Inhaltshistorie

  • Teil 5
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    Eineinhalb Wochen später war ich zum ersten Mal unterwegs nach Newmarket. Ich wusste dank dem Internet ungefähr wo ich hin musste, und dass das Gelände wohl unschwer zu verfehlen war. Trotzdem war ich etwas nervös und sah die Ortsschilder vom Zugfenster aus ganz genau an. Letztendlich stand ich bei der am nächsten zur Schule gelegenen Bushaltestelle und studierte den Maps-Screenshot auf meinem Handy. Ich fand den Weg beim ersten Versuch (auch ein blindes Huhn...) und lief in die Richtung, in der ich das Hauptgebäude vermutete. Es war unschwer zu erkennen, welche Teile der Anlage Stallungen sein mussten. Die "Schule" befand sich im äusseren Bereich des riesigen Newmarket-Renngeländes. Ich betrat etwas, das zumindest schon mal wie eine kleine Empfangshalle aussah. Es hatte ein paar Sessel, Couches und einen TV. Es waren ausserdem noch sieben weitere Schul-Anwärter hier, allesamt deutlich jünger als ich. Ich erkannte eine Art Empfang und sprach die Person an, die dahinter stand. So erfuhr ich, dass ich nach dem Jungen im bauen T-Shirt an der Reihe war. Es dauerte einen Moment, bis er reingerufen wurde - und noch viel länger, bis er wieder hinaus kam. Ich war schon ganz unruhig vor Spannung, als ich endlich den Raum betreten durfte, aus dem der Junge gekommen war. Ich stellte mich einem älteren Herren und einer Dame mitte 30 vor, die dort auf mich warteten. Wir hielten ein Vorstellungsgespräch, wobei es mir im Vergleich zu meinen vorherigen eher wie ein fröhliches Plaudern vorkam. Man merkte einfach, dass es hier ausnahmsweise Mal nicht direkt um Profit ging. Ich begann nur bei einer Bemerkung mit anschliessender Frage kurz zu stocken: "As you surely know, we have only a certain capacity to take new students. Therefore we want to give those a chance that are really passionate about the horse industry and are not prone to quit after a short time. We'd like to know if you have riding experience and have handled horses in the past?" "...Ahh, sure. I absolutely love horses, since I was a little girl. I rode on a pony when I was in school and I always dreamt of having a job this challenging and exciting, while I ended up being a mechanic instead... That's why I want to take this chance and fulfill my dreams." Es war nicht wirklich gelogen, so wie ich es formuliert habe. Ich liebte zwar früher nicht unbedingt direkt Ponys, aber damals vergötterte ich alle Tiere und wollte ja Tierarzt werden. Auf einem Pony bin ich auch geritten - sie müssen ja nicht wissen, dass es nur einmalig war und ich dabei in einer kleinen Halle, von Louisas Mum geführt, mit Fahrradhelm und Gummistiefeln draufgesessen hab... Ich muss schliesslich irgendwie mit den anderen Interessenten mithalten können, redete ich mir selbst ein, noch während ich die etwas geschmückte Aussage machte. "Awww Ron, she was just like me when I was young!", rief die Frau aus, und fragte: "Was your father keeping you from following your real passion as well?" Ich dachte kurz nach und beschloss mitzuziehen. "Ahh, yeah, you could say that." Sie wirkte geradezu entzückt und erzählte in leidenschaftlichem Ton: "I also had a pony but my dad wouldn't let me work as a groom or a jockey - he wanted me to become a teacher, like himself. I was so bored during my studies... But then Ron took me in to help him coordinate the students. I'm a bit too tall to be a Jockey, you see, but to help all those young people fulfill their dreams and be the one to hand them their diploma is just as wonderful! Well, but enough of me. What I want to say is, I can totally relate to your situation." Ich war etwas verblüfft über die plötzliche Energie, die sie ausstrahlte, witterte aber meine Chance. "Oh I'm so happy for you, Ms Gruber, I hope I get to live such a perfect life, too! My father did indeed hold me back, before he finally one day just left mom and me - I never saw him again..." Sie machte ein schockiert betroffenes Gesicht und kommentierte: "Oh dear, that must have been so hard! You are such a strong young woman." Sie fügte zwinkernd hinzu: "Call me Rachel, by the way." Ich packte mein lieblichstes Lächeln aus. Der ältere Herr schwieg und sah zum Fenster raus, wo ein paar Pferde durchliefen. Er schien beinahe von dem Theater gelangweilt zu sein. Erst, als wir soweit fertig geplaudert hatten und es darum ging, mich dem Fitnesstest zu stellen, fühlte er sich wieder angesprochen. Ich wurde angewiesen, draussen zu warten, bis die anderen nach mir ebenfalls fertig waren. Als es endlich soweit war, wechselten wir in eine Art Trainingsraum, in dem nebst gewohnten Fitnessgeräten auch teuer aussehende Pferdeattrappen aufgereiht waren. Ich schätzte, dass sie zum Simulieren des Reitens dienen mussten. Die erste Übung waren Squats, die wir auf wackeligen Plastikkissen stehend ausführen mussten. Es ging darum, einfach vier Minuten lang die Position halten. Ich hatte damit keine Probleme, denn ich hatte die einzelnen Aufgaben im Voraus dreimal wöchentlich trainiert. Des Weiteren mussten wir noch Übungen zum Beweis für unsere Bauch-, Arm- und Schultermuskulatur machen. Anschliessend ging es raus ins Freie für einen Konditionstest. Wie erwartet bestand ich den Fitnesstest mühelos, während die anderen teilweise schon nach weniger als zwei Minuten schlapp machten. Zufrieden folgte ich Ms Gruber und dem Herren zum letzten Check: der Gewichts- und Grössen-Messung. Die Maximalgrösse hielt ich gerade noch ein, aber mein Gewicht war natürlich nach der kurzen Zeit seit der Anmeldung noch nicht ganz passend. Ms Gruber meinte aber herzallerliebst, dass ich ja noch ein paar Wochen übrig hätte, um daran zu arbeiten. Am Ende wurden wir nochmal einzeln ins Büro gebeten und bekamen die Zu- beziehungsweise Absagen. Ms Grubers Lächeln verriet bereits, dass ich angenommen worden war und verdarb mir die ganze Spannung. Ich war trotzdem mehr als zufrieden, dass sich der Aufwand ausgezahlt hatte. Wenn es doch nur immer so leicht wäre.


