Occulta

• Chiccory ox, EVB ♂

Hengst | bay splash

• Chiccory ox, EVB ♂
Occulta, 14 Feb. 2017
    • Occulta
      Im tiefsten Winter

      Grosse Schneeflocken wehten Campina und mir um die Ohren, als wir im Laubwald unterwegs waren. Ein starker Wind war aufgezogen – ein richtiger kleiner Blizzard. Ich fand es herrlich. Die kurze Mähne der Vollblutstute wurde mit jedem Windstoss von neuem zerzaust, sodass sie ungebändigt über ihren schmalen Hals fiel, der seinerseits einen hübschen Bogen machte. Der Gedanke an einen guten Film und einen Becher heisse Schokolade erfüllte mich mit Wärme. Ausserdem hatte Lisa versprochen, heute Abend eine letzte Kürbissuppe für uns alle zu kochen; eines meiner Lieblingsgerichte. Das konnte ich gut vertragen, jetzt wo Lily wieder zuhause bei ihrer Mutter war. Ich vermisste das kleine Mädchen meiner Cousine mehr als mir lieb war, und auch sie schien Pineforest Stable zu vermissen, jedenfalls schickte sie dauernd wieder Briefe mit Bildern der Pferde (besonders von White Dream). Ich hängte sie jeweils am Kühlschrank auf. Der Winter war eine seltsame Jahreszeit für mich, denn er weckte in mir Erinnerungen an das vergehende Jahr, als läge es bereits lange zurück. Besonders abends lag eine seltsame, gemütliche und zugleich bedrückende Stimmung in der Luft, die von der unglaublichen Stille, die der dämpfende Schnee bewirkte, noch verstärkt wurde.

      Ich schnalzte und trieb Pina in den Trab. Wir trotteten den Schotterweg entlang, bis der Pinienwald wieder in Sicht kam. Der Übergang zwischen den beiden Wäldern verlief nahtlos und liess sich normalerweise nicht genau festlegen, doch der Wechsel von kargen Ästen zu den immergrünen Nadeln liess ihn abrupt erscheinen. Hier lagen die Stämme weiter auseinander und der Waldboden war kaum bewachsen. Nur hin und wieder besetzte ein mächtiges Gebüsch den Nadelboden. Auch der Weg hatte sich verändert: Aus gelblichen Steinchen war feiner Sand geworden, aus dem die Parkwege in diesem Bereich gemacht waren. Ich liebte die Abwechslung, die der grosse Park bot und war immer wieder froh, dass er für die Reiter frei zugänglich war. Campina verlor unterwegs eine Streifkappe, sodass ich absteigen und sie aufheben musste. Wenigstens hab ich’s bemerkt, dachte ich schulterzuckend. Als ich mich bückte, sah ich ganz in meiner Nähe ein heruntergestürztes, halb eingefrorenes Vogelnest. Es war leer und verlassen. Ich hob auf und betrachtete bewundernd die kunstvoll geflochtenen Äste mit den Eisstückchen daran. Ich beschloss, es mitzunehmen und steckte es, nachdem ich das Eis etwas entfernt hatte, soweit es Platz hatte in die Tasche meiner Fleece Jacke. Dann setzten Pina und ich unseren Ausritt fort und verzichteten auch nicht auf einen letzten Galopp am Waldrand. Die Stute war wie immer feurig, doch blieb stets kontrollierbar, sodass die Ausritte mit ihr richtig Spass machten. Ich war froh, dass ich meine Handschuhe und den dicken Schal trug, die meine Haut vor dem eisigen Wind schützten.

      Zurück auf dem Hof versorgte ich Campina und stellte das Nest auf das Fensterbrett in der Küche. Ich beschloss, es später etwas zu verzieren. Doch erstmal kümmerte ich mich um Winter. Da es jetzt kühl genug war, spielte es keine Rolle mehr, wann genau die Vollblüter trainiert wurden. Auch im Winter wurden die Vollblüter von Pineforest Stable trainiert, allerdings vor allem in Dressur und Springen in der Halle. Mit Winter wollte ich heute etwas an der Steuerbarkeit arbeiten. Dazu sattelte ich ihn und ritt zur Grasbahn. Zum Glück war er nicht so matschig gewesen wie in den vergangenen Wochen. Ich liess den weissen Hengst nach dem Einwärmen immer wieder kurze Strecken zulegen und zügelte ihn dann wieder. Ausserdem steuerte ich ihn mal nach innen, mal auf die äussere Bahn. Der Effekt war, dass er lockerer im Hals wurde und nach einigen Wiederholungen schneller nachgab, wenn ich die Spur wechseln wollte. Wir kämpften gegen den Wind an, der seit meinem Ausritt nicht nachgelassen hatte. Winter hielt die Ohren meist nach hinten gedreht, damit keine Schneeflocken hinein wehten, doch ansonsten lief er freudig und sehr anständig. Zufrieden liess ich ihn nach zwanzig Minuten austraben und ritt ihn anschliessend im Schritt auf der Galoppbahn trocken. Nun war es ganz dunkel und ich konnte unter den Tannen kaum noch etwas erkennen. Wenigstens waren wir hier etwas besser vor dem Wind geschützt. Winter schüttelte sich entspannt den Schnee von der Kruppe, als ich ihn absattelte. Dann gähnte er demonstrativ. Ich lächelte und streichelte dem Hengst über die weisse Stirn, die er als Reaktion an meinem Bauch rieb. „Ist ja gut du Schmusetier, gleich bist du erlöst.“ Ich führte ihn in die Box und zog ihm das schwarze Lederhalfter ab, um es wieder an seinen Platz an der Boxentür zu hängen. Danach schlenderte ich zur Halle, um zu sehen, ob die Hindernisse für die nachfolgende Reitstunde schon bereitstanden. Elliot und Darren bauten sie gerade auf. Als wir den kleinen Parcours fertig hatten, gingen wir gemeinsam zum Hauptstall und holten die Pferde für die Stunde raus. Rosie und David kamen etwas später, also putzten wir ihre beiden Pferde gleich mit. Ich hatte mich für Frame entschieden, den ich heute noch nicht bewegt hatte. Nebenbei putzte ich Cantastor für Rosie. Die beiden Vollblüter vertrugen sich einwandfrei, sodass ich sie direkt nebeneinander anbinden konnte. Ich wechselte beim Putzen immer hin und her, während ich zu ‚Waiting for Love‘, das gerade aus dem Radio unter dem Dach des Stalls hervortönte, mitsummte. Der freundliche Elektriker hatte vor einem halben Jahr, bevor er ermordet worden war, auf meinen Wunsch hin bei allen Stallgebäuden Radios installiert, damit die Pfleger während der Arbeit Musik hören konnten. In der Halle war sowieso von Anfang an beim Eingangstor eine grössere Musikanlage mit verteilten Lautsprechern an den Hallenwänden eingebaut worden. Beim Hufeauskratzen bemerkte ich, dass Frame’s Hufe hinten schon wieder etwas lang waren. Ich überprüfte am Infobrett, wann er den letzten Hufschmiedetermin gehabt hatte und schrieb ihn gleich für den nächsten ein. Dann widmete ich mich dem Satteln der beiden Hengste. Rosie kam kurze Zeit später hinzu und übernahm das Verschliessen der restlichen Schnallen des Zaumzeugs. Mit Frame war ich schon fertig. Wir warteten noch kurz auf die anderen, damit wir gemeinsam zur Halle laufen konnten. Elliot stand in der Mitte bereit, er würde uns heute Coachen. Ich wärmte Frame wie die anderen im Trab und im Galopp auf, was mit der Musik im Hintergrund echt Spass machte. Ausserdem war die Stimmung sehr ausgelassen und wir bekamen alle fast einen Lachkrampf, als Darren, beim Versuch, seine Jacke an einem Hindernispfosten aufzuhängen, fast das Gleichgewicht verlor und seitlich am Pferd hing. Sunday war das Gezappel zu blöd, also lief er im Schritt weiter, trabte dann sogar an und machte schliesslich, als Darren ihn zu sehr mit dem Fuss am Bauch kitzelte, einen einzigen gezielten Buckler, der ihm den Rest gab. Er plumpste in den Hallensand. Der Hengst blieb stehen und sah ihn ‚lächelnd‘ an (seine zuvor ausgeprägten Falten bei den Nüstern waren verschwunden und die Ohren nach vorne gerichtet). Darren klopfte sich den Sand von den Reithosen und stieg wieder auf, leicht rötlich anlaufend – was ganz bestimmt nicht von der Kälte stammte, die mit dem Einbruch der Dunkelheit angekrochen gekommen war. Elliot unterbrach das Gekicher und begann die Stunde, um von Darren abzulenken, der dankbar jede Anweisung aufsog. Wir begannen mit einer Gymnastikreihe bestehend aus Kreuzchen, In-Outs und niedrigen Steilsprüngen. Frame war heute etwas faul, denn ich musste ihn mit der kurzen Springgerte motivieren, die Beine zu heben. Wir räumten in dieser Stunde schon zu Beginn ein paar Stangen ab, sodass ich aufpassen musste, dass ich mir am Ende der Stunde nicht den berüchtigten Titel des ‚Pole-Knockers‘ verdiente (Ich mochte auch den Begriff ‚Stangen Narr‘). Den Titel hatten wir eingeführt, nachdem Jonas es einmal geschafft hatte, in einer einzigen Stunde 12 Stangen abzuräumen, weil er jedes Mal zu schräg angeritten war und runter geschaut hatte. Das war aber noch am Anfang seiner Reitkarriere auf Pineforest Stable gewesen und längst Vergangenheit. Heutzutage wurde ‚Pole-Knocker’, wer mindestens 10 Stangen zum Fall brachte. Derjenige oder diejenige musste am Ende der Stunde allen anderen Reitschülern ein Bier spendieren.

      Wir wechselten zu den Cavaletti, die in einem Viereck aufgestellt waren und die Beingeschicklichkeit förderten. Darüber war ich froh, denn so musste Frame etwas aufwachen, um nicht darüber zu stolpern. Ich galoppierte auf der linken Hand an, wendete den Schecken auf der langen Seite nach innen in Richtung des Vierecks und übersprang die ersten beiden Cavaletti. Dann musste ich vor der Wand rechts abbiegen und bei A auf die Mittellinie reiten, alles im Galopp. Hier musste ich Frame gut zusammenhalten, damit der Abstand stimmte und er auch diese beiden Cavaletti problemlos überwinden konnte. Er schlug beim Zweiten etwas mit den Hinterbeinen an, also wiederholte ich das Ganze gleich nochmal. Es war tricky, weil die Wendungen über die Breite der Bahn sehr eng waren und man extrem auf die Länge der Galoppsprünge achten musste. Doch auch die Pferde waren trotz der geringen Höhe gefordert, denn sie mussten unpassende Abstände auskorrigieren indem sie früher bzw. später abdrückten und danach gleich wieder bremsen um auch sauber über das zweite Cavaletti zu kommen. Coolcat grunzte jedesmal, wenn er aus der engen Wendung übers Cavaletti hüpfte. Er sprang aber auch übertrieben hoch darüber. Zugegebenermassen hatte er noch ziemlich viel Luft nach oben. Es kam mir langsam mit einem Grinsen der Gedanke, dass ich vielleicht doch nicht das schlechteste Pferd ausgesucht hatte. Nach den Hindernissen zog er den Kopf jeweils in die Tiefe um sich zu strecken, sodass er David erfolgreich etwas Zügel klaute. Elliot wies ihn darauf hin, und David gab fortan eine halbe Parade, wenn der Hengst den Trick versuchte. Mit Erfolg: Er versammelte sich schön und blieb aufgerichtet. Darren und Sunday hatten schon mehr Mühe. Sunday zog immer vor den Hindernissen an, weil Darren zu früh mitging. Elliot zeigte ihm, dass er bis kurz vor dem Sprung aufgerichtet bleiben musste, wenn er den Hengst ruhig halten wolle. Nachdem wir auch noch ein paar höhere Hindernisse aneinandergehängt hatten, machten Rosie und ich uns noch einen Spass daraus, gleichzeitig über ein extra auseinandergezogenes Kreuz zu springen. Dabei wachte Frame endlich richtig auf und gab nochmal kurz vor Ende der Stunde richtig Gas. Wir ritten gemeinsam auf den Sprung zu, dann hüpften die beiden Pferde Mühelos darüber und Cantastor liess sich sofort wieder versammeln, während Frame rummaulte und mit dem Kopf schlug. Ich beruhigte den Hengst augenrollend und versuchte es nochmal, bis er endlich neben Canto blieb. Dann lobte ich ihn ausgiebig und liess ihn strecken.

      Wir versorgten die Pferde und packten sie mit den warmen Decken ein, ausserdem schlossen wir alle noch offenen Fensterläden beim Hauptstall, sodass es nirgends mehr Durchzug gab. Nun war es schön gemütlich im Hauptstall. Man hörte überall das Rascheln der Pferde und manche lagen sogar schon auf ihren dicken Strohbetten. Bei Chiccory musste ich noch die Decke wechseln, denn er trug noch immer die dünne Abschwitzdecke vom Training. Der Hengst lag aber ebenfalls schon, als ich die Box betrat. Er machte auch keine Anstalten, aufzustehen, als ich näher zu ihm hinging, sondern gähnte demonstrativ. Er sah mich trotzig an und knabberte an meinem Reissverschluss, als ich mich zu ihm hinunterkniete. Ich kraulte ihn ein wenig an der Stirn, doch dann zupfte ich am Halfter um ihn auf die Beine zu bekommen. „Come on boy, this will be much more comfortable“, murmelte ich beschwichtigend, als er mit einem lauten Seufzen aufstand und sich schüttelte. Ich wechselte die Decke und gab ihm als Entschädigung das letzte Karottenstück, das sich noch in meiner Jackentasche befand. Dann verliess ich mit den anderen Pflegern das Gebäude und löschte das Licht.
      30 Dez. 2015
    • Occulta
      [​IMG] A-L

