Occulta

• Framed in History, EVB ♂

Hengst | Overo Schecke

• Framed in History, EVB ♂
Occulta, 30 Aug. 2017
Rinnaja, Tassila und sadasha gefällt das.
    • Occulta
      Ankunft eines besonderen Pfleglings…

      Wir folgten dem Verlauf dieser Landstrasse nun schon seit einer Halben Stunde und noch immer war keine grössere Strasse in Sicht. „Bist du dir sicher, dass wir noch richtig fahren?“, fragte ich Jack vorsichtig. Er war schon den ganzen Morgen gereizt und mies gelaunt gewesen, daher wagte ich es nicht, seine Entschlüsse zu sehr in Frage zu stellen. „Ja.“, war die Antwort, seine Stimme liess keine weitere Wiederrede zu. Ich sah gleichgültig aus dem Fenster und betrachtete die vorbeiziehende Landschaft. Was die Pfleger wohl gerade taten? Ich versuchte mir vorzustellen, wie Rosie und Jonas den Pferden Heu brachten. Der Gedanke an Jonas‘ Lächeln liess mich leicht schaudern, denn mir wurde die tiefe meiner inneren Bilder bewusst. Schnell versuchte ich, ein Gespräch anzufangen. „Was denkst du, wird Hans dieses Jahr wieder ein Hoffest veranstalten?“ „Hmmhm“, brummelte Jack zurück und sah noch konzentrierter aus der Windschutzscheibe, als hätte er eine Fliege an deren Oberfläche entdeckt. Ich entschied, ihn in Ruhe zu lassen und widmete mich wiederum dem Fenster. Ein, zwei Büsche flogen vorbei, dann wieder eine Wiese und schliesslich ein Wäldchen. Dahinter tauchte ein mittelgrosser, schäbig aussehender Hof auf. Auf einer Wiese davor konnte ich Pferde entdecken, doch sie sahen nicht sehr gepflegt aus: Eines lahmte stark und mühte sich so zu einem zweiten hin, welches schon von weitem mager und zerzaust wirkte. Inmitten dieser erbärmlichen Gestalten stand ein Jungpferd, ich schätzte es auf eineinhalb Jahre. Der kleine Hengst stand alleine da und döste anscheinend vor sich hin. Er war bunt gescheckt, vermutlich ein brauner Overo. Als er das Auto hörte, hob er den Kopf und spitzte die Ohren. Anscheinend kamen hier nicht oft Autos durch, denn er sah uns auch nach mehreren Sekunden noch nach. Als wir abbogen, konnte ich die andere Seite des Kopfes gerade noch erkennen, auf der er offensichtlich ein eisblaues Auge hatte.
      Etwa zwei Stunden später kamen wir endlich beim Brecon Beacons National Park an. Wir hatten vor gehabt, wandern zu gehen, doch kaum waren wir losgelaufen, beklagte sich Jack über die kalte Biese, die uns die Haare zerzauste. Die Landschaft vor uns sah aus wie gemalt: trockene Felder erstreckten sich fast bis zum Horizont, ab und zu wuchsen Gruppen von Büschen auf der hügeligen Ebene. Links und rechts von uns verzweigten sich mehrere Wanderwege. Am Himmel hingen dunkle Wolken wie eine gewaltige Decke, bedrohlich flimmernd. „Wir sollten umkehren, ich glaube ein Gewitter zieht auf.“, bemerkte ich, und wartete gespannt auf seine bissige Antwort. Doch ich bekam sie nicht, stattdessen blickte Jack fast schon melancholisch in die Ferne und meinte mit leiser Stimme: „Ich glaube, da hast du recht.“ Ich ignorierte diese plötzliche Stimmungswende und klatschte in die Hände, zum Zeichen, dass ich nun umkehrte. Er folgte, brav wie ein Lamm und schwieg den ganzen Rückweg. Als wir schon fast Zuhause waren, kam mir der kleine Scheck-Hengst wieder in den Sinn. Vor meinem inneren Auge sah ich deutlich das eisige Auge, selbst wenn ich es nicht genau hatte erkennen können. Die Erinnerung verfolgte mich den ganzen Weg über und ich dachte fieberhaft nach, wie genau der Hof ausgesehen hatte. „Du, Jack, als wir quer durch die Pampa gefahren sind…“, fing ich an, doch wurde auch gleich wieder vom alten, genervten Jack unterbrochen. „Jetzt fängt das schonwieder an! Kannst du es nicht einfach dabei belassen, dass ich einen Fehler gemacht habe?“ „Aber das meinte ich doch gar nicht, ich wollte dir etwas erzählen, was ich unterwegs gesehen habe!“ Er schwieg und sah nachdenklich geradeaus, als täte es ihm leid, so übereilt geantwortet zu haben. Ich senkte die Stimme wieder und fuhr fort: „Ich habe einen Hof gesehen, das müsste etwa kurz nach Coles Green gewesen sein, da waren ganz viele Pferde auf einer Wiese. Die sahen zum Teil gar nicht gut aus, der eine hat stark gelahmt und die anderen wirkten dürr und klapprig. Einen Wassertrog konnte ich nicht entdecken und auch keinen schattenspendenden Baum oder so…“ Plötzlich lächelte er. Ich sah ihn fragend an, da meinte er nur: „Das ist meine Occu, immer mit offenen Augen und einem Sinn nach Gerechtigkeit. Ich habe schon verstanden.“ Er fuhr in die nächste Einfahrt und wendete scharf, dann brausten wir zurück in die Richtung, aus der wir gekommen waren. Ich jubelte innerlich, denn ich brannte vor Neugier auf den kleinen Hengst. Ich küsste Jack flüchtig auf die Backe, dann liess ich die Scheibe etwas runter und genoss den kühlen Windzug.
      Nichtsahnend fuhren wir wenig später in die Einfahrt des Hofes, der auf den zweiten Blick noch viel verlotterter aussah. Ich liess die Autotür ins Schloss fallen und machte mich auf die Suche nach dem Hengstchen. Zuerst konnte ich den Kleinen nirgends entdecken, doch plötzlich sah ich die erbärmlich zappelnde Gestalt und es lief mir eiskalt den Rücken runter. Das junge Pferd hatte sich im Zaun der Wiese verheddert und strampelte und wälzte sich nun, um wieder frei zu kommen. Ich rannte sofort aussen am Zaun entlang auf ihn zu, wobei Jack ebenfalls sofort mitlief. Wir näherten uns vorsichtig auf die letzten paar Meter, denn der Kleine wurde nur noch panischer, als wir näherkamen. Uns bot sich ein Bild des Grauens: sein Fell und das Gras um ihn herum waren blutverklebt und an seinem Schulter-Hals Übergang klaffte eine tiefe Wunde, die nach erster Einschätzung beinahe bis auf die Knochen ging. Sein Bein war besonders schlimm im Draht verheddert und ebenfalls rötlich verfärbt. Er machte grosse, panische Augen und atmete flach. Je mehr er sich wälzte, umso mehr verhedderte er sich in dieser tödlichen Falle. Ich sah Jack verzweifelt an, der fieberhaft zu überlegen schien. Dann rief er plötzlich: „Ruf einen Tierarzt, ich suche nach Werkzeug um ihn zu befreien!“, und rannte in Richtung Hof davon. Ich tat, wie mir gesagt und rief Eowin an, die vielleicht gerade Zeit hatte. Sie kam rasch ans Telefon und versicherte, bald vor Ort zu sein. Nun versuchte ich, den Hengst irgendwie zu beruhigen. Ich näherte mich ihm vorsichtig und kniete neben seinen wild schlagenden Kopf. Er zuckte zusammen als ich ihn am Hals berührte, wurde jedoch mit den kreisenden Bewegungen meiner Finger zunehmend ruhiger. „So ist’s fein, alles wird gut…“, murmelte ich und sah verzweifelt auf die Uhr. Wir waren erst seit fünf Minuten bei ihm, doch vielleicht lag er noch viel länger hier. Er lag nun ganz ruhig auf der Seite, halb auf dem Zaun, halb im weichen Gras. Ich streichelte ihn weiter, wagte es keine Sekunde, die Hand zu heben. Ab und an unternahm er einen weiteren kläglichen Versuch, sich aufzurichten. Nach einer gefühlten Ewigkeit fuhr ein Auto in die Einfahrt und hielt abrupt auf meiner Höhe. Die Tierärztin stieg aus und suchte ihre Werkzeuge zusammen, ehe sie schnellen Schrittes auf den Kleinen und mich zukam. In eben diesem Moment tauchte auch Jack von der Scheune her wieder auf, er hielt triumphierend eine Grosse Gartenschere in die Höhe…
      27 Apr. 2014
    • Occulta
      Tierarztbesuch bei Framed in History

