Canyon

» Félagi

| Isländer | Hengst | 14 Punkte |

» Félagi
Canyon, 8 Aug. 2017
    • Canyon
      Alte Berichte
      Entweder man kann oder man kann nicht...
      28. Mai 2016 | sadasha
      Die Sonne brennt geradezu auf uns nieder. Hochsommer! Und Kenneth rennt noch im Shirt hier rum und arbeitet seine Pferde. So ein Idiot... Gerade machte er mit Ghost Merchant ein paar Sprungübungen, draußen auf dem Mini-Springplatz, wenn er diesen Namen überhaupt verdient hatte mit seinen paar provisorischen Hindernissen aus umliegenden, verdorrten Zweigen. Unsere Springpferde hatten es hier wirklich schwer. Der gesamte Stall war auf Dressurreiter ausgelegt, bestenfalls sogar barocke. Die ganz hohe Kunst. Wer konnte schon ahnen, dass mein verrückter Bruder sich Sportpferde einlud? Niemand, genau! Genauso wenig ahnen konnte man jedoch, dass ich mir zwei Islandpferde nach Kalifornien holen würde. Das ist vielleicht noch eine Nummer verrückter, weil sie absolut nicht für die Hitze hier ausgelegt sind. Vor allem nicht der helle Óslogi, der bereits bei seiner Ankunft einen Sonnenbrand auf der Nase hatte. Jeden Tag wurde er gründlich eingecremt und bekam den schattigsten Platz, den wir hier bieten konnten. Eine dünne Exemerdecke hatten wir schon bestellt, aber es würde noch ein paar Tage dauern, bis die ankommt. Bei Goldmarie stand außerdem noch unser baldiges hoffentlich Schneeweißchen Félagi frá glæsileika eyjarinnar. In störte die Sonne weniger, aber die Hitze machte ihm trotzdem zu schaffen. Er haarte so stark, dass man bei jeder Berührung einen Büschel Fell in der Hand hielt. Gut so, in einer Woche würde er fast nackt hier stehen, auch er bekam zur Sicherheit eine dünne Decke. Ich saß Oberkörper frei im Schatten eines Pfostens vor den Boxen und genoss meine wohlverdiente Pause, nachdem ich mich schon mit Kenneth Dressurstütchen Fix the Flame herumgeschlagen hatte. Irgendwie hatte es mein Bruder geschafft mich in seine Sportpferdezucht einzubinden. Ein Fan davon war ich aber trotzdem nicht. Schecken mochte ich auch nicht, es sei denn sie würden wie mein kleiner Isländer, mit der Zeit so weiß werden, dass man die Scheckung eh nur noch erahnen könnte. Dann ging das. Schimmel sind einfach meine absoluten Favoriten. An oberster Stelle stand dabei mein Lusitano Amador, der heute auch noch an der Reihe war. Aber erstmal musste ich mich aufraffen Cadiz aus seiner Box zu holen und fertig zu machen. Der Schecke... hatte erst vor Kurzem seine Zuchtzulassung erhalten.

      „Hey Lucius!“ Kenneth zeigte mit seiner Minigerte auf mich, als sei sie ein Schwert. „Wird das heute noch?!“ Ich seufzte und zog mich langsam hoch, streckte mich ausgiebig und klopfte mir dann den Staub von der schwarzen Hose. Zufrieden grinsend dackelte Kenneth mit Cherry an mir vorbei in den Stall. Ich folgte ihm, und blieb an Cadiz' Box kleben, während er mit der Stute bis zum Ende der Stallgasse ritt, bevor er abstieg. „Du bist schon faul, oder?“ lachte ich bei diesem Anblick, doch Kenneth ließ sich nicht auf meine Spielchen ein, das kannte ich ja schon. Ohne auf seine Antwort zu warten holte ich Cadiz aus seiner Box und bekam fast einen Schock bei dem was mir da blühte. Er hatte sich wohl in seiner eigenen Scheiße gewälzt. Wieso macht er sowas? Kenneth lachte bitterböse, als er das Malheur sah. „Halt, deine...“ ich hob einen Striegel vom Boden, warf ihn nach meinem Bruder und – traf! „Eeh!“ beschwert er sich und ließ den Striegel über den Boden zurückschlittern. Vermutlich hatte er zu viel Sorge, dass die Pferde hochschrecken könnten, aber bis auf Cherry's verdutzten Blick hatte der fliegende Striegel nichts mit den beiden auf der Stallgasse angestellt. „Was denn? Das ist Schreck-Training!“ verteidigte ich mich schmunzelnd und fing an den furchtbar stinkenden Fleck an Cadiz Flanke wegzuschrubben. Ich versuchte es... Aber ohne Wasser würde ich da nicht weit kommen. Kenneth hatte Cherry mitterweile in ihren Offenstall gebracht und sich stattdessen Óslogi auf die Stallgasse geholt. Zu meinem Vergnügen, hatte sich der Sechsjährige nicht ehrenhafter verhalten als Cadiz und sah mindestens genauso appetitlich aus. „Viel Spaß.“ meinte ich grinsend, als ich mit dem gesattelt und getrensten und noch halbnassen Cadiz an den beiden vorbeizog. „Troll dich!“ - War das eine Mahnung? Ich lachte und führte Cadiz zur rundum geschlossenen und neuerdings sogar klimatisierten Reithalle. Gut eine Stunde arbeitete ich den frisch gebackenen Deckhengst. Als ich wieder kam war Kenneth noch immer nicht soweit mit dem Isländer. „Mein Gott, nimm doch Wasser!“ meinte ich genervt, aber irgendwie amüsierte mich der Funke von Verzweiflung im Blick meines Bruders. „Machst du den Kleinen nachher auch noch? Dann würde ich mit Amador ausreiten.“ Das hatte ich schon seit Tagen vor! Nie kam ich dazu. Kenneth murmelte irgendwas vor sich hin. „Was denn jetzt?“ hakte ich nach, während ich die Boxentüre zu Amador aufschob. Der Stall war so klein, dass wir egal wo auf der Stallgasse wir uns befanden, uns in angenehmer Lautstärke kommunizieren konnten. „Ja mach...“ Überzeugt war Kenneth scheinbar nicht, aber gut. Ich zuckte als Reaktion mit den Achseln und machte dann Amador für den Ausritt fertig. Ich liebte Ausritte mit meinem Schimmel so sehr, weil er hier wesentlich braver war als auf Plätzen oder in Hallen. Außerdem staubte er hier und da das ein oder andere Leckerlie von Passanten ab. Vermutlich war er deshalb so zugegen, wenn jemand „Ausritt“ sagte. Da wir mit allen anderen Pferden sowieso schon durch waren, blieb ich noch eine ganze Stunde länger draußen als ursprünglich geplant. Kenneth kommt schon klar. Kam er nicht – Aber das bekam ich erst mit, als ich mit Amador auf den Hof zurückkehrte und er immer noch, nach mittlerweile drei Stunden, mit Óslogi kämpfte. Der junge Hengst zeigte sich bockig, ganz in Amador-Manier. „Was macht ihr da?“ fragte ich lachend, doch Kenneth hörte mich nicht. Ich beschloss erstmal meinen Lusitano abzusatteln, abzuspritzen und zurück in seinen Offenstall zu bringen, bevor ich mich meinem Bruder widmete. Als ich wieder zum Platz kam hatte dieser sich in den Sand gesetzt und raufte sich die langen Haare. „Verfällst du jetzt in einen Sitzstreik?“ ich zog ihn hoch, doch Kenneth war mit seinen Nerven vollkommen am Ende. „Jetzt geh, mach den Zwerg fertig, ich regel das hier.“ Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Sofort verschwand er in Richtung Stallungen und ich sah in die blauen, sturen Augen des Ponys vor mir. „Nun denn...“ bestimmt griff ich nach der Longe am Boden und ging los. Óslogi folgte. Was hatte Kenneth nur? Ohne Probleme führte ich den Perlino in den Stall. Kenneth fiel die Kinnlade runter, als er uns reinkommen sah. Er war sprachlos. „Was auch immer du versucht hast... Machs nächstes Mal anders.“ Ich grinste. Das war gemein. Ich wusste ja nicht mal was er alles versucht hatte. Eigentlich war mein Bruder nicht der Typ, der schnell aufgab, im Gegenteil. „Den kriegst du aber hin oder soll ich helfen?“ Kenneth sah mich herablassend an. „Du kannst ihn gerne übernehmen, wenn du es mir nicht zutraust.“ sagte er in abfälliger Art, aber mit weicher Stimme. „Du hast mein vollstes Vertrauen, Bruder.“ Ich klopfte ihm im Vorbeigehen auf die Schulter und begann den Hof abzukehren. Als ich fertig war, war auch Kenneth mit Félagi durch. „Wir sollten Termine vereinbaren, bevor die Anrufzeiten wieder zu Ende sind.“ Ich stimmte gedankenverloren zu und ging ins Wohnhaus. „Wir teilen uns am besten auf.“ Kenneth kramte einen seiner tollen Notizzettel hervor. „Du rufst für die beiden Isländer beim Tierarzt an. Die brauchen eine Routineuntersuchung, nur zur Sicherheit und deren Impfungen sind auch nicht komplett. Ah und bei der Gelegenheit kann dann auch die Wurmkur mit aufgefrischt werden!“ Ich nickte jeden Punkt einzeln ab, aber so schnell wie er das runterratterte behielt ich eh nur die Hälfte. „Hast du das auch noch schriftlich?“ - „Du kriegst meinen Zettel...“ - „Oh nein...“ Meinte ich leise und legte mir die Hand vors Gesicht. Kenneth ignorierte das gekonnt und fuhr fort. „Ich rufe währenddessen bei Hunter an, der soll sich die Hufe der beiden anschauen.“ - „Der muss dann von England bis hier fliegen nur für zwei Pferde, hast du sie noch alle?!“ Er meinte das tatsächlich ernst. „Na gut. Gib mir den Zettel.“ Wo hatte ich mein Smartphone? Ich tastete meine Hosentaschen ab. Nichts. Kenneth lachte. „Wo ist es?“ Er zuckte mit den Schultern. Drohend sah ich ihn an. „In deiner Jacke, wie immer. Was kann ICH denn dafür, wenn DU meinst hier ohne Oberteil rumrennen zu müssen.“ Protzig wie er war, zog er sein iPhone aus seiner Hosentasche und hielt es sich einen Moment später ans Ohr. Auch ich fand schließlich mein Smartphone und rief beim Tierarzt an um einen Termin zu vereinbaren. Für was nochmal? Ich versuchte zu entziffern was mein Bruder mir aufgeschrieben hatte. Seine Schrift war grauenvoll! Kein Vergleich zu meiner Sauklaue, aber ich wusste immerhin was ich geschrieben hatte und mutete meine Schrift niemanden sonst zu. „KENNETH!“ rief ich, aber er telefonierte noch. Bei mir meldete sich mittlerweile die melodische Stimme unserer Tierärztin. Süffisant grüßte ich zurück und bat um einen Moment, bis ich entziffert hatte was ich eigentlich von ihr wollte. Wenige Minuten spät hatte ich das Rätsel schließlich gelöst.

      Alles geregelt schmiss ich mich, samt Smartphone und Tablet-PC, aufs Sofa im Wohnzimmer. Kenneth stieß wenig später dazu und pflanzte sich in den Sessel neben mir. „Hunter kann nicht...“ meinte er geknickt. „Der steckt im Krankenhaus. Wen buchen wir stattdessen?“ Was fragte er mich? „Keine Ahnung, hast du seine Chefin mal gefragt?“ Kenneth schüttelte langsam den Kopf. Ach er wusste nichts davon. Hatte er wohl vergessen, dass er in Begleitung hier war. Wie konnte er nur? „Joicy Mc Flower, ruf die mal an. Die Nummer findest du bestimmt im Internet, du bist ja nicht von gestern.“ Ich zwinkerte ihm zu, während er die Augen rollte. Aber er tat wie ich sagte. „Sie ruft zurück. Klang aber ganz zuversichtlich.“ Gut, jetzt hatten wir wirklich alles fertig für heute. „Lucius...“ Ich hatte gerade die Augen zu gemacht! Was wollte der jetzt? Stirnrunzelnd sah ich ihn an. Oh Gott er sah besorgt aus... Das heißt nie was Gutes. „Lucius, ich wollte mit dir noch was besprechen...“ Ächzend und stöhnend, weil ich viel lieber ein Nickerchen gemacht hätte, rappelte ich mich hoch, bis ich aufrecht saß. „Was denn?“ fragte ich. „Du hast dir ja jetzt die Isländer gekauft und...“ Ohje... Jetzt kommts. „...ich möchte mein Zuchtziel etwas breiter auffächern.“ Das hätte er jetzt nicht geschwollener formulieren können. „Wie meinst du das?“ fragte ich, die Stirn noch immer in Falten gelegt. „Ich möchte nicht nur Trakehner züchten, sondern allgemein deutsche oder gar europäische Sportpferde.“ - „Du hast dir einen Narren an den Viechern gefressen, kann das? Die sind doch totale Nervenbündel! Such dir doch was ruhigeres... Wie wärs mit... Bretonen? Oder... Ja von mir aus auch Tinker oder sowas...“ - „Das ist nicht was ich will.“ - „Mhm...“ Eine unangenehm lange Pause trat ein. „Ich möchte vor allem bunte, großrahmige Sportpferde. In allen möglichen Farben und Scheckungen. Ich hab da ein Fohlen im Auge... Tigerschecke. Ein Hunter. Nachkomme von Hunter's Mr. Raw Depression.“ Verwirrt sah ich ihn an. Da war jetzt definitiv zu oft das Wort 'Hunter' drin. „Ein Vollblut-Warmblut Mix.“ klärte er mich auf. „Ah! Ein Halbblut.“ Lachend schüttelte er den Kopf. „So in der Art.“ Er zeigte mir ein Foto von dem Fohlen. Es sah tatsächlich ganz gut aus, soweit man das von einem Foto beurteilen konnte. „Dann mach halt...“ Ich konnte geradezu sehen wie ihm ein Stein vom Herzen fiel und krachend zu Boden fiel und dort zersprang. War das wirklich so eine große Last für ihn? Als würde ich ihm in seine Zucht reinreden. Er ließ mich meine Showreiterei ja auch machen ohne mir reinzureden was ich da zu tun und zu lassen hatte. Jedenfalls war ich jetzt gespannt, was er noch für Pferde auf den Hof holen würde in nächster Zeit.

      Jährlingsuntersuchung
      28. Mai 2016 | Jackie
      Scott saß bereits im Flieger nach Kanada. Etwas ermüdet blickte er aus den mickrigen Fenster über die Wolken hinweg. "Wie sehr habe ich doch nur mein Bett vermisst", dachte er gedankenversunken. Es waren zwei Monate die er in Frankreich geblieben war. Nun musste er jedoch zurück. Schließlich konnte er Ty und Cassandra nicht so lange alleine lassen. Wenige Stunden später, landetete das Flugzeug endlich und die Passagiere konnten aussteigen. Scott ging durch das Terminal und suchte seine Koffer, als er den Flughafen jedoch verließ, sah er lauthals brüllend Ty, Amy und Lou die auf ihn sehnsüchtig warteten. "Was macht ihr denn hier ?!", rief er erstaunt und geschmeichelt zugleich. "Wir haben dich doch alle vermisst", sagte Lou lächelnd. Abwechselnd umarmten sie den Tierarzt und halfen ihm beim tragen der Koffer. "Ein Taxi brauchst du auch nicht, dafür sind wir ja da." Ty zwinkerte ihm zu und hob die Koffer in den Stauraum seines Jeeps. "Vielen Dank für's abholen! Ich habe echt nicht damit gerechnet, dass man mich vermisst hat"

      Am nächsten Morgen ging der Alltag wie geplant weiter. Der erste Kunde stand um 10 Uhr morgen vor der Klinik. "Hallo! Wir kennen und noch nicht oder ?", Ty schüttelte die Hand des jungen Mannes und warf einen flüchtigen Blick zum Hänger in dem die Pferde standen. "Mein Name ist Lucius Jenkins", sein Kalifornischer Akzent war nicht zu überhören. Cassandra hatte bereits ein Auge auf den Jungen geworfen und stellte sich kerzengrade neben Ty hin. "Schön dich kennenzulernen. Wie können wir dir weiter helfen ?" Lucius lächelte erfreut über so viel 'Gastfreundschaft' "Meine Pferde sollen eine Routineuntersuchung bekommen, geimpft werden und eine Wurmkur verabreicht bekommen" - "Alles klar.", die drei machten vor der Hängertür halt und öffneten die Klappe, sodass die Patienten hinaus geführt werden konnten. "Können wir mit den Perlino Hengst anfangen, er sieht mir auf den ersten Blick sehr mager aus ?", fragte Ty zunächst. "Ja gerne. Soll ich irgendwas machen ?" - "Ja, führ ihn bitte vor. Cassandra? Holst du mir bitte die Tasche ?", das Mädchen nickte und eilte in die Klinik um Tys Utensilien zu holen. Ty musterte seinen federnden Gang. Der Hengst war zwar extrem mager, dafür jedoch sehr temperamentvoll. "Ich werde ihn jetzt abtasten, der Gang ist in Ordnung, wieso Óslogi so mager ist, kann mehrere Gründe haben." Ty fuhr mit der Hand über den Rücken des Pferdes, schließlich über die Flanke, den Hinterteil und den Bauch. Auch die Beine tastete er sorgfältig ab. Anschließend hob er die Hufe einzeln hoch und übte eine Beugeprobe aus. Nachdem er auch den rechten Hinterhuf kontrolliert hatte, richtete er sich mühsam auf und sagte "Alles in Ordnung, das einzige was mir negativ auffällt, sind die deutlich spürbaren Rippen des Pferdes. Aber dazu sage ich nachher noch etwas.", dann nahm er eine kleine Taschenlampe und kontrollierte die Zähne des Pferdes, er leuchtete in das Maul des Tieres – fuhr dann fort zu Augen und Ohren und musste etwas feststellen. "An den Augen sind einige kahle Stellen, manche davon sind relativ frisch und bluten. Óslogi scheint sich gekratzt zu haben, im Gesicht jedoch nicht so vorteilhaft. Das kann wohlmöglich auch mit der Magerheit zusammen liegen. Ich messe jetzt noch die Temperatur, dann sollten wir fertig sein." Ty nahm das Termometer an, welches Cassandra ihn entgegen hielt. Er hob den Schweif an und wartete auf ein Signal. "37,3°C Alles im normalen Bereich.", er säuberte das Thermometer, legte es weg und sah Lucius an. "Deinem Pferd geht es eigentlich gut. Ich würde schwer behaupten er hat einen Milben oder Flohbefall, daher der Juckreiz und der Gewichtsverlust. Es wäre ratsam Óslogi wenigstens so lange in Behandlung zu lassen, bis die Milben weg sind – ansonsten besteht das Risiko diese auf andere Pferde zu übertragen. Du könntest ihn zwar mitnehmen, müsstest ihn jedoch isoliert halten und selbst behandeln."

      Tys nächster Patient war Félagi, ein kleiner Porzellanscheckfarbiger Isländerhengst. Cassandra führte ihn über den Hof, damit Ty sich ein Bild von seinem Gang machen könnte. Der Kleine hatte ein aufbrausendes Tempo drauf und schwebte nahezu über den Hof. "So aktiv wie der Frechdachs ist, fehlt ihm nichts. Sein Gang ist vollkommen in Ordnung. Sowas sehe ich gerne", kommentierte Ty und musterte dabei den Körper des Jährlings. Als er mit den Händen über Bauch und Rücken ging, spürte er einige Fettschichten. "Unter seinem Fell spüre ich deutlich Fettpolster. Ich war mir nicht sicher ob es nur so aussah, aber ja Félagi ist zu dick. Ich würde es im Auge behalten. Fohlen- oder auch Jährlingsspeck ist vollkommen normal und er ist ja schon was älter, allerdings dürfen wir solche Kleinigkeiten nicht ignorieren." Gleich nach der Futterstandkontrolle, tastete Ty den Jährling ab. "Soweit fühlt sich alles super an", seine Hand glitt an den dünnen Beinchen entlang, bis zum Huf. Diesen hob er an, betrachtete ihn genauer und beugte ihn schließlich unter dem Bauch. Das wiederholte er bei allen drei Hufen. Schließlich näherte er sich dem Kopf und griff mit seinen Fingern seitlich ins Maul des Jährlings und leuchtete in das Maul hinein. "Top", kommentierte er knapp und klopfte lobend den Hals von Félagi. Die Zahnkontrolle war schon etwas schwieriger gewesen, da Félagi nicht daran gewohnt war. Ty war jedoch schon einiges gewohnt. Als nächstes sah er sich Nüstern, Augen und Ohren an. Aber als er auch hier nichts feststellen konnte, nahm er sein Stethoskop um die Atmung zu kontrollieren. "Alles gut", da fiel im plötzlich ein, dass er Óslogi gar nicht kontrolliert hatte. Also begab er sich schnell zu seinem vorherigen Patienten und hielt das Stethoskop an den Körper des Pferdes. "Gut, bei Óslogi ist auch alles im grünen Bereich", dann nahm er das Thermometer um bei Félagi fortzufahren. Es piepste kurz und ein Blick auf die Anzeige verriet ihm, dass Félagi in einem Top-Zustand war. "Dein Jährling ist wohlauf. Wir können nun mit dem Impfen bei beiden Pferden fortfahren."

      Cassandra füllte den Impfstoff ab um ihn Ty zu überreichen, während Ty die erste Spritze an Félagis Hals ansetzte, füllte Cassandra die Menge für Óslogi ab. Die Beiden tauschten die Spritzen aus um auch Óslogi auf Tetanus, Influenza , EHV-1 & EHV-4, Tollwut sowie Druse zu impfen. Als nächstes griff Ty nach der Tube Wurmkur um die Paste Oral den beiden Hengsten zu verabreichen. Als der letzte Schritt vollbracht war, luden sie die beiden Pferde wieder in den Hänger. Lucius und Ty setzten sich in die Klinik um sich über die Einzelheiten zu unterhalten. "...Behalt Félagi im Auge, er darf nicht dicker werden. Ansonsten sieht aber alles Top aus. Óslogi hat lediglich ein Milbenproblem. Da reicht ein einfaches Mittel gegen dieses Ungeziefer, außerdem sollte er isoliert gehalten werden, damit sich diese nicht auf andere Pferde übertragen."

      Pflege aller Pferde des Phoenix Valley
      23. Juli 2016 | sadasha
      „Wie heißt die?“ ungläubig sah ich meinen Bruder an, als er mir den Namen des Tigerscheck-Fohlens nannte, das er sich angeschafft hatte. „Ases Maskwamozi“ ließ er mich in absoluter Überzeugung wissen. „Das klingt falsch. Das spricht man bestimmt nicht so aus.“ Kopfschüttelnd nahm ich ihm die Papiere des Fohlens aus den Händen. „Ist ja auch egal. Sie wird eh einen Rufnamen bekommen.“ Ein wenig beleidigt verließ Kenneth das Haus um sich um seine neuen Youngster zu kümmern. Neben dem Tigerschecken, hatte er auch noch eine Falbscheckstute mit Rappfohlen auf den Hof geholt. Levisino's Hope und Leveneza. Die Abstammung konnte sich durchaus zeigen lassen. Endlich mal Pferde, bei dem einem die Namen im Stammbaum etwas sagten. Nachdem ich meinen Kaffe ausgetrunken hatte schlenderte auch ich in den Stall. Die Isländer hatten mittlerweile den größten Teil ihrer Winterwolle verloren und mussten nicht mehr allzu schlimm schwitzen von der kalifornischen Sonne. Vor allem um Óslogi sorgte ich mich immer wenn die Sonne besonders stark war. Zur Zeit hatte er auch mit einem hartnäckigen Sonnebrand auf der Nase zu kämpfen. Trotz Maske und Sonnencreme, ließ sich das manchmal nicht vermeiden. Der goldene Hengst war nämlich Entfesslungskünstler und wir konnten ihn nicht rund um die Uhr im Auge behalten. Félagi war da doch angenehmer. Auch er hatte immer mal einen leichten Sonnenbrand auf der Nase, war aber allgemein unkomplizierter in der Handhabe. Bis jetzt.

      Kenneth hatte den Fohlen und seiner Zuchtstute frisches Futter angeboten und die Tränken kontrolliert. „Amador kannst du heute vergessen. Der hat sich irgendwo die Schulter aufgerissen.“ Kenneth sagte das so nebenbei... Am liebsten hätte ich ihm dafür direkt den Kopf gewashcne, aber mein Schützling war mir wichtiger. Sofort rannte ich zu seiner Box um mir die Wunde anzusehen. Durch das trockene Klima hatte sich bereits eine Kruste gebildet und viel Dreck schien nicht reingekommen zu sein. An Reiten war nun jedoch erstmal nicht zu denken. „Ich longiere ihn trotzdem ab.“ Kenneth nickte und putzte an seinem Ghost Merchant herum, der wie immer nicht wirklich sauber werden sollte. „Ist das da ein Fleck im Fell oder vom Dreck?“ ich zeugte auf eine Stelle am Hals. „Keine Ahnung... Es wäre einfacher, wäre er ganz weiß.“ beschwerte sich Ken. „Tja...“ Ich hatte ihn schon beim Kauf gewarnt, aber er wollte nicht hören. „Warte ab bis dein Isländer ausschimmelt, du wirst das gleiche Probleme bekommen. Du wirst weinen!“ - „Der wird schöner schimmeln.“ scherzte ich und führte Amador vorbei und quer über das Gelände in die Reithalle. Es war heute einer dieser Tage, die viel zu heiß waren um überhaupt richtig zu arbeiten. Der Verbrauch an Trinkwasser stieg ins Unermessliche und wir konnten froh sein einen eigenen Wassertank zu haben, denn anderen Kaliforniern wurde die Wasserzufuhr dicht gemacht weil sie zu viel verbraucht hatten. Kaum zehn Minuten longiert pumpte Amador als hätte man ihn drei Stunden galoppieren lassen. Auch Kenneth war jetzt in der Reithalle. Niemand wollte bei dem Wetter länger draußen sein als unbedingt möglich. „Vielleicht solltest du ihn durchchecken lassen.“ Er wirkte ernst. „Find mal wen, der heutzutage schnell hier ist...“ Es war noch immer schwer akute Krankheiten und andere Wehwehchen schnell behandeln zu lassen. Sowohl tierärzte als auch Hufschmiede waren chronisch ausgebucht. Es brachte in diesem Moment nichts Amador noch weiter zu quälen. Also brachte ich den reinweißen Schimmel zurück in den Stall und ritt stattdessen Cadiz, einen der Hengste meines Bruders. Der Schecke war gut gelaunt und arbeitete fleißig mit. Später blieben nur noch Busted Cherry Cake und Fix the Flame übrig. Die Stuten wurden derzeit aktiv auf die Zuchtzulassung vorbereitet und würden vielleicht schon in einem halben Jahr durchstarten. Mal sehen was da noch kommt.

      Umgestaltung
      01. August 2016 | sadasha
      „Óslogis Sonnenbrand wird immer schlimmer, willst du da nicht mal was tun?“ Etwas mürrisch sah ich von meinem Tablet auf und blickte in das empörte Gesicht meines Bruders. „Mehr als ihn tagtäglich einzucremen und im Schatten zu halten, kann ich nicht.“ Kenneth setzte sich neben mich und schielte kurz auf mein Tablet, bis er mich weiter tadelte. „Die beiden Isländer gehen hier ein. Die gehören einfach nicht nach Kalifornien.“ Ich nickte zustimmend und ergriff das Wort. „Deshalb werde ich sie auch wieder abgeben.“ Nun war Kenneth verdutzt. Stockend suchte er nach Worten, doch es kam nicht mehr „A-“ oder „Mhm...“ dabei rum. Grinsend versetzte ich das Tablet in den Ruhemodus und legte es weg. „Ja Kenneth, ganz so blöd bin ich doch nicht.“ mit einiger Genugtuung beobachtete ich die Mimik meines kleinen Bruders. Sie änderte sich von verdutzt, zu grübelnd, zu sauer werdend und wieder zu verdutzt. „Wahrscheinlich gehen beide zusammen nach Norwegen und können da ihr Ponyleben genießen. Seit wir Royal Disturbance hier haben hab ich einen größeren gefallen an Mangalarga Marchadors und Campolina Pferden gefunden für die Gangreiterei. Die sind sogar hitze- und sonnenbeständiger, wenn man sich nicht grade einen Cremello anschafft.“ erklärte ich ausgiebig um Kenneth von seinem Zwiespalt zu erlösen. „Wann?“ - „Nebenbei...“ - „Aber, du...“ - „Ja, hatte ich, aber es ist besser für die Ponys.“ - Das war eignetlich sein Spruch, aber ich hatte immer noch Spaß daran ihn zu ärgern. „Und Polka D-“ - „Die war in der Karibik und hatte da keine Probleme. Dann wird sie hier auch keine Probleme kriegen.“ erwiderte ich sofort. Mein Bruder verfiel ins Grübeln und war irgendwann so sehr in Gedanken versunken, dass ich aufstand und im Stall noch den Fohlen sah. Leveneza und Ases Maswamozi gefielen mir mit jedem Tag mehr. Beide würde ich sicher nicht als Showpferde nutzen dürfen, dennoch brachte ich ihnen Unsinn bei, wenn Kenneth mal auf Reisen oder wenigstens für ein paar Stunden außer Sicht war. Die einzigen Auswirkungen, die Kenneth bemerkte waren ein ausgeglicheneres und besseres Verhalten im Training. Leveneza war trotz, dass sie die jüngere der beiden war schon etwas weiter was „Ruhig stehen“ und „Rückwärts gehen“ oder „Drehen“ betrifft. Ases Maskwamozi ist einfach eine langsame Lernerin. Dafür überzeugt sie in Präsenz, Farbe und ihren aberwitzigen Ideen, wenn sie sich mal wieder ablenken ließ.

      Mit Amador ist die Arbeit mittlerweile auch um einiges leichter geworden. Er ist zwar immer noch sehr aufbrausend und hengstig, lässt sich aber endlich direkt ordentlich arbeiten ohne dass man ihn ewig ablognieren muss. Es zeigt sich, dass es eine gute Idee ist ab und an mal einen ausgebildeten Pferdetrainer an seine Tiere zu lassen. Das ist nicht nur Training fürs Pferd, sondern auch für die Reiter. Die Trakehner hatten in letzter Zeit auf Turnieren ordentlich abgesahnt, wie Kenneth das nun geschafft hatte konnte ich mir nicht erklären. Immerhin hat er aktuell drei Pferde aktiv im Turniersport und muss nebenbei noch zwei Zuchtpferde und zwei Fohlen bespaßen. Ich hingegen kann mich voll und ganz auf die Hofarbeit konzentrieren, Bodenarbeit mit den Pferden lag im Moment im Vordergrund, da die Klimaanlage ausgefallen ist. Harte Arbeit war so unmöglich. Kenneth fuhr zwar jeden Tag zur Reithalle eines Freundes, aber solange ich mit meinen Pferden voran kam, begnügte ich mich so mit ihnen. Royal Disturbance würde ich mir heute etwas näher ansehen. Sie sah toll aus, wie die meisten Mangalarga Marchadors. Die Kombination aus Roan und Tobiano war schon ein seltener Anblick. Ihr ruhige, bestimmte Art tat den Rest. Sie stand sehr im Gangpferdetyp. Ich hatte schnell raus wie sie tickt und wie ich zwischen den Gangarten wechseln konnte. Es machte wahnsinnig Spaß Neues auszuprobieren, das war schon mit den Isländern toll. Aber aufgrund der akuten Brandbeschwerden bei Óslogi war an Arbeit mit ihm nicht zu denken. Er tat mir schon sehr leid, umso mehr freute es mich wahrscheinlich einen guten Platz für ihn und Félagi gefunden zu haben. Die beiden Junghengste liebten sich schon heiß und innig und könnten theoretisch auch als Bachelorpaar bestehen bleiben. Die neuen Besitzer haben aber meinen absoluten Segen, wenn sie die beiden legen wollen. Für die Zucht ist weder eine, noch der andere vorgesehen und wer weiß ob sie sich irgendwann doch quälen würden als Hengste in Ställen wo auch mal rossige Stuten stehen. Meine Gedanken verloren sich und ich wurde erst wieder wachgerüttelt, als mich die hübsche Scheckstute anstupste, an deren Box ich stand. Dankbar strich ich ihr über Nüstern und Maul, bevor ich wieder ins Haus ging. Kenneth war eingeschlafen, hatte mein Tablet auf dem Bauch liegen und sabberte eins der Sofakissen voll. Großartig. Ein Bild für die Götter. Der Sommer würde noch zwei bis drei Monate andauern. Solange läuft der Betrieb auf Sparflamme, in jeglicher Hinsicht.
    • Canyon
      [​IMG]
      8. August 2016 | 16.859 Zeichen | Canyon
      Ankunft zweier Fellkugeln

      Mio » Buskerud, Norwegen - 06:56
      "Du siehst aus wie Frankenstein höchstpersönlich!" Verschlafen und mit geschwollenen Augen wurde ich am frühen Morgen von Petyr begrüßt, welcher natürlich putzmunter und fröhlich bereits mit der Stallarbeit begonnen hatte. Träge nahm ich mir eine Mistgabel zur Hand und schlurfte dann weiter zu meinem Freund.
      "Ich hoffe, ich bin noch nicht grün im Gesicht." murmelte ich und stieß die Boxentür neben der von Petyr auf. "Solange mir noch keine Schraube aus dem Kopf schaut und mich die Pferde noch erkennen, ist alles gut."
      Petyr lehnte sich lachend auf seinen Stil der Mistgabel und blickte durch die Gitterstäbe der Box zu mir herüber. "Wenn du schon nicht geschlafen hast, dann musst du mir jedenfalls erzählen, WARUM du nicht geschlafen hast." meinte er und grinste. Wahrscheinlich vermutete er eine geheime Liebesaffäre oder was weiß ich. Leider musste ich ihn jedoch enttäuschen.
      "Geschlafen habe ich, aber anscheinend nicht genug." Abwartend blickte Petyr mich an und ich seufzte. Eigentlich hatte ich noch keine Kraft und Lust jetzt so viel zu erzählen, aber ich kannte meinen Freund, so schnell würde er nicht locker lassen.
      "Julie ist gestern wieder zufrieden in Amsterdam gelandet. Nach einem Jahr ohne feste WLAN-Verbindung haben wir natürlich die Chance ergriffen und geskypet und das, wie du ja bereits mitbekommen hast, bis tief in die Nacht hinein." Ich gähnte.
      "Uuund? Was hat sie erzählt?" harkte Petyr nach.
      "Jaja, kein Stress!" sagte ich leicht genervt, während ich die Arbeit in der Box aufnahm. Dabei musste ich meine Stimme allerdings erhöhen, damit mich Petyr weiterhin verstand. "Sie meinte, sie wäre dunkler als die verbrannten Plätzchen, die ihr Tante Annika zur Begrüßung gebacken hatte und auch wenn das Bild sehr unscharf war, kann ich das nur bezeugen. Leider passt dieser Hautton so gar nicht zu ihren roten Haaren."
      Ich legte die Mistgabel in die Schubkarre und wechselte die Box. Petyr tat es mir gleich und sobald wir wieder in einer Box standen und Mist schaufelten, erzählte ich weiter.
      "Ansonsten schwärmte sie vor allem von Indien, da war sie den letzten Monat, und von der Reise mit dieser Eisenbahn da, die durch ganz Sibirien rollt. Der Name ist mir entfallen, aber auch nicht so wichtig." Ich legte eine kurze Pause ein, in welcher ich kurz verschnaufte und meine Gedanken sammelte. "Sie war überglücklich und hat beständig über beide Ohren gestrahlt. Aber wie wäre es, mein Lieber Petyr, wenn du sie das einfach selbst fragst, wenn sie mich in ein paar Tagen besuchen kommt?"
      Petyrs Kopf erschien vor den Boxengittern. Sein Blick sprach Bände, wie man es so schön sagte. "Sie kommt? Sie hat dich doch schon seit Jahren nicht mehr besucht!" Ich zuckte die Schultern. " Übertreibe nicht, etwas öfter hast du sie schon gesehen, sonst wärst du nicht so vernarrt in sie. Sie will ja sowieso weiter zu unserem Vater nach Östersund, da ist der kleine Umweg hier her ja kein Problem. So und nun lass uns diese Schubkarre zum Mist bringen, so langsam ist sie übervoll!"
      Petyr nickte, schien jedoch ganz woanders in Gedanken zu sein. "Du, Malte, ist sie wirklich noch so eine Schönheit, wie sie es früher schon immer gewesen war, ich meine so mit langen gelockten Haare und strahlenden grünen Augen – ?" verträumt blickte er in den Himmel und ich seufzte theatralisch. "Ich möchte mit dir jetzt NICHT über meine Schwester sprechen, da gibt es jetzt wichtigere Themen. Du weißt was heute für ein Tag ist?" Mit einem kräftigen Stoß stieß ich die Schubkarre den Misthaufen hinauf und entleerte sie, bevor ich sie Petyr wieder in die Hand drückte, er konnte sie schön zurückfahren! Geistesabwesend nahm er sie einfach an.
      "Äh vielleicht dein Geburtstag? Aber der war doch im Winter oder?"
      Ich schüttelte den Kopf. Was für ein toller Freund, der noch nicht mal meinen Geburtstag wusste. "Neeeein, es ist nicht mein Geburtstag!"
      "Tut mir leid, dann weiß ich es nicht Malte." meinte Petyr und zuckte entschuldigend mit den Schultern. Schon wieder seufzte. Heute war wohl so ein Seufztag und das, obwohl ich eigentlich über beide Ohren strahlen sollte. "An was erinnern dich die Worte Kalifornien, pelzig, warm und Isländer?" Petyr schien einen Moment überlegen zu müssen, bevor es ihm eeendlich einfiel. "Deine beiden Pferde kommen heute an?" Ganz entgeistert blickte er mich an "Warum hast du das denn nicht schon früher gesagt!"
      "Da war ich noch zu müde und dann wolltest du ja, dass ich dir alles von Julie erzähle und deswegen bin ich erst jetzt dazu gekommen."
      Freudig wie ein kleines Kind hüpfte Petyr zurück zum Stall und rief mir über die Schulter entgegen: "Na worauf wartest du denn noch? Wir haben noch viel zu tun!"