      Heute wollte ich mit den Zweijährigen zum zweiten Mal auf die Bahn. Sie waren am Dienstag das erste Mal auf den Geschmack gebracht worden, und nun galt es, eine erste Grundkondition aufzubauen. Während sechs Monaten waren die vier Jungspunde sorgfältig darauf vorbereitet worden; anfangs nur durch Longieren, nach dem Anreiten durch viel Trabarbeit und Ausreiten. Ich hatte diesen Monat die Verantwortung für meine Ciela übernommen, da ich meinem kleinen Liebling die Grundlagen selbst zeigen wollte. Quinn ritt Kaythara, Lily hatte Dublin, und Alysheba wurde von Thomas übernommen. Ausserdem begleiteten uns die erfahrenen Rennpferde Chiccory, Stromer, Painting Shadows, Empire State of Mind und Cantastor, geritten von Rosie, April, Rita, Charly und Oliver höchst persönlich. Die fünf ‚alten Hasen‘ waren schon am Vortag richtig gearbeitet worden und dienten heute nur als Lehrmeister für die jungen Nachwuchstalente. Ich führte Ciela nach draussen, als ich fertig war. Charly stand mit Empire bereits da und redete mit seiner Schwester Robin. Die beiden neuen Pfleger waren noch etwas zurückhaltend und blieben gerne unter sich, aber besonders Charly wurde von Tag zu Tag offener. Seine Schwester war etwas stiller. Ich erwischte sie dabei, wie sie wieder mal mit geheimnisvoller Miene zu mir schielte. Sie tat das häufig, ausserdem mied sie meine Anwesenheit und ich glaubte langsam, dass sie mich nicht sonderlich mochte. Ich zuckte mit den Schultern über meine eigenen Gedanken und löste die Steigbügel zum Aufsteigen. Zum Einwärmen hatte ich sie noch lang, besonders bei diesen jungen, unerfahrenen Pferden. So hatte ich mehr Kontrolle und Einwirkung. Mit einem lauten, schlitternden Hufgetrappel kündigte sich Stromer an, der sich vor einer umfallenden Heugabel erschreckt hatte. April beruhigte den Cremello geschickt und führte ihn weiter. Er lief zwar noch mit aufgeregt gehobenen Kopf, liess die Reiterin aber brav aufsteigen. Charly, geweckt von dem Geräusch, stieg ebenfalls auf; seine Schwester verschwand in Richtung Nordstall. Als alle draussen waren, ritten wir zum Aufwärmen auf die Galoppbahn. Kaythara, die direkt hinter mir und Ciela lief, war ganz beschäftigt mit den vielen Hengsten um sie herum, denen sie bei jeder Gelegenheit ihre Abneigung demonstrieren musste. Zum Glück liefen wir auf der Galoppbahn in einer Einerreihe, sodass sie sich etwas abregen konnte. Captured in Time war sowieso wiedermal ein Engelchen auf vier Hufen. Beim Antraben versuchte Alysheba, sich vor Chiccory zu drängen, was Thomas zu spät bemerkte. „Ey Cooper, watch it!“, schimpfte Oliver sofort. Mit dem strengen Trainer war während der Arbeit nicht zu spassen. Er hatte seine Jockeys und Pferde allesamt fest im Griff, seinen Adleraugen entging nichts. Ich hörte Tom zu Rosie „sorry“ murmeln. Sie lächelte nur und trieb Chiccory weiter vorwärts. Ich war froh, dass die Pfleger eigentlich alle gut miteinander auskamen. Das erleichterte vieles in der täglichen Arbeit. Wir bogen schliesslich auf die Rennbahn und teilten uns auf. Ciela und ich gesellten uns zu Oliver und Canto, damit der Trainer und ich uns gut unterhalten konnten. Kaythara musste neben Paint laufen, damit sie ruhig blieb. Dublin bekam gleich von zwei Seiten Unterstützung, nämlich von Chiccory und Empire. Und auch Stromer und Alysheba stellten sich auf. Dann galoppierten wir alle in leichtem Canter bis zur ersten Kurve. Die Jungen Athleten orientierten sich wie erhofft an ihren älteren Genossen und glichen ihr Tempo an. Dublin senkte sogar den Kopf und lief beinahe am Zügel, was man von Empire nicht behaupten konnte. Oliver wies Charly darauf hin, den Hengst etwas mehr zusammenzuhalten, damit er über den Rücken lief. Der junge Jockey setzte die Anweisung sofort um. Captured in Time sprang in regelmässigem Rhythmus voran und liess sich nicht beirren, wenn Canto ihr etwas nahe kam weil Oliver damit beschäftigt war, jemanden zu korrigieren. Painting Shadows und Kaythara kamen gut miteinander aus, also konnten wir diese beiden auch in Zukunft miteinander trainieren lassen. Wir machten eine Viertelstunde lang leichte Galopparbeit. Dabei legten wir auch einmal über 200 Meter etwas zu, aber das war auch schon alles in Sachen Tempo. Wie erwartet schwitzten die Jungen Pferde und blähten ihre Nüstern; eindeutige Zeichen der mangelnden Kondition. Aber sie hatten sich gut geschlagen und das heutige Trainingsziel erfüllt. Auch die Erfahrenen Pferde hatten heute wieder ein Stückchen mehr Gehorsam auf der Bahn gelernt, was in ihrem Stadium ebenso wichtig wie Muskelarbeit war.
      21 Jan. 2016
    • Occulta
      Geschäftiger Dienstag

      Der Wecker klingelte, und ich schaltete ihn murrend aus, doch drehte mich danach nochmal um. Fünf Minuten, nur fünf Minuten… Wenn Lily mich nicht geweckt hätte, wäre ich wohl eine ganze Stunde zu spät aufgestanden. Zum Glück kam sie aber wie jeden Morgen polternd mit den Hunden durch die Tür gestürmt. Ich zog mich an und machte uns und den Hunden Frühstück. Als ich die Haustür öffnete, war es zwar noch immer dunkel, aber immerhin sah man die Sterne – es war kein Wölkchen zu sehen. Zira hüpfte fröhlich raus und verschwand in den Büschen hinter dem Haus, um ein paar schlafende Spatzen aufzuscheuchen. Sheela und Jacky blieben neben mir stehen und sahen mich erwartungsvoll an. Ich streichelte die beiden und nahm sie mit zum Hauptstall. Lily ging zu Dream und Skydive, das tat sie jeden Morgen zuallererst. Ich hingegen sah bei meinem Liebling Winter vorbei, der ja in der Box gleich neben dem Eingang stand. Er war kein bisschen verschlafen, sondern wirkte voller Elan, hungrig und motiviert, sein morgendliches Galopptraining zu absolvieren. Ich kraulte ihn durch die Gitterstäbe, musste dann aber weiter zu Cool Cat, den ich diesen Monat auf der Liste hatte. Ich war noch immer nicht ganz überzeugt von dem Hengst und hatte die Zuteilung dementsprechend missmutig gemacht, aber ich konnte mich nicht immer davor drücken, ihn zu reiten. Tatsächlich war dies das erste Mal, dass ich persönlich mit ihm arbeitete, seit ich ihn vor ein paar Monaten gekauft hatte. Ich schlurfte also zur Sattelkammer und holte seine Putzsachen, den Sattel und das Zaumzeug schon mal zur Box. Dann holte ich den Hengst raus und band ihn zum Putzen an. Ich begann damit, den schwarzen Hals zu striegeln. Der Hengst hatte schön definierte Muskellinien – die Jockeys hatten bisher gut mit ihm gearbeitet. Sein Fell war weich und seidig, auch an den Stellen, an denen er nicht geschoren worden war. Seine wilde, lange Mähne machte es nicht gerade leicht, den Hals zu bearbeiten. Ich warf sie deshalb auf die andere Seite, doch er schüttelte sich kurze Zeit später und verteilte das rabenschwarze Haar wieder auf beide Halsseiten. „Thanks a lot“, murmelte ich grimmig. Beim Bauch wollte er einfach nicht stillstehen, offenbar war er kitzlig. Ausserdem begann er zu scharren, als ich nicht aufhörte. Ich ignorierte es und entfernte stur jedes kleinste Erdspritzerchen, das noch vom gestrigen Weidegang zu finden war. Mittlerweile herrschte geschäftiges Trieben im Hauptstall. Die Pfleger waren nun alle am Vorbereiten der restlichen Vollblüter für die erste Gruppe und ich war schon etwas hintendrein. Ich beeilte mich deshalb etwas mehr und kratzte nach dem Bürsten direkt die Hufe aus, ehe ich den Sattel auflegte. Als ich schliesslich fertig gesattelt und gezäumt hatte, kämmte ich das widerspenstige Langhaar dann doch noch rasch ein paar Mal durch. Einmal mehr überlegte ich, einfach die Schere zu holen und die Lange Mähne zu kürzen. Doch Rosie hätte mich wohl lebendig begraben, denn sie vergötterte die eher an ein Wildpferd erinnernde Frisur. Ich ignorierte gekonnt ein paar der Knoten im Schweif und schmiss die Bürste zurück in die Kiste. Dann führte ich Cool Cat nach draussen und stieg mit Hilfe von Ajith auf. Es musste alles schnell gehen, denn die jungen Athleten waren ungeduldig und wollten kaum stillhalten. Wir verschwendeten keine Energie damit, sie zum Warten zu erziehen, sondern ritten direkt in einer Reihe zur Bahn. In diesem Alter bestanden wir, anders als bei den Warmblütern, noch nicht auf jede Kleinigkeit im täglichen Umgang, sondern handelten vor allem praktisch; einerseits, um Zeit zu sparen, und andererseits um die Geduld der jungen Pferde nicht unnötig zu strapazieren. Sie sollten sich in erster Linie auf das Rennen konzentrieren, alles andere lernten sie nebenbei. Heute trainierten wir die Zwei- und Dreijährigen mit Startmaschine, doch zunächst mussten alle Pferde warm geritten werden. Danach stellten wir uns hinter den mobilen Startboxen auf und wurden einer nach dem anderen von Oliver und Ajith hineingeführt. Ganz aussen waren Quinn und Dublin, dann folgten Rita und Caligari, Rosie und Ciela, April und Alysheba, Lily und Sumerian, Charly mit Frame und Thomas mit Kaythara. Auch hinter mir und Cool Cat wurden die Tore geschlossen. Der Hengst war ein wenig nervös und ich machte mich bereit, auf ein allfälliges Steigen zu reagieren. Doch er blieb am Boden und trampelte nur ein wenig auf der Stelle. Ich kraulte ihn am Widerrist, nahm meine Schutzbrille runter und fasste die Mähne, bereit für den Start. Dann klirrte die Glocke und die Türen flogen auf. Sofort schossen alle Pferde raus und das Feld formte sich. Ein Blick über die Schulter sagte mir, dass alle sauber weggekommen waren. Zufrieden richtete ich mich wieder nach vorne und fasste die Zügel ein wenig nach. Ich hatte vorhin beim Aufwärmen bereits die Steuerung von Cool Cat ausprobiert und ihn ausreichend kennengelernt, sodass ich ihn nun optimal lenken konnte. Der Rappe machte geschmeidige, raumgreifende Bewegungen und gewann immer mehr Boden. So weit, so gut, dachte ich anerkennend. Aber die Konkurrenz war hart; besonders die anderen Dreijährigen Caligari und Sumerian lagen noch voraus und hielten ein hohes Grundtempo. Im hinteren Teil des Feldes hingegen, hatte Charly sichtlich Mühe mit Frame klarzukommen. Der Schecke blieb nicht auf seiner Spur und schwankte, weil er den Kopf nicht ruhig hielt. Schliesslich musste Charly enttäuscht abbrechen. Ich hatte diesen Ausgang schon vermutet, ohne pessimistisch sein zu wollen, aber Frame lief bei keinem der Pfleger so gut wie bei mir. Er vertraute ihnen einfach nicht genug. Dublin war direkt hinter mir und Cool Cat, Ciela lag etwas weiter zurück und Alysheba war direkt neben ihr. Kaythara war ganz aussen ein wenig vor uns, sodass ich sie gut beobachten konnte. Auf den letzten 300 Metern trennte sich das Feld deutlich auf. Die Zweijährigen blieben zurück, während die Dreijährigen nochmal alles gaben und auf ihre Höchstgeschwindigkeit kamen. Auch Cool Cat zog an. Wir arbeiteten uns an Caligari vorbei, deren Kondition bereits bröckelte und schlossen zu Sumerian auf, die wie ein Motor beständig voransprang. Kurz vor dem Ziel hatten wir die Stute beinahe geschlagen, doch dann feuerte Lily sie nochmal an und konnte so eine ganze Kopflänge Vorsprung ergattern. Trotzdem war ich beeindruckt vom Vermögen Cool Cats und legte die letzten Zweifel an seinem Potential beiseite. Er hatte sich souverän bis ins Ziel dirigieren lassen und bis zum Schluss gekämpft, wie es sein soll. Ich streichelte stolz seinen Hals und liess ihn austraben. Von den Zweijährigen hatte diesmal wieder Kaythara die Nase vorn gehabt, was niemanden sonderlich überraschte. Die Stute hatte ausgezeichnetes Blut und schon jetzt viel Ausdauer.
      Wenig später brachten wir die Vollblüter zum Absatteln, während Ajith und Oliver bereits die zweite Gruppe bereit machten. Die Jockeys von vorhin ritten auch in dieser Runde alle wieder mit, nur ich nicht, also übernahmen Ajith und ich alle Pferde der ersten Gruppe zum Versorgen. Ich nahm Alyshebas Sattel vom Rücken des Hengstes und legte ihn auf Flys. So tauschten wir einer nach dem anderen alle Sättel. Ein Vorteil an den kleinen Rennsätteln war, dass sie praktisch auf jedes Pferd passten, also brauchten wir nicht für jeden ein eigenes Modell. Als Fly, Sympathy, Light, Caspian, Spot, Winter, Campina und Gray allesamt gesattelt waren, übernahmen die Jockeys sie der Liste entsprechend und ich wünschte allen viel Spass. Ich warf, zurück in der Stallgasse, die Abschwitzdecke über Frames Rücken und brachte den Hengst nach dem Hufeauskratzen in seine Box. Dasselbe taten Ajith und ich mit den anderen. Als Belohnung bekamen die Pferde immer nach dem Reiten ein paar Karotten oder einen Apfel.
      Während die zweite Gruppe am Trainieren war, misteten Ajith und ich schonmal die meisten Boxen. Danach half ich beim Versorgen der Pferde aus der zweiten und beim Satteln jener aus der dritten Gruppe. Es handelte sich um die letzte Gruppe für heute, mit Iskierka, Sunday, Stromer, Empire, Chiccory, Cantastor und Muskat. Die tragenden Stuten brachten wir gleich anschliessend auf die Weide, damit wir auch deren Boxen noch misten konnten, wobei uns diesmal Thomas und April noch halfen. April hängte die Zaunbänder um, damit der Weg zu den grossen Weiden seitlich begrenzt war. Als sie rief, öffnete ich die Boxen von Paint, Indiana und Caprice. Alle drei trabten die Stallgasse entlang raus auf den Schotterweg. Auch Pointless und Cassy drehten schon ungeduldig in der Box. Nur Blütenzauber schien irgendwie nicht mitbekommen zu haben, dass sie raus durfte. Sie durchwühlte weiterhin ihr Stroh nach letzten Heuhalmen, bis ich schliesslich schwungvoll die Tür aufschob und die Schwarzbraune rausschickte. Dann trabte auch sie den anderen hinterher. Wir verbrachten den restlichen Morgen mit Misten, Aufräumen und Füttern. Am Nachmittag waren dann die Pferde dran, um die sich die Neben-, Nord- und Offenstallpfleger noch nicht gekümmert hatten.
      8 März 2016
    • Occulta
      [​IMG] L-M

