht gewachsen, wann wird er endlich groß. Er sieht verkrüppelg aus. Mit dem dünnen Stamm und ohne Blätter. Als ich mich vom Fenster wegdrehe, ist sie weg. Ich rolle zur Verandatür und schaue auf den Parkplatz. Auch ihr Auto ist weg. Ich atme tief durch.

      Für den Abend habe ich einen Catering Service aus Canby bestellt. Sie sind nicht gut, aber meine Kochkünste sind es auch nicht mehr. Bart, Petyr, Momo, Saga, Vuyo, Ike, Malte und Eyvind schlagen sich den Bauch mit vegetarischem Zeug voll. Auch wenn nicht jeder am Tisch strikter Vegetarier war, es war von Anfang an eine ungesprochene Regel, dass wir gemeinsam auf Fleisch verzichten.
      Die Stimmung ist leicht gedrückt, Eyvind sitzt an def Stirn des Tisches und versucht gute Laune zum traurigen Spiel zu machen. Es wird über alles mögliche geredet, nur nichts zu tiefgründiges und das Thema Abschied wird vollkommen ausgelassen.
      „Wann geht euer Flug?“, fragt Ike.
      „Übermorgen, sehr zeitig“, antwortet Saga. „Aber wir haben uns entschieden, bereits morgen Abend nach Los Angeles zu fahren. Eine Nacht schlafen wir noch im Hotel. Die Gemüsepfanne ist echt lecker! Ist das Curry?“
      „Schmeckt eher wie Kardamom“, sagt Momo und probiert nochmal einen Löffel von der gelben Soße.
      „Schön, dass du bleibst“, sagt Vuyo an Momo gewandt. „Ich hoffe, du überlebst es ohne deinen Bodyguard Petyr hier in der Wildnis.“
      „Ach Quatsch“, lacht Momo. „Wenn alle Stricke reisen, dann gebe ich mich als Native American aus, heutzutage kann doch keiner mehr einen Griechen von einem Indianer unterscheiden.“
      Der Tisch stimmt in sein Lachen mit ein. Ich bleibe still und stochere lustlos in meinem Essen.
      „Iss bitte etwas“, murmelt Malte neben mir. „Zumindest das solltest du versuchen, um die Stimmung nicht noch mehr zu drücken.“
      Ich antworte nicht.
      „Lasst uns auf Eyvind anstoßen!“, sagt Saga plötzlich und erhebt ihr Glas mit Apfelschorle. Sie hat vorhin den Alkohol vehement abgewehrt. Ich weiß, was das bedeutet. Ich habe einen Sohn.
      Wir erheben unsere Gläser. „Auf Eyvind!“, sagen alle im Chor und Bart fügt noch hinzu: „Unseren blassen, homosexuellen, guten Geist!“ Ich sehe, wie Eyvind leicht lächelt.
      Ja, ich werde ihn vermissen.