      Mein Telefon klingelt. Mein Notfalltelefon. Jeder meiner Kunden wusste, dass man diese Nummer nur dann wählte, wenn es sein musste – und zwar wirklich nur dann. Dafür hatte ich extra zwei Nummern.
      Panisch ging ich an das Telefon. An der anderen Seite der Strippe hörte ich eine Stimme, die mir irgendwas von einem verletzten Fohlen, viel Blut und Stacheldraht erzählt – und dass es dringend sei.
      Ich fragte mir eilig die Adresse nach, da es keine gab, musste mir eine ungefähre Beschreibung reichen.
      In Windeseile packte ich sämtlichen Krempel zusammen: Narkosemittel, Schere, Nadel und Faden, Infusionslösungen, Spritzen, Tupfer, Kompressen, Verbandsmaterial, Desinfektionsmittel, meinen Kittel und so weiter.
      Dann ließ ich mich in mein Auto sinken und machte mich auf den Weg.
      Sicherlich hätte mich niemand blitzen dürfen und ich war teilweise froh, dass ich nicht einfach aus der Kurve flog, aber ich hatte ein Leben zu retten. Das ging über alle anderen Dinge.
      Schließlich wurde die Straße unwegsam und nach einem dürftig befestigten Feldweg folgte lediglich ein schwer sichtbarer Trampelpfad, über den ich meinen Mercedes heulend jagte. Ich wusste, ich hätte einen Geländewagen anschaffen sollen.
      Schon von weitem erkannte ich die dürftige Weide und auch das Tier, was mir als Fohlen beschrieben wurde, welches sich im Draht verheddert hatte.
      Ich beobachtete einen herzzerreißenden Überlebenskampf und zwei Menschen, eine junge Frau und ein junger Mann, waren just dabei, dem Schecken zu helfen.
      Gerade als der junge Mann mit einer Astschere an den Draht ansetzte, trat ich hinzu.
      „Wartet!“, unterbrach ich die Handlung und zog postwendend eine Spritze aus der Kitteltasche.
      „Ihr kennt ihn nicht, oder? Wie gut kennt er Menschen?“, fragte ich hastig.
      Occu erklärte mir kurz, dass sie zufällig den Hengst gefunden hatten und er zunächst sehr panisch reagiert hatte, als sie sich ihm genähert hatte.
      Ich trat näher an den Schecken heran und begutachtete seine Wunden. „Das sieht nicht gut aus“, meinte ich und steckte die Spritze wieder ein.
      „Sein Kreislauf ist im Eimer, so kann ich ihn nicht sedieren, wir müssen da gemeinsam durch. Ich hoffe, ihr seid kräftig!“, meinte ich und machte mich ans Werk.
      „Occu, halt ihn am Boden. Du musst den Kopf richtig in das Gras drücken, er darf unter keinen Umständen aufstehen! Und du da, wie heißt du gleich noch?“
      Etwas beschämt stellte sich der junge Herr als Jack vor, bevor ich ihn in meinem harschen Ton, den ich immer anschlug, wenn ich wusste, dass es kurz vor zwölf war, anherrschte: „Wir müssen zunächst die Drähte los werden und den Hengst aus dem Draht basteln. Dabei dürfen wir unter keinen Umständen die Wunden weiter aufreißen, sonst verblutet der uns!“
      Während ich genügend Tupfer und Kompressen holte, wies ich Jack an, achtsam zunächst so die Drähte zu schneiden, dass der Druck hinunter ging. Denn teilweise war der Zaun noch nicht vollends eingestürzt, aber sehr gut gespannt.
      „Ich halte fest, du schneidest ab“, meinte ich und hielt das Stück Draht so fest, dass es nicht auf den Schecken zurückschnellen konnte.
      Als alle vier Drähte durchtrennt waren und auf dem Boden lagen, waren meine Arme blutig, denn anstatt des Hengstes hatte ich die Dornen des Drahtes abbekommen. Aber es war mir egal. Vollkommen klar im Kopf arbeitete ich weiter. Ich versicherte mich, dass keine Drahtstücke in der großen Wunde auf der Schulter des Hengstes waren, aber meine Befürchtung bewahrheitete sich: Abgerissener Draht hatte sich tief in das Fleisch gefressen.
      Ich holte meine Zange und entfernte vorsichtig den Draht. Der Hengst kreischte auf und Occu hatte große Probleme, ihn am Boden zu halten. „Halt ihn fest!“, ermahnte ich sie.
      Dann presste ich eine Kompresse notdürftig auf die stark blutende Wunde. „Halt eine Hand darauf und drück so fest du kannst, du kannst nichts an ihm kaputt machen!“, wies ich sie an und legte ihre Hand auf die Kompresse, während ich mich wieder Jack und der Gartenschere widmete.
      Nach und nach, Windung für Windung lösten wir den Stacheldraht vom Bein des Hengstes. Es gelang und es stellte sich heraus, dass die meisten der Wunden an den Beinen oberflächlicher Natur waren und zwar stark bluteten, aber weder Sehnen noch Knochen verletzt hatten.
      Ich beschloss, mich diesen zuerst zu widmen, bevor der Hengst seine Geduld verlor. Nach und nach desinfizierte ich die Wunden und nähte die, die stark bluteten. Die Wunden, an denen ich sah, dass das Blut bereits gerann und die für ihn keine Gefahr darstellten, nähte ich nicht.
      Der Schecke war einigermaßen ruhig, was vermutlich einfach daran lag, dass sein Kreislauf wirklich im Keller war und er keine Energie mehr hatte, sich in irgendeiner Form zu wehren.
      Vorsichtig strich ich über sein Fell. „Gut machst du das.“
      Dann kontrollierte ich kurz, wie gut sein Kreislauf noch war. Seine Schleimhäute waren schneeweiß. Da brauchte ich gar nicht mehr die Druckprobe machen.
      Panik stieg in mir hoch. Ich verlor ihn!
      Ich atmete ruhig ein und aus, versuchte mich zu beruhigen, als ich spürte, wie meine Hände zu zittern begannen. Ich schluckte meine Angst einfach hinunter, schon Occus Hand bei Seite und beobachtete, wie sie ihre mittlerweile hellrot gefärbte Hand wieder auf den Hals des Hengstes legte.
      Mit einer Pinzette zog ich achtsam die vollkommen durchnässte Kompresse aus der Wunde. Wir mussten die Blutung stoppen.
      Ich rannte zum Auto, nahm mehrere Kompressen heraus und rollte sie zu einer großen auf. Diese drückte ich dann in die Wunde und übte mit beiden Händen so viel Druck aus, wie ich nur konnte.
      Nach und nach spürte ich, wie das Gewebe unter mir feucht und warm wurde. „Bitte, komm schon!“, betete ich gen Himmel, der sich immer weiter verdunkelte. Mittlerweile waren so viele Wolken aufgezogen, dass ich kaum noch sah, was ich eigentlich tat. Der Himmel grollte, unheilvoll rasten Wolken über das Firmament und zogen sich zu einer undurchdringlichen Wand zusammen. Ich konnte nur hoffen, dass es nicht auch noch zu regnen begann.
      Ich beobachtete, wie eine Stute sich langsam an das Geschehen heran schlich. „Jack, pass bitte auf, dass die anderen Pferde in der Weide bleiben!“, bat ich den jungen Mann und widmete mich direkt wieder dem Hengst, beobachtete aber aus den Augenwinkeln, wie Jack die Stute zurücktrieb, das heißt, eigentlich trieb er sie nicht, sondern sie nahm panisch Reißaus, als er seine Bewegung in ihre Richtung wahr nahm. Ich wollte gar nicht wissen, was die Pferde hier schon miterlebt hatten.
      Schon wieder war die Kompresse vollkommen von dunkelrotem Blut durchnässt und es stellte sich keine Besserung ein. Vorsichtig löste ich den Stoff aus der Wunde und nahm eine Desinfektionslösung, mit der ich die Wunde spülte, um zu sehen, was verletzt worden war. Die Wunde war tatsächlich bis auf den Knochen. Ich hoffe, dass die Muskeln wieder zusammenwuchsen, ansonsten hätte der Hengst ernsthafte Probleme, aber bis es so weit war, musste ich erstmal diese verdammte Blutung stoppen.
      Noch einmal startete ich den Versuch. Drückte mit aller Kraft gegen das Gewebe. „Komm schon, komm schon, komm schon…“, murmelte ich immer wieder. Wieder spürte ich die warme Flüssigkeit unter meinen Handballen – dann stagnierte es. Einen Augenblick drückte ich noch weiter, dann nahm ich vorsichtig und achtsam wieder die Kompresse aus der Wunde. Ein Wunder war geschehen – zumindest für den Augenblick hatten wir die Blutung gestillt!
      Sofort desinfizierte ich das Ganze nochmals, was der Hengst alles andere als witzig fand. Ich konnte es verstehen, das Zeug brannte wie die Hölle, aber eine andere Möglichkeit gab es nicht.
      Vorsichtig nähte ich die Wunde, Stich für Stich, die Hautpartien eng aneinander gezogen.
      Es sah etwas wulstig aus, als es fertig war, aber bei der Wundengröße war es kaum zu vermeiden. Wichtig war, dass er überlebte – die Optik durfte in diesem Augenblick wirklich keine Rolle spielen.
      Ich lobte den Hengst erneut, dann trat ich einen Augenblick zurück.
      Die Blutung der nicht genähten Wunden an den Beinen war nun vollends versiegt und es bildete sich bereits eine unförmige Kruste. Man würde aufpassen müssen, dass sich kein wildes Fleisch bildete und es regelmäßig desinfizieren müssen, aber die dürften nicht das Problem sein.
      Voller Missmut starrte ich in den Himmel, über den in weiter Entfernung bereits Blitze zuckten. Doch noch regnete es nicht. Noch flößte das sich nähernde Gewitter dem Schecken keine Angst ein.
      Nach einigen Minuten schaute ich wieder auf die Wunde an der Schulter. Kein Blut sickerte mehr durch die Wunde.
      „Sieht aus, als hätten wir die erste Hürde geschafft“, meinte ich und atmete das erste Mal seit meiner Ankunft auf.
      Rasch holte ich eine Infusion aus dem Auto, ich begann mit einer kleinen Packung, damit wir im Notfall die Blutungen im Schach halten konnten. Aber es galt jetzt, dem Hengst wieder auf die Beine zu helfen.
      Vorsichtig, dann aber mit einem gezielten Stich in die Vene setzte ich die Nadel. Erneut floss Blut über meine ohnehin schon roten Finger – in diesem Falle aber ein gutes Zeichen, auch wenn es zunächst etwas verhalten floss. Aber ich hatte die Vene getroffen und der Kreislauf war noch nicht so im Keller, dass das Herz kein Blut mehr pumpen konnte.
      Mit routinierten Handgriffen steckte ich die Infusion ein und hielt den Behälter hoch.
      Nach einem kurzen Augenblick beobachtete ich, wie die Flüssigkeit in dem Behälter weniger wurde.
      „Jack, in meinem Kofferraum liegt ein Halfter. Mit ein wenig Glück werden wir das gleich brauchen“, wies ich ihn an. Er nickte und holte sofort bereitwillig das Halfter aus meinem Auto, welches die ganze Zeit schon sperrangelweit offen stand.
      Ich bat Occu anschließend, dem Hengst vorsichtig das Halfter anzulegen, so lange er noch nicht wieder auf den Beinen stand. Wenn er für uns unkontrolliert wurde, hätten wir verloren.
      Es gelang ihr, denn der Hengst war noch immer schwach und im Prinzip musste sie den Kopf mehr heben als das Halfter überstreichen.
      Nach und nach ging die Infusion dem Ende zu. Wieder kontrollierte ich die Schleimhäute, die nun wieder etwas rosiger wurden.
      Wieder hieß es warten, bis sich die Kochsalzlösung in seinem Körper verteilte. Dann geschah es. Nach und nach wurde er etwas klarer, der Blick wurde wacher und er verstand wieder, was Sache war: Panisch versuchte er wieder, sich aufzurappeln.
      „Lass ihn. Ich muss sehen, ob die Nähte halten“, meinte ich zu Occu, die die Hand von seinem Kopf nahm und sich nun an dem Strick an seinem Halfter festklammerte.
      Aber er stand nicht auf.
      Noch einmal holte ich eine kleine Infusion und steckte sie an seinen Zugang. Wieder beobachtete ich, wie die physiologische Kochsalzlösung den Weg in seinen Körper suchte.
      Und endlich stand er auf. Er brauchte mehrere Ansätze und stand anschließend wackelig, aber er stand.
      Ich ließ die Infusion bis zum Ende in seinen Körper laufen, dann begutachtete ich sorgsam und gründlich alle Wunden. Doch der Blutfluss blieb aus, alles war dicht und gut genäht. Ich war unglaublich froh.
      Ganz vorsichtig, um ihn nicht zu erschrecken, trat ich wieder auf ihn zu und löste seinen Zugang und die Infusion aus dem Körper. Die Stelle, in der die Nadel steckte, drückte ich einen Augenblick mit dem Finger zu, aber das Blut gerann vollkommen normal und so stoppte die Blutung schnell.
      Wieder am Auto zog ich eine milchige Flüssigkeit in eine Spritze – ein Antibiotikum.
      Die Injektion desselben in seinen Halsmuskel war nicht mehr ganz so spannend. Der Hengst schwebte noch immer zwischen Gut und Böse und drohte bei jedem Schritt das Gleichgewicht zu verlieren. Dennoch musste er sich beim Spritzen so massiv anstellen, dass er einmal wieder hinfiel und sich hastig wieder aufrappelte. Es war mehr Glück als irgendwas anderes, als die trübe Flüssigkeit endlich im Körper des Hengstes war.
      Doch so bewies sich eines: Die Blutung war wirklich gestillt.
      Ein letztes Mal musste ich die Nerven des Hengstes strapazieren. Um ihn aber nicht erneut in Panik zu versetzen, legte ich ihm die Nasenbremse an und drückte sie Jack in die Hand.
      Dann sprühte ich die Wunden und Nähte mit Silberspray ein.
      Das halbe Pferd war silbern, als ich damit fertig war, aber das überdeckte zumindest auch das Blut. Ich ließ Jack die Bremse lösen und wendete mich dann an Occu.
      „So. Normalerweise dürfte das alles sein. Er sollte was trinken, Ruhe bewahren, am besten in den Stall und die Nähte müssen mindestens täglich desinfiziert und kontrolliert werden. Am besten ihr versucht irgendwie die Besitzer ausfindig zu machen. Oder nehmt ihn einfach mit nach Hause. Meine Arbeit ist hier erst einmal getan, ich lasse euch Antibiotika, Nadeln und Spritzen da, er muss einmal am Tag 20ml davon gespritzt bekommen. Wenn was ist – ihr habt meine Nummer.“
      Occu nickte und bedankte sich bestimmt tausend Mal. Aber es war mir nicht wichtig, wichtig war, dass der Hengst gerettet war. Zumindest hoffte ich, dass sich das Ganze nicht nochmals verschlechterte.
      Mein Blick nach oben versicherte mir, dass das Gewitter weiter gezogen war. Immernoch hing am Himmel eine Ursuppe an dunklen Wolken, aber es blitzte nicht mehr und tief am Horizont brachen einige gold-rote Sonnenstrahlen durch die Wolkenwand.
      Ich verabschiedete mich, strich dem Hengst über das bunte Fell und machte mich müde auf den Heimweg, während ich im Rückspiegel beobachtete, wie Occu und Jack sich weiter um den Kleinen kümmerten.
      Das Bild im Spiegel wurde immer kleiner, doch die Bilder in meinem Kopf nicht. Und ich wusste, dass ich nächste Nacht nicht schlafen würde.

      Text by Eowin, 13526 Zeichen
      27 Apr. 2014
    • Occulta
      Ankunft eines besonderen Pfleglings Teil 2

      Noch immer ganz durcheinander fiel ich Jack um den Hals. Ich war überglücklich, dass wir den Hengst hatten retten können, zumindest fürs Erste, doch der Schreck sass mir noch in den Knochen. Dann begann ich auch noch zu schluchzen, was mir im Nachhinein furchtbar peinlich war. Aber in diesem Moment war mir bewusst geworden, wie knapp die ganze Geschichte ausgegangen war. Wären wir nicht nochmal umgekehrt – er wäre gewiss verendet. Doch ich hatte sein Bild nicht aus meinem Kopf bekommen, aus irgendeinem wundervollen Grund hatte ich ihn nicht vergessen können und deshalb waren wir umgekehrt. Er stand nun ganz ruhig da, vermutlich war er immer noch etwas benebelt durch die Infusion und das Antibiotika. Nur sein Atmen verriet noch, dass er aufgeregt war. Ich drehte mich um, als ich ein erneutes Reifengeräusch vernahm. Hatte die Tierärztin etwas vergessen? Doch es war nicht dasselbe Auto und auch der Fahrer war nicht derselbe. Ein stämmiger Mann stieg aus, ich schätzte ihn ungefähr auf 55 Jahre. Er kam schnellen Schrittes auf uns zu und blickte schon von weitem grimmig, als er jedoch den Zustand des Schecken bemerkte, machte er ein erschrockenes Gesicht. “What in God’s name happened here? Who are you? And why is that horse bloody silvery?“ Ich erzählte ihm alles in gespielter Ruhe, obwohl er gewiss das Zittern meiner Stimme bemerkt haben musste. Als ich geendet hatte, trat er einen Schritt näher und begutachtete den jungen Schecken genau. “Well in that case, I have to thank you.“ Er erklärte, dass er die Pferde nur vorübergehend unterbringe. Der wahre Besitzer sei Bankrott gegangen, da sein Hof niedergebrannt sei. Die Pferde sollten folglich Zwangsversteigert werden. Aus Sicherheitsgründen hätte man kurzfristig einen Platz für die Tiere gesucht und da sein Hof in der Nähe des Versteigerungsortes läge, hätte man ihn kurzerhand gefragt. Die Weide sei sehr provisorisch, das gebe er zu (diesen Punkt bestätigte ich ihm deutlich) doch er habe nicht damit gerechnet, dass so etwas passieren könne. Ich entschied insgeheim, dass es keinen Sinn machte, ihn zu beschuldigen. Wir wollten schliesslich erstmal herausfinden, was nun mit dem Hengst geschehen würde. Doch der Bauer meinte nur, dass wir uns an den zuständigen Richter wenden müssen und gab uns die Adresse. Ich überlegte kurz und sagte dann an Jack gerichtet: „Könntest du zurück nach Hause fahren und einen Transporter holen? Ich bleibe hier und versuche, diesen Richter zu erreichen, bis du zurück bist, sollte der Kleine fit genug für einen Transport sein.“ Er nickte und lief zum Auto. Der Bauer widersprach nicht und fragte sogar, ob er mir eine Tasse Tee bringen könne. Ich lehnte jedoch ab, denn ich hätte den Tee vermutlich sowieso nur verschüttet. Langsam kroch die Müdigkeit in mir empor, doch ich bekämpfte sie noch, denn mir stand noch ein Telefongespräch mit dem Richter bevor. Ich wählte die Nummer, die mit der Bauer gegeben hatte und wartete gespannt auf die Stimme am anderen Ende. “William Darwin; Who’s there?“ “Hi, my name’s Occulta Smith. I call because of the horses of Mister Edison.” “Ahh, yes. What do you want to know?” “One of them had an accident and I wondered if it might be possible to buy him?” “An accident? What sort of accident?” Ich erzählte ihm alles, ebenso wie ich es dem Bauern erzählt hatte. Er hörte aufmerksam zu und gab nach kurzem Schweigen Antwort. „Basically it should be okay if you buy him. I have to quickly ask my boss but I think it should work. I may call you back?” “Of course.” Ich verabschiedete mich vorläufig und atmete tief durch. Der Hengst stand immer noch regungslos und breitbeinig da, den Kopf auf halber Höhe und die Ohren auf Halbmast. Als ich die Hand hob um ihn zu streicheln, hob er ihn jedoch und wich aus. „Du traust mir immer noch nicht, was?“, seufzte ich enttäuscht und liess den Arm wieder sinken. Nun stand ich also hier, mit einem blutigen Pferd an meiner Seite, das sich nicht anfassen liess und sich nicht von der Stelle rührte. Der Bauer kam gerade angelaufen, als ich aufsah. Er hatte ein Seil dabei, mit dem er die Lücke im Zaun kurzerhand schloss. Ich diskutierte abermals mit ihm wegen des Stacheldrahtes. Er versprach, nach diesem Unglück den Zaun zu erneuern, diesmal mit gewöhnlichem Elektrozaun. Plötzlich klingelte mein MoPho erneut und ich ging eiligst dran. „Miss Smith? It’s me again, Mr Darwin. I told my boss about the horse and he agreed that you can buy him. He said ‘Better you buy him now than he has to be transported too much.’ Our basic sale price in this case is 3000£, you could take him home now and pay until next week. We have to know your exact address.” Ich gab ihm alle Infos durch und atmete erleichtert auf, als ich auflegte. Nun stand uns nichts mehr im weg, wir mussten nur noch auf Jack warten. Der Bauer brachte den Pferden unterdessen auf mein drängen hin frisches Heu und organisierte eine anständige Tränke. Etwa eine halbe Stunde später war auch Jack endlich wieder da und öffnete den Transporter. Dort drin war überraschenderweise noch ein anderes Pferdchen angebunden: Arctic Blue. Jack hatte vorausgedacht und den kleinen mitgenommen, damit das Hengstchen nicht zu unruhig wurde während der Fahrt. Arco war ein sehr entspannter und erfahrener Mitfahrer, wir brachten ihn oft zu kleineren Shows. Jack band Arco los und führte ihn die Rampe runter, um ihn als Lockpferd für den Zweijährigen zu brauchen. Ich nahm das Seil unterdessen entschlossen fester in die Hand und lockte den Hengst einige Meter in Richtung Transporter. Er ging zuerst willig mit, hielt jedoch vor der Rampe und warf den Kopf hoch, wenn ich das Seil spannte. Jack lief vor seiner Nase mit Arco in den Transporter. Daraufhin versuchte ich, mich gleich anzuhängen und es ihm gleich zu tun. Es klappte, der leicht benommene Hengst folgte Arco wie ein Lamm. Ich band ihn rasch fest, ehe er es sich anders überlegen konnte und wir schlossen gemeinsam die Rampe. Dann verabschiedeten wir uns vom Bauern und machten uns auf den Heimweg.
      Auf dem Hof angekommen brachten wir ihn erstmal in eine kurzfristig eingerichtete Quarantänebox, die sich etwas entfernt von den anderen Pferden im Hauptstall befand. So hatte er seine Ruhe, sah die anderen jedoch immer noch durch die Gitterstäbe. Als wir durch den Stallgang liefen, streckten von beiden Seiten her neugierig die anderen Vollblüter ihre Köpfe durch die kleinen ‚Fenster‘ in den Gittern. Er lahmte noch etwas, vermutlich tat ihm das zuvor mit Draht eingewickelte Bein weh. Am späteren Abend sahen wir nochmals nach dem Rechten und begutachteten die Wunde, alles sah noch sauber aus und die Nähte hielten. Am nächsten Morgen wuschen wir ihm vorsichtig die Stellen, an denen er keine grösseren Wunden hatte, sodass er wieder einigermassen Weiss wurde. Anschliessend bekam er seine Medikamente und frisches Heu. Er hatte nicht besonders grossen Appetit, aber wenigstens frass er ein bisschen. Ein paar Tage später wurde er bereits vorsichtig geführt und die Wunden heilten sehr schön. Er hatte auch schon etwas zugenommen und machte einen aufmerksameren Eindruck als zuvor. Er hatte sogar schon auf den Spaziergängen ein wenig mit Spot geschmust und liess sich bereits am Kopf anfassen.
      27 Apr. 2014
    • Occulta
      Kontrolle bei Framed in History