    Die Diät gestaltete sich schwieriger als erhofft. Ich war einfach nicht besonders gut darin, auf Schokolade und Crisps zu verzichten. Ich kaufte zwar nichts dergleichen mehr ein, aber es war hart an den Regalen vorbeizulaufen und sie zu ignorieren, besonders, wenn bei der Kasse jeweils extra noch Süssigkeiten präsentiert wurden. Je länger mein Entzug dauerte, desto schlimmer wurde es. Ich nagte zuhause jeweils frustriert an einer Karotte, während ich vor dem Fernseher sass und mir Pferderennen ansah. Wenigstens näherte ich mich so dem Rennsport immer mehr an: ich begann, die Begriffe des Rennbahnjargons zu lernen und informierte mich mit zunehmendem Interesse über die aktuellen Top-Pferde. Es steckte weitaus mehr dahinter, als ich anfänglich gedacht hatte. Zum Beispiel gab es offenbar verschiedene Typen von Pferden - solche die von Anfang an durchstarteten und auf ihre Ausdauer vertrauten, und solche, die erst gegen Schluss plötzlich aus dem Nichts auftauchten, um alle anderen auf den letzten hundert Metern zu überholen. Letztere fand ich besonders eindrucksvoll. Ich ertappte mich immer öfter dabei, wie ich mit solchen Pferden mitfieberte und laut jubelte, wenn sie als erste durchs Ziel kamen. Vielleicht hat die Begeisterung ja doch schon immer tief in meinen Knochen verborgen gesteckt? Je mehr Zeit verging, desto gespannter wurde ich auf meinen ersten Trainingstag. Ich liess mich sogar dazu verleiten, ein second-hand Buch zum Thema zu kaufen, in dem die berühmtesten Rennpferde der Geschichte und deren Karriere beschrieben wurden. Es war irgendwie seltsam, wie leicht mir das "Büffeln" fiel, im Gegensatz zu meiner Lehrzeit als Mechaniker in der Berufsschule. Vielleicht riss mich die ganze emotionale Stimmung rund um die Siege und die Kraft der Pferde auch ein bisschen zu sehr mit. Am Tag vor meiner Abreise aus Birmingham hatte ich es geschafft, mein Gewicht auf 51 Kilo zu reduzieren. Dafür hatte ich auch etwas Muskelmasse einbüssen müssen. Meinen Job beim Supermarkt hatte ich pünktlich auf Schulbeginn gekündet - auch wieder etwas, was mir leicht gefallen war. Es tat weh, meine kleine Wohnung nun doch vorläufig aufzugeben - aber der tägliche Weg nach Newmarket und zurück wäre zu teuer und zu lang gewesen. Wehmütig hatte ich meine Sachen in ein paar Kartons gepackt - alles, was ich die nächsten paar Wochen nicht brauchen würde (zum Beispiel den billigen aber treuen Fernseher und die Mikrowelle) lagerte ich in der Zwischenzeit bei meiner Mutter im Keller. Sie hatte zum Glück nichts dagegen, auch wenn sie mich wegen meiner, in ihren Augen naiven, Abenteuerlust kritisierte. Eine Sache blieb noch zu tun: ich wollte mich von Ben verabschieden. Ich hatte schliesslich keine Ahnung, ob und wann genau ich wieder hierher zurückkehren würde. Ich bereitete an diesem Abend ein etwas aufwändigeres Essen vor, ging nebenan sturmklingeln und liess ihm keine Widerrede, als er höflich ablehnen wollte. Er gab schief lächelnd auf und folgte mir. "So, how's your job?", fragte ich kauend, als wir uns mit gebratenem Blumenkohl, Ofenkartoffeln und saftigem Steak (das allein schon ein kleines Vermögen gekostet hatte) bedient hatten. "Actually quite fine. Our paper has gained some attention over the past few weeks and we're starting to get a lot of views on the internet as well." "That's awesome! I'm glad to hear things get finally better for you." "You were always the one with more trouble going on, though. I'm also happy that you found something new to look forward to. But of course I will miss you..." Er sah traurig auf seinen Teller, als würde er sein Steak bemitleiden. "I'm sure we will hear of eachother. You have my number, so call or message me whenever you feel like it." "You too." Unsere Blicke kreuzten sich wieder und ich lächelte aufmunternd, woraufhin sich sein Ausdruck ebenfalls erhellte. "I'll watch every horse race from now on, to see if you're in it!", versprach Ben nach einer kleinen Schweigepause begeistert. "Haha it will take some time until I get there... And it will only be the flat races." "There's several types?" "Seems like you know even less than I did", meinte ich lachend und begann, ihm die wichtigsten Fakten von dem, was ich über die letzten paar Wochen gelernt hatte, beizubringen. Wir lachten und diskutierten bis spät in die Nacht, ganz so wie früher. Ich war schon lange nicht mehr so glücklich eingeschlafen.

    Am nächsten Morgen schlang ich mein Frühstück - ein Brötchen und ein Yoghurt - runter, packte meinen Rucksack mit den Sachen, die ich mitnahm, fertig und schloss dann die Wohnung hinter mir ab. Ich legte den Schlüssel in den Briefkasten des Vermieters, wie wir es ausgemacht hatten. Es war erst fünf Uhr, deshalb hatte ich ihn nicht unnötig wecken wollen. Danach beeilte ich mich, um den Zug zu erwischen. Ich rannte beinahe noch auf das falsche Gleis, als ich merkte, dass mir nur noch ein paar Minuten Zeit blieben. Irgendwie schaffte ich es trotzdem noch hineinzuhechten, ehe die Türen schlossen. Glücklicherweise hatte ich nicht viel Gepäck dabei, sonst wäre ich wohl ganz am Anfang meiner Reise stecken geblieben – im wahrsten Sinne des Wortes. Die Fahrt hindurch konnte ich mich von dem Stress erholen und sogar ein bisschen nachschlafen. So traf ich frisch und mehr als bereit in Newmarket ein. Ich wusste ja diesmal schon, wo ich hinmusste, also stand ich kurze Zeit später beim Empfang. Ich wurde zu dem Zimmer gebracht, das ich in den nächsten 14 Wochen mit 7 anderen Schülerinnen teilen würde. Ich durfte mich zwischen einem Platz mitten drin und einem direkt beim Fenster entscheiden - selbstverständlich nahm ich den Fensterplatz. Ich räumte meine Sachen in den Schrank, dann mussten wir alle uns im Theoriezimmer sammeln. Wir wurden herumgeführt, bekamen die ersten Unterlagen, sowie unsere rot-blaue Racing-School Reitausrüstung, und wurden im Detail informiert, was uns die nächsten Wochen erwartete. Dann gab es bereits die ersten Theorie Lektionen. Wir lernten die Grundsätze des Pferdepflegens, gingen die Sicherheitsvorschriften durch und wurden mit dem Jargon vertraut gemacht. An diesem ersten Tag hatten wir (ausser beim Rundgang) noch nicht direkt etwas mit den Pferden zu tun. Dafür ging es am nächsten Morgen direkt um halb sechs Uhr in den Stall - Boxenausmisten und Füttern war angesagt, und das für über 80 Pferde. Erst danach gab es Frühstück. Umso dankbarer biss ich nach