      27-11-2020 | 14.450 Zeichen | Canyon
    • Canyon
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      Military A → L
      Ich teilte diesen Monat Malte zu unseren Jungreitern dazu. Ich merkte, wie die Spannung zwischen den jungen Leuten knisterte. Ein Teil davon war Konkurrenz und Leidenschaft, der andere Teil war der Charakter, den sie alle zu sehr unterschiedlichen Teilen hatten hatten.
      Helia war mit ihrer neuen Stute Meilenstein beschäftigt. Sie war die einzige mit Privatpferd, ich hatte ihr erlaubt, sie bei uns unterzustellen. Die neue Anlage war mitten in Arbeit und im Frühjahr würde hoffentlich der Umzug sein, sodass wieder für alle genügend Platz war.
      Alba hatte neben ihrem Studium nicht viel Zeit, kümmerte sich aber mit Herzblut um die Genesung des jungen PFS‘ Stromer‘s Victory. Mir lag sein Wohlergehen genauso am Herzen, sodass ich sie so gut es ging unterstützte. Malte hatte keinen klaren Kopf, um sich einem kränkelnden und verletzten Hengst zu widmen. Helia als Tiermedizinstudentin wusste jedoch selber genug, um sich selbstständig für das Beste zu entscheiden.
      Diesen Monat mussten wir außerdem auf Petyr und Saga verzichten, sowie wohl für immer auf Eyvind. Ich musste mir Gedanken über einen neuen Reiter für Chromed Highwind machen, der Hengst hatte bereits die letzten Tage zu wenig Aufmerksamkeit erhalten, leider war das Interesse, trotz seines Talents, bei allen Reitern nicht gerade groß. Ich hatte bereits im Stillen Kämmerchen die Verpaarungen für das 1. Quartal 21 überlegt und da würde Highwind gemeinsam mit Delightful Cinnamon eine Rolle spielen. Die Öffentlichkeit und das Gestüt wusste nur, dass Candlejack und BR Prias Raveday ein Prachtfohlen bekommen würde. Das hatte ich zum Anfüttern in den Raum geworfen und das Interesse war einfach riesig gewesen, alleine nur an diesem Fohlen. Auch mir würde es schwerfallen, so wie es mir immer schwerfiel. Vor allem in diesem Jahr, nachdem die ersten Vollblüter ausgezogen waren, hatte ich sehr daran gezweifelt, ob es die richtigen Fohlen gewesen waren. Alaska und Noodle waren besonders außergewöhnlich gewesen, aber sie würden dafür auf anderen Gestüten Werbung für uns machen. PV Traumfee stand bis jetzt noch bei uns, ich war mir nicht ganz sicher, ob der Umzug noch klappen würde, es gab einige Turbulenzen und Unstimmigkeiten mit Nordwacht. Ich musste sagen, mich würde es nicht stören, wenn es für sie heißen würde, dass sie noch oder auch für immer bei uns blieb.
      Auf jeden Fall vertraute ich Cjara diesen Monat, sich alleine mit Joline und der Galopprennbahn zu beschäftigen. Beide hatten darin nicht viel Ahnung, aber umso besser war es, wenn man sie die ersten Schritte alleine gehen ließ, um Sicherheit zu schaffen. Nächsten Monat würde ich ihr einen erfahrenen Reiter zur Seite stellen, der ihr das nötige Wissen und Know-How geben würde. Joline war eher die Prinzessin, die Rennbahn würde sie sowieso nicht zum Erfolg bringen, aber Grundlagen schadeten nie.
      Malte übernahm das Training von Sunka, Petyrs Pferd, während Wallenstein, genannt „Walli“, den Saga mitgebracht hatte, von Bart übernommen wurde. Ich wusste, dass Malte leider noch zu wenig Vertrauen in die Nachwuchsreiter hatte, als dass er einen von ihnen die Leitung übertrug. Malte trainierte Sunka weiterhin im Military und auch Ferre, Elsi und Cjara waren mit ihren Berittpferden Monkey 47, The Illusionist und Sister in Crime mit dabei. Alle waren mittlerweile dabei, die Leistung ihrer Pferde vom Anfängerkönnen auf die leichteren Militarystrecken zu führen. Die Wege wuden unwegsamer, die Hindernisse höher und schwieriger anzureiten. Es wurde Zeit, dass wir uns eine professionelle Militarystrecke bauen würden.
      Bart und Walli waren Teil unserer Anfänger-Distanzgruppe. Alle Pferde hatten noch keinen blassen Schimmer von dem, was da auf sie zukommen würde. Graf Heinrich war sowieso immer etwas schwerer von Begriff, ließ sich aber unter Momos Führung auf wirklich alles ein, was ihm so vor die Nase gesetzt wurde. Meilenstein, die neue Stute Helias, war munterer und energiegeladen, im Vergleich zum Heini. Ihr junges Blut und die Begabung der Eltern machten aus ihr einen wahrhaftigen Trainingsfreak. Wer weiß, ob diese Motivation mit der Zeit nachlassen würde, bis jetzt hatte sie ihre Energie nur auf der Weide rauslassen können, jetzt ging das anstrengende Training erst richtig los.
      Neben den Englischen Vollblütern hatten sich Bart und Eli zur Aufgabe gemacht, auch die Araber etwas mehr zu bewegen. Die älteren Hengste Marid und King Arthur waren eher seltener in Beritt, dafür mussten die Jungen nun ordentlich zeigen, was in ihnen steckte. Die Halbgeschwister waren sich in vielen Dingen ähnlich, vor allem hatten sie es faustdick hinter den Ohren und gingen am liebsten zusammen durch dick und dünn. Mittlerweile war aus den beiden jedoch auch sehr ausdauernde Distanzläufer geworden. Der kalifornische Sand und die weiten Strecken waren für die Wüstenläufer die perfekte Gegend. Und es freute mich, dass mein Sohn in Eli, aber natürlich auch in Ferre, auf verkorkste, aber tieffreundschaftliche Art und Weise Freunde gefunden hatte, die ihm Halt und Struktur gaben. Etwas, wonach ich als junger Mensch lange vergeblich gesucht hatte. Manchmal war ich mir noch nichtmal sicher, ob ich den Halt heute hatte. Marid hatte mir diesen auf unerklärliche Weise zum Teil gegeben und dieser Anker war über die Jahre immer stärker geworden. Aber er konnte mir nicht jeden Sinn des Lebens erklären. Einen anderen Teil hatte Charly und später Bart dazubeigetragen, aber ich hatte das Gefühl, als würde immer noch ein Puzzleteil fehlen. Ich war gespannt, wann ich dieses finden würde.

