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Canyon

○ PV Traumfee (2)

Englisches Vollblut ○ Palomino ○ Stute ○ 0 Jahre ○ wird 165cm ○ 2/20

○ PV Traumfee (2)
Canyon, 7 Jan. 2020
sadasha gefällt das.
    • Canyon
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      Präsentation auf jungen Hufen
      Langsam öffnete sich die hydraulische Ladeklappe des Pferdeanhängers. Es war stürmisch und nass, der Parkplatz war matschig und der kleine Reitplatz erst recht. Nico hatte es zur obersten Pflicht gemacht, dieses Jahr auf jeder Fohlenshow in unserer Nähe Präsenz zu zeigen und überall zu verkünden: „Phoenix Valley ist zurück!“
      Dieses Jahr konnten wir uns diesen Ausruf aber tatsächlich leisten. Die ersten Fohlen waren da und es waren wahre Prachtexemplare. Heute würde PV Farwest den Anfang machen und beweisen, wie viel Potenzial in ihnen steckte. Er war mit seiner Mutter Far Cry angereist, während sich im zweiten Hänger die Jungstute Ivy‘s Rhapsody befand. Sie war als zweite dran, etwas später, wenn die älteren Pferde die Möglichkeit haben würden, sich vorzustellen.
      Heute waren nur Vollblüter und Kaltblüter zugelassen. Die Mischung auf dem Hof war also durchaus interessant. Entweder waren die Pferde besonders dünn oder besonders dick, etwas dazwischen schien nicht zu existieren.
      Zur Unterstützung hatte mich heute Eyvind begleitet. Die Pferde in der Halle vorführen, durfte ich allerdings selbst. Seit neuestem gab es tatsächlich auch Show-Kleidung in den typischen Phoenix Valley Farben; Orange-grau und das feurige Logo auf dem Rücken.
      Auf jeden Fall war es ein großes Chaos. Viele waren mit der Mutterstute angereist, das bedeutete, viele herumwirbelnde Fohlen, die noch zu Jung für ein Benehmen oder ein Halfter waren.
      Farwest war ein kleiner Angeber. Er hatte zwar ziemlich viel Feuer und war bei allem immer gut dabei, blieb aber stets an Far Cry‘s Seite. Also ein guter Kandidat, um sich durch die Massen zur Halle zu begeben.
      »Als nächstes begrüßen Sie bitte Malte Tordenværson mit PV Farwest und Mutter Far Cry, präsentiert vom Gestüt Phoenix Valley.«
      Ich betrat mit Far Cry an der Trense im Trab die Halle, während Farwest elegant hinter uns her kam. Der Lautsprecher währenddessen erzählte weiter: »Farwest in genetisch ein Buckskin und wird sich in den nächsten Jahren auch äußerlich dahingehend entwickeln. Er ist ein eingetragenes, reinrassiges Englisches Vollblut aus dem Firewalker.«
      Far Cry hatte mit ihrer Größe einen unglaublichen Trab drauf. Wenn man auf ihr saß, bemerkte man dies weniger, als jetzt, wo ich mitrennen musste. Ich wechselte die Hand, immer ein Auge auf Farwest, der mit seinen langen Storchenbeinen stets an der Seite seiner Mutter blieb. Nach einer weiteren Runde im Trab auf der anderen Hand, ließ ich Far Cry in einem angenehmen Tempo angaloppieren und Farwest, der darauf bereist gewartet hatte, schwang seine Beine in die Luft und galoppierte in hohem Bogen nebenher. Auch hier wechselte ich noch einmal die Hand, der Galopp war einfach die Gangart der Vollblüter und präsentierte den Nachkommen mit bestem Gewissen.
      »Bitte applaudieren sie für Malte Tordenværson mit Farwest«, sagte der Lautsprecher und ich verließ mit den beiden die Halle, wo mich bereits Eyvind erwartete.

      Bevor wir Ivy‘s Rhapsody auch vorstellen sollten, hatten wir etwas Freiraum. Wir hatten eine kleine Fläche zugewiesen bekommen, wo wir unsere Pferde in selbstgebauten Paddocks etwas im Nieselregen grasen lassen durften. Bei Farwest und Far Cry war es egal, wie sie im Nachhinein aussahen, aber Ivy‘s Fell durfte weder nass noch matschig werden. Eyvind hatte also umsonst versucht, um ihren schmalen Körper eine Decke zu legen; Diese rutschte Ivy immer wieder an einer Seite herunter, verhing sich in ihren Beinen oder landete auf der matschigen Wiese. Mittlerweile war sie also nass, sehr nass.
      Kurz vor ihrem Auftritt nahmen wir alle Handtücher, die wir finden konnten und versuchten sie wieder trocken zu bekommen. Etwas Glanzspray und schon war kaum noch ein Unterschied zwischen dem natürlichen, seidig glänzenden Fell und dem nassen Pelz zu sehen, den sie davor getragen hatte.
      »Als nächstes begrüßen Sie bitte Malte Tordenværson mit der Jährlingsstute Ivy‘s Rhapsody!« Im Takt der eintönigen Musik betrat ich mit Klein-Ivy im Trab die Halle. Auch sie hatte zwar, wie für ein Vollblut typisch, lange Beine, ließ jedoch die Trabphase etwas sanfter und länger gleiten. Sie hüpfte etwas, hoffentlich nicht zu sehr für die Richter. »Ivy‘s Rhapsody ist ein reinrassiges Englisches Vollblut und gerade am Ausschimmeln.«
      Ich wechselte die Hand. Etwas kompliziert, weil Ivy nicht einsehen wollte, nun auf meiner anderen Seite Laufen zu müssen, aber immerhin trabte sie dann genauso motiviert und schwebend weiter wie bisher.
      »Ivy ist anderthalb Jahre alt und stammt vom Händler, Herkunft ungewiss. Umso spannender bleibt die Frage, was aus der schwebenden Prinzessin werden wird.«
      Ha, der Sprecher hatte Humor. Zumeist blieben sie sachlich, aber was sollte man auch sagen, wenn es um Ivy ging. Eventuell würde sie nämlich ein Griff ins Klo werden, aber dann hatte zumindest Nico reingefasst und nicht ich.
      Ich nahm Ivy das Halfter ab. Ich hatte das einige Male mit ihr zum Spaß geübt und ich hoffte, dass sie auch diesmal gut mitspielen würde. Ich trieb sie an. Sie fiel erst in den Trab, aber mit etwas Nachdruck kam dann auch der, zu Anfang etwas holprige, Galopp. Sie lief schnell, streckte ihren schmalen Körper weit nach vorne und wie ich sie so beobachtete, konnte ich mir kaum vorstellen, dass aus ihr später kein gutes Vollblut werden sollte. Sie sah einem Profi von der Körperhaltung her verdammt ähnlich. Nach einer Runde stellte ich mich ihr in den Weg, schwenkte etwas das Halfter und brachte sie dazu, auch die andere Hand noch zu zeigen. Dann blieb ich ruhig stehen, damit sich die Stute beruhigen konnte. Sie kam sacht zu mir getrabt, ließ sich gut aufhalftern und folgte mir dann aus der Halle.
      »Guuut«, flüsterte ich ihr zu. »Sehr gut gemacht, meine Kleine.«
      Eyvind wartete schon auf mich. Er hatte von draußen zugeschaut. »Na jetzt hat sie sich ein Bad im Schlamm aber reichlich verdient«, sagte er und steckte der jungen Stute eine Möhre zu, die sie mit großen Augen schnaubend annahm.

      Einen Tag nachdem ich bereits mit Eyvind zwei unserer anderen Fohlen vorgestellt hatte, fuhr ich wieder zu einer Fohlenschau. Diesmal jedoch mit vier Pferden und als wäre das nicht genug, begleitete mich diesmal auch Bartholomäus. Es war Samstag, er hatte Zeit und keine Lust auf dem Hof mitzuarbeiten.
      Diesmal sollten unsere zwei jüngsten Schecken auftreten und da beide erst seit kurzem das Licht der Welt erblickten, begleiteten ihre beiden Mütter die Jungspunde. Diesmal hatte ich jedoch Glück, ich würde nur PV Toxic Compound vorstellen müssen, das andere Fohlen würde Bart übernehmen. Das bedeutete, halb so viel Muskelkater wie am Tag zuvor.
      Heute war das Wetter auch deutlich besser, das Gestüt und die Weiden immer noch die gleichen. Es war nicht kalt, doch der Wind ließ uns alle erzittern. Die Pferde waren, so gut es ging, eingepackt in dicke Decken. Leider waren alle Fohlen sehr zart und schlank und nicht jedem passten die Regendecken, ohne ständig auf einer Seite zu hängen.
      Toxy hatte zum Glück einen sehr schmächtigen Körper, zumindest für ein Vollblut. Er hatte viel Hals und viel Bauch, Nico meinte, das sei nur Babyspeck, aber ich war mir da nicht so sicher. Es hatte seinen Grund, warum er diesen Namen trug. Ich war von Anfang an nicht der Befürworter gewesen, seine Eltern zusammenzubringen. Beide hatten zu viele ähnliche Schwachstellen, die sich gegenseitig nicht ausgleichen konnten.
      Auf jeden Fall waren ich heute sehr zeitig dran. Meine Startnummer war die drei, ich hatte also nach der Ansprache am Podest nicht viel Zeit das kleine hengstfohlen und seine Mutter CHH‘ Lethal Combination für den Auftritt fertig zu machen. Geputzt und hergerichtet hatten wir sie bereits noch zu Hause auf dem Gestüt, aber Klein-Toxy hatte es geschafft, sich anscheinend das gesamte Heu aus dem Netz im Anhänger in sein strubbeliges Langhaar zu verfrachten.
      Kurz nach 10:00 Uhr stand ich mit Letta und Sohn Toxy vor der Halle und wartete darauf, herein gelassen zu werden. Ungeduldig trat ich von einem Fuß auf den anderen und hoffte, dass alles so klappen würde, wie geplant und kurzfristig geübt. Die Tore öffneten sich und der Teilnehmer vor mir verließ mit Stute und Fohlen die Halle. Der Torwächter gab mir das Zeichen und ich betrat die Halle. »Bitte begrüßen Sie Malte Tordenværson mit Stute CHH‘ Lethal Combination und Hengstfohlen PV Toxic Compound.«
      ich blieb erstmal im Schritt. Sortierte den aufgeregten Hengst an die richtige Stelle und versuchte auch Letta davon zu überzeugen, dass ihr Sohn in ihrer Nähe war. Sie war eine extrem ängstliche Mutter.
      Dann trabte ich Letta an. Toxy galoppierte sofort. Aber das war okay, denn er war trotz seines schmächtigen Körpers ein geborener Renner. Über unseren Ohren sagte das Mikrofon: »Toxic Compound ist vom Light up Hell, Sohn des Gleam of Light.«
      Nachdem sich Toxic Compound ausgetobt hatte, fing ich ihn wieder ein. Alles etwas anders als geplant, aber immerhin hatte er seine Talente zeigen können.

