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Occulta

• Numair, Araappaloosa ♂

Hengst | Schabrackentiger

• Numair, Araappaloosa ♂
Occulta, 26 Okt. 2013
Cooper gefällt das.
    • Occulta
      Ein langer Tag

      Es war ein sonniger Spätsommermorgen und die Natur schien verschlafen zu haben. Es lag viel Tau auf dem Gras, die Luft roch frisch und sauber. Das Gewitter vom Vortag hatte den ganzen Staub von den vergangenen heissen Tagen weggewaschen. Ich streckte mich genüsslich und genoss einen Moment die frühen Sonnenstrahlen auf meiner Haut. Vom morgendlichen Vollbluttraining herkommend befand ich mich gerade auf dem Weg zum Nordstall. Drinnen war es schön kühl. Die Pferde raschelten fleissig in ihrer Frühstücks-Heuportion und ich entdeckte ein paar Mäuse, die gerade den Boxenwänden entlang flüchteten. Jackie spitzte sofort aufgeregt die Ohren und flitzte hinterher, aber natürlich erwischte sie keine. „Wo sind diese verlausten Katzenviecher wenn man sie mal braucht?“, stellte ich sarkastisch an mein Hündin gewandt fest. Sie musterte mich Schwanzwedelnd und erwartungsvoll. „Heh sweetie? No treats until you catch one.“ Ich stellte mich vor Donuts Box und rief seinen Namen. Der Ponyhengst hob den Kopf, spitzte die Ohren und brummelte. Ich schmunzelte, weil seine Stimme wie immer höher als die eines Grosspferdes war und das Geräusch dadurch umso witziger klang. Geputzt und gesattelt hatte ich ihn schnell, denn er war noch sauber von gestern. Das Langhaar bearbeitete ich nochmal mit etwas Glanzspray, damit der Schweif schön fluffig und voluminös war. Dann führte ich Donut auf den Reitplatz, denn was gab es besseres, als die noch kühle Morgenstimmung für eine Dressurstunde zu nutzen? Ich wärmte Donut auf und trabte ihn dann erstmal in Dehnungshaltung auf mehreren Volten. Nach einer Weile nahm ich die Zügel auf und begann, den Hengst mit lockeren Seitengängen zu gymnastizieren. Er war heute fleissig und energiegeladen, was ich sehr mochte. Trotzdem entschleunigte ich ihn anschliessend mit ein paar kleinen Volten, damit er nicht auf die Vorhand kippte. Im Schritt versuchte er immer wieder anzutraben, wie ein ungeduldiges Kind. Doch ich nahm es gelassen und schätzte seinen Eifer. Ich beschloss, jetzt erstmal ein wenig Galopparbeit zu machen, bevor ich mich noch an Travers Lektionen wagte. Er galoppierte schwungvoll und in korrekter Haltung, leicht vor der Senkrechten und schön bergauf. Wie toll es doch war, einen so fein ausgebildeten Hengst zu reiten! Ich versammelte den Galopp und liess ihn auf der langen Seite wieder zulegen, dann wechselte ich durch die Diagonale und machte einen Galoppwechsel bei X. Kein Problem für Donut – als erfahrenes Springpony gehörte das zu seinen Spezialitäten. Nach dem versprochenen Travers machte ich noch ein wenig Schulterherein, dann liess ich es für heute gut sein und brachte Donut zurück in den Nordstall. Ich sattelte ab, bürstete das Fell glatt und kratzte die Hufe aus. Als ich fertig war, entliess ich ihn in seine Box und gab ihm drei Karotten, die er hastig runterschlang. Ich kraulte zum Abschied seinen Hals und den weissen Nasenrücken, wobei er genüsslich den Mund verzog. Er wollte mich gar nicht weggehen lassen, sondern sich gleich hinter mir wieder durch die Boxentür zwängen, was ihm natürlich nicht gelang. Enttäuscht brummelte er mir hinterher und ich bekam beinahe ein schlechtes Gewissen, einfach so davonzulaufen. Aber sein eigentlicher Beweggrund, so war ich mir fast sicher, war die vierte Karotte, die ich noch immer in der Hand hielt um sie nun Ljóski hinzustrecken. Herkir, der in derselben, besonders grossen Box stand, versuchte eifersüchtig seinen Kumpel wegzuekeln. Ich führte Loki in die Stallgasse und putzte ihn ausgiebig. An seinem wolligen Langhaar hatte ich besonders lange. Der Hengst war kitzlig und zuckte die ganze Zeit mit dem Widerrist, als ich mit der weichen Bürste nochmals über seinen Körper strich. Besonders am Bauch mochte er es gar nicht, sodass er vor und zurück zappelte. Ausserdem drehte er mehrfach den Kopf um sich mit der Schnauze an seiner Schulter zu kratzen. Das hibbelige Getue ging auch beim Aufsteigen weiter und ich fragte mich langsam, ob Herkir und er Persönlichkeiten getauscht hatten, denn normalerweise war der Fuchsschecke eher wie ein Sack voller Flöhe. Ich ging mit dem vor Energie überlaufenden Loki ins Gelände und machte ein paar gesunde Galopps, sodass ich ihn am Ende zufrieden und ausgepowert am langen Zügel nachhause reiten konnte. Als nächstes stand Longieren mit Moon Kiddy auf dem Programm, als Abwechslung für sie und mich. Nachdem sie am Sonntag an einem anspruchsvollen Gymkhana mit Darren gestartet war, hatte sie sich eine Pause verdient. Deshalb arbeitete ich mit ihr eine halbe Stunde lang locker im Roundpen, wobei ich nicht mehr als Übergänge und Seitenwechsel verlangte, um ihre Reaktion auf meine Körpersprache weiter zu schulen. Sie war sehr aufmerksam und liess sich gänzlich auf mich ein, was das Training sehr einfach machte. Andererseits kannten wir uns nun auch schon so lange, dass ich alles andere als bedenklich gewertet hätte. Meine hübsche Criollostute mit der mächtigen, schwarzen Mähne, ihr Markenzeichen, kam am Ende des Trainings zu mir in die Roundpen Mitte und holte sich ihre Karottenstückchen ab. Ausserdem wischte sie liebevoll mit der Oberlippe auf meinem Unterarm hin und her, als wollte sie mich kraulen. Ich tat es ihr gleich und massierte ihren Widerrist, dann führte ich sie am Halfter zurück in den Nebenstall. Inzwischen waren die Hengste alle auf die Weiden gelassen worden; die Stuten kamen am Nachmittag raus.

      Ich bekam pünktlich um zehn Uhr einen Anruf, dass mein neues Hengstfohlen, LMR Royal Champion, gesund und munter im Flughafen von Birmingham angekommen war. Der Jährling stammte von der Lake Mountain Ranch, einem noch eher unbekanntes Gestüt, doch seine Abstammung gefiel mir und sein Exterieur hatte mich überzeugt. Er war ein Mix, daher überlegte ich, ihn kastrieren zu lassen, doch das hatte noch Zeit. Erstmal holte ich ihn nun ab und brachte ihn zu seinen neuen Kumpels auf die Hengstfohlenweide. Es gab ein paar Rangeleien, wie das eben war, wenn ein Neuling in die Gruppe stiess. Ich beobachtete das Ganze, bereit, jederzeit mit schwingendem Führstrick einzugreifen. Doch es war wie erwartet nicht nötig: Royal wurde von allen Seiten neugierig beschnuppert und ein bisschen ‚angenagt‘, dann war die Rangfolge fürs erste geklärt und er wurde in Ruhe gelassen. Dass er sich so rasch in das soziale Gefüge eingelebt hatte, sprach für die Haltung des Züchters. Zufrieden widmete ich mich wieder den anderen Stallarbeiten.

      Lily war noch in der Schule, also traute ich mich nicht, etwas mit Thairu, unserem gestreiften ‚Pony‘ zu unternehmen. Sie wollte immer dabei sein wenn ich mit dem Zebra arbeitete, was leider im Moment nicht allzu oft geschah. Andererseits hatte ich das Gefühl, dass es auch besser für Thairu war, wenn sie nicht zu viel Trainiert wurde. Schliesslich war so intensiver Kontakt zu Menschen noch immer recht viel Stress für sie und ich wollte sie nicht überfordern. Ich beschloss, mir heute Abend eine Stunde für das Zebra freizuhalten.

      Es war nun 11 Uhr und mittlerweile ziemlich warm geworden, sodass ich nur noch im Trägertop rumlief. Zira und Sheela waren treu an meiner Seite, Jackie hingegen hatte sich aus dem Staub gemacht als ich aufgebrochen war um Royal abzuholen. Vermutlich überwachte sie mal wieder gewissenhaft ihr Territorium oder döste irgendwo im Schatten. Ich liess es mir nicht nehmen, rasch mit den beiden Hündinnen zu spielen, als ich unterwegs zur Stutenweide einen nahezu perfekten Stock dafür fand. Er wies schon ein paar Nagespuren auf, also hatten ihn die Hunde wohl von irgendwoher angeschleppt. Ich warf ihn soweit wie meine eher spährliche Armmuskulatur es erlaubte und sah dann belustigt zu, wie sich Sheela und Zira dynamisch darauf stürzten. Sheela, die ja ein wenig älter und deutlich massiger war als die schlaksige Zira, brauchte bloss einmal warnend zu knurren um ihrer jungen Spielgefährtin klarzumachen, dass sie alleine den Stock tragen durfte. Sie brachte ihn mit stolz aufgerichtetem Gang zu mir zurück. Zira trottete hinterher, wie eine hungrige Wölfin die auf eine Gelegenheit wartete, ihrer Rudelgenossin die Beute abzunehmen. Ich lobte beide und warf den Stock nochmal, dann lief ich zum Weidetor. Ich wollte vor dem Mittag noch mit Islah arbeiten. Die Araberstute hatte ihren Babybauch durch die ständige Bewegung auf der Weide und das Training unter dem Sattel vollständig abtrainiert und erfreute sich wieder bester Fitness, was bei ihrem Charakter nicht immer von Vorteil war. Ich mochte es aber, dass sie dieses feurige Temperament zeigte, das man oft als typisch für Araber empfand. Ich brachte sie zum Nebenstall und band sie dort ans Holzgestänge. Dann begann ich, ihr kurzes Fell zu striegeln. Noch während ich dabei war, kamen Ajith, Oliver und Jonas vorbei. „Hey Boss“, grüsste Jonas. „Ajith had an idea“, begann Oliver. „Since some of the thoroughbred stallions now live at Rosie’s farm, we could put the Arabians into the empty stalls inside the Hauptstall.” Ich verstand, worauf er hinauswollte; der Platz im Nordstall war begrenzt, hingegen im Hauptstall gab es eine ganze Reihe unbesetzter Gastboxen. Trotzdem war ich nicht so richtig zufrieden mit dem Vorschlag. Stattdessen überlegte ich laut: „What about we ask Rosie if she wants to take the Arabs in an give us our beloved English Tbs back?“ Ajiths Augen leuteten begeistert – er hing einfach an all seinen Pfleglingen und war ziemlich enttäuscht gewesen, dass die paar Hengste auf der Wilkinson Farm von anderen Pflegern versorgt werden würden. Oliver schien auch nicht abgeneigt von der Idee, nur Jonas war etwas zerknirscht, weil er dadurch künftig Numair und Anubis nicht mehr so oft sehen würde. Ich fragte ihn, ob es sehr schlimm sei, doch er verneinte glücklicherweise. „Solange du mir meinen Herkir dalässt, ist alles gut.“ Ich schmunzelte und schloss: „Dann rede ich nachher mit Rosie, ich wollte ihr sowieso einen Besuch abstatten.“ Die drei zogen zufrieden weiter und ich widmete mich wieder ganz meiner Islah. Ich arbeitete auf dem Sandviereck mit ihr, auf dem noch Stangen von Lisas Trail Training mit Shadow ausgelegt waren. Dies nutzte ich gleich, um die Stute zu gymnastizieren. Über den Stangen und Cavaletti musste sie ihre Beine heben und den Rücken wölben, ausserdem erforderte die Arbeit ein erhöhtes Mass an Konzentration, was bei ihrem Temperament gerade recht kam. Zu lange ritt ich sie aber so nicht, denn die Lektionen waren anspruchsvoll und führten im Übermass zu Muskelkater. Ich liess sie nach etwas mehr als einer intensiven halben Stunde ausgiebig austraben und brachte sie dann zurück auf die Weide.

      Nun meldete sich mein Magen zu Wort und erinnerte mich daran, dass es Mittag war. Lily kam aus der Schule zurück und half mir beim Kochen, verzog sich am Ende aber doch ins Wohnzimmer um mit den Hunden zu spielen. Ich war ihr nicht böse, denn das heutige Menü war nicht aufwendig – Spaghetti mit Tomatensauce und Salat. Ich fragte meine Nichte, ob sie Lust hatte am Abend mit Thairu zu trainieren. „Und das fragst du noch?“, kam die empörte Antwort. Ich grinste zufrieden und konzentrierte mich auf meine Spaghetti, um keine Tomatensauce zu verspritzen. Lily hatte am Nachmittag Schulfrei, also lud ich sie ein, Rosie mit mir zu besuchen. Nach dem Essen und wegräumen begaben wir uns also abermals zur Stutenweide. Ich fing mir Argenté Noir ein, Lily durfte Feline nehmen. Wir putzten die beiden Stuten direkt auf der Weide, indem wir sie an den Zaun banden und das Sattelzeug den ganzen Weg rüber trugen. Unter dem Zaumzeug liessen wir die Knotenhalfter, damit wir die beiden später auch anbinden konnten. Ich war schon ein Weilchen nicht mehr auf dem Welsh Pony gesessen, aber gewöhnte mich rasch wieder an Noirs Bewegungen. Wir ritten zusammen zur Ranch, machten aber einen Umweg durch den Fluss. Bei der Mittagshitze war es eine willkommene Abkühlung, als Feline verspielt im Wasser scharrte und uns beide nass spritzte. Noir zog wenig begeistert ihren Kopf weg und klappte ihre Ohren nach hinten, damit sie kein Wasser abbekamen. Wir wateten ans andere Ufer und trabten dem Waldrand entlang zur Ranch. Der einladende Schotterweg mit dem Kreis erinnerte mich an die Zufahrt zu einem noblen Schloss. Die Gebäude waren neu gestrichen und alles sauber aufgeräumt – von einer Baustelle war beinahe nichts mehr zu sehen. Auch die Zäune standen nun alle; sie waren hübsch weiss und ergänzten das ländliche aber zugleich edle Bild. Von weitem sah ich Cantastor und Muskat auf der Weide grasen. Sie wehrten friedlich mit den Schweifen Insekten ab und schüttelten ab und sahen auf, als sie uns entdeckten. Lily und ich stiegen ab und banden die Pferde an, dann begaben wir uns auf die Suche nach Rosie. Wir fanden sie im Wohnhaus, wo sie gerade Staubsaugte. Sie begrüsste uns herzlich und machte Tee, während Lily freiwillig fertig staubsaugte. Wir plauderten eine Weile bei Tee und Keksen, bevor ich wie versprochen die Idee mit den Arabern ansprach. „That’s funny“, meinte Rosie als ich fertig war, „I bought two Arabians recently, from a place named Fearie Hills. It’s a mare and a stallion, both precious breeding stock, but Fearie Hills is being closed and so their horses are all for sale. I was afraid that those two could end up with some dubious traders, so I kinda rescued them.” “That’s cool, I can’t wait to see them!”, rief Lily begeistert. Rosie meinte lachend: “You don’t have to – they’re arriving today.” “When exactly?”, wollte ich wissen. “I will pick them up at the airport in about an hour.” “So we’re gonna swap? You okay with that?”, hakte ich nach. Rosie überlegte kurz und nickte dann. “Though I’ll miss my little Fly around here, I think I would like to start breeding Arabs.“ Ich nickte zufrieden und wir schüttelten Hände – damit stand der Entschluss fest, dass meine drei Araber hierher ausgelagert werden würden und künftig in Rosies Zucht zum Einsatz kamen. Lily und ich beschlossen unseren Ausritt fortzusetzen und anschliessend gemeinsam mit den Pflegern den Pferdetausch zu vollziehen. Wir galoppierten über die beliebten alten Holzrücker Wege im Wald und waren wohl insgesamt über eine Stunde lang unterwegs. Noir liess ich am Ende am langen Zügel nachhause schlendern; die Stute war ausgepowert und wackelte zufrieden im Takt mit den Ohren. Wir brachten sie und Feline zurück auf die Weide und trommelten Jonas und Lisa als Helfer zusammen. Ich war zwar nicht gerade begeistert davon, mit beiden gleichzeitig zu tun zu haben, aber sie waren gerade als einzige zur Verfügung. Wir holten die drei Araber und sattelten sie. Islah verstand die Welt nicht mehr, als ich sie abermals von der Weide holte und ihr den Sattel auf den Rücken legte. „Don’t worry girl, you won’t have to work again“, murmelte ich liebevoll. Jonas schwang sich auf Numairs Rücken, Lisa übernahm Anubis und nahm Lily vorne mit drauf. Wir hatten auch noch zwei Führstricke dabei, weil drüben auf der Ranch fünf Pferde auf uns warteten. Die Putzsachen von den drei Arabern wollte ich später noch per Auto vorbeibringen.

      Rosie war längst losgefahren, um ihre zwei Neulinge abzuholen. Wir besprachen die Boxenordnung daher mit ihrem Chefpfleger, einem stämmigen, dunkelhaarigen Typen namens Lucas Gordon. Die Araber durften die frisch ausgemisteten Boxen beziehen. Dann holten wir die Englischen Vollblüter direkt von der Weide und sattelten Empire, Muskat und Canto. Fly und Fajir mussten als Handpferde mitkommen, weil ich meiner kleinen Nichte den Umgang mit den temperamentvollen Hengsten noch nicht ganz zutraute. Doch bevor wir loszogen bestand Lily darauf, auf Rosie und die neuen Araber zu warten. Ich willigte ein, weil ich selber auch gespannt auf die beiden war. Zwanzig Minuten Später fuhr der Selbstfahrer auf den Hof und wir halfen Rosie beim Ausladen. Als ich die Klappe mit Jonas zusammen öffnete, sah ich als erstes einen hübschen braunen Hengst, der uns misstrauisch entgegenschielte. Wir lösten die Trennwand und führten ihn ans Tageslicht. Er war nicht besonders gross, Araber eben, aber hatte einen ausdrucksstarken Körperbau mit einem äusserst hübschen Hechtkopf und kräftigem braunem Fell. Seine Beine waren ganz schwarz und er hatte am restlichen Körper zum Teil dunkle Stellen und leichte Dapples. Die lange schwarze Mähne fiel eher wild über seinen gebogenen Hals und den Schweif trug er aufgeregt erhoben. Er blähte die Nüstern und sah sich um. Dann wieherte er stolz, um anschliessend mit gespitzten Ohren auf eine Antwort zu warten. Die kam auch – vermutlich von einem der Hengste im Stall drüben. Bintu Al-Bahri schnaubte neben Lisa lautstark und scharrte ungeduldig auf dem Schotter, während Jonas und ich die Trennwände lösten, die den Weg zwischen ihm und dem zweiten Pferd gesichert hatten. Die Stute war ganz vorne angebunden, damit es keinen Ärger während der Fahrt hatte geben können. Schon jetzt erkannte ich, dass sie eine hübsche Rappstute war, die eine klar definierte, schneeweisse Blesse trug. Sie folgte mir zögernd die Rampe runter und sah sich ebenfalls um. Im besseren Licht erkannte ich, dass sie nicht gerade gut bemuskelt schien und ihre bisherige Zeit als Zuchtstute nicht spurenlos an ihr vorübergezogen war. Rosie bemerkte meinen skeptischen Blick. „She is 10 years old and had already 7 foals. I guess you can tell.” Mitleidig schaute ich in die dunklen, freundlichen Augen und streichelte die Nüstern der Stute. „Her name’s Farasha, it means butterfly. I’m not quite sure, but I even think that she’ll have another foal in spring. I will let the vet check her carefully.” Betroffen nickte ich. Rosie las die unausgesprochene Frage von meinem Gesicht ab und versprach: „I won’t breed her again. If she has another foal, then it will be her last, if not I’d say even better.“ Ich stimmte ihr nickend zu und war froh, dass meine ehemalige Pflegerin sich in erster Linie um das Wohlergehen von Farasha sorgte. „But doesn’t that mean that you still don’t have your own broodmare?” “That does not matter right now; I’m still building everything up.”