      Es war nun schon gut zwei Wochen her, dass ich das letzte Mal in England gewesen war. Mit gemischten Gefühlen schweiften meine Gedanken, als ich auf dem Weg zu Occulta war. Natürlich war es nicht gut, in einem solchen Zustand Auto zu fahren, aber es würde ja ohnehin nicht besser werden.
      Ich hatte Recht gehabt – ich hatte die Bilder vom Unfall von Framed in History nicht aus dem Kopf bekommen, er war mir – wie man so schön sagt – „ans Bett gekommen“ und ich sah immer wieder den Knochen inmitten von Blut und zerrissenem Fleisch. Immer wieder sah ich seine Muskeln unwillkürlich zucken, seinen leidigen Blick. Nein, ich würde diesen Hengst niemals vergessen.
      Und während ich so die Wege entlang fuhr, neben denen Bäume hoch in den Himmel ragten, überlegte ich, wie es dem Schecken wohl ergangen war. In welchem Zustand würde ich ihn gleich auffinden? Wie gut waren die Wunden verheilt, wie gut hatte ich genäht? Würden Narben bleiben? Waren die Sehnen und Muskeln unversehrt geblieben, sodass er reitbar werden würde? Oder war er schon in jungen Jahren dazu verdammt, niemals gearbeitet werden zu können?
      Ja, ich machte mir Sorgen. Ich hatte mein Herz an diesen kleinen Mann verschenkt, vom ersten Augenblick an hatte er diesen Blick. Er sah mich nicht an, er sah durch mich hindurch, als würde er mich kennen oder in mich hinein sehen und mich durchschauen können. Er war etwas Besonderes – unbestritten.
      Noch immer in Gedanken versunken kam ich auf dem Hof von Occu an. Sie hatte gar nicht mit mir gerechnet, weil ich mich vorher nicht angekündigt hatte, aber wir hatten ausgemacht, dass ich kommen solle, wenn ich Zeit hätte – und diese hatte ich gerade.
      Sie begrüßte mich sehr herzlich und meinte, dass es gerade eigentlich auch super passen würde und führte mich zu Framed in History.
      Der bunte Hengst stand auf dem Paddock und sah mich sogleich mit aufmerksamem Blick an, direkt spitzte er die Ohren und hatte einen Blick drauf als wolle er sagen: „Hey, wir kennen uns. Ich erinnere mich an dich.“
      Es war ein eigenartiges Gefühl. Ich wusste ja, dass Pferde sowohl ein sehr gutes Gedächtnis hatten als auch unsere Stimmungslage spüren konnten, aber bei ihm war es anders.
      Langsam trat ich auf ihn zu, bevor er sich mir ebenfalls mit langsamem Schritte näherte. „Wow, der ist ja wirklich verhältnismäßig zahm geworden“, lobte ich Occu, die vor Stolz zu wachsen schien. Offenbar steckte in dem Hengst bereits viel Arbeit.
      Mit viel Zeit und Geduld hatten wir etwas später den Hengst am Halfter, sodass ich mit sehr ruhigen und vorsichtigen Bewegungen seine Narben kontrollieren konnte. Das an der Schulter sah verhältnismäßig gut aus, es war auch nicht so wulstig geworden wie ich befürchtet hatte, aber es würde sicherlich dauern, bis davon nichts mehr zu sehen war.
      Die Beine sahen einwandfrei aus. Vorsichtig strich ich darüber und kontrollierte die Sehnen – Glück gehabt, nichts war verletzt worden.
      Sehr achtsam tastete ich danach auch die Schulter ab. Die Fäden hatten sich alle von Selbst aufgelöst. Das war sehr gut, denn obgleich dies so gedacht war, hatte man es in fast jedem Fall, dass einzelne Fäden sich nicht von selbst auflösten und gezogen werden mussten, was bei einem Pferd, das ohnehin noch etwas scheu ist, natürlich denkbar ungünstig ist.
      Aber auch ansonsten schien alles so weit in Ordnung zu sein. Er reagierte noch empfindlich auf den Druck, was aber vollkommen normal war.
      „So weit scheint nichts Wichtiges verletzt worden sein oder es ist alles wieder richtig zusammengewachsen. Geh am besten mit ihm Spazieren und taste das immer mal wieder ab, kann sein, dass da ein paar Nerven durchtrennt worden sind, was wir im Auge behalten müssen. Richtig belastet werden sollte er noch nicht, im Moment sieht aber alles so aus, als würde er voll belastbar werden“, erklärte ich.
      Auf diese Worte hin strahlte Occu mich an und fiel mir unwillkürlich um den Hals. „Danke“, sagte sie zu mir – eine Situation, mit der ich immer unglaublich schlecht umgehen konnte.
      „Gern geschehen. Dafür bin ich doch Tierarzt“, meinte ich und wandte mich Framed wieder zu. „Und du passt bitte auf, dass dir so etwas nicht noch einmal passiert!“, meinte ich und klopfte ihm achtsam den bunten Hals. Er zog noch etwas weg, wurde aber nicht panisch.
      Ich lächelte die Beiden an, dann machte ich mich wieder auf den Heimweg. Ich war mir sicher, dass ich ihn nicht das letzte Mal gesehen hatte, aber das letzte Mal in einem negativen Kontext. Ich hoffte, dass mein nächster Besuch so etwas wie eine Impfung oder vielleicht sogar ein TÜV für eine Körung wäre.
      Doch sicher war: Ich würde ihn nie vergessen. Und wenn ich nicht als Tierarzt diesen Hof noch einmal betreten würde, dann würde ich ihn so besuchen kommen, denn auch mir war der Kleine unsagbar ans Herz gewachsen.

      4804 Zeichen by Eowin
      14 Mai 2014
    • Occulta
      Pferdefreuden

      Ich stand bei Frame in der Box und streichelte den mehrheitlich weissen Hengst. Er hatte sich gut gemacht in den Wochen seit er bei uns war; Die meisten Wunden waren geheilt und von dem klaffenden Loch in seiner Schulter war nur noch eine grosse Kruste sichtbar. Die Tierärztin war bei der Nachkontrolle mit dem Stand der Dinge zufrieden gewesen und hatte uns grünes Licht für die Zukunft gegeben. Wir hatten deshalb schon ein wenig mit dem Training begonnen. Er wurde im Moment longiert, als Vorbereitung auf das Einreiten. Er hatte mittlerweile auch etwas mehr Vertrauen zu uns gefasst. Dies reichte so weit, dass er sich auf der Weide einfangen liess und auch beinahe schön geführt werden konnte. Bloss beim Auftreten eines plötzlichen Geräusches oder einer schnellen Bewegung erschrak er regelmässig und testete unsere Führerqualitäten. Etwas hatte mich sehr erstaunt an ihm: Seit seiner Ankunft hatte er sich extrem an mich gehängt. Wenn ich bei ihm war, wich er nicht von meiner Seite und wenn jemand anderes ihn führte, machte er regelmässig Probleme, ausser wenn ich nebendran lief. Mit seiner eher schreckhaften Natur hatte er sich wohl mich als Chef ausgesucht, der ihn nun vor allerlei Gefahren beschützen sollte. Ich spielte meine Rolle gewissenhaft, beispielsweise stellte ich mich zwischen ihn und eine Schubkarre, als diese unseren Weg kreuzte. Mein anschliessendes Berühren eben dieses Monsters hatte ihn sogar dazu bewogen, mit der weichen Schnauze daran zu stossen, um gleich darauf zusammenzuzucken und den Rückwärtsgang einzulegen. Bei diesem Anblick musste ich jeweils schmunzeln – wie er dastand mit weit geöffneten Augen, sich beinahe berührenden Ohrenspitzen und geblähten Nüstern. Ich seufzte und sah ihn an, worauf er beinahe fragend zurückstarrte und den Kopf senkte um laut hörbar zu schnauben. „Du seltsamer Vogel.“, schloss ich und entfernte mich mit einem Klaps auf seine Kruppe aus der Box. Das grelle Sonnenlicht blendete mich einen Moment lang, als ich aus dem Hauptstall ins Freie trat. Die Schwalben kreisten hoch in der Luft, es würde also heute vermutlich nicht mehr regnen. Ab und an hörte man wieder das freudige Zirpen der Jungen, wenn ein Elternvogel mit reich beladenem Schnabel an Nest flog. Beim Eingang zum Nebenstall entdeckte ich Jonas, der gerade auf dem Beton davor wischte. Ich lief auf ihn zu und er lächelte mir mit seinen braunen Augen entgegen. „Na, läuft‘s gut?“, fragte ich frech. „Spinnst du? Es läuft doch nicht alles gut hier! Wennschon rennt alles gut!“, antwortete er, wobei er sein meisterhaftes ich-habe-dich-reingelegt-Grinsen aufsetzte. Ich lächelte amüsiert und machte mich auf zum Parkplatz, weil ich das vertraute Geräusch von Reifen hörte. Das müssen Argenté und Miami sein – dachte ich mir, und beschleunigte gespannt meinen Schritt. Tatsächlich wurde bald darauf die Klappe geöffnet und eine hübsche Welsh-Stute und ein kleines Mix-Fohlen hinaus geführt. Ich streichelte zur Begrüssung den Kopf der Stute und bewunderte ihre schönen Augen und die lange Mähne. Ihre Farbe war wundervoll dunkel und die dicken Haarsträhnen auf ihrer Stirn boten einen tollen Kontrast dazu. Sie sah sich ziemlich selbstsicher um und reckte ihren dicken Hals in alle Himmelsrichtungen. Das Fohlen schien ebenfalls ganz ruhig, es folgte auch gleich brav, als ich loslief um die beiden in ihre Boxen zu bringen. Das Fohlen kam natürlich mit den anderen Hengstchen auf die Weide, Noir kam hingegen in den Nebenstall.

      "Was ist denn hier los??", rief ich ungläubig, als ich die Halle betrat. Dort waren Lewis, Rosie und Lisa zusammen mit den Ministuten und Jacky. Sie hatten Kegel, Stangen, die bunten, aufblasbaren Bälle und ein Fahrrad in der Halle aufgestellt, wobei alles ein wenig chaotisch wirkte. Lewis machte eine elegante Handbewegung, als wollte er einen Bühnenauftritt einleiten. Daraufhin sprang Lisa geschickt zum Fahrrad und Rosie packte Goldy am Halfter. Was sich nun vor meinen Augen abspielte, liess die Zweifel von vorhin verfliegen: Lisa fuhr los, hatte zwar sichtlich mühe gegen den Hallensand anzukommen, schaffte es aber dennoch irgendwie. Rosie rannte kurz neben Goldy her, liess sie dann los und gab ihr einen Klaps auf den Po damit die Stute auch ja weiter hinter Lisa her trabte. Nun kam Jacky ins Spiel: sie jagte auf Lewis' Signal hin hinter Goldy her und sprang der Stute geschickt auf den Rücken. Dort balancierte sie, indem sie sich runter duckte, wie ich es auch schon im Winter mit ihr geübt hatte. Die beiden folgten Lisa weiterhin, die eine grosszügige Kurve fuhr und durch den Stangengang, den ich erst jetzt erkannt hatte, bog. Goldy folgte und berührte die Stange kein einziges Mal. Nun ging es weiter in einen Kegel-Slalom und danach zu den Bällen. Bei letzterem hüpfte Jacky runter und schob gemeinsam mit Goldy einen der Bälle durch ein Kegel-Goal. Als sie fertig waren rannte Rosie herbei und gab ihnen Leckereien zur Belohnung. Danach verbeugten sich die drei Pfleger symbolisch vor mir. Ich klatschte begeistert und fragte, wie lange sie schon trainiert hätten. "Approximately four months. But not every day." Ich nickte beeindruckt und fragte mich insgeheim, warum ich nie etwas bemerkt hatte. Ich fand es eine witzige Idee, und es schien eine gute Beschäftigungsmöglichkeit für die Minis darzustellen. Ich hatte zwar auch schon mit ihnen Tricks geübt, doch nie wirklich intensiv. Und natürlich für Jacky. "Können die anderen Ponys auch etwas?", hakte ich neugierig nach. "Daki lernt gerade, auf Kommando zu steigen und Queenie auch einen Ball zu rollen. Die anderen können alle lächeln.", antwortete Lisa auf Deutsch. "So so, nur lächeln.", meinte ich neckend und stellte mich vor Alu. "Dann lächle mal." und tatsächlich, mit dem entsprechenden Handzeichen von Lewis bog Alu geschickt die Oberlippe hoch und zeigte ihre schönen Zähne. Ich kraulte die hübsche Stute und fuhr mit den Fingern den Ohren entlang. Dann hüpfte Lewis in die Hallenmitte und dirigierte die Stuten vor sich in eine Reihe. Auf sein Kommando hin liefen Daki, Goldy, Alu, Diva, Queeny und Chip jeweils im Slalom nacheinander durch ihre Herdenmitglieder. nur die neue Shetty-Stute Coco schien verwirrt. "Sie ist noch nicht lange im Training dabei, genauso wie Diva, die ja eine Weile weg war.", rechtfertigte Rosie die Stute. Daki kniff ihr herrisch ins linke Ohr, als wollte sie sie anspornen. Lewis lockte Coco schliesslich aus der Reihe und kraulte sie, während die anderen nun auf Rosies Kommando hin gemeinsam rückwärts gingen. Ich klatschte und streichelte die Minis, als sie auch diesen Trick beendet hatten. Natürlich holte sich jeder noch rasch seine Belohnung bei Lewis ab. Anschliessend wurde ihnen die Halfter wieder übergestreift und ich schnappte Daki und Chip, um sie zu den Weiden zurück zu führen. Die beiden liefen brav mit und Dakis Mähne hüpfte lustig auf und ab, mit jedem Schritt. Ich beobachtete ein wenig Alus Schrittfolge, denn die hübschen, grauen Beinchen schwangen so rhythmisch im Takt. Bei den Weiden angekommen liessen wir die Minis laufen und sahen zu, wie sie sich nach und nach etwas verteilten um zu fressen. "Es ist Zeit das neue Stütchen zu holen.", fiel mir plötzlich ein. Wir hatten Goldy schweren Herzens an eine Kollegin verkauft, damit wir uns diese Anschaffung erlauben konnten. Wir wollten die Zahl der Minis nämlich eigentlich klein halten. Doch diese Stute hatte uns alle sofort überzeugt, sowohl die Pfleger, als auch mich und Jack. Rosie hatte sie an einer landesweiten Show für American Miniature Horses entdeckt und sie uns auf den Fotos gezeigt, die sie geschossen hatte. Die Stute hatte den dritten Platz im Final gewonnen und hatte eine ausgezeichnete Ahnenlinie. Ausserdem sah sie unheimlich schön aus mit ihren fast violetten Dapples. Goldy würde sich bestimmt wohlfühlen auf Jual‘s Hof, da waren wir uns sicher. Und falls sie doch aus irgendeinem Grund nicht mehr dortbleiben könnte würden wir sie wie schon Lady Diva zurücknehmen.
      Mit diesen und weiteren Gedanken fuhr ich auf der Autobahn. 'Narnia' stand irgendwo im Norden in einem bekannten Mini-Zuchtgestüt. Ich fand das Anwesen nach etwa eineinhalb Stunden fahrt und war beeindruckt von den fein säuberlich geschnittenen Büschchen und dem kurzen Rasen, aus dem kein Halm hervorzuragen schien. Ich stieg aus und sah mich um, ehe ich mich auf die Suche nach dem Hofbesitzer begab. Auf dem Gelände standen mehrere kleine Stallgebäude, deren Fassade in lebhaften Rot- und Blautönen bemalt war. Die zu ihnen führende Kiesstrasse war beinahe weiss und frei von Blättern oder ähnlichem. Es gab ausserdem einen hübschen kleinen Dressurplatz mit sehr hellem Sand. Nun betrat ich das vorderste Stallgebäude und lief durch die Gasse. Alles war vollkommen 'tidy' und aus den grosszügigen Boxen reckten mir bunte, kleine Pferdchen ihre Nüstern entgegen. Als ich etwas weiter ins Miniaturreich vordrang, entdeckte ich Narnia. Ihr Name war in kunstvoll geschwungener Schrift auf ein kleines Boxenschild geschrieben. Ausserdem hatte ich die Stute auch so gleich erkannt, denn mit ihren deutlichen Dapples stach sie aus der bunten Vielfalt besonders heraus. Ich streichelte ihre weiche Schnauze und betrachtete lange die dunklen Augen. "She's pretty, heh?", bemerkte plötzlich eine Stimme hinter meinem Rücken. Der Hofbesitzer schüttelte mir kräftig die Hand und stellte sich vor, ich tat es ihm gleich. Danach holte er Narnia aus der Box und führte sie mir vor, sodass ich mir ihr Exterieur nochmal ansehen konnte. Als ich bestätigte, dass ich immer noch grosses Interesse an ihr hatte, stellte er sie zurück in ihr Reich und wir begannen, über das Geschäftliche zu reden."And, how much does that pretty lady cost?" Wir handelten einen fairen Preis aus, darin war ich mittlerweile erfahren. Er schien, ganz zu meinem Vergnügen, etwas überrascht über meine Hartnäckigkeit und Ausdauer. Die Stute hatte natürlich ihren Preis, doch das war sie auch durchaus Wert. Zu guter Letzt schüttelten wir uns kräftig die Hand und ich unterschrieb den Kaufvertrag. Als ich alles ausgefüllt hatte, führte er mir die Stute zum Auto, wo ich bereits die Klappe des Anhängers öffnete. Narnia stieg etwas wiederwillig ein - daran würden wir noch arbeiten müssen. Doch während der Fahrt verhielt sie sich sehr ruhig. Zuhause sah sie sich erstmal aufgeregt um und wieherte nach ihren Weidegenossen. Stattdessen gaben die beiden Hengstchen Antwort, sobald wir in Sichtweite kamen. Besonders Arco schien interessiert an der hübschen Stute und folgte uns auf der anderen Seite des Zauns. Caress hingegen, wandte sich erneut dem zarten Gras zu. Die Stuten kamen uns ebenfalls neugierig entgegen, so wie die Pfleger, die aus allen Winkeln des Hofes angeschlichen kamen, um Narnia zu begutachten und dann jeweils so taten, als ob sie schon immer dagestanden hätten. "What a little beauty." "Yea, just like the others!" "Nooo, I think she is even prettier with those dapples." "She's not as pretty as Daki!" Ich schüttelte lächelnd den Kopf und beobachtete, wie Narnia Diva beschnupperte und anschliessend quietschte. Als sich die Lage entspannte, löste ich den Strick und liess die Kleine laufen. Sie trug den Hals noch immer übertrieben rund und tänzelte ein wenig, als die anderen sie umringten, doch bald lief die ganze Gruppe am Offenstall vorbei in Richtung der beiden Bäume, wobei Narnia gemütlich hinterher trottete. Zufrieden lief ich mit den Pflegern zusammen wieder nach oben, schliesslich gab es noch jede Menge zu tun.
      25 Mai 2014
    • Occulta
      Life goes on Fortsetzung des Nebenstallberichts 'Having troubles or what'