      Tatsächlich hatten wir viel zu tun. Boxen fertig machen, alle Pferde von den Weiden holen, jeden mit seiner eigenen speziellen Futtermischung füttern und dann ein paar der Pferde noch ihre Medikamente geben. Petyr untersuchte die kleinsten Fohlen Mios Jelda und Aspantau nach Verletzungen, während ich Teufelstanz ihre Medikamente gegen die vielen Beschwerden gab. Sie hatte sich gut geschlagen, die Vollblutstute, aber Nico wollte ihr noch mehr Ruhe gönnen, bevor wir versuchen wollten, sie wieder zu reiten. Nach einer gescheiterten Renn- und Zuchtlaufbahn war sie mit einigen Verletzungen und Krankheiten und einem kleinen ungewollten Fohlen zu uns gekommen und ich war schon stolz darauf, was wir zusammen geschafft hatten.
      "MALTE!" laut schallte Petyrs Stimme durch den Stall. "Komm mal her und hilf mir! Diese verfluchte Jeanie will einfach nicht ihre Schnauze von mir lassen."
      Vorsichtig schloss ich die Box von Teufel, streichelte ihr noch einmal kurz übers Maul und folgte dann Petyrs Hilferuf. Dieser hatte meine Hilfe auch dringend nötig; Er lag fast in der Box, um die zierlichen Hufe der kleinen Jeanie untersuchen zu können und Jeanie hatte nichts anderes zu tun, als immer wieder zu versuchen seine Haare aufzufressen, diese waren ja auch genau auf der richtigen Höhe für so etwas.
      "Himmelherrgottnochmal!" schimpfte Petyr, während er versuchte Jeanie mit einer Hand fernzuhalten und mit der anderen einen Huf von Jelda zu heben. Zum Glück war die kleine Stute noch entspannter als ihre Mutter!
      "Ach Petyr", ich seufzte (schon wieder!), "Lass mal den Chef hier ran." Vom Hacken nahm ich Jeanies Halfter, band sie damit an den Gitterstäben fest und kniete mich neben Petyr ins Stroh. "So und jetzt erzähle mir, was daran so schwer war." Petyr boxte mir nur kurz in den Oberarm und schob mich dann aus der Box. "Mach, dass du wegkommst du Blödi!" schimpfte er und als Gegenschlag streckte ich ihm die Zunge raus. Ja so war er, unser Petyr.

      Obwohl ich es nicht vermutet hätte, war Petyr am Nachmittag aufgeregter als ich und das, obwohl die beiden jungen Isländer seit langem meine ersten Pferde waren, die ich mir kaufte. Petyr war es auch, der alle fünf Minuten aus dem Stall blickte und nach einem Transporter schaute, welcher die beiden zu uns bringen sollte. Es war ein angenehmer Mittwochnachmittag. Die Sonne schaute immer wieder hinter den Wolken hervor und kein Lüftchen wehte, sodass man die 17 Grad doch ganz gut vertragen konnte. Ein perfekter Tag, welcher zwar nicht ganz so gut begonnen hatte, aber das taten die guten Tage doch sonst auch. Die schlechten begannen gut und endeten schlecht, die guten fingen schlecht an und wurden erst später richtig gut. So war es jedenfalls immer bei mir. Ich hatte mich gerade zu einer kleinen Pause auf die Bank vor dem Stall niedergelassen und ein gutes Buch, ein Krimi (Tote, Fingerabdrücke, Blut und so ein spannendes Zeug) in die Hand genommen, als Petyr ganz aufgeregt neben mir auftauchte und meinte: "Da da, so schau doch, sie kommen!"
      "Petyr, du klingst wie eine Prinzessin, die ihren langersehnten Prinzen endlich wiedersehen kann. Ehrlich, du hättest auch Schauspieler werden können." meinte ich und stand mühsam auf. Meine armen Knochen!
      "Und du hast zwei Pferde gekauft und bis lustloser als je zuvor! Das ist auch nicht besser." verteidigte sich Petyr und verschränkte die Arme vor der Brust.
      "Glaube mir, ich freue mich auch, sehr sogar, ich weiß nur noch nicht, ob es wirklich der richtige Weg war. Ich bin immer noch viel unterwegs, auch wenn Evangeline und du mir mittlerweile viel Arbeit abnehmt-" Ich brach ab und blickte dem Transporter entgegen, der die buckelige Straße entlang holperte. Da hinten drinnen, da waren sie. Zwei junge Isländer, der eine erst knapp ein Jahr, der andere perfekte 6 Jahre. Ich wusste immer noch nicht, ob es richtig gewesen war, aber jetzt war es zu spät, sie waren angekommen und ich hoffte, dass die Tyrifjord Ranch für immer ihr zu Hause sein würde. Der Pferdetransporter war Silber und bot Platz für mehrere Pferde, in dem Moment sollten sich darin allerdings nur zwei befinden, zwei, die mein Leben nochmal in eine ganz andere Richtung lenken würden. Das wusste ich jetzt schon. Sie hatten eine weite Reise hinter sich; Erst von Kalifornien mit dem Flugzeug nach Vikersund zum Flughafen und dann von dort mit dem Transporter bis hier her. Sie taten mir verdammt Leid. Der Fahrer schaltete den Motor auf dem Parkplatz vor dem Stall aus, stieß dann seine Tür auf und kletterte heraus. Zu meinem Erstaunen war es kein älterer Mann, welcher sein Leben lang bereits Pferde von einem Ort zum anderen kutschierte, sondern eine junge Frau, vielleicht Ende dreißig, welche ihre langen braunen Haare zu einem Zopf geflochten hatte und nun elegant aus dem Transporter sprang. Sie lächelte uns beide freundlich an und winkte uns dann wie ein kleines Mädchen zu, bevor sie über den Parkplatz rief: "Ist einer von euch beiden Malte?"
      Ich schüttelte meine kurze Ungläubigkeit von mir ab und hob dann die Hand. "Ja ich, warten sie, ich komme."
      Petyr neben mir grinste und blickte mich von der Seite an. "Das ist aber eine Hübsche, pass auf, dass dir deine Augen nicht aus dem Kopf fallen, lieber Malte." Ich sagte nichts, hoffte allerdings das ich nicht allzu rot im Gesicht wurde. Als ich bei der jungen Frau angekommen war, hatte sie bereits die automatische Rampe an der Seite des Transporters heruntergelassen und war zu den beiden Pferden in den Anhänger geklettert. Ich folgte ihr und warf einen allerersten Blick auf meine Pferde. Meine Pferde, wie sich das anhörte, es löste ein ganz neues Gefühl in meinem Magen aus, welches ich schon lange nicht mehr gespürt hatte. Beide waren erschöpft und verschwitzt, waren jedoch genau das, was ich mir schon immer gewünscht hatte: Einfach nur perfekt.
      Ich starrte die beiden noch vollkommen überfordert an, als mir die Frau neben mir die Hand reichte. "Hey, ich bin Halla!"
      Ich wandte meinen Blick von den Pferden ab und ergriff ihre Hand. "Malte."
      Sie lachte und dabei leuchteten ihre Augen noch mehr und an ihren Mundwinkeln erschienen kleine Grübchen. "Ich weiß doch." Ich musste auch lachen. Oh man war ich manchmal peinlich, da machte ich ja sogar Petyr den ersten Platz der Peinlichkeitsrangliste streitig.
      Als ich darauf nichts sagte, meinte Halla etwas eingeschüchtert: "Vielleicht sollten wir die Pferde hier heraus holen, sie waren jetzt lang genug hier drinnen." Ich nickte zustimmend und ging zu dem größeren der Beiden hin.
      Óslogis Fellfarbe war etwas ganz besonderes und ich musste ehrlich zugeben, dass ich so ein Pferd schon lange nicht mehr gesehen hatte. Und ich, ich der einfache Pferdetrainer Malte, ich besaß jetzt diesen schmucken Hengst. Ich band Óslogi los und führte ihn die Rampe hinunter. Hinter mir kam Halla mit dem kleinen Félagi. Beide Pferde standen wohl noch zur Hälfte unter den Narkosemitteln für den Flug, denn beide Isländer stolperten über jeden größeren Stein und schafften es nicht, ihre Hufe höher als Handhoch zu heben. Ich lächelte durchweg, als ich Óslogi in den Stall führte. Die Boxen der Beiden lagen ganz am Anfang und waren natürlich nebeneinander. Ich zeigte Halla, welche sich staunend in dem großzügigen Stall umschaute, Félagis Box, während ich Óslogi in seine brachte. Petyr stand natürlich nur daneben und schaute uns zu, wie wir die Pferde von Transportgamaschen und Decken befreiten. Heu, frisches Wasser und Kraftfutter zur Erholung hatten wir beide natürlich schon vorbereitet, sodass es den Beiden erstmal an nichts mangelte. Halla und ich ließen die Pferde auch so schnell wie möglich in Ruhe und gaben ihnen genügend Zeit anzukommen. "Lust auf einen Kaffee?" fragte ich Halla und ignorierte dabei Petyrs breites Grinsen. Heute konnte ich ihn mal wieder überhaupt nicht ausstehen.
      "Klaro, Kaffee ist immer gut!" meinte sie lächelnd und schon wieder lächelte ich zurück.
      "Machst du uns einen?" Ich schaute Petyr bittend an, welcher laut seufzte und dann in Richtung "Reiterstube" verschwand, welche bei uns lediglich aus einem Abstellraum mit Kaffeemaschine bestand.
      Halla holte aus dem Transporter die Papiere und setzte sich dann neben mich auf die Bank vor dem Stall. Sie schien jedoch Zeit zu haben, denn sie ließ die Mappe noch geschlossen und genoss mit geschlossenen Augen die warmen Sonnenstrahlen. Ich tat es ihr gleich, wurde aber kurz darauf von ihr angesprochen. "Sag mal, ist das eigentlich dein Stall?"
      Ich lachte und schüttelte dann den Kopf. "Nein nein, der gehört einem jungen Paar, die sind gerade nur in Sylling Verwandte besuchen, ich wohne hier nur und bin Pferdetrainer und Angestellter. Einen eigenen Stall, und vor allem nicht so einen großen, könnte ich mir niemals leisten." sagte ich und zuckte mit den Schultern. "Dafür braucht man so einiges an Geld."
      Halla neben mir seufzte und nickte dann. "Jaaa," sagte sie gedehnt, "Diese Erfahrung durfte ich auch schon machen."
      In dem Moment kam Petyr mit drei dampfenden Tassen zurück. Unterm Arm hatte er eine Milchpackung und Zucker stecken. Wie ein Butler reichte er uns beide jeweils eine Tasse und fragte dann stumm nach Zucker und Milch. Halla hob dankend die Hand und auch ich verneinte. Petyr wusste ganz genau, dass ich meinen Kaffee immer schwarz trank. Er selbst quetschte sich noch neben Halla auf die Bank und schüttelte sich gefühlt die halbe Milch- und Zuckerpackung in die Tasse. Dann nahm er mit gespitzten Lippen einen Zug des heißen Gebräus. "Sag mal, Halla richtig? Wie kommt eine junge Frau wie du eigentlich auf die Idee, Fahrerin für ein Transportunternehmen zu werden?"
      Halla schien mit der Frage gerechnet zu haben und ich war mir sicher, dass sie diese nicht zum ersten Mal in ihrem Leben hörte. Deswegen antwortete sie auch dementsprechend resigniert. "Mein Vater leitet unsere Firma. Wir hatten vor einigen Jahren einige Geldprobleme und deswegen bin ich aushilfsweise bei ihm eingestiegen, weggekommen bin ich dort nie und jaaa, auch ich bereue es manchmal - Das musst du mich jetzt nicht noch fragen."
      Ich blickte Petyr böse an. Das hätte er auch etwas besser fragen können, da konnte er sehen, was er angerichtet hatte.
      Ich versuchte das Thema zu wechseln. "Hast du denn eigentliche auch eigene Pferde?"
      Wieder musste Halla eine Antwort geben, die ihr nicht gefiel. "Nein, besser gesagt saß ich noch nie auf einem größeren Pferd als einem Reitpony vom Rummel. Und auch wenn ich Tag für Tag Pferde von einem Ort zum anderen bringe, reiten kann ich nicht." Traurig blickte sie in die Weite und ich sah, wie eine Träne in ihren Augen glitzerte. So hatte ich mich täuschen können. Noch vor wenigen Minuten hatte ich geglaubt, noch nie einen glücklicheren Menschen getroffen zu haben und jetzt saß eine traurige junge Frau mit Tränen in den Augen neben mir. So war die Welt, die Wahrheit blieb einem meistens verborgen.
      Kurz gefasst: Der Tag endete damit, dass ich mit Halla die Nummern ausgetauscht hatte und sie zu uns zum Kaffee eingeladen hatte, mit anschließendem Reiten, verstand sich natürlich von selbst.
      Erst als am späten Nachmittag Petyrs Handy klingelte und Nico am Telefon fragte, ob die Pferde bereits versorgt waren, lösten wir unsere Kaffeerunde auf und jeder ging wieder seines Weges. Auch hatten sich Félagi und Óslogi in der Zeit prächtig erholt und beide blickten nun munter über die Gitterstäbe der Box hinweg. Beide würden die Nacht noch zur Sicherheit in der Box verbringen, morgen Abend würden sie jedoch mit hinaus auf die Weiden dürfen und mit eigenen Augen die prächtigen Weideflächen von Norwegen sehen können. Ich hoffte ja, dass Óslogi sich mit dem junge Leiðtogi anfreunden würde, die beiden Isländer würden sich bestimmt gut verstehen. Auch auf Félagi wartete ein Spielgefährte: Der junge Sleipnir, auch er stammte aus der gleichen Zucht wie Félagi, war nur wenige Monate älter und ich war mir sicher, dass die beiden sich gut verstehen würden. Ich war verliebt und überglücklich und konnte es noch nicht so ganz fassen, dass alles so reibungslos geklappt hatte. Ich hatte lange an mir gezweifelt, auch jetzt natürlich noch, ob es richtig gewesen war. Aber das konnte man vorher nie wissen, das würde die Zeit bringen.
    • Canyon
      [​IMG]
      18. September 2016 | 18.527 Zeichen | Canyon
      Kommt zu Tisch und hört die News!

      Charly »
      „Malte?“ Meine Stimme klang etwas kratzig, als ich nach unserem Mitarbeiter rief, welchen ich gerade zufällig vor seiner Haustür entdeckt hatte. Die Nacht war für mich mehr als kurz gewesen, denn erst in den frühen Morgenstunden hatte Bart Ruhe gefunden und da Nico zur Zeit unterwegs war, hatte ich das diese Nacht alleine schaffen müssen.
      Malte blickte auf, als er meine Stimme vernahm und überquerte dann den Hof, um zu mir zu kommen. Fragend blickte er mich mit seinen kastanienbraunen Augen an und auch wenn ich versuchte mir den Gedanken zu verkneifen, fragte ich mich abermals, warum er, laut seinem Freund Petyr, seit Jahren keine feste Freundin mehr hatte. Diesen Augen konnte sogar ich nicht widerstehen, dabei war ich seit geraumer Zeit glücklich mit Nico zusammen und auch wenn wir beide keine, oder jedenfalls nicht so früh, Kinder haben wollten, hatte unser Bartholomäus unser Leben nochmal ganz schön auf den Kopf gestellt.
      Ich riss mich von seinen Augen los und sammelte meine Gedanken. „Es gibt ein paar wichtige Dinge zu besprechen“, erklärte ich ihm. „Ich würde dich deswegen bitten, und Petyr auch noch zu Bescheid geben, heute Mittag um eins zu kommen. Es wird euch bestimmt interessieren, vor allem dich.“ Ich wartete seine Antwort nicht mehr ab und schloss sachte mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen vor ihm die Tür. Ich kannte ihn mittlerweile recht gut und wusste, dass er kommen würde.
      Teodor und Torun hatte ich gestern bereits Bescheid gegeben und so fehlte jetzt nur noch Nico, welcher jedoch auch bald und hoffentlich pünktlich zurückkommen würde.

      Den restlichen Vormittag blieb mir wohl nichts anderes übrig, als mich mit Bart zu beschäftigen. Auf dem Plan stand also aufräumen und putzen, mit meinem Sohn spielen, dann einen kleinen Spaziergang am Ufer des Tyrifjords und dann Mittagessen kochen. Ich war mehr als erleichtert, als Bart wenig später in seiner Hängematte einschlief und doch tatsächlich nicht mal wach wurde, als ich ihn in den Kinderwagen hiefte und mit ihm das Haus verließ. Die Mittagszeit war meiner Meinung nach die beste Zeit. Jetzt schlief Bart und auch all die anderen Hofbenutzer waren meist in ihren Wohnungen.
      Mit Bart schlug ich den Weg zum Stall ein. Da bei uns die Pferde über Nacht auf den Weiden waren und den Tag in den Boxen dösten, war der Stall mehr als gefüllt. Auch wenn wir bis jetzt noch einige leere Boxen hatten, so war es jetzt schon reichlich Arbeit, all die Pferde zu versorgen.
      Bart ließ ich am Eingang des Stalls stehen. Sollte er aufwachen, würde er sich schon bemerkbar machen.
      Mir fiel auf, dass der junge Óslogi nicht in seiner Box stand und daraus schloss ich, dass Malte, nicht wie erwartet, in seiner Wohnung sein würde, sondern mit seinem Hengst irgendwohin unterwegs war. Das Wetter war dazu ja wirklich perfekt, denn auch wenn die Sonne heute schien, so war es nicht zu warm und ein kleiner Westwind trieb ein kühles Lüftchen vom Atlantik zu uns.
      Meine Schritte lenkten mich weiter zur Box von Braum, allerdings war auch dieser nicht in seiner Box zu finden, weswegen ich, mit meinem überaus klugen Kopf daraus schloss, dass auch Braum mit Óslogi unterwegs war. Entweder als Handpferd, oder auch Petyr hatte sich Malte angeschlossen Das würde ich leider nicht so schnell erfahren, weswegen ich nach einem Plan B suchte.
      Schließlich entschied ich mich dafür, statt Braum mich mit der Jungstute Scion zu beschäftigen. Sie war ein wahres Prachtexemplar und ich war froh, sie vor einiger Zeit aus einer so berühmten Zucht gekauft zu haben. Es zerbrach mir jetzt schon das Herz, dass ich sie bald von ihrem besten Vollblutfreund Aspantau trennen musste. Die beiden waren dickste Freunde, nur leider hatte ich nicht vor, Aspantau zu kastrieren und bevor wir ungewollt Nachwuchs bekamen, mussten wir sie trennen.
      Ich legte der jungen Stute ihr hübsches Halfter um und führte sie dann aus der Box nach draußen ans Tageslicht. Bart schlief natürlich immer noch, nur hatte sich zu ihm noch jemand dazugesellt. Capucine. So sehr ich die alte verfilzte Katze mochte, genauso wenig erfreut war ich, dass sie sich zu Bart in den Kinderwagen gelegt hatte.
      Cap war eine Straßenkatze gewesen, welche wir aus Südfrankreich mit nach Norwegen genommen hatte. Kein Hund, nicht mal die beiden Wolfshunde Gery und Edda konnten ihr Angst einjagen. Sie wusste genau was sie wollte und ließ sich davon dann auch nicht abbringen.
      Ich seufzte tief, klemmte mir dann trotzdem den Führstrick von Scion unter den Arm und hob die dicke Katze aus dem wagen. Hübsch war sie ja, so caramellfarben mit dunkleren Flecken, aber wenn sie einem ihre Krallen zeigte, gab es nichts mehr zu lachen.
      Diesmal fauchte sie jedoch nur kurz, bevor sie mir vom Arm sprang und mit erhobenem Schwanz majestätisch im Stall verschwand.
      Auch Scion fand den Kinderwagen einfach nur interessant und streckte ihre helle Schnauze tief ins Innere.
      Ich musste lächeln, schob jedoch ihren Kopf zurück, bevor ich sie am Kinderwagen anband und mit beiden den Hof verließ.
      Scion liebte Spaziergänge. Jeder Stein, jeder Busch und jede Rose am Wegesrand musste unbedingt von ihr beschnüffelt werden und dafür nahm sie sich auch genügend Zeit.
      Auch ich genoss es, einfach nur dahin zuschlendern, Scion zu beobachten und meinen Gedanken nachzuhängen. Allerdings konnte das natürlich nicht immer so weiter gehen. Kaum war Bart aus seinem tiefen Mittagsschlaf aufgewacht, wurde auch Scion unruhiger. Bart bewegte sich immer wieder, wollte auch etwas sehen und gab lautstark Geräusche von sich, sodass ich unseren gemeinsamen Spaziergang bald abbrach und zurück zum Stall ging.
      Viel Zeit hätte ich sowieso nicht mehr gehabt. Es war kurz vor eins und ich wollte die anderen nicht warten lassen. Auch Braum und Óslogi waren mittlerweile wieder in ihren Boxen, sodass also auch Malte wieder da sein sollte.
      Ich brachte Scion in ihre Box und ging dann den kleinen Uferweg am Tyrifjord zurück zu unserem kleinen Hof.
      Bereits aus der Ferne erkannte ich Nicos schwarzes Auto und auch wenn ich es nur ungerne zugab, so freute ich mich doch, ihn nach nur drei Tagen endlich wiederzusehen. Mal wieder war er mit Asuka und seinem auf einem Lehrgang gewesen und so sehr wie ich ihm das gönnte, genauso öde und anstrengend waren die Tage ohne ihn. Wäre Mio nur noch da, dann wäre das kein Thema gewesen, aber jetzt-.
      Erstaunt stellte ich fest, dass ich wohl die Letzt war, die ankam. Die anderen hatten bereits ein paar Stühle zusammengesucht und bei uns im Garten einen kleinen gemütlichen Kaffeetisch gedeckt.
      Es war mir peinlich, dass ich sie alle einlud und dann noch nicht mal pünktlich war. Allerdings schien das niemanden zu stören. Von allen wurde ich freundlich begrüßt und natürlich auch Bart, welcher gleich nach unserer Ankunft aus dem Wagen gehoben und von allen beknuddelt wurde.
      Laut bellend stürzte sich mein kleiner Schützling Asuka auf mich und es freute mich zu sehen, wie sehr der kleine Whippet mich vermisst hatte. Bevor ich ihn allerdings begrüßte, nahm mich Nico in den Arm und drückte mir sanft einen Kuss auf die Lippen. Auch wenn er manchmal, nein, sehr oft ein großes Ar***loch war, hatte ich ihn mehr als lieb.
      Ich ließ mich neben Teo am Tisch nieder und neben mich setzte sich Nico. Wir waren nun also alle vollzählig. Torun, Petyr und Malte saßen auf der anderen Seite des runden Tischs.
      Während Malte sich entspannt zurück gelehnt hatte und alles mit ausdruckslosem Gesicht beobachtete, hatte Petyr wie immer ein freches Grinsen auf dem Gesicht und schaute mich erwartungsvoll an. Die blinde Torun schien etwas nervös und kaute unablässig auf ihrer Lippe herum, während ihr Vater Teodor sich mit dem kleinen Bart beschäftigte, welcher dem alten Mann im Bart herum spielte. Bei dem Gedanken musste ich mir ein Grinsen verkneifen, denn mein Bart spielte im Bart, eine witzige Vorstellung.
      Jetzt, wo es soweit war, fand ich nicht die Worte, welche ich mir den ganzen Vormittag bereitgelegt hatte und das ärgerte mich extrem. Ich war früher immer sehr wortgewandt gewesen, seitdem das allerdings mit Shadow und Mio gewesen war und all die Verantwortung nun auf meinen Schultern lag, war dieses Talent erheblich geschrumpft.
      »Okay, danke erst mal, dass ihr alle gekommen seid.« fing ich ahnungslos an, ohne zu wissen, was ich als nächstes sagen sollte. »Nico und ich haben in letzter Zeit uns oft darüber Gedanken gemacht, was wir verbessern können und uns fiel auf, dass wir zwar mit unseren Pferden viele erfolgreiche Turniere gehen, aber trotzdem kein Ziel vor Augen haben. Deswegen haben wir uns dazu entschieden, nun auch ganz aktiv in die Zucht einzusteigen.« Ich beobachtete die Reaktionen am Tisch genau. Petyr schien sich zu freuen, denn seine Grübchen wurden noch tiefer und seine Augen noch strahlender als sonst. Malte zog nur eine Augenbraue in die Höhe und Torun hörte auf, auf ihrer Lippe zu kauen. Teo zeigte mit keinem Finger, dass er uns verstanden hatte, sondern beschäftigte sich immer noch mit Bart.
      »Wir haben viel überlegt, viel geplant und trotzdem wurde uns die Entscheidung von jemandem erleichtert. Nico und ich waren letztes Wochenende auf einem Gestüt, wo einige Pferde zum Verkauf standen. Besser gesagt, einige Achal Tekkiner und zwei davon stammen auch noch aus der berühmten Reuthlinie. Die Besitzerin überlegte nicht lange und verschenkte« dieses Wort betonte ich extra stark, »verschenkte drei Stuten und einen Hengst an uns.«
      Hier blickte ich kurz zu Nico, welcher mir zunickte und sich so bereiterklärte, weiterzuerzählen. »Ihr wisst alle, dass Nelly und April unserem alten Freund viel bedeuteten und nun werden wir genau das tun, wovon er immer geträumt hatte. Eine kleine Zucht mit diesen überaus majestätischen und eleganten Geschöpfen. Zwei der Stuten sind bereits erfolgreich geritten wurden, die eine ist fast vier und wird nun so langsam eingeritten. Ich weiß, wenn ich euch jetzt erzähle, dass der Hengst das Spiegelbild von meinem Marid ist, werdet ihr uns für verrückt halten, aber ich bin mir sicher, dass es nicht lange dauern wird, bis auch er vernünftig wird. Ich kenne mich ja so langsam mit solche Pferden aus.« Ein breites angeberisches Grinsen tauchte auf seinen Lippen auf. Gerade hatte ich noch gedacht, dass er es jedenfalls einmal schaffen würde, nicht der große Angeber zu sein, sondern ein ganz normaler Junge. Da hatte ich wohl umsonst gehofft.
      »Schön und gut«, hängte sich nun Malte ins Gespräch, »Aber mit den neuen Pferden haben wir fünf Stuten und einen Hengst, das Verhältnis ist etwas unausgeglichen.«
      »Sechs Stuten, um genau zu ein.« antwortete ich ihm. »Ich habe bereits seit längerem eine weitere Stute im Blickfang und der Verkäufer hat sich gestern nun endlich zurückgemeldet und dem Kauf zugesagt.«
      Zweifelnd blickte Malte mich an. Ich hatte zwar gewusst, dass er etwas kritisch an die ganze Sache heran gehen würde, aber so schwer musste er es mir nun wirklich nicht machen. »Keine Angst Malte. Cascar, die Vorbesitzerin der Tekken, hat drei weitere Hengste bei sich stehen. Diese will sie behalten, möchte mir diese allerdings zur Verfügung stellen, sodass wir erst mal genügend Hengste haben und trotzdem keine weitere Arbeit. Zufrieden?«
      Er nickte leicht mit dem Kopf und ich atmete erleichtert aus. Ich wollte gerade weitererzählen, als ich sah, wie Torun leicht ihren Mund öffnete und so wartete ich ab, bis das zierliche Mädchen auch gesprochen hatte.
      Mit sanfter und verträumter Stimme, welche ich schon immer so toll fand, fragte sie: »Wann kommen diese neuen Pferde denn an?«
      »Aller Wahrscheinlichkeit bereits morgen, wenn nichts dazwischen kommt und sie alle Kontrollen gut überstehen. Cascar wollte sie so schnell wie möglich zu uns bringen, denn ihr fehlt gerade einfach die Zeit, sich um die Tiere zu kümmern.« Antwortete ich ihr.
      »Da werden wir aber einige Decken für den Winter brauchen, wenn wir uns im hohen Norden Vollblüter aus dem tiefen Süden anschaffen«, meinte Petyr und grinste frech in die Runde.
      »Darüber haben wir uns auch schon Gedanken gemacht,« ging Nico auf Petyrs Kommentar ein und auch auf seinen Lippen breitete sich ein Grinsen aus. »Wir werden einen Waschdienst brauchen und dieser hat dann eine Woche die Aufgabe, die Decken zu waschen und aufzuhängen und da haben wir gleich an dich gedacht, lieber Petyr, weil wir wussten, dass du dich darüber freuen wirst.«
      Bevor Petyr zurückschießen konnte, ging ich diplomatisch dazwischen und erzählte weiter. Immerhin wollte ich heute noch so einiges schaffen.
      »Klar wird es mit ihnen anstrengender als mit felligen Pony, aber nichtsdestotrotz werden wir auch dies gemeinsam schaffen.
      Wie ihr wisst, haben wir in letzter Zeit einige Pferde verkauft und so sehr es mich schmerzt, werden auch Leiðtogi und Ocarina uns bald wieder verlassen. Linn hat sich dazu entschlossen, Togi in ihre Zucht aufzunehmen, jetzt wo er kurz vor seiner Kür steht. Oca wird zurück zu Verena auf die Gips Reminder Ranch gehen und sich dort hoffentlich wohler fühlen als hier in Norwegen. Im Gegenzug haben wir ja vor einigen Tagen Bijou und Modjo bekommen. Ich finde, dass in beiden ein großes Talent schlummert und vielleicht werden wir sie ja irgendwann kören lassen können.
      Außerdem wollen wir unsere EV-Zucht wiederbeleben und da wir nun mit Lady Gweny auch hier Stuten im Übermaß haben, habe ich einen perfekten Hengst gefunden, welcher auch in einigen Tagen bei uns eintreffen wird. Bitte habt Verständnis mit ihm und stempelt ihn nicht gleich als böse ab, ja?« Bittend schaute ich in die Runde und außer Nico machten alle ein verwirrtes Gesicht. »Glaubt mir, das werdet ihr schon früh genug erfahren!«
      Genau als ich meinen Satz beendet hatte, kam Bart auf Teos Schoß ein freudiger Schrei aus dem Mund und die ganze Aufmerksamkeit am Tisch richtete sich auf ihn. Darauf schien er nur gewartet zu haben, denn als ihn alle anblickten, grinste er breit und fing an zu lachen.
      In die dadurch entstandene Pause fragte Malte: »Wie wird denn der Hengst heißen?«
      »Cotsworlds Eik«, sagte Nico stolz. Auch er hatte den Hengst von Anfang an toll gefunden und sich genauso gefreut wie ich, dass das mit dem Kauf so gut geklappt hatte.
      »Das klingt irgendwie nach Kotze.« lachte Petyr und konnte kaum noch aufhören. Ich verdrehte nur die Augen. Dieser Kerl! Jedenfalls hatte noch einer etwas Humor.
      Bevor ich weitererzählen konnte, ergriff abermals Nico das Wort. »Und um unseren Plan einer Vollblutzucht noch komplett zu machen, habe ich eine perfekte Stute für meinen Marid gefunden. Und ob ihr es glaubt oder nicht, sie ist bereits gekrönt und dazu noch überaus hübsch.« Stolz blickte Nico in die Runde und ich freute mich, dass er endlich ein weiteres Pferd gefunden hatte, welches ihm etwas bedeutete. Niemand in der Runde schien etwas dagegen zu haben und diesmal war die Atmosphäre um einiges positiver. Eine Stute für Marid, dass war perfekt und das schienen auch alle zu finden.
      »Charly was hast du eigentlich für deinen Geburtstag geplant?« Teo hatte sich einen Moment von Bart losgerissen und blickte mich nun fragend an.
      »Woher weißt du von meinem Geburtstag?« Erstaunt blickte ich Teo an. Mein Geburtstag war nichts besonderes und ich hatte nicht geplant mit allen eine große Feier zu veranstalten.
      »Na steht doch ganz groß am Stallkalender«, brummte Teo und ich sah wie er die Augen verdrehte.
      Ungläubig drehte ich mich zu Nico um und blicke ihn dann wütend an. Dieser zuckte allerdings nur mit den Schultern und schien sich keiner Schuld bewusst zu sein. Na super!
      »Geplant ist nichts, ist sowieso mitten in der Woche, da hat sowieso niemand Zeit.« Bevor das Thema weiter vertieft werden konnte, erzählte ich einfach weiter. »Das nächste wird eich bestimmt sehr interessieren! Da wir nun einige Pferde auf dem Gestüt haben, brauchen wir dringend Hilfe! Ich habe mich also im Internet nach jemandem umgeschaut, der einen Job braucht und tatsächlich! Ich habe den perfekten Mann gefunden. Er kommt ursprünglich aus Namibia und hat bereits sein ganzes Leben mit Pferden zu tun. Er ist vom Beruf her eigentlich Reitlehrer und hat nicht nur von Westernpferden, sondern auch von Vollblütern und Galopprennen jede Menge Ahnung. Er wird erst mal bei uns im Gästezimmer wohnen und sobald dann der Schuppen fertig ausgebaut ist, wird er dort einen Teil bewohnen. Ihr anderen werdet also nicht wirklich davon beeinflusst, außer, dass es endlich zwei weitere helfende Hände im Stall gibt!«
      Alle nickten zustimmend und vor allem Malte, welcher in letzter Zeit sehr viel unterwegs gewesen war und deswegen reichlich gestresst erschien, schien erleichtert.
      »Der letzte Punkt ist, dass wir eine weitere Bewohnerin bekommen und das wird vor allem dich, Malte, interessieren.« Diesmal wandte ich mich genau an ihn. »Ich hoffe es ist für dich in Ordnung, dass ich die noch leere Wohnung neben dir an ein junges Mädchen vermietet habe. Sie hat in Sylling eine Arbeitsstelle gefunden und ich habe sie letztens beim Einkaufen ganz zufällig kennengelernt. Sie wird dir gefallen, glaube mir. So ein besonderes Mädchen hast du wahrscheinlich noch nie gesehen.«
      Malte hatte die Augenbrauen hoch gezogen, seine Mundwinkel hatten sich allerdings nicht bewegt. »Das bedeutet, dass ich meine Küche und mein Klo nun teilen muss?«
      Ich nickte leicht mit dem Kopf. »Ich weiß, ich hätte dich vorher fragen müssen, aber so ein Mädchen, das brauchte ich unbedingt bei uns. So fröhlich, so hübsch und so intelligent, glaube mir, dass wird uns allen gut tun!«
      »Wie heißt sie? Wie alt ist sie? Hat sie einen Freund?« mit leuchtenden Augen hatte sich Petyr vorgebeugt und blickte mich nun fasziniert an. Ich musste bei seinem Anblick lachen und freute mich über die Entscheidung, sie nicht zu Petyr auf den Dachboden einquartiert zu haben.
      »Tjarda Winter, 22 Jahre und das andere musst du sie selbst fragen. Sie will sich uns in den nächsten Tagen vorstellen, da könnt ihr sie kennenlernen.«
      Petyr zog eine Schmolllippe und ließ sich mit verschränkten Armen zurück in den Stuhl sinken.
      »Ich hoffe, ihr seid alle jedenfalls einigermaßen mit den Neuigkeiten zufrieden. Ich freue mich darauf, mit euch allen unsere Ziele zu erreichen! Wir schaffen das und ich bin mir sicher, dass das eine tolle Zeit werden wird!« Ich versuchte alle aufzumuntern, während mein Blick auf Bart fiel und sich mein Herz bestimmt um einige Grad erwärmte. Ich liebte diesen Ort, die Menschen und die Tiere und ich hatte es geschafft, die Trauer um Shadows Ableben und Mios Verschwinden zu überwinden. Jetzt hatte ich alles in der Hand und ich freute mich riesig auf all die Dinge, die ich hier noch erleben würde
    • Canyon
      [​IMG]
      9. Oktober 2016 | 28.544 Zeichen | Canyon
      Heimlicher Besuch