der frühen Anstrengung in mein Toast. Nach dem Frühstück folgte ich den anderen zurück in den Stall. Dort bekamen wir unsere erste Praxislektion im Pferde-Handling. Ich hielt mich jeweils etwas zurück und beobachtete zuerst scharfäugig, wie die anderen vorgingen, ehe ich selbst vortrat. Der Lehrer, Mr Cole, liess uns nämlich zunächst selbst ausprobieren, ehe er seine Inputs gab und vorzeigte, wie es sein sollte - und ich hatte ja notwendigerweise vorgegeben, bereits Erfahrung im Umgang mit Pferden zu haben. Ich durfte mich also nicht sofort verraten. Wir übten mit drei langbeinigen Pferden, die nebeneinander angebunden waren. Vorsichtig näherte ich mich dem vordersten, mittelbraunen Tier, als ich dazu aufgerufen wurde. Ich nahm das Halfter von meiner Vorgängerin entgegen und versuchte, es möglichst selbstsicher wirkend über die Ohren zu streifen. Als würde das Pferd sich über meinen Versuch lustig machen, reckte es den Kopf in die Höhe, sodass mein kurzgewachsenes Ich keine Chance hatte. Mr Cole nutzte die Situation gleich, um den Sinn dieser für erfahrenere Pferdeleute trivialen Übung zu erläutern. Er erklärte, dass es in einem Rennstall oft schnell gehen musste, und daher effizientes Arbeiten gefragt war. Er nahm mir das Nylon-Geflecht ab und demonstrierte uns die einfachste Art, dem Pferd das Halfter überzuziehen - ohne dass es ausweichen und davonlaufen konnte. Mit sicherem Griff fasste er den Nasenrücken des Braunen und fixierte so seinen Kopf. Dann zog er das Halfter über und schloss es innert Sekunden. Ich durfte es nochmal probieren und war diesmal erstaunt darüber, wie leicht es auch bei mir klappte mit dem Festhalten. Die nächste Lektion war das korrekte Führen. Diesmal zeigte er es direkt vor. Er zeigte uns auch, wie man mit dem Strick oder einer Führkette eine zusätzliche Bremse um die Nase fädelte, sodass man bei einem wilden Tier mehr Kontrolle hatte. Ich fand, dass die Version mit der Kette im Maul etwas schmerzhaft aussah, aber da es offenbar eine gängige Praxis war, stellte ich es nicht weiter in Frage und machte alles möglichst so, wie man es mir auftrug. Tatsächlich folgte mir das grosse Tier brav wie ein Lamm, obwohl ich schon allein vor seinen Hufen Respekt hatte. Wir befassten uns an diesem Morgen auch noch mit dem Putzen der Pferde, was mir fast schon wie eine kleine Wissenschaft vorkam. Mr Cole erklärte uns die Unterschiede zwischen dem normalen Alltags-Putzritual und dem perfekten Makeover an einem Renntag. Das Sortiment an Sprays und Bürsten, das er uns zeigte, war beeindruckend - ich hatte mir das viel einfacher vorgestellt. Besonders, als er uns erklärte, dass man diesen und jenen Spray nicht über die Sattellage verwenden dürfe, weil sonst der Sattel rutsche. Wenn schon allein so etwas reicht, damit es schief geht... Wie soll ich das überleben?, dachte ich mir mit mulmigem Gefühl. Für das Satteln, Zäumen und Bandagieren reichte es an diesem Morgen nicht mehr, aber das folgte in den nächsten Tagen. Am Nachmittag hatten wir jeweils Theorielektionen; nebst den Berufsspezifischen handelte es sich dabei aber auch noch um Allgemeinbildende Fächer. Diese waren für mich weniger interessant, da ich die ganzen Themen ja schon in der Lehrzeit als Mechanikerin durchgekaut hatte. Der Lehrer sah auch schon in den ersten zwei Lektionen ein, dass ich mich mit meinen zusätzlichen Jahren an Lebenserfahrung im Vergleich zu den übrigen Schülern in seinem Unterricht langweilte. Ich wurde folglich von diesen Lektionen befreit und bekam Sonderaufgaben im Stall, wie zum Beispiel Futter Vorbereiten, oder Ausrüstung Reinigen. Schon am dritten Tag begann unsere erste Reit-Lektion. Ich war ein kleines Bisschen nervös, denn wenn ich Pech hatte, würde spätestens jetzt auffliegen, dass ich keine Ahnung vom Reiten hatte. Mein heutiges Pferd hiess "Dusk Flight", ein ansehnlich hochgewachsenes, braunes Tier. Beim Putzen wurde ich das Gefühl nicht los, dass er es kaum erwarten konnte loszulaufen. Er? Ich sah zur Sicherheit noch rasch zwischen die Hinterbeine - tatsächlich. Als ich mich zum Hufeauskratzen bückte, warf ich einen raschen Kontrollblick den Gang entlang, um festzustellen, dass ich keinen Rückstand zu den anderen hatte. Beruhigt arbeitete ich mit dem Hufauskratzer, wie es mir gezeigt worden war. Wir sattelten die Vierbeiner anschliessend und brachten sie auf den Reitplatz. Ich prüfte gefühlte 100-mal, ob ich den Sattel richtig aufgesetzt und festgegurtet hatte. Leicht angespannt sah ich den anderen beim Aufsteigen zu. Mr Cole bemerkte amüsiert "Come on folks, they don't all bite!" Ich schluckte und zog mich konzentriert am Sattel hoch, der dabei etwas verrutschte. Ich rückte ihn zurecht und wollte mich gerade hinsetzen, aber da lief mein Pferd schon ungeduldig los. Völlig überfordert schwankend fasste ich die Zügel und brachte es zum Halt. Mr Cole hatte es zum Glück nicht bemerkt, dafür kicherte ein Mädchen ganz in meiner Nähe. "Okay, let them warm up on a long rein. Left hand first." Wir gliederten uns in eine Einer Reihe, mit genügend Abstand, und ritten im Schritt dem Reitplatzzaun entlang. Ich musste mich zunächst an den Gang des Tiers unter mir gewöhnen. Es war überhaupt nicht so, wie ich es von den verblassenden Erinnerungen meines Ponyritts erwartet hatte. Ich gab mir die grösste Mühe, trotzdem gelassen und locker zu wirken. Als es hiess, dass wir die Zügel aufnehmen und antraben sollten, atmete ich tief ein. Okay, Absätze runter, Rücken gerade, Blick nach vorne, Arme parallel zum Zügel und Hände zusammen... Bevor ich zuende denken konnte, war mein Reittier bereits dem Beispiel der anderen gefolgt und unerwarteter Weise losgetrabt. Meine Körperspannung sackte für einen Moment zusammen und ich krallte meine Finger in der handbreit geschnittenen Mähne fest. Bevor Mr Cole zu mir hinüberschauen konnte, fasste ich mich aber wieder und versuchte krampfhaft, mich so hinzusetzen wie die anderen. Ich kopierte das Mädchen vor mir und stand in den Bügeln auf und ab, wodurch das holprige Gefühl etwas nachliess. So weit so gut. Immer wieder musste ich mich zwingen, die Hände ruhig und unten zu lassen, und es war auch gar nicht so leicht, sich auszubalancieren, ohne sich irgendwo festzuhalten. Mein Reittier schien nicht sonderlich begeistert über meine kläglichen Reitkünste zu sein. Es hatte die Ohren meist halb nach hinten geklappt und schlug zwischendurch missmutig mit dem Schweif. "I