      Ich stand im Hauptstall und versorgte gerade das Sattelzeug von Coulee, als Quinn und Lewis angeschlendert kamen. „Coffee break?“, fragten beide im Chor, und lachten danach herzhaft. „Ihr seid kindisch. But of course“, gab ich zurück und folgte ihnen, sobald ich fertig war. Wir setzten uns in die Reiterstube in der Halle und machten Tee. Oliver stand an die Wand gelehnt neben der Vitrine mit den Pokalen und war vertieft in ein Fotoalbum. „What are you looking at?“, fragte ich neugierig, und schlicht mich an. Es war das Album von 2014. „Ahh, Winter. He looks gorgeous on that Pic”, bemerkte ich schwärmend. Ich hatte das Album gar nie richtig angeschaut, nur einmal überflogen. Rachel hatte es gemacht, mit den Fotos, die sie bei den zahlreichen Rennen geschossen hatte, an denen sie uns zugesehen hatte. Ich zog Oliver zum Tisch und wir legten das Album in die Mitte, damit die anderen es auch ansehen konnten. „Do you remember that one? It was so muddy, I’ve never had a race like that ever since!“, rief Quinn aufgeregt, auf ein Foto von Stromer deutend. Tatsächlich war der Hengst auf dem Bild kaum noch zu erkennen – er war vom Cremello zum Grauschimmel geworden. Doch Quinn jubelte auf dem Bild mit hochgestrecktem Arm und hatte ein breites Grinsen im Gesicht. „You won that race, right?“, wollte Ajith wissen. „No, we came in second, I think. But It was my first race with him and I was so happy because you know how difficult he used to be.” “Oh yes, I remember very well. Once he jumped into the rail because of a Bird”, bemerkte Oliver augenrollend. “But remarkable speed, once he was focused. And look at him now – he is just incredible for his lineage. His parents weren’t really that much of a promising combination, but he really surprised me.” Ich warf ein: “Just as Winter did. Remember? Your words were ‘that silly foal is never going to be something extraordinary’” “Who would have thought that? I only saw the colour and knew: that colt is more of a toy than a racehorse.” “Well, seems like your opinion changed quite a bit over these past few years”, lachte Quinn. “Yea… I have to admit that they seem to have kind of a talent.” Quinn stocherte nach. “And who was the one who desperately wanted to buy Sumerian? Don’t tell me she has none of that ‘toy like colour’!” Wir lachten alle und Oliver gab sich geschlagen. Dann blätterten wir weiter. „Oh look, these are from the autumn training on our old track!“, rief Rosie aus. “That was with Cantastor, Chiccory, Stromer, Paint and Blütenzauber, right?” “Yep. Pity we don’t race Canto anymore. He was always a pleasure to ride.” “Well now he’s comin’ up in eventing, so I’m not too sad about it. But I like to think back at these times. That was when they made huge progress at home and later succeeded in the annual Brighton Festival, right?” “Jup, except for Blüte, who had a bad start.” Wir diskutierten noch eine Weile weiter. Irgendwann fragte ich nachdenklich: “Today Spot managed to win against Light and Winter, with a nice distance between them. He was always quite fast, but since when does he have so much stamina?” “I guess it’s thanks to Olivers interval training. They did that yesterday again, while you were out with Anubis. Fly also stayed always very close to these three, I think they are pretty much on the same level now.” “That’s great. I can assume then that they are ready for Ascot next month?” “Yes, they should do fine. We will do even more intense training in the next few days and then give them a break after the race.” Ich nickte zufrieden und klatschte übermütig in die Hände. “I can’t wait to see them win!”
      30 Mai 2016
    • Occulta
      [​IMG] M-S

      “Straffer Zeitplan heute, bewegt euch Leute“, verkündete ich fröhlich, als ich den Hauptstall betrat. Die Pfleger wünschten mir einen guten Morgen und fingen sogleich emsig mit dem Füttern an. Wir hatten viel vor: Galopptraining, danach Springstunde mit den Jungpferden, anschliessend Military auf einer auswärtigen Trainingsstrecke. Ausserdem war heute Freitag und damit wie immer öffentliche Reitstunde um 19:00 Uhr. Bis dahin wollte ich den Hof aufgeräumt und sauber haben. Sheela sah mich mit erwartungsvollen, schwarzen Augen an. Ihre gelblichen Krokodilzähne wurden sichtbar, als sie bei meinem Blick zu hecheln begann. „What do ya want? You had your food.“ Sie verdrehte den Kopf nach hinten, denn in diesem Moment kam Jonas rein. Sie sprang ihm freudig entgegen, kehrte dann schwanzwedelnd in seiner Begleitung zu mir zurück. „Soll ich heute Artemis nehmen oder willst du ihn?“, fragte mich der Pfleger, in Bezug auf das Military Training. „Ach nimm du ihn, ich hab ja für diesen Monat Satine, und mit der mach ich eh auch mit.“ Er nickte zufrieden und fuhr mit seiner Arbeit fort. Ich holte Caligari aus ihrer Box um sie zu putzen. Die braune Stute mit dem weissen Gesicht hatte bereits seidig glänzendes Fell und bloss ein paar Strohhalme im Schweif, da Ajith sie am Vortag abends nochmal gründlich geputzt hatte. Das machte er manchmal einfach so aus Spass, wenn er nichts mehr zu tun hatte. Manchmal fragte ich mich, ob der dunkelhäutige Pfleger überhaupt ein Privatleben hatte. Mir kam sein Einsatz jedenfalls gerade gelegen. Ich bürstete den Schweif und die Mähne durch, kratzte die Hufe aus und bandagierte Cab’s Beine. Die Stute hob die Vorderbeine dauernd, sodass ich etwa viermal neu starten musste. Dafür hielt sie diesmal beim Satteln still. Ich schob ihr noch die Trense ins Maul, dann war ich fertig und führte sie hinaus. In der ersten Morgengruppe waren ausser uns noch Frame, Chiccory, Kaythara, Ciela und Coulee. Heute standen Kopf-an-Kopf Sprints an, also war das Training besonders anspruchsvoll. Cab arbeitete sich wie eine Dampflock Zentimeter um Zentimeter vor, doch immer wenn sie etwas nachliess, schloss Kaythara wieder zu ihr auf. Ich lobte April, die ihr Reittier hervorragend unter Kontrolle hatte. Auch Charly und Rita schlugen sich heute ausnahmsweise sehr gut: sie fegten nach uns mit Ciela und Coulee über die Bahn und blieben wie befohlen dicht beieinander. Mein Herz wurde warm als ich Coulee und Rita beobachtete. Die scheue Stute war in letzter Zeit schon viel offener geworden. Weil Rita noch nicht so erfahren als Jockey war, machte sie der Stute auch nicht so viel Druck, sodass sie sich optimal entfalten konnte. Es kam mir fast vor, als nehme Coulee die Aufgabe wahr, auf Rita aufpassen zu müssen. Dadurch war sie wohl zu beschäftigt um sich wie üblich zu verspannen oder vor harmlosen Dingen zu erschrecken. Jedenfalls lief Coulee erstaunlich schwungvoll und konstant für ihre bisherigen Verhältnisse. Ciela nahm Charly, der ebenfalls noch Anfänger war nicht ganz ernst; das erkannte ich daran, dass sie nicht richtig untertrat und immer wieder den Kopf runterzog, um ihm die Zügel zu klauen. Oliver hatte es bemerkt und rief ihm ein paar Tipps zu, bevor ich selbst den Mund aufmachen konnte. Ich nickte still und zufrieden, dann beobachtete ich Quinn mit Frame und Lily Parker, die auf Chiccory mal wieder eine tolle Figur machte.

      Gleich im Anschluss fand ein spannendes Trainingsrennen zwischen Sumerian und Cool Cat statt, das ich mir nicht entgehen lassen wollte. Ich versorgte Cab und ihr Zubehör, und hastete dann zur Bahn, wo auch schon Oliver, Lisa und Lewis standen. Quinn folgte hinter mir. Wir waren alle gespannt, welches von den zwei Rennpferden gewinnen würde, denn sie waren in den letzten Trainingseinheiten immer gleichauf gewesen. Cool Cat war innert kürzester Zeit in die höheren Rennklassen aufgestiegen und holte einen Sieg nach dem anderen. Hatte man mich ein halbes Jahr vorher gefragt, hätte ich das nicht für möglich gehalten. Der Hengst war schliesslich nur meine zweite Wahl gewesen, nachdem das Pferd das ich eigentlich gewollt hatte schon vergeben gewesen war! Nun brachte mich dieser Italienische Charmeur immer wieder zum Schmunzeln, weil er mit Leichtigkeit an den eigentlichen Favoriten vorbeizog. So auch heute: er schlug Sumerian knapp aber eindeutig mit einer halben Länge Vorsprung.

      Auch beim Training der Top-Pferde sah ich kurz zu, ehe ich meinen weiteren Aufgaben folgte. Hier lief seit neustem auch Caspian mit, der dank des harten Trainings mittlerweile in den höchstdotierten Rennen glänzte.
      31 Juli 2016
    • Occulta
      Heisse Gemüter

      Es waren zwei Wochen vergangen, seit Rosie die ‚Wilkinson Ranch‘, wie sie nun alle nannten, übernommen hatte. Rosie hatte sich eigentlich zuerst gegen den Namen gewehrt, doch am Ende siegte der Gruppendruck, indem die Pfleger etwas Geld für ein grosses Holzschild mit dem entsprechenden Schriftzug zusammengelegt hatten. Sie hatten die Nachricht von dem gelüfteten Geheimnis um Rosies Herkunft gar nicht so erstaunt wahrgenommen. Lisa hatte sogar steif und fest behauptet, sie habe die ganze Zeit über so etwas vermutet – was ihr natürlich keiner glaubte. Jedenfalls war Rosie mittlerweile täglich auf ihrer Ranch und schuftete ebenso viel wie die Arbeiter, die sie bestellt hatte. Auf Pineforest vermisste man sie inzwischen schon etwas. So erwischte ich zum Beispiel Oliver beim organisieren des Morgentrainings, ausnahmsweise auf Deutsch: „Quinn reitet statt Cool Cat Spotted Timeout, ich weiss nicht welche Idiot das wieder falsch eingetragen hat. Rosie kann Cat stattdessen übernehmen.“ „Ehmm Boss, Rosie is, ehh…“, meldete sich Thomas scheu. „Yes yes, fine. Ich kann mir auch nicht alles merken hier. Na gut, dann nimmt eben April Cool Cat.“ „But I already ride Caspian!“ „All of you – you drive me nuts! And just because of a certain lady that thinks that she can quit and leave all of a sudden – and a certain boss here doesn’t even stop her!“, rief Oliver aufgebracht aus. Alle schwiegen, bis er sich beruhigt hatte und fortfuhr. Ich wusste ganz genau, dass er es in Wirklichkeit einfach sehr bedauerte, dass Rosie nun nicht mehr 100% für Pineforest zur Verfügung stand. Aber geschäftsorientiert wie er war, versuchte er einfach darüber hinwegzusehen und weiterzumachen. „However. Rita, if I remember it correctly, you have no horse to ride in the first group, have you?“, fragte Oliver mit sarkastischer Stimme. Rita nickte unsicher. “Good. Then go get Cool Cat. All of you – move! Before I make you!” Ich sah ihn streng an, doch wenn er schlechte Laune hatte (was heute mehr als offensichtlich der Fall war) liess man ihn am besten einfach in Ruhe seinen Job machen. Ich begab mich zu Sundays Box. Viel zu lange hatte ich den Braunen nicht mehr im Training geritten, weil ich immer andere Pferde auf der Liste gehabt hatte. Doch diesen Monat waren wir endlich wieder zusammengewürfelt worden. Ich führte den braunen Hengst in die Stallgasse und stellte ihn zwischen Gleam of Light und Spotted Timeout. Dann begann ich wie immer damit, sein Fell gründlich durchzustriegeln. Heute wollte er anscheinend nicht besonders gekrault werden, denn er verzog weder die Lippe, noch legte er den Kopf schief, wie er es sonst so oft tat, wenn ich beim Widerrist angelangte. Ich zuckte mit den Schultern und machte weiter. Das Fell des Braunen war kurz und schimmerte schon nach wenigen Bürstenstrichen wieder wie frisch ein gesprayt. Auch der Schweif liess sich ohne grossen Widerstand kämmen. Ich sortierte ein paar Strohhalme aus dem ordentlich geschnittenen, schwarzen Langhaar heraus, dann ging ich zu den Hufen über. „Occu, can you have a quick look? Sumerian has a scratch…“, rief Thomas um die Ecke. Ich liess den Hufkratzer liegen und ging nachsehen, was er meinte. Innerlich betete ich: bitte nicht noch ein Pferd das verletzt ist! Es reicht schon, dass Winter und Iskierka den ganzen letzten Monat ausgefallen sind! Doch meine Sorge wurde gelockert als ich sah, dass es sich tatsächlich nur um eine oberflächliche Blessur am Sprunggelenk handelte. Vermutlich hatten die Stuten auf der Weide wieder miteinander gezickt. Trotzdem besprühte ich die Wunde mit etwas Silberspray, um die Fliegen und den Dreck fernzuhalten. Dann widmete ich mich wieder Sunday, der bereits ungeduldig scharrte. „Du kriegst nix, Kumpel. Erst nach der Arbeit“, stellte ich mit gehobenem Finger klar, aber natürlich nützte das nichts. Ich stupste ihn an und sagte deutlich „stop it“, woraufhin er tatsächlich aufhörte. Nun konnte ich bereits Satteln und zäumen. Die Anderen waren ähnlich weit, sodass wir alle etwa gleichzeitig das Gebäude verliessen und die Pferde zum Aufwärmen auf die Galoppbahn ritten. Hier blieben wir erstmal fünf Minuten im Schritt, danach folgte zehn Minuten lockerer Trab und schliesslich begaben wir uns zur Rennbahn. Einer nach dem anderen wurde in die Startboxen geführt. Bei dieser Gruppe fand das Training eigentlich bloss noch zur Erhaltung, nicht mehr zum Neuaufbau von Muskeln statt. Diese Pferde waren schon so gut ausgebildet und durchtrainiert, dass man gar nicht mehr viel steigern konnte. Deshalb erlaubten wir uns mit ihnen auch öfter spassige Ausritte anstelle anstrengenden Trainings. Während den ausgiebigen Galopps im Gelände oder dem Schwimmen im Bach wurden die Muskeln schliesslich auch fit gehalten. Trotz des zum Teil jahrelangen Trainings hatte aber immer noch der ein oder andere unangenehme Macken, an denen wir wohl doch noch bis zum Ende der Rennkarriere feilen mussten. Beispielsweise zeigte sich mein Sunday wieder von seiner besten Seite: Ajith wollte ihn wohl für seinen Geschmack etwas zu hastig in die Startmaschine führen, sodass der Versuch damit endete, dass der Hengst stieg und sich beinahe den Kopf anstiess. „Dass du immer gleich Männchen-machen musst, sobald dir etwas nicht passt“, tadelte ich laut, zum Vergnügen der anderen Jockeys. Beim zweiten Versuch klappte es, indem Ajith dem Hengst genug Zeit gab, sich alles anzusehen. Als hätte er es nicht schon 1000 mal gesehen… Aber auch Sumerian hatte mal wieder nen Zickenanfall, und das ausgerechnet beim Start. Anstatt anständig abzudrücken, schoss sie aus der Box und keifte Campina an, die prompt erschrak und einen Seitensprung gegen Cool Cat machte, der durch den Zusammenprall wiederum beinahe stürzte. Wir brachen ab und bremsten die Pferde. Oliver schüttelte genervt den Kopf. „Thomas, what was that? Weren’t you supposed to control your horse? Instead you are dreaming again! I saw that coming since you entered the box!” Und warum hast du dann nichts gesagt? Diese Frage stand Tom förmlich ins Gesicht geschrieben, doch er wollte nicht noch mehr Ärger provozieren und murmelte bloss „sorry Oliver“. Ich war froh, dass er sich unter Kontrolle behielt, denn er zählte normalerweise auch zu den eher heisseren Gemütern auf dem Hof. Eine Meinungsverschiedenheit zwischen den beiden wollte ich nicht erleben.