      Mir wurde ganz schwindlig, als sie Jack auf die Trage legten und wegbrachten. Auf einmal kam der ganze Schock, die Verzweiflung, Angst und Trauer über mich wie eine gewaltige Flutwelle, die mich beinahe zu Boden riss. Jonas, der ebenfalls in den Krankenwagen getragen wurde, beobachtete mich mit sorgenvollen Augen. Ich stützte mich gegen Rosie, die mir eine Umarmung anbot und schluchzte ungehalten in ihre Schulter. Alles um mich herum kam mir so unwirklich vor und ich hörte die Stimmen wie durch eine unsichtbare Wand. Alles, was ich von diesem Abend noch mitbekam war, dass Lisa, Rosie und Quinn mich ins Haus brachten und mit einen Tee kochten. Am nächsten Morgen wachte ich auf und fühlte mich wie ein Stein. Mir steckte die Trauer augenblicklich wie ein Kloss im Hals, als ich mich an den vergangenen Tag erinnerte. Am Morgen war ich noch so sorglos gewesen und dann war alles zerbrochen. Ich versuchte mich abzulenken und sah auf die Uhr. Es war erst fünf und draussen ging gerade die Sonne auf. Seufzend richtete ich mich auf und zog meine Reitsachen an. Die Pferde würden mich jetzt am besten trösten können, besonders meine und Jacks geliebte Vollblüter. Als ich durch die Küche lief sprang Jacky von ihrer Decke auf und folgte mir, jedoch schien sie auf seltsame Weise nicht so energievoll wie sonst. Ich machte mich ohne etwas zu frühstücken auf zum Hauptstall und holte die Putzsachen von Winter aus der Sattelkammer. Als ich die Box des schneeweissen Hengstes betrat, streckte er mir mitfühlend seine rosarote Schnauze entgegen, als wüsste er genau, was in mir vorging. Ich krallte mich in dem weichen Fell fest und legte die Wange an seinen Hals. Seinen warmen Puls zu fühlen, jedes Zucken der Muskeln, tat mir gut. Schliesslich angelte ich mir den Striegel und putzte meinen Liebling. Als ich fertig war, sattelte ich ihn mit seinem kleinen Rennsattel und hängte das Vorgeschirr ein. Ich führte ihn wie in Trance nach draussen und stieg auf. Ich ritt zunächst eine Runde Schritt auf der Galoppbahn und trabte anschliessend eine weitere Runde auf die andere Seite. Dann ritt ich zur Rennbahn und liess ihn laufen. Beim 500m-Pfosten sah ich auf die Armbanduhr und stoppte in der nächsten Runde an derselben Stelle. Mein grosser hatte eine gute Geschwindigkeit drauf und war ordentlich fit, deshalb beschloss ich, gleich noch eine Runde zu trainieren, aber diesmal mit Startbox. Prüfend sah ich mich nach den Pflegern um, schliesslich brauchte ich jemanden der die Boxen öffnete. Gerade als ich zurückreiten wollte um jemanden zu rufen, entdeckte ich Quinn, Lily und Oliver mit Spot, Iskierka und Light, die auf uns zu ritten. Winter spitzte die Ohren und hob den Kopf, um seine Stallgenossen zu begrüssen. Ich freute mich wahnsinnig, meine alten Freunde so anzutreffen, hielt dieses Glücksgefühl aber noch versteckt. Ich ritt ihn in eine der mittleren Boxen und wartete konzentriert auf den Start. Die anderen reihten sich ebenfalls ein und Ajith kam herbeigeeilt um die Boxen zu öffnen. Dann donnerten die Vollblüter auch schon los. Ich hielt mich bei Winters Absprung etwas an seiner Mähne, um von der Wucht nicht gleich aus dem Sattel zu gleiten. Es war ein wundervolles Gefühl, die schnaufenden Pferdeköpfe links und rechts von mir zu sehen und unter mir den gewaltigen Körper des Hengstes zu fühlen. Das rhythmische Aufschlagen der Hufe liess mich all den Schmerz vergessen und holte mich zurück in die Welt, in die ich gehörte; das hier und jetzt. Light gewann zwar das Trainingsrennen knapp vor Winter und mir, doch das war mir schnuppe. Ich hatte einen Entschluss gefasst während dem Galoppieren: Das Leben musste weitergehen. Ich tätschelte Winters Hals und plauderte begeistert mit den anderen über das Training. Anschliessend arbeiteten die restlichen Jockeys noch etwas weiter mit ihren Pferden, während ich Winter austraben liess. Er schnaubte schön ab und streckte den Hals tief zu Boden. Schliesslich brachte ich ihn zurück in die Box und versorgte ihn gründlich, ehe ich mich Stromer widmete. Mit dem cremefarbenen Hengst hatte damals alles angefangen – er war mein allererstes Vollblut gewesen. Nun war er schon ganze sechs Jahre alt und hatte sich prächtig entwickelt. Aus dem einst so zerbrechlichen dreijährigen mit der schlechten Vergangenheit war ein top bemuskelter, aufmerksamer und freundlicher Hengst mit wundervollen Gängen geworden. Jetzt im Sommer schimmerte seine rosafarbene Haut stark durch das Fell, was ihm deutlich mehr Farbe verlieh als im Winter, wenn er mit dem dichteren Fell fast weiss wurde. Ich putzte auch ihn sorgfältig und ritt anschliessend wie schon mit Winter in voller Rennmontur zur Bahn, wo ich ihn zunächst aufwärmte. Er hatte viel mehr Erfahrung als Winter und konnte seine Kräfte gut einteilen. Ausserdem hörte er sehr fein auf meine Hilfen und wurde nicht so heftig wie die jüngeren Genossen. Wenig später hatten auch die drei Jockeys ihre Pferde ausgetauscht; sie ritten nun Pina, Sunday und Felicita. Wiederum lieferten wir uns ein Spassrennen und arbeiteten dann noch etwas für uns auf der Bahn, was aber mit den tollen Pferden genauso viel Spass machte. Ich bewegte an diesem Morgen noch Gray, Crack und Indiana, während Quinn Chiccory und Fly, Oliver Paint und Empire und Lily Blüte und Cantastor übernahmen. Besonders bei Crack musste ich wieder mit den Tränen kämpfen, denn ich hatte sie damals von Jack zum Geburtstag geschenkt bekommen und mich so sehr über sie gefreut. Die Erinnerungen kamen wieder in mir hoch und ich musste daran denken, wie ich ihn so voller liebe umarmt hatte. Und doch war ich zuletzt wütend auf ihn und habe ihn mit eben diesem Gefühl angesehen… Dieser Gedanke schmerzte am meisten von allen. Als ich Diana versorgt hatte bemerkte ich ein grummeln und stellte fest, dass ich durch das ganze Arbeiten doch noch Hunger bekommen hatte. Aber alleine zu kochen würde bestimmt schrecklich werden. Ich schlenderte lustlos in Richtung Haus und bemerkte nicht, wie Lisa sich von hinten anschlich. Sie tippte mir auf die Schulter und rief laut „Buh!“, während Quinn und Ajith, die sich an die kühle Wand des Hauptstalls gelehnt hatten die Augen rollten. Ich vergab Lisa diese Taktlosigkeit angesichts meiner Trauer und sah sie bloss fragend an. „Ich… äehm… Ich meine Quinn, Ajith, Lily und ich wollten dich fragen, ob du vielleicht mit uns in die Stadt kommen willst. Wir dachten, wir gehen Jonas im Krankenhaus besuchen und essen unterwegs zu Mittag…“ Mein Herz machte einen Hüpfer. Jonas! Er lebt ja noch… Beschämt, dass ich meinen treuen Freund in der Not ganz vergessen hatte, willigte ich rasch ein und folgte den Pflegern auf den Parkplatz. Wir fuhren mit Lilys kleinem Toyota, in den wir uns allerdings ziemlich reinquetschen mussten. Wir bestellten wie geplant auf dem Weg zum Hospital ein Falafel für mich und sonstigen Schnellimbiss-Kram für die anderen. Als ich den langen Gang zu Jonas‘ Zimmer entlanglief, wurde mir etwas schwindelig. Wie hatte ich nur nicht an ihn denken können? Immerhin war er genauso wie Jack in Lebensgefahr gewesen und hätte genauso gut auch tot sein können! Langsam öffnete ich die Tür und trat ein. Es war vollkommen Still in dem hellen Raum. Die anderen Patienten schienen zu schlafen und auch Jonas hatte die Augen geschlossen. Die Pfleger folgten mir leise und schlossen die Tür hinter sich. Vorsichtig kniete ich mich neben sein Bett und betrachtete die üblen Verbrennungen, die sich über seine Oberarme zogen. Wie durch ein Wunder war das Gesicht beinahe unversehrt geblieben. Er muss es rechtzeitig mit den armen geschützt haben, überlegte ich und begann, seine Nase zu kitzeln. Seine Augenlieder zuckten, dann musste er niesen und wachte auf. „Occu… und ihr! Ich bin so froh, dass ihr gekommen seid.“ Ich lächelte verlegen, immerhin wäre ich ohne die anderen nicht hier. Zögernd fragte ich: „Wie fühlst du dich?“ „Den Umständen entsprechend, aber eigentlich nicht allzu schlecht. Bloss mein Rücken tut ziemlich weh. Aber die Ärzte meinten, es sei nichts ernstes, bloss eine Prellung. Wie geht es Jack?“ Ich zuckte zusammen und sah betreten zu Boden. Er weiss es also noch nicht… Quinn fasste Mut und antwortete leise auf die Frage. „Er hat nicht überlebt…“ Ich beobachtete, wie sich seine Pupillen weiteten und er den Mund öffnete, um etwas zu sagen, ihn dann aber ohne einen Mucks wieder schloss und ins Leere starrte. „Tot? D das ist schrecklich. Es tut mir so leid Occulta…“ Ich nickte nur und biss mir auf die Oberlippe, um die Fassung nicht wieder zu verlieren. Ich war froh, als er das Thema wechselte. „Wie geht es den Pferden? Haben sie sich sehr erschreckt als das Flugzeug abstürzte?“ „Nein, ich denke nicht. Heute Morgen liefen die Vollblüter im Training jedenfalls top“, antwortete ich. Er nickte mit einem Lächeln und ich fragte ihn, was denn so amüsant sei. „Ich finde es faszinierend, wie glücklich du wieder wirkst, sobald wir über Pferde reden.“ Nun lächelte ich ebenfalls und stupste ihn zur Strafe in die Seite, worauf er sofort aufschrie. „Au au, pass doch auf!“ „tut mir leid, ich hab gar nicht…“, stammelte ich erschrocken, doch schon grinste er mich wieder breit an und ich erriet, dass er nur mit mir gespielt hatte. Böse sein konnte ich ihm allerdings nicht. Wir plauderten noch etwas, dann machten die Pfleger und ich uns auf den Rückweg zum Stall. Er sah uns gequält hinterher, als wir einer nach dem anderen zur Tür hinausgingen, besonders mir, so kam es mir jedenfalls vor.
      Zuhause half ich Quinn, die mit dem Einreiten von Sumerian und Frame weitermachte. Die beiden waren noch ganz am Anfang ihrer Ausbildung, machten sich aber alles andere als schlecht. Fröhlich beobachtete ich die Fortschritte von Frame, der Monate zuvor noch so erbärmlich ausgesehen hatte, mit all seinen Wunden und Schrammen. Nun ging er nicht mehr lahm und nur eine Narbe zierte den Hals dort, wo der Pfosten einst ein so grosses Loch hinterlassen hatte. Meine Tierärztin hatte hervorragende Arbeit geleistet. Gegen Abend kam dann noch eine Überraschung auf dem Hof an. Ein Transporter fuhr auf den Parkplatz, beladen mit zwei neuen Vollblütern. Als ich mich fragend an den Fahrer wandte erfuhr ich, dass die beiden von Eddy stammten und Jack sie wenige Wochen zuvor abgekauft hatte, da Eddy ihren Bestand etwas reduzieren wollte. Auch ein Fohlen würde in den nächsten Tagen noch ankommen. Ich ignorierte das Stechen, das sich bei Jacks Namen wieder bemerkbar machen wollte und bewunderte den Hengst, Muskat. Er war bereits gekört und würde sicherlich ein wunderbarer Zuchthengst werden. Die Stute, Cassiopeia, hatte ich auch schon ein paarmal an Rennen gesehen, sie war Jack damals besonders aufgefallen. Ich führte beide in den Hauptstall und half anschliessend den Pflegern beim Füttern. Um halb zehn lief ich endlich müde zum Haus, zögerte aber davor und wandte mich stattdessen im halbdunkeln dem Hof zu. Es kehrte Ruhe ein auf Pineforest Stable, nach all der Aufregung schienen sogar die Pferde erledigt. Die Gebäude lagen still im Zirpen der Insekten da und erste Sterne tauchten am Himmel auf. Ich erinnerte mich daran, wie ich einmal mit Jonas im Gras hinter dem Dressurviereck gelegen und an den dunklen Tannen vorbei die Sternbilder betrachtet hatte. Augenblicklich breitete sich eine Art entspannende Wärme in mir aus und zum ersten Mal am heutigen Tage war ich wirklich glücklich. Glücklich hier zu sein, glücklich, dass Jonas lebte und glücklich, dass noch so viel vor mir lag. Ich murmelte sanft, an die Sterne gewandt: „Auf wiedersehen Jack.“ Dann drehte ich mich um und verschwand im Haus.
      9 Aug. 2014
    • Occulta
      Old and New Fellows