try, I try...", murmelte ich entschuldigend, als ich beim nächsten Übergang in den Schritt wieder zu sehr am Zügel hing und "Dusk Flight" maulend mit dem Kopf wippte. "Okay folks, now ride around me in a big circle and organize yourselves, so you have enough space for canter." Canter??! Ich fühlte mich noch überhaupt nicht bereit dafür. Aber ich konnte ja unmöglich protestieren. Ich fasste die Zügel kürzer und hielt mich insgeheim auch wieder an einem Stückchen Mähne fest. Wie ich den Vierbeiner unter mir einschätzte, würde ich wohl kaum irgendwie nachhelfen müssen, damit er angaloppierte, also wartete ich einfach ab, bis die anderen loslegten und er sich davon anstecken liess. Die ersten paar Sprünge waren schrecklich, weil ich keine Ahnung hatte, wie sich Galopp anfühlte. Danach fand ich plötzlich den Rhythmus und liess mich einfach mittragen. Dusk Flight wollte zwar am liebsten mit gestreckten Sprüngen davonbrausen, aber das Pferd vor uns bremste ihn ab. Mr Coles Stimme weckte mich aus meiner Trance. "Keep some distance, folks!" Ich fasste mehr Zügel und richtete mich auf. Es war ein tolles Gefühl, als ich merkte, dass Dusk Flight mir gehorchte und langsamer wurde. Offenbar kannte er die Kommandos, und ich hatte etwas richtig gemacht. Nun deutlich entspannter, versuchte ich, wiederum schön gerade zu sitzen und das Gleichgewicht zu halten. Im Galopp fiel es mir irgendwie leichter als zuvor im Trab - der Takt war langsamer und leichter zu folgen. Andererseits war die Bewegung auch schwungvoller und so war es deutlich schwieriger, meine Beine ruhig zu halten und wirklich in den Sattel zu sitzen. Ich hatte das Gefühl, immer wieder ein wenig zu 'hopsen'. Irgendwann wechselten wir die Seite und galoppierten erneut an, was diesmal schon viel eleganter klappte. So langsam schien ich den Dreh rauszuhaben - dachte ich. Denn als Dusk Flight plötzlich einen Sprint an seinem Vordermann vorbei nahm, erwischte er mich völlig unvorbereitet und ich kippte aus dem Gleichgewicht. Ich versuchte mich im Adrenalinschub noch an einem Büschel Mähne festzuklammern, aber wenige Millisekunden später machte ich einen stilistisch nicht ganz einwandfreien Purzelbaum auf den Boden. "Everyhing alright?", drang Mr Coles Stimme zu mir durch. "Yeah... Yeah", versichterte ich leicht benommen. "Good. Then back up with you." Er zog mich mit der Hand auf die Beine und wir holten den hinterlistigen Vierbeiner, der sich unter dem Zaun hindurch am Gras nebenan vergriff. Ich sah ihn böse an, aber natürlich verstand das Pferd nicht, dass es etwas Schlechtes getan hatte. In seinen Augen war es wohl lediglich ein unangenehmes Anhängsel losgeworden. Ich zog mich wieder am Sattel hoch und organisierte die Zügel, dann steuerte ich zurück auf die Volte. Der ein oder andere Schüler hatte ein Grinsen im Gesicht, aber das war mir egal. Ich war jetzt wieder vollkommen fokussiert auf mein Reittier. Mr Cole war gnadenlos - wir galoppierten gleich wieder an. Und auch Dusk Flight war gnadenlos - er sprintete kurz darauf wieder munter davon, als wollte er testen, ob es erneut funktionierte. Das Resultat war dasselbe. Verdutzt und durcheinander richtete ich mich im Sand auf. "Try again, and this time, don't fall. Grab the reins tighter and hold the mane if you have to. As soon as he tries something, pull the inner rein and break him into a small circle. That way he can't run away." 'Don't fall'. Haha. Wenn es so einfach wäre. Ich ignorierte die sich ankündigenden blauen Flecken und stieg erneut auf. "Be prepared this time. He will definitely try it again. Thoroughbreds are highly intelligent - he has already learnt how to get rid of you by now." Wie ermutigend. Ich tat wie mir gesagt worden war und fasste die Zügel nach, diesmal vorbereitet. Auf Dusk Flight war verlass: er versuchte es diesmal unmittelbar nach dem Angaloppieren. Als hätte er den Dreh raus, schoss er los und überholte das Pferd vor ihm. Ich reagierte und zog den inneren Zügel - woraufhin er so abrupt abwendete, dass ich abermals seitlich abgeladen wurde. "What was that?", rief Mr Cole, nun leicht uneduldig. "You are supposed to be prepared, especially if you make a manoeuvre like that. Try again." Ich seufzte. Mittlerweile tat mein Hinterteil ganz schön weh und auch mein vorbelastetes Handgelenk begann warnend zu stechen. Trotzdem rappelte ich mich auf und hievte mich erneut in den Sattel, diesmal immerhin mit Coles Hilfe. Die anderen Schüler schienen zum einen amüsiert, zum anderen ungeduldig. Ich ignorierte sie. Dusk Flight hatte wirklich kein Erbarmen mit mir. Er versuchte auch diesmal sogleich, mich abzuwerfen. Aber er unterschätzte meinen Durchhaltewillen. Es war beinahe eine Metapher für mein Leben - immer wieder auf die Schnauze fallen, aber trotzdem weiterkämpfen. Mit dem Entschluss, diesmal nicht mehr im Dreck zu landen, klammerte ich mich mit einer Hand in die Mähne, mit der anderen war ich bereit, den 'Notstopp' zu ziehen. Als das kräftige Pferd erneut losschoss, riss ich ihn herum, sodass wir einen Augenblick immer enger zirkelten, bis er schnaufend zum Halt kam. "There, there. That surprised ya, huh?", murmelte ich triumphierend. Mr Cole gab mir die nächsten Anweisungen. "Okay, not bad. Now ride him in a small circle and canter again. Slowly widen the circle when he's nice, and make it small again when he starts to be naughty." Die anderen machten uns Platz. Ich galoppierte an, versuchte tief in den Sattel zu sitzen, wie in der Theorie beschrieben, und hielt mich bereit, um Dusk Flight im Notfall abzufangen. Der grosse Braune machte zwar noch ein zwei Versuche, das Tempo zu erhöhen, aber das war harmlos im Vergleich zu vorher. Ich konnte sogar wieder mit den anderen zusammen auf die grosse Volte, wenn auch immer mit einer gewissen Vorsicht im Hinterkopf. Am Abend salbte ich meine blauen Flecken ein und wollte beim Essen eigentlich schon alleine an einen Tisch sitzen, um meine Ruhe zu haben - aber ein Mädchen kam zu mir rüber. "Hey." "Hi." "Ray, right? I was very impressed that you kept going back in the saddle again and again, like it was nothing. I know many who would have given up after the first two times." Bescheiden winkte ich ab "Ahh it was not so tragic. I didn't even really get hurt, so I had no reason to stop." "Still. I'm Maddie, by the way. Wanna eat together?" "Why not." Irgendwo tief in mir drin war ich unheimlich stolz auf meinen Sturkopf.