      Beim zweiten Anlauf klappte es: Sumerian musste ganz aussen Starten und Tom hielt die Zügel straff genug, dass er sofort reagieren konnte, falls die Stute erneut den Kopf drehen wollte. Die Klappen flogen auf und die Pferde sprangen los. Ich krallte mich in Sundays Mähne fest, als der Hengst mit ein paar gewaltigen Galoppsprüngen beschleunigte. Zu sehr liess ich ihn aber noch nicht vor, denn die Kraft musste er sich für den Finish sparen. In jedem Trainingsrennen achteten wir auf dieselben Spielregeln wie bei einem richtigen Rennen, damit sich die Pferde an den Ablauf gewöhnten und später besser kontrollierbar waren, wenn es mal drauf ankam. Wir blieben alle dicht beieinander bis wir eine ganze Runde um die Bahn durchritten hatten, dann folgte die letzte Gerade. Aus der Kurve heraus liess ich Sunday ziehen. Dicht neben mir gab auch Parker Light den Kopf frei. Ich konzentrierte mich so sehr auf diese Seite der Bahn, dass ich nicht bemerkte, wie Cool Cat auf der anderen überholte. Als ich wieder nach vorne sah, sah ich seinen Schweif direkt vor uns wehen und erkannte, dass Rita uns blockieren wollte. Ich zog Sunday auf eine Bahn weiter aussen und duckte mich tief in seine Mähne, doch den Abstand konnte ich in der kurzen Zeit bis zur Zielmarkierung nicht mehr wettmachen. Light konnte sich noch etwas weiter vorschieben, also kamen wir als dritte ins Ziel. „Not bad Rita, it was clever to block Occu and Sunday. But if you try this over a longer distance you probably won’t come away so easily. They were already catching up again and Cat lost all his power during that sprint”, wertete Oliver kurz darauf beim Abkühlen aus. “Sumerian and Spot have to start the final run earlier; they have enough strength to do that. And Campina plus Caspian need a little bit more condition.”

      Wir brachten die erste Gruppe in den Freilauftrainer, damit sie noch etwas länger Schritt laufen konnten. Dann holten wir die nächsten sechs Kandidaten: Chiccory, Winter, Iskierka, Painting Shadows, Sympathy und Shades of Gray. Mein Liebling Winter und Zicke Iskierka liefen wegen besagtem Trainingsrückstand hier mit. Winter hatte sich auf der Koppel bei einem Gerangel mit Neuankömmling Rosenprinz eine üble Schramme am Vorderbein zugezogen, durch die er einige Tage etwas unsauber lief. Ich gab ihm daraufhin gleich einen ganzen Monat Pause, denn Beinverletzungen waren bei den Rennpferden immer heikel. Iskierka hingegen hatte erhöhte Temperatur und Nasenausfluss gehabt, vermutlich eine leichte Grippe, die sie sich bei einem Handicap in London eingefangen hatte. Ärgerlich – aber jetzt ging es ihr dank der führsorglichen Pflege von Ajith wieder gut. Sie hatte uns allen richtig Sorgen gemacht, denn sie war so aussergewöhnlich lieb und ruhig gewesen. Ich musste jetzt noch schmunzeln, obwohl es ja eigentlich nicht lustig gewesen war. Sympathy wurde wie versprochen vorsichtig wieder hochtrainiert, jetzt da ihr Fohlen entwöhnt war. Sie machte sich besser als ich gedacht hatte und kam langsam aber sicher zu ihrer alten Form zurück. Trotzdem war es mit dem ganzen Trainingsverlust und in ihrem Alter nicht mehr ganz so einfach, mit den jungen Fliegengewichten mitzuhalten, die jetzt immer mehr aufstiegen. Paint war schlicht und ergreifend in dieser Gruppe dabei, damit überall etwa gleich viele Pferde liefen. Das Trainingsrennen entschied Gray für sich, und bewies mir damit, dass sie reif für die geplanten Einsätze am Wochenende war.

      Die letzte Gruppe bestand aus den Jungspunden Caligari, Kaythara, Ciela, Cassiopeia, Pointless und Framed in History. Wir bereiteten sie vor, während die vorherige Gruppe in die Führanlage kam; ausser Iskierka – die durfte unter’s Solarium, was sie sichtlich genoss. Cassy war bei weitem noch die pummeligste, denn sie hatte ja auch als eine der letzten abgefohlt. Auch ihre Kondition liess etwas zu wünschen übrig, sodass sie heute als abgeschlagene Letzte ins Ziel bretterte. Kaythara hingegen hatte ein absolutes Formhoch und gewann mit unglaublichen vier Längen Vorsprung und einem neuen persönlichen Bahnrekord. Und dann war da noch Pointless. Sie ging nicht zuletzt durchs Ziel, aber ihre Leistung war nicht gerade schön anzusehen gewesen. Schon bei der Startbox hatte das Gezanke wieder angefangen, und die darauffolgenden 500 Meter waren für mich, die sie abgesehen von Oliver als einzige reiten durfte, ein unangenehmer Kampf gewesen. Doch danach hatte die Stute der Ehrgeiz gepackt; anders konnte ich es mir nicht erklären. Sie hatte die Ohren nach hinten geklappt und sich plötzlich gestreckt, als würde sie verfolgt werden. So waren wir mit dem für ihren Trainings(rück)stand unglaublichen vierten Platz durchgekommen. Doch kaum wollte ich sie bremsen, war alles wieder beim alten: sie schüttelte den Kopf, schlug unwillig mit dem Schweif und stampfte unzufrieden, sobald ich sie in den Schritt gebremst hatte. Oliver war erstaunlich zuversichtlich: „I think it was much better than last time. The foal-break was definitely the right thing to do with her.” Ich nickte nur und dachte insgeheim: das lässt sich leicht sagen, wenn man nicht selber oben sitzt. Wir versorgten auch diese Gruppe. Es wurde jetzt langsam warm, denn es war bereits acht Uhr morgens.

      Am Abend schickte ich dann Coulee zusammen mit Rosenprinz auf die Bahn. Quinn und Parker ritten die beiden. Ich hatte das Gefühl, dass Coulee durch Quicks Anwesenheit viel ruhiger und selbstbewusster war. Die beiden waren quasi zusammen aufgewachsen und hatten sich anscheinend furchtbar vermisst. Jedenfalls grunzte Coulee dem hübschen Falben bei jeder Gelegenheit zu, und meist bekam sie auch eine Antwort. Coulee war auch auf der Bahn wie ausgewechselt, seit Quick mit ihr trainierte. Sie hatte wieder mehr Ehrgeiz, mehr noch, als nach meinen unzähligen Motivierungsversuchen. Ich war sichtig glücklich, wenn ich den beiden zusah. Das einzige, was meine Stimmung noch immer trübte, war die ehemalige Box von Stromer. Caspian stand jetzt darin – überhaupt hatten wir die Boxenordnung etwas umgestellt, weil in Zukunft Cantastor, Empire, Fly Fast, Fajir und Muskat bei Rosie untergebracht werden würden. Sie gehörten noch immer mir, aber sie durften aus praktischen Gründen dorthin ziehen. Fly ging auf Wunsch von Rosie mit, denn er war immer schon ihr Liebling gewesen.

      Ich sah noch rasch nach Mikke und Indiana. Die beiden waren ausgeritten worden und machten einen zufriedenen Eindruck. Den ‚Verlust‘ ihrer Fohlen hatten sie wohl einigermassen überstanden. Auch Dublin war heute nicht mitgelaufen, wie schon die letzten paar Wochen. Grund dafür war, dass sie ein Fohlen von Sacramento erwartete und ich ihr das Training langsam nicht mehr zumuten wollte. Zufrieden löschte ich das Licht um zehn Uhr und verschwand ins Haus.
      25 Aug. 2016
    • Occulta
      [​IMG] S-S*


      “Occu, Paint has remarkably improved in both speed and strength. I almost believe she was never better“, überlegte Oliver laut. „Guess you’re right. See, back then I told you it would be too early to retire her just because of that weak leg.“ „Das geht nicht, ein Rennpferd kann kein Comeback nach Beinproblemen haben. Das ist einfach nicht möglich“, hatten sie gesagt. „Sie wird nie mehr dieselben Leistungen bringen wie zuvor.“ Ich sah in die eisblauen Augen der Stute. Ihr Blick war kein bisschen müde oder ausgebrannt, sondern entschlossen wie eh und jeh. Sie zuckte gelangweilt mit der Unterlippe und stampfte zwischendurch ungeduldig. Ihre Vorderbeine waren schlank und wohlgeformt, die Sehnen frei von Knubbeln und schön strukturiert. Defying the odds? Challenge accepted. „It was mainly your hard training, that made this possible.“ Oliver klopfte mir auf die Schulter und meinte scherzend: „Of course. She’s one of my favourite athletes – those are the ones, who suffer the most.“ Ich grinste und klopfte der Stute Mitleidvoll auf den Hals. „You’re gonna ride her by your self today, right?“, fragte Oliver, die Antwort bereits kennend. „Schau, dass du sie wirklich forderst, sie darf ruhig an ihr Konditionslimit kommen. Wir müssen sie weiterhin hart rannehmen, damit sie trotz ihres zunehmenden Alters mit den Jungspunden mithalten kann.“ Ich nickte, erstaunt, dass er sich die Mühe machte auf Deutsch mit mir zu reden. „You wanna practise your language skills or what? I can speak perfect English u know”, neckte ich ihn. Wir lachten und ich wandte mich wieder Painting Shadows zu. „Alright baby, we’ll do this.“, sagte ich leise und liebevoll zu ihr. Ich striegelte und bürstete sie gründlich; auch am Bauch, wo sie etwas kitzlig war. Das Langhaar pflegte ich, bis man mit den Fingern ohne hängenzubleiben hindurchfahren konnte und es wieder seidig glänzte. Die paar weissen Strähnen die sie im Schweif hatte, sahen ein wenig aus wie altersbedingte Grauheit, aber irgendwie passten sie doch ganz gut ins Gesamtbild der jungen Stute. Sie liess mich ihre Hufe ohne Probleme auskratzen und hielt auch still, als ich ihre Nüstern mit dem Schwamm reinigte. Obwohl es erst halb sechs Uhr war, fühlte ich mich fit und wach nach unserem Entscheid. Auch Paint war es gewohnt, früh aufzustehen und dafür über den Mittag noch ein wenig zu dösen, wie es die allermeisten meiner Vollblüter taten. Ich massierte die Schulter des nachtfarbenen Vollbluts, um allfällige Verspannungen zu lösen und es fit für die bevorstehende Anstrengung zu machen. Die intelligente Stute drehte den Kopf und zeigte mir mit der Schnauze, dass eine Stelle am Vorderbein sie juckte. Ich kratzte und knetete; die Stute verzog genüsslich die Oberlippe. Ich prüfte auch gleich, ob ihre Hufe schön kühl und die Strukturen alle intakt waren. Dann bandagierte ich alle vier Beine mit Paints anthrazitfarbenen Bandagen, sodass sie schön gleichmässig und fast wie aufgemalt aussahen. Ich fand, dass sie ihr äusserst gut standen, doch in erster Linie dienten sie natürlich dem Schutz der Beine. Im Training trugen die meisten der Rennpferde Bandagen, mit Ausnahme derjenigen, die sie nicht mochten und dadurch abgelenkt wurden. Nun holte ich Paints Sattel und Zaumzeug. Es war ziemlich neblig draussen wegen der hohen Luftfeuchtigkeit und wegen des nahen Flusses. Auch kam es mir heute Morgen zum ersten Mal wieder richtig frisch vor, sodass ich beschloss, die Nierendecke mitzunehmen. Als erstes legte ich das Gelpad auf Paints Rücken. Dann warf die königsblaue Decke darüber, darauf achtend, dass nichts verrutschte. Ich zupfte sie zurecht, dann legte ich den Trainingssattel auf, der etwas schwerer und stabiler als der richtige Rennsattel war. Ich befestigte den elastischen Gurt auf der rechten Seite und legte dann von links her die Schaumstoffunterlage darunter, ehe ich den Gurt anzog. Nun folgte der Übergurt, der ein Verrutschen des Sattels verhinderte. Er wurde ordentlich über die Mitte des Sattels und den ersten Gurt gelegt, sodass man von aussen fast nicht sah, dass zwei elastische Bänder vorhanden waren. Nun legte ich noch den Lederriemen um ihren Hals, an dem ich mich beim Start und zwischendurch festhalten konnte. Ich holte meinen Helm und die Jockeybrille und kleidete mich damit ein, bevor ich Paint zäumte und rausführte. In unserer Gruppe waren auch Iskierka und Winter, die nach ihren Wehwehchen wieder voll einsatzfähig waren; ausserdem Sympathy of the Devil, Coulee, Rosenprinz und Pointless. Rosenprinz war nur dabei zum Konditionsaufbau für seine Military Karriere, von ihm erwartete ich keine Bestzeiten. Wir stiegen alle auf und folgten Lisa und Moon, die heute als Trackpony im Einsatz war, zur Bahn. Beim Galoppweg bogen wir ab und trabten an. Zunächst wärmten wir die Vollblüter auf einer ganzen Runde im Trab auf, allen voran ging wieder Moon. Dann folgte eine Runde flotter, aber kontrollierter Canter auf der richtigen Rennbahn, wobei wir in Zweiergruppen nebeneinander blieben. Es war auch eine Gehorsamkeitsübung für die Pferde, die wohl am liebsten einfach im Renngalopp davongeschossen wären. Moon war inzwischen wieder verschwunden – Lisa und sie gingen heute noch ins Gelände. Wir formierten uns nun, noch immer im Galopp, zu einer Front, bis alle etwa auf gleicher Höhe waren. Ein ‚freier Start‘. Auf Olivers Kommando hin, der neben der Null-Marke der Bahn stand, starteten wir das Trainingsrennen. Es ging weniger darum, wer dabei gewann, sondern vielmehr um die individuellen Intervallziele der einzelnen Pferde. Wir ritten in einem ordentlichen Grundtempo und bauten alle paar Hundert Meter Sprints ein, die die Vollblüter in einer gewissen Zeit durchlaufen mussten. Kontrollieren taten wir das mit Gefühl und mit Armbandstoppuhren. Über die letzten zwei furlongs, also 400 Meter, wurde nochmal alles gegeben, wobei es auch hier eine Mindestzeit gab, die wir einzuhalten versuchten. Gemäss dem aktuellen Trainingsstand kam Iskierka als erste durchs Ziel. Danach folgten Winter und Paint. Pointless war mal wieder am rumzicken, schaffte es aber trotzdem, vor Devil im Ziel zu sein. Potential hatte sie eben doch genug, nur an der Einstellung mussten wir arbeiten. Devil war noch immer rasch ausser Puste und hatte ordentlich geschwitzt, trotz der kühlen Temperaturen. Von Coulees Leistung war ich begeistert, denn die Stute hatte sich deutlich gesteigert, was für mich bedeutete, dass sie sich wieder zunehmend wohler fühlte auf der Bahn. Rosenprinz trudelte als letzter ein, hatte aber seine Leistung bestens erfüllt. Wir trabten die Pferde aus und ritten zum Hauptstall zurück. Der Nebel war verschwunden und die Morgensonne begann damit, die frische Luft langsam aufzuwärmen. Es war erst halb sieben, aber die Natur erwachte bereits in allen Ecken des Hofes. Es würde bestimmt wieder ein schöner Tag werden. Wir sattelten die Pferde ab und übergaben die Ausrüstung gleich der nächsten Gruppe, die schon in der Stallgasse blitzblank geputzt bereitstand. Ich ritt bei denen nicht mit, aber musste Coach spielen, weil Oliver diesmal im Sattel von Frame mit dabei war. Ausser Ihm waren noch Spotted Timeout, Chiccory, Shades of Gray, Cassiopeia und Sumerian mit dabei. „Die Nicht-Invalidengruppe“, scherzte Jonas, der Trackpony Calico ritt. Wir setzten jetzt wieder mehr auf die ‚Ponys‘, weil es gerade die Jungpferde deutlich beruhigte und einfach praktisch war. Ich folgte der Gruppe, die im Gänsemarsch zum Galoppweg ritt, nachdem ich Paint wie die anderen in die Führanlage zum Auskühlen gebracht hatte. Während sie sich eintrabten, plauderte ich mit Ajith, der es ebenfalls liebte, seinen Schützlingen beim Training zuzusehen. Er hatte während der ersten Trainingseinheit die meisten der neuen Pferde geputzt. Ohne ihn lief hier gar nichts. Das Training der zweiten Gruppe verlief reibungslos. Ich war immer froh, wenn alles so gut klappte, denn im Hinterkopf hatte ich immer die Bilder von stürzenden Pferden und wüsten Beinverletzungen. Der Rennsport war ein Risiko, das konnte niemand bestreiten. Aber Pineforest war bisher von solch dramatischen Bildern verschont geblieben, was sicherlich auch mit unseren sorgfältigen Trainingsmethoden zu tun hatte. So legten wir beispielsweise grossen Wert darauf, dass die Jungen Pferde genügend Muskeln aufgebaut hatten, bevor sie in höheren Rennen starteten, auch wenn sie die nötigen Geschwindigkeiten schon erreichten. Auch das Skelett und das gesunde Wachstum waren mir sehr wichtig, weshalb Tierärzte und Osteopaten regelmässig zu Routineuntersuchungen bestellt wurden. Mein Ziel war es nicht, möglichst viele Erfolge in kurzer Zeit zu erzielen, sondern vielmehr kontinuierlich ein ganzes langes Pferdeleben hindurch gute Leistungen zu sehen. Daher wurden Pineforests Rennpferde auch öfter Dressur geritten als andere – nämlich um die Grundlage für später und eine solide Ausbildung trotz Rennkarriere aufzubauen.