      Caruso quietschte aufgeregt, als Ocean an ihm schnupperte. Dream liess alles gelassen geschehen, sie wusste, dass Ocean ihrem Sohn nichts antun würde. Die beiden waren das erste mal seit Carusos Geburt wieder draussen und er lernte gerade seine ‚Tante‘ kennen. Gespannt beobachtete ich die Szene vom Zaun aus und betrachtete liebevoll die langen Ohren des Fohlens. Obwohl der kleine Hengst erst wenige Tage alt war, verhielt er sich doch schon frech und wild. Dauernd versuchte er, seine Mutter zum Spielen zu bewegen. Und tatsächlich war es ihm bereits vorhin einmal gelungen, die weisse Stute zu einem raschen Galopp über die Weide anzutreiben. Dream schien sich in ihrer Rolle als Mutter wohl zu fühlen, denn sie umsorgte den kleinen liebevoll. Ocean hatte die Nüstern in das weiche Fohlenfell an der Schulter gedrückt und begann nach einigen Augenblicken des Ausharrens, Caruso zu kraulen. Ich lächelte zufrieden und sah meine Anwesenheit als überflüssig an, weshalb ich mich auf den Weg zum Hauptstall machte, um dort nach dem Rechten zu sehen. Am Nachmittag würden ganze drei neue Fohlen ankommen, davon zwei vom selben Züchter. Ich hatte sie sorgsam ausgesucht und war sogar mehrfach herumgereist, um sie mir live anzusehen. Doch sie würden erst um vier Uhr ankommen, daher hatte ich noch etwas Zeit für Frame, der mir aus seiner Box entgegenröchelte. Der Hengst hatte seine starke Bindung zu mir weiter aufgebaut, offenbar erinnerte er sich daran, dass Eowin und ich ihn gerettet hatten. Sie war letztens hier gewesen, um Noir für die Körung zu untersuchen. Ich betrat die Box und kraulte den Schecken liebevoll hinter dem linken Ohr. Was für ein erbärmliches Fellbündel er doch gewesen und was für ein prächtiger Hengst nun aus ihm geworden war. Ich war mittlerweile schon zweimal auf ihm gesessen und es war beide male ein unglaublich tolles Gefühl gewesen. Frame reagierte schon jetzt so fein auf Hilfen und verliess sich blind auf mich. Und ich mich auf ihn. Ich halfterte ihn und führte ihn nach draussen, um einen Spaziergang zu machen. Jacky lief am Boden schnuppernd neben mir her und Sheela tapste freudig und wild um sie herum. Die beiden kamen prima miteinander aus und Jonas hatte Recht behalten – Jacky war wieder viel aufgeweckter, seit die junge Hündin dazugekommen war. Obwohl Sheela schon jetzt grösser als sie selbst war, erzog Jacky den Welpen bei jeder Gelegenheit. Am Abend lagen sie meist eng zusammengerollt neben mir oder in ihrem Körbchen. Ich hob einen Tannenzweig vom Boden auf und warf ihn Jacky, als wir bei der Galoppbahn waren. Es war kühler geworden und ich hätte schwören können, dass die Isländer bereits dichteres Fell hatten. Wir würden sie schären müssen, wenn es so weiter ging.
      Ich fühlte plötzlich das Verlangen, einfach Frames Seil zu lösen um das Vertrauen des Hengstes zu prüfen. Also hängte ich den Strick aus und lief weiter, als sei nichts gewesen. Frame spitzte etwas die Ohren und drehte, in seiner neu erlangten Freiheit, den Kopf zu Seite, um die Landschaft genauer zu betrachten. Er blieb jedoch neben mir und trabte hinterher, als ich mit Jacky losrannte. Sheela hielt sich auf der rechten Seite, denn sie war bereits einmal fast von einem Pferd getreten worden und nun vorsichtiger. Jacky wusste sowieso Bescheid, was den Umgang mit Pferden anging. Als ich ausser Atem war, hielt ich abrupt an, woraufhin auch Frame sofort stoppte. Ich entschied lächelnd, dass ich wohl zukünftig kein Seil mehr brauchen würde. Irgendwie gab mir sein eisiges Auge als er an mir vorbei zu den Weiden starrte das Gefühl, dass er bei mir bleiben würde, komme was wolle. Ich kraulte sanft seine Schulter und bog auf den Schnitzelweg zu den Weiden. Bei den Minis machte ich halt, damit Frame sie beschnuppern konnte. Rosie kam mir entgegen und lachte als sie sah, wie mir Frame beim Laufen von hinten die Haare zerzauste. Er wollte mit mir spielen. Ich hüpfte showmässig zur Seite auf den breiten Grasstreifen neben dem Weg und wich ihm immer wieder aus, rannte ein wenig, bis er mir den Weg abschnitt. Immer wieder stiess er sich kraftvoll vom Boden ab und machte einige Bocksprünge aus purer Lebensfreude. Bei dem Spektakel vergass ich alles andere und war einfach nur wunschlos glücklich, wie ich es schon lange nicht mehr gewesen war. Rosie machte ein kleines Filmchen mit ihrem Handy und zeigte es mir, als ich keuchend mit Frame im Schlepptau angerannt kam. Der Hengst stoppte kurz vor Rosie und verkroch sich misstrauisch hinter meinem Rücken. Ich rollte die Augen und wir lachten beide, denn dieses Verhalten war üblich für den sensiblen Schecken. Ich sah auf die Uhr und stellte erschrocken fest, dass es bereits fünf nach vier war. Rasch lief ich in Richtung Parkplatz, wobei mir Rosie noch etwas Unverständliches nachrief. Erst, als vor dem Transporter Halt machte, der bereits dort stand, fiel mir ein, dass Frame immer noch hinter mir stand. Da er brav gefolgt war und sich nun unsicher nach einem Grasflecken am Rand des Parkplatzes umdrehte, liess ich ihn vorerst in Ruhe. Er versicherte sich mit einem Blick, ob ich auch nicht weglief und senkte dann entspannt den Kopf. Ich widmete mich dem Transporter und dessen Inhalt, der bereits unruhig zappelte. Hans, der freundliche Pferde-Chauffeur half mir beim Öffnen der Klappe und teilte mir nochmals seine Trauer und sein Beileid wegen Jack mit, was er besser hätte sein lassen. Ich nickte nur abwesend und konzentrierte mich auf das, was vor mir lag. Frame kam neugierig angelaufen um die drei wunderschönen Geschöpfe im inneren des Transporters zu beschnuppern, die zuvor so schrill gewiehert hatten. Das Fuchsfohlen streckte ihm mutig die Nüstern entgegen und machte kurz darauf unterwürfige Kaubewegungen, wie es sich gehörte. Kaythara die kleine Nachzüglerin von Edfriend starrte aufmerksam zum Hauptstall. Nur die zweite Stute, Riven, blieb in der hinteren Ecke verborgen. Sie war zwar eine Handaufzucht, doch relativ scheu geblieben und mochte keine ungewohnten Situationen. Lewis brachte gerade rechtzeitig die Halfter, die ich natürlich auch vergessen hatte, und übernahm Kaythara. Ich schnappte mir Simba und Hans nahm kurzerhand Riven. Er lud die Stute sanft ein, ihm zu folgen, woraufhin sie zögerlich die Rampe runterkletterte. Simba folgte mir relativ zügig und schubste mich ein wenig zur Seite, weshalb ich ihm einen Klaps auf die Schulter gab. Ich staunte, wie weich sein Fell war und wie golden es in der Nachmittagssonne glänzte. Ich habe die richtige Wahl getroffen
      Frame trottete brav wie ein Lamm neben mir her, während ich Simba gemeinsam mit den anderen zu den Fohlenweiden führte. Riven und Kaythara wurden sofort von den anderen Stütchen begrüsst und umringt, besonders Ciela interessierte sich für die Neuankömmlinge. Pointless hingegen blieb hinter Penny auf Abstand und beobachtete uns nur mässig interessiert. Sweets, Liquor und Bluebell wurden fast schon etwas zu aufdringlich für Kaythara, doch zu unserer Überraschung schien sich die schüchterne Riven von Anfang an bei ihnen sicher aufgehoben zu fühlen. Ich hatte Simba inzwischen auf die Weide nebenan geführt und abgehalftert. Er flüchtete nun vor Mano, der ihn spielerisch jagen wollte. Simba verstand dies anscheinend jedoch nicht als Spiel, sondern nahm sein Verhalten ernst. Auch nach zwanzig Minuten war es nicht besser geworden; immer wenn Simba anzuhalten versuchte, wurde er sofort weitergetrieben. Alysheba kam nun ebenfalls hinzu, weshalb ich eingriff und Simba vorerst wieder einfing. Ich dachte angestrengt nach, was ich nun zu tun hatte. Ihn alleine in eine Box stellen? Auf keinen Fall. Ich muss es morgen nochmal versuchen, bis dahin stelle ich den kleinen neben Blüte und Merino. Gedacht getan, ich brachte Campina in ihre alte Box zurück und stellte Simba in die leere neben Blüte, die vor einiger Zeit Coulee gehört hatte. Ausserdem brachte ich bei Gelegenheit auch gleich Frame zurück in seine Box, er hatte genug Freilauf gehabt für heute. Merino streckte neugierig die weichen Babynüstern durch die Gitterstäbe und knabberte mit den Zähnen am Metallrand, bis Simba ihm Beachtung schenkte. Die beiden schnüffelten kurz durch die Stäbe, dann kreiste Simba weiter in der Box herum. Er beruhigte sich aber rasch, offenbar würde die Nacht nicht allzu schlimm für ihn werden. Merino blieb noch immer am Gitter und beobachtete den hellen Fuchs. Seit wir seine Zwillingsschwester an Sarah Kyren verschenkt hatten, war er wohl etwas einsam gewesen. Zum Glück durfte er in wenigen Monaten zu den anderen Fohlen. Wir hatten die kleine Primo Viktoria von ihm und Blüte trennen müssen, da sie bei der Geburt zu schwach gewesen war. Sie wurde mit der Flasche aufgepäppelt, doch da dies sehr aufwendig war, übergab ich sie Sarah, die die nötige Zeit für die Kleine aufbringen konnte.
      Erleichtert verliess ich den Hauptstall, um nochmals nach den Stütchen zu sehen. Kaythara und Riven waren zwar noch etwas abseits, grasten aber einigermassen entspannt. Zufrieden klopfte ich mir auf den Schoss, um Jacky anzulocken und mit ihr ein wenig Ball zu spielen. Auch Sheela kam freudig angerannt und hopste durch das Gras.
      26 Aug. 2014
    • Occulta
      Nachts fürchten die Mäuse den Jäger...