    Die nächsten paar Tage musste ich feststellen, dass ich nicht der einzige Sturkopf in Newmarket war. Dusk Flight war schon am nächsten Tag wieder voller neuer Energie und ich landete prompt wieder im Sand. Mr Cole hatte nachwievor kein Mitleid, und so nahm ich eine ganze Woche lang Flugstunden. Eines musste ich aber zugeben: ich lernte in dieser kurzen Zeit dank meines Durchhaltewillens und meiner Unempfindlichkeit gegenüber blauen Flecken in Rekordtempo zu reiten - und zwar richtig zu reiten. 'Dusky', wie ich ihn mittlerweile leicht sarkastisch-liebevoll nannte, liess mir keine andere Wahl, als mich täglich zu verbessern, denn er fand ständig neue Tricks um mich herauszufordern - jeden Morgen mit neuer Energie. Es entwickelte sich eine Art Wettbewerb zwischen uns. Irgendwann, nach circa drei Wochen, war der Spuk plötzlich vorbei. Offenbar gingen meinem intelligenten Reittier die Ideen aus, oder ich war mittlerweile einfach so gut geworden, dass er mich nicht mehr loswurde. Wir trainierten nun auch auf der Rennbahn. Mein 'erstes Mal' war ein Abenteuer für sich. Ich hatte vermutlich noch nie eine vergleichbare Panikattacke gehabt, wie in dem Moment, als Dusky den Kopf geschüttelt, mir die Zügel geklaut und in seinen gestrecktesten Renngalopp gewechselt hatte. Ich hatte mich nur noch festgeklammert, sogar trotz atheistischer Einstellung betend, dass ich lebendig wieder auf den Boden kam - die Stimmen aus dem Mikrofon in meinem Ohr ignorierend. Irgendwann war Dusky schliesslich müde geworden und hatte an Tempo verloren. Und ich war mit wackeligen Knien abgesprungen, endlich realisierend, was 'der Gartenzwerg' damals im Pub gemeint hatte. Maddie gegenüber konnte ich abends zu Recht behaupten "it was one hell of a ride". Die folgenden zwei Versuche waren ähnlich abgelaufen, aber irgendwann war ich abgehärtet genug gewesen, um den Kommandos aus dem Mikrofon zu folgen. Seither klappte es immer besser und Dusky musste, wenn auch widerwillig, meinen Anweisungen Folge leisten.

    Der Tag kam, an dem wir zum ersten Mal ein richtiges Rennen besuchten - allerdings nur als Zuschauer. Mr Cole hatte uns gute Plätze besorgt, in der zweitvordersten Reihe. Wir sahen uns an diesem Morgen gleich zwei Rennen nacheinander an, und diskutierten jeweils die Strategien der gewinnenden Jockeys. Es war spannend, die Läufe zu analysieren, aber ebenso genoss ich es, im Voraus mit den anderen Wetten abzuschliessen und potentielle Gewinnerpferde zu bestimmen. Und ich schien gar nicht schlecht darin zu sein, die athletischen Tiere einzuschätzen. Beim ersten Rennen wurde mein Favorit zwar enttäuschender Vierter, aber beim zweiten traf ich voll ins Schwarze - der grosse Fuchs, auf den ich zum Spass einen kleinen Betrag gesetzt hatte, ging als erster durchs Ziel und ich verfluchte mich, dass ich keinen höheren Einsatz gewählt hatte. Mr Cole fand das Theater amüsant, warnte uns aber gleichzeitig davor, zu viel zu verwetten. "I have seen more intelligent people than you falling on their noses and loosing lots of money. Well. Who wants to grab some lunch?" Es herrschte allgemeine Begeisterung und die 'Klasse' erhob sich laut schnatternd von ihren Plätzen. Während wir uns Richtung Tribünenausgang bewegten, meinte ich für einen kurzen Moment zwischen den vielen Zuschauern ein bekanntes Gesicht zu erkennen. Aber bevor ich überhaupt überlegen konnte, woher ich die Person kannte, schob Maddie mich ungeduldig weiter zur Treppe und ich verlor den Blick. "Alright alright, we're not in a race", grummelte ich und stolperte hinunter. "I'm hungry! Of course it's a race! Gotta be first in the row!" Sie brauste mit den anderen davon, um sich einen Hotdog zu holen. Ich seufzte - der Altersunterschied zwischen uns war manchmal gravierend wie der Grand Canyon. Mr Cole schenkte mir ein verständnisvolles Lächeln, dann schlenderten wir ebenfalls zum Hotdog-Stand.

