Canyon

○ Òslogi

Isländer ○ Perlino Splashed White ○ Wallach ○ 10 Jahre ○ 138cm ○ gekört

○ Òslogi
Canyon, 13 Jan. 2020
Rinnaja, Mohikanerin und Snoopy gefällt das.
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      ▲▽▲
      Phoenix Valley

      Entweder man kann oder man kann nicht...
      Die Sonne brennt geradezu auf uns nieder. Hochsommer! Und Kenneth rennt noch im Shirt hier rum und arbeitet seine Pferde. So ein Idiot... Gerade machte er mit Ghost Merchant ein paar Sprungübungen, draußen auf dem Mini-Springplatz, wenn er diesen Namen überhaupt verdient hatte mit seinen paar provisorischen Hindernissen aus umliegenden, verdorrten Zweigen. Unsere Springpferde hatten es hier wirklich schwer. Der gesamte Stall war auf Dressurreiter ausgelegt, bestenfalls sogar barocke. Die ganz hohe Kunst. Wer konnte schon ahnen, dass mein verrückter Bruder sich Sportpferde einlud? Niemand, genau! Genauso wenig ahnen konnte man jedoch, dass ich mir zwei Islandpferde nach Kalifornien holen würde. Das ist vielleicht noch eine Nummer verrückter, weil sie absolut nicht für die Hitze hier ausgelegt sind. Vor allem nicht der helle Óslogi, der bereits bei seiner Ankunft einen Sonnenbrand auf der Nase hatte. Jeden Tag wurde er gründlich eingecremt und bekam den schattigsten Platz, den wir hier bieten konnten. Eine dünne Exemerdecke hatten wir schon bestellt, aber es würde noch ein paar Tage dauern, bis die ankommt. Bei Goldmarie stand außerdem noch unser baldiges hoffentlich Schneeweißchen Félagi frá glæsileika eyjarinnar. In störte die Sonne weniger, aber die Hitze machte ihm trotzdem zu schaffen. Er haarte so stark, dass man bei jeder Berührung einen Büschel Fell in der Hand hielt. Gut so, in einer Woche würde er fast nackt hier stehen, auch er bekam zur Sicherheit eine dünne Decke. Ich saß Oberkörper frei im Schatten eines Pfostens vor den Boxen und genoss meine wohlverdiente Pause, nachdem ich mich schon mit Kenneth Dressurstütchen Fix the Flame herumgeschlagen hatte. Irgendwie hatte es mein Bruder geschafft mich in seine Sportpferdezucht einzubinden. Ein Fan davon war ich aber trotzdem nicht. Schecken mochte ich auch nicht, es sei denn sie würden wie mein kleiner Isländer, mit der Zeit so weiß werden, dass man die Scheckung eh nur noch erahnen könnte. Dann ging das. Schimmel sind einfach meine absoluten Favoriten. An oberster Stelle stand dabei mein Lusitano Amador, der heute auch noch an der Reihe war. Aber erstmal musste ich mich aufraffen Cadiz aus seiner Box zu holen und fertig zu machen. Der Schecke... hatte erst vor Kurzem seine Zuchtzulassung erhalten.

      „Hey Lucius!“ Kenneth zeigte mit seiner Minigerte auf mich, als sei sie ein Schwert. „Wird das heute noch?!“ Ich seufzte und zog mich langsam hoch, streckte mich ausgiebig und klopfte mir dann den Staub von der schwarzen Hose. Zufrieden grinsend dackelte Kenneth mit Cherry an mir vorbei in den Stall. Ich folgte ihm, und blieb an Cadiz' Box kleben, während er mit der Stute bis zum Ende der Stallgasse ritt, bevor er abstieg. „Du bist schon faul, oder?“ lachte ich bei diesem Anblick, doch Kenneth ließ sich nicht auf meine Spielchen ein, das kannte ich ja schon. Ohne auf seine Antwort zu warten holte ich Cadiz aus seiner Box und bekam fast einen Schock bei dem was mir da blühte. Er hatte sich wohl in seiner eigenen Scheiße gewälzt. Wieso macht er sowas? Kenneth lachte bitterböse, als er das Malheur sah. „Halt, deine...“ ich hob einen Striegel vom Boden, warf ihn nach meinem Bruder und – traf! „Eeh!“ beschwert er sich und ließ den Striegel über den Boden zurückschlittern. Vermutlich hatte er zu viel Sorge, dass die Pferde hochschrecken könnten, aber bis auf Cherry's verdutzten Blick hatte der fliegende Striegel nichts mit den beiden auf der Stallgasse angestellt. „Was denn? Das ist Schreck-Training!“ verteidigte ich mich schmunzelnd und fing an den furchtbar stinkenden Fleck an Cadiz Flanke wegzuschrubben. Ich versuchte es... Aber ohne Wasser würde ich da nicht weit kommen. Kenneth hatte Cherry mitterweile in ihren Offenstall gebracht und sich stattdessen Óslogi auf die Stallgasse geholt. Zu meinem Vergnügen, hatte sich der Sechsjährige nicht ehrenhafter verhalten als Cadiz und sah mindestens genauso appetitlich aus. „Viel Spaß.“ meinte ich grinsend, als ich mit dem gesattelt und getrensten und noch halbnassen Cadiz an den beiden vorbeizog. „Troll dich!“ - War das eine Mahnung? Ich lachte und führte Cadiz zur rundum geschlossenen und neuerdings sogar klimatisierten Reithalle. Gut eine Stunde arbeitete ich den frisch gebackenen Deckhengst. Als ich wieder kam war Kenneth noch immer nicht soweit mit dem Isländer. „Mein Gott, nimm doch Wasser!“ meinte ich genervt, aber irgendwie amüsierte mich der Funke von Verzweiflung im Blick meines Bruders. „Machst du den Kleinen nachher auch noch? Dann würde ich mit Amador ausreiten.“ Das hatte ich schon seit Tagen vor! Nie kam ich dazu. Kenneth murmelte irgendwas vor sich hin. „Was denn jetzt?“ hakte ich nach, während ich die Boxentüre zu Amador aufschob. Der Stall war so klein, dass wir egal wo auf der Stallgasse wir uns befanden, uns in angenehmer Lautstärke kommunizieren konnten. „Ja mach...“ Überzeugt war Kenneth scheinbar nicht, aber gut. Ich zuckte als Reaktion mit den Achseln und machte dann Amador für den Ausritt fertig. Ich liebte Ausritte mit meinem Schimmel so sehr, weil er hier wesentlich braver war als auf Plätzen oder in Hallen. Außerdem staubte er hier und da das ein oder andere Leckerlie von Passanten ab. Vermutlich war er deshalb so zugegen, wenn jemand „Ausritt“ sagte. Da wir mit allen anderen Pferden sowieso schon durch waren, blieb ich noch eine ganze Stunde länger draußen als ursprünglich geplant. Kenneth kommt schon klar. Kam er nicht – Aber das bekam ich erst mit, als ich mit Amador auf den Hof zurückkehrte und er immer noch, nach mittlerweile drei Stunden, mit Óslogi kämpfte. Der junge Hengst zeigte sich bockig, ganz in Amador-Manier. „Was macht ihr da?“ fragte ich lachend, doch Kenneth hörte mich nicht. Ich beschloss erstmal meinen Lusitano abzusatteln, abzuspritzen und zurück in seinen Offenstall zu bringen, bevor ich mich meinem Bruder widmete. Als ich wieder zum Platz kam hatte dieser sich in den Sand gesetzt und raufte sich die langen Haare. „Verfällst du jetzt in einen Sitzstreik?“ ich zog ihn hoch, doch Kenneth war mit seinen Nerven vollkommen am Ende. „Jetzt geh, mach den Zwerg fertig, ich regel das hier.“ Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Sofort verschwand er in Richtung Stallungen und ich sah in die blauen, sturen Augen des Ponys vor mir. „Nun denn...“ bestimmt griff ich nach der Longe am Boden und ging los. Óslogi folgte. Was hatte Kenneth nur? Ohne Probleme führte ich den Perlino in den Stall. Kenneth fiel die Kinnlade runter, als er uns reinkommen sah. Er war sprachlos. „Was auch immer du versucht hast... Machs nächstes Mal anders.“ Ich grinste. Das war gemein. Ich wusste ja nicht mal was er alles versucht hatte. Eigentlich war mein Bruder nicht der Typ, der schnell aufgab, im Gegenteil. „Den kriegst du aber hin oder soll ich helfen?“ Kenneth sah mich herablassend an. „Du kannst ihn gerne übernehmen, wenn du es mir nicht zutraust.“ sagte er in abfälliger Art, aber mit weicher Stimme. „Du hast mein vollstes Vertrauen, Bruder.“ Ich klopfte ihm im Vorbeigehen auf die Schulter und begann den Hof abzukehren. Als ich fertig war, war auch Kenneth mit Félagi durch. „Wir sollten Termine vereinbaren, bevor die Anrufzeiten wieder zu Ende sind.“ Ich stimmte gedankenverloren zu und ging ins Wohnhaus. „Wir teilen uns am besten auf.“ Kenneth kramte einen seiner tollen Notizzettel hervor. „Du rufst für die beiden Isländer beim Tierarzt an. Die brauchen eine Routineuntersuchung, nur zur Sicherheit und deren Impfungen sind auch nicht komplett. Ah und bei der Gelegenheit kann dann auch die Wurmkur mit aufgefrischt werden!“ Ich nickte jeden Punkt einzeln ab, aber so schnell wie er das runterratterte behielt ich eh nur die Hälfte. „Hast du das auch noch schriftlich?“ - „Du kriegst meinen Zettel...“ - „Oh nein...“ Meinte ich leise und legte mir die Hand vors Gesicht. Kenneth ignorierte das gekonnt und fuhr fort. „Ich rufe währenddessen bei Hunter an, der soll sich die Hufe der beiden anschauen.“ - „Der muss dann von England bis hier fliegen nur für zwei Pferde, hast du sie noch alle?!“ Er meinte das tatsächlich ernst. „Na gut. Gib mir den Zettel.“ Wo hatte ich mein Smartphone? Ich tastete meine Hosentaschen ab. Nichts. Kenneth lachte. „Wo ist es?“ Er zuckte mit den Schultern. Drohend sah ich ihn an. „In deiner Jacke, wie immer. Was kann ICH denn dafür, wenn DU meinst hier ohne Oberteil rumrennen zu müssen.“ Protzig wie er war, zog er sein iPhone aus seiner Hosentasche und hielt es sich einen Moment später ans Ohr. Auch ich fand schließlich mein Smartphone und rief beim Tierarzt an um einen Termin zu vereinbaren. Für was nochmal? Ich versuchte zu entziffern was mein Bruder mir aufgeschrieben hatte. Seine Schrift war grauenvoll! Kein Vergleich zu meiner Sauklaue, aber ich wusste immerhin was ich geschrieben hatte und mutete meine Schrift niemanden sonst zu. „KENNETH!“ rief ich, aber er telefonierte noch. Bei mir meldete sich mittlerweile die melodische Stimme unserer Tierärztin. Süffisant grüßte ich zurück und bat um einen Moment, bis ich entziffert hatte was ich eigentlich von ihr wollte. Wenige Minuten spät hatte ich das Rätsel schließlich gelöst.

      Alles geregelt schmiss ich mich, samt Smartphone und Tablet-PC, aufs Sofa im Wohnzimmer. Kenneth stieß wenig später dazu und pflanzte sich in den Sessel neben mir. „Hunter kann nicht...“ meinte er geknickt. „Der steckt im Krankenhaus. Wen buchen wir stattdessen?“ Was fragte er mich? „Keine Ahnung, hast du seine Chefin mal gefragt?“ Kenneth schüttelte langsam den Kopf. Ach er wusste nichts davon. Hatte er wohl vergessen, dass er in Begleitung hier war. Wie konnte er nur? „Joicy Mc Flower, ruf die mal an. Die Nummer findest du bestimmt im Internet, du bist ja nicht von gestern.“ Ich zwinkerte ihm zu, während er die Augen rollte. Aber er tat wie ich sagte. „Sie ruft zurück. Klang aber ganz zuversichtlich.“ Gut, jetzt hatten wir wirklich alles fertig für heute. „Lucius...“ Ich hatte gerade die Augen zu gemacht! Was wollte der jetzt? Stirnrunzelnd sah ich ihn an. Oh Gott er sah besorgt aus... Das heißt nie was Gutes. „Lucius, ich wollte mit dir noch was besprechen...“ Ächzend und stöhnend, weil ich viel lieber ein Nickerchen gemacht hätte, rappelte ich mich hoch, bis ich aufrecht saß. „Was denn?“ fragte ich. „Du hast dir ja jetzt die Isländer gekauft und...“ Ohje... Jetzt kommts. „...ich möchte mein Zuchtziel etwas breiter auffächern.“ Das hätte er jetzt nicht geschwollener formulieren können. „Wie meinst du das?“ fragte ich, die Stirn noch immer in Falten gelegt. „Ich möchte nicht nur Trakehner züchten, sondern allgemein deutsche oder gar europäische Sportpferde.“ - „Du hast dir einen Narren an den Viechern gefressen, kann das? Die sind doch totale Nervenbündel! Such dir doch was ruhigeres... Wie wärs mit... Bretonen? Oder... Ja von mir aus auch Tinker oder sowas...“ - „Das ist nicht was ich will.“ - „Mhm...“ Eine unangenehm lange Pause trat ein. „Ich möchte vor allem bunte, großrahmige Sportpferde. In allen möglichen Farben und Scheckungen. Ich hab da ein Fohlen im Auge... Tigerschecke. Ein Hunter. Nachkomme von Hunter's Mr. Raw Depression.“ Verwirrt sah ich ihn an. Da war jetzt definitiv zu oft das Wort 'Hunter' drin. „Ein Vollblut-Warmblut Mix.“ klärte er mich auf. „Ah! Ein Halbblut.“ Lachend schüttelte er den Kopf. „So in der Art.“ Er zeigte mir ein Foto von dem Fohlen. Es sah tatsächlich ganz gut aus, soweit man das von einem Foto beurteilen konnte. „Dann mach halt...“ Ich konnte geradezu sehen wie ihm ein Stein vom Herzen fiel und krachend zu Boden fiel und dort zersprang. War das wirklich so eine große Last für ihn? Als würde ich ihm in seine Zucht reinreden. Er ließ mich meine Showreiterei ja auch machen ohne mir reinzureden was ich da zu tun und zu lassen hatte. Jedenfalls war ich jetzt gespannt, was er noch für Pferde auf den Hof holen würde in nächster Zeit.

      28. Mai 2016 | 11.837 Zeichen | sadasha
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      Training

      Einreiten
      Phoenix Valley war noch ein recht junges Gestüt, welches inmitten von Kalifornien lag und von zwei Brüdern geführt wurde. Einer der beiden hatte sich tatsächlich zwei Isländer zugelegt und einer der beiden sollte heute hier bei uns in Kanada ankommen. Ich hatte ein Weilchen mit mir gehapert, da Óslogi eingeritten werden sollte und obwohl ich mir sicher war, dass es sich nicht groß zu der englischen Reitweise unterschied, hatte ich doch Respekt davor.
      Nun gab es aber sowieso kein Zurück mehr. Vor einer Woche hatte ich mit den Brüdern telefoniert und mein Einverständnis gegeben und so war nun Óslogi auf den Weg zu uns. Er war sechs Jahre alt und ein hübscher Perlino, ein kleiner Sonderling unter den Isländern wie mir schien, aber sonst hätte er es wohl auch nicht nach Kalifornien auf das Gestüt geschafft.
      Gebracht wurde er von Lucius, welcher sich auch neugierig auf meiner Ranch umschaute. Für Óslogi ging es auf die kleinere Weide hinter dem Stall. Als Perlino war er sehr anfällig gegenüber der Sonne, weshalb ich ihn mittags wohl auch immer in den Stall bringen würde. Allerdings würde Óslogi eine Weide im Wald bekommen, so dass er von den Bäumen rundum guten Schutz bekam.
      Mit Lucius sprach ich auch noch einmal alles ab und machte die Papiere fertig, ehe er sich auch schon verabschiedete. Danach schaute ich noch einmal bei dem Isländer vorbei. Der hatte sich zwischenzeitlich ausgiebig gewälzt und die neue Gegend erkundet. Dank der Halle lag auch diese Wiese großteils im Schatten und so brauchte ich mir für diesen Nachmittag keine Gedanken um mein Ausbildungspferd zu machen.
      Für heute hatte er dann sowieso erst einmal frei und durfte ankommen, ab Morgen würden wir dann in aller Ruhe mit der Arbeit anfangen. Beim Einreiten ließ ich mir immer viel Zeit. Gerade bei Óslogi würde man da mit allerhand Gefühl drangehen, denn der Hengst war zwar ein ruhiges Gemüt, neigte aber zum Chef-sein und das wollte ich von Anfang an verhindern. Nun würde ich dem Guten aber erst einmal noch die Box für die Nacht herrichten, ehe es dann Morgen losgehen würde.