      Sumerian stach heute besonders hervor. Das Kraftpaket von Stute war mittlerweile so gut, dass Oliver und ich beschlossen, sie wie Caspian und Cool Cat in den höchstdotierten Rennen starten zu lassen. Mit ihren geschmeidigen, raumgreifenden Galoppsprüngen schien sie spielend leicht den Abstand zwischen sich und den anderen zu vergrössern. Nach dem Training lobte ich April dafür, dass sie Sumerian heute so gut geritten hatte. Auch diese Pferde wurden noch im Führkarussell abgekühlt, Cassy und Chiccory durften danach ausserdem unter die beiden Solarien.
      31 Aug. 2016
    • Occulta
      Moonlight Shadows

      Draussen war alles noch dunkel und still. Nebel lag bedrückend dicht über den Feldern und um die Gebäude von Pineforest Stable. Doch ich mochte diese Stimmung, sehr sogar. Es war als loyale Teil-Engländerin wohl mein ideales Klima. Ich hatte mich nie irgendwo mehr zuhause gefühlt als hier, auf diesem Hof mit meinen Pferden. Ein bisschen fröstelte es mich dann aber doch, als ich zum Hauptstall lief. Ich versteckte mein Gesicht in meinem Schal und rieb mir die Hände, bevor ich nach dem kalten Tor griff und es aufschob. Ich betätigte den Lichtschalter und lief zuallererst mit prüfendem Blick durch den Stall, um abzuchecken, ob die Pferde munter waren. Dabei hatte ich ein besonderes Ziel: Dublins Box. In ihr wartete nebst der Scheckstute eine wackelige, schwarze Gestalt, die gerade gierig nach der Milchbar suchte. Daedra war erst wenige Tage alt und trug eine warme Fohlendecke, damit sie einen Schutz gegen die Kälte hatte. Ihr kurzes, flauschiges Fohlenfell war da nämlich noch nicht besonders hilfreich. Liebevoll betrachtete ich die gekrümmten Tasthaare an ihrer Schnauze und die grossen Ohren. Die kleine stammte von Sacramento ab, wodurch sie zwei tolle Blutlinien vereinte. Sie hatte sicherlich eine grosse Zukunft vor sich. Ich lief weiter an den nächsten Pferden vorbei. Bei Pointless‘ leerer Box blieb ich abermals stehen. Sie fehlt mir sehr. Trotz allem Ärger den sie mir bereitet hat, haben wir doch viel zusammen erlebt und ich wollte ihr eine Chance geben. Ich bin gescheitert… Ich unterdrückte den Kloss, der sich in meinem Hals zu bilden drohte und setzte meinen Rundgang fort. Bisher hatte ich es nicht über mich gebracht, die Box von Pointless neu zu besetzen, doch das würde sich heute ändern. Denn heute wollten wir die zweijährigen Nachwuchsrennpferde in den Hauptstall bringen. Sechs Stück waren es, die von diesem Tag an den Ernst des Lebens kennenlernen mussten. Doch erstmal verlangten die bereits durchtrainierten Vollblüter meine Aufmerksamkeit. Die ersten Pfleger trudelten im Hauptstall ein und wir begannen mit den Stallarbeiten. Die erste Gruppe fürs Training machte sich bereit, bestehend aus Campina, Fly Fast, Sunday Morning, Spotted Timeout, Shades of Gray, Gleam of Light und Caspian. Wir hatten die Gruppenzusammensetzung erst gestern wieder den momentanen Rennleistungen der einzelnen Pferde angepasst und diskutiert, wer wo mitlaufen musste. Sympathy for the Devil, Iskierka, Coulee, Chiccory, A Winter’s Day, Painting Shadows und Cassiopeia bildeten die zweite Gruppe. Die Dreijährigen folgten in der dritten Gruppe, bestehend aus Sumerian, Framed in History, One Cool Cat, Cabinet of Caligari, Kaythara und Captured in Time. Nachdem alle drei Gruppen durch waren (ich selbst durfte immernoch nicht mitmachen, wegen meiner Rippen), war es endlich soweit. Ich liess es mir nicht nehmen, den nicht mehr ganz so kleinen Merino selbst hinauf in seine neue Box zu führen. Auf dem Weg zu den Weiden wechselte ich einen Blick mit Jonas, der im Nebenstall Heu verteilte. „Guten Morgen, Occu“, murmelte er lächelnd, und ich wusste genau, was ihn beschäftigte. Ich hatte ihm noch immer keine Antwort gegeben. Ich zögerte es seit Tagen hinaus und ging ihm aus dem Weg, weil ich mir immer noch nicht sicher war. Ich erwiderte seinen Gruss und stolperte dann rasch weiter, um den Anschluss zu den Pflegern nicht zu verpassen. Ajith schnappte sich Miss Moneypenny, Quinn übernahm Primo Viktoria und Parker fing Riven ein. Bevor die Jungstuten wussten, wie ihnen geschah, wurden sie aus der Weide geführt. Sie kannten die Prozedur, denn wir waren oft genug mit einzelnen Jungpferden aus der Gruppe spazieren gegangen. Trotzdem wieherte Dolly aufgeregt, während Shira, Thalia und Counterfire ihren Kolleginnen aufgeregt neben dem Zaun folgten. Ich beobachtete die Fohlen wie in Trance, dann konzentrierte ich mich wieder auf meine eigene Aufgabe – Merino. Die Junghengste hatten die Aufregung natürlich mitbekommen und waren nun ebenfalls etwas aufgewühlt. Sie bewegten sich dynamisch, sodass ich mir einen Moment lang Sorgen um klein Mambo machte, der als jüngstes Gruppenmitglied oftmals rücksichtslos angerempelt wurde. Wir beeilten uns mit dem Einfangen. Ich ging mit Merino voraus; hinter uns folgten April mit Simba Twist und Charly mit Bring me to Life. Die sechs bezogen ihre neuen Boxen und brauchten erstmal einen Moment um zur Ruhe zu kommen als sie realisierten, dass dies kein Spaziergang war.

      Ich kümmerte mich inzwischen um den ersten Neuzugang, der heute ankam. Es handelte sich um eine Vollblutstute namens Amira, die ich von Verena O’Connor gekauft hatte. Eigentlich hätte sie schon früher zusammen mit Yoomee ankommen sollen, doch sie wurde, warum auch immer, länger in der Quarantäne gehalten. Jetzt hatte sie jedenfalls endlich grünes Licht bekommen und stürmte aus dem Transporter auf den sicheren Boden. Offenbar hatte sie den langen Flug und den Transport bis hierher nicht sonderlich gemocht. Ich prüfte ihre Beine auf Verletzungen und bedankte mich bei Hans, der die kleine vom Flughafen her zu uns gebracht hatte. Die immer noch aufgeregten Stutfohlen waren natürlich gleich wieder voller Bewegung, als ich ihnen den Neuankömmling brachte. Ich beobachtete die Gruppe eine Weile, für den Fall, dass es Schwierigkeiten gab, doch wie immer beliessen die Zicken es bei ein paar Quietschern und Drohgebärden. Amira hatte jedenfalls keine Probleme sich unterzuordnen und so blieb die Atmosphäre friedlich. Ich seufzte erleichtert und begab mich zurück zum Hauptstall. Es war Zeit, mit Empire State of Mind rauszugehen. Ich hatte mir vorgenommen, mit dem Schimmelhengst heute einen ausgiebigen Herbstwald-Galopp zu machen. Also holte ich ihn raus und putzte ihn gründlich. Er mutierte langsam zu einem Teddybär, doch noch war es zu früh für eine Schur. Ausnahmsweise hatte das Schimmeltier mal keinen gelben Fleck, was mich sehr freute. Ich nahm mir Zeit beim Kämmen des gelblichen Schweifes und nahm mir vor, diesen bald einmal zu waschen, damit er wieder etwas weisser wurde. Ich sattelte und zäumte den Hengst, dann machten wir uns auf den Weg. Wenige Minuten vor uns war eine Gruppe mit Mikke, Indiana, Cantastor und Rosenprinz aufgebrochen, doch ich hatte nicht unnötig stressen wollen und ging deshalb gerne alleine. Ganz alleine bin ich ja sowieso nicht, dachte ich schmunzelnd und klopfte Empire liebevoll auf den Hals. Die Blätter raschelten bei jedem von Empires Schritten im Laubwald hinter der Wilkinson Farm. Ich hatte Rosie auf dem Farmgelände nicht gesehen, war mir aber sicher, dass sie um diese Zeit auch irgendwo im Gelände unterwegs sein musste. Und tatsächlich: wenig später trafen wir auf sie und Bintu. Der feurige Araber tänzelte herausfordernd, als er Empire sah. Ich achtete stets auf das Ohrenspiel meines Schimmels, als ich mich den beiden näherte. „Hi Rosie! It’s been a while.“ „Yes, sure has. Everyone’s doing fine at Pineforest?“ “Except for Pointless… yep.” “Ahh… I heard of it. I’m very sorry.” “It’s alright, ‘the show must go on’, haha. Are you busy working with Farasha?” “I am currently only lunging her to get her some new muscles. I don’t think it would be wise to ride her already, would you agree?” “Absolutely. Give her enough time and she will be just fine.” “Oh, and there’s something else - she’s gained a bit of weight, so I will let the vet check her again soon…” “You think she was already pregnant again when you bought her?” “It’s very likely. Tough it’s strange that nobody mentioned it to me – maybe it was an accident and they didn’t even know.” “Or maybe you’re just over-feeding her?”, schlug ich grinsend vor. “No, but seriously – checking her sure is a good thing.” Empire wurde langsam ungeduldig, und auch Bintu konnte kaum stillstehen. Also verabschiedeten wir uns und führten unsere Wege fort. Nach den versprochenen Galopps kehrte ich mit Empire zurück auf meinen eigenen Hof und sattelte ihn ab. Er hatte ein wenig geschwitzt, also bürstete ich ihn gut durch und ging sicher, dass er trocken war, bevor ich ihn ganz wegräumte.