      Ich war froh, dass Bartholomäus die nächste Vorstellung übernahm. Meine Beine taten mir weh und Toxy hatte mich auf dem Rückweg noch mehrmals versucht hereinzulegen. Ich hatte gehofft, dass seine Farbe etwas Aufmerksamkeit erregen würde, allerdings waren heute nur Schecken erlaubt, also wimmelte es hier nur so vor interessanten Farbgebungen. Deswegen war wohl auch Cinqués Vorteil dahin. Der junge Hengst war farblich ein gelungener Mix aus seinen Eltern geworden und natürlich hatte Bart sich den Vorzeigeknaben geschnappt. Cinqué war mit seiner Mutter Echo‘s Maiden angereist. Sie hatte ein kleines Problem mit Fohlen, schnell war sie genervt. Aber trotzdem versorgte sie den gut genährten Hengst hervorragend.
      »Ich muss los«, sagte Bart gehetzt und band die Stute vom Hänger los. Ich nahm Cinqué schnell die Decke vom Rücken, sodass man sein schwarzes Fell und den weißen Schweif endlich sah.
      »Bleib ruhig, sagte ich zu ihm. Lass Cinqué laufen. Besser, wenn er viel Energie und Eleganz zeigt, als wenn du ständig versuchst, ihn zur Ordnung zu rufen. Die Richter stehen auf etwas Eigenwille.«
      »Ich weiß, Malte!«, sagte Bart genervt und ohne sich nochmal umzudrehen, marschierte er in Richtung Halle. Ich schloss den Hänger und das Auto ab und folgte ihm dann, nahm kurz vorher jedoch einen Abzweig und suchte mir einen Platz auf der Tribüne.
      »Als nächstes sehen Sie Bartholomäus du Martin vom Gestüt Phoenix Valley mit Zuchtstute Echo‘s Maiden und Junghengst PV Rebellion of Cinqué aus dem Amistad.«
      Bart hatte bereits vor seinem Eintritt in die Halle alles sortiert, sodass Cinqué perfekt auf der Innenseite lief. Als er am Publikum vorbei trabte, sah ich stolz das Logo von Phoenix Valley auf der Showkleidung von Bart leuchten. Er war wirklich erwachsen geworden und obwohl mir das Orange weniger zusagte, kam mir zum ersten Mal der Gedanke, dass Nico diese Farbe absichtlich ausgesucht hatte, denn sie glich auf erstaunliche Weise haargenau Barts Haaren.
      Nach dem Trab wartete Bart mit Maiden in der Mitte der Halle, während er mit nur wenig Aufmunterung Cinqué dazu brachte, im Galopp um ihn herumzutanzen und Cinqué tanzte wirklich! Er war motiviert und vor allem begabt darin, alle von sich zu überzeugen. Sein weißer Schweif wedelte vergnügt und die kleineren Freudensprünge ließen das Publikum immer wieder aufzuseufzen.
      »Es war perfekt!«, sagte ich zu Bart, nachdem er die Halle verlassen hatte. »Einfach perfekt!«
      »Ich weiß«, sagte Bart und grinste überheblich. Das gleiche Grinsen wie Nico auch immer aufsetzte. »Voll der Erfolg.«
      Cinqué schnaubte und stimmte uns zu, während Maiden mit ihrer Nase in meiner Tasche nach den Belohnungsmöhren suchte, die da auch definitiv drinnen waren.

      Wir hatten Glück. Endlich mal. Immerhin hatten wir endlich erreichen können, dass wir unser Gestüt für eine Fohlenschau zur Verfügung stellen durften. Das bedeutete: Einen Tag viele hübsche Stuten und aufgeregte Fohlen, die alle versorgt und am besten noch in einer warmen Box untergebracht werden sollten. Nico war zur Zeit der Meinung, nun ganz dringend, ganz groß rauskommen zu müssen und dafür tat er alles. Wirklich alles.
      Auch wir hatten zwei Fohlen angemeldet. Das hatten wir tatsächlich schon tun müssen, bevor überhaupt feststand, dass die Schau auf Phoenix Valley stattfinden würde.
      Die letzten Tage war ich bereits mit den anderen Nachkommen des Gestüts unterwegs gewesen und hatte sie der Öffentlichkeit vorgestellt, nun waren auch die letzten beiden dran. Da ich heute allerdings Moderator sein würde, musste ich zumindest nicht in unserem aufgefrischten Sand versinken.
      Ich hatte bereits mehr als eine Stunde vor dem Mikrofon gesessen und Teilnehmer angekündigt und während ihrer Schau begleitet, als endlich Eli mit Traumfee an der Reihe war. Heute war seine Chance zu beweisen, dass er sich auch in der Öffentlichkeit benehmen konnte. Die Tore öffneten sich und ich verkündete: »Meine geehrten Damen und Herren, nun sehen Sie Eli Riley vom Gestüt Phoenix Valley mit Zuchtstute Grenzfee und Tochter PV Traumfee.«
      Eli hatte Grenzfee vielleicht etwas zu fest an den Zügel, ließ ihr kaum Freiraum, um nach ihrem Kind Ausschau zu halten. Ich merkte, wie nervös das die alte Stute machte. Traumfee war das jedoch egal. Sie purzelte fast in die Halle hinein, trabte wie ein wahres Showpferd im hohen Bogen neben ihrer Mutter umher und wirbelte dabei fröhlich mit dem Schweif. Sie hatte Glück gehabt, nicht vorher im Stau auf der Autobahn in einem dunklen Hänger stehen zu müssen. »PV Traumfee ist aus dem prämierten Hengst Fiebertraum, im Besitz des Gestüts Sapala.« An meinen Reden musste ich wahrlich noch etwas üben.
      Eli wechselte die Hand. Mittlerweile ließ er Grenzfee auch etwas lockerer an der Trense laufen, baute sogar ein paar einfach Bahnfiguren mit ein. Traumfee passte sich dieser Vorgabe zwar nicht perfekt an, ein paar Schlenker mit ihren langen Beinen vollbrachte sie jedoch trotzdem, was die Zuschauer zumindest zum Lächeln brachte.
      Dann heizte Eli die junge Stute noch etwas ein und sie begann brav zu galoppieren. Wendete mehrmals von alleine vor den Richtern, als wüsste sie ganz genau, dass diese es waren, die über ihre Zukunft entscheiden sollten.
      Als Riley zum Ende kam, beendete ich ihren Auftritt. »Vielen Dank für diesen Auftritt. Sie sahen PV Traumfee aus dem Fiebertraum mit Mutter Grenzfee vom Gestüt Phoenix Valley.«
      Eli verließ mit der aufgewühlten Traumfee die Halle. Als sich die Tore gerade geschlossen hatten, hörte ich noch das zarte Wiehern der Jungstute, als würde sie sich über ihre Möhre freuen, die jemand ihr hinhielt.

      Puh, der Tag war fast geschafft. Mittlerweile hatte ich zu viele Pferde vorgestellt, alle hatten durchaus viel Potenzial gehabt. Die meisten Namen waren durchgestrichen und unter den verbliebenen war unter anderem Winter with Koen, der Junghengst von unserem Gestüt, aufgelistet. Er war einer der älteren und somit erst zum Schluss an der Reihe.
      »Nun begrüßen Sie bitte mit mir Bartholomäus du Martin mit Junghengst Winter with Koen«, sprach ich ins Mikrofon. Ich war froh am Ende des Tages die Funktionsweise dieses Gerätes verstanden zu haben. Koen war ein erträglicher, freundlicher Geselle, den Nico damals gekauft hatte, um der heranwachsenden Ivy Beistand zu leisten. Mittlerweile war er ganz schön gewachsen und hatte seine niedlichen blauen Fohlenaugen zu einem aufgeweckten Junghengstblick verändert. Bart würde ihn vorstellen. Vor wenigen Tagen erst war er mit mir und Cinqué unterwegs gewesen, um das mit der Fohlenschau zu üben. Er hatte es gut gemacht und wahrscheinlich würde er auch Koen wieder perfekt präsentieren.
      »Sie sehen nun zu erst den ausdrucksstarken Trab des Junghengstes«, führte ich durch die Kür von Bart und Koen. »Obwohl Koen ein reinrassiges Vollblut ist und seine Stärken im Galopp liegen, hat er einen sehr gleichmäßigen und ausgewogenen Trab.«
      Hoffentlich hatte ich nicht zu viel erzählt. Ich musste mich zurückhalten. Ich sah zu, wie Bart auch die andere Hand präsentierte, dann die Zügel löste und Koen freilaufen ließ. Das war vernünftig. Den Galopp zu zeigen war bei einem Vollblut Pflicht, aber Bart würde den Galopp des Hengstes nur einschränken.
      Und tatsächlich. Koen wusste anscheinend genau, worauf es in diesem Moment ankam. Es war fast ein Renngalopp, so hatte es denn Anschein, denn immerhin streckte sich sein seidiger Körper wie ein Stretching-Band, als er durch die Halle um Bart herum galoppierte. Nichts war von der Eleganz geblieben, er zeigte Kraft, Energie und Selbstbewusstsein in einem. Das perfekte Bild eines zukünftigen Hengstes, egal ob es für ihn in die Zucht oder ins Turnierleben gehen würde.
      Bart zögerte das Einfangen immer weiter heraus, bis das Publikum schon unruhig wurde. »Bitte applaudieren Sie für Winter with Koen, präsentiert von Bartholomäus du Martin vom Gestüt Phoenix Valley«, sagte ich, als Bart schlussendlich Koen doch einfing und mit ihm die Halle verließ.
      Die letzten Tage waren extrem anstrengend gewesen, aber ich hoffte, dass sich all der Aufwand, die Planung und die Kosten gelohnt hatten. Die Pferde durften jetzt erstmal zurück in ihr gemütliches Fohlenleben, durften den Tag auf den Weiden verbringen und am Abend im warmen Stall mit Mama kuscheln. Das hatten sie sich alle verdient. Und ich auch. Doch zu erst musste ich den heutigen Tag auch für mich zu Ende bringen. »Als nächstes begrüßen Sie…!«

      20-Januar-2020 | 17.245 Zeichen | Canyon
    • Canyon
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      happens to the heart
      Amistad | Firewalker | Light up Hell | Last in Love | Chromed Highwind | Lap de Loupe | Sir Golden Mile | Golden Sugar
      Grenzfee | Echo's Maiden | Far Cry | CHH' Lethal Combination | Westatlanta | Alphabet Soup | Song of Peace | PV Gräfin | Cinnada Mistik | I've got a blue soul | BR Prias Raveday | Delightful Cinnamon
      Winter with Koen | Ivy's Rhapsody | BR Ruffian's Smart Jane | PFS' Circle of Thyme | Lady Phoenitia | PV Farwest | PV Rebellion of Cinqué | PV Traumfee | PV Toxic Compound
      Félagi | Schwalbenfeder | Óslogi | Pítu | Marid | Arias | Mytos | Ghostly Phenomenon | Imagine Dragons
      ]Chosposi | Anaba | Morrigans Hidalgo | Cloud | My Canyon | Flotten von Mutanten | Aquena | Zonta | Havanna Girl | Kwatoko | Dawn