      Óslogi wurde direkt in den Stallalltag eingebunden. Das bedeutete morgendliche Fütterung, dann hinaus auf die Weide und nachdem ich mit dem Ausmisten und den restlichen Stallarbeiten fertig war, holte ich mir den Hengst für die erste Arbeit in den Stall. Dort band ich ihn am Putzplatz an und begann ihn gründlich zu putzen.
      Ich hatte Óslogi bereits auf der Weide beobachtet und bemerkt, dass der Hengst ein Naturtölter war. Das hieß, er bevorzugte den Tölt dem Trab, wenn er draußen auf der Weide unterwegs war. Ich glaube, bisher hatte ich noch nie ein Gangpferd eingeritten. Laut Lucius schien der Hengst sogar ein Fünfgänger zu sein, also würde es doppelt interessant werden.
      An der Longe wollte ich heute schauen, inwiefern der Hengst die Gangarten bereits unterscheiden konnte und wie es um seine Balance und Selbsthaltung stand. Deshalb ging es für uns heute in die Halle, weg von allen ablenkenden Sachen. Zuerst wärmte ich Óslogi in Ruhe auf und führte ihn auch einige Runden durch die Halle, ließ ihn rückwärts- oder seitwärtstreten.
      Dann nahm ich ihn an die Longe und begann im Schritt auf beiden Händen. Auf mein Trabkommando trabte er auch an und schien auch einen sehr klaren Trab zu haben. Darüber war ich sehr erstaunt, denn der Tölt besaß den gleichen Takt wie der Schritt, dementsprechend fielen viele Isländer immer erst einmal in den Tölt.
      Beim zweiten Versuch war das aber auch bei Óslogi der Fall, aber immerhin sah ich so auch einmal seinen Tölt und nach ein paar Übergängen verstand er auch anhand der Kommandos, was ich verlangte. Der Hengst besaß über eine gute Grundbalance, weshalb ihm die unterschiedlichen Gangarten nicht viel ausmachten. Also gingen wir zum Galopp.
      Der klappte auch gut und den Rennpass würde ich wenn dann sowieso erst von oben erarbeiten können. So hatte ich mir heute aber schon einmal ein Bild von Óslogi machen können und die erste Woche würden wir uns nun auf Konditions- und Muskelaufbau konzentrieren, ebenso wie auf die Verbesserung seiner Balance.
      Dazu kamen die Stangen und Cavalettis zum Einsatz. Ich hatte viele bunte Varianten an Kombinationen, mit welchen Óslogi gefordert wurde und sich konzentrieren musste. Außerdem arbeiteten wir vom Boden aus auch an den Seitengängen, welche seine Rücken- und Bauchmuskeln stärken würden. Óslogi arbeitete sehr gut, aber auch nur, wenn er ernst genommen wurde.
      Sobald mich ein wenig die Konzentration verließ, ließ sie auch bei Óslogi nach. Deshalb machten wir regelmäßig Denkpausen im Training, die besonders bei der Wärme uns beiden zu Gute kamen und so arbeiteten wir auch gut miteinander. Für Óslogi ging es steil bergauf. Die Kommandos an der Longe festigten sich, ebenso wie er Muskeln aufbaute und es ihm immer leichter viel, sich auf der gebogenen Linie aufzurichten.

      In der zweiten Woche arbeitete ich dann immer zweimal am Tag mit ihm. Einmal vormittags und einmal abends. Óslogi machte das nichts aus, er war voll dabei und eine Trainingseinheit war auch immer mehr Denkarbeit als Anstrengung. Denn nun wollte ich ihn schon einmal an Sattel und Trense gewöhnen.
      Am ersten Tag sah er sie nur am Putzplatz hängen und durfte sie genauer begutachten. Am zweiten Tag legte ich ihm Satteldecke und Sattel auf und nahm sie direkt wieder weg, wenn er stillstand. Dann lag der Sattel immer länger auf ihm und ich führte Óslogi auch durch die Halle damit, ehe ich dann begann, den Sattel langsam festzugurten.
      Óslogi nahm das neue Objekt sehr gut an und wirkte stets ruhig und entspannte. Dementsprechend war der Sattel bald schon kein Problem mehr und wir schwenkten zur Trense um. Die durfte er erst einmal ohne Gebiss kennenlernen. Außerdem erarbeitete ich dabei direkt, dass er stillhielt und den Kopf leicht senkte, wenn man ihn auftrensen wollte.
      Erst als die Trense mit geschlossenen Riemen kein Problem mehr darstellte, kam auch das Gebiss dazu. Erstaunlicherweise nahm Óslogi es sehr gut an, auch wenn er am Anfang fleißig kaute. isländische Trensen waren simpler als englische gemacht, aber da Óslogi den Unterschied eh nicht kannte, war das auch egal.
      Nun wo er beides kannte, longierte ich ihn auch regelmäßig mit Sattel oder ging in voller Montur eine Runde spazieren. Óslogi hatte bei dem abwechslungsreichen Programm auch sichtlich Spaß. Wir gingen auch zweimal auf den Extreme Trail bei Elisa, um seine Trittsicherheit noch etwas zu schulen und dann fingen wir mit dem größten Schritt an: Dem Reiter.
      Ab da kam auch Elisa ins Spiel, denn alleine sollte man so etwas nie machen. Stattdessen hielt Elisa den Hengst nun immer an der Longe und wir fingen ruhig an. Ich stellte mich nur leicht in den Steigbügel und übte von beiden Seiten leichten Druck auch. Auch drückte ich die Steigbügel mal leicht gegen Óslogi und siehe da, der Hengst wich immer direkt zur Seite.
      Am kommenden Tag wagte ich mich dann mit einer Aufstieghilfe an die Seite des Hengstes und legte meinen Oberkörper über den Sattel. Óslogi drehte zwar den Kopf nach hinten, um mich zu begutachten, blieb aber stehen. Nach dieser Erfahrung machten wir zwei Tage Pause in der ich ihn nur longierte und dann stieg ich das erste Mal auf.
      Obwohl er nun längst nicht mehr das erste Pferd war, was ich einritt, war es doch wieder aufregender denn je, der erste zu sein, der auf diesem Pferd saß. Ich spürte auch die leichte Unruhe des Hengstes unter mir, welche jedoch schnell abschwächte, als ich mit ihm redete und ihn an der Mähne kraulte. Schnell stieg ich aber auch wieder ab und lobte ihn dann von unten ausgiebig.
      „Mit dem ist das doch richtig entspannt“, meinte Elisa grinsend, als ich das dritte Mal kurz auf Óslogi saß und sie vorschlug, ihn zumindest ein paar Schritte im Schritt zu führen. Die ersten Schritte waren wackelig und unsicher, aber nachdem Óslogi sich mit der Situation bekannt gemacht hatte, schritt er sehr sicher voran und Elisa lobte ihn fleißig für jeden Schritt.
      „Und gut abdecken tut er dich Zwerg auch“, lachte sie, als ich wieder abstieg. Darüber war aber selbst ich erstaunt, denn Óslogi war nur 138cm groß, aber dadurch, dass er etwas kräftiger war, deckte er wirklich sehr gut ab. Mit meinen 165cm gab es aber auch nicht sonderlich viel abzudecken.

      Nachdem wir diesen großen Schritt geschafft hatten, ging es im Training fleißig weiter. Zuerst führte uns Elisa immer nur ein paar Runden und dann nahm sie uns an die Longe. Jeden Tag „ritt“ ich Óslogi circa zehn Minuten. In der dritten Woche nahmen wir dann auch den Trab hinzu, beziehungsweise das Antraben auf leichten Schenkeldruck.
      Und da kamen wir zum ersten Mal zu dem Problem, dass Óslogi aus Balancegründen immer antöltete. Also entschieden wir, dass wir eben erst einmal das antölten übten. Sobald das an der Longe sehr gut klappte, entließ uns Elisa auf die ganze Bahn und wir konnten uns selbst austesten.
      Als junges Pferd musste ich Óslogi gut mit Zügel- und Schenkelhilfen einrahmen ohne ihn aber gleichzeitig zu überfordern. Leicht war das nicht, gerade bei Óslogi der ja gerne selbst sagen wollte, wo es langging. Aber großartige Diskussionen blieben aus und so tölteten wir bald das erste Mal die lange Seite entlang.
      Der schwierigste Schritt war also geschafft, Óslogi konnte nun die Balance unter dem Reiter halten. Wir begonnen also mit dem Erlernen der Hilfen und den Gangarten. Zuerst besserte ich Schritt und Tölt aus, ehe ich gemeinsam mit Elisa begann, den Trab zu erarbeiten. Vorhanden war er, Óslogi musste nur die Hilfen lernen.
      Da Óslogi ein Naturtölter war, hatten wir ihn nun nicht Antölten müssen, das war zwar in der Hinsicht ganz praktisch gewesen, aber nun mussten wir den Trab erarbeiten. Für den Tölt hatten wir von Anfang an eine andere Hilfegebung gegeben. Die Hände nahm ich stets leicht hoch und die treibende Hilfe war auch leicht stärker beziehungsweise gab mehr Impuls, damit Óslogi ein wenig mehr angeheizt wurde.
      So würde er später keine Probleme bei der Unterscheidung haben. Als ich ihn nun in den Trab haben wollte, nahm ich die Hände leicht herunter, gab nach und nahm generell den Ansporn aus meinem Sitz heraus. Bei dem Tölt war vor allem die Kraft und das Tempo entscheidend. Ein Pferd war dabei oftmals sehr unter Spannung, sobald man jedoch die Luft herausließ, kam der Trab beinahe wie von selbst.
      Wir übten ein Weilchen, bis auch die Schritt-Trab-Übergänge klappten. Dabei kam es wirklich darauf an, wie viel Energie ich Óslogi entgegenschickte und wie die Hilfen waren. Da Pferde sehr aus Impulsen reagierten, war es eigentlich gar kein Problem, dem Hengst zu zeigen, was man wollte. Denn er reagierte automatisch auf meine Energie.
      Als wir unser Trab-Tölt-Problem gelöst hatten, was uns nebenbei schon allerhand an Sicherheit und Balance gebracht hatte, gingen wir zum Galopp. Dabei begann ich auf Óslogis stärkerer Seite, so dass er auch direkt im Handgalopp angaloppierte. Erst einmal stand wieder nur das Angaloppieren auf die Hilfe im Vordergrund, ehe ich begann, den Hengst auch weiter zu galoppieren.
      Für den richtigen Handgalopp nahm ich das äußere Bein leicht nach hinten und gab innen etwas nach, um die innere Schulter freizumachen und so Óslogi direkt den Weg zu weisen. Und siehe da, er sprang auf beiden Seiten richtig an. Dafür wurde er natürlich immer ausgiebig gelobt.
      Wo wir nun alle vier Gangarten in der Halle unter geschützten Bedingungen konnten, kam für Óslogi endlich wieder eine Abwechslung, denn es ging ins Gelände! Um gerade die schnelleren Gangarten auszubauen, bevorzugte ich die Ausbildung im Gelände. Elisa begleitete uns immer mit einem ihrer ruhigen Pferde und so streiften wir öfters durch die kanadischen Wälder und Óslogi lernte spielerisch, längere Zeit zu traben, zu tölten oder zu galoppieren.
      Auch im Gelände achtete ich darauf, dass Óslogi in dem Handgalopp ansprang, welchen ich ihm vorgab. Außerdem wechselte ich auch regelmäßig ab, damit beide Seiten gefördert wurden. Wir ritten auf den großen Wiesen auch große Wendungen, bei welchen Elisa vorneweg ritt und ich Óslogi hinterherlaufen ließ.
      So kam die Biegung bald von selbst und in der Halle oder auf dem Platz half uns das allgemein sehr. Generell war Óslogi ein Pferd, was sehr schön nachgab und lockerließ. Es war kein Problem, ihm den Weg in die Tiefe zu zeigen und ihn den Rücken aufwölben zu lassen und das, obwohl ich hier einen Isländer unter mir hatte.
      Schon bald war es für uns normal, dass wir Schritt, Trab, Tölt und Galopp ritten, wenn wir auf dem Platz waren. Auch gingen wir unterschiedliche Bahnfiguren oder arbeiteten mit Stangen. Aus dem Jungpferd wurde tatsächlich ein Reitpferd. Theoretisch hätte ich nun Óslogi noch den Rennpass beibringen können, jedoch gehörte ich zu der Partei, die sagte, dass man dies lieber ab dem 7. Oder sogar erst 8. Lebensjahr machen sollte.
      Der Rennpass diente nicht für lange Strecken, sondern war eingeplant für maximal 200-300m. Dies lag vor allem an dem Tempo und der Spannung, welche das Pferd aufbaute. Da wir den Rennpass wollten, hatte ich von Anfang an darauf geachtet, dass Óslogi nie in eine Situation kam, um in den Schweinspass zu fallen. Einmal falsch, war es schwer wieder rauszubekommen.
      Auch konnten sich in den Pass leicht Taktverschiebungen einschleichen, weshalb das Pferd vorher wirklich ausgiebig ausgebildet sein musste. Da Óslogi nun aber noch am Anfang seiner Karriere als Reitpferd stand, ließ ich den Pass lieber noch warten.
      Das besprach ich auch mit Lucius, als dieser den Isländer eine Woche später bei uns abholte. Bevor wir den Hengst verluden, ließ ich den Besitzer einmal auf sein Pferd und erklärte ihm auch noch einmal die Hilfegebung aller Gangarten, damit es später nicht zu Problemen kam.
      „Aber ich habe das auch alles noch einmal aufgeschrieben, auch die Hinweise bezüglich des Rennpass. Aber ich denke, bei euch ist Óslogi ja sowieso in besten Händen“, erklärte ich lächelnd und machte meinem Kunden dann sein Pferd transportbereit. Nach einer halben Stunde stand das Pferd fertig im Hänger, die Ausrüstung war verladen und die beiden waren bereit zum Abmarsch. Ich verabschiedete mich herzlich und wünschte noch eine gute Heimfahrt.

      09. Juni 2016 | unbekannt
    • Canyon
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      Tierarzt

      Der Milbenbefall und die Routineuntersuchung

      Scott saß bereits im Flieger nach Kanada. Etwas ermüdet blickte er aus den mickrigen Fenster über die Wolken hinweg. "Wie sehr habe ich doch nur mein Bett vermisst", dachte er gedankenversunken. Es waren zwei Monate die er in Frankreich geblieben war. Nun musste er jedoch zurück. Schließlich konnte er Ty und Cassandra nicht so lange alleine lassen. Wenige Stunden später, landetete das Flugzeug endlich und die Passagiere konnten aussteigen. Scott ging durch das Terminal und suchte seine Koffer, als er den Flughafen jedoch verließ, sah er lauthals brüllend Ty, Amy und Lou die auf ihn sehnsüchtig warteten. "Was macht ihr denn hier ?!", rief er erstaunt und geschmeichelt zugleich. "Wir haben dich doch alle vermisst", sagte Lou lächelnd. Abwechselnd umarmten sie den Tierarzt und halfen ihm beim tragen der Koffer. "Ein Taxi brauchst du auch nicht, dafür sind wir ja da." Ty zwinkerte ihm zu und hob die Koffer in den Stauraum seines Jeeps. "Vielen Dank für's abholen! Ich habe echt nicht damit gerechnet, dass man mich vermisst hat"

      Am nächsten Morgen ging der Alltag wie geplant weiter. Der erste Kunde stand um 10 Uhr morgen vor der Klinik. "Hallo! Wir kennen und noch nicht oder ?", Ty schüttelte die Hand des jungen Mannes und warf einen flüchtigen Blick zum Hänger in dem die Pferde standen. "Mein Name ist Lucius Jenkins", sein Kalifornischer Akzent war nicht zu überhören. Cassandra hatte bereits ein Auge auf den Jungen geworfen und stellte sich kerzengrade neben Ty hin. "Schön dich kennenzulernen. Wie können wir dir weiter helfen ?" Lucius lächelte erfreut über so viel 'Gastfreundschaft' "Meine Pferde sollen eine Routineuntersuchung bekommen, geimpft werden und eine Wurmkur verabreicht bekommen" - "Alles klar.", die drei machten vor der Hängertür halt und öffneten die Klappe, sodass die Patienten hinaus geführt werden konnten. "Können wir mit den Perlino Hengst anfangen, er sieht mir auf den ersten Blick sehr mager aus ?", fragte Ty zunächst. "Ja gerne. Soll ich irgendwas machen ?" - "Ja, führ ihn bitte vor. Cassandra? Holst du mir bitte die Tasche ?", das Mädchen nickte und eilte in die Klinik um Tys Utensilien zu holen. Ty musterte seinen federnden Gang. Der Hengst war zwar extrem mager, dafür jedoch sehr temperamentvoll. "Ich werde ihn jetzt abtasten, der Gang ist in Ordnung, wieso Óslogi so mager ist, kann mehrere Gründe haben." Ty fuhr mit der Hand über den Rücken des Pferdes, schließlich über die Flanke, den Hinterteil und den Bauch. Auch die Beine tastete er sorgfältig ab. Anschließend hob er die Hufe einzeln hoch und übte eine Beugeprobe aus. Nachdem er auch den rechten Hinterhuf kontrolliert hatte, richtete er sich mühsam auf und sagte "Alles in Ordnung, das einzige was mir negativ auffällt, sind die deutlich spürbaren Rippen des Pferdes. Aber dazu sage ich nachher noch etwas.", dann nahm er eine kleine Taschenlampe und kontrollierte die Zähne des Pferdes, er leuchtete in das Maul des Tieres – fuhr dann fort zu Augen und Ohren und musste etwas feststellen. "An den Augen sind einige kahle Stellen, manche davon sind relativ frisch und bluten. Óslogi scheint sich gekratzt zu haben, im Gesicht jedoch nicht so vorteilhaft. Das kann wohlmöglich auch mit der Magerheit zusammen liegen. Ich messe jetzt noch die Temperatur, dann sollten wir fertig sein." Ty nahm das Termometer an, welches Cassandra ihn entgegen hielt. Er hob den Schweif an und wartete auf ein Signal. "37,3°C Alles im normalen Bereich.", er säuberte das Thermometer, legte es weg und sah Lucius an. "Deinem Pferd geht es eigentlich gut. Ich würde schwer behaupten er hat einen Milben oder Flohbefall, daher der Juckreiz und der Gewichtsverlust. Es wäre ratsam Óslogi wenigstens so lange in Behandlung zu lassen, bis die Milben weg sind – ansonsten besteht das Risiko diese auf andere Pferde zu übertragen. Du könntest ihn zwar mitnehmen, müsstest ihn jedoch isoliert halten und selbst behandeln."