    Unser Tagesablauf blieb auch in den weiteren Wochen der Ausbildung gleich wie zu Beginn; nach dem Frühstück stand jeweils zuerst eine Dressurstunde an, und anschliessend verschoben wir uns auf die Rennbahn. Manchmal galoppierten wir auf der breiten Grasbahn, viel öfter jedoch auf dem schmaleren Sandweg. Es gab noch eine andere Klasse, die für Hindernisrennen trainierte. Ich sah sie jeweils nach uns auf den Platz reiten. Sie übten viel mehr Springreiten als wir. Ich hatte auch schon einiges von Steeplechase gehört, vor allem die Kritik dazu. Daher war ich völlig zufrieden mit meiner Ausbildung zum Flatrace-Jockey. Heute übten wir wieder den Start aus der Maschine, denn schon die ersten paar Sekunden eines Rennens konnten entscheidend sein über dessen Ausgang. Mr Cole gab eiserne Befehle, denn er wollte uns am Ende alle soweit bringen, dass wir perfekt von den Boxen wegkamen. Dusk Flight war nicht gerade der geduldigste Zeitgenosse, also war er jedes Mal mehr als bereit, wenn die Tore aufsprangen. Nur ich musste schauen, dass ich richtig mitkam. Zügel aufnehmen, Brille richten, Position einnehmen, Mähne fassen, Blick nach vorne, einatmen - ja, ich musste mich regelmässig daran erinnern, das Atmen nicht zu vergessen, so gross war die Anspannung. Wir galoppierten nach dem Start gleich weiter und zogen unser Training durch. Auch hier gab es verschiedene Methoden. Zum einen konnte man Pferde Kopf-an-Kopf trainieren, was sie unheimlich anstachelte. Das war aber auch sehr anstrengend und deshalb nicht jeden Tag zu empfehlen. Stattdessen lernten wir, Intervalltraining sinnvoll aufzugleisen und auch manchmal nur leichte Galopps zur Erholung der Muskeln zu reiten. Zwischendurch gingen wir auch ins Gelände, denn das war effektiv, um junge Pferde an verschiedene, neue Eindrücke zu gewöhnen, wie Mr Cole erklärte. Wir lernten, wie man ängstliche, nervöse oder aufgeregte Pferde unter Kontrolle halten konnte und erfuhren die verschiedensten Methoden, um sie zu beruhigen; von sanftem Ohren-Massieren beim Warten in der Startmaschine bis hin zu Nasenbremsen beim Hufe Beschlagen, die in meinen Augen etwas unangenehm aussahen. Nach dem Dusk Flight sich zu einem langsameren Galopp und schliesslich zum Trabübergang überreden liess, gliederte ich mich hinter den anderen Schülern in die Reihe und wir verliessen die Bahn im Entenmarsch. Ich zog meine Brille auf den Helm hoch und rieb mir die Augen, dann nahm ich die Beine aus den Bügeln, um meine müden Knie zu strecken. Zurück beim Stall liess ich mich von Duskys Rücken gleiten und führte den Wallach zum Waschplatz. Die mittlerweile frühlingshafteren Temperaturen liessen die hart arbeitenden Pferde stark schwitzen. Wir hatten auch bereits gelernt, wie man die Pferde am besten abduschte, denn im Rennsport war es üblich, dass die Athleten nach der Anstrengung ein Bad nahmen. Nicht alle Pferde mochten das Wasser gleich gerne, aber die meisten schienen nichts gegen die Abkühlung einzuwenden. Gegen Abend mussten wir noch in den Fitnessraum, um auf den Simulatoren zu trainieren. Das war zwar nicht halb so aufregend wie auf einem richtigen Pferd, aber gleich anstrengend. Wie immer liess ich mich auch nach diesem Tag müde, aber zufrieden ins Bett fallen.


    Im Rennstall von Newmarket gab es viele Angestellte. Jockeys, Trainer, aber auch Büropersonal und natürlich die heimlichen Heinzelmännchen - die Pfleger. Sie waren die ersten, die morgens in den Stall kamen, und vermutlich auch die letzten, die abends das Licht löschten. Bei der Abarbeitung unserer täglichen Aufgaben im und rund um den Stall bekamen wir Schüler natürlich auch den Klatsch und Tratsch mit, der ebenso fleissig wie die Pferde gepflegt wurde. So zum Beispiel die Geschichte von Harry, einem schon etwas in die Jahre gekommenen Pfleger. Harry arbeitete seit mehr als fünfzehn Jahren in Newmarket und jeder kannte ihn. Allerdings war er nicht gerade beliebt, sondern eher berüchtigt. Man erzählte sich vieles über Harry. Dass er Selbstgespräche führe, dass er mit beinahe 60 immer noch bei seiner Mutter lebe, dass er noch nie eine Beziehung gehabt habe... Es ging sogar soweit, dass manche Leute ihm Pädophilie oder andere unschöne Dinge nachsagten. Natürlich war dies alles reine Spekulation ohne jegliche Fakten, und vermutlich das meiste davon irgendwann mal als harmloser Witz verbreitet worden. Diejenigen, die sich über ihn ausliessen, hatten jedenfalls ihren Spass - wann immer er ihren Weg kreuzte. Zugegeben; seine Erscheinung und sein Auftreten waren nicht gerade förderlich für einen besseren Ruf. Angesichts seiner fettigen Haare, seiner gelben Zähne und der leichten Alkoholfahne, die ihn stets begleitete, konnten sich die meisten ein Tuscheln schon nicht mehr verkneifen. Wenn er dann noch einen seiner Anfälle hatte, in denen er plötzlich laut zu singen begann, oder mitten im Hochsommer plötzlich Oster-Schokoladenhasen in den Spinden der neuen Schüler versteckte, bot er damit eine perfekte Zielscheibe. Trotzdem kam es mir irgendwie im tiefsten Inneren nicht richtig vor, so über ihn zu urteilen. Vielleicht, weil ich erwachsen war. Vielleicht, weil ich von Mum so erzogen worden war. Vielleicht, weil ich am eigenen Leib erfahren hatte wie es ist, wenn sich andere hinter dem Rücken oder auch ganz offensichtlich über einen ausliessen. Vielleicht, weil Mr Cole mir irgendwann erzählt hatte, dass Harrys Partnerin schon in jungem Alter gestorben war; dass er seither nie wieder eine Beziehung angefangen hatte; dass er früher Kartenzeichner gewesen war - ein Job, den es heute so nicht mehr gab. Wenn ich mir vorstellte, dass diese knubbeligen, verfärbten Finger früher filigrane Höhenlinien und Flüsse gezeichnet hatten. Dass das fettige, aschblonde Haar einmal fein säuberlich zurückgekämmt den Look an einer glücklichen Hochzeit komplettiert hatte. Wenn ich darüber nachdachte, empfand ich eine fundamentale Sympathie für diesen alten Mann.