      »Malte!«
      Erschrocken blickte ich auf. »Ja?«
      »Mensch, bist du taub?« Bartholomäus schüttelte fassungslos den Kopf. »Dein Handy klingelt!«
      Ich blickte auf das leuchtende und vibrierende Nokia-Handy auf dem Tisch neben mir. Ich brauchte einen Moment, um mit den Gedanken von Logis Sehnenverletzung zu dem Anruf zu kommen. Ich nahm ab. Es hatte seinen Grund, warum ich keinen Anrufbeantworter eingerichtet hatte.
      »Tordenværson?«, brummte ich in den Apparat.
      »Immer noch wie damals«, sagte eine unsichere, stockende Stimme. Ich kannte diese Stimme. Sie brachte mich dazu in windeseile aus dem Sessel aufzustehen, das Wohnzimmer zu verlassen und mit einer Jacke ausgerüstet in die kalte Nachtluft hinaus zu hetzen.
      »Malte?«, fragte sie.
      »Charly«, sagte ich und meine Stimme kratzte fürchterlich wie ein Eisenschwamm auf dem Herd.
      »Gut, du bist noch dran«, sagte Charly. »Schön, dass ich dich erreichen kann.«
      Ich räusperte mich und nahm auf einer Bank vor dem Stallgebäude Platz. »Womit kann ich dir helfen, Charly?«
      »Ich wollte mich mal bei dir melden«, sagte sie leise. »Es ist nämlich so, dass ich nächste Woche beruflich in Los Angeles bin und dich fragen wollte, ob wir gemeinsam essen gehen wollen. Ich lade dich natürlich ein!«
      »Warum fragst du das mich und nicht deinen Sohn, der bestimmt gerne Zeit mit seiner Mutter verbringen möchte?«, fragte ich, etwas barscher als ursprünglich beabsichtigt.
      Am anderen Ende war es still. Ich hörte nur ein leises Rauschen, vielleicht war es Charlys Atmen. »Du weißt«, sagte sie einige Sekunden später, »dass ich mit Bart noch nie eine gute Mutter-Kind-Beziehung hatte. Er ist jetzt erwachsen. Wenn er Interesse an mir hat, dann kann er sich gerne jeder Zeit bei mir melden.«
      Diesmal schwieg ich. Ich wollte mich nicht in die Familienprobleme einmischen, aber es fiel mir schwer, nicht jetzt und für immer diesem unausgesprochenem Drama ein Ende zu bereiten. Charly nahm als erste das Gespräch wieder auf: »Also, kommst du mich nun besuchen?«
      »Natürlich«, sagte ich. »Wann kommst du an?«

      »Wo ist Malte?« Nico blickte fragend in die Runde. Eyvind, Eli, Ike und Bart standen im Hauptstall im Kreis um ihn herum. Jeden Freitag war Besprechung. Nicht, dass an anderen Tage keine Kommunikation herrschte, aber die fünf Minuten am Freitag um acht fanden ohne Kaffee und Smartphone statt. Verspätungen wurden mit extra Morgenschicht bestraft.
      »Na seine Schwester ist in Los Angeles«, sagte Eli.
      »Quatsch«, widersprach Bart. »Seine Schwester hat er seit Jahren nicht mehr gesehen. Er meinte zu mir, dass er einen Auftrag hätte.«
      »Nur, weil er seine Schwester länger nicht mehr gesehen hat, ist das doch kein Grund, dass sie sich nicht ausgerechnet dieses Wochenende treffen?« Eli ließ nicht locker.
      »Vielleicht meinte er ja seine Cousine?«, sagte Eyvind. »Hatte er hier nicht mal eine Cousine?«
      »Die Frage ist eigentlich, warum ich nichts davon weiß?«, fragte Nico. Alle zuckten ratlos die Schultern und Nico musste seufzen. »Alles klar, dann machen wir eben einen Plan ohne Malte.«
      Alle nickten. Erschienen Nico aber trotzdem leicht verwirrt, ohne Malte, der immer alle Ruder in der Hand hatte. Auch diejenigen, die Nico gerne fallen ließ. Malte rettete immer alles.
      »Ich brauche Rückmeldung zu den neuen Praktikanten und Praktikantinnen«, sagte Nico, das „innen“ betont. »Meinungen darüber?«
      »Cjara ist ziemlich hübsch«, sagte Bart mit einer andeutungsvollen Stimme. Zustimmendes Gemurmel machte sich bemerkbar. Nico seufzte laut.
      »Irgendwelche Probleme? Unzufriedenheiten? Irgendwas?«, er gab noch nicht auf. »Eyvind, du warst doch mit auf der Woodland Ranch, sind Cjara und Elsi gut geritten?«
      Eyvind nickte. »Nichts auszusetzen. Cjara schön und nervös wie immer, Elsi etwas zu verbissen, aber ansonsten tadellos.«
      »Na gut«, sagte Nico. »Wenn das so ist, dass möchte ich, dass die Mutterstuten und die Fohlen heute besondere Aufmerksamkeit bekommen. Gemeinsamer Koppelgang und erstes Halfteranlegen und Putzen ist angesagt. Ansonsten kommt heute Nachmittag noch der Tierarzt wegen Miles Hautproblemen vorbei und bringt uns neue Medikamente. Und Bart, lass ja die Finger von Cjara.«
      Nico wendete sich von der Gruppe ab und rollte zurück in Richtung Haupthaus. Wo war nur Malte? Warum hatte er nicht vorher mit ihm gesprochen?

      Ich fühlte mich überaus unwohl mit meiner dreckigen Jeans und dem Karohemd von gestern unter all den Buisnessmenschen, die aussahen, als wäre es für sie üblich, jeden Tag mit dem Flieger auf Arbeit und wieder zurück zu fliegen. Die weißen Fliesen unter meinen Füßen glänzten in der untergehenden Sonne, die durch die meterhohe Glasfassade der Eingangshalle vom International Airport von Los Angeles fielen. Meine Hände in den Hosentaschen verkrampften sich gestresst.
      Ich hätte Charly nicht erkannt, wenn sie nicht wenige Meter vor mir ihre Handtasche in der Luft geschwenkt und „Hallo Malte!“ gerufen hätte. Sie war nicht von den Menschen in grauen oder schwarzen Anzügen zu unterscheiden, die, ihren Hartschalen-Koffer vor sich her schiebend und auf das Handy blickend, die Halle in einen riesigen, menschlichen Ameisenhaufen verwandelten.
      Ich hasste Flughäfen.
      Charly war alt geworden. Sie hatte keine Falten gekriegt oder Seniorenmode gekauft, sie war einfach so alt geworden. Für einen Moment verschwamm sie vor meinen Augen und ich sah sie, so wie ich sie damals kennengelernt hatte; Kurze schwarze Haare, zerschlissene Jeans, dunkler Eyeliner und ein freches Grinsen. Sie war immer jung gewesen, diese Zeiten waren anscheinend vorbei.
      »Das ist so lieb, dass du mich abholst!«, sagte sie freudestrahlend und fiel mir um den Hals. Auch sie hatte einen silbernen Hartschalen-Koffer dabei, denn sie los lies, woraufhin er noch einige Schritte weiterrollte. Zwei Tage Los Angeles und es sah aus wie zwei Wochen Antarktis.
      Ich erwiderte ihre Umarmung und legte meinen Kopf auf ihre Schulter. Sie roch gut, viel zu gut.
      »Ich habe ein Zimmer im H-Hotel, also nicht weit von hier! Ich würde schnell meine Sachen ablegen und dich dann zum Abendessen ausführen.«
      Ohne meine Antwort abzuwarten, tippelte sie zielstrebig in den hohen Absätzen in Richtung Ausgang. Den Koffer ließ sie für mich zurück.
      Das H Hotel lag tatsächlich nur wenige Minuten zu Fuß vom Flughafen entfernt. Es hatte eine eindrucksvolle Glasfassade, Palmen vor dem Eingang und eine Suite, die größer als unsere Reithalle war. Ich fühlte mich fehl am Platz und Charly neben mir machte es nicht besser. Mit ihrer Handtasche wackelte sie voraus, während ich wie ihr Diener mit dem Koffer beeilte hinterherzukommen. Natürlich nahm sie den Fahrstuhl in den zweiten Stock, anstatt die imposante Treppe zu bevorzugen. Charlotte von Eylenstein hatte sich angepasst. Angepasst an ihre neue Arbeit, ihr neues Aussehen, ihren neuen Mann.
      Ich hatte es mir bereits gedacht, aber die Suite besaß nur ein großes Doppelbett mit aufgepolsterten Monsterkissen und Deckenbergen dazu.
      »Ich würde auf der Couch schlafen«, sagte ich und legte meinen kleinen Rucksack neben die gewaltige Couch, von der aus man einen eindrucksvollen Blick auf den LAX hatte.
      »Blödsinn.« Charly lachte auffallend hell. »Das Bett ist groß genug für uns beide. Ich mache mich schnell etwas frisch, dann habe ich für uns bereits einen Tisch reserviert.«
      Ich ließ mich aufs Bett fallen während aus dem Bad das Rauschen von Wasser zu hören war. Wer war diese Frau nur geworden? Ich hatte sie mal geliebt. Ich weiß noch, wie gerne ich Charly gemocht hatte und wie sehr ich Nico gehasst hatte. Vielleicht war das ein Grund gewesen, warum ich Nico nach all den Jahren verzeihen konnte. Tjarda und Jora, sie waren all die Zeit nur Ablenkungen gewesen. Das Wasser stoppte und ein Föhn ging an. Seit zwanzig Jahren kannte ich sie. Seit zwanzig Jahren trauerte ich ihr hinterher. Für mich hatte das bedeutet, zwei bedeutungslose Liebschaften, wobei die erste von beiden nicht mal über ein „Hey, kann sein, dass ich dich mag“ hinausgegangen war. Die zweite war schon anders gewesen, besser. Jora war in einem Augenblick in meinem Leben gekommen, in dem ich sie gebraucht hatte. Missbraucht hatte. Gedacht hatte ich dabei all die Zeit an jemanden anderen.
      Der Föhn verstummte und es wurde ruhig im Badezimmer. Ich war alt geworden. Von meinen blonden Haaren war nicht mehr viel übrig. Vielleicht hatte die Sonne in Kalifornien sie weiß gefärbt, vielleicht die Einsamkeit. Ich war noch immer der Selbe wie damals. Ich hatte meine zwei Pferde und meine Arbeit, wie eh und je. Keine Veränderung und keine Weiterentwicklung. Petyr hatte sich weiterentwickelt. Ich hatte gehört, er hatte jetzt eine Familie in Oslo. Das mit Saga war wohl doch mehr geworden, als jeder gedacht hatte. Und Charly hatte sich weiterentwickelt. Zwar in eine Richtung, die mir nicht sonderlich gefiel, aber vielleicht lag das an mir. An mir, weil ich dachte, dass sie mich nun vollends abgehängt hatte.