      Gegen Mittag begrüsste ich mein neues Criollo Fohlen, ein Dunkelfuchs namens el Alba Ardiente. Er war ein interessanter zukünftiger Hengstanwärter, denn er hatte gute Abstammung und einen korrekten Körperbau. Besonders seine Beinstellung war makellos und vielversprechend. Nachdem ich ihn mit den anderen Hengstfohlen bekanntgemacht hatte, kümmerte ich mich um die Minis. Miss Mini Dakota und Chocolate Chip sahen sofort auf, als ich die Weide betrat. Seit Alufolie weg war, hatte Daki wieder die Herdenführung übernommen, und Chip war ihr dauernd auf den Fersen, um ihr den Posten streitig zu machen. Ich streichelte die beiden zur Begrüssung, ehe ich von sämtlichen Ponys umzingelt wurde. In solchen Momenten fragte ich mich, ob wir in Zukunft nicht doch lieber ganz auf das Müsli zum reinlocken am Abend verzichten sollten. Die Ponys wussten jedenfalls ganz klar, dass Ich einer der bediensteten Futterspender war. Ich hörte ein Bellen, dann rief meine kleine Nichte nach mir. „Ach ja, es ist ja schon Mittag!“, rief ich überrascht und verstrubbelte Jackys Fell. Die Hündin war zusammen mit Sheela den ganzen Weg vorausgeeilt, während Zira brav bei Lily blieb. Ein Wunder, dass die sonst so Kinderscheue Hündin Lily vertraut, stellte ich zufrieden fest. Aber ich schätze sie hat sich mittlerweile einfach an sie gewöhnt. Wir verschwanden im Haus und machten uns je ein Sandwich, welches wir auf Lilys Vorschlag hin mit zu den Minis nahmen und unterwegs verspeisten. „Du musst es gegessen haben, bevor du die Weide betrittst! Sonst wirst du totgetrampelt“, warte mich das Mädchen. Ich lachte amüsiert und genoss jeden Bissen. Nach dem Essen half mir Lily bei der Fellpflege der neuen Shetty-Stute Snottles Peppermint. Das Shetty hatte mir einfach auf den ersten Blick gefallen, und das obwohl ich eigentlich kein Shetty-Fan war. Zum Glück stach sie unter den Minis nicht allzu sehr hervor. Aber ihre zottelige Mähne war nur schwer zu bezwingen, besonders mit all dem getrockneten Schlamm, der sich darin verfangen hatte. Andererseits sahen Rapunzel und Tigrotto auch nicht gerade wie Engel aus. Um die beiden kümmerten wir uns im Anschluss. Tic-Tac und Kicks-a-Lot konnten es nicht lassen, immer wieder zu uns hinzukommen um an unseren Jacken herumzuziehen. Zu allem Überfluss beobachtete Dressy Miss Allegra das Spiel der beiden Halbstarken aufmerksam, und ich sah es förmlich in ihrem Kopf rattern. Bestimmt würde sie die beiden früher oder später nachahmen. Die Jungen Pferdchen hatten eben nichts als Flausen im Kopf. „Genau wie du“, tadelte ich Lily künstlich. Sie lachte und warf mir ein paar Blätter an. „Bald ist Halloween! Verkleiden wir eines der Ponys? Biiiitteee!“ Ich stimmte seufzend zu und versuchte mir Papillon d’Obscurité als Zombiepferd vorzustellen. Der Gedanke war äusserst witzig, wenn man bedachte, dass die Stute solchen Spielereien eher nüchtern gegenüberstand, besonders wenn Kinder involviert waren. Silhouette of a Rose passte da schon viel besser, wobei ich sie aber eher als Barbiepferd vor meinem inneren Auge sah, genau wie Lady Diva. „Aus Daki lässt sich bestimmt ein tolles Geisterpony machen“, überlegte Lily laut. Wir schmiedeten noch etwas weiter Verkleidungspläne, ehe wir zu den Mini-Hengstchen wechselten. Beck’s Experience, Glenns Caress, Arctic Blue und Nachtfalke kannten keine Scham wenn es darum ging sich einzusauen. Einzig Rumpelstielzchen, der wohl noch nicht lange genug dabei war um angesteckt zu werden, war gnädig mit Lily und mir gewesen. Die anderen mussten wir insgesamt über eine Stunde lang sauber bürsten. Irgendwann legte ich den Striegel beiseite und sagte zu Lily: „Wir lassen es für heute gut sein, morgen sehen die eh wieder genau gleich aus. Ausserdem reicht es sonst nicht mehr um mit dem Zebra zu arbeiten.“ Lily liess sich das nicht zweimal sagen und sprang sofort auf. „Ich geh schon mal voraus, räum du das Putzzeug weg!“ „Danke“, stiess ich empört aus, aber sie war bereits auf dem Weg, gefolgt von Sheela und Jacky. Zira blieb diesmal mir treu. „Du bist wohl immer da, wo die anderen zwei gerade fehlen, hmm?“, murmelte ich belustigt.

      Die Arbeit mit Thairu war heute unspektakulär, denn wir machten nur einen Spaziergang mit ihr. „Siehst du, wie grumpy sie ist? Da willst du dich im Moment nicht draufsetzen, glaub mir“, erklärte ich der enttäuschten Lily während dem Laufen. Ich betrachtete das Zebra, während es neben mir her schlurfte. Bist du krank, oder was ist los? Etwas Sorgen bereitete sie mir schon, andererseits waren keine Krankheitssymptome sichtbar. Vermutlich hat sie einfach einen schlechten Tag, überlegte ich schulterzuckend. Wir waren in zügigem Tempo unterwegs, denn ich musste gleich im Anschluss nochmals zwei Jährlinge abholen gehen. Das Besondere dabei war, dass beide Abkömmlinge meines geliebten Stromers waren. Bisher hatte ich tatsächlich keinen seiner Nachkommen selbst behalten, denn wer hätte gedacht, dass ich ihn schon nach so kurzer Zeit verlieren würde? Nun sah alles anders aus, und ich freute mich darauf, die beiden Jungpferde auszubilden. Ob sie ihrem Vater ähnlich sein werden? Ich hoffte es sehr. Es handelte sich um eine Stute und einen Hengst, die gegensätzlicher nicht hätten sein können. Blossom Magic, die eher schreckhaft und abweisend war, wohingegen Snap in Style vorwitzig und verspielt schien. Die beiden waren übrigens bisher die einzigen Vertreter für den Jahrgang 2015 auf Pineforest Stable, doch ein weiterer Zuwachs war bereits geplant, nämlich ein Jährling von Caprice, den ich auf einer auswärtigen Fohlenweide platziert hatte. Ein Kumpel von mir besass nämlich zwei Vollblutfohlen, für die er einen weiteren Spielpartner gesucht hatte.

      Später arbeitete ich mit Estragon Sky aka Artemis in der Halle. Der weisse Achal Tekkiner taute langsam etwas auf, wenn ich mich mit ihm beschäftigte. Am Anfang war er total unzugänglich gewesen, doch mittlerweile genoss er Streicheleinheiten und arbeitete deutlich williger mit. Trotzdem gab es auch heute wieder etwas Ärger, sobald wir am Fenster der Reiterstube vorbeikamen, denn dahinter versteckten sich die schrecklichsten Monster. Ich versteifte mich nicht zu sehr auf seine Mätzchen und lockerte ihn stattdessen mit vielen Übergängen. Als ich fertig war, und den Hengst wieder zum Nordstall führte, entdeckte ich Jonas vor Halluzinations Box. Er hatte die Stute offenbar kurz zuvor geritten und kümmerte sich nun noch etwas um sie. Er hatte mich noch nicht bemerkt. Ich blieb stehen und dachte nach, dann öffnete ich verlegen den Mund. „Hast du Lust, nachher mit Diarado und mir rauszukommen? Du musst Circus Dancer eh noch bewegen.“ „Als ob ich nein sagen könnte…“, murmelte er lächelnd und nickte. Ich erwiderte das Lächelnd erleichtert und versorgte Artemis. Wir holten Diarado und Dancer gleichzeitig raus und begannen sie zu putzen. „Sollte nicht eigentlich ich den Rappen reiten? Ich meine, ich bin doch hier der Bösewicht, der dich in Verlegenheit bringt“, scherzte Jonas nach einer Weile des peinlichen Schweigens. Ich konterte: „Ich dachte, du wolltest der Prinz auf dem weissen Pferd sein?“ Er grinste breit. Überhaupt schien er ziemlich fröhlich und lebhaft. Das steigerte mein schlechtes Gewissen, denn ich dachte wieder daran, dass jetzt so lange hatte zappeln lassen. Andererseits hast du doch auch Jahre lang mit mir gespielt, ist das nicht mehr als fair? Ich entwirrte Diarados Schweif und kratzte seine Hufe aus, dann war er bereit zum Satteln. Ich holte wie immer seinen Springsattel, denn ich ritt am allerliebsten damit. Dressursättel waren nicht so meins. Als wir beide fertig waren, ritten wir vom Hof weg in Richtung Galoppwiese. Wir redeten viel unterwegs; so viel wie schon lange nicht mehr. Die Themen waren für mich zweitrangig, mir tat es vor allem gut, seine Stimme zu hören und von Zeit zu Zeit einen Blick auf diese wunderschönen Augen zu erhaschen. Es wurde schon dunkel, und so langsam kroch der Nebel wieder vom Fluss her über die Landschaft. Wir galoppierten auf Jonas‘ Lieblingsstrecke am Waldrand und bogen dann Richtung Fluss ab. Ein Stück des Weges führte durch den Pinienwald, dessen Boden zwischen den rauen Stämmen nur spärlich bewachsen war. Hier gab es kaum Blätter, nur eine dicke Schicht von Piniennadeln, die das ganze Jahr über den Waldboden bedeckte. Jonas und ich alberten ein wenig herum, sodass ich am Ende im Damensitz auf Diarados Sattel sass, während Jonas wie ein Cowboy einhändig auf Dancer um uns herum trabte. „So Schluss jetzt, du machst Dancer ganz hibbelig!“, rief ich lachend. „Very well milady, then follow me to the old castle”, erwiderte er geheimnisvoll. Wir ritten Seite an Seite zur berüchtigten, kreisrunden Lichtung im Pinienwald mit dem Steinhaufen in der Mitte. „Weisst du, was mich an der Legende immer schon gestört hat? Der Pinienwald steht erst seit siebzehnhundertirgendwas hier, und gehörte damals einem reichen Lord. Ich bezweifle, dass sich Banditen hier einnisten konnten.“ Jonas stieg ab und verknotete Dancers Zügel, damit sie nicht über den Hals rutschen konnten. Währenddessen antwortete er auf meine Bemerkung: „Vielleicht wollte auch einfach jemand etwas Besonderes aus dieser Lichtung machen, um jemand anderen zu beeindrucken. Oftmals ist es romantischer, wenn geheimnisvolle Plätze wie dieser eine interessante Geschichte haben.“ „Da könntest du recht haben“, meinte ich, und liess mich ebenfalls von Diarados Rücken gleiten. Wir setzten uns ins kühle Gras, wobei ich förmlich spürte, wie mein Po dreckig wurde, weil der Boden unter dem Gras feucht war. „Du kannst auch auf meinen Schoss sitzen, wenn dir das lieber ist.“ Crap, bin ich so durchschaubar? Ich zögerte einen Moment, dann folgte ich seiner Einladung tatsächlich. Zum Glück war es dunkel, denn meine Ohren fühlten sich heiss an und ich war mir sicher, dass sie rot angelaufen sein mussten. Wir sassen eine Weile schweigend da und sahen den Pferden beim Grasen zu. Der Mond schien sehr hell, sodass man beinahe die Grashalme zählen konnte. Die Schatten der Pferde waren ebenfalls deutlich zu erkennen. Irgendwann bemerkte Jonas: „Und was war der wahre Grund, dass du mich hier raus entführt hast?“ „Ich schulde dir noch eine Antwort, nicht?“, meinte ich zögernd. Er umarmte mich zärtlich und flüsterte mir ins Ohr. „Dann erlöst du mich endlich?“ Ich spürte meinen Herzschlag laut und deutlich, sodass ich mich beinahe fragte, ob er ihn nicht auch hören konnte. Dann überkam mich ein seltsames Gefühl, wie eine Stimme, die mich dazu aufrief, alle scheu abzulegen und für einmal die hartnäckige Vernunft in mir auszuschalten. Als Resultat drehte ich den Kopf und küsste ihn rasch. Er sah mich überrascht, dann mit einem breiten Lächeln an und bevor ich etwas anderes tun konnte, erwiderte er meine Geste mit einem weiteren, leidenschaftlicheren Kuss. „Tut mir leid, ich schätze, ich bin etwas ausser Übung…“, murmelte ich, als meine Lippen wieder frei waren. „Dann wird es Zeit, diese Übung wieder aufzunehmen.“ Ich genoss jede Sekunde mit ihm. Aber ganz konnte ich meine Vernunft dann doch nicht ausschalten. „Es wird spät, wir sollten zurückgehen, bevor jemand uns vermisst.“ Er setzte einen Hundeblick auf, doch ich strich ihm mit der Hand übers Gesicht und begab mich zu Diarado. Wir ritten zurück zum Hof. Es war mittlerweile fast acht Uhr, aber offenbar hatte sich niemand Sorgen um uns gemacht. Wir versorgten die beiden Hengste und ich gab Diarado zur Belohnung ein paar Karotten. Der Hengst hatte schön warm mit seiner Fleecedecke, die er trug, damit er nicht zu viel Winterfell produzierte. Jonas schlich sich zu mir und legte sein Kinn auf meine Schulter. „Na gut, von mir aus“, lachte ich, denn ich hatte seine Gedanken durchschaut, bevor er etwas sagen konnte. Er grinste zufrieden und folgte mir nach dem Stallrundgang ins Haus. Als wir reinkamen, sah uns Lily vorwurfsvoll vom Sofa aus entgegen, meinte dann aber „wurde auch Zeit“ und „es läuft Harry Potter im Fernsehen“. So landeten wir am Ende wie eine Familie auf dem Sofa und sahen fern. Was für eine Patchwork-Familie, dachte ich schmunzelnd, und lehnte mich liebevoll an Jonas‘ Schulter.
      22 Okt. 2016
    • Occulta
      Neues Jahr, wie wunderbar

      Es war der Morgen des 31. Dezembers. Ich war sofort hellwach, als ich die Augen aufschlug. Es gab noch so viel zu tun heute, bevor das neue Jahr beginnen konnte! Jonas war ausnahmsweise ebenfalls rasch auf den Beinen; normalerweise war er ein echter Siebenschläfer. Ich ass ein Honigbrot, fütterte die Hunde und zog die Reitsachen an. Als ich die Haustür aufmachte, erschrak ich beinahe. So viel Schnee! Es musste die ganze Nacht hindurch geschneit haben, denn die Schicht von den letzten paar Tagen hatte sich verdoppelt. Hinter mir hörte ich Jonas, also hüpfte ich die Veranda runter und lauerte ihm mit einem Schneeball auf. Natürlich verfehlte ich. „Muss ich dich in den Schnee legen?“, rief Jonas herausfordernd. Ich rannte lachend davon, zum Hauptstall. Es war draussen noch dunkel, aber im Stall brannte bereits Licht und die Pfleger begannen gerade mit dem Füttern. „Good morning everyone!“, rief ich fröhlich durch die Stallgasse. Als erstes stand eine Dressurstunde mit Sunday, Caspian und Cool Cat an. Heute war nur für die unerfahreneren Vollblüter Galopptraining auf dem Plan – die etwas älteren mussten anderweitig arbeiten und morgen war für alle Ruhetag. Ich ritt in der Stunde auf Caspian. Der Schimmelhengst war ziemlich geladen und ich musste ihn dauernd mit kleinen Volten und engen Wendungen bremsen. Der nette Nebeneffekt war, dass er wunderschön ans Gebiss trat, weil ihn die Biegung löste.