      Farasha und Bintu wurden von Rosie und Lucas in ihr neues Zuhause geführt und wir machten uns mitsamt Pferden auf den Heimweg. Canto schien zu spüren, dass es nachhause ging, denn er hatte einen zügigen Schritt drauf und wollte Empire die ganze Zeit überholen. Ich bremste ihn aber auch nicht zu sehr, sondern nahm die Zügel lediglich auf, wenn er antraben wollte. Auch Fly tänzelte ungeduldig nebenher, wobei er seinen Hals schön wölbte und richtig edel aussah. Wir waren um drei Uhr zurück auf dem Hof und brachten die fünf bei ihren alten Kumpels unter, dann ging alles seinen gewohnten Gang. Eigentlich hatte ich meine für diesen Monat zugeteilten Pferde nun schon alle bewegt, aber wie meistens übernahm ich für den restlichen Tag noch ein paar weitere. Die Pfleger konnten sich so den anderen Stallarbeiten widmen und ich hatte nichts dagegen, den ganzen Tag im Sattel zu sitzen – schliesslich waren es meine Pferde, und ich wollte jedem einzelnen von ihnen so viel Aufmerksamkeit schenken wie nur möglich. Ich überlegte rasch, dann suchte ich April und fragte sie, ob Rosenprinz schon bewegt worden war. „Yes Madam, I rode him in Training with Coulee this morning. As you requested in order to keep him fit for cross country.” Ich nickte zufrieden und suchte weiter. Auf dem Weg zum Nordstall begegnete ich Lewis. „Ahh Lewis! Did you already work with Unbroken Soul of a Rebel?“ “Yes Boss, all done. I practised for the horsemanship show on saturday.” “Is that so… Very well”, antwortete ich etwas enttäuscht, lief dann aber fröhlich weiter. Ich entdeckte Lisa beim Dressurviereck – sie räumte gerade die Stangen vom Morgen weg. „Hey Lisa, did you ride Piroschka?“ „Yes, Jonas and I took her and Adrenaline out for a ride today. Sorry, should I have waited until now?” Natürlich, die beiden waren wieder zusammen unterwegs – da hätt ich auch selbst drauf kommen können, stellte ich bitter fest. “Ahh… no, never mind.” Ich wollte schon davonhuschen, als sie mir hinterherrief: „Wait Occu, you could take Summertime! I would be glad, because I… Well I would like to spend some more time with Jonas…“ Ich hielt an ballte die Fäuste, aber nach kurzem Zögern seufzte ich leise, drehte mich dann lächelnd zu ihr um und meinte: „Sure. I’ll take her out for a ride as well.“

      Ich schlurfte zur Stutenweide und schnappte mir Summers Halfter vom Haken an der Wand des Offenstalls. Crap… I hate them both, dachte ich ärgerlich, das Bild von Lisas unschuldigem Grinsen im Kopf. Ich wanderte zu den Bäumen, wo die Paint-Stute stand und streifte ihr das Halfter über. Andererseits habe ich Ajith versprochen, dass ich mir Mühe gebe und sie nicht anders als vorher behandle. Das ist doch sowieso alles kindisch, ich sollte Jonas einfach vergessen und mich auf meine Tiere konzentrieren. Ich führte Summer zum Weidetor, zögerte dann aber und band sie an den Zaun. Ich wollte sie lieber in Ruhe hier unten putzen und ein Weilchen alleine sein. Ihre Ausrüstung musste ich trotzdem noch holen. Jonas war ebenfalls in der Sattelkammer. „Danke Occu, Lisa hat mir vorhin begeistert erzählt, dass du für die Summer bewegst.“ Ich nickte nur und nahm mir kommentarlos was ich brauchte. Du machst es nicht besser. Wenigstens hatte ich meinen Frieden bei den Pferden. Summer stand brav still und verscheuchte entspannt die Fliegen, wann immer sie ihr zu nervig wurden. Ich kratzte ihre Hufe gründlich aus, wobei ich bemerkte, dass sie ganz wenig Fäulnis hinten links hatte. Ich säuberte die Stelle gründlich und beschloss, nach dem Reiten ein Mittel dagegen aufzutragen. Ich sattelte sie und zog ihr das Bosal an, weil ich sie zum Ausreiten lieber damit zäumte. Dann führte ich sie aus der Weide und stieg auf. Gerade als ich durch die Tannen der Ostpassage reiten wollte, hörte ich eine Stimme. „Warte auf uns!“, rief meine kleine Nichte mit ihrem Tinker Areion. Sie schlossen im Trab zu uns auf. „Ich will mitkommen, ich hab den Teddy heute noch nicht bewegt!“ Ich lachte über den passenden Spitznamen des wolligen Tinkers und wir setzten uns in Bewegung. Areion hatte sich gut eingelebt und wurde täglich von Lily ‚bespasst‘, sodass die beiden schon in dieser kurzen Zeit ein Team geworden waren. Zwar hatten sie ab und zu noch Meinungsverschiedenheiten; so zum Beispiel bei der Holzbrücke, wo sich Lily durchsetzen musste, weil der Tinker einfach davor stehen blieb. Aber meine Nichte fand trotz ihres Flohgewichts immer wieder einen Weg ihr Ziel zu erreichen, denn was ihr an Kraft fehlte, machte sie mit austricksen wett. „Hey, du hast dem Teddy ja ein Zöpfchen gemacht! Das hab ich vorher gar nicht gesehen.“ Sie hatte den Zopf mitten in der Mähne gemacht, sodass er zeitweise von den umliegenden Haaren überdeckt wurde. Das muss sie noch etwas üben, dachte ich schmunzelnd, aber das sagte ich ihr natürlich nicht, um ihr Selbstvertrauen nicht zu verletzen. Sie grinste stolz und meinte: „Er ist ja auch das perfekte Übungsobjekt!“ Wir ritten weiter Richtung Osten und nahmen dann die Südlich gelegenen Wege für den Heimweg. Das Highlight war die Galoppwiese, über die wir nochmal ordentlich drüber bretterten, bis fast zum Hofgelände. Summer und Areion waren beide ziemlich verschwitzt als wir zurückkamen, besonders der arme Tinker hatte natürlich mit seiner mächtigen Mähne einen grossen Nachteil bei der Hitze. Wir duschten die beiden daher rasch ab und führten sie dann trocken, wobei sie auch grasen durften.

      Es war nun fast fünf Uhr und begann zu spüren, dass ich wieder den ganzen Tag unterwegs gewesen war. „Tea time!“, rief ich durch den Hauptstall und schlenderte anschliessend zur Reiterstube in der Halle. Die ersten Pfleger folgten mir bereits eifrig, während einige noch die restlichen zusammentrommelten. Wenn wir eine solche ‚Tee Pause‘ machten, besprachen wir auch jeweils was es noch zu tun gab, beziehungsweise was bisher alles gemacht wurde. Ich legte grossen Wert darauf, dass meine Angestellten ehrlich waren und es mir mitteilten, wenn sie in irgendeiner Weise unzufrieden waren. Nur so gelang es dem Team von Pineforest Stable so eng zusammenzuarbeiten. Auch lockerten wir das Arbeitsklima regelmässig mit Grillabenden oder gemeinsamen Ausflügen auf. Bisher hatte ich jedenfalls durchwegs positive Rückmeldungen erhalten was die Zufriedenheit der Mitarbeiter anging. Und gerade weil sie sich hier so wohl fühlten, setzten sie sich so dafür ein, dass auf Pineforest Stable alles reibungslos klappte. Schliesslich hatten wir auch einen Ruf zu verteidigen, und es gehörte ein gewisser Stolz dazu, wenn man hier arbeitete. Als ich fragte, ob noch jemand ein Pferd an mich abtreten wollte, meldete sich David mit einem Räuspern. „I’d be glad if you take Ice Coffee today, because then I could quickly go to town later.” Ich nickte zufrieden und beschloss, etwas Pleasure mit der Stute zu üben. Doch vorher war wie versprochen das Zebra dran. Wir tranken fertig, danach kontrollierte ich rasch die Mini- und Fohlenweiden, ehe ich mich zu Thairu und Dante begab. Für den Esel wollte ich noch einen anderen Namen finden, da mir Dante so gar nicht gefiel. Ich suchte etwas Afrikanisches, aber hatte bisher noch nichts Passendes gefunden. Als ich zum Weidetor lief, spitzte Thairu ihre grossen, runden Ohren. Sie kam sogar auf mich und Lily zu (die mir hinterhergespurtet war) und stellte sich erwartungsvoll vor uns hin. Ihr Schwanz war stets in Bewegung – ein gutes Zeichen in Zebra Sprache. Ich zog ihr vorsichtig ihr breites Lederhalfter über die Ohren und befestigte den Führstrick daran. Sie hielt brav still und folgte mir dann ins Innere der Ovalbahn. Lily schnappte sich Dante und führte ihn hinter uns her. Das gab dem Zebratier zusätzlich Sicherheit. Wir banden die beiden an den Rails an und begannen, sie mit den mitgebrachten bürsten zu putzen. Dante genoss die Prozedur am Kopf besonders. Er verzog genüsslich die Lippe und legte den ganzen Schädel schief. Hufegeben wollte er hingegen erst nach eindringlicher Aufforderung meinerseits – Lily schaffte es nicht den sturen temporär-Wallach zu beeindrucken. Zebra gab ihre Hufe sogar ziemlich vorbildlich, worüber ich positiv überrascht war. Sonst war das mit ihr oft sehr mühsam, weil sie sich durch das auf drei Beinen stehen den Menschen auf eine gewisse Weise hilflos aussetzen musste. Aus ihrer Sicht war es wohl ein Risiko, vergleichbar damit einen festen Standpunkt aufzugeben und so leichter angreifbar zu sein. Ich kämmte die Stehmähne und das Büschel am Ende ihres Schwanzes, dann war ich fertig. Lily musste auf die beiden aufpassen, während ich den Sattel von Thairu holte. Wir hatten bis vor ein paar Wochen oft mit einem Pad und einem Longiergurt trainiert, aber dann war der Sattler gekommen um die Sättel von Bluebell und Sweets zu kontrollieren und ich hatte bei der Gelegenheit gleich noch einen alten Ponysattel aufpolstern lassen. Den legte ich nun entschlossen auf Thairus Rücken und gurtete sanft ins zweite Loch. Ganz angezogen war er so noch nicht, aber genug, dass der Sattel nicht gleich bei der ersten Bewegung verrutschte. So ein Zebrarücken war ziemlich suboptimal für Sättel: kein Widerrist und ziemlich rund, sodass fast kein Übergang zur Kruppe sichtbar war. Thairu hatte deshalb auch einen Schweifriemen und ein elastisches Vorgeschirr, die ich beide gewissenhaft befestigte. Das Zaumzeug war eher simpel gehalten – klassisch englisch ohne Sperrriemen. Es war jedes Mal wieder ein Abenteuer, es über die grossen Ohren zu bekommen. Nun waren wir startklar. Zuerst führte ich das gestreifte Tier warm, dann zog ich den Gurt etwas nach und half Lily hoch. Sie trug zur Sicherheit einen Rückenpanzer, da Thairu doch noch ab und zu etwas wild wurde. Doch ich hatte das Gefühl, dass unser Muskelaufbautraining besser mit Lily funktionierte, weil ihr Gewicht schonender für den Rücken der Zebras war als meines. Eingeritten hatte ich das Tier selbst, aber seit sie einigermassen brav lief war nur noch Lily oben gesessen. Erst sobald Thairu genug Muskeln hatte, wollte ich selber auch wieder auf ihr reiten. Ich liess die Zügel los, Lily ritt nun also frei. Wir übten auf der Ovalbahn Übergänge; die Basics des Gehorsams, damit das Zebra sicherer wurde. Es war auch eine gute Übung für Lily, denn ich gab ihr Unterricht und sie perfektionierte die korrekten Hilfen. Schritt-Trab Übergänge klappten zufriedenstellend, aber galoppiert waren wir noch fast gar nicht und anhalten liess sich das Zebra noch nicht wirklich gut. Genau das übten wir nun eine halbe Stunde lang intensiv; immer und immer wieder. Gegen Ende klappte es schon deutlich besser, jetzt konnte Lily sie immerhin nach spätestens fünf Schritten zum Stillstehen bringen. Wir arbeiteten fleissig mit Lob und Karottenstückchen um Thairu bei Laune zu halten. Denn wir wussten beide – es gab nichts Schlimmeres als ein ‚grumpy zebra‘. Bevor wir für heute Schluss machten, wollten wir noch etwas wagen: eine Runde im Galopp auf rechter Hand. Ich schloss mit Lily spielerisch eine Wette ab, um ihren Ehrgeiz zu entfachen, was bestens funktionierte. „Ich wette du schaffst keine ganze Runde.“ „Just you watch me!“ Sie trabte zuerst und bereitete Thairu sorgfältig vor, wie ich es ihr beigebracht hatte. Dann gab sie die Galopphilfen und trieb, bis das Zebra einsprang. Okay, falscher Galopp – aber immerhin, dachte ich vergnügt. Die beiden galoppierten um die Kurve, da drohte das Zebra bereits wieder durchzufallen. Doch Lily blieb hartnäckig und trieb es mit allem was sie hatte an. Thairu machte einen leichten Bocksprung, sodass Lily den einen Bügel verlor, blieb aber im Galopp und drückte nun ordentlich aufs Gas. Die beiden rasten im Hoppelgalopp an mir vorbei (es sah so witzig aus, wenn das Zebra galoppierte) und absolvierten tatsächlich eine ganze Runde. Lily klammerte sich tapfer am Sattel fest – ich konnte mir gut vorstellen wie schwierig es war, sich so auf dem Zebrarücken zu halten. Thairu bremste schliesslich von selber wieder in den Trab, sodass Lily wieder die Kontrolle übernehmen konnte und zu mir zurück ritt. Wir lobten das Zebra ausgiebig und sattelten sie ab.

      Nachdem Thairu und Dante wieder in Ruhe auf ihrer Weide standen, kümmerte ich mich um Coffee und Lily zog davon um mit Skydive zu spielen. Ich ritt die Paint Stute in der Halle und hörte dazu Musik aus den Lautsprechern. Draussen wurde es zunehmend dunkler und stiller, aber ich war zu konzentriert um viel aus der Fensterwand zu schauen. Das Pleasure Training war für uns beide anspruchsvoll, denn es erforderte Präzision und feines Zusammenspiel. Ich schickte Coffee mal in langsamem Lope, mal in zügigem Canter vorwärts, und parierte sie aus allen möglichen Gangarten und Geschwindigkeiten in den Schritt durch. So konnte ich sie lösen, bis sie vollkommen locker aber in Versammlung über den Rücken lief. Zufrieden beendete ich das Training um halb acht Uhr und versorgte die Stute. Ich verbrachte noch etwas Zeit bei den Miniature Horses, wobei ich dank der hellen Lampe im Offenstall genug Licht hatte um die kleinen Ponys zu putzen. Sie waren zwar schon von Lewis geputzt worden, aber ich tat das auch nicht um sie sauber zu bekommen, sondern um meine Beziehung zu ihnen aufrecht zu erhalten. Das Licht und die Motten, die darum kreisten sorgten für eine romantische Stimmung, während ich im sauberen Stroh zwischen der liegenden Chocolate Chip und Dakota sass. Gedankenversunken liess ich mich nach hinten fallen und lag eine Weile einfach so da, an die Balken der Decke starrend. „Wie soll es weitergehen?“, fragte ich mich leise. „Ich wäre ja gerne glücklich für die beiden, aber ich kann es nicht. Ich bin zu egoistisch…“ Ich seufzte. „Wenn er nur nicht so verdammt gut aussehen würde! Und seine humorvolle, aufgeweckte Art… So spannend und abenteuerlich. Dann wiederum seine ruhigen Momente, in denen er jede Faser meines Körpers zu verstehen scheint, jeden unausgesprochenen Gedanken hört. Wenn er nur nicht zwischendurch so ein Idiot wäre. Aber Lisa scheint das nichts auszumachen…“ Ich kam mir vor wie eine Figur in einem ziemlich komplizierten Film, unsicher, ob ich hier im Stroh auf der Stelle alles hinter mir lassen und glücklich sterben, oder doch eher melancholisch leben würde, bis ich alt und grau war. Vielleicht gab es ja doch eine goldene Mitte? Eine gefühlte Ewigkeit genoss ich mit geschlossenen Augen das Kitzeln des Strohs und stellte mir in meinem Kopf allerlei Zukunftsszenarien vor. Irgendwann schreckte ich hoch und stand auf, weil ich sonst wohl noch eingeschlafen wäre. Ich streckte mich und löschte das Licht, als ich den Offenstall verliess um ins Haus zurückzukehren. Lily sass vor dem Fernseher; ich gesellte mich zu ihr. Sie sah sich ‚der König der Löwen‘ an. Plötzlich meinte sie zu mir: „Occu, ich finde den Namen Zazou cool.“ „Ja, der ist hübsch.“ „Nein, ich meine für Dante! Das würde doch passen, oder?“ Ich überlegte laut: „Du hast recht, das wäre in der Tat hübsch für ihn.“ So war es also beschlossen. „Was würde ich nur ohne meine kleine Nichte machen?“, flüsterte ich liebevoll, als ich ihr einen Gutenachtkuss gab.
    • Occulta
      Weihnachtsvorbereitungen und ein abenteuerliches Vorhaben

      Entspannt schlenderte ich durch den Nordstall und wartete auf Jonas, der nächstens vom Ausritt mit Unbroken Soul of a Rebel zurück sein sollte. Ich warf einen Blick in die Boxen und stellte fest, dass für den Mittag noch nicht ausgemistet worden war. Aber es war auch erst Viertel nach Elf, Darren und co hatten also noch etwas Zeit. Donut grunzte mir zu, also blieb ich bei ihm stehen und kraulte ihn an der Stirn. Der Reitponyhengst machte mir etwas Sorgen, denn in letzter Zeit zeigte er wieder vermehrt Headshaking, besonders im Trab. Allerdings kam mir das komisch vor, denn er zeigte das Verhalten nur beim Reiten. Auch hatte er weder Nasenausfluss, noch war er überempfindlich am Kopf. Ich konnte ohne Probleme seine Nüstern massieren und ihn überall anfassen. Er schien besonders das Massieren der Ohrenspitzen zu geniessen, denn er schloss fast die Augen und senkte den Kopf. Durch das viele Kraulen am Kopf hatten sich weisse Haare aus seiner Blesse gelöst und über das ganze Gesicht des Hengstes verteilt. „So siehst du irgendwie alt aus“, lachte ich und wischte die losen Haare weg. Mir kam ein Gedanke, als ich beobachtete, wie Donut mit dem Widerrist zuckte, weil seine Mähne ihn kitzelte. Vielleicht ist er ja einfach verspannt? Ich öffnete die Boxentür und begann, seinen Rücken abzutasten. Tatsächlich zuckte der Hengst kaum merklich mit den Ohren, wenn ich bestimmte Stellen berührte. Da war für mich der Fall klar. Ich zog mein Handy aus der Jackentasche und telefonierte mit dem Chiropraktiker meines Vertrauens, um einen Termin zu vereinbaren. Zu meiner Überraschung meinte der Herr, er könne schon heute Abend auf dem Nachhauseweg rasch vorbeikommen, denn er sei ohnehin einen Auftrag in der Gegend. Ich gab natürlich erfreut mein Okay. Donut knabberte gelangweilt an meiner Schulter. „Heute Abend geht’s dir besser, Süsser“, murmelte ich liebevoll, und streichelte ihn nochmal, bevor ich die Tür wieder schloss und zum Eingang ging, denn ich hatte Hufgeklapper gehört. „Endlich! Hast du dich verritten?“ Jonas lächelte schief. „Nicht ganz, aber Rebel und ich hatten eine kleine Meinungsverschiedenheit. Er wollte offenbar noch nicht nach Hause.“ „Was hat er angestellt?“, wollte ich stirnrunzelnd wissen. „Ach, das ist ne lange Geschichte. Aber es hatte mit einem Rübenhaufen zu tun. Den Rest kannst du dir denken.“ „Tze, du weisst doch – Rebel fordert nur diejenigen heraus, die mangelne Führungsqualität haben“, stichelte ich schelmisch. „Bei dir braucht er es also gar nicht zu versuchen, oder was?“ „Of course not“, sagte ich mit verschwörerischem Unterton und legte meine Arme um seinen Hals. „Du weisst doch – ich bin immer der Boss.“ Er grinste und gab mir einen Kuss, wonach ich ihm gnädigerweise beim Absatteln half. Wir versorgten Rebel, der durch die doppelte Aufmerksamkeit richtig übermütig wurde. Danach halfen wir den Pflegern beim Füttern und Misten, bevor wir selbst zu Mittag assen.

      Um halb Eins stand ich bereits wieder vor der Tür und machte mich auf den Weg zu Moon Kiddy. Die braune Criollostute sah in diesen Tagen aus wie ein übergrosses Plüschtier, denn sie war als eine der wenigen Pferde nicht geschoren. Doch das sollte sich heute ändern. Am Wochenende stand ein Westernturnier an, bei dem sie bestimmt ins Schwitzen kommen würde. Also fing ich sie ein, streckte ihr eine Karotte zur Begrüssung hin und führte sie zum Nebenstall. Jonas kümmerte sich unterdessen um Piroschka. Er band die Schimmelstute neben Moon an und begann, sie zu putzen. Ich holte die Akkuschermaschine und ging damit Moons Pelz an den Kragen. Die erfahrene Criollo Stute hielt einigermassen still und erlaubte es mir so, besonders gründlich vorzugehen. Ich war am Ende ziemlich zufrieden mit dem Resultat, denn es waren kaum noch Unregelmässigkeiten zu sehen. Auch am Kopf und an den Beinen hatte ich den Pelz vorsichtig gekürzt. Nun sahen die Kronränder wieder ordentlich aus und auch die Ohren hatten ihre elegante, geschwungene Form zurück – innen hatte ich das Fell aber selbstverständlich bleiben lassen, als Schutz vor Insekten und Schmutz. Es war auch wiedermal an der Zeit, Moons kräftigen Schweif zu kürzen; der hing nämlich schon fast bis zum Boden runter. Also säbelte ich ein gutes Stück ab und kämmte ihn gründlich durch. Dasselbe tat ich mit der Mähne, wobei ich darauf achtete, dass es immernoch möglichst wild und natürlich aussah. Das gehörte einfach zur Persönlichkeit von Moon. Als ich endlich ganz fertig wurde, waren Jonas und Piro längst in der Halle am üben. Ich gesellte mich mit Moon nach dem Satteln dazu. Wir übten einen Stangenparcours mit viel Rückwärtsgehen, denn es war wirklich nicht so leicht, die Pferde dabei gerade zu halten und nicht seitlich auszubrechen. Moon schaffte meist fünf Schritte, dann kippte sie nach Links weg. „Also für ein so gut ausgebildetes Westernpferd ist das schon etwas bescheiden“, neckte Jonas. „Das ist nicht ihre Schuld, ich begrenze sie einfach zu wenig. Aber genau deshalb übe ich ja.“ Er nickte ermutigend, und als es ihm mit Piro kein Bisschen besser gelang, brachen wir beide in Lachen aus. Am Ende des Trainings ritten wir Seite an Seite ein paar Runden Schritt am langen Zügel und lauschten den Nachrichten, die im Hallenradio liefen. Zu unserem Ärger kam gleich darauffolgend Werbung, also stiegen wir ab und führten die Pferde raus – sie waren nun ohnehin genug abgekühlt. Gerade als ich Moons Zügel über den Hals nahm, kam eine Werbeansage, die mich aufhorchen liess. Das Thema waren günstige Flüge nach Kanada und Amerika. „Hast du das gehört? Das klang wirklich viel billiger als die letzten paar Flüge, die wir genommen haben“, stellte ich an Jonas gewandt fest. „Willst du ein paar alte Freunde drüben in Kanada besuchen gehen?“, fragte er mit schiefgelegtem Kopf. „Hmm, wenn ich ehrlich sein soll, hatte ich letztens so einen verrückten Gedanken…“ „Spuck es aus“, meinte er, ernsthaft interessiert. Ich schloss zu ihm auf und begann zu erklären. „Du kennst doch diese Pferdezeitschrift, die ich abonniert habe. Da stellen sie jeden Monat Leute vor, die besondere Ideen oder Erlebnisse mit ihren Pferden hatten. Diesmal war das Thema Abenteuer, und da gab es einen Bericht über eine, die mit ihrem Pferd wochenlang irgendwo in den Rocky Mountains unterwegs war! Sowas klingt schon wahnsinnig cool…“ Er wirkte einen Moment lang nachdenklich, dann meinte er: „Doch, ja. Ich bin sicher, auf so einem Ritt kommt man seinem Pferd ein ganzes Stück näher und erlebt eine Menge Abenteuer.“ Wir schwiegen und sahen uns an, beide genau wissend, was dem anderen gerade durch den Kopf ging. „Ich kann nicht mitkommen“, meinte Jonas schliesslich, während wir mit den Pferden zum Nebenstall schlenderten. „Wie, warum nicht?“ „Erstens muss jemand auf Lily aufpassen. Zweitens muss ich irgendwann vor Weihnachten dringend noch meinen Onkel besuchen gehen, schliesslich weiss ich nicht, ob er mit seinem Krebs das neue Jahr noch feiern können wird…“ „Oh… Das habe ich ganz vergessen, tut mir leid… War ja auch ne dumme Idee, wir können nächstes Jahr gehen, oder auch einfach garnicht – es wird sicher wieder eine Gelegenheit kommen, um nach Kanada zu reisen.“ „Nein Occu, das Angebot gilt nur bis Ende Dezember, und ich glaube, dass so eine Auszeit dir guttun wird. Ich habe doch gesehen, wie deine Augen geleuchtet haben, als du davon erzählt hast.“ „Kommt nicht in Frage, ich kann doch nicht einfach ohne dich gehen, und das jetzt, wo der ganze Weihnachtsstress bald beginnt!“ „Oh doch, gerade deswegen. Ich weiss doch, dass du Weihnachten nicht magst, das hast du in den letzten Jahren oft genug gesagt. Das ist deine Chance, dem zu entkommen“, sagte er lächelnd. „Das war früher… Jetzt habe ich eine richtige kleine Familie, mit der ich feiern kann. Ich freue mich auf Weihnachten mit Lily und dir!“ „Hach Occu…“ Wir banden Piro und Moon an die Holzstangen vor dem Nebenstall, dann umarmte er mich zärtlich. „Du bist pünktlich zu Weihnachten zurück. Such dir zwei deiner Distanzpferde aus, nutze das Angebot und geniess die Auszeit in der Natur, dann kommst du zurück und wir feiern zusammen. So kannst du dem Vorweihnachtsstress entkommen und hast eine Menge zu erzählen, wenn du zurück bist. Ich regle hier alles, du kannst dich auf mich verlassen. Und Lily passt schon auf, dass ich keinen Unsinn mache.“ Den letzten Teil murmelte er liebevoll in meine Haare. Ich seufzte und gab dann ein leises „okay“ als Antwort.