      Tys nächster Patient war Félagi, ein kleiner Porzellanscheckfarbiger Isländerhengst. Cassandra führte ihn über den Hof, damit Ty sich ein Bild von seinem Gang machen könnte. Der Kleine hatte ein aufbrausendes Tempo drauf und schwebte nahezu über den Hof. "So aktiv wie der Frechdachs ist, fehlt ihm nichts. Sein Gang ist vollkommen in Ordnung. Sowas sehe ich gerne", kommentierte Ty und musterte dabei den Körper des Jährlings. Als er mit den Händen über Bauch und Rücken ging, spürte er einige Fettschichten. "Unter seinem Fell spüre ich deutlich Fettpolster. Ich war mir nicht sicher ob es nur so aussah, aber ja Félagi ist zu dick. Ich würde es im Auge behalten. Fohlen- oder auch Jährlingsspeck ist vollkommen normal und er ist ja schon was älter, allerdings dürfen wir solche Kleinigkeiten nicht ignorieren." Gleich nach der Futterstandkontrolle, tastete Ty den Jährling ab. "Soweit fühlt sich alles super an", seine Hand glitt an den dünnen Beinchen entlang, bis zum Huf. Diesen hob er an, betrachtete ihn genauer und beugte ihn schließlich unter dem Bauch. Das wiederholte er bei allen drei Hufen. Schließlich näherte er sich dem Kopf und griff mit seinen Fingern seitlich ins Maul des Jährlings und leuchtete in das Maul hinein. "Top", kommentierte er knapp und klopfte lobend den Hals von Félagi. Die Zahnkontrolle war schon etwas schwieriger gewesen, da Félagi nicht daran gewohnt war. Ty war jedoch schon einiges gewohnt. Als nächstes sah er sich Nüstern, Augen und Ohren an. Aber als er auch hier nichts feststellen konnte, nahm er sein Stethoskop um die Atmung zu kontrollieren. "Alles gut", da fiel im plötzlich ein, dass er Óslogi gar nicht kontrolliert hatte. Also begab er sich schnell zu seinem vorherigen Patienten und hielt das Stethoskop an den Körper des Pferdes. "Gut, bei Óslogi ist auch alles im grünen Bereich", dann nahm er das Thermometer um bei Félagi fortzufahren. Es piepste kurz und ein Blick auf die Anzeige verriet ihm, dass Félagi in einem Top-Zustand war. "Dein Jährling ist wohlauf. Wir können nun mit dem Impfen bei beiden Pferden fortfahren."

      Cassandra füllte den Impfstoff ab um ihn Ty zu überreichen, während Ty die erste Spritze an Félagis Hals ansetzte, füllte Cassandra die Menge für Óslogi ab. Die Beiden tauschten die Spritzen aus um auch Óslogi auf Tetanus, Influenza , EHV-1 & EHV-4, Tollwut sowie Druse zu impfen. Als nächstes griff Ty nach der Tube Wurmkur um die Paste Oral den beiden Hengsten zu verabreichen. Als der letzte Schritt vollbracht war, luden sie die beiden Pferde wieder in den Hänger. Lucius und Ty setzten sich in die Klinik um sich über die Einzelheiten zu unterhalten. "...Behalt Félagi im Auge, er darf nicht dicker werden. Ansonsten sieht aber alles Top aus. Óslogi hat lediglich ein Milbenproblem. Da reicht ein einfaches Mittel gegen dieses Ungeziefer, außerdem sollte er isoliert gehalten werden, damit sich diese nicht auf andere Pferde übertragen."

      28. Mai 2016 | 6.848 Zeichen | Jackie
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      Phoenix Valley
      Pflege

      „Wie heißt die?“ ungläubig sah ich meinen Bruder an, als er mir den Namen des Tigerscheck-Fohlens nannte, das er sich angeschafft hatte. „Ases Maskwamozi“ ließ er mich in absoluter Überzeugung wissen. „Das klingt falsch. Das spricht man bestimmt nicht so aus.“ Kopfschüttelnd nahm ich ihm die Papiere des Fohlens aus den Händen. „Ist ja auch egal. Sie wird eh einen Rufnamen bekommen.“ Ein wenig beleidigt verließ Kenneth das Haus um sich um seine neuen Youngster zu kümmern. Neben dem Tigerschecken, hatte er auch noch eine Falbscheckstute mit Rappfohlen auf den Hof geholt. Levisino's Hope und Leveneza. Die Abstammung konnte sich durchaus zeigen lassen. Endlich mal Pferde, bei dem einem die Namen im Stammbaum etwas sagten. Nachdem ich meinen Kaffe ausgetrunken hatte schlenderte auch ich in den Stall. Die Isländer hatten mittlerweile den größten Teil ihrer Winterwolle verloren und mussten nicht mehr allzu schlimm schwitzen von der kalifornischen Sonne. Vor allem um Óslogi sorgte ich mich immer wenn die Sonne besonders stark war. Zur Zeit hatte er auch mit einem hartnäckigen Sonnebrand auf der Nase zu kämpfen. Trotz Maske und Sonnencreme, ließ sich das manchmal nicht vermeiden. Der goldene Hengst war nämlich Entfesslungskünstler und wir konnten ihn nicht rund um die Uhr im Auge behalten. Félagi war da doch angenehmer. Auch er hatte immer mal einen leichten Sonnenbrand auf der Nase, war aber allgemein unkomplizierter in der Handhabe. Bis jetzt.

      Kenneth hatte den Fohlen und seiner Zuchtstute frisches Futter angeboten und die Tränken kontrolliert. „Amador kannst du heute vergessen. Der hat sich irgendwo die Schulter aufgerissen.“ Kenneth sagte das so nebenbei... Am liebsten hätte ich ihm dafür direkt den Kopf gewashcne, aber mein Schützling war mir wichtiger. Sofort rannte ich zu seiner Box um mir die Wunde anzusehen. Durch das trockene Klima hatte sich bereits eine Kruste gebildet und viel Dreck schien nicht reingekommen zu sein. An Reiten war nun jedoch erstmal nicht zu denken. „Ich longiere ihn trotzdem ab.“ Kenneth nickte und putzte an seinem Ghost Merchant herum, der wie immer nicht wirklich sauber werden sollte. „Ist das da ein Fleck im Fell oder vom Dreck?“ ich zeugte auf eine Stelle am Hals. „Keine Ahnung... Es wäre einfacher, wäre er ganz weiß.“ beschwerte sich Ken. „Tja...“ Ich hatte ihn schon beim Kauf gewarnt, aber er wollte nicht hören. „Warte ab bis dein Isländer ausschimmelt, du wirst das gleiche Probleme bekommen. Du wirst weinen!“ - „Der wird schöner schimmeln.“ scherzte ich und führte Amador vorbei und quer über das Gelände in die Reithalle. Es war heute einer dieser Tage, die viel zu heiß waren um überhaupt richtig zu arbeiten. Der Verbrauch an Trinkwasser stieg ins Unermessliche und wir konnten froh sein einen eigenen Wassertank zu haben, denn anderen Kaliforniern wurde die Wasserzufuhr dicht gemacht weil sie zu viel verbraucht hatten. Kaum zehn Minuten longiert pumpte Amador als hätte man ihn drei Stunden galoppieren lassen. Auch Kenneth war jetzt in der Reithalle. Niemand wollte bei dem Wetter länger draußen sein als unbedingt möglich. „Vielleicht solltest du ihn durchchecken lassen.“ Er wirkte ernst. „Find mal wen, der heutzutage schnell hier ist...“ Es war noch immer schwer akute Krankheiten und andere Wehwehchen schnell behandeln zu lassen. Sowohl tierärzte als auch Hufschmiede waren chronisch ausgebucht. Es brachte in diesem Moment nichts Amador noch weiter zu quälen. Also brachte ich den reinweißen Schimmel zurück in den Stall und ritt stattdessen Cadiz, einen der Hengste meines Bruders. Der Schecke war gut gelaunt und arbeitete fleißig mit. Später blieben nur noch Busted Cherry Cake und Fix the Flame übrig. Die Stuten wurden derzeit aktiv auf die Zuchtzulassung vorbereitet und würden vielleicht schon in einem halben Jahr durchstarten. Mal sehen was da noch kommt.

      23. Juli 2016 | sadasha
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      Phoenix Valley
      Umgestaltung

      „Óslogis Sonnenbrand wird immer schlimmer, willst du da nicht mal was tun?“ Etwas mürrisch sah ich von meinem Tablet auf und blickte in das empörte Gesicht meines Bruders. „Mehr als ihn tagtäglich einzucremen und im Schatten zu halten, kann ich nicht.“ Kenneth setzte sich neben mich und schielte kurz auf mein Tablet, bis er mich weiter tadelte. „Die beiden Isländer gehen hier ein. Die gehören einfach nicht nach Kalifornien.“ Ich nickte zustimmend und ergriff das Wort. „Deshalb werde ich sie auch wieder abgeben.“ Nun war Kenneth verdutzt. Stockend suchte er nach Worten, doch es kam nicht mehr „A-“ oder „Mhm...“ dabei rum. Grinsend versetzte ich das Tablet in den Ruhemodus und legte es weg. „Ja Kenneth, ganz so blöd bin ich doch nicht.“ mit einiger Genugtuung beobachtete ich die Mimik meines kleinen Bruders. Sie änderte sich von verdutzt, zu grübelnd, zu sauer werdend und wieder zu verdutzt. „Wahrscheinlich gehen beide zusammen nach Norwegen und können da ihr Ponyleben genießen. Seit wir Royal Disturbance hier haben hab ich einen größeren gefallen an Mangalarga Marchadors und Campolina Pferden gefunden für die Gangreiterei. Die sind sogar hitze- und sonnenbeständiger, wenn man sich nicht grade einen Cremello anschafft.“ erklärte ich ausgiebig um Kenneth von seinem Zwiespalt zu erlösen. „Wann?“ - „Nebenbei...“ - „Aber, du...“ - „Ja, hatte ich, aber es ist besser für die Ponys.“ - Das war eignetlich sein Spruch, aber ich hatte immer noch Spaß daran ihn zu ärgern. „Und Polka D-“ - „Die war in der Karibik und hatte da keine Probleme. Dann wird sie hier auch keine Probleme kriegen.“ erwiderte ich sofort. Mein Bruder verfiel ins Grübeln und war irgendwann so sehr in Gedanken versunken, dass ich aufstand und im Stall noch den Fohlen sah. Leveneza und Ases Maswamozi gefielen mir mit jedem Tag mehr. Beide würde ich sicher nicht als Showpferde nutzen dürfen, dennoch brachte ich ihnen Unsinn bei, wenn Kenneth mal auf Reisen oder wenigstens für ein paar Stunden außer Sicht war. Die einzigen Auswirkungen, die Kenneth bemerkte waren ein ausgeglicheneres und besseres Verhalten im Training. Leveneza war trotz, dass sie die jüngere der beiden war schon etwas weiter was „Ruhig stehen“ und „Rückwärts gehen“ oder „Drehen“ betrifft. Ases Maskwamozi ist einfach eine langsame Lernerin. Dafür überzeugt sie in Präsenz, Farbe und ihren aberwitzigen Ideen, wenn sie sich mal wieder ablenken ließ.

      Mit Amador ist die Arbeit mittlerweile auch um einiges leichter geworden. Er ist zwar immer noch sehr aufbrausend und hengstig, lässt sich aber endlich direkt ordentlich arbeiten ohne dass man ihn ewig ablognieren muss. Es zeigt sich, dass es eine gute Idee ist ab und an mal einen ausgebildeten Pferdetrainer an seine Tiere zu lassen. Das ist nicht nur Training fürs Pferd, sondern auch für die Reiter. Die Trakehner hatten in letzter Zeit auf Turnieren ordentlich abgesahnt, wie Kenneth das nun geschafft hatte konnte ich mir nicht erklären. Immerhin hat er aktuell drei Pferde aktiv im Turniersport und muss nebenbei noch zwei Zuchtpferde und zwei Fohlen bespaßen. Ich hingegen kann mich voll und ganz auf die Hofarbeit konzentrieren, Bodenarbeit mit den Pferden lag im Moment im Vordergrund, da die Klimaanlage ausgefallen ist. Harte Arbeit war so unmöglich. Kenneth fuhr zwar jeden Tag zur Reithalle eines Freundes, aber solange ich mit meinen Pferden voran kam, begnügte ich mich so mit ihnen. Royal Disturbance würde ich mir heute etwas näher ansehen. Sie sah toll aus, wie die meisten Mangalarga Marchadors. Die Kombination aus Roan und Tobiano war schon ein seltener Anblick. Ihr ruhige, bestimmte Art tat den Rest. Sie stand sehr im Gangpferdetyp. Ich hatte schnell raus wie sie tickt und wie ich zwischen den Gangarten wechseln konnte. Es machte wahnsinnig Spaß Neues auszuprobieren, das war schon mit den Isländern toll. Aber aufgrund der akuten Brandbeschwerden bei Óslogi war an Arbeit mit ihm nicht zu denken. Er tat mir schon sehr leid, umso mehr freute es mich wahrscheinlich einen guten Platz für ihn und Félagi gefunden zu haben. Die beiden Junghengste liebten sich schon heiß und innig und könnten theoretisch auch als Bachelorpaar bestehen bleiben. Die neuen Besitzer haben aber meinen absoluten Segen, wenn sie die beiden legen wollen. Für die Zucht ist weder eine, noch der andere vorgesehen und wer weiß ob sie sich irgendwann doch quälen würden als Hengste in Ställen wo auch mal rossige Stuten stehen. Meine Gedanken verloren sich und ich wurde erst wieder wachgerüttelt, als mich die hübsche Scheckstute anstupste, an deren Box ich stand. Dankbar strich ich ihr über Nüstern und Maul, bevor ich wieder ins Haus ging. Kenneth war eingeschlafen, hatte mein Tablet auf dem Bauch liegen und sabberte eins der Sofakissen voll. Großartig. Ein Bild für die Götter. Der Sommer würde noch zwei bis drei Monate andauern. Solange läuft der Betrieb auf Sparflamme, in jeglicher Hinsicht.

      01. August 2016 | sadasha
    • Canyon
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      Tyrifjord Ranch
      Ankunft zweier Fellkugeln

      Mio » Buskerud, Norwegen - 06:56
      "Du siehst aus wie Frankenstein höchstpersönlich!" Verschlafen und mit geschwollenen Augen wurde ich am frühen Morgen von Petyr begrüßt, welcher natürlich putzmunter und fröhlich bereits mit der Stallarbeit begonnen hatte. Träge nahm ich mir eine Mistgabel zur Hand und schlurfte dann weiter zu meinem Freund.
      "Ich hoffe, ich bin noch nicht grün im Gesicht." murmelte ich und stieß die Boxentür neben der von Petyr auf. "Solange mir noch keine Schraube aus dem Kopf schaut und mich die Pferde noch erkennen, ist alles gut."
      Petyr lehnte sich lachend auf seinen Stil der Mistgabel und blickte durch die Gitterstäbe der Box zu mir herüber. "Wenn du schon nicht geschlafen hast, dann musst du mir jedenfalls erzählen, WARUM du nicht geschlafen hast." meinte er und grinste. Wahrscheinlich vermutete er eine geheime Liebesaffäre oder was weiß ich. Leider musste ich ihn jedoch enttäuschen.
      "Geschlafen habe ich, aber anscheinend nicht genug." Abwartend blickte Petyr mich an und ich seufzte. Eigentlich hatte ich noch keine Kraft und Lust jetzt so viel zu erzählen, aber ich kannte meinen Freund, so schnell würde er nicht locker lassen.
      "Julie ist gestern wieder zufrieden in Amsterdam gelandet. Nach einem Jahr ohne feste WLAN-Verbindung haben wir natürlich die Chance ergriffen und geskypet und das, wie du ja bereits mitbekommen hast, bis tief in die Nacht hinein." Ich gähnte.
      "Uuund? Was hat sie erzählt?" harkte Petyr nach.
      "Jaja, kein Stress!" sagte ich leicht genervt, während ich die Arbeit in der Box aufnahm. Dabei musste ich meine Stimme allerdings erhöhen, damit mich Petyr weiterhin verstand. "Sie meinte, sie wäre dunkler als die verbrannten Plätzchen, die ihr Tante Annika zur Begrüßung gebacken hatte und auch wenn das Bild sehr unscharf war, kann ich das nur bezeugen. Leider passt dieser Hautton so gar nicht zu ihren roten Haaren."
      Ich legte die Mistgabel in die Schubkarre und wechselte die Box. Petyr tat es mir gleich und sobald wir wieder in einer Box standen und Mist schaufelten, erzählte ich weiter.
      "Ansonsten schwärmte sie vor allem von Indien, da war sie den letzten Monat, und von der Reise mit dieser Eisenbahn da, die durch ganz Sibirien rollt. Der Name ist mir entfallen, aber auch nicht so wichtig." Ich legte eine kurze Pause ein, in welcher ich kurz verschnaufte und meine Gedanken sammelte. "Sie war überglücklich und hat beständig über beide Ohren gestrahlt. Aber wie wäre es, mein Lieber Petyr, wenn du sie das einfach selbst fragst, wenn sie mich in ein paar Tagen besuchen kommt?"
      Petyrs Kopf erschien vor den Boxengittern. Sein Blick sprach Bände, wie man es so schön sagte. "Sie kommt? Sie hat dich doch schon seit Jahren nicht mehr besucht!" Ich zuckte die Schultern. " Übertreibe nicht, etwas öfter hast du sie schon gesehen, sonst wärst du nicht so vernarrt in sie. Sie will ja sowieso weiter zu unserem Vater nach Östersund, da ist der kleine Umweg hier her ja kein Problem. So und nun lass uns diese Schubkarre zum Mist bringen, so langsam ist sie übervoll!"
      Petyr nickte, schien jedoch ganz woanders in Gedanken zu sein. "Du, Malte, ist sie wirklich noch so eine Schönheit, wie sie es früher schon immer gewesen war, ich meine so mit langen gelockten Haare und strahlenden grünen Augen – ?" verträumt blickte er in den Himmel und ich seufzte theatralisch. "Ich möchte mit dir jetzt NICHT über meine Schwester sprechen, da gibt es jetzt wichtigere Themen. Du weißt was heute für ein Tag ist?" Mit einem kräftigen Stoß stieß ich die Schubkarre den Misthaufen hinauf und entleerte sie, bevor ich sie Petyr wieder in die Hand drückte, er konnte sie schön zurückfahren! Geistesabwesend nahm er sie einfach an.
      "Äh vielleicht dein Geburtstag? Aber der war doch im Winter oder?"
      Ich schüttelte den Kopf. Was für ein toller Freund, der noch nicht mal meinen Geburtstag wusste. "Neeeein, es ist nicht mein Geburtstag!"
      "Tut mir leid, dann weiß ich es nicht Malte." meinte Petyr und zuckte entschuldigend mit den Schultern. Schon wieder seufzte. Heute war wohl so ein Seufztag und das, obwohl ich eigentlich über beide Ohren strahlen sollte. "An was erinnern dich die Worte Kalifornien, pelzig, warm und Isländer?" Petyr schien einen Moment überlegen zu müssen, bevor es ihm eeendlich einfiel. "Deine beiden Pferde kommen heute an?" Ganz entgeistert blickte er mich an "Warum hast du das denn nicht schon früher gesagt!"
      "Da war ich noch zu müde und dann wolltest du ja, dass ich dir alles von Julie erzähle und deswegen bin ich erst jetzt dazu gekommen."
      Freudig wie ein kleines Kind hüpfte Petyr zurück zum Stall und rief mir über die Schulter entgegen: "Na worauf wartest du denn noch? Wir haben noch viel zu tun!"