      Mio » Ich konnte meine Tränen nicht mehr zurückhalten, als ich endlich da war. Wochenlang, nein, Monatelang hatte ich die Tränen verdrückt und versucht meine Entscheidung nicht in Frage zu stellen. Doch nun, nun da ich hier war, schienen all meine Vorhaben und Pläne in Luft aufgelöst zu sein. Wie sehr wünschte ich mir doch, dass noch alles so wie früher wäre, dass wir alle noch zusammen lebten, dass Shadow nicht gestorben wäre. Wie sehr wünschte ich mir, alles rückgängig machen zu können und doch merkte ich, dass ich die letzten Monate nicht gerade unglücklich gewesen war. Ich parkte den gemieteten Wagen auf dem Parkplatz vor einem großen Stallgebäude. Natürlich war ich noch nie hier gewesen, aber das Internet und Google Maps hatten mir genügend Informationen ausgespuckt, um den Weg hier her zu finden. Niemandem hatte ich etwas gesagt, nur Addison hatte ich erzählt, dass ich nicht länger ahnungslos in Nevada sitzen konnte. Einmal, einmal musste ich nochmal meine Freunde sehen, das Baby und natürlich all die Pferde die ich zurückgelassen hatte. Mir schossen die Tränen schon wieder in die Augen, welche ich mit letzter Kraft gerade erst verbannt hatte, als ich die Wagentür öffnete und ohne diese wieder zu schließen, in Richtung Stall stolperte. Es war bereits pure Nacht, die genaue Uhrzeit wusste ich nicht, und der Mond schien über dem Gestüt. Hinter dem Stall konnte ich einen Blick auf ein großes Gewässer erhaschen, bevor ich das Stalltor leise aber hastig aufschob und in den Stall schlich. Er war unbeschreiblich schön, mit genau der Art von Boxen, welche ich mir schon immer gewünscht hatte. Groß, luftig und mit so wenig Gitter wie möglich, es war einfach perfekt. Lange musste ich nicht suchen, wie eh und je, seit Anbeginn der Zeiten, lag Excelsiors Box ganz am Anfang des Stalls auf der linken Seiten. Er war schon immer der Torwächter gewesen, hatte jeden Freund freundlich begrüßt und jeden unerwünschten Besucher mit bösen Blicken davon abgehalten, näher zu treten. Er döste in seiner Box, während er einen Kopf auf der Tür abgelegt hatte. Mein Exel, mein kleiner, unbeschreiblicher Exel. Wie sehr hatte ich ihn vermisst, wie sehr…
      Das Mondlicht fiel durch die vielen Fenster im Dach und beschien genau die lange Stallgasse, sodass ich genügend Licht hatte, um alles gut erkennen zu können. Ich traute mich nicht näher zu treten, aus Angst, dass genau jener Wallach mich nicht wiedererkenne würde oder mir vielleicht sauer war, dass ich ihn allein gelassen hatte. All das verstand ich, ich konnte es selbst nicht fassen, dass ich es getan hatte und trotzdem hatte ich gedacht, dass es für mich die beste Entscheidung gewesen war und die war es auch. Ich hatte gemerkt, was das Leben in Nevada mit mir gemacht hatte, es hatte mich gemacht. Mich, die endlich ihren Schatten übersprungen hatte und zurückgekehrt war. Zwar nur für einen kurzen Moment, aber ich war wiedergekommen und endlich das abzuschließen, wovor ich vor einem dreiviertel Jahr nicht die Möglichkeit gehabt hatte.
      Ich lehnte mich an das Holztor und nahm meine Hand zum Mund. Bereits als Schülerin hatte ich immer den Tick gehabt, mir mit dem Finger gegen die Lippen tippen zu müssen, wenn ich nicht weiter wusste und leider hatten das die Lehrer sehr schnell herausgfunden und mich dann immer extra dran genommen.
      Als auch meine letzte Träne versiegt war, stieß ich mich vom Tor ab und ging mit leisen und langsamen Schritten auf die Box von Excelsior zu. Ich behielt ihn genau im Blick, als dieser jedoch die Augen öffnete und mich ansah, musste ich seinem Blick weichen und schaute wie ein kleines Kind hinab auf meine Schuhe. Ich stand nun so nah vor ihm, dass wir in Reichweite waren und mit angehaltenem Atem wartete ich auf eine erste Reaktion des Pferdes. Des Pferdes, mit welchem alles begonnen hatte, wegen welchem ich jetzt genau an diesem Fleck stand. Nach einer gefühlten Ewigkeit fühlte ich die feuchte Schnauze in meinen Haaren und atmete erleichtert aus. Und wieder einmal kamen mir heute die Tränen, allerdings waren es Freudenstränen, Tränen, die mir zeigten, dass ich nicht alles falsch gemacht hatte. Natürlich war auch Excelsior irgendwo nur ein Pferd, aber für mich war es DAS Pferd und ging sogar hinaus über Chosposi und das musste erst mal jemand schaffen. Nun völlig übermütig schob ich den Riegel der Boxentür zur Seite und fiel dem grauen Pferd um den Hals. Sein Duft hatte sich nicht verändert und auch wenn sein Haar nochmal etwas länger und sein Fell dichter geworden war, so war es eindeutig noch mein Exel, welchen ich vor so vielen Monaten in Südfrankreich zurückgelassen hatte. Ich hatte es nicht gemerkt, dass ich zu Boden gesunken und auch dort eingeschlafen war. Wahrscheinlich war es die Müdigkeit oder die Erschöpfung, oder eben beides gewesen, aber erst als mich kräftige Arme hoch hoben und aus dem Stall trugen, wachte ich so langsam wieder auf. Es war noch immer tiefste Nacht, auch wenn ich hätte schwören können, dass es bereits morgen sein müsste. Mit einem Erschreckensschrei bemerkte ich, dass ich den Mann nicht kannte, welcher mich in seinen Armen hielt und versuchte mich so schnell wie möglich daraus zu befreien. Der Mann schien nichts dagegen zu haben und setzt mich auf dem Boden ab, wo ich dann einige Meter zurück stolperte. Er sagte nichts und ich konnte seinen genauen Gesichtsausdruck in der Dunkelheit nicht erkennen, auch wenn mir mein Gefühl sagte, dass er nichts Böses wollte. Meinem Gefühl vertraute ich jedoch schon lange nicht mehr. Einige Sekunden schauten wir uns stumm an, bevor ich vorsichtig auf englisch fragte: »Wer bist du? Arbeitest du hier?« Ich wusste nicht genau welche Sprache er sprach, immerhin waren wir hier mitten in Norwegen und ich hatte noch nie ein Wort dieser Sprache gesprochen. Er schien mich auf jeden Fall zu verstehen und das war schon mal ein Anfang.
      »Allerdings«, meinte er mit tiefer und ruhiger Stimme, bevor er sich umdrehte und den schmalen Weg entlang vom Stall wegging. »Wenn du nichts dagegen hast, würde ich gerne alles weitere mit dir im Haus besprechen.«
      Ich wusste nicht was ich tun sollte und hätte ich es gewusst, wäre ich ihm wahrscheinlich gefolgt. Ich war schon immer ein Angsthase gewesen und diese Angst hatte sich noch nicht mal gelegt, als ich alleine nach Amerika ausgewandert war. Jeder vermutete von mir, dass ich eine mutige und starke Persönlichkeit war, dabei war ich einfach nur ich. Ich Mio, die vor jedem Angst hatte, den sie nicht kannte. Super. Ich schaffte es dem jungen Mann hinter her zu stolpern und mir einen Weg über den unebenen Pfad zu suchen. Er musste auch auf dem kleinen Hof wohnen, den auch Charly und Nico bewohnten, denn er steuerte zielgerichtet darauf zu. Still, einsam und unbeleuchtet lag das kleine Gut in der Nacht. Die weitläufigen Weiden waren verlassen und das sanfte Rauschen des Fjords vervollständigte das perfekte Bild eines perfekten Platzes. Ich konnte verstehen, warum sie sich genau hier niedergelassen hatten. Es war perfekter als perfekt, wenn man es eben so mochte. Ich könnte mir nie vorstellen, wieder so zu leben. Nicht jetzt, nachdem ich all das in Nevada erlebt hatte. Hier würde ich verrückt werden, in dieser kleinen, perfekten Welt. Der Mann führte mich zu einem kleinen Nebengelass, bei welchem er die Tür aufschloss und mich hinein winkte. Der leere Flur wurde nur spärlich von einer alten und dazu noch flackernden Lampe an der Decke beleuchtet und war für mich persönlich ein Albtraum. Am Ende des Flur gab es zwei Türe. Links und rechts. Während die Rechte nur so von Spinnenweben verhangen war, schien die linke frisch gestrichen zu sein, was ich allerdings in dem Dämmerlicht nur erahnen konnte. Der Mann stieß die Tür grob auf und ich sah noch, wie er einige Briefe und Papiere vom Sofa wischte und in einem Schubfach verschwinden ließ. Die Wohnung, wenn man sie überhaupt so nennen konnte, bestand nur aus einer Wohnküche und einer kleinen Toilette. Ein größeres Bad konnte ich nirgends finden. Es war nicht dreckig oder muffig, aber unaufgeräumt und etwas chaotisch. Zum Glück brachte der brennende Kamin an einer Seite etwas Wärme in das Durcheinander. Vor dem Kamin auf einem alten Teppich lag ein ebenso alter Hund. Oder sollte ich lieber Wolf sagen? Sein Fell war ursprünglich bestimmt schwarz gewesen, doch jetzt mit dem Alter war es mit jeder Menge weißen Strähnen durchzogen. Er schien dazu auch noch taub zu sein, denn er zuckte nicht mal mit den Ohren, als der Mann die Tür hinter mir wieder schloss und auf das Sofa deutete, welches vor dem Kamin stand.
      Jetzt war ich sowieso einmal hier drinnen gefangen, es war also zu spät, weswegen ich mich nicht lange bitten ließ und mich auf diesem niederließ. Der Mann schien sich noch nicht mit mir unterhalten zu wollen, sondern drehte sich einfach nur zu der kleinen Küchenzeile um und setzte Wasser auf. Ich konnte ihn damit endlich von nahen und im Licht betrachten. Er war nicht allzu groß für einen Mann, vielleicht 1,80m, wenn ich schätzen musste. Seine rotblonden Haare waren an den Seiten abrasiert und die restlichen zu einem Zopf auf seinem Kopf zusammen gebunden. Er sah nicht gefährlich aus, jedenfalls nicht auf den ersten Blick, und auch wenn ich damit keine Ahnung hatte, so würde sich ein Vergewaltiger wahrscheinlich als erstes nicht einen Tee kochen, so wie er es gerade tat.
      »Fenchel?« fragte er mich und ich brauchte etwas länger, um zu verstehen was er meinte. Ich sprach mittlerweile so perfekt Englisch, dass mir manche nicht mehr abkaufen wollten, dass ich ursprünglich Deutsche war und erst seit wenigen Monaten in den USA lebte. Aber dieser Mann hier hatte wahrscheinlich nie so gut Englisch sprechen gelernt, weswegen sein Englisch durch den Akzent schwer verständlich war.Ich nickte nur auf seine Frage und wandte meinen Blick dann von ihm ab. In Gedanken versunken schaute ich ins Feuer. Auch wenn ich durch den Schock beim Erwachen meine Erschöpfung vergessen hatte, so kehrte diese nun langsam zu mir zurück. Die wohlige Wärme des Feuers und das bequeme Sofa luden einfach dazu ein. Meine Augen wollten mir gerade zu fallen, als der Mann zwei dampfende Tassen vor uns auf den kleinen Holztisch abstellte und sich dann selber in einen Sessel auf der anderen Seite des Tischs fallen ließ. Jetzt endlich blickte der Hund am Boden auf und seine großen braunen Augen und schauten fragend zu seinem Herrchen hinauf. Dieser kraulte seinen Hund nur kurz, bevor er ihm das Zeichen gab, dass er sich wieder hinlegen konnte. Um nicht noch länger schweigen zu müssen, übernahm ich die Offensive. »Ich bin Mio und es tut mir Leid, dass ich ohne zu fragen den Stall betreten habe.«
      »Ich weiß wer du bist, es hängt ein Bild von dir bei uns im Stall.« sagte der Mann zu mir. »Ich bin Malte. Ich muss dich nur leider enttäuschen, denn Charly unf Nico sind für mehrere Tage verreist.«
      Endlich wusste ich seinen Namen. Malte, das klang nordisch, was ja nicht weiter verwunderlich war, wenn er in Norwegen wohnt. Ich winkte nur ab, es war mir sogar recht, dass sie nicht da waren. Ich wusste selbst, dass es nicht fair ihnen gegenüber war, aber das Leben war nun mal nicht fair und das hatte ich bereits vor langer Zeit gelernt. Aber der Satz von Malte, dass ein Bild von mir im Stall hing, der schallte noch etwas länger in meinem Kopf nach.
      »Danke«, meinte ich dann nur, als mir auffiel, dass ich Malte noch gar nicht geantwortet hatte.
      Auch Malte schien nicht gerade ein Mann großer Worte zu sein. Ihm schienen die Worte genauso ausgegangen zu sein wie mir und deswegen schob er mir einfach eine der beiden Tassen auf dem Tisch zu und fing dann in Gedanken versunken seinen Hund zu seiner rechten zu streicheln. Mein Blick verfing sich wieder im Feuer. Die Flammen flackerten in allen möglichen Farben und es sah so aus, als würde nicht nur der Kamin brennen, sondern auch der Teppich, der Hund und Malte, welche genau davor saßen. Ich fand es komisch, dass es gerade mal Ende September war und hier bereits geheizt werden musste. In Nevada waren es immer noch jeden Tag etwa 70 Fahrenheit und so würde es auch noch eine ganze Zeit lang bleiben. An die Wärme hatte ich mich mittlerweile gewöhnt, weswegen die Kälte hier für mich noch unerträglicher war als ohnehin schon.Ruckartig setzte sich Malte gerade hin, griff mit seiner Hand in seine Hosentasche und zog seinen Autoschlüssel, nein, es war ja meiner, heraus. Dann reichte er ihn mir über den Tisch sagte: »Hätte ich fast vergessen, den habe ich aus deinem Auto geholt und gleich abgeschlossen, das hattest du anscheinend vergessen.«
      Dankend nickte ich ihm zu und nahm ihm die Autoschlüssel ab. Kurz berührte ich seine Hand und ich war erstaunt, wie weich sie sich anfühlte, denn im schwachen Licht sah sie aus, als wäre sie von der täglichen Arbeit rau geworden. Ich steckte den Autoschlüssel in meine Jackentasche und nahm dann die immer noch dampfende Tasse Tee vom Tisch. Tee, auch so etwas, was ich schon lange nicht mehr getrunken hatte.
      »Wie lange hast du vor zu bleiben?« fragte mich Malte, während er aber den Blickkontakt zu mir vermied. Es löste ein seltsames Gefühl in meinem Magen aus, dass wir hier gemeinsam saßen, uns erst einige Minuten kannte und trotzdem keine Themen zum Reden hatten.
      »Weiß nicht, darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Einen Tag, vielleicht auch zwei?« meinte ich achselzuckend. Dabei sah ich zu, wie Malte beide Augenbrauen nach oben zog.
      »So kurz nur? Charly und Nico kommen erst in zwei Tagen wieder.«
      Ich wusste nicht was er von mir halten sollte, aber ich wollte ehrlich sein. »Ich weiß, dass ich Charly damit mal wieder verletze, aber ich werde vor ihrer Ankunft wieder weg sein. Ich bin schon lange nicht mehr die Freundin, die ich einmal war und ich mache es Charly nur noch schwerer, wenn ich wieder gehe. Ich gehe nun meinen eigenen Weg.«Ich konnte nicht erkennen, welche Emotionen Malte nun durchflossen, überhaupt konnte ich keine Reaktion in seinem Gesicht erkennen. Er zuckte nur mit den Schultern und wandte sich dann wieder seinem Tee zu.
      »Du kannst gerne die beide Nächte bei mir schlafen, es sieht so aus, als bräuchtest du dringend mal wieder etwas Schlaf.«
      »Danke, das nehme ich gerne an.« Meinte ich und lächelte wahrscheinlich das erste Mal an diesem Tag.

      Auch wenn das Sofa nicht gerade das größte und bequemste war, so schlief ich doch gut und auch recht lange. Das war ja auch kein Wunder, immerhin hatte ich den ganzen letzten Tag im Flieger gesessen und war dementsprechend ausgelaugt gewesen. Als ich von den Sonnenstrahlen geweckt wurde, welche durch die kleinen Fenster zu mir herein schienen, blieb ich nicht mehr lange liegen, sondern begann den Tag mit neuer Motivation und Freude. Gestern hatte ich nur Augen für Excelsior gehabt, aber es gab ja auch noch einige andere Pferde, welche ich vermisst hatte. Vor allem Jeanie, Ocarina of Time und Happy, aber auch Grenzfee und Teufelstanz, Charelle und April Rain. Ich war gespannt was auch aus Marid dem Idioten geworden war und ob es ihn überhaupt noch gab. Malte konnte ich nirgends finden, weswegen ich davon ausging, dass er bereits unterwegs war. Ein Blick auf die Uhr bestätigte diese Vermutung, denn es war bereits kurz nach zwölf. Als ich das kleine Haus verließ, brauchte ich einen Moment um mich orientieren zu können. Bei Tag sah das Ganze schon etwas anders aus und ich war erstaunt, welch freundliche Aura das Anwesen hatte. Rechts von mir lag eine purpurrote Scheune mit schwarzem Dach, genau vor mir stand ein prächtiges kleines, weiß gestrichenes Gutshaus und links konnte ich zwei weitere Häuser erkennen. Eines davon sah eher nach einem Schuppen und das andere nach einem Fischerhaus aus, aber wahrscheinlich würde auch Maltes Haus nicht sehr stattlich aussehen. Als ich einige Schritte zurücktrat und mir das kleine Häuschen genauer ansah, sah ich auf den ersten Blick nichts als Efeu. Das ganze Haus war davon überwuchert und ich verliebte mich auf den erstes Blick. Ich seufzte. Ich hätte nicht gedacht, dass es mir hier oben im Norden in der Kälte tatsächlich so gut gefallen würde. Den Weg in den Stall fand ich tatsächlich schneller als gedacht, sodass ich wenige Minuten später am großen Haupttor stand und zum ersten Mal den Stall im Licht der Tagessonne sah. Wie mir auch gestern schon aufgefallen war, war es ein überaus stattlicher und von hellem Licht durchfluteter Stall, welcher mich vor allem mit seinen modernen und offenen Boxen überzeugte. Nun waren die Boxen jedoch leer und nur das aufgeregte Zwitschern der Schwalben im Gebälk gaben Geräusche von sich. Ich hatte meinen Blick nach oben gewandt, sodass ich nicht mitbekam, wie der große pelzige Hund von gestern Abend auf mich zu kam. Dementsprechend erschreckte ich mich, als sich die großen dunklen Augen zu mir hinaufwandten und mich zu durchbohren schienen. Wie hieß er nochmal? Ich und mein Namensgedächntnis! Ich streichelte ihn kurz und begab mich dann auf die Suche nach bestimmten Pferdenamen an den Boxentüren.
      »Excelsior, Jeanie - «, murmelte ich vor mich hin und ging Box für Box ab. Nach Jeanie hielt ich kurz inne, denn der Namen an der Boxentür versetzte mir einen kleinen Stich in der Magengegend. Klar hatte mir Charly von Jelda erzählt, Jeanies erstem Fohlen, aber nie hatte sie auch nur erwähnt, dass ihr ganzer Name ‚Mios Jelda‘ hieß. Ich war zu Tränen gerührt und zum ersten Mal seit vielen Monaten fühlte ich wieder diese innige Freundschaft, welche Charly und ich so viele Jahre lang gehabt hatten. Braum van Ghosts kannte ich tatsächlich noch aus den letzten Wochen meiner Zeit auf Saint Gorge, Hendersin, wie auch Braddock 'The Parrot' waren mir unbekannt.
      »So viele unbekannte Pferde«, murmelte ich, als ich auch an Óslogis, Félagis und Dynurs Box vorbeiging. Isländer, dem Namen nach. Aber warum Isländer? Weder Charly noch Nico hatten sich je für diese Gangpferde interessiert!
      »Oh ha!« Sagte ich überrascht, als ich tatsächlich ein Boxenschild mit dem Namen Marid fand. Den gab es also auch noch. Ich blieb einen Moment davor stehen und versank in Gedanken bei dem Tag, an dem ich Marid das erste Mal gesehen hatte, bevor ich mir noch die anderen Boxen ansah. Da gab es eine Rubina und einen Khadir, sowie eine Zanyah und einen Tiramisu. Auch Bijou, Abs und Milosch kannte ich nicht. Besonders freute ich mich, dass es Charelle und April Rain überlebt hatten, immerhin hatten sie ihm gehört. Vor allem Nelly war sein absolutes ein und alles gewesen. Aber gewesen. Nach den beiden folgte eine Reihe Namen, die ich nie und nimmer aussprechen konnte. Worgait war davon noch der normalste, aber wer ließ sich bitteschön Himmawallajugaga, Sysahlreuth und Devrienterreuth einfallen?! Das waren doch keine Namen! Zwischendurch gab es zum Glück etwas einfaches, Raja zum Beispiel. So viele Namen und zu kaum einem Pferd hatte ich ein Bild im Kopf. Ein Stein fiel mir allerdings vom Herzen, als ich an den letzten Boxen die Namen Grenzfee, Teufelstanz und Aspantau und Seattle‘s Scarlett laß. Auch sie hatten es also bis hier her geschafft! Scion d‘Or und Lady Gweny kannte ich jedoch wieder nicht. Schmunzeln musste ich, als ich ganz am Ende, oder eigentlich auch wieder am Anfang der Stallgasse den Namen Cotsworld Eik las. So interessant er war, vor allem mich als gebürtige Deutsche erinnerte er mich extrem an K*tze. Besser hätte es der Zufall nicht planen können, doch kaum hatte ich meinen Rundgang beendet und war mir bewusst geworden, dass weder Happy, noch Leiðtogi oder Sleipnir, noch Ocarina of Time bei den Namen dabei gewesen waren, als ich Malte den Parkplatz überqueren sah. An seiner rechten Seite lief das hübscheste Pony was ich je gesehen hatte und das sagte ich wahrlich nicht oft. Ein hübscher Perlino Splash mit blauen Augen, dicker Mähne und dichtem Fell. Das pure Traumpferd für mich! Wäre es jedoch ein Mustang und kein Isländer, dann wäre es noch perfekter als perfekt gewesen.
      Malte sagte nichts, bis er direkt neben mir anhielt. »Du musstest anscheinend wirklich viel Schlaf nachholen. Hast du jedenfalls auch gut geschlafen?«
      Ich nickte. »Danke, so gut wie lange nicht mehr.« Bedankte ich mich und lächelte kurz. »Ist das dein Pferd?«
      Stolz blickte Malte auf den Hengst hinunter. »Ja, mein kleiner Prinz. Soll ich dir noch die anderen Pferde zeigen? Ich komme zwar gerade erst von den Weiden, aber wenn du mir nachher bei der Stallarbeit hilfst, sollte das kein Problem sein.«
      Ich nickte. »Gerne doch, es gibt einige Pferde, welche ich gerne mal wieder sehen würde.

      Die Weiden in Südfrankreich waren nichts im Vergleich zu denen hier in Norwegen. Geschützt, windsicher und umringt von Bäumen waren sie das pure Paradies für die Pferde. Ich war wirklich erstaunt, welch gutes Konzept und mit welch guter Planung Charly und Nico den Hof führten und versuchten, es jedem Pferd so recht wie möglich zu machen. Ich lernte all die Vollblüter kennen, vor allem Achal Tekinner, aber auch viele Araber und Englische Vollblüter, dufte die Friesen irgendeines Petyrs bestaunen und mich darüber freuen, dass mein Excelsior haufenweise Freunde um sich gescharrt hatte. Was mich jedoch wirklich entzückte waren die Zackelschafe. Sieben Stück und ein kleines Lämmchen, welche auf einer der Weiden lebten. Auch Malte schien von seinen Schafen begeistert und stellte mir gleich jeden mit Namen vor. Alle besaßen Cocktailnamen, das fand ich extrem witzig. Die große Jungpferdeweide befand sich direkt am Ufer. Der Boden war hier um einiges sandiger und auch der Wind kühler, jedoch hatten die sieben Pferde mehrere Unterstellmöglichkeiten, um sich vor der kühlen Seeluft schützen zu können. Meine Jeanie besuchten wir als letztes. Zusammen mit ihrem Fohlen und einer kleinen Shettystute stand sie so Gestütsnah wie nur möglich, da sie hier am sichersten waren. Einen Moment verweilte ich noch am Zaun und beobachtete die kleine Jelda dabei, wie sie immer wieder versuchte, die beiden anderen Stuten zum Spielen zu ermutigen. Jeanie und Belle schienen jedoch die Lust zum Toben verloren zu haben und drehten sich immer wieder weg. Malte musste meinen Blick gesehen haben, denn ein kleines Lächeln erschien auf seinen Lippen. »Keine Angst, es dauert nicht mehr lange und da kann die kleine Jelda mit zu den anderen Jungpferden. Sie scheint nur etwas früh entwickelt zu sein und es kaum abwarten zu können, endlich von ihrer Mutter loszukommen.«
      Ich grinste zurück und zog Malte dann mit zum Stall. »Los komm schon, die Arbeit wartet!«

      Ich hätte nicht gedacht, dass der Stall so viel Arbeit war. Meine anfängliche Motivation war schnell wieder geschrumpft und auch die norwegische Musik im Radio, welche ich als mega witzig eingestuft hatte, wurde schnell nur noch zu einer Qual. Fast schien es, als hätte ich im letzten ¾ Jahr verlernt, was es bedeutete, so viele Boxen sauber machen zu müssen. Malte schien dies jedoch gar nicht zu stören. Die Arbeit im Stall schien sein Leben zu sein, so als könnte er sich nie etwas anderes vorstellen. Erst nach mehreren Stunden hatten wir die fünfzig Boxen von jeglichem Mist befreit, die Stallgase gekehrt und allen Pferden das Heu für den Abend vorbereitet.
      »Kaffee?« fragte mich Malte, als wir beide unseren Besen an die Wand lehnten. Ich nickte und kletterte erschöpft und sehr ungelenkig auf einen Heuballen in der Stallgasse. Daraufhin verschwand Malte in der kleinen Reiterstube und kurz darauf hörte ich das vertraute Geräusch einer Kaffeemaschine. Ja Kaffee, das war wohl eines der wichtigsten Mittel, welche mich jeden Morgen auf den Beinen hielt, wenn ich in aller Frühe mein Bett verlassen musste. Die Zeit nach dem Kaffee verging um einiges schneller. Nachdem die Arbeit im Stall geschafft war, verlief der Tag viel angenehmer. Ich wich Malte nicht von der Seite, beobachtete ihn dabei, wie er eine junge Ponystute von der Weide holte, diese putzte und sattelte und sie dann zur Reithalle führte. Auch diese lag versteckt mitten im Wald und nur ein kleiner Pfad führte dorthin. Staunend beobachtete ich ihn, wie er die Stute mit viel Geduld und vor allem Gefühl an die Lektionen heranführte und wenn etwas nicht klappte, versuchte er es einfach nochmal. Er schien ein richtiges Talent fürs Trainieren zu haben und irgendwo in meiner Magengegend spürte ich einen kleinen Eifersuchtsknoten, welchen ich jedoch erfolgreich wieder verbannen konnte. Auch der restliche Nachmittag war vor allem pure Entspannung. Pferde und Natur, mehr gab es eigentlich nicht, was mich glücklich stimmen konnte. Zusammen mit Malte und seinem großen Hund, machten wir einen Spaziergang mit einigen der Jungpferden. Während Malte seine beiden Isländer Félagi und Dynur nahm, entschied ich mich für Scion und Aspantau. Vor allem Aspantau hatte sich gigantisch entwickelt und ich freute mich, dass es ihm so gut ging. Fast zwei Stunden waren wir unterwegs und als wir zurück zum Gestüt kamen, dämmerte es bereits leicht. Die Pferde putzten wir noch ab und brachten sie dann zurück auf die Weide.
      »Holst du sie heute nicht über Nacht in den Stall?« fragte ich Malte, als dieser gerade das große Tor des Stalls schloss. Er schüttelte nur den Kopf. »Nein, heute nicht. Die Arbeit erspare ich mir. Morgen Nachmittag kommen alle wieder, dann machen wir das zusammen.«
      Ich fragte mich, ob er mit „wir“ auch mit meinte, denn ich hatte bereits etwas anderes geplant.

      Den Abend verbrachten wir, eingehüllt in warme Decken, unten am Strand. Auf Klappstühlen, mit einer heißen Tasse Tee in der Hand und einer flackernden Kerze zu unseren Füßen blickten wir auf den Tyrifjord, über welchem bereits der helle Mond aufgegangen war und sich nun in dessen Oberfläche spiegelte. Ich war erstaunt, als Malte nach einer Zeit des Schweigens anfing, mir von dem Leben auf der Ranch zu erzählen, seinen Freunden und seiner Geschichte. Ich hatte Malte heute als einen überaus stillen und schweigsamen Menschen erlebt und deswegen verwunderte es mich, dass er mir nun so freizügig erzählte. Irgendwann fing auch ich an, ihm vom Leben in der Wüste zu erzählen und es schien ihn ehrlich zu interessieren, so als ob er mich und meine Entscheidung verstand. Ich war ihm überaus dankbar, mit wie wenig Vorurteilen er an mich heran getreten war, obwohl er wusste, dass ich Charly und vielleicht auch Nico enttäuscht hatte. Es war bereits spät nach Mitternacht, als wir unseren schönen Platz aufgaben und zurück zum Hof gingen. Diesmal kam mir der Flur bereits gar nicht mehr so unheimlich vor und auch an das flackernde Licht schien ich mich gewöhnt zu haben. Ohne viel Umschweife zog ich mir meine dreckigen Kleider aus und schlüpfte unter die warme Decke des Sofas. Malte wünschte mir noch eine gute Nacht und bevor er das Licht gelöscht hatte, war ich eingeschlafen.

      Am nächsten Morgen wachte ich in aller Frühe auf. Perfekt, genau zur richtigen Zeit. Malte schlief auch noch und so zog ich mir langsam meine Kleidung wieder an, schnappte mir meine Tasche und wollte die kleine Wohnung verlassen. Kurz bevor ich jedoch die Türklinke nach unten drückte, überlegte ich es mir nochmal anders und kritzelte mit zitternder Hand auf einen kleinen Zettel:
      Danke für alles!
      Vielleicht sehen wir uns ja irgendwann nochmal wieder.
      Mio
      Es tat mir Leid, dass ich ihn ohne ordentliche Verabschiedung wieder verlassen würde und doch war das mein neues ich. Ich war sprunghaft geworden, wollte mich mit keinem anderen Ort mehr verbinden und am besten mich mit keinem anfreunden. Ich lebte nur noch für Nevada, für die Mustangs, für Addison und für mich. Der Mietwagen brauchte etwas länger um zu starten, der Motor schien etwas eingefroren zu sein. Doch als er endlich startete, verließ ich die Ranch ohne einen Blick zurück zu werfen. Hätte ich es getan, so hätte ich bestimmt den jungen Man gesehen, welcher vor seiner Haustür stand und mir mit einem kleinen Lächeln nachlächelte.
      Etliche Stunden später landete der Flieger auf dem Flugplatz in Las Vegas. Es war ein Las Minute Flug gewesen und dementsprechend ramponiert und unbequem war der Flug gewesen. Zum Glück hatte ich so die verlorenen Schlafzeit jedenfalls etwas wieder aufholen können. Vor dem Gebäude, angelehnt an seinen dunklen Jeep, wartete Addison auf mich. Er hatte seinen Hut tief ins Gesicht gezogen und ich konnte sehen, wie er jeden an ihm vorbeikommenden Passanten mit zusammengekniffenen Augen musterte. Ich musste bei seinem Anblick lächeln und als auch er mich erblickte, streifte sein Blick als die Erlebnisse von Norwegen von mir ab. Ich hatte mein Gewissen mit diesem Besuch nun endlich beruhigt und es war Zeit, nun nur noch hier und jetzt zu leben. Ich stieg auf der Beifahrerseite ein und kurz darauf schlängelte sich das brummende Gefährt durch die vollen Straßen von Las Vegas, genau auf den Red Rock Canyon zu.
    • Canyon
      [​IMG]
      20. Februar 2017 | 6083 Zeichen | Canyon
      Jungpferde.

      Malte » Ich ließ meinen Finger am Wandbrett heruntergleiten, bis ich schließlich auf meinem Namen stoppte. War ja klar, dass ich ausgerechnet am Montag für die Fohlen zuständig war. Ich seufzte. Sicher war ich mir dahingehend, dass dieser Wind auf jeden Fall von meinem unaustehlichen Nichtfreund Nicolaus du Martin kam. Wer sonst würde versuchen mich aus dem Hauptstall verbannen zu wollen. Ich ließ meinen Finger sinken und gab mich dann mit meiner Situation zufrieden. Was soll's, dann würde ich eben wieder bei der nervigen Jungbande den Tag verbringen. Vorteil war, dass ich endlich wieder vielleicht etwas mehr Zeit für meine beiden Jungpferde haben würde, welche dank des ankommenden Frühlingswetters die Tage wieder auf der Jungpferdeweide am Ufer des Tyrifjords verbrachten. Meinen Rüden Gery rief ich mit einem kurzen, aber bestimmenden Pfiff zu mir. Er war ein braver und gut erzogener Kerl und auch wenn sein Alter langsam seine Nase zierte, so folgte er mir, jedenfalls an schönen Tagen, über all hin. Langsam erhob er wich nun von seinem Platz in der Mitte der Stallgasse, wo die Strohreste ihn zum Liegen veranlasst hatten. Der Tag hatte gerade erst begonnen und die Wiesen und Bäume waren noch von einer zartem Schicht Raureif bedeckt. Der Regen hatte in den letzten Tagen den Schnee vertrieben und zurückgeblieben war eine matschige und graue Landschaft, welche ihren eigentlichen Glanz jedoch am Anfang und am Ende des Tages preisgab, wenn die Sonne ihr rötliches Licht verstrahlte. So war es auch jetzt. Die von Osten kommende Morgensonne kroch mit ihren Strahlen über die Ränder der Berge hinweg und verbreitete ihre Schönheit auf dem offenen Gewässer des Tyrifjords, dessen dunkles und tiefes Wasser in dieser Zeit wie eine feurige Glut wirkte. In Gedanken versunken schlenderte ich den Pfad am Ufer entlang, vorbei an dem kleinen Strand und dem Holzsteg mit den kleinen Booten, weiter in Richtung der sogenannten Nase. Die Nase war eine kleine Bucht direkt an der Weide der Jungpferde. Im Sommer konnte man hier im flachen und klaren Wasser baden gehen und sich erholen von den heißen Sonnenstrahlen. Seit einigen Tagen hatten wir unsere Herde getrennt. Scarlett und auch der neue Aelfric hatten mittlerweile ein Alter erreicht, in welchem es nicht mehr so einfach war, sie mit dem anderen Geschlecht zusammen zu halten. Die vier Stuten hatten sich schnell daran gewöhnt, während die Hengste noch immer wehleidige Blicke über den Zaun zu ihren Freundinnen warfen. Seit dem uns unsere Vollblutstute Zion verlassen hatte und wieder zurück zu ihrer Mutter gezogen war, ging es vor allem Aspantau von Tag zu Tag schlechter. Er hatte Scion geliebt und ich versuchte bereits mein Bestes, den jungen und lieben Hengst von seinem Herzschmerz abzulenken. Geschickt öffnete ich das Tor der Weide, während es sich Gery vor dem Zaun bequem machte. Félagi und direkt hinter ihm Dynur waren die ersten, welche im vollen Galopp auf mich zugesteuert kamen und es erfüllte mir mein Herz mit einer Art Segen. Ich liebte die beiden Isländer und anscheinend schienen die Beiden auch mich ganz ok zu finden, das reichte mir erstmal vollkommen. Félagi protzte nur so vor Selbstbewusstsein, während sein etwas schüchternerFreund Dynur sich entschieden im Hintergrund aufhielt und somit dem jüngeren den Vortritt ließ. Ich hockte mich hin und auch wenn mich nun die beiden Isländer überragten, kraulte ich zu erst Ddn Schecken und dann den Fuchs ausgiebig und geduldig. Eine Möhre aus dem Innern meiner Tasche fand schnell den Weg in das gierig Maul von Felli, aber auch Dynur wurde bedacht. Nachdem Félagi für sich beschlossen hatte, dass es für heute genügend Zuneigung gewesen war, jagte er seinen größeren Freund entschlossen von mir weg und präsentierte seine Sprungkünste. Ich seufzte. Ich liebte ihn über alles, war jedoch gespannt, wann der Kleine seinen Übermut gegen die Gemütlichkeit eintauschte, welche ich bei meinem Hengst Óslogi so schätzte. Ich nahm mir vor, so schnell wie möglich mit beiden Pferden einen Ausritt zu machen, in der Hoffnung, dass dies vielleicht bei der Entwicklung helfen würde. Abe's Aelfric, oder einfach nur Ally genannt, hielt sich bescheiden im Hintergrund, beobachtete das Geschehen um mich herum jedoch aus blauen Adleraugen genau. Ich wusste ihn noch nicht so ganz einzuschätzen und ließ ihm Raum und Zeit sich an mich zu gewöhnen. Aspantau fand ich im Offenstall, wo er lustlos an den Resten des Heus knabberte. Ich seufzte und nahm mir dann, entschlossen ihn etwas aufzumuntern, einen Striegel von der Wand. Aspantau genoss die Putzaktion und schloss zwischendurch sogar seine Augen, jedoch verließ er den Offenstall, sobald ich aufgehört hatte. Mein Blick verfolgte ihn bis er aus meinem Blickwinkel verschwunden war. Ich war mir sicher, dass es irgendwann auch mit ihm wieder bergauf gehen würde. Flink befüllte ich den Heusack und kontrollierte den Wassertrog, bevor ich mich auf den Weg zu den Stuten machte. Auch hier ging alles schnell. Mios Jelda, Seattle's Scarlett, Nabiri und die junge I've got a blue soul waren einfach zu handelnde Jungstuten, welche zwar ihre feste Rangordnung hatten, aber genauso gerne auch gestreichelt werden wollten. Auch bei ihnen erneuerte ich das Futter und das Wasser, bevor ich mich dann an die anstrengendere Arbeit machte, nämlich das Abäppeln. Mittlerweile hatte sich Gery doch dazu entschieden, mich auf Schritt und Tritt zu verfolgen und das ganze wurde nicht besser, als Jelda entdeckt hatte, dass man von mir ganz schnell Aufmerksamkeit bekommen konnte, wenn man nur oft genug im Weg stand oder die Nase in die Schubkarre steckte. Auch bei den Hengsten verlief es nicht anders. Félagi war das perfekte Stück zu Jelda und schien ihren Part mit bewundernswerter Leichtfüßigkeit fortsetzen zu wollen. Normalerweise hatte ich viel Geduld, aber nervige Jungpferde waren nicht gerade meine Stärke. Ich war froh, als ich kurz vor Mittag endlich mit der Arbeit fertig war und endlich die Weiden verlassen durfte. Ich hatte mir nun eine ruhige Mittagspause verdient, bevor es am Nachmittag weitergehen würde.
    • Canyon
      [​IMG]
      19. März 2017 | 8103 Zeichen | Canyon
      Überforderung bei Petyr

      Malte »
      Völlige Überforderung. Genau dies zeigte Petyrs Blick, als er mich am sah. Es war früher Morgen, wie immer brachte der Nahe Fjord den Nebel mit sich, welcher sich auf die Felder und Wiesen rund um die Ranch ausbreitete. Petyr hatte am Stalltor gelehnt und ziemlich elegant an einem Grashalm gekaut, welchen er immer dann im Mund hatte, wenn er früher eine Zigarette angesteckt hatte. Als ich nah genug vor ihm stand, damit er mich betrachten konnte, hatte er sich überrascht vom Tor abgestoßen und blickte mich nun mit großen Augen an. „Was – ist – das?“ Wollte er wissen und deutete auf meine Haare.
      „Ein geflochtener Zopf, besser gesagt ein „Bun Bread“, wie ich herausfinden konnte. Und ja, ich habe dafür ziemlich lang gebraucht und sehe es nicht ein, dass du mein Kunstwerk nun mit deinem vernichtenden Blick in Frage stellst!“ Gab ich meinem Freund deutlich zu verstehen.
      „Aber das ist ein Zopf! Ich meine, einen Dutt trägst du ja schon immer und den Lederband müsste eigentlich auch längst verfault sein, aber meinst du nicht, dass es etwas gewagt ist, dein komplettes Aussehen so abrupt zu ändern? Ich meine, ein geflochtener ZOPF?“ Petyr hörte gar nicht mehr auf zu reden und mittlerweile wusste ich selbst nicht mehr, ob er das ernst meinte, oder nur gerade wieder in witziger Stimmung war. Klar, ich hatte seit zehn Jahren die gleiche Frisur, aber sich nun darüber aufzuregen, dass ich ausnahmsweise einen Strähne eingeflochten hatte, ne, das war übertrieben.
      „Krieg‘ dich wieder ein, das ist kein Weltuntergang!“

      Während des gesamten Weges zum Gebäude der Schulpferde in südlicher Richtung, merkte ich Petyrs Blick auf mir, oder besser gesagt auf meinem Kopf. Zum Glück schien es weder meinen Gery, noch Edda zu stören, was ich natürlich auch nicht erwartet hätte.
      „Hat dir Tjarda wohl gesagt, dass sie auf Männer mit Zöpfen steht, oder woher kommt dein plötzlicher Sinneswandel?“ Petyr konnte anscheinend nicht locker lassen. Ich seufzte.
      „Nein Petyr, niemand hat mir etwas in der Art gesagt und vor allem nicht Tjarda! Ich habe ein Bild gesehen und gedacht, dass meine Haare gut dazu geeignet sind und es einfach mal ausprobiert und um die ganze Arbeit nicht sofort wieder zu ruinieren, habe ich es drin gelassen. Ok?“
      Petyr schüttelte nur ungläubig den Kopf, schien dann jedoch erstmal den Mund zu halten. Da Vuyo, dieser Faulsack, mal wieder seinen freien Tag hatte, waren Petyr und ich für den Stalldienst bei den Ponys (und einem Großpferd) eingeteilt. Es war zum Glück nicht viel Arbeit, denn mittlerweile beherbergte der Stall nur noch fünf Pferde. Are und Bo hatten vor kurzem unerwartet aber mit schwerem Herzen Elliot und Nabiri an ein Gestüt verkauft, wo sie es hoffentlich gut haben würden. Die nun noch kleinere Herde verbrachte so zusammen den Tag auf der Weide und die Nacht im Stall und schien ihr gemütliches Ponyleben gut zu genießen.
      „Du fütterst Excelsior und Valentines Jeanie, ich kümmere mich um die anderen drei.“ Wies ich Petyr seine Aufgaben zu und wollte mich bereits umdrehen, als von Petyr wieder ein Kommentar zu meinen Haaren kam.
      „Pass auf, dass die drei dich erkennen, du weißt, dass Braum Veränderungen gar nicht mag.“
      „Haha, wie witzig“, lachte ich trocken und seufzte dann genervt. Braum, Milosch und Abs waren schnell versorgt. Wasser kam aus neu angelegten Wasserspendern und frisches Heu war ohne Probleme nachgelegt. Nachdem alle Pferde ihr Müsli gefressen hatten, schnappten wir uns die Halfter und führten die fünf nach draußen auf die gemeinsame Koppel.
      „Ich hatte übrigens Glück“, meinte ich zu Petyr, „Die Pferde haben sich, im Gegenteil zu dir, deutlich zurückgehalten, was ihre Meinung zu MEINER Haarfrisur anging.“
      „Ach, was du nicht sagst.“ Petyr lachte hämisch. „Noch nicht mal Milosch wollte mit dir Reden? Krass Alter!“ Ich boxte Petyr in die Seite und schlug dann den Weg zurück zum Hauptstall ein. Die zwei leuchtenden Augen hinter den lichten Holzbrettern des Stalls, welche mich und Petyr bis wir außer Sichtweite waren, beobachteten, bemerkte ich nicht.