      Nach uns hatten Parker, Charly und Anne ebenfalls Dressurstunde, und zwar mit Gleam of Light, Chiccory und Spotted Timeout. In der Zwischenzeit begaben Jonas und ich uns mit Fly Fast und Framed in History auf einen Ausritt, um die beiden geländetauglicher zu machen. Beide waren noch sehr guckig und fanden immer wieder eine Ausrede um einen Seitensprung ins Feld zu machen. Um den beiden Nervenbündeln etwas Sicherheit zu geben, kamen auch Flint und Rebel mit, geritten von Lisa und Darren. Von den erfahrenen Westernpferden konnten sich die beiden Vollblüter viel abschauen. Wir waren länger unterwegs als geplant, weil Fly bei einem mit Planen abgedeckten Holzhaufen partout nicht vorbeiwollte. Wir nahmen uns daher viel Zeit um ihm den unheimlichen Haufen zu zeigen – bis er beim Durchreiten bloss noch das Ohr dorthin drehte. Ich fand es immer besser, solche Dinge auszudiskutieren, besonders bei Fly. Ansonsten neigte er dazu, sich bei kleinen Dingen immer weiter aufzuschaukeln, bis man kaum mehr anständig reiten konnte. Deshalb erklärten wir ihm immer alles doppelt, damit er keine Zweifel mehr hatte. Das brauchte Zeit, und genau diese Zeit hatten wohl seine alten Besitzer, bei denen er sich am Ende komplett verweigerte, nie gehabt. Er war eben von Natur aus ein sensibles Pferd und war schnell überfordert. Seit er auf Pineforest war, hatten wir uns grosse Mühe gegeben, dass er nie wieder eine seiner Ausraster hatte, bei denen er alles um sich herum vergass und wie mit Scheuklappen davonpreschte. Ich hatte einmal ein altes Video gesehen, von einem seiner letzten Rennen, bei dem er vor Verwirrung in die Rails gekracht war. Mittlerweile war er meistens ziemlich gut händelbar, aber sicherlich kein Anfängerpferd. Frame war ebenfalls nicht ganz einfach, aber er war einfach ein Angsthase. Er lernte jeweils schnell, doch fragte vorher lieber einmal zu viel nach, ob er nicht doch abdrehen sollte. Wenigstens glaubte der Schecke mir nach kurzer Zeit, dass der Haufen ungefährlich war. Und einmal begriffen, testete er es auch nicht erneut aus. Da war Fly hartnäckiger. Aber Frame vertraute mir sowieso aussergewöhnlich stark. Es kam mir manchmal fast so vor, als sähe er mich wegen seines üblen Weideunfalls immernoch als seine Retterin an. Jedenfalls war er bei mir viel mutiger als bei anderen, weshalb ich ihn noch immer fast ausschliesslich selbst ritt.

      Als wir vom Ausritt zurückkamen, machten sich gerade die Jockeys für das Training mit den jüngsten Vollblütern fertig. Die fünf kannten noch nicht viel und waren entsprechend hibbelig, als sie hintereinander zur Bahn ritten, während die Pfleger mit anderen Pferden an ihnen vorbeiliefen. Merino und Primo Victoria waren für mich immernoch etwas ganz Besonderes, mit ihren weissen Birdcatcher-Spots auf dem dunklen Fell, das so sehr dem ihrer Mutter ähnelte. Punkte hatte auch Cryptic Spots, und zwar nicht zu knapp. Aber mein heimlicher Liebling dieser Gruppe war immernoch Simba Twist, mit seinem aussergewöhnlich hellen, fuchsfarbenen Fell. Besonders wenn die Sonne darauf fiel schillerte es wie richtiges Gold. Ob er auch in Sachen Gewinne ein Goldjunge war, musste sich noch zeigen. Im Moment dominierte Miss Moneypenny die Trainingsrennen der Gruppe.

      Sobald ich Frame versorgt hatte, machte ich mich auf den Weg zu Moon Kiddy. Ich fand es eine reizvolle Idee, am Jahresabschluss mit ihr einen etwas längeren Ausritt zu machen. Mit der Stute hatte ich schon so viel erlebt und sie war einfach ein absoluter Schatz im Umgang. Nach der wilden Runde mit Fly und Frame war das nun genau das Richtige für mich. Ich striegelte und bürstete Moons weiches Winterfell. Dann entwirrte ich ihr dichtes Langhaar. Es war eher etwas dratig und robust im Vergleich zu dem feinen Haar eines Vollblüters, ausserdem hatte es hartnäckige Wellen, die es noch voluminöser wirken liessen. Ohne etwas Glanzspray war es fast unmöglich durchzukommen, ohne Haare auszureissen. Doch als ich fertig war, fiel es schön locker und war frei von Strohstückchen. Auch die Hufe kontrollierte ich, aber die Stute war barhuf und vom Schnee auf der Weide waren die Sohlen saubergewaschen, also gab es nichts auszukratzen. Mit der etwas kleineren Bürste nahm ich mir noch den Kopf vor, dann waren wir ready. Ich packte den Westernsattel auf ihren Rücken und zäumte sie mit ihrem Bosal. Der Ausritt führte uns durch das Nachbardorf und auf dessen anderer Seite durch ein Waldstück, in das ich bisher nur selten vorgestossen war. Hier gab es viele befestigte Wanderwege, auf denen wir wunderbar galoppieren konnten. Ich begegnete auch ein paar Spaziergängern, die mir jeweils einen guten Rutsch wünschten – was ich natürlich dankend erwiderte. Ein kleines Mädchen, dem wir unterwegs mit seiner Familie ebenfalls begegneten, war ganz begeistert von Moon und wollte die Stute streicheln. Wir unterhielten uns ein paar Minuten und ich lud sie ein, einmal auf Pineforest vorbeizuschauen und vielleicht eine Reitstunde zu nehmen. So macht man Werbung, dachte ich schmunzelnd, als ich weiterritt. Ich war sicher, dass ich das Mädchen namens Emilia nicht zum letzten Mal gesehen hatte. Überhaupt wollte ich mich im kommenden Jahr wieder etwas mehr den Ferienkindern widmen, die jeweils in den Sommerferien bei uns waren. Ich musste mir neue Spassturniere ausdenken und das Programm möglichst vielseitig machen. Aber das hatte alles noch Zeit. Im Moment genoss ich die stille, gefrorene Winternatur mit Moon. Auf dem Heimweg begann es sogar wieder zu schneien. Ich liess es mir nicht nehmen, mit Moon noch ein letztes Mal über ein Feld zu galoppieren, bevor wir zuhause waren. Im Tiefschnee wurde die Stute rasch müde, dafür machte es uns beiden umso mehr Spass.

      Um elf Uhr hatte ich Moon versorgt und gönnte mir eine Teepause, bevor ich weiter zu Lily mit Areion ging. Dank der Weihnachtsferien konnte ich ihr jetzt wieder vormittags eine Reitstunde geben und nicht erst abends, wenn es schon dunkel wurde. Die anderen Pfleger hatten schon um zehn Uhr Pause gemacht, deshalb sass ich alleine in der Reiterstube und beobachtete das Springtraining von Baccardi, Bluebell, Sugar and Sweets, White Dream und Donut. Die fünf Ponys galoppierten geschickt um die Kurven und schienen ganz schön fit. Zufrieden bemerkte ich, dass Bluebell fast jedes Mal im richtigen Galopp landete und abgesehen von ein wenig Zögern beim Plankensprung flüssig über alle Hindernisse drüberging. Sweets hatte da noch mehr Mühe, David musste sie jeweils neu angaloppieren wenn sie im Aussengalopp war. Baccardi und Donut waren sowieso erfahrener und beherrschten die fliegenden Wechsel; sie landeten aber ohnehin meist richtig. Mit Dream war es dasselbe, aber heute war sie etwas zu hastig und räumte dann doch ein paar Stangen ab.

      Ich fragte Lily, was sie heute mit ihrem flauschigen Tinker machen wollte. Sie beschloss, dass sie mit ihm zum ersten Mal ohne Sattel Cavaletti springen wollte. Ich nickte schmunzelnd und dachte mir, dass ich die Gelegenheit auch gleich nutzen könnte, um mit Adrenaline etwas Spass zu haben. Wir putzten die beiden, wobei ich meiner Nichte etwas half, denn Line war praktisch sauber, während Areion mit seinem langen Winterfell mehr Pflege brauchte. Besonders die dichten Puschel an den Beinen waren mühsam, denn darin verfingen sich dutzende Strohstückchen. Ausserdem musste ich die Fesselbeugen auf Mauke kontrollieren, denn unter dem ganzen Behang staute sich Feuchtigkeit. Vorsorglich salbte ich deshalb ein wenig und erklärte währenddessen Lily worauf sie achten musste. Meine Nichte kümmerte sich gewissenhaft und ausdauernd um ihren Tinker. Sie machte jeden Tag etwas mit ihm, und wenn es nur Spazieren war. Die beiden wurden immer mehr zu einem Team, wie ich es mir bei seinem Kauf erhofft hatte. Areion war ein gutmütiger, ausgeglichener Hengst. Und wenn es doch mal Probleme gab, konnte ich ihr rasch helfen. Zur Sicherheit setzte ich mich trotz allem sowieso einmal pro Woche selbst drauf; auch, damit der Hengst richtig gymnastiziert wurde. Tinker neigten ja dazu, einen weichen Rücken zu haben. Mit Lilys Fliegengewicht war das im Moment kein Thema, aber ich wollte auch in Zukunft sicherstellen, dass Areion die nötigen Muskeln hatte und gesund blieb. Als wir die beiden fertig vorbereitet hatten, gingen wir zusammen in die Halle. Die Ponygruppe hatte die Hindernisse stehengelassen, also stellten wir sie einfach etwas tiefer und benutzten sie anstelle der Cavaletti. Zuerst wärmten wir die beiden Pferde vom Boden aus auf. Zum Aufsteigen schwang ich mich einfach vom Boden aus auf Lines Rücken, während Lily ihren Tinker von der Aufstiegshilfe aus bekletterte. „Irgendwann musst du mir das auch noch beibringen Occu“, meinte sie etwas frustriert, als sie mich beobachtete. „Es sieht einfacher aus, als es ist. Ich brauchte auch lange, bis ich es endlich beherrschte“, ermunterte ich sie. Wir galoppierten zuerst ein wenig, dann sprang ich mit Line das erste Hindernis vor. Lily und Areion taten es uns gleich. Lily rutschte zwar auf Areions Hals, rückte aber schnell wieder in die richtige Position zurück und grinste ünbers ganze Gesicht. „Gut gemacht für den ersten Versuch“, lobte ich anerkennend. Ich riet ihr noch etwas besser in die Mähne zu greifen, denn „dafür ist seine dicke Wolle ja geradezu perfekt“. Schon nach wenigen Versuchen hielt sie das Gleichgewicht deutlich besser und wurde mutiger. Einmal mehr war ich froh, dass Areion so gutmütig und geduldig war. Wenn es nicht passte, dann stoppte er zwar, aber dann musste Lily einfach neu anreiten und schon klappte es. Adrenaline hoppste übrigens auch brav über die Sprünge.

      Nach dieser kurzen Spass Lektion gingen wir mittagessen. Um ein Uhr begab ich mich einmal mehr zu Phantom, meinem original USA Mustang, mit dem ich die letzten Tage intensiv gearbeitet hatte. Seit einer ganzen Woche ging ich nun schon jeden Tag zu ihm und gewöhnte ihn Stück für Stück an alles, was er in der Menschenwelt kennen musste. Am zweiten Tag hatte ich ihn weiter an Berührungen gewöhnt, auch an den Beinen, und sogar schon erste Versuche gemacht, die vorderen zu hochzuheben. Ausserdem hatte ich angefangen, ihn ein wenig zu longieren und unsere gemeinsame Sprache zu finden. Ich hatte ihm die Peitsche gezeigt und ihn dagegen desensibilisiert, und zu guter Letzt hatte ich bereits begonnen, neben ihm zu hüpfen und ihn an schnellere Bewegungen zu gewöhnen. Tag drei nutzte ich bereits dazu, zum ersten Mal auf seinem Rücken zu sitzen. Dazu kraulte ich ihn wieder ausgiebig und verstärkte das Hüpfen neben ihm immer weiter, bis ich mich schliesslich über seinen Widerrist legte. Anfangs machte er immer wieder Ausweichschritte, aber mit der Zeit blieb er stehen und so konnte ich fortfahren, bis ich ganz oben sass. Mehr als das verlangte ich noch nicht. Nebenbei gewöhnte er sich auch an das Führseil, dass er meistens einfach lose hinterherzog. Er lernte, dass er darauf stehen konnte und dass es sich um seine Beine wickeln konnte, ohne dass ihm etwas schlimmes passierte. Tag vier verbrachten wir damit, ein paar erste Schritte mit mir auf seinem Rücken zu gehen. Anfangs noch in einer kleinen Volte, dann schon etwas selbstsicherer. Er erschreckte sich zunächst noch, wenn ich wieder runtersprang, also übten wir das auch ausgiebig. Ausserdem zeigte ich ihm schon die wichtigsten Hilfen, nämlich Lenkung und Bremsen, bzw. Rückwärtsgang. Er war sehr aufmerksam und lernte schnell, aber seine Körpersprache verriet mir, dass er immernoch sehr angespannt und unsicher war. Am Abend von Tag vier führte ich ihn dann auch zum ersten Mal aus dem überdachten Roundpen in den Hauptstall. Wir machten eine Runde durch den Stallgang und ich liess ihn an allem schnuppern, was ihm unheimlich vorkam. Die Pfleger sahen begeistert zu. Am darauffolgenden Tag nahm ich ihn zum ersten Mal mit in die Halle und longiere ihn dort. Am ende liess ich ihn freilaufen und stellte ihm den grossen blauen Gymnastikball vor, den wir im Lagerraum hatten. Er schubste ihn sogar etwas herum. Tag sechs nutzte ich, um den ganzen Schweiss und Dreck von seinem Körper zu waschen. Auch das nahm wieder viel Zeit in Anspruch; zunächst gewöhnte ich ihn an den Schlauch, dann Schritt für Schritt an den Wasserstrahl. Ich benutzte ganz wenig Shampoo am Körper und genug beim Langhaar, um es zu entknoten und ganz sauber zu bekommen. Danach stellte ich ihn, weil es Winter war und draussen Schnee lag, unters Solarium im Hauptstall. Auch dabei musste ich ihn zuerst überzeugen, dass das rot leuchtende Ding keinen Appetit auf Pferde hatte. Aber als er es einmal begriffen hatte, stand er brav still und ich konnte nebenbei das trocknende Langhaar ein wenig frisieren. Gestern Nachmittag schliesslich hatte ich mit ihm Schrecktraining in der Halle gemacht und ihm ein paar neue, wichtige Alltagsdinge wie Klettverschluss und Blachen gezeigt. Ausserdem hatte ich den Morgen dafür genutzt, zum ersten Mal auf ihm zu traben und ihn bereits etwas ausgiebiger zu reiten. Heute wollte ich daran anknüpfen und ihn draussen auf der Ovalbahn reiten. Wenn alles gutging, konnte ich einen ersten Galopp wagen. Die Ovalbahn war aussenherum durchgehend mit Rails abgegrenzt, was ihn im schlimmsten Fall daran hindern würde, einfach auszubüxen. Trotzdem hatte ich ein etwas mulmiges Gefühl, weil ich ihn noch nie zuvor draussen geritten hatte. Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Ich betrat den überdachten Roundpen und rief den Mustang zu mir. Er reagierte darauf jeweils sofort und kam zügig angelaufen, was mich immer wieder von neuem freute. Er hatte sich also schon weitgehend auf mich eingelassen und begann, mir wirklich zu vertrauen. Das merkte ich auch beim anschliessenden Bürsten, denn er stand still obwohl ich das Seil nur über die Wand der Führanlage gelegt hatte und genoss das Striegeln mit gespitzter Oberlippe. Er war im Umgang sehr respektvoll (vermutlich war auch noch ein Rest Unsicherheit im Spiel) und wurde von Tag zu Tag neugieriger. Ich versuchte, so viel Zeit wie möglich mit ihm zu verbringen. Daher war ich in den letzten Tagen auch immer wieder zwischendurch zu ihm gegangen – bloss um ihn zu kraulen oder ihm eine Karotte zu bringen. So verknüpfte er mich sehr positiv und deshalb kam er auf Rufen auch sofort zu mir. Bürsten am Kopf klappte mittlerweile auch ganz gut; am Anfang hatte er die Bürste in seinem Gesicht ganz und gar nicht gemocht. Das Hufeauskratzen mussten wir noch weiter üben, denn im Moment zog er den Huf nach kurzer Zeit wieder weg. Als ich fertig war, führte ich ihn zur Ovalbahn. Er folgte mir brav und sah sich neugierig um, als wir das fremde Gelände betraten. Natürlich hatte er es von der Halle her auch schon gesehen, aber ich liess ihm dennoch Zeit, die Umgebung etwas zu erkunden. Dann knotete ich das Führseil als Zügel an das Knotenhalfter und schwang mich auf seinen Rücken. Zunächst machte ich eine Schrittrunde und überprüfte die Hilfen indem ich kleine Volten und Seitenwechsel machte, oder ihn rückwärtstreten liess. Dann trabte ich an und machte auch dabei immer mal wieder eine kleine Volte. Ich begann damit, ihn ein wenig Schulter vor zu reiten – auch um sein Tempo etwas besser zu kontrollieren. Endlich war es so weit und ich konnte angaloppieren. Sein Galopp war bequemer als erwartet und er blieb in einem angenehmen Tempo. Beim zweiten Angaloppieren machte er einen kleinen Buckler, den ich aber ohne weiteres aussitzen konnte. Ich machte zwei Runden auf jede Seite, dann parierte ich ihn durch und hüpfte von seinem Rücken. Ich lobte ihn ausgiebig mit Kraulen und brachte ihn zurück ins Roundpen. „Und, wie lief’s?“, wollte Jonas wissen, als er mich dabei entdeckte, wie ich den Rappen noch ein wenig beobachtete. „Richtig gut, wir konnten problemlos galoppieren“, antwortete ich stolz. „Das ist toll, wenn es so weiter geht ist er bald so sicher wie die Criollos“, stellte Jonas etwas übertrieben fest. „Meinst du, wir könnten einen Versuch wagen und ihn morgen mit ein, zwei anderen Jungs auf die Weide bringen? Ich möchte ihn nächstens etwas intensiver reiten und da wäre es gut, wenn er ausgeglichen ist…“ Er stimmte zu, dass es an der Zeit wäre, das auszuprobieren. Ich konnte nicht wirklich einschätzen, wie gut er sich mit den anderen verstehen würde, aber ich drückte die Daumen, dass alles gut ging. Irgendwann wollte ich ihn auf die Stutenweide umsiedeln, aber zuerst wollte ich sichergehen, dass er den grössten Teil seines Hengstverhaltens abgelegt hatte.