      Tatsächlich hatten wir viel zu tun. Boxen fertig machen, alle Pferde von den Weiden holen, jeden mit seiner eigenen speziellen Futtermischung füttern und dann ein paar der Pferde noch ihre Medikamente geben. Petyr untersuchte die kleinsten Fohlen Mios Jelda und Aspantau nach Verletzungen, während ich Teufelstanz ihre Medikamente gegen die vielen Beschwerden gab. Sie hatte sich gut geschlagen, die Vollblutstute, aber Nico wollte ihr noch mehr Ruhe gönnen, bevor wir versuchen wollten, sie wieder zu reiten. Nach einer gescheiterten Renn- und Zuchtlaufbahn war sie mit einigen Verletzungen und Krankheiten und einem kleinen ungewollten Fohlen zu uns gekommen und ich war schon stolz darauf, was wir zusammen geschafft hatten.
      "MALTE!" laut schallte Petyrs Stimme durch den Stall. "Komm mal her und hilf mir! Diese verfluchte Jeanie will einfach nicht ihre Schnauze von mir lassen."
      Vorsichtig schloss ich die Box von Teufel, streichelte ihr noch einmal kurz übers Maul und folgte dann Petyrs Hilferuf. Dieser hatte meine Hilfe auch dringend nötig; Er lag fast in der Box, um die zierlichen Hufe der kleinen Jeanie untersuchen zu können und Jeanie hatte nichts anderes zu tun, als immer wieder zu versuchen seine Haare aufzufressen, diese waren ja auch genau auf der richtigen Höhe für so etwas.
      "Himmelherrgottnochmal!" schimpfte Petyr, während er versuchte Jeanie mit einer Hand fernzuhalten und mit der anderen einen Huf von Jelda zu heben. Zum Glück war die kleine Stute noch entspannter als ihre Mutter!
      "Ach Petyr", ich seufzte (schon wieder!), "Lass mal den Chef hier ran." Vom Hacken nahm ich Jeanies Halfter, band sie damit an den Gitterstäben fest und kniete mich neben Petyr ins Stroh. "So und jetzt erzähle mir, was daran so schwer war." Petyr boxte mir nur kurz in den Oberarm und schob mich dann aus der Box. "Mach, dass du wegkommst du Blödi!" schimpfte er und als Gegenschlag streckte ich ihm die Zunge raus. Ja so war er, unser Petyr.

      Obwohl ich es nicht vermutet hätte, war Petyr am Nachmittag aufgeregter als ich und das, obwohl die beiden jungen Isländer seit langem meine ersten Pferde waren, die ich mir kaufte. Petyr war es auch, der alle fünf Minuten aus dem Stall blickte und nach einem Transporter schaute, welcher die beiden zu uns bringen sollte. Es war ein angenehmer Mittwochnachmittag. Die Sonne schaute immer wieder hinter den Wolken hervor und kein Lüftchen wehte, sodass man die 17 Grad doch ganz gut vertragen konnte. Ein perfekter Tag, welcher zwar nicht ganz so gut begonnen hatte, aber das taten die guten Tage doch sonst auch. Die schlechten begannen gut und endeten schlecht, die guten fingen schlecht an und wurden erst später richtig gut. So war es jedenfalls immer bei mir. Ich hatte mich gerade zu einer kleinen Pause auf die Bank vor dem Stall niedergelassen und ein gutes Buch, ein Krimi (Tote, Fingerabdrücke, Blut und so ein spannendes Zeug) in die Hand genommen, als Petyr ganz aufgeregt neben mir auftauchte und meinte: "Da da, so schau doch, sie kommen!"
      "Petyr, du klingst wie eine Prinzessin, die ihren langersehnten Prinzen endlich wiedersehen kann. Ehrlich, du hättest auch Schauspieler werden können." meinte ich und stand mühsam auf. Meine armen Knochen!
      "Und du hast zwei Pferde gekauft und bis lustloser als je zuvor! Das ist auch nicht besser." verteidigte sich Petyr und verschränkte die Arme vor der Brust.
      "Glaube mir, ich freue mich auch, sehr sogar, ich weiß nur noch nicht, ob es wirklich der richtige Weg war. Ich bin immer noch viel unterwegs, auch wenn Evangeline und du mir mittlerweile viel Arbeit abnehmt-" Ich brach ab und blickte dem Transporter entgegen, der die buckelige Straße entlang holperte. Da hinten drinnen, da waren sie. Zwei junge Isländer, der eine erst knapp ein Jahr, der andere perfekte 6 Jahre. Ich wusste immer noch nicht, ob es richtig gewesen war, aber jetzt war es zu spät, sie waren angekommen und ich hoffte, dass die Tyrifjord Ranch für immer ihr zu Hause sein würde. Der Pferdetransporter war Silber und bot Platz für mehrere Pferde, in dem Moment sollten sich darin allerdings nur zwei befinden, zwei, die mein Leben nochmal in eine ganz andere Richtung lenken würden. Das wusste ich jetzt schon. Sie hatten eine weite Reise hinter sich; Erst von Kalifornien mit dem Flugzeug nach Vikersund zum Flughafen und dann von dort mit dem Transporter bis hier her. Sie taten mir verdammt Leid. Der Fahrer schaltete den Motor auf dem Parkplatz vor dem Stall aus, stieß dann seine Tür auf und kletterte heraus. Zu meinem Erstaunen war es kein älterer Mann, welcher sein Leben lang bereits Pferde von einem Ort zum anderen kutschierte, sondern eine junge Frau, vielleicht Ende dreißig, welche ihre langen braunen Haare zu einem Zopf geflochten hatte und nun elegant aus dem Transporter sprang. Sie lächelte uns beide freundlich an und winkte uns dann wie ein kleines Mädchen zu, bevor sie über den Parkplatz rief: "Ist einer von euch beiden Malte?"
      Ich schüttelte meine kurze Ungläubigkeit von mir ab und hob dann die Hand. "Ja ich, warten sie, ich komme."
      Petyr neben mir grinste und blickte mich von der Seite an. "Das ist aber eine Hübsche, pass auf, dass dir deine Augen nicht aus dem Kopf fallen, lieber Malte." Ich sagte nichts, hoffte allerdings das ich nicht allzu rot im Gesicht wurde. Als ich bei der jungen Frau angekommen war, hatte sie bereits die automatische Rampe an der Seite des Transporters heruntergelassen und war zu den beiden Pferden in den Anhänger geklettert. Ich folgte ihr und warf einen allerersten Blick auf meine Pferde. Meine Pferde, wie sich das anhörte, es löste ein ganz neues Gefühl in meinem Magen aus, welches ich schon lange nicht mehr gespürt hatte. Beide waren erschöpft und verschwitzt, waren jedoch genau das, was ich mir schon immer gewünscht hatte: Einfach nur perfekt.
      Ich starrte die beiden noch vollkommen überfordert an, als mir die Frau neben mir die Hand reichte. "Hey, ich bin Halla!"
      Ich wandte meinen Blick von den Pferden ab und ergriff ihre Hand. "Malte."
      Sie lachte und dabei leuchteten ihre Augen noch mehr und an ihren Mundwinkeln erschienen kleine Grübchen. "Ich weiß doch." Ich musste auch lachen. Oh man war ich manchmal peinlich, da machte ich ja sogar Petyr den ersten Platz der Peinlichkeitsrangliste streitig.
      Als ich darauf nichts sagte, meinte Halla etwas eingeschüchtert: "Vielleicht sollten wir die Pferde hier heraus holen, sie waren jetzt lang genug hier drinnen." Ich nickte zustimmend und ging zu dem größeren der Beiden hin.
      Óslogis Fellfarbe war etwas ganz besonderes und ich musste ehrlich zugeben, dass ich so ein Pferd schon lange nicht mehr gesehen hatte. Und ich, ich der einfache Pferdetrainer Malte, ich besaß jetzt diesen schmucken Hengst. Ich band Óslogi los und führte ihn die Rampe hinunter. Hinter mir kam Halla mit dem kleinen Félagi. Beide Pferde standen wohl noch zur Hälfte unter den Narkosemitteln für den Flug, denn beide Isländer stolperten über jeden größeren Stein und schafften es nicht, ihre Hufe höher als Handhoch zu heben. Ich lächelte durchweg, als ich Óslogi in den Stall führte. Die Boxen der Beiden lagen ganz am Anfang und waren natürlich nebeneinander. Ich zeigte Halla, welche sich staunend in dem großzügigen Stall umschaute, Félagis Box, während ich Óslogi in seine brachte. Petyr stand natürlich nur daneben und schaute uns zu, wie wir die Pferde von Transportgamaschen und Decken befreiten. Heu, frisches Wasser und Kraftfutter zur Erholung hatten wir beide natürlich schon vorbereitet, sodass es den Beiden erstmal an nichts mangelte. Halla und ich ließen die Pferde auch so schnell wie möglich in Ruhe und gaben ihnen genügend Zeit anzukommen. "Lust auf einen Kaffee?" fragte ich Halla und ignorierte dabei Petyrs breites Grinsen. Heute konnte ich ihn mal wieder überhaupt nicht ausstehen.
      "Klaro, Kaffee ist immer gut!" meinte sie lächelnd und schon wieder lächelte ich zurück.
      "Machst du uns einen?" Ich schaute Petyr bittend an, welcher laut seufzte und dann in Richtung "Reiterstube" verschwand, welche bei uns lediglich aus einem Abstellraum mit Kaffeemaschine bestand.
      Halla holte aus dem Transporter die Papiere und setzte sich dann neben mich auf die Bank vor dem Stall. Sie schien jedoch Zeit zu haben, denn sie ließ die Mappe noch geschlossen und genoss mit geschlossenen Augen die warmen Sonnenstrahlen. Ich tat es ihr gleich, wurde aber kurz darauf von ihr angesprochen. "Sag mal, ist das eigentlich dein Stall?"
      Ich lachte und schüttelte dann den Kopf. "Nein nein, der gehört einem jungen Paar, die sind gerade nur in Sylling Verwandte besuchen, ich wohne hier nur und bin Pferdetrainer und Angestellter. Einen eigenen Stall, und vor allem nicht so einen großen, könnte ich mir niemals leisten." sagte ich und zuckte mit den Schultern. "Dafür braucht man so einiges an Geld."
      Halla neben mir seufzte und nickte dann. "Jaaa," sagte sie gedehnt, "Diese Erfahrung durfte ich auch schon machen."
      In dem Moment kam Petyr mit drei dampfenden Tassen zurück. Unterm Arm hatte er eine Milchpackung und Zucker stecken. Wie ein Butler reichte er uns beide jeweils eine Tasse und fragte dann stumm nach Zucker und Milch. Halla hob dankend die Hand und auch ich verneinte. Petyr wusste ganz genau, dass ich meinen Kaffee immer schwarz trank. Er selbst quetschte sich noch neben Halla auf die Bank und schüttelte sich gefühlt die halbe Milch- und Zuckerpackung in die Tasse. Dann nahm er mit gespitzten Lippen einen Zug des heißen Gebräus. "Sag mal, Halla richtig? Wie kommt eine junge Frau wie du eigentlich auf die Idee, Fahrerin für ein Transportunternehmen zu werden?"
      Halla schien mit der Frage gerechnet zu haben und ich war mir sicher, dass sie diese nicht zum ersten Mal in ihrem Leben hörte. Deswegen antwortete sie auch dementsprechend resigniert. "Mein Vater leitet unsere Firma. Wir hatten vor einigen Jahren einige Geldprobleme und deswegen bin ich aushilfsweise bei ihm eingestiegen, weggekommen bin ich dort nie und jaaa, auch ich bereue es manchmal - Das musst du mich jetzt nicht noch fragen."
      Ich blickte Petyr böse an. Das hätte er auch etwas besser fragen können, da konnte er sehen, was er angerichtet hatte.
      Ich versuchte das Thema zu wechseln. "Hast du denn eigentliche auch eigene Pferde?"
      Wieder musste Halla eine Antwort geben, die ihr nicht gefiel. "Nein, besser gesagt saß ich noch nie auf einem größeren Pferd als einem Reitpony vom Rummel. Und auch wenn ich Tag für Tag Pferde von einem Ort zum anderen bringe, reiten kann ich nicht." Traurig blickte sie in die Weite und ich sah, wie eine Träne in ihren Augen glitzerte. So hatte ich mich täuschen können. Noch vor wenigen Minuten hatte ich geglaubt, noch nie einen glücklicheren Menschen getroffen zu haben und jetzt saß eine traurige junge Frau mit Tränen in den Augen neben mir. So war die Welt, die Wahrheit blieb einem meistens verborgen.
      Kurz gefasst: Der Tag endete damit, dass ich mit Halla die Nummern ausgetauscht hatte und sie zu uns zum Kaffee eingeladen hatte, mit anschließendem Reiten, verstand sich natürlich von selbst.
      Erst als am späten Nachmittag Petyrs Handy klingelte und Nico am Telefon fragte, ob die Pferde bereits versorgt waren, lösten wir unsere Kaffeerunde auf und jeder ging wieder seines Weges. Auch hatten sich Félagi und Óslogi in der Zeit prächtig erholt und beide blickten nun munter über die Gitterstäbe der Box hinweg. Beide würden die Nacht noch zur Sicherheit in der Box verbringen, morgen Abend würden sie jedoch mit hinaus auf die Weiden dürfen und mit eigenen Augen die prächtigen Weideflächen von Norwegen sehen können. Ich hoffte ja, dass Óslogi sich mit dem junge Leiðtogi anfreunden würde, die beiden Isländer würden sich bestimmt gut verstehen. Auch auf Félagi wartete ein Spielgefährte: Der junge Sleipnir, auch er stammte aus der gleichen Zucht wie Félagi, war nur wenige Monate älter und ich war mir sicher, dass die beiden sich gut verstehen würden. Ich war verliebt und überglücklich und konnte es noch nicht so ganz fassen, dass alles so reibungslos geklappt hatte. Ich hatte lange an mir gezweifelt, auch jetzt natürlich noch, ob es richtig gewesen war. Aber das konnte man vorher nie wissen, das würde die Zeit bringen.