      Wenig später putzte ich Summertime. Die Stute war von oben bis unten Schlammverkrustet und mir spickten immer wieder Stückchen ins Auge – doch nichts konnte meine Laune trüben. USA! Welche beiden Pferde nehme ich nur mit? Ich konnte an nichts anderes mehr denken. Während ich Summers Fell mit dem Federstriegel bearbeitete, summte ich fröhlich ‚Country Roads‘ vor mich hin. Eine gefühlte halbe Stunde dauerte alleine das Entkrusten, danach musste ich die buckskin Stute noch entstauben. Mit ihren grossen, schwarzen Augen und den im Winter so schön dunkel umrandeten Nüstern konnte sie jedoch jedem das Herz erweichen, egal was sie angestellt hatte. Ich sattelte die Stute und ging mit ihr auf einen einstündigen Ausritt in den Pinienwald. Begleitet wurde ich dabei von Lisa mit Ice Coffee und Lewis mit Moonrise Shadows. Es war bitterkalt, obwohl die Sonne schien. Zum Glück hatte ich meine warmen Handschuhe. Für die geschorene Summer hatte ich eine Nierendecke unter den Sattel geklemmt, sodass auch sie nicht zu kalt bekam. Als wir langsam zurück in Richtung Hof kamen, zog auch noch eine eisige Bise auf, die die Decken der Pferde immer wieder von der Kruppe zu wehen drohte. Shadow, Coffee und Summer trotzten dem Wind mit angelegten Ohren und tiefem Kopf.

      Nachdem auch Summer wieder im geschützten Offenstall stand, konnte ich mich gemeinsam mit Jonas um Herkir und Ljóski kümmern. Die beiden Flauschkugeln hatten weder Decken, noch waren sie geschoren; wie es sich für echte Isländer eben gehörte. Besonders Herkir hatte einen prächtigen Bart entwickelt und seine Orange Mähne wirkte wolliger denn jeh. Auch mit den beiden machten wir einen Ausritt, allerdings diesmal nach Norden, wo es mehr offene Felder gab. Ich zog den Kragen meiner Jacke immer wieder ganz hoch, aber der Wind fröstelte meinen Hals trotzdem. „Du brauchst wirklich endlich wieder einen anständigen Schal“, schimpfte Jonas, der mich offenbar beobachtet hatte. Meinen letzten Schal hatte ich leider zu Besuch bei meinen Eltern liegen gelassen, und ihn extra holen zu gehen wäre zu aufwendig gewesen. Ich gab mir Mühe, der Kälte fortan zu trotzen und nicht mehr so empfindlich zu wirken.

      Gegen Abend (auch wenn es erst etwas nach fünf Uhr war, der frühe Dunkelheitseinbruch liess es bereits sehr abendlich wirken) hatten wir eine kleine extra Springstunde mit Elliot in der Halle. Ich ritt Adrenaline, Lily machte mit Feline mit. Meine kleine Nichte war wie immer direkt nach der Schule zu den Weiden verschwunden, um nach Skydive zu sehen. Ich hatte sie regelrecht aus dem Offenstall zerren müssen, damit sie nicht zu spät zu unserer Stunde kam, denn Sky war ebenfalls schlammig gewesen, und Lily konnte es nicht leiden, wenn ‚ihr‘ Pony schmutzig war. „Du kannst ihn nachher immernoch fertig putzen gehen“, hatte ich ihr augenrollend versprochen, obwohl ich am liebsten eher „lass das Fohlen doch mal Fohlen sein“ gesagt hätte. Aber die Antwort wäre gewiss etwas in der Art von „das ist nicht fohlenhaft, sondern wie ein Schwein“ gewesen. Nun waren wir jedenfalls mitten in der Springstunde und wurden wie immer hart rangenommen von Elliot. Auch wenn Lily erst zehn war, so bestand Elliot darauf, dass sie einen korrekten leichten Sitz hatte und schön mit Felines bewegungen mitging. Sie sprang allerdings nur über Cavalettis, während ich selbstverständlich die richtigen Steilsprünge aufgetischt bekam. Bei Lily ging es im Moment noch mehr darum, dass sie lernte, das Tempo einzuschätzen und Feline schön gerade zu richten. Adrenaline hatte als Criollo keine besondere Begabung für’s Springen; sie war weder besonders geschickt, noch hatte sie grosse Sprungkraft, aber sie war mit Freude dabei und zog vor dem Sprung schön an. Beim Austraben und anschliessendem Trockenreiten im Schritt diskutierten Lily und ich über die Geschenke, die wir unseren Freunden und verwandten dieses Jahr besorgen wollten. Natürlich redeten wir mit keinem Wort über das, was wir uns gegenseitig geben wollten. Ich hatte Adrenalines Fleecedecke über ihre Kruppe gelegt und um meine Beine geschlungen, sodass ich auch etwas wärmer hatte. Lily machte es mir bei Feline nach. Sie lernte wie immer sehr schnell und kopierte vieles von dem, was ich vorzeigte. Dadurch wurde ich mir einmal mehr um meine Vorbildfunktion bewusst.

      Wir versorgten die beiden Criollos und Lily wollte schon wieder zu den Weiden abdampfen. Ich rief ihr noch hinterher, sie solle doch bitte auch Royal Champion schonmal etwas putzen, denn er ging am nächsten Tag auf eine Fohlenschau und es war gewiss einfacher, wenn er schon vorgeputzt war. Ich selbst lief zum Nordstall, denn bald sollte der Chiropraktiker auftauchen. Das tat er auch, pünktlich um halb Sieben. Ich band Donut in der Stallgasse an und beobachtete gespannt, wie der Mann ihn abtastete. Er stimmte mir zu, dass der Hengst recht verspannt sei und wohl schon seit ein paar Wochen mehr oder weniger starke Schmerzen im Rücken hatte. Ich fühlte mich etwas schlecht dafür, dass ich es nicht früher bemerkt hatte. Andererseits war Donut ein guter Schauspieler und man sah ihm kaum an, wenn etwas mit ihm nicht stimmte. Der Chiropraktiker löste die Blockaden im Rücken und in der Schulter. Er empfahl mir, den Sattler in nächster Zeit nochmal kommen zu lassen, um zu überprüfen, ob der Sattel noch passte oder aufgepolstert werden müsste. Damit war das Headshaking Problem wohl gelöst, das meinte jedenfalls auch er. Ich erzählte, dass auch die Vorbesitzer von Donut schon von diesem Problem gesprochen hatten. „It is very likely, that it was the same case back then and they just never realised. Sadly it is quite often, that people misunderstand such signs and fail to see their horse’s pain.” Ich stimmte zu und verabschiedete mich von ihm, nachdem ich Donut zurück in seine Box gebracht hatte. Ich meinte zu erkennen, dass der Ponyhengst schon viel entspannter und zufriedener wirkte.

      Es war Zeit für’s Abendessen, und für einen Anruf bei Rosie. Ich wollte sie auch noch über die geplante Reise nach Amerika informieren, denn als meine Geschäftspartnerin musste sie schliesslich über meine Abwesenheit informiert sein. Sie erzählte mir, dass sie heute mit Islah, Numair und Anubis auf dem Sandplatz Dressurlektionen geübt hatte. Auf meine Nachfrage hin bestätigte sie, dass alle drei gut gelaufen waren und sich benommen hatten. Ich war besonders in Islahs Fall froh darüber. Als ich wieder aufgelegt hatte, kam Jonas durch die Haustür. „Occu, wir brauchen noch einen Weihnachtsbaum! Den müssen wir aussuchen, bevor du gehst.“ „Du weisst doch, dass ich davon gar kein Fan bin… Ich habe Bäume lieber, wenn sie im Wald stehen.“ „Deshalb holen wir uns einen Plastikbaum, den wir jedes Jahr wieder benutzen können“, erklärte Jonas zwinkernd. Ich war skeptisch, ob das gut aussehen würde, doch Lily stürmte schon begeistert hinter ihm durch die Tür und rannte die Treppe hoch, um sich die Reitsachen auszuziehen. So kam es, dass wir alle drei wenig später im Auto in Richtung Birmingham fuhren und uns auf die Bäumchen-Jagd begaben. Was wir schliesslich nach Hause brachten, war auf den ersten Blick etwas dürftig, aber fertig dekoriert musste dann selbst ich zugeben, dass es besser aussah als erwartet.
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      Neujahrsbesuch auf der Wilkinson Farm

      Den ganzen Morgen hatte ich damit verbracht, Pferde zu reiten und zu Pflegen – wie nunmal jeden Tag. Aber am Nachmittag dieses ersten Januars im neuen Jahr wollte ich Rosie und den Pferden auf der Wilkinson Farm einen Besuch abstatten. Da es wenig Sinn machte, mit dem Auto oder zu Fuss dorthin zu gehen, nutzte ich die Gelegenheit auch gleich, um Drømmer Om Død etwas Auslauf zu gewähren. Ich machte mir nichtmal die Mühe, ihn zu zäumen, sondern knüpfte nach dem Satteln einfach den Anbindestrick an das Knotenhalfter und ritt damit los. Der manchmal etwas sture Hengst schien gut gelaunt und trug mich zügig in Richtung Fluss. Wir überquerten die Holzbrücke und trabten den verschneiten Feldweg hoch zur Farm. Ich sah Rosie schon von weitem bei den Weiden stehen, also ritt ich neben den Gebäuden durch direkt auf sie zu. „Happy new year!“, rief ich ihr zu, was sie dankbar zurückwünschte. „And how are you all doing?“ Ich hüpfte von Dods Rücken und entknotete die Zügel wieder zu einem Führseil. Sie erzählte mir ein paar Neuigkeiten und führte mich auf dem Hof herum. Ich half ihr kurzerhand beim Heu Füttern und stellte zufrieden fest, dass meine drei Araber bestens versorgt waren. Anubis und Numair warteten beide geduldig, bis wir das Heu in die Boxen brachten. Bintu hingegen klopfte etwas ungeduldig an die Boxentür. Auf der anderen Seite des Stalls teilten sich Farasha und Islah eine Offenstall ähnliche Box. Ich war froh, dass sich die beiden Stuten so gut verstanden. Islah war natürlich die Ranghöhere der beiden; sie hatte auch auf Pineforest die Stutenherde dominiert. Farasha schien sich als Herdenmitglied dieser starken Stute wohl und sicher zu fühlen. Sie wirkte ruhig und freundlich, jedenfalls in der Box. Laut Rosie konnte die Stute beim Reiten und Longieren auch mal gehörig aufdrehen. Aber ich schätzte, dass sie es im Moment wegen ihrer Trächtigkeit etwas gemütlicher anging. Nach einer Tasse Tee und viel Geplaudere, machten Dod und ich uns auf den Heimweg.
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      Stets auf der Suche

      Ein Bellen weckte mich. „Morgen Occu. Hast du überhaupt ein Auge zugetan?“ Jonas vertraute Stimme drang durch das Tor des Offenstalls. Ich blinzelte verschlafen, richtete mich auf und zupfte etwas Heu aus meinem Schlafsack. Ich hatte die Nacht auf dem Heuboden des Stutenstalls verbracht, weil ich die Geburt von Moon Kiddys Fohlen unbedingt mitverfolgen wollte. „Ein hübscher kleiner Kerl ist das geworden, glaubst du er hat das Splash Gen von Dod?“ Sofort war ich hellwach. „Wie? Was?! Ist er etwa schon da??!“ „Ach du hast es also doch verpasst? Komm schau“, lachte Jonas. Meine Labrador Hündin Sheela stand an seiner Seite und wedelte auch schon fleissig mit dem Schwanz, um mich runterzulocken. „Das gibt es doch nicht! Ich war bis um drei Uhr wach, und sie hat überhaupt keine Anstalten gemacht!“ „Sie hat sicher extra gewartet bis du schläfst“, schmunzelte er. Ich befreite mich aus dem Schlafsack und schielte vorsichtig nach unten, bis zum letzten Moment gespannt, was mich erwartete. Ich war ganz entzückt, als ich das braune Fohlen erblickte. Es hatte auf den ersten Blick grosse Ähnlichkeit mit seiner Mutter, nur das auffällige Kopfabzeichen und zwei weisse Fesseln hinten wich von diesem Eindruck ab. „Täuscht mich meine Sicht oder ist das linke Auge blau?“ „Jup, ist es. Und schau dir die hübsch geschwungenen Ohren an.“ Ich kletterte die Leiter runter und ging zu Moon hin. Ich streichelte sie liebevoll und checkte rasch, ob mit ihr alles in Ordnung war. Dann wandte ich mich dem Hengstfohlen zu und untersuchte es mit prüfendem Blick. Es musterte mich skeptisch, aber da seine Mutter keine Versuche unternahm, sich zwischen uns zu stellen, kam es nach kurzer Zeit neugierig einen Schritt näher gewackelt. Es war noch sehr unsicher auf den langen Stelzen, die sich Beine nannten, aber es machte einen wachen, fitten Eindruck. „Es hat jetzt schon mehr Langhaar als alle bisherigen Fohlen“, bemerkte ich augenrollend, mit einem Seitenblick auf Moons lange Locken. „Was hast du erwartet?“ Spielerisch frustriert steckte ich meine Hände in die Hosentaschen. „Dass ich dabei sein darf, das hab ich erwartet!“ Jonas gluckste amüsiert. Mein Handy fiel mir fast aus der Tasche, also gab ich es Jonas, bevor es noch im Stroh landete. Ich warf einen Blick zu Feline und deren Fohlen, das schon seit zehn Tagen durch die Welt stakste. Es handelte sich ebenfalls um ein Hengstchen, einen wunderschönen, angehenden Schimmel, der das Splash Gen von Papa Drømmer om Død höchstwahrscheinlich bekommen hatte – jedenfalls hatte er viermal hochweiss und eine breite Blesse, was schonmal dafür sprach. Ich hatte bei seiner Geburt beschlossen, dass er einer der Kandidaten sein würde, die ich behalten wollte. Einen passenden Namen hatte der kleine Kerl auch schon: Disparo de Fiasco. Daran hatte ich ganz schön lange herumüberlegt. Feline liess mich wie immer freundlich an ihr Fohlen heran und wartete in respektvollem Abstand, beobachtete uns aber genau. Ich war froh, dass sich die Stute schon bei ihrem ersten Fohlen als zuverlässige, unkomplizierte Mutter herausgestellt hatte. Ich streichelte sie nochmal zum Zeichen, dass ich sie jetzt in Ruhe liess und verliess den Offenstall, Jonas folgend. „Das war wohl vorläufig das letzte, was? Die nächsten Fohlen kommen erst später.“ „Noch mehr von den Dingern?“, scherzte Jonas mit vorgetäuschter Überraschung. „Also auf das von Moonrise Shadows bist du ja wohl auch noch gespannt, oder etwa nicht?“ „Klar. Ich hoffe es wird ein Rappe.“ „Nähh, das wär ja langweilig! Ich hoffe es wird ein Fuchs, schliesslich haben wir noch keinen Paint Horse Fuchs.“ „Bestimmt nicht. Ist das bei den Eltern überhaupt möglich? Ich glaube nicht. Und wenn dann ist die Wahrscheinlichkeit seeehr gering. Ich sage das wird nix mit deinem Fuchs - black for the win.“ „Pfft.“ Er zwinkerte mir zu und ich streckte ihm die Zunge raus, dann bog ich in den Hauptstall ab. Sechs Vollblutfohlen hatte es dieses Jahr für Pineforest gegeben – jedoch war keines davon im Hauptstall zu finden. Die ‚Mütter‘ Campina, Iskierka, Shades of Gray, Sympathy for the Devil, Captured in Time und Cassiopeia mümmelten unbekümmert an ihrer morgendlichen Heuration. Wie das möglich war? Embryotransfer. Ich hatte letztes Jahr passend zur Zuchtsaison ein vergünstigtes Angebot von einem meiner Tierärzte bekommen, und nach Rücksprache mit Oliver hatten wir beschlossen, gleich den kompletten Jahrgang so heranzuziehen. Das hatte den grossen Vorteil, dass wir bereits Fohlen von den Stuten bekommen konnten, die noch aktiv Rennen liefen; ohne deren Karriere zu opfern. Die Fohlen wuchsen auf dem Gestüt auf, auf dem auch die Leihmütter zuhause waren. Im Absetzalter wollten wir die Truppe dann nach Pineforest auf die eigene Fohlenweide holen. In der Vergangenheit hatten wir dasselbe Prozedere auch schon mit Painting Shadows gemacht, und bisher nur positive Erfahrungen gesammelt. Ich prüfte, ob das morgendliche Vollbluttraining voranging, dann setzte ich meinen Rundgang in Richtung Weiden fort. Unterwegs fiel mir auf, dass sich mein Handy nicht mehr in der Hosentasche befand, wo ich es platziert hatte. Also lief ich nochmal zurück zum Offenstall, fest davon überzeugt, es im Heu zu finden. Doch auch nach zehn Minuten Suche blieb es verschollen. „Es muss doch irgendwo sein“, murmelte ich verärgert vor mich hin. Von unten beobachtete mich Lovely Summertime erwartungsvoll mit ihren freundlichen, dunklen Augen. Hinter ihr versteckten sich zwei paar züsätzliche Beine, die jedoch schon ziemlich kräftig aussahen. Immerhin war das dazugehörige Hengstfohlen namens Unclouded Summer Skies auch schon über zwei Wochen alt, doch am ältesten war das Fohlen von Ice Coffee. Die kleine Icy Rebel Soul war am zweiten April zur Welt gekommen, als erstes Fohlen dieses Jahrgangs. Entsprechend mutig und verspielt war sie bereits. Beide Fohlen waren übrigens von Unbroken Soul of a Rebel und hatten von ihm wie erhofft viel Farbe mitbekommen. Ich hoffte, dass er auch ebensoviel von seinem Talent mitgegeben hatte.