      Den Vormittag verbrachte Nico bei Eyvind. Er war der Alleskönner und der Allesversteher des Gestüts und der beste Zuhöhrer oder Schweigefreund, den man haben konnte. Eyvind hatte sich den Mustangs verschrieben und eine kleine Reitschule aufgebaut. Nur wenige Schüler, dafür intensiver Unterricht, der weit über eine normale Reitschule hinausging. Vor allem viel Vertrauensarbeit und Horsemanship, vom Boden aus und im Roundpen. Die Mustangs waren unerschrocken und doch immer vorsichtig, aber vor allem intelligent und erstaunlich menschenfreundlich.
      Sie durften ihr Leben im Offenstall auf den großen Weiden hinter dem Hauptstall verbringen. Einige bekam selbst Eyvind nur selten zu Gesicht und das war auch okay so, dafür waren sie hier.
      Nico fand es erstaunlich, was Eyvind für einen Umgang mit den Kindern und Jugendlichen hatte. Er war Ihnen allen wie ein Vater, obwohl er doch selber keiner war.
      Einmal die Woche kamen die Kinder aus dem Kinderheim, die Eyvind besonders ins Herz geschlossen hatte und es oft über das normale Pensum hinaus ging. Das Geld, welches dabei reinkam, war sehr gering. Aber ein Mustang sollte sowieso nicht für den Kapitalismus missbraucht werden.
      Nach Nicos Besuch bei den Offenstallweiden, suchte er sich zwei der Praktikannten, die sich um die restlichen Pferde kümmern sollten, die gerade nicht im Training standen. Auf Marid ließ er zwar niemanden anderen als Bart, aber eine Massage und etwas Rotlicht durften sie ihm schon verpassen.
      Am Nachmittag fand sich Nico wieder in seinem Arbeitszimmer für eine kurze Pause ein. Er fuhr den Laptop hoch und öffnete die Website von Phoenix Valley, die in neuem Glanz erstrahlte.
      In letzter Zeit waren einige Pferde dazugekommen, aber was noch wichtiger war, die ersten Fohlen waren geboren. Vier wunderbare Vollblüter von wunderbaren Eltern. Es waren die ersten Pferde, die auf diesem Gestüt ihren Weg ins Lebens gefunden hatten und mit Stolz aktualisierte Nico die Website von Phoenix Valley. Die Geburt von PV Farwest, PV Rebellion of Cinqué, PV Traumfee und PV Toxic Compound musste verbreitet werden. Phoenix Valley war von nun an kein vergessenes Gestüt ohne Erfolge mehr, 2020 würde DAS Jahr werden.
      Nachdem die Website mit Bildern und kurzen Texten zu den Neuankömmlingen ausgestattet war, zog Nico sich eine Jacke über und rollte nocheinmal in den Stall. Hier standen seine Schätze, sein einziger Stolz. Die Mutterstuten hatten alle etwas größere Boxen bekommen, um den aktiven Baby-Vollblütern genügend Platz bieten zu können.
      Ganz vorne stand Far Cry, die erfahrenste und älteste der Zuchtstuten. Viele Fohlen würde sie dem gestüt nicht mehr schenken können, aber ihr diesjähriges war ein voller Erfolg geworden. Das Fohlen aus Firewalker hatte den Namen Farwest bekommen und war ein wundervoller Buckskin geworden. Malte meinte, er hat er etwas von einem Dunskin, aber laut Farbgenetik war das nicht möglich. Also war Farwest ein besonderer Buckskin und genauso verhielt er sich auch.
      Die einzige Stute war Traumfee. Ihre Mama Grenzfee war ganz stolz auf den kleinen Wirbelwind, mit dem ständig schlagenden Schweif. Die Wahl, einen Hengst von einem anderen Gestüt auszuleihen, war eine gute Idee gewesen. Fiebertraum hatte nicht nur seine wundervolle Farbe vererbt, sondern auch den munteren und aufmerksamen Charakter.
      Rebellion of Cinqué war eher noch ein kleines Rätsel. Der Hengst sah wundervoll aus, keine Frage, aber er war durchaus etwas zurückhaltender und schwerer einzuschätzen von seinem Charakter her. Echo‘s Maiden behütete den blauäugigen Prachtkerl trotzdem mit aller Liebe. Den weißen Schweif hatte der Kleine definitiv von seinem Vater Amistad geerbt, eine gute Tat, keine Frage.
      Der letzte im Bunde war Toxic Compound. Leider hatte sowohl CHH‘ Lethal Combination, als auch Light up Hell keine allzu guten Werte erhalten, es war also unklar, inwiefern der kleine Hengst groß rauskommen würde. Wahrscheinlich war wohl eine Kariere als Zuchthengst, seine Farbe war wirklich wunderschön geworden.
      Vor einigen Wochen war auch Winter with Koen auf unser Gestüt gekommen. Er war Jährling und sollte als Spielgefährte für Ivy‘s Rhapsody dienen. Sie war jedoch um einiges älter und der junge Koen für sein Alter noch extrem verspielt. Er genoss sichtlich das unbekümmerte Leben und hatte durchaus schon einige Herzen erobert. Deswegen war BR Ruffian‘s Smart Jane eingezogen. Eine Prchtkombination, Homozygot Roan und dann noch Silver. Sie war eine Halbschwester von BR Prias Raveday, die bereits mitten im Training stand, aber das sollte unsere Zucht nicht weiter einschränken.
      Das größte Wunderkind aber war wohl der Junghengst PFS‘ Circle of Thyme. Ein Pineforest Nachkommen, nur für unsere Zucht gezogen und der erste Sabino. Also ein perfekter Kerl mit den besten Voraussetzungen von beiden Eltern.
      Möglicherweise würde es bald auch neue Fohlen geben. Alphabet Soup und Westatlanta liefen in letzter Zeit vielversprechende Turniere und wenn Last in Love und der neue Golden Sugar weiterhin Erfolge nach Hause bringen würden, waren neue Liebeskombinationen definitiv nicht ausgeschlossen. Aber das würde die Zeit bringen. Die beiden Praktikantinnen hatten außerdem noch die zwei unzertrennlichen Stuten PV Gräfin und Song of Peace auf einer Krönung vorgestellt und wenn da alles soweit ohne Probleme gelaufen war, dann würden auch diese bald gekrönt sein.
      Die nächsten Stunden heftete Nico Abrechnungen ab und brachte den ganzen Papierkram auf Vorderman. Früher hätte er sich nie dazu niedergelassen, leider war es ihm aber nicht mehr vergönnt, draußen mit den anderen zu trainieren.
      Seit dem Nico einige „Praktikanten“ für unbekannte Zeit auf das Gestüt gelassen hatte, war wieder Leben eingekehrt und die Arbeiter etwas entlastet. Sir Golden Mile, Lap de Loupe, Chromed Highwind, Cinnada Mistik, I‘ve got a blue soul, Prias Raveday und Delightful Cinnamon standen dadurch wunderbar im Training und sollten in den nächsten Wochen hoffentlich noch ein paar Turniersiege abholen.
      Auch der Trainingscenter von Malte lief auf Hochtouren. Er hatte endlich wieder Zeit für Aufträge und nicht nur das, er hatte sich sogar dafür bereit erklärt, Nicos Sohn Bartholomäus auszubilden und immer mitzunehmen, sodass auch er nach seinem mittelmäßigen Schulabschluss wieder etwas zu tun hatte.
      Nico seufzte abermals. Er schaute auf sein Handy. Keine Nachricht von Malte. Auf seine Frage hin, wo er denn war und wann er wiederkommen wollte, hatte er nicht geantwortet. Mittlerweile ging die Sonne unter und tauchte das Gestüt in sagenhaft rotes Licht. Erst am nächsten Morgen würde Phoenix Valley neugeboren werden.

      Das Abendessen im Hotel Restaurant war okay gewesen. Für mich hatte es einen Veggie Wrap gegeben, für Charly einen gebratenen Lachs mit Parmesan. Sie hatte sich ihre gute Laune nicht von meinen tiefen Gedanken verbieten lassen. Aber vor allem trank sie viel Alkohol. Immer nur in damenhaften kleinen Portionen. Ihr torkelnder Gang am Ende war jedoch trotzdem für alle unübersehbar gewesen.
      Die Fahrstuhltüren schlossen sich hinter uns. Ich hielt Charly um der Hüfte fest, beschäftigte mich intensiv mit dem Werbeplakat an der Fahrstuhltür. Auch Charly war eigenartig stumm und als ich die Werbung für das Casino nun schon zum dritten Mal Wort für Wort durchgelesen hatte, wagte ich einen Blick zu ihr. Ihre Augen fingen ihn sofort ein, als hätten sie nur darauf gewartet. Ihr Blick war plötzlich wieder klar und als sie sich aus meinen Armen befreite, stand sie erstaunlich selbstsicher. Mein Blick löste sich von ihren Augen, wanderte hinab auf ihre zartrosa Lippen und blieb dort hängen.
      »Küss mich«, flüsterte sie.
      Ich wollte es und doch wollte ich es nicht tun. Aber sie flüsterte, fast stumm, noch einmal die Worte. Meine Hand fand den Weg zu ihrem Nacken, verlor sich dort in dem weichen Meer aus dunklen Haaren und drückte dann ihren Körper bestimmend an meinen. Kaum waren ihre Lippen nah genug, legte ich die meinen auf ihre, roch erst ihr zartes Parfüm, dann den Lippenstift und dann den Geschmack von Champagner auf ihrer Zunge. Ich arbeitete mich tiefer in sie hinein, umschlang sie mit allem was ich zu bieten hatte, und da fand ich ihn. Erst ihren Geruch. Den zarten Geruch nach Meer, vereint mit etwas menschlichem, gut riechendem Schweiß. Dann fand ich ihren Geschmack. So verführend, so feucht, so beherrschend. Ich wollte sie, mein ganzer Körper verlangte mit jeder Zelle nach dieser Frau, die ich fest umklammerte, ihr die letzte Luft aus dem Körper zog. Ich wollte alles von ihr haben. Ich stöhnte.
      Mit letzter Kraft löste Charly sich von mir. Ihre Lippen waren verschmiert und die Haare standen wild ab. Ich hatte nicht gemerkt, dass ich ihr das schwarze Kleid begonnen hatte auszuziehen. Als die Türen sich öffneten, zog sie es schnell zurück über ihre Hüften. Wir drängelten uns mit gesenktem Blick an dem älteren Ehepaar vorbei, welches vor dem Fahrstuhl wartete. Ich konnte nicht aufhören Charly anzustarren. Ich vibrierte, fühlte mich lebendiger als je zuvor und das, obwohl ich vorhin erst gedacht hatte, sie nicht mehr zu lieben, nicht mehr nach ihr zu verlangen.
      Oh doch, das tat ich.