      8. August 2016 | 16.859 Zeichen | Canyon
    • Canyon
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      Training

      Distanzreiten E → A
      Malte » "So, seid ihr alle Abflugbereit?" rief ich in die Runde. Meine Idee war es nicht gewesen, aber irgendwer von unserer Mannschaft hatte ja gemeint, dass ein gemeinsames Distanztraining absolvieren sollten. Problem: Die meisten Pferde liefen auf unterschiedlichen Stufen und gerade mein Prinz Óslogi hatte noch gar keine Erfahrung. Ich würde also als Erstes zurück sein. Hinzu kam noch, dass mehr Pferde trainiert werden mussten als wir Reiter hatten, aber durch puren Zufall hatte meine Schwester Julie mir einen Besuch abgestattet und natürlich sofort ein Pferd zum Trainieren aufgedrückt bekommen. Alle fünf Pferde hatten wir in unsere Anhänger verfrachtet und waren etwa eine Stunde Richtung Westen gefahren, um im unbekannten Gebiet die Pferde auf spätere Distanzritte vorzubereiten.
      Ich hoffte, dass Petyr auf April Rain gut auf Julie und Leidtogi aufpassen würde, da Julie sich nicht auskannte und zum die ganze Strecke zusammen mit Petyr reiten würde. Charly hatte sich auf Charelle gestürzt und Nico würde natürlich seinen Marid reiten, wen denn auch sonst. Mit zwei großen Autos und zwei Anhängern parkten wir auf einem Parkplatz mitten im feuchten Wald Norwegens, luden alle Pferde aus und banden diese dann an unsere Anhänger oder Bäume, davon gab es hier ja genügend. Kritisch beobachtete ich meinen Freund Petyr dabei, wie er erst April putzte und dann meiner Schwester Julie nicht mehr von der Seite wich. Dieser olle Schleimbeutel. Die Lichtung bot zum Glück auch genügend Platz für mehrere Paddocks, sodass die zuerst ankommenden Pferde sich noch etwas entspannen konnten, bevor es für alle zurück ging. Als alle Pferde gesattelt und alle Reiter ausgerüstet waren, saßen wir auf und wünschten uns gegenseitig Glück. Jeder hatte seinem Pferd bereits den ersten Pulswert genommen und ich war gespannt, ob jedes Pferd das Training schaffen würde. In der Hoffnung, dass jeder hier her zurück finden würde, trieb ich meinen Óslogi an und begann unseren kleinen Distanzritt. Den ersten Teil bestritt ich zusammen mit Julie und Petyr, was mir auch ganz recht war, da ich so meiner Schwester noch ein paar Tipps geben konnte, bevor ich sie mit Petyr allein lassen würde. Wir retten uns im Schritt warm, gingen dann jedoch gleich in den Trab über. Bereits nach fünf Kilometern sagte mein GPS-Gerät, dass ich mich von den anderen beiden trennen musste, um Óslogi nicht zu sehr zu überfordern. 15 Kilometer standen heute nur auf dem Plan für uns, für mich kaum eine Distanz, allerdings war es für meinen Prinzen eine neue Erfahrung, in so schnellem Tempo alleine im Wald unterwegs zu sein. Nach acht Kilometern legte ich meine erste Pause ein, nahm meinem Hengst erneut die Pulswerte und gönnte ihm eine kleine Pause, bevor wir zusammen in den zweiten und letzten Teil starteten. Jetzt machte ich ein paar mehr Schrittphasen, galoppierte dafür aber auch öfter an geeigneter Stelle. Ich merkte, dass der sonst so entspannte Óslogi ganz schön mit sich zu kämpfen hatte und durch seine Aufregung vor allem zum Ende hin viele Stolperfehler einbaute. Trotzdem schafften wir es innerhalb einer Stunde zurück auf dem Parkplatz zu sein, wo ich Óslogi von dem Sattel bereite, ihm eine Abschwitzdecke überwarf und dann zum dritten Mal seine Pulswerte nahm. Charly würde mit Nelly wohl erst in mehreren Stunden auftauchen, bis dahin musste ich mir die Zeit wohl anders vertreiben. Meinen Hengst band ich an einen Baum an und fing dann damit an, vier Paddocks aufzubauen. In eines davon stellte ich Óslogi und natürlich hatte er nichts anderes zu tun, als sich samt frisch gewaschener Decke in den Schlamm zu schmeißen, bevor er sich aufs den Heusack stürzte. Eine Stunde später tauchten dann auch Petyr und Julie mit ihren Pferden auf. Julies breites Lächeln und der ganze Dreck auf ihrer linken Seite, ließ mich darauf schließen, dass sie wohl von dem kleinen Leidtogi gestürzt war und Gottseidank nichts passiert zu sei schien.
      Auch sie stellten ihre Pferde nach dem Absatteln in die Paddocks und gesellten sich dann zu mir. Vor allem Julie hatte viel zu berichten und ich freute mich, dass es meiner Schwester anscheinend viel Spaß breitet hatte. Gemeinsam saßen wir auf der Ladeklappe des Hängers, verzehrten unsere mitgebrachten Speisen und beobachteten die drei Pferde dabei, wie sie sich im Schlamm suhlten. Auch Nico traf irgendwann ein. Doch während alle anderen Pferde ausgeglichen und gelassen angekommen waren, tänzelte Marid unablässig auf und ab, obwohl er gerade 45 Kilometer gelaufen war. Umso entspannter saß dafür Nico auf seinem Rücken und ließ sich gar nicht anmerken, dass Marid gerade wieder durchdrehte. Um den Hengst noch etwas zu beruhigen, ging Nico mit ihm nach dem Absatteln nochmal ein kleines Stückchen spazieren. Erst nach mehreren Stunden des Wartens kam auch Charly auf der hübschen Tekkenstute Charelle angeritten. Nellys sonst so helles Fell war vom Schweiß dunkel geworden und auch Charly sah so aus, als würde sie gleich vom Pferd kippen. Zum Glück war ja genügend Hilfe da, welche sofort zur Stelle war und beiden half. Erleichtert atmete ich auf. Es hatten also alle mit Bravour geschafft! Nachdem auch Charly und Nelly eine Pause gehabt hatten, luden wir die Pferde wieder in die Hänger, bauten die Paddocks ab und stiegen alle fünf in die Autos, um zurück zur Ranch zu fahren.
      Nicht nur die Pferde hatten heute gezeigt, dass sie es echt drauf hatten, sondern auch die Reiter. Es war jedes mal aufs Neue anstrengend, das wusste ich aus eigener Erfahrung, aber alle hatten es erfolgreich und gesund geschafft und das war wichtig.

      28. August 2016 | 5.560 Zeichen | Canyon
    • Canyon
      ▲▽▲
      Tyrifjord Ranch

      Kommt zu Tisch und hört die News!
      Charly » „Malte?“ Meine Stimme klang etwas kratzig, als ich nach unserem Mitarbeiter rief, welchen ich gerade zufällig vor seiner Haustür entdeckt hatte. Die Nacht war für mich mehr als kurz gewesen, denn erst in den frühen Morgenstunden hatte Bart Ruhe gefunden und da Nico zur Zeit unterwegs war, hatte ich das diese Nacht alleine schaffen müssen.
      Malte blickte auf, als er meine Stimme vernahm und überquerte dann den Hof, um zu mir zu kommen. Fragend blickte er mich mit seinen kastanienbraunen Augen an und auch wenn ich versuchte mir den Gedanken zu verkneifen, fragte ich mich abermals, warum er, laut seinem Freund Petyr, seit Jahren keine feste Freundin mehr hatte. Diesen Augen konnte sogar ich nicht widerstehen, dabei war ich seit geraumer Zeit glücklich mit Nico zusammen und auch wenn wir beide keine, oder jedenfalls nicht so früh, Kinder haben wollten, hatte unser Bartholomäus unser Leben nochmal ganz schön auf den Kopf gestellt.
      Ich riss mich von seinen Augen los und sammelte meine Gedanken. „Es gibt ein paar wichtige Dinge zu besprechen“, erklärte ich ihm. „Ich würde dich deswegen bitten, und Petyr auch noch zu Bescheid geben, heute Mittag um eins zu kommen. Es wird euch bestimmt interessieren, vor allem dich.“ Ich wartete seine Antwort nicht mehr ab und schloss sachte mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen vor ihm die Tür. Ich kannte ihn mittlerweile recht gut und wusste, dass er kommen würde.
      Teodor und Torun hatte ich gestern bereits Bescheid gegeben und so fehlte jetzt nur noch Nico, welcher jedoch auch bald und hoffentlich pünktlich zurückkommen würde.

      Den restlichen Vormittag blieb mir wohl nichts anderes übrig, als mich mit Bart zu beschäftigen. Auf dem Plan stand also aufräumen und putzen, mit meinem Sohn spielen, dann einen kleinen Spaziergang am Ufer des Tyrifjords und dann Mittagessen kochen. Ich war mehr als erleichtert, als Bart wenig später in seiner Hängematte einschlief und doch tatsächlich nicht mal wach wurde, als ich ihn in den Kinderwagen hiefte und mit ihm das Haus verließ. Die Mittagszeit war meiner Meinung nach die beste Zeit. Jetzt schlief Bart und auch all die anderen Hofbenutzer waren meist in ihren Wohnungen.
      Mit Bart schlug ich den Weg zum Stall ein. Da bei uns die Pferde über Nacht auf den Weiden waren und den Tag in den Boxen dösten, war der Stall mehr als gefüllt. Auch wenn wir bis jetzt noch einige leere Boxen hatten, so war es jetzt schon reichlich Arbeit, all die Pferde zu versorgen.
      Bart ließ ich am Eingang des Stalls stehen. Sollte er aufwachen, würde er sich schon bemerkbar machen.
      Mir fiel auf, dass der junge Óslogi nicht in seiner Box stand und daraus schloss ich, dass Malte, nicht wie erwartet, in seiner Wohnung sein würde, sondern mit seinem Hengst irgendwohin unterwegs war. Das Wetter war dazu ja wirklich perfekt, denn auch wenn die Sonne heute schien, so war es nicht zu warm und ein kleiner Westwind trieb ein kühles Lüftchen vom Atlantik zu uns.
      Meine Schritte lenkten mich weiter zur Box von Braum, allerdings war auch dieser nicht in seiner Box zu finden, weswegen ich, mit meinem überaus klugen Kopf daraus schloss, dass auch Braum mit Óslogi unterwegs war. Entweder als Handpferd, oder auch Petyr hatte sich Malte angeschlossen Das würde ich leider nicht so schnell erfahren, weswegen ich nach einem Plan B suchte.
      Schließlich entschied ich mich dafür, statt Braum mich mit der Jungstute Scion zu beschäftigen. Sie war ein wahres Prachtexemplar und ich war froh, sie vor einiger Zeit aus einer so berühmten Zucht gekauft zu haben. Es zerbrach mir jetzt schon das Herz, dass ich sie bald von ihrem besten Vollblutfreund Aspantau trennen musste. Die beiden waren dickste Freunde, nur leider hatte ich nicht vor, Aspantau zu kastrieren und bevor wir ungewollt Nachwuchs bekamen, mussten wir sie trennen.
      Ich legte der jungen Stute ihr hübsches Halfter um und führte sie dann aus der Box nach draußen ans Tageslicht. Bart schlief natürlich immer noch, nur hatte sich zu ihm noch jemand dazugesellt. Capucine. So sehr ich die alte verfilzte Katze mochte, genauso wenig erfreut war ich, dass sie sich zu Bart in den Kinderwagen gelegt hatte.
      Cap war eine Straßenkatze gewesen, welche wir aus Südfrankreich mit nach Norwegen genommen hatte. Kein Hund, nicht mal die beiden Wolfshunde Gery und Edda konnten ihr Angst einjagen. Sie wusste genau was sie wollte und ließ sich davon dann auch nicht abbringen.
      Ich seufzte tief, klemmte mir dann trotzdem den Führstrick von Scion unter den Arm und hob die dicke Katze aus dem wagen. Hübsch war sie ja, so caramellfarben mit dunkleren Flecken, aber wenn sie einem ihre Krallen zeigte, gab es nichts mehr zu lachen.
      Diesmal fauchte sie jedoch nur kurz, bevor sie mir vom Arm sprang und mit erhobenem Schwanz majestätisch im Stall verschwand.
      Auch Scion fand den Kinderwagen einfach nur interessant und streckte ihre helle Schnauze tief ins Innere.
      Ich musste lächeln, schob jedoch ihren Kopf zurück, bevor ich sie am Kinderwagen anband und mit beiden den Hof verließ.
      Scion liebte Spaziergänge. Jeder Stein, jeder Busch und jede Rose am Wegesrand musste unbedingt von ihr beschnüffelt werden und dafür nahm sie sich auch genügend Zeit.
      Auch ich genoss es, einfach nur dahin zuschlendern, Scion zu beobachten und meinen Gedanken nachzuhängen. Allerdings konnte das natürlich nicht immer so weiter gehen. Kaum war Bart aus seinem tiefen Mittagsschlaf aufgewacht, wurde auch Scion unruhiger. Bart bewegte sich immer wieder, wollte auch etwas sehen und gab lautstark Geräusche von sich, sodass ich unseren gemeinsamen Spaziergang bald abbrach und zurück zum Stall ging.
      Viel Zeit hätte ich sowieso nicht mehr gehabt. Es war kurz vor eins und ich wollte die anderen nicht warten lassen. Auch Braum und Óslogi waren mittlerweile wieder in ihren Boxen, sodass also auch Malte wieder da sein sollte.
      Ich brachte Scion in ihre Box und ging dann den kleinen Uferweg am Tyrifjord zurück zu unserem kleinen Hof.
      Bereits aus der Ferne erkannte ich Nicos schwarzes Auto und auch wenn ich es nur ungerne zugab, so freute ich mich doch, ihn nach nur drei Tagen endlich wiederzusehen. Mal wieder war er mit Asuka und seinem auf einem Lehrgang gewesen und so sehr wie ich ihm das gönnte, genauso öde und anstrengend waren die Tage ohne ihn. Wäre Mio nur noch da, dann wäre das kein Thema gewesen, aber jetzt-.
      Erstaunt stellte ich fest, dass ich wohl die Letzt war, die ankam. Die anderen hatten bereits ein paar Stühle zusammengesucht und bei uns im Garten einen kleinen gemütlichen Kaffeetisch gedeckt.
      Es war mir peinlich, dass ich sie alle einlud und dann noch nicht mal pünktlich war. Allerdings schien das niemanden zu stören. Von allen wurde ich freundlich begrüßt und natürlich auch Bart, welcher gleich nach unserer Ankunft aus dem Wagen gehoben und von allen beknuddelt wurde.
      Laut bellend stürzte sich mein kleiner Schützling Asuka auf mich und es freute mich zu sehen, wie sehr der kleine Whippet mich vermisst hatte. Bevor ich ihn allerdings begrüßte, nahm mich Nico in den Arm und drückte mir sanft einen Kuss auf die Lippen. Auch wenn er manchmal, nein, sehr oft ein großes Ar***loch war, hatte ich ihn mehr als lieb.
      Ich ließ mich neben Teo am Tisch nieder und neben mich setzte sich Nico. Wir waren nun also alle vollzählig. Torun, Petyr und Malte saßen auf der anderen Seite des runden Tischs.
      Während Malte sich entspannt zurück gelehnt hatte und alles mit ausdruckslosem Gesicht beobachtete, hatte Petyr wie immer ein freches Grinsen auf dem Gesicht und schaute mich erwartungsvoll an. Die blinde Torun schien etwas nervös und kaute unablässig auf ihrer Lippe herum, während ihr Vater Teodor sich mit dem kleinen Bart beschäftigte, welcher dem alten Mann im Bart herum spielte. Bei dem Gedanken musste ich mir ein Grinsen verkneifen, denn mein Bart spielte im Bart, eine witzige Vorstellung.
      Jetzt, wo es soweit war, fand ich nicht die Worte, welche ich mir den ganzen Vormittag bereitgelegt hatte und das ärgerte mich extrem. Ich war früher immer sehr wortgewandt gewesen, seitdem das allerdings mit Shadow und Mio gewesen war und all die Verantwortung nun auf meinen Schultern lag, war dieses Talent erheblich geschrumpft.
      »Okay, danke erst mal, dass ihr alle gekommen seid.« fing ich ahnungslos an, ohne zu wissen, was ich als nächstes sagen sollte. »Nico und ich haben in letzter Zeit uns oft darüber Gedanken gemacht, was wir verbessern können und uns fiel auf, dass wir zwar mit unseren Pferden viele erfolgreiche Turniere gehen, aber trotzdem kein Ziel vor Augen haben. Deswegen haben wir uns dazu entschieden, nun auch ganz aktiv in die Zucht einzusteigen.« Ich beobachtete die Reaktionen am Tisch genau. Petyr schien sich zu freuen, denn seine Grübchen wurden noch tiefer und seine Augen noch strahlender als sonst. Malte zog nur eine Augenbraue in die Höhe und Torun hörte auf, auf ihrer Lippe zu kauen. Teo zeigte mit keinem Finger, dass er uns verstanden hatte, sondern beschäftigte sich immer noch mit Bart.
      »Wir haben viel überlegt, viel geplant und trotzdem wurde uns die Entscheidung von jemandem erleichtert. Nico und ich waren letztes Wochenende auf einem Gestüt, wo einige Pferde zum Verkauf standen. Besser gesagt, einige Achal Tekkiner und zwei davon stammen auch noch aus der berühmten Reuthlinie. Die Besitzerin überlegte nicht lange und verschenkte« dieses Wort betonte ich extra stark, »verschenkte drei Stuten und einen Hengst an uns.«
      Hier blickte ich kurz zu Nico, welcher mir zunickte und sich so bereiterklärte, weiterzuerzählen. »Ihr wisst alle, dass Nelly und April unserem alten Freund viel bedeuteten und nun werden wir genau das tun, wovon er immer geträumt hatte. Eine kleine Zucht mit diesen überaus majestätischen und eleganten Geschöpfen. Zwei der Stuten sind bereits erfolgreich geritten wurden, die eine ist fast vier und wird nun so langsam eingeritten. Ich weiß, wenn ich euch jetzt erzähle, dass der Hengst das Spiegelbild von meinem Marid ist, werdet ihr uns für verrückt halten, aber ich bin mir sicher, dass es nicht lange dauern wird, bis auch er vernünftig wird. Ich kenne mich ja so langsam mit solche Pferden aus.« Ein breites angeberisches Grinsen tauchte auf seinen Lippen auf. Gerade hatte ich noch gedacht, dass er es jedenfalls einmal schaffen würde, nicht der große Angeber zu sein, sondern ein ganz normaler Junge. Da hatte ich wohl umsonst gehofft.
      »Schön und gut«, hängte sich nun Malte ins Gespräch, »Aber mit den neuen Pferden haben wir fünf Stuten und einen Hengst, das Verhältnis ist etwas unausgeglichen.«
      »Sechs Stuten, um genau zu ein.« antwortete ich ihm. »Ich habe bereits seit längerem eine weitere Stute im Blickfang und der Verkäufer hat sich gestern nun endlich zurückgemeldet und dem Kauf zugesagt.«
      Zweifelnd blickte Malte mich an. Ich hatte zwar gewusst, dass er etwas kritisch an die ganze Sache heran gehen würde, aber so schwer musste er es mir nun wirklich nicht machen. »Keine Angst Malte. Cascar, die Vorbesitzerin der Tekken, hat drei weitere Hengste bei sich stehen. Diese will sie behalten, möchte mir diese allerdings zur Verfügung stellen, sodass wir erst mal genügend Hengste haben und trotzdem keine weitere Arbeit. Zufrieden?«
      Er nickte leicht mit dem Kopf und ich atmete erleichtert aus. Ich wollte gerade weitererzählen, als ich sah, wie Torun leicht ihren Mund öffnete und so wartete ich ab, bis das zierliche Mädchen auch gesprochen hatte.
      Mit sanfter und verträumter Stimme, welche ich schon immer so toll fand, fragte sie: »Wann kommen diese neuen Pferde denn an?«
      »Aller Wahrscheinlichkeit bereits morgen, wenn nichts dazwischen kommt und sie alle Kontrollen gut überstehen. Cascar wollte sie so schnell wie möglich zu uns bringen, denn ihr fehlt gerade einfach die Zeit, sich um die Tiere zu kümmern.« Antwortete ich ihr.
      »Da werden wir aber einige Decken für den Winter brauchen, wenn wir uns im hohen Norden Vollblüter aus dem tiefen Süden anschaffen«, meinte Petyr und grinste frech in die Runde.
      »Darüber haben wir uns auch schon Gedanken gemacht,« ging Nico auf Petyrs Kommentar ein und auch auf seinen Lippen breitete sich ein Grinsen aus. »Wir werden einen Waschdienst brauchen und dieser hat dann eine Woche die Aufgabe, die Decken zu waschen und aufzuhängen und da haben wir gleich an dich gedacht, lieber Petyr, weil wir wussten, dass du dich darüber freuen wirst.«
      Bevor Petyr zurückschießen konnte, ging ich diplomatisch dazwischen und erzählte weiter. Immerhin wollte ich heute noch so einiges schaffen.
      »Klar wird es mit ihnen anstrengender als mit felligen Pony, aber nichtsdestotrotz werden wir auch dies gemeinsam schaffen.
      Wie ihr wisst, haben wir in letzter Zeit einige Pferde verkauft und so sehr es mich schmerzt, werden auch Leiðtogi und Ocarina uns bald wieder verlassen. Linn hat sich dazu entschlossen, Togi in ihre Zucht aufzunehmen, jetzt wo er kurz vor seiner Kür steht. Oca wird zurück zu Verena auf die Gips Reminder Ranch gehen und sich dort hoffentlich wohler fühlen als hier in Norwegen. Im Gegenzug haben wir ja vor einigen Tagen Bijou und Modjo bekommen. Ich finde, dass in beiden ein großes Talent schlummert und vielleicht werden wir sie ja irgendwann kören lassen können.
      Außerdem wollen wir unsere EV-Zucht wiederbeleben und da wir nun mit Lady Gweny auch hier Stuten im Übermaß haben, habe ich einen perfekten Hengst gefunden, welcher auch in einigen Tagen bei uns eintreffen wird. Bitte habt Verständnis mit ihm und stempelt ihn nicht gleich als böse ab, ja?« Bittend schaute ich in die Runde und außer Nico machten alle ein verwirrtes Gesicht. »Glaubt mir, das werdet ihr schon früh genug erfahren!«
      Genau als ich meinen Satz beendet hatte, kam Bart auf Teos Schoß ein freudiger Schrei aus dem Mund und die ganze Aufmerksamkeit am Tisch richtete sich auf ihn. Darauf schien er nur gewartet zu haben, denn als ihn alle anblickten, grinste er breit und fing an zu lachen.
      In die dadurch entstandene Pause fragte Malte: »Wie wird denn der Hengst heißen?«
      »Cotsworlds Eik«, sagte Nico stolz. Auch er hatte den Hengst von Anfang an toll gefunden und sich genauso gefreut wie ich, dass das mit dem Kauf so gut geklappt hatte.
      »Das klingt irgendwie nach Kotze.« lachte Petyr und konnte kaum noch aufhören. Ich verdrehte nur die Augen. Dieser Kerl! Jedenfalls hatte noch einer etwas Humor.
      Bevor ich weitererzählen konnte, ergriff abermals Nico das Wort. »Und um unseren Plan einer Vollblutzucht noch komplett zu machen, habe ich eine perfekte Stute für meinen Marid gefunden. Und ob ihr es glaubt oder nicht, sie ist bereits gekrönt und dazu noch überaus hübsch.« Stolz blickte Nico in die Runde und ich freute mich, dass er endlich ein weiteres Pferd gefunden hatte, welches ihm etwas bedeutete. Niemand in der Runde schien etwas dagegen zu haben und diesmal war die Atmosphäre um einiges positiver. Eine Stute für Marid, dass war perfekt und das schienen auch alle zu finden.
      »Charly was hast du eigentlich für deinen Geburtstag geplant?« Teo hatte sich einen Moment von Bart losgerissen und blickte mich nun fragend an.
      »Woher weißt du von meinem Geburtstag?« Erstaunt blickte ich Teo an. Mein Geburtstag war nichts besonderes und ich hatte nicht geplant mit allen eine große Feier zu veranstalten.
      »Na steht doch ganz groß am Stallkalender«, brummte Teo und ich sah wie er die Augen verdrehte.
      Ungläubig drehte ich mich zu Nico um und blicke ihn dann wütend an. Dieser zuckte allerdings nur mit den Schultern und schien sich keiner Schuld bewusst zu sein. Na super!
      »Geplant ist nichts, ist sowieso mitten in der Woche, da hat sowieso niemand Zeit.« Bevor das Thema weiter vertieft werden konnte, erzählte ich einfach weiter. »Das nächste wird eich bestimmt sehr interessieren! Da wir nun einige Pferde auf dem Gestüt haben, brauchen wir dringend Hilfe! Ich habe mich also im Internet nach jemandem umgeschaut, der einen Job braucht und tatsächlich! Ich habe den perfekten Mann gefunden. Er kommt ursprünglich aus Namibia und hat bereits sein ganzes Leben mit Pferden zu tun. Er ist vom Beruf her eigentlich Reitlehrer und hat nicht nur von Westernpferden, sondern auch von Vollblütern und Galopprennen jede Menge Ahnung. Er wird erst mal bei uns im Gästezimmer wohnen und sobald dann der Schuppen fertig ausgebaut ist, wird er dort einen Teil bewohnen. Ihr anderen werdet also nicht wirklich davon beeinflusst, außer, dass es endlich zwei weitere helfende Hände im Stall gibt!«
      Alle nickten zustimmend und vor allem Malte, welcher in letzter Zeit sehr viel unterwegs gewesen war und deswegen reichlich gestresst erschien, schien erleichtert.
      »Der letzte Punkt ist, dass wir eine weitere Bewohnerin bekommen und das wird vor allem dich, Malte, interessieren.« Diesmal wandte ich mich genau an ihn. »Ich hoffe es ist für dich in Ordnung, dass ich die noch leere Wohnung neben dir an ein junges Mädchen vermietet habe. Sie hat in Sylling eine Arbeitsstelle gefunden und ich habe sie letztens beim Einkaufen ganz zufällig kennengelernt. Sie wird dir gefallen, glaube mir. So ein besonderes Mädchen hast du wahrscheinlich noch nie gesehen.«
      Malte hatte die Augenbrauen hoch gezogen, seine Mundwinkel hatten sich allerdings nicht bewegt. »Das bedeutet, dass ich meine Küche und mein Klo nun teilen muss?«
      Ich nickte leicht mit dem Kopf. »Ich weiß, ich hätte dich vorher fragen müssen, aber so ein Mädchen, das brauchte ich unbedingt bei uns. So fröhlich, so hübsch und so intelligent, glaube mir, dass wird uns allen gut tun!«
      »Wie heißt sie? Wie alt ist sie? Hat sie einen Freund?« mit leuchtenden Augen hatte sich Petyr vorgebeugt und blickte mich nun fasziniert an. Ich musste bei seinem Anblick lachen und freute mich über die Entscheidung, sie nicht zu Petyr auf den Dachboden einquartiert zu haben.
      »Tjarda Winter, 22 Jahre und das andere musst du sie selbst fragen. Sie will sich uns in den nächsten Tagen vorstellen, da könnt ihr sie kennenlernen.«
      Petyr zog eine Schmolllippe und ließ sich mit verschränkten Armen zurück in den Stuhl sinken.
      »Ich hoffe, ihr seid alle jedenfalls einigermaßen mit den Neuigkeiten zufrieden. Ich freue mich darauf, mit euch allen unsere Ziele zu erreichen! Wir schaffen das und ich bin mir sicher, dass das eine tolle Zeit werden wird!« Ich versuchte alle aufzumuntern, während mein Blick auf Bart fiel und sich mein Herz bestimmt um einige Grad erwärmte. Ich liebte diesen Ort, die Menschen und die Tiere und ich hatte es geschafft, die Trauer um Shadows Ableben und Mios Verschwinden zu überwinden. Jetzt hatte ich alles in der Hand und ich freute mich riesig auf all die Dinge, die ich hier noch erleben würde.