      Den restlichen Tag verbrachte ich wie immer damit, alle Pferde zufrieden zu stellen und zu versuchen, alle wichtigen Dinge auf meiner To-Do-Liste abzuarbeiten. Petyr genoss wie immer sein unbeschwertes Leben und nur Charly, welche ich mittags im Stall antraf, merkte man die viele Arbeit an.
      „Ich brauche dringend mehr Angestellte! Ich schaffe das einfach nicht mehr...“ Sagte sie, bereits zum wiederholten Male zu mir und strich sich eine von ihren mittlerweile wieder schokoladenbraunen Haaren aus dem Gesicht. Sie war ziemlich hübsch und selbst ich musste mich anstrengen, ihr nicht allzu lange hinterher zu blicken. Jedenfalls schien Tuva mein kleines Haarexperiment zu gefallen, als sie am Nachmittag ihren Hengst Abraham van Helsing zu einem Ausritt vorbereitete und ich ihr dabei über den Weg lief. Teodor hielt sich wie immer gekonnt zurück und natürlich merkte es die blinde Torun gar nicht, dass sich bei meinem Aussehen ausnahmsweise etwas verändert hatte. Nur Petyr, welcher sich damit einfach nicht abfinden konnte, kam, nachdem er längere Zeit unauffindbar gewesen war, mit einem Stapel alter Bilder von mir zurück und zeigte mir, wie lange ich bereits schon so aussah, wie ich jetzt aussah und, dass er mich nicht verstehen konnte, wie ich sowas nur tun konnte. Heute war ein Tag, da wurde mir abermals bewusst, dass Petyr ein ganz schön komischer Kauz war. Ich selbst war erstaunt, dass ich das jetzt erst merkte, immerhin kannte ich ihn schon – wie viele Jahre? Auch ich fand kurz vor der Dämmerung Zeit, mich mit einigen meiner Pferde zu beschäftigen. Da Charly und Striga die Halle komplett mit ihren Bodenarbeitszeug belegten und ein mir unbekannter Mann, angeblich irgendein Freund von Nico, mit der schwierigen Ocarina of Time einen Schreckparcours auf dem Platz aufgebaut hatte, blieb mir nichts anderes als das Gelände übrig. Bo, welcher die Tränen nach dem Verkauf ihres Pferdes ganztägig in den Augen standen, freute sich jedenfalls ein bisschen, als sie von mir das Angebot bekam, auf Black Lemontree, dem alten Heeren, mit auf den Ausritt zu kommen, sodass ich mich selber auf Óslogi setzen und den mittlerweile genauso großen Félagi führen konnte. Der gute alte Are erklärte sich bereit, uns zu Fuß zu begleiten und nebenbei gleich Dynur mitzunehmen. Auch Dynur würde wohl bald ins Training müssen, vielleicht war da der nahende Frühling gar kein so schlechter Startpunkt. Nach einer dreiviertel Stunde taten Are seine Füße so weh, dass wir auf dem schnellsten Weg zur Ranch zurückgingen und wir zusammen die Pferde absattelten. Ich versprach der kleinen Bo, dass sie ab nun gerne öfter auf Blacky reiten durfte und das zauberte ihr jedenfalls ein kleines Lächeln ins Gesicht. Als am späten Abend die Halle endlich leer wurde, halfterte ich meinen neuen großen Freund und Begleiter Angus auf und ging, über den Schultern einen Halsring hängend, in die Halle. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, auf einem großen felligen Kaltblut zu sitzen, mit nichts weiter als einem Halsring in der Hand. Bei Angus hatte ich schnell bemerkt, dass er der perfekte Partner dafür war und da Ĺogis harter Gang leider nicht so perfekt dafür war, war ich umso glücklicher, nun endlich Angus dafür zu haben. Am Ende des Tages wartete nur noch ein warmes Bad auf mich und als ich gerade die Lampe neben meinem Bett ausschalten wollte, suchte mein Handy, oder besser gesagt Petyr, nach Aufmerksamkeit.
      „Petyr.“ Fast hätte ich bereits damit rechnen müssen, dass sich mein Freund nochmal bemerkbar machen würde. Meine Haare schienen ihm wirklich zuzusetzen.
      „Ja hey Malte, mein Freund. Sag mal, hast du den Zopf nun eigentlich raus gemacht? Oder lässt du ihn drinne? Drückt das nicht ein bisschen?“
      Ich musste lachen und ich lachte ziemlich selten so laut. Diesmal blickten mich Gerys verwirrte Augen vom Fußende des Bettes doch ziemlich perplex an. „Ja, der Zopf ist draußen, aber weißt du was? Ich habe mir gedacht, dass ich mir morgen früh einfach zwei Zöpfe flechte!“ Ich grinste in die Dunkelheit und stellte mir Petyr aufgerissene Augen bildlich vor. „Was hältst du davon, mein Freund?“
    • Canyon
      [​IMG]
      1. Mai 2017 | 29.147 Zeichen | Canyon
      Ein Brief an Dich

      Charly »
      Liebste Mio
      Da du mittlerweile weder per Telefon, noch per Skype oder gar per E-Mail erreichbar bist, muss es nun also über den langen Weg gehen, nämlich per Post. Die Vorstellung ist witzig, dass dieser Brief einen weiteren Weg zurücklegen wird, als ich es je getan habe und das für wenige Euro.
      Seit mittlerweile mehreren Monaten herrscht Funkstille. Was ist nur passiert? Was ist mit der alten Zeit geschehen? All die Jahre, in denen du mir nie von der Seite gewichen bist, verweht vom Winde. Ich konnte dich gut verstehen, aber mittlerweile ist eine lange Zeit seit dem vergangen. Ich will meine beste Freundin nicht verlieren!
      Allerdings will ich dir nicht schreiben, um dich mit Vorwürfen zu bewerfen. Ich brauche dich, dich meine Freundin und ich hoffe, dass du mir die Ehre erweist und diesen Brief nicht ignorierst. Es ist mein letzter Versuch, das Alte zu erhalten und trotzdem neu zu beginnen.
      Bei uns auf der Tyrifjord Ranch hat sich in den letzten Monaten so einiges getan. Wir sind gewachsen und gewachsen, haben unsere Können bewiesen und erste Fohlen gezogen. Die Ranch würde dir gefallen, glaube mir. Ich weiß, dass du in Nevada glücklich bist, aber auch Norwegen ist etwas ganz besonderes.
      Bart kann mittlerweile von einer Box zu nächsten laufen und vor allem die Katzen haben es ihm angetan. Endlich kann er zu ihnen ins Heu krabbeln und sich auf die Kleinen stürzen. Capucine hat sich mittlerweile damit abgefunden, dass auch Asuka einen Platz im Schlafzimmer hat, auch wenn alles auf dem Bett ihr gehört und sie dieses Gebiet agribisch verteidigt.
      Seit Weihnachten habe ich endlich einen Ersatz für meine geliebte Anaba gefunden. Es war ein Geschenk des ganzen Hofes und ich kann mich an kein Weihnachten erinnern, welches so überraschend für mich war. Striga ist noch jung und ziemlich unerfahren, jedoch habe ich endlich wieder ein Pferd gefunden, welches es mit meiner heiß geliebten Anaba aufnehmen kann.
      Auch Nico hat endlich etwas gefunden, was ihn antreibt. Mittlerweile beherbergen wir auf unseren Hof sechs Warmblüter für den Vielseitigkeitssport. Nicos Auswahl: Nur Pferd mit Macke ist Pferd. Vielleicht kennst du Bijou noch. Kurz vor Weihnachten zog seine Freundin Shari ein und kurz darauf auch schon Colour Splash. Beide Stuten sind nicht nur hübsch, sondern auch ziemlich zickig, zeigten jedoch von Anfang an Talent. Die Krönung wollen wir auch nicht mehr lange hinauszögern, nur fehlte uns bis jetzt die Zeit für die Reise. Shari ist mittlerweile trächtig und du glaubst es nicht, aber Nico sprüht nur so vor Vorfreude!
      Seit einigen Tagen kamen dann auch die letzten drei Sportpferde hinzu. Unsere gemeinsame Freundin Bracelet überließ Nico ihren Hengst Deo Volente und wir nutzten die Chance, sie gleich in Schweden zu besuchen. Nicos größtes Heiligtum: Ghostly Phenomenon. Du weißt gar nicht, wie er aus dem Häuschen war, als das Pferd seiner Träume dann endlich in unserem Stall stand. Meine Freude hielt sich etwas in Grenzen, so hübsch er auch ist, es wird eine Menge Arbeit kosten, ihn auszubilden. Über Sweet Prejudice kann ich dir leider noch nicht so viel erzählen, interessant ist das einzige, was mir zu ihr einfällt.
      Ach Mio, wie sehr vermisse ich deine Stimme und wie sehr hoffe ich, dass es dir gut geht! Irgendwann komme ich dich besuchen meine Kleine, irgendwann. Vielleicht nehme ich Malte mit, auch er wollte schon immer einmal Wildpferde sehen. Ich glaube, mit Malte würdest du dich gut verstehen, er ist ein guter Freund.
      Habe ich dir schon erzählt, dass Bella und ihr, mittlerweile Ex-Freund, Robin nach Norwegen gekommen sind? Es gab einige Komplikationen in Dänemark und ich glaube, mittlerweile ist auch Bella mit ihrer Entscheidung zufrieden. Sie hat ziemlich oft nach dir gefragt, sagen konnte ich ihr leider nicht sehr viel.
      Leider gibt es auch schlechte Neuigkeiten. Grenzfees Hufehe haben sich wieder bemerkbar gemacht, sodass sie nun wieder in der Box leben muss. Ich habe so gehofft, dass sie es für immer überstanden hat... Damit sie nicht alleine ist, steht nun auch Teufelstanz wieder im Stall. Ich hoffe jedoch auch, dass wir diesmal früh genug eingegriffen haben und der Tierarzt bis zum Beginn des Frühlings wieder grünes Licht für die Weide gibt.
      Außerdem ist vor wenigen Tagen Nicos Vater gestorben. Ein Autounfall, ich will nicht tiefer ins Detail gehen, es weckt zu viele Erinnerungen. Unerwartet hat Nico den Großteil des Vermögens geerbt und auch wenn noch nicht genau geklärt ist, wie viel es sein wird, kann dies ein weiterer Schritt für uns sein! Du weißt, von Nicos Vater habe ich nie viel gehalten und auch Nicos Verbindung war nie allzu tief, aber er trauert doch ganz schön. Gestern früh habe ich ihn nach Drammen zum Flughafen gebracht, mittlerweile sollte er gut gelandet sein. Er will sich bis zum Abend bei mir melden.
      Ich weiß nicht, was in Zukunft auf uns zukommen wird, aber ich bin mir sicher, dass es ziemlich spannend wird!
      Es tat gut dir zu schreiben, auch wenn ich nicht weiß, wann und wo er dich erreicht. Vielleicht sinkt das Schiff oder das Flugzeug stürzt ab, ich weiß es nicht. Aber eines weiß ich genau: Ich will dich nicht verlieren.
      Von ganzem Herzen,
      Deine Charly

      Mio » Liebe Charly,
      Ich empfing deinen Brief gestern Abend mit großer Verwunderung. Hast du jemals vorher einen Brief geschrieben?
      Du hattest Glück, dass ich ihn noch erhalten habe, denn mittlerweile sollte ich auf dem Weg nach Utah sein. Sei mir also nicht böse, wenn meine Antwort aus Zeitgründen ziemlich knapp ausfällt.
      Ich freue mich sehr von dir, deiner Familie und den Pferden zu hören und sobald ich die Zeit finde, werde auch ich dir berichten, weshalb ich in den letzten Monaten eine so unzuverlässige Freundin gewesen war. Ich hatte wichtige Gründe und ich bin mir sicher, dass du sie verstehen wirst.
      Fühle dich gedrückt,
      Mio

      Charly » Liebste Mio
      Es erwärmte mir dein Herz, das kleine Stück Papier von dir in den Händen halten zu dürfen. Dir geht es also gut, das ermöglicht mir meine erhoffte Erleichterung. Und ja, vor wenigen Jahren schrieb ich einen Brief an meine Großmutter, obwohl ich leider zugeben muss, dass dieser nie ankam.
      Viel verändert hat sich bei uns noch nichts. Noch nicht. Gestern kam Nico ziemlich erschöpft aus London wieder. Ich merkte jedoch sofort, dass ihn etwas anderes beschäftigte, was nicht mit seinem Vater zu tun hatte. Am Abend unterbreitete er mir dann seine Idee: Ein neues Gestüt. Diese Vorstellung passte gerade so überhaupt nicht in mein Leben. Ich bin hier doch glücklich? Unsere kleine verträumte Ranch mitten am See. Aber Nico schwärmte so sehr von einem internationalen Sportgestüt, einer kleinen Zucht und einer eigenen Reitschule, dass ich ihm nicht lange widersprechen konnte. Er meinte, dass wir jetzt das Geld und die Kraft hätten, dies zu tun und wer weiß, wann dies nochmal der Fall sein sollte.
      Ach Mio, so viel Veränderung, schon wieder! Bereits heute morgen ist er in seinen Wagen gestiegen und gen Norden gefahren. Zurückgekommen ist er noch nicht. Ich spüre die Entdeckungslust und die Vorfreude in mir. Es wäre wieder ein Umzug für die Pferde, aber diesmal ein endgültiger, das steht für mich fest!
      Aber was rede ich da. Erst einmal muss ein Ort gefunden werden und das Gestüt muss gebaut werden. Das wird dauern, ziemlich lange dauern.
      Ansonsten hat sich nicht viel geändert. Malte hat sich in den letzten Tagen intensiv mit Prejudice beschäftigt und versucht, die eigenwillige Stute besser kennenzulernen. Ein bisschen mag ich sie mittlerweile ja auch, sie hat etwas besonnenes an sich, vor allem dann, wenn sie auf der Weide ist. Sie scheint das Leben abseits des Stalls zu lieben und plötzlich eine ganz andere zu sein.
      Rubina steht kurz vor der Geburt des Fohlens. Nico leidet darunter, dass er sie und seinen Marid in den nächsten Tagen unbedingt trennen muss, er hat es schon viel zu lang hinausgezögert.
      Weißt du, ich glaube Excelsior und Jeanie vermissen dich immer noch. Ich habe eine gute Reitbeteiligung für beide gefunden und Vuyo tut sein bestes, die beiden zu beschäftigen. Er gibt jetzt hin und wieder Reitunterricht und scheint voll in seinem Element gelandet zu sein. Den Pferden scheint es zu gefallen und auch von den Schülern bekommen wir nur positive Rückmeldungen. In der Hinsicht wäre es gar nicht so schlecht, auch die Reitschule zu erweitern. Allerdings bräuchten wir dazu noch einige weitere Pferde. Nur Abs, Milosch, Jeanie und Exel sind einfach zu wenig. Zum Glück haben wir die Befugnis, auch noch Elliot ab und zu einzusetzen und der junge Braum macht immer größere Schritte in Richtung Schulpferd. Trotz seines unerfahrenen Alters fliegen dem Süßen die Mädchenherzen nur so zu! Er suhlt sich richtig in der Aufmerksamkeit. Aber ich muss wirklich zugeben, dass er ein hübscher Kerl geworden ist.
      Du glaubst es nicht, aber letztens hat Nico tatsächlich nach dem Verkauf eines Pferdes geweint. Das Pferd hieß Eik und auch ich habe den großen Kerl geliebt. Allerdings mussten wir einsehen, dass wir uns etwas überschätzt hatten, was ihn betraf. Er war echt ein guter Kerl, jedoch brauchte viel Aufmerksamkeit und die konnten wir ihm leider nicht geben. Immerhin haben wir mit Worgait, Marid und Co bereits so einige Pferde, welche es nicht scheuen, ihre Meinung offen kundzutun. Aber natürlich gibt es auch andere Kunden. Unsere drei Vollbluthengste Golden Ebano, Valentines Alysheba und Osgiliath haben sich gesucht und gefunden. Die drei bleiben mittlerweile auch über Nacht, wenn die Temperaturen nicht in den Minusbereich sinken, auf der Weide und verstehen sich trotz ihrer Hengstmanieren prächtig. Ach Mio, wie sehr wünschte ich dich zu mir. Bei einem Glas Wein auf der Veranda könnten wir uns unsere Geschichten austauschen, lachen und das Leben genießen. Es fällt mir schwer, ohne eine Freundin wie dich, das Leben vollkommen zu lieben. Klar, mit Tuva verstehe ich mich sehr gut und es hat nicht lang gedauert, bis wir bemerkten, dass wir den selben Alkoholgeschmack teilen, aber sie ist nur eine Freundin.
      Ich will deine Zeit nicht allzu sehr verbrauchen, aber es freut mich, dass wir nun einen Weg gefunden haben, unsere Freundschaft aufrechtzuerhalten.
      Die wärmsten Grüße,
      Deine Charly

      Mio » Liebe Charly,
      Wieder habe ich dich warten lassen. Allerdings sind wir erst vor wenigen Tagen aus Utah zurückgekehrt und wie du dir vorstellen kannst, ist der Weg nach Vegas zum nächsten Briefkasten nicht der kürzeste. Da ich heute morgen jedoch für uns einkaufen war, habe ich gleich die Chance genutzt und den Brief auf die Reise geschickt.
      Irgendwo in deinen Worten versteckt sehe ich noch die alte Ranch, welche wir beide zusammen entstehen lassen. Saint Gorge, wenige Boxen, nur ein alter Reitplatz, dafür das Meer gleich vor den Füßen. Warum ist es euch beiden so wichtig geworden, alles immer größer werden zu lassen? Gibt es nicht bessere Möglichkeiten so viel Geld einzusetzen?
      Es freut mich allerdings zu hören, dass auch meine liebste Bella den Weg zu euch gefunden hat. Richte ihr die liebsten Grüße aus! Vielleicht werde ich mich in den nächsten Tagen mal bei ihr melden. Hast du auch etwas von Linn gehört? Wie geht es ihr auf Island?
      Addison versucht mich ständig dazu zu überreden, dass wir euch mal besuchen kommen. Er möchte dich und natürlich auch die Pferde selbst einmal kennenlernen. Ich bin noch nicht soweit Charly, noch nicht. Lass mir die Zeit, lass mich abschalten, lass mich wer anders sein. Nevada und die Mustangs geben mir all das, was ich so lange gesucht habe. So lang. Ich will es noch nicht hergeben oder teilen, erst wenn ich all das schöne hier in mir aufgesogen habe. Verstehe mich bitte.
      Der kleine Kuckunniwi entwickelt sich prächtig. Endlich hat Anaba ihn freigegeben. Ich merke die Veränderung die er gerade durchlebt, merke, wie er sich und seine Freiheit findet und wie sehr Anaba ihn liebt. Fast schmerzt es mich, dass sie mich nicht an ihn heranlässt, aber wir wollten es ja so. Er sollte so aufwachsen, wie es die Pferde auf den weiten Weiden Amerikas tun sollten.
      Für Hidalgo, Morrigans Hidalgo, und Chosposi tut es mir Leid, dass sie aufgrund ihres Hengststatus nicht mit zu den anderen Pferden dürfen. Dafür haben sie sich beide und die Verbindung zu ihnen hat sich in letzter Zeit um einiges verstärkt.
      Du glaubst es nicht, aber Varys und Imagine There's No Heaven sind mittlerweile, du wirst es nicht glauben, ausgewachsen. Zusammen mit Triumph genießen sie die Jugend, auch wenn Addi vor hat, im Sommer anzufangen sie jedenfalls etwas auszubilden.
      Ach ja, Addi, er ist ein guter Freund für mich geworden. Wir sind uns näher, als ich mich jemals bei einem Menschen gefühlt habe, näher als Shadow mir je gewesen war und doch sind wir kein Paar. Wir sind Gefährten, welche zusammen das tun, was sie für richtig erhalten. Wir wollen die Wildpferde erhalten und die Menschheit davon abhalten, diese wunderbaren Tiere wie Müll zusammenzutreiben, wieder auseinanderzureisen und dann auf dem ganzen Erdball zu verteilen.
      Wenn wir einmal bei diesem Thema sind, so werde ich dir gleich erzählen, was ich in Utah zu suchen hatte. Eine Freundin von Addi rief an. Sie meinte, dass sie ein komisches Paar entdeckt hatte. Ein weißer Hengst und eine junge braune Stute, verletzt. Amy, seine Freundin, erzählte, dass die beiden neu in der Gegend sind und es so schien, als wären sie extra so nah an die Auffangstation gekommen, um Hilfe zu suchen. Anfänglich wusste ich nicht, was Addi so in Aufregung versetzte. Ich sollte ihm vertrauen und da ich das sowieso tat, vertraute ich ihm. Erst im Nachhinein, nachdem Hengst und Stute mithilfe von Addi eingefangen wurden, erzählte er mir die ganze Geschichte. Vielleicht werde ich dir die Geschichte auch irgendwann erzählen können, heute würde der Brief jedoch zu lang werden. Es war ein Abenteuer pur und auch jetzt, nachdem beide Pferde wohlbehalten auf einer Weide bei uns stehen, fühle ich immer noch das Adrenalin der Freiheit in meinen Adern pochen. Für dich wird es unverständlich sein, für mich war es das Beste, was mir je passiert ist. Der Hengst heißt Cloud, während seine hübsche Freundin den Namen Zonta trägt. Ihre Beine schienen von einem Zaun verletzt wurden zu sein, in welchem sie sich verfangen hatte. Obwohl sie viel Blut verloren haben muss, steht sie immer noch sicher auf allen Vieren und lässt sich nichts anmerken. Anbei schicke ich dir ein Bild von den Beiden, damit du die Schönheit verstehen kannst, welche sie ausstrahlen.
      Ich habe dir auch noch nicht erzählt, dass seit einiger Zeit ein Paint Horse bei uns wohnt. Vielleicht hast du schonmal von ihr gehört. Sie stand lange bei Rachel und später bei Verena, welche ja auch... du weißt es ja, ich muss es nicht erwähnen. Raised from Hell steht deswegen zusammen mit Addis My Canyon und Battle Cry auf einer Weide und auch wenn Canyon oft genervt von Raised ist, hat sie sich hier doch ganz gut eingelebt. Ich bin gespannt, wie sie allerdings im Sommer mit den Temperaturen zurecht kommen wird.
      Ansonsten gibt es auch hier nicht allzu viel neues. Chill und Buck sind von der Schule genervt und Heather ist immer noch eine bemerkenswerte Frau. Sie hat es uns ermöglicht nach Utah fahren zu können und hat Tag für Tag alleine die Pferde versorgt. Zum Glück sind unsere drei Jüngsten, Dawn, Time In A Bottle und Kwatoko, mittlerweile soweit, auch einige Tage alleine überleben zu können. Das hätte ich mir nie erträumt. Sie waren unsere Sorgenkinder und mittlerweile benehmen sie sich genauso wie Kuckunniwi.
      Nun bist auch du auf dem neuesten Stand, was die Triple R Ranch angeht. Ich erwarte bereits jetzt deinen nächsten Brief und auch wenn ich es nur ungern zugebe, so hat es doch seinen Reiz, per Brief eine Konversation zu führen.
      Mit aller Liebe,
      Mio

      Charly » Liebste Mio
      Was für eine Geschichte und vielleicht ist es dir ja schon bald möglich, mir die Vollversion davon anzuhören! Clouds und Zontas Bild hat mich tief berührt. Diese Anmut und Wildheit, sie steckt den beiden in allem Knochen. Aber was habt ihr nun mit ihnen vor? Cloud ist ein Wildpferd, Zonta ebenso. Wollt ihr gegen euer Ziel arbeiten und die beiden eingesperrt lassen?
      Da du mir Bilder geschickt hast, muss auch ich dich mit welchen von unseren Pferden erfreuen. Rubina hat vor zwei Tagen erfolgreich ihren zweiten Sohn zur Welt gebracht. Ich hätte Nico filmen müssen, als er ihn das erste Mal gesehen hat! Er war begeistert und begeistert, aber das war ich auch, denn der kleine ähnelt nicht nur stark seiner hübschen Mutter, sondern hat auch interessante Markierungen an Kopf und Flanke, welche auch Marid im Gesicht trägt. Der kleine Mytos ist ein wahrer Prachtkerl geworden und ein guter Start in die Fohlensaison dieses Jahr!
      Auch hat sich wegen des neuen Gestüts einiges ergeben. Sicher war, dass wir am Tyrifjord bleiben wollen. Wir lieben ihn und es wäre sinnlos, diese Heimat bereits aufzugeben. Drei Tage dauerte es nur, bis Nico mit einer faszinierenden Idee zurück kam. Im nördlichen Teil vom Tyrifjord liegt eine recht große Insel namens Sorøya. 1.7qkm groß und nahezu unbewohnt. Nur ein paar wenige Bauernhäuser stehen dort, der Rest ist Wald, Wiese und Feld. Nico schaffte es, genau diese Insel für uns zu gewinnen! Es tut mir fast Leid um dieses Paradies, aber noch mehr freue ich mich darauf, eine eigene kleine Welt nur für uns und unsere Pferde.
      Die Verhandlungsgespräche laufen bereits und ich bin, wie du dir sicherlich vorstellen kannst, ziemlich gespannt, was das betrifft.
      Das Training mit den Pferden läuft nun langsam wieder an. Einen Großteil übernimmt natürlich Malte, da Petyr nun öfter wieder in der Welt unterwegs ist. Ihn zieht es hinaus, während Malte das ruhige und stetige Leben auf dem Gestüt genießt. Ich bin ganz erstaunt, dass Nico mittlerweile ordentlich zupackt und auch wenn sein Fokus nur auf seinen eigenen Pferden liegt, so ist seine Aufenthaltszeit im Stall in den letzten Wochen um einiges gestiegen.
      Am Wochenende war uns meine Schwester besuchen. Sie wohnt, wie du ja weißt, in Oslo und hat leider mit Pferden nichts am Hut. Dafür konnte ich ihren neuen Freund, sowie ihren Adoptivsohn endlich kennenlernen. Etwas enttäuscht bin ich schon, dass Alexandra so lange gebraucht hat, mich hier zu besuchen, der Weg ist ja nicht unendlich weit! Trotzdem ist sie meine Schwester und man liebt seine Schwester. Dimitri schien ganz fasziniert von dem Gestüt, während Alex natürlich nicht begeistert war. Ich kann das gar nicht verstehen, dass es Menschen geben kann, die diese fantastischen Geschöpfe nicht mögen. Wie kann man in einem Pferd nichts weiter sehen als ein Pferd?
      Ansonsten nimmt hier alles seinen gewohnten Lauf. Die Sonne geht auf, und sie geht wieder unter. Genauso wie es immer war.
      Ich vermisse dich!
      Deine Charly

      Mio » Liebe Charly
      Der kleine Mytos berührt mir mein Herz, denn in ihm sehe ich seinen Vater. Auch wenn ich mich nie mit Marid verstanden habe, so ist es doch ein Stück Erinnerung und ein Teil meiner Vergangenheit.
      Wieder habe ich länger gebraucht, um dir zu antworten. Aber bei uns wird die Arbeit wieder mehr, denn die Winterpause ist vorbei und schon bald beginnt wieder die Zeit des Einfangens und da müssen wir bereit sein.
      Cloud und Zonta werden so lange bei uns bleiben, bis Zontas Wunden verheilt sind. Addi hat sich die größte Mühe gegeben und auch wenn es nicht immer einfach war ein Wildpferd zu versorgen, schien auch Zonta mit der Zeit zu bemerken, dass wir nur helfen wollen.
      Addi ist seit Clouds Ankunft anders. Oft liegt er draußen auf der Weide und beobachtet den Hengst. Er scheint tief in Gedanken versunken zu sein und in Erinnerungen zu schwelgen. Er erzählte mir, dass er Cloud bereits kannte. Es verwunderte ihn, wie der Hengst nach Utah kam, da er Cloud hier in Nevada kennengelernt hatte. Er meinte, dass Cloud es gewesen war, welcher ihm nach dem Tod seiner Frau wieder Kraft gegeben hatte. Er selbst konnte es nicht erklären, aber er erzählte mir von dem Bild eines leuchtenden weißen Pferdes, so anmutig und edel, so ehrlich und voller Hoffnung, dass ich nicht daran zweifelte, dass es so gewesen war. Cloud bedeutet für Addi alles und vielleicht ist es ein Zeichen, dass genau dieser Hengst jetzt wieder aufgetaucht ist.
      Natürlich forschten wir weiter, denn Addi hatte Fragen. Wie kam Cloud nach Utah? Wo war seine Herde? Es dauerte nicht lange und wir fanden beim BLM unsere Antwort. Mittlerweile haben wir dort einige Kontakte, mit welchen wir wegen der Mustangs in Verbindung stehen und mit der Hilfe einer Freundin, fanden wir heraus, dass Cloud und eine braune Stute, vermutlich Zonta, die Flucht geschafft hatten, kurz nachdem sie transportiert worden waren.
      Vielleicht hat Addi gar nicht so unrecht. Vielleicht ist dieser Hengst wirklich ein Zeichen der Hoffnung und wahrscheinlich ist es Absicht, dass er bei uns gelandet ist. Cloud scheint sich nicht unwohl zu fühlen, obwohl er von den Zäunen umgeben ist. Trotzdem ist er noch ein freies Pferd und sobald der Zeitpunkt gekommen ist, werden wir uns von ihm verabschieden müssen.
      Allerdings muss ich dir dringend noch etwas erzählen! Heather hat, du glaubst es kaum, ihren Neffen aufgenommen. Das ist nicht irgendein Neffe, nein, dass ist ein entlassener Häftling mit einigen Vorstrafen und hinzu kommt, dass er genauso alt ist wie ich. Problem des Ganzen: Er sieht ziemlich gut aus und ist natürlich ein riesiges Arsch. Heather meint, dass die Ranch die beste Möglichkeit sei, Jacob wieder auf die Bahn zu bringen, auch wenn ich mich frage, ob das bei ihm überhaupt noch möglich ist. Er ist ein Angeber und ein ziemlich fauler Idiot. Chill und Buck freuten sich natürlich über „ihren großen Bruder“ und dank Jacob ist die Aufmüpfigkeit der beiden nochmals gestiegen.
      Addi freute sich gar nicht über den plötzlichen Einzug. Verständlich. Er kennt Jac nicht und hat Angst um seine Pferde. Jedoch konnte er Heather den Gefallen nicht abschlagen, immerhin ist auch Jac sein Neffe und auch wenn Addi lange keinen Kontakt mehr zu seiner zweiten Schwester hatte, sind sie trotzdem miteinander verwandt.
      Ich selbst weiß noch nicht genau, wie ich zu Jac stehe. Bis jetzt hat er mich meist ignoriert und etwas enttäuscht bin ich schon, dass solch nette Menschen wie Addi und Heather solche unhöflichen Verwandte haben.
      Jedenfalls versucht Addi nun, Jac mit in die tägliche Arbeit einzugliedern. Etwas Erfahrung mit Pferden hat er bereits, da auch seine Mutter Pferdebesitzerin gewesen ist. Anscheinend liegt das in der Familie. Bis jetzt hat er sich nur meistens um die Arbeit gedrückt, ob er selbst auch Pferde mag, weiß ich also noch nicht so genau.
      Ich bin gespannt, wie sich das Ganze entwickelt. Immerhin ist Jac der erste Fremde seit meiner Ankunft auf der Ranch und das birgt für uns alle ein Gefahrenrisiko. Jacob Moore, ich bin ziemlich gespannt, ob das gut ausgehen wird.
      Mit den besten Grüßen,
      Mio