      »Dieses Pferd ist der Hammer«, sagte Bart immer wieder, während er die Stute aus dem Hänger führte. »Dass du an ein so schönes Pferd kommst, wirklich krass.«
      Joline hatte hellblaue Transportgamaschen an und eine passende Abschwitzdecke. Immerhin hatte Nico auch nicht schlecht bezahlt für das Wunderpferd aus Kanada, die geschenkte Ausrüstung war dafür ja das mindeste.
      »Die wird erstmal eine Untersuchung bekommen. Kann ja nicht sein, dass es nur Langweile ist, dass sie sich den Schweif aufkratzt, als würde da eine Horde Flöhe wohnen«, sagte Nico.
      Bart nahm den Strick ab, den ihm der Transporterfahrer reichte.
      »Ich brauche noch eine Unterschrift«, nuschelte er und hielt erst Bart, dann Nico den Zettel hin.
      »Ich sitze zwar im Rollstuhl, kann aber durchaus noch einen Stift führen«, sagte Nico, während er schwungvoll seinen Namen auf das Papier setzte. Dann lächelte er freundlich.
      Der Mann hatte nicht verstanden, worauf Nico anspielte. Murmelte nur und fuhr dann mit dem Transporter vom Hof.
      Bart gähnte. »Es ist mir zu früh«, sagte er. »Aber was tut man nicht alles für eine schöne Frau.«
      In dem Moment kam Cjara um die Ecke. Sie lächelte, wie immer. Ihre langen Engelslocken wippten au ihren Schultern und die Augen strahlten.
      Nico sah Bart an, der erst Joline anschhmachtete und dann den gleichen Blick auf Cjara war.
      »Guten Morgen«, flötete Cjara und Nico musste bei ihrem Anblick nun doch auch lächeln. Sie war ein wahrer Sonnenschein.
      Bart hackte sich bei ihr unter und sagte charmant: »Wenn ich die Dame in den Stall begleiten darf...« Links Joline und rechts Cjara marschierte er stolz in Richtung Hauptstall.
      Nico seufzte. Der Junge war volljährig und benahm sich trotzdem ganz anders. Genauso wie er und Nico hatte er 35 Jahre alt werden müssen, um diese Charaktereigenschaften entgültig ablegen zu können.
      Nico blieb an Ort und Stelle sitzen, schaute die Ausfahrt hinauf und als er einen alten Wagen auf ihn zukommen sah, wollte er aufspringen, bis er merkte, dass seine Beine dies nicht mehr mitmachten.
      Malte war da und auch wenn Nico die letzten Tage keinen Kontakt zu Malte hatte aufbauen können, wusste er nun, wo sein Freund gewesen war.

      »Du hast mit ihr geschlafen.«
      »Ja«, sagte ich und schloss die Autotür. »Ja, das habe ich.«
      »Würdest du es wieder tun?«
      Ich blickte fragend auf Nico herab. Es war als hatte er auf mich gewartet gehabt. Er hatte genau hier neben dem Parkplatz für mein Auto gestanden, obwohl ich niemandem gesagt hatte, wann ich wiederkommen und vor allem nicht, wo ich hinfahren würde.
      »Du meinst, ob ich wieder mit deiner Ex-Frau ins Bett gehen würde? Immer doch, ich liebe es, dir mit allem was ich tue in deine nutzlosen Eier zu treten.« Ich warf mir meinen Rucksack über die Schulter und ging die Treppe zur Veranda hoch. Nico folgte mir über die Schienen an der Seite. Er war schneller als ich.
      »Du bist zwar ein Zwerg, aber immerhin hast du deine männlichen Attribute noch im Griff«, sagte Nico. Er versperrte mir die Tür und grinste mich an.
      »Was willst du«, sagte ich matt. Es war keine wirkliche Frage, wahrscheinlich wusste Nico nicht mal selbst, was er wollte. Das einzige was ich wusste, war, dass ich mit der Ex-Frau meines besten Freundes, in die ich seit zwanzig Jahren verliebt war, eine romantische Nacht in einem exklusiven Hotel in Los Angeles gehabt hatte. Was ich aber tatsächlich wollte, wusste ich nicht.
      »Und? War es gut?« Nico ließ nicht locker. Sein Lächeln lag eingefroren und grauenerregend auf seinem Gesicht.
      »Charly ist hervorragend im Bett. Das war der beste Sex meines Lebens«, sagte ich trocken. Dann drängelte ich mich an Nico vorbei.
      »Ach schön! Erzähl doch bitte mehr davon!« Nicos Stimme tropfte vor Sarkasmus. Ich drehte mich noch einmal um, blickte Nico in die Augen. »Erzähl mir, wie toll die Frau meines Lebens im Bett ist, erzähl mir, was sie dir ins Ohr geflüstert hat, oder wie Laut ihr Stöhnen war!« Er wurde immer lauter, schrie fast. Das Grinsen war verschwunden. Er war rot angelaufen, ich sah eine Träne in seinem rechten Auge schimmern. »Ich hasse mein Leben«, flüsterte er schließlich.
      »Nico«, sagte ich und hockte mich vor ihm hin. »Es tut mir Leid, was passiert ist. Die Trennung von Charly, dein Unfall, der Rollstuhl. Alles das sind Schicksalsschläge. Vielen Menschen passieren Dinge, die sie nicht wollen, die Träume zerstören. Aber die Nacht mit Charly tut mir nicht leid. Ich liebe sie, schon all die Jahre liebe ich Charly. Die Nacht war wunderschön, aber es wird nicht noch einmal eine Nacht wie diese geben. Ich teile Charlys Leben nicht. Sie hat sich für einen anderen Weg entschieden. Ich glaube, dass sie die falsche Entscheidung getroffen hat und ich hoffe, dass sie eines Tages merkt, dass sie vielleicht sich für einen anderen Weg hätte entscheiden sollen. Ich weiß jetzt, dass ich nicht Charlys Weg folgen möchte und ich wünsche mir für dich, dass du das auch nicht tun wirst.« Ich legte ihm eine Hand aufs Bein und schaute ihn bittend an.
      »Was bin ich noch«, flüsterte Nico. »Ein Reiter ohne Beine, ein Ehemann ohne Frau und ein Vater, dessen Sohn kein Sohn sein will. Sag es mir, was bin ich noch.«
      »Du bist mein Freund, ein erwachsener, erfolgreicher Mann. Du bist ein Reiter, der Angst davor hat, aufs Pferd zu steigen, ein Mann, der nicht einsehen will, dass es noch viele Frauen gibt, die ihm Wärme und Liebe schenken können, und ein Vater, der viel zu oft seine eigenen Probleme denen seines Sohnes vorzieht. Ja, du musst an manchem arbeiten«, sagte ich und lächelte Nico aufmunternd an. »Aber trotzdem bist du viel mehr, als du denkst. Du bist am Leben und du solltest dieses Geschenk mit Demut nutzen und sorgsam damit umgehen.«
      »Du hast leicht reden. Du bist der einzige in 5 Kilometer Umkreis, der heute Morgen beim Aufstehen eine Frau in den Armen gehabt hat«, sagte Nico und folgte mir in die Küche.
      »Ich bin bereits heute Nacht gegangen«, sagte ich, während ich die Reste des Essens aus meinem Rucksack im Kühlschrank verstaute.
      »Und warum bist du jetzt erst wieder da?«
      »Los Angeles bei Nacht ist schön.« Ich schloss den Kühlschrank und nahm, ohne noch einmal einen Blick zurück auf Nico zu werfen, die Treppe hinauf in mein Zimmer.

      27-02-2020 | 24.061 Zeichen | Canyon
    • Canyon
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      moving on

      Hengste Hauptstall: Sunka, Amistad, Firewalker, Light up Hell, Last in Love, Lap de Loupe, Golden Sugar, Chromed Highwind, Sir Golden Mile, Eskador, Candlejack, The Illusionist, Graf Heinrich
      Stuten Hauptstall: Millenium GC, Grenzfee, Echo‘s Maiden, Lady Gweny, Far Cry, CHH‘ Lethal Combination, Westatlanta, Alphabet Soup, Song of Peace, PV Gräfin, Cinnada Mistik, Wild Reflex, I‘ve got a blue soul, BR Prias Raveday, Delightful Cinnamon, Joline, Sister of Crime, Monkey 47
      Fohlenweide: PV Comte de Courtoisie, PV Song 'bout Alegría, PV Phantom from Alaska, PV Noodle in Love, Winter with Koen, Ivy‘s Rhapsody, BR Ruffian‘s Smart Jane, PFS‘ Circle of Thyme, Lady Phoenitia, Phoenix Valley Farwest, PV Rebellion of Cinqué, PV Traumfee, PV Toxic Compound
      Nebestall: Ghostly Phenomenon, Marid, Arias, Mytos, La Paz, Pítu, Schwalbenfeder, Óslogi, Félagi, Braum van Ghosts, Imagine Dragons, Madame Pompadour
      Offenstall: Chosposi, Anaba, Morrigans Hidalgo, Cloud, My Canyon, Flotten von Mutanten, Aquena, Zonta, Havanna Girl, Kwatoko, Dawn