      Ich gab die Suche vorläufig auf und überlegte, ob ich das Handy auch irgendwo anders hätte verlieren können. Doch auch auf dem Weg zum Hauptstall war es nirgens zu finden. Ich beschloss, später nochmal mit Jonas zusammen zu suchen, und machte mich nun definitiv auf, um nach den Miniature Horses zu sehen. Auch dort hatte es gleich dreifach Nachwuchs gegegben. Und wie durch ein Wunder waren auch noch alle drei Fohlen am selben Tag geboren worden! Dakotas Fohlen Beck’s Daisy Orchid hatte schon um zwei Uhr morgens auf wackeligen Beinchen gestanden. Wie unschwer zu erraten, war es eine hübsche, erdfarbene Tochter von Beck’s Experience. Auch das zweite Fohlen war vom selben Vater. Es hörte (noch nicht) auf den Namen Beck’s Little Diva und war das erste Fohlen von meiner leuchtend fuchsfarbenen Stute Lady Diva from the Sky. Das Fuchsfell hatte sie von beiden Elternteilen übernommen, wie es anders auch gar nicht möglich gewesen wäre. In einem grauen Kleid präsentierte sich der letzte Fellkäuel, der neben Tigrotto im Stroh lag und erst spät in der Nacht vom 23. zur Welt gekommen war. Offenbar hatte Tigrotto beschlossen, dass sie den kleinen Arctic Tiger nun ebenfalls genug lange mit sich herumgetragen hatte und war deshalb kurzerhand dem Beispiel der anderen beiden Stuten gefolgt. Ich war jedenfalls sehr froh, dass alles so gut vonstatten gegangen war. Auch Chocolate Chip erwartete noch ein Fohlen, allerdings erst später im Jahr. Allegra, die mittlerweile ja zu einem stattlichen Jährling geworden war, freute sich über die neuen Spielkameraden. Auch wenn diese im Moment noch nicht so wild waren wie sie selbst und erstmal vor allem an zwei Dinge dachten: Trinken und Schlafen. Miss Mini Daki hielt Allegra seit Daisys Geburt etwas auf Abstand, aber ich war sicher, dass sich die kleine Familie bald organisiert haben würde. Übrigens war von klein Daisy gerade keine Spur zu entdecken. Ich traute meinen Augen nicht und sah mich gründlich um, doch das Fohlen war weder bei seiner Mutter, noch sonst wo zu entdecken. Alarmiert ging ich zum Stalltor zurück und sah mich draussen um. Das kann doch nicht sein – ist sie unter dem Zaun durch? Fieberhaft suchte ich nach der kleinen. Ich rief Lewis, der bei den Fohlenweiden ausmistete rüber. „Are you sure? She was still there wehen I came to feed them half an hour ago“, meinte er stirnrunzelnd. Wir betraten den Offenstall und ich zeigte ihm, was ich meinte. Doch der Pfleger schüttelte nur amüsiert den Kopf und meinte: „Theres she is. You sure that you’re awake, Occu?“ Tatsächlich, Daisy lag neben Daki im Stroh. Offenbar hatte ich sie zwischen den Halmen glatt übersehen. Beschämt liess ich ihn wieder seiner Arbeit nachgehen und kniete mich neben Daki, um Daisy anzulocken. Stattdessen wurde ich natürlich sofort von Allegra beknabbert, die meine Aufmerksamkeit auf sich lenken wollte. Ich ignorierte sie und streckte die Hand aus, damit Daisy daran schnuppern konnte. Die Miniatur-Fohlenschnauze berührte unsicher zuckend meine Finger, die anschliessend natürlich erstmal zwischen den weichen Lippen verschwanden. Zähne hatte das Tierchen zum Glück noch keine. Ich konnte mich kaum loslösen von dieser Niedlichkeit, besonders, als Tiger sich doch noch aufraffte und an ein paar Bocksprüngen versuchte, stattdessen aber ungelenk durch das Stroh stolperte. Als ich mich doch zum Gehen überwinden konnte, sah ich noch rasch bei den Hengsten vorbei. Arctic Blue und Glenns Caress dösten, der eine jeweils mit dem Kopf zum Popo des anderen. Das war eine Art natürlicher Instinkt, der es ihnen ermöglichte, potentielle Gefahren von allen Seiten her frühzeitig zu entdecken. So blieb auch ich nicht lange unentdeckt; Arco hob aufmerksam den Kopf und brummelte mir zu. Die Motivation zum Zaun zu kommen hatte er dann aber doch nicht. Nachtfalke hingegen kam rüber und prüfte, ob ich nicht vielleicht etwas hartes Brot oder eine Karotte dabei hatte. ‚Red‘, wie ich Becks gerne nannte, bediente sich weiter entfernt noch immer an dem Heuhaufen, den Lewis gebracht hatte.

      Mir fiel auf, dass ich Jacky und Zira diesen Morgen noch nicht gesehen hatte. Wo sie wohl stecken? Ich hielt die Augen offen und Pfiff, machte mir aber nicht die Mühe, nach den beiden zu suchen. Sheela hatte meinen Pfiff gehört und kam im galopp angerannt. Ich lobte sie und machte mich auf zum Nebenstall. Zwei Fohlen warteten noch auf mich: Cranberry und Cloony. Die beiden waren von Halluzination und Satine, Väter waren mein Liebling Co Pilot und dessen Halbbruder Costa de la Bryére. Ich hatte förmlich Freudensprünge gemacht, als ich die Deckanzeige von Costa gesehen hatte – schliesslich hatte ich den Hengst für kurze Zeit auch bei mir im Stall gehabt und er führte dieselben wertvollen Blutlinien weiter wie Pilot. Deshalb wollte ich beide Fohlen auch auf alle Fälle behalten. Registriert waren sie beide als British Warmblood, das hatte ich schon im Voraus so geplant. Als ich so mit verliebtem Blick über die Tür von Hallus Box lehnte, kam gerade eine Gruppe Vollblüter vom Training zurück. Normalerweise ritt ich ja selbst auch sehr gerne mit, aber in den letzten Tagen war ich durch das ständige Wachbleiben und Aufpassen so gerädert gewesen, dass ich freiwillig verzichtet hatte. Meistens hatte ich das Training sowieso verschlafen. Ich lächelte stolz, als ich Coulee beobachtete, die von April geritten den anderen folgte. Die Stute sah grossartig aus. Sie hatte ihre alte Form zurück und war auch psychisch wieder beinahe normal – das hatte sie letztens beim Handicap mit dem 3. Platz und einer hervorragenden Zeit bewiesen. Jetzt konnte ihr Comeback also so richtig losgehen. Auch wenn es immernoch Problemzonen mit der Stute gab; wenn man ihr genug Sicherheit vermitteln konnte, gab sie sich wirklich Mühe. Ebenfalls zu erwähnen war, dass Miss Moneypenny am selben Tag in einem anderen Rennen überlegen gewonnen hatte.

      Doch nicht alles lief so toll: mein Sorgenkind hiess Areion. Ich traf ihn und Lily wie immer am Nachmittag im Nordstall an. Eigentlich waren die beiden ein Herz und eine Seele, doch in letzter Zeit verhielt sich der Tinker zunehmend rüpelig und hengstig – offenbar spürte er den Frühling. Meine zehnjährige Nichte hatte einfach nicht genug Kraft, um gegen das grosse Plüschtier anzukommen, weshalb ihn im Moment meist Lisa ritt. Bei ihr lief er natürlich toll, aber letztendlich war er Lilys Pony. Ich zerbrach mir deswegen aber schon seit Wochen den Kopf, denn so konnte es einfach nicht weitergehen. Beide, er und Lily, waren frustriert und unglücklich mit der Situation. Als einzige rasche und zugleich nachhaltige Lösung sah ich eine Kastration. Doch wir alle taten uns etwas schwer mit dieser radikalen Massnahme. Leise seufzend machte ich mich daran, Lily beim Putzen zu helfen. Sie war auch heute etwas missmutig und bestrafte Areion schon für kleinste Fehltritte. Ich redete ihr ins Gewissen, dass Areion ja nichts dafür könne und nicht absichtlich so unartig war. „Er weiss es einfach nicht besser, und da du eben noch etwas zu wenig Kraft hast, um ihm den richtigen Weg zu zeigen…“ „Er soll aber auch auf mich hören, wenn ich nicht so viel Kraft einsetze! Du sagst schliesslich auch immer, dass ich ihm feine Kommandos geben soll!“ „Ja, aber manchmal reicht das eben doch nicht ganz – manchmal muss man zuerst etwas deutlich sein und kann erst danach wieder sanft werden, dafür dann umso besser.“ „Und du meinst, es wäre wirklich besser, wenn er kein Hengst mehr wäre?“, fragte sie halb murmelnd. „Ja. Dann könnte er sich nämlich wieder auf dich konzentrieren, und müsste nicht all den hübschen Frauen nachsehen.“ Sie schwieg nachdenklich, denn sie war eigentlich bis anhin absolut dagegen gewesen, ihn kastrieren zu lassen. Ich vermutete, dass sie einfach nicht wollte, dass der Tierarzt an ihrem Pony herumschnipselte, wenn es nicht lebenswichtig war. Doch der richtige Beweggrund für ihr Zögern offenbarte sich in ihrer nächsten Frage: „Glaubst du, dass Teddy nach dem Ka…strieren? irgendwie anders sein wird als vorher? Ich habe Angst, dass er dann ganz faul und verfressen wird…“ Ich konnte mir ein Kichern nicht verkneifen. „Wer hat dir das erzählt? Janine?“ Sie nickte. „Janine hat gesagt, dass ihr altes Pony nach dem… du weisst schon, ganz anders war als vorher und sie es deshalb nicht mehr haben wollte. Ich behalte Teddy auf jeden Fall! Aber ich will auch nicht, dass er sich verändert…“ „Keine Angst, er wird höchstens etwas ruhiger und braver werden. Ich mein, sieh dir mal Phantom an – ist der etwa faul und verfressen?“ Wir lachten beide bei der Erinnerung an den letzten Ausritt, auf dem er mir beinahe durchgebrannt war. Sein Training ging stets voran, wenn auch nicht mehr in ganz so grossen Schritten wie zu Beginn, aber trotzdem gab es immer wieder Rückschläge und Momente, in denen er wieder auf seine Instinkte zurückgriff und mich ausblendete. Es war eben nicht leicht, vier Jahre Wildnis und Überlebenskampf zu überspielen.

      Lily und ich einigten uns darauf, das ganze beim Abendessen zusammen mit Jonas nochmal durchzudenken und jetzt erstmal auf einen Spaziergang mit Areion zu gehen. Ich begleitete die beiden mit Ljóski, der nach dem gestrigen Tölt-Training auswärts eine wohlverdiente Pause bekam. Der kleine Ausflug verlief relativ entspannt, jedenfalls sobald wir vom Hof weg waren und Areion sich auf Lily konzentrieren konnte. Loki hatte bereits beinahe vollständig sein Fell gewechselt und sah prächtig aus. Mit dem kurzen Fell sah man seine Muskeln viel besser, und auch die Scheckung kam besser zur Geltung. Areion war noch etwas plüschiger, aber auch er hatte schon ganz schön viel Fell verloren. Doof nur, dass es in den letzten paar Tagen wieder ganz schön kalt geworden war. Die meisten Pferde froren trotzdem nicht, und den Geschorenen legten wir eben die Decken vorsichtshalber nochmal an. Als wir fast wieder Zuhause waren, fing es tatsächlich ein wenig zu schneien an, auch wenn es eher Schneeregen war. Wir retteten uns in den Nordstall und rubbelten die Rücken der beiden Jungs rasch mit Tüchern trocken, dann brachten wir sie in ihre Boxen und gaben ihnen je eine Karotte, wobei Herkir natürlich auch eifersüchtig an meinem Ärmel nippte. „Du kommst später dran, ich hab gehört Jonas plant einen anstrengenden Ausritt im Schneeregen“, sagte ich übertrieben laut, damit Jonas, der gerade hinter mir zu Circus Dancers Box schlenderte, hörte. Empört rümpfte er die Nase und antwortete: „Wer hat denn sowas behauptet? Als ob ich bei dem Hundewetter rausgehen würde…“ „Schön-Wetter-Reiter.“ „Und wie!“ Lily lachte beim Verlassen des Nordstalls über unseren Dialog und verschwand dann in Richtung Nebenstall – ich wusste auch genau, was sie dort vorhatte. White Dream war nämlich heute noch nicht bewegt worden, und Lisa hatte mir am Morgen verraten, dass sie wiedermal mit meiner Nichte abgetauscht hatte. Ich schmunzelte bei dem Gedanken und fand es schön, dass Lily die Ponystute so liebhatte.

      Ich selbst musste nun erstmal weiter zu Empire State of Mind. Auf den Schimmel wartete eine Dressurstunde, in der ich an den Seitengängen feilen wollte, um ihn zu lockern. Ich betrat seine Box und er streckte mir bereits freundlich seine graue Schnauze entgegen. Sein Halfter hing leider nicht wie üblich an seiner Boxentür, und ich hatte keinen Schimmer, wer es entfürt haben könnte. Aber ich wollte es eigentlich schon an seinem rechtmässigen Platz sehen, denn ich mochte es überhaupt nicht, wenn durch Unachtsamkeit Zubehör verloren ging. Also machte ich mich auf die Suche danach. Schliesslich wurde ich in der Führmaschine fündig, wo Cantastor es fälschlicherweise trug. Ich tauschte die Halfter aus und ging zurück zu Empire, um ihn aufzuhalftern und zu einer der Anbindestellen zu führen, wo ich mit dem Putzen begann – oder beginnen wollte, denn die Putzbox war auch weg. „Ajith! Where ist hat damn…“ Ich unterbrach mich selbst, als ich Anne entdeckte, die in der Sattelkammer drüben stöberte. „What are you looking for?“, fragte ich sie verwundert. „Darren told me to help him with the retired thoroughbreds today. I was so excited! I sat on Catastor for the first time!”, berichtete sie stolz.” “Now I’m just looking for some leg wraps.” “Why does he need leg wraps? You didn’t sprint a marathon, did you?“ „No…“ „So he doesn’t need any. Thoroughbreds are not that sensible, don’t worry.“ Daraufhin verschwand sie, um den dunkelbraunen Hengst aus der Führmaschine zu holen und in seine Box zu bringen. Als sie vor mir um die Ecke bog, bemerkte sie stirnrunzelnd „Just now I thought he had a yellow halter on… How strange.“ Ich schmunzelte kopfschüttelnd und erkannte, was los war. „I swaped them ‘cause you took Empire’s halter.” „Oh, I’m sorry, I didn’t know…“ „No problem.“ Mir war es zwar ein Rätsel, wie sie sie hatte vertauschen können, wo doch die Halfter aller Pferde an den jeweiligen Boxentüren hingen, doch ich sagte nichts weiter und kümmerte mich um Empires Putzbox. Nach einigem Suchen fand ich sie neben Sunday’s Spind. Leicht verärgert schnappte ich sie mir und putzte mit ihrem Inhalt meinen mittlerweile etwas ungeduldigen Schimmel. Da seine Beine etwas schlammig waren, stellte ich ihn vor dem Aufsteigen noch beim Waschplatz hin, um sie rasch abzuspritzen. Mir fiel auf, dass seine Vorderhufe schon wieder ein wenig ausbrachen, also beschloss ich, sie nach dem Reiten noch rasch zu feilen, denn natürlich fand ich heute auch die Feile nicht an ihrem angestammten Platz vor. Der Hengst war barhuf, denn er lief ja keine Rennen mehr und war momentan auch nicht im sonstigen Spitzensport tätig. Wir hatten uns mit ihm bisher auf Grundlagen beschränkt, damit er diese nach seinem Karriereende in aller Ruhe hatte erlernen können. Ausserdem waren wir mit ihm immer viel im Gelände gewesen, sodass er mittlerweile äusserst verlässlich geworden war. Also eigentlich hatte er bisher einfach sein Leben nach der Rennbahn geniessen dürfen und war langsam und schonend umgeschult worden. Wie gut er die Grundlagen in der Dressur mittlerweile beherrschte, zeigte sich auch heute. Fleissig und bemüht, alles richtig zu machen, kreuzte er die Beine. Nur das Tempo war noch ein wenig zu hoch. Ich versuchte schon seit einem Weilchen ihn immer mehr zu versammeln und die Lektionen ruhiger zu reiten, aber es dauerte bei ihm halt etwas länger, da er doch eine ordentliche Portion Temperament hatte. Ich war aber ganz schön zufrieden mit unseren heutigen Anstrengungen und lobte ihn entsprechend ausgiebig beim Trockenreiten. Als ich zum Fenster raus sah, entdeckte ich zufällig die beiden seit dem Morgen vermissten Hunde, die auf der Ovalbahn mit einem Ball von Lily spielten.

      Um vier Uhr hatte ich Empire versorgt und putzte bereits den nächsten Kandidaten, nämlich Ronja Räubertochter. Auch für sie stand gewöhnliche, langweilige Grundlagen Dressur auf dem Plan, was einzig dazu diente, sie zu beschäftigen und an Feinheiten zu feilen. Sie war heute etwas stur und aufmüpfig, vermutlich wegen des frischen Wetters. Trotzdem schafften wir eine halbwegs produktive Dreiviertelstunde. Beim Versorgen tastete ich noch ihren Rücken ab, um zu sehen, ob sie irgendwo verspannt war. Im Rücken fand ich nichts, aber bei der Schulter zeigte sie mir mit Scharren ein wenig Unwohlsein. Ich massierte die betroffene Stelle und dehnte die Vorderbeine durch ausstrecken. Sie gähnte vor Entspannung und schüttelte sich, als wäre sie gerade im Staub gelegen. Ich lachte über den treudoofen Blick, den sie danach aufsetzte und dessen Bedeutung ich längst kannte: „Darf ich jetzt bitte meine Karotten haben?“ Ich streckte sie ihr selbstverständlich hin, sobald ich ihr in der Box das Halfter ausgezogen hatte. Linda kam auf mich zu und fragte mich, ob ich ihr helfen könne Darren zu finden. Ich antwortete etwas gereizt, dass ich heute am liebsten nichts und niemanden mehr suchen wollte, gab ihr aber den Tipp, im Strohlager nachzusehen.

      Es war nun fast halb sechs und ich nutzte die Zeit vor dem Abendessen noch, um ein wenig Schrecktraining mit Phantom zu machen. Mir gingen langsam die Ideen aus, weil ich schon so viel mit dem ehemaligen Mustang gemacht hatte und er extrem schnell lernte. Das hing wohl damit zusammen, dass in der Wildnis rasches Anpassungsvermögen überlebenswichtig war. Mit ihm und seinen ausgeprägten Instinkten war es ganz anders zu arbeiten als mit einem Jungpferd das in Menschlicher Obhut aufgewachsen war. Weder einfacher noch schwieriger – einfach anders. Einerseits fiel uns die Kommunikation leicht, weil er ausgezeichnet auf meine Körpersprache reagierte; andererseits wurde alles erschwert durch sein Misstrauen gegenüber neuen Dingen. Aber mit Menschen an sich hatte er mittlerweile keine Probleme mehr. Mittlerweile stand Phantom ja im Offenstall mit den Criollo und Paint Horse Stuten (mit denen er sich übrigens bestens verstand). Als ich auf den Zaun zukam, spitzte er die Ohren und kam einige Schritte auf mich zu. Auch machte er keine Anstalten mehr auszuweichen, wenn ich ihn unerwartet anfassen wollte. Im Moment hatten die Fohlen eine Art Beschützerinstinkt in ihm geweckt, sodass er besonders aggressiv den Hunden gegenüber war. Er mochte sie auch sonst nicht, aber jetzt war es besonders schlimm. Sheela traute sich schon gar nicht mehr auf die Weide, und die anderen beiden blieben einfach in gesundem Abstand zu dem Rappen. Er war zwar nun schon seit Monaten Kastriert, aber sein Hengstverhalten hatte er dennoch nicht ganz verloren. Zum Beispiel erwischte ich ihn manchmal dabei, wie er die Stuten mit der typisch tiefen Kopfhaltung umhertrieb oder sich gegen einen Wallach auf der Nachbarsweide aufspielte. Den Damen schien das zu gefallen, jedenfalls wurde er von ‚seiner Herde‘ immer gleich begrüsst, wenn er vom Arbeiten zurückkam. Wenn ich ihn so beobachtete, hatte ich den Eindruck, dass er sich hier ganz wohl fühlte und sich immer mehr mit seinem neuen Leben anfreunden konnte. Trotzdem sah ich mir manchmal nachdenklich die Fotos an, die ich im Internet von ihm gefunden hatte. Ich fragte mich, was mit all den anderen Pferden darauf geschehen war, oder wie Phantoms Leben ausgesehen hätte, wenn er nicht eingefangen worden wäre. Herausfinden würde ich es nie.

      Jonas hatte bereits angefangen, das Gemüse für unser Abendessen zu rüsten, als ich ins Haus zurückkam. Wir assen meist am Mittag ein Sandwich oder sonst etwas Schnelles, dafür gab es am Abend eine anständige, warme Malzeit. Beim Essen erzählten wir uns von den heutigen Erlebnissen. „Ach ja, ich habe am Morgen mein Handy irgendwo verloren und finde es nicht mehr… Ich muss nachher nochmal suchen gehen, bevor es dunkel wird“, fiel mir wieder ein. Jonas setzte plötzlich ein breites Grinsen auf. „Meinst du das hier?“ Er fasste sich in die Hosentasche und zog auf wundersame Weise besagtes Gerät daraus hervor. „Warum…?“ „Du hast es mir heute Morgen in die Finger gedrückt, weisst du nicht mehr?“ Ich schlug mir symbolisch mit der Hand an die Stirn und lachte ungläubig. „Manchmal ist mein Gehirn einfach ein Löcherbecken…“ Wir schmunzelten und plauderten weiter. Irgendwann kamen wir wieder auf das leidige Thema Areion zurück. „Irgendwas müssen wir machen. Lily, wäre es wirklich so schlimm ihn zu Kastrieren?“ „Ja wäre es!“, rief Jonas empört. „Schon mal den Dicken selbst gefragt, was er davon hält?“ „Still, sonst lasse ich den Tierarzt nächstes Mal wegen dir kommen.“ „Das willst du nicht wirklich…“, murmelte er verheissungsvoll. Ich streckte ihm die Zunge raus und meinte: „Unterschätz mich nicht.“ Lily mischte sich mit einem Räuspern ein. „Wenn du versprichst, dass Teddy danach immernoch derselbe ist…“ „Das kann ich leider nicht versprechen, aber meiner Erfahrung gemäss verändert sich nicht wahnsinnig viel. Denk auch an ihn; er darf danach endlich mit seinen geliebten Mädels auf die Weide und wird nicht mehr von den anderen Hengsten gemobbt.“ Sie zögerte, dann nickte sie. „Na gut. Wenn ihn das wirklich glücklicher macht.“ Jonas verschränkte gespielt trotzig die Arme. Lily und ich mussten bei dem Anblick loslachen, und beim Wegräumen stichelten wir ihn immer wieder zum Spass.