    Eines Morgens schlurfte ich gut gelaunt aber hundemüde durch die Stallgasse. Maddie, ich und drei weitere Mädchen hatten am Vorabend viel zu lange den kitschigen „Secretariat“ Film geschaut, sodass ich vor lauter gähnen ganz feuchte Augen bekam. Kaum betrat ich die Stallgasse, schrie jemand vom anderen Ende her quer hindurch „HEY RAY! GOOD DAY!!“ Ich rollte die Augen und rief zurück „Don’t ever do that, Maddie.” Sie kam näher und fragte belustigt „What, why?“ „‘Cause even back in school everyone made jokes about my name. It’s gettin‘ kinda old.“ „Well, it’s a tradition then. All the more reason to continue.“ Sie grinste schelmisch und drückte mir ihren Besen in die Finger. “I’m off helping Sybille. Later.“ Ich schüttelte schnaubend den Kopf und setzte mit dem Besen dort an, wo sie stehengeblieben war. Daisy und Josie, zwei Schülerinnen des vorherigen Jahrgangs, kamen gerade aus dem Tackroom, als wir alle drei etwa gleichzeitig wegen eines lauten Geräusches bemerkten, dass Harry Mühe mit seiner Schubkarre hatte. Sie war so voll beladen, dass sie ihm wegkippte, und der ganze Inhalt sich auf dem frisch gewischten Stallboden ergoss. Josie rümpfte die Nase und machte sich nicht einmal die Mühe zu flüstern. "Eww. How can anyone be so clumsy." Daisy kommentierte ungedämpft: "You had one job." Beide brachen in amüsiertes Kichern aus. Auch Maddie, die es gerade noch mitbekommen hatte, liess ein Grunzen hören, ehe sie ganz um die Ecke verschwand. Doch ich seufzte nur entnervt. Einen spontanen Entschluss später stand ich mit einer Schaufel neben Harry und begann, den Mist wieder in die Schubkarre zu befördern. Harry schien freudig überrascht und bedankte sich eifrig. "It is my job right now, to clean the floor", stellte ich fest. Daisy und Josie verschwanden irgendwohin - ich beachtete die beiden nicht weiter. Sobald ich fertig war, wandte ich mich wieder dem übrigen Teil der Stallgasse zu und auch Harry ging seines Weges. Später am selben Tag begegnete ich ihm aber nochmals alleine neben der Futterkammer. Ich wollte gerade unauffällig vorbeigehen, als er mich wie befürchtet anhielt und ansprach. "Thank you again for your help earlier. It is rare to meet a fair and honourable person like you these days. That really meant a lot to me." "Oh no, really. You're giving me way too much credit. I was merely doing my job." Er ignorierte meine Beschwichtigung. "It is easy to stand there and laugh, but to jump over your shadow and help someone you may not especially like takes courage and tells a lot about your personality." Ich wurde durch das Lob beinahe verlegen. Mit einer tiefen, inneren Zufriedenheit wünschte ich ihm einen schönen Feierabend und verschwand hinter der nächstbesten Ecke. Typen wie Harry waren eben doch auch Menschen, die ihre ganz eigene Geschichte hatten und, wie wir viel zu oft vergassen, genauso fühlten wie wir selbst. Wir alle könnten ebenso gut selbst irgendwann so enden. Aber solange es einem an nichts fehlt, distanziert man sich davon, um nicht damit in Verbindung gebracht zu werden. Aber würden wir nicht alle wollen, dass man uns beim Mist-Schaufeln hilft?

    Es gab Tage, an denen ich mir ernsthafte Sorgen um Maddie machte. Sie hatte irgendwie ein Talent dafür, sich die unterschiedlichsten Verletzungen zu holen. Sie holte sich dauernd blaue Flecken, weil sie sich überall anstiess. Sie war letztens innert kürzester Zeit zweimal über einen Absatz gestolpert und hatte sich einen Knöchel verstaucht. Ja sie brauchte nicht mal einen Absatz um hinzufallen - sie schaffte es auch, sich in ihren eigenen Füssen zu verheddern. Sie schnitt sich im Unterricht an Papieren, und Mr Cole hatte die Anweisung erteilt, dass sie als einzige die Futtersäcke ohne Messer öffnen musste, weil sie sich gleich zu Anfang der Ausbildung beinahe eine Fingerbeere abgetrennt hatte. Einmal rannte sie vor den Augen der halben Klasse in einen der Pfosten beim Waschplatz, weil Mr Cole sie gebeten hatte "quickly!" den Eimer mit den Schwämmen zu holen. Zugegeben, wir alle (Mr Cole inklusive) amüsierten uns über ihre Ungeschicklichkeit und sie hatte nach kurzer Zeit einen Ruf dafür. Solange nichts ernsthaftes passierte, war's lustig. Sie selbst nahm es gelassen und lachte mit. Sie war sowieso eine sehr fröhliche, manchmal ein wenig zu vorwitzige Persönlichkeit. Ich hatte sie schon nach kurzer Zeit ins Herz geschlossen, auch wenn wir nicht immer bei allem gleicher Meinung waren. All die lustigen Momente, die wir zusammen und auch mit der restlichen Klasse hatten, liessen mich mein altes Leben zunehmend verdrängen. Ich vergass sogar völlig, Ben zwischendurch zu schreiben. Andererseits hatte er sich bei mir seither auch nicht mehr gemeldet, also brauchte ich kein schlechtes Gewissen zu haben. Natürlich fand ich es etwas schade, aber irgendwie half es mir auch, mein neues Leben so richtig zu geniessen. Im Sommer war es manchmal trotzdem wirklich eine Folter, die vielen Ställe zu misten. Früh morgens ging's ja noch, aber kurz vor dem Mittag oder abends, wenn die Hitze sich genug gesammelt hatte, war Mistgabel-Schwingen wirklich das letzte, was man tun wollte. Mr Cole wusste das natürlich auch. Deshalb hatte er zwischendurch eine kleine Überraschung für uns auf Lager. "Miss Hayes, Miss Shepherd, you too. Come here for a sec." Die meisten anderen hatte er schon um sich geschart. Als auch die letzten eintrudelten, wies er uns an, was auch immer wir gerade taten noch zu beenden und gleich anschliessend unsere Badesachen zu holen. Wir tauschten überraschte Blicke aus. "...Mr Cole- I don't have my swimsuit here...", meldete sich eine Blondine vorsichtig. "Really? It was written on the packing list. Alright then, you get to do your training by running around the Pool. Just kiddin'. We have a few spare ones for people like you", meinte er mit einem Zwinkern. "Training", sprach ich nachdenklich aus, während Maddie und ich die letzten zwei Boxen in Rekordzeit ausmisteten. "Are we going to swim circles or what?" Maddie zuckte mit den Schultern. "I hope not. I'm not really a good swimmer." Wir standen als erste wieder beim Tor, Badezeug selbstverständlich ausgerüstet. Ein grosser Camion kam auf den Parkplatz gefahren, ihm folgten ein paar Anhänger. Mr Cole stieg aus und winkte uns zu sich, damit wir beim Öffnen der Klappen und Trennwände