      31-11-2020 | 5.527 Zeichen | Canyon
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  • Album:
    Phoenix Valley — Hauptstall Hengste
    Hochgeladen von:
    Canyon
    Datum:
    14 Juli 2020
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  • [​IMG]
    Sunka
    'Dog'

    ● ○ ● ○

    Hengst | *2015 | 164cm
    Englisches Vollblut
    Rappe

    ● ○ ● ○

    Von unbekannt

    Von unbekannt Aus der unbekannt

    Aus der unbekannt

    Von unbekannt Aus der unbekannt

    ● ○ ● ○

    Vorgeschichte
    Sunkas Mutter verstarb bei der Geburt des Hengstes. Ein langer Winter im Pine Ridge Reservat hat ihr sämtliche Reserven genommen. Louis nahm sich der Pflege des schwarzen Fohlens an. Es dauerte nur wenige Tage, dann hatten sie ihre Herzen aneinander verloren. Der Hengst folgte dem Native wie ein Hund seinem Herren. Die übrigen Fohlen suchten Schutz bei ihren Müttern, während der Schwarze zu einem großen Mann lief. Dies trug auch zu seinem Namen ein, Sunka bedeutet in der Sprache der Lakota "Hund".

    Beschreibung
    freundlich | sensibel | anhänglich
    Obwohl der Hengst mit der Flasche aufgezogen wurde, so verbrachte er sein Leben unter den großen Herden der Reservation. An seiner Seite immer der Wallach Inyan. Seiner Rasse entsprechend hat der Hengst ein Talent für das Laufen, doch in all seiner Begeisterung dafür bleibt Sunka händelbar, gelassen. Er reagiert fein und sensibel auf die kleinsten Hilfen, ist aber auf der Bahn des Indian Relay völlig gelassen. Eine besondere Anhänglichkeit zeigt der Hengst dem Menschen gegenüber. Außerdem sind keine herumliegenden Sachen ganz sicher vor dem schwarzen Teufel, so ist es kein Wunder das Sunka auch Gegenstände apportieren kann.

    ● ○ ● ○

    Besitzer: Canyon
    VKR/Ersteller: Mohikanerin
    im Besitz seit: 14-07-2020
    Kaufpreis: 700 Joellen

    ● ○ ● ○

    Schleifenaufstieg Trainingsaufstieg Potential

    Galopp E A L M S

    Military E A L M S

    Distanz E A L M

    Dressur E A L

    Springen E A L M

    Fahren E A

    ● ○ ● ○


    Fohlen ABC ✔ | Eingeritten ✔ | Eingefahren ✔

    [​IMG][​IMG][​IMG]
    511. Rennen | 318. Synchronspringen | 321. Synchronspringen

    ● ○ ● ○

    [Schleife]
    Thema

    Abstammung: 0
    Schleifen: 3
    HS: 0
    TA: 0
    Trainer: 4
    Zubehör: 0
    Gesamt: 7

    Gencode: Ee aa
    Zur Zucht zugelassen: Nein
    Eingetragene Zucht: Phoenix Valley (PV)

    Nachkommen:
    -

    ● ○ ● ○

    Letzter Tierarztbesuch: x

    Letzter Hufschmiedbesuch: x

    ● ○ ● ○