      Charly » Liebste Mio!
      Oho! Ein junger, gut aussehender Mann, welcher total unhöflich ist? Na wenn das kein Anfang einer Liebesgeschichte sein kann! Auch ich habe daran nie geglaubt, bis es mir selbst widerfahren ist. Und schau, wo ich jetzt gelandet bin. An meiner Seite ein Mann, der genauso ein Idiot ist wie die Jungs, die mich früher in der Schule immer bloßgestellt haben und mit so einem habe ich auch noch ein Kind. Pass‘ also ja auf dich auf! Aber ich meine das wirklich ernst. Solche Männer sind meist so von sich überzeugt, dass sie nicht auf eventuelle Opfer achten. Die Geschichte mit Cloud, puh, da musste ich mir die Tränen von der Wange wischen. Das Ganze hat sich fast wie ein Film vor meinen Augen abgespielt. Ich stelle mir das wahrhaftig vor, wie ein weißer und reiner Hengst, einem zerstörten jungen Mann wieder ein Ziel zum Leben gibt. Fast könnte ich darüber ein Buch schreiben, oder, warum schreibst du kein Buch darüber? Grüße Addi von mir, ich mag ihn, er scheint ein anständiger Kerl zu sein und er scheint dafür verantwortlich, dass du wieder so lächeln und nach vorne schauen kannst!
      Vuyo hat sich nun auch endlich wieder ein Pferd gekauft und erstaunter hätte ich nicht sein können, als er da mit einer zierlichen Edelhaffi Stute stand, welche auch noch den Namen Curly Lure trägt und als ob das noch nicht genug wäre, ist sie auch noch ziemlich eigensinnig und zickig. Aber er hat vor, sie mit in die Reitschule zu nehmen und sie dort vielleicht zu einem anständigen Reitpferd ausbilden.
      Mittlerweile haben auch die Planungen für das neue Gestüt begonnen. Die Insel ist bereits vermessen und wir machen uns zur Zeit auf die Suche nach Pferdebesitzern, welche mit auf die Insel ziehen wollen und uns so unterstützen. Nico hat einen Freund in der Türkei, welcher mit einer Freundin zusammen ein kleines Arabergestüt leitet. Sie scheint ziemlich still und einzelgängerisch zu sein, jedoch will sie wegen der Unruhen in ein sicheres Land und wird wahrscheinlich zu uns nach Norwegen ziehen. Ihre Forderungen waren jedoch, dass sie ein eigenes und beheiztes Stallgebäude für ihre Araber bekommt, in welchem sie auch wohnen kann. Das wird sie jetzt wohl auch bekommen. Nico meint, dass sie dem Gestüt gut tun wird und ich bin gespannt, wie er das meint.
      Auch kommt Fiona mit ihren Pferden aus den USA zurück zu uns. Petyr freut sich natürlich höllisch auf sie und auch ich bin froh, wieder ein bekanntes Gesicht zu sehen. Wir werden so viel Hilfe wie möglich gebrauchen, wenn es soweit ist.
      Nicos angehende Zucht nimmt zur Zeit krasse Ausmaße an. Anstatt es bei ein paar wenigen Pferden zu belassen, ist die Anzahl seiner Stuten mittlerweile auf sechs gewachsen, wobei jedoch eine weitere bereits gekauft ist. Zum Glück sind es bis jetzt nur drei Hengste und ein Jungpferd, welche tatsächlich auch alle mal recht anständig sind.
      Ich freue mich auf deinen nächsten Brief!
      Deine Charly

      Mio » Liebe Charly,
      Bei uns wird es wieder wärmer und im Sonnenuntergang kann man wunderbare Bilder der Pferde schießen. Ich habe leider nicht viel Zeit, deswegen wird dies ein sehr kurzer Brief. Ich hoffe trotzdem, dass du dich über die Bilder freust!
      Anbei natürlich noch kleine Erklärungen zu den hübschen Pferden, welche du siehst.
      » Varys und Imagine There‘s No Heaven kennst du natürlich noch. Hier endlich mal ein aktuelles Bild von ihnen. Der gefleckte Popo gehört natürlich zu Triumph.
      » Unsere Jüngsten: Time In A Bottle, Dawn und Kwatoko. Seit einigen Tagen dürfen sie mit auf die große Weide, es ist erstaunlich, wie schnell sie sich an ihre Herde gewöhnt haben.
      » Es ist das erste Bild von Anaba und Kuckunniwi, dass ich dieses Jahr schießen konnte. Immer noch hält Anaba Abstand zur Herde und selbst Addi ist so langsam verwundert. Dafür geht es dem kleinen Kucku blendend und so langsam sieht man auch den Vater in ihm.
      » Raised from hell zusammen mit Aquena. Na? Kennst du Raised noch? Sie ist ein tolles Pferd und selbst ich sehe kaum, dass sie eigentlich kein Wildpferd ist. Zusammen mit Flotten von Mutanten erobert sie die Wildnis, wie ich es anfangs nicht für möglich gehalten hatte.
      » Hier eine kleine Hengstherde im Sonnenuntergang. Silent Bay sieht man nur sehr schlecht hinter dem Strauch, dafür steht Imoad, oder eigentlich In the Middle of a Dream gut sichtbar im Vordergrund, wie immer. Daneben siehst du Frekur und etwas weiterhinten Quisquilloso, obwohl du den wahrscheinlich schon von meinen letzten Bildern kennst, er ist ziemlich fotogen.
      » Auf dem letzten Bild sind, von links nach rechts, die drei restlichen Stuten zu sehen. Valhalla, Quicksilver und Atius Tirawa.
      Ich hoffe, du freust dich über die Bilder!
      Mio

      Charly » Liebste aller Mios!
      Die Bilder sind der Hammer! Ich vermisse deine fotografischen Künste auf unserer Ranch, auch wenn Tjarda auch ziemlich gute Bilder schießt, malt sie trotzdem besser.
      Da auch meine Zeit wegen Umzug ziemlich knapp ist, habe ich es dir gleichgetan und in den Umschlag einfach einige Bilder gesteckt, in der Hoffnung, dass sie dir gefallen.
      » Na, erkennst du, wer hier auf der Weide abgebildet ist? Charelle und April Rain müsstest du erkennen, bei den anderen habe ich Nachsehen mit dir. Die Namen sind auch nicht leicht zu merken. Himmawallajugaga, Devrienterreuth, Sysahlreuth, Zuckerschock und Raja, sie bilden unsere Vollblutherde und zeigen auch mit aller Macht, wie viel Energie sie besitzen.
      » Malte. Anfangs wehrte er sich gegen ein Foto, aber als er hörte, dass es für dich ist, konnte ich ihn endlich umstimmen. Das wunderhübsche Tier auf dem er sitzt heißt Angus, ein Suffolk Punch und der neue Liebling aller. Am Strick sind natürlich seine Schätze Félagi und Óslogi. Jeden Sonntag macht er einen Ausritt mit ihnen. Du würdest ihn wirklich mögen.
      » Und schon wieder Malte. Diesmal jedoch heimlich geschossen, wie man an der schlechten Qualität unschwer erkennen kann. Zu seiner rechten siehst du Black Lemontree, während das junge Mädchen, eine Reitschülerin, seinen Junghengst Dynur hält.
      » Hier nochmal unsere Jungpferde Aspantau, Abe‘s Aelfric und Mios Jelda, sowie ein hübsches Portrait von I‘ve got a blue soul.
      » Und zum Schluss nochmal ein unbekanntes und ein bekanntes Gesicht für dich. Einmal Abraham van Helsing, sowie natürlich deine Ocarina of Time, welche bei den Bildern nicht fehlen durfte. Auch sie entwickelt sich so langsam prächtig!
      Ich hoffe, dass wir beide endlich mal wieder mehr Zeit für einander finden!
      Deine Charly!

      Mio » Charly, ich komme! Ich komme zu dir! Ich habe es getan, ein Flugticket ist gekauft, erwarte mich...
    • Canyon
      [​IMG]
      08. Juni 2017 | 23.781 Zeichen | Canyon

      Rakkaus Ja Epätoivo

      Mio » Zwei Jahre später stand ich an einem Punkt in meinem Leben, wo ich mir nie hätte denken können zu stehen. Die Zweifel plagten mich, Nächte lag ich wach und blickte in das stets friedlich ruhende Gesicht von Jacob. Die Mondstrahlen spiegelten sich auf seiner Haut wider und brachten seine dunklen Locken zum teuflischen Glänzen. Ich lag im tiefen Schatten.
      Als die ersten Sonnenstrahlen einige unruhige Stunden später den Weg durch die Vorhänge suchten, war ich längst munter. Ich stand im T-Shirt in der Küche und rührte in einem Topf umher, welcher eigentlich so etwas wie Schokopudding enthalten sollte. Es sah jedoch eher nach aufgeweichten Pferdeäpfeln aus. Der Schneebesen in meiner Hand wollte einfach nicht verstehen, dass ich keine Klumpen in meinem Essen haben wollte. Ich biss die Zähne zusammen, um für Jacob jedenfalls so etwas ähnliches wie ein Frühstück auf die Beine zu stellen. Mein Blick fiel auf den Garten hinter dem Fenster. Jacob hatte sich wunderbar darum gekümmert und fast konnte ich mit Stolz sagen, dass unsere blühenden Blumen die prächtigsten waren. Hinter dem Garten erstreckte sich die trübe See. Dunkles Wasser schwappte immer wieder gegen die Brandung und hielt das Geschehen in Bewegung. Es war so anders, so vollkommen anders und doch fühlte ich mich wohl.
      Mein Gedanke fiel auf Addi. Er war nicht glücklich gewesen, aber er hatte es getan. Er hatte es für mich getan. Aber sein Leben war nun gezielter geworden. Er lebte nicht nur noch von Spenden, sondern verdiente sich mit seiner Arbeit viel Geld. Er hatte seine Prinzipien geändert, hatte sie den meinen angepasst und da waren wir nun. Familie Moore und Mio mitten auf einer Insel im norwegischen Fjord.
      Ich hatte gerade die Schokoklumpensoße in eine Schüssel gefüllt und auf den Tisch gestellt, als Jacob unsere Küche betrat. Er gähnte ausgiebig und schlurfte dann zu seinem Stuhl, wo er sich erschöpft niedersinken ließ.
      "Guten Morgen, Jac." Meinte ich liebevoll und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn. Dieser brummte nur zustimmend, schnappte sich seinen Löffel und begann wild zu essen. Nach den ersten Bissen hielt er jedoch inne und blickte zu mir hoch, denn ich stand immer noch neben ihm.
      "Willst du denn nichts essen?"
      Ich schüttelte den Kopf. "Mag keinen Schokopudding."
      "Mio", meinte er warnend, "du isst zu wenig."
      "Tue ich nicht!" Wehrte ich mich. "Und außerdem mag ich wirklich keinen Schokopudding." Ich setzte mich gegenüber von ihm nieder. Jac zuckte nur kurz mit den Schultern und begann dann weiterzuessen.

      Addison » "He Chill! Das ist mein T-Shirt!" Erfolglos versuchte Buck seinem Bruder das Badmanshirt aus den Händen zu reisen.
      "Das stimmt nicht! Das ist meins!" Chill stemmte beide Füße in den Boden, um seinem Bruder standzuhalten.
      "Daaad! Chill will mir nicht mein T-Shirt wiedergeben!" Rief Buck laut.
      Addison steckte den Kopf durch die Tür. Er war in den letzten Monaten stark gealtert. Seine Augen lagen tief in ihren Höhlen und die Haare hatten erste graue Strähnen. Er schien kraftlos, als er beschwichtigend nach dem T-Shirt griff, trotzdem zog er es seinen Kindern ohne Probleme aus den Händen. Er suchte den kleinen Zettel im Nacken heraus, laß den Namen und gab es dann Buck. "Dein Bruder hat Recht, Chill, das T-Shirt gehört Buck. Schaue mal in deinem Schrank, wo sich deins versteckt haben könnte." Meinte er liebevoll und klopfte Chill aufmunternd auf die Schulter. "Beeilt ihr euch bitte? Ich will nicht, dass ihr den Bus verpasst."

      Charly » "Warum schreit Bart denn schon wieder?" Mit grimmigen Gesicht steckte Nico seinen Kopf durch die Küchentür und versuchte verschlafen etwas zu erkennen.
      "Guten Morgen, Nico. Gut, dass du dich auch endlich dazu bereit erklärt hast, aufzustehen." Gestresst blickte Charly über die Schulter zu ihm hin.
      "Was ist denn jetzt schon wieder los?" Meinte dieser genervt und betrat den Raum.
      "Ach nichts!" Lachte Charly hölzern und warf sich dann ihr wildes Haar über die Schulter. "Es ist ja nur Montagmorgen, die Arbeit wartet und dein Sohn wehrt sich krampfhaft gegen alles, was ich ihm aufs Brot schmiere und was kein Lolligeschmack hat, also gegen alles!" Wütend ließ sie das Messer fallen, drehte Barts Stuhl zu sich herum und hob den immer noch schreienden und nun auch strampelnden Jungen heraus. "Dann geht er heute ohne Frühstück in den Kindergarten!"
      "Charly, hey", Nico war an sie heran getreten und legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter. "Komm', gib ihn mir."
      Grob reichte Charly ihren Sohn an Nico weiter, welcher sich von ihr abwendete und versuchte sein Kind zu beruhigen. Charly ließ sich erschöpft aufs Sofa fallen und verbarg ihr Gesicht hinter ihren Händen.
      Zwei Minuten später hatte Bartholomäus sich beruhigt und Nico setzte sich neben Charly, auf seinem Schoß Bart sitzend. "He Charly," meinte er sanft. "Du bist ganz schön fertig. Ich kümmere mich heute um Bart, mache du mal einen ruhigen, das hast du dir verdient."
      Als Charly nicht antwortete, stand Nico auf und verließ mit Bart den Raum.

      Malte » Mittlerweile hatte ich mich daran gewöhnt, nicht allzu hastig aufstehen zu können. Die Decke meines kleinen Zuhauses war nur wenige Zentimeter über meinem Kopf. Langsam rollte ich mich deswegen aus dem großen Bett und lief leicht gebückt bis zur Holzleiter. Gery nahm es mir übel, dass er alleine unten schlafen musste, dafür hatte er auch in unserem neuen Zuhause seinen geliebten Kamin bekommen. Obwohl dieser nicht brannte, schlief der große Rüde jede Nacht davor, als würde dieser ihm die Wärme geben, die er zu brauchen glaubte. Der schwerhörige alte Hund hob erst den Kopf, als ich auf den Knopf meines Radios drückte und dieses mit einigen Startproblemen ansprang. Er murrte jedoch nur kurz und ließ seinem Kopf dann wieder zurück auf die Pfoten sinken. Ich betrachtete den alten Herren einige Sekunden, während aus dem Radio "Keep on the sunny side" erklang. Gute Einstellung, dachte ich, während ich im Takt den Abwasch der letzten Tage machte. Leise summte ich die Melodie mit, richtete meinen Blick aus dem Fenster und betrachtete die Natur vor meiner Haustür. Ich hatte den hübschesten Platz erwischt. Der Wald um mich herum bot mir jede Menge Schutz vor der Sonne und vorm Wind, welcher an manchen Tag recht frisch vom Fjord zu uns herüber wehte.
      Nachdem der Abwasch erledigt war, zog ich mich an und machte mich auf den Weg zum Stall. Gery ließ ich im Haus zurück. Seit ein paar Wochen schon, begleitete er mich nicht mehr täglich, seine Kraft schien zu schwinden. Ich hatte damit gerechnet und es war in Ordnung, so wie es war.

      Mio » Ich stand pünktlich wie immer am Weidezaun, den Hut trotz der fehlenden Sonnenstrahlen auf meinem Kopf und eine dicke Jacke über mein helles Hemd gezogen. Auch die Pferde hatten ihre Zeit gebraucht, um sich von vierzig Grad täglich auf eine Durchschnittstemperatur von 17 Grad umzugewöhnen. Im Gegenteil zu Addison, welcher sich komplett den Klimaverhältnissen angepasst hatte, hielt ich meinen Stil aus vergangenen Zeiten so gut wie möglich bei. So schnell würde ich nicht alles aufgeben.
      Addison kam wie immer zu spät. Chill und Buck forderten, seitdem wir in Norwegen wohnten, durchgängig seine Aufmerksamkeit. Heather half ihm so sehr wie möglich bei der Erziehung der Zwillinge, jedoch hatte auch sie noch ihr eigenes Leben.
      Abgehetzt und mit grimmigem Blick, kam Addi auf mich zu, er nickte mir kurz zu, ich nickte zurück und gemeinsam machten wir uns an die tägliche Arbeit. Unsere Mustangs hatten einen schönen Platz bekommen. Sie hatten ihren eigenen Teil der Insel. Zwei weitläufige Weiden, mit Bäumen, Sträuchern und kleinen Hügeln waren so natürlich angelegt wie nur möglich und viele der Pferde hatten sich schnell daran gewöhnt.
      Während wir zusammen neues Heu schleppten, merkte ich, wie Addi mir immer wieder Blicke zuwarf. Er schien mich zu begutachten und seine Skepsis war nicht zu übersehen. "Mio", er legte einen Arm auf meine Hand, als ich gerade einen Wassereimer anheben wollte, "Mio, seit wann hast du schon nichts mehr gegessen?"
      Ich ließ den Eimer los und richtete mich auf. "Seit wann, macht sich jeder darum Gedanken, dass ich zu wenig esse?! Ich bin erwachsen und kann selbst gut genug einschätzen, wann und was ich esse!" Ich zog meine Hand aus seinem Griff und blickte Addi in die Augen. Ich sah den Schmerz in ihnen, den Verlust, die Angst. Ich sah seine grauen und mageren Haare, die Falten auf seiner Stirn und die knorrigen Hände. "Du solltest lieber selbst einmal in den Spiegel schauen, du siehst nicht besser aus." Meinte ich schwach und hob den Eimer ein weiteres Mal. "Warum machst du dir zu erst um mich Sorgen, anstatt um dich selbst?" Sagte ich, bevor ich mich von ihm abwendete.
      "Das weißt du Mio." Flüsterte Addi zerschlagen. "Du wärst dumm, wenn du es nicht sehen würdest."

      Petyr » "Saga Glasberg, was soll bitte dieses eklige Gummiband auf meinem Schreibtisch?" Grinsend hob Petyr ein breites Band in die Höhe und hielt es seiner Freundin vor die Augen. "Bitte nicht schon wieder ein neues Hobby!"
      "Ach quatsch!" Saga riss ihm das himmelblaue Band aus der Hand. "Das ist mein neues Stretchband. Das haben seit neuestem alle in meiner Balettgruppe und ich finde es auch ziemlich hilfreich!"
      Petyr verzog angeekelt den Mund und ließ das Band fallen. Bevor es auf dem Boden aufkam, hatte Saga es aufgefangen und sich mit einem dramatischen Nebeneffekt in die Arme von Petyr geworfen. Dieser hielt sie fest umschlungen und drückte ihr dann einen Kuss auf den Mund. Als sie sich wieder von einander lösten, lag auf beiden Gesichtern ein rötlicher Schleier und sie lächelten verliebt.
      "Malte wartet bestimmt schon im Stall auf mich. Du weißt, dass er es nicht leiden kann, wenn ich zu spät komme."
      "Jaja, renne nur zu deinem Malte." Saga dreht sich eingeschnappt und mit verschränkten Armen um, sodass Petyr sie noch einmal zu sich ziehen musste und sie innig küsste. Dann schnappte er sich eilig seine Jacke und verließ die Dachbodenwohnung, ohne noch einmal zurückzublicken.

      Eyvind » Während alle anderen noch schliefen, war Eyvind wie immer der erste im Stall. Ihn trieb nichts anderes an, als die Pferde. Die tägliche Arbeit, beginnend beim Morgengrauen, hielt ihn in Bewegung. Er brauchte den Ausgleich zu den Stunden in der Nacht, die er im Bett verbrachte und selbst diese wurden in manchen Nächten von Spaziergängen durchbrochen. Er war der stille Nachtwächter, welcher mit seinem wachen Auge jede Regung genau auffasste. Er war so unauffällig, wie sonst keiner auf dem Gestüt. Jeder hatte seine Probleme zu tragen und jeder trug dies offensichtlich als Rucksack. Nur Eyvind schien seine Sorgen in dem Platz vor den Zehen in den Schuhen zu verstauen und hatte sogar noch Freiraum für die seiner Freunde.
      Die Pferde waren bereits gefüttert, als Malte und Petyr zu ihm hinzu stießen. Die letzten kauten friedlich an den restlichen Körnern. Der Hauptstall war riesig, mit neuester Technik ausgestattet und perfekt an die Wünsche der Sportpferde angepasst, welche hier ihr Zuhause gefunden hatten. Die Boxen besaßen allesamt ein kleines Paddock, welches die Pferde ganztägig benutzen durften.
      "Wie du nur immer so früh wach sein kannst..." Petyr gähnte ausgiebig und blieb vor Eyvind stehen.
      Malte währenddessen klopfte Eyvind auf die Schulter. "Danke man, was würden wir nur ohne dich tun." Dankbar schaute er seinem Freund an und lächelte. Es hatte seine Zeit gedauert, bis die drei sich als Team verstanden hatten, denn vor allem Malte war es schwer gefallen, einen weiteren Arbeiter zwischen ihm und seinem langjährigen Freund Petyr zu akzeptieren.
      Die drei Männer wollten sich gerade an die Arbeit machen, als Heather in den Stall gehetzt kam. Die junge und auffällige Frau mit den blonden Locken hatte keine Probleme gehabt, sich in der Stallgesellschaft einzufinden. Sie war offen, warmherzig und stets voller Energie.
      "Leute!" Trällerte sie lauthals und hastete auf die kleine Versammlung zu. "Los, los! Ihr habt eine Minute Zeit mir zu sagen, was ihr aus der Stadt braucht!" Sie kramte einen Notizblock samt Stift aus ihrer Tasche und schaute die drei Männer erwartungsvoll an.
      Malte schüttelte bloß den Kopf. "Danke, ich brauche nichts."
      Heathers Blick schwankte weiter zu Petyr. "Und was ist mit dir, du Faulpelz?"
      "Öh", überfordert zuckte Petyr mit den Schultern. "Kein Plan. Ruf' aber mal Saga an, die hat bestimmt was für dich."
      Auch Eyvind lehnte dankend Heathers Angebot ab, sodass diese ihren Stift einsteckte und seufzte. "Ich bin jetzt extra wegen euch zum Stall gerannt. Den Weg hätte ich mir ja dann auch sparen können." Sie boxte Eyvind gegen die Schulter und zwinkerte Malte kurz zu. "So bis dänne, ihr Pappnasen!" Rief sie, als sie sich bereits wieder umgedreht und mit großen Schritten den Stall verließ.

      Tjarda » Tjarda liebte diesen hochgewachsenen Mann mit dem kantigen und doch so weichen Gesicht und viel mehr liebte sie jedoch die hellen Augen, welche sich so von seinem dunklen Körper abhoben. Es war ihre liebste Zeit, wenn sie nebeneinander im Bett lagen, er noch schlief und sie am frühen Morgen die Erste war, die in diese Augen blicken durfte. Vuyo schlief jede Nacht friedlich, während Tjarda oft stundenlang wach lag. Es war diese Gegenteiligkeit, an welcher beide Gefallen gefunden hatten.
      Als Tjarda wenig später das gemeinsame Haus verließ und sich auf den Weg zum Haupthaus machte, stieß sie auf Heather. Stürmisch umarmte diese ihre Freundin, erzählte ihr dann von dem geplanten Einkauf und bot Tjarda an, sie in die Stadt mitzunehmen.
      Die Wälder und Berge, Seen und kleine Dörfer zogen nun an ihr vorbei, während sie verträumt aus dem Fenster blickte. Heather am Steuer erzählte ununterbrochen, lachte über ihre eigenen Witze und fand zu jedem Thema ein weiteres Thema, welches damit in Verbindung stand. Heather erzählte immer. Egal ob es ihr gut ging oder nicht. Tjarda mochte diese offene Art, sie selbst war eher das Gegenteil. Verschlossen und ruhig. Sie wollte nicht hoch hinaus, der ihr angebotene Modeljob hätte das erbracht, sondern ihr reichte das stille Kunstmuseum in der Innenstadt. Menschen zu beobachten und zu zeichnen war ihre große Stärke und seit einigen Jahren war sie mit dem bisschen Einkommen schon zufrieden.
      Heather parkte ihren kleinen Flitzer genau im Parkverbot vor dem Museum, schaffte es, ihre Freundin schwungvoll im Auto zu umarmen und sie mit reichlich Worten zu verabschieden. Tjarda winkte ihr noch lächelnd zu, bevor Heather Gas gab und um die nächste Ecke brauste. Lächelnd betrat Tjarda die schmuckvolle Eingangshalle und begann ihren Arbeitstag.

      Mio » Ich schaffte es, Addi die nächsten Stunden aus dem Weg zu gehen. Erst kurz nach Mittag traf ich in der kleinen Reithalle auf ihn. Quisquilloso lief erst seit einigen Wochen unter dem Sattel und so musste ich einen Moment bewundert stehen bleiben, als ich Addi mit dem Hengst arbeiten sah. Quisquis Start war nicht einfach gewesen. Er hatte immer wieder Rückenprobleme und leichte Verletzungen gehabt, obwohl er sein Bestes tat sich schnell anzupassen. In Gedanken versunken lehnte ich an der halboffenen Tür. Addis Arbeit begeisterte mich immer wieder und obwohl ich seit drei Jahren Tag für Tag mit ihm verbrachte, hatte ich mir noch längst nicht alles abschauen können. Hinzu kam, dass die Beziehung zwischen uns schon seit längerer Zeit abgekühlt war, seit genau dem Tag, an dem ich Jacob lieben gelernt hatte. Addison mochte seinen Cousin nicht.
      Ich war so in Gedanken versunken, dass ich nicht merkte, wie Addi vor mir zum Stehen kam, leichtfüßig aus dem Sattel rutschte und dann vor mir landete. Er hatte geweint, ich erkannte einen leichten roten Rand um seine Augen und mittlerweile kannte ich ihn so gut, dass ich wusste, dass es ihm nicht gut ging.
      "Hallo Mio."

      Malte »
      "Was sind das denn für fette Brocken?" Sagas tiefe Lache schallte durch die Stallgasse, als sie die beiden Irish Draughts sah. Ich schaute sie wütend an. Man merkte, dass sie von Pferden nicht allzu viel Ahnung hatte, denn ihre Lautstärke schaffte sie nicht zu zügeln.
      "Der eine davon heißt sogar Brock." Flüsterte ihr Petyr ins Ohr und sie brach wieder in Gelächter aus.
      "Petyr, musste das sein?" Mein wütender Blick galt nun Petyr, welcher sich kindisch hinter Saga versteckte und so tat, als wäre er dort sicher vor mir. Ich hatte mir immer erhofft, dass er in einer Beziehung endlich seine reife Seite finden würde, aber genau das Gegenteil war geschehen. "Saga, was machst du eigentlich hier? Musst du nicht arbeiten?"
      "Nö, erst heute Nachmittag." Sie grinste. "Aber Malte, jetzt mal ehrlich, die beiden kenne ich noch nicht, oder? An den Namen Brock würde ich mich sonst erinnern." Vergnügt gluckste sie und stieß Petyr an.
      Ich ließ Saga mit einer Antwort warten, bis ich erst Belmonts Brock und dann Belmonts Beo in ihre Boxen gebracht und beide Türen verschlossen hatte. "Beo und Brock. Nein kennst du noch nicht, sind erst seit ein paar Tagen hier und es wird hoffentlich auch nur eine Übergangslösung." Antwortete ich ihr knapp, während ich meine stets verdreckten Hände an meiner Hose abzuwischen versuchte. "Noch mehr Pferde und ich erwarte von Charly eine Gehaltserhöhung."

      Charly » Unruhig stieß Charly immer wieder mit dem Bleistift auf den Tisch. Hunderte von kleinen Einkerbungen hatten sich bereits angesammelt, diese schien sie jedoch nicht zu merken. Der helle Bildschirm zeigte Dokumente, Tabellen und Internetseiten, mehrere leere Kaffeetassen standen neben ihr und Briefe aller Art stapelten sich auf dem ganzen Tisch. Charly hatte Nico seit heute Morgen nicht mehr gesehen, aber auch das schien sie verdrängt zu haben. Auch Charly hatte schon bessere Zeiten gesehen. Sie hatte zugenommen und ihre sonst so makellose Haut sah unrein aus. Auch der Konsum an Zigaretten war wieder gestiegen und das, obwohl sie genau wusste, dass sie das Geld nicht hatten. Viele Jahre lang hatte sie drauf verzichtet, aber mit ihren entstandenen Problemen war sie wieder in alte Gefilde gefallen.
      Es klopfte. Es klopfte selten jemand an ihre Tür, die meisten spazierten herein wie sie wollten und es erstaunte sie noch mehr, als Nico den Kopf zur Tür herein steckte. "Charly?"
      Sie drehte sich zu ihm um, wusste einen Moment nicht, was sie sagen sollte und meinte dann: "Ja? Alles gut?"
      Nico nickte und trat ganz ein. "Hast du kurz Zeit? Ich würde dir gerne jemanden vorstellen." Aufgewühlt blickte Charly zu ihm auf. Nico verwirrte sie. Er schien fast unsicher in seiner Art, als wüsste er selbst nicht so genau, was er gerade tat. Es versetzte ihr einen Stich, ihn leiden zu sehen. Sie hatten sich mal geliebt und vielleicht liebten sie sich immer noch.
      "Nico?"
      "Ja?"
      "Wirklich alles in Ordnung? Geht es Bart gut?"
      Nico nickte hastig. Charly stand auf und ging durch die offene Tür, welche Nico ihr aufhielt.
      "Was ist das?" Erschrocken blieb Charly stehen, als sie einen Transportkorb im Wohnzimmer stehen sah. "Nico!"
      "Bitte sei mir nicht böse!" Flehentlich presste er die Hände zusammen. "Bitte, gib ihr eine Chance."
      "Wem eine Chance?" Charly blieb ruhig, ihre Augen funkelten jedoch. "Nico, wem soll ich eine Chance geben?"
      Nico zögerte, dann ging er zum Transportkorb, öffnete ihn und drehte sich dann zu Charly um. Auf seinem Arm saß ein kleiner Welpe, einige Wochen alt. Nur ein Fleck am Ohr, ein blaues und ein braunes Auge.
      "Nico was soll das?! Ich habe dafür keine Zeit!" Charly hielt sich die Hand an die Stirn. "Nico..."
      "Charly, es tut mir Leid, bitte, ich wollte dir einen Gefallen tun. Wir können uns zusammen um sie kümmern, als Familie. Du weißt, wie sehr Bart Hunde mag."
      "Sind wir überhaupt noch eine Familie, Nico?"
      "Charly", schmerzhaft verzog Nico das Gesicht. Er trat einen Schritt auf sie zu, den ängstlich schauenden Welpen immer noch auf dem Arm. "Sage so etwas nicht, ich liebe dich. Ich liebe dich so sehr, du hast mich verzaubert und ich sehe nun, dass ich so viele Fehler begangen habe. Bitte, gib mich nicht auf!"
      "Woher weiß ich, dass du dich wirklich verändert hast? Warum sollte ich dir glauben, dass du nun wahrhaftig auf meiner Seite bist? Es ist so viel passiert."
      "Ich liebe dich", verzweifelt flüsterte Nico die magischen Worte. "Ich liebe dich." Seine Stimme versagte.
      "Ich liebe dich doch auch." Charly flüsterte ebenfalls und trat einen Schritt auf ihn zu. Zärtlich streichelte sie den weichen Kopf des Hundes und blickte dann ins Nicos Gesicht. Er lächelte vorsichtig, zog eine Hand unter dem Bauch des Hundes hervor und strich sanft eine dunkle Strähne aus Charlys Gesicht.
      "Also gut." Charly seufzte und trat einen Schritt zurück. "Wie soll unsere neue Mitbewohnerin denn heißen?"

      Mio »
      Addison schwang die Zügel über den Kopf des Pferdes und trat dann noch einen Schritt auf mich zu. "Schön dich zu sehen." Ich blinzelte. Wie meinte er das? Er verhielt sich komisch. Ich hatte plötzlich das Gefühl, als ragte Addison bedrohlich vor mir auf und mit einem Mal spürte ich so etwas wie Angst vor ihm. Seine hochgewachsene Gestalt drängte mich zurück, doch konnte ich nicht weichen, nur wenige Zentimeter hinter fühlte ich das schwere Tor. Er streckte eine Hand nach mir aus, legte sie an meine Hüfte und zog sich zu mir heran.
      "Addi," mein Atem stockte. "Addison!" keuchte ich und versuchte ihn von mir wegzuschieben. "Addison, was soll das?"
      "Mio, ich kann nicht mehr, du kannst mir das nicht mehr antun." Er beugte seinen Kopf zu mir herunter, kam meinen Lippen bedrohlich nahe, während ich mit aller Macht versuchte, mich seinen starken Armen zu entwinden. "Vielleicht muss ich dich dazu zwingen, damit du siehst, was du verpasst." Die Zeit schien still zu stehen. Ich presste meinen Mund zusammen, doch Addison legte den seinen erstaunlich sanft auf den meinen, um dann mit jeder Menge Energie seinen Mund mit meinem zu verbinden.
      Mit einem befreienden Stoß stieß jemand das Tor auf und drückte Addisons Körper von mir weg. Helles Licht flutete ihn die Halle und erleuchtete Eyvind, welcher sich schützend vor mir aufgebaut hatte. Addison stolperte zurück, ich sah den Schock und die Verständnislosigkeit in seinen Augen, bevor er sich auf Quisquilloso stürzte und mit dem erschrockenen Hengst im Galopp die Halle verließ.
      Ich stand unter Schock. Die Tränen flossen, ich merkte sie kaum. Nur Eyvinds Arme, welche sich um mich schlossen und an sich zogen. Stumm weinte ich, während die ruhige Stimme von Eyvind ein Lied summte. Er hielt mich fest, bewahrte mich davor zu versinken und auch ich krallte mich an ihn, verkrampfte mich, während immer wieder Schüttelanfälle über mich hereinbrachen.
      Ich sah Addison nicht mehr. Nicht an diesem Tag und auch am nächsten nicht. Ich trocknete meine Tränen, Eyvind brachte mich zu meinem Haus und nachdem ich ihm versichert hatte, dass alles gut war, ließ er mich alleine. Jacob erzählte ich nichts. Er merkte, dass es mir nicht gut ging, hackte jedoch nicht weiter nach. Ich versank am Abend in seinen Armen und tauchte ab in einen unruhigen Schlaf.