      Um halb drei bewegte ich Co Pilot in der Halle, während Ljóski und Herkir draussen auf der Ovalbahn von Jonas und Darren geritten wurden. Ich sah ihnen während der Dressurarbeit immer mal wieder zu und suchte nach Fehlerchen, mit denen ich Jonas später aufziehen konnte. Aber es war schon ganz schön schwer bei ihm und Herkir noch etwas zum motzen zu finden – die beiden waren ein sehr eingespieltes Team. Pilot liess sich den Winter nicht anmerken, er lief heute so ruhig wie schon lange nicht mehr. Trotzdem war er bei der Sache und gab sich Mühe, alle meine Hilfen umzusetzen. Ich galoppierte mit ihm viel, wobei ich vorallem immer wieder angaloppierte; mal aus dem Schritt, mal aus dem Stehen. Denn das gab den besten Muskelzuwachs. Beim Anspringen musste er viel Kraft mit der Hinterhand aufnehmen, was ihm wiederum dabei half, sich zu versammeln. Ausserdem feilte ich weiter an den Galopppirouetten, die er noch nicht perfekt beherrschte.

      Eine gute Stunde Später wünschte ich Lisa, Elliot, Lewis, Linda und David einen schönen Ausritt. Die fünf ritten mit Dancing Moonrise Shadows, Piroschka, Ice Coffee, Ronja Räubertochter und Lovely Summertime vom Hof weg in Richtung Fluss. Ausserdem erwischte ich Jonas dabei, wie er Lily auf Fake Reitstunde gab. Still schmunzelnd beobachtete ich die beiden einen Moment, dann schlich ich davon, um sie nicht abzulenken. Ich beschloss, mit der frisch gekörten Feline ein wenig Bodenarbeit im Roundpen zu machen. Die Criollostute hatte es tatsächlich endlich geschafft – noch vor zwei Jahren hatte niemand daran geglaubt. Sie war so ein unscheinbares Fohlen gewesen, nie besonders hübsch, immer etwas schmal – sozusagen ein graues Entlein. Auch als Jungstute hatte sie nicht überzeugen können, doch nun endlich hatte sie sich zu einer hübschen Schimmelstute mit einem grossen Herzen entwickelt. Sie war eines der liebsten, gutmütigsten Pferde die ich kannte und dankte uns jeden Tag von neuem die Zeit und die Arbeit, die wir in sie gesteckt hatten. Ich putzte das jetzt im Winter beinahe weisse Fell der Stute gründlich, ehe ich sie zum Roundpen brachte. Dort angekommen spielte ich einfach ein bisschen mit ihr herum. Ich schickte sie weg und liess sie wieder zu mir kommen, motivierte sie zu einem frischen Galopp auf dem schneebedeckten Sandboden und machte ein paar Seitenwechsel, bei denen ich sie spielerisch anstachelte. Ich fand es auch eine gute Gelegenheit, um das Steigen mit ihr zu üben. Als wir fertig waren, zeigte sie tatsächlich gute Ansätze. Zufrieden warf ich das Führseil über ihren Hals und öffnete das Tor des Rounpens. Ich machte mir gar nicht erst die Mühe, das Seil wieder in die Finger zu nehmen; die Stute folgte mir auch so zurück zur Stutenweide. Als ich danach beim Nebenstall durchschlenderte, sah ich, dass Satine und Parányi nicht da waren. Ich warf einen Blick in die Halle, wo Lily und Fake gerade am Trockenreiten waren. Auch nicht, hmm… Auf dem Viereck war ebenfalls keine Spur von den beiden. Sind sie ausreiten gegangen?, wunderte ich mich. Doch kurz darauf entdeckte ich die beiden mit Jason und Rita auf dem Galoppweg. Sie trabten nebeneinander unter den Tannen hindurch und schienen Spass zu haben. Zufrieden schlenderte ich zum Haus und machte mir eine Tasse Tee, denn ich brauchte auch mal eine Pause.

      Wenig später kam Lily durch die Tür gepoltert. „Und? Wie war deine Reitstunde?“, fragte ich grinsend. „Toll! Jonas gibt besser Unterricht als du!“ Sie streckte mir die Zunge raus und ich meinte empört: „Na dann brauche ich dir in Zukunft ja keinen mehr zu geben.“ „Doooch!“ Sie setzte sich auf meinen Schoss und forderte: „Ich brauche von euch beiden Reitunterricht, damit ich noch viel besser werde. Ich will schliesslich im Frühling mit Areion auf Turniere gehen!“ „Pass auf, dass du nicht zu ehrgeizig wirst und dich selbst überforderst. Ich bin sicher, du wirst nächstes Jahr ein paar Schleifen sammeln.“ „Nächstes Jahr, pah!“ „Das ist aber doch schon bald, also so viel Geduld wirst du wohl noch haben müssen.“ „Nächstes Jahr ist… Ach ja, mähh Occu du bist doof“, machte sie, als ihr wieder einfiel, dass heute Abend Silvester war. „Wer ist hier doof?“, erwiederte ich lachend und schloss sie in den Arm. Ihre Stimme drang gedämpft durch meinen Ärmel. „Jenny hat ihrem weissen Pony zu Weihnachten eine Mütze aufgesetzt. Das sah echt cool aus! Sie hat mir das Bild gestern gezeigt.“ „Echt? Das kann ich mir gut vorstellen. Wir haben Empire auch mal ne Mütze aufgesetzt, aber das ist schon zwei Jahre her.“ Sie befreite sich aus meinem Griff und meinte: „Wir könnten ja ein paar von unseren weissen Pferden für Silvester schmücken! Dann kann ich Jenny auch ein Foto zeigen, wenn wir wieder in die Schule müssen.“ „Könnten wir, ja.“ „Tun wir?“, fragte sie nocheinmal mit hoffnungsvollem Nachdruck. „Tun wir.“, versicherte ich kopfnickend. „Dann los!“ Sie rutschte von meinem Schoss runter und wollte schon zur Tür stürmen. „Warte, womit willst du sie schmücken?“ „Ehhh… Keine Ahnung…“ „Komm hier, wir nehmen die Girlande vom Weihnachtsbaum und irgendwo in meinem Schrank habe ich noch zwei Mützen. Ich hole sie rasch.“ Wir kramten ein paar Dinge zusammen, dann liefen wir zum Hauptstall. Die drei perfekten Pferde für das Unterfangen waren Empire State of Mind, A Winter’s Day und Captured in Time. Wir holten alle drei raus und putzten sie. Ich rief Ajith, damit er Lily mit Ciela helfen konnte, während ich Winter und Empire gleichzeitig putzte. Ajith half auch beim Dekorieren mit, weil er die Idee lustig fand. Als wir fertig waren, stellten wir die drei auf dem Parkplatz draussen auf und schossen ein Foto. Es sah wirklich hübsch aus und Lily freute sich wahnsinnig darauf, es ihrer Kollegin zu zeigen.

      Am Abend Machten Jonas, Lily und ich uns Pizza. Diejenigen Pfleger, die nicht nachhause gingen, schmissen im Pflegeheim ihre eigene Party. Um Mitternacht gingen wir zu ihnen rüber und stiessen alle zusammen auf’s neue Jahr an – für Lily gab es natürlich nur Traubensaft. Lewis zeigte mir und Lily bei der Gelegenheit gleich noch stolz, welche Wörter die Papageien schon kannten. Spätestens als Africa zu fluchen begann, fand ich dass es Zeit war, ins Bett zu gehen. So starteten wir lachend und gut gelaunt ins neue Jahr. Als ich mich schliesslich in meine Bettdecke kuschelte, versuchte ich mir vorzustellen, was dieses Jahr alles mit sich bringen würde. Ich freute mich schon darauf weiter mit Phantom zu arbeiten, aber auch mit allen anderen Pferde lag ein weiteres Jahr voller Abenteuer und Spass voraus.
      20 Jan. 2017
    • Occulta
      [​IMG] S* - S**
      Gruppe 3: Chiccory ox, Shades of Gray, Iskierka, Painting Shadows, Coulee, Sympathy of the Devil, A Winter’s Day

      Die dritte Gruppe wurde um viertel vor Sieben gesattelt und hinausgeführt. Hier ritt ich meinen Liebling Winter, und ich freute mich schon auf das bevorstehende Kopf-an-Kopf Training mit Paint und Gray. Iskierka zickte beim Aufsteigen mal wieder rum und wollte nicht stillhalten, sodass Charly irgendwie in der Bewegung von Oliver raufgeschoben musste. Wir wärmten die erfahrenen Vollblüter gründlich auf und liessen sie auch ein wenig in lockerem Tempo galoppieren, bevor wir das Renntempo verlangten und die 1000 Meter liefen. Winter sprang rhytmisch wie eine gewaltige Maschine und streckte seine langen, weissen Beine. Ich hielt mich halb an seiner Mähne, um nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten. Zum Glück hatte ich die Brille auf, denn Choccory vor uns spickte ganz schön viel Dreck. Am Ende liessen wir sie austraben und brachten die Pferde in die Führmaschine zum Trockenlaufen.
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  • Album:
    Gnadenweide
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    Occulta
    Datum:
    14 Feb. 2017
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    EXIF Data

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    Height:
    400px
     

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  • Offizieller HG

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    Vom: Ehrengold

    Vom: Solo
    Vom: Sir Lemon Ice xx
    Aus der: Professional Illusion xx


    Aus der: Shew O'Gold
    Vom: Guaranteed Gold
    Aus der: Shew

    Aus der: Black Pearl



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    Rufname: Chiccory, Oz
    Geburtstag:
    September
    Alter: 8 Jahre
    Stockmaß: 1.71 m
    Rasse: Englisches Vollblut
    Geschlecht: Hengst
    Fellfarbe: Brown Splash Overo
    (Ee,AA,Splspl)

    Abzeichen: Laterne, 4x hochweiss gestiefelt
    Gesundheit:
    sehr gut


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    Verschmust, Quatschkopf, aufmerksamkeitssüchtig, temperamentvoll


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    Chiccory ist ein richtiger Quatschkopf. Er liebt Aufmerksamkeit und muss immer im Mittelpunkt stehen. Hat man mal keine Zeit für ihn, muss er zwanghaft etwas anstellen, um alle Blicke auf sich zu ziehen. Selbst wenn er viel Unsinn treibt, böse sein kann man ihm nie. Spätestens wenn Chicco einem mit seiner weichen Nase durch die Haare wuselt, bringt er einen wieder zum Lachen.
    Dennoch sollte man den schicken Strahlemann nicht unterschätzen. Das Vollblut in ihm bringt natürlich auch eine Menge Temperament und Bewegungsdrang mit sich, dem man auf jedenfall gerecht werden sollte.



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    Besitzer: Occulta
    Ersteller: Chequi, umgemalt by Ivi.Kiwi
    VKR: Ivi.Kiwi/ (Fuchsl)
    Verkäuflich: Nein



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    Gekört: Ja
    Nachkommen: Shades of Gray
    , tc Miss Moneypenny, PFS' Catching Fire, Wildfire, PFS' Challenging Time, Culain, PFS' Counterfire
    Decktaxe: 100J



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    Galopprennen Klasse: S***
    Western Klasse: E
    Spring Klasse: A
    Military Klasse: E
    Dressur Klasse: E
    Distanz Klasse: E

    Eignung: Galopprennen, Springen
    Eingeritten: Ja



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    [BHK 421]
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    Chiccory's Spind