halfen. "What exactly are we going to do, Mr Cole?" "Patience folks. You'll see soon enough." Immernoch rätselnd folgten wir ihm zu der wartenden Restgruppe unserer Klasse. "Okay. Get the horses ready, pack the training tack, load. Go go go, we wanna be there by Lunchtime." "There where?", hauchte ich zu Maddie, als wir uns im Laufschritt zu den Ställen bewegten. Dusty schien weniger begeistert, als ich ihn von seinem Heuhaufen wegholte. Abgesehen von seinem typischen, missmutigen Schweifwischen benahm er sich aber. Ich putzte ihn in kurzer Zeit gründlich durch - inzwischen war ich richtig gut darin geworden. Dann brachte ich zuerst die Ausrüstung und schliesslich den Dunkelbraunen selbst zum Transporter. Die übrigen Pferde folgten im Abstand von wenigen Sekunden, Mr Cole sah zufrieden zu und gab Anweisungen beim Verladen. Ich wartete geduldig, bis wir die Rampe hoch durften; Dusky folgte mir wie ein Lamm. „Good boy“, murmelte ich, und tätschelte seinen kräftigen Hals. Dann schloss ich die Trennwand und hüpfte hinaus, um dem nächsten Platz zu machen. Ich stellte mich zu Mr Cole, der Simona gerade erklärte, warum die meisten Pferde lieber schräg verladen fuhren. „It is easier for them to balance, at least that’s what the manufacturers-“ „OI MADDIE!”, stiess ich entsetzt aus, sie im Hintergrund gerade von einem Fuchs neben ihr schwungvoll getreten wurde. Maddie flog sicher einen Meter zurück und landete platt auf dem Boden, richtete sich aber gleich wieder auf und klopfte sich den Staub von den Hosen. „Nothin‘ happened, all intact“, rief sie abwinkend, als wir zu ihr hasteten. Wir wollten ihr alle nicht so recht glauben. „Are your bones made of rubber or what? That looked awful!“ „No big deal.“ Ich runzelte ebenso wie Mr Cole die Stirn. Eines Tages kommt sie noch um. Wir schlossen alles und verteilten uns auf die Fahrzeuge, dann ging's los. Unterwegs rätselten wir die ganze Zeit über unseren Zielort, wobei eine Mitschülerin namens Susan richtigerweise bemerkte, dass es eigentlich nur ein See oder das Meer sein konnte - mit Pferden ging man nicht in ein Schwimmbad. "I knew it! There's the Beach!", rief Maddie plötzlich. Tatsächlich, das offene Meer war zwischen den letzten paar Bäumen, die uns davor trennten, zu sehen. "Awesome!", rief ich aus, als wir ausstiegen. Ich war zuvor erst ein einziges Mal mit Mum am Meer gewesen. Mr Cole erinnerte uns daran, dass die Pferde sich nicht von selbst ausluden, also öffneten wir rasch die Klappen. Dusky schien genauso überrascht zu sein wie ich. Er checkte sofort mit hocherhobenem Kopf die Umgebung ab, als ich ihn die Rampe runter führte. Auch die anderen Pferde schnauften und schnaubten, aber alle wirkten eher interessiert als ängstlich. Vielleicht waren sie nicht zum ersten Mal hier. "Okay folks. Tack up, we meet down there." "What about the swimsuits, Mr Cole?" "Not yet. You have to do your afternoon Training first." Als die Begeisterung gedämpft schien, stellte er fest: "Wait 'till you see how they race along the beach. It's a whole new feeling. But no top speed today; remember this is no maintained, perfect track. Watch out for holes and stuff. I want no broken legs." Letzteres betonte er mit einem strengen Blick zu Maddie, und wir kicherten alle. Kurz darauf ritten wir als Gruppe in den Sand. Wir trabten auf einer grossen Volte, um uns einzuwärmen. Mr Cole bestimmte die Zieldistanz und wies uns an, einen freien Start zu machen. Alle gliederten sich nebeneinander in die Reihe. Sobald die Linie gebildet war, trabten wir in dieser Formation ein paar Meter, dann gab der Lehrer das Startzeichen. Er hatte recht behalten: das Rennen am Strand fühlte sich völlig anders an als auf der altbekannten Rennbahn zuhause. Dusky zog von Anfang an voll aus, sodass ich ihn mit unsanften Paraden zurückhalten musste. Er schnaufte und schüttelte unwillig den Kopf - wäre es nach ihm gegangen, wären wir etwa doppelt so rasch am Ende der Strecke gewesen. Wir bremsten die ganze Gruppe und trabten zurück zu Mr Cole. Danach durften wir das Badezeug anziehen und mit den Pferden ins Wasser gehen. Mr Cole riet uns, die Sättel abzunehmen, damit sie nicht nass wurden. Ich führte Dusky danach erstmal zum Wasser, weil ich ohne Hilfe nicht aufsteigen konnte. Der grosse Wallach spielte wiedermal Hühnchen und traute sich zuerst nicht so recht. Als aber die ersten seiner Kumpels drin standen, beschloss auch er, sich den sanften Wellen zu stellen. Das Wasser war kalt, aber das machte mir mit dem Adrenalin von zuvor im Blut nichts aus. Wir wateten weit genug hinein, wobei ich gut auf meine Barfüsse aufpassen musste; dann kletterte ich auf seinen blanken Rücken und krallte mich in der nassen Mähne fest. Sobald ihm das Wasser bis zum Bauch kam, fühlte es sich plötzlich an, als würde er auf die Knie gehen. Dann begann er kräftig zu paddeln - er schwamm. Ich lachte begeistert und achtete darauf, ihn nicht zu stören. Es fühlte sich fantastisch an, so kraftvoll. Elegant eher nicht, denn die Art wie er dabei seine Oberlippe hochzog und die Zähne zeigte war urkomisch. Dusky schwamm nur einen Bogen und suchte dann sofort wieder festen Boden – das Schwimmen schien für das schwere Tier anstrengend zu sein. Ich klopfte ihm auf den Hals und steuerte ihn zu den anderen zurück. Maddies Reittier, eine Stute namens Vivalavida, stampfte übermütig und spritzte so alle in der Nähe mit Salzwasser voll. Dusky rümpfte die Maulfalten und legte schützend die Ohren an, damit kein Wasser eindringen konnte. Wir hatten unseren Spass, aber irgendwann waren die Pferde müde und zuhause erwarteten uns die abendlichen Stallarbeiten. Bevor wir einstiegen, gab es noch ein Fangspiel über den Sand; eine Schülerin namens Shannon hatte Maddie ihre Kaugummipackung geklaut. Maddie, ich und drei andere, denen Kaugummis versprochen worden waren, rannten ihr schreiend hinterher. Ich passte sie geschickt ab und tackelte sie. Wir fielen lachend in den Sand und rangelten kurz, dann hielt ich die Packung, deren halber Inhalt nun leider voll Sand war, dennoch triumphierend hoch. Mr Cole wartete augenrollend beim Transporter, bis alle zurück waren. "Get rid of the sand on your clothes, or you walk home", stellte er noch unbarmherzig klar. Wir klopften uns aus und stiegen ein - ich meinte, trotz allem ein Lächeln auf seinem Gesicht zu sehen.