      Eyvind » Nachdem Addison spurlos verschwunden war und nur Eyvind und Mio die Geschichte wussten, zog Heather für eine Nacht zu Chill und Buck ins Haus. Beide waren verwirrt, erwarteten eine klare Antwort von ihrer Tante und erfuhren jedoch nur noch mehr neblige Ausreden.
      Als Addi kurz nach um zehn noch immer samt Quisquilloso verschwunden war, stiegen Nico und Vuyo, sowie Malte und Tjarda in ihre Autos und machten sich auf dem Festland auf die Suche nach dem verschwundenen Addison. Als auch nach Mitternacht noch keine Spur von ihm zu finden war, gaben die vier es auf und kehrten zurück auf die Insel. Nach einer kurzen Besprechung im Haupthaus, verteilten sich alle auf der Insel und wenig später lag diese von einem stummen Tuch umhüllt, unruhig schlafend da. Nur ein Schatten, wachend, schlich am südlichen Ufer entlang. Seinen wachen Blick über dunkle Wasser in die Ferne gerichtet
      "Rakkaus ja epätoivo." Flüsterte Eyvind in seiner Sprache und wendete seinen Blick dann zum Himmel. "Wer braucht das schon?"
    • Canyon
      [​IMG]
      09. August 2017 | 63.334 Zeichen | Canyon

      Göttliches Eintreffen

      Malte »
      »Warum erzählst du mir sowas immer erst, wenn es bereits zu spät ist?» Eingeschnappt blickt Petyr auf mich herab. Locker fallen ihm seine blonden Haare ins Gesicht und umranden seine weichen Zügen ziemlich vorteilhaft. Mittlerweile sieht er viel jünger aus, als er wirklich ist, während ich, trotz meiner geringen Größe, in den letzten Jahren immer mehr gealtert bin.
      »Nichts ist zu spät. Du hast noch genau zwölf Stunden Zeit, dich mit diesem Gedanken anzufreunden.«
      »Super, und wie lange weißt du es schon?«
      »Zwei Monate.«
      »DAS hättest du mir jetzt nicht auch noch aufbinden müssen!«
      »Du wolltest es doch wissen?«
      »Argh!» Petyr rauft sich die Haare. Ich schließe die Augen und lasse die Mittagssonne mein Gesicht erwärmen. Als sich etwas Dunkles vor meine Augen schiebt, öffne ich sie blinzelnd und schaue in das stets freundliche Gesicht von Logi.
      »Hey du«, flüstere ich. »Du freust dich auf die beiden Neuen, stimmt‘s?« Logi schnaubt und wuschelt mit seinem Maul auf meinem Kopf herum.
      »Jaja, stelle du dich auch nur auf seine Seite, war ja klar Logi.« Meint Petyr eingeschnappt und aus den Augenwinkeln sehe ich, wie er leicht angepisst Modjos gelocktes Haar aus der Bürste zieht. Ich lächle zufrieden. Der Tag ist schön, denke ich, hebe dann meine Hand und wuschle Óslogi durch die dicke Mähne. »Die beiden passen zu euch.«
      »Das ist die erste Stute, die du dir je in deinem Leben anschaffst, bist du dir sicher, dass du dafür bereit bist?« Wieder hört Petyr mit seiner Arbeit auf und blickt auf mich herab.
      »Selbst wenn mir jetzt einfallen würde, dass ich doch keine Stute haben will, wäre es zu spät.«
      »Malte, das sollte ein Scherz sein.«
      »Oh, achso, wusste ich nicht.« Ich richte mich auf, löse das Band aus meinem Haar und mache mir dann, da Logi ihn zerstört hatte, einen neuen Zopf. Logi dreht sich währenddessen von mir weg und läuft, nein schlurft zurück zu den anderen.
      »Irgendwas stimmt mit deinem Ironiedetektor nicht.«
      Umständlich stehe ich auf und klopfe mir das Gras von der Hose. »Wie meinst du das?«
      »Du bist der einzige, der nie meine Witze versteht.«
      »Vielleicht sind sie ja nicht witzig?«
      »Den Gedanken hatte ich auch schon und habe versucht, diese Theorie anhand und Eyvind zu belegen.« Petyr verstummt und räumt die Bürste zurück in die Tasche.
      »Und?« Erwartungsvoll blicke ich ihn an.
      »Hat nicht geklappt.«
      »Und daraus schließt du, dass es an mir legen muss?«
      »Viel andere Möglichkeiten bleiben ja nicht mehr.« Ich belasse es dabei, greife auch zu einer Bürste und mache mich auf den Weg zum Offenstall. Félagi und Dynur dösen im kühlen Schatten, richten sich jedoch beide auf, als ich näher komme. Es tut gut zu sehen dass die beiden zufrieden
      schienen. Der einzige der mir von meiner Bande Sorgen bereitet, ist Logi. Er versteckt es gut, jedoch merke ich ihm an, dass er sein Blackys Tod nur noch spärlich den Kontakt zu anderen sucht. Acapulco Gold, Dynur und Félagi machen es ihm jedoch nicht allzu leicht und obwohl Angus stets versucht von Kontakt aufzubauen, schüchtert er Logi mit seiner Größe, Kraft und Ungeschicktheit ein.
      Dynur und Félagi werden von mir kurz begrüßt, bevor ich aus den Tiefen meiner Hosentaschen einen Hufauskratzer zaubere. »Huf-Time!« Sage ich und kraule beiden nochmal den Kopf. Félagi hat keine Lust. Er versucht sich abzuwenden, jedoch komme ich ihm zu vor und stelle mich in seinen Weg. »So nicht Dicker. Das ist eine gute Übung, auch unangebunden stehen zu können.« Meine ich und bringe ihn wieder zu seinem alten Platz. Felli schnaubt und versucht sich mit flinken Bewegungen unter meinem ausgestreckten Arm hindurch zuwinden. Nach weiteren fünf Minuten haben wir beide es ausdiskutiert. Félagi steht. Dynur hält sich natürlich gekonnt heraus. Warte nur, bis du dran bist, denke ich und beginne damit, Félagi die Hufe auszukratzen. Dynur hat jedoch Glück, ich komme nicht mehr dazu. Mein Telefon klingelt. Umständlich versuche ich mir es, noch in der einen Hand Félagis Huf haltend, es zwischen Schulter und Ohr zu klemmen, erkenne jedoch bereits nach wenigen Sekunden, dass das wohl nichts mehr wird.
      »Tordenværson.« Sage ich leicht genervt.
      »Ebenfalls, schön, dich mal wieder zu hören!« Sagt die mir sehr gut bekannte Stimme einer Frau.
      »Schwesterchen! Wie komme ich zu dieser Ehre?« Erfreut richte ich mich auf und lasse dabei Félagis Huf los. Dieser nutzt die ihm gegebene Freiheit schamlos aus, zwickt seinem Freund Dynur kurz ins Ohr und macht sich mit buckelnden Galoppsprüngen aus dem Staub. Ich versuche ein Stöhnen zu unterdrücken, ich stöhne in letzter Zeit viel zu oft.
      »Ich dachte, ich melde mich mal wieder, vor allem da ich vorhabe, dich besuchen zu kommen. Hast du gerade Zeit?« Dringt es aus dem Telefon.
      »Jetzt schon.« Sage ich und entferne mich schlendernd noch ein Stückchen weiter von Petyr, welcher nun gerade auch Brock putzt. »Du willst mich besuchen kommen? Wann denn?«
      »Das klingt ja nicht so, als würdest du dich sehr freuen.« Sie klingt enttäuscht.
      »Doch! Natürlich freue ich mich! Es gibt nur viel Arbeit und ich habe Angst, zu wenig Zeit für dich zu haben.« Ich bleibe am Weidezaun stehen. Vor mir liegt das Wäldchen, dahinter erstreckt sich das Wasser des Fjords. »Bitte komme. Es wäre wunderbar, dich endlich mal wieder zu
      sehen.«
      Juli lacht. »Ich wäre sowieso gekommen. Ich brauche nämlich dringend eine Unterkunft und selbst ein Hostel ist mir bei euch viel zu teuer.«
      »Du bist nur auf Durchreise? Wohin geht‘s?«

      »Ich muss auflegen.« Sage ich wenig später. Petyr kommt auf mich zu, an seine Fersen hat sich Saga geheftet. Sie grinst, wie immer.
      »Klar kein Problem, Brüderchen. Pass‘ auf dich auf!« Sie legt auf. Mir fällt ein, dass ich immer noch nicht weiß, wann sie kommen wird. Ich schreibe es mir auf meine To-Know-Liste.
      »He Malte!« Ruft Petyr mir zu. »Wer ist denn dein heimlicher Anrufer?«
      »Juli, sie will mich besuchen kommen.«
      »Juli?« Petyr lässt Sagas Hand los. »Die habe ich aber schon lange nicht mehr gesehen.«
      Ich werfe einen kurzen Blick zu Saga. Sie beobachtet Petyr. Ich wähle meine Worte gut, bevor ich antworte. »Sie ist nur auf Durchreise. Sie freut sich auch, alle wieder zu sehen. Ich soll dir auch schöne Grüße ausrichten.«
      »Danke. Weißt du schon, wann-« Saga fällt Petyr ins Wort.
      »Also eigentlich sind wir nur gekommen, um dich zu fragen, ob du Lust auf einen Ausritt hast.« Auf ihrem Gesicht erscheint ein erzwungenes Grinsen.
      Ich schüttle erleichtert den Kopf. »Danke, aber die Arbeit wartet.«
      »Schade«, Saga zuckt mit den Schultern. »Kommst du, Petyr?« Mit einem eisigen Lächeln wendet sie sich zu Petyr, welcher wohl auch begriffen hatte, dass es nicht der beste Zeitpunkt war, sich über Juli zu erkundigen. Saga winkt mir kurz zu und macht sich dann mit Petyr im Schlepptau auf den Weg zu den Pferden.

      Ich bin wieder allein. Seit Petyr und Saga mit Modjo und Brock zu einem Ausritt aufgebrochen sind, habe ich niemanden mehr gesehen. Die Boxen sind sauber und zwei weitere vorbereitet. Wieder einmal schleicht die Zeit und während alle anderen in dieser kurzen freien Zeit etwas mit
      ihren Liebsten unternehmen oder anderweitigen Hobbys nachgehen, sitze ich, Malte, alleine vor dem Stallgebäude, esse eine Banane und beobachte Chlochard dabei, wie er sich einen Kampf mit einem Blatt liefert. Er ist ein hübscher Kater. Seine Scheckung ist bunt und abwechslungsreich, aber vor allem seine hellblauen Augen ziehen die Blicke auf ihn. Capucine und ihr Wurf gehören auf den Hof und auch wenn sie nur ein kleiner Teil des Ganzen sind, wäre das Leben hier ohne sie noch ein bisschen trister. Dabei vermute ich, dass nicht einmal die Hälfte der Hofbewohner jeden Namen kann. Clochard, Voleur, Ciel, Fleur und Déchiré.

      Ich sehe niemanden. Bis ich am Abend in meinen Wagen steige, den Hofanhänger ankuppel und die Insel verlasse, verbringe ich meine Zeit mit den Tieren. Ich fühle mich so einsam wie noch nie zuvor. Ich dachte immer, ich bin gerne allein. Mittlerweile lernte ich jedoch den Unterschied zwischen allein und einsam zu sehen und ich begreife nun, dass nur eines der Dinge mich unglücklich macht. Der Wagen brummt. Das alte Gefährt arbeitet kräftig unter der Last des Hängers, dabei war er noch nicht einmal beladen. Ich schalte das Radio an und lasse mich von der Musik beschallen, die daraus hervor dringt.
      Trotz des langsamen Tempos erreiche ich eine Stunde zu früh den Flughafen. Mich stört es nicht, ich suche mir einen stillen Platz und beobachte sie, die Menschen. Eine halbe Stunde vor der Ankunft stehe ich schließlich auf und mache mich auf den Weg zu der großen Anzeige über
      den Köpfen der hektischen Menschen. Bei meinem gesuchten Flug stoppe ich abprupt. Hinter dem Flugzeugsnamen ist eine Info eingeblendet: Auf Grund technischer Probleme kommt es zu Verzögerungen. Super, denke ich. Ich hätte es nicht anders erwarten sollen. An der anderen Seite des Flughafens finde ich die Information. Bei einer jungen Frau erkundige ich mich, wie viel Verspätung der Flug haben würde. »Es sind zwei Pferde für mich an Bord.«
      Sie tippt in ihrem Computer, blickt kurz zu mir und fragt dann: »Ihr Name, bitte?«
      »Tordenværson, Malte.« Sage ich und versuche einen Blick auf den Bildschirm zu erfassen.
      Sie tippt wieder. »Sie sollten eigentlich eine Nachricht erhalten haben.«
      »Ok», sage ich. »Habe ich noch nicht gesehen. Können sie mir trotzdem sagen, wie lange es ungefähr noch dauert?«
      »Das Flugzeug musste leider in Amsterdam zwischenlanden. Der Weiterflug ist für morgen früh um acht angesetzt.«»Um acht?!« Ich bin entsetzt. »Die Pferde werden die ganze NACHT im Flugzeug verbringen?!«
      »Es tut mir Leid, aber Sicherheit geht vor. Es werden genügend Experten an Bord sein, die sich um die Pferde kümmern. Seien Sie unbesorgt, ich versichere Ihnen, dass beide gesund und munter ankommen werden. Haben sie ansonsten noch Fragen?«
      »Nein«, knurre ich und wende mich vom Infopult. »Zwölf Stunden später!« Das erste Mal in meinem Leben ärgere ich mich, mein Handy als angenehmer im ausgeschalteten Zustand zu erachten.
      Anstatt wieder nach Hause zu fahren, wende ich in Richtung Stadt ab. Oslo ist voll um diese Jahreszeit und das gute Wetter lockt natürlich all jene an, die noch nicht mit Fotoapparat und Sonnenhut durch die breiten Gassen laufen. Ich bin nicht gerne hier. Der Trubel der Stadt
      stört meine Gedankengänge, aber vielleicht suche ich genau heute nach einer Auszeit, ohne die wilden Sprünge und Ideen. Eine Bar am Hafen soll ganz gut sein, meint Charly. Ich folge ihrer Einschätzung und betrete wenig später eben jene.

      Jora » Sie haben mich mitgeschleift, mir blieb keine andere Möglichkeit, ist die Ausrede zu mir selbst, als ich den vollen Pub am Hafen betrete. Halla und Emma brauchen nicht lange und sitzen kurz darauf mitten im Trubel an der Bar. Es ist kurz vor Mitternacht. Normalerweise liege ich um diese Zeit im Bett und genau dort würde ich jetzt auch gerne sein. Ein Schauder läuft mir über den Rücken, als ich meinen Blick über die vielen Menschen werfe.
      »Jora!« Schallt es von der Bar. »Wenn du noch länger am Eingang stehen bleibst, bildet sich hinter dir eine Schlange.«
      Ich wage einen weiteren Schritt, nichts passiert. Der Weg bis zum Barhocker ist unendlich weit oder fühlt sich jedenfalls so an. Ungekonnt hieve ich mich schließlich neben Halla und Emma, welche bereits wieder in ein Gespräch vertieft sind.
      »Auch was zu trinken?« Grölt der Typ mich hinter der Bar an. Stumm schüttle ich den Kopf und lächle kurz. Nach zehn Minuten ist mein Hals von der stickigen und verrauchten Luft jedoch so trocken, dass ich doch noch ein Glas Wasser bestelle. Der Barmann scheint mich jedoch falsch verstanden zu haben, vielleicht ist es auch Absicht, aber er stellt mir ein Glas Whisky vor die Nase. Ich will mich natürlich beschweren, als Halla mir beschwichtigend eine Hand auf den Arm legte.
      »Los Süße, ein Glas trinkst du mit uns!« Brüllt sie gegen den Lärm an. Entschlossen schüttle ich den Kopf, jedoch lässt sie nicht locker, sodass ich schließlich doch einen Schluck nehme. Es ist genauso scheußlich wie erwartet. Ich versuche mir nichts anmerken zu lassen, lächle und zeige Halla den Daumen. Jedoch weiß ich zu genau, dass heute Abend kein weiterer Tropfen davon über meine Lippen kommen wird.
      »Gehe mal auf Toilette!« Brülle ich.
      »Was?« Trinkt es durch den Lärm zu mir zurück.
      »Toilette!« Schreie ich nochmal und zeige auf das erleuchtete Schild über den Köpfen der Besucher. Halla scheint mich verstanden zu haben, jedenfalls nickt sie.
      Die Toilette ist jedoch auch kein Ort der Erholung und ich beeile mich, jedenfalls eines meiner Bedrängnisse zu stillen. Als ich den vollen Ort wieder betrete, bleibt mir die Luft weg. Ich will raus hier, denke ich und beginne damit, mir hektisch einen Weg in Richtung Ausgang zu bahnen.
      Die frische Luft tut gut. Ich schließe die Augen, versuche den Gestank des Rauchs an meinen Kleidern zu ignorieren und mich nur auf den Klang der Wellen zu konzentrieren, welche gleichmäßig gegen den Beton des Hafens schlagen.

      Ich bin ruhiger, als ich den Pub abermals betrete. Ich weiß, was auf mich zukommt und es überrollt mich nicht wie noch beim ersten Mal. Entschlossen will ich den Weg zurück zur Bar einschlagen, als mir ein junger Mann ins Auge fällt. Zusammengesackt lehnt er über dem Tresen,
      vor ihm stapeln sich einige leere Flaschen. Ich bleibe stehen. Selbst ich kann nicht sagen, was mich in diesem Moment innehalten ließ. Ein Gefühl sagte mir, dass er nicht der typische Gast ist. Seine alte Jeans Hose und das karierte dunkle Hemd, sowie die rötlichen Haar und das Lederband mit der Glaskugel gefallen mir. Ich will mich davon abhalten, jedoch zieht es mich zu ihm hin. Ich bin es nicht selbst, die mich abhält, sondern die kräftige Hand Emmas. Sie zieht mich energisch zurück und grinst. »Falsche Richtung Jora, hier sind.«
      Ich schüttle mich kurz und reise mich dann von dem Typen los und blicke zu Emma. Die kräftige Frau ist bereits betrunken, wie stark, das kann ich nicht einschätzen. Ich seufze. »Der Typ da drüben«, sage ich und zeige in Richtung der Bar. »Der hat schon ziemlich viel getrunken.«
      »Tja, nich jeder is bereits scho erwachschen wie wir.« Keilt Emma laut lachend und nimmt noch einen Schluck aus ihrer Flasche. Ich will gar nicht wissen, was da drinnen ist. »Wir wischen wanns jut is, stimmt‘s?«
      Ich nicke spöttisch. »Das sehe ich.« Emma lacht wieder und dreht sich dann in die andere Richtung.
      »Looos, komm Jora, dahinten jibts hübsche Männer!« Ich beobachte sie noch, wie sie durch die Menge zurück zur Bar stolpert und wende mich dann wieder dem Mann an der Bar zu. Er sitzt immer noch am gleichen Fleck. Langsam drücke ich mich zwischen den tanzenden Köpern hindurch, irgnoriere die vielen Berührungen von schweißnasser Haut an mir und lande schließlich an der Bar. Der Hocker neben ihm ist noch frei. Ich lasse mich darauf nieder und betrachte ihn von der Seite. Jetzt wo ich einmal hier bin, weiß ich nicht mehr weiter. Alle Ansprechmethoden erscheinen mir kindisch und ich weiß selbst nicht mehr, was ich von ihm will. Ihn nach Hause fahren etwa? Am besten noch mit meinem Fahrrad, denke ich und wende für einen Moment den Blick von ihm.
      »Hey«, sagt plötzlich eine Stimme. Erschrocken wende ich mich um. Er hat sich aufgerichtet, schwankt jedoch erheblich.
      »Hey.« Sage auch ich.
      »Willste was?« Fragt er und schiebt mir eine volle Flasche mit irgendetwas alkoholischem zu.
      »Nein danke, ich trinke nicht.« Wehre ich dankend ab und frage mich wieder, was für Hirngespinste mich hier her gelockt haben. Der Typ scheint nicht nur besoffen, er ist es auch.
      »Gut so, ich auch nicht.« Sagt er niedergeschlagen und gießt sich selbst noch ein Glas ein.
      Meine Augenbraue zieht sich nach oben. »Ähm, doch, gerade trinkst du und das anscheinend nicht zu knapp.« Ich deute auf die leeren Flaschen. Er hält in seiner Bewegung inne, schwenkt seinen Kopf leicht von einer Seite zur anderen und zuckt dann die Schultern. »Egal, alles egal.«
      Er tut mir Leid. Mir tun oft Menschen leid, aber ich sehe, dass er es nicht verdient hat. »Soll ich dich nach Hause bringen?« Frage ich deshalb nervös.
      Er blickt kurz auf. Ich mag seine grünen Augen, auch wenn sie nun vor Schmerz verzogen sind. »Ist das eine billige Anmache? Danke ich komme gut alleine zurecht!« Meint er abweisend und nimmt noch einen Schluck.
      »Nein, ich dachte nur-«
      »Dann dachtest du eben falsch. Lasse mich gefälligst in Ruhe!«
      Ich sage nichts mehr. Ich hätte wissen müssen, dass es eine dumme Idee ist, hilfsbereit in einer Bar zu sein, das sollte ich mir fürs Altenheim aufheben. Ich rutsche vom Hocker und ohne noch etwas zu sagen mache ich mich zurück auf den Weg zu meinen beiden Begleiterinnen. Er hat mich verletzt und das schadet meinem sowieso schon geringen Selbstbewusstsein. Ich versuche mir jedoch nichts anmerken zu lassen und setze mich wieder neben Halla und Emma.
      »Wo warst du denn solange?« Erleichtert stelle ich fest, dass jedenfalls Halla noch ordentlich sprechen kann.
      »Ich habe versucht einem Typen da vorne zu helfen, der kippt gleich vom Hocker. Dieser unfreundliche Typ wollte sich jedoch nicht helfen lassen.«
      »Du konntest es mal wieder nicht sein lassen, wa?« Halla boxte mir an die Schulter. »Wer war‘s denn? Sah er jedenfalls gut aus?«
      »Ganz vorne an der Bar.« Unauffällig auffällig hängt sich Halla weit über den Tresen der Bar und
      versucht an den vielen Köpfen vorbei zu schauen. »Ich glaube, ich sehe ihn. Witzig.«
      »Was ist daran denn witzig. Siehst du nicht, wie besoffen der aussieht?« Verärgert lehne ich mich ein Stück zurück.
      »Jetzt sei mal nicht so pingelig, das meinte ich gar nicht. Ich kenne den Typen.«
      »Was? Du kennst ihn?« Erstaunt wende ich mich wieder zu ihr um.
      »Ja, ist aber schon ewig her. Verwundert mich, ihn hier anzutreffen.«
      »Sag‘ schon, woher kennst du ihn?«
      »Sei nicht so ungeduldig, ich habe schon eine Menge getrunken, mein
      Gehirn arbeitet da langsamer.« Meint Halla und lächelt schief. »Ich habe ihm mal zwei Pferde bringen müssen. Vor drei Jahren, oder so? Der ist irgendwie Trainer oder so.«
      »Trainer? Weißt du denn noch, wie er heißt?« Versuchte ich Halla die Informationen zu entlocken.
      Sie lässt sich Zeit. »Mhm.« Sie überlegte. »Irgendwas mit M. Mario, Mattes, Matheo. Kein Plan, frage mich morgen nochmal.«
      Das reicht mir nicht. »War er denn nett?«
      »Nett? Was ist das denn für eine Frage. Ja, glaube schon, wir haben zusammen einen Kaffee getrunken.« Halla steht auf. »So Süße, ich suche mir mal ein paar betrunkenere Leute als dich. Ich bin schließlich hier um Spaß zu haben.« Meint sie und schwankt ziemlich elegant zu in die Masse. Ich drehe mich wieder zur Bar. In Gedanken versunken blicke ich auf das Glas vor mir, in welchem sich die tanzenden und bunten Lichter sammelten.
      »‘Tschuldigung, darf ich mich setzen?« Erschrocken fahre ich um. Neben mir steht der Mann. Trotz des vielen Alkoholkonsums steht er fest auf beiden Beinen. Einige Haare haben sich aus seinem Zopf gelöst und fallen ihm nun ins Gesicht. Er weicht meinem Blick aus.
      »Klar«, sage ich trocken und wende mich wieder von ihm ab. Das wäre jetzt ein schlechter Zeitpunkt, um hilfsbereit und freundlich zu sein.
      Er setzte sich. »Tut mir wirklich Leid, dass ich dich gerade so angefahren habe. Das war ziemlich unfair.« Ich blicke zu ihm. Diesmal wendet er seinen Blick nicht ab. Oh Gott, lasse dich nicht von deinen Gefühlen leiten! Er sieht ziemlich gut aus, ich kann es nicht verleugnen.
      »Kein Problem,« sage ich leise. Irgendetwas steckt mir in der Kehle und nimmt mir die Luft.
      »Doch ist es, deswegen tut es mir auch sehr Leid, dich das nun zu fragen. Aber du hattest Recht.« Erwartungsvoll und ziemlich verängstigt blicke ich ihn an. »Kannst du mich nach Hause fahren? Ich habe auch ein Auto.«
      Mir verschlägt es nun ganz die Stimme. Das hatte ich nicht erwartet. Mir ist es nicht möglich geplante Bewegungen auszuführen, deswegen zucke ich mit den Schultern und nicke schließlich. »Natürlich, dass hatte ich dir ja angeboten.«
      »So natürlich ist es nicht, nach meiner Abfuhr.« Er schwankt. »Soll Alkohol nicht glücklich machen? Ich fühle mich so dreckig wie noch nie.«
      Ich lächle leicht. »Ich suche schnell meine Freundinnen und sage ihnen Bescheid, dann komme ich zurück, ja?« Er nickt dankbar. Ich lasse mich vom Hocker gleiten, schnörkle mich durch die Menge, bis ich schließlich auf Emma und Halla treffe. Sie sind nicht schwer zu übersehen; Emma
      benötigt um ihren schwingenden Körper jede Menge Platz und Halla hat alle freien Jungs aus ihrem Umkreis angelockt. Verwundert mich nicht, bei ihrem Haar und ihrem Gesicht.
      Ich bahne mir einen Weg zu ihr hindurch. Sie hört auf zu tanzen, als sie mich sieht und folgt mir netterweise aus dem Treiben heraus.
      »Ich fahre den Typen jetzt doch nach Hause!« Sage ich laut.
      »Was?« Brüllt Halla.
      »Ich fahre den-« Wollte ich wiederholen.
      »Ich habe dich schon verstanden, ich wollte eher wissen, ob du jetzt vollkommen gaga bist?«
      »Warum?«
      »Weil der Typ höchst besoffen ist, du ihn nicht kennst und alles mögliche passieren könnte!« Sagt Halla eindringlich. »Bist du dir da wirklich sicher?»
      „Er braucht meine Hilfe!“ Rechtfertige ich mich.
      Halla schnaubt verächtlich. „Und du würdest wohl auch einem Vergewaltiger oder Terroristen die Hand reichen, wenn er sie braucht? Das ist doch Unfug. Lass den Typen alleine mit seinen Problemen zurecht kommen und amüsiere dich lieber noch ein bisschen!“
      Ich merke, wie ihre Worte mich zum Nachdenken bringen. Sie hat Recht, die Gefahr ist ziemlich groß, dass etwas passiert. »Ich bin selten leichtsinnig-«, fange ich an, werde jedoch abermals unterbrochen.
      »Dann solltest du es auch jetzt nicht sein!« Sagt Halla eindringlich.
      »-aber diesmal werde ich es sein. Ich sehe das Risiko und werde es bewusst eingehen.«
      Halla schnaubt wieder und winkt dann ab. »Ich sehe schon, ich kann dich nicht überzeugen. Dann mach halt, aber komme nicht im Nachhinein heulend zu mir zurück. Von der Polizei oder aus dem Krankenhaus will ich dich auch nicht abholen müssen.« Dann dreht sie sich um und verschwindet zurück in der Masse. Ich stehe alleine vor der Tür zur Toilette, aus welcher in diesem Moment eine kreischende Gruppe von Mädchen gestolpert kommt. Halb fasziniert, halb angeekelt sehe ich zu, wie eine betrunkener als die andere anfängt, sich auf der Tanzfläche gegen den Takt zu bewegen. Tanzen würde ich es nicht nennen. Ich muss hier raus, denke ich und suche mir den Weg zurück zur Bar.

      Er sitzt immer noch hier. Unruhig schweift sein Blick über die Menge, entspannt sich jedoch, als er mich erblickt.
      »Sorry«, keuche ich. »Hat leider etwas länger gedauert.«
      »Ich äh-« Er wischt sich den Schweiß von der Stirn. »Kein Problem.«
      Ich bin kurz verwirrt und stehe etwas unschlüssig vor ihm. »Wollen wir dann gehen?«
      Er nickt und rutscht ungeschickt vom Hocker, knickt auf seinen Beinen ein, die ihn nicht mehr zu tragen vermögen. Meine Hand ist schnell bei ihm, greift ihn am Arm und versucht ihn zu stützen. Er keucht. Gebückt bleibt er stehen. »Alles, alles dreht sich.« Sagt er schwach. Alkohol scheint auf ihn eine andere Wirkung zu haben, wie bei allen anderen, denke ich. Langsam richtet er sich auf, nickt mir kurz zu und zusammen machen wir uns auf den Weg durch die undurchringliche Menschenmasse, welche sich lachend, wirbelnd und ungeschickt ständig uns in den Weg stellt. Ich bin froh, nichts getrunken zu haben. Ich sehe es ihm an, dass sie ihn noch mehr verstören.
      Umso dankbarer sind wir über die klare, salzige Luft. Sie erfüllt meine Kehle mit neuem Leben und gibt auch dem Kerl, der immer noch an meinem Arm klammert, neue Kraft. Er atmet tief ein und richtet sich dann ein Stückchen auf.
      »Mein Auto, es steht gleich da vorne.« Meint er und deutet auf einen spärlich beleuchteten Parkplatz. »Der Volvo, grün.«
      Ich nicke wieder und ziehe ihn fast hinter mir her, als ich mich auf den Weg zum Parkplatz mache. Den Volvo erkenne ich schnell, jedoch sehe ich noch mehr, als nur das alte Gefährt.
      Ich keuche. »Da ist ein Pferdehänger hinten dran!«
      Er blickt auf. »Was? Ja, nein, alles gut.«
      »Da ist aber kein, du weißt schon, da ist nichts drinnen oder?« Frage ich ängstlich.
      Er schüttelt den Kopf. »Nein nein.«
      Ich bin nicht befriedigt. Seine Antwort klingt zu unsicher, vielleicht weiß er es selber nicht mehr genau. »Hast du deinen Autoschlüssel?«
      »Autoschlüssel.« Nuschelte er und kramte ungeplant in seiner Tasche. »Ja hier irgendwo-«
      Ich komme nicht herum, trotzdem noch einen kurzen Blick in den Hänger zu werfen, nachdem ich ihn auf den Beifahrersitz gesetzt habe. Zu meiner großen Erleichterung, finde ich nichts weiter im Hänger, als frisches Heu und Stroh in beiden Boxen. Als ich mich wieder zu ihm in den Wagen setze, hat er seinen Kopf gegen das Fenster gelehnt und die Augen geschlossen. Es bereitet mir Sorgen, dass er sich so komisch verhält. Trotzdem stecke ich den Schlüssel ins Auto und starte den lauten, kränklich klingenden Motor. Ich bin selten mit einem Hänger gefahren und die Furcht wächst, als ich merke, dass der Volvo das Gewicht des Hängers nicht ohne Probleme ziehen kann. Trotzdem will ich mich nun nicht zurückziehen. Ich weiß, dass Halla eine um vielfach sichere Fahrerin solch großer Gespanne ist, weiß aber auch, dass ich es schaffen kann.
      Ich verlasse den Parkplatz und setze den Blinker, um auf die Hauptstraße abzubiegen. Es raschelt. Erschrocken blicke ich zu dem Mann hinüber. Mit ungeschickten Handbewegungen sucht er im Handschuhfach nach etwas. Ich merke, wie meine Hände zittern. Nein, nicht nur meine Hände, mein ganzer Körper scheint zu beben. Jedoch fühle ich nichts. Keine Angst, keine Scheu, keine Furcht.
      Es dauert lange, bis er das gefunden hat, was er zu suchen scheint. Er hält es mir unsicher hin. »Kannst du mich hier hin bringen?«
      Ich nehme ihm die Karte ab. Es ist eine Visitenkarte, wie ich nun erleichtert erkenne. Im flackernden Licht der Straßenlampen versuche ich diese zu entziffern. »Tyrifjord Horse Training«, murmle ich. »Malte Tordenværson.« Außer seinem Namen, finde ich noch seine Adresse. »Du
      wohnst auf einer Insel?«
      Malte nickt. »Das Gestüt meiner Arbeitgeber steht dort.«
      »Ist in Ordnung. Ich bringe dich hin.« Sage ich freundlich. Ich habe Glück, ich kenne die Insel. Der Tyrifjord ist der größte Fjord bei Oslo und Storøya seine größte Insel.
      Wir sprechen nicht mehr. Malte scheint eingeschlafen zu sein oder tut zumindest so. Erst als die Lichter Oslos schon weit hinter uns liegen, macht er sich bemerkbar. Ich denke erst, er murmelt etwas im Schlaf, bis ich einen Blick zur Seite werfe und sehe, dass eine Träne über seine Wange läuft. Er schluchzt leise. Ich bin überfordert mit der Situation, weiß nicht, was ich tun, oder ob ich ihn trösten soll. Ich entschließe mich dazu, vor allem weil ich zu unsicher bin, das falsche zu tun, einfach nichts zu tun. Es bewegt mich jedoch, ihn so zu sehen. Solange hatte ich schon keinen Mann mehr weinen sehen. Es scheint unmodern zu sein, seine Gefühle zu zeigen.
      Nach ein paar Minuten hört das Schluchzen auf. Wieder blicke ich zur Seite. Diesmal bin ich mir sicher, dass er eingeschlafen ist. Eine Träne hängt noch in seinem Augenwinkel.
      Die Landstraße führt mich direkt am Tyrifjord entlang. Rechts sitzen einige Häuser, umgeben von den typischen Birken und Fichten Norwegens, links erstreckt sich das dunkle Wasser, welches in der Dunkelheit endet. Mit dem Anhänger brauche ich etwas länger, bis ich kurz vor der Ortschaft Sundvollen auf die Brücke abbiegen. Es macht mir Angst, im Dunkeln mit einem so wackligen Gefährt umgeben von Wasser fahren zu müssen. Mein Puls steigt, sodass ich sogar überlege, auszusteigen und den Rest zu laufen. Ich bleibe sitzen und schaffe die Überfahrt. Malte schläft immer noch. Ich will ihn nicht wecken. Im Dunkeln erkenne ich viele Weiden und als die ersten Häuser am Straßenrand auftauchen, parke ich etwas abseits auf einem kleinen Parkplatz und steige aus. Ich habe Angst davor, an einer der Türen zu klingeln, sodass ich untätig am Wagen stehen bleibe.
      »Hey.« Ertönt es hinter mir. Erschrocken fahre ich herum und blicke in ein sacht lächelndes Gesicht. Seine helle Haut schimmert fast im seichten Licht der Mondstrahlen. Ich weiß nicht, ob es an der Dunkelheit liegt, aber seine Augen erscheinen mir grau. Kein trauriges Grau, es
      ist ein helles, freundliches Grau, welches in mir sofort das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit hervorruft.
      »Hey«, sage auch ich. Gleichzeitig mache ich mich auf eine Sturmflut von Fragen bereit, die jeden Moment über mich hereinbrechen müsste. Ich bin jedoch ein weiteres Mal an diesem Abend überrascht.
      »Komm, ich bringe dich zu seinem Haus.« Sagt er und steigt unhörbar leise wie selbstverständlich auf den Fahrersitz. Ich hadere noch einen Moment mit mir, nehme dann aber hinter ihm Platz.
      »Ich bin übrigens Eyvind.« Sagt er, während er den Motor langsam in Bewegung bringt.
      »Jora«, sage ich und lehne mich ein Stück zwischen den Sitzen vor, um besser sehen zu können, wohin die Fahrt gehen würde. Sie dauert nicht lange an. Zwei Minuten später parkt Eyvind den Wagen an einer Lichtung im Wald. Im Dunklen erkenne ich nur ein kleines Haus oder eher eine Hütte. Wie alles in dieser Gegend ist auch dieses mit einem warmen, aber sehr intensiven Rot angestrichen. Eyvind parkt den Wagen direkt vor der Haustür. Wir steigen im gleichen Moment aus. Über das Problem, wie ich jetzt wieder nach Hause komme, hatte ich mir noch keine Gedanken gemacht.
      Fast zärtlich weckt Eyvind auf. Er flüstert ihm etwas zu, schnallt ihn mit geschickten Griffen ab und hilft dem total erschöpften Malte aus dem Wagen. Ich biete ihm meine Hilfe erst gar nicht an, ich wäre nur im Weg. Eyvind schafft es, Malte alleine zur Veranda zu bringen. Ich folge den beiden jedoch. Die Erstaunung überfällt mich, als ich das kleine Haus betrete. Es ist modern und hell eingerichtet, auch wenn der wenige Platz nicht viel Spielraum übrig lässt. Ich erkenne im Dunkeln einen Kamin, eine weiße Küche mit Kochinsel, ein bequemes braunes Sofa und viele Bücherregale bis zur Decke. Eyvind hievt Malte auf eben jenes Sofa und versucht ihn so bequem wie möglich auszurichten. Malte hatte wieder angefangen zu weinen und kauert sich erbärmlich trostlos auf seinem heimischen Sofa zusammen. Es dauert jedoch wieder keine zwei Minuten und Malte fällt in einen tiefen, aber unruhigen Schlaf.
      »Ich bleibe die Nacht wohl lieber hier. Ihm geht es wirklich nicht gut.« Sagt Eyvind mit ruhiger Stimme. »Kannst du mir noch einen Gefallen tun?« Fragt er und wendet sich an mich.
      Ich nicke hektisch und sage dann mit brüchiger Stimme: »Klar!«
      »Danke. Ich muss noch einmal zum Haupthaus und etwas Wichtiges klären. Könntest du solange hier bleiben und ein Auge auf ihn haben?«
      Wieder nicke ich. Jedoch kommt mir der Gedanke, dass er das im Dunkeln nicht genau erkennt und so gebe ich ihm noch eine mündliche Bestätigung.
      »Ich bin in zehn Minuten wieder da«, sagt er noch, bevor er die Eingangstür hinter sich zuzieht. »Tee ist im ersten Schubfach von links.« Ich beobachte ihn noch durchs Fenster, wie er fast schwebend den Waldweg zurück geht, nehme dann sein Angebot an und koche mir einen Pfefferminztee. Malte muss eben so sehr ein Teefanatiker sein, wie ich einer bin, denke ich und setze Wasser auf. Aber wahrscheinlich gibt es nicht viel anderes, was einen Gestütsarbeiter im Winter warm halten kann, außer eine Flasche mit duftendem, warmen Tee. Der Tee schmeckt gut. Der Geruch der von ihm ausgeht erinnert mich an Zuhause. Der kleine Hof mit den vielen bunten Sträuchern, dem wilden Salbei und der unaufhörlich wuchernden Melisse. Meine Mutter hatte mir früher immer Tee aus all den verschiedenen Pflanzen gekocht, der dampfende Pfefferminztee war jedoch stets mein Liebster. Ich fühle mich wohl. Eine innere Ruhe hat mich ergriffen. Entspannt lasse ich mich auf einem Sessel nieder, ziehe die Beine an und beobachte mit der warmen Tasse den schlafenden Malte. Die Frage lässt mich nicht aus ihrem Griff und so frage ich mich wieder, was der Grund für Maltes nächtlichen Ausflug in den Pub gewesen ist. Ich kenne die Antwort nicht und so entscheide ich mich dafür, dem Bad einen Besuch abzustatten, bevor Eyvind wiederkommt.
      Mein Spiegelbild schreit mir ins Gesicht, was ich bereits befürchtet habe. Meine Haare stehen ab, die Schminke ist verlaufen und mein T-Shirt ist mit etwas Klebrigem bekleckert. Ich will gar nicht erst wissen, um was es sich handelt. Ich versuche in dem ganzen Chaos etwas Ordnung zu schaffen, erziele jedoch nur kleinste Erfolge.
      Pünktlich zehn Minuten später öffnet Eyvind wieder sacht die Haustür. Unterm Arm trägt er eine dicke Decke, die er gleich auf der Lehne eines Stuhls ablegt. Dann verschwindet er, ohne noch ein weiteres Wort zu sagen, im Bad hinter der Küche. Für einen Mann braucht er erstaunlich lange. Erst fünf Minuten später kommt er wieder und winkt mich bestimmend in die Küche.
      »Weißt du genaueres, was passiert ist?« Fragt er mich mit seiner tiefen und so weichen Stimme.
      Ich schüttle wieder den Kopf. »Nichts, nein. War er schonmal so betrunken?«
      Eyvind überlegt kurz. Sein Blick schweift durch die Küche zu Malte. »Nein, seit ich ihn kenne nicht. Ihm geht es zur Zeit nicht so gut, ich hatte Angst davor, dass dann noch etwas Schlimmeres passiert. Danke, du warst wie ein Engel zur richtigen Zeit am richtigen Ort.«
      Ich werde rot. Beste Lösung: Noch einen Schluck Tee nehmen und darauf hoffen, dass mein Gegenüber nichts bemerkt. Ich lerne Eyvind allerdings gerade als einen jungen Mann kennen, welcher alles zu wissen schien, ohne je danach gefragt zu haben. Unter seinem Blick fühle ich mich wie eine nackte Gurke, erkenne ich mit einem leichten Lächeln.
      »Möchtest du die Nacht auf dem Hof übernachten oder soll ich dir ein Taxi rufen?«
      »Ein Taxi wäre super,« sage ich hastig und lächle flüchtig. »Ich bin ziemlich müde und möchte in mein Bett.«
      Sein Blick geht zur Uhr über der Tür. »Bist du dir sicher? Es ist mittlerweile kurz vor drei.«
      Ich nicke selbstsicher. »Ja, bin ich.« Eyvind zuckt kurz mit den Schultern und holt sein Handy hervor.