      Petyr hatte wieder ein neues Pferd angeschleppt. Damals hat er das schon immer getan und jetzt wieder. Er war noch keine zwei Wochen auf dem Gestüt, da hat er sich schon eine Box besorgt und den Hengst auf das Gestüt geschafft. Aus Kanada kam er, das Pferd, nicht Petyr. Petyr war vonüberall hergekommen. „Weltreise“ hatte er seine Tour durchOsteuropa genannt.
      Nico hatte nur die Achseln gezuckt, als ich ihm von Petyrs Besuch erzählt hatte, Eyvind hatte sich natürlich gefreut und nachdem Petyr angekommen war, hatte er schnell unter der Gestütsmannschaft Anschluss finden können. Sein Gesicht war faltiger geworden, aber seine Haarpracht noch eben so voll wie eh und je.
      Petyr hatte sich in Sunka verliebt und Sunka in Petyr. Mein Freund hatte den Hengst über
      mehrere Ecken aus privater Hand übernommen, natürlich mit dem Versprechen, den Hengst seiner Begabung nach zu fördern und welches Gestüt war dafür nicht besser geeignet als Phoenix Valley.
      Abends saßen wir dann gemeinsam auf der Veranda. Hin und wieder gesellte sich Nico zu uns, doch meist waren ihm die langen Erzähltiraden Petyrs zu unaushaltbar und er verschwand samt Rollstuhl im Haus, oder im angrenzenden Stall.
      Petyr hatte vor einigen Wochen auf Kreta Saga Glasberg geheiratet. Selbst Jora sei dabei gewesen, erzählte er mir. Sie sei immer noch hübsch, sagte er immer wieder. Natürlich aber war seine Saga hübscher. Ein Wundermensch und eine Wolkentänzerin. Dann erzählte er mir vom Norden. Von den Seen in Norwegen und den Bergen seiner Heimat Schweden. Er zeigte mir Fotos vergangener Zeiten, längst verdrängt und immer gehofft, sie vergessen zu haben. Nie wieder wollte ich abends im Bett leiden müssen. Ich war weitergegangen. Meine Heimat war zurückgeblieben. Niemand konnte seine Heimat mitnehmen.
      Petyr hatte einen Freund mitgebracht. Angeblich hatten Saga und er ihn in Istanbul kennengelernt, aber Momo selbst schwor, dass er dort nie gewesen war. Petyr hatte ihm auch ein Pferd gekauft. Er solle nun reiten lernen, hieß es, und der abenteuerlustige Momo hatte seit dem nichts besseres zu tun, als Graf Heinrich Tag für Tag zur Arbeit zu motivieren, während Petyr daneben stand und besserwisserisch Tipps verteilte.
      Es tat gut, dass Petyr wieder da war. Er verteilte gute Laune, nahm das Leben auf die leichte Schulter und gab mir keine Schuld, wenn meine Stimmung mal wieder gedrückt war. Petyr ließ sich von nichts und niemandem demotivieren.
      Aufgrund der Dürre hatte Nico jede Menge Helfer angeschleppt. Vorrangig Freunde des Gestüts, die hier sowieso ein- und auskehrten, so wie Mary Ann, Eli und Ike. Ich hatte gleich gesehen, wie Petyr ein Auge auf Mary Ann geworfen hatte und vor ihr mit der Hochzeit und dem Goldring an
      seinem Finger prahlte. Aber Mary Ann war für einen Typ wie Petyr die Falsche. Zu selbstbewusst, ganz eindeutig. Ich war froh, sie mal wieder zu sehen. Ich wusste sehr zu schätzen, dass sie und Eli Nico in der Anfangszeit in Kalifornien so unterstützt hatten. Aber Mary Ann war irgendwann immer seltener gekommen und dann war sie für einige Jahre ganz verschwunden. Nur Nico schien zu wissen, was der Auslöser dafür gewesen war.
      Ike war die letzten Monate mit Pítu auf Roadtrip gewesen, bis die anhaltende Hitze und der fehlende Regen seine weiteren Pläne frühzeitig beendet hatte. Pítu zeigte nun deutliche Schwierigkeiten, sich in der Herde einzufinden und das, obwohl er eigentlich selbst mit den
      selbstbewussteren Herrschaften gut zurechtkam. Dafür freute sich Óslogi sehr, seinen alten Weggefährten wiederzutreffen. Logi hasste die Hitze. Er war kahlrasiert und verbrachte wie alle anderen die Tage im Stall, zusätzlich bestand er allerdings fast nur noch aus Sonnencreme, soviel wie wir ihm in den letzten Tagen auf die helle Haut geschmiert hatten.
      Am besten ging es in der Hitze wohl noch unseren Fohlen. Sie waren in der Frühlingswärme zur Welt gekommen und kannten nichts anderes, als die Sonnenstrahlen auf der Haut. Drei unserer Lieblinge waren bereits verkauft und würden in Kürze in ihr neues Zuhause ziehen. Wir hatten uns zwischen vielen Bewerbern entscheiden müssen und auch als die Entscheidung festgestanden hatte, waren einige Trauertränen geflossen. PV Noodle in Love, PV Phantom from Alaska und PV Traumfee würden uns verlassen und in die ferne Welr ziehen. Ich hatte allerdings gelernt, dass manches für immer gar nicht so lange ist.
      Und dann waren da noch die ganzen neuen Pferde, die vielen jungen Reiter und all die Erfolge, die Phoenix Valley in letzter Zeit zu verzeichnen hatte. Ja, ich war oft gestresst. Es waren nicht mehr die Zeiten wie damals auf der Tyrifjord Ranch. Heute trug ich eine Verantwortung, die manchmal die Tage etwas grauer erschienen ließ, als sie eigentlich waren. Und ja, manchmal fühlte ich mich alt. Dann schaute ich eines Morgens in den Spiegel, sah, dass meine ehemals hellroten Haare grau und ausgemergelt nun, meinen Kopf verließen und nicht mehr zurückkommen würden. Dann dachte ich wieder an Jora und die Kinder, die wir nie haben würden, dachte an ihr Lächeln und an den Abend, als ich sie das erste Mal gesehen hatte. Ich hätte vieles anders machen können, aber damals schien es, als wäre sie ein verzeihlicher Verlust, heute weiß ich, dass es anders war.
      Jeden Abend brachte ich eigenhändig Óslogi und Félagi auf die kargen Weiden, wo sie sich genüsslich auf die Grasreste stürzten und mit den anderen Wallachen und Ponys ihrer Energie freien Lauf zu lassen.

      03-09-2020 | 6.448 Zeichen | Canyon
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      going home
      Hengste Hauptstall: Wallenstein, PFS' Stromer's Victory, Sunka, Amistad, Firewalker, Light up Hell, Last in Love, Lap de Loupe, Golden Sugar, Chromed Highwind, Sir Golden Mile, Eskador, Candlejack, The Illusionist, Graf Heinrich
      Stuten Hauptstall: Millenium GC, Grenzfee, Echo‘s Maiden, Lady Gweny, Far Cry, CHH‘ Lethal Combination, Westatlanta, Alphabet Soup, Song of Peace, PV Gräfin, Cinnada Mistik, Wild Reflex, I‘ve got a blue soul, BR Prias Raveday, Delightful Cinnamon, Joline, Sister of Crime, Monkey 47
      Fohlenweide: PV Comte de Courtoisie, PV Song 'bout Alegría, PV Phantom from Alaska, PV Noodle in Love, Winter with Koen, Ivy‘s Rhapsody, BR Ruffian‘s Smart Jane, PFS‘ Circle of Thyme, Lady Phoenitia, Phoenix Valley Farwest, PV Rebellion of Cinqué, PV Traumfee, PV Toxic Compound
      Nebestall: Ghostly Phenomenon, Marid, Arias, Mytos, La Paz, Pítu, Schwalbenfeder, Óslogi, Félagi, Braum van Ghosts, Imagine Dragons, Madame Pompadour
      Offenstall: Chosposi, Anaba, Morrigans Hidalgo, Cloud, My Canyon, Flotten von Mutanten, Aquena, Zonta, Havanna Girl, Kwatoko, Dawn


      Der einzige Baum vor meinem Fenster ist noch nicht da. Und wäre er da, so wären die Blätter es nicht. Tom Traubert’s Blues kommt aus dem altmodischen Radio. Es rauscht unangenehm. Der Empfang hier draußen ist einfach scheußlich. Und seitdem die Bauarbeiten an dem neuen Stallgebäude und der Militarystrecke begonnen haben. Seit dem ist es noch schlimmer geworden. Das mit dem Radio und auch das Telefonieren.
      Das klingelt gerade. Mein IPhone. Ich nehme ab, ohne meinen Blick vom Fenster abzuwenden. „Nico?“
      „Hey Nic“, sagt sie. Sie ist die einzige, die mich so nennt. Und die schreibt es auch so, ohne K. Einfach Nic. Als würde es noch weitergehen, aber sie hätte einfach in der Mitte aufgehört. Aber im Endeffekt passt das zu mir. Ich höre auch irgendwo in der Mitte auf.
      „Vicky“, sage ich und drehe mit einer Hand den Rollstuhl vom Fenster weg. Es ist traurig. Dass das eins der einzigen Dinge ist, auf die ich zur Zeit stolz sein kann. Ich könnte Basketball für Rollis spielen, wenn ich wollen würde. Aber ich will nicht.
      „Darf ich heute Abend vorbeikommen?“, fragt sie.
      „Ja“, sagte ich nur. Wir schweigen einen Moment.
      „Dann bis heute Abend, Nic“, sagt sie schließlich. „Ich freue mich auf dich.“
      Sie legt als erstes auf, dann lege ich mein Handy zur Seite. Ich blicke auf die Uhr, halb elf morgens. Der Tag will einfach nicht vorbeigehen. Wie auch die Tage davor und die Tage davor. Schwerfällig drehe ich mich um, nehme eine Jacke vom Hacken und öffne die Haustür. Es ist klar und sonnig, aber der eisige Wind zieht mir unter die Haut.
      Im Stall treffe ich auf eine Ansammlung der verschiedensten Leute.
      „Ich sage ja nur, Physiotherapie und Nahrungsumstellung ist einfach das Beste. Heilung sollte immer ganzheitlich sein und nicht nur durch irgendwelche Medikamente und teuren Hufbeschlag geheilt werden!“ Elsis Stimme war am lautesten zu hören.
      „Physiotherapie?“, äußert sich Helia abfällig. „Als nächstes kommst du mit einem Psychologen oder einem Eheberater an, wenn du mal wieder Streit mit einem Pferd hast.“
      „Ihr entscheidet sowieso nichts.“ Malte geht dazwischen, dann sieht er mich und lässt seine Hände sinken. „Geht an Eure Arbeit.“ Er wendet seinen Blick wieder Helia und Elsi zu, die sich immer noch böse anfunkeln. „Geht an eure Arbeit, wird’s bald?“ Beide stampfen erregt davon.
      Auch Bart sieht mich jetzt. „Dad!“, sagt er und grinst wie immer, dieser Vollidiot. „Dir ist kalt, hier, nimm eine Decke!“ Er legt mir eine alte Stalldecke auf die Knie, ich schaffe es nicht rechtzeitig, ihn abzuwimmeln.
      „Was ist hier das Problem?“, frage ich an Malte gewand, ohne auf das vorhergesagte einzugehen.
      „Eigentlich nichts“, sagt er. „Es ging um Victory. Stromer‘s Victory. Die Medikamente wirken noch nicht, er ist immer noch schlapp, erhöhte Temperaturen.“
      „Ich möchte ihn sehen“, sage ich und schiebe meinen Rollstuhl mitten durch die Ansammlung hindurch zu Victory. Er steht in seiner Box, schaut müde über das gewundene Tor aus Holz und Eisen hinweg. Sein Fell ist stumpf, seine Augen erschöpft.
      Ich höre und spüre wie sich stumm alle hinter mir versammeln. „Was würdest du tun, Alba?“
      „Ich?“, Alba scheint erstaunt, etwas erschrocken.
      Ich drehe mich so gut es geht zu ihr um. „Ja, du. Du wurdest ihm doch zugeteilt und hast ihn in den letzten Tagen versorgt. Was würdest du tun?“, frage ich nochmal.
      „Na ja, weitermachen. Vor allem Kühlen. Die teuren Gels wirken nicht, Heilerde könnte man probieren. Es klingt zwar altmodisch, aber ist durchaus wirksam!“ Sie kommt in Fahrt. „Und etwas Bewegung. Nicht viel, aber ein bisschen. Er stand die letzten Tage nur hier drin, auch das kann krank machen. Etwas Spazierengehen, oder in eine Paddockbox und wenn es ihm besser geht, dann auf die Weide.“
      „Stimmst du dem zu, Malte?“
      „Ja, was besseres fällt mir nicht ein. Montag kommt der Tierarzt wieder. Solange es nicht schlimmer wird, sollen wir weiter kühlen, ansonsten ihn sofort verständigen. Mehr als hoffen und unser Bestes tun, können wir nicht.“ Malte blickte mir in die Augen.
      Ich nicke. „Dann wäre das geklärt. Alba, du übernimmst die weiteren Schritte. Halte mich bitte auf dem Laufenden.“
      Alba nickt und entfernt sich. Übrig sind jetzt noch Bart und Malte. Beide schauen mich erwartungsvoll an. „Was ist?“, frage ich leicht genervt. Die beiden tauschen kurz Blicke aus und Zucken dann mit den Schultern.
      „Nichts“, sagt Bart. „Ich dachte nur, es hätte einen Grund, dass du hier bist.“
      „Ja, den hat es“, sage ich. „Das ist mein Stall und meine Pferde. Außerdem brauche ich jemanden, der mich nach Alturas fährt und das in der nächsten halben Stunde.“
      „Frage doch einen der Praktikant*innen“, sagt Malte.
      Ich schaue ihn leicht perplex an. Das kam von ihm. Er hatte echt seine Würde verloren. „Ich frage aber euch. Außerdem ist das Wort Praktikant oder Praktikantin mittlerweile überholt. Alle fünf sind mittlerweile mehr als das.“
      „Sorry Dad, aber ich habe heute echt besseres zu tun. Was willst du denn in Alturas?“
      „Bart“, sagt Malte verächtlich. „Bitte nicht in diesem Ton.“
      „Schon gut“, sage ich. „Ich war damals schlimmer. Er hat sich gut gemacht, mit dir als Ersatzdad.“ Ich schaue Malte an und versuche Dankbarkeit in meinen Blick zu legen. Ich glaube, er erkennt die Bedeutung. „Ich fahre nach Alturas, um ein Pferd abzuholen.“
      „Davon weiß ich ja gar nichts!“, empört sich Bart.
      „Und ich werde auch nichts weiter verraten, das Glück liegt ganz bei dem, der mich nach Alturas bringt“, sage ich und schaue hoffnungsvoll in Maltes Richtung.
      „Kein Ding, ich mach das. Gib mit zwanzig Minuten, ich kläre ein paar Dinge, dann bin ich bei dir.“