      Ich wachte nach einer unruhigen, mehr oder minder schlaflosen Nacht früh auf und begab mich zum Kühlschrank. Während ich nach einem geeigneten Joghurt kramte, plante ich den Morgen. Es würde alles etwas durcheinandergeraten nach meinem 'announcement', da war ich mir sicher. Doch verängstigte Mitarbeiter zu beruhigen war immer noch angenehmer, als Leichen zu entsorgen. Wenn es denn so weit käme... Vielleicht halste ich mir auch nur zu viele Sorgen auf. Als ich fertig gelöffelt hatte, schmiss ich das leere Gefäss in den Müll und öffnete mit wetterfesten Kleidern die Tür. Es Regnete und war neblig - was konnte es an so einem Morgen sonst sein. Ich seufzte kaum hörbar, aber reichlich genervt und machte mich auf zum Hauptstall. Es war noch finster und die Pferde dösten vor sich hin, als ich vorsichtig das Tor aufschob und eintrat. Winter, in einer der beiden vordersten Boxen, lag mit eingeklappten Beinen im Stroh und sah auf, sobald ich mich näherte. Er blieb jedoch liegen, als ich die Box öffnete und auf ihn zuschritt. Er röchelte sogar leise, und ich kniete neben ihn, um ihn zu kraulen. Es war unheimlich beruhigend, seine dunklen, verschlafenen Augen zu begutachten und seine Lippen entzückt zittern zu sehen. Nach einer Weile öffnete sich das Tor erneut; Quinn und Ajith tauchen in der Öffnung auf. Einen Moment sahen sie sich verwirrt um, dann hörten sie meine Stimme und kamen zur Box. "I woke up earlier. You weren't expecting murderer inside here, were you?" Ajith zeigte sich bestürzt. "What?? No, why?" "Because there's a murderer spraying around in our forests." "No way! And what are we going to do?" Ich schwieg einen Moment. "We inform the others as soon as possible, but then we go on as normally and hope thqt the policemen do their work." Die beiden nickten und ich stand auf, um den besorgten Gesichtern ebenbürtig zu sein. Ich klopfte Winter zum Abschied auf den Hals und verliess seine Box. Wir holten die Schubkarre und füllten sie mit Heu, während nach und nach auch die anderen Pfleger auftauchten. Bald war der Stall erfüllt von munterem Geplapper und dem Scharren und Schnauben der Pferde. Dann hielt ich meine kleine Rede. Und schon war die fröhliche Stimmung ersetzt durch sorgenvolles Schweigen. Keine lustig pfeifenden, witzelnden Pfleger mehr, nur stille Arbeiter. Ich beschloss neutral zu bleiben und lief zu Paints Box - es war Zeit fürs morgendliche Training. Oliver hatte die Pferde ihren Reitern schon am Vorabend zugeteilt, es änderte sich aber kaum etwas im Vergleich zum Wochenplan. Die schwarze Stute begrüsste mich mit ihrer weichen, rosa Schnauze. Ich streichelte das samtige Fell an ihrem Hals und kraulte sie liebevoll hinter dem Ohr, bevor ich ihr das Halfter überzog. Anschliessend band ich sie in der Stallgasse an. Ich öffnete die Schnallen ihrer Fleece Decke und zog sie nach hinten, liess sie jedoch halb auf der Kruppe liegen, denn die Stute war geschoren und um halb sechs war es bekanntlich noch ziemlich frisch, draussen und in der Stallgasse. Ich bürstete das kurze, stoppelige Fell gründlich und entwirrte ihren Schweif. Dann sah ich mir die Hufe an, prüfte ob die Eisen noch hielten und entfernte den Schmutz der Nacht. Weiter vorne in der Gasse richtete Oliver Blüte her, Iskierka wurde gegenüber von mir von Ajith betreut. Auch Gray, Cold, Mikke, Sumerian, Campina, Felicita, Indiana und Cassy wurden geputzt, heute Morgen trainierten wir nämlich alle Stuten zuerst. Diana sah mit ihrem neuen Zaumzeug extrem schick aus. Die Stute nahm zwar aufgrund ihres Alters nicht mehr an grossen Rennen Teil, diente den jüngeren Vollblütern aber als Vorbild und wurde in erster Linie mittrainiert, um sie für's Military fit zu halten. Als alle fertig waren und ihre Pferde nach draussen zum Aufsteigen führten, löste auch ich den Strick von Paint und ging mit der Stute ins Freie. Vor uns hob und senkte sich das muskulöse Hinterteil von Cassy. Ich beobachtete entzückt, wie ihr seidiger, weisser Schweif im Takt dazu Tanzte. Ich war unheimlich froh, die Stute übernommen zu haben, denn sie musterte sich mehr und mehr zu einem talentierten Galopper. Bei ihrer Abstammung war das ja auch kein Wunder. Ich zog den Reissverschluss meiner Fleecejacke höher, trotzdem zitterte ich noch vor Kälte. Bald nicht mehr, dachte ich schmunzelnd. Auch Paint war zappelig, sie kreiste um mich als ich mich in die Reihe stellte um von Oliver auf's Pferd geschmissen zu werden. Mit den kurzen Steigbügeln war es schwer, ohne Hilfe hochzukommen und der kleine Hocker, der bis anhin diese Hilfe geleistet hatte, hatte vor drei Tagen den Geist aufgegeben, sehr zum Pech von Quinn, die danach erschrocken halb am Pferd hing. Ich massregelte Paint und hielt sie einigermassen ruhig, bis ich endlich oben war, dann liess ich sie zügig den anderen zur Galoppbahn folgen. Wir ritten im Gänsemarsch eine Runde schritt, dann trabte die ganze Reihe auf Kommando an. Paint ging schwungvoll und locker, trotz der Temperaturen, aber Grey vor mir zog den Schweif ein wenig ein. Nach einer weiteren Runde wurde es besser. Wir wechselten die Seite und galoppierten schliesslich nach ein wenig linksseitigem Trab an. Nach einem Umlauf verliessen wir die Bahn über den sauber gewischten Kiesweg und ritten zu den Startboxen. Natürlich hatten nur acht Pferde in den acht Boxen Platz, weshalb wir zwei Gruppen bildeten. Per Handzeichen wurde bestimmt, dass Caprice, Felicita, Blüte, Iskierka und Paint zur ersten Gruppe zählten. Ich entschied mich für die dritte Box und trieb Paint hinein, doch sie ging sowieso freiwillig da sie wusste, dass sie gleich rennen durfte. Ich spannte die Zügel, hielt sie kurz, nahm die Startposition ein, um beim Absprung nicht aus dem Gleichgewicht zu kommen. Endlich waren alle drin und Ajith, der als "Bodenpersonal" dabei war, rief uns die Kommandos zum fertig machen zu. Dann sprangen die Türen auf und Paint beförderte uns kraftvoll von Anfang an an die Spitze. Ich hielt mich ein wenig an der Mähne der grossen, schwarzen Stute und war froh um meine Schutzbrille, denn die Morgenluft schlug mir eisig ins Gesicht. Ich wagte beim 500-Meter-Pfosten einen Blick über die Schulter und sah, dass Blüte aufholte. Ich liess sie passieren, denn ich wollte Paints Energie für den geplanten Kopf-an-Kopf Schluss sparen. Auch Felicita kam neben uns und hielt diese Position bis zum 1000m-Pfosten. Nun ging es nochmals in die Kurve, danach folgte die Zielgerade. Alle Pferde schlossen zueinander auf und Blüte und Felicita teilten sich die Spitze. Ich gab Paint etwas Zügel frei, sodass wir auch vorne mitmischen konnten. Kierka hängte sich links an Paints Flanke, nur Capri blieb verschollen. Ich drehte mich nochmals kurz und sah die Fuchsstute in einer Pferdelänge Abstand folgen, Tendenz steigend. Die Stute war noch immer nicht wieder 100%ig fit, da erstaunte dieses Schwächeln auf der Bahn nicht. Ich gab Paint nochmals etwas Zügel frei, sodass sie sich streckte und wir mit einer Nasenlänge gewannen. Ich tätschelte ihren Hals, während ich mich aufrichtete und sie auslaufen liess. Als sie in den Trab, und schliesslich in den Schritt fielen, sammelten sich die Pferde und Reiter wieder und ritten gemeinsam zurück zur Startmaschine. Oliver kam auf Aerith angetrabt. Die Stute wurde mittlerweile als Trackpony ausgebildet und eingesetzt, neben den Westernturnieren, die sie regelmässig lief. Oliver wollte später mit Iskierka und Campina das vom-Pony-aus-geführt-werden trainieren. Doch zunächst war die zweite Gruppe auf der Bahn. Ich reihte Paint und mich neben Caprice ein und wir beobachteten das Schauspiel vom Bahnrand aus. Die Türen flogen auf und alle sechs Pferde schossen aus dem Metallgeflecht hervor. Indiana teilte sich sogleich die Spitze mit Gray. Die erfahrene Stute hatte Tendenzen zum Sprinter, Gray jedoch war ganz klar Steher und sollte am Anfang eher im Mittelfeld bleiben, da sie zu wenig ausdauernd war, um das Tempo durchgehend zu halten. Oliver rief die Anweisung, die mir auf der Zunge lag: David solle sie doch endlich zurücknehmen. Unser Trainer hatte wie immer ein Auge für Feinheiten und war unterdessen zu uns getrabt, um diese Details zu besprechen. "Occu, let her go at approximately 900 meters next time. She is old enough to start early." Ich nickte als Zeichen der Kenntnisnahme und kraulte Paint stolz am Widerrist. In der Bemerkung war nämlich ein verstecktes Lob für ihre raschen Fortschritte gewesen. Campina hatte mittlerweile Gray an der zweiten Position abgelöst und Cassy folgte dicht neben der dunkelgrauen Stute. Zu dicht. "Stay away from Gray, or do you want to trap over her legs!", schrie Oliver in gereiztem Tonfall über die Bahn zu Darren. "I told him last time already, but je won't change a bit until the horse has a broken leg!", meinte er an uns gewandt. Ich schwieg und verfolgte das Training. Der 1000m-Pfosten war passiert, nun wurde es erst richtig heiss. Indiana wurde von Cassy überholt, Sumerian tauchte aus dem Nichts auf und zog an Gray vorbei, Crack schob sich vor Campina. Sumerian konnte das Tempo mangels Ausdauer allerdings nicht lange halten und fiel rasch wieder zurück. Indiana entwickelte zwar guten Schub, konnte mit den leichten Jünglingen jedoch nur schwer mithalten. Gray lieferte sich auf den folgenden Metern einen spannenden Kampf mit Crack, die schliesslich richtig zulegte und sich sogar vor Cassy schob, allerdings nicht lange. Die Palominostute mit den grossen Abzeichen verteidigte die Spitze bis zum Schluss. Wir jubelten den heftig atmenden Körpern von Reiter und Pferden über die Bahn zu, ehe wir selbst auf die Bahn zurückkehrten um ein paar fliegende Starts zu üben. Der Nebel hing immer noch erdrückend über unseren Köpfen, doch immerhin hatte es aufgehört zu regnen. Paint lief etwas zögerlich, vielleicht war sie noch erschöpft vom Rennen. Meine Sorge stieg jedoch, als sie auch nach vier Starts noch nicht gut wegkam. Normalerweise hatte sie mit dem Starten kaum Probleme. Ich rief Oliver, damit er sie sich ansah und tatsächlich: nach einer kurzen Demonstration schüttelte er den Kopf und winkte uns zu sich. "I think there's something wrong with her right foreleg. I'll call the vet." Solche Nachrichten waren in einem Rennstall sehr ungern gesehen, ich hoffte aber natürlich das Beste. Ich liess mich hinuntergleiten und führte die Stute, sorgsam beobachtend, in den Hauptstall zurück. Dort versorgte ich sie mit allem was sie brauchte, schmierte etwas Kühl Gel auf das betroffene Bein und zog ihr die blaue Fleece-Decke an. "Good girl, you'll be back in few days, I'm sure", flüsterte ich, etwas bedrückt. Ich schloss die Boxentür und holte Sheela und Jacky aus dem Haus. Auch die anderen Jockeys waren mittlerweile fertig und versorgten ihre Pferde, ehe sie sich versammelten, um die Hengste aufzuteilen. Ich wählte Sunday, denn ich hatte ihn die ganze letzte Woche Quinn überlassen. Nun wollte ich die Feinheit und Kraft des Hengstes selbst wieder geniessen. Wir trainierten wie zuvor, doch nach den Übungsrennen wurden Gruppen gebildet, um das Abteilungsreiten zu fördern. Die Pferde mussten bei ihrer Gruppe bleiben, selbst im rasenden Galopp. Sie mussten geduldig sein und auf die Hilfen ihres Reiters hören. Ich hängte mich an die Gruppe mit Stromer, Muskat, Winter und Chiccory. Die andere Gruppe bestand aus Fly, Light, Cantastor, Spot und Empire. Was für ein Gefühl das ist, mit fünf bebenden Hochleistungssportlern in einer Reihe über die Bahn zu jagen! Besonders wenn ein Pferd wie mein Sunday so fein mitmacht. Ich beobachtete ausserdem die anderen Pferde mit scharfem Auge, sodass ich mir fast wie Oliver vorkam. Frame war noch immer nicht beim Training dabei. Er war zwar schon mehrfach auf dem Platz kurz von mir geritten worden, doch ich wollte zuerst sicherstellen, dass er gut ausgebildet war und nicht überfordert wurde, ehe ich ihn mit zum Konditionstraining nehmen würde. Auch Oliver hatte mir dabei zugestimmt. Ich musste lachen, als Chiccory sich nach dem letzten Galopp schüttelte, als hätte er Fliegen in den Ohren. Dabei hatte Lisa ihm nur kurz ein Strohstück vom Ohr wischen wollen.

      Nachdem auch diese Trainingseinheit zu Ende war, gab es erst einmal eine Kaffee Pause. Selbstverständlich erst, als die wertvollen Tiere zufrieden in ihrer Box raschelten. Ich hatte Sundays Hufe eingefettet, damit sie nicht brüchig wurden. Dies war eines unserer Rituale, wie das tägliche Bürsten und das Abduschen nach harter Arbeit. Die Stimmung in der Sattelkammer liess nicht den geringsten Zweifel an der Sorglosigkeit der Pfleger zu, sie waren gute Schauspieler. Sie mussten immerhin regelmässig vor Publikum so tun, als ob alles im Griff sei. Schwäche zeigen wollte auf der Rennbahn keiner, es ging den meisten nicht nur um Geld, sondern auch um die Ehre. Die Pferde funkelnd, das Sattelzeug gepflegt und wie neu. Und ein nahtloser Ablauf, ohne sichtbare Kommandos oder Anweisungen. Jeder wusste, was zu tun war. So auch heute, zuhause. Keiner verlor ein Wort über meine Ansprache vor dem Training, alle lächelten. Ich kam mir seltsam verloren vor, in dieser Maskierten Welt. Wem konnte man trauen, wenn das Leben das reinste Gaukelspiel war? Plötzlich ertönte ein lauter Knall, augenblicklich flutete eine erschrockene Stille den Raum. Ein Jäger? Ein Knallen eines Motors? Ich malte mir einige Szenarien aus, während ich mit Ajith und Lewis nach draussen hastete. Stille - wie im Raum zuvor. Dann ein zweiter Schuss, Hilfeschreie. "What the - " Ich stürzte um die Ecke und erblickte unseren Nachbaren, einen sonst so friedvollen, älteren Herren, mit seinem Jagdgewehr in der Hand. Er gestikulierte wild umher und deutete auf einen parkierten Ford, hinter dem jemand kauerte. Lewis und Ajith umstellten den Wagen und packten die Person, ich beruhigte den Bauern. "It is him, he is it! The murderer! I know it!" Der verängstigte junge Bursche stotterte einige unbedeutende Worte, ehe seine Stimme versiegte. Nie und nimmer ist er ein Mörder. Wir klärten das Ganze auf dem Parkplatz, und schon nach einigen Sätzen wusste ich, was tatsächlich vorgefallen war. Der Junge hatte am Morgen wie gewohnt die Arbeit auf dem Lehrbetrieb aufnehmen wollen, doch das Tor war noch verschlossen gewesen, vermutlich als Vorsichtsmassnahme gegen Killer. Daraufhin hatte sich der Junge als Kletterkünstler erwiesen, denn er war kurzerhand auf den Baum neben dem Bauernhaus geklettert, um über den Zaun zu kommen. Der Bauer hatte kaum das raschelnde Laub, die kräftigen Arme und die dunkle Hose des Burschen erblickt, als er schon zur Flinte griff und hinausstürmte. Der Junge, erschrocken über die Reaktion des Bauern, empfand es als klüger, das Weite zu suchen. Dadurch sah sich wiederum der Bauer bestätigt in seiner Annahme und nahm die Verfolgung auf. Ich schüttelte lachend den Kopf, als die Story geklärt war. Die beiden gaben sich noch immer misstrauisch die Hand zur Versöhnung, dann kehrten sie nach einem Beruhigungstee zurück auf ihr Land. Lewis, Ajith und ich sahen uns vor Erleichterung grinsend an. Doch in meinem Kopf sortierte ich die wilden Gedanken der Sorge. Wenn nun schon unser Nachbar so durchdrehte, wie konnten wir dann entspannt hier warten und uns in Sicherheit wägen?
      Alle hatten die Arbeit wieder aufgenommen, einer lag ruhig im Stroh. Lisas Schreie liefen mir kalt den Rücken hinunter. Ich raste mit Jonas zum Schauplatz und bemerkte, wie es ihm fast den Magen umkehrte. Vor uns lag der Elektriker, mit einem verheissungsvollen roten Flecken auf der Brust und im friedlichen, ewigen Schlaf. Ich habe schon schlimmeres gesehen, zum Beispiel zerstückelte Ehemänner, dachte ich bitter. Jonas betreute Lisa, während ich die Polizei rief. Jetzt musste alles schnell gehen - vielleicht waren Spuren auf der Leiche. Etliche Stunden später war klar; der Täter war kein Amateur. Er hatte nicht den geringsten Tipp hinterlassen. Sie jagen ein Phantom, welches uns alle jagt...

      Ich biss mir auf der Unterlippe herum, während ich den Stall der Ministuten ausmistete. Ständig horchte ich auf, in der Erwartung, einen weiteren Schrei zu hören. Doch es blieb still. Totenstill. Nicht einmal die Pferde waren in der Lage, diese erdrückende Stille zu durchbrechen. Sie schnaubten lediglich hin und wieder leise. Als ich mit den Minis fertig war, befasste ich mich mit den dreijährigen Ponys. Sie waren mittlerweile alt genug um eingeritten zu werden. Zwar standen alle drei noch auf der Fohlenweide, doch wir hatten bereits mit Longentraining und Sattelgewöhnung begonnen. Obwohl alle drei etwa gleichzeitig mit dem Training begonnen hatten, waren erhebliche Unterschiede zu erkennen. Lychee machte fast täglich grosse Fortschritte und arbeitete eifrig mit, manchmal fast zu eifrig. Sweets hingegen war etwas zurückhaltender und brauchte länger, um den Gurt zu akzeptieren. Bluebell war unkompliziert und lernfreudig, mochte es aber überhaupt nicht, angebunden zu werden. Ich fasste eines der schwarzen Standardhalfter und streifte es Sweets über die kurzen Ohren. Sie kam brav mit, als ich mit ihr die Strecke zur Halle lief, bloss hin und wieder drehte sie den Kopf und wieherte. Ein Wohlklang in der Einsamkeit an diesem Nachmittag - dachte ich schmunzelnd. Ich schritt zügig voran und schob das Hallentor auf. Drinnen wärmte Rosie gerade Ocean auf, wie vereinbart. Auch Jockeys mussten ab und zu ein wenig Dressur reiten, um nicht aus der Übung zu kommen, und so konnte ich auch gleich die erfahrene Stute als Lehrmeister für Sweets einsetzen. Kaum erblickte sie Ocean, da wurde Sweets auch schon deutlich ruhiger und konzentrierter. Ich hängte zunächst die Longe ein und liess sie im Schritt um mich herum gehen. Sie tat dies nun zum vierten Mal und wusste bereits, dass sie auf der Kreisbahn bleiben musste. Nur die Biegung konnte noch verbessert werden. Nach vier Runden rief ich deutlich "Trot" und machte etwas Druck mit der Longiergerte, sodass sie beides verknüpfen konnte. Die junge Stute lief schwungvoll - sehr schwungvoll, ich musste sie in ihrem Eifer bremsen. Beim angaloppieren kamen dann die berüchtigten Freudensprünge, doch ich hatte damit gerechnet und vorsorglich Handschuhe angezogen. Nun war es an der Zeit, den Gurt und den Sattel zu holen. Sie wirkte auf den Longiergurt wie zuvor skeptisch, blieb aber still stehen und liess mich ohne zu zicken anziehen. Ich lobte sie einige Male, während ich den Gurt löste und wieder anzog. Als ich das Gefühl hatte, dass sie entspannter sei, holte ich den Sattel und den richtigen Gurt. Ohne zu zögern schwang ich ihn auf Sweets' Rücken und zog den Gurt an, ehe ich ihn wieder löste und das ganze Spiel wiederholte. Später ging ich einen Schritt weiter und longierte sie mit Sattel. Zum Schluss führte ich Sweets noch ein wenig durch die Halle und machte Gehorsamkeitstraining. Danach brachte ich sie in den Nebenstall, wo bereits drei Boxen hergerichtet worden waren. Ja, es war Zeit die Terrorherrschaft der drei Ponys über die anderen Fohlen zu beenden. Sweets zögerte etwas, als ich sie in die hinterste Box führte, sie schien zu ahnen, dass ihr leichtes, sorgloses Dasein auf der grünen Wiese vorbei war. Doch sie wird bald herausfinden, dass es gegen ein anstrengendes, aber spannendes Leben eingetauscht wird, dachte ich schmunzelnd und stellte mir einen herrlichen Wintergalopp mit Sweets vor. Ich liess die kleine Stute in der Box zurück, was ihr so gar nicht passte. Sie lief im Kreis und wieherte nach ihren Kollegen. Den frischen Heuhaufen zu ihren Hufen beachtete sie nicht. Aus einiger Entfernung kam eine gedämpfte Antwort, offenbar wurden Lychee und Blue gerade von Jonas und Rosie geholt. Alles verlief reibungslos: auch die beiden wurden in ihre neuen Boxen gebracht. Blue beschnupperte Sweets prüfend durch das Gitter, dann entspannten sich alle sichtlich und Lychee begann zu fressen. Bald senkte sich auch der letzte Kopf dem Heu entgegen und Ruhe kehrte im Nebenstall ein. Jonas nahm mich spielerisch in den Arm, doch ich war nicht in der Stimmung für Flausen; noch immer horchte ich ständig nach Ungewohntem. Ich kam mir vor wie in einem Krimi. Wir schlenderten zum Hauptstall und ich half beim Wischen.