      „Was machst du jetzt noch?“, fragte Jonas, während er sich schon wieder die Jacke anzog. „Ich fahr schnell rüber nach Shatterford und sehe nach unseren Vollblutfohlen.“ „Wann bist du zurück? Wir wollten doch Rosie noch einen Besuch abstatten, weil wir die nächsten Tage keine Zeit dazu haben werden.“ „Ich weiss, ich schaue, dass ich spätestens um neun Uhr zurück bin. Die Fahrt dauert ja zum Glück nur 20 Minuten, und ich nehme an, dass Ella mich nicht lange aufhalten wird, weil sie selbst noch genug zu tun hat.“ Ella Yorke war die Besitzerin des Hofs, auf dem unsere diesjährigen Nachwuchsrenner geboren worden waren. Ich wollte meine Autoschlüssel von der Kommode schnappen, doch sie waren weg. Verärgert rief ich aus: „Das gibt’s doch nicht, vorhin hatte ich sie doch noch in den Fingern!“ Jonas meinte im Gehen gerade noch: „Hast du in deiner Jacke nachgesehen?“ „In meiner Jacke? Das hätte ich gespürt.“ Doch tatsächlich, da waren sie, brav in meiner rechten Tasche. Augenrollend lief ich zum Parkplatz. Wie abgemacht beeilte ich mich und trödelte nicht lange herum, als ich auf dem kleinen Gestüt ankam. Ich klingelte an der Haustüre und wurde von Ellas Mann Steve in Empfang genommen. Er erklärte, dass Ella bereits im Stall hinten sei und führte mich zu ihr, damit ich sie nicht auch noch suchen musste. Wir sahen uns zusammen die sechs Vollblutfohlen an. Ich nahm jedes einzelne genau unter die Lupe und stellte zufrieden fest, dass sie alle vom Exterieur her den Erwartungen entsprachen. Allerdings fiel mir auf, dass eines der dominant weissen Fohlen ein wenig schlapp wirkte und selbst als wir den Offenstall betraten mit aufgestütztem Kopf im Stroh liegen blieb. Ella klärte mich sogleich auf: „Die kleine hatte eine schwierige Geburt, das ist die, von der ich dir auch schon am Telefon erzählt hatte. Sie ist auch etwas kleiner als die anderen und trinkt leider nicht ganz so viel, weshalb wir ihr zusätzlich zweimal am Tag etwas mit der Flasche anbieten.“ „Das das genetische Fohlen von Ciela… Denkst du, es liegt vielleicht daran, dass Ciela selbst noch so jung ist?“ „Gut möglich; es wäre jedenfalls schön wenn es nur das ist.“ Ich nickte zustimmend und sah das beinahe ganz weisse Fohlen nachdenklich an. Sie sah hübsch aus, mit den braunen Ohren und ihren dunklen Augen. Aber eben diese wirkten ungewöhnlich müde und lustlos, was mich wirklich besorgte. „Der Tierarzt war schon da?“ „Nein, kommt demnächst. Ich habe aber schon mit ihm telefoniert und er meinte, wir sollen so fortfahren wie bisher und die kleine gut beobachten.“

      Den ganzen Heimweg über zerbrach ich mir den Kopf, was das weisse Fohlen wohl plagte. Schliesslich wurde ich von meinen Sorgen abgelenkt, als wir auf der Wilkinson Farm von Rosie begrüsst wurden. Jonas und Lily liefen bereits voller Erwartung zum Stall, denn sie waren genau wie ich wahnsinnig gespannt auf Islahs und Farashas Fohlen. „Awww! Es ist ja ganz schwarz!“, kam wenig später der Ausruf von Lily. „Nicht ganz“, ergänzte Rosie, „Sieh dir die hell umrandeten Augen an – es wird ein Schimmel wie sein Vater.“ Entzückt betrachtete ich das Tierchen mit dem edlen Hechtkopf. Die krause Fohlenmähne war etwas dürftig im Vergleich zu der meiner Criollo Fohlen, aber das verlieh ihr schon jetzt ein elegantes Gesamtbild. Die grossen, hübsch geschwungenen Ohren waren neugierig nach vorne gerichtet, als es sich näher zu Lily hin traute und an ihrer Hand schnupperte. Kurz darauf erschreckte sich das Fohlen aber, weil Lily sich zu schnell zu uns umdrehte. Es machte einen übermütigen Seitensprung und verschwand im staksenden Trab hinter Farasha. Wir lachten über die kleine Show und gingen weiter zu Islah. Die kleine Isis, wie ich sie genannt hatte, sah aufgeweckt und munter aus. Sie war eine Schecke, wie ihre Mutter – allerdings hatte sie eine seltsame, grau gestichelte Stelle an der Flanke. Daher fragte ich mich, ob sie nicht doch noch ausschimmeln würde. Eine Schimmelbrille wie Farashas Fohlen hat sie zwar nicht, aber vielleicht ist das ja irgendein Sonderfall, überlegte ich. Jonas fragte Rosie: „Wie hast du nun eigentlich das schwarze Fohlen genannt?“ „First Chant, weil sie das erste Fohlen ist, das auf meiner eigenen Farm auf die Welt kam.“ „Ein toller Name“, bemerkte ich schwärmerisch. „Sie wird zum Verkauf stehen Occu, also wenn du Interesse hast…“, lachte die rothaarige, junge Frau. „Ich überleg’s mir, okay? Ich muss sowieso noch planen, welche unserer eigenen Fohlen ich behalten will. Das wird echt nicht leicht…“ „Doch eigentlich schon“, bemerkte Jonas verheissungsvoll. „Es wird damit enden, dass du alle behälst weil du keines loslassen kannst – und falls doch wirst du wieder jeden Tag hoffen, dass sie aus irgendeinem Grund zurückgegeben werden.“ „Du weisst genau, dass das nicht geht, auch wenn es toll wäre. Dafür haben wir einfach zu wenig Platz.“ Lily sah ich förmlich an, dass sie etwas dazu sagen wollte, aber sie hielt sich zurück und beobachtete nur nachdenklich Isis. Ich ahnte, was in ihr vorgehen musste. Sie konnte sich genau wie ich nicht entscheiden, welches der Fohlen sie am liebsten hatte.

      Wir verabschiedeten uns von Rosie, nachdem wir auch bei Anubis, Numair und Bintu Al-Bahri reingesehen hatten. Es war schon spät und wir mussten morgen wieder früh aufstehen, deshalb hatte es auch nicht für einen Tee bei Rosie gereicht. Den gönnten Jonas und ich uns dafür zuhause noch rasch, während Lily bereits ins Bett kriechen musste. Ich sass auf dem Sofa, streichelte Jacky und starrte nachdenklich an die Wand. Plötzlich überlegte ich laut: „Also bei den Criollos wäre es ja naheliegend, wenn wir Fiasco behalten würden. Er wird später sicher interessant für die Farbzucht.“ „Aber ich sehe dir an der Nasenspitze an, dass du trotzdem lieber Moon’s Fohlen hättest. Oder liege ich da falsch?“, meinte Jonas zwinkernd. Ich seufzte und nickte langsam. „Dann behälst du eben den. Wir haben eh schon Dod für die Farbe, also spielt es keine Rolle.“ „Meinst du wirklich? Also gut, dann bleibt Moon’s Fohlen. Wir brauchen aber noch einen guten Namen für ihn.“ „Dod’s Daydream?“ „Nähh, ich finde etwas Spanisches wie bei Fiasco würde einfach besser passen…“ „Uff… Sueño del Muerte oder sowas? Ich kann kein Spanisch…” “Ich auch nicht wirklich, aber zum Glück gibt es das Internet.” Ich gab in diversen Wörterbüchern Vorschläge ein, die etwas mit der Bedeutung von Dods Namen zu tun hatten. Irgendwann stiess ich zufällig auf das Wort ‚solas‘, so viel wie „alleine“ bedeutend. Ich fand den Klang davon toll, und überlegte, womit man es kombinieren konnte, damit es passte. „Etwas mit träumen wär schon nicht schlecht“, meinte Jonas, „denn sonst hätte es ja doch keinen Zusammenhang mit Dod.“ So wurde es „Soñando Solas“ – ‚alleine träumend‘. Ich war zufrieden mit dem Klang, auch wenn die Bedeutung etwas fragwürdig war. Wir verräumten unsere Tassen und gingen die Treppe hoch ins Schlafzimmer, denn mittlerweile veranstalteten wir fast schon ein Wettgähnen. Als ich mich unter die Decke gekuschelt hatte, konnte ich es doch nicht lassen, weiter über die Fohlen nachzudenken. Ich stellte fest: „Ich glaube ich kann nicht schlafen, bis ich mich entschieden habe…“ „Welches von den Minis gefällt dir am besten?“, fragte Jonas leise. „Ich glaube Orchid. Wir haben ja noch kein buckskin Mini, und ich kann doch keine Tochter von Daki weggeben…“ „Siehst du? Und schon bist du wieder etwas weiter. Was ist mit den Warmblutfohlen?“ „Die behalten wir!“, meinte ich sofort, wie ein trotziges Kind. „Dieser Meinung bin ich auch!“, kam eine Mädchenstimme aus dem Zimmer nebenan. „Horchst du etwa? Ab ins Bett jetzt! Du musst morgen in die Schule.“ „Aber du behälst die beiden definitiv, ja?“ „Ja.“ „Gute Nacht.“ Daraufhin blieb es definitiv still aus dieser Richtung. „…Vollblüter?“, murmelte Jonas. „Cupid. Cupid bleibt, der hat Potential. Er hat sogar schon Oliver auf seiner Seite. Und Simply Priceless gefällt mir einfach wahnsinnig gut, ich möchte sehen, was aus ihm wird.“ „Ich finde Call it Karma süss. Die hat was besonderes, mit ihrem gutmütigen Blick und dem hübschen Bauchfleck.“ „Die beiden Schimmelfohlen von Iskierka und Shades of Gray sind auch vielversprechend… Wir können aber einfach nicht alle behalten…“ „Was ist mit dem zweiten dominant weissen?“ „Challenging Time heisst es, von Ciela. Ich weiss nicht… Es wirkt so schwächlich und lustlos. Ich mache mir ernsthaft Sorgen, dass es nicht durchkommt…“ „…Aber wenn doch würdest du es auch behalten wollen?“ „Es hat eine tolle Farbe, aber ich weiss nicht, ob es überhaupt zum Rennen geeignet sein wird, wenn es so schwach ist…“ „Naja, verkaufen kannst du es sowieso nicht, wenn es nicht fit ist. Also bleibt dir fast nichts anderes übrig als es zu behalten.“ „Aber zwei müssen definitiv weg. Vier behalten wäre okay, aber alle sechs sind zu viele.“ „Wenn du meine Meinung hören willst: Ich finde, du solltest die beiden Schimmel Snap Cat und Storm Cat abtreten. Ich weiss, du wolltest besonders das Fohlen von Iskierka aufwachsen sehen und trainieren, aber mein Gefühl sagt mir, dass wir die anderen vier behalten sollten, und nicht diese beiden.“ „Ich hoffe dein Gefühl ist verlässlicher als meines damals beim Kauf von Cool Cat. Er war ja ursprünglich nur meine zweite Wahl gewesen, aber er hat sich zu einem echten Glückstreffer gemausert. Glaub mir, die Pferde aus dieser Blutlinie sind vielleicht am Anfang unscheinbar, aber entwickeln sich später zu unerwarteten Talenten.“ „Tja, du musst dich entscheiden. Du hast dir das vier-Vollblüter-Limit selbst gesetzt, nun musst du damit umgehen.“ „Ich weiss… Na gut. Die Schimmel gehen. Aber wehe das war die falsche Entscheidung!“ „So so, das ist natürlich bequem, im Falle eines Falles mir die Schuld zuzuschieben. Aber okay, ich übernehme die Verantwortung.“ Ich gab ihm glücklich einen Kuss und legte meinen Kopf an seine Schulter. Ich murmelte: „Hunter Crowley hat auch schon Interesse an den beiden gezeigt. Wenn er tatsächlich eines davon nimmt, wären sie wenigstens noch in der Nähe von uns.“ „Ich bin sicher, dass er bei den süssen Ohren nicht wiederstehen kann“, gluckste Jonas. „Bleiben noch die Paint Fohlen. Behalten oder weggeben?“ „Unclouded ist schon ein richtiger Pachtskerl…“, meinte Jonas zögernd. „Wirklich. Aber irgendwie… Hach ich weiss nicht, wenn wir Shadows Fohlen dann auch noch behalten wollen… Ich habe das Gefühl, dass ich mich gerade noch so von den beiden trennen könnte.“ „Da stimme ich dir zu.“ Ich horchte noch eine Weile seinem ruhigen Atem, dann fielen mit die Augen zu. Endlich fand ich auch den Schlaf, jetzt wo alles beschlossen war.
    • Occulta
      Tanzen lernen
      PFS‘ Dancin‘ to Jazz, Dancing Moonrise Shadows, Lovely Summertime, Ice Coffee, PFS’ Challenging Time, Estragon Sky, Ronja Räubertochter, Burggraf, tc Herkir, Ljóski, Painting Shadows, Cassiopeia, Campina, Sympathy of the Devil, Coulee, Shades of Gray, Circus Dancer, Co Pilot de la Bryére, Diarado, Bintu Al-Bahri, Numair, Anubis, Islah, Farasha, First Chant, Dakota S, Chocolate Chip, Blue Dawn’s Nachtfalke, PFS’ Dressy Miss Allegra, PFS’ Beck’s Daisy Orchid, Silverangel

      Fröhlich pfeifend lief ich an den Ställen vorbei zur Stutenweide. Es war ein sonniger, warmer Tag und eine angenehme Brise versüsste die sonst schon tolle Stimmung. Es war einer dieser Tage, an denen nichts schiefgehen konnte. Am Morgen hatte ich erfahren, dass es der kleinen Chime wieder besser ging. Meinem kleinen Sorgenkind hatte die letzten zwei Wochen zusätzlich zu ihrer sonst schon schwachen Konstitution eine Erkältung zu schaffen gemacht. Der plötzliche Wetterwechsel war wohl hauptsächlich schuld daran gewesen. Mit dem herbstlichen Kälteeinbruch war die Temperatur um mehr als zehn Grad gesunken und es hatte lange geregnet. Chime trug nun vorsorglich eine warme Fohlendecke und bekam ab und zu ein durch den Tierarzt empfohlenes, spezielles Mash zu fressen, das ihre Verdauung unterstützte. Wir hofften, dass sich dadurch ihr Gewicht, das noch immer auf der leichten Seite war, weiter normalisierte. Jedenfalls war ich jetzt erstmal unglaublich erleichtert, dass sie laut Ella nicht mehr hustete und keinen Nasenausfluss mehr hatte. Zusätzlich zu dieser erfreulichen Nachricht hatte mich auch ein lang erwarteter Anruf von einem neuen Mitarbeiter erreicht. Wir hatten nach jemandem für ein Praktikum über den Herbst hinweg gesucht, da Jason für ein paar Monate nach Amerika reisen und dort auf einer Ranch bei Verwandten aushelfen wollte. Der Neue hiess Tobias Leech, wohnte nur zwanzig Auto-Minuten von Pineforest entfernt und hatte laut eigener Aussage schon einige Erfahrung mit Pferden. Wir hatten am Telefon ausgemacht, dass er ab heute nach dem Mittag bis Samstag schnuppern kommen konnte und wir dann alles weitere beschliessen würden. Ich war gespannt, wie er sich anstellen würde und hoffte natürlich, dass alles passte. Bevor ich das herausfinden konnte, gab es aber noch ein paar andere Dinge zu erledigen. Zum einen wollte ich vor dem Mittag noch Artemis longieren, zum anderen stand ein ‚Gelassenheitstraining‘ mit Dancin‘ to Jazz an. Wir hatten die Stute seit ihrer Ankunft vor ein paar Wochen noch nicht oft geritten, aber es hatte sich schnell herauskristallisiert, dass sie sich alles andere als wohl fühlte unter dem Reiter. Sie war zwar gehorsam und konnte schon relativ viel, aber sie klemmte dauernd den Schweif ein, hatte kaum Vorwärtsdrang und teilte die Neugier der anderen Jungpferde überhaupt nicht. Es kam mir so vor, als hätte sie am liebsten rein gar nichts mit Menschen zu tun, ausser vielleicht wenn sie das Futter brachten. Deshalb wollte ich heute mit ihr Ausreiten und ihr zeigen, dass Arbeit auch Spass machen konnte. Dazu gingen wir mit der Gruppe bestehend aus ihrer Mama Shadow, Summer und Coffee mit.

      Ich holte Jazz von der Weide ab und brachte sie, gefolgt von den anderen, zum Nebenstall. Dort banden wir die Stuten am Holzgeländer fest und begannen mit dem Putzen. Es war einfacher, die Pferde hier oben zu putzen, da wir so die Sättel nicht zur Weide runter schleppen mussten. Jazz war nur ein wenig staubig, trotzdem nahm ich mir genug Zeit für die Fellpflege und kraulte sie dabei auch immer mal wieder. Ich vermutete nämlich, dass man sich früher nie so viel Zeit für sie genommen hatte und alles immer hatte rasch von statten gehen müssen. Beim Satteln legte die junge Appaloosa Stute die Ohren an und senkte zugleich den Kopf mit einem missmutigen Blick. Ich versuchte das Gurten daher so angenehm wie möglich zu machen und massierte zuerst die Gurtregion hinter ihrer Schulter. Am Anfang wurde sie dabei etwas unruhig und ihr Schweif wurde aktiv, doch sie beruhigte sich rasch und begann es zu geniessen. Anschliessend gurtete ich sanft ins erste Loch und verschlaufte den Rest des Westerngurtes. Ich zäumte Jazz, wobei es zuerst ein wenig Überzeugung brauchte, bis sie die Trense in den Mund nahm. Ich beschloss insgeheim, sie in Zukunft vorläufig mit Bosal zu reiten, doch für heute musste sie mit den vorhandenen Mitteln klarkommen. Ich vergewisserte mich, dass die anderen auch soweit waren, dann führten wir die Pferde auf den Kiesweg und stiegen auf. Wir ritten in Richtung Galoppwiese, an den Miniature Horses und den Fohlen vorbei. Die Jungpferde folgten uns beim Durchreiten am Zaun entlang, die Minis hingegen interessierten sich zu wenig und sahen uns nur von weitem zu. Jazz folgte brav Shadow und Coffee, Summer war rechts neben uns. Lisa, Darren, Jonas und ich unterhielten uns über die neue Ausgabe der Rennpferdezeitschrift, während die vier Pferde den Ausritt genossen. Als Jazz aber selbst nach einer halben Stunde Trab und Schritt noch nicht aufgewacht war, sondern weiterhin stumm ihr Pflichtprogramm abspulte, beschloss ich, das Ganze etwas spannender zu gestalten. Wir befanden uns auf einem der gewöhnlichen Waldwege, doch etwas weiter vor uns entdeckte ich einen Trampelpfad, der sich nach links durch das spährliche Unterholz schlängelte und sich dann tiefer zwischen den Bäumen verlor. Mit einem Blick zu meinen Reitgefährten deutete ich auf den Pfad und zog fragend die Augenbrauen hoch. Sie nickten einverstanden, also bogen wir alle brav hintereinander auf die neue Strecke. Jazz schien etwas überrascht und drehte unsicher die Ohren zu mir nach hinten. Ich kraulte sie kurz vor dem Sattel an der Schulter, um ihr zu bedeuten, dass alles in Ordnung war und wir wussten, was wir taten. Je weiter wir kamen, desto aufmerksamer und konzentrierter wurde sie, denn es hatte viele Wurzeln und Äste auf dem Boden, über die sie ihre schlanken Beine heben musste. Wir duckten uns unter tiefhängenden Ästen durch, ritten durch Büsche und machten Slaloms um die Stämme. Ich kam mir ein wenig vor wie auf einer Safari, denn wir begegneten tatsächlich auch einer Gruppe Rothirsche, die Summertime und Jazz ganz aus dem Konzept brachten. Die beiden waren extrem guckig und tänzelten, bis das Wild ausser Sichtweite war. Doch ich war nicht sauer, im Gegenteil; so langsam hatte ich das Gefühl, ein Pferd unter mir zu haben und keinen abgestumpften Roboter. Tatsächlich: Jazz war endlich aufgewacht. Auch auf dem restlichen Ausritt blieb sie wachsam, hatte einen zügigeren Gang und liess sich schneller für neue Aufgaben begeistern, wie zum Beispiel ein rasches Füsse-Baden im Fluss. Sie scharrte und spritzte sogar, als wir im Wasser standen. Ich liess sie die meiste Zeit am langen Zügel laufen, sodass sie sich umsehen und strecken konnte – und sich nicht in irgendeine Form gezwängt fühlte. Irgendwann zwischendrin schüttelte sie ihren Hals, schnaubte laut, kaute und schleckte rasch. Ab diesem Moment hatte ich das Gefühl, dass sie sich wirklich entspannte. Ihre Ohren wackelten zufrieden mit und sie lief mit einem gesunden Vorwärtsdrang, den Schweif leicht angehoben. Wenn wir trabten, so war es nicht der vorherige, zurückhaltende, schwunglose Trab, sondern ein gehobener, stolzer und ausdrucksstärkerer Gang. Das ist es, mein Mädchen – so tanzt man richtig, dachte ich als Anspielung auf ihren Namen. Ich kam nicht umhin den ganzen Rückweg glücklich zu grinsen. Ziel erreicht. Zumindest den ersten Teil davon. Als ich auf dem Hof abstieg, rieb Jazz ‚frech‘ ihren Kopf an meiner Schulter. Ich liess sie machen und kraulte sie am Hals. Manche hätten das als ‚respektlos‘ abgestempelt, doch das war mir egal. Sie hatte nunmal etwas warm bekommen und wollte sich den vom Schweiss juckenden Kopf reiben – das verstand ich nur zu gut. Ich wollte sie dazu ermutigen, sich mehr solche Dinge zu trauen und offener zu werden, denn ich mochte meine Pferde mit einem gewissen Witz und ein paar Flausen am allerliebsten. Das machte sie einzigartig und spannend; zeigte mir, dass sie fühlende Lebewesen waren, genau wie ich selbst.