      Malte ist immer pünktlich. Überpünktlich. In meinen Augen ist es nur zehn Minuten später, als er mit dem Van und dem bereits von mir gestern eingerichteten Anhänger vor dem Stall parkt. Er hilft mir aus dem Rollstuhl auf den Beifahrersitz und verstaut das dumme Ding dann im Kofferraum.
      „Du willst mir immer noch nicht sagen, was es für ein Pferd ist?“, fragt er, als er das Gefährt den sandigen Weg entlang auf die Ausfahrt zulenkt.
      „Ein gekörter Hengst aus Italien. Viel mehr weiß ich selber leider nicht.“
      „Oh bereits gekört, da werden sich unsere Vollblutstuten freuen.“
      „Nein“, sage ich. „Der ist nicht für die Stuten, der ist für mich und kein Englisches Vollblut.“
      „Ich merke schon, du willst nicht mehr verraten. Da kann ich dir allerdings erzählen, dass auch ich wieder ein Pferd im Auge habe. Einen Isländer, von Atomics. Dir sagt die Zucht was?“
      Ich nicke. Malte weiß, dass er einen Freifahrtsschein genießen darf. Ohne ihn würde das Gestüt gar nicht mehr existieren.
      Eine halbe Stunde später parken wir den Wagen auf den Sonderparkplätzen beim Flughafen. Die Papiere habe ich bereits Online ausgefüllt und ausgedruckt. Am Schalter muss ich mich ausweisen, dann kommt ein Transporter, aus dem Malte kurz darauf Arthur rausführt. Er sieht müde und geschafft aus, den Schweif trägt er trotz Transportschutz arabertypisch weit oben. Er ist fast weiß, aber seine leichte Äpfelung ist gut erkennbar. Ich habe lange mit der Entscheidung gerungen, aber King Arthur wird gut zu Marid passen, er ist gelehrig und motiviert. Ich will es versuchen.
      Er lässt sich ohne Probleme verladen. Schnaubt nur etwas, als Malte ihn festbindet und ihm Heu anbietet. „Ein Araber. Noch einer“, sagt er nur und ich sehe, wie er leicht den Kopf schüttelt. Ja, noch einer, noch ein Araberhengst. Bart würde ich eine Freude machen. Er hatte die Faszination für diese Tiere von mir geerbt. Doch Arthur ist nicht nur ein Faszinationskauf. Er soll mich wieder auf den Rücken bringen. Er ist klein, aber doch muskulös genug für mich. Er hat eine grandiose Ausbildung von den besten Trainern erhalten, hat dir Leistungsprüfung mit Bravour bestanden. Und jetzt soll er mich wieder reiten lehren.
      Wir bringen Arthur nach Hause. Bart freut sich, von meinem weiteren Plan mit ihm, erzähle ich aber noch nichts. Das fällt nicht weiter auf. Jeder weiß, dass ich bei Arabern nicht nein sagen kann. Alle denken, er ist wieder ein Gelegenheitskauf. Wir stellen ihn gleich in die Box neben Marid. Die beiden hassen sich auf den ersten Blick. Und irgendwann werden sie sich lieben. Sie müssen, Marid weiß, dass ich das von ihm verlange. Er hat keine Wahl.
      „Ich werde nach Hause gehen“, spricht mich jemand von hinten an. Ich drehe mich um und Eyvind steht hinter mir.
      „Wann?“, frage ich, nur wenig erstaunt. Der Norweger ist viel zu lange geblieben. Seine Haut ist bereits dunkler geworden.
      „In drei Tagen geht mein Flug. Mein Vater ist gestorben, ich werde meine Mutter pflegen müssen“, sagt er.
      „Dann können wir morgen Abend nochmal gemeinsam essen?“
      „Ja“, sagt er.
      Ich lege ihm eine Hand auf den Arm. Höher komme ich nicht, sonst hätte ich ihn gerne umarmt. Eyvind nickt kurz und ich nehme meine Hand wieder weg. Wir kennen uns zu lange und wissen doch nichts voneinander. Eyvind war unser Gespenst, und ich würde es vermissen.
      „Petyr und Saga wollen mich begleiten“, sagt er noch. Ich nehme seine Worte zur Kenntnis. Den ollen Holmquist konnte noch nie etwas länger an eine, Platz halten. „Aber sie wollen wiederkommen, nur etwas Heimat schnuppern. Du kannst mich jeder Zeit besuchen, Nicolaus“, sagt er noch, dann dreht er sich um und geht.
      Ich werde ihn vermissen.

      Am Abend klingelt Vicky an meiner Tür. Bart macht auf und wirft mir dann einen vielsagenden Blick zu, als er wieder in die Stube kommt, lässt uns aber Privatsphäre. Ich koche Vic einen Tee, sie erzählt von dem Alltag in der Klinik und beschwert sich wie immer über Eli. Dann wirft sie ihre Haare zurück und lächelt mich an. Ich bringe ein leichtes Lächeln als Antwort zustande.
      „Nic, schau nicht so traurig“, mahnt sie mich. „Sonst muss ich dich doch zum Psychologen bringen. Du weißt, dass ich sonst Angst um dich habe.“
      „Ich weiß, wie du mich aufmuntern kannst“, sage ich und rolle in Richtung Schlafzimmer. Sie folgt mir lächelnd.
      Vic und ich haben bereits seit einigen Jahren so etwas wie eine Beziehung. Die meisten denken, wir sind nur gute Freunde und im Endeffekt stimmt das auch. Wir haben beide nie mehr erwartet. Hin und wieder kommt sie mich besuchen, bleibt über Nacht und fährt dann wieder für die nächsten Wochen zu sich nach Hause. Niemand traut sich, mich darauf anzusprechen. Ich muss damals ein böser Mensch gewesen sein.
      Es ist für mich nicht selbstverständlich, dass sie mit mir schläft. Ich bin vom Oberschenkel abwärts gelähmt. Aber Vic nimmt es einfach so hin. Ich mag sie wirklich. Sie ist einfach. Das würde ich nie laut sagen, aber es ist so. Sie kommt und geht ohne Drama, erzählt gerne und ist leise, wenn es nichts zu erzählen gibt. Sie hilft mir aus dem Rollstuhl, zieht mich, dann sich aus. Schließt das Fenster und deckt uns zu.

      Als ich aufwache ist es bereits Morgen. „Du hast mir gar nicht gesagt, dass du ein neues Pferd hast“, sagt sie, als ich in die Küche komme. Sie reicht mir einen Kaffee und deckt den Tisch. „Bart hat’s mir erzählt. Er war ganz schön zeitig wach. Erwachsen ist er geworden. Seit wann kenne ich ihn? Vierzehn Jahre? Echt lange Zeitspanne.“
      „Du bist ja noch da“, stelle ich festund rolle mit dem Kaffee an den Tisch.
      „Soll ich gehen?“, fragt sie und ich merke, dass ich jetzt nichts falsches sagen sollte.
      „Nein nein“, sage ich schnell. „Bleib bitte so lange du willst.“
      „Ich habe nachgedacht“, sagt sie und setzt sich neben mich. „Was hälst du von, wenn ich öfter komme. Vielleicht das Wochenende über?“
      Ich blicke sie an, sie weicht meinem Blick nach kurzem Zögern aus. „Ich weiß nicht“, sage ich und nehme einen Schluck.
      „Du willst nicht“, sagt sie und klingt enttäuscht.
      „Nein“, sage ich. „Das ist es nicht. Ich meine nur, bist du dir sicher, dass du das willst?“
      „Nic, ich mag dich wirklich sehr und du scheinst sehr einsam. Ich dachte nur, vielleicht kann ich dir helfen.“
      „Ach darum geht es dir“, sage ich und wäre jetzt gerne wütend aufgestanden, aber ich muss sitzen bleiben. „Du hast Mitleid mit mir. Dein Helfersydrom kannst du an einem anderen Krüppel ausüben“, sage ich und merke, wie ihre Worte sich schmerzhaft in mich reinbohren. Das ist der Grund, weswegen es so hätte bleiben sollen. Wenn man tiefer geht, dann sitzt der Schmerz auch tiefer.
      „Nein! Ich wollte dich nur-“, versucht sie sich zu rechtfertigen.
      „Gehe jetzt bitte“, sage ich und rolle vom Tisch weg. Zum Fenster. Der Baum ist immer noch nicht gewachsen, wann wird er endlich groß. Er sieht verkrüppelt aus. Mit dem dünnen Stamm und ohne Blätter. Als ich mich vom Fenster wegdrehe, ist sie weg. Ich rolle zur Verandatür und schaue auf den Parkplatz. Auch ihr Auto ist weg. Ich atme tief durch.