      Malte » »So eine Scheiße!« Rufe ich wütend und schleudere ein weiteres Kissen vom Sofa auf den Boden. »So eine verdammte SCHEIẞE!« Ich halte mir die Stirn. Ich bin glühend heiß. Ich schließe die Augen als sich mein eigenes Wohnzimmer vor meinen Augen auf den Kopf stellt. Erschöpft lasse ich mich wieder aufs Sofa fallen und schließe die Augen. »Eyvind, was läuft bei mir zur Zeit nicht richtig? Was soll ich hier noch? Macht das Leben überhaupt Sinn?«
      Eyvind ist wie immer die Ruhe selbst. Genüsslich trinkt er einen dampfenden Tee, während er es sich auf dem Sessel seitlich von mir bequem gemacht hat. »Malte, lerne aus deinen vergangenen Fehlern und mache die gleichen nicht erneut. Gestern das war ein kleiner Ausrutscher, der ein gutes Ende genommen hat.«
      »Ich bin so ein Idiot!« Schimpfe ich wieder. »Mein Leben lang habe ich vom Alkohol Abstand gehalten, was war nur mit mir los? Was sagtest du? Ich habe geheult? Was bin ich nur für ein verdammter Mann, ohne Ehre und Stolz.«
      »Du bist ein sehr angenehmer Betrunkener.«
      »Weil ich heule?« Böse blicke ich zu Eyvind. »Würdest du gerne vor einem jungen Mädchen weinen, die dich gerade nach Hause fährt? Sie wird wahrscheinlich sonst was gedacht haben. Weißt du was das Schlimmste ist? Ich weiß noch nicht mal ihren Namen, geschweigedenn wie sie aussah!« Ich vergrabe mein Gesicht in der kühlen Sofawand. »Was ist nur aus mir geworden«, jammere ich wieder.
      »Jora hieß sie. Ein sehr schöner Name, wie ich finde.« Sagt Eyvind. Ich blicke zu ihm auf. Erwartungsvoll blickt er mich an und nimmt noch einen Schluck aus seiner Tasse.
      »Jetzt brauchst du mir nur noch zu sagen, dass sie sehr hübsch war und mein Leben ist zerstört.«
      »Sie sah aus wie ein Engel und ich denke, sie hat sich gestern auch genauso verhalten. Ohne sie lägest du bestimmt in irgendeinem Straßengraben, mit einem kaputten Auto und einem geschrotteten Anhänger.«
      Ich fahre auf. Der Anhänger. Die Pferde. Der Flughafen. Wieder schreie ich laut eine unnennbare Beschimpfung, dass sogar Eyvind kurz innehielt mit Teeschlürfen. »Scheiße Eys, die Pferde! Wie spät ist es?!«
      »Kurz vor halb eins.«
      »Was? Nein, nein, das kann nicht sein.« Ich hechte aus dem Bett, taumle jedoch und kann mich gerade noch so an der Lehne von Eyvinds Sessel festhalten. »Meine Sachen«, murmle ich. »Eyvind, wo sind meine Sachen?« Sage ich diesmal lauter.
      »Malte, beruhige dich«, sagt Eyvind und klingt leicht ärgerlich. »Du benimmst dich, als wärst du immer noch besoffen.«
      »Du verstehst nicht, die Pferde!« Schluchze ich und versuche nun am Sofa entlang zu krabbeln.
      »Doch, ich verstehe sehr wohl. Denn wenn du kurz die Ruhe bewahrst und mir zuhörst, kann ich dir sagen, dass Vuyo und Tjarda heute morgen losgefahren sind und beide Pferde am Flughafen gesund und munter abgeholt haben.«
      »Was?« Mir stockt es den Atem. »Aber woher sollten sie wissen, dass-«, Eyvind unterbricht mich.
      »Dass sie heute morgen um zehn ankommen würden?« Eyvind steht auf und hilft mir vom Boden vor dem Sofa zurück auf das Sofa, wo ich kraftlos zusammenbreche. »Malte, ich weiß, dass du im neuen Jahrhundert noch nicht ganz angekommen bist, aber es gibt so etwas das nennt Internet. Ich habe gleich heute Nacht geforscht und schnell gefunden, wonach ich gesucht habe.«
      »Und die beiden sind jetzt wo?« Frage ich schwach.
      »Im Stall. Die Boxen hattest du ja bereits vorbereitet.«
      Ich nicke schwach und lasse mich dann nach hinten gleiten. »Danke«, schaffe ich noch zu sagen, bevor mich der Schlaf überrollt.

      Jora » Obwohl ich tot müde war, habe ich die ganze Nacht nicht geschlafen. Ich lag in meinem Bett, den Blick auf die Decke über mir gerichtet und in Gedanken versunken. Ich dachte an Malte, das Gestüt und natürlich mein Leben. Erst als die Sonnenstrahlen durch die Vorhängen schienen, fand ich endlich etwas Schlaf. Jetzt sitze ich am Küchentisch, eine Tasse Kaffee zwischen meinen Händen und blicke betrübt ins Nichts. In Gedanken stelle ich mein gesamtes Leben in Frage, bereue jede Entscheidung, die ich je getroffen habe und frage mich, in welche Richtung es nun gehen sollte und das alles nur wegen meinen gestrigen Erlebnissen. Ich frage mich, wie es Malte gerade geht und was er wohl gerade tut, ob er sich noch an mich erinnert und ärgere mich gleichzeitig, dass ich meine Nummer nicht hinterlassen habe. Jetzt würde ich wohl nie erfahren, was ihn aus der Bahn geworfen hatte.
      Ich holte meinen Laptop, klappte ihn auf und google nach dem Gestüt. Einige Verkaufsanzeigen und Artikel über Turniergewinne springen mir ins Gesicht, aber auch die Website der Ranch. Ich weiß selbst nicht warum, aber ich schreibe mir Maltes E-Mail Adresse und die Telefonnummer der Gestütsleitung auf. Vielleicht würde ich sie doch irgendwann einmal gebrauchen. Dann lasse ich mich lustlos auf mein Bett fallen und ziehe ein Fotoalbum zu mir heran. ich hatte es gestern aus einer der viele Kisten gesucht, jedoch noch nicht die Kraft gehabt, es mit anzuschauen.
      Die Bilde rmeiner Vergangenheit springen mich förmlich an, als ich die erste Seite aufschlage. Ich sehe meine Eltern, meine Geschwister und natürlich das, was meine Kindheit so Maßgebend bestimmt hat. Pferde. Pferde, die Natur, unser altes Gestüt und jede Menge Tiere. Ich habe es geliebt, mein altes Leben. Mit seinen Höhen und seinen Tiefen, denn ich wusste, dass es irgendwann wieder bergauf geht. Jetzt war ich mir da nicht so sicher. Dann ändere es, suche deinen Weg, versucht mich mein eigenes Gehirn zu überreden. Ich schüttle den Kopf. Nein, das Kapitel in meinem Leben habe ich abgeschlossen.

      Am späten Nachmittag mache ich es doch. Ich gebe die Telefonnummer von Frau von Eylenstein in mein Handy ein und drücke auf das grüne Symbol. Es ist ja nicht verboten, sich zu erkundigen.
      Sie ist nett, klingt jedoch etwas gestresst. Ich kann mir vorstellen wie schwer es ist, den Überblick bei einem so großen Gestüt zu behalten. Sie freut sich darüber, dass ich ihr meine Hilfe anbiete und eventuell auch eine Reitbeteiligung suche. Sie fragt mich, ob ich heute noch kommen kann und obwohl es draußen bereits dämmert, steige ich in meinen Wagen und nehme den Weg ein weiteres Mal auf mich. Ich habe Angst. Nicht vor Frau von Eylstein oder dem Gestüt, sondern davor, Malte über den Weg zu laufen. Ich weiß nicht, wie er auf mich reagiert oder ob er mich überhaupt erkennt, aber ich versuche selbstsicher auszuzehen, als ich meinen Wagen auf dem Parkplatz abstelle. Ich frage mich unwillkürlich, warum ich das Gestüt immer nur im Dunklen zu Gesicht bekommen.
      Frau von Eylstein hat mir ihre Adresse genannt und ich mache das schicke Herrenhaus in Weiß auch schnell ausfündig. Einen Moment bleibe ich verdutzt stehen, als ich lautes Geschrei aus dem Innern höre, drücke dann aber trotzdem auf die Klingel. Keine zwei Sekunden später wird die Tür aufgerissen und ich stehe einer jungen Frau mit einem schreienden Kleinkind auf dem Arm gegenüber. Sie hat dunkle, schulterlange Haare und wilde grüne Augen, aber auch tiefe Augenringe und ein gestresster Ausdruck liegt in ihrem weichen Gesicht.
      »Jora Cederblom?« Fragt sie mich und als ich vorsichtig nicke dreht sie sich um und ruft mit lauter Stimme: »Nico!« Und als niemand antwortet, schreit sie das zweite Mal noch ein Bisschen lauter. Ich bin leicht eingeschüchtert und als das Kind auf ihrem Arm abermals zu schreien anfängt und immer noch keine Antwort aus dem Haus dringt, dreht die Frau sich wieder um und verschwindet in der Wohnung. Ich stehe noch in der offenen Wohnungstür und frage mich verzweifelt, ob ich hier richtig bin. Aus dem Haus tönen laute Gespräche und ich habe für einen Moment das Bedrängnis, mich umzudrehen und zurück in mein Auto zu steigen. Die Frau kommt allerdings in diesem Moment zurück, zieht schroff die Tür hinter sich zu und bleibt seufzend stehen. Aller Ärger und Stress weicht ihr aus dem Gesicht und zurück bleibt nur die Erschöpfung.
      »Es tut mir unheimlich Leid«, sagt sie und reicht mir ihre Hand. »Charly, ich freue mich sehr, dass du dich gemeldet hast.« Sie lächelt kurz.
      Ich ergreife die Hand. »Ich kann auch wann anders wiederkommen«, sage ich und deute mit einem Nicken aufs Haus. »Wenn es heute unpassend ist.«
      »Ach quatsch«, lacht Charly gequält. »Es ist alles gut, wirklich! Komm, ich bringe dich zum Stall.«
      Ich sage nichts weiter und hoffe inständig, dass es wirklich in Ordnung ist, aber immerhin wares ihr Wunsch, dass ich heute noch komme. Auf dem Weg zum Stall stellt mir Charly einige Fragen und erkundigt sich danach, was ich bereits für Erfahrungen habe. Ich versuche nichts allzu überheblich zu klingen, erzähle ihr aber trotzdem von dem Gestüt, auf dem ich früher gewohnt habe, aber auch, dass ich nun seit längerer Zeit aus persönlichen Gründen den Kontakt zu Pferden abgebrochen habe. Sie fragt nicht genauer nach, denn sie scheint zu merken, dass ich nicht darüber reden will. Noch nicht.
      »Ich freue mich sehr, dass du aushelfen willst. Gerade heute hat sich einer meiner Mitarbeiter für längere Zeit frei genommen und es ist sowieso schon genügend Arbeit auf dem Hof.« Wir betreten den Stall. Ich liebe das Geräusch von kauenden Mäulern, gleichmäßigen Atmen und raschelnden Stroh noch genauso wie vor vielen Jahren und doch erinnert es mich an all die Dinge, die damit zusammen hängen, die ich versuche zu verdängen.
      »Wenn du sagst, du bist früher viel geritten, in welche Richtung denn? Eher klassisch Turnier oder doch etwas anderes?« Fragt sie mich.
      Ich bin einen Moment hin und her gerissen und würde gerne wissen, was sie für eine Antwort haben möchte. »Eher Freizeit«, sage ich dann. »Mein Vater war eher der Turnierreiter. Er hat mit seiner Stute einige Plätze in der Dressur geholt. Meine Mutter und ich haben uns mit schwierigen Pferden beschäftigt. Aber ich kann im Dressursattel genauso gut sitzen wie im Westernsattel, denn das war immer mein Ziel, so weitgreifend wie möglich zu arbeiten und nicht nur eines zu erlernen und alles andere zu verachten, wie es oft der Fall ist.« Füge ich hinzu.
      »Mit schwierigen Pferden sagst du?« Fragt mich Charly und kneift die Augen zusammen.
      Ich nicke vorsichtig. »Ja, aber wie gesagt, es ist schon lange her und ich weiß nicht, wie sicher ich noch im Umgang mit Pferden bin.«
      »Dann finden wir das mal heraus«, murmelt Charly und geht zu einer der Boxen weiter hinten. »Wir haben hier einige schwierigere Pferde und wie du vielleicht auch schon weißt, auch ein breites Feld an allen möglichen Pferden, welche vor allem für den Freizeitsport, aber auch den leichten Turniersport gedacht sind. Die einzige Zucht bei eins besteht aus den Sportpferden, welche wir allroundermäßig ausbilden und im mittleren Sport auf die Bühnen schicken. Ich würde mich freuen, wenn du uns bei der täglichen Arbeit unterstützt, aber genauso wichtig ist es auch, dass die Pferde reichlich Bewegung bekommen.« Sie öffnet das Tor und ein tragisches Wiehern erscheint, das mich kurz zusammenzucken lässt. »Komm her!« Meint Charly und winkt mich lächelnd zu sich. »Das ist unsere Grenzfee«, sagt sie und streichelt einer großen Stute in dunkelbraun den breiten Kopf. Unruhig spielen ihre Ohren hin und her und die Nüster bläht sich immer wieder auf. Ich weiche einen Schritt zurück als sie aggressiv mit dem Schweif peitscht, Charly redet jedoch beruhigend auf sie ein, sodass sich die Stute schnell beruhigt. »Unsere Grenzfee. Sie hat schon einen langen Leidensweg und ist nun seit einigen Jahren bei uns. Vielleicht findet ihr beide ja zusammen.« Als sie mein unsicheres Gesicht sieht, fügt sie hinzu: »Du brauchst keine Angst zu haben, du bist neu und das lässt Fee vorsichtig sein. Ich bin mir aber sicher, dass sie dich schnell akzeptiert.«
      Ich schaue Fee in die klaren, braunen Augen und sehe den weichen Schimmer und diese Gutmütigkeit in ihrem Blick. »Sie hat bestimmt viel Schlimmes erlebt«, flüstere ich und gehe mit ausgestreckter Hand einen Schritt nach vorne.
      Charly nickt und will etwas sagen, jedoch kommt ihr die Stimme einer anderen Frau dazwischen. »Charly, was soll das? Du weißt, dass das auch nach hinten losgehen kann.« Wütend kommt eine weitere Frau auf uns zu. Auch sie ist etwa im gleichen Alter wie wir, rote Locken umspielen ihr gebräuntes Gesicht und die leuchtenden Augen. Charlys Blick verhärtet sich, als die Frau sich an uns vorbeidrängelt und vor uns die Boxentür schließt.
      »Was soll das Mio?« Fragt Charly und hält die junge Frau am Arm fest. Diese entwindet sich jedoch barsch und faucht zurück. »Grenzfee ist meins! Meins allein und nur weil du auf sie aufgepasst hast, heißt das nicht, dass du alles mit ihr machen kannst, was du willst!«
      Erschrocken weiche ich einen Schritt zurück und lehne mich an die Boxentür. Wo bin ich hier gelandet? Warum ist hier jeder sauer auf den anderen? Ich hasse Streit, Arroganz und Feindschaft, die nicht begraben werden kann. Schon mein ganzes Leben stoße ich immer wieder auf diese unzufriedenen Menschen, die meinen, ihren Ärger und ihre Wut an anderen auszulassen, die nur versuchen ihnen zu helfen. Mio schmeißt Charly noch eine Beschimpfung an den Kopf, welche ich jedoch nicht mehr hören kann, weil ich mir meine Finger in die Ohren gesteckt habe. Ich schließe meine Augen und versuche all den Zoff und die unschönen Dinge aus dieser Welt zu verbannen. Ich will das nicht hören, ich wollte das nicht wieder ertragen müssen.
      Eine Hand legt sich auf meinen Unterarm. Ich versuche sie abzuschütteln, ich will den Kontakt zu solchen Personen nicht, ich brauche Abstand von solchen Gefühlen.
      »Jora», sagt eine Stimme an meinem Ohr. »Alles ist gut, komm mit mir.« Ich kenne diese Stimme und ein Gefühl von Vertrauen durchfließt mich. Blind folge ich ihm, verliere die Zeit und den Ort aus den Augen und komme erst wieder zu Bewusstsein, als mir eine warme Tasse Tee hingehalten wird.

      Malte » Ich habe Charly gesagt, dass ich Urlaub brauche. Nicht nur drei Tage, länger. Ich bin mir nie sicherer bei etwas gewesen, als ich vor ihrer Tür stand und ihr klar und deutlich erklärte, dass ich Ruhe brauchte. Ich fühle mich seit langer Zeit endlich mal wieder frei und kann atmen wie schon lange nicht mehr. Ich besuche meine neuen Pferde erst nachdem ich mit Charly geredet habe und die Entscheidung erscheint mir unheimlich schlau. Mit einer neuen mir schon unbekannten inneren Ruhe betrete ich den kleinen Nebenstall und stecke aufgeregt wie ein kleines Kind meine Hand über die Box hinweg, um sie endlich anschauen, anfassen, greifen zu können. Es ist schon recht lange her, dass ich mir Angus gekauft habe und nun kamen noch diese beiden dazu. Ginnungagap schaute mich aus seinen aufmerksamen braunen Augen an und ich wusste, dass er so schnell nicht wieder gehen würde. Sein Fell glänzte seiden, bestimmt hatte Vuyo es heute Morgen geputzt. Es ist schwarz, aber kein gefährliches, einsames Schwarz, sondern tiefgründig und warmherzig. Ginnus Beschreibung im Internet war nicht die einfachste, aber das gefiel mir. Ginnu schaut mich an und ich blicke zurück, fast wie ein stummes Gespräch zwischen zwei Wesen, die sich darauf einigten zusammenzuleben. Ich hatte überlegt, ihn kastrieren zu lassen, doch dann fiel mein Blick auf Ursel und ich wusste, dass ich das nicht übers Herz bringen würde.
      In meinem Kopf höre ich bereits Petyr, wie er sich über den Namen von Ursel lustigmachen wird. Er findet solche Pferdenamen albern, doch ich werde mich diesmal nicht provozieren lassen, denn vor mir sehe ich das ehrliche und freundliche Bild meiner kleinen Bärengöttin, denn genau das bedeutet der Name für mich. Ursel ist die erste Stute in meinem Besitz. Mit seidenem rötlichen Fell, einer langen wehenden Mähne und den hochbeinigen weißen Abzeichen. Eyvind hatten sie gefallen und auch Vuyo hatte mir vor wenigen Stunden einen Besuch abgestattet und mir zu diesen beiden Pferden beglückwünscht.
      Als Ginnu unruhig wird, bringe ich erst ihn, dann auch Ursel auf eine Weide nahe des Stalls. Es ist mir lieb, die beiden etwas im Auge behalten zu können und doch will ich sie nicht alleine im Stall zurücklassen. Ich bin mir selbst noch nicht sicher, zu wem die beiden auf die Weide kommen sollen, will jedoch am Abend ein erstes Kennenlernen ausprobieren. Bis kurz vor sechs ziehe ich mich deswegen in meinen kleinen Wagen im Wald zurück und schaue das erste Mal seit langer Zeit wieder etwas Fernsehen. Ich brauche Ablenkung. Auch koche ich mir mit den Resten aus meinem Kühlschrank einen Auflauf und lasse mir diesen auf meinem Sofa schmecken.
      Am Abend gehe ich erneut zum Offenstall. Logi begrüßt mich wie immer mit einem sanften Stupsen, während Félagi noch eingeschnappt ist, dass ich ihn heute Morgen geärgert habe. Ich lächele kurz und wuschle ihm dann durch seine dichte Mähne, während Dynur sich hinter ihm zurückhält. Dynur werde ich erst einmal zurücklassen. Sollte Félagi der Verpaarung zustimmen, wird auch Dynur nichts mehr dagegen haben. Zusammen mit Félagi verlasse ich die Weide und machte mich auf den Weg zu Ginnungagap. Dieser hört uns schon von Weiten und stößt ein lautes Wiehern aus. Wie erwartet bleibt Feli stehen, spitzt die Ohren und bläht die Nüstern. So sieht er noch viel hübscher aus, wenn er so aufrecht steht. Dann wird er unruhig, tänzelt leicht auf der Stelle und stupst mich an. Er weiß selbst noch nicht, ob er das Pferd kennenlernen möchte und ich merke wieder, dass er noch sehr jung und unerfahren ist, was das angeht. Das stört mich nicht, ich will ihm sowieso noch Zeit lassen, bis ich ihn unter den Sattel zwinge. Er liebt seine Freiheit und das versteh ich nur zu gut.
      Am Zaun von Ginnu angekommen wird Feli wieder ruhig. Ginnu steht an der anderen Seite des Zauns und beobachtet uns. Ich hätte gedacht, dass er offensiver vorgehen wird. Doch kaum kam mir dieser Gedanke, schüttelt der Rappe seinen muskulösen Kopf und kommt auf uns zugeprescht. Erschrocken weicht Feli einen Schritt zurück und versteckt sich leicht hinter mir. »Alles gut!« Sage ich liebevoll und ziehe aus meiner Hosentasche eine kleine Möhre. Das lässt sich Feli nicht entgehen, schnappt zu und hat mit wenigen Bissen das Leckerli hinuntergeschluckt. Auch Ginnu bekommt ein Stück, dich kaum ist es verschwunden, wiehert er wieder laut und trabt elegant den Zaun auf und ab. Feli hat nun doch die Scheu gepackt und er versucht mich zurück in Richtung Stall zu ziehen. Auch wenn ich sehe, dass es viel Arbeit mit den beiden werden wird, so sehe ich doch das Potenzial. Es wäre ein Traum, meine jungen Hengste zusammen halten zu können und vielleicht endlich eine Grenze zwischen den Kaltblütern und den Ponys ziehen zu können, welche nun noch auf einer Weide stehen.

      Jora » Ich öffne die Augen und blicke in das Gesicht von Eyvind. Er lächelt. Ich habe das Gefühl, dass er immer lächelt. Diesmal bin ich mir jedoch nicht sicher, ob er sich über mich lustig macht. »Tut mir Leid«, murmle ich beschämt und richte mich auf dem Sofa etwas auf. »Es war einfach nur zu viel für mich.«
      Er nickt und reicht mir eine Tasse Tee und ein Stück Schokolade. »Hier, iss. Das hilft bestimmt.« Vorsichtig nehme ich es ihm ab, beiße jedoch noch nicht hinein.
      »Wer war das?« Frage ich. »Das rothaarige Mädchen?«
      »Mio«, meint er und steht seufzend auf. »Komm, iss, wenn es etwas gibt, was dir nun helfen kann, ist ein Tee und eine Schokolade.« Er geht in die Küche der kleinen Wohnung und stellt sich ans Fenster. Ich beiße einmal ab und merke, wie sich der süße Geschmack der Schokolade in meinem Mund und meinem Magen ausbreitet. Er hat Recht, es hilft wirklich. Meine Frage hat er trotzdem noch nicht beantwortet. Bevor ich jedoch dazukomme, unterbricht er mich. »Mio hat es zur Zeit auch nicht leicht. Früher hat sie zusammen mit Charly ein Gestüt geleitet, bevor sie nach dem tragischen Tod ihres Freundes in die USA geflohen ist. Der Kontakt brach fast vollständig ab und erst zwei Jahre später lernten sie sich wieder kennen. Mittlerweile ist Mio wieder hier. Sie hat ihre neuen Freunde und einen Haufen Pferde mitgebracht. Sie vermisst es, Nevada. Sie vermisst die Wildnis, die Wüste, die wilden Pferde.« Er seufzt. »Nimm es ihr nicht übel. Sie hat sich oft schwere Vorwürfe gemacht, dass sie so viele Pferde zurückgelassen hat und Grenzfee ist eines von ihnen.«
      Ich nehme einen Schluck Tee. Ich schmecke den süßen Honig und die Melisse und ich glaube auch einen Schuss Orange erkennen zu können. »Ich wollte nicht, dass sie sich streiten.«
      »Das glaube ich dir.« Eyvind wendet sich wieder vom Fenster ab. »Du hast schon schlechte Erfahrungen gemacht, was Streit angeht?« Ich nicke nur. Mein Hals ist trocken und ich nehme noch einen Schluck. Eyvind möchte jedoch gar nicht mehr wissen.
      »Ich habe dir ein Bett vorbereitet, du bleibst heute bei mir. Morgen schauen wir uns zusammen das Gestüt bei Tageslicht an und ich zeige dir all die schönen Seiten.«
      Ich bin einverstanden, er hätte mich sowieso nicht gehen lassen und ich vertraute ihm. Bevor ich ins Bett gehe, frage ich noch: »Eyvind, wie geht es Malte?«
      Er lächelt mich kurz an, meint dann aber ernst: »Besser. Er hat sich Urlaub genommen und ich glaube, das braucht er jetzt auch. Wenn du willst, gehen wir ihn morgen gemeinsam besuchen.« Ich zucke nur kurz mit den Schultern und ich glaube, er versteht, dass ich mir nicht sicher bin, ob das eine gute Idee ist.

      Malte » Der nächste Morgen beginnt für mich in aller Frühe. Kurz nach Sonnenaufgang kann ich mich nicht länger im Bett halten und gehe hinaus in den Stall. Ich setzte mich einige Minuten auf die grüne Bank davor, genieße die Sonnenstrahlen und denke an gestern Abend. Ich hatte Vuyos und Charlys Vorschlag angenommen und versucht, meine Ursel mit zu den Ponystuten und Excelsior zu stellen. Jeanie mit Anhängsel Jelda hatte jedoch deutlich gezeigt, dass sie keinen weiteren akzeptieren will, denn anscheinend gehen ihr Vuyos beiden Stuten Nayela und Blazing Flame schon genug auf den Geist. Eine Stunde habe ich versucht, dass die Stuten sich näher kommen, war jedoch nur auf eine Mauer aus Beton gestoßen. Mit einem kurzen weiteren Gespräch mit Charly hatte ich mir jedoch eine vollkommen neue Konstellation überlegt. Ursel, zusammen mit der jungen Striga und meinem geliebten Óslogi. Ich hatte es nicht geglaubt, aber Logi und Ursel verstanden sich von Anfang an und auch Striga schien Freude an den beiden viel kleineren Pferden gefunden zu haben. Schon nach kurzer Zeit hatte sie ihre neue Freundin über den Zaun hinweg die Mähne gekrault und gezeigt, dass sie bereit dafür war.
      Gegen Mittag habe ich mich mit Charly verabredet. Sie will gerne dabei sein, wenn ich ihren Liebling und meine beiden Pferde zusammenführe.
      Im Stall miste ich das erste Mal in meinem Leben nur die Boxen der Pferde aus, die mir gehören. Ginnu, Ursel, Logi, Dynur, Feli und Angus. Ich brauche nicht lange, meine geübte Hand fidend im Handumdrehen die Dreckstellen, entfernt diese und streut neues Heu auf die Stellen. Bevor die anderen den Stall betreten, bin ich längst fertig mit meiner Arbeit und mache mich auf den Weg nach Hause.

      Jora » Am Morgen werde ich sanft von Eyvind geweckt. Er hat bereits den Tisch fürs Frühstück gedeckt und ich frage mich, ob er immer so lecker isst, oder das nur für mich tut. Wir sprechen nicht viel und es ist auch eine stumme nächste Stunde, bis wir den Stall betreten.
      »Das ist der Nebenstall«, erklärt mir Eyvind. »Die meisten der Pferde stehen im Sommer ganztägig auf den Weiden.« Der Stall ist hell und geräumig und anscheinend erst vor kurzem erbaut wurden. Nicht nur Sattelkammer und die kleine Küche sind modern, sondern auch die Tränken und der weiche Gummibelag in den Boxen. Es wurde kein Geld gespart, um den Pferde eine helle und freundliche Atmosphäre bieten zu können.
      Am anderen Ende der Stallgasse erscheint ein junger Mann. Rechts und links führt er zwei große Vollblüter. Das eine braun, das andere von einem hübschen und leicht geappelten Grau. Der Mann selbst hat dunkle Haut, kurze Haare und leuchtende Augen. Als er vor uns zum Stehen kommt, nimmt er beide Stricke in eine Hand und reicht mir die andere. Er blickt kurz grinsend zwischen Eyvind und mir hin und her und ich merke wie ich Rot werde. Eyvind reagiert jedoch gar nicht darauf und stellt mich vor. »Das ist Jora, sie möchte hier wahrscheinlich etwas aushelfen. Jora, das ist Vuyo. Er ist vor allem für die Vollblüter da, aber natürlich auch für jegliche andere Arbeit, die hier anfällt. So wie wir alle.« Ich ergreife nun Vuyos Hand und lächle kurz.
      Vuyo deutet auf die beiden artig wartenden Hengste. »Das ist Valentines Alysheba und sein Freund Osgiliath.« Er zeigt auf den Helleren. »Sehen wir uns heute zum Mittagessen Eys?« Fragt er an Eyvind gewandt. Eys, auf den Spitznamen wäre ich nie gekommen.
      »Ich weiß noch nicht, mal schauen.« Sagt Eyvind nur. Vuyo winkt uns noch kurz zu und macht sich pfeifend mit den beiden auf dem Weg aus dem Stall. Ich mache mich auf den Weg zu Grenzfees Box. Sie steht noch drinnen und blickt mich nachdenklich an. »Grenzfee hast du gestern ja bereits kennengelernt.« Ich blicke auf. Eyvind steht wieder neben mir. »Da neben dir in der Box, das ist Teufelstanz. Du kannst die beiden glücklich machen, in dem sie einfach immer in Sehweite bleiben dürfen. Sie lieben sich, wie man es nicht für möglich halten kann.« Erklärt mir Eyvind begeistert.
      »Gehen sie nicht auf die Weide?«
      »Doch doch, Vuyo wird sie gleich holen. Sie stehen auf einer Magerweide am See. Beide Stuten hatten schwere Hufrehe und ich bin froh zu sehen, wie gut sie sich entwickelt haben. Mittlerweile sind sie wieder reitbar, aber weder im Turniersport, noch auf der Rennbahn. Vuyo hat sich trotzdem zum Ziel gesetzt, die beiden im Rennen fitter zu bekommen und übt mit ihnen mehrmals auf unserer kleinen Bahn.« Er machte eine kurze Pause. »Hilfst du mir die restlichen Pferde auf die Weiden zu bringen?«
      »Klar«, sage ich und wende mich von Grenzfee ab. Eyvind zeit mir die fünf verbliebenen Pferde im Stall und gibt mir schließlich die Aufgabe, mich um zwei Trakehner Wallache zu kümmern. »Die gehören zwei Verwandten von Charly, eigentlich haben wir nur wenige Einsteller, aber die beiden haben sich uns nahezu aufgedrängt. Tibor und La Paz heißen die beiden.« Eyvind nahm zwei Stuten und ein dunkles Fohlen, das zu einer grauen Stute gehörte. Artig tippelte es ihr hinterher und ich lachte laut auf, als es über eine Bürste stolperte und erschrocken in die Luft sprang. »Ja, der kleine Mytos, der hat leider die Eleganz von seiner Mutter noch nicht geerbt.« Lacht auch Eyvind und blickt mir in die Augen. Ich wende meinen Blick ab und achte darauf, dass meine beiden Pferde nicht auch stolpern. Als Raja, Rubina, Mytos, Paz und Tibor auf ihrer Weide stehen, lädt mich Ey dazu ein, Malte zu besuchen. Ich zögere, stimme dann jedoch zu.
      »Hast du eigentlich auch Pferde?« Frage ich interessiert, als wir den Waldweg zu Maltes Haus gehen. Eyvind schüttelt jedoch nur den Kopf und sagt nichts dazu. Auch er hat also Dinge, über die er nicht reden möchte.

      Malte » Charly ist mir zum Glück nicht sauer, dass ich Hals über Kopf freigenommen habe. Besser gesagt dankt sie mir sogar, für meine jahrelange treue Arbeit und umarmt mich ein weiteres Mal. Es verwundert mich nicht, das auch das Zusammenführen unserer Pferde so gut funktioniert wie gedacht und nach nur einer halben Stunde stehen Striga, Logi und Ursel glücklich auf der Weide vor meinem Haus. Es ist mein Wunsch gewesen, dass die Pferde so nah wie möglich bei mir stehen und Charly hat nichts dagegen gehabt, dass ich ihre Striga etwas im Auge behielt. Die Vögel zwitschern über unseren Köpfen und im seichten Wind wanken die Bäume hin und her, als ein lautes Wiehern aus dem Wald erdringt. Während ich auffahre, bleibt Charly ruhig. »Das ist Marid, kein Zweifel.« Und tatsächlich. Wenige Sekunden später taucht Nico auf, unter ihm der wilde Hengst. Striga, Ursel und Logi preschen an die andere Seite des Zauns und es freut mich zu sehen, dass nicht nur Logi den Hengst nicht ausstehen kann.
      Nico bremst vor uns seinen Hengst ab und lässt sich von dessen Rücken gleiten. Ich muss zugeben, dass ich ihn für seine Reitkunst bewundere und auch, dass Nico eher nach Gefühl, als nach Regeln reitet. Trotzdem mag ich ihn nicht. Seine arrogante und herablassende Art stört mein Selbstvertrauen jede Mal aufs Neue. Er kommt jedoch kaum dazu etwas zu sagen, als zwei weitere Gestalten aus dem Wald auf uns zukommen. Marid hört sie als erste und so wenden auch wir drei den Kopf in die Richtung. Eyvind ist mit seinen weißen, kurzen Haaren und der Sonnenbrille nicht schwer zu verwechseln und das Mädchen neben ihm, wie mir bewusst wird, ist sie. Elend lange Engelslocken, einen zierlichen Sidecut und weiche Gesichtszüge. Neben Eys sieht sie erstaunlich klein aus, neben mir würde es genau passen.
      »Jora«, sagt Eyvind, als sie neben uns zum Stehen kommen. »Charly kennst du ja bereits und Malte auch. Das ist Nico.« Überheblich verbeugt sich Nico, ergreift dann Joras Hand und meint: »Zu euren Diensten, junge Frau.« Jora wird Rot und lächelt peinlich berührt, zieht die Hand jedoch nicht aus Nicos Griff. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie Charly sich wütend auf die Lippe beißt, sagt jedoch nichts dazu. Ich weiche Joras Blick aus, nicke nur kurz freundlich. Anscheinend sind nun alle verstummt und zu fünft stehen wir am Zaun der Weide und blicken auf Ursel, Striga und Logi, während jeder seinen eigenen Gedanken nachhängt.
      Leben ist Erfahrung von Wirklichkeit und wer lebt, tauscht Zeit gegen Erfahrung aus, denke ich, bevor ich mich Jora zuwende. »Hast du Lust auf einen kleinen Spaziergang?«
    • Canyon
      [​IMG]
      21. Oktober 2017 | 28.795 Zeichen | Canyon

      Gehen und gehen lassen

      Malte » »Der Kerl hat 'ne Macke«, meint Petyr und deutet verstohlen auf den Mann. »Der sitzt wirklich seit heute Morgen um fünf im Heu und hat sich nur einmal bewegt, um sich einen Kaffee zu holen.«
      »Er macht's jedenfalls richtig.« In Gedanken versunken stehe ich vor dem Medikamentenschrank. Ich suche etwas, von dem mir zu meinem eigenen Leid der Name entfallen ist.
      »Ja, aber warum sitzt er hier?« Fassungslos starrt Petyr weiterhin zu ihm. »Heute morgen waren es keine fünf Grad!«
      Ich wende mich von den Medikamenten ab und werfe auch einen Blick auf den jungen Mann. »Die eigentliche Frage ist doch: Warum bist du schon um fünf im Stall?«
      »Haha sehr witzig.« Lacht Petyr trocken. »Hast du sein Pferdchen schon gesehen? Das ist ja ein komischer Mix.«
      »Petyr«, sage ich warnend. »Sei ehrlich, warum warst du schon so früh hier. Das widerspricht doch deiner Vorstellung von Aufstehen. Außerdem hat sein sehr hübsches „Pferdchen“ den Namen Pitú.«
      »Ich hatte mein Handy hier vergessen, aber das ist doch unwichtig!« Wirft Petyr ein und deutet dann wieder auf den neuen Mann. »Viel mehr sollten wir uns mit der Frage beschäftigen, was Charly da für einen komischen Kautz aufs Gestüt geholt hat.«
      »Du hast erst um fünf bemerkt, dass dir dein Handy fehlt und bist dann extra nochmal aufgestanden?« Ich ziehe die Augenbrauen nach oben und blicke zu Petyr auf. »Das glaube ich dir auch nicht.«
      »Malte!« Petyr wendet endlich den Blick von ihm ab und schaut zu mir. »Wenn du es wirklich wissen willst - Ich war mit Saga unterwegs und wir kamen erst gegen fünf wieder. Jetzt zufrieden?« Ich grinse und wende mich wieder dem Schrank zu. Wo sind denn nun diese blöden Medikamente? »Was suchst du da eigentlich?« Neugierig blickt mir Petyr über die Schulter.
      »Metalam-, Metakran-, keine Ahnung wie das heißt. Logi lahmt und wir hatte hier irgendwo mal eine Salbe, die angeblich helfen soll.« Sage ich genervt und schiebe leere Packungen zur Seite.
      »Versuchs mal mit Ingwer.« Sagt eine mir unbekannte Stimme und Petyr und ich fahren gleichzeitig herum. Erschrocken nimmt der junge Mann in der Tür die Hände in die Luft. »Ruhig Freunde!« Sagt er mit einem entschuldigenden Lächeln. »Ikarus, oder einfach nur Ike.«
      Ich werfe einen Blick auf Petyr und sehe, wie er sein Gesicht verzieht. Mit neuen Bewohnern hat er schon immer Probleme gehabt. »Malte«, sage ich und reiche ihm meine Hand, die er auch ergreift. »Ingwer? Du meinst, das hilft?«
      »Die Pferde mit teuren Medikamenten vollzupumpen würde ich dir nur selten empfehlen.« Ich schließe den Schrank und folge Ike aus der Sattelkammer. »Wenn du willst, kann ich dir nachher welchen mitbringen.«
      Ich nicke dankbar. »Das wäre toll, danke!«
      »Klar! Lasst mich hier einfach zurück!« Ruft Petyr aus der Sattelkammer, ich ignoriere ihn jedoch beflissentlich. Mein Blick geht vorsichtig zu Ikarus, während wir die Stallgasse entlang gehen. Er hat langes dunkles Haar, das er aus dem Gesicht gebunden hat. Ich schaue ihn das erste Mal richtig an und bin erstaunt, auf seiner rechten Gesichtshälfte tiefe Narben und ein Auge, das bestimmt schon lange nichts mehr gesehen hat, zu finden. Es ist fast durchgängig grau und nur der matte Rest der Pupille ist noch leicht erkennbar. Ich ziehe meinen Blick von ihm zurück. Er muss es gewöhnt sein, angestarrt zu werden und doch hat es keiner verdient, wie ein Tier im Zoo begafft zu werden. »Gefällt es dir hier im Norden? Ich hörte, dass du aus England kommst.«
      »Das Wasser und die klare Luft inspirieren mich. Bis jetzt bereue ich es nicht.« Er nimmt seine Tasche vom Hacken vor einer Stalltür und hängt sie sich über die Schulter. Dann blickt er zu mir. »Du wohnst auch hier?«
      Ich nicke. »Ja noch, weiter in Richtung Mitte der Insel. Ich habe im Wald einen kleinen Bauwagen.«
      »Noch? Du hast vor, wegzuziehen?« Verwundert blickt er zu mir, während wir gemeinsam den Weg zu den Weiden einschlagen. »Ich habe bis jetzt nur Lob über dich gehört. Du bist hier anscheinend sehr angesehen.«
      »Danke«, sage ich und blicke verlegen zur Seite. »Aber es wird Zeit zu gehen. Ich habe letzte Woche gekündigt und auch wenn es noch nicht offiziell ist, wird es wohl bald soweit sein.«
      »Schade«, sagt Ike ehrlich bedauernd. »Ich finde dich sehr nett, aus uns hätte bestimmt eine Freundschaft entstehen können.«
      »Du auch«, verlegen streiche ich mir eine Strähne aus dem Gesicht. »Trotzdem muss ich gehen. Ich werde es nicht bereuen, auch wenn ich natürlich vieles vermissen werde.«
      »Wo soll's denn hingehen?«
      »Erstmal nach Deutschland, ich habe die Chance, ein Gestüt neu zu strukturieren und würde sie gerne ergreifen.« Sage ich, während ich an einer Kreuzung stehen bleibe. »Ich muss jetzt hier entlang. Sehen wir uns heute nochmal?«
      »Klar«, Ike grinst und sein vernarbtes Gesicht spannt sich zu einer unheimlichen Fratze. »Ich muss dir schließlich noch deinen Ingwer bringen.«
      Ich lächle und hebe zum Abschied die Hand. Auch er winkt kurz und dann wenden wir uns voneinander ab.