      Wir sattelten die Pferde ab, wuschen mit einem nassen Schwamm rasch die Sattellage - mit dem sich entwickelnden Winterplüsch hatten die vier etwas warm bekommen - und brachten sie wieder auf die Weide. Jazz lief zügig in Richtung der anderen Stuten, als ich sie laufen liess. Nicht wie Shadow und Summer, die noch einen Moment bei uns stehen blieben um zu sehen, ob wir vielleicht noch ein Leckerli rausrückten. Als sie sich ein paar Pferdelängen entfernt hatte, hielt sie jedoch nochmal inne und sah zurück. Ich konnte nicht definieren, ob sie einfach auf ihre zurückgebliebenen Weidegenossen wartete, oder ob sie sich überlegte, nochmal zurückzukommen. Aber es gab mir das Gefühl, dass wir heute einen grossen Schritt vorangekommen waren. Wir liessen die Stuten in Ruhe und ich begab mich zum Nordstall, wo ein gewisser Achal Tekkiner auf mich wartete. Artemis hatte sich wiedermal einen hübschen Mistfleck zugezogen und röchelte mir schamlos entgegen. Seufzend warf ich einen beschuldigenden Blick zu Darren, der gerade die Boxen mistete; ich überlegte es mir aber dann doch anders und liess einen scherzhaften Kommentar von wegen ‚nicht schnell/gründlich genug ausgemistet‘ bleiben, weil ich genau wusste, dass der Pfleger seine Arbeit gewissenhaft erledigte. Manchmal waren die Pferde eben einfach schneller, aber ich schätzte die Arbeit meiner Angestellten sehr und war mir sehr wohl bewusst, dass ich ohne solch ein gutes Pflegerteam niemals ein Gestüt wie Pineforest Stable führen könnte. Ich holte Artemis aus seiner Box und begann, den Schimmel wieder grau-weiss zu bekommen, während ich dazu mit dem Stallradio mitsummte. Jacky kam nach einer Weile hereingetrottet und legte sich neben die Putzbox auf den kühlen Stallboden. „Ist dir langweilig geworden?“, fragte ich sie lächelnd, ohne eine Antwort zu erwarten. Normalerweise war sie fast den ganzen Tag damit beschäftigt, den Katzen beim Mäusejagen Konkurrenz zu machen. Die anderen beiden Hunde, Sheela und Zira, streunerten meistens auf dem Hof herum, lagen irgendwo im Schatten oder begleiteten mich auf Schritt und Tritt – je nach dem, wie sie aufgelegt waren. Sheela kam immer gerne mit auf Ausritte, denn sie hatte Power ohne Ende. Sie blieb aber auch ganz gerne bei Jonas, sodass ich manchmal das Gefühl hatte, dass sie eher sein Hund war. Zira klebte an mir, und daran liess sie keine Zweifel aufkommen. Meistens war sie mein Schatten, egal ob auf dem Hof oder ausserhalb. Manchmal vergass ich fast, dass sie da war, denn sie war anders als Jacky und Sheela nicht aufdringlich oder aufmerksamkeitssüchtig. Sie gab sich damit zufrieden, wenn ich von mir aus abends mit ihr spielte und schmuste. Tagsüber war sie ‚on duty‘, hielt Ausschau nach fremden Personen und Tieren, oder war einfach mein stiller Begleiter, vornehm zurückhaltend. Jonas hatte schon ein paarmal angedeutet, dass wir wohl ohne es zu bemerken einen Wachhund angeschafft hatten. Jedenfalls war sie jetzt im Moment nicht bei mir, was mir erst gerade auffiel. Stirnrunzelnd putzte ich weiter, kratzte die Hufe von Artemis aus, kämmte seinen Schweif und zog ihm das Knotenhalfter an. Dann führte ich in an der Longe raus und wollte zum Roundpen laufen. Doch ich hörte Gebell und ein Blick zum Parkplatz verriet mir, woher es stammte. Der potentielle neue Praktikant stand dort, mit hilfesuchendem Blick zu mir, während Zira ihm bellend den Weg versperrte. „Zira, stop!“ Die Hündin drehte sich um, kam zu mir getrottet und stellte sich ruhig neben mich. Ich lobte sie rasch, dann begrüsste ich den jungen Mann. „You are a bit early, I thought we agreed that you come here after lunch?“ “I know, I’m sorry, I can leave again if it’s a problem…” “No, no, it’s fine. You can either go around and see if any of the stablehands have a moment to show you around or accompany me.” Er entschied sich für letzteres und folgte Artemis, Jacky und mir zum Roundpen. Zira trottete uns ebenfalls hinterher, immernoch misstrauische Blicke auf Tobias werfend. „I’m afraid she doesn’t like me…“, meinte dieser nach einer Weile, wohl auch, um ein neues Gesprächsthema aufzugleisen. „Nah, don’t worry – she’s always like this when someone new appears in her territory.”

      Ich longierte Artemis ganz normal eine halbe Stunde lang. Dabei verlangte ich viele Seitenwechsel und Übergänge, damit dem Schimmel nicht langweilig wurde. Er lief willig vorwärts und dehnte immer wieder ausgiebig den Rücken. Am Ende liess ich auch Tobias kurz ans Seil, einfach um zu sehen, wie er mit dem sensiblen Achal Tekkiner klarkam. Artemis war wie erwartet skeptisch und erhöhte sein Tempo, weil Tobias allein mit seiner Präsenz mehr Druck auf den Hengst ausübte. Er beruhigte sich auch nach einer Weile nicht, weshalb ich wieder übernahm und ihn austraben liess. „It’s not because of you, he’s just sceptical with people he doesn’t know – kinda like Zira…“ Ich verzog etwas die Lippen bei dem Gedanken, wie das auf den Neuling wirken musste; gleich zwei Tiere die sich so ungewöhnlich verhielten. Ich hoffte, dass er dadurch nicht zu sehr verunsichert wurde. Aber ich machte mir wohl einfach zu viele Sorgen, denn Tobias machte trotz allem einen fröhlichen Eindruck. Wir versorgten Artemis und ich zeigte Tobias dabei gleich schonmal den Nordstall. „…And here we have Herkir and Ljóski, our two Icelandic stallions. Have you ever ridden tölt?” “Nope…” “It’s really cool, you’ll see – well if it all works out of course.” Ich war etwas erleichtert, als der verspielte Herkir Tobias sofort seine Schnauze ins Gesicht streckte und so gar nicht fremdelte.

      Tobias hatte sein eigenes Mittagessen in Form eines Sandwichs mitgebracht. Ich bot ihm dennoch eine Portion Spaghetti an, die er aber dankend ablehnte. Lily war etwas schüchtern und redete während dem Essen nicht so viel wie sonst. Jonas plauderte mit Tobias über dessen vorherige Jobs. Nach dem Essen begaben wir uns zum Nebenstall. Ich zeigte Tobias die Pferde dort und wir holten Ronja zum Putzen raus. Ich wollte den Praktikanten reiten sehen und mir so ein Bild von seinen Erfahrungen machen. Auch beim Vorbereiten hielt ich mich selbst zurück und beobachtete den Neuen stattdessen genau. Er schien etwas nervös, schien aber zu wissen, was er zu tun hatte und ging auch nicht irgendwie grob mit Ronja um. Er interessierte sich sehr für das besondere Fell der Stute und kam selbst auf die Idee, dass sie mit Burggraf, den wir zuvor im Nordstall gesehen und gestreichelt hatten, verwandt sein könnte. Ich erklärte ihm, dass die beiden Halbgeschwister waren, ihr mittlerweile verstorbener Vater aber leider nicht so bekannt und auch nicht gekört gewesen war. Trotzdem hatten sie ein paar anständige Blutlinien und eben die besondere Farbe. Tobias schien fasziniert und bemerkte, dass wir hier allgemein viele besondere und auch scheinbar wertvolle Pferde hatten. Ich meinte leicht verlegen, dass ich aussergewöhnliche Farben sehr gerne mochte und von meiner Tante anscheinend ein Auge für gute Pferde geerbt hatte. Wir diskutierten noch ein wenig über moderne Stammbäume und berühmte Hengste, während wir Ronja sattelten und zäumten. Anschliessend führten wir die Stute auf den Sandplatz und Tobias stieg auf. Er wärmte Ronja ein, dann gab ich ihm eine Art Reitstunde. Er schlug sich ganz gut; zwar war er offensichtlich kein Profireiter, aber er konnte sich zumindest gut oben halten und kannte die wichtigsten Lektionen. Ronja benahm sich rücksichtsvoll und liess sich quasi von mir fernsteuern – manchmal hatte ich das Gefühl, dass sie eher auf meine Stimme hörte, als auf Tobias‘ Hilfen. Jedenfalls liess er sie nach einer Dreiviertelstunde austraben und lobte sie ausgiebig. Wir versorgten sie und gingen weiter zum Hauptstall. Dort war Misten angesagt. Eine Ideale Gelegenheit für Tobias, sich in Durchhaltevermögen zu beweisen, denn es gab immerhin allein hier 33 Pferde zu versorgen. Ich half auch mit, ausserdem waren Ajith, Parker und Thomas dabei. Charly schlich sich davon, als er merkte, dass schon genug Leute da waren zum Misten. Ich ertappte ihn beim um-die-Ecke-verschwinden und hob schmunzelnd die Augenbrauen, woraufhin er ein Unschuldsgesicht aufsetzte. Ich schickte ihn zu den Weiden, damit er wenigstens Lewis beim abäppeln helfen konnte. Tobias und ich begannen bei den Stuten. Ich schob Cassys Boxentür auf und durchsuchte das Stroh gründlich. Tobias begann direkt bei Shades of Gray. Als er bei Sympathy ankam, fragte er mich nach wenigen Minuten um Hilfe, weil die freche Stute ihn dauernd belagerte und ihn nicht richtig arbeiten liess. Ich erklärte ihm, dass sie sehr schnell die Schwächen von Leuten herausfand und man deshalb sehr konsequent mit ihr umgehen musste. Ich demonstrierte ihm rasch, wie er sie mit deutlicher Körpersprache fernhalten konnte, ohne dabei irgendwie grob werden zu müssen. Etwas Druck in Form von einem entschlossenen Schritt in ihre Richtung reichte bei mir schon, bei ihm brauchte es dann doch noch etwas mehr Einsatz, bis sie überzeugt war. Es schien ihm ziemlich peinlich zu sein, dass er nicht auf anhieb alleine klargekommen war, aber ich fand das nicht schlimm und war froh, dass er gefragt hatte, anstatt einfach irgendwas zu machen. Ich fuhr direkt bei Campina und Paint fort, weil ich bei den anderen vier Boxen schon fertig war. Bei Coulee entdeckte ich eine kleine Wunde auf der Kruppe; vermutlich hatte sie wieder mit Iskierka gezankt. Ich desinfizierte es nach dem Misten rasch, wobei ich Tobias auch gleich zeigen konnte, wo die Medizinischen Hilfsmittel waren.

      Nach dem Misten besuchten wir noch die Miniweiden. Dort halfen wir Linda beim täglichen Bürsten der Minis.Besonders jetzt im Fellwechsel genossen die kleinen Pferdchen das Prozedere und konnten gar nicht genug vom Striegeln bekommen. Auch meine kleine Daki spitzte genüsslich die Lippen, als ich sie am Hals putzte. Bald mussten sie auch wieder geschoren werden, jedenfalls diejenigen, die an Shows teilnehmen würden. Im Kopf hatte ich gerade Falke und Chip, die in zwei Monaten für ein Show Springen gemeldet waren. Aber auch die Fohlen Allegra und Orchid kamen nicht umhin geschoren zu werden, weil sie an Fohlenshows teilnehmen und fleissig Bewertungen sammeln mussten. Tobias war erstaunt als er hörte, dass wir mit den Minis wirklich so aktiv an Shows teilnahmen und sie richtig arbeiteten. Als wir beim Thema Shows waren, fragte er, ob wir denn auch Vollblut Araber auf dem Hof hatten, denn er habe schon oft Shows für Araber besucht. Ich erklärte, dass ich drei Araber besass, diese aber auf der Wilkinson Farm bei Rosie untergebracht waren. Ich hielt rasch inne und liess mir den Zeitplan durch den Kopf gehen, dann schlug ich vor: „We can go and visit them, if you like. I wanted to pay Rosie a visit anyway.“ Er nickte begeistert, also machten wir uns auf den Weg, sobald wir mit den Minis fertig waren. Wir fuhren rasch mit dem Auto rüber, weil das für solch einen kurzen Besuch mehr Sinn machte als extra zwei Pferde zu satteln. Rosie war freudig überrascht mich zu sehen und zeigte uns die Araber. Numair und Anubis sahen prächtig aus; sie waren gut genährt, aber nicht zu dick, hatten ordentliche Muskeln (offenbar machte Rosie ordentliches Distanztraining und Dressur mit ihnen) und waren sofort aufmerksam und motiviert, als wir zu ihnen kamen. „I’m sorry boys, we’re just here to look at you. I’m sure you’ve had a good ride in the morning though”, murmelte ich, als ich Numairs Stirn streichelte. Auch Bintu sah uns gebannt entgegen und seine hübschen, dunkel umrandeten Augen beobachteten erwartungsvoll unsere Bewegungen. Der Hengst war durch und durch stolz; ein richtig prachtvoller Vertreter seiner Rasse. Manchmal beneidete ich Rosie ein wenig, wenn ich ihn beim Ausreiten auf der Weide sah. Wir gingen weiter zu den Stuten. Islah und Farasha röchelten freundlich, als wir in ihre Nähe kamen. First Chant stand in der Box neben Farasha, denn sie war vor kurzem entwöhnt worden. Rosie wollte sie bald zu uns rüber schicken, damit sie auf Pineforest mit den anderen Fohlen in der Gruppe groswerden konnte. Die kleine hatte schon hellere Stichelhaare, die auf das beginnende ausschimmeln hindeuteten, war aber im Grossen und Ganzen noch ziemlich dunkel. Man sah schon jetzt deutlich, dass sie einen wunderschönen Kopf bekommen würde. Als ich sie so schwärmerisch ansah, fragte Rosie „Well, about Chia – did you think about my offer?” “Yes… I think I’d like to take her, as long as she can live here with the other arabs? I mean, I really really like her, she is just gorgeous… Even though I didn’t want to buy more horses.” “I’m glad to hear it. Then the Price is okay, too?“ „Yep. U sure you don’t want more either?“ Sie nickte und murmelte etwas vonwegen ‚Freundschaftspreis‘. Mit First Chants Kauf sponsorte ich Rosie quasi, weil sie die Stute später immernoch für den Sport zur Verfügung haben würde, ich jedoch alle Kosten übernahm. Eigentlich hatte Rosie das ja gar nicht nötig, denn Geld besass sie durch ihre Familie mehr als genug. Aber die junge Frau hatte es sich zum Ziel gesetzt, sich ihr eigenes Vermögen zu verdienen und nicht einfach das ihrer Eltern zu verprassen. Tobias und ich verliessen die Wilkinson Farm bald darauf wieder und kehrten zurück nach Pineforest. Während der Praktikant von den Pflegern eingearbeitet wurde, gingen Jonas, Lily, Alan und ich mit Diarado, Silver, Dancer und Pilot auf einen schönen langen Nachmittagsausritt.
    • Occulta
      Herbstausflug und neues Pony
      Nosferatu, Numair, Anubis, Bintu Al-Bahri, Farasha und PFS’ First Chant

      Lily, Jonas und ich hatten heute eine Art Familienausflug geplant. Wir wollten einerseits das Gestüt Milky Way in Deutschland besuchen, andererseits ein wenig wandern gehen, um das Herbstliche Wetter zu geniessen, so lange es noch warm war. Lily war schon ganz hibbelig und wartete draussen auf dem Parkplatz mit den Hunden (die aber mit ausnahme von Jacky zuhause blieben), während ich nochmals rasch mit den Pflegern sprach. Schliesslich musste alles organisiert sein, selbst wenn wir nur einen Tag weg waren. Jonas holte noch rasch seine Jacke, dann waren wir bereit zum losfahren. Es war halb sechs Uhr morgens und ausnahmsweise war ich nicht besonders fit. Das lag wohl an dem Kälteeinbruch in England, der diese Nacht stattgefunden hatte. Die Luft war um einiges kühler als am Vortag und ein feiner Nieselregen begleitete den morgentlichen Nebel. Aber auch die Tatsache, dass Numair, Anubis, Bintu, Farasha und First Chant noch immer verschollen waren nagte an mir. Je mehr Zeit verging, desto mehr befürchtete ich, die Araber nicht wiederzusehen. Ich versteckte mich schaudernd in meinem Schal, der mich einigermassen warm hielt, war aber dann doch froh, als wir endlich ins Auto stiegen. Vor uns lagen etwa neun Stunden fahrt bis in die Vulkaneifel in Deutschland. Lily fand das furchtbar aufregend, während Jonas noch etwas verschlafen den Autositz einstellte und dann ausparkte. Zunächst fuhren wir mehr als drei Stunden bis zum Channel-Tunnel, der England mit Frankreich verband. Dort angekommen, mussten wir uns erstmal auf dem Gelände des Tunneleingangs zurechtfinden. Wir passierten mehrere Schranken und mussten rasch für eine Sicherheitskontrolle halten. Lily klebte förmlich an der Fensterscheibe und schien fasziniert von allem. Es war mittlerweile hell geworden und wir hatten uns unterwegs noch ein kleines Frühstück gegönnt. Nun reihten wir uns hinter den anderen Autos ein und fuhren im Schritttempo eine Rampe zum Zug hinunter. Dieser war zweistöckig, aber wir wurden auf den unteren Stock gelotst. Das Zuginnere erinnerte mich ein wenig an eine Szenerie von Star Wars, aus dem inneren eines Raumschiffs. Wir fuhren bis fast ganz nach hinten im Zug. Die Abteile wurden durch automatische Tore abgetrennt. Wir stellten das Auto ab und, da Lily darauf bestand, stiegen wir rasch aus und sahen uns etwas um. Doch selbst sie stellte nach kurzer Zeit fest, dass es nichts Besonderes zu sehen gab ausser Tunnelwänden, die nun, da der Zug sich in Bewegung gesetzt hatte, an uns vorbeizogen. Die Fahrt dauerte nur eine halbe Stunde, doch in Frankreich angekommen mussten wir zuerst wieder den Ausweg aus dem ‚Bahnhof‘ finden. Von dort aus fuhren wir über die Autobahn quer durch Belgien, was insgesamt etwa nochmal viereinhalb Stunden beanspruchte. Langsam war Lily nicht mehr so aufgeregt, sondern eher gelangweilt und fragte ungeduldig, wann wir denn endlich da sein würden. Als wir auf dem Parkplatz des Gestüts von Kira Esenbeck ankamen, war ich auch froh, meine Beine wieder bewegen zu können. Wir hatten zwar ein paar Pausen eingelegt zwischendurch, aber es war trotzdem ziemlich mühsam gewesen, so lange zu sitzen. Jacky und Lily waren bereits auf Erkundungstour. Jonas und ich folgten ihnen in einigem Abstand und bewunderten die Ställe. Die meisten Ponys waren auf den Weiden, denn hier in Deutschland war das Wetter deutlich angenehmer und auch etwas wärmer als in England.

      Wir waren nicht ohne Grund den langen Weg hierher gekommen. Kira, die ich schon eine ganze Weile kannte und mit der ich über die Jahre auch öfter Kontakt gehabt hatte, gab ihre Zucht auf. Sie verkaufte daher bis auf ein paar ihrer Lieblinge sämtliche Zuchttiere. Sie hatte mich per Mail angeschrieben, ob ich nicht ein Welsh Pony für Lily gebrauchen könnte, da noch einige der Pferdchen ein Zuhause suchten. Natürlich hätte sie mir auch einfach Bilder schicken und ich ein Pony von England aus aussuchen können, doch ich hatte darauf bestanden, das Gestüt zu besuchen. Wir wurden beim Hauptstall empfangen, und es waren auch ein paar andere Besucher dort versammelt. Es war so etwas wie ein Tag der Offenen Tür für Interessenten oder sonst Neugierige. Wir wurden herumgeführt und bekamen das Gestüt in all seinen herbstlichen Farben zu Gesicht. Bei den Weiden angekommen, sahen wir uns dann die einzelnen Ponys an und pickten ein paar erste Favoriten heraus. Kira war ziemlich beschäftigt mit den vielen anderen potentiellen Käufern, also nahmen wir die Ponys selbstständig unter die Lupe. Lily gefiel All Pride, ein brauner Welsh B Hengst, sehr gut. Später stellte sich jedoch heraus, dass er bereits vergeben war. Ich blieb bei einer Rappstute stehen und meinte „die wär doch was“, doch Lily war skeptisch – ihr gefiel der Kopf dieses Ponys nicht so. Sie schien eine ganz bestimmte Vorstellung zu haben, wie ein Welsh B auszusehen hatte. Ich liess etwas wehmütig von der hübschen schwarzen Stute ab und sah mich nach dem nächsten Tier um. Schliesslich fiel uns eine Schwarzbraune auf, die mitten auf der Wiese graste. Sie war sehr dunkel, hatte aber gleichzeitig vereinzelt kräftige Brauntöne in ihrem Fell. Ihre wuschelige, schwarze Mähne war leicht gewellt und der Schweif schön dicht. Ausserdem schnupperte sie sofort neugierig an meinen und Lilys Händen und hatte tatsächlich einen „hübschen Kopf“, laut meiner Nichte. Als das Pony Lily ins Gesicht schnaubte, war diese hellauf begeistert und rief aus „die gefällt mir richtig gut!“ Ich sah mir rasch die Beine und den Rücken des Tierchens genauer an, bevor ich mein Okay gab. Die Stute schien ein gutes Alter zu haben und war ausgesprochen ruhig und sanft im Umgang. Zufrieden nickte ich, meine stillen Gedanken ordnend, und drehte mich nach Kira um. Ein paar Minuten später fand sie rasch Zeit für uns und stellte uns ‚Nosferatu‘ vor. 13 Jahre, 132 Zentimeter gross, Turniererfahrung, gekrönt und mehrfach an Shows ausgezeichnete Zuchtstute. Ich hatte nichts dran auszusetzen und auch Jonas fand es eine gute Idee, also unterschrieben wir den Kaufvertrag. Wir bekamen sie sogar fast geschenkt, aufgrund der Situation und duch den Freundschaftsrabatt. „So einfach geht das, jetzt ist sie deins“, erklärte ich Lily. Meine Nichte umarmte mich übermütig und mit einem zuckersüssen „Daaaanke“. „Das heisst aber auch, dass du dich gut um meine Nossi kümmern musst“, forderte Kira mit einem ernsten Blick zu Lily. „Klaro! Wir machen viiiiele Ausritte und Bodenarbeit.“ Kira schmunzelte, Jonas und ich ebenfalls. Als wir uns verabschiedeten, umarmte Lily Nossi nochmal symbolisch und gab ihr einen Schmatzer auf den Hals. Das Pony schaute irgendwie verschmitzt drein, sodass mich das Gefühl nicht losliess, dass sie ganz genau wusste, dass sie soeben ein neues Zuhause gefunden hatte. Wir gingen weiter auf unsere Wanderung durch die Vulkaneifel und kamen erst um zwei Uhr morgens wieder zuhause in England an. Zum Glück war Wochenende, sodass Lily ausschlafen konnte. Und auch Jonas und mir war dank den Pflegern ein wenig Ausschlafen gegönnt, immerhin bis acht Uhr.
    • Occulta
      Herbstbeginn, oder: es gibt Ärger auf Pineforest Stable, Teil II
      Beck’s Experience, Rapunzel, Glenns Caress, Lady Diva from the Sky, Arctic Blue, Silhouette of a Rose, Papillon d’Obscurité, Tigrotto, Snottles Peppermint, Tic Tac, PFS’ Kicks-a-Lot, PFS’ Shadows of the Past, PFS’ Sarabi, PFS’ Skydive, PFS’ A Winter’s Tale, PFS’ Stop Making Sense, Subsyndromal Symptomatic Depression, PFS’ Counterfire, Daedra, PFS’ Soñando Solas, PFS’ First Chant, PFS’ Cloony, PFS’ Cranberry, PFS’ Cupid, PFS’ Challenging Time, PFS’ Simply Priceless, PFS’ Call it Karma, PFS’ Whirlwind, Mikke, Khiara El Assuad, Vai Alida, Rosenprinz, Valentine’s Cantastor, Empire State of Mind, Areion, Satine, Moon Kiddy, PFS’ Ljúfa, Feline, Numair, Anubis, Bintu Al-Bahri, Farasha, PFS‘ First Chant