      Für den Abend habe ich einen Catering Service aus Canby bestellt. Sie sind nicht gut, aber meine Kochkünste sind es auch nicht mehr. Bart, Petyr, Momo, Saga, Vuyo, Ike, Malte und Eyvind schlagen sich den Bauch mit vegetarischem Zeug voll. Auch wenn nicht jeder am Tisch strikter Vegetarier war, es war von Anfang an eine ungesprochene Regel, dass wir gemeinsam auf Fleisch verzichten.
      Die Stimmung ist leicht gedrückt, Eyvind sitzt an def Stirn des Tisches und versucht gute Laune zum traurigen Spiel zu machen. Es wird über alles mögliche geredet, nur nichts zu tiefgründiges und das Thema Abschied wird vollkommen ausgelassen.
      „Wann geht euer Flug?“, fragt Ike.
      „Übermorgen, sehr zeitig“, antwortet Saga. „Aber wir haben uns entschieden, bereits morgen Abend nach Los Angeles zu fahren. Eine Nacht schlafen wir noch im Hotel. Die Gemüsepfanne ist echt lecker! Ist das Curry?“
      „Schmeckt eher wie Kardamom“, sagt Momo und probiert nochmal einen Löffel von der gelben Soße.
      „Schön, dass du bleibst“, sagt Vuyo an Momo gewandt. „Ich hoffe, du überlebst es ohne deinen Bodyguard Petyr hier in der Wildnis.“
      „Ach Quatsch“, lacht Momo. „Wenn alle Stricke reisen, dann gebe ich mich als Native American aus, heutzutage kann doch keiner mehr einen Griechen von einem Indianer unterscheiden.“
      Der Tisch stimmt in sein Lachen mit ein. Ich bleibe still und stochere lustlos in meinem Essen.
      „Iss bitte etwas“, murmelt Malte neben mir. „Zumindest das solltest du versuchen, um die Stimmung nicht noch mehr zu drücken.“
      Ich antworte nicht.
      „Lasst uns auf Eyvind anstoßen!“, sagt Saga plötzlich und erhebt ihr Glas mit Apfelschorle. Sie hat vorhin den Alkohol vehement abgewehrt. Ich weiß, was das bedeutet. Ich habe einen Sohn.
      Wir erheben unsere Gläser. „Auf Eyvind!“, sagen alle im Chor und Bart fügt noch hinzu: „Unseren blassen, homosexuellen, guten Geist!“ Ich sehe, wie Eyvind leicht lächelt.
      Ja, ich werde ihn vermissen.

      27-11-2020 | 14.450 Zeichen | Canyon
    • Canyon
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      the future
      Ich teilte diesen Monat Malte zu unseren Jungreitern dazu. Ich merkte, wie die Spannung zwischen den jungen Leuten knisterte. Ein Teil davon war Konkurrenz und Leidenschaft, der andere Teil war der Charakter, den sie alle zu sehr unterschiedlichen Teilen hatten hatten.
      Helia war mit ihrer neuen Stute Meilenstein beschäftigt. Sie war die einzige mit Privatpferd, ich hatte ihr erlaubt, sie bei uns unterzustellen. Die neue Anlage war mitten in Arbeit und im Frühjahr würde hoffentlich der Umzug sein, sodass wieder für alle genügend Platz war.
      Alba hatte neben ihrem Studium nicht viel Zeit, kümmerte sich aber mit Herzblut um die Genesung des jungen PFS‘ Stromer‘s Victory. Mir lag sein Wohlergehen genauso am Herzen, sodass ich sie so gut es ging unterstützte. Malte hatte keinen klaren Kopf, um sich einem kränkelnden und verletzten Hengst zu widmen. Helia als Tiermedizinstudentin wusste jedoch selber genug, um sich selbstständig für das Beste zu entscheiden.
      Diesen Monat mussten wir außerdem auf Petyr und Saga verzichten, sowie wohl für immer auf Eyvind. Ich musste mir Gedanken über einen neuen Reiter für Chromed Highwind machen, der Hengst hatte bereits die letzten Tage zu wenig Aufmerksamkeit erhalten, leider war das Interesse, trotz seines Talents, bei allen Reitern nicht gerade groß. Ich hatte bereits im Stillen Kämmerchen die Verpaarungen für das 1. Quartal 21 überlegt und da würde Highwind gemeinsam mit Delightful Cinnamon eine Rolle spielen. Die Öffentlichkeit und das Gestüt wusste nur, dass Candlejack und BR Prias Raveday ein Prachtfohlen bekommen würde. Das hatte ich zum Anfüttern in den Raum geworfen und das Interesse war einfach riesig gewesen, alleine nur an diesem Fohlen. Auch mir würde es schwerfallen, so wie es mir immer schwerfiel. Vor allem in diesem Jahr, nachdem die ersten Vollblüter ausgezogen waren, hatte ich sehr daran gezweifelt, ob es die richtigen Fohlen gewesen waren. Alaska und Noodle waren besonders außergewöhnlich gewesen, aber sie würden dafür auf anderen Gestüten Werbung für uns machen. PV Traumfee stand bis jetzt noch bei uns, ich war mir nicht ganz sicher, ob der Umzug noch klappen würde, es gab einige Turbulenzen und Unstimmigkeiten mit Nordwacht. Ich musste sagen, mich würde es nicht stören, wenn es für sie heißen würde, dass sie noch oder auch für immer bei uns blieb.
      Auf jeden Fall vertraute ich Cjara diesen Monat, sich alleine mit Joline und der Galopprennbahn zu beschäftigen. Beide hatten darin nicht viel Ahnung, aber umso besser war es, wenn man sie die ersten Schritte alleine gehen ließ, um Sicherheit zu schaffen. Nächsten Monat würde ich ihr einen erfahrenen Reiter zur Seite stellen, der ihr das nötige Wissen und Know-How geben würde. Joline war eher die Prinzessin, die Rennbahn würde sie sowieso nicht zum Erfolg bringen, aber Grundlagen schadeten nie.
      Malte übernahm das Training von Sunka, Petyrs Pferd, während Wallenstein, genannt „Walli“, den Saga mitgebracht hatte, von Bart übernommen wurde. Ich wusste, dass Malte leider noch zu wenig Vertrauen in die Nachwuchsreiter hatte, als dass er einen von ihnen die Leitung übertrug. Malte trainierte Sunka weiterhin im Military und auch Ferre, Elsi und Cjara waren mit ihren Berittpferden Monkey 47, The Illusionist und Sister in Crime mit dabei. Alle waren mittlerweile dabei, die Leistung ihrer Pferde vom Anfängerkönnen auf die leichteren Militarystrecken zu führen. Die Wege wuden unwegsamer, die Hindernisse höher und schwieriger anzureiten. Es wurde Zeit, dass wir uns eine professionelle Militarystrecke bauen würden.
      Bart und Walli waren Teil unserer Anfänger-Distanzgruppe. Alle Pferde hatten noch keinen blassen Schimmer von dem, was da auf sie zukommen würde. Graf Heinrich war sowieso immer etwas schwerer von Begriff, ließ sich aber unter Momos Führung auf wirklich alles ein, was ihm so vor die Nase gesetzt wurde. Meilenstein, die neue Stute Helias, war munterer und energiegeladen, im Vergleich zum Heini. Ihr junges Blut und die Begabung der Eltern machten aus ihr einen wahrhaftigen Trainingsfreak. Wer weiß, ob diese Motivation mit der Zeit nachlassen würde, bis jetzt hatte sie ihre Energie nur auf der Weide rauslassen können, jetzt ging das anstrengende Training erst richtig los.
      Neben den Englischen Vollblütern hatten sich Bart und Eli zur Aufgabe gemacht, auch die Araber etwas mehr zu bewegen. Die älteren Hengste Marid und King Arthur waren eher seltener in Beritt, dafür mussten die Jungen nun ordentlich zeigen, was in ihnen steckte. Die Halbgeschwister waren sich in vielen Dingen ähnlich, vor allem hatten sie es faustdick hinter den Ohren und gingen am liebsten zusammen durch dick und dünn. Mittlerweile war aus den beiden jedoch auch sehr ausdauernde Distanzläufer geworden. Der kalifornische Sand und die weiten Strecken waren für die Wüstenläufer die perfekte Gegend. Und es freute mich, dass mein Sohn in Eli, aber natürlich auch in Ferre, auf verkorkste, aber tieffreundschaftliche Art und Weise Freunde gefunden hatte, die ihm Halt und Struktur gaben. Etwas, wonach ich als junger Mensch lange vergeblich gesucht hatte. Manchmal war ich mir noch nichtmal sicher, ob ich den Halt heute hatte. Marid hatte mir diesen auf unerklärliche Weise zum Teil gegeben und dieser Anker war über die Jahre immer stärker geworden. Aber er konnte mir nicht jeden Sinn des Lebens erklären. Einen anderen Teil hatte Charly und später Bart dazubeigetragen, aber ich hatte das Gefühl, als würde immer noch ein Puzzleteil fehlen. Ich war gespannt, wann ich dieses finden würde.

      01-12-2020 | 5.527 Zeichen | Canyon
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  • Album:
    Phoenix Valley — Fohlenweide
    Hochgeladen von:
    Canyon
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    7 Jan. 2020
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    PV Traumfee
    Träumchen

    ● ○ ● ○

    Stute | *2020 | wird 165cm
    Englisches Vollblut
    Palomino

    ● ○ ● ○

    Von Fiebertraum

    Von Freudentraum Aus der Goldlöckchen

    Aus der Grenzfee

    Von unbekannt Aus der unbekannt

    ● ○ ● ○

    Traumfee hat einen herzallerlieben, fröhlichen Charakter und einen schwungvollen Bewegungsapparat. Sie ist menschenbezogen, aber auch sehr sensibel und reagiert schnell über, wenn ihr etwas nicht sehr passt. Ihre Stimmungswechsel sind hin und wieder etwas unerwartet, können jedoch durch ein gutes Verständnis für sie verringert werden. Traumfee braucht viel Beschäftigung und Aufmerksamkeit!
    Beide Eltern kommen aus dem Rennsport, waren jedoch nicht allzu erfolgreich. Eine Rennkarriere ist zwar möglich, jedoch liegt ihr eventuell eher das Military oder Springen.

    ● ○ ● ○

    Besitzer: Canyon
    VKR/Ersteller: Canyon
    im Besitz seit: 07-Januar-2020
    Kaufpreis: x Joellen

    ● ○ ● ○

    ● Schleifenaufstieg Trainingsaufstieg Potential

    Galopprennen E A L M S S* S** S***


    Springen E A L M S S* S**

    Military E A L


    Distanz E A L

    Western E A L

    Dressur E A

    ● ○ ● ○

    Fohlen ABC | Eingeritten x | Eingefahren x

    [Schleife]
    Thema

    ● ○ ● ○


    [Schleife]
    Thema

    Abstammung: 2
    Schleifen: 0
    HS: 0
    TA: 0
    Trainer: 0
    Zubehör: 0
    Gesamt: 2

    Gencode: ee Aa nCr
    Zur Zucht zugelassen: Nein
    Eingetragene Zucht: Phoenix Valley (PV)

    Nachkommen
    -


    ● ○ ● ○

    Letzter Tierarztbesuch: unbekannt

    Letzter Hufschmiedbesuch: unbekannt

    ● ○ ● ○

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