      Die Dunkelheit schlich sich langsam über den Horizont auf die Britischen Inseln zu und mit ihr die Angst. In der Nacht hatte der Killer bisher gejagt, das war auch überaus vernünftig gewesen. Ich sah zumindest die Logik darin, auch wenn das meine und der Pfleger Situation nicht sonderlich zu bessern vermochte. Ich hatte mich überreden lassen, mit Quinn, Rosie, Lily und Lisa im "Pflegeheim", wie es scherzhaft genannt wurde, zu übernachten. Ich musste zugeben, dass mich der Gedanke an mein einsames, dunkles Zimmer nicht gerade gelockt hatte, doch alles war besser als mit Lisa in einem Raum zu nächtigen - was mir leider viel zu spät klar wurde. Sie plapperte den ganzen Abend mit ihrer schrillen Stimme, als wäre dies eine spassige Pyjamaparty, und spätestens mit ihren etwas taktlosen Horrorszenarien über den Tod des Elektrikers verlor sie den letzten Zuhörer. Ich meinerseits litt bereits an Kopfschmerzen und floh in den Gang hinaus. Im Aufenthaltsraum brannte Licht, Lewis, Darren und Jonas sassen auf den Sofas und unterhielten sich gedämpft. Ich setzte mich wortlos auf den erstbesten Platz der mir einfiel: die Armlehne neben Jonas. Er blickte mich einen Moment geheimnisvoll an, dann wandte er sich wieder den anderen beiden zu. "Do you think they'll catch him soon?" "Nay, he seems to be very clever and of course our dear officers are too lazy, they have not had anything like this since they work here", meinte Lewis. Er fuhr sich gähnend mit den Fingern durch die hellrote Mähne, dann grinste er verheissungsvoll. "I'll go to bed now, or I'll be dead tomorrow." Ich lächelte halbherzig und sah Darren und Jonas an, mit der Erwartung, dass sie ebenfalls aufstehen würden. Doch sie fuhren fort mit dem Gespräch. "They must certainly have found something, or at least they will, 'cause nobody is perfect. He'll make mistakes, like people do" brummte Darren. Jonas konterte: "Jack the Ripper blieb auch verschollen." Darren wollte etwas entgegnen, schloss den Mund jedoch, stumm. Jonas sah mir wieder in die Augen, als wollte er meine Meinung hören. Ich überlegte, dann antwortete ich: "Mir war es egal, wann und wie sie ihn fassen. Solange er einen grossen Bogen um Pineforest Stable machte. Aber das hat er nicht getan, also hoffe ich, dass sie ihn schnappen und er in der Hölle schmort." "Woher weisst du, dass es ein 'er' ist?", wollte Darren wissen. "Ich glaube kaum, dass eine Frau genug Kraft gehabt hätte, um den Elektriker niederzuringen... Abgesehen davon wäre eine Frau geschickter vorgegangen und hätte die Leiche gleich verschwinden lassen." Jonas sah mich gespielt böse an und stupste mir in die Seite, ich musste lachen, da ich schon immer zu den eher Kitzligen gehört hatte. Dann schlang er plötzlich seinen Arm um mich, zog mich von meinem Platz auf seinen Schoss und fasste meine Hand. Ich lachte noch immer, versuchte meine Verwirrung zu verbergen. Darren stand auf und murmelte etwas von wegen "Gute Nacht ihr Turteltäubchen" auf Englisch, ehe er grinsend in einem der Zimmer verschwand. Ich protestierte, in der Hoffnung, dass er es noch hören würde. Mir war bewusst, wonach dieses Szenario aussehen musste, doch ich wusste auch, dass Jonas es nicht ernst meinte (das tat er ja anscheinend nie) und ich wollte keine falschen Gerüchte über uns im Umlauf haben. Besonders Lisa fände solch eine Geschichte bestimmt spannend. Ich schauderte bei dem Gedanken. Jonas wollte mich nun hinlegen, indem er mich hochhob. Ich sperrte mich im ersten Augenblick, doch dann gab ich nach. Mein Herz klopfte, trotz all der Zweifel - ich liess mich fallen. Er legte sich ebenfalls hin, Ende des Spiels war, dass wir beide auf dem Sofa ausgestreckt waren, ich an ihn gekuschelt. Ich hatte mich damit abgefunden, mehr noch; ich begann es zu geniessen. Trotzdem da die übliche Vernunftsstimme in meinem Kopf hallte, "Du weisst, das das nichts ernstes ist". Er fragte leise: "Bequem?" Ich nickte. Ich musste zugeben: es war schon warm und angenehm, wie er den Arm um mich legte. Und das sanfte streicheln seiner Finger über meine Hand jagte mir ein Kribbeln quer durch Körper. Wir lagen dort bestimmt eine halbe Stunde, in der zunächst ich ständig prüfend zur Tür starrte, fest entschlossen bei einer Bewegung sofort aufzuspringen. Ich kann das hier jederzeit beenden, und ich werde ihm auch nicht wieder hinterher trauern. Doch auch nach fünfzehn Minuten war kein Lebenszeichen der Tür zu erkennen, also entspannte ich mich vollends. Und dann war der Spuk auch schon vorbei. Aus einem der vorderen Zimmer rief jemand: "Jonas come here, we want to sleep. If you do not, you have to stay outside!" Er zuckte zusammen und ich stand auf, damit er sich aufrichten konnte. Ein letztes Mal durchwuschelte ich seine dunklen Locken, dann liefen wir gemeinsam zum Gang und trennten uns. Etwas wehmütig war ich schon, denn ich hatte es insgeheim sehr genossen, mit dem Ohr auf seinem Brustkorb dem Herzschlag zu lauschen, oder seinen warmen Atem zu fühlen. Doch ich legte mich in eines der leeren Betten, die anderen schliefen bereits, und leerte meinen Kopf von allen Geschehnissen des Tages, ehe ich in einen kurzen, aber tiefen Schlaf sank.
      3 Dez. 2014
    • Occulta
      Tierarztbericht für Framed in History

      An meinen nächsten Patienten erinnerte ich mich gut: Framed in History.
      Das Pferd, welches mir noch immer dann und wann ans Bett kam, weil er einen so grausamen Unfall gehabt hatte, den ich behandelt hatte.
      „Wie macht er sich?“, fragte ich.
      „Gut so weit. Er wird etwas zahmer und die Verletzungen vom Unfall sind vollständig verheilt.“
      „Das freut mich!“
      Also war meine Hoffnung erfüllt worden und ich musste wegen ihm nicht wieder wegen einer Horror-Nachricht kommen sondern nur wegen einer stink normalen Routinebehandlung.
      Mit ihm ging ich behutsamer um als mit anderen Pferden, redete immer wieder mit ihm und tätschelte das bunte Fell.
      Doch es lohnte sich: Er hielt ziemlich still und auch die Wurmkur nahm er ohne Probleme.
      Aber noch immer glaubte ich, dass er mich – wenn auch nur ein wenig – an mich erinnern konnte. Irgendwie berührte mich das. Wir würden immer eine Verknüpfung haben.