      Das Telefon klingelte, und ich hechtete förmlich darauf zu, nur um gleich darauf enttäuscht die Stimme meiner Mutter zu hören. „Ja Mum, ich hab es nicht vergessen... Selbstverständlich könnt ihr an Halloween zu uns rüberkommen… Ja klar, ihr schlaft wie immer im Gästezimmer… Bye.“ Der Anruf, den ich eigentlich erwartete, war von der Polizei; mit Neuigkeiten über meine und Rosies gestohlene Pferde. Doch der blieb auch an diesem Morgen aus. Ich wurde zunehmend besorgter über den Verbleib von Numair, Anubis, Bintu, Farasha und besonders klein First Chant. Ich hoffte einfach, dass sie bald gefunden wurden und unversehrt zurückkehren konnten. Derweilen konnte ich immernoch nicht glauben, wie dreist der Dieb gewesen war. Unser Vertrauen auszunutzen, um sich zuerst ein Bild von der Anlage und den Pferden zu machen – das wahr ja wohl das Letzte. Und das allerschlimmste ist, dass ich davon nichts gemerkt habe! Auch nicht, als er so grosses Interesse an den Arabischen Vollblütern gezeigt hat. Dabei hätte mir seine gezielte Frage, ob ich denn auch Araber besitze, bereits fischig vorkommen müssen. Er wusste schon vorher von den Pferden, das ist sicher, und hat sich auf diesem Weg nur einen ersten Zugang zum Stall verschafft, um sich umzusehen. Doch sich darüber ärgern half jetzt auch nicht mehr. Alles, was ich tun konnte, war abwarten und Tee trinken – Schwarztee, um genau zu sein. Es war einmal mehr halb sechs Uhr, Frühstückszeit. Jonas, mir gegenüber, sah so aus, als würde er gleich mit dem Gesicht in der Müslischüssel einschlafen. Ich gab ein unterdrückt-amüsiertes Glucksen von mir, woraufhin er ausgiebig gähnte. Die Hunde mampften ihr Futter und Lily lag noch bis halb Acht unter ihrer warmen Bettdecke. Kurz darauf zog ich mir meine schwarze Fleecejacke an und verliess das Haus. Es war ein nebliger Morgen in England (wer hätte es gedacht) und noch versteckte sich die Sonne unter dem Horizont. Brrr, kalt und unheimlich. Ich lief etwas zügiger und machte meine morgentliche Stallrunde. Ich liess das Licht im Hauptstall an, woraufhin die meisten Pferde aufmerksam ihre Köpfe hoben und durch die Boxenfenster in die Stallgasse schauten. Ein paar grunzten hungrig, ein paar waren noch ein wenig verschlafen und liessen die Unterlippe hängen. Ich streichelte im vorbeigehen Rosenprinz‘ Nase. Auch Canto und Empire streckten mir erwartungsvoll ihre Köpfe entgegen. „Be patient, boys - your hay is coming.“ Ich hörte nämlich in diesem Moment Stimmen vom Eingang des Stallgebäudes herkommend, die verdächtig nach Ajith und Quinn klangen. „…you know nothing! You have no idea what kind of person he is, and yet you judge him?” “Quinn, I’m just worried about you…” “Oh please, save your breath. It’s none of your business, so stay out of it.” Das Gespräch brach ab und ich vermutete, dass Quinn davongelaufen war. Stirnrunzelnd begab ich mich in Richtung Eingang, um nach Ajith zu sehen. Der Pfleger stand an die Boxenwand gelehnt und sah ziemlich müde aus. „What was that?“, fragte ich vorsichtig. „You heard? Ahhh… Luck isn’t on my side today, huh…“ „Come on, you know I’ll always listen when you have something on your mind.“ Der Pfleger seufzte leise. “It’s about Quinn’s father. Apparently he has a drinking problem… He depends on her beause he has no work and he is apparently violent when he’s drunk; she had some bruises when she returned from visiting him in Ireland. She pretended to have bumped into something, but I don’t believe her. And now she’s angry with me for trying to help.” “I did know that her father is a difficult person, but I had no idea that it was so bad… Maybe I should try talk to her?” Er zuckte mit den Schultern und sah weg. Offenbar glaubte er, dass es ohnehin nichts bringen würde. Ich legte ihm meine Hand beruhigend auf die Schulter und setzte dann meine Runde durch den Hauptstall fort. Bei den Stuten sah ich, dass Khiaras Box etwas wenig Stroh hatte und rief daher in Richtung Ajith, dass sie heute Nachschub brauchte. Die Stute hatte ein seidiges Winterfell entwickelt, dass zwar nicht besonders lang war, sie aber dennoch schön warm zu halten schien. Sie sah mir freundlich entgegen und beschnupperte interessiert meine Hand. Ich streichelte sie rasch, mit einem liebevollen Lächeln im Gesicht. Zira entdeckte weiter vorne eine Maus und verschwand um die Ecke, während ich einen Blick in die restlichen Boxen warf. Alidas sonst so blutrotes Fell war im Moment eher gräulich, weil sie frisch geschoren war. Es hatte mir fast wehgetan, die schöne rote Wolle wegzurasieren, wo sie doch so zum Herbst passte. Aber die Stute hatte auch im Winter anstrengendes Training vor sich, bei dem sie sonst zu viel schwitzen würde. Dafür hatte Caprice ihren Pelz noch, der in leuchtendem Orange schimmerte. Ich sah sie gerade nur von hinten, denn sie sah zum Fenster raus. Mir fiel auf, wie dicht ihr Schweif geworden war, seit sie auf Pineforest Stable angekommen war. Mit dem dunkleren Streifen Haare in der Mitte und den feinen Löckchen an den kurzen, äusseren Haaren sah es richtig edel aus. Caprice bemerkte mich und drehte ihren Kopf nach hinten; aber ging weiter um sie nicht zu stören, denn ich hatte gerade sowieso nichts in der Tasche und sie wurde erst am Nachmittag von Charly bewegt.
      Dafür kümmerte ich mich um ein anderes orangenfarbiges Tier. Naja, sie war schon eher blutorangenfarbig, denn ihr Fuchsfell war jetzt im Winter besonders dunkel. Ich begrüsste Satine mit einer Karotte, die ich zuvor aus der Futterkammer stibitzt hatte. An ihrem grün gestreiften Halfter führte ich sie aus der Box und band sie beim Holzgitter unter dem Nebenstalldach an. Sie beobachtete mit ihren wachen, eisblauen Augen die vorbeilaufenden Pfleger und Pferde. Langsam wurde es nämlich lebendig auf dem Hof und die erste Gruppe von Rennpferden wurde auf die Bahn geritten. Ab nächster Woche wollten wir das Training wieder auf eine spätere Morgenstunde verschieben, da es jetzt ja nicht mehr so warm war und wir so wieder Tageslicht hatten. Ich bürstete Satine ausgiebig durch, bis nur noch ein bisschen Staub vom letzten Weidegang in ihrem Fell übrig war. Auch die Hufe kratzte ich sauber aus. Jonas führte Feline auf dem Kiesweg vor uns an uns vorbei zum Sandplatz. Ich beeilte mich mit Satteln und wir stiessen zu ihnen. Wir ritten die beiden Stuten nebeneinander warm, arbeiteten danach aber einzeln mit ihnen. Jonas machte mit der Criollostute Dressurarbeit, während ich mit Satine ebenfalls an Takt und konstanter Anlehnung arbeitete. Die beiden waren ähnlich weit in der Dressur – solide ausgebildet, aber nicht hauptsächlich darin gefördert worden. Satine war vor allem im Springen top, während Feline ein vielseitiges Freizeitpferd darstellte. Die Arbeit mit Satine machte heute richtig Spass, da die Stute konzentriert mitarbeitete und sich auch nicht von dem bunten Treiben um uns herum ablenken liess. Nur einmal zuckte sie zusammen, als Jacky sich geräuschvoll durch das Gebüsch, das den Sandplatz zierte, hindurchzwängte. Ich schickte die Jack-Russel Hündin zu Zira, die brav im Gras lag und wartete. Jacky setzte sich eher träge neben ihre jüngere Gefährtin und kam umso freudiger angehüpft, als ich sie nach dem Reiten wieder zu mir rief. Ich zerwuschelte das Fell der beiden Hunde zur Belohnung und führte dann Satine zurück zum Absatteln. Jonas war mit Feline schon vorausgegangen und brachte mir kurze Zeit später Moon Kiddy mit, die ich als nächstes Reiten wollte. Er hatte auch Ljúfa im Schlepptau, denn wir wollten gemeinsam mit Robin Lancaster ausreiten gehen. Die Isländerstute war noch ziemlich jung und früh eingeritten für eine Vertreterin ihrer Rasse. Wir hatten aber bisher nur leichte Arbeit mit ihr gemacht, vorallem Ausreiten im Gelände und ein paar leichte Qualifikationsshows. Galoppiert war sie noch nicht unter dem Sattel, nur Schritt, Trab und Tölt geradeaus. Ausserdem ritten sie nur die leichtesten der Pfleger, damit sie nicht übermässig belastet wurde. Deshalb übergab Jonas Ljúfa auch Robin, die gerade angelaufen kam. Jonas selbst holte hingegen Shira mit dem Knotenhalfter aus ihrer Box und band sie neben mir und Moon an. Die dreijährige Stute wurde gerade eingeritten und war erst einmal richtig unter dem Sattel gelaufen. Wir wollten heute nur eine kleine Runde mit den drei Stuten drehen, wobei Moon als erfahrenes Lehrpferd diente. Die Hunde warteten geduldig, bis wir gesattelt hatten. Sheela war nun auch dabei, denn sie war wiedermal bei Jonas geblieben. Beim Satteln war ‚Prinzesschen‘ noch ein bisschen unruhig, obwohl wir schon einige male geübt hatten. Ich liess die bereits mit dem Bosal gezäumte Moon rasch stehen und vertraute darauf, dass sie nirgens hinging, denn ich wollte Jonas noch bei Shira helfen. Wir zäumten die Ponystute über dem Knotenhalfter und ich nahm sie später beim Aufsteigen zunächst zusätzlich als Handpferd an den Strick. Als alle oben waren, ritten wir eine Runde zur Galoppwiese und dem Waldrand entlang. Zum Glück konnte ich mich so gut auf Moon verlassen, denn die Stute liess sich ausgezeichnet von mir dirigieren und zickte auch nicht, wenn wir Jonas mit Shira helfen mussten. Einmal wollte die unerfahrene Ponystute zum Beispiel nicht an einem Holzhaufen vorbei, sodass ich Moon kurzerhand nutzte, um sie vorwärts zu treiben. Auch mit den frischen Vollblütern war Moon jeweils Gold wert als Trackpony. Ich kraulte sie dankbar durch die dichte Mähne am Hals, als wir das Hindernis geschafft hatten.

      Den ganzen Morgen über ritt oder longierte ich verschiedene Pferde, kurz vor dem Mittag musste ich aber auch noch etwas Buchhaltung für Pineforest erledigen und mich daher in mein Schreibzimmer begeben. Danach hiess es Mittagessen kochen. Lily erzählte uns von nervigen Lehrern und Mitschülern, das Übliche. Sie schien froh, dass sie am Nachmittag keine Schule hatte und zu den Pferden konnte. Sie erklärte stolz, dass sie mit Areion heute Geländesprünge üben wollte. Ich hielt das allerdings für keine gute Idee angesichts des nassen Bodens und weil ich heute keine Zeit hatte sie dabei zu coachen. Es war mir einfach doch noch etwas zu riskant die beiden alleine an den teils massiven Hindernissen üben zu lassen, auch wenn sie nicht hoch eingestellt waren. Lily war natürlich enttäuscht, aber ich munterte sie auf indem ich ihr anbot, dass wir später zusammen mit den Fohlen spielen konnten und überzeugte sie, stattdessen mit Areion heute Abend zu Elliot in die öffentliche Dressurstunde zu gehen. Nach dem Essen nahm ich die Hunde mit zu den Miniature Horses. Die kleinen Pferdchen wollten schliesslich auch gepflegt werden und hatten sich schonmal schön schlammig gemacht, damit sie auch nicht zu kurz kamen. Während die Hunde durch das halbhohe Gras streunerten, begann ich Arco zu putzen. Der silbergraue Hengst hatte jetzt mit dem Winterfell deutlichere Dapples als im Sommer – früher war es manchmal noch fast umgekehrt gewesen. Seine fast ganz weisse Mähne war mit ein paar Dreck-Rastas versehen, welche sich aber gut entfernen liessen. Das wollige Winterfell striegelte und bürstete ich ausgiebig, aber die beine waren nicht gerade einfach sauber zu bekommen, so feucht wie sie waren. Ich putzte sie so gut es ging, verschwendete aber auch nicht zu viel Energie daran, denn er würde ohnehin bald wieder für Shows geschoren werden. Dasselbe war es auch mit Lenny und Becks. Wobei ‚Red’ schon vor dem Putzen von allen noch am besten ausgesehen hatte. Bei den Stuten war Lewis mittlerweile mit dem Misten fertig und bürstete nun ebenfalls fleissig die dichte Wolle der Vierbeiner. Er war mit Rose schon fertig und kümmerte sich gerade um Tigrotto. Ich schlüpfte unter dem Zaun durch und fing Lady ein. Die Fuchsstute folgte mir willig zum Zaun und liess sich genüsslich von mir massieren. Sie sah so edel aus, trotz des Winterfells, wenn sie ihren Hals vor Wohlsein rund machte. Mit den beiden Youngsters, Kiwi und Tiki, wollte ich einen kleinen Spaziergang machen. Lewis nahm bei der Gelegenheit auch gleich Queenie und Papillon mit. Die beiden hatten heute frei (sie waren gestern auf einer längeren Trainingsfahrt gewesen) und so ein Spaziergang war bestimmt lockernd für die beanspruchten Muskeln. Wir gingen mit den vier Ponys zum Fluss und über die Feldwege um Pineforest herum. Auf dem Heimweg begegneten wir Lily, die mit Peppy ohne Sattel und mit dem Stallhalfter unterwegs war. Ich rief ihr nach, dass sie bei der Strasse vorsichtig sein solle und erntete nur ein klangvoll ausgerufenes „Ich we-iss“. Lewis grinste nur belustigt und wir plauderten weiter über die kommenden Fahrturniere.
      Während Lily noch im Gelände herumdümpelte, ging ich schonmal zu Thairu, dem Zebra. Sie und Zazou, den wir ab und zu aus Gewohnheit immernoch Dante nannten, standen Popo-an-Kopf nebeneinander unter dem geschützten Unterstand, den wir für sie gebaut hatten. Beide hatten kaum Winterfell aufgrund ihrer Art, vertrugen die Kälte im Winter aber trotzdem ziemlich gut, solange sie einen Rückzugsort hatten. Ich trainierte im Moment nicht mehr so oft mit Thairu, weil mir die Zeit dazu schlichtweg fehlte. Ich hatte aber nicht das Gefühl, dass ihr das schadete. Im Gegenteil; sie vergass kaum etwas zwischen den Trainingseinheiten und war jeweils entspannt, wenn wir wiedermal mit ihr arbeiteten. Ich putzte sie heute nur gründlich durch, ebenso wie den Wildesel neben ihr. Thairu mochte es besonders an ihrem Unterhals gestreigelt zu werden. Aber auch Zazou hatte eine Lieblingsstelle, nämlich hinter seinenen langen Löffeln. Ich klopfte dem Zebra beim Gehen auf den Po und begab mich in Richtung Fohlenweiden. Lily hatte Peppy versorgt und kam angerannt, als sie mich sah. „Was wollen wir mit ihnen üben?“, fragte ich meine Nichte, sobald sie in Hörweite war. „Blachen! Und den Gymnastikball, und vielleicht Flattervorhang?“ „Ich glaube Ball und Blachen reichen für heute, aber wir können noch ein paar Kegel aufstellen und Führtraining machen.“ „Ja!“ Sie lief voraus zur Halle, denn im Bereich vor der Reiterstube hatten wir einen Lagerraum für das ganze Bodenarbeitsmaterial. Ich folgte und gemeinsam trugen wir die Übungsgegenstände zu den Weiden. Die Hunde waren wie immer mit dabei, und bei der Halle waren wir dem Kater Kafka begegnet, der uns von der Treppe zur Tribüne aus scharfäugig beobachtete hatte. Als erstes wurden wir bei den Weiden von Skyrim begrüsst, der Lily sofort seine rosa Schnauze ins Gesicht streckte. Das erstaunte mich nicht sonderlich, so viel, wie sich meine kleine Nichte mit dem Reitpony beschäftigte. Auch die anderen Hengstfohlen kamen neugierig näher, während wir den ‚Parcours‘ aufstellten. Cupid begann sogar frech an der Blache herumzuzupfen und sie mit dem Huf zu bearbeiten. Simply blieb erstmal auf Abstand, traute sich dann aber doch neben Cupid an der blauen Blache zu schnuppern. Übrigens waren die Vollblutfohlen mittlerweile abgesetzt worden und nach Pineforest umgezogen. Das Verladen der halbjährigen war natürlich ein riesen Ereignis gewesen, mit viel Gequietsche und grossen Augen. Aber am Ende hatte alles ohne Zwischenfälle geklappt und die Fohlen waren gut angekommen. Als wir alles bereitgestellt hatten, holte ich zwei Halfter und Stricke damit wir das Führtraining machen konnten. Selbstverständlich behielt ich Lily die ganze Zeit im Auge, während sie zuerst Skyrim und danach Clooney durch die Pylonen führte. Sie hatte die Anweisung den Strick einfach loszulassen, falls sich einer der Halbstarken erschrecken sollte. Ich selbst führte Mambo an den Gymnastikball heran, bis er ihn mit den Vorderbeinen wegschubste. Er erschreckte sich leicht, liess sich aber erneut auf mich ein und war bei den weiteren Versuchen schon viel mutiger. Solas kam natürlich auch dran und zeigte bei den Blachen bereits jetzt Nervenstärke. Ich war sicher, dass er einmal ein hervorragendes Trailpferd werden würde.
      Bei den Stuten lief es ähnlich ab; die meisten waren ziemlich neugierig und untersuchten die Mitbringsel. Besonders die älteren wie Sarabi, Daedra, Snowflake, Fire und Dolly hatten schon einige solcher Spieleinheiten hinter sich und kannten die Gegenstände. Aber auch Cranberry traute sich sofort heran und bearbeitete den Ball mit ihren Fohlenzähnen. Ich war froh, dass Chime jetzt auch auf Pineforest war und ich sie jeden Tag im Blick hatte. Ella hatte zwar gute Arbeit geleistet und sich ausreichend um das schwächliche Stutfohlen gekümmert, aber mir war trotzdem wohler, wenn ich mich selber um sie kümmern konnte. Sie war und blieb ziemlich schmal, man sah auch ihre Rippen recht gut. Aber laut dem Tierarzt war sie soweit über dem Berg und mit genügend Futterzusätzen würde sie auch gross werden. Es war natürlich eine aufwändige Zukunft, die da vor uns lag, doch für das hübsche Stutfohlen wollte ich keine Mühen scheuen. Sie war mir schon so ans Herz gewachsen, dass ich sie keinesfalls loslassen könnte, auch wenn Oliver skeptisch war, ob die kleine jemals eine Zukunft als Rennpferd haben oder überhaupt gesund bleiben würde. Ich wollte es wenigstens versuchen und ihr diese Chance geben. Weniger dramatisch stand es um die dratige, grobknochige Karma. Sie war ein richtiger Brocken, und ich schätzte, dass sie wohl ein ordentliches Stockmass erreichen würde. Wegen ihrer langen Beine sah es lustig aus, wenn sie grasen wollte. Sie stand dann jeweils vorne ganz breit auseinander. Nun fehlte nur noch Indy, die immernoch bei Ella stand, weil sie ungefähr zwei Monate jünger als die anderen Fohlen war. Ich freute mich schon darauf, endlich alle Fohlen auf dem Hof zu haben. Lily und ich versorgten alles wieder in der Halle, sobald wir fertig waren. Danach gingen wir erstmal ins Haus um uns mit einer Tasse Tee aufzuwärmen, denn es war bereits am Vormittag eine kühle Bise aufgezogen, die sich hartnäckig gehalten hatte. Immerhin war der Himmer klar und blau. Lily ging später wie beschlossen in die Dressurstunde und ich kümmerte mich um zwei neue Pensionäre – denn ich hatte beschlossen, die leeren Boxen auf Pineforest zu vermieten. Im Moment standen schon zwei auswärtige Pferde im Stall, und eines davon war unser alter Freund Fajir. Der Besitzer war sofort mit ihm zurück hierhergezogen, als er von den freien Boxen erfahren hatte. Er war ohnehin seit er den Cremello besass zu uns in die Reitstunden gekommen, und nun konnte der begeisterte junge Herr auch von der restlichen Infrastruktur von Pineforest profitieren. Heute waren nun noch ein weiteres mir unbekanntes Pferd, und Majandro angekommen, den ich ebenfalls vor einer ganzen Weile verkauft hatte. Ich war sicher, dass auch noch weitere der Pferde folgen würden, die ich in unsere Nachbarschaft abgegeben hatte.