      Ich treffe auf Charly. Sie versucht vergeblich, das Shetty Imagine Dragons mit der Ponyherde vor meiner Tür zu verkuppeln.
      »Das muss doch irgendwie funktionieren!« Schimpft sie, als sie mich kommen sieht. »Was soll ich denn nur tun, wenn du gehst?« Lustlos lässt sie den Führstrick sinken und der kleine Drache weicht erleichtert zurück.
      »Noch bin ich ja nicht weg«, sage ich tröstend und lege ihr einen Arm um die Schulter. »Vielleicht komme ich auch irgendwann wieder, wer weiß.«
      »Ja super, irgendwann, bis dahin ist dieses Gestüt längst in alle Einzelteile zerfallen.« Sagt sie und lässt den Kopf hängen. »Ich merke es doch jetzt schon, dass wir uns alle voneinander entfernen.«
      »Du wirst schon wissen, was das Richtige ist.« Sage ich und löse meinen Arm von ihrer Schulter, um Imagine den Kopf zu kraulen, den sie mir auf die Knie gelegt hatte. Charly seufzt und wendet sich von mir ab. »Ich habe gerade Ike kennengelernt. Ein sehr netter Kerl, wie ich finde.« Wechsle ich das Thema.
      Charly nickt. »Ja, aber nicht so nett wie du.«
      »Ach Charly, nur weil ich gehe, bedeutet das nicht, dass die ganze Welt zusammenbricht. Eyvind ist noch da und Vuyo auch und irgendwie auch Petyr-.«
      Genervt winkt sie ab. »Petyr, als würde der etwas machen. Seit Saga hier lebt, ist aus Petyr ein arbeitsfauler und trinkender Kerl geworden, auch wenn er das vorher in Ansätzen auch schon war.«
      Ich stehe auf und gehe zum Weidezaun. Óslogi und Ursel grasen friedlich am anderen Ende der Koppel, während Striga in Zaunnähe steht und das kleine Shetlandpony wütend anstarrt. Ich will gerade Charly antworten, als ich Ike den Waldweg entlang spazieren sehe. Ich winke ihm zu und er wendet sich in meine Richtung. Als auch Charly Ike sieht, steht sie auf. »Wir reden später nochmal, Malte. Ich muss jetzt erstmal an die Arbeit.« Zusammen mit Imagine Dragons verschwindet sie in die andere Richtung.
      »Na, Malte? Charly sah aber nicht gerade glücklich aus.« Meint Ike, als er wenig später neben mir steht. »Deine Pferde?« Fragt er mit einem Kopfnicken in Richtung Weide.
      »Nur die beiden hinteren.«
      »Und wem gehört Karottenmähne?« Er deutet auf Striga die uns aufmerksam beobachtet.
      »Charly.« Sage ich knapp. »Hast du Nico schon kennengelernt?« Erkundige ich mich.
      »Kurz, ja«, sagte Ike. »Warum fragst du?«
      »Nur so, aus Interesse.« Ich zuckte die Schultern. »Wie findest du ihn?«
      »Ich habe in meinem Leben schon viel Schlimmere kennengelernt, falls du darauf hinaus willst.«
      »Das klingt, als hättest du schon einiges erlebt.« Ich versuchte nicht zu offensichtlich auf seine Narben und das matte Auge hinzudeuten.
      »Ja, viel, sehr viel.« Sagt er nur. »Übrigens, hier der Ingwer.« Er reicht mir eine gelbliche Knolle, die ich dankend annehme.
      »Vielen Dank, hoffentlich hilft das.«
      »Bestimmt!« Sagt Ike und deutet dann in Richtung Wald. »Ich muss wieder, die Arbeit wartet.« Ich nicke und winke ihm ein zweites Mal, während er pfeifend den Weg zurückspaziert.

      Am Nachmittag gehe ich zu Mio. Obwohl wir auf einer Insel, sogar auf einem Gestüt wohnen, habe ich sie schon seit Tagen, oder gar Wochen nicht mehr gesehen. Vielleicht, wird es auch Zeit, mich zu verabschieden. Es ist nicht mehr lange, bis es für mich und meine Pferde nach Wales geht und noch nicht jeder auf dem Gestüt weiß, dass ich sie verlassen werde. Ich treffe vor dem Stall Mio, aber auch Ike. Es ist verwunderlich, wie oft sich unsere Wege heute schon gekreuzt haben. An Ikarus Seite steht sein junger Wallach und grast, während er sich lachend mit Mio unterhält. Ich hätte mir denken können, dass die beiden sich vertragen werden. Es wäre schön, wenn Mio dadurch den Anschluss an die anderen finden würde.
      »Hey Ike, hey Mio!«, sage ich, während ich auf sie zugehe.
      »Malte«, sagt Ike und tut, als würde er einen Hut vom Kopf heben. »Schön dich zu sehen.«
      »Gleichfalls!« Sage ich und muss grinsen.
      »Lang nicht mehr gesehen«, sagt auch Mio und umarmt mich flüchtig. »Was treibt dich zu uns?«
      »Sehnsucht«, sage ich und senke leicht beschämt meinen Kopf. »Ist ja nun schon etwas länger her.«
      »Mio hat mir gerade erzählt, dass es hier haufenweise Mustangs gibt und ich war ganz fasziniert.«, sagt Ike und schaut mit beschuldigend an. »Warum wurde mir das noch nicht gesagt?«
      »Ich kann ja nicht wissen, dass du Mustangs magst und außerdem wäre das ja wohl Charlys Aufgabe gewesen.«, rechtfertige ich mich.
      Mio schnaubt verächtlich. »Charly, als ob die noch den Überblick hat. Mittlerweile macht hier doch jeder was er will. Wir sind ihr doch vollkommen egal.«
      »Quatsch«, sage ich und ziehe wütend die Augenbrauen zusammen. »Charly gibt ihr Bestes, Nico macht immer alles wieder zunichte und beteiligt sich null am Ganzen!«
      »Ziehe Nico nicht mit rein, Malte. Er hat es immer wieder versucht, nur ist Charly einfach viel zu arrogant geworden, als dass sie jemand anderen sich helfen lässt.«
      Ich bin nicht Mios Meinung, zucke jedoch nur die Schultern, um den Streit nicht voranzutreiben. Ike schaut uns nur mitleidig an und schüttelt dann kaum bemerkbar den Kopf.
      »Was?«, faucht Mio. Auch sie hat seine Reaktion mitbekommen.
      »Nichts«, sagt Ike unschuldig und blickt Mio an.
      »Doch, sag' schon.« Grimmig blickt sie zu ihm. Ich weiß, dass sie nicht lockerlassen kann. Ike scheint das auch zu erkennen.
      »Ihr habt alles was ihr zum Leben braucht, mehr als das sogar. Niemand von euch leidet Hunger, niemand friert in kalten Nächten und niemand arbeitet bloß fürs Überleben. Alle lebt ihr auf einer riesigen privaten Insel, habt moderne Wohnungen und die neuesten Ställe für eure in Überzahl vorhandenen Pferde, für die manche Millionen zahlen würden. Und doch tut ihr so, als wäret ihr die unglücklichsten Menschen. Einmal, habe ich gedacht, einmal will ich zwischen Menschen sein, die sich vielleicht nicht immer mögen, aber stets dem anderen genügend Respekt erweisen und zu schätzen wissen, was sie zum Leben haben.« Eine Träne glitzert in Ikes Augen und traurig lächelt er uns an. Mio und ich sind bei seinen Worten verstummt und wir blicken ihn beide mit großen Augen an. »Denkt mal drüber nach«, sagt er, bevor er bei seinem Wallach die Zügel aufnimmt und sich mit einem Schwung auf den Rücken zieht. Pfeifend schaukelt er in Richtung Wald.
      »Er hat Recht«, sagt Mio.
      »Ich weiß«, sage ich.
      »Man vergisst es so oft, es ist gut, wenn man es nochmal hört.«
      »Ja«, sage ich nur und versenke meine Hände in den Hosentaschen.
      »Vielleicht können wir als Gestüt mal wieder etwas zusammen machen, bevor du gehst, meine ich.«
      »Du weißt es schon?« Frage ich perplex und wende den Blick von Ike ab.
      »Klar«, sagt Mio leicht hin. »Solche Dinge verbreiten sich hier schnell.«
      Wir schweigen. Ich weiß nicht, was ich darauf sagen soll und Mio scheint auch keine Antwort haben zu wollen. »Auf dem Sandringham Manor findet dieses Jahr wieder eine Fuchsjagd statt, vielleicht können wir alle dazu animieren, mitzumachen.«
      »Gute Idee«, sagt Mio. »Ich frage gleich mal Addison.«
      »Ich gehe auf dem Rückweg bei Artemis vorbei. Soll ich auch Charly fragen?«
      »Nein, das mache ich schon. Aber vielleicht hat Vuyo auch Lust.«
      »Bestimmt«, sage ich.
      »Und was ist mit Petyr?«, fragt Mio.
      »Ach der-«, seufze ich, besinne mich dann nochmal anders. »Ich kann ihn mal fragen, aber er hat zur Zeit andere Dinge im Kopf als ein Turnier.«
      »Aber ihm geht's gut, oder?«, harkt sie nach.
      Ich nicke schnell mit dem Kopf. »Geht's allen Pferden bei euch gut?«
      »Ja, sehr gut.« Auch Mio freut sich über einen Themenwechsel. »Raised from Hell hat sich zu einem gigantischen Reitpferd entwickelt, das ist toll zu sehen.«
      »Das glaube ich!«, sage ich und klopfe Mio lobend die Schulter. »Und Cloud? Der ist ja bestimmt immer noch ein wahrer Prachtkerl.«
      »Willst du einfach mal mitkommen?«, fragt Mio und deutet in Richtung Weiden. Ich nicke und zusammen gehen wir in die Richtung. »Addison hat ja überlegt, wieder zurück nach Nevada zu gehen«, sagt Mio nach einer längeren Pause.
      »Ach wirklich?«, frage ich überrascht. Mio nickt und ich merke, dass sie das beschäftigt.
      »Der Winter wird sehr kalt und der Norden ist einfach nicht seine Heimat.«
      »Winter is coming«, sage ich und wir müssen beide lachen.
      »Ja, das passt hier wirklich gut.«, sagt sie und grinst mich an.
      Ich werde wieder ernst. »Würdest du denn zurück wollen?«
      Sie zuckt ratlos die Schultern. »Ich weiß es nicht. Vielleicht schon, vielleicht auch nicht.«
      Wir kommen an den Koppeln an. Es ist ein tolles Bild, die große Herde auf den Hügeln zu sehen, im Hintergrund das glänzende Wasser des Tyrifjords und seine geschwungenen Berge zu beiden Seiten. Im Westen suchen die letzten Sonnenstrahlen ihren Weg über die Wipfel und erleuchten die Landschaft im strahlenden Rot. Ich wusste, dass ich das vermissen würde, das alles. Noch nie hatte ich jedoch den Drang verspürt, zu gehen, bis jetzt.
      »Vielleicht sollte ich auch gehen«, sagt Mio gedankenverloren. »Mit dir mitgehen, einfach meinen Chosposi schnappen, Kuckunniwi und Anaba, Hidalgo, Flotte und Helly mitnehmen und neu anfangen. So wie damals.«
      »Man kann nicht immer vor Allem fliehen, Mio«, sage ich. »Manchmal muss man bleiben, auch wenn es schwerfällt.«
      »Du gehst doch auch!«, sagt Mio aufbrausend.
      »Ich gehe mit reinem Gewissen.«, sage ich ruhig, meinen Blick immer noch auf die Pferde gewandt. »Ich fliehe nicht und hoffe auch nicht, dass es wieder wird wie früher. Ich will weitergehen.«
      »Aber das will ich doch auch!«, verteidigt sich Mio.
      »Ich glaube, dass du deinen wahren Platz bereits gefunden hast, du musst es nur noch selbst erkennen.«, sage ich nur. Mio sagt nichts mehr und ich hoffe, dass sie es sich überlegen wird, in welche Richtung es für sie gehen soll. »Der helle dahinten ist wohl Cloud?« Ich deute zur Herde und hoffe, dass Mio weiß, wen ich meine.
      Sie nickt. »Genau. Addison hilft mir zur Zeit, ihn auszubilden. Er hat einfach nochmal mehr Ahnung als ich.«
      »Wie läuft es mit Addi?«, frage ich vorsichtig.
      »Gut soweit.« Sagt Mio nur und es entsteht eine weitere Gesprächspause.
      »Ich gehe mal zu Artemis. Ich melde mich bei dir, sobald sie sich entschieden hat.«
      »Willst du heute Abend zum Essen kommen?«
      »Ich würde sehr gerne, aber Jora kommt nachher noch.«, sage ich und zucke traurig mit den Schultern.
      »Dann kommt doch einfach beide«, sagt Mio und stößt mir aufmunternd gegen die Schulter. Wir wenden uns von den Weiden ab und laufen zurück zum Stall.
      »Dann bis heute Abend«, sage ich. Mio lächelt kurz und wendet sich von mir ab. »Sag Artemis liebe Grüße!«, ruft sie mir noch über die Schulter hinweg zu.

      Wenig später stehe ich wieder vor meiner Haustür, vor der ich sitzend Charly finde. Meine Wege hatten mich nach dem Besuch bei Mio nicht nur zu Artemis und Altair geführt, sondern auch noch weiter zu Vuyo und schließlich auch zu Petyr, der mir schließlich von Charly erzählte, die mich dringend gesucht hatte. Vuyo hatte zugesagt, natürlich wollte er mit zur Fuchsjagd, Petyr hingegen hatte wenig dankend abgesagt. Es würde wohl mein letztes Event zusammen mit der Hofgemeinschaft werden. Es versetzte mir einen Stich, der Abschied würde mir trotz allem schwerfallen.
      Charly ist kaum zu beruhigen. Kaum sitze ich neben ihr, fällt sie mir um den Arm und ich tätschle ihr überfordert den Rücken. Sie sagt etwas, verschluckt jedoch große Satzfetzen, sodass ich sie nicht verstehe.
      »Ich will hier weg, Malte«, schluchzt sie nun etwas deutlicher und bricht wieder in kleine Krämpfe aus. »Ich will nach Hause, Deutschland wieder sehen, meine Eltern besuchen und meine Sprache sprechen.«
      »Vielleicht kommst du mich einfach mal besuchen«, sage ich.
      »Ich will nicht nur zum Besuch kommen.«, sagt Charly trotzig. »Ich will dort mein neues Zuhause haben.«
      »Charly, was ist denn los?«, frage ich. »Was ist denn passiert, dass du plötzlich hier weg willst?«
      Sie schluchzt noch eine Weile, bis sie die Ruhe findet, zu antworten. »Ich werde mich von Nico trennen«, sagt sie und verbirgt ihren Kopf in meiner Jacke.
      »So plötzlich, warum das denn?«, frage ich und streichle ihr dunkles Haar.
      »Du hattest ja schon immer Recht. Es tut mir so Leid, dass ich es nie erkannt habe.« Sie blickt mir in die Augen. Die Tränen verschmieren die leichte Schminke, die sie aufgetragen hat und lassen ihre Augen wie tiefe Höhlen erscheinen.
      Vor weniger als einem halben Jahr, hatte ich mit Charly versucht ein Gespräch zu führen. Ich habe ihr im Stall geholfen, es ist ein Montag im Mai gewesen, das wusste ich noch.

      »Woher weißt du eigentlich, dass er der Richtige ist?«
      »Ich vermisse es, wenn er mich gerade nicht nervt.«
      »Aber ist das nicht auch mal entspannend? Ich meine, wünscht du dir nicht auch manchmal eine harmonische Beziehung?«
      »Willst du mir gerade sagen, dass meine Beziehung nicht harmonisch ist?!« Wütend blickt Charly zu mir auf.
      »Nein, das wollte ich damit nicht-«, versuche ich mich zu entwinden.
      »Doch genau das wolltest du mir sagen!« Verärgert stellt sie die Mistgabel zur Seite und blickt mich mit funkelnden Augen an. »Malte, ich mag dich sehr, aber versuche endlich mal, dich nicht ständig in meine Beziehungen zu mischen!«
      Ich kratze mir verlegen an der Stirn. »Tut mir Leid, Charly, wirklich. Ich versuche nur zu begreifen-.«
      »Versuche es erst gar nicht, anscheinend versteht das sowieso niemand.« Sie seufzt und wendete sich dann von mir ab »Beeile dich bitte mit den Boxen, wie haben heute einen strikten Plan.«
      Verärgert über mich selbst, dass das Gespräch in die falsche Richtung gegangen ist, werfe ich die Mistgabel in den Strohhaufen zu meiner Seite und blicke dann Charly hinterher. Am Tor des Stall stößt sie fast mit Nico zusammen, welcher sie breit angrinst. Charly wendet sich jedoch von ihm ab und lässt ihren Freund verwirrt zurück. Dieser reißt sich nach einigen Sekunden aus seiner Starre los und kommt auf mich zu.
      »Weißt du, Malte, das Tolle am Lächeln von Charly ist ja, dass ich nie weiß, ob sie gerade glücklich ist, oder meinen Tod plant. Obwohl ich wahrscheinlich in Kombination mit deinem Gesichtsausdruck eher das Zweite in Betracht ziehe. Sag Kumpel, was hast du ihr schon wieder angetan?« Er stößt mich mit der Faust in die Seite. Ich, der sowieso schon nicht das beste Gleichgewicht auf zwei Beinen hat, stolpere überrascht zur Seite und fange mich schließlich an einer Boxentür auf. Ich knurre. »Ach Malte«, Nico seufzte, »Du musst noch einiges an deiner Attitude verbessern.« Mitleidig schaut er mich an, ich reagiere jedoch nicht. »Wir sehen uns, alter Freund!« Er zwinkert mir zu und macht sich dann, pfeifend, die Hände in den Hosentaschen vergraben, auf den Weg die Stallgasse entlang.

      »Wenn du möchtest, kann ich mit Kira reden. Vielleicht ist es wirklich gut, wenn du mal etwas rauskommst«, sage ich und hoffe, dass ich es nicht bereuen werde.
      »Das würdest du tun?« Charly blickt auf und hört für einen Moment mit Weinen auf.
      Ich zucke die Schultern. »Klar, ich brauche sowieso jemanden, der mir Deutsch lehrt.«
      »Du bist ein Schatz!« Charly strahlt schon wieder. »Es wäre für uns ein Neustart.«
      »Uns?« Es verwirrt mich, dass sie von uns spricht. Und vor allem, warum ein Neustart?
      »Bartholomäus und ich! Hattest du Bart etwa vergessen?«, fragt sie.
      »Achso Bart«, sage ich und bin ein wenig enttäuscht. »Nein, natürlich habe ich ihn nicht vergessen. Wann willst du Nico es denn sagen?«
      »Jetzt noch nicht«, sagt Charly und steht auf. »Das hat Zeit, bis wir waren.«
      »Bist du dir wirklich sicher, dass du das willst? Ich dachte, du liebst Nico?«
      »Das dachte ich auch«, sagt Charly nur und dreht sich um. »Ich würde auch nur mit Striga und dem kleinen Monster mitkommen, alle anderen würden hier bleiben.«
      Ich stehe auf meiner Veranda und blicke Charly nach. Die letzten Sonnenstrahlen bescheinen den Weg vor ihr und färben ihn erst orange und dann blutrot, als die Sonne ihren tiefsten Stand erreicht hat und zusammen mit der Welt in Dunkelheit versinkt.

      Ich telefoniere mit Kira, als Jora ins Haus kommt. »Ja, Charly von Eylenstein. Ja, ich glaube sie war schonmal bei euch.« Ich lächle Jora kurz zu und deute dann aufs Telefon. Sie versteht mich, wirft mir eine Kusshand zu und geht weiter in die Küche. »Nur zwei Pferde. Ja«, sage ich wieder. »Oh, ok. Das werde ich ihr sagen. Aber das können wir bestimmt lösen. Danke!«, sage ich noch, bevor ich auflege und zu Jora in die Küche gehe.
      »Wer war das?«, fragt sie und schwingt ihre Arme um meinen Hals.
      »Kira«, sage ich und gebe ihr einen zärtlichen Kuss. Dann schiebe ich sie sacht von mir und setze mich auf einen Hocker am Tisch. »Charly will mit nach Deutschland.«
      »Ach«, sagt Jora nur und setzt sich neben mich.
      »Sie trennt sich von Nico und will dann wieder zurück nach Deutschland.«
      »Ok«, sagt Jora. Ich werfe ihr einen Blick zu und sehe, wie sie den Blick aus dem Fenster richtete.
      »Mio hat uns beide heute Abend zum Essen eingeladen. Möchtest du, dass wir hingehen?«, frage ich zärtlich.
      »Mir egal.«
      »Na möchtest du, dass wir hingehen, oder nicht?«, frage ich nochmal, bemerke aber die gereizte Stimmung von Jora.
      »Ich kenne diese Mio doch gar nicht. Das sind deine Freunde«, sagt sie trotzig.
      »Ich will das aber nicht ohne dich entscheiden.« Beschwichtigend greife ich ihre Hand. Sie zieht sie nicht weg, blickt jedoch noch immer in eine andere Richtung.
      »Bald wirst du die Entscheidungen aber alleine treffen«, sagt sie leise und blickt mich wieder an. Eine Träne schimmert in ihren Augen.
      »Wir hatten uns doch geeinigt,« sage ich und wische ihr die Träne aus dem Gesicht, »dass wir die letzten verbleibenden Tage nicht in Trauer verbringen werden. Oder?«
      »Du hast Recht«, flüstert sie und rappelt sich auf. »Lass uns zu Mio gehen.«
      Ich blicke auf die Uhr. »Wir haben noch etwas Zeit, wollen wir noch etwas mit den Pferden machen?«

      Eine halbe Stunde später betreten wir mit Ginnungagap an Joras Seite und Félagi neben mir die kleine Halle im Wald. Um diese Uhrzeit belegt Vuyo oft die große Halle und ich will etwas Zeit mit Jora alleine verbringen.
      Jora will Ginnu reiten. »Willst du das wirklich?«, frage ich sie ein weiteres Mal, sie winkt jedoch nur noch genervt ab.
      »Das Pony bekomme ich doch noch gehändelt«, sagt sie grinsend und schwingt sich in den Sattel. Ich zucke nur mit den Schultern und widme mich Félagi. Er ist ein begabter Hengst und die Bodenarbeit der letzten Wochen macht sich nun bemerkbar. Er läuft an der Longe jede Stunde ein bisschen entspannter nach den ersten Minuten des Wehrens, richtete er seine Konzentration an guten Tagen auch schon vollkommen an mich. Während Jora den Rappen im Schritt die Bahnfiguren der Halle laufen ließ, hängt ich Felli die Longe ein und schickte ihn in den Zirkel.
      »Sieht gut aus!«, rief mir wenige Minuten später Jora zu, als Félagi mit gesenktem Kopf und gewölbten Rücken um mich herum trabte.
      »Gleichfalls«, sage ich und freue mich zu sehen, dass Jora mit dem sturen Ginnungagap zurecht kommt. »Du musst ihn öfter reiten.«
      »Ach auf einmal«, sagt sie. »Gerade hast du mir dein Pony noch nicht zugetraut.
      »Ich bitte um Verzeihung«, sage ich ehrlich und Joras weiches Lachen dringt zu mir.

      Nach einer Stunde Arbeit, ich hatte Félagi schon früher erlöst und war mit ihm nur noch einige Bahnfiguren gelaufen, steigt auch Jora von dem Hengst ab. Ich bin stolz auf sie, denn auch wenn Ginnu auch heute kein Meister der Freundlichkeit ist, hat Jora aus ihm einiges herausgeholt.
      »Gut gemacht«, sage ich beim Hinausgehen und greife ihre Hand.
      »Danke«, sagt sie und streckt mir ihre Zunge raus. »Du weißt aber schon, dass man ein Pferd auf der anderen Seite führt, oder?«
      Ich nicke. »Jetzt schon«, sage ich, lasse ihre Hand jedoch nicht los.

      Nachdem wir beide geduscht und uns angezogen haben, gehen wir zu Mio. Sie, Addi, Jacob, Heather und die Zwillinge wohnen in einem der älteren Bauwerke mit typisch roter Holzverkleidung. Es hat mehrere Stockwerke, doch nur in die unteren Fenster sind hell erleuchtet.
      »Hoffentlich kommen wir nicht zu spät«, sagt Jora und wird etwas schneller. Kurz vor knapp stehen wir vor der Tür und klingeln. Addi öffnet. Ich umarme ihn flüchtig, während Jora ihm die Hand entgegenstreckt. »Jora sagt sie«, und Addison ergreift ihre Hand.
      »Addison«, sagt er und tritt einen Schritt zurück, um uns hereinzulassen. In der großen Wohnstube sehe ich weder Heather, noch Chill und Buck, dafür sitzt ein anderes bekanntes Gesicht am langen Holztisch.
      »Ikarus«, sage ich und gehe auf ihn zu.
      »Malte«, sagt er und steht auf. »Ich wurde auch eingeladen, ich hoffe, das stört euch nicht? Du musst die bezaubernde Jora sein, schön dich kennenzulernen.« Er reicht Jora die Hand und lächelt ihr freundlich zu. In diesem Moment betritt Mio den Raum, auf ihren Händen balaciert sie ein Tablett mit Essen.
      »Achtung heiß«, ruft sie und wir weichen alle einen Schritt zurück. Nachdem sie das Tablett auf dem Tisch abgestellt hat, kommt sie auf uns zu. »Schön, dass ihr gekommen seid. Setzt euch, dass Essen ist fertig.«
      Als wir alle sitzen kommt Jacob. Er grüßt uns nicht, ein kleines Nicken in meine Richtung kann ich aber erkennen. Das Essen schmeckt fantastisch. Mio erzählt, dass es eine Gemeinschaftsarbeit von ihr und Addi sei und es freut mich zu hören, dass die Beziehung der beiden wieder bergauf geht.
      Jora unterdessen unterhält sich mit Ikarus. Er ist charmant und humorvoll und ich hätte wissen müssen, dass die beiden sich vertragen würden. Addison beginnt ein Gespräch mit mir und erzählt von den Plänen, wie sie die Pferde im Winter schützen wollen.
      »Wie geht es Zonta?«, frage ich zwischendurch und Addison erzählt, dass die junge Stute sich gut in die Herde eingefunden hat.
      »Meine Canyon kümmert sich rührend um sie, aber zu näheren Annäherungsversuchen haben wir uns noch nicht gewagt. Ich bin froh, dass ihre Verletzungen so gut verheilt sind«, erzählt Addi.
      Spät am Abend kommt ein weiterer Gast. Als es klingelt steht Mio auf, geht zur Tür und lässt Eyvind herein. Er ist ein ruhiger Geselle, mit kurzem, schneeweißem Haar und lockerer Kleidung. Er setzt sich zwischen mich und Addi und unser Gespräch wird dadurch beendet.
      »Was passiert eigentlich mit Brock?«, fragt Mio mich über den Tisch hinweg. »Ich habe gehört, dass er hier bleibt?«
      Ich nicke und nehme noch einen Schluck Wein, bevor ich antworte. »Petyr und Saga wollten gegebenenfalls noch ein zweites Pferd. Aber ansonsten«, ich blicke kurz zu Jora, die mich aufmerksam anschaut, »würde ich ihn gerne in Joras Hände geben.« Jora ist überrascht, aber nach einigen Sekunden breitet sich ein Lächeln auf ihren Lippen aus.
      »Das würde mich sehr freuen, wenn ich ein Stück von dir behalten könnte«, sagt sie und ich senke leicht beschämend den Kopf. Es war mir noch fremd, so offen vor anderen über Gefühle reden zu müssen.
      Das Gespräch am Tisch breitet sich wieder aus, doch ich halte mich zurück und auch Jora wendet sich von Ikarus ab. »Wollen wir nach Hause?«, fragt sie schließlich. Ich bin einverstanden und nicke.
      Nach jeder Menge Abschiedsworte verlassen wir das Haus. Die hellen Fenster leuchten uns den Weg zurück in den Wald hinein, vorbei an den Weiden, bis hin zu meinem kleinen Haus auf der Lichtung. Der Himmel ist klar und die Sternenpracht breitet sich über uns aus, wie ein leuchtendes Dach aus Erinnerungen. Wir bleiben auf der Veranda stehen und blicken hinauf.
      »Ich werde dich vermissen«, sagt Jora und rutscht noch ein Stückchen näher an mich heran.
      »Ich dich auch«, sage ich leise, denn die Worte waren nur für sie bestimmt. »Aber es ist noch nicht soweit für Abschiedsworte, wir haben noch Zeit und die sollten wir nutzen.«
      Wir schweigen gemeinsam und erst als Jora von der Kälte beginnt zu zittern, ziehe ich sie ins Haus und schließe die Tür.

      Kurz nach Acht am nächsten Morgen betrete ich den Stall. Es verwundert mich nicht, dass ich Ikarus wieder im Strohsitzend vorfinde, den Laptop auf seinem Schoß. Ich grüße ihn kurz, er bemerkt mich jedoch nicht und tippt intensiv weiter. Ich gehe die Boxen ab, auf der Suche nach Dynurs Namen. Meine Pferde dürfen die Zeit draußen genießen und doch habe ich hier auch Boxen für sie. Ich finde schließlich die Box und damit auch Dynurs Halfter, dass ich vermisst habe. Ich winke Ike zum Abschied, obwohl ich weiß, dass er es nicht bemerken würde und verlasse den Stall wieder.
    Keine Kommentare zum Anzeigen.
  • Album:
    Phoenix Valley
    Hochgeladen von:
    Canyon
    Datum:
    8 Aug. 2017
    Klicks:
    598
    Kommentare:
    13

    EXIF Data

    File Size:
    468,3 KB
    Mime Type:
    image/jpeg
    Width:
    960px
    Height:
    640px
     

    Note: EXIF data is stored on valid file types when a photo is uploaded. The photo may have been manipulated since upload (rotated, flipped, cropped etc).

  • Félagi
    frá glæsileika eyjarinnar
    (x)


    Abstammung
    ¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯

    Von River's Uprising
    Von Blettur Aus der Frekja

    Aus der Viðja
    Von unbekannt Aus der unbekannt


    Exterieur
    ¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯

    Hengst
    *2015
    (2 Jahre)
    Isländer | 140cm
    Grey Tobiano
    x


    Beschreibung
    ¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯

    stur | schlau | frech
    Der schöne Hengst hat ein gesundes Selbstbewusstsein und ganz eindeutig seinen eigenen Kopf. Er ist sehr auf Futter fixiert und lernt schnell, gibt man ihm eine ordentliche Belohnung für die Arbeit. Im Umgang zeigt er sich meistens kooperativ und fleißig, wenn auch stets etwas frech. Er testet seine Grenzen und wer sie ihm nicht aufzeigt, hat es mit einem unverbesserlichem Sturkopf zu tun.

    Ein blaues und ein zweifarbiges Auge zieren den ansonsten symmetrisch gezeichneten Kopf. Die linke Seite ist wild gefleckt und hat viele auslaufende Tupfer im Schulterbereich. Seine rechte Seite weist eine ruhigere Scheckung auf. Félagi ist ein Naturtölter.

    Als Jährling kam der Porzellanschecke nach Phoenix Valley, wo er im angemessenen Tempo auf seine Zukunft als Showpferd vorbereitet werden sollte. Die Hitze machte dem Kleinen allerdings so zu schaffen, dass er verkauft wurde und nun im kühlen Norwegen wohnt.

    Besitzer: Canyon (Malte Tordenvaerson)
    VKR/Ersteller: sadasha
    im Besitz seit: 4. August 2016
    Kaufpreis: 1000 Joellen


    Qualifizierungen
    ¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯

    Schleifenaufstieg Trainingsaufstieg Potential

    Dressur E A L M S

    Western E A L M S

    Distanz E A L M S S* S**

    Gangreiten E A L M S


    Erfolge
    ¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯

    Fohlen ABC ✔ | Eingeritten ✔ | Eingefahren x

    [​IMG][​IMG]
    [BSW 451] | [ZSW 479]

    [​IMG][​IMG][​IMG][​IMG]
    178. Gangturnier | 179. Gangturnier | 185. Gangturnier | 186. Gangturnier

    [​IMG][​IMG][​IMG][​IMG]
    187. Gangturnier | 188. Gangturnier | 191. Gangturnier | 197. Gangturnier

    [​IMG][​IMG]
    Fohlenschau (7.75 & 8.75)


    Zucht
    ¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯

    [Schleife]
    Thema

    Abstammung: 4
    Schleifen: 10
    HS: 0
    TA: 0
    Trainer: 0
    Zubehör: 0
    Gesamt: 14

    Gencode: EEaaGgnTo
    Zur Zucht zugelassen: Nein
    Eingetragene Zucht: Tyrifjord Ranch

    Nachkommen
    -

    Gesundheit
    ¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯

    Letzter Tierarztbesuch: unbekannt
    Gesamteindruck:
    Aktue Krankheit/en: x
    Chronische Krankheit/en: x
    Erbkrankheit/en: x

    Letzter Hufschmiedbesuch: unbekannt
    Hufbeschaffenheit: x
    Hufkrankheit/en: x
    Beschlag vorne:
    Beschlag hinten:


    Zubehör
    ¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯

    PNG | Puzzle PNG | offizieller HG