      By Eowin
      8 Jan. 2015
    • Occulta
      Ein schicksalhafter Tag

      Wie gewohnt lief ich morgens um 5 Uhr durch den Hauptstall und hielt vor der weissen Tafel in der Sattelkammer. Auch Lily und April standen bereits dort und suchten ihren Namen. Am Vorabend waren nämlich die neuen Einsatzpläne für den Februar ausgearbeitet worden. Ich hatte wie immer mitgeholfen beim Einteilen und wollte nun sehen, ob die Jockeys zufrieden waren. April fand sich auf der Liste und rief erfreut: „Yes! I hoped I’d get Fly and Sunday!“ Sie hatte ausserdem noch Blüte und Gray zugeteilt bekommen. Lily nickte ebenfalls zufrieden (sie hatte Light, Campina, Chiccory und Cantastor bekommen) und schien sich im Kopfe schon zu überlegen, wie sie diesen Monat Trainieren wollte. Ich selbst hatte darauf bestanden, wieder Winter und Stromer zu übernehmen, ausserdem hatte ich wie immer Frame bekommen, da der sensible Hengst bei mir mit Abstand am besten lief. Ausserdem hatte ich mich für die neue Stute gemeldet, die wir bei einem Ungarischen Pferdehändler gekauft hatten. Es handelte sich um einen Furioso, ein hübsches dunkelrotes Tier, das jedoch in einem recht schlechten Zustand war. Sie würde heute Nachmittag nach einer langen Auto- und Fährenfahrt ankommen. Noch am Morgen würde ein neuer Vollbluthengst ankommen, von dem wir uns viele Erfolge für die Zukunft erhofften. Ausserdem hatte ich beschlossen, Feline wieder zu mir zu holen. Die Stute hatte sich zu einer echten Schönheit gemausert und so wollte ich sie nicht länger verkaufen. Es fiel mir schwer zuzugeben, dass Elliot recht gehabt hatte und tatsächlich Potential in ihr steckte.
      Ich entschied, zuerst zu Stromer zu gehen und mich der ersten Morgengruppe für die Hengste anzuschliessen. In dieser Gruppe liefen bisher anscheinend Muskat, Empire, Light und Sunday mit. Eine gute Gruppe, dachte ich zufrieden, denn Muskat und Empire waren ja schon etwas älter und erfahren, die jungen Pferde konnten viel von ihnen lernen. Sie wurden eigentlich auch nicht mehr offiziell zum Rennen eingesetzt, nahmen jedoch immer noch regelmässig am Training teil damit sie fit blieben und Kondition fürs Springen hatten. Ich löste die Schnallen von Stromers babyblauer Fleece-Decke und faltete sie über der Kruppe. Dann schnappte ich mir die Langborsten Bürste und wischte damit über sein geschorenes Fell. Für den Kopf nahm ich eine kleinere Kopfbürste, denn er mochte die Grossen Bürsten nicht bei den Ohren. Nachdem ich auch mit der Kardätsche und dem Fellhandschuh über den Körper des Hengstes gefahren war, befand sich kein Stäubchen mehr auf dem Stoppelfell. Auch die Mähne wurde schön gekämmt und auf eine Seite gelegt, doch nach einmal schütteln hatte sie Stromer wieder kreuz und quer über den Hals fallend. Ich musste schmunzeln bei dem Anblick, denn er schien sich immer dann zu schütteln, wenn ich einen Bändigungsversuch an dem weissen Langhaar unternommen hatte. Als nächstes holte ich den kleinen Rennsattel und das Zaumzeug, wobei ich zu Empire und Thomas rüber schielte und feststellte, dass der Jockey auch erst am Satteln war. So weit so gut – als ich fertig war, führte ich meinen Cremello nach draussen zum Aufsteigen. Er wartete geduldig bis ich oben war und die Bügel eingestellt hatte. Ich schloss mich Light und Sunday an, sobald die beiden in Richtung Galoppbahn ritten. Wir würden wie immer zuerst dort aufwärmen und danach auf die Grasbahn gehen, die noch immer von einer dünnen Schneeschicht bedeckt war. Stromi war gut drauf und machte schön lange, geschmeidige Schritte. Ich freute mich also auf ein tolles Training. Während dem Schrittreiten plante ich, was heute noch alles zu tun war. Um vier Uhr fand ein Qualifikationsrennen in Nottingham – Colwick Park statt, bei dem the Cold Crack of Dawn und Campina eingetragen waren. Tom und Lily würden sich beim Training unter keinen Umständen verletzen dürfen. Endlich trabte die Gruppe an und ich tat es den anderen gleich. Wir ritten schön hintereinander den Schnitzelweg entlang, dann bogen wir auf den Kiesweg in Richtung Trainingsbahn. Wir starteten heute im Feld und jeder trainierte für sich, wobei wir ab und zu kleine Kopf-an-Kopf Sequenzen einbauten. Einmal rief ich zum Beispiel April, die daraufhin etwas abbremste damit ich aufholen konnte. Sunday gab sich alle Mühe, meinen sechsjährigen Cremello nicht nach vorne zu lassen, doch Stromer streckte sich wie eine geschmeidige Katze und schob sich bei jedem Sprung einige Zentimeter vor. Am Ende des Trainings fiel mir auf, dass Light ein paarmal hustete. Zur Sicherheit sagte ich Oliver Bescheid, der es ebenfalls schon von seiner Beobachterposition am Rand der Bahn bemerkt hatte. Er verordnete einen Ruhetag und eventuell einen weiteren, falls es nach einem längeren Longieren wieder passieren würde. Auf meine Frage hin meinte er, dass es nichts Ernstes sei und sich der fast schwarze Hengst vermutlich etwas erkältet hatte. Ich nickte, beruhigt, dass er dasselbe dachte. Wir verräumten die Pferde, wobei ich Stromer lange mit der Fleecedecke trockenführte, damit er nicht auch noch zu husten anfing. Danach holte ich das Putzzeug von Winter, denn der war als nächstes dran. Mein grosser Schneemann sah mich ungeduldig an und verdrehte die Augen beim ausgiebigen Gähnen. Ich bürstete das weisse Fell liebevoll und kratzte die Hufe aus, ehe ich ihn sattelte und zäumte. In dieser Gruppe liefen Fly, Chiccory und Spot mit, ausserdem einige der Stuten: Paint, Capri und Diana. Dies klappte normalerweise Problemlos, da die Jockeys die Hengste voll im Griff hatten und diese sich sowieso eher auf das Training konzentrierten. Ich beobachtete beim Aufsteigen belustigt, wie Spot herumalberte, als Quinn auf seinen Rücken klettern wollte. Dem Vollblüter mit den lustigen Flecken konnte man einfach nicht böse sein. Er zählte zu meinen absoluten Lieblingen, doch natürlich liebte ich alle meine Pferde. Jedes von ihnen hatte seine eigene Geschichte und seinen eigenen Charakter, was das Reiten immer wieder aufs Neue spannend machte. Es kam auch häufig vor, dass ich mich mit den Pflegern absprach und spontan ein Pferd ritt, welches nicht bei mir eingeteilt war. Ich hatte kein Problem damit, den ganzen Tag im Sattel zu sein.
      Das Training mit Winter verlief wiederrum gut, allerdings war er nicht in Bestform gewesen und hatte seine Zeit vom letzten Mal überboten. Ich lobte ihn trotzdem sehr beim Absteigen, und hielt ihm ab und zu ein Karottenstück hin beim Trockenführen. Ich lief mit ihm hinunter zu den Weiden, liess ihn an den Minis schnuppern und die Nase zu den Hengstfohlen stecken. Die ganze Zeit über machte Winter ein fröhliches Gesicht und hatte die Ohren entspannt nach vorne gerichtet. Das Wetter war auch herrlich: Die Sonne schien und obwohl es noch immer ziemlich kalt war, kam es mir vor wie an einem Frühlingstag. Doch ich liess mich nicht täuschen, es war erst Februar und der Winter würde sich bestimmt nicht so leicht geschlagen geben. Ich brachte meinen Hengst nach zwanzig Minuten zurück in den Hauptstall und schaute, dass es ihm an nichts fehlte, ehe ich die Boxentüre schloss. Ich sah auf die Uhr. Schon acht! Herrjeh, ich muss noch Frame beschäftigen ehe ich den Vollbluthengst und Feline abhole. Ich beschloss, den Hengst zu longieren, denn das hatte ich schon länger nicht mehr mit ihm gemacht. Er war, seit seine Wunden vollständig verheilt waren, intensiv trainiert worden und hatte ordentlich Muskeln und Kondition aufgebaut. Von dem schwächlichen Jährling, den ich damals auf der Wiese gesehen hatte, war äusserlich keine Spur mehr. Innerlich spukten jedoch immer noch die Bilder von damals in dem Hengst, sodass er kaum eine Person ausser mir wirklich nahe an sich heranliess. Immerhin hatten wir ihn so weit, dass er sich auch von anderen Pflegern einigermassen problemlos führen liess. Doch es war noch ein langer, vielleicht unendlicher Weg bis zum nervenstarken, coolen Leistungssportler. Wie Oliver so schön sagte – das beste Rennvermögen nützt nichts, wenn sich das Tier beim Start erschreckt und den Jockey runterbockt. Ich seufzte bei dem Gedanken an den letzten Versuch mit Lily. Das war nun beinahe zwei Wochen her. Frame hatte sich nicht nur geweigert, in die Startbox zu gehen, er hatte sich auch mitten im Trainingsrennen erschreckt und war aus der Gruppe ausgebrochen, wobei er nur haarscharf an Muskat vorbeigestolpert war. Es hätte übel ausgehen können und Lily war danach so wütend, dass sie sich weigerte, wieder aufzusitzen. Bei mir war der Hengst, aus welchen Gründen auch immer, brav wie ein Lamm. Er folgte mir ohne Seil, zickte nicht rum beim Aufsteigen, tat überhaupt alles, was ich von ihm verlangte. Nur ab und zu vermochte ihn ein plötzliches Geräusch oder eine schnelle Bewegung im Gebüsch zu erschrecken. Jedenfalls putzte ich ihn an diesem Morgen rasch, legte ihm den Longiergurt an und hängte die Doppellonge ein. Dann ging ich mit ihm in die Halle, da dort die Ablenkungsgefahr geringer war. Ich übte mit ihm eine halbe Stunde diverse Übergänge, die Biegung und das schwungvolle Schieben aus der Hinterhand. Danach nahm ich mir Zeit, ihn zu versorgen und hastete anschliessend auf den Parkplatz zum Auto. Zuerst fuhr ich mit dem Anhänger eineinhalb Stunden nach Bristol um den Hengst namens Caspian zu holen. Ich hatte ihn direkt von seinem Züchter gekauft, den ich an einer Auktion kennengelernt hatte. Er hatte mir Caspian weit unter seinem Wert überlassen unter der Bedingung, dass seine Tochter, der er sehr ans Herz gewachsen war, ihn später hin und wieder besuchen durfte. Es war ein rührender Abschied vor Ort, denn die 16 Jährige kannte den Hengst seit seinen ersten wackeligen Schritten. Doch so war das nun mal, sie hatte von Anfang an gewusst, dass der Tag kommen würde, an dem sie ihn loslassen musste. Ich für meinen Teil war froh, Caspian nun endlich nach Hause fahren zu können. Doch auf dem Rückweg ging es erstmal noch zu Feli, die mich mit Diana zusammen schon erwartete. Diana wollte auch in Zukunft immer mal wieder rüber auf Pineforest Stable kommen um Feli zu besuchen, doch sie hatte mittlerweile endlich ein eigenes Pferd von ihrem Vater bekommen, sodass sie sicherlich genug zu tun hatte. Zurück auf dem Hof half mir Jonas beim Ausladen und brachte Feli gleich in den Nebenstall, während ich Caspian vorerst in die Box neben Shio stellte. Falls das gut klappen würde, würde er auch dort bleiben dürfen, wenn nicht, dann mussten wir mal wieder eine neue Boxenordnung ausarbeiten. Der Schimmel schnupperte zwar interessiert an Shio, wandte sich dann jedoch gierig dem Heu zu.
      Am Nachmittag kam wie erwartet Satine, die Furioso Stute. Sie sah noch übler aus, als ich sie in Erinnerung hatte, doch wenigstens schien sie unverletzt. Traurig betrachtete ich das ehemalige Zirkuspferd aus der Nähe. Sie hatte kaum Muskeln und war mager bis auf die Rippen. Selbst ihre strahlend blauen Augen wirkten nichts als gestresst und müde. Ich fasste sie etwas näher am Halfter, als die den Kopf vor meiner Hand wegziehen wollte und murmelte beim Streicheln „Everything’s allright, you’re at home now.“ Sie senkte den Kopf etwas und blinzelte, weil sie Angst hatte, dass ich ihr in die Augen fasse. Ich führte sie nach einigen Minuten langsam in den Nebenstall, denn sie lief von der langen Fahrt noch wackelig und unsicher. In der Box machte sie sich nur halbherzig über das Heu her, sodass ich mich gezwungen sah, einen Tierarzt zu rufen. Hoffentlich ist sie nicht ernsthaft krank, betete ich innerlich. Die Diagnose war eine mittelschwere Lungenentzündung. Würden keine Komplikationen auftreten, so konnte sie in etwa zwei Wochen grösstenteils genesen sein. Sie bekam Antibiotika und strikte Stallruhe verordnet. Die Stute tat mir leid, denn sie hustete nun auch hin und wieder, was ihr Schmerzen zu bereiten schien. Wenigstens bestand kein Risiko für die anderen Pferde. Nachdem ich noch eine Weile bei ihr geblieben war und sie besorgt beobachtet hatte, ging ich zum Hauptstall um zu sehen, wie weit Tom und Lily waren. Sie hatten die Sättel und das restliche Zubehör bereits in den Anhänger gebracht und zogen nun gerade den Vollblütern die Transportgamaschen an. Campina stand bockstill und liess Lily an sich herumzupfen, während Crack wie immer vor und zurück zappelte. Ich half kurz, die Stute festzuhalten und streichelte sie liebevoll, während ich das Halfter hielt. Sie bedeutete mir sehr viel, denn ich hatte sie damals von Jack zum Geburtstag geschenkt bekommen, das machte sie unbezahlbar. Endlich waren die Gamaschen fest um die Beine gelegt und die Pferde wurden zum Parkplatz geführt, wo sie ohne zu zicken die Rampe hochliefen. Ich wünschte den fünfen eine gute Fahrt (Oliver ging als Trainer natürlich auch mit, ich hingegen hatte heute noch zu viel zu tun) und viel Glück beim Rennen. Besonders von Campina erhoffte ich mir eine gute Platzierung, denn die Stute war im Training ausgezeichnet gelaufen und schien auch heute in Topform zu sein. Fröhlich summend ging ich zu Rita, die beim Nebenstall Calico sattelte. Ich hatte versprochen, ihr heute eine Reitstunde zu geben. Die junge Frau, die mittlerweile sogar die Ausbildung zum Jockey in angriff genommen hatte, war extrem fleissig und saugte neues Wissen über Pferde auf wie ein Schwamm. Sie hatte sich von der gnadenlos überforderten Anfängerin zur zuverlässigen Pflegerin gemausert und wohnte nun sogar endlich mit den anderen im Pflegerheim. Ihr Vater hatte sich anfangs dagegen gesträubt, doch schliesslich hatte sie gewonnen, da sie ja schon 24 war und damit gedroht hatte, externe Hilfe anzufordern. Sie konnte zwar nun nichtmehr vom Reichtum ihres Vaters profitieren, doch das brauchte sie auch nicht. Sie verdiente sich ihr Geld nun selbst. Ich war anfangs sehr skeptisch gewesen, was ihren Charakter betraf, hatte ich sie doch als verwöhntes einzelkind eingeschätzt. Doch die Pfleger und ich hatten sie nun wirklich lieb gewonnen und sie war ein fester Teil von uns geworden. Als wir auf dem Platz waren stellte ich einmal mehr fest, dass sich das harte Training gelohnt hatte: Rita sass gerade und selbstsicher auf dem Schimmelhengst, hielt die Absätze tief und am rechten Ort. Ich musste sie jedoch ab und zu daran erinnern, die Hände nicht zu hoch zu halten. Calico spielte brav mit. Er hatte gelernt, respektvoll mit seiner ehemaligen Besitzerin umzugehen und lief bei den restlichen Pflegern und mir sowieso wundervoll. Ich hatte recht behalten: der Hengst hatte eine ausgezeichnete Veranlagung und lernte so schnell wie Rita. Nach der Stunde ging ich mit Sorrow ins Gelände. Es wäre eine Schande gewesen, solch wundervolles Wetter nicht zu nutzen. Vor dem Aufsteigen flocht ich dem stämmigen Hengst einen französischen Zopf in die Mähne. Es stand ihm ausgezeichnet. Wir ritten zum Fluss, überquerten die Brücke und dann nach Süd-Osten zu den beliebten Galoppstrecken. Sorrow gab ordentlich Gas auf den grasüberwachsenen Feldwegen, liess sich jedoch stets wieder bremsen. Einmal kam uns eine Frau mit einem schwarzen Hund entgegen, an dem der Hengst interessiert schnupperte. Dann hüpfte der Hund wieder davon und wir setzten unseren Ritt gemütlich fort. Genoss die Sonne und auch Sorrow drehte die Ohren zufrieden in der Umgebung herum. Auf dem Rückweg liess ich ihn etwas Schulterherein laufen und stellte ihn an den Zügel. So hatten wir auch unsere heutige Protion Dressur.
      Als ich auf dem Kiesweg an den Weiden vorbei ritt, klingelte plötzlich mein Handy. Huch, Was ist denn nun wieder los? Ich nahm ab und erkannte erschrocken Olivers besorgte Stimme. „We‘ve had an accident, you must come quickly to decide what to do with the horses.“ Wie in Trance stieg ich ab, rief Rosie, die Sorrow übernahm und rannte zum Parkplatz. Man hatte entschieden mich vor Ort zu rufen, da die Unfallstelle nur zwanzig Minuten entfernt war. Vor Ort fand ich einen Krankenwagen und mehrere Polizeiautos, ausserdem war bereits ein Tierarzt da. Wie sich herausstellte, hatten die drei eine Kollision mit einem betrunkenen Geisterfahrer gehabt. Dabei hatte sich der Transporter überschlagen. Tom, der gefahren war, war bewusstlos und hatte einige Brüche erlitten, sein Zustand war aber so weit stabil. Lily hatte einen gebrochenen Arm und Prellungen und Oliver war mit einer blutenden Nase davongekommen. Doch am schlimmsten hatte es die Pferde erwischt. Campina hatte starke Prellungen und lahmte. Für Crack gab es keine Rettung mehr. Ich stimmte zu, die Stute von ihren Leiden zu erlösen, denn sie hatte mehrere komplizierte Brüche erlitten und konnte nicht mehr aufstehen. Es war ein schrecklicher Augenblick, als der Tierarzt die Spritze aufzog, und ich drehte mich weg zu Pina, vergrub mein Gesicht in ihrem weichen Fell. Meine wunderschöne kleine Crack, das Geschenk von Jack! Es kam mir so unfair vor, dass mir nun auch diese Erinnerung an ihn genommen wurde. Doch es war besser für die Stute, alles andere wäre Quälerei gewesen. Campina wurde in eine Klinik in der Nähe gebracht, wo sie umfassend untersucht und behandelt wurde. Tom landete im Krankenhaus, durfte zum Glück aber schon nach vier Tagen nach Hause zu seinen Eltern. Auf Pineforest Stable würde er erst wieder in ein paar Monaten zurückkehren, wenn er wieder einsatzfähig war. Lily kam noch am selben Tag mit uns zurück auf den Hof, den Arm in eine Schlinge gehüllt. Sie wurde liebevoll von den anderen begrüsst und Ajith übernahm die ihr zugeteilten Pferde für den restlichen Monat. Ich wanderte nach all den aufmunternden und mitleidigen Worten der anderen still ins Haupthaus, wo ich mir erstmal einen Tee machte. Ich starrte während dem Trinken aus dem Fenster und beobachtete, wie Jonas den Kiesweg entlang zur Tür kam und klopfte. Soll ich aufmachen? Eigentlich will ich nicht… Ich bewegte mich nicht von der Stelle und wartete, bis er wieder verschwunden war. Trotzig dachte ich: wenn etwas passiert bin ich gut genug für dich und sonst behandelst du mich wie Luft. Spar dir die Mühe. Dann legte ich mich aufs Sofa und versank bis zum Abend in Melancholie. Der Tag hatte so schön begonnen, und nun das.
      Am Abend schlenderte ich lustlos zur Halle, wo Lisa gerade eine Reitstunde gab. Es waren ein paar Leute von auswärts da und vier Pfleger: Darren mit Herkir, Jason mit Bluebell, Jonas mit Loki und Anne mit Sweets. Ich setzte mich in den Zuschauerraum hinter die Scheibe und sah zu. Blue lief wiedermal zügig, sodass Jason ständig abwenden musste. Sweets ging beinahe konstant in Anlehnung, doch Anne liess sie zwischendurch strecken, damit sie nicht zu müde wurde. Schliesslich waren beide Pferde erst seit kurzer Zeit unter dem Sattel und noch nicht vollständig ausbalanciert. Herkir und Loki liefen mittlerweile richtig toll und nur Herkir gab ab und zu Gas – immer dann wenn Darren angaloppieren wollte. Ich war zufrieden mit den vieren. Nach der Stunde wollte ich mich wegschleichen, doch Jonas erwischte mich. „Warum hast du nicht reagiert, als ich geklopft habe?“, wollte er wissen. „Ich hab dich nicht gehört.“ „Aber ich war echt laut…“ „Kann passieren. Gute Nacht.“ Es schmerzte, so kalt zu sein, doch er hatte es verdient, da war ich mir sicher. Er sollte ruhig sehen, wie sich das anfühlte. Ich lief nocheinmal durch die Ställe und ging sicher, dass alle Pferde eingedeckt waren, dann legte ich mich ins Bett. Was für ein Tag
      8 März 2015
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  • Album:
    Erinnerungen
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    Occulta
    Datum:
    30 Aug. 2017
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  • Offizieller HG

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    Vom: -

    Aus der: -


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    Rufname: Frame △
    Geburtstag:
    25.04.
    Alter: 5 Jahre
    Stockmaß: 1.73 m
    Rasse: Englisches Vollblut
    Geschlecht: Hengst
    Fellfarbe: Bay frame overo

    (Ee,Aa,Oo)
    Abzeichen: - (scheckungsbedingt grosse Laterne)
    Gesundheit:
    sehr gut



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    Scheu, schreckhaft, aber loyal


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    Frame ist ein schwieriger Fall. Er kommt aus einem bekannten Zuchtgestüt, dort musste er leider schon als Fohlen viel durchmachen: Zuerst starb seine Mutter, er wurde also zum Flaschenkind. Der Pfleger, der ihn grossziehen sollte misshandelte ihn jedoch regelmässig, er wurde getreten oder geschlagen, wenn er nicht sofort gehorchte. Als er ein Jährling war, wurde klar dass der Besitzer des Gestüts bankrott gegangen war und die Pferde nicht behalten konnte. Deshalb wurde auch Frame mit den anderen Zwangsversteigert, wobei er wohl ebenfalls nicht besonders sanft behandelt wurde. Zu allem Überfluss landete der junge Hengst damals vorübergehend auf einer Weide, auf der er ziemlich vernachlässigt wurde und sich schliesslich an einem Pfosten durch einen Unfall beinahe selbst erstach. Sein Leben hing am seidenen Faden, doch dank dem schnellen Einsatz der Tierärztin überlebte Frame. Zuhause trafen wir schliesslich einen völlig verstörten Zweijährigen an, der sich kaum anfassen, geschweigedenn führen liess. Mittlerweile lässt sich der Hengst von Occulta und auch von Quinn reiten und führen, jedoch von kaum jemandem sonst.


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    Besitzer: Occulta
    Ersteller: Occulta
    VKR: Occulta
    Verkäuflich: ✗



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    Gekört: ✓
    Nachkommen: Framed in Fantasy, PFS' Sciaphobia
    Decktaxe: 140 J


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    Galopprennen Klasse: S***
    Western Klasse: E
    Spring Klasse: L
    Military Klasse: L
    Dressur Klasse: L
    Distanz Klasse: E


    Eignung: Galopprennen, Springen
    Eingeritten: ✓



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    [HK 491]
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    2. Platz 387. Dressurturnier
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    2. Platz 277. Militaryturnier
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    3. Platz 356. Galopprennen
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    3. Platz 389. Dressurturnier
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    Frame's Spind