      18. September 2016 | 18.527 Zeichen | Canyon
    • Canyon
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      Training
      Distanzreiten A → L
      Malte » Ich kannte Vuyo erst seit wenigen Tagen und trotzdem war er jetzt schon fest in unseren Trainingsplan verankert. Der schlanke und zierliche Afrikaner mit den krassen hellen Augen, war früher, bevor ihm ein Unfall die Möglichkeit genommen hatte, Jockey gewesen und hatte dann später in Reitschulen als Reitlehrer gearbeitet, bevor ihm dieser Job nicht mehr genügte und er sich bei uns als Trainer und Stallbursche bewarb. Ich mochte ihn seit dem ersten Augenblick und wusste, dass er gut zu dem kleinen Team passte. Er hatte sich außerdem dazu bereit erklärt, auch hin und wieder Reitunterricht für eventuelle Reitbeteiligungen zu geben und das hatte Charly ein breites Lächeln ins Gesicht gezaubert. Schon immer wollte sie auch jüngeren Menschen die Möglichkeit zum Reiten geben und jetzt mit Vuyo Ndour würde das vielleicht endlich möglich sein. Heute wollten Nico und ich ihn das erste Mal zu einem Distanztraining mitnehmen und ich als Trainer war gespannt, wie er sich so schlagen würde. Da Vuyo bereits viel Erfahrung mit Vollblütern hatte sammelte können, gab ich ihm eine unserer neuen Tekkenstuten in seine Hände. Raja war nicht nur überaus hübsch, sondern auch noch schlau und recht leicht zu handhaben und so glaubte ich, dass das Training ein purer Erfolg werden konnte. Wie immer würde ich meinen Óslogi reiten. Er war immer noch ein Traumpferd für mich und auch sein kleiner Gefährte Félagi würde später ein ganz großer werden, da war ich mir sicher. Lange hatte ich mit dem Gedanken gepfeilt ihn legen zu lassen, da ich ihm ein entspanntes Leben gönnen wollte, doch bis jetzt konnte ich mich dazu noch nicht durchringen. Für Nico blieb dann nur noch Adrenaline und auch wenn sie nur ein Trainingspferd war und es nicht mehr lange dauern würde, bis sie uns wieder verließ, hatte Nico, aber auch ich, einen Narren an ihr gefressen. Mal wieder packten wir die Trainingspferde in unsere Anhänger und fuhren, so wie wir es mittlerweile oft getan hatten, hinaus in die unbeschreiblich schöne Landschaft Norwegens.
      Ich hatte mir mittlerweile einige schöne Plätze notiert, an welchen wir gut unser kleines Lager aufbauen und auch gut starten konnten. Raja und Vuyo hatten heute wohl die wenigste Anzahl an Kilometern vor sich, während Nico und Line einiges zurücklegen würden. Ganze 65 Kilometer würden es für die beiden werden, weswegen Nico und ich bereits gestern Abend auf der ganzen Strecke Wasser versteckt hatten. So würden beide immer wieder an geeigneten Stellen Kraft schöpfen können, denn für beide würde es eine ganz schöne Anstrengung werden. An unserem Startplatz angekommen, luden wir die Pferde aus, sattelten diese und nahmen dann unsere Pulswerte, bevor wir uns für den Start bereit machten. Die letzten Wochen und Monate hatte ich mit meinem Óslogi Tag für Tag trainiert, auf dem Platz und im Gelände und so war ich mächtig stolz auf ihn, dass er mittlerweile erfolgreich auf A lief und mit dem heutigen Training seine Hufe auf die nächste Stufe setzen konnte. 35 Kilometer klangen nicht viel, doch für die kurzen Beinchen des Isländers war das eine ganz schöne Leistung. Nachdem wir alle startbereit waren, wünschten wir uns gegenseitig Glück und begannen den Ritt. Vuyo würde die komplette Strecke an meiner Seite bleiben, bevor ich ihn wieder hier absetzen und meinen Weg mit Óslogi alleine fortsetzen würde. Nico wollte mit Line alleine reiten, da er gerne seine Ruhe hatte und sich so besser konzentrieren konnte. Die ersten Meter legten wir erst einmal im Schritt zurück. Immerhin musste sich Vuyo an Raja gewöhnen und wir waren ja auch nicht auf einem Distanzturnier. Die Pferde brauchten nicht auch noch beim Training den Stress, den sie auf den Turnieren schon miterleben mussten. Nachdem sich Vuyo eingeritten hatte und auch die Pferde in der frischen Herbstluft langsam warm wurden, trabten wir an. Ich merkte jetzt schon, dass Raja und Óslogi nicht gerade die besten Trainingspartner waren, für nächsten Monat mussten wir uns dringend etwas anderes überlegen! Während Logi kurze und schnelle Trabschritte machte, streckte Raja einfach ihre langen Beine aus und schwebte geradezu durch die Luft. Aber so schlecht war das gar nicht, wenn die Pferde lernen mussten, auch auf andere zu achten. Unterwegs hatten Vuyo und ich endlich mal ausreichend Zeit uns besser kennenzulernen. Ich berichtete ihm von dem Leben auf der Tyrifjord Ranch, den Pferden und meiner Arbeit. Vuyo erzählte mir im Gegenzug von seinem Leben in Afrika, seiner Karriere als Jockey und seinem späteren Beruf als Reitlehrer. Und leider musste ich zugeben, dass ich ihn etwas beneidete, als er mir von seinen Weltreisen und vor allem Afrika berichtete, jedoch wusste ich trotzdem, dass ich für immer in Norwegen bleiben würde, denn hier war meine Heimat. Wir schafften es tatsächlich, die Hälfte der Strecke zu reiten ohne und zu verirren, auch wenn wir ohne Ende redeten. Zum Glück war der Regen in den letzten Tagen weniger geworden, sodass wir die meisten Teile der Strecke ohne Probleme traben konnten. An unserer Pausenstelle lagen mehrere verschlossene Eimer mit Wasser für die Pferde und Trinkflaschen für uns, auf welche wir vier uns gierig stürzten. Den Pferden nahmen wir wieder den Puls und ließen ihnen dann einige Minuten in Ruhe, bevor wir ein zweites Mal ihre Werte nahmen und kurz darauf unsere Reise fortsetzten. Für Vuyo war es nicht mehr weit, sodass ich ihn wenige Kilometer später wieder an unserem Startpunkt absetzte und die letzten 15 Kilometer alleine zurücklegte. Im flotten Trab, und an geeigneten Stellen galoppierte ich meinen Hengst an, ging es durch die unendliche Waldlandschaft von Norwegen. Ich liebte das Gelände und auch wenn ich meinen eigenen Gedanken nachhing, fragte ich mich hin und wieder, wo Nico und Adrenaline gerade waren. Fast das doppelte meiner Strecke mussten sie schaffen und würden deswegen nicht zurück zum Startplatz reiten, sondern gleich den ganzen Weg nach Hause zurück zum Tyrifjord.
      Nach etwa 2 ½ Stunde hatten Logi und ich es geschafft. Verschwitzt, aber dennoch zufrieden kamen wir auf der kleinen Lichtung an, auf welcher Vuyo Raja bereits ein kleines Paddock gebastelt hatte und nun die letzten warmen Sommerstrahlen genoss. Ich sprang von Óslogi ab, führte ihn sofort zu einem Wassereimer und ließ ihn trinken, bevor ich ihm den Sattel vom Rücken zog und ihm im Gegenzug eine Abschwitzdecke auf sein weiches Fell warf. Auch ihm gönnte ich noch ein paar ruhige Minuten, bevor es mit zwei Pferden, zwei Autos und zwei Anhängern zurück zur Ranch ging. Erstaunt musste ich feststellen, dass Nico mit Adrenaline bereits wieder auf dem Hof angekommen war, als Vuyo und ich die Gefährte auf den Parkplatz lenkten. Breit grinsend begrüßte uns Nico, während er Petyr dabei beobachtete, wie er sein Pferd am Waschplatz mit Wasser abspritzte.
      »Das nennt man mal schnell, ne?« meinte er, während er sich selbstlobend auf die Schulter klopfte. Auch wenn ich es ungerne tat, musste ich anerkennend nicken. Mal wieder hatten alle Trainingspferde das Distanztraining erfolgreich bestanden und durften von nun an eine Stufe höher laufen. Ein paar freie Tage hatten sie sich jetzt reichlich verdient!