      Gegen halb Zehn Uhr klingelte das Telefon bei uns erneut. Ich liess Jonas rangehen, da ich gerade Wäsche bügelte, weil unsere Putzfrau (jawoll, so faul war ich seit Jahren) mit Grippe im Bett lag. Ich lauschte mit einem Ohr dem Gespräch und mein Puls schlug schneller, als ich mir zusammenreimte, worum es ging. „Sie haben sie gefunden?“, hauchte ich zu Jonas, der mir grinsend einen Daumen hoch als Antwort gab, während er dem Beamten zuhörte. Ich machte förmlich einen Freudensprung und konnte es kaum erwarten, die Details zu hören. „… Okay, we’ll pick them up right tomorrow, if that is possible. Yeah sure. Thank you so very much.“ Er legte auf und ich umarmte ihn erstmal vor Erleichterung. “Sie wurden in der Nähe von Southampton in einem Schuppen gefunden. Offenbar wollten die Diebe sie demnächst bei einer Nacht und Nebel Aktion per Schiff nach Frankreich und von dort aus mit gefälschten Papieren weiter transportieren. Die Polizei hat die Dokumente beschlagnahmt, es war offenbar alles schon vorbereitet. Wir hatten Glück, denn es wäre schwierig geworden, sie im Ausland aufzuspüren. Wir können sie morgen holen gehen – ach ja, und sie seien in einem recht guten Zustand, also ist ihnen nichts weiter passiert.“ Mir kamen beinahe Freudentränen, was mich erstaunte, weil ich normalerweise nicht so nah am Wasser gebaut war. Vielleicht werde ich doch langsam zu einem normalen Menschen wie alle anderen, überlegte ich im Stillen. Falls ja, liegt das definitiv an dem guten Einfluss meiner grossen Familie hier.
    • Occulta
      Jungpferde und ältere Jungpferde
      PFS’ Sarabi, PFS’ Counterfire, PFS’ A Winter’s Tale, PFS’ Stop Making Sense, Subsyndromal Symptomatic Depression, Daedra, Nosferatu, Areion, Sika, Parányi, Vychahr, Bintu Al-Bahri, Farasha, Islah, Numair, Lindwedel, Circus Dancer, tc Herkir, Ljóski, Vai Alida, Cabinet of Caligari, scs Bluebell, PFS’ Dancin’ to Jazz

      Oliver und ich sassen zusammen in der Reiterstube und beobachteten die Reitstunde durch die grosse Glasscheibe. Lisa stand in der Mitte und dirigierte fremde, sowie unsere eigenen Leute durch verschiedenste Bahnfiguren. Mit einem Lächeln beobachtete ich die kleine Suri, Lilys neue Freundin, die auf Nosferatu leichttrabte. Sie bewegte sich noch etwas unbeholfen und hatte nicht immer ganz denselben Takt wie das Pony unter ihr, aber sie gab sich sichtlich Mühe und versuchte ihren Körper gerade zu halten. Lily, die mit ihrem Tinker Areion ein eingespieltes Team war, ritt ihr natürlich um die Ohren, aber dafür, dass Suri erst seit zwei Wochen im Sattel sass, schlug sie sich richtig gut. Pony Nossi benahm sich ebenfalls tadellos. Sie buckelte nicht, war nicht zu schnell und liess sich von Lisa per Stimmkommandos fast fernsteuern. Ich wandte mich wieder an Oliver, der mich fast gleichzeitig ansah. «So?», fragte ich mit erwartungsvollem Blick, denn der Trainer hatte mich hierherberufen, um über die jungen Vollblüter zu reden. «The Training this morning was okay. But I still worry, because your horses were started about 9 months later than all the others. They missed their complete two-year-old debut.» «And?» «Well, they sure have gained lots of muscles, but they had less time to build bone substance and gain experience.» «Yes, but instead they were able to grow unaffected by rider weight during these extra months. And they had more time to grow mentally aswell», rechtfertigte ich. «I just want to make a suggestion. You may want consider starting the yearlings from last spring, because they would be at an ideal age now.» «Mambo and the others? Isn’t that too early?», fragte ich mit einem mulmigen Gefühl. «Look, it is normal in the racing industry to start them at about 18 to 20 months of age. They are 20 months old right now, plus you don’t have any of your so called ‘more mature’ two-year-olds to train for the coming season. You know we treat them very gentle and Jockeys aren’t lightweight for no reason.» Ich runzelte nachdenklich die Stirn. Weil ich schwieg, fuhr er fort. «The reason why I didn’t complain last year or the year before that was because those two-year-olds had late brith dates and those dates were also too far apart. It would have been impossible to start them at a reasonable time for the racing season, considering their differences in age. I admit that I manipulated you into breeding at a convenient time so that the foals last year were mostly born in march, so this issue wouldn’t come up again. Early training is crucial so that their bone structure can adjust to the strains of racing.» «I don’t know… Not so long ago they were just little foals. I mean, I remember Dollys birth as if it had been yesterday.» «But look at them now. Thoroughbreds grow extremely fast, they were bred like that for exact that reason.» «Give me a little time to think about it.» Er nickte und stand auf. Ich blieb noch eine Weile sitzen und beobachtete die Reitschüler. Sie mussten sich gerade am Schulterherein versuchen. Darren ritt auf Sika, die deutlich dreispurig lief. Zufrieden lächelte ich bei dem Anblick. Darren bemerkte, dass ich ihn beobachtete, als er an der Scheibe vorbeiritt und lächelte verlegen zurück. Bei Lily klappte das Schulterherein noch nicht ganz, also holte Lisa sie zu sich in die Mitte und zeigte ihr, wie sie den Unterschenkel halten musste. Danach waren schon bessere Ansätze erkennbar, aber natürlich noch weit weg von den erfahreneren Reitern. Nosferatu lief zuverlässig zweispurig geradeaus, mit leichter Innenstellung. Aller Anfang war nun mal schwer, aber ich wettete, dass Lisa Suri auch gesagt hatte, dass sie es einfach versuchen solle und noch nicht beherrschen müsse. Für den Galopp nahm die Reitlehrerin ihre jüngste Schülerin dann auch an die Longe, während die anderen auf der A-Volte blieben. Suri musste sich im Moment nur am Sattel festhalten und sich an den Bewegungsablauf gewöhnen, die Zügel hatte Lisa für sie über dem Widerrist verknotet, damit das Mädchen die Hände frei hatte. Nossi war ziemlich gut ausbalanciert und lief zuverlässig im Kreis. Suri musste ihre Hände als Balanceübung vom Sattel lösen und frei nach aussen strecken. Einmal wurde Nossi dann doch etwas schnell, sodass Suri sich kurz erschrocken festhielt, danach aber gleich wieder mutig weiterübte.

      Als sie mit dem Austraben begannen, verliess ich die Reiterstube und begab mich in den Nebenstall. Es war drei Uhr, aber der Himmel war so düster, dass es mir vorkam wie Abend. Der Himmel war mit grossen, bauschigen Wolken bedeckt und ein kalter Wind schlich sich durch meine Jacke hindurch bis zur Haut. Die Stuten im Nebenstall kümmerte das sichtlich wenig. Sie raschelten gemütlich in ihrem Stroh und unterbrachen diese Tätigkeit höchstens, um zu sehen, ob ich ihnen etwas Besseres zu Fressen brachte. So auch Parányi, als ich ihre Boxentür entriegelte. Sie drückte mir erwartungsvoll ihre dunkle Schnauze ins Gesicht, typisch unsanft für ein junges Pferd, wie ich bemerkte. Weil es so windete, hatte die rappfarbene Stute auch wenig später beim Putzen viel zu glotzen. Vorbeiwehende Blätter, galoppierende Fohlen in der Ferne… Die Stute sah sich alles mit aufmerksam hochgestrecktem Kopf an und blendete mich sozusagen aus. Mir war das schnuppe, solange sie mich nicht irgendwie anrempelte oder mir auf die Füsse stand. Das schien sie auch zu wissen, denn trotz der Ablenkung gab sie ihre Hufe brav und stand schön still. Jedenfalls bis eine grosse, weisse Plastiktüte über den Schotterweg fegte. Da fielen ihr die Augen fast aus den Höhlen und sie musste laut rasselnd Luft einsaugen. Ich klopfte ihr beruhigend auf den Hals und stellte sicher, dass sie mich bemerkte. Trotzdem stand sie nach einem folgenden Zusammenzucken etwas breitbeiniger da als zuvor. «Schon gut, Glupschi. Es wird dich nicht auffressen», lachte ich bei dem Anblick. Insgeheim beschloss ich, dass die Stute wiedermal ein wenig Anti-Schrecktraining brauchte. Auch Jonas, der dem Plastiksack hinterherlief, um ihn in die Mülltonne zu schmeissen, bemerkte Parányi und mich. «Haha, freu dich auf nachher; so wie die heute drauf ist werdet ihr’s lustig haben», rief er mir entgegen. Ich meinte lachend, dass das auch meine Sorge sei. Nichts desto trotz sattelte ich Parányi kurz darauf und führte sie fertig gezäumt zum Aufsteigen auf den Kiesweg. Ich hatte tatsächlich einen Ausritt mit ihr vor, allerdings war mir zugegebenermassen unwohl, wenn ich mir den grossen, schwarzen Angsthasen neben mir ansah. Da kam mir Lewis gerade recht, der Vychahr auf den Sandplatz führen wollte. «Hey!», rief ich, «do you want to join me and Parányi instead?» Er hielt an und überlegte kurz, dann gab er mir ein Daumen-Hoch und schwang sich auf den Rücken des Fuchshengstes. Ich erklomm mein Reittier ebenfalls und schloss zu ihm auf. «Wanna visit Rosie?», fragte Lewis. «Sure.» Wir ritten zwischen den Tannen hindurch in Richtung Fluss, trabten nach der Brücke den ganzen Schotterweg bis zur Wilkinson Farm und spazierten auf den Hof. «Good day Mr. Gordon. Is Rosie at home?» Der stämmige Chefpfleger der Farm wischte gerade den Platz vor dem Stall, als wir ihn überraschten. «I will inform her, just a moment.» Er verschwand im Stallgebäude und brachte die dunkelrothaarige Ex-Pflegerin von Pineforest Stable mit raus. Verwundert begrüsste sie uns. «I didn’t expect you to come today, what brought you here?» «Nothing really, we were just passing by and thought we’d say hello», erklärte ich. Sie meinte daraufhin, dass wir eigentlich gerade recht kämen, weil sie uns etwas zeigen wolle. Gespannt stieg ich ab und band Parányi beim Putzplatz an, Lewis tat es mir mit Vychahr unter Einhaltung genügenden Abstands gleich. Wir folgten Rosie zu den Weiden und entdeckten nebst den beiden friedlich grasenden Araberstuten Farasha und Islah auch noch eine weitere, graue Figur unter den Bäumen. Im ersten Moment dachte ich aus lauter Gewohnheit an First Chant, verwarf die Idee aber augenrollend sofort wieder – das Stutfohlen stand ja inzwischen auf unserer eigenen Fohlenweide zuhause. «That over there is Lindwedel. He’s a Fell pony, I bought him last week. He looked very cute with his curly mane and tail, so I thought ‘why not?’» «He sure is stunning. How old is he?» «16 years» «Really? And still so dark grey?», meldete sich Lewis zu Wort. «Yep. Doesn’t look like he will get much lighter, too.» «Nice. Gelding, I guess?», riet ich mit einem Blick auf die Weide mit den beiden Stuten. Rosie antwortete lachend «Of course.» Wir plauderten noch eine Weile, dann machten Lewis und ich uns wieder auf den Weg. Allerdings verliess ich den Hof nicht, ohne Anubis und Numair ein Leckerli zu bringen – wenn ich schon nicht wegen ihnen hier war. Bintu bekam auch eins, damit er nicht eifersüchtig wurde.

      Als wir von unserem Ausritt zurück waren, musste ich Parányi die Abschwitzdecke anziehen – obwohl sie am Bauch geschoren war. Wir hatten ein paar lustige Galopps und Geisterbegegnungen hinter uns, aber im Grossen und Ganzen war der Ausritt schön gewesen. Vychahr hatte sich von der Rappstute natürlich auch etwas anstecken lassen, war aber längst nicht so verschwitzt. Während ich Die Stute in ihre Box versorgte, hörte ich David und Elliot mit dem Anhänger zurückkommen. Die beiden hatten mit Dancin’ to Jazz ein Trail-Anfänger-Turnier besucht. Gespannt wechselte ich zum Parkplatz, sobald ich die Boxentür geschlossen hatte. Liebevoll lief ich zu Jazz und streichelte die Stute zur Begrüssung. «Heyy my beauty. How was she?» Elliot antwortete verschwörerisch «make a guess.» «…Last?», fragte ich besorgt. «Far off. They were placed second», enthüllte Elliot grinsend, und wurde prompt von meinem fröhlichen «yes!» abgewürgt. Ich umarmte den Hals der Stute und klopfte David stolz auf die Schulter. Meine Freude war gross, denn diese erste Platzierung der Stute zeigte mir, dass wir auf dem richtigen Weg waren. Nun durfte Jazz aber erstmal zurück in den Offenstall und ihre Ruhe geniessen. Diese Woche war wirklich hervorragend gelaufen, denn es hatten auch gleich drei unserer Stuten ihre Körungen geschafft: Vai Alida, Cabinet of Caligari und meine kleine Bluebell.

      Mit bester Laune ging ich ins Haus und machte mir eine Tasse Tee. Nach der Kälte draussen war das eine weitere Wohltat. Kafka, der bunte Kater, sass draussen auf dem Fensterbrett bei der Küche. Ich beobachtete ihn durch die Scheibe. Er schien irgendwas zu sehen, jedenfalls blickte er tiefgründig in die Ferne. Ich konnte es nicht sein lassen, ihn zum Spass zu erschrecken, indem ich das Fenster aufmachte und «Buh!» rief. Er sprang runter und peitschte mit dem leicht gesträubten Schwanz, dann verschwand er um die Hausecke. «Du hast mich und die Pferde oft genug überrascht, geschieht dir absolut recht», murmelte ich rechtfertigend, hatte aber trotzdem einen Anflug von schlechtem Gewissen. Eine weitere Katze entdeckte ich unweit entfernt unter den Büschen die den Reitplatz säumten. Sie war nichts weiter als ein dunkler Schatten zwischen den Zweigen, nur die grünen Augen sah man deutlich. Es handelte sich um die scheuste der vier Katzen, Moya. Ich wollte sehen, ob Lisa schon Fortschritte dabei gemacht hatte, das wollige Tierchen zu zähmen. Ich öffnete die Haustür und stellte zunächst angewidert fest, dass Kafka mir mal wieder eine Kopflose Maus dagelassen hatte – das schlechte Gewissen von zuvor verflüchtigte sich augenblicklich. Ich schob die kleine Leiche mit dem Fuss von der Terrasse ins Gras und näherte mich dann vorsichtig meinem Ziel. Moya war schon im Begriff aufzustehen und zu flüchten, also kniete ich rasch runter und lockte sie mit allem, was mir einfiel. Sie sah mich mit grossen Augen an, die misstrauischer nicht hätten sein können. Aber sie blieb kauernd unter dem schützenden Gebüsch, und liess mich ganz langsam näherkommen. Ich konnte schon fast den Arm nach ihr ausstrecken, als plötzlich Jonas von hinten rief «Was machst du da, Occu?» Ich zuckte zusammen, und bevor ich es realisierte, erkannte ich nur noch knapp einen schwarzen Schatten bei den Paddocks des Nebenstalls verschwinden. Enttäuscht richtete ich mich auf und strich mir die feuchten Hände an den Hosen ab. «Na toll, ich war so nahe dran», schmollte ich vorwurfsvoll an Jonas gewandt. «Die schwarze Katze? Die kann doch niemand streicheln. Sogar Lisa hat aufgegeben.» «Lisa ist auch dauernd hyperaktiv, da würd ich auch abhauen.» Wir lachten und schlenderten über den Hof. Zira entdeckte mich und kam vom Parkplatz her angerannt, fast an ihrer eigenen Zunge erstickend. Ich knuddelte sie liebevoll durch. «Wenigstens die ist anhänglich», stellte ich fest. «Und was ist mit mir?», meinte Jonas empört und umarmte mich spielerisch. «Ja ja, schon gut. Du brauchst mich nicht gleich zu zerquetschen. Wie war überhaupt dein Tag? Ich hab dich heute kaum gesehen, ausser beim Mittagessen und Plastiksack-Jagen.» «Ich war auch dauernd im Gelände unterwegs. Am Morgen mit Herkir, in Begleitung Ljóski und Lewis –» «Haha, ich vorhin auch. Wir waren mit Vilou und Parányi draussen.» «Ach, ich hab mich schon gefragt wo er steckte; ich war, nachdem du weg warst, mit Dancer auf dem Sandplatz, um Dressurarbeit zu machen und hab seine Sprüche bezüglich meines Stuhlsitzes vermisst.» «Der ist doch schon viel besser geworden, nicht?» Er zuckte mit den Schultern. «Wir können ja heute Abend zusammen zu Elliot in die Stunde gehen, dann wird er’s dir schon sagen. Ach ja, ich muss noch was Wichtiges entscheiden – Oliver hat mir schon Dampf unter dem Hintern gemacht.» «Was denn?» «Ob wir Generation Mambo schon jetzt einreiten sollen.» «Eiiigentlich sehen die ja schon ganz ordentlich aus, da hat der alte Olly schon Recht.» Beim Begriff ‘alter Olly’ musste ich belustigt glucksen. «Lass ihn das nicht hören, ja? Der reisst dir den Kopf ab. Aber ernsthaft, meinst du die sind so weit?» «Komm mal mit.» Wir liefen zu den Weiden und beobachteten die Stutfohlen eine Weile. Ich unterbrach das Schweigen nachdenklich. «Weisst du, Oliver hat schon Recht, wenn er sagt, dass sich der Körper der Vollblüter so früh wie möglich an die Belastung anpassen und entsprechend Substanz bilden sollte. Mit zunehmendem Alter ist der Effekt einfach nicht mehr derselbe, und gerade wenn sie noch im Wachstum sind, können sich mit dem richtigem Training die optimalen Strukturen entwickeln, damit sie später trotz der Rennbelastung lange gesund bleiben.» Jonas sprach zuversichtlich: «Ich meine, wenn du merkst, dass sie überfordert sind, kannst du jederzeit abbrechen und sie wieder auf die Weide stellen. Da könnte auch ein Oliver nichts entgegenhalten. Ausserdem kannst du sie im Voraus und zwischendurch Tierärztlich abchecken lassen, wenn das dein Gewissen beruhigt. Und zuletzt könntest du ja auch einen Kompromiss machen, indem du dich einverstanden erklärst, dass sie zwar schonend trainiert werden, aber nicht an Rennen starten bis sie dreijährig sind. So wäre zumindest der Einwand wegen des Knochenwachstums vom Tisch.» «Die Idee mit dem Kompromiss ist genau das, was ich gebraucht habe», rief ich dankbar aus. «Das Training selber leuchtet mir nämlich wie gesagt gewissermassen ein, aber mir war es ein Dorn im Auge, schon an den Rennen für die Zweijährigen teilzunehmen. Ich finde das einfach zu früh. Aber diesen Vorschlag werde ich Oliver nachher mal unterbreiten. Und sonst zieh ich mit seinem Plan nicht mit, Vogel friss oder stirb.» Mit einem beruhigten Gewissen streichelte ich Thalia, die an den Zaun gekommen war. Die beinahe schneeweisse Stute untersuchte mit ihrer rosa Schnauze meine Hand und schleckte mir die kalten Finger ab. Hinter ihr tauchten auch Dolly und Sarabi auf. Nur Daedra und Counterfire blieben zusammen mit den jüngeren Fohlen in der Mitte der Weide und grasten weiter. Bei Daedra würde ich mit dem Training auf alle Fälle auch noch warten, denn sie war im Herbst geboren und damit ein halbes Jahr jünger als die anderen. Das sah man ihr auch deutlich an.

      Wie beschlossen, redete ich gegen sieben Uhr mit Oliver, den ich in einer der Sattelkammern im Hauptstall erwischt hatte. Er war nicht nur einverstanden mit meinem Vorschlag, sondern wirkte damit sogar sehr zufrieden. Wir beschlossen, die Youngster morgen in den Hauptstall zu verschieben und mit der Gewöhnung an die Ausrüstung zu beginnen. In den nächsten Wochen würden sie noch vollkommen ohne Reitergewicht, an der Longe oder Doppellonge, trainiert werden. Erst dann wollten wir langsam die leichtesten der Jockeys auf ihre Rücken setzen und viel Schritt im Gelände reiten. Wenn alles gut lief, konnten wir danach mit der Trabarbeit beginnen. Ich bestand ausserdem auf die Tierärztlichen Untersuchungen. So konnte ich einigermassen entspannt zu Bett gehen.
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    Gnadenweide
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    Occulta
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    26 Okt. 2013
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  • ~Panther~

    Offizieller HG

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    Rufname: (Numi)
    Geburtstag: 08.10.
    Alter: 9 Jahre
    Stockmaß: 1.55 m
    Rasse: Araappaloosa
    Geschlecht: Hengst
    Fellfarbe: black roan sabino blanket appaloosa
    (EE,aa,Rnrn,Sbsb,Lplp,PATN-1PATN-1)

    Abzeichen: Unregelmässige breite Blesse, hoch weiss gestiefelt HL und HR
    Gesundheit: sehr gut


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    Temperamentvoll, manchmal etwas schwierig im Umgang


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    Numair ist kein Anfängerpferd, er stellt seinen Besitzer oft auf die Probe. Der Hengst faßt schnell Vertrauen, kann es aber auch schnell wieder verlieren. Sonst ist er ein friedvoller, freundlicher Hengst, der Feuer unterm Po hat.
    Numair liebt das Springen, Dressur und Western sind auch noch seine Stärken, aber sonst ist er nicht so geeignet für die höheren Turniersportarten. Numair ist ein sehr tempramentvoller Hengst. Bei Rossigen Stuten ist er kaum zu bändigen, geschweige den händelbar bzw reitbar. Er hat was gegen Kinder und Katzen.


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    Besitzer: Occulta (Rosie Wilkinson)
    Ersteller: Delilah
    VKR: Delilah
    Verkäuflich: Nein


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    Gekört: Ja
    Nachkommen: Chessqueen, Namuna
    Decktaxe: 90 J


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    Galopprennen Klasse: E
    Western Klasse: S
    Spring Klasse: A
    Military Klasse: E
    Dressur Klasse: E
    Distanz Klasse: E

    Eignung: Springen, Western
    Eingeritten: Ja


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    [HK 470]
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    1. Platz 273. Westernturnier
    1. Platz 264. Westernturnier
    1. Platz 258. Westernturnier
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    2. Platz 261. Westernturnier
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    Numair's Spind