      30. September 2016 | 7.140 Zeichen | Canyon
    • Canyon
      ▲▽▲
      Tyrifjord Ranch
      Heimlicher Besuch
      Mio » Ich konnte meine Tränen nicht mehr zurückhalten, als ich endlich da war. Wochenlang, nein, Monatelang hatte ich die Tränen verdrückt und versucht meine Entscheidung nicht in Frage zu stellen. Doch nun, nun da ich hier war, schienen all meine Vorhaben und Pläne in Luft aufgelöst zu sein. Wie sehr wünschte ich mir doch, dass noch alles so wie früher wäre, dass wir alle noch zusammen lebten, dass Shadow nicht gestorben wäre. Wie sehr wünschte ich mir, alles rückgängig machen zu können und doch merkte ich, dass ich die letzten Monate nicht gerade unglücklich gewesen war. Ich parkte den gemieteten Wagen auf dem Parkplatz vor einem großen Stallgebäude. Natürlich war ich noch nie hier gewesen, aber das Internet und Google Maps hatten mir genügend Informationen ausgespuckt, um den Weg hier her zu finden. Niemandem hatte ich etwas gesagt, nur Addison hatte ich erzählt, dass ich nicht länger ahnungslos in Nevada sitzen konnte. Einmal, einmal musste ich nochmal meine Freunde sehen, das Baby und natürlich all die Pferde die ich zurückgelassen hatte. Mir schossen die Tränen schon wieder in die Augen, welche ich mit letzter Kraft gerade erst verbannt hatte, als ich die Wagentür öffnete und ohne diese wieder zu schließen, in Richtung Stall stolperte. Es war bereits pure Nacht, die genaue Uhrzeit wusste ich nicht, und der Mond schien über dem Gestüt. Hinter dem Stall konnte ich einen Blick auf ein großes Gewässer erhaschen, bevor ich das Stalltor leise aber hastig aufschob und in den Stall schlich. Er war unbeschreiblich schön, mit genau der Art von Boxen, welche ich mir schon immer gewünscht hatte. Groß, luftig und mit so wenig Gitter wie möglich, es war einfach perfekt. Lange musste ich nicht suchen, wie eh und je, seit Anbeginn der Zeiten, lag Excelsiors Box ganz am Anfang des Stalls auf der linken Seiten. Er war schon immer der Torwächter gewesen, hatte jeden Freund freundlich begrüßt und jeden unerwünschten Besucher mit bösen Blicken davon abgehalten, näher zu treten. Er döste in seiner Box, während er einen Kopf auf der Tür abgelegt hatte. Mein Exel, mein kleiner, unbeschreiblicher Exel. Wie sehr hatte ich ihn vermisst, wie sehr…
      Das Mondlicht fiel durch die vielen Fenster im Dach und beschien genau die lange Stallgasse, sodass ich genügend Licht hatte, um alles gut erkennen zu können. Ich traute mich nicht näher zu treten, aus Angst, dass genau jener Wallach mich nicht wiedererkenne würde oder mir vielleicht sauer war, dass ich ihn allein gelassen hatte. All das verstand ich, ich konnte es selbst nicht fassen, dass ich es getan hatte und trotzdem hatte ich gedacht, dass es für mich die beste Entscheidung gewesen war und die war es auch. Ich hatte gemerkt, was das Leben in Nevada mit mir gemacht hatte, es hatte mich gemacht. Mich, die endlich ihren Schatten übersprungen hatte und zurückgekehrt war. Zwar nur für einen kurzen Moment, aber ich war wiedergekommen und endlich das abzuschließen, wovor ich vor einem dreiviertel Jahr nicht die Möglichkeit gehabt hatte.
      Ich lehnte mich an das Holztor und nahm meine Hand zum Mund. Bereits als Schülerin hatte ich immer den Tick gehabt, mir mit dem Finger gegen die Lippen tippen zu müssen, wenn ich nicht weiter wusste und leider hatten das die Lehrer sehr schnell herausgfunden und mich dann immer extra dran genommen.
      Als auch meine letzte Träne versiegt war, stieß ich mich vom Tor ab und ging mit leisen und langsamen Schritten auf die Box von Excelsior zu. Ich behielt ihn genau im Blick, als dieser jedoch die Augen öffnete und mich ansah, musste ich seinem Blick weichen und schaute wie ein kleines Kind hinab auf meine Schuhe. Ich stand nun so nah vor ihm, dass wir in Reichweite waren und mit angehaltenem Atem wartete ich auf eine erste Reaktion des Pferdes. Des Pferdes, mit welchem alles begonnen hatte, wegen welchem ich jetzt genau an diesem Fleck stand. Nach einer gefühlten Ewigkeit fühlte ich die feuchte Schnauze in meinen Haaren und atmete erleichtert aus. Und wieder einmal kamen mir heute die Tränen, allerdings waren es Freudenstränen, Tränen, die mir zeigten, dass ich nicht alles falsch gemacht hatte. Natürlich war auch Excelsior irgendwo nur ein Pferd, aber für mich war es DAS Pferd und ging sogar hinaus über Chosposi und das musste erst mal jemand schaffen. Nun völlig übermütig schob ich den Riegel der Boxentür zur Seite und fiel dem grauen Pferd um den Hals. Sein Duft hatte sich nicht verändert und auch wenn sein Haar nochmal etwas länger und sein Fell dichter geworden war, so war es eindeutig noch mein Exel, welchen ich vor so vielen Monaten in Südfrankreich zurückgelassen hatte. Ich hatte es nicht gemerkt, dass ich zu Boden gesunken und auch dort eingeschlafen war. Wahrscheinlich war es die Müdigkeit oder die Erschöpfung, oder eben beides gewesen, aber erst als mich kräftige Arme hoch hoben und aus dem Stall trugen, wachte ich so langsam wieder auf. Es war noch immer tiefste Nacht, auch wenn ich hätte schwören können, dass es bereits morgen sein müsste. Mit einem Erschreckensschrei bemerkte ich, dass ich den Mann nicht kannte, welcher mich in seinen Armen hielt und versuchte mich so schnell wie möglich daraus zu befreien. Der Mann schien nichts dagegen zu haben und setzt mich auf dem Boden ab, wo ich dann einige Meter zurück stolperte. Er sagte nichts und ich konnte seinen genauen Gesichtsausdruck in der Dunkelheit nicht erkennen, auch wenn mir mein Gefühl sagte, dass er nichts Böses wollte. Meinem Gefühl vertraute ich jedoch schon lange nicht mehr. Einige Sekunden schauten wir uns stumm an, bevor ich vorsichtig auf englisch fragte: »Wer bist du? Arbeitest du hier?« Ich wusste nicht genau welche Sprache er sprach, immerhin waren wir hier mitten in Norwegen und ich hatte noch nie ein Wort dieser Sprache gesprochen. Er schien mich auf jeden Fall zu verstehen und das war schon mal ein Anfang.
      »Allerdings«, meinte er mit tiefer und ruhiger Stimme, bevor er sich umdrehte und den schmalen Weg entlang vom Stall wegging. »Wenn du nichts dagegen hast, würde ich gerne alles weitere mit dir im Haus besprechen.«
      Ich wusste nicht was ich tun sollte und hätte ich es gewusst, wäre ich ihm wahrscheinlich gefolgt. Ich war schon immer ein Angsthase gewesen und diese Angst hatte sich noch nicht mal gelegt, als ich alleine nach Amerika ausgewandert war. Jeder vermutete von mir, dass ich eine mutige und starke Persönlichkeit war, dabei war ich einfach nur ich. Ich Mio, die vor jedem Angst hatte, den sie nicht kannte. Super. Ich schaffte es dem jungen Mann hinter her zu stolpern und mir einen Weg über den unebenen Pfad zu suchen. Er musste auch auf dem kleinen Hof wohnen, den auch Charly und Nico bewohnten, denn er steuerte zielgerichtet darauf zu. Still, einsam und unbeleuchtet lag das kleine Gut in der Nacht. Die weitläufigen Weiden waren verlassen und das sanfte Rauschen des Fjords vervollständigte das perfekte Bild eines perfekten Platzes. Ich konnte verstehen, warum sie sich genau hier niedergelassen hatten. Es war perfekter als perfekt, wenn man es eben so mochte. Ich könnte mir nie vorstellen, wieder so zu leben. Nicht jetzt, nachdem ich all das in Nevada erlebt hatte. Hier würde ich verrückt werden, in dieser kleinen, perfekten Welt. Der Mann führte mich zu einem kleinen Nebengelass, bei welchem er die Tür aufschloss und mich hinein winkte. Der leere Flur wurde nur spärlich von einer alten und dazu noch flackernden Lampe an der Decke beleuchtet und war für mich persönlich ein Albtraum. Am Ende des Flur gab es zwei Türe. Links und rechts. Während die Rechte nur so von Spinnenweben verhangen war, schien die linke frisch gestrichen zu sein, was ich allerdings in dem Dämmerlicht nur erahnen konnte. Der Mann stieß die Tür grob auf und ich sah noch, wie er einige Briefe und Papiere vom Sofa wischte und in einem Schubfach verschwinden ließ. Die Wohnung, wenn man sie überhaupt so nennen konnte, bestand nur aus einer Wohnküche und einer kleinen Toilette. Ein größeres Bad konnte ich nirgends finden. Es war nicht dreckig oder muffig, aber unaufgeräumt und etwas chaotisch. Zum Glück brachte der brennende Kamin an einer Seite etwas Wärme in das Durcheinander. Vor dem Kamin auf einem alten Teppich lag ein ebenso alter Hund. Oder sollte ich lieber Wolf sagen? Sein Fell war ursprünglich bestimmt schwarz gewesen, doch jetzt mit dem Alter war es mit jeder Menge weißen Strähnen durchzogen. Er schien dazu auch noch taub zu sein, denn er zuckte nicht mal mit den Ohren, als der Mann die Tür hinter mir wieder schloss und auf das Sofa deutete, welches vor dem Kamin stand.
      Jetzt war ich sowieso einmal hier drinnen gefangen, es war also zu spät, weswegen ich mich nicht lange bitten ließ und mich auf diesem niederließ. Der Mann schien sich noch nicht mit mir unterhalten zu wollen, sondern drehte sich einfach nur zu der kleinen Küchenzeile um und setzte Wasser auf. Ich konnte ihn damit endlich von nahen und im Licht betrachten. Er war nicht allzu groß für einen Mann, vielleicht 1,80m, wenn ich schätzen musste. Seine rotblonden Haare waren an den Seiten abrasiert und die restlichen zu einem Zopf auf seinem Kopf zusammen gebunden. Er sah nicht gefährlich aus, jedenfalls nicht auf den ersten Blick, und auch wenn ich damit keine Ahnung hatte, so würde sich ein Vergewaltiger wahrscheinlich als erstes nicht einen Tee kochen, so wie er es gerade tat.
      »Fenchel?« fragte er mich und ich brauchte etwas länger, um zu verstehen was er meinte. Ich sprach mittlerweile so perfekt Englisch, dass mir manche nicht mehr abkaufen wollten, dass ich ursprünglich Deutsche war und erst seit wenigen Monaten in den USA lebte. Aber dieser Mann hier hatte wahrscheinlich nie so gut Englisch sprechen gelernt, weswegen sein Englisch durch den Akzent schwer verständlich war.Ich nickte nur auf seine Frage und wandte meinen Blick dann von ihm ab. In Gedanken versunken schaute ich ins Feuer. Auch wenn ich durch den Schock beim Erwachen meine Erschöpfung vergessen hatte, so kehrte diese nun langsam zu mir zurück. Die wohlige Wärme des Feuers und das bequeme Sofa luden einfach dazu ein. Meine Augen wollten mir gerade zu fallen, als der Mann zwei dampfende Tassen vor uns auf den kleinen Holztisch abstellte und sich dann selber in einen Sessel auf der anderen Seite des Tischs fallen ließ. Jetzt endlich blickte der Hund am Boden auf und seine großen braunen Augen und schauten fragend zu seinem Herrchen hinauf. Dieser kraulte seinen Hund nur kurz, bevor er ihm das Zeichen gab, dass er sich wieder hinlegen konnte. Um nicht noch länger schweigen zu müssen, übernahm ich die Offensive. »Ich bin Mio und es tut mir Leid, dass ich ohne zu fragen den Stall betreten habe.«
      »Ich weiß wer du bist, es hängt ein Bild von dir bei uns im Stall.« sagte der Mann zu mir. »Ich bin Malte. Ich muss dich nur leider enttäuschen, denn Charly unf Nico sind für mehrere Tage verreist.«
      Endlich wusste ich seinen Namen. Malte, das klang nordisch, was ja nicht weiter verwunderlich war, wenn er in Norwegen wohnt. Ich winkte nur ab, es war mir sogar recht, dass sie nicht da waren. Ich wusste selbst, dass es nicht fair ihnen gegenüber war, aber das Leben war nun mal nicht fair und das hatte ich bereits vor langer Zeit gelernt. Aber der Satz von Malte, dass ein Bild von mir im Stall hing, der schallte noch etwas länger in meinem Kopf nach.
      »Danke«, meinte ich dann nur, als mir auffiel, dass ich Malte noch gar nicht geantwortet hatte.
      Auch Malte schien nicht gerade ein Mann großer Worte zu sein. Ihm schienen die Worte genauso ausgegangen zu sein wie mir und deswegen schob er mir einfach eine der beiden Tassen auf dem Tisch zu und fing dann in Gedanken versunken seinen Hund zu seiner rechten zu streicheln. Mein Blick verfing sich wieder im Feuer. Die Flammen flackerten in allen möglichen Farben und es sah so aus, als würde nicht nur der Kamin brennen, sondern auch der Teppich, der Hund und Malte, welche genau davor saßen. Ich fand es komisch, dass es gerade mal Ende September war und hier bereits geheizt werden musste. In Nevada waren es immer noch jeden Tag etwa 70 Fahrenheit und so würde es auch noch eine ganze Zeit lang bleiben. An die Wärme hatte ich mich mittlerweile gewöhnt, weswegen die Kälte hier für mich noch unerträglicher war als ohnehin schon.Ruckartig setzte sich Malte gerade hin, griff mit seiner Hand in seine Hosentasche und zog seinen Autoschlüssel, nein, es war ja meiner, heraus. Dann reichte er ihn mir über den Tisch sagte: »Hätte ich fast vergessen, den habe ich aus deinem Auto geholt und gleich abgeschlossen, das hattest du anscheinend vergessen.«
      Dankend nickte ich ihm zu und nahm ihm die Autoschlüssel ab. Kurz berührte ich seine Hand und ich war erstaunt, wie weich sie sich anfühlte, denn im schwachen Licht sah sie aus, als wäre sie von der täglichen Arbeit rau geworden. Ich steckte den Autoschlüssel in meine Jackentasche und nahm dann die immer noch dampfende Tasse Tee vom Tisch. Tee, auch so etwas, was ich schon lange nicht mehr getrunken hatte.
      »Wie lange hast du vor zu bleiben?« fragte mich Malte, während er aber den Blickkontakt zu mir vermied. Es löste ein seltsames Gefühl in meinem Magen aus, dass wir hier gemeinsam saßen, uns erst einige Minuten kannte und trotzdem keine Themen zum Reden hatten.
      »Weiß nicht, darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Einen Tag, vielleicht auch zwei?« meinte ich achselzuckend. Dabei sah ich zu, wie Malte beide Augenbrauen nach oben zog.
      »So kurz nur? Charly und Nico kommen erst in zwei Tagen wieder.«
      Ich wusste nicht was er von mir halten sollte, aber ich wollte ehrlich sein. »Ich weiß, dass ich Charly damit mal wieder verletze, aber ich werde vor ihrer Ankunft wieder weg sein. Ich bin schon lange nicht mehr die Freundin, die ich einmal war und ich mache es Charly nur noch schwerer, wenn ich wieder gehe. Ich gehe nun meinen eigenen Weg.«Ich konnte nicht erkennen, welche Emotionen Malte nun durchflossen, überhaupt konnte ich keine Reaktion in seinem Gesicht erkennen. Er zuckte nur mit den Schultern und wandte sich dann wieder seinem Tee zu.
      »Du kannst gerne die beide Nächte bei mir schlafen, es sieht so aus, als bräuchtest du dringend mal wieder etwas Schlaf.«
      »Danke, das nehme ich gerne an.« Meinte ich und lächelte wahrscheinlich das erste Mal an diesem Tag.

      Auch wenn das Sofa nicht gerade das größte und bequemste war, so schlief ich doch gut und auch recht lange. Das war ja auch kein Wunder, immerhin hatte ich den ganzen letzten Tag im Flieger gesessen und war dementsprechend ausgelaugt gewesen. Als ich von den Sonnenstrahlen geweckt wurde, welche durch die kleinen Fenster zu mir herein schienen, blieb ich nicht mehr lange liegen, sondern begann den Tag mit neuer Motivation und Freude. Gestern hatte ich nur Augen für Excelsior gehabt, aber es gab ja auch noch einige andere Pferde, welche ich vermisst hatte. Vor allem Jeanie, Ocarina of Time und Happy, aber auch Grenzfee und Teufelstanz, Charelle und April Rain. Ich war gespannt was auch aus Marid dem Idioten geworden war und ob es ihn überhaupt noch gab. Malte konnte ich nirgends finden, weswegen ich davon ausging, dass er bereits unterwegs war. Ein Blick auf die Uhr bestätigte diese Vermutung, denn es war bereits kurz nach zwölf. Als ich das kleine Haus verließ, brauchte ich einen Moment um mich orientieren zu können. Bei Tag sah das Ganze schon etwas anders aus und ich war erstaunt, welch freundliche Aura das Anwesen hatte. Rechts von mir lag eine purpurrote Scheune mit schwarzem Dach, genau vor mir stand ein prächtiges kleines, weiß gestrichenes Gutshaus und links konnte ich zwei weitere Häuser erkennen. Eines davon sah eher nach einem Schuppen und das andere nach einem Fischerhaus aus, aber wahrscheinlich würde auch Maltes Haus nicht sehr stattlich aussehen. Als ich einige Schritte zurücktrat und mir das kleine Häuschen genauer ansah, sah ich auf den ersten Blick nichts als Efeu. Das ganze Haus war davon überwuchert und ich verliebte mich auf den erstes Blick. Ich seufzte. Ich hätte nicht gedacht, dass es mir hier oben im Norden in der Kälte tatsächlich so gut gefallen würde. Den Weg in den Stall fand ich tatsächlich schneller als gedacht, sodass ich wenige Minuten später am großen Haupttor stand und zum ersten Mal den Stall im Licht der Tagessonne sah. Wie mir auch gestern schon aufgefallen war, war es ein überaus stattlicher und von hellem Licht durchfluteter Stall, welcher mich vor allem mit seinen modernen und offenen Boxen überzeugte. Nun waren die Boxen jedoch leer und nur das aufgeregte Zwitschern der Schwalben im Gebälk gaben Geräusche von sich. Ich hatte meinen Blick nach oben gewandt, sodass ich nicht mitbekam, wie der große pelzige Hund von gestern Abend auf mich zu kam. Dementsprechend erschreckte ich mich, als sich die großen dunklen Augen zu mir hinaufwandten und mich zu durchbohren schienen. Wie hieß er nochmal? Ich und mein Namensgedächntnis! Ich streichelte ihn kurz und begab mich dann auf die Suche nach bestimmten Pferdenamen an den Boxentüren.
      »Excelsior, Jeanie - «, murmelte ich vor mich hin und ging Box für Box ab. Nach Jeanie hielt ich kurz inne, denn der Namen an der Boxentür versetzte mir einen kleinen Stich in der Magengegend. Klar hatte mir Charly von Jelda erzählt, Jeanies erstem Fohlen, aber nie hatte sie auch nur erwähnt, dass ihr ganzer Name ‚Mios Jelda‘ hieß. Ich war zu Tränen gerührt und zum ersten Mal seit vielen Monaten fühlte ich wieder diese innige Freundschaft, welche Charly und ich so viele Jahre lang gehabt hatten. Braum van Ghosts kannte ich tatsächlich noch aus den letzten Wochen meiner Zeit auf Saint Gorge, Hendersin, wie auch Braddock 'The Parrot' waren mir unbekannt.
      »So viele unbekannte Pferde«, murmelte ich, als ich auch an Óslogis, Félagis und Dynurs Box vorbeiging. Isländer, dem Namen nach. Aber warum Isländer? Weder Charly noch Nico hatten sich je für diese Gangpferde interessiert!
      »Oh ha!« Sagte ich überrascht, als ich tatsächlich ein Boxenschild mit dem Namen Marid fand. Den gab es also auch noch. Ich blieb einen Moment davor stehen und versank in Gedanken bei dem Tag, an dem ich Marid das erste Mal gesehen hatte, bevor ich mir noch die anderen Boxen ansah. Da gab es eine Rubina und einen Khadir, sowie eine Zanyah und einen Tiramisu. Auch Bijou, Abs und Milosch kannte ich nicht. Besonders freute ich mich, dass es Charelle und April Rain überlebt hatten, immerhin hatten sie ihm gehört. Vor allem Nelly war sein absolutes ein und alles gewesen. Aber gewesen. Nach den beiden folgte eine Reihe Namen, die ich nie und nimmer aussprechen konnte. Worgait war davon noch der normalste, aber wer ließ sich bitteschön Himmawallajugaga, Sysahlreuth und Devrienterreuth einfallen?! Das waren doch keine Namen! Zwischendurch gab es zum Glück etwas einfaches, Raja zum Beispiel. So viele Namen und zu kaum einem Pferd hatte ich ein Bild im Kopf. Ein Stein fiel mir allerdings vom Herzen, als ich an den letzten Boxen die Namen Grenzfee, Teufelstanz und Aspantau und Seattle‘s Scarlett laß. Auch sie hatten es also bis hier her geschafft! Scion d‘Or und Lady Gweny kannte ich jedoch wieder nicht. Schmunzeln musste ich, als ich ganz am Ende, oder eigentlich auch wieder am Anfang der Stallgasse den Namen Cotsworld Eik las. So interessant er war, vor allem mich als gebürtige Deutsche erinnerte er mich extrem an K*tze. Besser hätte es der Zufall nicht planen können, doch kaum hatte ich meinen Rundgang beendet und war mir bewusst geworden, dass weder Happy, noch Leiðtogi oder Sleipnir, noch Ocarina of Time bei den Namen dabei gewesen waren, als ich Malte den Parkplatz überqueren sah. An seiner rechten Seite lief das hübscheste Pony was ich je gesehen hatte und das sagte ich wahrlich nicht oft. Ein hübscher Perlino Splash mit blauen Augen, dicker Mähne und dichtem Fell. Das pure Traumpferd für mich! Wäre es jedoch ein Mustang und kein Isländer, dann wäre es noch perfekter als perfekt gewesen.
      Malte sagte nichts, bis er direkt neben mir anhielt. »Du musstest anscheinend wirklich viel Schlaf nachholen. Hast du jedenfalls auch gut geschlafen?«
      Ich nickte. »Danke, so gut wie lange nicht mehr.« Bedankte ich mich und lächelte kurz. »Ist das dein Pferd?«
      Stolz blickte Malte auf den Hengst hinunter. »Ja, mein kleiner Prinz. Soll ich dir noch die anderen Pferde zeigen? Ich komme zwar gerade erst von den Weiden, aber wenn du mir nachher bei der Stallarbeit hilfst, sollte das kein Problem sein.«
      Ich nickte. »Gerne doch, es gibt einige Pferde, welche ich gerne mal wieder sehen würde.

      Die Weiden in Südfrankreich waren nichts im Vergleich zu denen hier in Norwegen. Geschützt, windsicher und umringt von Bäumen waren sie das pure Paradies für die Pferde. Ich war wirklich erstaunt, welch gutes Konzept und mit welch guter Planung Charly und Nico den Hof führten und versuchten, es jedem Pferd so recht wie möglich zu machen. Ich lernte all die Vollblüter kennen, vor allem Achal Tekinner, aber auch viele Araber und Englische Vollblüter, dufte die Friesen irgendeines Petyrs bestaunen und mich darüber freuen, dass mein Excelsior haufenweise Freunde um sich gescharrt hatte. Was mich jedoch wirklich entzückte waren die Zackelschafe. Sieben Stück und ein kleines Lämmchen, welche auf einer der Weiden lebten. Auch Malte schien von seinen Schafen begeistert und stellte mir gleich jeden mit Namen vor. Alle besaßen Cocktailnamen, das fand ich extrem witzig. Die große Jungpferdeweide befand sich direkt am Ufer. Der Boden war hier um einiges sandiger und auch der Wind kühler, jedoch hatten die sieben Pferde mehrere Unterstellmöglichkeiten, um sich vor der kühlen Seeluft schützen zu können. Meine Jeanie besuchten wir als letztes. Zusammen mit ihrem Fohlen und einer kleinen Shettystute stand sie so Gestütsnah wie nur möglich, da sie hier am sichersten waren. Einen Moment verweilte ich noch am Zaun und beobachtete die kleine Jelda dabei, wie sie immer wieder versuchte, die beiden anderen Stuten zum Spielen zu ermutigen. Jeanie und Belle schienen jedoch die Lust zum Toben verloren zu haben und drehten sich immer wieder weg. Malte musste meinen Blick gesehen haben, denn ein kleines Lächeln erschien auf seinen Lippen. »Keine Angst, es dauert nicht mehr lange und da kann die kleine Jelda mit zu den anderen Jungpferden. Sie scheint nur etwas früh entwickelt zu sein und es kaum abwarten zu können, endlich von ihrer Mutter loszukommen.«
      Ich grinste zurück und zog Malte dann mit zum Stall. »Los komm schon, die Arbeit wartet!«

      Ich hätte nicht gedacht, dass der Stall so viel Arbeit war. Meine anfängliche Motivation war schnell wieder geschrumpft und auch die norwegische Musik im Radio, welche ich als mega witzig eingestuft hatte, wurde schnell nur noch zu einer Qual. Fast schien es, als hätte ich im letzten ¾ Jahr verlernt, was es bedeutete, so viele Boxen sauber machen zu müssen. Malte schien dies jedoch gar nicht zu stören. Die Arbeit im Stall schien sein Leben zu sein, so als könnte er sich nie etwas anderes vorstellen. Erst nach mehreren Stunden hatten wir die fünfzig Boxen von jeglichem Mist befreit, die Stallgase gekehrt und allen Pferden das Heu für den Abend vorbereitet.
      »Kaffee?« fragte mich Malte, als wir beide unseren Besen an die Wand lehnten. Ich nickte und kletterte erschöpft und sehr ungelenkig auf einen Heuballen in der Stallgasse. Daraufhin verschwand Malte in der kleinen Reiterstube und kurz darauf hörte ich das vertraute Geräusch einer Kaffeemaschine. Ja Kaffee, das war wohl eines der wichtigsten Mittel, welche mich jeden Morgen auf den Beinen hielt, wenn ich in aller Frühe mein Bett verlassen musste. Die Zeit nach dem Kaffee verging um einiges schneller. Nachdem die Arbeit im Stall geschafft war, verlief der Tag viel angenehmer. Ich wich Malte nicht von der Seite, beobachtete ihn dabei, wie er eine junge Ponystute von der Weide holte, diese putzte und sattelte und sie dann zur Reithalle führte. Auch diese lag versteckt mitten im Wald und nur ein kleiner Pfad führte dorthin. Staunend beobachtete ich ihn, wie er die Stute mit viel Geduld und vor allem Gefühl an die Lektionen heranführte und wenn etwas nicht klappte, versuchte er es einfach nochmal. Er schien ein richtiges Talent fürs Trainieren zu haben und irgendwo in meiner Magengegend spürte ich einen kleinen Eifersuchtsknoten, welchen ich jedoch erfolgreich wieder verbannen konnte. Auch der restliche Nachmittag war vor allem pure Entspannung. Pferde und Natur, mehr gab es eigentlich nicht, was mich glücklich stimmen konnte. Zusammen mit Malte und seinem großen Hund, machten wir einen Spaziergang mit einigen der Jungpferden. Während Malte seine beiden Isländer Félagi und Dynur nahm, entschied ich mich für Scion und Aspantau. Vor allem Aspantau hatte sich gigantisch entwickelt und ich freute mich, dass es ihm so gut ging. Fast zwei Stunden waren wir unterwegs und als wir zurück zum Gestüt kamen, dämmerte es bereits leicht. Die Pferde putzten wir noch ab und brachten sie dann zurück auf die Weide.
      »Holst du sie heute nicht über Nacht in den Stall?« fragte ich Malte, als dieser gerade das große Tor des Stalls schloss. Er schüttelte nur den Kopf. »Nein, heute nicht. Die Arbeit erspare ich mir. Morgen Nachmittag kommen alle wieder, dann machen wir das zusammen.«
      Ich fragte mich, ob er mit „wir“ auch mit meinte, denn ich hatte bereits etwas anderes geplant.

      Den Abend verbrachten wir, eingehüllt in warme Decken, unten am Strand. Auf Klappstühlen, mit einer heißen Tasse Tee in der Hand und einer flackernden Kerze zu unseren Füßen blickten wir auf den Tyrifjord, über welchem bereits der helle Mond aufgegangen war und sich nun in dessen Oberfläche spiegelte. Ich war erstaunt, als Malte nach einer Zeit des Schweigens anfing, mir von dem Leben auf der Ranch zu erzählen, seinen Freunden und seiner Geschichte. Ich hatte Malte heute als einen überaus stillen und schweigsamen Menschen erlebt und deswegen verwunderte es mich, dass er mir nun so freizügig erzählte. Irgendwann fing auch ich an, ihm vom Leben in der Wüste zu erzählen und es schien ihn ehrlich zu interessieren, so als ob er mich und meine Entscheidung verstand. Ich war ihm überaus dankbar, mit wie wenig Vorurteilen er an mich heran getreten war, obwohl er wusste, dass ich Charly und vielleicht auch Nico enttäuscht hatte. Es war bereits spät nach Mitternacht, als wir unseren schönen Platz aufgaben und zurück zum Hof gingen. Diesmal kam mir der Flur bereits gar nicht mehr so unheimlich vor und auch an das flackernde Licht schien ich mich gewöhnt zu haben. Ohne viel Umschweife zog ich mir meine dreckigen Kleider aus und schlüpfte unter die warme Decke des Sofas. Malte wünschte mir noch eine gute Nacht und bevor er das Licht gelöscht hatte, war ich eingeschlafen.

      Am nächsten Morgen wachte ich in aller Frühe auf. Perfekt, genau zur richtigen Zeit. Malte schlief auch noch und so zog ich mir langsam meine Kleidung wieder an, schnappte mir meine Tasche und wollte die kleine Wohnung verlassen. Kurz bevor ich jedoch die Türklinke nach unten drückte, überlegte ich es mir nochmal anders und kritzelte mit zitternder Hand auf einen kleinen Zettel:
      Danke für alles!
      Vielleicht sehen wir uns ja irgendwann nochmal wieder.
      Mio
      Es tat mir Leid, dass ich ihn ohne ordentliche Verabschiedung wieder verlassen würde und doch war das mein neues ich. Ich war sprunghaft geworden, wollte mich mit keinem anderen Ort mehr verbinden und am besten mich mit keinem anfreunden. Ich lebte nur noch für Nevada, für die Mustangs, für Addison und für mich. Der Mietwagen brauchte etwas länger um zu starten, der Motor schien etwas eingefroren zu sein. Doch als er endlich startete, verließ ich die Ranch ohne einen Blick zurück zu werfen. Hätte ich es getan, so hätte ich bestimmt den jungen Man gesehen, welcher vor seiner Haustür stand und mir mit einem kleinen Lächeln nachlächelte.
      Etliche Stunden später landete der Flieger auf dem Flugplatz in Las Vegas. Es war ein Las Minute Flug gewesen und dementsprechend ramponiert und unbequem war der Flug gewesen. Zum Glück hatte ich so die verlorenen Schlafzeit jedenfalls etwas wieder aufholen können. Vor dem Gebäude, angelehnt an seinen dunklen Jeep, wartete Addison auf mich. Er hatte seinen Hut tief ins Gesicht gezogen und ich konnte sehen, wie er jeden an ihm vorbeikommenden Passanten mit zusammengekniffenen Augen musterte. Ich musste bei seinem Anblick lächeln und als auch er mich erblickte, streifte sein Blick als die Erlebnisse von Norwegen von mir ab. Ich hatte mein Gewissen mit diesem Besuch nun endlich beruhigt und es war Zeit, nun nur noch hier und jetzt zu leben. Ich stieg auf der Beifahrerseite ein und kurz darauf schlängelte sich das brummende Gefährt durch die vollen Straßen von Las Vegas, genau auf den Red Rock Canyon zu.

      9. Oktober 2016 | 28.544 Zeichen | Canyon
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  • Album:
    Phoenix Valley — Nebenstall
    Hochgeladen von:
    Canyon
    Datum:
    13 Jan. 2020
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    Óslogi
    Logi

    ● ○ ● ○

    Wallach | *2009 | 164cm
    Isländer
    Perlino Splashed White

    ● ○ ● ○

    Von unbekannt

    Von unbekannt Aus der unbekannt

    Aus der unbekannt

    Von unbekannt Aus der unbekannt

    ● ○ ● ○

    Entgegen der ersten Vermutung, wenn man dieses Pferd sieht, ist Óslogi kein Goldprinz, der auf Händen getragen werden will. Im Gegenteil, der goldene Hengst liebt es einfach Pferd zu sein und ist stets der Boss, sowohl in der Herde, als auch unterm Sattel. Das denkt er zumindest. Er ist zäh, arbeitswillig und ausdauernd. Sowohl Menschen als auch Tieren zeigt er sich stets freundlich und mutig. Mit der richtigen Ausbildung ist er absolutes Verlasspferd, das sprichwörtlich durchs Feuer geht.
    An Óslogi schätzt man nicht nur seine spezielle Fellfarbe, sondern auch die Trittsicherheit. Der kleine Hengst töltet und eignet sich wahrscheinlich auch zum Rennpassreiten. Durch die helle Haut leidet er bei viel Sonne unter Sonnenbrand, sodass er rechtzeitig eingecremt und nach Möglichkeit dünn eingedeckt werden muss. Auch sind seine beiden blauen Augen sehr sonnenempfindlich, was ihn manchmal etwas aus dem Konzept bringt, bis hin zu dem Punkt, wo er stur stehen bleibt und nicht weiter arbeiten möchte.
    Nachdem er, auf einem renommierten Islandgestüt aufgezogen und anlongiert wurde, kam Óslogi nach Kalifornien nach Phoenix Valley. Hier wurde er alsbald eingeritten. Óslogi machte die Sonne sehr zu schaffen, sodass er des Öfteren mit Sonnenbränden zu kämpfen hatte. Zu seinem Wohle wurde er deswegen ins kühle Norwegen verkauft.


    ● ○ ● ○

    Besitzer: Canyon
    VKR/Ersteller: sadasha
    im Besitz seit: 04-August-2016
    Kaufpreis: 1000 Joellen

    ● ○ ● ○

    Schleifenaufstieg Trainingsaufstieg Potential


    Military E A L M S S*

    Distanz E A L M S

    Dressur E A L

    Springen E A L

    Gangreiten E A L M S S* S** S***

    Western E A L M S S* S** S***

    ● ○ ● ○

    Fohlen ABC | Eingeritten | Eingefahren

    [Schleife]
    Thema


    ● ○ ● ○

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    77. Gangturnier | 342. Westernturnier | 345. Westernturnier | 353. Westernturnier

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    356. Westernturnier | 361. Westernturnier | 108. Gangturnier | 110. Gangturnier


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    111. Gangturnier | 123. Gangturnier | 137. Gangturnier | 138. Gangturnier


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    142. Gangturnier | 333. Militaryturnier | 140. Gangturnier | 146. Gangturnier


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    148. Gangturnier | 149. Gangturnier | 150. Gangturnier | 150. Gangturnier


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    [RS 63] Schnitzeljagd | [60.] Grüne Wallachschau


    Abstammung: 0
    Schleifen: 22
    HS: 0
    TA: 0
    Trainer: 0
    Zubehör: 0
    Gesamt: 22

    Gencode: Ee AA CrCr SplSpl
    Zur Zucht zugelassen: Ja
    Eingetragene Zucht: Phoenix Valley (PV)

    Nachkommen
    Vordís vom Helstorfer Moor - *2016 (aus der Vinkona)


    ● ○ ● ○

    Letzter Tierarztbesuch: unbekannt
    Letzter Hufschmiedbesuch: unbekannt

    ● ○ ● ○

    PNG | Puzzle PNG | offizieller HG